Miriam Rademacher & Marina Köller | Talisman und die blauen Rätsel

verlagmonikafuchs

Gutmütig, eigensinnig, feinfühlig und schlau: So ist das Islandpferd Talisman. Der Rappschecke ist die Attraktion auf dem Jansenhof im emsländischen Werpeloh. Dort bieten die Hofbesitzer Britta und Sören »Mutmach-Ferien« an – Kinder wie Cordula, Lars-Olaf und Katla sollen in dieser Zeit ihre Ängste überwinden. Und Talisman hilft ihnen dabei.

Aber Britta und Sören haben ein Geheimnis. Und schon bald merken die Kinder, dass auf dem Hof seltsame Dinge vor sich gehen. Warum werden sie gleich zu Beginn in einen abgelegenen Wacholderhain gebracht? Wieso ist Musik aus dem Keller des Hauses zu hören? Und wohin verschwindet die Milch, die kurz zuvor noch in der Küche stand?

Cordula, Lars-Olaf und Katla brauchen viel Mut, um den Geheimnissen auf den Grund gehen. Bald schon stoßen sie auf die blauen Rätsel. Doch ohne Talismans Hilfe lassen sich diese nicht lösen …

Das Emsland


Miriam Rademacher

und die

blauen Rätsel

Verlag

Monika Fuchs


www.verlag-monikafuchs.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-940078-16-2

© 2016 by Verlag Monika Fuchs | Hildesheim

Layout und Satz: Die Bücherfüxin | www.buecherfuexin.de

Covermotiv und Illustrationen: Marina Köller | Hildesheim/Müden Ö.

Printed in EU 2016


7 Talisman und seine Gäste

9 Nachts an der Küchentür

21 Ankunft im Nirgendwo

35 Von Schafen und Kindern

45 Zuckerbrot und Bürste

54 Nächtliche Ausflüge

65 Die drei Verbündeten

75 Eine Treppe in die Dunkelheit

85 Die arme Erbin

97 Im toten Holz

109 Aufbruch in der Nacht

118 Ein Stern im Wacholder

127 Ein neues Rätsel

136 Die Autorin: Miriam Rademacher

Die Illustratorin: Marina Köller aka Marry

Das Pferd: Svalur von der Rutenmühle

5


Talisman ist der Star auf dem Jansenhof

im emsländischen Werpeloh. Vor vielen

Jahren kam das Islandpferd direkt von der

nordischen Insel nach Norddeutschland und

treibt seitdem die Hofbesitzer Britta und Sören

regelmäßig zur Verzweiflung. Denn so

gutmütig Talisman ist, so eigensinnig und

schlau ist er auch.

Cordula ist zwölf Jahre alt und lebt mit

ihren Eltern in Düsseldorf. In ihrer Klasse

nennt man sie »Leuchtturm«, weil sie für

ihr Alter sehr groß ist. Obwohl Cordula

vorher noch nie auf einem Pferd gesessen

hat, verbindet sie mit Talisman gleich eine

besondere Freundschaft.

Katla lebt erst seit zwei Jahren in Deutschland

und kommt genauso wie Talisman aus

Island. Sie ist mutig, abenteuerlustig und im

Sattel ein Naturtalent. Die 13-Jährige vermisst

ihre wilde und kalte Heimat und sieht in Talisman

so etwas wie einen Leidensgefährten.

7


Lars-Olaf ist wie Cordula zwölf Jahre

alt und versucht manchmal mit Angebereien

davon abzulenken, dass er sich vor

vielen Dingen fürchtet. Insekten findet er

ganz besonders gruselig. Aber er liebt Detektivgeschichten

und wenn er ein Geheimnis

wittert, ist er sofort dabei, wenn es gelüftet

werden soll. Ganz egal, mit wie vielen

Spinnen er es dafür aufnehmen muss.

Tilly und Henriette sind

zwei ungleiche Schwes tern.

Henriette ist unsicher und

still, sie überlässt das Reden

meist Tilly. Das führt dazu,

dass Tilly auch alle Entscheidungen

für ihre Schwester

trifft. Tilly macht sich mit ihrer herrischen Art schnell unbeliebt

bei den anderen Kindern.

Und jetzt geht die Geschichte los!

