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E_1935_Zeitung_Nr.091

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BERN, Dienstag, 12. November 1935 Nummer 20 Rp. 31.Jahrgang - N° 91 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljahrlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit insassenversicherunsO vierteljährlich Fr. 7.50 Qtassc Jhoje&te ~ Meine JxUea! Wohl in wenigen kultivierten Ländern liegen auf verkehrspolitischem Gebiet derart unabgeklärte Verhältnisse vor wie in unserer Eidgenossenschaft mit ihren 24 Ständen, eine Feststellung, die sowohl für den Eisenbahnwie auch für den Strassenverkehr gilt. Während einerseits beim Schienenweg Woche um Woche neue Millionenverluste zu den bestehenden kommen, marschiert anderseits auch die Strassenbaupolitik in Kreise herum. Das im Mai 1934 eingereichte, mit rund 148,000 Unterschriften versehene Volksbegehren zum Ausbau der Alpenstrassen und ihrer Zufahrtswege ruht seither in irgend einer Bundesschublade und soll, wenn dann die eidg. Räte in der Dezembersession zur Benzinzollpolitik des Bundesrates Stellung genommen haben, «beförderlichst > dem Volke unterbreitet werden. Um der Initiative den gewünschten « Erfolg » zu sichern, beginnt sich da und dort in unserem Lande schon heute die Opposition bemerkbar zu machen. Vorab kündigte ihr die Oberallmeind-Genossenschaft, Korporation Schwyz, den Kampf an, von der Erwägung ausgehend : Erst Bau des Prageis mit möglichst grosser eidgenössischer Hilfe — mögen die andern Kantone 4ann zusehen, wie sie zu ihrem Rechte kommen ! Den zweiten Fusstritt erhielt die Alpenstrasseninitiative vom Waadtland, empfahl doch dort kürzlich die waadtländische Regierung in ihrem Bericht über die « affaires föderales» deren Verwerfung. Vornehmlich sind es föderalistische Erwägungen, die diesen sonderbaren Vorschlag auslösten, denn die Waadtländer beliebten die in der Initiative vorgesehene Uebertragung der Kompetenz zum Bau der Alpenstrassen und ihrer Zufahrtswege auf den Bund als eine staatspolitische Ungehörigkeit zu betrachten. Man scheint jenseits der Sense vergessen zu haben, dass der schweizerische Bundesstaat auch mehrere weniger bemittelte Stände umfasst, die immer wieder darauf hinweisen, wie unmöglich es für sie sei, aus eigenen Kräften an den Ausbau des für ihre Wirtschaft so' lebensnotwendigen Gebirgsstrassennetzes heranzutreten. Den Höhepunkt verworrener Strassenbaupolitik stellt mit Rücksicht auf die Verwerfungsvorschläge des waadtländischen Staatsrates die, auf Grund einer Interpellation, vom Lausanner Gemeinderat angenommene Tagesordnung folgenden Inhalts dar: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .Autler-Feierabend". Monatlich 1 mal „Gelbe ISsW REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Gesehiftsstellc Zfliieh: Lfiwenstrasse 51, Telephon 39.743 «In der Ueberzeugung, dass der Umbau eines der beiden Simplotunnels in einen StraSsentunnel für die Stadt Lausanne von grösster Bedeutung sein könnte, lädt der Gemeinderat den Stadtrat ein, dieses Problem weiterhin aufmerksam zu verfolgen, sich mit dem Staatsrat ins Einvernehmen zu setzen, sowie dem Gemeinderat über das Ergebnis seiner diesbezüglichen Schritte Bericht zu erstatten^ Man muss sich schon fragen, wohin eine solche Politik führen muss, d. h. wenn der eine «hüst» und der andere «hott» fuhrwerkt, wenn ein Kanton gegen den andern die Bewohner einer Talschaft gegen diejenigen der benachbarten, die Gemeindebürger von A gegen die von B. und Nationalrat X gegen Ständerat Y ausgespielt wird, — eine Tragödie — die ausgerechnet in dem Lande zur Aufführung kommt, in welchem vor Wahltagen Tausende von Plakaten in weithin leuchtenden Farben von Einigkeit und Gleichheit sprechen. Während wir zanken und streiten, keiner dem Nachbarn etwas gönnt, und jeder eigensinnig auf seinen engstirnigen Eigenvorteil erpicht ist, freuen sich an unseren Grenzen die 4 umliegenden Staaten, in der Erwartung, man werfe sich im Reiseland «par excellence » noch möglichst lange Bengel zwischen die Beine. Mit voller Ueberzeiigung (hat uns letzthin ein bekannter Wissenschafter und Praktiker auf dem Gebiete des in- und aus-; ländischen Strassenbaues erklärt: « Uns geht es noch viel zu gut, als dass man selbst in der Schweiz erkennen würde, wie wir den Anschlussauf der ganzen Linie verpassen.» Bundesrätliohe Benzinzollpolitik, verbilligte