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E_1935_Zeitung_Nr.042

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BERN, Freitag, 24. Mai 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 42 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherimg) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicheruna) vierteljährlich Fr. 7.50 INSERTIONS-PREIS: Erscheint jeden Dienstag und Freit»» Wöchentliche Beilage „Autler-Feierabend". 6—8 mal jährlich „Gelb* Liste" Die aehtgespoltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratensehluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern Aus der Mappe des Technikers Wirtschaftliche Brennstoff-Ausnützung. Verdichtung, Verschleiss, Ermüdungserscheinung. Die Frage nach dem Verdichtungsverhältnis trifft einmal jeden Automobilisten. Unzählige Fahrer sind aber über dieses Verhältnis eines Motors und die damit zusammenhängenden Leistungen nicht orientiert. Der wirksame Zylinderinhalt eines Motors errechnet sich aus der Formel: «. d a . S. i V = — Hier ist die Bohrung=d, s—Hub in mm, i= Zylinderanzahl. Da eine Formel allein meist etwas Abstossendes an sich hat, sei zum besseren Verständnis nachfolgendes praktisches Beispiel angeführt: Bohrung und Hub haben 63 und 125 mm, der Motor hat zwei Zylinder, so ist der Zylinderinhalt: n . 63* . 125 . 2 = 722,8 com L'i Viele Fahrer haben nun den Wunsch, dem Motor etwas mehr «Kraft» zu geben, damit er noch besser,, noch schneller und elastischer läuft,- lind hier fängt man normalerweise damit an, dass man die Verdichtung soweit 'wie möglich erhöht um durch die Verwendung von benzin-benzolgemischten Brennstoffen, den sog. kompressionsfesten Brennstoffen, höhere Kraftausbeute zu erreichen. Wenn der Gesamtraum des Zylinders bei im untern Totpunkt stehenden Kolben fünfmal so gross ist wie der Verbrennungsraum, so ergibt das ein Verdichtungsverhältnis von 6:1. Ist dieser Raum viermal so gross wie der Verbrennungsraum, so ergibt das ein Verdichtungsverhältnis von 5:1. Während man vor einigen Jahren noch einen grossen Teil der Motoren bis zu 4,5:1 verdichtete, ist bereits heute bei den Serienmotoren ein Verdichtungsverhältnis von 5,5:1 erreicht. Macht man den Verbrennungsraum bei Serienmotoren noch etwas kleiner, dann wird die durch den Zündkerzenfunken bewirkte Verbrennung des durch den Kolben zusammengepressten Betriebstoffgases intensiver, hierdurch erhält dann der Kolben einen stärkeren Druck, da .die Brennstoff- und Luftteilchen enger aneinandergedrückt werden, dadurch heisser werden und so wieder besser vergasen und verbrennen. Je näher der Motor verdichtet wird, desto kräftiger und schneller ist der Verbrennungsvorgang und um so grösser die Menge an Druckenergie. Setzt man die Leistung eines Motors, dessen Verdichtungsverhältnis 4,5 : 1 ist, gleich 100, so steigert schon eine Verdichtungserhöhung auf 5,5:1 die Motorleistung um 15% und eine Erhöhung auf 6:1 sogar um 25%. Da man durch die höhere Verdichtung die gleiche Gasmenge besser ausnützt, so erzielt man eine Mehrleistung oder aber, anders ausgedrückt, die gleiche Leistung bei geringerer Brennstoffmenge. Ist der Brennstoffverbrauch eines 4,5:1 verdichteten Motors gleich 100, so sinkt er bei einem 5,5:1 verdichteten Motor, trotz gleicher Kraftabgabe, auf etwa 86%, um bei einem Verdichtungsverhältnis von 6:1 nur noch ca. 77% zu betragen. Natürlich sind der Höherverdichtung auch Grenzen gesetzt. Bei Verwendung