Katalog - Suche nach zarter Spur

sirfischer

Katalog zur Ausstellung im Schloss Reinbek von der Künstlerin Heike Fischer-Nagel, 2019

Heike

Fischer-Nagel

Suche

nach

zarter

Spur



Heike Fischer-Nagel

Suche nach zarter Spur

Malerei

Skulptur

Grafik


4

5

Impuls

Künstlerisches Schaffen, will es nicht in Manier, Routine oder Phrase erstarren,

ruft nach immerwährendem Suchen und Fragen. Es ist ein Ringen um Geistgegenwart

zwischen Greifen und Loslassen. Es ist Gratwanderung, Grenzzustand, in der Gefahr,

in den Abgrund von sentimental Gefälligem oder Destruktivem zu stürzen.

Es ist Gespräch mit dem anderen, dem Mitmenschen, dem Du. Letzten Endes ist es

Freude am Menschwerden.

In dieser Art berühren die Arbeiten von Heike Fischer-Nagel. Sie sprechen eine starke,

oft auch behutsame Sprache. Sie treffen unmittelbar im Kern, sie betreffen auch mich.

Sie sind unverstellt, offen, zeigen Schmerz und Hoffnung, immer auf der Suche nach

dem Menschenwürdigen im Menschen. Die Frage nach ehrlichem Menschsein wird

zur dauernden Unruhe. Gerade in gegenwärtiger Zeit, wo unsere von Technologie

befrachtete und an äußerem Material überbordende Zivilisation uns zu ersticken droht,

tritt Stille ein – überraschende Ausblicke tun sich auf. Nichtsagbares kündigt sich an,

Vertrauen in Sinnhaftes wird ahnbar. Und auch versteckter Humor blickt manchmal

um die Ecke.

Die Arbeitsweise und das handwerklich künstlerische Können von Heike Fischer-Nagel

zeigt überraschende Vielfalt. Steinbildhauerei, Lasurtechnik, Malerei mit Acrylfarben,

Siebdrucktechnik und angedeutete Installation wechseln sich ab, erzeugen spannende

Kontraste und schaffen immer neue Ausdrucksmöglichkeiten. Es ist, wie sie selber sagt,

Spurensuche als zarter künstlerischer Appell.

Wolfgang Rißmann

Mitmensch und Kunstfreund


Sinnende Betrachtung von Wolfgang Rißmann zu ausgewählten Bildmotiven

In farblichen Übergängen der Lasur:

Gebunden an die kubischen Dimensionen des Raumes

Geprägt von vergangenen Schicksalsspuren

Zurückgeworfen auf mich selbst

Einsam sinnend

Bin ich ein Ich?

ZWISCHEN

DRINNEN UND

DRAUSSEN

2019, 100 X 80

Acryl auf Leinwand


In plastisch gehauener Form des Steins:

Unmittelbar im Hier und Jetzt dir begegnen

Durchdringend kraftvoll mich erblicken

In unverhüllter Wahrhaftigkeit

Unerbittlich geradeaus

Was willst du?

6

7

DENKENDES HERZ

(Portraitfragment

Etty Hillesum)

2018, 40 X 25 X 20

Kalksandstein


In glimmender Transparenz des Siebdrucks:

Archaisch umfassender Raum eröffnet höhere Hintergründe

Die Urform menschlicher Gestalt kündigt sich an

Der Mensch getragen aus dem Umkreis

In milder Farbigkeit atmen dürfen

Wie darf ich werden?

LICHTTRÄGER

2017, 40 X 30

experimenteller Siebdruck


In farbdicht sprechenden Acryltönen:

Aus dem Tiefschlaf embryonaler Urzeiten erwachend

Umgebende bläuliche Hülle in wärmendem Innen

Schlafende Glieder beginnen sich zu regen

Wohin geht die Wanderung?

Wer bin ich?

8

9

WEIL AUGEN

DICH WOLLEN

2019, 100 X 80

Acryl auf Leinwand


Suche nach zarter Spur

Abdrücke des Menschlichen sind im Vergangenen eingelagert und im

Hier und Jetzt auffindbar. Im künstlerischen Prozess suche ich nach ihren

zarten Spuren. Ihnen zu folgen bedeutet, empfindsam zu werden, offen

und aufnahmefähig für das zu sein, was uns emotional und seelisch berührt.

