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E_1935_Zeitung_Nr.048

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BERN, Freitag, 14. Juni 1935 Beilage: Unsere Bergstrassen Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang — N° 48 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A. (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jahrlieh Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljahrlieh Fr. 7.50 Erseheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .AntlenFelerabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION «.ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern xatephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Lowenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. GrSssere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Ericheinen der Nummern Die wirtschaftliche Bedeutung des Alpenstrassen-Verkehrs*) ins gab eine Zeit — noch ist es nicht lange her — da war die wirtschaftliche Bedeutung unserer Alpenstrassen auf ein Minimum eingeschrumpft. Wenn seit dem Jahre 1901 in der Schweiz keine einzige durchgehende Alpenstrasse mehr gebaut worden ist, so reflektiert dies die Tatsache, dass um die Jahrhundertwende oder vorher schon die Eisenbahn der Strasse den Rang abgelaufen hatte. Simplon, Qotthard und andere Pässe waren durch den Schienenstrang in ihrer Verkehrsbedeutung entwertet, und für den Durchgangsverkehr diente jahrzehntelang keine einzige schweizerische Alpenstrasse mehr. Erst das Motorfahrzeug hat Wandel geschaffen, später freilich als in unsern Nachbarländern, aber nicht in dem Sinne der Erneuerung ehemaliger Handelsinteressen, sondern als Ausfluss der Reisefreudigkeit der Neuzeit, die der Strasse immer mehr die führende Rolle im internationalen Tourismus zuweist. Wirtschaftliche Interessen waren es, die die ersten Wege über die Alpen öffneten, und nur eine einzige Alpenstrasse ist, wenn wir vom Weltkrieg absehen, .ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen angelegt worden, nämlich der Simpton: -«pour faire passer le canon», wie Napoleon I. erklärte. Wie stark reine Wirtschaftsfragen sonst mitspielten, dafür 'bildet das klassische Beispiel die Rivalität zwischen Splügen und St. Bernhardin: Qraubünden und Tessin beschliessen 1817 den Ausbau des Bernhardin; Piemont verspricht einen Beitrag von 280,000 Fr. Da Graubünden zugleich mit Oesterreich wegen einer Strasse über den Splügen unterhandelt, tritt Tessin vom Vertrage zurück. Tapfer baut Qraubünden zugleich Splügen und Bernhardin. Oesterreich verspricht Graubünden den Ersatz sämtlicher Baukosten und vieles andere, wenn Qraubünden auf den Bau des Bernhardin verzichte. Gleichzeitig sucht Oesterreich Tessin zu überreden, es möge die Abänderung des mangelhaften Strassenstücks des Bernhardins auf Tessiner Gebiet verhindern usw. Man darf es den Graubündnern hoch anrechnen, dass sie allen Versuchungen widerstanden. Als im Jahre 1848 die Eidgenossenschaft das Postwesen übernahm, da war der Alpenpostbetrieb durchaus nicht etwas Wirtschaftliches. Auf allen Linien musste der Bund zusetzen, ausgenommen einige Male am Gotthard und an der Furka. Und so ging es weiter, auch noch nach der Jahrhundertwende, weil wir in der Schweiz unverständigerweise *) Weitere Artikel über die Alpenstrassen siehe Beilage: «Unsere Bergstrassen». am Pferdepostbetrieb festhielten-, während man in unsern Nachbarländern bereits zur motorischen Traktion übergegangen" war und damit ansehnliche Gewinne erzielte. Erst 1927 ist ja Qraubünden dem Motorfahrzeug eigentlich geöffnet worden. Heute bilden die Alpenstrassen einen wesentlichen Faktor im schweizerischen Wirtschaftsleben, in dem das Defizit der Handelsbilanz auf mehr als eine halbe Milliarde angewachsen ist und der Automobilfremdenverkehr der einzige Zweig des Fremdenverkehrs ist, der dauernd zunimmt. Man mag in der Rivalität zwischen Schiene und Strasse diese oder jene Stellung einnehmen, aber leugnen kann niemand, dass für einen grossen Teil des schweizerischen Fremdenverkehrsgebietes der Reiseverkehr eine Funktion der Strasse und deren Exponent das Automobil geworden ist. Für den Fremdenverkehr spielten die Alpenstrassen vor einigen Jahrzehnten allerdings eine nur unbedeutende Rolle. Was im Zeitalter der Romantiker für den Fremdenden Inbegriff der Schweiz verkörperte;* war die Anmut und Lieblichkeif von Htfgelland und Voralpen, und abgesehen von vereinzelten naturwissenschaftlich orientierten Hoch-, touristen stand