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E_1935_Zeitung_Nr.080

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BERN, Freitag, 4. Oktober 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 80 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. ünlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Das Automobil — die Verkehrsgrundlage des abessinischen Krieges Der drohende Krieg in Abessinien wirft die Frage auf, ob und wie die Durchführung des italienischen Vorhabens überhaupt technisch möglich ist. Krieg bedeutet Bewegung, wofür Grundlagen, d.h. Bewegungsmöglichkeiten, vorhanden sein müssen. Der moderne Krieg soll möglichst schnell zum Erfolg führen. Das Tempo ist berechnet und muss mit dem industriellen Potential des Landes übereinstimmen. Ebenso wichtig wie die Bewegung an der Front ist der Verkehr in der Etappe. Die Verwendung von geländegängigen Automobilen, Tanks und Flugzeugen (als Truppentransporter und Tiefflieger) an der Front wird als bekannt vorausgesetzt und als rein strategische Tatsache übergangen. Uns soll hier nur das Verkehrsmittel interessieren, welches den dauernden Nachschub bewerkstelligt und damit den Frontkrieg ermöglicht. Alle Kriege der letzten Zeit — vom •deutsch-französischen Krieg 1870 bis zum japanischen Einfall in die Mandschurei — bauten auf dem Bestehen von Eisenbahnnetzen auf. So wird besonders der Weltkrieg in der Geschichte der Strategie als Eisenbahnkrieg .bestehen bleiben. Wenn Afrika ganz allgemein schon nicht reich mit Eisenbahnen ausgestattet ist, so ist gerade der heute beachtete Nordosten daran besonders arm. Abgesehen vom Sudan (englische Vorherrschaft) gibt es nur in der italienischen Kolonie Eritrea eine Eisenbahn. Diese führt in einer Länge von 250 km vom Hafen Massaua nach Westen, nach Asmara. Neuerdings baut man an der Fortsetzung dieser Linie in zwei Richtungen und zwar nach Omager und ^Agordat. Nach Fertigstellung stösst diese Strecke an beiden Zweigendpunkten auf. die äthiopische Grenze. In Abessinien selbst gibt es nur eine einzige Bahnlinie. Diese ist 800 km lang und'führt vom französischen Hafen Diibouti über die Diredawa nach der Hauptstadt Addis Abeba. Erscheint jeden Dienstag und Freitag ' Wöchentliche Beilage .Auller-Felerabenii'-. Monatlich 1 mal „Gelbe Uste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Ein einziger Fluss ist vorhanden, der schiffbar gemacht werden könnte. Es ist der Sobat, ein Nebenfluss des Weissen Nils. Da aber heute am Endpunkt seiner Schiffbarkeit in Gambela gar keine technischen Einrichtungen vorhanden sind, so dürfte es zu Spät sein, den Hafen in Kriegsbereitschaft zu versetzen. Keinem der beiden Kriegführenden kann dies Verkehrsgesetz genügen. Immerhin ist Italien beim Anmarsch durch die Lage seiner Bahn, günstiger gestellt. Die abessinische Bahn hat für den Frontkrieg gar keine Bedeutung, da sie in allzu grosser Entfernung von der Grenze verläuft (800—1000 km). Die •Bahn dient hauptsächlich der Versorgung des .Landesinneren. Ihr Besitz wird daher erst in einem späteren Zeitpunkt wichtig, dann aber für Aethiopien entscheidend. Abessiniens Verkehrsmittel stellen mit Ausnahme von 1300 Automobilen heute noch die grossen Karawanen dar. Sie werden meist von Tragtieren, wie Kamele und Maultiere, sehr selten von Karren und oft noch von Kopfträgern gebildet. Darauf kann eine moderne' Kriegsführung nicht aufbauen. Italien steht vor der Aufgabe, riesige Entfernungen zu überwinden, ohne