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E_1935_Zeitung_Nr.006

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BERN, Dienstag, 22. Januar 1935 Nummer 20 Rp. 31.Jahrgang - N» 6 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint Jeden Dienstag und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage ..Autler-Feierabend". 6—8 mal jährlich „Gelbe Liste" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratenschluss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Aus der Mappe des Technikers Das Anlassen des Motors. Die Motoren unserer modernen Wagen sind laut Prospekt so absolut vollkommen, dass man eigentlich die Konstruktionsbureaux getrost schliessen könnte. Dutzende von Zubehör-Apparaten garantieren ein sicheres Anspringen des Motors, selbst am Nordpol, «ä quart de tour». Abgesehen davon sind die sämtlichen guten Eigenschaften dieser Zusatzapparate schon von vorneherein in alle modernen Vergaser hineingebaut. Und doch kann man täglich immer wieder beobachten, wie Automobilisten sich minutenlang erfolglos mit dem Anwerfen abrakkern. Mancher Automobilist ist dabei über den Ausgang seiner Bemühungen so im Ungewissen, wie ein Verliebter beim Orakelplumen - Zerzupfen, wo man auch erst am Schluss erfährt, ob sie einem «von Herzen», «mit Schmerzen», «ein wenig» oder «gar nicht» liebt. Wie reimt sich das zusammen? Des Rätsels Lösung ist, dass wir es trotz allem doch immer mit Maschinen zu tun haben. Maschinen verlangen Bedienung. Und Bedienung erfordert Verständnis. Wer seinen Motor nur schwer anbringt, macht einen Bedienungsfehler; und er macht den Bedienungsfehler, weil ihm das Verständnis für physikalische Vorgänge fehlt. Wohl wäre es" möglich, •durch weitere Automatisierung der erforderlichen Bedienung das Verständnis noch mehr auszuschalten. Aber der Konstrukteur hütet sich, in dieser Beziehung allzuweit zu gehen: Die Verfeinerung des Mechanismus bringt unvermeidlich grössere Komplikation und Empfindlichkeit mit sich, und versagt dann ein Glied in der Kette der Zusammenhänge, so ist der verständnislose Automobilist erst recht am Hag. . Eine schematisch auswendig gelernte Bedienungsweise ersetzt das Verständnis nicht. Sie hat immer nur unter ganz eng begrenzten Umständen Geltung und versagt, wenn neue andere Umstände auftreten. Die Kenntnis der allgemeinen Wirkungsweise eines Viertaktmotors gehört zu der allgemeinen Bildung eines Automobilisten unseres technischen Jahrhunderts, sie ist selbstverständlich. Ein Reiter, Droschkenlenker oder Fuhrmann muss aber nicht nur wissen, dass ein Pferd Muskeln, Knochen, Fleisch und diverse regulierende Organe besitzt, er muss auch wissen, was man dem Pferd zu fressen gibt, damit der ganze Or- F E U I L L E T O N Die Magd des Jürgen Doskocil. durch den Wald, als habe er sich beim Spielen wie ein Kind verspätet. «Es schadet wohl nichts, Jürgen», sagt Marte in ihrer nachdenklichen Art. «Es ist nicht gut, zu spielen, wenn der Wald brennt... komm nicht zu spät zurück heute.» Es ist der erste Abend mit schweren Wolken über dem Moor. Aus dem grauen Dunst heben sich lautlos graue Gebirge mit rotfliessenden Rändern, rücken zueinander, schieben sich über fahle Spalten, werden eine einzige hohe, verschleierte Wand, die nun still steht in sich und nur lautlos sich aufrichtet über dem Horizont. Die Vögel fliegen niedrig und stumm über den Strom, die Bremsen stechen, dass Jürgens Hände mit Blutstropfen bedeckt sind, die Fische springen auf dem Strom, dass überall weisse Kreise stehen, und im Schilf schlagen die schweren Hechte mit dumpfem Fall auf das schwärzliche Wasser. Die Erlen stehen fahl im letzten Licht, und bei jedem Windhauch spricht das Schilf von vielen