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E_1938_Zeitung_Nr.103

E_1938_Zeitung_Nr.103

BERN, Freitag, 23. Dezember 1938 Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 103 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREIS Et Ausgab* A (ohne Versicherang) halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljahrlich Fr. 7.50 Ericheint Jeden Dlemtaa und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschlftsstrne Zürich! LSwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach SpezialtarM Inseratensehloss 4 Tage vor Erseheinen der Nummer Vortrittsprobleme und kein Ende (Schluss.) Diese Ordnung der Dinge liegt praktisch in triemands Interesse, und wir gelangen mit dieser Feststellung zur, Beantwortung unserer zweiten Frage, dass sich der Verkehr praktisch schon heute in gewaltigem Umfang nicht mehr an die Regelung hält, wie sie das Bundesgericht in dem erwähnten Entscheid in das MFG hineingelegt hat. Und zwar muss gleich eines mit aller Deutlichkeit hervorgehoben werden: Es ist nicht etwa einseitig das Motorfahrzeug, das praktisch jene Ordnung ausser Kraft setzt, indem es sich vermöge seiner Geschwindigkeit, seines Gewichtes und seiner Zahl gegenüber den übrigen Strassenbenützern gewaltsam durchsetzt und indem seine Führer in überheblicher Geringschätzung der « minderen » Verkehrsteilnehmer rücksichtslos drauflosfahren; es sind vielmehr in ganz erheblichem Umfange diese anderen Strassenbenützer, die in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse und in freiwilliger Anerkennung der besonderen Natur des Motorfahrzeuges auf ihr eigenes Recht zum Vortritt gegenüber diesem letzteren verzichten. Gewiss mag mancher Radler sich im Vertrauen auf seine Wendigkeit kühn auf die Kreuzung hinauswagen und dem sich nähernden Auto gegenüber demonstrativ sein Vortrittsrecht geltend machen; gewiss beharrt mancher selbstbewusste Bauer auf seinem Anspruch, in aller Bedächtigkeit mit seiner Heufuhr oder seiner Mähmaschine aus irgendeinem Seitenwege hervor auf die grosse Durchgangsstrasse hinauszufahren und völlig überraschte, ja erschreckte ortsfremde Autofahrer zu einem plötzlichen Notstop zu zwingen. Aber der Besonnenere hält lieber selbst Umschau nach nahenden Autos und Lastwagen und zieht es vor, seine Ausfahrt in der Ruhe vorzunehmen, die nur möglich ist, wenn er in Annäherung befindliche schnellere Fahrzeuge zuerst vorbeifahren lässt. In den Städten aber mit dem dichten Verkehr ihrer Hauptstrassen wird es nun dem von einer Seite einbiegenden Radfahrer oder Fuhrwerkführer aus rein « verkehrsmechanischen » oder « dynamischen » Gründen in steigendem Masse einfach unmöglich, sein Vortrittsrecht gegenüber den von links kommenden Fahrzeugen der wichtigeren Strasse durchzusetzen, und diese letzteren Fahrzeuge ihrerseits, in das Tempo des ganzen wie eine geschlossene Säule dahineilenden dichten Verkehrsstromes eingespannt, wären vielfach nur noch um den Preis aller möglichen Zusammenstösse in der Lage, plötzlich anzuhalten, um • dem Fahrzeug von rechts den Vortritt zu lassen. So sehen wir denn, wie das praktische Verkehrsbedürfnis rein tatsächlich wie andere Vorschriften, so auch die Vortrittsbestimmungen kraft der dem Verkehrsgetriebe innewohnenden Eigengesetzlichkeiten weitgehend ausser Kraft setzt, wie daraus aber bereits ein Gewohnheitsrecht zu entstehen im Begriffe ist. Dieses