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E_1936_Zeitung_Nr.077

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BERN, Dienstag, 22. September 1936 Iftnnmer 2Q Rjy. 32. Jährgang — N« 77 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicheruns) vierteljährlich Fr. 7.50 Gerader Kurs Motorisierung und Landesverteidigung — Automobilisten und Wehranleihe. Rief noch Feldmarschall Graf Moltke gleichsam als eine seiner letzten Warnungen aus: «Bauen Sie keine Festungen, bauen Sie Eisenbahnen», so beschwor schon wenige Jahre später Lord Curzon das englische Unterhaus, der Erdölversorgung doch ja die grösste Aufmerksamkeit zu schenken, denn .— führte er aus, « nur auf einer Woge von öl können die Alliierten dem Sieg entgegenfahren ». Allein schon die Gegenüberstellung der Auffassungen dieser beiden Männer, von denen der eine als militärischer Fachmann und Stratege, der andere als kaufmännischer Politiker sprach, zeigt in welch kurzer Zeitspanne sich die verkehrstechnischen Anschauungen grundlegend wandelten und lässt damit das Tempo ahnen, in welchem sich die Motorisierung der modernen Armeen vollzog. Was Graf Schlieffen noch 1896 mit Bezug auf die Eisenbahnen als Grundsatz aufstellte, nämlich dass diese «zu einem Kriegsmittel, einem Kriegswerkzeug geworden, ohne welches die grossen Armeen der Gegenwart weder aufgestellt noch zusammengebracht, noch vorwärts geführt oder erhalten werden können », trifft heute in noch viel überragenderem Masse auf den durch Erdöl und dessen Derivate betriebenen Motor zu. Wohl werden die Eisenbahnen auch in Zukunft ohne Zweifel das militärische Hauptverkehrsmittel bilden in all jenen Fällen, da es gilt, ungeheure Menschen- und Materialmassen auf grosse Distanzen zu verschieben. In mittel- und unmittelbarer Nähe der Front aber wird das Motorfahrzeug zu einem Kampf- und Verkehrsfaktor aufsteigen, der seinesgleichen kaum finden dürfte. Die zunehmende Elektrifikation des Schienennetzes der Eisenbahnen hat nämlich diese sogar im Hinterlande zu einem höchst empfindlichen Luftbombardierungsobjet werden lassen. Vor allem die Schweiz, welche den grössten Teil ihres Schienenstranges mit weisser Kohle betreibt, deren Eisenbahnen daher als in hohem Masse gefährdete Verkehrsmittel anzusprechen sind, muss schon mit Rücksicht auf die Kleinheit ihres Gebie- "tes besondere Vorkehrungen treffen, um unter allen Umständen ein militärisches Transportsystem aufrechterhalten zu können. Es genügt nicht, dass man auf Reservestellung geeignet starker Dampflokomotiven achtet, sondern es Erscheint Jeden Dlenstan and Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gtlbe litt»" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bem Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschiftsslelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 wäre auch darauf Bedacht zu nehmen, dem Dampflokomotivbedienungspersonal Gelegenheit zur Erhaltung der nötigen Praxis in seinen Verrichtungen zu geben. Mindestens ebenso bedeutsam ist die Schaffung ausreichender Kriegsreserven an schwarzer Kohle. Hier kommt den schweizerischen Gaswerken eine wichtige Rolle zu; sie allein gewährleisten die nötigen Lagerumschlagsmöglichkeiten. Ihre Aufgabe wird mit Rücksicht auf die in der neuen Truppenordnung vorgesehene vermehrte Motorisierung unserer Armee um so bedeutsamer, als ihre Versuche, aus den Nebenprodukten der Verkokung Benzol zu gewinnen, Aussicht auf Erfolg haben. Denn mit der Beimischung von im Landesinnern erzeugtem Benzol zu den