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E_1935_Zeitung_Nr.056

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BERN, Freitag, 12. Juli 1935 Nummer 20 Rp. 31.Jahrgang - N° 56 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen breit und schwer und wuchtig Fred Rave zugewendet. Die Arme mit den sachte die Luft durchwiegenden flächig-grossen und seltsam weissen Händen stützten sich auf seine Knie. «Mörder —», sagte er nachsichtig ablehnend, «du lieber Gott — wenn ich schon höre: Mörder! Das ist doch auch nur so ein Wort — und die Frau wird davon nun nicht mehr lebendig, ob wir das Ding jetzt so nennen — oder so. Glauben Sie, dass wir blutdürstig sind? Nichts zu machen!» Ein wenig näher ritt er in kurzen Rucken mit seinem Stuhle auf Fred Rave zu, tippte ihn, der von all den Worten nichts zu hören schien, mit den Fingerspitzen der vorgestreckten Hand leise anstossend auf das Knie.: «— und überlegen Sie sich das doch mal: kann ja doch auch unter das Rubrum Totschlag fallen — sieht sich dann doch gleich anders an! Affekthandlung in verminderter Zurechnungsfähigkeit — nicht? Zehn Sachverständige können Sie dazu finden. Und vielleicht ist auch in der Familie einmal jemand krank gewesen! — Oder Sie sind gefallen? Ist doch schon viel besser —! Und was kann Ihnen da viel passieren? — Na — sagen Sie doch schon —» Wieder tippte die grosse, weisse Hand sanft aufmunternd gegen Raves Knie: «Hören Sie zu: Also —: Sie sind gekom- ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjahrlich Fr. 5.—, jährlieb Fr. M.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage ..Autler-Feierabend". Monatlich i mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse51, .Telephon 39.743 INS ER TIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Wann wird die Alpenstrasseninitiative dem Volke vorgelegt? Zwangsläufig ist es gekommen, wie es komöien musste. Am 4. Juli hat der Initiativausschuss einstimmig beschlossen, dem Gesamtkomitee Festhalten an der Initiative zu empfehlen. Am gleichen Tage hat die Oltener Konferenz im Anschluss an den Protest gegen die Benzinzollerhöhung die Initiative als das alleinige Gegenmittel bezeichnet und am Dienstag hat das Initiativkomitee selber mit folgender Resolution in lakonischer Kürze die endgültige Klarstellung geschaffen: «Das Initiativkomitee für den Ausbau der Alpcnstrassen und deren Zufahrtsstrassen versammelte sich am 9. Juli in Zürich und hat einmütig beschlossen, am Wortlaut der Alpensfrasseninitiative festzuhalten.» Näheres über die Verhandlungen wurde nicht bekannt gegeben. Es ist bei der Klarheit der Sachlage auch nicht nötig, und man kann wohl sagen, dass dieses Communique durch die nüchterne Sachlichkeit wohltuend absticht von jenem Kommentar aus dem Bundeshaus, der dem Volke die abnorme Benzinzollerhöhung mundgerecht machen sollte. Geradezu beschämend ist in jener bundesrätlichen Argumentierung die Irreführung, wenn der neue schweizerische Benzinpreis z. B. mit dem französischen verglichen und dabei unterschlagen wird, dass in jenen fünfzig Rappen Frankreichs die gesamten Motorfahrzeugabgaben, also auch die Verkehrssteuern, inbegriffen sind, während bei uns zu den 48 Millionen des Benzinzolls von 1934 (alter Ansatz!) noch rund 30 Millionen kantonale Verkehrssteuern dazukommen und wir zu den 42 Rappen des neuen Benzinzollansatzes auch fernerhin die kantonalen Verkehrssteuern zu entrichten haben. Frankreich hat den Benzinzoll vor etwa einem Jahre ebenfalls erhöht, und zwar um 50 französische Centimes = 10 Rappen, damit aber gleichzeitig sämtliche