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E_1935_Zeitung_Nr.010

E_1935_Zeitung_Nr.010

BERN, Dienstag, 5. Februar 1935 Nummer 20 Rp. 31.Jahrgang - N° 10 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Aufgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlieh Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Uniallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Zwei Wirtschaftssysteme und ihre Auswirkung Als vor zwei Jahren der deutsche Reichskanzler die Automobilausstellung in Berlin eröffnete und der Autömobilindustrie ver- ,. sprach, ihr zu einem neuen Aufschwung zu verhelfen, war man allgemein skeptisch. Die Industrie stand damals am Rande des Abgrundes und ihre Produktion war gegenüber jener des Jahres 1929 bei den Personenautomobilen um mehr als die Hälfte, bei den Lastwagen sogar um mehr als zwei Drittel gesunken. Uebermässig hohe Steuern, durch Zölle stark verteuerter Brennstoff, hohe Versicherungsprämien und andere Erschwerungen des Automobilbetriebes schienen diesen ' bei der kritischen Wirtschaftslage des Landes lahmzulegen. Ganz besonders schwierig war die Lage bei der Lastwagenindustrie, die ihre Produkte wegen der bekannten Notverordnung vom Oktober 1931, die den gewerbemässigen Lastwagenverkehr auf einen Rayon von 50 km einschränkte, nicht mehr absetzen konnte. Und dann kam plötzlich der Umschwung. Die Automobilsteuer wurde für neue Fahrzeuge abgeschafft. Die Versicherungsprämien gingen herunter. Der Kauf neuer Fahrzeuge wurde erleichtert, indem man dem Käufer deren Wert am Einkommen abrechnete und dadurch die Einkommensteuer herabsetzte. Die Strassen wurden verbessert und der Bau der gewaltigen Reichsautobahnen in Angriff genommen. Alle diese Massnahmeri wurden aus der Erkenntnis herausgegriffen, dass Ar- Beitsbeschaffung das erste Gebot der Stunde sei und sich die Automobilwirtschaft des Landes nicht länger von der allgemeinen Volkswirtschaft getrennt behandeln lasse. Man rechnete ferner damit, eine starke Steigerung des Automobilverkehrs werde nicht nur der Industrie Beschäftigung bringen und den Handel stark befruchten, sondern auch dem Staat durch die Wirtschaftsbelebung direkt und indirekt für seine Opfer eine reichliche Kompensation geben. Die Rechnung war nicht falsch. Nach der Statistik stieg die Produktion an Motorfahrzeugen in Deutschland wie folgt: 1032 1933 1934 Personenautomoibile 42193 92 610 147 000 Lastwagen 8082 12 404 25 800 Omnibusse 142 818 1600 Motorräder 35 464 38 754 87000 Dreiradfahrzeuge 9 961 12 693 11700 Der Umsatz nahm wertmässig wie folgt zu: 1932 1933 1934 Gesamtumsatz in Millionen RM. 300,54 449,69 718,79 Gegenwärtig ist die Automobilindustrie in Deutschland mit 91,4 Prozent ihrer Kapazität F E U I L L E T O N Die Magd des Jürgen Doskocil. 10— Erscheint jeden Dienstag und Freitag INS ERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Aufler-Felerabend". 6—8 mal jährlich „Gelbe liste" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern beschäftigt. Dieser starke Beschäftigungsgrad wirkt sich naturgemäss günstig auf das ganze Wirtschaftsleben aus. Davon profitieren auch die Bahnen. Der Verkehr der Reichsbahn stieg beispielsweise im ersten Halbjahr 1934 gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres um 53,6 Millionen Reisende und 31,9 Millionen Gütertonnen. Aber auch der Staat machte sicher kein schlechtes Geschäft. Abgesehen davon, dass allein in der Automobilindustrie 70 000 Arbeiter neu beschäftigt werden konnten und damit der Beschäftigungsgrad der Lieferindustrie für Rohmaterial und Zubehörteile stieg, nahm auch der Umsatz an Betriebsstoffen in erheblichem Masse zu. Im ersten Halbjahr 1934 stieg gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres