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E_1934_Zeitung_Nr.104

E_1934_Zeitung_Nr.104

BERN, Freitag, 28. Dezember 1934 Mit Silvester-Beilage Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 104 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste«' Ausübe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.- REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.- Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die »chtgesp«ltene 2 mm höh* Grandzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Scitentarit. InserateBsckluss 4 Tag« vor EnahdMD ** Nmnmwrn I " " -•- • • ' - ^ - \ • --' • • • ' » • • " ^ - - •' ••' • L . - - > • : - • • • • - • • • •-••• ••• - •••••-. - • - • • N H O. R. Wagner f. Wir hatten in der letzten Aasgabe gerade noch die Möglichkeit, unsere geschätzten Leser vom unerwarteten Hinschied unseres Seniorchefs zu unterrichten, und mussten eine Würdigung seiner Lebensarbeit, die ganz im Dienste des •chweizerischen Automobilwesens stand, anf den heutigen Tag verschieben. Zwei Wochen bevor die «Automobil-Revue» ihren dreißigsten Jahrgang vollendete, wurde ihr Schöpfer und geistiger Führer auf immer abberufen. Nur seine engsten Mitarbeiter und die ältere Garde der Automobilisten, welche die ganze Entwicklung des Automobilwesens in diesem Jahrhundert miterlebt und erstritten haben, vermögen zu ermessen, was drei Dezennien als Vorkämpfer für die Motorisierung des Strassenverkehrs bedeuten wollen. Wir hatten das bevorstehende Jubiläum des Blattes zum Anlass genommen, um an Hand aller Bände die Entwicklung der Auto-Revue bis auf diesen Tag zu verfolgen und erhielten auf diese Weise ein getreues Spiegelbild von der Geschichte unseres Automobilismus, fanden doch in all der Zeit die vielen Probleme ihren Niederschlag in den Spalten der ersten schweizerischen AutomobilzeU tung. Obwohl der Verstorbene, umgeben von einem für die Sache begeisterten Mitarbeiterstab, dem u. a. die Herren Dr. W. Bierbaum, Ing. A. Ton Bonstetten, Ing. P. Breitschuh und Dr. jur. G. Brennwald t angehörten, stets in vorderster Linie für die gerechten Interessen seiner Kollegen vom Lenkrad eintrat, so vermied er in ausgeprägter Bescheidenheit das Rampenlicht der grossen Oeffentlichkeit. Es war für ihn kennzeichnend, dass er jede Ehrung, wie sie von verschiedener Seite mit Abschluss des dreissigsten Jährganges der A. R. beabsichtigt waren, ablehnte. Anno 1906 erschien der erste vollständige Jahrgang, nachdem vorher bereits einige lose Hefte der Oeffentlichkeit übergeben worden Avaren. Die Herausgabe erfolgte zuerst zweimal monatlich in Zeitschriftenformat, doch wurde die Zahl der Hefte bald durch regelmässiges 14tägiges Erscheinen erhöht. Mit einem seltenen Weitblick erkannte damals schon O. R. Wagner die Rolle, welche das Motorfahrzeug auf den verschiedensten Gebieten unserer nationalen Wirtschaft zu spielen berufen war. Schon im ersten Jahrgang lesen wir gründlich erwogene und wohldokumentierte Artikel über das Automobil im Dienste der schweizerischen Armee, die Notwendigkeit der Freizügigkeit im interstaatlichen Verkehr, die Freigabe und den Ausbau der Alpenstrassen für das Motorfahrzeug, die Möglichkeit der Verkehrserziehung durch die Schule, die wirtschaftliche und technische Bedeutung der Automobilrennen für die Konstruktion und den Bau der Fahrzeuge. Aber auch gegen Unverständnis aller Art musste bereits in den ersten Heften Stellung genommen