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E_1936_Zeitung_Nr.102

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BERN, Freitag, 18. Dezember 1936 Nummer 20 Cts. 32. Jahrgang - N° 102 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE« A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jahrlieb Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgab* B (mit gen. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenverstcherunff) vierteljährlich Fr. 7.50 Steuerprobleme—aktuell und doch zur Behandlung noch nicht reif! Die Deutlichkeit, womit die rückläufigen Treibstoff- und Motorfahrzeugimporte die zwischen dem bei uns gehandhabten System der Automobilbesteuerung und den gegenwärtigen Verkehrs- und Wiftschaftsverhälttiissen gähnende Kluft dartun, lässt nichts zu wünschen übrig. Ausser der eidgenössischen Steuerabgabe via Benzinzoll von Fr. 16.50 Wirkt vor allem die von unsern 25 Kantonen auf Grund des Zylinderinhaltes erhobene PS-Steuer gleich einem Hemmschuh auf die Entwicklung unserer Motorisierung. Kein, Wunder also, dass längst sich Kräfte regten, welche, ausgehend von der einzig richtigen Auffassung, wonach das Motorfahrzeug nur insoweit mit Fiskalabgaben zu belasten sei, als es auch die Strassen des Staates benütze und abnütze, eine gerechtere Steuerordnung anstrebten. Auch das Aktuellwerden einer solchen Forderung nach einem gerechteren Steuermodus, in einer wirtschaftlich wenig rühmenswerten Zeit, ist mehr als verständliche Unter all den diesbezüglichen. Bemühungen vermochte wohl die Einführung einer Brennstoffsteuer, d. h. einer Zug um Zug zu entrichtenden, den Fahrleistungen des betreffenden Motorfahrzeuges entsprechenden Abgabe, die meisten Interessen auf sich zu konzentrieren« Ein Aufatmen ging durch die Reihen der schweizerischen Benzinkonsumenten, als im Zusammenhang mit den im Finanzprogramm II vorgesehenen Neueinnahmen, zu welchen bekanntlich die Benzinzollerhöhung vom 25. Juni 1935 gehörte, Nationalrat Walter (Ölten) der nationalrätlichen Finanzkommission die nachfolgende Motion vorlegte: « Der Bundesrat wird eingeladen, die Frage zu prüfen und Bericht und Antrag einzubringen, ob nicht im Interesse der Erhaltung der Automobilindustrie, der Beschäftigung in allen Zweigen dieser Industrie (Fabrik, Reparaturwerkstätte und Garage) und der fiskalischen Einnahmen aus dem Automobilverkehr eine grundsätzliche Neuregelung der Gesamtbesteuerung des Automobils einzuführen sei. Diese Neuregelung sollte gemäss dem Beispiel anderer Reiseländer in dem Sinne erfolgen, dass die kantonalen Automobilsteuern abgelöst, dafür der Benzinzoll entsprechend erhöht und den Kantonen die Ausfälle an Steuern aus dem erhöhten Benzinxoll vergütet werden. * Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „CMbe Uste" REDAKTION n, ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 • Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschlttsstellr Zürich: Lowenstrasse 51, Telephon 39.743 Diese nachträglich allerdings in ein Postulat umgewandelte Motion wollte das Eis brechen, das eine neue Motorisierungswelle am Aufkommen hinderte, und die bestehenden Fiskallasten gleichmässiger und gerechter verteilen. Man empfand diesen Vorstoss gegen das starre System der Motorfahrzeugsteuerpolitik ganz allgemein als erlösende Tat und sehnte diesen frischen Wind herbei, von dem man sich ein Aufräumen mit den unzeitgemäss