ein weiter Kreis überhaupt in keinem Verhältnis zu unserm Hodiälpen- Iand — bis zu dessen Erschliessung mit unsern Alpenpässen. Und den Umschwung in nie geahntem Masse brachte erst die Renaissance im Alpenstrassenverkehr, dank dem Motorfahrzeug. Es lässt sich kaum in Prozenten ausdrücken, aber mit Sicherheit darf gesagt werden, dass fast alle ausländischen Touristen, die in der eigentlichen' Reisezeit die Schweiz aufsuchen, das Alpengebiet in ihren Reiseplan einbezogen haben. ' • In welcher Weise der Automobilfremdenverkehr in unserm Lande von Jahr zu Jahr zunimmt, das braucht an dieser Stelle nicht zahlenmässig belegt zu werden. Nur das sei erwähnt, dass die Zahl der nach der Schweiz eingereisten Automobile in zehn Jahren von 21,000 auf 265,000 angewachsen ist und dass nach den Berechnungen der Hotellerie im Jahre 1934 von den fremden Automobilgästen mehr als 100 Millionen Franken in der Schweiz zurückgelassen worden sind (Einzelheiten dieser Berechnung hat die «Automobil-Revue» seinerzeit ausführlich dargelegt). Es handelt sich heute für uns darum, den Zustrom der unser Alpenland aufsuchenden Automobilgäste nicht abflauen zu lassen und der Gefahr des Abgefahrenwerdens vorzubeugen. Von Depression und Wirtschaftskrise werden die Länder mit passiver Aussenhandelsbilanz ajn schwersten betroffen und damit das unsrige. in erhöhtem Masse, wo ein ansehnlicher Teil des Volksvermögens in Fremdenverkehrsobjekten und im Gasthausgewerbe investiert ist. Es hat keinen Zweck, Vogel Strauss zu spielen: Wir sind nicht mehr das Fremdenland par excellence, nicht mehr «das» Reiseland im frühern Sinne. Nicht bloss haben die Valutave»hältnisse einen Teil des Fremdenstroms von der Schweiz abgeleitet, sondern diese Ableitung hatte bei aber Tausenden die Erkenntnis zur Folge, dass auch andere Alpenländer Grossartiges bieten. Mittelbar hat dann diese Erkenntnis noch weiter geführt, dazu nämlich, dass die Schweiz nicht mehr, wie es früher tatsächlich war, mit ihren Gaststätten eine Monopolstellung einnimmt, sondern dass sich in vielen ausländischen, einst dem Tourismus und der Fremdenindustrie nur schlecht erschlossenen Gebieten relativ billige und dabei modern eingerichtete Gaststätten aufgetan haben. Das alles gilt im besondern für den Automobilfremdenverkehr, der nicht ein Reservatrecht, der obern Zehntausend geblieben ist, sondern sich demokratisiert hat, dem die Zukunft gehört und dessen Repräsentanten für das Fremdengewerbe um so wertvoller sind, als sie häufig den Qrt wechseln und keine Preisermässigung beknspTtt,chen. Und wenn ;tiun diese Leute die Erfahrung machen, das'i itfdem uns umgebenden Ausland das Alpengebiet viel besser erschlossen ist als in der Schweiz, so werden sie daraus die Konsequenzen ziehen. Das dürfen wir ja in ehrlicher Ueberzeugung kundgeben: an landschaftlicher Schönheit steht die Schweiz einzig da. Das kann uns, wie seinerzeit Herr Minister Stucki sagte, das Ausland nicht «nachmachen». Aber wir müssen dafür besorgt sein, dass der Fremde die Zufahrt zu diesen Schönheiten nicht zu teuer bezahlt. Zu teuer — das heisst durch die Notwendigkeit, sich unzulänglicher Strassen bedienen zu müssen. Man kommt unwillkürlich immer wieder in die alte Tonart: mit seinen Riesenaufwendungen für Strassenbau gräbt uns das Ausland das Wasser ab. Wir schauen mit gebundenen Händen zu und lassen Jahre verstreichen, bis der in der Alpenstrasseninitiative niedergelegte Volkswille sich (praktisch auswirkt. Ein neuzeitlich ausgebautes Alpenstrassennetz ist aber nicht bloss von wirtschaftlicher Bedeutung in dem Sinne, dass es den Hauptanziehpunkt für den Automobilfremden bildet (wie übrigens auch für den mit der Bahn Eingereisten, der sich dann unserer Alpenposten bedient), sondern es wird dadurch der schweizerische Automobilist veranlasst, Weniger oft den guten Alpenstrassen des Auslandes zuzustreben, die Dolomiten Dolo- Wir berichten heute Rapperswiler Seedamm. Querschnitt. Ober: Die Rennen vom Wochenende. Verkehrsflug von 800 km/h. Unrundlaufende Räder. Unsere Bergstrassen. Bilder: Seite 8. miten sein zu lassen und sich an der Schönheit des eigenen Alpenlandes zu freuen, was man gar nicht etwa aufs Gemütvoll-Patriotische hinauszuspielen braucht, sondern aufs rein Materielle. Denn das nicht ins Ausland getragene Geld bleibt im Lande, hilft also mit zur Verminderung der Untgrbilanz im Handelsverkehr. Und noch etwas' weiteres: Vermehrter Alpenstrassenverkehr trägt ein Gewisses bei zur Beschäftigung