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E_1935_Zeitung_Nr.084

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BERN, Freitag, 18. Oktober 1935 Gelbe Liste Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang — N° 84 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-FR EISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.- , Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Aus der Mappe des Technikers Automobilreparaturen. . Ihre Bedeutung für den Fahrzeughalter. Die Reparaturen haben von jeher im Betriebskonto des Wagenbesitzers einen erheblichen Raum eingenommen und waren auch immer eine Quelle von Aerger und Verdruss für diesen und Ursache von Differenzen zwischen Wagenbesitzer und Reparateur, Wenigstens in Europa mit seinen schnellwechselnden zahlreichen Modellen und Typen. Da wir auf dem Kontinent die Gewohnheit haben, möglichst langlebige Fahrzeuge zu bauen, darf es nicht wundernehmen, dass sich bei uns immer eine ziemlich grosse Anzahl älterer, neben einer von Jahr zu Jahr wachsenden Zahl moderner Fahrzeugtypen im Gebrauch befindet. Welchen Einfluss dieses Gemisch versehiedenaltriger Typen auf Reparaturmöglichkeiten und Reparaturkosten hat, soll hier kurz auseinandergesetzt werden. Ersatzteilpreise. Die Normungs-, d. h. Vereinheitlichungsbestrebungen solcher Teile, welche an allen Wagen moderner Bauart wiederkehren, haben erst in den letzten Jahren zu abschliessenden Ergebnissen grösseren Umfanges geführt,, so dass zurzeit nicht nur bei uns, sondern in allen europäischen Ländern noch eine grosse Anzahl von Fahrzeugen mit ungenormten Teilen im Gebrauch ist. Müssen nun die Reparaturen in Fabrik- oder Privatwerkstätten verbrauchte Teile irgendwelcher Art ausgewechselt werden, so ist es für den Preis eines solchen Ersatzteiles von grösster Bedeutung, ob die reparierende Werkstatt oder die Ursprungsfabrik diesen vorrätig hat, wenn auch im rohen Zustand, oder nicht. Ist das betreffende Fach des Ersatzteillagers leer, muss also der Teil in Einzelanfertigung hergestellt werden, so fällt der Preis für dieses im Alleingang hergestellte Arbeitsstück um eine Mehrfaches höher aus, als wenn das betreffende Stück fertig von der Ursprungsfabrik oder vom eigenen Lager des Reparateurs bezogen werden kann. Das ist zwar für den Techniker und Fachmann selbstverständlich, für den Laien und Automobilbesitzer, der den hohen Preis eines solchen Ersatzteiles auf seiner Rechnung findet, aber Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .Autler-Feierabend". Monatlich 1 mal „Selbe Liste" REDAKTION U.ADMINISTRATION: Breitenralnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorerue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 sehr oft eine unangenehme Ueberraschung, die leicht zu Mißstimmungen und Reklamationen führt. Dass es selbst einer viel grösseren Reparaturwerkstatt oder einer gutgeleiteten Fabrikwerkstatt unmöglich ist, dauernd ein lückenloses Lager von Ersatzteilen für alle Typen zu unterhalten, die sie seit zehn und mehr Jahren auf den Markt gebracht hat,"ist bei näherem Nachdenken aber durchaus erklärlich. Ein solches Lager würde nicht nur zehntausende verschiedener Teile erfordern, sondern auch auf Jahre hinaus immobilisierte Werte enormen Umfanges darstellen, deren Unterhaltung sich kleinere und mittlere Werkstätten überhaupt nicht, und grosse Fabriken nur unter sehr schweren Opfern leisten können. Wohl ist es seit einer Reihe von Jahren bei jeder gutgeleiteten Fabrik üblich, dass von allen Teilen eines Fahrzeugtyps, welche dem Verschleiss und der Ermüdung unterliegen, bei der Serienfabrikation ein gewisser Prozentsatz von Ersatzteilen mit angefertigt wird, der auf Lager.genommen wird und den