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E_1935_Zeitung_Nr.068

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BERN, Freitag, 23. August 1935 Mit Beilage: Hygiene-Nummer Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 68 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. IC- Ausland mit PortozuscMag, wenn nicht postamtlicb abonniert Ausgabe B (mit gew. UnfaÜYerstch.) vierteljährlich Fr. 7.*O Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Pr. 7.50 Automobil und Hygiene *> Es gab eine Zeit — sie liegt noch nicht gar So weit zurück — da der Mediziner sich in Anbetracht der sprunghaften Entwicklung des \utomObMwesens schwere Sorgen um dessen lachteiligen Einfluss auf den menschlichen Organismus machte. Pessimisten unter ihnen jingen so weit, eine sukzessive Verkümmerung von Füssen und Beinen als Folge einer immer schwächeren Beanspruchung vorauszusagen. Rund 30 Jahre sind verilossen, seitdem las Automobil seinen General-Vormarsch im wirtschaftlichen und sozialen Leben angetreten hat. Die während dieser Zeit gesammelten Erfahrungen erlauben, die meisten damit zusammenhängenden Probleme hygienischer \rt als gelöst zu betrachten. In erster Linie sei darauf hingewiesen, dass ias Durchschnittsalter des Menschen seit der Jahrhundertwende ganz bedeutend zugenommen hat. Stand es damals zirka bei 52 Jahren, so sind es heute deren 63 in der Schweiz- Dieses hervorragende Resultat verdanken ivir verschiedenen Faktoren, z. B. dem Fortschritt, den die Medizin seither ganz allgemein gemacht hat und durch welchen sie aeute in der Lage ist, den Ausbruch von Epidemien fast immer im Keime zu ersticken, ferner die Fortschritte in der Säuglingspflege, welche eine bedeutende Verminderung der Säuglingssterblichkeit nach sich zog, dann der Aufklärungsarbeit der Versicherungsgesellschaften, um dem Menschen zu zeigen, wie er sich seine Gesundheit erhalten kann usw. Auf jeden Fall hat der Automobilismus diesem erfreulichen Fortschritt keinerlei Einhalt geboten; wir sind eher der Auffassung, dass er dazu sehr vieles beigetragen hat. Wohl widmen denn auch die Zeitungen den Verkehrsunfällen, den Statistiken über die Opfer der Strasse, spaltenlange Artikel, dagegen scheinen sie keine Ahnung davon zu haben, dass das schnelle Automobil jährlich Tausende von menschlichen Leben rettet. Ermöglicht es nicht jedem Mediziner, in dringenden Fällen bedeutend schneller einzugreifen, als dies vorher möglich war? Man darf ruhig annehmen, dass jeder Arzt aJlein dank dem Automobil in der Lage ist, jährlich 4—5 oder oft noch mehr Kranke oder Verunfallte dem sicheren Tode zu entreissen. Man denke nur an gefährliche, innere Blutungen, an Blinddarm-Entzündungen, Diphtherien, Magenperforationen - alles Fälle, die unweigerlich den Tod nach sich ziehen, wenn die notwendigen Vorkehrungen nicht unverzüglich getroffen werden können. Allein in der Schweiz gibt es rund 2000 Aerzte, die einen Wagen benützen, was nichts ) Weitere Artikel siehe Hygiene-Beilage Seite 17—28. F E U I L L E T O N Stürzende Zeit... Von Dr. Rene Guillermin. Erscheint Jeden Dienstag und:Ereitas Wöchentliche Beilage .,Autler.Felerabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenralnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 anderes heisst, als dass das Automobil jährlich 8—10,000 Menschen vor dem sonst sicheren Tod rettet.,Auch den Krankenwagen und Feuerspritzen verdanken manche Menschen ihr Leben, weil diese zur rechten Zeit zu Hilfe gezogen werden können. Was nun die Verkümmerung unserer Gehwerkzeuge anbetrifft, kann davon heute keine Rede mehr sein. War das Automobil früher ein