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E_1949_Zeitung_Nr.028

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Nr. 28 — BERN, Mittwoch, 22. Juni 1949 Gelbe Liste 45. Jahrgang — Nummer: 40 Rp. ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBILZEITUNG ZENTRALBLATT FÜR DIE SCHWEIZERISCHEN AUTOMOBIL- UND VERKEHRSINTERESSEN ERSCHEINT JEDE!» MITTTOCH - REDAKTION UND ADMINISTRATION: BREITENRAINSTRASSE 97, BE*N, TELEPHON (031) 2 $2 St - GESCHÄFTSSTELLE ZÜRICH: STAHPFENBACHSTR. 40, ZÜRICH 23, TELEPHON 2* 9* 77/7i Das populäre Automobil In dieser Nummer der «AK» finden unsere Leser den ersten Nachkriegs-Prüfungsbericht über einen der modernen Kleinwagen, die den Anspruch erheben, den Besitz eines Automobils auch nicht besonders gut gespickten Geldbörsen zu ermöglichen. Diesem Prüfungsbericht werden weitere über Fahrzeuge der niedrigsten Preis- und Grössenklasse folgen. Dass diese Veröffentlichungen verhältnismässig spät erscheinen, liegt in der Absicht begründet, unsere Leser, die sich besonders für Kleinwagen interessieren, nur über solche Fahrzeuge zu orientieren, deren praktische Bewährung ausser Zweifel steht. Eine Fehlinvestition in einen Wagen, der sich entweder nicht bewährt oder sich für einen bestimmten Zweck nicht eignet, mag für einen finanzstarken Käufer unangenehm sein; den Automobilisten, der zu knappem Rechnen gezwungen ist, kann sie einer kleinen Katastrophe nahebringen. Anforderungen an den volkstümlichen Waten Obwohl heute eine kleine Zahl von verhältnismässig billigen und sparsamen Fahrzeugen auf dem Markt erhältlich ist, kann man noch nicht davon sprechen, dass eine Verbreitung des Automobils in amerikanischem Sinn unter den heute in der Schweiz herrschenden Verhältnissen möglich ist. Ein- Volksautomobil verdient seinen Namen erst, wenn sein Betrieb im Monat nicht mehr als hundert Franken kostet; es ist wohl noch einige Zeit im Reich der Utopie zu suchen. Dafür sorgen nicht nur die hohen Anschaffungsund Betriebskosten im allgemeinen, sondern auch vor allem die sehr spürbaren fiskalischen Lasten. Deshalb bildet auch das Occasionsfahrzeug, obwohl es in Zukunft im Preis eher sinken wird, keine Lösung. In ganz Europa, aber auch in der wirtschaftlich bessergestellten Schweiz wird man das « echte > Volksautomobil auf einem anderen Weg verwirklichen müssen als in den USA: Sehen wir von der finanziellen Belastung des Einzelnen ab, so müssen wir feststellen, dass das schweizerische Strassennetz noch nicht dazu fähig ist, eine wesentlich grössere Zahl von Fahrzeugen besonders in den Stosszeiten aufzunehmen: Der Verkehr in und in der Nähe von Großstädten und auf den Haupt-Ausflugsstrassen besonders an Sonn- und Feiertagen zeigt dies allzu deutlich. Fahrzeuge, die deshalb in wesentlich grösserer Zahl als die geläufigen Typen in den Verkehr gelangen sollen, müssen so gebaut sein, dass sie in ein überlastetes nicht genügend sicheres Strassensystem passen. Die Anforderungen, die man an ein volkstümliches Auto zu stellen hat, müssen den Bedingungen des Verkehrsablaufes im grossen entsprechen, bevor den Wünschen des Einzelnen Beachtung geschenkt werden kann. Aus diesen Ueberlegungen lässt sich die nachstehende Reihenfolge der Anforderungen ableiten: 1. Fahrsieherheit: Die Fahrsicherheit ist allem anderen voranzustellen. Wenn man eines vom Automobil für die Masse verlangen darf, so ist es dies, dass es nicht zu weiteren Verlusten an Menschenleben und Gesundheit führt; der heutige Zustand ist bereits bedenklich genug. Je grösser die Zahl der zirkulierenden Fahrzeuge, um so geringer auch die Aussicht, eine Reduktion der Unfälle durch Erziehung der Verkehrsteilnehmer allein zu erreichen. Den Konstrukteuren erwächst deshalb die Aufgabe, Fahrzeuge zu bauen, die möglichst grosse Sicherheit vor Unfällen bieten und die auch bei vorkommenden Unfällen die Beteiligten mit möglichst geringem Schaden an Leib und Leben davonkommen lassen. 