8


»

C

ordula hat ein Problem und wir müssen unbedingt etwas

dagegen unternehmen. Sieh es doch endlich ein, Jan!«

Cordula hatte tatsächlich ein Problem. Ihre Füße wurden kalt.

Seit fast zehn Minuten stand sie ohne Schuhe und in ihrem

dünnen Schlafanzug auf dem dunklen Flur und lauschte den

Worten hinter der geschlossenen Küchentür. Cordula fand,

dass sie gerade jedes Recht zum Lauschen hatte. Immerhin

redeten ihre Eltern über sie, und wen ging es mehr an, was die

sich zu sagen hatten, als sie selbst?

Cordula hob den linken Fuß von den kalten Bodenfliesen und

drückte ihn wärmesuchend an ihre rechte Wade, ohne das Ohr

von der Küchentür zu nehmen. Sie durfte kein Wort verpassen.

»Anja, du übertreibst. Cordula hatte heute einen schlechten

Tag, das ist alles. Morgen ist sie wieder ganz die alte.«

Cordula konnte ihre Mutter durch die geschlossene Tür Luft

holen hören. Sie nahm das Ohr vom Türblatt. Mit Sicherheit

wür de sie die nächsten Sätze auch ohne Lauschen verstehen

können.

Und tatsächlich brüllte ihre Mutter so laut los, dass Cordula

jetzt sogar in ihrem Zimmer, das über der Küche lag, alles verstanden

hätte: »Einen schlechten Tag? Sie hatte eine schlechte

Woche! Ach, was rede ich, sie hatte ein schlechtes Jahr!

Und heute ist sie mit Herzrasen, Schweißausbrüchen und am

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ganzen Körper zitternd mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht

worden. Direkt von der Turnhalle in die Notaufnahme! Und

das nennst du einen schlechten Tag? Cordula ist zwölf Jahre

alt! Wie schlecht waren deine Tage mit zwölf? So schlecht?«

Jetzt sprach ihr Vater wieder. Und im Gegensatz zur Mutter

klang er ruhig und gelassen. Cordula drückte rasch das Ohr

wieder an die Tür und wechselte auf den linken Fuß.

»Und die Ärzte haben absolut nichts finden können. Sie sagen,

Cordula sei völlig gesund. Es war nur eine Panikattacke.«

»Nur eine Panikattacke?«

Cordula zuckte beim Schrei der Mutter zurück und wäre fast

umgefallen. Das hatte sie nun davon, dass sie hier wie das berühmte

Männlein im Walde auf einem Bein im Flur stand. Aber

sie musste einfach wissen, was da drin über sie gesprochen

wurde.

»Jan, eine Zwölfjährige bekommt doch nicht einfach so eine

Panikattacke! Cordula hatte Todesangst, als ich in der Notaufnahme

ankam!«

»Ja, und nun weiß sie, dass man nicht so schnell stirbt, und

wird sich das nächste Mal zusammenreißen. Reg dich doch

nicht so auf.«

Cordula hörte, wie etwas krachend auf dem Küchenboden

aufschlug und zerbrach. Ihre Mutter hatte mit Porzellan geworfen.

Das tat sie manchmal, wenn sie so richtig wütend war,

weswegen sie von Papa jedes Jahr zu Weihnachten

ein neues billiges Service

geschenkt bekam. Cordula

ärgerte sich. Das aktuelle

Service war rot mit wei-

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ßen Punkten und wirklich schön. Sie hatte gehofft, es würde

länger halten als ein Jahr.

»Ich soll mich nicht aufregen? Sag mal, spinnst du jetzt völlig?

Siehst du denn nicht, dass da schon viel länger etwas

schief läuft?«

Cordula zog draußen auf dem Flur fragend die Augenbrauen

in die Höhe und ahnte, dass ihr Vater in der Küche gerade dasselbe

tat. Sie hatte diese Angewohnheit von ihm übernommen.

Wann immer sie beide etwas nicht verstanden oder verstehen

wollten, zogen sie gleichzeitig die Augenbrauen hoch. Cordula

fand das witzig. Ihr Vater auch. Die Mutter meistens nicht.

»Erinnerst du dich an die Theatervorführung im letzten Sommer?