sich eines vorbereiteten Verkehrsweges bedienen zu können. Diese Aufgabe kann es nur mit dem Automobil lösen und das auch nur unter .Zuhilfenahme besonderer Methoden. "~ ""^'" Eine italienische Militärzeitschrift (Nazione Militaria) veröffentlichte vor kurzem ein Planschema, welches den Aulbau des italienischen Etappenverkehrs zeigt. Danach unterscheidet man jeweils zwei Basen und zwei Linienorte. Die Vorbereitungsbasis (also Nr. 1) liegt demnach in Italien selbst, die Hauptbasis (Nr. 2) in den afrikanischen Häfen Massaua und Magadiscio. Von da werden die Waren und Waffen in entsprechender Form verpackt und verteilt und an die Ausgangspunkte des Krieges (sog. 2. Linie) versandt. Dazu bedient man sich in Eritrea der Eisenbahn, während im Somaliland hier bereits der Motorverkehr einsetzen muss. Von der 2. Linie aus geht der Transport an beiden Seiten mit Automobilen zur Frontlinienstation. Von da aus werden die Gegenstände erst an die Truppen verteilt. Die Entfernung zwischen der ersten und zweiten Linie wird beim Vorrücken dauernd grösser und die Durchführung der Transporte daher immer schwieriger. Alle 100 bis 150 km werden zu diesem Zweck Zwischenstationen eingerichtet. Am schwierigsten wird die Versorgung der Truppe mit Frischfleisch und frischer Nahrung sein. Kühlwa; gentransporte auf dem Eisenbahnstück wären zwecklos. Italien verfügt daher über grosse Containers mit etwa 2 t Ladegewicht, die mit Eisbehältern versehen sind und die Kühlwagen ausgezeichnet ersetzen. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie in gleicher Weise auf der Eisenbahn und auf dem Automobil verwendet werden können. Durch Vermeidung der Umladung hält sich die Ware frisch. Immerhin muss man alle zwei Tage neues Eis auffüllen. Die Zwischenstationen zwischen der ersten und zweiten Linie werden daher mit einer grossen Anzahl transportabler Eisfabriken ausgestattet. Die Durchführung des italienischen Kriegsplans hängt ganz von der verkehrstechnischen Grundlage ab. Sicherlich kann man mit Spezialfahrzeugen (Raupen etc.) auch ohne Strassen einen Verkehr durchführen. Die Hindernisse sind aber gross und man muss mit zahlreichen Ausfällen und bedeutenden Zeitverlusten rechnen. Die Frage des Autoverkehrs wird also ganz allgemein zu einer Frage der Strassen. Sowohl Erithrea als- auch, Spmaliland sind heute hinreichend gut mit Strassen ausgerüstet. Die Schwierigkeiten-beginnen also erst auf äthiopischem Boden. Zum Erstaunen der Fachwelt erklärten die Italiener vor kurzem, dass ihre Versuche mit gewöhnlichen Automobilen auf abessinischen, d. h. nicht besonders vorbereiteten, gestampften roten Sandstrassen, trotz der Regenzeit, günstig ausgefallen seien. Sollte, das wirklich der Fall sein, so wäre ein Erfolg für den italienischen Etappenverkehr durchaus denkbar. Von Eritrea aus führen 9 grosse Strassen und vom Somaliland 4 grosse und 18 mittlere nach Aethiopien hinein. Wenn sie für eine kriegsmässige, d. h. sehr starke Beanspruchung, auch nicht geeignet sind, so kann doch darauf der nötigste und erste Frontverkehr einmal abgewickelt werden. Im Schütze der Front kann man dann bessere Strassen nachziehen. Mit Schnellbaumethoden lässt sich mit Hilfe von 10 000 ungelernten Eingeborenen und wenigen Maschinen 200 km provisorische Autobahnen in der Dekade herstellen. Auch ohne weiteren Ausbau kann man heute schon Sandstrassen mit Hilfe besonderer Stahlplatten soweit ausbauen, dass sich ein