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E_1938_Zeitung_Nr.021

E_1938_Zeitung_Nr.021

BERN, Dienstag, 8. März 1938 Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 21 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-FREI SEi AtUfab« A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Untailversicb.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherunu) vierteljährlich Fr. 7.50 10— Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelhe Liste" REDAKTION o. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97. Bern Telephon 28.222 Postcheck III414 Telegramm-Adresse: Autorevue. Bern Geschirtastrlle Zürich! Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERT1ONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtaril lnserntonschlus» 4 Tanc vor Erscheinen der Nummer Entstörung des Strassenverkehrs Wer sich als unbefangener Beobachter des Betriebes auf unsern Strassen über die Ursachen der Unfälle im Verkehr seine Gedanken macht, sich zunächst einmal nicht an die Unfallstatistik hält und nicht gleich Polizei- und Gerichtsakten durchstöbert, kömmt gewiss zu folgendem vorläufigen Ergebnis : Ein grosser Teil der Unfälle ist entschieden ohne weiteres allen möglichen menschlichen Unzulänglichkeiten zuzuschreiben, angefangen von den geringsten Graden reiner Unvorsichtigkeit des Fussgängers beim Betreten der Fahrbahn, über ungenügendes Wissen um die technischen Eigenschaften des Fahrzeugs und der Strasse oder mangelnde Kenntnis der gesetzlichen Vorschriften beim Fahrzeugführer, bis zu freventlicher Missachtung der eigenen Sicherheit und des Lebens der andern. Ein weiterer Teil entspringt natürlichen Einwirkungen, denen wir uns gar nicht entziehen können oder denen wir uns aus mannigfachen Gründen nur ungenügend anzupassen vermögen. Hieher gehören die Natureinflüsse des Klimas und des Wetters, der Jahresund der Tageszeiten, sei es auf unser subjektives Befinden und Verhalten, sei es auf den Zustand der Fahrbahn, die Sichtvenhältnisse und was dergleichen Umstände mehr sind. Aber ein grosser Rest der Unfälle — auch das sagt uns bereits unsere «naive», unfachmännische Betrachtung — hängt irgendwie mit Mängeln der Verkehrsanlagen selber zusammen oder muss mit solchen zusammenhängen, wir wissen nur vielleicht noch nicht recht, wie. Dabei sind wir durchaus bereit, jene Unfälle persönlichem Verschulden des Verkehrsteilnehmers zuzuschreiben, die dadurch entstanden sind, dass er sein Verhalten nicht nach den für ihn erkennbaren Mängeln der Strasse gerichtet hat. Wir rechnen es also dem Autofahrer und nicht der glatten Asphaltstrasse zu, wenn jener ins Rutschen kam, weil er auf der regenfeuchten schwarzen Fahrbahn mit einer Geschwindigkeit dahinfuhr, die ihm als durchschnittlichen Fahrer als unverantwortlich bekannt sein konnte. F E U I L L E T O N Blatt Im Wind. Abends wurde getanzt. Die Kapelle spielte auf dem Promenadedeck, und Cary tanzte mit Hubert. Das grosse Schiff zog lampenglänzend durch die Nacht. Es gab keine Küsten mehr. Europa war untergetaucht. Cary tanzte mit Hubert und mit Colonel Bentley und mit einem Captain James. Sie hatten ihre vier Strecksessel zur Reling hingedreht. Auf einem kleinen Tisch standen die Whiskygläser. James schwieg. Er hielt sein Whiskyglas in der Hand und sah die Deckbohlen an. Er konnte noch nicht alt sein. Aber sein Gesicht war schmal und verbraucht. Er hatte kurzgeschnittenes graues Haar. «James», sagte Bentley. «Wach auf, komm zurück. Wir sind im Mittelmeer. Du wirst nicht so schnell wieder solche Luft zu schlukken bekommen.» «Ja>, sagte James. Er richtete sich auf, trank und stellte das leere Glas wieder zurück. _ Die vielen Lampen Hessen die Wellen unter der Reling dunkel aufblinken. Weiter ab Uebrlg bleiben die Fälle zweifelsfreier Unzulänglichkeiten der Strasse, um die der Fahrzeugführer, der Fussgänger, der Radfahrer nicht wissen konnte und die den Verkehrsteilnehmer mit immer neuen Tücken bedrohen, ohne dass er sich vor ihnen selbst durch das vorsichtigste Verhalten schützen kann. Fälle also, in denen wir einfach deshalb auf das Walten solcher vielleicht verborgener Gefahrenquellen und