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E_1939_Zeitung_Nr.041

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BERN, Freitag, 19. Mai 1939 Nummer 20 Cts. 35. Jahrgang — No 41 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.-. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert. Ausgabe B (mit gew. Unfallversieh.) vierteljährlich Fr. 7.bu. Ausgabe C (mit Insassenversicheruns) vierteljährlich Fr. 7.75. Das Kind im modernen Strassenverkehr Von Prof. Dr. J. Dettling, Bern. 3. Typus: Man möge wohl bedenken, dass das Kind, besonders das Kleinkind, auch wenn es sich auf oder an der Strasse befindet, oft ganz automatisch einem Zuruf gehorchen und, alle Gefahren der Strasse vergessend, die Fahrbahn überqueren kann. Besonders tragisch verlief folgender Fall: Ein Kind läuft auf das. Rufen der Mutter blindlings quer über die Strasse und wird dabei von einem Fahrzeug erfasst. Von der mangelhaften Beaufsichtigung von Kleinkindern auf Strassen wollen wir hier nicht sprechen, wenn auch der erfahrene Automobilist mit geheimem Grauen zu Land und Stadt immer wieder beobachten muss, wie man kleinere Kinder auf Velos von Erwachsenen und auf Kinderfahrrädern die belebtesten Strassen befahren lässt; ganz abgesehen von dem sehr,, gefährlichen Trottinet-, Rollund Schlittschtihfäfirefrauf Fahfstrassenl Selbst ungeeignete Bekleidung vermag feinen Uhfall herbeizuführen. Wie sogar elterliche Fürsorge, zu wenig an die Gefahren der Strasse denkend, dem Kinde zum Verhängnis werden kann, mag folgender Fall zeigen: Eine kleine ABC-Schülerin, die gegen den starken Regen eine Gummikapuze trug, lief in ein Auto und verunglückte tödlich. Der auf dem Gummi aufprasselnde Regen übertönte jedes Geräusch der Fährbahn, während die Kapuze als Scheuklappe das seitliche Gesichtsfeld einengte. 4. Typus: Kinderunfall auf Zurufen hin. (Schluss.)* Ausgesprochen gefährliche Strassenstellen und Kind. Bei alten und neuen Strassenanlagen gibt es relativ viele Stellen, besonders unübersichtliche Kreuzungen und Gebäudeausgänge direkt auf die Strasse, die sozusagen eine dauernde bauliche Gefährdung schaffen und die auch immer wieder ihre Opfer fordern. Die Gefährdung liegt meistens in der Ungünstigkeit der Sichtverhältnisse, so dass beim Auftreten einer plötzlichen Gefahr ein rechtzeitiges Anhalten des Fahrzeuges nur dann möglich ist, wenn nur sehr langsam gefahren wird, nämlich so, dass innert einer knappen Sekunde angehalten werden könnte. Im allgemeinen ist aber die Schnelligkeit der Motorfahrzeuge im Interesse eines reibungslosen Strassenverkehrs höher, als dass es möglich wäre, ein Motorfahrzeug binnen 1 bis VA Sekunden nach Erkennung einer Gefahr zum Anhalten zu bringen. Für die Beurteilung solcher gefährlicher Stellen bedarf es eines klaren Begriffes vom unvermeidlichen Wegverlust beim Anhalten eines Fahrzeuges. Wegen der Kompliziertheit dieser Vorstellung und mangels Erfahrung ist es leider oft das Kind, speziell das Kleinkind, das solchen schwierigen Sichtverhältnissen zum Opfer fällt, besonders wenn sich das Fahrzeug nicht akustisch (oder nachts optisch) ankündet. Um so gerechtfertigter erscheint die Forderung, dass man es bei Neubauten soweit als möglich vermeidet, Ausgänge direkt auf die Strasse oder neben hohen Einfriedungen zu erstellen. Sie bedeuten nichts anderes als eine dauernde Gefährdung, wenn dem reibungslosen Verkehr zuliebe eine bestimmte Schnelligkeit um 30 km herum gestattet ist. Anders freilich liegt der Fall, sofern man für ausgesprochen gefährliche Strassenstellen, wie z. B. in New- * Siehe Nr. 40. imAh. 30 60 90 Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto - Magazin".'? -Monatlich 1 taal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION r Breitenralnstr. 