Treibstoffen wäre unserer Landesverteidigung bestimmt besser gedient als durch die für alle Beteiligten nur Verluste zeitigenden Alkoholbeimischungsprojekte. Die Schwierigkeiten, welche sich dem Nachschub während den ersten Tagen eines Aufmarsches durch Zerstörung elektrischer Traktionseinrichtungen, Freiluftstationen, Kraftwerken oder Brückep hemmend in den Weg stellen können, lassen den Wert der Eisenbahnen als militärisches Transportmittel schon jetzt, viel mehr aber noch für die Zukunft als stark herabgemindert erkennen. Gerade umgekehrt liegen die Verhältnisse beim motorisierten Strassenfahrzeug. Wohl kann man auch Strassen und besonders die in unserm Lande so zahlreichen Kunstbauten derselben zerstören. Mit Ausnahme von Gebirgsstrecken werden aber Umleitungen leicht möglich und Reparaturen weit schneller auszuführen sein als beim Schienennetz. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet wird gerade unser Land mit seinen zum gröss-ten Teil elektrifizierten Bahnen, seiner kleinen territorialen Ausdehnung und den relativ grossen Frontlängen, dann aber auch w-egen seiner topographischen Verhältnisse der vermehrten Motorisierung seiner Armee, d. h. dem Vorhandensein und der Pflege eines leistungsfähigen privaten Motorfahrzeugbestandes besondere Aufmerksamkeit schenken müssen. Dass allerdings die bis anhin praktizierte Fiskalpolitik des Bundes und der Kantone solchen militärischen Motorisierungsbestrebungen direkt diametral gegenübersteht, bedarf keiner weitern Begründung. Während •rund um uns das Ausland seine Automobinndustnie weitgehend unterstützt und Haltung und Betrieb heereswichtiger Motorfahrzeuge erleichtert, die wehrpolitische Bedeutung der Motorisierung und des Motorfahrzeuges überhaupt in aller Form nachdrücklich unterstreicht, geht man in der Schweiz entgegengesetzte Wege. Man übersieht bei uns geflissentlich die Bestrebungen- aller Staaten, ihre Bestände an Motorfahrzeugen aller Art immer weiter zu erhöhen, übersieht diesen besten und eindeutigsten Beweis für die wehrpolitische Notwendigkeit einer sofortigen und entscheidenden Förderung des weitern Ausbaues der Motorisierung des schweizerischen Verkehrs durch den Staat. Niemand scheint zu erkennen, dass einzig eine durch Fiskallasten nicht gehinderte rapide Entwicklung der Motorisierung den zeitgemässen Schutz unserer Landesgrenzen zu gewährleisten vermag! Die rüstungstechnische Entwicklung, wie sie sich heute selbst den Kleinstaaten zur Erhaltung ihrer Existenz gebieterisch aufdrängt, kann wohl kaum, bessere Deutung erfahren, als sie das kürzlich von unserem westlichen Nachbarn eingeschlagene Vorgehen vermittelt: Die technische Stärke seiner Armee, vornehmlich aber deren vermehrte Motorisierung zu Land und in der Luft sollen die quantitative Uebermacht Deutschlands wettmachen. Spät, sehr spät ist man bei uns zur Einsicht gekommen, dass die Neutralität uns gerade so lange, schützt, als wir diese auch wirksam zu verteidigen vermögen. Diese Erkenntnis aber bringt nicht nur die unumgängliche Forderung einer besseren materiellen Ausrüstung, d. h. der Anschaffung von Geschützen; Maschinengewehren und Munition mit sich, sondern vor allem diejenige nach ausreichender und sichergestellter Versorgung des Heeres mit den erforderlichen Motorfahrzeugen und Panzerwagen, ganz abgesehen von der notwendigen Ergänzung und Modernisierung des Flugmaterials. Wegleitend für die Bedürfnisse dieser Art aber hat die in der neuen Truppenordnung vorgesehene vermehrte Motorisierung zu