Kunst zu schaffen schließt die Existenzfrage des Menschen ein: In uns spüren

wir den unablässigen Prozess des dauernden Auf und Ab zwischen Hoffen

und Scheitern. Die Protagonisten in meinen Arbeiten wandeln auf einem

schmalen Grat zwischen Hoffnung und Versagen, Angst und Zuversicht,

Entwurzelung und innerer Heimat.

Die Werke lassen erkennen, dass jede Emotion immer nur eine

Momentaufnahme ist, dass wir Menschen uns selbst in der Starre oder der

Angst stets wandeln, häuten und weiterentwickeln. Die Sehnsucht Mensch

zu sein ist allgegenwärtig: individuell, zerbrechlich, emotional und doch

auch würdevoll und autonom sein zu dürfen.

Meine Spurensuche ist ein zarter künstlerischer Appell, sich in der rauen,

technisierten, materiell überfrachteten Gesellschaft wieder mehr den

Grundbedürfnissen nach Mitgefühl und Würde zuzuwenden.

Im künstlerischen Prozess verleihe ich diesen existentiellen Fragen Gestalt,

indem ich mich selbst ganz hinein gebe:

Kunst – das ist der Mensch. (Vincent van Gogh)

Heike Fischer-Nagel


10

11

WELLENSCHLAG

2016, 20 X 30 X 16

Alabaster blau auf Treibholz


SEHNSUCHT NACH EINER ZARTEN SPUR

2013, 100 X 100

Acryl auf Leinwand


12

13

SEELENSPRÜNGE

2016, 100 X 80

Assemblage,

Acryl u. Holz


OBDACH

2016, 70 X 90

Assemblage, Gips, Holz, Acryl


14

15

SCHWELLE

2018, 40 X 30

experimenteller Siebdruck


5

6

ENGELWÄRTS

2016, 100 X 80

Assemblage, Holz und Acryl


16

17

AUSSTIEG

2013, 100 X 80

Acryl auf Leinwand


WIDERSACHER, 2016, Assemblage mit Holz und Acryl, dreiteilig, je 150 X 30


18

19

INITIATION

2016, 90 X 70

Assemblage, Holz, Acryl


AUFRICHTUNG

2013, 100 X 100

Acryl auf Leinwand


20

21

SCHATTENLÄUFER

1994, 25 X 30

Kartondruck


HÄNSEL UND GRETHEL UND ICH

2018, 120 X 160

Acryl auf Leinwand


22

23

GEHEIMNISTRÄGER

2018, 55 X 40 X 60

Kalksandstein


WHO´S MISSING

2019, 160 X 120

Acryl auf Leinwand


24

25

IM KRAFTSTROM

2012, 100 X 100

Acryl auf Leinwand


INNERER EMPFANG

2018, 100 X 80

Acryl mit Collage


26

27

BEFLÜGELTE

2016, 30 X 20 X 6

Alabaster weiß

auf Treibholz


ERDSÄULEN

2014, 90 X 70

Acryl auf Leinwand


28

29

WIE IST DIE WELT SO STILLE

2019, 120 X 140

Acryl mit Collage auf Leinwand


WALDKATHEDRALE

2014, 50 X 40

Zeichnung, Pastellkreide


30

31

ZARTE BRÜCHIGKEIT

2014, 30 X 30

Zeichnung, Graphit u. Pastell


ASCHENPUTTEL

2018, 80 X 100

Acryl mit Collage auf Leinwand


32

33

REGENBOGENKARAVANE

2017, 60 X 43

experimenteller Siebdruck


EISKOKON

1993, 30 X 30

Radierung

LUFTSCHIFFE SPINNEN

1993, 30 X 30

Radierung


34

35

OPEN MIND

2013, 80 X 100

Acryl auf Leinwand


INWÄRTSHORCHEN

2012, 100 X 50

Acryl auf Leinwand


36

37

ATEMHAUS

2017, 40 X 30

experimenteller Siebdruck

VISION

2017, 40 X 30

experimenteller Siebdruck


DER FARBENFLÜSTERER

2018, 60 X 40

experimenteller Siebdruck


38

39

DER JONGLEUR UND DER NARR

1993, 30 X 20

Radierung (geätzt)