der 'Markengemische kann man den meisten Motoren eine Höherverdichtung von 6,8:1 ohne Bedenken zumuten. Dann ist man aber gezwungen, nur die klopffesten Brennstoffgemische zu fahren und nicht reines Benzin, da sonst das «klopffreudige» Benzin das unangenehme «Klingeln» verursacht, das keinem Motor auf die Dauer zuträglich ist. Nun wird mancher Fahrer dagegenhalten, diese unbestrittenen Vorteile würden mit einer entsprechenden Verkürzung der Lebensdauer erkauft. Er sagt, und anscheinend mit Recht, dass ein höherer Verdichtungsdruck auch einem höheren Verbrennungsdruck entspreche, dem Kolben, Pleuelstange, Kurbelwelle und Lager widerstehen müssen. Er sagt sich weiter, dass gesteigerte Verdichtungsverhältnisse auch gesteigerte Verbrennungstemperaturen bedingen und damit auch höhere Wärmebeanspruchungen der Motorenbaustoffe nach sich ziehen. Sind diese erhöhten Beanspruchungen aber nicht so stark, um die Widerstandskraft und die Lebensdauer der Motorenteile fühlbar zu verkürzen? Es sei zugegeben, dass rein ziffernmässig die Steigerung des Verdichtungsdruckes und der Verbrennungstemperatur bei Wahl eines höheren Verdichtungsverhältnisses nicht unerheblich ist. Den Drucksteigerungen entsprechen auch die Temperaturzunahmen. Während die Verdichtung von 4,5:1 einer Verbrennnungstemperatur von etwa 380 Grad C entspricht, ist bei einer Verdichtung von 6:1 schon mit 470 Grad C zu rechnen und bei Verdichtung 10:1 beträgt die Temperatur sogar 620 Grad C. Wie wirken sich diese erhöhten Beanspruchungen auf den Motor aus ? Zunächst ist zu bemerken, dass man in der Praxis heute nicht mit zehnfacher Verdichtung arbeitet und also auch nicht Verbrennungstemperaturen von 620 Grad und Verdichtungsdrücke von 20 Atmosphären erreicht, sondern, abgesehen - von besonders hochgezüchteten Spezialmotoren, mit höchstens 7-facher Verdichtung arbeitet. Ferner ist aber nicht nur der angewandte Verdichtungsdruck, sondern ebensosehr die Art des Verbrennungsverlaufes entscheidend. Wenn aber die Verbrennung des Brennstoffgemisches schlagartig in Form von Detonationen erfolgt, wenn sich Klopfen und Klingeln des Motors bemerkbar macht, dann ist mit bedenklichen Folgeerscheinungen zu rechnen. In besonderem Zusammenhang mit der Höherzüchtung der Motoren steht auch die Frage der Materialermüdung. Die Frage der Materialermüdung ist auch das spezielle Sorgenkind der Konstrukteure. Mancher Kurbelwellenbruch, mancher Federnbruch ist darauf zurückzuführen; ungewollte und ungeahnte Schwingungen haben ihn eingeleitet. Die Baustoffe des Maschinenbaues sind keine Stoffe, die unveränderlich sind. Der molekulare Aufbau erfährt mit der Zeit Umlagerungen, die den Gefügezusammenhalt und damit die Widerstandskraft gegenüber den Kräftebeanspruchungen tiefgehend beeinflussen. Die Einblicke, die die metallurgischen Forschungen in die innere Struktur der Metalle ergaben, haben gezeigt, wie kurz die Zeit sein kann, innerhalb der ein Konstruktionsmaterial an Ermüdungserscheinungen zu Bruch gehen kann. Die Frage der Lebensdauer lässt manches, was sich für die Leistung des Motors recht gut anlässt, besser unausgeführt, da sich kein rechter Ausgleich zwischen Vor- und Nachteilen schaffen lässt. Am Motor befinden sich manche Teile, die sich mit steigender Drehzahl ihre Lebensdauer verkürzen. Die empfindlichsten, besonders den Zentri- Wir berichten heute über: Frühjahrsarbeiten am Automobil. Querschnitt. Der Sport der Woche. Ventilpflege