Aufrufe
vor 3 Monaten

E_1936_Zeitung_Nr.071

E_1936_Zeitung_Nr.071

BERN, Dienstag, 1. September 1936 Gelbe Liste Nummer 20 Rp. 32. Jahrgang - N° 71 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Attfftbe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jahrlieh Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausfabe B (mit gew. Unfall versieh.) Vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung} vierteljährlich Fr. 750 Jeder Gegenstand des täglichen Gebrauchs Man kann die Personenwagen-Aufbauten in hat für seinen Besitzer neben dem in Geld drei grosse Gruppen einteilen, nämlich: tnessbaren Wert noch einen gewissen — man 1. Die offenen Wagen, wie das Phaeton möchte fast sagen — Seltenheitswert. Er oder Torpedo, stellt etwas Einmaliges dar, etwas, an das man sich gewöhnt und mit dem man beinahe 2. Kabrioletts, d. h. Fahrzeuge mit veränderlichem Aufbau, der sich je nach dem so fest verwachsen ist wie mit seinem Anzug. Wenn man sich gelegentlich von solchen Besitztümern trennen soll, so geht das längst bei die Seitenfenster in den Wänden Wetter öffnen oder schliessen lässt, wo- nicht so leicht, wie man meinen sollte, denn versenkt werden können und das Kind im Erwachsenen wehrt sich dagegen, sein Spielzeug zu verlieren. ter der Sammelbezeichnung Limousinen 3. geschlossene Wagen, die gewöhnlich un- So ergeht es dem einen mit seinem geliebten Sohmauchpfeifchen, dem nächsten mit segeln. seiner Fiedel und dem dritten mit seinem Wagen. Mögen andere finden, ein neueres Modell würde sich eigentlich besser machen, weil sie sich selbst vielleicht lieber zur Ausfahrt in einem neuen Wagen einladen lassen würden! Sie verstehen eben nicht, dass man sich im Lauf der Jahre an seinen Wagen gewöhnt hat, obwohl er möglicherweise äusserlich fast ein wenig « passe » sein mag. Das endgültige Zeichen zum Verkauf gibt einem erst der freundschaftliche Wink der nächsten Angehörigen, die" finden,' dass es sich nun wirklich nicht mehr gut mache... Und dann noch fällt es fast so schwer, sich von ihm zu trennen, wie von einem treuen Hundetier. Man ist dem Wagen dankbar dafür, dass er einem gelegentlich dazu verhalf, noch rechtzeitig zu einer wichtigen Sitzung zu erscheinen, dass man durch ihn von den Launen des Fahrplans unabhängig wurde, dass man mit ihm die herrlichsten Ferien seines Lebens verbrachte und dass er vielleicht auch einmal .... doch genug davon. All diese gemeinsamen Erlebnisse schaffen tausend Bande der Erinnerung, die man unbewusst mit sich trägt und die einem mehr an seinen Wagen fesseln als man glaubt. Ueberhaupt steht jedem Wagen, ob jung oder alt, ein Stück Lebensgeschichte seines gegenwärtigen oder zukünftigen Herrn auf dem Gesichte geschrieben. Schon aus der Bauart, dem Typus der Karosserie lassen sich weitgehende Schlüsse ziehen, und wenn man dann den gleichen Wagen mal einige Jahre später wieder sieht, so merkt man gleich, ob seine Bestimmung in Erfüllung ging oder nicht. Ein Roadster kann offensichtlich nie demselben Zwecke dienen wie etwa eine Pullman- Limousine. Der Käufer eines Coupes hat ganz anderes mit seinem Wagen vor als der finanzkräftige Besitzer eines Stadt-Coupes, der nur mit dem Chauffeur ausfährt. Aber halt! Wer kennt sich denn in all diesen teilweise phantasievollen und zum andern Teil so phantasielosen Bezeichnungen aus, unter denen man sich längst nicht immer etwas vorstellen kann, selbst wenn man mit den Sprachen vertraut ist, denen sie entstammen. Am ehesten ergeben sich wohl ohne genaue Kenntnisse der Karosserieformen gewisse gedankliche Assoziationen bei Namen wie Pullman-Sedan und Rennspitz, vielleicht auch beim Kabriolett, das man — zu Unrecht natürlich — mit allerhand Kapriolen in Zusammenhang bringt. Namen dagegen wie Coupe, Sedan, Coach, Phaeton regen die Phantasie in keiner Weise an und werden deshalb auch gerne verwechselt. Es ist also gewiss am Platz, sich einmal ein wenig mit den «gang und gäben» Karosseriebenamsungen herumzuschlagen, um sie in den unergründlichen Tiefen des Gedächtnisses zu verankern. Lesen Sie unser Feuilleton ,Musik der Nacht' Seite 7 Erscheint jeden Dienstati and Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Usto" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 • Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Gescta*tts*telle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Wenden wir uns einmal der ersten Kategorie zu, den offenen Wagen, die von den Launen des Wettergottes am meisten abhängig sind. Es handelt sich bei ihnen um typisch sportliche Fahrzeuge, die für den Alltagsgebrauch im Sommer und Winter weniger, in Frage kommen und meist sportbegeisterte Jugend aller Altersstufen ans Steuer locken. Dies gilt ganz besonders vom Rennspitz, der seine beiden Insassen oft nur in gestaffelter Sitzanordnung aufzunehmen vermag, so dass die Beine (oder Beinohen!) des Mitfahrers neben den Sitz des Lenkers zu liegen kommen. Seine schmale Bauart und die meist erhöhte Kompression des Motors, der vielleicht sogar mit einem Kompressor ausgestattet ist, kommt seiner Geschwindigkeit zugute. Die schwereren Sportwagentypen wie Phaeton oder Torpedo weisen nebeneinander Platz für mindestens zwei Personen auf und besitzen meist ein Faltverdeck oder festknöpfbares Verdeck, das wenigstens die sommerlichen Regenschauer abzuhalten vermag. Sehr beliebt sind daneben die Roadster, bei denen sich zwei Sitze innerhalb des Faltverdecks befinden, während man durch Oeffnen einer Klappe im Heck Zugang zu zwei weiteren Sitzen schafft. Die transformablen Wagen (Kabrioletts) stellen an den Erbauer die höchstmöglichen Anforderungen. Man verlangt von ihnen, dass man sich in ihrem Innern bei kaltem Wetter Roadster ebenso behaglich fühlt wie in einer Limousine, und daneben wünscht man beim Oeffnen des Verdeckes aller Reize des offenen Wagens teilhaftig zu werden. Man verlangt von ihm, wie der Volksmund sagt, «Figge und Mühle». Begreiflich deshalb, dass solche Karosserien etwas höher im Preise liegen als andere Aufbauten, ersetzen sie doch in einer «Person» zwei Wagentypen. Um eine gute Abdichtung zu erhalten, bildet man die Fenster versenkbar aus, und auch das Verdeck des Kabrioletts zeigt eine besonders stabile und vibrationsfreie Bauart. Speziell ingeniöse Ausführungen von Kabrioletts lassen sich durch Druck auf einen INSERTIONS-PREIS: Die acht gespaltene 2 mm hohe Brundzeüe oder deren Raum 45 Rft Grössere Inserate nach Spezialtarit InseraUnschluss 4 Tage vor Enchelnen der Nummern Wir berichten heute über: Für den Bau der Sustenstrasse. Querschnitt. Rosemeyer siegt im Gr. Berg" preis von Deutschland. Flugnotizen. Sicherstellung guter Wagenleistungen. Unterhalt und Pflege des Bleiakkumulators. Knopf zurückschlagen und fast ebenso leicht wieder schliessen, sobald der Himmel seine Schleusen öffnet. Hier kann der Karossier sein künstlerisches Empfinden, sein Formgefühl und seinen Geschmack zu höchster Vollendung steigern, und es trifft wohl kaum auf irgendeinen andern Karosserietyp das Wort vom Werk, das seinen Meister lobt, so entschieden zu wie gerade beim Kabriolett, einer Karosserieform, die sich einer steigenden Beliebtheit erfreut, weshalb heute viele Automobilfabriken Kabrioletts schon serienweise herausbringen. Da sie sowohl in zweiplätzigen als auch in vierplätzigen Ausführungen gebaut werden, eignen sie sich für die verschiedensten Zwecke. Die geschlossenen Wagen. Zum typischen Vertreter der geschlossenen* Wagengattungen zählen die Limousinen mit ihren vier oder mehr Sitzplätzen. Zur Unterscheidung bezeichnet man deren zweitürige Ausführungen als Coach, während die viertürige Abart auf den Namen Sedan hört. Dass der Ausdruck Pullman-Sedan sich auf die luxuriöse, siebenplätzige Bauart bezieht, verwundert weiter nicht, weil man den Pullman- Gedanken ohnehin mit siebenstelligen Zahlen assoziiert. Ihre dunkelblaue oder schwarze Lackierung gibt ihnen schon rein äusserlich einen vornehmen Anstrich. Wer stets mit einem Chauffeur fährt, zieht vielfach ein Stadt-Coupe vor, das im geschlossenen limousinenartigen Wagenkasten zwei bis vier Personen Raum bietet. Der Chauffeur sitzt ausserhalb, wo er das Gespräch weder stört noch dadurch von seiner Tätigkeit abgelenkt wird. Wer dagegen die Zweisamkeit im Wagen aus irgendwelchen Gründen besonders schätzt und wäre es nur, um dann und wann achselzuckend seinem Bedauern Ausdruck zu geben, «dass der Wagen leider nur zwei Sitzplätze habe...», für den eignet sich am besten das Coupe. Und nun noch ein kleiner Bluff, das Faux- Kabriolett, das in Wirklichkeit einen geschlossenen Wagentyp repräsentiert, der mit seinem stoffbezogenen Dach und seinen zwei Versteifungsstangen am hintern Verdeckteil ein Kabriolett vortäuschen will. Es tritt in zwei- und viertürigen Ausführungen auf und ist in den zweitürigen Bauarten auch als Brougham bekannt. Dank ihren verschiedenen Vorzügen stellen die geschlossenen Wagen bei weitem das Hauptkontingent aller Automobile überhaupt, denn sie sind für den ganzjährigen Betrieb bei jedem Wetter geeignet und gegen äussere Einflüsse wohl auch am unempfindlichsten. Die Fabrikation geht in ganz grossen Serien vor sich und stellt sich darum begreiflicherweise besonders billig. Dazu gestaltet sich die Wartung ausserordentlich einfach, da die Reinigung rundum nach der gleichen Methode vor sich gehen kann, speziell seit man das Verdeckoberteil ebenfalls aus Stahlblech zu pressen beginnt. Die Stahlhülle schützt ebensogut gegen Diebstahl beim Parken, wie auch gegen Zugluft oder Verletzungen bei Unfällen unterwegs. So finden wir in der Limousine das ideale, anspruchslose Gebrauchsfahrzeug, das nicht umsonst solch weite Verbreitung gefunden hat —eb—