regelmäs- ' INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif lnseratehscbluss 4 Taqe vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Benzinpreiserhöhung. Keine Höchstgeschwindigkeiten. Die Rennen am Wochenende. Kein Klausenrennen 1936. Pariser Salon 1935. Der Thermostat. Preiskontrolle im Benzingrosshandel. siger Lastwagenverkehr mit 6-t-Fahrzeugen darauf abwickeln kann. Die Traces der Strassen und Pisten in Aethiopien verlaufen sehr günstig für einen Motorverkehr. Langsam ansteigend, mit 1 bis 3 Promille Steigung, verlaufen sie entweder neben Flussläufen oder auf den Höhen, unter Vermeidung von Flussübergängen. Die Strassen sind meist breite Pisten aus hart gestampftem, rotem Sandboden. Die genannten 13 grossen Strassen führen von der Grenze der italienischen Kolonien, d. h. von den Orten der sog. 2. Linie aus, dir rekt nach den lebenswichtigen Punkten des Innern von Aethiopien, wie nach Addis Abeba,' nach Diredawa, dem Mittelpunkt der Dijboutibahn, nach Warra und in das fruchtbare Gebiet am Tanasee, sowie in die Zentren der Platingewinnung. Das erleichtert einerseits» die italienische Aufgabe, deren Heereszügevon allen Seiten diesen grossen Routen folgen werden. Die Geschwindigkeit des Vorrückens hängt vom Widerstand ab. Bricht aber eine der äthiopischen Fronten einmal zusammen, so können die Italiener mit ihren mobilen Automobiltruppen so schnell nachstossen, dass es dem Verteidiger schwierig sein dürfte, eine neue Stellung zu beziehen. Das Zerstören der Strassen, um dem Vorrücken Schwierigkeiten zu bereiten, ist nutzlos, weil die Motorfahrzeuge der Front sowieso geländegängige Typen darstellen. - Ein schnelles Vorrücken, d. h. ein Vorrücken entsprechend der Entfernungsleistung der Automobile, hat aber einen Umstand im Gefolge, der strategisch verhängnisvoll wer-* F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. Von Karl Rosner. (32. Fortsetzung.) Wie nur — wie war das alles nur geworden und gewesen —? Aus Fernen kamen jetzt diese Fetzen eines wüsten Traumes wieder an ihn heran —: — die Hölle dieses letzten Tages, an dem sie noch hier — hier in diesem Zimmer — und nebenan — und drüben — um ihn gewesen war —. Ein jedes Wort, das er ihr sagen wollte, hatte sich damals, wie er voll von Argwohn und von Zweifel gewesen war, in seiner Kehle geballt und gewandelt — war •unfrei und voll Hinterhalt geworden. Und unfrei, eingeengt wie er, war sie gewesen — — dann dieser Brief an sie — der zweite Brief, vor dem er in dem mit kaltem, widerlichem Rauch gefüllten Kaffee am Kemperplatz gesessen und in ohnmächtiger Qual gewusst hatte: vorbei — zerschlagen alles! — aus —, Der Brief, vor dem ihn eine rote Welle von Scham und Schmerz und Hass überflutet hatte — an den er in all dieser Zeit nie wieder hatte denken können, ohne dass diese Qual seiner verratenen Liebe wieder heraufgebrandet war — — und hatte er denn diesem Brief nicht tmterliegen müssen?! War denn da irgendwo die Möglichkeit, an dem Betrug noch zu zweifeln, noch geblieben? Worte und Sätze aus dem Briefe flattern auf: ,— nie werde ich die Stunde, die wir erlebt haben, vergessen —!' .Morgen, wenn er fort ist, komme ich!' Die Zahm krampfte er, drückte die Fäuste gegen seine Schläfen — und hörte über, allem diesen stürzenden Gebälke von Gedanken, die seinem Tun und Irren einen Schein von Recht erhalten wollten, beinahe körperlich nah über sich wieder die Stimme — ihre Stimme — so wie sie eben noch an ihn herangekommen war: — kennst du