Luxusgegenstand und dessen Besitz das Vorrecht der begüterten Klasse, so ist es inzwischen zu einem wirklich demokratischen Fahrzeug geworden. Zahllosen Menschen, die in der Stadt zu arbeiten gezwungen sind, ermöglicht es auf dem Lande zu leben; ein Faktor, der vom Gesichtspunkt der allgemeinen Hygiene betrachtet, nicht gering eingeschätzt werden darf, weil er eine Entlastung der grossen Zentren herbeiführt, die sonst zu den schlimmsten Herden ansteckender Krankheiten würden. Für weitaus den grössten Teil der Automobilbesitzer ist das Fahrzeug nicht ein Sports-, sondern ein Erwerbsobjekt. — Wer einmal darauf achtet, wie viele Automobile in der Nähe'der Strandbäder, Tennisclubs, Golf-Terrains, Turnhallen und Ski-- felder stationiert werden, weiss auch, dass der gesundheitsfördernde' Sport keineswegs vernachlässigt wird. Die Zahl jener Leute, deren hauptsächlichstes Vergnügen in endlosen Reisen und im Herunterrasseln einer möglichst grossen Anzahl Kilometer liegt, ist zu einem Minimum zusammengeschrumpft. Wenn auch Neulinge oder ganz junge Leute gerne mit ihren Fahrtempi Eindruck zu machen versuchen, so darf doch auch gesagt sein, dass diese Geistesverfassung meist von sehr kurzer Dauer ist. Die Angestellten, Reisenden, Kaufleute, freien Berufe und alle diejenigen, deren Lebensweise ausgesprochen sitzend ist, benötigen doppelt eine körperliche Betätigung während ihren Erholungsstunden. Das Auto ist ihnen dabei ein wertvolles Hilfsmittel, vorausgesetzt, dass sie sich dessen richtig zu bedienen wissen. Allerdings werden sie dabei allzulange Fahrten vermeiden und eher den Fuss eines Berges oder das Ufer eines Sees zum Ziel aus* wählen, wo sie unter Zurücklassung ihres «Schnellfüssers» sich dem Bergsteigen, dem Rudern, dem Schwimmen oder irgend einer anderen Sportart widmen können. Die Pessimisten befürchten ebenfalls eine Zunahme der Fettleibigkeit. Es ist schwierig, genaue Statistiken über das Gewicht verschiedenaltriger Leute aufzustellen; wir haben aber den bestimmten Eindruck, dass die «Doppelzentrigen» heute weniger zahlreich sind als früher. Man pflegt die Linie schon der Mode zuliebe. (Fortsetzung Seite 2.) Was ist Geschwindigkeit? Die Welt, einst riesengross, schrumpft im Sturmtakt des Motors zu einem kleinen Ball zusammen. Entifernungen schwinden, Kontinente rücken enger und enger aufeinander, — Geschwindigkeit — einst nur eine trockene Formel aus Gymnasialzeiten, ist heute der Sturmtakt des Lebens. Man steht auf der Strasse. Man geht von einem Baum zum anderen. Das Herz macht dreissig Schläge. Plötzlich zeigt sich ein Punkt weit am Ende der Strasse. Der Punkt wächst, brausend frisst er die Strasse, riesengross schlägt er an dir vorbei und — ist wieder Punkt am andern Ende. Und das Herz jenes Menschen, der an dir auf der Maschine spukhaft -vorbeigehuscht ist, tat auch dreissig Schläge. Aber zwischen dem ersten und dreissigsten Schlag lag ein hundertfach längerer Weg als der, den du früher von einem Baum zum anderen abgeschritten. Helle Vormittagssonne liegt freundlich auf dein Asphalt der Rennbahn. Die wuchtig überhöhten Kurven werfen Schatten auf die breite Bahn des Autodroms, die Arena der Automobile. Der Herr neben mir — ein bekannter Rennfahrer — macht liebenswürdige Gesten zu dem nebenstehenden Auto, das sich wie ein sprungbereites Tier duckt. Ich steige ein. Der Fahrer zeigt den hageren Sporttyp. Sehr ruhig, gemütlich setzt er sich eine gewöhnliche Hornbrille auf. Jetzt sitze ich. neben ihm. Heraus kann ich nicht mehr. Wir fahren auch schon. Einen Blick auf den Geschwindigkeitsmesser — sechzig Stundenkilometer zeigt er, kaum dass ich