Stimmen, die an seinen Halmen sind. «Ein Gewitter könnte kommen», denkt Jürgen. «Gut wäre es, und die Menschen würden besser werden im Regen.» Er legt die Netze in den stillen Buchten und Altwässern aus. Das Garn der Netze rauscht bleich in die schwarze Tiefe, und jede Bleikugel, die an den Kahnrand schlägt, klingt noch einmal wider in den dunklen Erganismus seine volle Leistungsfähigkeit entfaltet. Die Zubereitung des Futters spielt dabei eine grosse Rolle. Es kommt nicht aufs gleiche heraus, ob man dem Pferd Hafer in gewöhnlicher Form zu fressen gibt oder ob man ihm diesen Hafer beispielsweise zu riesigen Würfeln ä la Maggi-Suppenwürfel komprimiert vorsetzt. Mit den Suppenwürfeln könnte das Pferd beim besten Willen nichts anfangen. Ganz ähnlich verhält sich ein Automobilmotor. Es genügt nicht, dass man ihm einfach Benzin zu fressen gibt. Das Benzin muss auch richtig zerkleinert sein, damit er es fressen kann. Wir müssen den Benzin-Suppenwürfel sozusagen in einzelne Benzinkörner zerteilen. Mit dieser Aufgabe wird der Vergaser betraut. Er bereitet aus dem flüssigen Benzin ein Benzin^Gas, d. h. ein Gemisch aus Luft und fein zerteilten Benzintröpfchen. Das Gemisch kann prozentual mehr oder weniger Benzin enthalten, es kann — automobilistisch gesprochen — mehr oder weniger benzinreich sein. Dem Motor zuträglich ist aber nur ein Fressen von ganz bestimmtem Mischungsverhältnis, nämlich ein Gemisch von 12,5 Kubikmeter Luft pro Kilo Benzin. Ferner müssen die Benzin-«Körner» in diesem Gemisch fein genug zerteilt sein. Unter normalen Umständen vermag man diesen Anforderungen in ziemlich hohem Grade zu entsprechen. Durch Wahl einer passenden Düsenweite (die «Düse» ist das feine Röhrchen, das das Benzin in abgemessenem Quantum der grösseren Luftmenge zugibt) erreicht man ohne weiteres das korrekte Mischungsverhältnis, und durch Anwendung besonderer Formen der Saugleitung erzielt man eine leidlich gute Zerteilung des Benzins. Was nun aber störend in Erscheinung tritt, das sind die wechselnden Einflüsse der Aussentemperatur und der atmosphärischen Luftdichtigkeit. Ein für die Normaltemperatur richtig eingestellter Vergaser ergibt beim Fallen der Temperatur ein Gemisch mit grö- Roman von Ernst Wiechert Copyright by Albert Langen-Georg Müller, München. (20. Fortsetzung.) Das Kind, mit blauen Schatten unter den Augen, sieht ihn an. Es kann nicht mehr weinen. Es sieht rotes Blut auf Jürgens Lippen, und ein immer wiederkehrendes Beben läuft über sein Gesicht. Jürgen bindet das Bein unter dem Knie mit seinem roten Taschentuch ab, schiebt einen Fichtenast unter die Binde und dreht sie fest. Dann hebt er das Kind auf die Arme und geht mit langen, gleichmässigen Schritten durch den Wald. Er läuft nicht, weil er sich erinnert, dass Erschütterung nicht gut für solche Wunden ist Als er das Feld durch die Stämme schimmern sieht, erschrickt er vor der glühenden Sonne, der Nacktheit der Fläche, dem freien Raum zwischen sich und dem Dorfe. Er macht einen Bogen um die Felder herum, immer im Schatten der Bäume, bis er von der anderen Seite an das Dorf kommt. Michaels Hütte ist die letzte in der Reihe, und er sieht vom Walde aus, dass die Strasse sich mit Menschen füllt, er hört, dass eine Frauenstimme schreit, hoch und durchdringend, und er fühlt, dass es nicht gut ist, was geschehen ist. Hinter einer Ecke kommt er auf den Hof. Die Eltern sind nicht da, aber die Grossmutter steht vor der Schwelle und ringt die Hände. Er reicht ihr das Kind. Sie reisst es ihm aus den Armen und ihre Augen sind mit Hass gefüllt. «Lass das bis später», sagt er. «Lege saure Milch auf die Stelle und gib ihm etwas Schnaps. Es ist nicht schlimm, denn ich habe das Gift