zeigt sich einerseits darin, dass sich auch in den Städten mehr und mehr ein beidseitiges Vortrittsrecht der Hauptstrassenzüge durchsetzt. Und nun erhebt sich die grosse Frage der Anpassung der Rechtsordnung an diesen rein tatsächlichen Zustand. Dabei können wir uns zuerst einmal danach umsehen, ob ein Recht, wie es sich nach alledem abzuzeichnen beginnt, vielleicht schon irgendwo besteht. Dann finden wir in dem modernsten Strassenverkehrsrecht der Gegenwart, in der zu Beginn dieses Jahres in Kraft getretenen Strassenverkehrsordnung des Deutschen Reiches vom 13. November 1937, über unser Problem die folgenden entscheidenden Vorschriften des § 13: «An Kreuzungen und Einmündungen von Strassen hat der Benutzer der Hauptstrasse die Vorfahrt... Bei Strassen gleichen Ranges Oh %anuen&aum! Der Christbaum im Strassenverkehr ist Wirklichkeit geworden. Von der Spitze eines Wegweisers im Berner Seeland schimmern und leuchten die Kerzen im Tannengrün hat an Kreuzungen und Einmündungen die Vorfahrt, wer von rechts kommt; jedoch haben Kraftfahrzeuge und durch Maschinenkraft angetriebene Schienenfahrzeuge die Vorfahrt vor anderen Verkehrsteilnehmern. Untereinander stehen Kraftfahrzeuge und Schienenfahrzeuge hinsichtlich der Vorfahrt gleich....» Hier finden wir also, von den uns nicht näher interessierenden Strassenbahnen abgesehen, eine Differenzierung zwischen dem Motorfahrzeug einerseits und allen übrigen Strassenbenützern anderseits, die der verschiedenen technischen Natur und Bedeutung der beiden Gruppen von Verkehrsteilnehmern Rechnung trägt. Und es will uns scheinen, als ob dies die Trennung sei, die sich auch anderswo mehr und mehr herausbilden muss und die vielleicht auch für die Schweiz eines Tages als die gegebene Lösung erkannt werden wird. Schluss Seite 2. Sicherheitslinien beachten! Aus dem Bundesgericht. Die grosse Strasse Bern-Lausanne macht ausserhalb von Bern bei der Anstalt Brünnen eine Linkskurve, und dort ist, obschon die Strecke daselbst gut übersichtlich ist, ein 80 m langes Strassenstück mit einer ungefähr der Mitte der Fahrbahn folgenden Sicherheitslinie versehen. Die Vollziehungsverordnung zürn Motorfahrzeuggesetz bestimmt in Art. 45 Absatz. 2: «In Strassen mit Sicherheitslinien haben die Fahrzeuge rechts dieser Linie zu fahren. » Ein Automobilist, er sich nicht genau an diese Vorschrift hielt, sondern mit seinem Wagen über die Linie hinaus geriet, wurde angezeigt und vom Gerichtspräsidenten von Bern wegen Widerhandlung gegen Art. 45 Abs. 2 VV mit 5 Fr. Busse bestraft. Er appellierte gegen In dieser Nummer: Parkplätze für die Landesausstellung. Gedanken um den Rennsport der Zukunft. Typenbeschränkung in der deutschen Motorfahrzeugindustrie. Ein neues Opel-Modell: Der Kapitän. Beilage: • Siehe Nr. 102. F E U I L L E T O N Rätsel um Muriel. Roman von Johann Friedrich. I. Copyright by Schweiz. Korrespondenzbüro E. Picard, Zürich 2. Zirkus. Die Tiger kommen durch den schmalen, niedrigen Laufgang in die vergitterte Manege. Alsbald erfüllen sie das Rund des Zirkus bis zur Kuppel mit Gebrüll und Raubtierdunst. Ihr Dompteur, Don Juan Aguillar, in seiner blauroten Phantasieuniform halb Husarenoberst, halb Nachtclubportier, lässt die Herzen aller Frauen höher schlagen. Gross, schlank, sehnig und furchtlos steht er unter den Bestien, die riesige Gabel in seiner Rechten erinnert an den Dreizack des