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E_1935_Zeitung_Nr.046

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BERN, Freitag, 7. Juni 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N« 46 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTO Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- ABONNEMENTS-PREISE: Awgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. IC— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich Fr. 7^0 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Tt. 7.50 Touren-Vorbereitung Zu einer grösseren Tourenfahrt im Auto gehören hauptsächlich drei Dinge: ein Auto, Geld und Zeit. Absolut erforderlich ist wenig von jedem. Je mehr davon aber vorhanden ist, um so besser sind die Aussichten für ungetrübten Qenuss. Man kann zwar auch im Kleinwagen die Erde umsurren. Schon für längere Tagestouren bietet aber der grosse Wagen fühlbar mehr Komfort. Bewegungsfreiheit für die Glieder und Spielraum für die Unterbringung des Gepäcks bedeuten für den Grosstourenfahrer schon das halbe Vergnügen. Früher gehörte zu jeder grösseren Tourenfahrt allerdings auch noch ein wohlgerüttelt Mass technischer Vorbereitungen. Der Wagen wollte sorgfältig instandgestellt, der Stock an Ersatz- und Reserveteilen wohlüberlegt ausgewählt werden. Heute dagegen ist dieses Kapitel rasch erledigt. Jeder einigermassen gepflegte Alltagswagen ist imstande, ohne besondere Vorbereitung mehrere hundert Extrakilometer störungsfrei abzurollen. Für Notfälle is* ganz Europa mit einem wohlorganisierten Netz von Service- Stellen überzogen. Dass man auch im Alltag nicht mit verbrauchten Bremsen, mit verschmutzten Zündkerzen, mit verstopften Düsen oder mit zerschlissenen Pneus herumfährt, versteht sich für den verantwortungsbewußten Automobilisten von selbst. Durch die modernen Wagenbauarten ist meist auch dafür gesorgt, dass die Chassisschmierstellen nicht so bald trocken laufen. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Fahrer gezwungen war, einen kompletten Ersatz-Magneten, Ersatz- F E U I L L E T O N Mannequin. Roman von Fannie Hurst (33. Fortsetzung und Schluss.) «Glaubst du, Lieber, dass die Geschworenen ...» «Ich glaube nicht — ich bin zu müde, um etwas zu glauben... Warum in Gottes Namen eine vernünftige Frau, die in Frieden kühl und ruhig zu Hause bleiben könnte, an einem solchen Tag darauf besteht, sich hier in der Stadt herumzudrängen, das geht über meinen Verstand...» «Mag sein; es mag sein, Liebster, dass ich nicht vernünftig bin...» «Mag sein, dass du es nicht bist, Selene, und es ist grausam, es zu sagen, aber nach der Art, wie du während der vergangenen Wochen dich hier benommen hast, ist kaum zu glauben, dass du...» «Aber John, Lieber...» .. «Als ob ich nicht schon genug beansprucht wäre — und jetzt gerade, bevor ich die Verhandlung weiter leite, um ein bedeutungsvolles Urteil entgegenzunehmen, machst du mich noch nervöser...» «Also gibst auch du zu, John, dass es bedeutungsvoll ist — und wenn du es sagst, was muss es erst für mich bedeuten ? » «Was willst du damit sagen ? Was kann _ . . Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .,Autler-Feierabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breilenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Ventilfedern, Ersatz-Ventile, Reservefederblätter, Zündkabel, Ventilatorriemen und allen möglichen anderen kleineren und grösseren Krimskrams im Werkzeugkasten mitzuführen, wenn er nur einigermassen gegen unliebsame Vorkommnisse gewappnet sein wollte. Wenn man es nicht schon längst getan hat, kann man sich heute für eine grössere Tourenfahrt vielleicht noch einen Satz Reservelampen, Reservesicherungen und eine Reservezündspule samt Kondensator zulegen. Mehr als das erfordert die technische Ausrüstung aber kaum. Spartanisch einfach kann ein geschickter Fährer auch das Werkzeug auf einen Engländer, eine Universalzange, einen Hammer, den Wagenheber, eine Rolle Isolierband und Eisendraht sowie einige Spezialschlüssel beschränken. Ein ungeschickter Fahrer wüsste übrigens auch mit einem ganzen Werkzeugladen nichts anzufangen. Nimmt man es gründlich, so fährt man einige Tage vor Antritt der Tour in der nächsten guten Garage vor, lässt das Chassis nochmals gründlich durchschmieren und das Motoröl eventuell auswechseln oder nachfüllen, die Bremsen nachziehen und die Pneus, inklusive derjenigen der Reserveräder, auf den richtigen Druck bringen. Der Pneudruck kann dabei etwas höher' sein als- normal, wenn man viel Gepäck mitzuführen beabsichtigt. Viel wichtiger und lohnender als lange sind heute ge- technische Vorbereitungen wöhnlich die Beschaffung guten Kartenmaterials und die sorgfältige Festlegung der Route. Gute Karten sind die besten Gefährten des Automobiltourenfahrers; sie können eine Unmenge von Aerger und Enttäuschungen ersparen. Wer nicht gerade auf Abenteuer ausgeht, der wähle dabei den Kartenmassstab nicht zu klein. Die Karten sollen detailliert genug sein, um auf der Fahrt ein langes Nachfragen nach der richtigen Strassenabzweigung, nach dem richtigen Ortsausgang, nach der richtigen Städtedurchfahrt unnötig zu machen. Eine einzige, falsche Auskunft kann einen sonst oft Stunden verlieren lassen. Man bedenke, dass die Anschaffung von Detailkarten im Vergleich zu den Gesamtreisekosten nur einen ganz kleinen Kostenbruchteil ausmacht. Abgesehen davon weist einen die genügend detaillierte Karte auf zahlreiche interessante Dinge hin, die man sonst nur zu leicht übersieht. Und schliesslich kann man anhand einer solchen Karte die ganze Reise noch nach Jahren rekapitulieren und wieder erleben. Dass nur Autokarten in Frage kommen, versteht sich für den routinierten Tourenfahrer von selbst. Bei der Festlegung der Route beachte man eine Grundregel: Bescheidenheit. Wohl kann man mit einem modernen Wagen ohne besondere Strapazen Tag für Tag 500 km zurücklegen. Unendlich viel wird man dabei aber übersehen. Hat man kein bestimmtes Ziel im Auge, auf. das man sich konzentrieren will, so genügen Tagesraten von 180—250 km vollauf. Es bleibt dann es für dich bedeuten, ausser, dass eine Frau in Freiheit gesetzt werden soll, wenn sie unschuldig, oder verurteilt, wenn sie schuldig ist. Was sonst sollte es für dich bedeuten ?» «Ich — ich weiss nicht — ausser...» «Ja, ganz recht; du weisst eben nicht, ausser — Aber, liebe Selene, was ist in dich gefahren ?» ; «Ich weiss nicht, John — nur — lass mich bleiben, John — ganz bei dir — ich bin dumm, Lieber, aber lach' mich nicht aus...» Es war unmöglich, ihr gegenüber ruhig zu bleiben. Er musste sie wegschicken, jetzt, wo der Fall zu Ende war. An die See. Nach Europa. Sollte es möglich sein, dass Selene wirklich wieder in ihre Nervendepression verfiel? Der überanstrengte Richter Herrick wartete auf das Zeichen, den Gerichtshof zusammenzuberufen und das Urteil der Geschworenen entgegenzunehmen. Die einzige Fähigkeit sinnlicher Wahrnehmung, die Annie Pogany geblieben war, war das Sehen. Es war merkwürdig und beinahe gnädig, dass das Augenlicht