und Ventilstörungen. Vom Riesenflugzeug «Maxim Gorki». Der Windkanal der E.T.H. Bilder: Seite 6. fugal- und Beschleunigungskräften ausgesetzten Teile verlieren unter gewissen Umständen ihre Lebensdauer in weit stärkerem Masse, als die Drehzahlsteigerung beträgt. Haben diese z. B. in einem Motor, der 1500 Umdrehungen macht, eine Lebensdauer von vielleicht 10,000 Betriebsstunden, so sinkt bei einer Steigerung der Drehzahlen auf das Doppelte, also 3000 Touren in der Minute, die Lebensdauer auf den vierten Teil, also auf etwa 2500 Betriebsstunden herab. Dieses Absinken der Lebensdauer einzelner Motorenteile ist noch weit beträchtlicher, wenn extrem hohe Tourenzahlen die eigentlich nur Kraftreserve für eine kurze Zeitspanne sein sollen, längere Zeit rücksichtslos eingehalten werden. Treten nun zu diesen Momenten noch zusätzliche Schwingungen auf, so erlebt man oft in Bruchteilen von Stunden, dass der eine oder andere Maschinenteil so rasch < ermüdet », dass er bricht, ohne dass ein direkter Materialfehler erkennbar ist. Solche Bruchstellen können allerdings überall auftreten, im Rahmen, im Chassis, an der Lenkung, am Ventil,-an der Ventilfeder, an den Ventilschäften usw. Gefährdet ist somit jeder Teil. Werden nachher diese Teile geprüft, ohne dass man sich vor Augen hält, welchen verhängnisvollen Einfluss die sog. «Schwingungen » haben, so wundert man sich, weshalb derartige Teile zu Bruch gehen konnten, da sie offenbar unter normalen Betriebsverhältnissen tausende von Betriebsstunden ausgehalten hätten. Wenn im Anfang diese Ausführungen etwas nüchtern erschienen, so wird sich der Automobilist 'nach dem Durchlesen darüber klar sein, dass diese für ihn. sehr interessant und wichtig sind. H.E.V. Fruhjahrs-Arbeiten am Automobil. Jetzt gehen wir wieder der schönen Jahreszeit entgegen, in der man mit offenem Verdeck über die sonnigen Landstrassen fahren kann. Schon grünt und blüht es in Wald und Feld — schon haben wir die dunklen Wintermäntel und Kleider in den Schrank gehängt, weil sie im hellen Sonnenlicht plötz- F E U I L L E T O N Mannequin. Roman von Fannie Hurst (29. Fortsetzung.) «IMerke dir, Orchid, dass man auch das Geringste von dir wissen will. Merke es dir, wenn du dort vor ihnen sitzest. Du musst sie dahin bringen, zu erkennen, das du unfähig bist, das — das begangen zu haben. Schau auf mich, Liebling, damit du dich erinnerst. Bedeutet es dir keine Hilfe, mich draussen in sehen?» «Ja. Ja. Und Mrs. Herrick. Martin, glaubt sie...» «Lass sie nicht glauben. Jeder spricht darüber, dass sie nicht einen einzigen Verihandlungstag versäumt hat. Man sagt sogar, sie und der Richter hätten deswegen einen Streit gehabt Er will es nicht, dass sie bei seinen Verhandlungen dabei ist. Die meisten •Richter wollen ihre Familien nicht hier herumsitzen haben. Sie war auch niemals zuvor dabei, aber...» «Glaubst du, Martin, sie glaubt —• ich könnte das nicht ertragen.» «Dann überzeuge Mrs. Herrick von deiner Unschuld, Orchid. Zeige dich ihr und deinen Geschworenen von deiner süssen anbetungswürdigen Seite. Zeige ihnen, wie durchaus unfähig du bist, auch nur irgend etwas zu begehen. Es würde nützen, Orchid, Liebste, wenn du es tun wolltest.» «Ich will versuchen, Martin. Ich könnte es irgendwie nicht ertragen, dass sie nicht wüsste...» Wenn der Richter und seine Frau, genau genommen, auch nicht gestritten hatten, so waren sie einem Streit doch recht nahe gekommen. Eine merkwürdige