Neptun, die lange Peitsche in der Linken an spätrömische Zirkusspiele. He Romeo ! Ho Thisbe ! Mit herrischem Zuruf seiner sonoren Stimme mehr als mit den Geräten in seiner Hand treibt er die fauchenden Katzen auf ihre Plätze und Podeste. Seine Augen sind überall, keines der schleicherisch gefährlichen Raubtiere kommt aus seinem Blick. Während er befehlend Namen hervorstösst, die der Menschheit teuer sind, sorgt er mit wohlbegründetem Eifer dafür, dass ihre Träger keine Gelegenheit haben, sich in seinem Rücken aufzuhalten. Das Pariser Publikum, verwöhnt und übersättigt mit Darbietungen aller Art, vom rugbyspielenden Seehund bis zum saxophonblasenden Elefanten, folgt dem Dressurakt mit atemloser Spannung. Die Gefahr ist es, die es immer wieder kitzelt. Irgendwann und irgendwo einmal werden der Tiger Plato oder die Tigerin Venus schlechterer Laune sein als gewöhnlich. Irgendwann und irgendwo einmal wird Don Aguillars Aufmerksamkeit nachlassen, werden seine hypnotischen Augen abgelenkt sein. Vielleicht durch eine schöne Frau im Publikum, vielleicht nur durch einen ungewohnten Farbreflßx der Scheinwerfer: Und dann werden die Bestien ihre Gelegenheit wahrnehmen, Schüsse werden knallen, Blut wird fliessen. — Doch noch ist es nicht so weit. Eben haben die Tiere ihre Pyramide vollendet. In ihrer Mitte hoch oben thront majestätisch mit aufgerissenem Rachen und undeutbar blinzelnden Augen der riesige Tiger Romeo. Don Aguillar verneigt sich, sehr zurückhaltend und chevajeresk, mit keiner Geste hascht er nach alm Beifall, der vielleicht gerade darum um so stärker losbricht. Minutenlang dröhnt das Rund von klatschenden Händen, einem Trommelfeuer der Begeisterung, in dem statt Granaten Handschuhe platzen. Major Sir Andrew Law blickt aus seinei Prosceniumsloge auf die heissblütigen, los gelassenen Franzosen erstaunter als auf die in ihrer Gruppe festgebannten Raubtiere. Sein kühleres britisches Temperament versteht den Enthusiasmus dieses hingerissenen Publikums nicht. Ein Mann hat ein paar Grosskatzen dressiert und ihr« Vorführung zu seinem Beruf gemacht. Was weiter ? Mut ist bei einem Tigerdompteur selbstverständlich, Vorsicht und Geschicklichkeit liegen in seinem eigenen Interesse. Sir Andrew Law als britischer Kolonialoffizier findet das Risiko eines Raubtierbändigers durchaus nicht übermässig gross. Der dunkelbärtige Herr neben ihm, mit den mandelförmigen Inderaugen und der sonngebräunten Haut ist darin wortlos mit ihm einig. Nikhil, dem Radscha von Pandapur, scheint diese Art Vorführungen eher langweilig als anregend. An diesen überfütterten, Gefangenschaft gewohnten und unterjochten Raubtieren reizt ihn nichts als allenfalls ihr Geruch, der ihn an die verbotene Heimat erinnert. Denn er hält selbst Tiger in den Parks seiner Schlösser, und ihre Wildheit, die ein paarmal ungestraft Menschenleben forderte, ist einer der Gründe, dass er jetzt hier neben diesem britischen Offizier sitzt, der zum kleineren Teil sein Adjutant, zum grösseren sein Aufseher ist. Uebrigens ist er ganz zufrieden mit dem ihm sanft aufgezwungenen Begleiter.' Der Major ist sehr liebenswürdig, sehr korrekt, sehr weltgewandt, in den vergangenen Wochen ist zwischen dem indischen Fürsten und dem Engländer eine Art gentleman agreement zustande gekommen,, das nahe an Freundschaft grenzt. Es fehlt ihm nur noch das cichtige gegenseitige Verständnis, die