97, Bern Telephon 28.222 Postcheck III 414 - Tejegramm-Adresse : Autörevue, Bern Geschäftsstelle Zürich t Lowenstraste 51, Telephon 39.743 York, genaue Schnelligkeitsvorschriften aufstellt. Aber auch vorübergehend kommt es häufig auf der Strasse zu ausserordentlich gefährlichen Sichtverschlechterungen, wie z. B. durch grosse stationierende Wagen, Umbauten, Ablagerung von Objekten, landwirtschaftliche Kulturen etc. Am besten können wir uns ein Urteil über solche verkehrstechnisch oft geradezu unmögliche Situationen machen, wenn wir uns dabei die'Mindestanhalte- strecke eines Motorfahrzeuges, beim, plötzh- chen Erblicken einer Gefahr -ausrechnen. Die Anhaltestrecke des Motorfahrzeuges ergibt sich aus: Wegverlust >• durch menschliche Reaktionszeit•(== Zeitspanne von.der bewussten Wahrnehmung eines auftauchenden Hindernisses bis zum Beginn der Bremsung) und dem Wegverlust durch Bremsqng. Bei einer, mittelguten Bremse (50%ige Verzögerung) und einer sehr guten menschlichen Reaktionszeit Cvon 3/4 Sekunden) 'etgeben sich z. Ö- folgende yr,.' '..'.'. '.:$>': totale Anhaltestrecken eines Automobils : Reaktions-. Brems- Totale An- Wagenweg weg haltestrecke längen in m mm 6,3 + 7,1 13,4 ••" 3 12,5 +28,3 40,8 9 18,8 +63,8 82,6 18 Als typisches Beispiel einer dauernden Gefahrenzone durch Neubauten sei an Hand nachstehenden Planes folgender tragische Fall, geschildert: Auf müsste, der Automobilist So fahren, dass er innert 1 Sekunde anhalten könnte, was aber praktisch dem Schrittfahren gleichkäme. Eine besonders heikle Gefährdung tragen — durch vorübergehende Erschwerung der Sichtverhältnisse —auch landwirtschaftliche Kulturen in den Strassenverkehr hinein, z.B. die Beblätterung der Laubbäume, die Anlage von hochstehenden Garten- und Feldkulturen an un- -iibersichtlichen Strassen- und Wegeinmündungen. Zweimal konnte ich letztes Jahr beobachten, wie ein Aehrenfeld die Sicht auf die Einmündung eines Feldsträsschens in einer Art und Weise behinderte, die zur Entstehung schwerster Unfälle führte. Nachstehendes Bild zeigt den todlichen Unfall eines Ujährigen Velofahrers. Ein Kornfeld von 1,60 m Höhe über dem Strassenrand befand sich dicht rechts der Fahrbahn des Automobilisten; aus einem 4 m breiten Strässchen mit grossem Gefälle fuhr der Knabe — etwas links haltend — dahinter hervor. Wohl bremste der Automobilist noch 1 m vor a = Fahrrichtung des Automobils, b = Gehrichtung des Kindes, c = Kollisionsstelle. d = Stoppspuren des Automobils, e = Blume, die das Kind in den Händen trug, f =- Lage des Opfers. g = Tor. hoher Mauer an der Strasse stehen mehrere Häuser. Die mit hoher Einfriedung versehenen' Gartentore münden direkt auf die Fahrstrasse. Ein 7jähriges, zartgebautes Mädchen eilt mit einer Blume in der Hand plötzlich aus dem Gartentür auf die Strasse, schräg nach rechts; zirka 2,4 m auf der Strasse wird es, von hinten her, von einem links der Mauer entlang fahrenden Automobil erwischt und tödlich verletzt. Vor der Kollision hatte das Automobil nach den Bremsspuren 5 m weit gebremst, konnte aber trotz vollem Bremsen erst nach 15 m anhalten. Nach der 20 m langen Bremsepur der Hinterräder wurde bei eben noch genügend guten Bremsen eine Schnelligkeit von 46 km/St, errechnet; nach der Wegstrecke, welche das Kind auf der Strasse durcheilte, zu schliessen, war es dem Automobilisten nur ca. eine Sekunde sichtbar, eine Zeitspanne, welche in die durchschnittliche Reaktionszeit von einer Sekunde fällt (wie sie die Gerichte den Motorfahrzeugführern zubilligen). Bei 46 km in der Stunde würde das Auto in 1 Sekunde 12,7 m zurücklegen (wobei also überhaupt keine Abwehrhandlung des Automobilisten möglich wäre); bei einer Reaktionszeit von y* Sek. träte ein Wegyerjust von 9,6 m ein. Auf solche Distanzen, die innerhalb der Reaktionszeit liegen, würde also das Kind mit unverminderter Schnelligkeit erfasst. Im. vorliegenden Falle gelang es dem Automobilisten noch etwas zu bremsen, was aber in Anbetracht der Schnelligkeit des Autos nichts nützte; auch bei einer Schnelligkeit von 30 km hätte bei 1 Sekunde. Reaktionszeit der Wagen erst 2,7 m nach der Kollision angehalten werden können; bei einer Reaktionszeit von y* Sekunden zirka 70 cm nachher. Und dabei wären trotz der herabgesetzten Anprallgeschwindigkeit noch immer tödliche Verletzungen möglich gewesen. Um an dieser Stelle einen Unfall beim plötzlichen Heraustreten auf die Strasse zu verhindern, der Kollision, was aber bei seiner Schnelligkeit bedeutungslos war, hinterliess doch sein Wagen eine Bremsspur von 36 m, wobei er noch 20 m über den Fundort des sofort getöteten Knaben hinausfuhr. 