Aufrufe
vor 5 Monaten

E_1935_Zeitung_Nr.004

E_1935_Zeitung_Nr.004

BERN, Dienstag, 15. Januar 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang — N° 4 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Rechenkünstler. F E U I L L E T O N Die Magd des Jürgen Doskocil. Roman von Ernst Wiechert. Copyright by Albert Langen-Georg Müller, München. (18. Fortsetzung.) Aber die Tür war nicht verschlossen. Mac Lean, den schwarzen flachen Hut in der Hand, stand so dicht an der Schwelle, dass die aufgehende Tür ihn traf, und seine erste Bewegung war die mit der freien Hand in die Tasche, als greife er nach einer Waffe. Jürgen sah ihn nicht an. Seine an das Dunkel gewohnten Augen sahen das Kruzifix auf dem Tisch. Er trug es an das Fenster, und ehe Mac Lean die Lippen geöffnet hatte, hatten seine schweren Hände es in die alte Lage zurückgebogerr. Er glitt mit den Fingern ein paarmal prüfend über den nackten Leib, bis er fühlte, dass die Risse im Metall sich wieder geschlossen hatten, trug das Kruzifix dann wieder zum Tisch zurück, stellte es behutsam auf und blieb noch eine Weile schweigend davor stehen, die Hände auf den Tisch gestützt, die Augen auf den blinden Schimmer des Metalls gerichtet. Als beim Hinausgehen Mac Lean den Versuch machte, ihm in den Weg zu treten, schob er ihn, ohne aufzusehen, mit einer Bewegung 10.- Notizen vom Tage Erscheint jeden Dienstag und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Autler-Fcierabend". 6—8 mal jährlich „Gelbe liste" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION U.ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Die gegenwärtige Diskussion über die Zweckmässigkeit einer weiteren steuerlichen Belastung des Benzins treibt eigenartige Blüten. Gewiss ist es durchaus am Platze, wenn alle Auffassungen hierüber recht ausgiebig zum Worte kommen, denn eine gründliche Abklärung der Verhältnisse lässt am ehesten einen zutreffenden Entscheid erwarten. Allerdings muss vorausgesetzt werden, dass diejenigen, welche ihre Meinung in aller Öffentlichkeit und vorab durch das Mitte] der Presse vor einem grossen Forum vertreten, tatsächlich auch mit der Materie vertraut sind und nicht einfach das Blaue vom Himmel herunter schwatzen oder gar mit unrichtigen Zahlen um sich werfen. Es gibt genug Leute, die statistische Angaben mit der Erklärung abtun möchten, mit Zahlen könne alles, auch das Gegenteil bewiesen werden. Das dürfte allerdings nur dann der Fall sein, wenn von diesem Zahlenmaterial ein unrichtiger oder gar fälschlicher Gebrauch gemacht wird. Bedauerlicherweise begegnet man bei der Auseinandersetzung über den Benzinzoll bereits solchen Rechenkünstlern, die mit Zahlen das Gegenteil beweisen möchten. Da es sich aber um durchaus irreführende Behauptungen handelt, gilt es, ihre Exempel etwas kritischer unter die Lupe zu nehmen und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen tiefer zu hängen. Als wir auf Grund der Statistik der schweizerischen Strassenfachmänner über das Strassenwesen im finanziellen Haushalt der Kantone berichteten, wurde erneut daran erinnert, wie ungenügend leider die Oeffentlichkeit darüber orientiert ist und wie tief bereits der Irrtum im Volke festsitzt, dass die Motorfahrzeugbesitzer nur in ganz ungenügendem Masse an die kantonalen Aufwendungen beitrügen. Dass dem so ist, illustriert mit aller Deutlichkeit ein Artikel, der jüngst in einem Zürcher Blatt erschien und sich im Zusammenhang tfnit der Sanierung der Bahnen über dieses Thema äusserte. Zur Rechtfertigung eines höheren Benzinzolles zitiert der fragliche Artikelschreiber einige Zahlen, die vollständig unrichtig sind. Wir wollen zu seinen Gunsten annehmen, dass es sich dabei nicht um böswillige Absicht, sondern nur um mangelnde Sachkenntnis