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E_1935_Zeitung_Nr.071

E_1935_Zeitung_Nr.071

BERN, Dienstag, 3. Sept. 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 71 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Untallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Festigkeit tut not! Mit dieser Devise schliesst die Eingabe der « Litra» an die eid'g. Räte. Und diese nämlichen Worte rufen wir euch Automobilisten zu, überzeugt davon, dass, wer immer unsere noch folgenden kritischen Ausführungen zum Inhalt der Litrabroschüre nicht nur vom einseitigen Eisenbahnerstandpunkt, sondern vom weitblickenderen eines am gesamten Verkehr Interessierten aus betrachtet, diesen Ruf aufnimmt und sein Möglichstes beiträgt zur Wahrung ureigenster und damit auch von Landesinteressen. « Irrwege der Gegner •» lautet der erste Abschnitt, in welchem es gleich mit Volldampf über die Automobilisten hergeht und zwar in folgender Form : « Dieser Unmut (wegen der jüngsten Benzinzollerhöhung) gebärdet sich um so massloser, als die seinerzeitigen Eingaben der Automobilverbände an die eidg. Räte den Bundesrat von den als notwendig erachteten -Massnahmen nicht abzuhalten vermochten.» Weil also die Automobilisten dem nimmersatten Moloch Fiskus ein energisches Halt entgegenrufen, werden sie vor dem ganzen Volk als Verräter angekreidet, ausgerechnet von den geistigen Vätern der «Litra», in deren Statuten von «einem angemessenen Verkehrsausgleich zwischen den Eisenbahnen und den übrigen Verkehrsmitteln, sowie von einer Anpassung unserer Verkehrswirtschaft an die sich ändernden wirtschaftlichen, technischen, hygienischen und sozialen Tatsachen und Notwendigkeiten » gefaselt wird. Qrössere Spiegelfechterei und skrupellosere Vertretung einseitiger Interessen ist man nicht einmal vom Eisenbahnerverband gewöhnt, um so erstaunlicher also von dieser über Parteien und Verbänden stehenwollenden Dachorganisation. Weiter kommt die Broschüre auf die mit der Benzinzollerhöhung zusammenhängenden Aktionen zu sprechen. Dem A.C.S. wird dabei 'die Berechtigung abgesprochen, sich wegen der ungleichen Behandlung von Einheimischen und Fremden bezüglich Benzinpreis zur Wehr zu setzen, mit der tiefsinnigen Begründung, dass «dieselben Verkehrsverbände sich seinerzeit nicht veranlasst sahen, gegen die gleichfalls einseitig zugunsten des Fremdenverkehrs vorgenommene Verbilligung der Personentarife der Bahnen Einspruch zu erheben». Hätten diese jedoch damals sich wirklich erlaubt, dem am Narrenseil herumgeführten Schweizervolk zu sagen, dass es nicht nur die Schulden der S.B.B, zu tragen habe, sondern daneben die höchsten 'Fahrtaxen aller Bahnen der Welt bezahle, F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. Von Karl Rosner. Neben dem Diener schritt Joos Utenhoven her. Durch schmale Gänge ging es wieder und über enge steile Treppen. Ihm war, er schritte da auf einem Schiff, auf einem Boden, der sich leise hob und senkte. Durch Korridore und gewölbte Warteräume führte ihn der Diener, vorbei an hundert zeitverbrauchten Türen mit vertretenen Dielenbrettern und abgegriffenen Klinken. Hall von verlorenen Schritten und von aufgelösten Menschenstimmen lag überall als wirres Tosen zwischen den Mauern rings gefangen. Joos Utenhoven dachte: Auskünfte — ? «— werden ersucht — sich zwecks Auskunftserteilung — gefälligst einzufinden —» Ja, was — was hatte dieser graue skurrile I Herr ihn denn gefragt —? Nichts — nichts —! Wirr s«ar er, spürte aufgerührt, dass seine 10.- Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .Autler-Feierabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION U.ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, 'Telephon 39.743 währenddem Ausländer auf den dem Schweizervolk gehörenden Eisenbahnen um ein Vielfaches billiger transportiert würden, hätte u.E. eine derartige Aufklärung unter dem Motto «Schuster bleib bei deinen Leisten » einen ungeheuren Proteststurm ausgelöst. Damit auch der T.C.S. nicht ohne ein blaues Auge davonkomme, wird an dessen Eingabe an den Bundesrat erinnert, die auf die Gefahren aufmerksam macht, welche dem schweizerischen Tourismus und der schweizerischen Hotellerie aus der durch ein allzustarkes Anziehen der Benzinzollschraube ausgelösten Abwanderung einheimischer Automobilisten ins benachbarte Ausland erwachsen könnten. Um dem angeblich landesfeindlichen Verhalten des T.C.S. die Krone aufzusetzen, heisst es in der Litraauslassung: < Logischerweise würde dazu auch die Feststellung gehören, dass es schon früher zur Hauptsache die Automobilverbände waren, die trotz den gegenüber der Schweiz höheren Benzinpreisen des Auslandes durch Veranstaltung von Gesellschaftsfahrten die Mitglieder animierten, ihre Ferien im Ausland zu verbringen.» Es sind sonderbare Käuze, die sich zu derartigen Feststellungen aufschwingen und geflissentlich übersehen,« -dass allerdings* der Automobilist, für dessen alte Tage nicht die Steuerzahler sorgen, der keine von der Verwaltung bezahlten Dienstkleider tragen kann, noch weniger mit Freifahrtscheinen die Heimat oder das Ausland zu bereisen Gelegenheit hat, wohl aber vom Bund und den Kantonen wie eine Zitrone ausgequetscht wird, seine Ferien tatsächlich teilweise ausserhalb der rotweissen Grenzpfähle verbringt, dass aber im Jahresbericht 1934 des Schweiz. Eisenbahnerverbandes auf Seite 222 folgender Aufruf steht: « Es ist im höchsten Grade bemühend, zusehen zu müssen, wie unsere prächtigen Ferienheime, die weder Mühe noch Kosten scheuen, um ihren Gästen den Aufenthalt so angenehm als möglich und finanziell erträglich zu machen, halbleer dastehen, derweil ein schöner Teil unserer Mitglieder sich im Ausland tummeln und dort ihr gutes Geld verbrauchen.» Kommentar überflüssig! Mit der Bemerkung: «Wie wenig hemmend übrigens der erhöhte Benzinpreis auf den Automobilverkehr im Inland einwirkte, konnte an den vergangenen Sonntagen auf unseren Hauptdurchgangsstrassen jeder unvoreingenommene Beobachter feststellen» glauben die Litraleute, bereits heute schon Rückschlüsse auf die Wirkung der erhöhten Benzinpreise Sicherheit durch all das ineinanderlaufende, zweideutige Gerede erschüttert war: Der Graue hielt den Rave nicht für schuldig — hielt den Beweis, dass gerade der es war, nicht für erbracht —. Und was — was wollte er mit all dem anderen Zeug —? Spiel — ? — wirklich nichts als leeres Spiel eines senil gewordenen Besserwissers. Oder glaubte er wirklich, dass vielleicht er — dass er — ?! Zwei — drei Schritte blieb er zurück hinter dem Führer, so wild schlug ihm das Herz. Menschen waren um ihn — wartende, hastende, «rufende Menschen. Und wieder dieser dumpfe, einengende Dunst von Angst und Elend — Jetzt lag ein Blick fragend auf ihm — da schritt er hinter diesem Menschen weiter. Und während ihn der Bote nach der grossen Treppe wies und da zurückblieb, sprang es wieder in ihm auf: — der Graue — woher scheint er mir nur so bekannt —? Wo habe ich die matten Augen, das überschmale, hagere Gesicht nur schon gesehen —? Halb zwölf schlug es soeben von dem Turme der Georgenkirche, als Utenhoven