Ich musste Cordula aus dem Stadttheater abholen, weil

sie sich weigerte, zusammen mit ihrer Klasse die reservierten

Plätze aufzusuchen!«

»Wer bucht auch für eine Schulveranstaltung Plätze im zweiten

Rang? Da oben hätte ja sogar ich Angst bekommen«, hörte

Cordula ihren Vater brummen.

Sie gab ihm Recht. Wie eine Fliege an der Wand hatte sie

hoch über der Bühne geschwebt und sich am Geländer festgekrallt.

Keinen Schritt hatte sie mehr gehen können vor lauter

Angst. Diesen Moment würde sie nie mehr vergessen.

»Und neulich in dem neuen Einkaufszentrum?«, rief die Mutter.

»Als Cordula plötzlich voller Angst raus rannte und fast vor

ein fahrendes Auto lief?

»In dem Laden war es aber auch nahezu unanständig voll«,

antwortete der Vater und Cordula gab ihm wieder Recht.

Sicherheitshalber nahm sie noch etwas mehr Abstand zur

Tür, weil sie befürchtete, dass ihre Mutter gleich das nächs-

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te Stück Porzellan durch die Küche pfeffern würde. Cordula

wollte nicht aus nächster Nähe erleben, wie es sich anhörte,

wenn sie die Tür traf. Doch es blieb still. Und als ihre Mutter

wieder sprach, tat sie es so leise, dass Cordula ihr Ohr schnell

wieder an die Tür legen musste.

»Vielleicht war diese Schule doch ein Fehler, Jan. Alle ihre

Freunde aus der Grundschule sind auf die Gesamtschule gegangen.

Nur Cordula besucht das Gymnasium. Kein anderes

Kind in der Nachbarschaft ist mit ihr auf dieser Privatschule.«

»Weil diese Schule nicht billig ist und viel von ihren Schülern

verlangt«, verteidigte der Vater zum hundertsten Mal seine

Entscheidung.

»Aber vielleicht verlangen sie zu viel. Zu viel für Cordula. Sie

hat keine neuen Freundschaften geschlossen in ihrer jetzigen

Klasse. Zu ihrem Geburtstag konnten wir keine Party feiern,

weil Cordula nicht wusste, wen sie einladen sollte. Jan, diese

Angst, die sie heute plötzlich hatte, ist nicht gesund

»Angst ist aber auch keine Krankheit«, sagte ihr Vater entschieden.

»Aber sie kann eine werden. Sie kann zu einem echten Problem

werden. Noch will Cordula nur nicht in den zweiten Rang

des Theaters und in das neue Einkaufszentrum, weil es ihr

Angst gemacht hat. Was, wenn sie jetzt bald nicht mehr in die

Schule will?«

Der Vater antwortete nicht. Und Cordula war drauf und dran,

in die Küche zu stürmen, um ihrer Mutter einen Vogel zu zeigen.

Sie würde doch nicht aus Angst nicht mehr zur Schule gehen!

Gut, dieses Gefühl der Panik, dass sie plötzlich in der Umkleide

der Turnhalle erfasst hatte, war echt fies gewesen. Cordula

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war sich sicher, dass es etwas mit dem widerlichen Geruch in

der Umkleide zu tun gehabt hatte. Dem Geruch nach vergessenen

Socken und altem Schweiß. Cordula hatte plötzlich das

Gefühl gehabt, nicht mehr schlucken und nicht mehr atmen

zu können. Und dann war auch noch ihr Herz losgerast und

hatte wie wild in ihrer Brust zu schlagen begonnen. Sie war aus

der Umkleide gelaufen und hatte vor der Turnhalle versucht,

tief einzuatmen. Doch es war immer schlimmer geworden. Ihr

Mund war total trocken gewesen. Wie ausgewischt. Und ihre

Brust so verkrampft, dass sie glaubte, ersticken zu müssen.

Frau Hansen war plötzlich neben ihr aufgetaucht und hatte

mit dem Handy einen Krankenwagen gerufen. Natürlich wollte

Cordula so etwas nie wieder erleben, doch deswegen konnte

sie doch trotzdem zur Schule gehen. Sie würde sich in Zukunft

einfach auf der Toilette umziehen, da roch es zwar auch nicht

gut, aber zumindest anders.