handelte. Aber auch in diesem Falle hätte der Verfasser seine Weisheit besser für sich behalten, denn anstatt etwas Positives zur Abklärung beizutragen, erhöht er nur die Verwirrung der Geister. So behauptet der Korrespondent dieses Blattes, die Ausgaben der Kantone für den Strassenbau hätten sich im Jahre 1932 auf rund 99 Millionen Fr. beziffert. Nun kommt aber die Untersuchung der Strassenfachmänner, deren Zuverlässigkeit wohl unbestritten • ist, auf eine Gesamtausgabensumme von 93,4 Millionen Fr. Offenbar ist der Mann vom Millionenrausch erfasst worden und dachte, es komme nun auf 5 oder 6 Millionen mehr oder weniger auch nicht mehr an. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass die Liste der Ausgaben in der erwähnten Statistik sehr weit gefasst ist, indem die Kosten für Verwaltung, Aufsicht, Strassenwärter, die Aufwendungen für Brücken, Durchlässe, Schalen und Mauern ebenfalls miteinbezogen wurden. Diesen problematischen 99 Millionen Fr. Ausgaben werden nun an «Gesamteinnahmen des Bundes und der Kantone aus dem Motorfahrzeugverkehr» ganze 54 Millionen Fr. gegenübergestellt, wovon «rund 40 Millionen Fr. auf den Benzinzoll entfallen». Nach den Angaben der Strassenfachmänner nahmen die Kantone im nämlichen Jahre allein aus Verkehrsabgaben rein netto 29,8 Millionen Fr. ein. Dazu kam der Benzinzollanteil mit 11,4 Millionen Fr. Der Benzinzoll seinerseits warf 1932 die schöne Summe von 44,8 Millionen Fr. ab (anstatt auch hier mit einigen Millionen über das Ziel -hinauszuschiessen, unterschlägt der Zeitungsschreiber diesmal 4,8 Millionen Fr.!) 44,8 plus 29,8 gibt zusammen nach Adam Riese 74,6 Millionen Fr. Die rund 20 Millionen Fr. welche der Bund aus den übrigen Einfuhrzöllen, die ausschliesslich vom Motorfahrzeugwesen getragen werden müssen, zog, lassen wir ganz beiseite. Das Ergebnis der aufgezeigten Rechenkunst, wonach «selbst dann, wenn man den ganzen Benzinzoll als Abgabe an den Strassenunterhalt betrachten wollte, für das Jahr 1932 immer noch ein Betrag von 45 Millionen ungedeckt bleibt» ist daher grundfalsch. Den 93,4 Millionen Ausgaben stehen bei unserer Rechnungsweise 74,6 Mill. an Einnahmen gegenüber, was einen ungedeckten Saldo von 18,8 Millionen übrig lässt. Nachdem schon in der vorautomobilistischen Zeit von den Kantonen mehr als 12 Millionen Fr. für das Strassenwesen ausgegeben wurden, die zu Lasten der allgemeinen Staatskasse gingen, so wäre der Mehraufwand heute tatsächlich nicht sehr bedeutend, wenn eben der ganze Benzinzoll den Kantonen zugute käme. seines Armes zur Seite, und erst als er auf der Schwelle stand, sagte er, als stehe der Prediger vor ihm und nicht hinter ihm: «Ein Stellvertreter war er, wie in der Bibel steht., sonst hätte ich ihn damals erwürgt..» «Auch du, mein Freund», erwiderte Mac Lean, ihm auf die Schwelle folgend, «bist nur ein Stellvertreter...» Seine Worte waren ganz ruhig, ohne Drohung, ohne Hass. Jürgen verstand sie nicht. Er fühlte sie wie die Kühle eines Messerrückens in seinen Nacken, aber er schüttelte sie ab, dass sie hinter ihm zu Boden fielen, und ging den Weg zum Strom langsam zurück. Die Nacht war glühend und luftlos, aber Jürgen atmete so tief, als ob er in einem Regen ginge. Es war ihm, als habe er ein Ruder wiedergefunden, das er verloren hatte, und richte nun seinen Kahn aus den Wirbeln der Strömung wieder zur geraden Fahrt. «Sie können mich nun nicht mehr schlagen», dachte er. Die dünnen Nebel des Strombettes hoben sich vor ihm auf, der leise Ton der strömenden Wasser, der kühle Geruch der Tiefe. Er sah sein Haus vor seinem inneren Gesicht, Martes über der Brust gefaltete Hände, den Hund, der hinter der Schwelle schlief. Es schmerzte leise in seiner Brust wie von aufsteigenden Tränen, und in dem schweren