werden. So wehrte sich das Blatt zu jener Zeit gegen die alsbald grassierenden Autofallen, deren Zweck ein rein fiskalischer war und mit Verkehrserziehung auch gar nichts zu tun hatte. Dann galt es, gegen die übersetzten Steuergelüste einzelner Kantone in die Schranken zu treten. O. R. Wagner hatte es sich, wie es in der Einführung der Redaktion zu lesen war, zum Grundsatz gemacht: «in sachlicher und würdiger Weise der Automobilhetze entgegenzutreten, was aber die Schriftleitnng nicht davon abhalten soll, ungerechtfertigten Angriffen gegenüber einmal eine etwas spitzere Feder zu führen». Er war in der Tat ein Meister der Feder und seiner klaren, präzisen Argumentation, der gewöhnlich auch ein Schuss Humor nicht fehlte, konnte sich niemand verschliessen. Und wenn die Feder auch oftmals spitzer geführt werden musste, so war er stets ein ritterlicher Gegner, dem auch Andersgesinnte die Achtung nicht versagen konnten. Als Förderer des Clubgedankens und des Zusammenschlusses aller Automobilisten in starken Landesverbänden, stellte der Verstorbene sein Blatt in weitherzigem Masse diesen Organisationen zur Verfügung, denen er auch neben seiner journalistischen Tätigkeit manchen dankbar anerkannten Dienst erwies. So war die Idee bringen, ein Handbuch zu schaffen, das dem Tourenfahrer nützliche die A. R. während Jahren offizielles Organ des ACS, Publikationsorgan des da- des schon damals durch seinen roten Ein- Dienste leisten konnte. Die erste Ausgabe maligen Schweizerischen Automobilführer-Verbandes, sowie des seither in den im wesentlichen aus demselben Inhalt wie band populär gewordenen Buches bestand TCS übergeführten S.A.M.V. und unterhält bis auf den heutigen Tag enge Bezie- enthielt eine stattliche Anzahl Karten- die letzten Auflagen des Führers. Sie hungen nach beiden Seiten, die in derblätter, Routenskizzen und -beschreibun- Clubchronik ihren steten Niederschlag finden. Seit Jahren schon ist unser Blatt auch obligatorisches Nachrichtenorgan einer Reihe von TCS-Sektionen und offizielles Organ neutraler Chauffeurvereinigungen. Wie sehr das unermüdliche Wirken in den Clubkreisen geschätzt wurde, geht wohl am besten aus nachfolgenden Zitaten aus Beileidsbezeugungen hervor. So schrieben massgebende Persönlichkeiten u. a.: «Der Verstorbene hat sich um die Förderung des Automobilwesens in der Schweiz die grössten Verdienste errungen. In all den vielen Kämpfen für den Schutz der Interessen des Automobilismus konnten wir stets auf seine tatkräftige Mitarbeit zählen und er hat uns im besonderen durch sein mannhaftes, unerschrockenes Einstehen für unsere Bestrebungen in der « Automobil-Revue » die grössten Dienste geleistet. Sein unerwarteter Hinschied hat bei uns grosse Trauer ausgelöst und wir bedauern ausserordentlich, seine tatkräftige Hilfe inskünftig missen zu müssen.» Und weiter: « Der Club verliert mit Hrn. 0. R. Wagner einen sportbegeisterten und treuen Freund des Automobilismus. Als einer der ältesten Automobilisten der Schweiz hatte Herr Wagner seine ganzen Kräfte in den Dienst des Automobilismus gestellt. Sie dürfen versichert sein, dass uns die Jahre gemeinsamen Wirkens immer in angenehmster Erinnerung bleiben. » Herr Wagner verfügte in der Tat als erster Motorradfahrer in Bern und einer der ersten Automobilisten der Schweiz über einen reichen und wertvollen Schatz von Erfahrungen und Erinnerungen aus den Erstlingsjahren des Motorfahrzeuges, da der Führer