»In zwei Wochen beginnen die Osterferien. Und ich habe

genau den richtigen Ort für Cordula gefunden«, hörte sie die

Mutter in der Küche sagen. Cordulas Augenbrauen schnellten

erneut in die Höhe. Da hörte sie auch schon den Vater sagen:

»Was soll das denn heißen? Ich denke, wir wollten alle zusammen

nach Mallorca?«

»Wir fahren dieses Mal zu zweit nach Mallorca. Cordula

fährt für eine Woche nach Werpeloh.«

»Werpeloh?«, sagten Cordula und ihr Vater gleichzeitig gedehnt.

Wobei Cordula sich schon nach »Wer« die Hand vor

den Mund geschlagen hatte. Jetzt bloß nicht entdeckt werden.

»In Werpeloh gibt es einen hübschen kleinen Bauernhof. Die

Bauersfrau nimmt regelmäßig Feriengäste bei sich auf. Gäste

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wie Cordula. Kinder, die Angst haben. Angst vor völlig alltäglichen

Dingen.«

»Cordula inmitten gestörter Kinder auf einem Bauernhof?

Was soll das bringen? Warum gehst du nicht einfach mit ihr zu

einem Psychologen? «, protestierte ihr Vater.

»Ich habe heute stundenlang herumtelefoniert, um für Cordula

kurzfristig einen Termin bei einem Psychologen zu bekommen.

Hoffnungslos! Anscheinend geht alle Welt derzeit

zum Psychologen. Der früheste freie Termin war in vier Monaten!

Cordula braucht aber sofort Hilfe!«

»Willst du damit sagen, dass auf diesem Hof keine Fachleute

sind?«, fragte ihr Vater ungläubig. »Das kann doch nicht dein

Ernst sein, Anja!«

Cordula drückte sich selbst die Daumen, dass ihre Mutter es

tatsächlich nicht ernst meinte.

»Das meine ich todernst. Die Leute dort haben zwar keine

besondere Ausbildung, aber sie haben Erfahrung mit Ängsten.

Cordula wird bei ihnen gut aufgehoben sein. Wir beide fahren

nach Mallorca und üben dort, uns so miteinander zu unterhalten,

dass die Tassen heil bleiben. Und Cordula fährt nach

Wer pe loh und lernt dort, mit ihrer Angst klar zu kommen. Das

wird ganz toll für sie und für uns auch. Sie wird so viele neue

Eindrücke und Freunde gewinnen wie schon lange nicht mehr.

Vielleicht bringt es ja was. Vielleicht ist Cordula nach den Osterferien

mutiger und stark genug für die Schule und für den

zweiten Theaterrang. Einen Versuch ist es wert. Zum Psychologen

können wir dann immer noch gehen, wenn es nichts hilft.«

Cordula glaubte ihrer Mutter kein Wort. Und sie hoffte, dass

ihr Vater es auch nicht tat.

14


Doch der fragte gerade: »Wo liegt denn überhaupt dieses

Werpeloh?«

In Cordula stieg das ungute Gefühl auf, dass die Sache

schlecht für sie ausgehen konnte.

»Ich habe hier einen Prospekt, schau mal. Werpeloh liegt in

der Nähe von … in der Nähe von … na, eigentlich gar nichts,

aber es ist sicher ganz hübsch dort.«

»Das ist ja oben im Norden! Im Emsland! Sag mal, kennst du

die Ecke überhaupt, Anja? Dort oben regnet es so viel, dass

man das Emsland eigentlich komplett überdachen müsste!

Dort gibt es wirklich nichts! Keine Kinos,

keine Theater, ob mit oder ohne

Rang, und keinen Strand!«

Cordula fing an, die Nagelhaut

ihres Daumens abzukauen

und betete lautlos

um Gnade. Das konnte ihre

Mutter ihr doch nicht ernsthaft

antun wollen! Werpeloh am

Ende der Welt statt Mallorca? Das

war nicht fair.

»Aber es gibt dort in der Nähe einen Baggersee,

in dem man baden kann!«, rief die

Mutter triumphierend.

»Baggersee? Im April?«, fragte ihr Vater

gedehnt.

»Cordula geht dort hin oder du kannst

ohne mich auf deine Sommerinsel fahren!

Ist das klar?«

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Cordula schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Jetzt hatte sie

verloren. Auf ganzer Linie verloren.