Glück, das ihn fast betäubte, bückte er sich am Ufer, hob einen der schweren Steine, die Ohne auf diese Seite der Frage näher einzutreten, haben aber gewiss die obigen Zahlen zur Genüge gezeigt, mit welch unlautern Mitteln die « Aufklärung» der Oeffentlichkeit betrieben wird. Dass natürlich auch die aus diesen Zahlen gezogenen Schlussfolgerungen sehr stark daneben hauen, liegt auf der Hand. Wenn das die Absicht des Korrespondenten gewesen sein sollte, dann hat er seinen Zweck erreicht, allerdings sehr auf Kosten der Tatsachen. In ein ähnliches Kapitel gehört die Anregung in einem führenden Berner Organ, « soweit es sich um Strassen handelt, deren Ausund Umbau besonders hohe Kosten verursachen, eine besondere Benützungsgebühr zu erheben». Dem betreffenden Gewährsmann ist es offenbar vollständig entgangen, dass die Motorfahrzeugbesitzer in der Form der kantonalen Sondersteuern und Gebühren eine reichliche Extraentschädigung für die Strassenbenützung zahlen. Oder meint er etwa, dass bereits der Besitzstand eines Automobils oder Motorrades eine Zahlung von mehreren hundert Franken jährlich rechtfertige, oder dass die Verpflichtung, den Fahrzeugund Führerausweis erneuern zu lassen (eine Arbeit, die gut gerechnet eine Stunde in Anspruch nehmen dürfte), eine Ausgabe von gegen 50 Fr. wert sei ? Die rund 30 Millionen Fr., welche die Kantone auf diese Weise vereinnahmen, werden von diesen doch gerade mit dem Hinweis auf ihre Ausgaben für das Strassenwesen vereinnahmt, sind also sicher nichts anderes als eine Benützungsgebühr. Oder sind sie vielleicht etwa als eine « Vergnügungssteuer > zu betrachten ? Ganz abwegig ist der mit dieser Anregung verknüpfte Hinweis auf die Praxis der ausländischen Autostraden, deren Verwaltungen für die Befahrung eine besondere Abgabe erheben. Die Autostrasse ist, wie ihr Name das schon verdeutlicht, ausschliesslich für den Motorfahrzeugverkehr reserviert. Weder Fussgänger noch Fuhrleute haben irgendeine Möglichkeit, sie zu benützen. Dazu sind sie ausschliesslich für die Bedürfnisse des Schnellverkehrs gebaut worden. Sie sind kreuzungsfrei, weisen getrennte Fahrbahnen in jeder Richtung auf, verfügen über vorzügliche Beleuchtung und was derlei technische Finessen mehr sind. Dass für die Benützung einer Sonderstrasse ebensogut eine Abgabe erhoben wird wie für das Reisen per Schiene, ist durchaus gegeben. Grundverschieden sind aber die Verhältnisse bei der Staatsstrasse, die den gesamten öffentlichen Verkehr aufnehmen muss,.die mit Fussgänger- und Radfahrerstreifen, mit Fussgängerinseln, Tramhaltestellen usw. ausgestattet ist, und deren das fallende Wasser blossgelegt hatte, hoch über sich und schleuderte ihn dann über das Boot hinaus in den Strom. Das Wasser spritzte auseinander wie glühendes Metall, der dumpfe Schlag erschütterte das ganze Strombett, und der Kahn hob und senkte sich auf den Wellen, die in grossen Kreisen über das Wasser liefen. Dann stieg er leise in den Kahn, ein wenig verlegen über das, was er getan hatte, und begann seine nächtliche Arbeit. Die ganze Nacht lang lag das Wort Mac Leans eingehüllt und nicht bewusst in seinem Innern, wie ein verschlossener Brief, und ohne dass er es wusste, tasteten seine Gedanken über das Verschlossene hin. Auch seine Gedanken hatten ein zweites Gesicht, das im Dunkeln umherging, und alle stillen und bescheidenen Erkenntnisse seines Lebens pflegten sich nicht zu entwirren, langsam und mühselig, wie Fäden eines Gewebes unter vorsichtigen Händen,, sondern plötzlich aus einem dunklen Hause herauszutreten, wie Kinder, die sich den Schlaf aus den Augen rieben. Und so wunderte er sich nicht, als er im Morgenrot den Kahn wieder neben der Fähre anschloss, dass er, die Kette mit den Händen durch den Ring