der Brennstoffverbrauch um rund 40 Prozent und die Zolleinnahme des Staates um 18,8 Millionen Mark. Die Zolleinnahme nahm.allerdings nicht proportional zum Mehrverbrauch zu, weil immer grössere Mengen von Brennstoff in Deutschland selbst erzeugt werden. Diese Selbsterzeugung setzt sich aber ebenfalls in Arbeit und Verdienst um. Die neue Automobilpolitik des Reiches hat sich also in jeder Beziehung als günstig erwiesen. Sie war wie wenig andere Massnahmen geeignet, die Arbeitslosigkeit zu vermindern, die Wirtschaft zu befruchten und die Lasten der Allgemeinheit herabzusetzen. Eine gegensätzliche Verkehrspolitik hat Oesterreich eingeschlagen, teilweise jum" die Bahnen zu schützen, teilweise um die Einkünfte des Staates zu heben. Die Lastkraftwagenverkehrsordnung wurde weiterhin verschärft und der freie Verkehr einer scharfen Kontrolle unterworfen. Im Juli 1934 wurde der Spritbeimischungszwang eingeführt, wodurch der Brennstoff- wesentlich verteuert wurde. Im Oktober kam dazu eine Erhöhung der Benzinsteuer, durch die das Benzin auf eine Belastung von 50 S pro 100 kg gebracht wurde. Die Steuer beträgt nun etwa das Fünffache des Einkaufswertes. Die Folge der automobilfeindlichen Politik der österreichischen Regierung ist der teilweise Zusammenbruch der einst weltbekannten österreichischen Automobilindustrie. Die grossen Werke Steyr, Austro-Daimler und Puch mussten sich zusammenschliessen, um den Schwierigkeiten weiter gewachsen zu sein. Grosse Teile des in ihnen investierten Kapitals sind verloren. Andere Fabriken haben den Betrieb eingestellt. Neuerdings wird bekannt, dass einzelne der Werke ihre Eigenproduktion aufgeben und in Montagewerkstätten umgewandelt werden sollen. Bereits finden deswegen Unterhandlungen mit ausländischen Firmen statt. Der Gesamtabsätz an neuen Wagen stellt sich in Oesterreich in den letzten Jahren wie folgt: Jahr Personen- Omni- Last- Total wagen bnsse wagen 1931 3 460 198 1472 5130 1932 2 331 100 760 3191 1933 1433 66 484 1983 Während der Verkauf neuer Fahrzeuge in den ersten 8 Monaten des Jahres 1934 gegenüber der gleichen Zeit des Jahres 1932 in Deutschland um 213 Prozent, in Ungarn um 209 Proz., in Spanien um 133 Proz., in Italien um 79 Proz. gestiegen ist, hat er in Oesterreich einen Rückgang von 32 Proz. erfahren. Die Entwicklung der Dinge in unsern beiden Nachbarländern muss man sich bei uns vor Augen halten. Deutschland hat bewiesen, dass mit einer tatkräftigen Förderung des Automobilismus das allgemeine Wirtschaftsleben stark beliebt werden kann und davon auch Staat und Bahnen Nutzen ziehen. Die österreichischen Massnahmen haben umgekehrt gezeigt, wie man mit einer dem Strassenverkehr feindlichen Einstellung eine einst blühende Industrie erwürgt. Dass damit der Allgemeinheit nicht gedient ist, liegt auf der Hand, denn sie muss die vermehrten Lasten der Arbeitslosigkeit und der Steuerrück- ,gänge tragen. Ob den Bahnen mit der Erdrosselung des Automobilverkehrs geholfen wird, ist eine andere Frage. Bisher hat man nichts davon gehört, dass die Lage der österreichischen Bahnen besser geworden sei. Wohin steuert die Schweiz ? Sind wir in der Schweiz aber nicht auf einem ähnlichen Weg, wie ihn Oesterreich eingeschlagen hat? Auch bei uns treibt man noch eine getrennten Wirtschafts- und Automobilverkehrspolitik. Man versucht, der dringendsten Schwierigkeiten der Wirtschaft durch Subventionen usw. Herr zu werden. Die Automobilverkehrspolitik beschränkt sich darauf, aus dem motorischen Strassenverkehr möglichst viel Geld herauszupressen, um damit die Subventionspolitik gegenüber der Inlandwirtschaft fortsetzen zu können. Dazu gehören die sich ständig erhöhenden Fahrzeugsteuern, die Absicht, den Benzin- und Rohölzoll zu erhöhen, die