und plötzliche Umkehrung in Selene. In dem einzigen Fall, indem ihm besonders viel daranlag, frei zu sein, um seine ungehemmten Kräfte in Ordnung zu halten, stand sie, die stets so unerschütterlich Hilfe und Anregung gewesen war, ihm plötzlich entgegen. Mehr als das, ihr beispielloses Beharren, bei seiner Verhandlung anwesend zu sein, war nicht bloss ärgerniserregend, sondern sogar erschreckend. Es erinnerte den "Richter an die merkwürdige, veränderte Selene aus den Jahren, als sie, nach dem Verluste ihres Kindes, die grenzenlosen Gegenden eines Nervenzusammenbruches bewohnt hatte. Als sie sechs Monate hindurch in einem Sanatorium gelebt hatte, als sie ihm eine Fremde war, als sie zeitweise für Stunden in einem schrecklichen Schweigen brütend dagesessen. Als sie Ueberzeugungen angenommen hatte, die eher Launen waren. Es lag etwas erschreckend Aehnliches darin. Etwas der armen glanzlosen Selene jener Jahre des Nervenzusammenbruches, der Wünsche und Selbstvorwürfe Aehnliches. Niemals jedoch, seit ihrer Genesung, hatte Selene es auch nur einmal gewünscht, noch weniger gewagt, die ungeschriebenen Gesetze ihres Haushaltes zu übertreten. Es durften weder Begünstigungen noch Spenden für den oder jenen mächtigen Wahlmann gewährt werden, der ein Amt dieser oder jener Art suchte. Kein Mitglied der Familie durfte den Gerichtssaal, wenn der Richter den Vorsitz führte, betreten. Kein Mitglied der Familie durfte den Richter jemals nach dem Resultat seiner wichtigen Verhandlungen während ihrer Dauer fragen, oder zu der Zeit stören, da er sich, während eines solchen Prozesses, des Abends in sein Arbeitszimmer zurückzog. Das waren einige der ungeschriebenen, aber unverletzbaren Grundsätze des Herrickschen Hauses. Während einer Verhandlung von Bedeutung war es nicht ungewöhnlich, dass der Richter Abend für Albend nach dem Dinner verschwand und vor dem Frühstück nicht mehr gesehen wurde, oder dass er sich sein Dinner sogar an seinen Schreibtisch bringen Hess. Und Selene behütete ihn. Und jetzt, bei diesem Falle von nicht nur notorischer, sondern wegen der merkwürdigen Spannung der aufgereizten öffentlichen Psychologie auch weitest hin sichtbaren Bedeutung, jetzt, da er jedes Teilchen seiner ungehemmten Kräfte brauchte, war Selene wieder die alte, gegnerische abgeschiedene Selene jener unglücklichen Tage, die dem Verluste folgten. Die alte unverständliche Selene. Nacht für Nacht diese durch ihre Anwesenheit vor seiner Arbeitstür hervorgerufene nervöse Spannung. Diese Spannung, die sich •zu der mehr als genügenden Nervosität in diesem die Nation in Atem haltenden Prozess gesellte. Manchmal leise an die Tür klopfend, gerade wie ein kleiner Hund, der um Einlass (bettelt. Bettelnd just um die günstige Gelegenheit, während seiner Arbeit an seiner Seite zu sitzen, und um die Möglichkeit, ihn zu fragen. Ihre Hoffnung, dass sie doch irgendwie ein Wort über diesen Fall erhaschen könnte. Ein Wort über die Gefangene. Ihr krankhaftes Interesse.Eher ihrekrankhafte Besessenheit, bloss auf Grund dieses erstmaligen Zusammentreffens mit dieser kleinen Sargossa. Es war der Selene dieser späteren' Jahre nicht ähnlich, die Kontrolle über sich derart zu verlieren. Und alles augenscheinlich wegen dieses kurzen persönlichen Kontaktes mit der Gefangenen. Es war natürlich ärgerlich, dass es geschah, wie es eben geschah. Der Richter versuchte alles in Erwägung zu ziehen. Frauen konnten manchmal so sein.