sein. Ueberlegen wir also, ob unser Land über den notwendigen Fahrzeugpark, das Hilfspersonal und die Treibstoffreserven verfüge, welche allein die Verwirklichung der vorgesehenen Verbesserung ermöglichen! Mit Ausnahme der Motorräder dürften wir vorläufig noch in der Lage sein, die Armee nötigenfalls mit den erforderlichen Personen- und Lastwagen auszurüsten. Wir sagen «vorläufig noch» und legen die Hauptbetonung auf diese beiden Worte. Denn verfolgen Eidgenossenschaft und Kantone weiterhin ihre INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grossere Inserate nach Spezialtarü. Inserntenschluss 4 Taue vor Encheinen der Nummern Wir berichten heute Ober: Ein verfehlter Vergleich. Um den Grossen Preis von Amerika. Erfolge der Berner Sportflieger. Gute Sicht erhöht Fahrsicher' heit. Glarner Strassenbauprojekte. bisher praktizierte Steuerpolitik oder verschärfen sie dieselbe am Ende noch, dann wird der Zug zum Leichtlastwagen und Kleinfahrzeug, der sich heute schon stark bemerkbar macht, weiter in bedenklicher Weise zunehmen. Die starke Bestandesabnahme bei den Motorrädern zeigt eindeutig, wovon eine ausreichende Reservehaltung einheimischer Motorfahrzeuge für die Bedürfnisse unserer Truppe abhängt. Unsere Behörden sehen sich hier vor schwerwiegende Entscheidungen gestellt: Die Gefahr, dass infolge der vraktizierten Fiskalpolitik oder des in Vorbereitung befindlichen Verkehrsteilungsgesetzes eine Drosselung des motorisierten Strassenverkehrs einsetze, welche in direktem Widerspruche zu den Lebensbedürfnissen der schweizerischen Armee steht, ist grossf Schon haben Krisenauswirkungen und Steuerlasten unsern Bestand an Motorrädern' im Verlaufe von fünf Jahren von 46,000 auf ca. 30,000 Einheiten dezimiert. Gerade dieses überaus wendefähige Fahrzeug aber spielt in der neuen Truppenordnung eine grosse Rolle. Wir sind sogar schon so weit, dass es oft schwer hält, den Truppeneinheiten die notwendige Zahl geübter Fahrer zuzuweisen, weil so viele sich gezwungen sahen, ihre Privatmaschinen zu verkaufen oder einzustellen. Und nun wird diese bedauerliche Entwicklung durch den auf die hohen Benzinpreise und Pauschalsteuern zurückzuführenden Zug zum Kleinwagen noch verstärkt. Auch hier: Schroffster Gegensatz zu den militärischen Erfordernissen! Hinzu kommt die Ueberalterung unseres Personenwagenbestandes, von welchem ja ohnehin wegen der Schwierigkeiten der Ersatzteilbeschaffung nur einzelne, und zwar die meist gefahrensten Marken, für die Motorisierung der Armee in Betracht fallen. Wohl übertrifft der Motorisierungsgrad der Schweiz denjenigen aller vier F E U I L L E T O N Musik der Nacht. Roman von Joe Lederer. 12. Fortsetzung. Lukas' Schwester war um ein Jahr jünger als er, ging auch ins Gymnasium und hielt sehr viel von sich. Sie war ein höchst manierliches Geschöpf mit hellen Seidenzöpfen, Vorzugszeugnissen und spitz geschliffenen Fingernägeln. Lukas hatte dagegen prinzipiell nichts einzuwenden, aber er fand es übertrieben. Es war überhaupt grässlich, wie sie sich zierte, in den Spiegel starrte und trotzdem alle Daten der Punischen Kriege wusste. Schon als Zwölfjährige hatte sie eine ganz besondere Weise, mit ihm zu sprechen, bedauernd und süss wie Honig — wenn er nicht schon damals sehr beherrscht gewesen wäre, hätte er ihr vielleicht einmal ein paar Ohrfeigen gegeben und auf diese Art noch einen netten, vernünftigen Menschen aus ihr gemacht. Denn im Grunde hatte sie gute Anlagen. Nur wurde durch ihr Hfibschsem, ihre Klugheit und die allzu nachgiebigen