Abgabe des Brennstoffes für Ausländer, zusammen mit der rückständigen Einstellung des Bundes und mancher Kantone zu Strassenbaufragen, vornehmlich zu solchen im Alpengebiet, stellen markante Etappen einer Politik dar, welche nur auf Momentanvorteile erpicht, das zukünftige Endergebnis darüber vergisst. Wohin ein solcher Zickzackkurs führen muss, beweisen die rückläufigen Ergebnisse des internationalen Autotourismus, und werden bald auch die Einnahmenausfälle der kantonalen Motorfaihrzeugkontrollen und der eidgen. Benzinzollkassen belegen, ganz abgesehen von der Tatsache, dass es unendlich schwer fallen dürfte, den auf den vorzüglich ausgebauten ausländischen Alpenstrassen eingefahrenen Autotouristen wieder auf schweizerisches Territorium zu lenken. (Fortsetzung Seite 2.) Vermehrter Verkehrsunterricht in der Schule. Das ist der dringende Wunsch des st. gallischen Erziehungsrates, der vor wenigen Wochen das nachfolgend wiedergegebene Zirkular an die Schulbehörden des ganzen Kantonsgebietes richtete: «Die durch den motorisierten Verkehr •wesentlich gesteigerten Gefahren der Strassenbenützung machen es der Schule zur Pflicht, die Kinder auf diese Gefahren aufmerksam zu machen und zur richtigen Strassenbenützung anzuleiten. "Wir haben deshalb schon seit Jahren in die Hand jedes Schulkindes ein Verkehrsbüchlein abgeben lassen und die Lehrerschaft in verschiedenen Erlassen verpflichtet, immer wieder Verkehrsunterricht zu erteilen. Wir sind uns bewusst, dass die Erfolge des Verkehrsunterrichtes stets begrenzte sein werden. Das ugendliche Alter ist für Ablenkung der Aufmerksamkeit sehr empfänglich und übersieht leicht drohende Gefahren. Die Lenker von Motorfahrzeugen werden mit dieser Tatsache immer zu rechnen haben und sich darauf einrichten müssen. Diese Feststellung darf die Schule indessen nicht abhalten, im Unterrichte alles zu tun, WEIS ZU einer möglichst lichtigen Strassenbenützung beiträgt. Es ist beobachtet worden, dass dem Verkehrsunterrichte in verschiedenen Gemeinden ein guter Erfolg beschieden war. In andern Gemeinden ist indessen im Strassenbenehmen der Jugend noch wenig von dieser Unterrichtsauswirkung zu bemerken. Leider mussten wir auch feststellen, dass da und dort das Verkehrsbüchlein seit Jahren nicht mehr gebraucht wird, obschon es ein vorzügliches Lehrmittel genannt zu werden verdient. In letzter Zeit sind Versuche gemacht worden, Polizei für die Erteilung des Verkehrsunterrichtes beizuziehen. Es dürfte gegeben sein, dass für diese Mithilfe im Verikehrsunterricht nur solche Polizeiorgane beigezogen werden, die pädagogisches Geschick aufweisen und mit Kindern gut umzugehen wissen. Die Verantwortung für die Erteilung des Verkehrsunterrichtes bleibt auf alle Fälle beim Lehrer. Es wird sich empfehlen, dass die Mithilfe der Polizei dabei auf praktische Uebungen mit Klassen auf der Strasse beschränkt wird. In diesem Sinne scheint uns die Zusammenarbeit von Schule und Polizei bei der Lösung dieser heute wichtig gewordenen Schulaufgabe erstrebenswert zu sein. Wir ersuchen die Lehrerschaft erneut und dringend, jedes Jahr mehrmals Verkehrsunterricht zu erteilen; es bietet sich in den meisten Fächern Gelegenheit dazu. Wir werden die bezirksschulrätlichen Inspektoren beauftragen, bei Abnahme der schriftlichen Prüfungen auch Themen behandeln zu lassen, die den Verkehrsunterricht betreffen. Wir laden ferner die Herren.Ortssehulratspräsidenten ein, auch bei den mündlichen Examen sich über die Erfolge des Verkehrsunterrichts zu vergewissern, indem sie über Kenntnisse auf diesem Gebiete prüfen lassen. > Mit der Weisung an Schulbehörden und Lehrerschaft, dem Verkehrsunterricht vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken, jährlich mehrere Male und in den verschiedensten Fächern auf das Thema einzugehen, nähert sich der st. gallische Erziehungsrat nur dem seinerzeit schon vom Chef des eidg. Justiz- und Polizeidepartementes als erstrebenswert be- INSERTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 1 mm hofte Grandzelle oder deren Raum 45 Rp. GrSssere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschlnss 4 Tan« vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute Ober: Die Entwicklung der E. R. A. Vermehrte Pflege des Geländesportes. Unser Motorfahrzeug- Aussenhandel. Das Strassenbauprogramm des Kantons Graubiinden. Hekatomben der