ziehend, plötzlich wusste, was Mac Lean gemeint hatte. Er richtete sich nun langsam auf, blickte nach dem Hause hinüber und nahm das ganze Benützung keinerlei Beschränkung untersteht. Hier muss der Motorfahrzeugführer mit allen übrigen Fahrzeugkategorien und Fussgängern die Strasse teilen, muss auf den gesamten Verkehr Rücksicht nehmen, auf Verkehrspolizist und Strassenbahn achten. Die Voraussetzungen für die Inanspruchnahme der beiden Arten von Verkehrswegen sind so grundverschieden, dass jeder Vergleich in Bezug auf ihre Verwaltung und Finanzierung nicht nur hinkt, sondern einfach unzulässig ist. Diese Beispiele Hessen sich noch vermehren. Sie zeigen, dass die eingangs erwähnte Diskussion oftmals auf zwei ganz verschiedenen Ebenen geführt wird und daher notwendigerweise zu gänzlich entgegengesetzten Schlüssen führen muss. Es kann daher im Interesse der Sache nicht eindringlich genug verlangt werden, dass der Meinungsaustausch nur auf Grund von Tatsachen und einer genügenden Sachkenntnis erfolge, sonst wird er zu einer fruchtlosen Polemik, die niemand dienlich sein kann und an den Problemen vorbeigeht, auf die es schliesslich ankommt, ß Bedenkliche Zahlen. Aus Deutschland kommen bereits die genauen Angaben über die Entwicklung des Jahres 1934 im Bereich des Motorfahrzeugwesens. Ihnen ist zu entnehmen, dass die Zulassung an Personenwagen gegenüber 1932 eine Zunahme von 220% (in Worten wiederholt: zweihundertzwanzig Prozent!) erfahren hat. Die Zulassung an Motorfahrzeugen überhaupt bezifferte sich 1932 auf 104 559, stieg im folgenden Jahr bereits auf 151461 und erreichte 1934 die Rekordzahl von 233 447 Einheiten. Wir gehen mit den deutschen Kommentatoren dieser für das Land gewiss überaus erfreulichen Ergebnisse durchaus einig, wenn sie das Resultat auf « die verkehrsfördernden Massnahmen der Reichsregierung» zurückführen. Deutschlands Kraftverkehr war vor einigen Jahren eingeengt wie der unsrige, wurde erdrückt durch übersetzte Steuern und überall durch Massnahmen behindert, welche der Eisenbahn wiederum auf ihre schwachen Füsse helfen sollten. Mit dem Regierungswechsel hat hier eine starke aber auch verständige Hand mit einem Male Ordnung geschaffen. Die finanzielle Basis der Eisenbahn wurde den veränderten Verhältnissen gründlich und ohne langes Parlamentieren angepasst und das Motorfahrzeugwesen von einer katastrophalen Steuerlast befreit. Nicht nur Erleichterungen wurden gewährt, nein, die tatsächliche Beseitigung einer direkten Steuer wurde für fabrikneue Bild in seine schweren Augen hinein. «Nein, du wirst mich nicht vertreten», dachte er nur, «du nicht. •.» Der Hafer stand dicht und grün. Jürgen begriff es nicht. Er konnte, wenn er nicht aufs Wasser fahren musste, lange auf dem Findlingstein sitzen, der wie eine Bank der Unterirdischen geformt war, den Kopf in beide Hände gestützt, und nachdenken. Es konnte der Wald sein, der den Acker umgab, der die Halme vor dem Verschmachten schützte. Aber auch andere Aecker lagen am Walde und waren verbrannt und tot. Es konnte die unverbrauchte Muttererde sein, die seit Jahrhunderten ruhig schlief. Es konnte das Grundwasser sein, wenn es hier höher stand als auf den Feldern. Er wusste es nicht und begriff es nicht. Er starrte auf die dunkelgrüne Fläche, in der es sich mitunter leise rührte, als striche eine Hand an den Wurzeln entlang, und immer mehr, wenn auch verstohlen, nährte er den Gedanken, dass es die Unterirdischen sein könnten, die für den Hafer sorgten. Vielleicht hatten sie es kühler in ihren Wohnungen, vielleicht hörten sie die Halme über sich wie einen Wald rauschen, vielleicht erwarteten sie, dass Jürgen ihnen von der Ernte einen Teil zu winterlicher Speise Hess. Er trat leise auf, wenn er zu seinem Steinsitz ging, und er