Reparaturwerkstätten zufliesst. Diese in der grossen Serie hergtellten Teile sind natürlich preiswert und werden auch ebenso preiswert abgegeben, so dass die Besitzer neuerer Modelle mit Ersatzteilen prompt bedient werden können. Aber der Umfang und die Unterhaltungskosten eines Fabrikersatzteillagers bringen es mit sich, dass eben doch, nach"'' und nach Lücken in diesem Lager entstehen,, die nur langsam und mit «erheblich höheren Gestehungskosten ergänzt werden'können, weil zu diesem Zweck häufig erst Abgüsse oder Schmiedestücke hergestellt und auf besonders umgestellten Maschinen einzeln oder zur Auffüllung des Lagers in kleinen Mengen bearbeitet werden müssen. Zur schnelleren Bedienung ihrer Kundschaft haben daher alle Fabriken von Bedeutung in ihrem Betrieb besondere Reparaturwerkstätten eingerichtet, deren gut ausgestattete mechanische Abteilungen die zur Auffüllung des Ersatzteillagers notwendigen Einzelteile unbeeinflusst vom übrigen Betrieb selbst herstellen. Aber auch hier vergeht Zeit, auch diese Arbeit ist teurer als die in der grossen Serie hergestellte, und es ist nichts Ungewöhnliches, dass die Lieferung so nachbestellter Teile 14 Tage oder länger in Anspruch nimmt. (Fortsetzung Seite 2.) Schweizerische Rundschau Schöne Worte — keine Taten. Letzten Dienstag versammelte sich der Verwaltungsrat der Schweizerischen Bundesbahnen, um die von, der Generaldirektion unterbreiteten Voranschläge für das nächste Geschäftsjahr zu behandeln. In der Diskussion über den Betriebsvoranschlag wurde die schwierige Finanzlage der S.B.B. auf die Tatsache zurückgeführt, dass infolge der Wirtschaftskrise und Automobilkonkurrenz die Transporteinnahmen seit dem Jahre 1929 bis 1935/36 um mehr als 100 Mill. Fr. zusammengeschrumpft seien. Der "Voranschlag für die Gewinn- und Verlustrechnung schliesst mit einem Fehlbetrag von rund 70 Mill. Fr. ab. Diese wenig erfreuliche finanzielle Perspektive unseres grössten Staatsunternehmens wurde vom Verwaltungsrat mit folgender Bemerkung begleitet: «Die unerfreuliche Entwicklung des Unternehmens zwingt uns, neuerdings und mit allem Nächdruck darauf hinzuweisen, dass der infolge der Wirtschaftskrise und der Automobilkonkurrenz eingetretene starke Rückgang unserer Transporteinnahmen um über 100 Millionen Franken es den Bundesbahnen unmöglich macht, das Gleichgewicht ihrer Rechnung aus eigener Kraft wiederherzustellen. Zur Senkung der Betriebsausgaben tun sie fortgesetzt, was in ihrer Macht liegt. Man sollte aber den Eisenbahnen auch dadurch helfen, dass man sie als öffentliche Unternehmungen, die im Interesse' der Allgemeinheit zahlreiche Opfer, zu bringen' haben; .gegen die schrankenlose' Konkurrenz besser Schützt. Es ist nach der Meinung des Verwaltungsrates (bringend notwendig, dass sich Bundesrat und Bundesversammlung unverzüglich mit der Neuordnung unseres Verkehrswesens und der Finanzlage der Bundesbahnen befassen, ferner mit der Herabsetzung der Ausgaben, soweit hierfür Massnahmen des Gesetzgebers erforderlich sind. » Aus obiger Vernehmlassung kommt wieder einmal mehr mit aller Deutlichkeit die Verärgerung der S. B. B. über die Verwerfung des Verkehrsteilungsgesetzes zum Ausdruck. Den geduldigen Sündenbock Automobilkonkurrenz holt man aus der Rumpelkammer hervor, damit er die Aufmerksamkeit von den bahnseitigen Unterlassungssünden ablenke. Was die Stellungnahme der Automobilisten und der Eisenbahner zu der am 5. Mai 1935 eindeutig verworfenen Verkehrsteilungsvorlage anbetrifft, so kann den hohen Verwaltungsräten der S. B. B. nur empfohlen werden, dm Verbandsorgan der eigenen Gewerkschaft nachzublättern, um sich über bestimmte Kampfmethoden zu orientieren; muss man doch eine INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtaril. Inseratenschluss 