auch gleichzeitig ein tüchtiger Mechaniker und gründlicher Kenner der Maschine sein musste, wenn er nicht den vielen Tücken des Objektes ausgeliefert sein wollte. Gerne folgte man seinen lebhaften Schilderungen aus der Zeit, da man das Benzin unterwegs noch literweise in Apotheken kaufte, als er mit einigen begeisterten Freunden, dem ersten Aufruf des Militärdepartementes Folge leistend, den Wagen während den Manövertagen irgend einem höheren Stabe zur Verfügung stellte und selbst chauffierte, oder auf längst eingegangenen Marken wie Royal Star, Darracq, Bayard und wie sie alle heissen mögen, die ersten Bergprüfungsfahrten bestritt, die neben recht achtbaren sportlichen Leistungen auch manches lustige Intermezzo zeitigten. Ebenso köstlich waren seine Erfahrungen, die er als amtlich bestellter Experte in Bern machte, da er die anfänglich noch sehr vereinzelten Fahrprüfungen kommender Automobilisten abnahm. Die leidenschaftliche Zuneigung zu allem,,was mit dem neuen Verkehrsmittel irgendwie im Zusammenhang stand, brachte O. R. Wagner schon früh auf den Gedanken, einen Automobilführer zu verfassen. So entstand kurz nach dem Erscheinen der «Automobil-Revue» der erste «Führer für Automobilfahrer» — der «Guide», wie er damals genannt wurde — zu einer Zeit, wo ein Sonntagsausflug von 100 Kilometern noch eine beachtenswerte Angelegenheit darstellte, die Wegweiser auf die Fussgänger eingestellt und die Strassen für heutige Begriffe mittelalterlichen Anstrich hatten. Der Drang das neue Verkehrsmittel auf Herz und Nieren zu prüfen, mitzuhelfen, ihm den Weg in unserem. Land zu ebnen, dann aber auch die Liebe W,agners zu seiner zweiten Heimat, die er vordem auf dem Velo und dem Motorrad kreuz und quer durchfahren hatte, mussten ihn als Verleger auf gen, ferner ein ausführliches Ortsregister mit vielen Stadtplänen, im grossen und ganzen also schon damals ziemlich alles, was der Automobilist unserer Zeit von einem guten Automobilführer erwartet. Wie mit seinen Zeitschriften, so war es auch da O. R. Wagners Bestreben, seinen Automobilführer fortwährend zu verbessern, ihn den wechselnden Bedürfnissen und den höheren Ansprüchen der Benutzer anzupassen. Diesem obersten Gebot uverjegerischen Wirkens warmer überhaupt sein Leben lang mit grb'sster Wachsamkeit treu geblieben. Eine ganz neue Entwicklung gab O. R. Wagner der autotouristischen Abteilung seines Verlages um die Mitte des vergangenen Jahrzehnts, als der Autotourismus seinen ungeahnten Siegeszug antrat. Er schuf nicht nur nacheinander eine ganze Anzahl neuer Karten für die Schweiz und ihre Grenzgebiete, sondern er dehnte seine Publikationen auch auf das Ausland aus. Inzwischen kannte ja das Automobil längst keine Grenzen mehr, und was vor zwanzig Jahren ein Traum war und einer abenteuerlichen Expedition gleichkam, wurde jetzt für jeden zweiten Automobilisten zur Selbstverständlichkeit. Automobiltouristen aus aller Herren Länder kamen in unser Land und gaben dem Fremdenverkehr einen neuen Impuls. Das Reisen im Automobil war ein Begriff, ein herrlicher Begriff geworden, der der Touristik einen nie geahnten Aufschwung gab. O. R. Wagner hatte das als einer der ersten Verleger Europas erkannt. Mit einer Promptheit sondergleichen stellte er sich und seinen Verlag darauf ein. Innerhalb von drei Jahren schuf die kartographische Abteilung der Hallwag unter der persönlichen Leitung von Direktor Wagner nicht weniger als acht