IM ATEMHOLEN

2017, 30 X 40

experimenteller Siebdruck


40

41

EIN-GRIFF

2016, 60 X 30 X 40

Kalksandstein



42

43

SCHWARZE MILCH

DER FRÜHE

(nach Paul Celan)

2017, 100 X 80

Acryl auf Leinwand


LEUCHTEND BLASSE ANMUT

2017, 40 X 30

experimenteller Siebdruck

SULAMITH

2017, 40 X 30

experimenteller Siebdruck


44

45

DA BEGRUBEN WIR DIE SONNE

2017, 30 X 40

experimenteller Siebdruck

Damit kein Licht uns liebe

Sie kamen

mit scharfen Fahnen und Pistolen

schossen alle Sterne und den Mond ab

damit kein Licht uns bliebe

damit kein Licht uns liebe

Da begruben wir die Sonne

Es war eine unendliche Sonnenfinsternis

Rose Ausländer


EIN STÜCK HIMMEL

2017, 40 X 30

experimenteller Siebdruck


46

47

CHAI (

(Malerei i. A. a. die Tagebücher von Etty Hillesum)

2018, 120 X 140

Acryl auf Leinwand mit Schattenspiel

Chai (ist ein hebräisches Wort und Symbol,

das „Leben“, „lebendig“ oder „leben“ bedeutet.


DENKENDES HERZ

(Portraitfragment Etty Hillesum)

2018, 40 X 25 X 20

Kalksandstein


48

49

Nur eine Rose als Stütze

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft

unter den Akrobaten und Vögeln:

mein Bett auf dem Trapez des Gefühls

wie ein Nest im Wind

auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle

der sanftgescheitelten Schafe die

im Mondlicht

wie schimmernde Wolken

über die feste Erde ziehn.

Ich schließe die Augen und hülle mich ein

in das Vlies der verläßlichen Tiere.

Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren

und das Klicken des Riegels hören,

der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.

Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.

Meine Hand

greift nach einem Halt und findet

nur eine Rose als Stütze.

Hilde Domin


NUR EINE ROSE

2019, 120 X 140

Mischtechnik, Acryl mit Siebdruck


50

51

UNGEBORGEN

2019, 200 X 100

Acryl auf Leinwand


WO GESTERN

NACH MORGEN

FÜHRT

2019, 200 X 100

Acryl auf Leinwand


52

53

Bitte

Wir werden eingetaucht

und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen

wir werden durchnäßt

bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft

diesseits der Tränengrenze

taugt nicht

der Wunsch den Blütenfrühling zu halten

der Wunsch verschont zu bleiben

taugt nicht

Es taugt die Bitte

daß bei Sonnenaufgang die Taube

den Zweig vom Ölbaum bringe

Daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei

daß noch die Blätter der Rose am Boden

eine leuchtende Krone bilden

Und daß wir aus der Flut

daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen

immer versehrter und immer heiler

stets von neuem

zu uns selbst

entlassen werden

Hilde Domin


ZEITZEUGEN

2019, 160 X 120

Acryl auf Leinwand


54

55

MITGEFÜHL

2019, 30 X 30 X 40

Kalksandstein



56

57

HINGABE

2018, 30 X 25

experimenteller Siebdruck


UNAUFHALTSAM

2019, 25 X 20

experimenteller Siebdruck


58

59

Hoffnung

Wer hofft

ist jung

Wer könnte atmen

ohne Hoffnung

dass auch in Zukunft

Rosen sich öffnen

ein Liebeswort

die Angst überlebt

Rose Ausländer


NUR EIN AUGENBLICK

2019, 150 X 50

Acryl auf Leinwand


60

61


Heike Fischer-Nagel

Malerei – Skulptur – Grafik

Beim Kunstschaffen suche ich nach inneren Freiräumen,

spüre eigene Phantasien, Bildwelten, Geschichten und

oft auch biografische Momente auf. Ich verdichte

Unausgesprochenes im bildnerischen Ausdruck.

Ich male überwiegend mit Acrylfarben auf Leinwand.

Zudem bediene ich mich grafischer Techniken, die ich

experimentell einsetze, das heißt, jede Arbeit bleibt ein

Unikat. Ich drücke mich in expressiven, freien und auch

konkreten sowie figürlichen Formen aus.