4 Taue vor- Erscheinen der Nummern Wir berichten heute , Ober: Querschnitt. Internat. Sportkalender 1936. Sweepstake-Lotterien zur Finanzierung von Rennen. Vor den Nationalratswahlen. Flugdieselmotoren. Autobahnen — Autopannen. Neuartige Dachkonstruktioneii. Die Automobilkarosserie im Wandel der Zeiten. Lupe zu Hilfe nehmen, um die an versteckter Stelle publizierten und ohne innere Ueberzeugung abgegebenen Stimmen für das Gesetz zu finden, die im «Eisenbahner» nur zwecks Wahrung des äussern Scheines der Neutralität veröffentlicht wurden. Die nämlichen Herren sollen aber auch im Verbandsorgan derjenigen Automobilisten blättern, die von der gesetzlichen Neuregelung am stärksten tangiert worden wären, ansonst das entschiedene Eintreten der Aspa für die Vorlage in Vergessenheit geraten könnte. Heute aber wird der Spiess umgedreht, werden die Kampffronten verwechselt, weil es doch recht bequem sein muss, das Motorfahrzeug für die missliche Situation verantwortlich machen zu dürfen. >, Beinahe ein halbes Jahr ist seit;der'Ab-i* Stimmung über das Verkehrsteilungsgesetz verstrichen. Der turmhohe Schuldenberg der S. B. B. wurde inzwischen wöchentlich um je : eine weitere Million Franken bis in Stratosphärenhöhe hinaufgetrieben. Die äusserst dringliche S.B.B.-Sanierung bewegt sich nicht nur auf der bekannt langen eidgenössischen Bank, sondern im ewigen Kreise herum, ohne Anfang und Ende. Hingegen werden mit der Dringlichkeitsklausel alle Aktionen zu Lasten der Benzinkonsumenten durchgedrückt, während die S.B.B.-Sanierung nach wie vor nur mit leeren Worten, beileibe nicht mit Taten, dem die Rechnungen berappenden Volke vorgegaukelt wird. Die Feststellungen des Verwaltungsrates der S. B. B., namentlich die Anklage gegen das Automobil, dürften kaum «zufällig» vor den eidgenössischen Wahlen veröffentlicht worden sein. Nicht gerade mannhaft zieht man über den Konkurrenten Blumenhölle am Jacinto. Von Ernst F. Löhndorff. Copyright by Carl Schünemann-Verlag, Bremen. (1. Fortsetzung.) Dios mio, Senhora, glauben Sie mir, die zierlichen puppenhaften Yoshiwaramädchen von Nippon sind schön wie Schmetterlinge! Es war eine, Mio-San wurde sie genannt, sie verdiente sich nach üblichem Brauche ihr Auskommen in dem Hause, das die « Ampel des Mondes » hiess und von uns Matrosen, an deren Händen das Blut unzähliger Seals klebte, viel besucht wurde. Weil wir es liebten, dass zarte Frauenhände uns streichelten! Mio- San hatte Finger, Senhora, wissen Sie, lange, schmale, spitze Finger mit Nägeln gleich glänzenden Kolibrikehlen, Und sie konnten streicheln! Senhora, ich denke oft an Mio-San, die ihre Aussteuer im Hause, das die «Ampel des Mondes » hiess, ^verdienen wollte, aber vorher an einer schlimmen Krankheit, die wir Matrosen von den breithüftigen Eskimowaihinis der Beaufortsee mitgebracht hatten, zugrunde ging. Deshalb bekam Pepita meine Milreis! » Die Frau hörte voll Staunen meine Rede an. Jetzt meinte sie: « Sie kamen weit herum. Und nun sind Sie Gummijäger. Ai Virgen! welch ein Leben! » Jemand schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser klirrten. An der Tür hielten zwei Mestizen sich umfangen und heulten wehmütig: «Adios, adios, el Ultimo adios! Adios, coqueta, mi amor! » Pepita liess die Saiten machtvoll ertönen und betrachtete mich mit sphinxartigem Ausdruck. La Ballenha begann wieder: «Bleiben Sie noch einige Zeit bei uns wohnen, Senhor! » « Kein Geld mehr! » rief ich kopfschüttelnd, und sie lächelte: « Lassen Sie sich das nicht anfechten. Später können Sie es ja bezahlen!» Meine Verwunderung bemerkend, erklärte sie: « Es ist nicht um Ihrer schönen Augen willen, Senhor — übrigens merkwürdige, stets wechselnde'Farben