gewordenen Steuerformeln versprach. Denn die Steuerlasten, namentlich die zu Jahresbeginn gesämthaft zu entrichtenden Pauschalsummen, wurden immer drückender empfunden. Den besten Beweis hierfür bilden die zunehmenden Motorfahrzeug-Stillegungen. So kamen beispielsweise bei der zürcherischen Motorfahrzeugkontrolle vom 1. Oktober 1935 bis 6. Januar 1936 insgesamt 4596 Kontrollschilder zur Rückgabe, d. h. 45 % mehr als in der entsprechenden Vorjahresperiode und ZI % des gesamten Automobilbestandes. Noch schärfer wirkte sich der Einbruch bei den Motorrädern aus, deren Stillegungen nicht weniger als 70 % des Gesamtbestandes erreichen. In Baselstadt sind etwa 50 % mehr' Wagen aufgebockt worden als im Vorjahre, im Kanton Glarus 38 % und im Kanton Wallis sogar 60 %! Also — das Eidg. Post- und Eisenbahndepartement Hess diesen zarten Wink Walters zum Umbau der Motorfahrzeugsteuern jedenfalls nicht ungenützt vorübergehen, denn bisher hatte der Fiskus bei Gewährung neuer Steuermodalitäten noch immer Gelegenheit gefunden, auch gleich seine Einnahmen etwas zu erhöhen. Eidgenössisch betrachtet, ging es um Ablösung der kantonalen Steuerhoheit zu einem möglichst tiefen Ansätze — kantonal gesehen sollte an den bisherigen Einnahmen der Stände festgehalten, ja diese lieber durch entsprechende Bundesrückvergütungen noch etwas erhöhet werden. Das eidgenössische Verkehrsamt stellte deshalb in der Folge Berechnungen an, welche die kantonalen Strassenaufwendungen ermitteln und einen geeigneten Teiler ergebeniSollten. Hatte die Sektion Locarno des ACS. noch im Jahre 1934 auf höchst lapidare Weise einen Steuerzuschlag von 10 Rappen pro Liter Brennstoff errechnet, so gelangte das Eidg. Eisenbahndepartement nun auf Grund der Berechnungen des Verkehrsamtes zu einem Ablösungsansatz von. 10,03 Rappen pro Liter Benzin. Als Modus der Verteilung wurde hiebei berücksichtigt: zwei Drittel gemäss den Strassenaufwendungen und ein Drittel gemäss der Länge des Strassennetzes. Ein Umlageverfahren auf dieser Basis hätte für 17 Kantone eine Verbesserung, für nur 8 eine Verschlechterung bedeutet. Zürich wäre mit einer Einbusse von 2,7 Millionen Franken an der Spitze der. Leidtragenden, Graubünden dagegen mit einer Mehreinnahme von 1,4 Millionen Franken an derjenigen der Begünstigten gestanden. Die Kantone ihrerseits haben dann aber ein solches Umlageverfahren mit grosser Mehrheit abgelehnt. 6 Stände sprachen sich ganz entschieden dagegen aus, deren 9 nahmen eine unentschlossene Haltung ein, nicht durchaus abgeneigt schienen 4 und zur Annahme der Neuordnung bereit erklärten sich 2. Die restlichen Stände Hessen die an sie ergangene Rundfrage wohl aus Interesselosigkeit unbeantwortet. Hieraus ergibt sich einhellig die heutige Situation: Eine Neuordnung der schweizerischen Motorfahrzeugsteuern, wie die Einführung einer eidgenössischen Brennstoffsteuer dies vorsah, geht vorläufig noch am Kantönligeist in die Bräche! Aus dem Welsch&nd war zwar schon rein aus föderalistischen Ueberlegungen heraus-; eine Absage zum vornherein zu erwarten. Bei einigen deutschschweizerischen Finanzdirektoren dagegen scheinen die schlechten Nach Art. 25, Absatz 1 des Motorfahrzeuggesetzes soll der Fahrer sein Fahrzeug ständig beherrschen und die Geschwindigkeit den gegebenen Strassen- und Verkehrsverhältnissen anpassen; in Ortschaften, bei Bahnübergängen und überall da, wo das Fahrzeug