Eltern alles verdorben. Damals wurden die Töchter wie Orchideen gepflegt und die Söhne mit Härte und knappem Taschengeld erzogen. Grosse Schuld hatten auch Carolas Freundinnen, die immer um sie herum waren, flammende Haarbänder trugen und von unglücklichen Erzieherinnen begleitet waren. Wie artig sie Schokolade tranken, über ihre kleinen Erlebnisse schwatzten und Knixe . machten, wenn Carolas Mutter ins Zimmer trat. Köstliche Blumenkinder, süsse, weisse Tauben... o ja! Lukas war durch Zufall einmal im Nebenzimmer, als Carola mit ihren Freundinnen plauderte. Sie waren ungestört, ohne Erwachsene, und ihre Stimmen tönten durch die angelehnte Tür. Er war errötet, obwohl fünfzehnjährige Knaben imstande sind, klare prägnante Worte zu hören und auszusprechen. Damals hatte er erkannt: die Frau, die er einmal lieben wollte, durfte nicht wie diese Mädchen sein. Ganz anders musste sie sein ! Ungefähr wie eine Mischung aus jungem Krieger und heiliger Elisabeth. Sanft, tapfer, edel, göttlich schön und zumindest zwanzig Jahre alt. Aber ach, wo lebte sie, wo atmete und wandelte diese herrliche Frau... Lukas träumte von ihr und verbrachte sein?. Zeit auf der Schulbank, hinter Büchern. am Zeichentisch. Freunde hatte er keine. Er fiel nie auf. Streber wurden geprügelt, Schwächlinge gehasst. Es gab auch einen Jungen in der Klasse, der bereits Liebesgeschichten hatte, und um den sich neidvolle Bewunderer scharten. Lukas kümmerte sich nicht mehr als notwendig um die Professoren, boxte tapfer,'auch wenn sein Gegner grösser war als er, hörte ruhig zu, wenn Geschichten erzählt wurden, ohne je selbst welche zu wissen — Lukas war in jeder Hinsicht brav, ordentlich und interessant. Sein Leben war von Eltern und Lehrern eingeteilt und begrenzt worden, und er hielt sich danach. Nicht weil er zu trag war, es zu ändern, sondern weil er ihre Wünsche richtig und vernünftig fand. Er war fast sechzehn Jahre, als eines Nachmittags zu Carola eine neue Freundin kam, die sich von allen andern unterschied, wie eine blumige Wiese vom steifgebundenen Bukett. Wirklich, als er Gertie das erste Mal sah, dachte er. sofort: «Wiese ! » Ihr Haar war flockig und zerzaust, als ginge der Wind drüber hin, ihre Augen tiefblau, fast violett — es waren Augen, schön wie Glockenblumen. Sie sass keineswegs wie ein junges Fräulein auf dem Sessel, sondern schlenkerte mit nackten, zerschrammten Beinen. Die Arme hielt sie komisch abgewinkelt, als wüsste sie nichts mit ihnen anzufangen. Es schien, als würde ihr das Leben bedeutend leichter fallen, wenn nicht diese ewige Sorge wäre, wo man die Arme hingeben soll. Wie gut Lukas das verstand! «Du erlaubst doch, dass ich dir meinen Bruder vorstelle...», fragte Carola. Es war ihre Leidenschaft, zeremoniell zu sprechen^ Ach, hätte sie vor vielen Jahren die brüderlichen Ohrfeigen bekommen, sie wäre ein normales freundliches Geschöpf geworden, das einfach sagte : « Das ist Lukas.» Aber dazu war es jetzt zu spät, und Lukas konnte nichts tun, als sich für sie schämen. Er schämte sich grenzenlos, er wurde dunkelrot, nur weil seine einzige Schwester sich so lächerlich benahm. < Ich habe gar nicht gewusst, dass du einen erwachsenen Bruder hast», sagte Gertie. Sie reichte ihm eine kleine zarte Hand und erkundigte sich höflich : « Muss ich ,Sie' sagen ? » Lukas wurde blass vor Rührung. « Aber nein ! » Er blieb zwei Stunden lang in Carolas Zimmer, das er sonst immer mied. Er starrte in die Glockenblumen-Augen und betrachtet© entzückt den kleinen, schwarzen Tintenfleck