neue Führer und drei Dutzend neuer Autokarten. Den Höhepunkt dieser überaus produktiven Verlagstätigkeit erreichte O. R. Wagner in seinem monumentalen Führer für Europa, dem Europa-Touring, den er als offizielle Ausgabe des T. C. S. publizierte und der sofort nach seinem Erscheinen das ehrenvolle Patronat der Alliance Internationale de Tourisme zugeschrieben erhielt. Das Prachtwerk, das 1928 erstmals erschien und alle Staaten Europas enthält, war der Stolz des unternehmungslustigen Verlegers. Es brachte dem Berner Verlag Beziehungen mit dem gesamten europäischen Buchhandel und darf heute zweifellos als das bedeutendste Werk autotouristischer Orientierung angesehen werden. Daneben Hess Wagner von allen zentraleuropäischen Staaten eigene Landesführer erscheinen, so dass im Laufe der Jahre eine Kollektion von über hundert Karten und Führern vorlag. Der weitere Ausbau des Blattes erfuhr durch die Kriegsjahre, da der private Automobilverkehr bei uns vollständig brach lag, einen entscheidenden Unterbruch. Allen Schwierigkelten zum Trotz hielt aber O. R. Wagner die Zeitung durch und wenn sie von der seit 1909 eingeführten wöchentlichen Ausgabe zuerst auch wieder auf eine vierzehntägige und später sogar auf eine monatliche Herausgabe beschränkt wurde, so Hess er sich doch nicht unterkriegen und scheute auch schwere Opfer nicht, um die Publikation durch diese schweren Zeiten zu bringen. 1920 ging die A. R. zum Zeitungsformat über und überraschte die Abonnenten mit dem wöchentlichen Erseheinen.' Gleichzeitig wurden der deutsche und französische Text durch zwei Ausgaben vollständig getrennt, während die bisherigen Jahrgänge zweisprachig redigiert worden waren. Seit 1926 erscheint die A. R. zweimal wöchentlich und hat sich in dieser Form seither weiter entwickelt. Wenn auch stetig an der Ausgestaltung der Zeitung gearbeitet wurde und Herr Wagner durch die Ausdehnung seines Verlages die Redaktion immer mehr den Mitarbeitern überlassen musste, so blieb er doch stets eng mit seinem Lieblingsblatt verbunden. Weit vorausblickend hat er ihm schon 1906 einen redaktionellen Rahmen gegeben, der in seinen Hauptzügen bis zur jüngsten Nummer Geltung hat und auch weiterhin mitbestimmend sein wird. Besondere Spalten wie die Sprechsaalrubriken, die technischen Seiten, die schweizerische Umschau etc. sind seine ureigenste Schöpfung, die von seither entstandenen Blättern gerne und stillschweigend übernommen worden sind. Soweit es ihm die übrige Arbeitslast irgendwie zuliess, nahm er immer noch aktiven Anteil an den redaktionellen Aufgaben und schenkte nach wie vor dem Automobilismus seine ganz besondere Aufmerksamkeit. Die wertvollsten Anregungen, die grossen Richtlinien in der Führung des Blattes stammten stets von ihm, und, das letzte Manuskript, das er wenige Stunden vor seinem Tode noch durchsah, war ein für die Automobil- Revue bestimmter Beitrag, der durch einige persönliche Ergänzungen und Umänderungen seine besondere Note erhielt. Nun hat dieses reiche Wirken ein unerwartet rasches und für uns alle ein viel zu frühes Ende gefunden. Tief erschüttert standen wir an der Bahre unseres umsichtigen und hochgeschätzten Prinzipals. Sein Werk wird ihn auf lange Zeit überdauern. Wir glauben unsererseits sein Andenken nicht besser ehren zu können, als durch den festen Willen, die Automobil-Revue und die Sache der Automobilisten in seinem Sinn und Geist weiterzuführen. Verlag und Redaktion.