5. Typus: Kinderunfall und alkoholisierte Motorfahrzeugführer. Die gefürchteten (aber vermeidbaren) Fehler der alkoholisierten Motorfahrzeugführer werden hauptsächlich herbeigeführt durch die Schaffung eines falschen Sicherheits- und Kraftgefühls, eines gewissen motorischen Bewegungsdranges als Folge des Sinkens der ethischen Hemmungen, der Selbstkritik, der Vorsicht und Rücksicht auf andere, als Folge auch der zunehmenden Lähmung der Sinnesschärfe und der sinkenden Reaktionszeiten, ganz abgesehen von den Gleichgewichtsstörungen. Alle Grade von Trunkenheit wirken sich besonders verhängnisvoll aus, wenn es sich darum handelt, die Fehler der schwächsten Strassenbenützer, der kleinen Kinder und Gebrechlichen, gutzumachen. Gerade alkoholische Lähmungen der Sinnesschärfe und der Reaktionszeiten rufen ungeheuerliche Kinderunfälle hervor. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp» Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschlnss 4 Tage vor Erscheinen der Nnmmer In dieser Nummer: Der Motorfahrzeugbestand in der Schweiz. Vorschau zum Internat. Eifelrennen. Was geschieht beim Anfahren? Feuilleton: «Rätsel um Muriel» S. 5. Bilder: S. 6. Das hohe Kornfeld wurde dem 11jährigen Velofahrer -zum Verhängnis, Fortsetzung Seite 9. Zürcher Verkehrsfragen Die Polizeiinstanzen der Stadt Zürich haben, wie an dieser Stelle wiederholt darüber berichtet worden ist, ein wohlstudiertes Programm für die gesamte Verkehrsgestaltung und Parkierung während der Landesausstellung aufgestellt, das zweifellos alle Möglichkeiten erschöpfte, die zur Verfügung standen, um die Automobilisten aus nah und fern zufriedenzustellen. Man ist den hiefür zuständigen Polizeiinstanzen und vor allem den Herren Polizeinspektor Dr. Wäesendanger und Polizeikommissär Baumgartner hiefür zu besonderem Dank verpflichtet; sie und ihre Mitarbeiter haben während etlichen Monaten mit grosser Mühe vorbildliche Arbeit geleistet. Wenn nun am nächsten Samstag dieser weitverzweigten Strassenverkehrsregelung noch vereinzelte Schönheitsfehler anhaften werden, so darf dies nicht den Polizeibehörden der Stadt Zürich angekreidet werden. Einige Projekte, die sie vorgesehen und nach reiflicher Prüfung im Instanzengang mit Hartnäckigkeit verteidigt hatten, sind leider durch gewisse Widerstände bei andern Behördestellen und ungenügende Kreditzuweisungen « auf der Strecke » geblieben. Wenn man sich auch in einzelnen Fällen mit anderen Lösungen mehr'oder weniger gut zu helfen suchte, so muss doch einer dieser «Schönheitsfehler » ausserordentlich bedauert werden, denn er wird in der Folge im städtischen Verkehr ausserordentlich unliebsamen Verkehrsstörungen rufen. Es handelt sich hiebei um die von den Polizeiinstanzen verlangten Verkehrsinseln in der Bahnhofstrasse bei den Strassenbahnhaltstellen Trülle (Rennweg) und Schweiz. Volksbank (Augustinergasse). Der Einbau dieser Inseln ist leider unterblieben, weil sie die städtischen Baubehörden nicht haben wollten und ihren Standpunkt mit naturschützlerischen Gründen — es hätten einige Bäumchen entfernt werden müssen — zu rechtfertigen versuchten. Bedauerlicherweise hat der Stadtrat diesen Argumenten Rechnung getragen; er wird dann aber auch die Verantwortung für die, zu erwartenden Verkehrsstockungen in der Bahnhofstrasse zu tragen haben. Jeder mit dem Verkehr nur einigermassen vertraute Fachmann wird diesen Entscheid