Verkehrssteuern aufgehoben. Ein ganz kleiner Unterschied! Aber, um mit Lichtenberg zu reden: die Welt hängt daran. Uebrigens beträgt der Benzinpreis in Frankreich heute nicht mehr 50 Rappen. An den Säulen findet man vermerkt, z. B. in St. Louis bei Basel, für den 5 Liter-^Bidon fr. Fr. 2.35, an andern Orten wie z. B. bei Metz, also weitab vom Seehafen, fr. Fr. 2.30, und der bekannte, regelmässige Kunde bekommt den Bidon für fr. Fr. 2.20, was auf den Liter 44 Rappen ausmacht. Dass ferner Oesterreich, von andern Ländern zu schweigen, die Verkehrssteuer abgeschafft und trotzdem den Benzinpreis auf 35 Rappen belassen hat, dass Italien, dass Deutschland in der Verkehrssteuer gewaltige, bis zur Steuerfreiheit gehende Erleichterungen geschaffen hat, das weiss der Bundesrat entweder nicht oder er unterschlägt es. Es väre eine Beleidigung anzunehmen, dass das erstere der Fall sei. Nehmen wir das zweite an, so stempelt die Tatsache, dass die genannten Neben- oder vielmehr Hauptumstände in den betreffenden Ländern nicht gleichzeitig mitgeteilt wurden, den bundesrätlichen Kommentar zu einem demagogischen Musterbeispiel. Und dennoch darf man zitierend beifügen: «Kein Meisterstück, Octavio!» Denn die Heranziehung der ausländischen Beispiele musste direkt verlocken, die bewusste Irreführung richtig zu stellen und auszurechnen, wie teuer wir in der Schweiz nun das Benzin bezahlen, .wenn wir die italienische oder österreichis'che Methode der sonstigen Steuerfreiheit als Faktor einbeziehen. Und da ergibt sich die mit keiner Rabulistik wegzudisputierende Tatsache, dass die Motorfahrzeugbelastung mit dem neuen Benzinzollansatz bei uns höher ist als in irgend einem andern Kulturstaat. Was aber in den weitesten Kreisen, nicht nur in denen der Betroffenen, besonders Anstoss erregt, ist die Art und Weise des bundesrätlichen Vorgehens. Das seit anderthalb Jahren in Aussicht gestellte Finanzprogramm ist nicht gekommen und die Zusicherung, es werde in dieser Saison bestimmt keine Benzinzollerhöhung verfügt werden, nicht ..gehalten worden. Gewiss kann sich jeder der Herren Bundesräte dahinter verschanzen, dass er nur einer von sieben ist. Wie so oft schon früher wird es auch jetzt geschehen, damit aber denjenigen wiederum recht-gegeben, die seit mehr als zehn Jahren, da der Kampf um den Benzinzoll einsetzte, jede bundesrätliche Zusicherung als wertlos bezeichneten und neuerdings erklärten, es werde bei den drei Rappen Erhöhung, die dem Gegenvorschlag des Bundesrates zur Alpenstrasseninitiative zu Grunde lagen, nicht sein Bewenden haben. Endlich ist nun heute auch bei den unverbesserlichen Optimisten das Zutrauen geschwunden.^ Bei all dem weiss nun überdies kein Mensch, ob in den 6,7 Rappen der neuen Benzinzollerhöhung die im Gegenentwurf des Bundesrates einkalkulierten 3 Rappen überhaupt inbegriffen sind. Würde die Initiative zurückgezogen und träte der Gegenvorschlag des Bundesrates in Kraft, so hätten wir eine Benzinzollerhöhung nicht von 6,7, sondern von rund 10 Rappen. Hat der Bundesrat, so fragen wir, den Mut, uns eine andere Interpretation mundgerecht zu machen. Wir würden auch dieser keinen Glauben schenken. Jedenfalls bestand niemals die Absicht, in den 6,7 Rappen die 3 Rappen einzuschliessen. Sonst hätte der Bundesrat in seinem Kommentar zur Benzinzollerhöhung dies ganz unzweifelhaft vermerkt und damit gewiss auch eine bessere Wirkung erzielt als durch den die Tatsachen fälschenden Vergleich mit ausländischen Benzinpreisen. Das alles aber ist ja von sekundärer Bedeutung, so weit die Alpenstrasseninitiative an und für sich