der. schweizerischen Automobilindustrie. D6nn was an Gesellschaftswagen auf unsern Alpenstrassen verkehrt, ist zum grossen Teil Erzeugnis einheimischer Arbeit. Wenn somit der Zustand unserer Alpenstrassen in Beziehung gesetzt wird zur Frequenz des Fremdenbesuches, so darf auch an die Auswirkung der Offenhaltung des Juliers erinnert werden. Auch hier wollen wir nicht bereits früher gegebene Zahlen wiederholen, aber feststellen, dass wir auch auf diesem Gebiete durchhalten müssen, da auch im Ausland die ganzjährige Offenhaltung von gewissen Alpenstrassen auf dem Programm steht. Wirtschaftlich von grosser Bedeutung ist auch die möglichst frühzeitige Oeffnung unserer Alpenstrassen (leider wird gerade in diesem Jahre die Räumung durch die abnormen Schneeverhältnisse erschwert). Denn darüber muss man sich völlig klar sein, dass den Hauptanziehungspunkt für unsere Automobilgäste die Alpenstrassen bilden. Die andauernde Zunahme des schweizerischen Automobilfremdenverkehrs aber ist der erfreulichste Posten der. Rechnung auf der Aktivseite, und in einem Lande, dessen Hauptexport in der Einreise fremder Besucher besteht, sind alle Massnahmen zu unterstützen, die diese ansteigende Bewegung im Flusse erhalten. 0 F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. Der Roman einer Leidenschaft. Von Karl Rosner. (1. Fortsetzung.) Elke-Maria, dachte er. Elke-Maria i — stand dann jäh auf — sah, wie er um sich blickte, die hingelegte Zigarette, von der ein Rauchfaden in leisem Schwingen steil aufwärts stieg — griff sie auf und ging festen Schrittes auf die Tür. Er öffnete — Draussen, in seiner Arbeitsecke, die in dem Ausstellungssaale durch eine Art von offener Brüstung abgeschlagen war, hinter seinem mit Büchern, Stichen und Mappenwerken überladenen Tische sass Simon Marane. Klein, vorgebeugt und wie in sich zerdrückt und unförmig verkauert hockte der armselig verwachsene Körper auf dem in rotem Samt prunkenden Florentiner Sessel. Die langen muskellosen Arme Waren auf der Platte vorgestreckt und einschliessend, besitzergreifend um ein grosses Buch gebreitet. Wie er jetzt wartend und mit einem Ausdruck von angstvoll gespannten Fragen die dunklen Augen unter den schweren Lidern zu Joos Utenhoven hob, war es, als stünde nur dieses schmale, fremdartige Gesicht, das aus sich selber schimmerte wie altes gelb gewordenes • Elfenbein, über dem Wall von Büchern und Papieren. Mitten im Saale blieb Joos Utenhoven stehen, ein Zögern fiel ihn plötzlich hemmend an — Prüfend sah er längs der Reihe der Bilder an den Wänden und an den Sockeln mit Skulpturen hin. Ein Bild — der kleine musizierende Engel des Gaudenzio Ferrari — schien ihm ein wenig schief zu hängen; und während er darauf zutrat und an dem Rahmen rückte, sagte er beiläufig: «Duveen, New York, interessiert sich jetzt doch für den Romanino — ich habe eben diktiert —» Keine Antwort. Er blickte um, wandte sich dann, kam auf den anderen zu: «Sie lesen, Doktor?» Kaum, dass sich das bleiche wartende Gesicht bewegte: «— ich habe nur ein Buch vor mir —» Joos Utenhoven stiess ein kurzes Lachen vor: «Also —?» «—*• aber ich lese nicht —> «Wieder einmal sophistisch eingestellt?> Der kleine Doktor schwieg. Aber Joos Utenhoven gab nicht nach: «— oder wollten Sie damit etwas Bestimmtes sagen? Sie werden zugeben: es klingt doch immerhin reichlich hintergründig —?» Simon Marane hob die seltsam flache, langfingerige Hand aus der Handwurzel ein klein wenig an: «— nichts anderes, als was ich. sagte —» Er schwieg, er schluckte, meinte gleichsam vor sich hin: «— wir alle tun nicht immer das, was wir zu tun scheinen—» Jetzt stand Joos Utenhoven knapp vor dem Tische. Und während er den glimmenden Rest der Zigarette sorgsam am Rande einer kleinen Schale zerdrückte, streifte sein Blick über die bleichen, zu einem beinahe visionären Ausdruck angespannten Züge des kleinen Doktors hin. Irgendwie war der Anblick — war die Stille ihm mit einem Male unerträglich. Er fühlte wieder, wie so oft in diesen Jahren der Gemeinschaft, scharf, scheidend diese tiefe innere Wesensfremdheit zwischen sich und seinem Mitarbeiter. Und er dachte: Weiss Gott — manchmal könnte einem dieses alberne, talmudische Getue wahrhaftig auf die Nerven gehen. Der blödsinnige Ministerialrat Negendau mit seinem breiigen Gerede fiel ihm wieder ein. Er warf den Kopf zurück: Fehlte ihm jetzt gerade noch —! Aber der Doktor war ja vorhin schon so merkwürdig gewesen — gerade so, als ob er etwas auf dem Herzen hätte.