haben Ihre Pupillen —, sondern wegen Ihrer Erzählung. Sie scheinen viel herumgekommen zu sein und Mut zu besitzen. Zwei alte Kunden baten mich, gelegentlich einen solchen Mann zu finden! » Wieder war das Staunen an mir: «Wer sind jene? » Die Frau entgegnete: «Die Senhores Henderson und Willis. Orchideenjäger! » Dunkel erinnerte ich mich, einmal etwas über den sonderbaren und seltsamen Beruf der « Blumenjagd » vernommen zu haben, und nickte mechanisch. La Ballenha wartete nicht auf die Antwort, sondern beugte sich näher: «Womit vergleichen Sie mein Gesicht? Mit welcher Blume?» Voll Unmut sah sie an ihrem unförmigen Leibe herab, auf den dieser schöne, feinmodellierte Kopf verbannt war, und drängte mit Tränen in den Augen: « Nun, wird's bald? » Caracho! hätte ich beinah geflucht. Tränen in den Augen der Ballenha, die für die kaltblütigste Kuppelmutter Amazonas gilt? Der Wahrheit gemäss entgegnete ich: «Senhora, Ihr Gesicht gleicht einem alten, wundervoll zarten Intaglio, wie es vielleicht der grosse Leonardo verfertigt haben könnte.» « Schmeichler! » lächelte sie. Dann erhob sie sich, und noch nie war mir die Tatsache so stark bewusst, wie sehr sie ihren Namen La Ballenha, der Walfisch, verdiente als jetzt, wo sie schwerfälligen Ganges hinter die Theke schlingerte. Tobend prallte der Lärm der Zechenden gegen mein Trommelfell. Drei Tische weiter sass Pepita und baumelte mit den Beinen, deren Füsse in Schuhen steckten, für die ich eine ganze Handvoll Milreis bezahlt hatte. Noch immer sah sie mich mit den scheinbar leeren und doch so unendlich viel erzählenden Augen der Sphinx an. Wieder drehte ich mich um. Dort war die Theke. Neben dem einäugigen, gläserspülenden Benito stand La Ballenha. Nur ihr Kopf ragte über den hohen Tisch. Welch herrliches Profil! sagte ich mir. Sie sah herüber. Es war, als ob ihre Augen mir durch den Qualm der Zigaretten, durch das Gegröhl der Urwaldleute zuriefen: Ei Gummisucher, Abenteurer! du weiltest in seltsamen Gegenden und scheinst das Seltsame zu lieben! » Ich schaute wie gebannt hin, und meine Hand kam mit einem Glase in Berührung. Es war halbvoll. Und Cachassa drin! Gleich Feuer brannte das Gesöff in meiner Kehle, aber jene Augen, die mich halb anzogen und halb abstiessen, wusch das scharfe Getränk nicht weg! Schräg da hinten sass Pepita. Plötzlich schlugen ihre Finger volle dröhnende Akkorde. War das nicht Mio-San? Wieder schaute ich zur Ballenha. Verflucht, wie mir das alles bekannt vorkam! Ganz verschwommen, aber doch deutlich genug, um mir zu sagen, dass ich die gleiche Situation in den Abenteuern meines Lebens schon oft erlebt hatte. La Ballenha, Pepita, Mio-San und wie sie alle heissen, waren und sind eigentlich doch dasselbe. Alle! Alle! Und nun sollte ich Blumenjäger werden! Durch die Hilfe jener Frau mit dem Kopfe der Kamee. Plötzlich nickte ich gequält. Ihr Blick liess mich jetzt los, ein Lächeln umspielte die Lippen, und mich packte sekundenlanges Grauen, als sie hinter der Theke hervor ins Nebenzimmer ging. Das war gestern, und nun ist wieder heute! Tag! Rauch und Qualm! Fuselgestank, schrilles Gelächter. Draussen sengende Sonne. Ich sitze im Schankraum, denn ich warte auf Henderson und Willis. Die Welt der Töne, die mich umwogt, rauhe, prahlende Worte der Gummisucher, grelles Kichern der Mädchen und Klirren der Gläser — das alles erregt mich und ruft jene ganze blitzende Skala unsagbar trauriger und unerfüllbarer Sehnsucht in mir wach, wie nur der ruhelose, ewig wandernde Abenteurer sie kennt Denn die Männer, die augenblicklich den teuflischen Schnaps beinah-kübelweise hiriuntergiessen, haben den Geruch der Urwälder in ihren Kleidern, und die prächtigen Bilder der Wildnis durchschimmern ihre Unterhal-