Unfallursachen schliessen müssen, weil selbst die gewissenhafteste polizeiliche Untersuchung und das peinlichste Gerichtsverfahren andere Faktoren nicht an den Tag bringen. Gerade dabei bleibt dann, was häufig genug vorkommt, schliesslich doch der Automobilist mangels eines andern « Schuldigen » an einer jener allgemeinen Gesetzesvorschriften hängen, auf Grund deren man ihm kurzerhand Nichtbeherrschen seines Fahrzeugs oder ähnliche unbestimmte Sünden vorhalten kann. Die Statistik kennt mangelhafte Verkehrsanlagen als Unfallursache nicht! Suchen wir nun aber nach einer Bestätigung dieses vorläufigen Bildes vom Wirken der verschiedenen Unfallu.Tsachen und schlagen wir zu diesem Zwecke etwa die schweizerische Statistik der Strassenverkehrsunfälle auf, so erleben wir eine groese Ueberraschung. Mängel der Verkehrsanlagen als Quelle von Verkehrsunfällen kommen darin gar nicht vorl Alle auch nur denkbaren Ver- 6tösse der Verkehrsteilnehmer gegen die Bestimmungen der Gesetze und die Regeln richtigen Verkehrsbrauches erscheinen in lückenloser .Folge, und auch die Mängel der Fahrzeuge rücken auf, ja selbst das Scheuen von Tieren ist nicht vergessen. Doch noch da. wo das Wort «Strasse» endlich auftaucht, erscheint der Verkehrsweg nicht in der Nacktheit seiner eigenen Fehler, sondern als blosser Träger von Natureinflüssen: «nasse, vereiste Strasse» ist die einzige Rubrik der Unfallursachen, in der die Verkehrsbahn genannt ist — als der blösse Ort, auf dem sich Regen und Schnee niederschlagen und das gefürchtete Glatteis sich bildet! Wir wollen freilich gleich mit allem Nachdruck darauf hinweisen, dass wir in dieser befremdlichen Lücke der Statistik keineswegs ein Versagen des Eidgenössischen Statistischen Amtes erblicken dürfen; denn ihm obliegt ja nur die gesamthafte Zusammenfassung der Unfallanzeigen, wie sie ihm von all den Meldestellen der ganzen Schweiz zugehen, nicht aber die selbständige Ermittlung der Ursachen dieser Unfälle. Das irgendwie schiefe Bild des Verkehrsgeschehens, wie es uns die amtliche Statistik darbietet, verrät also tiefer liegende Gründe jener sicherlich mangelhaften Erschliessung Ein schlechtes Beispiel. Sehr ungünstiger Fahrbahnverlauf am Helvetiaplatz in Bern, verursacht durch eine weit vorspringende Trottoirstrecke in Verbindung mit einem gefährlichen Quergefälle nach aussen. Ein Auto, das den scharfen Knick wegen Eisbildung auf der Strasse nicht meisterte und aufs Trottoir geriet, riss vor einiger Zeit den dortigen Hydranten und einen kleinen Brunnen weg. Was taten die Behörden? Sie verlegten den Hydranten einen halben Meter weiter ins Trottoir hinein — um ihn vor dem Umgefahrenwerden beim nächsten Unfall zu schützen, die Unfallquelle selber aber beseitigten sie nicht, trotzdem es «im gleichen zugegangen» wäre, bei dieser Gelegenheit die Ecke etwas abzurunden. schien das Meer unbewegt, eine unendliche schwarze Fläche, die mit dem Himmel zusammenschmolz. «Was werden Sie in Shanghai machen?» fragte James plötzlich. «Ziemlich langweiliger Platz für eine weisse Frau, was?» In dieser Nummer: Werbedienst der SBB für den Güterverkehr. Erfolg der Zürcher Verkehrsgesetz-Initiative. Aushau d. bemischen Fremdenverkehrsstrassen. Erinnerungen an Rosemeyer. Automobil-Aussenhandel. Beilage: Die Kleine Revue. der Unfallursachen. Und ihnen wollen wir im Rahmen dieser Abhandlung nachgehen. Jedermann kennt etwa die systematischen Entstörungsaktionen, die der Befreiung des Radioempfanges von allen möglichen Schädlingen («Parasiten») gelten und bei denen in enger Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Behörden und den Organisationen der Hörer, unter Zuhilfenahme aller technischen Möglichkeiten, die Stöiungscfuellen aufgesucht und dann verstopft werden. Selbst gänzlich unbeteiligte Dritte werden angehalten, ihre elektrischen Einrichtungen, wo nötig, so abzuändern, dass ihr Betrieb den Nachbarn nicht mehr in seinen Genüssen am Lautsprecher beeinträchtigt. Es ist genau bedacht, äusserst befremdlich, dass nicht mit derselben Zielbewusstheit an die Entstörung des Strassenverkehrs geschritten wird. Fortsetzg. auf Seite 2. Was macht der Benzinpreis? Durch