standgehalten hatte. Geruch und sogar Geschmack hatte sie längst verloren; Und weil ihre Finger wie Stümpfe und ihre Arme von kleinen Stichen ganz durchlöchert waren, brauchte es manchmal eine geraume Weile, bevor Annie einen Gegenstand, den sie in ihren Händen hielt, nach Zeit, um die Gegend in aller Müsse zu gemessen, um sich an diesen oder jenen besonders interessanten Punkten aufzuhalten und um am Endziel der Tagesetappe noch frisch und aufnahmefähig den Sehenswürdigkeiten nachzugehen. Jede Tagesetappe sollte mindestens einen, stündigen Spaziergang zu Fuss in sich schliessen, nicht zu vergessen das Verdauungsstündchen nach den Mahlzeiten, die Aufenthalte für Photoaufnahmen, die Stundenhalte zum Beinestrecken, das gelegentliche Freibad an einem schönen Strand usw. usw. Hast und Uebertreibung vereiteln jeden Genuss. Ein einziges zu weit gestecktes Tagesziel kann den ganzen Reiseplan über den Haufen werfen oder die ganze Tourenfahrt in ein Rennen verwandeln. Wenn irgend möglich fahre man nicht mit vollbesetztem Wagen. Durch das unvermeidliche Reisegepäck ist man ohnehin im Raum beengt. Ein freigelassener Sitz vermag den Komfort unglaublich zu heben. Gerade beim modernen Wagen ist auf die Dauer der Fondsitz nur bei Besetzung durch eine Person geniessbar. Aber auch sonst fällt die fehlende Person meist nur angenehm auf durch die gebotene grössere Ellenbogen- und Beinfreiheit, durch die Möglichkeit, ihren Platz mit häufig benützten Kleidungsstükken, Proviant, Rauchwaren-Schachteln und dergleichen Kleinigkeiten zu belegen, nicht zuletzt aber auch durch das verringerte Risik'tK.jder Meinungsverschiedenheiten. Die verbleibenden Fahrgäste, müssen natürlich «premier choix» sein. Einer davon soll den Fahrer wenn möglich gelegentlich ablösen können oder wenigstens gut Landkarten zu lesen verstehen., Das Problem der Gepäckunterbringung wurde bereits unlängst in der «A.-R.» kurz gestreift. Es ist bei grösseren modernen Wagen gewöhnlich nicht schwer zu lösen, rfordert aber dennoch einige Ueberlegung. Vor allem mache map sich zur Regel, nur das absolut notwendige Minimum mitzuführen. Fast immer kommt man mit weniger aus als ursprünglich vorgesehen. Glücklicherweise haben die Automobilfabrikanten und die Schneider in den letzten Jahren die Lösung des Problems erleichtert. Diese, indem sie Karosserieformen schufen, die mehr als die Mitnahme einer blossen Zahnbürste gestatten, jene, indem sie anspruchslosere Kleidermoden und Kleidungsstücke, die sich auf viel kleinerem Raum verstauen lassen, hervorbrachten. Beabsichtigt man, sich längere Zeit irgendwo aufzuhalten, so denke Gestalt, Beschaffenheit oder Temperatur bestimmen konnte. Daran lag nicht viel, denn ihr Kampf ums Dasein bestand fast ausschliesslich in dem Bestreben, den einen Gegenstand zu erlangen, den sie auch sofort durch Anblick erkannte. Ein Anblick, nach dem ihre Augen lechzten und über den sie erfreut glänzen und lachen konnten. Nun lag dieser Gegenstand, eine Flasche, in ihren Händen, als sie auf einer Bank in dem Teil des Parkes längs der Wasserseite sass. Sie hatte auf dieser Bank' geschlafen. Das heisst, sie hatte auf mehreren solcher Bänke geschlafen, wenn sie nicht gerade von Polizeimännern vertrieben worden war. Es war nicht viel von Annie übriggeblieben. Sie war schrecklich, so zerzaust und so elend, wie eine alte Krähe. Frauen wie Annie pflegen auch wie alte Krähen herumzupecken. Im Abfall. Im Abfall von Aschenkannen, Kehrichteimern und in Ueberbleibseln. Und Annie selbst war ein