Rekordfliegerei. Der kolbenlose Verbrennungsmotor. Der gebrandmarkte Fahrer. zeichneten Ziel einer obligatorischen Verkehrserziehung der Jugend durch die Schule. Das Problem ist im St. Gallischen umso aktueller geworden, als dieses Jahr in Wil auf die Initiative des TCS hin, der interessante' Versuch unternommen wurde, ganze Schulklassen durch Polizeiorgane mit den wichtigsten Verkehrsvorschriften und Regeln-bekannt' zu machen. Die dort gemachten Erfahrungen, decken sich mit den günstigen Ergebnissen, die ein ähnlicher Unterricht in einer Winterthurer Schule gezeitigt hat. Es ist daher nur gegeben, dass der Erziehungsrat diese Zusammenarbeit zwischen Schule und Polizei als wünschbar bezeichnet. Wenn im übrigen manche Lehrer, die nicht selbst Fahrer sind, dem Verkehrsunterricht nicht sonderlich grosses Interesse entgegenbringen, so vielleicht auch deshalb, weil es ihnen an geeignetem Unterrichtsmaterial fehlt. Die Verkehrsfibel mag ihren Zweck erfüllen, aber es gibt noch zahlreiche andere Hilfsmittel, die Lehrer und Schüler anregen. Wir erinnern nur an die von den beiden grossen automobilistischen Landesverbänden herausgegebenen Verkehrswandbilder, Klebbilder et Denn im seichten, stillen Wasser der halbmondförmigen Inselbucht, teilweise von bluten- und lianengeschmückten Baumriesen überschattet, die dem sumpfigen Ufer entragen, steht vor unsern Augen eine Anzahl Hütten auf Pfählen. Ein Hund bellt. Eben schmettert das Grammophon aus dem Innern des grossen Gebäudes mit der primitiven Veranda den Carmenmarsch, der aber rasch in einem Kreischen der Nadel endet. Gestalten stürzen auf die lange Veranda. Typische Seringueiros, Gummisucher in bunten Lumpen, ein riesiger, blauschwarzer Neger mit entblösster Brust und drei, vier, nein ! sechs Mädchen ! Wieder entlockt mir die Verblüffung ein Kraftwort, und nun winken die Leute, schreien und rufen. Der Carmenmarsch schmettert von neuem seine rasende Musik, und eine etwas brüchige Stimme tremoliert dazu: «Auf in den Kampf, Torero !» Jetzt legen wir an der beschlammten Holztreppe an, klettern langsam nach oben. Uno, Dos und Tres bleiben im Kanu sitzen, drehen sich Zigaretten und rauchen. Alles andere geht sie nicht im mindesten an! Vor sich hinstarrend, ziehen sie den Rauch ein, blasen die Wangen zu Halbkugeln auf, verschlucken ihn und stossen ihn durch die Nüstern wieder von sich. «Madre de Däos, Ernesto!» empfängt mich eine jubelnde Stimme, und der banditenähnlichst aussehende Mann — ein ehrlicher Gummisucher namens Benito, den ich von Santarem her kenne, schlingt seine Arme um mich. Wir beklopfen uns nach südamerikanischer Art gegenseitig den Rücken, dann schütteln Henderson und ich eine Menge Hände. Braune, harte und schmutzige von Seringueiros, und milchkaffeegelbe, kleine, zarte, nach Puder duftende von den Mädchen. Johlend schiebt uns der Haufe in die Türöffnung, über der ein grünes Schild hängt, auf das jemand mit kindlicher Kunst die Worte «Grand Hotel Dom Pedro > malte. Lächelnd, sich die Hände reibend, tritt mir ein in sauberm Tropenanzug steckender Mann entgegen, und seine schleimige Stimme fragt unterwürfig, was die «illustrisimos Senhores» wünschen! Ob Gin oder Whisky, Bier oder Wein. Vielleicht sei auch ein Schläfchen in der Hängematte gefällig ? Juanita oder Carmella würden uns gerne so lange ihren Raum abtreten. Ein böser Blick auf die sich scheu drükkenden Mädchen begleitet diese Tirade, und jemand lacht im Hintergrunde: «Illustrisimos Senhores, hehe! Die Kerle sehen genau so abgerissen aus wie wir. Nicht besser und nicht schlechter. Warum macht denn Urubu solch Getue ? » < Schweig ! » raunt jemand hörbar. « Halt das Maul, 's ist doch der Gringo, der Americano, der die Orchideen sucht. Der hat Geld ! Und den andern kennt Benito ! > Ich betrachtete immer noch den Mann im säubern Anzug, der der Wirt des Grand Hotel Dom Pedro sein muss. Wenn es einen Menschen gibt, der einem Königsgeier so auffallend ähnelt, dann ist es dieser phantastische Urwaldhotelier! Hände hat er wie grosse, dünne Klauen, die sich fortwährend nervös spreizen und schliessen. Ein Kinn, unter dem der rosig geäderte Kropf hängt Dünne Lippen, die schnabelartige Nase, rot umrandete Pupillen und darüber der schmale, eiförmige Kahlschädel. Und die Verwunderung über dies alles, über die Kneipe hier in tiefster Wildnis, entlockt mir die burschikosen Worte : « Diablo,