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E_1935_Zeitung_Nr.055

E_1935_Zeitung_Nr.055

BERN, Dienstag, 9. Juli 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N» 55 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Aasgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicheruns) vierteljahrlieh Fr. 7.50 Zusammenhange Ueber die inneren Zusammenhänge zwischen der Belastung des Motorfahrzeugs und dem Gang des Automobilisierungsprozesses ist schon reichlich viel Tinte geflossen. Und immer blieb die Erkenntnis zurück, dass Unter den Faktoren, welche die Entwicklung des Automobilwesens in positivem oder negativem Sinne beeinflussen, der Appetit des Fiskus mit an erster Stelle steht, eberlso wie sich stest von neuem die Einsicht aufdrängte, dass dieser Appetit meist mit dem Essen kommt. Es hat schon etwas auf sich: man kann die Katze nicht waschen, ohne sie nass zu machen. Und man kann der Staatskasse keinen neuen Geldstrom zuleiten, ohne den Bürger — in diesem Fall den Automobilbesitzer — zu einem Griff in seinen Beutel zu zwingen. Die Frage ist dabei einzig, wie weit oder tief dieser Griff gehen soll und darf, um zu vermeiden, dass der Staat sich ins eigene Fleisch schneidet. Ein Allzuviel kann auch hier ins gerade Gegenteil dessen ausschlagen, was erstrebt ward. Für die Erhärtung der Tatsache, dass eine konsequent durchgeführte Befreiung des Motorfahrzeuges von Steuerlasten nicht nur dem Automobilwesen, sondern auch andern Wirtschaftszweigen-neuen Auftrieb verleiht, liefert Deutschland ; ein Schulbeispiel. Es bildet geradezu den Prototyp jener Richtung, welche im Auto nicht das Steuerobjekt, vielmehr einen Wirtschaftsfaktor erblickt, der aktiven staatlichen Interesses würdig ist. Hitlers Ausspruch, die Mühlen des Fiskus dürfen nicht an der Quelle, sie müssen vielmehr möglichst weit flussabwärts aufgestellt werden, um dem Gegenstand der Besteuerung die Möglichkeit der Entwicklung zu gewähren, charakterisiert bildhaft genug die Neuorientierung unseres nördlichen Nachbars gegenüber dem Motorfahrzeug. Dem Wort folgte die Tat: Befreiung der nach dem 31. März 1933 in Betrieb genommenen Personenwagen von der Verkehrssteuer, Ablösung der Steuer auf Altwagen. Eine weitere Verordnung räumt Handel und Industrie das Recht ein, die Kosten der Anschaffung von Ersatzstücken und neuen Bestandteilen vom steuerpflichtigen Einkommen abzuziehen. So ungewöhnlich, ja revolutionär die Massnahmen berühren mögen, an Erfolg hat es ihnen nicht gefehlt. Von 41 000 im Jahr 1932 ist die Zahl der Verkäufe von Personenwagen auf 131000 im Jahr 1-934 gestiegen, sie hat sich also mehr als verdreifacht. Gleichzeitig Die Versuchung des Joos Utenhoven. VOM Karl Rosner. (7. Fortsetzung.) Der Kommissar nahm ihm das Wort vom Munde: «— dass man türmt —?» Antworten? Antworten darauf —? Gab es da Brücken — gab es da die Möglichkeit, das alles diesem Menschen zu erklären — sich mit ihm zu verstehen? Er schüttelte den Kopf — er schwieg. Pas Fräulein Lissy Erler aber sagte leise, da sie der Blick des Kommissars jetzt wieder traf: «Das hat er aber dann doch nicht getan. Und ich — ich bin dann durch die Zimmer — und habe sie gesehen —» «Sie sind ein tapferes Mädchen, Fräulein Erler.» Sie aber schüttelte den Kopf, dass ihr die vorbrechenden Tränen um die Wangen sprühten: nein — nein — sie war nicht tapfer — Angst war es gewesen, Angst und Grauen. Zum erstenmal, dass sie den Tod gesehen hatte, diesen Tod — Kaum weiterreden konnte sie — Stiess vor; «Er war dann wieder neben Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage • .Autler-Feicrabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postchech III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 wuchs die Zahl der in der Automobilindustrie Beschäftigten von 34 000 auf 90000. Was dem Fiskus durch die grosszügigen Steuerbefreiungen entgangen ist? Nichts! Im Gegenteil, die Breitenentwicklung des Motorisierungsvorganges hat ihm sogar 3 Mill. Rm. mehr eingebracht, denn sank einerseits der Erlös aus den Verkehrssteuern von 1933 auf 1934 um 14,8 Mill. Rm., so erhöhte sich das Erträgnis der Betriebsstoffsteuer und des Alkoholmonopols um 17,7 Mill. Rm. Doch das ist nicht alles, denn selbstverständlich hat auch die Wirtschaft als solche ihren Nutzen aus der rasch fortschreitenden Automobilisierung gezogen. Dazu gesellt sich noch die Entlastung des Arbeitsmarktes, die ebenfalls einen Millionenbetrag darstellt, und die Verbesserung der Steuererträgnisse. In der deutschen Automobilindustrie finden heute 600 000 Arbeiter und Angestellte ihr Auskommen. Als eine der ersten hat übrigens die italienische Regierung mir — und hat gesagt: genau so hätte er sie auch gefunden, wie er gekommen sei —» Herr Köpke nickte: «— ja — und dann?» «— dann habe ich den Hausbesorger angerufen — und wie er da war, gleich darauf in dem Geschäft Herrn Utenhoven —» «Schön, alles andere wissen wir.» Auf dem Schreibtisch surrte leise der Wecker des Telephons. Gleichwie aus einer anderen Welt kam dieses Mahnen in die angespannte Stille. Schon war Joos Utenhoven vorgetreten, wollte auf den Apparat zugehen, da hob Herr Schwieger ablehnend die grosse weisse Hand, das deutete: vorbei — auch hier haben jetzt wir allein das Wort — Er legte seine Feder sorgfältig beiseite und hob den Hörer ab, die Stimme war voll einschmiegsamer Höflichkeit: «— bei Utenhoven — bitte?» — «Frau Utenhoven — nein — können Sie leider jetzt nicht sprechen. Aber wer ist dort, wenn ich fragen darf? Und kann ich etwas bestellen?» — «Hertwig? Frau Cläre Hertwig — wegen der Theaterkarten für morgen abend?» — «Herr Utenhoven hat vorhin bei Ihnen angerufen —? Ja — einen Äugenblick —» Nun, das war sicher harmlos und ohne Belang. Und damit winkte der Herr Schwieger mit freundlichem Augenzwinkern jetzt doch die Notwendigkeit freierer Entwicklung des Automobilwesens als Mittel zur Belebung der gesamten Wirtschaft erkannt. Seit mehreren Jahren schon wendet sie ihr besonderes Augenmerk auf die Stimulierung des Erwerbs neuer Wagen, wobei auch sie den Weg der Erleichterung der fiskalischen Lasten beschreitet. Darunter fällt der Verzicht auf die Erhebung der Verkehrssteuer bei fabrikneuen Wagen, die nicht mehr als 12 PS besitzen und deren Preis 12 000 Lire nicht übersteigt, für die Dauer von 12 Monaten, sowie die Reduktion der Steuer für Vierzylinderfahrzeuge. Anderseits haben Einzelpersonen oder Gesellschaften, die abwechslungsweise zwei Personenwagen benützen, wovon der eine eine Leistung von mehr als 18 PS aufweist, lediglich die Steuer für den stärkeren Wagen zu bezahlen. Schliesslich erhebt Italien auf Fahrzeugen von über 30 PS die Steuer nur bis zu dieser Grenze. Verraten diese Vorkehrungen auch eine erfreuliche Tendenz, so haften ihnen doch bis zu einem gewissen Grade die Merkmale des Fragmentarischen, des Tastenden an. Vergegenwärtigt man sich auserdem, dass der italienische Automobilist einen der höchsten Benzinzölle zu tragen hat, dann erklärt es sich auch, weshalb die Schritte Italiens nicht ganz so rasch zum Erfolg heranreifen wie in Deutschland. Damit sollen die von Weitblick zeugenden Tatsachen des