Anlass zu Unfällen bieten könnte, hat er den Lauf zu massigen und nötigenfalls anzuhalten. Ein Urfeil des bundesgerichtlichen Kassationshofes vom 7. Dezember gibt nähern Aufschluss über die Anforderungen, die bei Bahnübergängen an den Lenker gestellt werden. Die Strasse Bern-Ostermundigen kreuzt das Bahngeleise kurz vor dem erwähnten INSERTI ONS-PREIS: Die aehtfMpaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif Imeratenstbluss 4 Taoe vor Erscheinen der Nammer Wir berichten heute Ober: Gleitgefahr — gerade jetzt! Ausbau der Schweiz. Alpenstrassen. Das Bundesbahnbudget vor dem Nationalrat. Sportnotizen. Die Eigenheiten engl. Wagen. Beilage: Erfahrungen mit den Alkoholmillionen nachzuwirken, und man muss schon sagen, vor diesem Hintergrunde lässt sich die Ansicht: Alles, was in bezug auf die eidg. Steuerhoheit von Bern kommt, muss sowieso bach- 1 ab, schliesslich begreifen. Diese negative Einstellung der Kantone dürfte denn auch der Grund jener Erklärung des Vorstehers des Eidg. Post- und Eisenbahndepartementes sein, wonach die Einführung einer eidgenössischen Treibstoffsteuer für die nächste Zukunft nicht in Frage komme. Finden wir uns ab mit dieser Situation — hat sie doch bestimmt auch gute Seiten. (Fortsetzung Seite 2.) Bahnübergänge Mus dem Bandesgericht.) Dorfe und das vorher links der Fahrbahn verlaufende Trottoir setzt sich 20 m jenseits des Niveauüberganges auf der rechten Strassenseite fort. Am 6. Juli 1935 fuhr ein kleiner Lastwagen mit 35 km Geschwindigkeit über den Bahnübergang. Ein Fussgänger, der sich jenseits des Bahnüberganges auf der linken Strassenseite befand, blieb auf das Warnsignal des Wagens stehen, wollte aber im letzten Augenblick in hastigen Schritten das Trottoir auf der rechten Strassenseite erreichen und wurde bei diesem Versuche etwas rechts der Strassentnitte von dem nahenden Wagen erfasst, obschon dessen Lenker den Unfall durch Bremsen und scharfes Rechtsausbiegen zu vermeiden suchte. Der 73jährige F E U I L L E T O N Rakete X. Roman von Victor Helling. 2. Fortsetzung. * Ich habe in Erfahrung gebracht», begann Ruhl, nachdem er sich mit der Hand leicht Über den Scheitel fuhr, « dass bei Ihnen der ehemalige Chefingenieur Dietloff die Strafe verbüsst, die sehr harte Strafe, die über diesen Unglücklichen verhängt wurde. Es ist doch so? » « Ja. Dietloff verbüsst hier seine sechsjährige Strafe; daran ist leider nichts zu ändern. Er ist kräftig, er wird sie vielleicht überstehen. Was dann aus ihm wird, lässt sich heute natürlich noch nicht sagen. Ich fürchte, er hat noch einen harten Kampf mit sich auszukämpfen. » Der Baron nickte gedankenschwer. «Ist es Ihnen bekannt, Herr Direktor, dass mir im «Das Opfer eines armen Verblendeten. Oietloff tut mir leid. » «Diese Auffassung, die ich schon vorhin aus ihren Worten heraushörte, macht Ihnen alle Ehre, Herr Baron.» « Nein, nein », wehrte Ruhl. « Ich erfülle nur eine Gewissenspflicht, wenn ich versuchen will, das Los Dietloffs zu erleichtern. Bitte, hören Sie mich an. Ich sagte, dass ich Ihren Rat erbitten wollte. Wollen Sie mir zunächst eine Frage beantworten? Weiss Herr Dietloff, wie es um seine Frau steht? » t « Nein. Er weiss nichts. Und das war es, was ich meinte, als ich sagte, dass dem Mann noch etwas Hartes bevorsteht. Seine Frau hat niemals etwas von sich hören lassen, obwohl die Notschreie, die der Gefangene immer und immer wieder