in Frage kommt. Dem Initiativkomitee war seine Stellung vorgezeichnet durch den bisherigen Verlauf der Verhandlungen mit dem Bundesrat. Hat es die 3 Rp. Benzinzollefhöhüng des Gegenvorschlages, die gänzlich dem Alpenstrassenbau zu gute kommen sollten, rundweg abgelehnt, so würde es sich dem Fluche der Lächerlichkeit preisgeben und musste sich direkt geohrfeigt fühle, würde es nun die 6,7 plus eventuell die 3 Rappen schlucken. Die Gründe für die Beibehaltung. Es will uns scheinen, dass rein sachlich an der Initiative festgehalten werden muss : 1. Weil die Initiative das einzige Mittel ist, um die jetzige Benzinzollerhöhung rückgängig zu machen und weitere Benzinzollerhöhungen zu vermeiden, die wahrscheinlich kommen würden, da sich der Bundesrat für die Geldbeschaffung nun einmal auf das bequeme Prinzip des geringsten Widerstandes eingestellt hat. Davon ist jeder überzeugt, der die Geschichte der Bezinzollerhöhung in den letzten 12 Jahren mit all ihren. Enttäuschungeri, um nicht einen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen, miterlebt hat. Sind aber die 20 Millionen für den Bund einmal festgelegt, so hat der Bund kein Interesse an einer wirtschaftlich unbegründeten Höhe des Benzinzolles, und sollte er nach Annahme der Initiative wider Erwarten an den heutigen Ansätzen festhalten, so käme wenigstens die ganze Erhöhung sanit dem bisherigen 20 Millionen übersteigenden Plan dem Strassenwesen zugut, statt im unersättlichen Schlünde des allgemeinen Fiskus zu verschwinden. 2. Weil der als Gegenvorschlag zur Initiative gefasste Bundesbeschluss materiell ungenügend ist. Mit 7 Millionen jährlich können nicht einmal die notdürftigen Verbesserungen vorgenommen, geschweige denn moderner Ausbau und Neuanlagen finanziert werden. 3. Weil der Gegenvorschlag des Bundes einzig und allein von den Strassen im Alpengebiet spricht und die Zufahrtsstrassen damit grundsätzlich ausschliesst. Mögen einzelne Paßstrassen im veralteten Sinne erträglich genannt werden, die Zufahrtsstrassen sind zum grossen Teil absolut unzulänglich. Wir berichten heute über: Querschnitt. Der Grosse Preis von Belgien. Wir und die andern. Etwas über Rekordsucht. Vergleichsmessungen an Standard- und Stromlinienwagen. Neue Zeiten — neue Wege. Was lehrt die Zürcher Verkehrserziehungswoche? Bilder: Seite 8. 4. Weil der Gegenvorschlag des Bundes dem Bunde kein Recht gibt, den Bau gewisser Strassen gegen den Willen der Kantone zu verwirklichen. Der Bundesbeschluss beruht auf einem rein subventionellen System. Dagegen will die Initiative dem Bund das Recht und die Pflicht übertragen, für den Ausbau der wichtigen Verbindungsstrassen in der ganzen Schweiz, auch im Flachlande, zu sorgen. Nicht selber als Strassenbauer ! Aber durch seine Subventionierung soll er das Mitsprache- und Initiativrecht erhalten. Es soll nicht ein Kanton über die Linienführung einer internationalen Strasse bestimmen, deren Kosten das Hundertfache des kantonalen Steuereinkommens betragen. 5. Weil der Gegenvorschlag des Bundes den von militärischer Seite gestellten Anforderungen, auch was die dringlichsten Neubauten anbetrifft, in keiner Weise genügt. Im allgemeinen wäre noch zu sagen, dass es wirtschaftlich widersinnig ist, wenn der Bund den Kantonen die Strassenoberheit überlassen und gleichzeitig neue, durch Benzinzollerhöhung aufzubringende Mittel dem Strassenwesen entziehen will. Ausserdem wird von der Seite der Radfahrerverbände mit Recht festgelegt, dass die Radfahrer 4 Jahrzehnte lang oder mehr Fahrradsteuer entrichtet haben, ohne die Strassen abzunützen, aber