»Das ist Erpressung«, sagte ihr Vater gerade.

»Genau«, antworteten Cordula und ihre Mutter im Chor. Erstere

ein wenig leiser.

»Sieh dir diesen tollen Prospekt doch mal richtig an.«

Die Stimme der Mutter klang jetzt einschmeichelnd.

»Was ist denn das für ein schwarzes Viech auf der ersten

Seite?«, fragte der Vater zweifelnd.

»Das? Das ist Talisman«, antwortete die Mutter leichthin.

»Mal ehrlich, Anja: Der ist gruselig. Guck mal, wie der guckt.«

Cordula begann zu zittern. Nicht aus Angst, sondern vor Kälte.

Und als sie hörte, wie ihr Vater in der Küche die Kaffeemaschine

anwarf und bereits anfing, den Urlaub auf Mallorca

als zweite Flitterwochen zu planen, schlich sie sich die Treppe

hinauf. Sie wusste, wann sie verloren hatte.

In ihrem Zimmer kroch Cordula augenblicklich unter die

war me Bettdecke. Doch einschlafen konnte sie nicht. »Werpeloh«,

sagte sie leise und starrte in die Dunkelheit. Doch richtig

dunkel war es nicht. Ihr Haus stand an einer befahrenen

Straße in Düsseldorf. In unregelmäßigen Abständen fuhren

unter ihrem Fenster Autos entlang und ließen das Licht ihrer

Scheinwerfer über die Zimmerdecke tanzen. Cordula hätte die

Jalousie herunterlassen können, doch sie mochte die Lichter

an der Zimmerdecke und war sie gewöhnt. Völlige Dunkelheit

mochte sie hingegen nicht.

Cordula zählte dreiundzwanzig Autos, dann hörte sie ihre

Eltern die Treppe heraufkommen. Als ihre eigene Zimmertür

aufging, stellte sie sich schlafend, bis sie sich wieder schloss.

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Kurz darauf quietschte die Schlafzimmertür. Cordula zählte

weitere dreiundzwanzig Autos. Im Haus war es jetzt ganz still.

Irgendwo draußen auf der Straße sangen zwei Frauen laut und

falsch. Cordula lauschte ihrem eigenen Atem und dem Schlagen

ihres Herzens. Heute Morgen hatte es so wild gepocht.

Und im Krankenhaus war dann plötzlich alles vorbei gewesen.

Was, wenn sie doch einen Herzfehler hatte, den die Ärzte nur

nicht bemerkt hatten? Das könnte doch sein. Cordula drehte

sich auf die Seite und versuchte zu schlafen. Doch jetzt schlug

ihr Herz viel schneller als nur wenige Minuten zuvor. Dabei lag

sie doch hier im Bett und hatte sich kein bisschen angestrengt.

Sie setzte sich auf. Ihre Zunge fühlte sich pelzig an. Sie brauchte

etwas zu trinken. Sicher würde sie sich besser fühlen, wenn

sie etwas trank.

Sie schwang die Füße aus dem Bett und lief so leise wie

möglich die Treppe hinunter. In der Küche tastete sie nach

dem Lichtschalter. Sie nahm eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank

und setzte sie an die Lippen. Ihr Vater hasste es, wenn

sie aus der Flasche trank, doch das war Cordula gerade herzlich

egal. Das trockene Gefühl im Mund verschwand, doch

ihr Herz klopfte noch immer. Cordula setzte sich an den Küchentisch

und hatte das Gefühl, dass ihr Kopf sich in Watte

verwandelte. Sicherlich war das eine unbekannte Krankheit.

Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden oder so etwas. Sie konzentrierte

sich auf die Tischplatte vor sich. Starrte direkt auf das

Bild eines zotteligen Riesen mit schwarz-weißem Kuhmuster.