die englische Fachpresse ging kürzlich die Mitteilung, dass im Hinblick auf den Rückgang der Nachfrage auf dem internationalen Benzinmarkt eine erste Senkung des Benzinverkaufspreises vorgenommen worden sei. Es ist keine unbekannte Tatsache, dass der Brennstoffverbrauch mit dem Nachlassen des wirtschaftlichen Aufschwungs in verschiedenen Industrieländern (Amerika !) eine rückläufige Entwicklungskurve eingeschlagen hat; die Benzinimportmengen der Schweiz im Januar 1938 verglichen mit denjenigen des nämlichen Monats des Vorjahres zeigen, wie hier bereits ausgeführt wurde, das nämliche Bild. Rasch folgen die Verhältnisse auf dem internationalen Benzinmarkt diesen Fluktuationen der Nachfrage und es ist daher sehr verständlich, wenn auch die Benzin weitpreise wieder ins Sinken geraten. Die letztjährige Benzinpreiserhöhung vom Juli 1937 von 43 auf 45 Rp., bedingt durch die damalige Weltmarktbenzinpreiserhöhung und die Abwertungsfolgen, hat bekanntlich eine starke Reaktion bei den Motorfahrzeugbesitzern ausgelöst, welche leider durch die stieg sie die steilen Stufen zum obersten Deck hinauf. Später knirschten Schritte. Ein Schatten kam übers Deck, das weisse Smokinghemd war ein bleicher Fleck in der Dunkelheit. Cary atmete mit halbgeöffnetem Mund. Sie sah ins Wasser hinunter. Sie hörte, wie James den Steward rief. « Wir müssen etwas trinken », sagte er zu Hubert. «Hab ich recht ? Bisschen Whis- Von Joe Lederer. ky. > Cary setzte sich auf. 19. Fortsetzung. «Ich hab meine ganze Bibliothek mit», « Ich hab schon drei Gläser getrunken.» « Hubert ? > sagte Cary. «Und eine Kiste mit Grammophonplatten. Alle Mozartkonzerte.» James. « Was, Oberst ? » «Man kann nie genug trinken», sagte James sagte nichts. Er sass da und blinzelte «Du bist ein Narr», sagte Bentley. sie an. « Also, auf dein Wohl! » Cary machte die Augen zu. Sie spürte die Cary ging ein paar Schritte die Reling laue Luft auf ihrem Gesicht. Hubert und entlang, blieb bei der Treppe stehn und Bentley unterhielten sich über Indien. horchte. Der Boston klang fremd, vom «...hundertzwanzig Grad», sagte der Wind halb weggetragen und zerpflückt. Oberst. «Und abends keine Brise!» Sein Regiment lag in Madras. tes Leben. Vielleicht hatte jeder, wenn es Vielleicht hatte dieser James ein verpfusch- «Schlimm!» sagte Hubert. abgeschlossen war, ein verpfuschtes Leben. « Es geht.» Bentleys Strecksessel knarrte. « Mit der Zeit glaubt man, es muss so diese Welt und war zum erstenmal da. Un- Schliesslich kam man ohne Erfahrung auf sein. » unterbrochen lernte man zu leben. Aber « Es muss so sein, weil es so ist», sagte wenn man es erst als Ganzes überblicken James schleppend. « Was ? Stimmt das ? konnte und die Fehler entdecken, dann war Es ist so. Aber soll es sein ? » es auch schon zu spät. Aus. Kein Nocheinmal-versuchen, kein Verbessern, nichts. Hubert lachte. Er schien es komisch zu finden. Man war zum ersten und einzigen Mal da. Cary stand auf. Sie legte die Hand um die Es war alles unwiderruflich. runde Eisenstange, die von der Reling hinauf « Vielleicht», dachte Cary. « vielleicht ist zur Decke führte. Tief unten rauschte das der Mensch eine tragische Figur.» Aber es Wasser. Die Planken zitterten leise von der beunruhigte sie nicht. Erschütterung der Maschinen, Die eine Hand auf dem Treppengeländer « Ja >, sagte er. Er kam näher. « Ich hab dich überall gesucht. » Er beugte sich zu ihr. Sein Gesicht war dunkel. Sie spürte den Geruch aus Anzug, Haut und Wärme. Sie wollte etwas sagen. Plötzlich streckte sie blind die Arme nach ihm aus. Sie kamen morgens in Port Said an, der Himmel war weiss wie Metall, mit einem Schlag brach die Hitze herein. Alles ging an Land, in den Strassen lärmten die Grammophone. Ein fremder Geruch war in der Luft, dumpf und stark wie Weihrauch. Cary ging mit Hubert eine schmale Strasse hinauf. Aus jedem Laden gellte Grammophonmusik. Ueber einem schmutzigen Restaurant stand : « Nambu. Wiener Schnitzel.» Es gab keinen Schatten. Die Sonne brannte. In den offenen Gewölben waren gestickte Tücher ausgestellt und Messinggeräte und fleckige europäische Anzüge. Cary war geblendet von dem starken Licht. Die Luft