ausgesogen.» Das Kind öffnet die Augen, deren Lider noch immer zittern, und sagt langsam: «Ja, er hat mein Blut ausgetrunken... ganz rot waren seine Lippen..» Jürgen will die Hand heben, um es noch einmal zu streicheln, aber er wagt es nicht, weil die Worte des Kindes ihn bedrücken. Es kann sein, dass sie etwas Gutes meinen, aber es kann auch sein, dass es seine Hand zurückstossen würde, weil es sich graut vor ihm. So geht er schnell vom Hof, denselben Weg an der Hecke entlang zurück, und ist im Walde, bevor die Frau die Eltern von der Strasse zurückgerufen hat. Dort geht er langsam und wischt den Schweiss von seiner Stirn. Und da ihm der Rand des Waldes zu hell ist, biegt er von seinem Wege ab, immer tiefer zwischen die Stämme hinein, und bleibt ab und zu stehen und blickt stumm auf seine Hände. Es ist ihm, als habe er etwas zerbrochen und trage die Scherben nun ohne berer Benzinzerteilung. Der Motor frisst dieses Gemisch nur mit Widerwillen, was er dadurch äussert, dass er es von Zeit zu Zeit in den Vergaser zurückspuckt. Das gröbere Gemisch ist für ihn auch schlecht verdaulich, e3 lässt sich nicht entzünden — was man an Aussetzern erkennt — oder verbrennt doch nur träge und ohne grosse Kraftabgabe, ganz ähnlich wie es ein zu benzinarmes Gemisch täte. Einfluss der Temperatur. Was nun? Drei Möglichkeiten sind denkbar., Man könnte die vom Motor angesaugte Luft von vornherein auf die Normaltemperatur erwärmen. Diese Massnahme ist aber erst dann ohne Umstände durchführbar, wenn der Motor schon angelaufen ist und nun Wärme in Hülle und Fülle zur Verfügung steht. Sie wird auch oft angewendet, hilft aber nicht über die Anlass-Schwierigkeiten bei kaltem Motor hinweg. Man könnte weiter den ungünstigen Einfluss der niedrigen Lufttemperatur dadurch unschädlich machen, dass man durch irgendein Mittel die Benzintröpfchen nachträglich nochmals zerkleinerte. Leider ist dieser Vorgang nicht so einfach durchzuführen. Wenn aber das zu wenig zerkleinerte Benzin im Gemisch die Wirkung eines zu benzinarmen Gemisches hat, wäre es dann nicht möglich, seine Nachteile durch eine Anreicherung des Gemisches zu vermeiden ? Hierin besteht tatsächlich das Mittel, das auf einfachste Weise zum Erfolg führt. Um das Gemisch reicher zu gestalten, könnte man die Düse durch eine grössere auswechseln. Da aber das reichere Gemisch nur während den ersten Betriebsminuten notwendig ist, wäre das zu umständlich. Man sorgt daher dafür, dass man die Düse vom Führersitz aus leicht verändern kann, oder man verändert, was noch viel einfacher ist, einfach den Querschnitt, welcher der angesaugten Luft beim Einströmen zur Verfügung steht. Durch eine solche Verengung des Lufteinströmquerschnittes wird die Menge der einströmenden Luft vermindert und damit der Prozentgehalt des Gemisches an Benzin erhöht. Bereicherung des Benzin-Luft-Gemisches. Fast jeder Wagen ist heute mit dieser oder jener Vorrichtung ausgestattet, die ein momentanes wunschgemässes Anreichern des Benzin-Luftgemisches ermöglicht. Aber wenig Fahrer wissen diese Vorrichtung richtig zu handhaben. Viele betrachten den Bedienungsknopf oder -hebel der Gemischkorrekturvorrichtung als eine Art Signalglocke, mit der man beim Betätigen des Anlassers den Motor wecken muss. Je energischer gedrückt oder gezogen wird, um so grösser soll dann der Effekt sein, und sie können nicht begreifen, dass man den Knopf nicht einfach zwangsläufig mit dem Starterknopf oder Gaspedal verbindet. Trotzdem sie vielleicht die grössten Feinschmecker sind, haben sie kein Verständnis dafür, dass der Motor ein richtig zubereitetes Gemisch verlangt und dass die Bereitung eines gemessbaren Gemisches einzig von der richtigen gefühlvollen