2. Geringste Beanspruchung des Verkehrsraumes. Je mehr Fahrzeuge auf einer Strasse verkehren, um so wichtiger wird die Forderung, dass das einzelnen Fahrzeug die Fahrbahn zeitlich wie räumlich minimal beansprucht. Mit andern Worten sind die äusseren Dimensionen auf ein Minimum zu beschränken, und die Manövrierfähigkeit muss so gut sein, dass der Führer für das Parkieren, Wenden, Garagieren und Fahren im allgemeinen die geringste Fläche belegt. Um das Verkehrsgeschehen in Fluss zu halten, sind anderseits gute Beschleunigung und angemessene Reisegeschwindigkeit besonders auch an Steigungen notwendig. Nur Fahrzeuge, die diesen beiden Grundbedingungen entsprechen, dürfen als mögliche Volksautos angesehen werden. Damit sie wirtschaftlich tragbar sind, haben sie fernerhin den nachstehenden Voraussetzungen Genüge zu leisten. 3. Niedrige Betriebskosten. Wirklich tragbare Betriebskosten setzen gewisse grundsätzliche Ueberlegungen voraus. Dass die Treibstoffverbrauchsziffern ein Minimum nicht überschreiten dürfen, braucht nicht besonders betont zu werden. Dagegen muss zwischen Lebensdauer und Reparaturanfälligkeit ein richtiger Ausgleich gefunden werden. Ein Volksautomobil braucht keine hunderttausend Kilometer zti halten. Seine mechanischen Organe dagegen sind durch das Hilfsmittel der Massenforschung so zu gestalten, dass sie womöglich während der gesamten Lebensdauer keine grössere Ueberholung benötigen. Wenn ein Volksautomobil in der Anschaffung genügend billig ist und bis zu einer Fahrstrecke von rund 60 000 bis 70 000 km keine wesentliche Reparatur benötigt, so darf es nach dieser Fahrstrecke ausgedient haben. In den Jahren nach dem Krieg sind wesentliche und gelungene Ansätze in dieser Richtung zu verzeichnen; sie finden ihre Bedeutung darin, dass das Automobil nicht mehr einen Investitionsgegenstand darstellt, sondern in seiner volkstümlichen Ausführung als Verbrauchsgut anzusehen ist. Erst diese neue Konzeption, von der man (oft ungerechtfertigte) Anzeigen auch bei Automobilen findet, deren Anschaffungspreis sie trotz diesen Umständen einwandfrei als Investitionsgut für kapitalkräftige Käufer kennzeichnet, gestattet den Firmen, die sich mit solchen Plänen befassen, den genügenden Absatz und die hohe Produktionsziffer. 4. Innenraum. Besitzer und Familienangehörige eines Volksautomobils sind weder in ihren Abmessungen noch ihrer Zahl kleiner als diejeniger teurerer Wagen. Vier angemessen komfortable Sitze mit Witterungsschutz und einigermassen genügender Gepäckraum sind deshalb als Minimum anzusehen. Prüft man die heute fabrizierten Kleinwagen unter diesen Gesichtspunkten, so wird man feststellen können, dass zahlreiche Ansätze im richtigen Sinn» vorhanden sind. Das wirkliche Automobil für die europäische Bevölkerung aber, und im speziellen für den Durchschnittsschweizer, fehlt noch ;immer. Es besteht leider auch wenig Aussicht darauf, dass es sich innerhalb kürzerer Zeit verwirklichen lässt. Selbst wenn wir annehmen, dass ein Fahrzeug im erwähnten Sinne von denjenigen wenigen europäischen Firmen, die solche Pläne verwirklichen können, entwickelt worden ist, so zeigt eine überschlagsmässige Rechnung, dass sein Betrieb noch immer über der erwähnten Zahl von 100 Franken im Monat zu stehen kommt Es ist denkbar, dass ein viersitziger Kleinstwagen einfachster Sauart in der Schweiz für einen Betrag von etwa 4000 bis 4500 Franken verkauft werden kann, wenn die unter 3 genannten Voraussetzungen erfüllt sind. Man darf ebenfalls annehmen, dass ein solches Fahrzeug bei einer Lebensdauer von rund 70 000 km keine grösseren Reparaturen benötigt und einen Benzinverbrauch von nicht mehr als 5 Liter aufweist. Basieren wir auf einer Jahresleistung