Verschärfung der Haftpflichtbestimmungen mit entsprechend gesteigerten Versicherungsprämien usw. Der Automobilverkehr muss aber auch herhalten, weil man durch Gewichtsbeschränkungen, durch die Eindämmung der gewerbsmässig betriebenen Lastwagenunternehmungen und Roman von Ernst Wiechert. Copyright by Albert Langen-Georj Müller, München. (24. Fortsetzung und Schlues.) Sie beginnt mit der Erweckung ihres Heimatdorfes durch Mac Lean. «Bitte zu buchstabieren», sagt der Protokollführer. Der Staatsanwalt unterbricht sie und ruft das Landjägeramt an. Ja, dies und das sei geschehen, es solle sofort der zuständige Beamte nach dem Dorf fahren, zu der Hütte des Predigers Mac Lean, und dafür sorgen, dass niemand das Haus betrete, bevor die Gerichtskommission eintreffe. Marte fährt fort. Ihre Uebersiedlung in Jürgens Haus und dass Mac Lean ihr gefolgt sei. Dass er sie begehrt habe als eine ihm zustehende Braut der Kirche und dass er die Frucht in ihrem Leibe verflucht habe, so lange sie ihm nicht zu Willen sei. Den Eisgang und die Totgeburt des Kindes. Und von da an habe sie geglaubt, dass er Macht über ihren Schoss habe. Zu niemanden habe sie sprechen können, denn Jürgen würde ihn erwürgt haben. Von der Fastnacht, vom Hafer, von dem Ueberfall in der Gewitternacht. Seine Hand, die über Jürgen hinweg nach ihr griff. Von der Mulde zwischen den Kiefernbüschen, in der sie gekniet habe, ohne die Kraft zu finden. Von dem Kind, das Jürgen sich wünschte und das sie nicht haben durfte, weil es blind gewesen wäre. Die Feder kratzt und läuft. Jürgen immer noch wie aus Holz. Der Staatsanwalt den Kopf in die rechte Hand gestützt, die grauen Augen unbeweglich auf sie gerichtet «Dann kam Heini, der Verwachsene, und sagte, dass die Papiere und die Fahrkarten angekommen waren. Noch vierzehn Tage und dann noch acht. Dann ging er fort und der Fluch blieb über mir. Gestern war Jürgen in der Stadt. In der Dämmerung ging ich hin. Das Messer hatte ich an der Brust. Ich betete bei den Kiefern, und dann ging ich hin. Ja, in acht Tagen würde er fahren. Den Fluch? Nein. ,Das ist kein Fluch', sagte er, ,das ist ein Gebet'. Ich kniete vor ihm, ich umschlang seine Füsse und küsste sie. Nein. Ich sollte mich ausziehen und bei ihm liegen, dann würde er aufhören zu beten. Er sollte schwören, und er beschwor es. Auf die Bibel. Ich hatte keine Kraft zu dem andern. Ich.. ja.. als ich fortgehen wollte, fragte er, wann ich wiederkomme. Er wollte die Auswanderer bis zum Schiff bringen und wiederkommen und im Dorf bleiben. Und dreimal in der Woche sollte ich zu ihm kommen, sonst würde er wieder beten. Ich hatte das Messer wieder hier an der Brust. Er lag noch auf seinem Bett, und ich stiess es ihm ins Herz. Er war gleich tot. Ich habe hinter mir abgeschlossen. Hier ist der Schlüssel.» Sie knotet das rote Tuch auf und legt den Schlüssel auf den Tisch. Sie bleibt stehen und sieht durch die Fenster auf den Marktplatz hinaus. «Es ist Sünde», sagte sie noch» «und ich will sie büssen. Aber so lange muss man mich leben lassen, bis ich Jürgens Kind geboren habe. Es ist sein Kind, das ich trage, seins allein, und er wird es Innogenz taufen, denn das heisst der .Unschuldige'.» «Innogenz?» fragt der Protokollführer. Aber sie antwortet nicht. «Ja», sagt der Staatsanwalt nach einer langen Pause und sieht auf den Schlüssel, «Sie werden nun hier bleiben müssen, Frau Doskocil... ich glaube, dass die Richter milde gegen Sie sein werden, wenn es alles so gewesen ist, aber...» «Sie sollen richten Auge um Auge», sagt Marte, «wie es geschrieben steht, aber sie müssen warten, bis das Kind geboren ist.» «Ihrem Kinde wird nichts geschehen», sagt der Staatsanwalt, und dann nickt er Jürgen zu. Jürgen steht auf. Wenn