Fascismus im Gebiete des Kraftfahrwesens nicht im geringsten geschmälert sein. Ganz unzweifelhaft ging von den durch die Regierung dekretierten Erleichterungen ein starker Impuls aus, der sich in den nachfolgenden Zahlen widerspiegelt: Total der zum Verkehr zugelassenen neuen Personenwagen: 1932: 19 318 Einheiten 1933: 27 855 Einheiten 1934: 30153 Einheiten Für das Jahr 1934 ergibt sich somit, bezogen auf 1933, eine Zunahme um 8,25 %, im Vergleich zu 1932 eine solche von 56%. Fassen wir zusammen: Die Entwicklung der Dinge in Deutschland und Italien bildet eine Bekräftigung unserer eingangs aufgestellten These, dass ein Abbau der auf dem Automobil ruhenden Lasten ohne Beeinträchtigung der fiskalischen Interessen möglich ist, dass ein solcher Schritt zudem auch die allgemeine Wirtschaft befruchtet, indirekt somit dem Staatshaushalt zu einer Einnahmenvermehrung oder Ausgabenverminderung verhilft. Dass auch die wirtschaftliche Lage eines Landes die Intensität der Automobilisierung mitbestimmt, versteht sich am Rande. Krisenluft hemmt die Ausbreitung des Motorfahrzeuges, und umgekehrt ruft eine Reaktivierung des Wirtschaftslebens in der Regel auch einer vermehrten Aufnahmefähigkeit des Automobilmarktes. England und — wenn man will — auch Amerika lassen sich hier als Proben aufs Exempel verwenden. Im britischen rnselreich wuchs 1934 der Bestand an Personenwagen um 23,8%, gemessen am Jahr 1933 und um volle 48 % im Vergleich mit 1932. Nicht dass diese sprunghafte Aufwärtsbewegung als Resultat einer besonders generösen Behandlung des englischen Automobilisten gedeutet werden dürfte. Vielmehr muss sie einzig auf das Nachlassen der Krise zurückgeführt werden. Dieser Wendung zum Bessern ist es auch zuzuschreiben, dass seit 1932 auf den Strassen Grossbritanniens wohlgezählte 73 681 neue Personenautos mehr verkehren. In richtiger Würdigung des Autos als Wirtschaftsträger widersteht die Regierung der Versuchung, aus dieser Konjunktur Kapital zu schlagen; sie scheint im Gegenteil gewillt, auch ihrerseits den neuen Aufschwung zu unterstützen, hat sie doch die Automobilsteuern vom 1. Januar 1935 an um 25 % gesenkt. Was Amerika anbelangt, so buchte es 1934 eine Personenwagen-Verkaufsziffer, die um 72 % höher lag wie 1932. Der Beginn dieser aufsteigenden Bewegung fällt zeitlich mit dem Inkrafttreten der National Recovery Act zusammen. Freilich reicht der 1934 erzielte Umsatz noch bei weitem nicht an die Rekordziffer von 1929 mit ihren 3,8 Millionen. Joos Utenhoven her, bot ihm den Hörer hin. «Frau Cläre — ? Ja, gewiss, ich habe angerufen — bat Euer Mädchen zu bestellen —: Elke-Maria hatte noch beim Frühstück vorgeschlagen, wir wollten morgen abend ins Theater — wie? — nein — ich bin nach Hause gerufen worden — ein grosses Unglück ist — ja — ja, sie ist erkrankt —. Sie hören noch von uns — von mir — aber ich kann mehr" nicht sagen, jetzt —» Den Hörer schob er dem Kommissar wieder zu, der Hess ihn sachte in die Gabel gleiten. Der Sanitätsrat Fränkel hatte alte wässerige Hundeaugen. Seine Finger strichen leis und zitternd dem Schlachtrosse des Colleoni über die Kruppe hin. Von gutem Mitgefühl ergriffen, dachte er: Grausam ist alles das —! Da geht er fröhlich und nichtsahnend aus dem Hause fort — ruft nachher noch bei guten Freunden an —. Und sie, die arme kleine Frau, freut sich noch auf den Abend im Theater — Herr Köpke sagte hart: «Herr Rave, muten Sie uns wirklich zu, zu glauben, dass die — die Verstorbene noch um halb neun zu ihrem Manne den Wunsch ausspricht, dass sie mit Freunden ins Vergnügen gehen