Bedienung dieses Knopfes abhängt. Sinn mit sich. Sie werden es nun erzählen, alles. Vom Essen und von den Spielen im Walde und von der Fahrt in die Stadt. Sie werden die Kinder schlagen und niemals mehr erlauben, dass sie zu ihm kommen. Michael wird gesund werden, daran hat er keinen Zweifel, aber auch er wird nicht kommen, und nicht lange wird es dauern, dann werden sie wieder am Strom stehen und Steine werfen und böse Lieder singen. Ein fremdes Blut sind sie, das man zu sich biegen kann wie eine Weidenrute, aber wenn man sie loslässt, schnellt sie zurück, und weiter treibt das Boot im Strom. Eine schwere Müdigkeit überfällt ihn. Er sitzt auf einem Baumstumpf, den Kopf in die Hände gestützt, und sieht zu, wie zwei Ameisen eine tote Raupe schleppen. Bei jedem Grashalm entgleitet ihnen die Beute, überschlägt sich einmal und liegt wie ein brauner Sarg auf dem Waldboden. Und immer von neuem beginnen sie mit ihrer hoffnungslosen Arbeit, und jedesmal bewegt sich die Last um eines Grashalmes Breite weiter. Er steht erst auf, als die Sonne schräg durch die Aeste fällt. Eines Schrittes Breite sind die Tiere in Stunden vorwärts gekommen, und bevor er geht, hebt er einen Ast auf, der auf ihrer Bahn liegt. Ein wenig beschämt ist ihm zu Mut, und als er an Marte und seine Netze denkt, geht er schnell quer Wird der Knopf ganz herausgezogen und damit die Klappe ganz geschlossen oder die Düse ganz geöffnet, so saugt der Motor nahezu reines Benzin an. Eine halbe Sekunde lang hat das Wert: Das Benzin löst das in der Kälte erstarrte Oel an den Zylinderwänden und erleichtert damit dem Anlasser das Durchdrehen des Motors. Nachher kann aber der Motor mit dem reinen Benzin beim besten Willen nichts anfangen. Folglich muss man nach der ersten halben Sekunde durch teilweises Loslassen des Knopfes die Gemischklappe wieder so weit öffnen, dass eine Vergasung möglich ist. Welche Stellung des Knopfes dabei die günstigste ist und das beste Gemisch ergibt, muss durch Versuche festgestellt werden. Ist der Motor dann einmal angelaufen, so erkennt ein verständiger Fahrer leicht gefühlsmässig und durch das Ohr, ob der Motor ein noch etwas benzinreicheres oder benzinärmeres Gemisch verlangt. Als allgemeine Regel gilt, dass Rückschläge in den Vergaser, das sogenannte « Niessen» oder « Schiessen», auf ein zu benzinarmes Gemisch deuten, während die Weigerung des Motors, durch Gasgeben sich beschleunigen zu lassen und das periodische Auftreten von Aussetzern ein zu benzinreiches Gemisch andeuten. Der routinierte Fahrer hat bei Wagen, die mit solchen Gemisch-Luftklappen oder ver~ stellbaren Düsen ausgerüstet sind, meist nur zwei genau bestimmte Stellungen für den Bedienungsknopf: Er zieht während den ersten paar Umdrehungen des Anlassers den Knopf ganz heraus und schiebt ihn sofort, wenn die ersten Zündungen auftreten, beispielsweise halb hinein. Lässt man den Anlasser bei benzinreich eingestelltem Gemisch zu lange am Motor herumorgeln, so dass die Zylinder « ersaufen », so ist nachher längere Zeit keine Hoffnung mehr auf ein Anlaufen des Motors. Am besten nimmt man dann die Zündkerzen heraus und entzündet den Benzinniederschlag, der sich an ihnen gebildet hat. Während sich nun so die Zündkerzen für ihre Aufgabe erwärmen, dreht man den Motor bei offener Gasdrossel eine Zeitlang durch, damit das unbrennbare Gemisch aus den Zylindern gedrückt wird. Nachher mache man einen neuen Versuch, aber bei vorsichtigerer Behandlung der Gemischbereicherung-Vorrichtung. Nicht zuletzt sind Anlaßschwierigkeiten oft darauf zurückzuführen, dass die durch das Gaspedal und den Gashebel bediente Drosselklappe nicht in der richtigen Stellung ist. Weitaus die meisten Motoren laufen am