Aber es war keine Kuh. Es war ein Pferd. Ein Pferd mit einem

schwarzen Kopf und einem schwarzen Hinterteil. Die Mitte jedoch

war weiß, als hätte ihm jemand eine weiße Satteldecke

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aufgelegt. Die dunklen Augen in dem schwarzen Pferdegesicht

sahen sie ruhig an. Über dem Bild stand: »Mutmach-Ferien für

ängstliche Kinder auf den Jansenhof.« Unter dem Bild stand in

schrägen Buchstaben nur: »Talisman. Das Beste, was ihrem

Kind passieren kann, ist, einen Talisman zu haben.«

»Na super«, flüsterte Cordula und kippte einen weiteren

Schluck Cola herunter. »Wenn der machen kann, dass ich

mich nie mehr so fühle wie jetzt gerade, dann sind Ferien in

Werpeloh vielleicht doch keine so blöde Idee. Aber wie sollen

denn Mutmach-Ferien überhaupt funktionieren?«

Zur selben Zeit stand im fernen Werpeloh Talisman in seiner

Box und schmollte. Die Karotte, die ihm hingehalten

wurde, nahm er natürlich trotzdem an. Doch unter zwei Äpfeln

würde er ihr nicht verzeihen. Dieses Mal nicht.

»Na komm schon, Talisman«, flüsterte die Frau in den dreckigen

Jeans einschmeichelnd und klopfte ihm den Hals. »Sei

mir nicht mehr böse. Ich will doch nur dein Bestes. Und dieses

Regencape steht dir wirklich gut. Du siehst sehr schick aus.«

Talisman knurpste verärgert auf der Karotte herum und würdigte

sie keines Blickes. Grundsätzlich hielt er sich für ein wirklich

gutmütiges und geduldiges Pferd, doch was zu viel war,

war zu viel. Und er wusste sehr wohl, dass niemand, dessen

Ohren aus einer gelben Plastikplane herausragten, schick

aussah. Auch die bunten Eimer, die jemand über ihm an die

Stalldecke gehängt hatte, waren nicht schick. Sie waren laut.

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Immer wieder fielen dicke Tropfen in sie hinein und störten

seine Ruhe.

»Bald beginnen die Osterferien und dann kommen neue

Gäste. Die bringen ein bisschen Geld in die Haushaltskasse«,

sagte Britta. Doch die Haushaltskasse interessierte Talisman

nicht. Die Haushaltskasse stopfte nicht die Löcher in seinem

Stalldach. Gäste bedeuteten Arbeit. Arbeit für ihn.

»Das wird dieses Mal eine ganz wilde Mischung, sag ich dir.

Eines der Kinder spricht nicht und ein anderes schläft kaum.

Ach, und Ängste! Eines hat einen Sack voller Ängste! Da muss

einfach das richtige Kind für uns dabei sein. Dieses Mal klappt

es.«

Seit immer wieder Kinder auf den Jansenhof kamen, hatte

Talisman gelernt, dass es mehr Ängste als Regentropfen in

einem Gewitterschauer gibt. Und er wusste nur zu gut, dass

diese Kinder und ihre Ängste wichtig für Britta waren. Aber

das war doch kein Grund für ihn, ihr diesen Regenumhang zu

verzeihen.

»Talisman«, flötete Britta und der erste Apfel erschien in seinem

Blickfeld. »Sei wieder gut mit mir.« Talisman nahm den

Apfel behutsam mit den Vorderzähnen von ihrer flachen Hand,

drehte sich in der geräumigen Box entschlossen um die eigene

Achse und stieß dabei gegen einen der Wassereimer an der

Decke. Es schwappte, und Britta sprang hastig zur Seite. Talisman

schnaubte glücklich. Die Eimer waren doch zu etwas

nütze.

»Du kannst ganz schön störrisch sein, Talisman

Er reagierte nicht. Sollte sie sich doch mit seinem Hinterteil

weiter unterhalten. Er hatte ihr nichts mehr zu sagen.

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»Was meinst du? Wie lange wird es dieses Mal dauern, bis

du mir verzeihen kannst?«

So lange, wie du brauchst, um mir einen zweiten Apfel zu

bringen. Ich weiß genau, dass du nur einen in der Tasche hattest,

dachte Talisman und schnaubte verächtlich. Sie tätschelte

ihm das Hinterteil und lachte leise.

»Also gut. Du bekommst noch einen Apfel. Denn wenn die

neuen Gäste erstmal da sind, brauche ich einen kräftigen und

gut gelaunten Talisman, hörst du?«

Er hörte schon. Aber er war noch immer verstimmt. Demonstrativ

hob er den Schweif und äpfelte auf ihre Gummistiefel.