von 8000 Kilometer, was für den Besitzer eines Volksautos genügt, nehmen wir an, dass wohlfeile Garagierungsmöglichkeiten in genügender Zahl geschaffen werden, und dass der Besitzer die Reinigungsarbeiten selbst vornimmt, so kommen -wir noch immer auf eine durchschnittliche Ausgabe von 125 bis 150 Franken. In dieser Zahl ist die Amortisation allerdings vollständig inbegriffen; der somit als minimal zu bezeichnende Kilometerpreis liegt immer noch etwas unter 20 Rappen. Obwohl es also denkbar ist, dass die heutigen Betriebskosten eines Kleinwagens noch gesenkt werden können, so lässt sich bei den jetzigen Zollansätzen, der Höhe des Benzinpreises und der Versicherungsprämien eine wirklich wesentliche Reduktion noch nicht erhoffen. Der wahre Volkswagen wird somit noch weiter auf sich warten lassen. Strasse Lausanne-Bern-Zollikofen mit Sicherheits- und Trennungslinien ausgestattet Die Hauptstrasse Nr. 1 bildet gegenwärtig auf der Strecke Lausanne—Bern—Zollikofen den Schauplatz eines ebenso interessanten wie aufschlussreichen Grossversuchs mit Fahrbahnmarkierungen als Mittel zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und zur Unfallverhütung. Auf die Initiative der Signal AG. in Biel und in Zusammenarbeit mit dem TCS sowie den zuständigen Kantonsbehörden und der Beratungsstelle für Unfallverhütung ist der genannte Strassenabschnitt mit einer Trennungs- und Sicherheitslinie versehen worden. Dabei gelangte eine bei uns bisher unbekannte Methode, das amerikanische Prismo- Verfahren, zur Anwendung. Die Farbstreifen reflektieren in der Dunkelheit, was natürlich deren Nützlichkeit für die Strassenbenützer erhöht, und zudem sollen sie länger haltbar sein als die bisher üblichen. Dass dieses in seinem Ausmass erstmalige Experiment wichtige Erfahrungen zeitigen und das weitere Vorgehen auf dem Gebiet der Fohrbahnmarkierung beeinflussen wird, steht wohl heute schon ausser Zweifel. (Weitere Bilder S. 75.) DENKE Analphabeten ? Ueberall da, wo die < Sicherheit des Strassenverkehrs es erfordert, werden Signale aufgestellt; ihren Zweck, auf besondere, nicht ohne weiteres erkennbare Gefahren aufmerksam zu machen, können sie jedoch nur dann erfüllen, wenn sie gebührend beachtet und befolgt werden. Und dies wiederum setzt eine gewisse Aufmerksamkeit des Strassenbenützers voraus, die umso grösser sein muss, je schneller er sich auf der Strasse bewegt. So sollte man denn vom Lenker eines Motorfahrzeugs erwarten dürfen, dass er die gerade für ihn so wichtigen Strassensignale sieht und richtig zu interpretieren versteht. Grosse geistige Anstrengungen sind hiezu bestimmt nicht nötig, weil auf alle unsere Signale in erster Linie ein und dieselbe Reaktion erfolgen muss: Langsam fahren! Die speziellen Hinweise und Gebote zu erkennen, die durch die Signaltafeln vermittelt werden, fällt dann bestimmt nicht schwer. Wer dies nicht kann, ist ein Analphabet der Strasse und gehört zum mindesten nicht ans Steuer eines Motorfahrzeugs. Wie unsere Bilder zeigen, entstehen aus Missachtung oder Dichtbeachtung der Signale immer wieder sehr schwere Unfälle, bei denen sich die Fehlbaren in keiner Weise zu entlasten vermögen, denn die Signale haben sie ja auf die besondere Gefahr ausdrücklich aufmerksam gemacht. Monitor. AUS DEM INHALT 1. BLATT : Winker oder Blinker? Antworten unserer Leser Bergprüfungsfahrt Rheineck—Walzenhausen Autosport übers Wochenende 2. BLATT : «AR»-Langstreckenprüfung: Volkswagen Die Bewährung des Volkswagens (Ergebnisse einer Rundfrage) Ein neuer Autobus der Stadt Thun Lenkrad-Splitter 3. BLATT : Strassenbeleuchtung und Autounfälle in den USA Wer ist der Erfinder des synthetischen Benzins, Bergius oder der Schweizer Billwiler? 4. BLATT: Abschaffung der Fahrprüfungen? Briefe an die «AR» Um die Fertigstellung des Rapperswiler Seedammumbaues