Beim Steinbildhauen begegne ich der „Seele“ des Steins mit Respekt und Sorgfalt, um ihm

eine neue Gestalt zu entlocken. Aber auch Abbrüche und das gegen Widerstände arbeiten,

sind in diesem Prozess mit eingeschlossen. Das dreidimensionale Arbeiten verschafft mir einen

weiteren künstlerischen Freiraum, der vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten und neue Wege

eröffnet.

Vita:

Geboren 1967 in Bielefeld, aufgewachsen in Herford, Ostwestfalen

1987 Kunststudium (Lehramt) an der Akademie für Bildende Künste Lerchenfeld

(KP Brehmer, Gerhard Rühm, Rainer Oehms), während dieser Zeit mehrere Ausstellungen,

in Hamburg und Umland

2000-2014 Sonderschullehrerin und Kunstpädagogin

2010 Malatelier in Ahrensfelde,

seitdem mehrere Workshops in den Bereichen Druckgrafik, Malerei und Bildhauerei

seit 2015 ausschließlich als freischaffende Künstlerin arbeitend

seit 2017 mehrere Einzel- und Gruppenausstellungen in Hamburg und Umland

seit März 2019 im eigenen Atelier auf dem Kulturhof Beimoor in Ahrensburg künstlerisch tätig

weitere Infos: www.famfisch.de


62

Ausstellungen (Auswahl)

63

Seelensprünge

Ausstellung in der Martinskirche in Hamburg-Rahlstedt vom29.01. – 26.02.2017 (Einzelausstellung (E))

Große Torhaus-Ausstellung

Wellingsbüttler Torhaus vom 18.02. – 18.03.2018 (Gruppenausstellung (G))

Neues Leben gestalten

Ausstellung von Rahlstedter KünstlerInnen des KulturWerkes in der Martinskirche der Ev.-Luth.

Kirchengemeinde Alt-Rahlstedt08.04. – 02.05.2018 (G)

Inwärtshorchen

Ausstellung im Gemeindefoyer der Johanniskirche der Christengemeinschaft Hamburg-Mitte

vom 22.04. – 17.06.2018 (E)

Rotkäppchen will mehr

Ausstellung im KulturWerk Rahlstedt01.09. – 22.09.2018 (E)

AlsterArt 2018

Verkaufsausstellung im Einkaufszentrum Alstertalam 11.11.2018 (G)

Luftschiffe spinnen

Kunstkreis Bargteheide e.V.,Ausstellung im Stellwerk Bargteheide

vom 26.04. – 05.05.2019 (E)

Alle Farben fliegen hoch

Jubiläumsausstellung der Rahlstedter KünstlerInnen im KulturWerk Rahlstedt

vom 11.05. – 31.05.2019 (G)

Offenes Atelier 2019-Rahlstedt-Art

Ausstellung im eigenen Atelier, vom 10.08. – 11.08.2019

Suche nach zarter Spur

Ausstellung im Schloss Reinbek 25.08. – 27.10. 2019 (E)


Textnachweis

Seite 44

Rose Ausländer, „Damit kein Licht uns liebe“, aus: Rose Ausländer. Gedichte, Frankfurt a. M. 2001

Seite 48

Hilde Domin, „Nur eine Rose als Stütze“, aus: Nur eine Rose als Stütze. Gedichte, Frankfurt a. M.

17. Auflage 1981

Seite 52

Hilde Domin, „Bitte“, aus: Der Baum blüht trotzdem, Frankfurt a. M. 1999

Seite 58

Rose Ausländer, „Hoffnung“, aus: Im Atemhaus wohnen. Gedichte, Frankfurt a. M. 1981

Impressum

Der Katalog erscheint anlässlich der Ausstellung „Suche nach zarter Spur“ vom

25. August bis 27. Oktober 2019 im Schloss Reinbek.

Druck gefördert durch

Erschienen im August 2019, Hamburg

www.famfisch.de

email: heike@famfisch.de

Herausgeberin:

Gestaltung:

Fotos:

Heike Fischer-Nagel

Heike Fischer-Nagel

Stefan Fischer

Stefan Fischer

© 2019 by Heike Fischer-Nagel

All rights reserved


Suche nach zarter Spur

... von der Sehnsucht Mensch zu sein

Ähnliche Magazine