Hoffentlich war er verstanden worden. Noch deutlicher konnte

er ihr ja kaum sagen, was er von seinem Regencape hielt.

20


»

I

ch heiße Lars-Olaf Luitgen der Dritte, bin Klassenbester

und ein Fußballass. Und was machst du hier?«

Cordula sah den dicklichen Jungen sparsam an und fragte sich

gerade genau dasselbe. Sie standen sich auf einem Bahnsteig

gegenüber. Einem Bahnsteig im absoluten Nirgendwo, wie es

schien. Dabei war sie planmäßig in Lathen aus dem Regionalzug

gestiegen, so wie ihre Eltern es ihr eingeschärft hatten.

Und da war sie nun. In Lathen. Eigentlich hätte hier ein Knecht

namens Kai stehen sollen, um sie abzuholen. Doch hier standen

nur sie, der dicke blonde Junge und drei weitere Mädchen,

die ebenfalls aus ihrem Zug gestiegen waren. Die anderen

beäugten sich gegenseitig, als fürchteten sie sich voreinander.

Sonst konnte Cordula niemanden entdecken. Die gläserne

Bahnhofshalle vor ihr war leer. Die Straße dahinter lag still

und verlassen da. War sie etwa vergessen worden? Wie sollte

sie dann von Lathen nach Werpeloh finden? Und wie winzig

musste Werpeloh sein, wenn es nicht einmal einen Bahnhof

hatte? Der Junge vor ihr wartete noch immer auf eine Antwort.

Also tat Cordula ihm den Gefallen:

»Ich heiße Cordula und habe eine besondere Gabe. Ich

bekomme immer Pickel, wenn mich jemand anlügt. Ich spüre

schon so ein fieses Kribbeln auf der Nase, du Fußballass.

Weißt du vielleicht warum?«

21


Der Junge wandte sich

beleidigt von ihr ab und

versuchte sein Glück

bei den anderen drei

Mädchen. Doch auch

von denen wollte sich

offensichtlich niemand

mit einem Angeber unterhalten.

Cordula schob die Daumen

unter die Träger

ihres Rucksacks

und stampfte ungeduldig

mit dem Fuß

auf. Eines der Mädchen

kicherte verhalten.

Cordula

sah sich die drei

genauer an: Sie

alle waren kleiner

als sie. Das war nicht schwierig. Cordula war so groß, dass

die anderen in der Klasse sie öfter mal »Leuchtturm« nannten.

Zwei der Mädchen trugen ihr braunes Haar zu einem Pferdeschwanz

gebunden wie sie selbst. Die dritte hatte so feuerrote

Haare, wie Cordula noch nie welche gesehen hatte, und war so

blass wie ein Glas fettarme Milch. Sie war die kleinste von allen

und vermutlich auch die jüngste. Cordula entschied spontan,

dass sie als Freundin für die nächsten sieben Tage nicht in

Frage kam. Sie wollte schließlich nicht babysitten. Die anderen

beiden Mädchen waren interessanter.

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Die Autorin

Miriam Rademacher wurde 1973 geboren

und wuchs auf Schloss Clemenswerth im

emsländischen Sögel auf. Heute lebt sie mit ihrer

Familie in Osnabrück, wo sie an ihren Büchern

arbeitet und Tanz unterrichtet. In den letzten Jahren hat

sie zahlreiche Kurzgeschichten, Fantasy-Romane, Krimis und

ein Bilderbuch veröffentlicht.

Die Illustratorin

Marry ist der Avatar- und Künstlername von

Marina Köller, die 1999 in Soltau geboren

wurde und in Hildesheim lebt. Schon als Kind hat

sie in jeder freien Minute gezeichnet, ihre besondere

Liebe gilt dem Manga. »Talisman und die blauen Rätsel«

ist ihr Debüt als Buchillustratorin.

Das Pferd

Als Miriam Rademacher mit der Arbeit

an Talisman begann, suchte sie

im Internet das Bild eines Islandpferdes,

das sie beim Schreiben der Geschichte vor Augen haben

wollte. Ihre Wahl fiel spontan auf den hübschen Svalur von

der Rutenmühle, der auf einem Hof in Idstein lebt. Später

stellte sich heraus, dass Svalur und Talisman nicht nur das Aussehen

gemeinsam haben. Mehr zu Svalur auf www.svalur.de

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