an sie gerichtet hat und noch immer richtet, etwas Herzzerreissendes haben. Wir müssen die Korrespondenz natürlich, wie es unsere Vorschrift fordert, lesen, bevor sie aus- und eingeht. Diese Praxis hat uns nicht abgestumpft gegen einen aufrichtigen Schmerz. Ich wiederhole, die Briefe des Gefangenen Dietloff wirken erschütternd. Er hat noch keine Ahnung davon, dass sich seine Frau von ihm scheiden lassen will. Ich selbst erfuhr es durch eine Zeitungsnotiz und gestern durch ein Anwaltsschreiben, das die Prozess Dietloff eine wichtige Zeugenrolle zufiel? » « Gewiss — wir hatten die Akten zur Einsicht hier. Sie waren ja das Opfer. Ich beglückwünsche Sie, dass Schlimmeres verhü- ! tet wurde, es bleibt ja leider, leider noch 1Notiz bestätigte. Der Anwalt hat sich für schlimm genug, Herr Baron.» einen der nächsten Tage angesagt.» «Das ist furchtbar», sagte Ruhl leise. Furchtbar und dennoch eine Lösung, für die der arme Dietloff seinem Schicksal früher oder später dankbar sein muss. Ich sehe Sie mich verwundert anblicken, Herr Direktor. Sie könnten aus den Akten des Prozesses den Eindruck gewonnen haben, dass die bisherige Frau Yelva Dietloff in meinem Leben eine Rolle gespielt hat. Diese Ansicht ist irrig: sie hat nur im Leben ihres Mannes die unheilvollste Rolle gespielt — nicht zuletzt in der Gerichtsverhandlung. Es ist etwas Rätselvolles um die Blindheit eines hemmungslos liebenden Menschen, auch wenn er jemand liebt, der einer grossen Liebe völlig unwert ist. Ein Gebot der Ritterlichkeit Hess mich in der Gerichtsverhandlung nicht aussprechen, für wie nichtswürdig ich Frau Dietloffs ganzes Verhalten hielt. Ich beschränkte meine Aussage auf die Beteuerung, dass in meiner Wohnung, in der mich Frau Dietloff, die ich bis dahin nur flüchtig zweimal in Abendgesellschaften getroffen hatte, an jenem so verhängnisvollen Tage aufsucht, nichts vorgefallen sei, was ich nicht vor Gott und der Welt verantworten könne. Ich Hess es offen, wie Dietloffs Frau zu mir gekommen ist — ich erwartete, dass *ie selbst sich zur Wahrheit bekannte; es widerstrebte mir, vor ein paar hundert sensationslüsternen Augen jenes blutjunge und mit allen Reizen beschenkte Weib, dem noch das volle Vertrauen Dietloffs gehörte, derartig an den Pranger zu stellen, wie sie es von Rechts wegen verdient hätte. Es möge Ihnen mein Wort genügen: weder mit einer Silbe, weder mit einer Zeile,-noch einem Ruf, nicht einmal durch eine Geste — ich war in einer der genannten Gesellschaften Yelva Dietloffs Gegenüber — habe ich sie gebeten oder aufgefordert, sich mir zu nähern. » « Ah, sie hat sich Ihnen also direkt an den Hals geworfen? Das ist stark! » «Sie hat mich vollständig überrumpelt. Offen erklärte sie mir, ihr Mann, dieser ewig in seinem Konstruktionsbureau steckende Mann, langweile sie. Sie suche einen Retter; ob ich an Liebe auf den ersten Blick glaube ? Und ob ich ihr helfen wolle, ein neues Leben voll Glück und Sonne zu beginnen. Wie gesagt, es war eine völlige Ueberrumpelung; ich sah in einen Abgrund. Es war mir unverständlich, dass Dietloff nicht ahnte, nicht sah, wie es um diese Frau stand. Es war eine schamlose — Offerte, ein Antrag von erstaunlicher Zügellosigkeit und Geschmacklosigkeit. Wissen Sie zufällig, dass sie Französin ist?» Der Direktor, der sehr aufmerksam zuhörte, schüttelte den Kopf. « Der Vorname deutet nicht darauf. Er klingt beinahe nordisch. >