auch ohne ihre Forderung nach dem Bau von Radfahrwegen erfüllt zu sehen. Nach ihrer und anderer Verkehrsbenützer Ueberzeugung ist die Verkehrstrennung durch die Erstellung von Radfahrwegen für die Verkehrssanierung und Unfallverhütung wichtiger als zehn schweizerische Verkehrswochen. Sie sehen aber keine andere Möglichkeit für die Anlegung eines schweizerischen Netzes von Radfahrwegen ausser in der Annahme der Initiative. Dasselbe gilt auch von den Bestrebungen für die Erstellung von Wanderwegen. F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. Von Karl Rosner. (8. Fortsetzung.) Und Rave, der nach diesem Ausbruch von Verzweiflung in eine wirre, zitternde Erschöpfung abgefallen war und jeden weiteren Kampf um sein Schicksal aufzugeben schien, deutete mit flatternder Hand auf Herrn Köpke und stiess matt, atemringend vor: «— so, und jezt kann mich dieser Herr ja wohl verhaften —» Der Kommissar hob nur die breiten Schultern an — und Hess sie wieder sinken. Das tat die Worte ab. Er fragte sachlich: «Wie kommen Sie zu der Pistole?» «Ich habe sie an mich genommen —» «Sie haben sie an sich genommen? Warum denn?» «Warum —? Immer noch keuchte diese abgehetzte Stimme in nachzitternder Erregung. »Ich weiss nicht — aber weil sie doch mir gehört —» Schweigen für einen Augenblick — nur von Joos Utenhoven ein leises Rühren. «Na also — dann sind wir ja einig —!» sagte Herr Köpke und traf, wie er zu dem Kollegen Schwieger hinüberblickte, in dessen freundlich und zufrieden strahlendes Gesicht. Aus dem Salon herüber kam wiederum dünn und silbern der Tropfenschlag der kleinen Bronzependule auf dem Kamin. Der Oberstabsarzt rückte sich gerade: «Pardon, die Herren, aber ich möchte mich jetzt empfehlen.» Und zu den beiden Kommissaren hin: «Mein Gutachten sende ich Ihnen schriftlich bis morgen früh.» Ein leises Anklappen der Schuhe, kurz und zurückhaltend neigte er den Kopf. Dem Sanitätsrat Fränkel drückte er die Hand. Dann war er fort. Der Sanitätsrat hüstelte diskret und sagte zögernd: «Verzeihen Sie, werde ich von den Herren noch gebraucht —? Nicht wahr — man hat doch seine Kranken —?» Und dabei dachte er in all seiner Ergriffenheit daran, wie er sich jetzt bei Frau Justizrat Goldbaum, wo doch der kleine Detlev Masern hatte, wegen des späten Komme'ns entschuldigen, und wie er ihr dann von dem Unglück und den aufregenden Dingen hier erzählen würde. Nein — er und Fräulein Erler hatten nur noch ihre genauen Adressen anzugeben, dann konnten auch sie gehen. Und jetzt, im letzten Augenblicke, fand das Fräulein Lissy Erler auch endlich die Gelegenheit, Joos Utenhovens Hand zu halten und ihm etwas zu sagen. Aber es war dann doch nicht so ergreifend schön und gelungen, wie sie es sich gedacht hatte. Grösser schien nach dem Fortgange der drei Menschen das Arbeitszimmer. Herr Köpke stand breitbeinig, stämmig vor dem Ledersessel: «Wollen Sie uns jetzt nicht ein bisschen sagen, wie das gekommen ist?» Wirr und verständnislos der Ausdruck im Gesicht des anderen — «— oder leugnen Sie jetzt noch immer?» «Was denn? Dass ich schuld bin —?» Der Kommissar stand unberührt: «Schuld? — was heisst schuld? — Wir wollen hier doch deutsche Worte reden— also: dass Sie die Frau erschossen haben —!» Da stiess Fred Rave vor: «Ich bin kein Mörder —!» Und Herr Köpke: «Sieht aber doch ganz reichlich finster für Sie aus!» Wiederum war es still. Da sprang mit einem Male eine neue, bisher kaum gehörte Stimme ein — vermittelnd war sie, war voll Wohlwollen und vertraulich-hilfsbereiter Güte. Herr Schwieger hatte seinen Stuhl herumgedreht und sass jetzt