Gefahr ist, versteht andere erschwerende Massnahmen hofft, den" Bahnen eine Hilfe zu gewähren. Dabei weiss man, oder sollte es wenigstens wissen, dass die Lage der Bahnen eine Folge der Ueberkapitalisierung, der falschen Personalpolitik und des Verkehrsrückganges infolge der Wirtschaftskrise ist. Mit solchen Mitteln werden die Verhältnisse bei uns so wenig als in Oesterreich gebessert Eine Besserung kann nur bei einer grundsätzlichen Aenderung unserer Wirtschaftspolitik erwartet werden, die unsere Industrie wieder konkurrenzfähig macht und ihr die frühere Geltung auf dem Weltmarkt zurückgibt. An Absatzmöglichkeiten fehlt es nicht: wir können sie wegen den Preisen, welche die Industrie zu verlangen gezwungen ist, nur nicht ausnutzen. Deutschland hat, grösstenteils dank seiner radikalen Umstellung der Automobilpolitik,- eine sehr bedeutende Wirtschaftsbelebung, erreicht. Der Prozentsatz der beschäftigten Arbeiter zur gesamten Arbeiterplatzkapazität stieg von 42,9% im Oktober 1932 auf 50,7% im gleichen.Monat 1933 und 62,7% im Oktober 1934. Diese Zunahme wirkte sich besonders stark bei den metallverarbeitenden Industrien aus, die in engem Zusammenhang mit der Automobilindustrie stehen. Auch die Eisenindustrie hat dadurch gewonnen, und zwar nahm der Beschäftigungsgrad in den gleichen Monaten von 44,8 auf 54,4 und 70,8% zu. Die Automobilindustrie ist, wie bereits erwähnt, nahezu am Maximum der Produktionskapazität angelangt. Selbst bei, den andern Branchen ergab sich ein starker Aufschwung, so beim Baugewerbe von 18%' im Jahre 1932 auf 33,3% und 64,7% im Oktober 1933 und 1934. Was uns also not tut, ist eine sinngemässe Automobilpolitik, die von der Erkenntnis: ausgeht, dass die Steigerung des Verkehrs auch eine Belebung der Produktion in unserer Automobilindustrie, im Automobilgewerbe, -handel, in den Zubehörfabriken usw. und eine vermehrte Frequenz in den Hotels, den Gaststätten und im Zusammenhang mit ihnen einen vergrösserten Absatz der Landwirtschaft und vermehrte Tätigkeit beim Gewerbe mit sich bringt. Kann ein Wirtschaftszweig wieder belebt werden/ so zieht er naturgemäss auch andere mit sich. Eine solche Belebung ist beim Automobilverkehr möglich. Wir müssen dann aber erkennen; dass sich allgemeine Wirtschafts-, Automobilverkehrsünd Bahnpolitik nicht voneinander trennen und gegeneinander ausspielen lassen, sondern das Wohlergehen der Wirtschaft dem der Bahnen mindestens gleichgestellt werden muss. 3i er alles, und er weiss, dass sie nun fortgehen wird für lange Zeit. Er tritt zu ihr an den Tisch und legt ganz vorsichtig die Hand auf ihre Schulter. Sie schwankt unter der leisen Bewegung, so schwach ist sie nun, und er weiss nichts anderes, als dass er sie aufhebt wie damals aus dem Wasser und an seiner Brust hält «Für mich», sagt er, «hast du es getan. Abgenommen hast du es mir. Zum Minister werde ich gehen, zum Präsidenten, damit sie.es mich verbüssen lassen für dich... eine Heilige bist du, wie sie an den Strömen stehen, in den Kapellen...» Sie hat die Wangen an seiner Schulter und die Augen geschlossen. Alles löst sich in ihrem Gesicht, in ihrem Körper, während sie seinen Worten lauscht: die Gespanntheit der Stirn, die Augenlider, der Mund, die Arme «Nein nein», sagt sie wie ein eifriges Kind, «nur ich kann es lösen, Jürgen, nur ich allein. Aber nachher, dann soll alles gut und neu sein, ja. Der Acker und das Kind, und das Leben, ja? Behalten willst du mich, ja? Und ... hörst du, Jürgen.. ich schwöre dir, jetzt, hier, das es dein Kind ist, hörst du? Nur deins..' ich weiss das.. von früher.. glaubst du mir das, Jürgen?» Ja, er glaubte es und führte sie bis zur Tür, lind der Staatsanwalt ging mit ihr hinaus und nickte ihm zu, dass er bleiben sollte.