mich nicht ? — Ich liebe dich — dich ganz allein! — Bilder, die wiederum wie grauenhafte Träume aus abgesunkenen Tiefen stiegen und an ihm vorüberzogen: der letzte Abend, da sie beklommen, unsicher dem Mädchen Auftrag gab, am nächsten Morgen fortzugehn — und da sich zeigte, dass der Schlüssel draussen fehlte — — und dann in ihrem Schlafzimmer, da es ihn übermannt und er dieses qualvolle Spiel von Verborgenheiten zerreissen will — da er noch einmal diese schlanke, helle Schönheit ihres Körpers, die Brust, die Arme klammernd hält und nicht verlieren will: sprich — sprich, Elke-Maria! — die Worte, die ihm leer und ausflüchtig erschienen — und die — wie sich ihr Mund zugleich dem seinen bot — der Schlüssel —das Geständnis waren! .Arbeitest du denn gar nicht mehr an deinem Buche? Das sollte sagen: Glaub an mich — ! Und geh — geh: drüben hörst du, was ich dir zu sagen habe — und was ich dir, da du an mir. gezweifelt hast, nur so noch sagen kann —. Hör es — und dann komm wiederum zu mir —! Er aber war damals gegangen und hatte sich nur tiefer noch in Misstrauen und Qual und Hass verbohrt — Den Kopf hob Utenhoven aus den Händen und sah um sich: fremd und ohne Zusammenhang mit ihm die Umwelt dieses Raumes — Mit Mühe, hob er sich aus- seinen Knien, stand er auf. Da lag der Apparat, der hingepoltert war. Mechanisch griffen seine Hände zu, richtete er ihn hoch. Und da lagen, wie seine Augen jetzt über den Teppich glitten, ringsum in zackigem Bruch die braunen Scherben der Wachsplatte, die ihre Worte trugen. Er las sie auf — die grossen Stücke sammelte er ein, die kleinen Splitter, und legte all den jämmerlichen .Rest, der nie mehr sprechen würde, auf dem Schreibtisch nieder. Gleichwie in einem schmerzlich schweren Traume tat er das. Sass dann —^wie war er nur dahin gekommen •?• — gefällt von müder Qual in diesem gleichen Sessel, in dem damals, an jenem Morgen, da sie drüben in ihrem hellen Zimmer still geworden lag, der andere — der Rave — auch gesessen hatte—. Wehrte sich nicht, da wieder aus Vergangenheiten Bilder sich erhoben, da lang Verdrängtes seine Fesseln sprengte und wieder vor ihm stand — — die Nacht vor jenem Morgen — diese letzte Nacht — ja — in sein Arbeitszimmer war er damals noch gegangen, aber das Manuskript, die Arbeit hatte er nicht angerührt. War auf und ab gelaufen wie ein eingesperrtes Tier zwischen den Gittern — war immer wieder drauf und dran gewesen, noch einmal zu ihr hinüberzugehen, ihr zu sagen: sieh, ich weiss das alles — sprich jetzt, du! — und hatte sich in Scham davor mit Fäusten an dem Tisch dort drüben, an dem schweren Sessel, festgekrallt —. In Zweifeln und Verdacht, in Anläufen, es zu erklären, zu verstehen,, in Zorn und Hass hatte er sich wund gerissen und verzehrt —. ' Wie lange er damals hier auf und ab gelaufen und dann in dumpfem Suchen, Grübeln dort vor dem Schreibtische gesessen hatte —? Nach Mitternacht war es gewesen, als er die Lampe abgedreht und über den Korridor in sein Schlafzimmer hinübergegangen war — Drüben, wie er da Licht gemacht hatte, war es ihm gleich beim ersten Aufhellen des Raumes ins Auge gefallen, dass die Tür zu ihrem Zimmer ein wenig offenstand — nicht anders als so oft an den versunkenen glückerfüllten Abende^, an denen sie, auch wenn er länger von der Arbeit festgehalten worden war, auf ihn gewartet hatte, dass er noch zu ihr komme — an denen er dann durch die Stille ihr leises Sichrühren, ihr schamvollsüsses Rufen herüberhörte —