Ueberbleibsel. MOBIL-ZEITUNG und Verkehrsinteressen INS ERTIONS -PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inscrntenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Querschnitt. Das sportliche Wochenende. Gegenwartsfragen des Motorfahrzeugmarktes. Automohil-Aussenhandel im April. Neue Antriebs-Mechanismen. Der Deutschlandflug. Liste der Weltrekorde. man auch daran, dass es dort auch Wäschereien gibt. Viele Dinge, vor allem Verbrauchsgegenstände, kann man auch unterwegs kaufen. Die Verstauungsmöglichkeiten liegen am einfachsten, wenn die Karosserie einen .abschliessbaren Gepäckraum aufweist. Offen oder in Suite-Cases lassen sich darin oft halbe Haushaltungen mitführen. Steht dagegen nur ein Gepäckträger zur Verfügung, so heisst es Gewicht und Umfang des Reisegepäcks schon kritischer betrachten. Unbedingt müssen in diesem Fall auch die Koffern durch Wachstuchdecken gegen das Eindringen von Staub und Nässe geschützt werden. Die Befestigung von Gepäck auf solchen Gepäckbrücken geschieht weitaus am besten durch gewobene flache Riemen mit Schnallen, die gewöhnlich viel zuverlässiger und leichter zu handhaben sind als Lederriemen oder gar nur Stricke. Das aufgeschnallte Gepäck darf sich um keinen Zentimeter verschieben lassen, sonst löst es sich durch Erschütterungen nach einigen Kilometern vollends und geht verloren oder wird doch durch das ständige Reiben stark beschädigt. Vielen Schwierigkeiten und Aergernissen kann man aus dem Wege gehen, wenn man das Gepäck nicht auf den Brücken selbst, sondern in einem auf dieser befestigten Spezialkoffer unterbringt. Für das Verpacken der Einzelgegenstände gibt es Spezialisten mit angeborenem Talent. Sie finden sich häufiger unter Menschen weiblichen als männlichen Geschlechts. Ist ein solcher geborener Packer unter den Fahrgästen oder unter den weiteren Bekannten, so kann man nichts Besseres tun, als ihm das ganze Verstaugeschäft zu überlassen. -th. Ein Stückchen am Rande des Lebens. Annie sass mit ihrer Ginflasche ein bisschen betrunken da und las einen Fetzen Zeitungspapier. Ein verschmiertes hässliches Stück einer Zeitung, das irgend jemand auf der Bank hatte liegen lassen. Stelzende alte Krähe Annie, nahe daran, aus dem Leben zu stelzen. Man fühlte es instinktiv, wenn man die alte Krähe Annie da am Rande des Parkes und am Rande des Lebens sitzen sah, wie sie eine verschmierte alte Zeitung las. Es war nicht so sehr das Gesicht: es war eher, wie der Kopf auf den Schultern sass. Während mindestens einer Stunde, unausgesetzt von einem Schüttelfrost, an dem sie litt, durchzittert, und das entfärbte Ding, das sie als Schal trug, eng um ihre Schultern ziehend, als ob ihr kalt wäre, sass Annie da und betrachtete das Bild in der Zeitung, diesen Kopf auf diesen Schultern. Annie kannte diese Schultern. Sie waren die Schultern jener Orchidee, die einst ihr gehört hatte. Es war kein Name da. Ein Fleck hatte ihn verfärbt. Aber Annie war ja schlau. Alles war weggerissen bis auf ein kleines Stückchen des Druckes : «Das Verdikt für heute erwartet. Munizipalgerichtsgebäude... Menschenmengen... ungewöhnliches Interesse hervorgerufen durch...» Schlaue Annie. Am schlauesten war sie dadurch, dass mit den Zügen aus der Ginflasche Feuer in sie geträufelt waren. Feuer, die schnell zu verlöschen drohten, würden sie schwarz ausgebrannt wie eine Höhlung nach einem Freudenfeuer zurücklassen. Schlaue alte stelzende Krähe. Diese Schultern waren ihr teuer. Munizipalgerichtsgebäude. Es war schwer, den Polizisten zu