richtig sitze. Der Wagen läuft die erhöhte Kurve hinan, ein kleines Stück nur im Vergleich zu dem Mauerkonvex, der bis nahezu 90 Qrad ansteigt. Mehr Gas. Die Schnelligkeit wächst unheimlich. Das Knattern macht taub. Leicht Autostrassenprojekt durch den Simplon. Die rapide Entwicklung des motorisierten Strassenverkehrs stellte die moderne Verkehrswirtschaft innert wenigen Jahren vor vollkommen neue Aufgaben. Mit der Einführung des Explosionsmotors wurde nicht nur der Land-, sondern in ebenso umwälzendem Sinne auch der Seeverkehr auf eine neue Basis gebracht,, während der Luftverkehr sich direkt aus der neuzeitlichen Antriebsform entwickelte. Als vor rund 100 Jahren die Eisenbahn ihren Siegeszug antrat, hatte der Dampf mit ebenso grossen Hindernissen zu kämpfen, wie dies heute für das Oel und seine Derivate zutrifft. Parallel mit dem Ausbau der Schienenwege ging eine technische Entwicklung von gewaltiger Grosse, und zwar nicht nur auf dem Gebiete des Maschinenbaues, sondern viel weittragender noch sind die Leistungen, welche die Verlegung des Schienenkörpers umfassen. Blickt man auf die Entwicklung des Eisenbahnwesens zurück, so ist neben der Forscherarbeit auf dem Gebiete des Lokomotiven- und Waggonbaues auch an die grossen Taten der Signal- und Sicherheitseinrichtungen zu erinnern, an Chemiker und Forstleute, die aus dem Baumstamme die haltbare, jedem Witterungseinfluss widerstehende Holzschweüe schufen, an Steinarbeiter, die die Schotterung des Trassees zu einer eigenen Wissenschaft entwickelten, an Beleuchtungstechniker, an Fachleute des-JBrems- und Kupplungswesens und nicht zuletzt an\die grosse Armee der Eisenbahnarbeiter, Tunnel- und Brückenbauer. Gigantisch sind die Zahlen, welche in der Schienenstrasse verkörpert sind. Im Verlaufe von 100 Jahren wurden in Europa 420 000 km solcher eisernen Strassen erstellt, Asien hat es auf 135 000 km gebracht, Afrika auf 70 000 und Australien auf 50 000 km. Mit 600 000 km steht Amerika an der Spitze aller Kontinente. Dieser gewaltigen Arbeit ist es in erster Linie zu verdanken, dass das 19. Jahrhundert in starkem Masse von der Not der Arbeitslosigkeit verschont blieb. Ist es deshalb zu verwundern, wenn heute wieder die gleichen Hoffnungen in den motorisierten Weltverkehr gesetzt werden? Schon vor dem Weltkrieg, namentlich seit dem zweiten Dezennium dieses Jahrhunderts wurde die Monopolstellung der schwarzen Diamanten und der weissen Kohle vom expansiven Rohöl immer stärker unterhöhlt. Die gleichen Wirtschaftsfaktoren, die seinerzeit der Eisenbahn gegenüber dem ge- 1 bräuchlichen Transportsystem auf der Strasse zum Durchbruch verhalfen, stehen heute erneut zur Diskussion, und diese nämlichen Voraussetzungen stempelten das Motorfahrzeug zum Monopolbrecher. Der Aufstieg dieses noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts belächelten Verkehrsmittels war einzigartig und würde noch einen ganz andern Umfang angenommen haben, wenn ihm nicht in allen Ländern, zum Schütze der in den Eisenbahnen investierten Kapitalien, sehr rhythmisch pendelt der Wagen, ein wenig links und rechts. Der neben mir am Volant ist nicht gespannt, vorgeneigt wie ein Raubtier. Er lehnt ruhig im Sitz vor sich das Riesenlenkrad, das er in den Kurven kaum merklich dreht. Geschwindigkeitsmesser hundertdreissig. Wir kommen in den Kurven ziemlich hoch hinauf. Eine wahnsinnige Lust, schneller zu fahren und immer schneller, befällt mich. 160 — 170 — 175 ... Da stockt der Zeiger, kriecht nur langsam höher. Millimeter für Millimeter erobert er sich Platz, kämpft um jeden Strich. Mehr Gas! Rascher! Rascher! In den Kurven liegen wir in der Mitte der Ueberhöhung, verzerrt ist die Perspektive. Der Motor brüllt wie tausend Wasserkräfte. Der Mann neben mir sitzt ruhig. Die Luft sticht. 