aus dem dunklen Torgewölbe des Polizeipräsidiums hinaus in das von mittägigem Lichte ziehen zu dürfen. Wer allerdings mit derartigen Behauptungen aufrücken will, sollte eine längere Beobachtungsdauer ins Feld führen können und nicht rein gefühlsmässig urteilen. Uns will im Gegenteil scheinen, der erhöhte Benzinzoll werde in seinen negativen Wirkungen schon jetzt fühlbar, weist doch der internationale Autotourismus, trotz verbilligter Brennstoffabgabe, auch im Juli a. c. einen Ausfall auf, denn in den ersten 7 Monaten des laufenden Jahres ist gegenüber der vorjährigen Parallelperiode ein Manko von rund 70 000 Logiernäohten zu verzeichnen. Trotzdem der Grosshandel wegen den zum Bersten gefüllten Benzinlagern bis anhin nur einen bescheidenen Rückgang in der Umsohlagtätigkeit zu verzeichnen hat (er dürfte ungefähr 10 Prozent betragen), melden die hauptsächlichsten Grenztankstellen einen Minderabsatz bis zu 50 Prozent. Im Mittel darf man mit einem 30 Prozent betragenden Minderkonsum im Vergleich zur Preisbasis von 36 Rp. pro Liter rechnen. Ueber die Auswirkungen des Bundesratsbeschlusses vom 25.(26. Juni 1935 wollen wir noch kein Urteil abgeben; wir behalten uns vor, die Bilanz im nächsten Frühjahr zu ziehen. Achtlos gehen die Verfasser der Broschüre auch am Rückgang des schweizerischen Motorfahrzeugbestandes vorbei. Völlig unbekannt scheint ihnen die Tatsache, dass Ende 1931 der höchste Motorfahrzeugbestand in unserem Land erreicht wur^e. Während 1933 bereits ein Rückschlag um '\2 000 Wagen zu Verzeichnen war und Ende' September 1934 (im 1 "Vergleich zu 1931) iihmpr noch ein Manko von 6000 Einheiten vorlag, dürfte sich dasselbe nicht nur bis anfangs 1935, sondern speziell bis Ende des laufenden Jahres unzweifelhaft vergrössern. Den Gipfel demagogischer Interpretationskünste leistet sich die Litra-Eingabe im 2. Abschnitt: x r « Grundsätzliches zur Höhe der Zollgebühren », wird darin doch das Kunstsstück fertiggebracht, das Benzin in die Gruppe der Luxusartikel einzureihen! Luxus nennen es diese Herren, wenn die Möglichkeit raschester ärztlicher Hilfe vom Gebrauch des Motorfahrzeuges abhängt; Luxus ist es, wenn Bauer und Gärtner mit dem Auto ihre Produkte zu Markt bringen; Luxus ist es auch, wenn der Handelsreisende seine Muster im Wagen mitführt; Luxus vor allem aber ist der Sommerund Winter-Postbetrieb der eidg. Postverwaltung; als Luxus werden die Fahrten der Arbeiter zur abgelegenen Arbeitsstätte bezeichnet; zu tiefst in die Hölle aber wird der auf der Strasse rollende werk- oder gewerbsmä'ssige Güterverkehr verdammt. Bestimmend für die Höhe der Zollansätze, wird ausgeführt, seien die Interessen der all- überflutete Gewoge des Alexanderplatzes trat. Und so laut war der Lärm dieses Getriebes, dass er die dunklen Glockenschläge, kaum dass sie niederfielen, in sich zerstampfte und zerrieb. Als eine anstürmende Brandung drang dieser Prall von hinhastenden Menschen, von Autos, Lastwagen, riesigen Omnibussen, das Hämmern der Elektrischen, das Rufen, Räderrasseln, das Stampfen schwerer Rammen von den Baugerüsten auf ihn ein, verwirrte ihn, traf ihn so jäh, dass er in dunkler Hemmung für einen Augenblick den Schritt verhielt und zögerte, sich diesem Trubel hinzugeben. Erst als einer der Schupos, die da vor dem Tore standen, fragend zu ihm hinüberblickte, überwand er das. Er warf den Kopf hoch und durchstiess sein Zaudern. Drüben, jenseits des Platzes, standen Autos. Schon war er im Begriff, die Hand zu heben und zu winken — da Hess er es: — wohin? — wohin wollte er jetzt —? Ziellos, leer, ohne Inhalt lag der Tag vor ihm. Und unklar war ihm, wie er sich jetzt von diesem betäubend lauten Strom der Menschen treiben Mess, als hätte er etwas versäumt, vergessen — als hafte er noch irgendwie an diesem riesigen roten Häuserklotze, INS ERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtaril. Inseratenschlnss 4 Taue vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Querschnitt. Grosser Deutscher Bergpreis. Stilfserjoch-Rennen. Wie bestimmt man Geschwindigkeiten? Bilder: Seite 8. Seite 10: Reminiszenzen zum Grossen Preis. gemeinen Volkswirtschaft, zu deutsch: diejenigen der Eisenbahnen. Das Schicksal der 35 000 in der Automobilwirtschaft beschäftigten Personen berührt die Litra-Leute, vorausgesetzt, dass die 31 091 Bundesbahnangestellten zu ihrer Sache kommen, nicht im geringsten! Das in den Motorfahrzeugen investierte: Kapital von rund 1 Milliarde Franken, ganz abgesehen von den in Fabriken, Zubehörindustrien, Reparaturwerkstätten und Verkaufsmagazinen arbeitenden Mitteln, scheint den nämlichen Kreisen, sofern die verlochten S. B. B.-Milliarden gerettet werden können, belanglos! Auch der mehr als 400 000 000 Fr. betragende Jahresumsatz aus Motorfahrzeugverkehr macht diesen neuzeitlichen «Verkehrsfachmännern » nicht den bescheidensten Eindruck! Wir bedanken uns dafür, den Parlamentariern als Luxustierchen, denen man das Fell beliebig über die Ohren ziehen kann, vorgestellt zu werden. Hoffentlich erinnern sich einige unserer Volksvertreter beim Lesen dieses Litra-Elaborates, dass selbst sie,sich dem Automobil nicht ungern anvertrauen und dieser oder jener stellt beschämt fest, zu den Luxuswagenbesitzern zu zählen. Die 69 744 Personenwagen, welche Ende September 1934 | in unserm Lande festgestellt wurden, repräsentieren nach Auffassung dieser Weisesten unter den Weisen : « 27 1 Benzin pro 100 km fressende Luxuswagen, die mit Leichtigkeit die sich aus der Zollerhöhung ergebende Mehrbelastung zu tragen vermögen — sonst sollen sie eben die billigere Bahn benützen »! Schon diese kleine Auswahl zeigt, mit wessen Geistes Kind wir es zu tun haben; wir betonen neuerdings, dass nicht diese einseitige,, unobjektive, den tatsächlichen Verhältnissen widersprechende Darstellung das Beschä-, mendste an der neuen Aktion gegen die Automobilisten ist, sondern Viel bedenklicher muss die von bürgerlicher politischer Seite erhalt tene Unterstützung berühren. der ihm im Rücken lag— als wäre da oben indem verbrauchten schmalen Zimmer zwischen den gelben wackeligen Büromöbeln etwas, das ihm jetzt fehlte — ein Stück seines Denkens, seines Wesens — zurückgeblieben. Unter der Ueberführung der Stadtbahn ging er durch. Ein Zug rasselte eben dröhnend, eisenklirrend darüber hin. War denn das immer so — ? Fremd schien ihm alle Umwelt — die Häuser mit den lauten Schaufenstern, die Menschen —•. Wie selten man in diese Gegend kam. Wie eine andere Stadt — ein anderes, Berlin war alles das — Die Königstrasse ging er hinunter. Gedränge überall um ihn. Farben und Gesten, die vorüberjagten. Fand sich, da er vor dem rostbraunen Ziegelbau des Rathauses, dort, wo die Strasse sich zum Platze weitet, abseit des Menschenstromes und gleichsam von ihm ausgeschieden und an diesen Strand geworfen, stillestand. Wusste mit einem Male, dass er die ganze Zeit, seit sich die Tür des Zimmers zwischen ihm und dem Doktor von Adriani geschlossen hatte, ohne sich selbst darüber klar zu sein, mit allen Sinnen diesen einen, einzigen Gedanken geschleppt, umspäht beklopft, behorcht hatte: — der