wollte — und dass sie sich eine halbe Stunde darauf erschiesst —?» Nein — keine Antwort. Nur ein leeres INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Bp. Grössere Inserate nach Spezialtarit. Inseratenschluss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: . Die Postkonzession B. Die Rennen vom Wochenende. Katalog-PS, Brems-PS und Dauer-PS. Pragel- oder Wallenseestrasse? Bilder: Seite 8. Musste bislang Oesterreich unter jene Länder eingereiht werden, die das Automobil unter allen möglichen Titeln anzapfen —,mit dem Ergebnis, dass nach den in den beiden letzten Jahren dekretierten Erhöhungen der Benzin- und der Verkehrssteuern die Neuanmeldungen von 1932 bis 1934 um 24% zurückgingen — so ist nun in den letzten Wochen ein fundamentaler Kurswechsel eingetreten: Auf den 1. Mai hin hat die Regierung die Verkehrssteuer aufgehoben. Für die Bundesfinanzen bedeutet dieser Beschluss eine Einbusse von rund fünf Millionen Schilling. Sie wurde aber in Kauf genommen, weil man sich bei den Behörden der Einsicht nicht länger verschliessen konnte, der Ausfall werde durch den beträchtlich erhöhten Benzinkonsum und durch die Belebung der allgemeinen Wirtschaft, womit das Motorfahrzeug heute untrennbar verkettet ist, wieder wettgemacht. War dieser Boden einmal betreten* so folgte als logische Konsequenz ein weiterer Schritt in gleicher Richtung: die Herabsetzung der Versicherungsprämien. Mit dieser « Umwertung aller Werte » leitet Oesterreich eine neue Aera seiner Automöbilpolitik ein. Im Radikalismus der Lösung, die es sich zu eigen macht, reflektieren sich wohl auch die Irrwege, um nicht zu sagen das Fiasko seiner bisher gegenüber dem Auto betriebenen Fiskalpolitik. Soweit sich im Moment ein Urteil bilden lässt, geben die Tatsachen heute schon der Neuorientierung recht, dürfen doch die österreichischen Automobilfabriken bereits eine Steigerung der Aufträge für neue Wagen feststellen. Zahlreich sind zwar auch heute noch die Verfechter der Auffassung, der Automobilist sei gewissermassen von Hause aus ein reicher Mann und könne deshalb auch eine ins Uferlose getriebene Belastung mit Steuern und Abgaben aller Art ertragen, eine Mentalität, die heute etwas weltfremd anmutet und sich nur schwer mit dem wohlverstandenen Interesse des Fiskus wie der allgemeinen Wirtschaft in Einklang bringen lässt. Wieso? Dadurch, dass sie die Automobilhaltung in einer Art und Weise verteuert, welche die Rücken und Schüttern in der Schulter und am Leibe nieder, gleichwie als wollte einer in ohnmächtigem Versuche Fesseln und Stricke, die sich um ihn spannen und die ihn immer fester schnüren, von sich streifen. Der Kommissar drehte sich auf dem Absatz halb herum: «Kollege Schwieger — schreiben Sie doch die Adresse der Dame, die da angerufen hat, mit in den Akt. Herr Rave scheint doch die Absicht zu haben, uns zu einem Indizienbeweis zu zwingen — da kann man auch auf derlei nicht verzichten. — Herr Utenhoven, bitte —?» Und der nannte die Namen seiner Freunde: «Doktor Hans und Frau Cläre Hertwig, Westend, Ahornallee.» Wieder stand jetzt ein Sipo meldend neben Herrn Köpke: der Photograph Hesse sagen, dass er die Aufnahmen drüben beendigt habe, und er wolle wissen, ob er noch gebraucht würde? Und auch der Herr Gerichtsarzt hätte seine vorläufige Untersuchung abgeschlossen und möchte die Herren Kriminalkommissare sprechen. Zugleich auch kam aus dem Zimmer nebenan der Hall von Schritten, von gedämpften Stimmen, ein leises Klappern wie vor Hinsetzen von Kasten, Koffern oder Apparaten. (Fortsetzung im *Autler-Feierabend».)