190 Kilometer! Was ist geschehen? Wir stehen, ja wahrhaftig, wir stehen! Auch der Motor schreit nicht mehr. Wir stehen. Aber Raum bricht über uns zusammen. Wie zugeworfene Bälle fliegen Bäume, Häuser, Himmel und Wolken INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Grosser Preis der Schweiz. Strukturwandliingen im Verkehr. Der Sternmotor-Rennwagen von Graf Trossi. Der Miller-Ford-Rennwagen. Eigenarten des Segelfluges im Hochgebirge. Benzinzollerhöhung, Alpenstrasseninitiative u. Arbeitsbeschaffung. Bilder: Seite 8. Hygiene-Beilage: Seite 17—28. drückende Einschränkungen auferlegt worden wären. Ueberall hat man die Macht des Automobils gehörig unterschätzt. Namentlich ist man viel zu spät an die Frage herangetreten, wie sich die bestehenden Eisenbahnanlagen eventuell dem neuzeitlichen Verkehr anpassen liessen. Heute, nachdem es zu spät ist, versucht man, wo noch tunlich, das Steuer herumzuwerfen. In diesem Kampf um die Vormachtstellung im Verkehrswesen haben sich die Eisenbahnen wie die industriellen Monopolisten benommen, die, gestützt auf ihre Macht, die zukünftige Entwicklung nach ihren Wünschen formen zu können glaubten. Am schärfsten wird dieser Kampf zwischen Schiene und Strasse wohl in unserem Lande ausgetragen. Während in den übrigen Staaten die grossen Richtlinien der Verkehrsteilung gegeben sind, stehen wir noch restlos am Anfang der neuen Lösung, und hieraus erwachsen der ganzen Volkswirtschaft täglich Millionenverluste. Instinktiv nehmen sich jedoch immer weitere Kreise des Problems an, zeigt doch die Verkehrsentwicklung in den Nachbarstaaten zur Genüge, dass wir uns auf dem besten Wege befinden, den Anschluss an den modernen Weltverkehr zu verpassen. Neben dem Postulat des Ausbaues unserer Alpenstrassen und ihrer Zufahrswege tauchen immer wieder Projekte auf, die das Alpengebiet in grosszügiger Weise erschliessen wollen, sei es mit Hilfe von neuen Strassen- oder Tunnelanlagen, sei es durch Umbau bestehender Eisenbahntrassees und Eisenbahntunnels für den motorisierten Strassenverkehr. Einen neuen Impuls haben die letzteren Bestrebungen durch die zur Diskussion gestellten Projekte eines Mont Blanc-Durchstiches erhalten, welcher unser Land von der grossen West-Ostverbindung London-Paris-Mailand-Konstantinopel-Indien ausschliessen würde. Aber auch die grosszügigen Ausbauarbeiten des französischen, italienischen und österreichischen Bergstrassennetzes, vor allem die kürzliche Eröffnung der Grossglocknerstrasse, haben da und dort gezeigt, dass ein längeres Festhalten an der ins Kraut geschossenen Kirch- auf uns zu. Wir sind ein beständiger Punkt in einem wirbelnden Chaos geworden. Die Zeit stürzt. Es gibt ja keine Zeit. So sicher stehen wir, und die Dinge kreisen um uns. 200 der Geschwindigkeitsmesser. Das bringt mich zur Besinnung. Wir müssen doch fahren! Nun kleben wir ganz oben an der Ueberhöhung. 220! Einen Augenblick weilt der- Zeiger. Dann sinkt er langsam, sorglich. Und auf einmal fahren wir wieder. Rasend schnell. Warum-wieder schneller? Nein, nicht schneller. Aber das Empfinden für Schnelligkeit haben meine Nerven wiederbekommen. Viele Runden noch ist der Wagen im Schwung. Und plötzlich stehen wir. Sonderbar — stehen auf zwei Füssen neben einem dampfenden Auto. Zeit ist wieder da — Raum ist da — Gott, wie weit ist es doch bis zur Kurve dort! Ich versuche, ein paar Schritte zu machen. Es geht. Fortsetzung des laufenden Feuilletons: «Die Versuchung des Joos Utenhoven» siehe Seite 2.