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forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2019: Social Business beseitigt Plastik-Müll und schafft neue Jobs

Plastik ist praktisch. So praktisch, dass wir es universell einsetzen – und nach Gebrauch achtlos wegwerfen. Die Folge: Wir überziehen die Welt mit Plastikmüll. Die Meere sind voll davon… Der Friedensnobelpreisträger Professor Yunus will dem Problem mit Social Business zu Leibe rücken. Ihm und weiteren Lösungen in Sachen Plastikmüll hat das Magazin forum Nachhaltig Wirtschaften einen Schwerpunkt gewidmet. „Plastikmüll, Klimawandel, brennende Wälder, Kriege, Wüstenbildung, all das sind Herausforderungen für die Menschheit, die sich im Kontext der Globalisierung auf ihre gemeinsame Verantwortung für den Planeten besinnen muss", schreibt forum Chefredakteur Fritz Lietsch in einem Kommentar und betont: „Deshalb berichten wir nicht über die bekannten Probleme, sondern über die bereits vorhandenen Lösungsmöglichkeiten." Wasserstoff - Treibstoff für die Zukunft Der Diesel ist im Verruf und die Umweltzerstörung im Umfeld der Batterieherstellung in aller Munde. Damit wird Wasserstoff zum Stoff, aus dem die Mobilitätsträume sind. Was uns vom emissionsfreien Fahren noch trennt, lesen Sie in der kommenden Ausgabe 3/19 des Entscheidermagazins forum Nachhaltig Wirtschaften. Weitere Beiträge im neuen Heft Entrepreneurship Chance für nachhaltige Entwicklung Die Zukunft der Menschheit hängt von Afrika ab Intelligent investieren in Zeiten des Klimawandels Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern Annäherung in fünf Alternativen Die Gemeinwohl-Ökonomie Wie setzt man sie konkret um? Worauf warten wir noch? Die Transition Town Ungersheim zeigt den Weg Der Bauer: Problemlöser statt Sündenbock Dicke Luft in der Landwirtschaft Mit dem Beitrag Schokolade Immer eine Sünde wert? prüft das Nachhaltigkeitsmagazin, ob man die süße Versuchung noch mit gutem Gewissen genießen darf? forum Nachhaltig Wirtschaften erscheint im ALTOP-Verlag und berichtet vierteljährlich über neue Entwicklungen, Trends und Erfolgsbeispiele zu gesellschaftlicher und unternehmerischer Verantwortung. Unter www.forum-csr.net finden sich ergänzende Inhalte sowie aktuelle Nachrichten und Termine.

Plastik ist praktisch. So praktisch, dass wir es universell einsetzen – und nach Gebrauch achtlos wegwerfen. Die Folge: Wir überziehen die Welt mit Plastikmüll. Die Meere sind voll davon…

Der Friedensnobelpreisträger Professor Yunus will dem Problem mit Social Business zu Leibe rücken. Ihm und weiteren Lösungen in Sachen Plastikmüll hat das Magazin forum Nachhaltig Wirtschaften einen Schwerpunkt gewidmet.

„Plastikmüll, Klimawandel, brennende Wälder, Kriege, Wüstenbildung, all das sind Herausforderungen für die Menschheit, die sich im Kontext der Globalisierung auf ihre gemeinsame Verantwortung für den Planeten besinnen muss", schreibt forum Chefredakteur Fritz Lietsch in einem Kommentar und betont: „Deshalb berichten wir nicht über die bekannten Probleme, sondern über die bereits vorhandenen Lösungsmöglichkeiten."

Wasserstoff - Treibstoff für die Zukunft
Der Diesel ist im Verruf und die Umweltzerstörung im Umfeld der Batterieherstellung in aller Munde. Damit wird Wasserstoff zum Stoff, aus dem die Mobilitätsträume sind. Was uns vom emissionsfreien Fahren noch trennt, lesen Sie in der kommenden Ausgabe 3/19 des Entscheidermagazins forum Nachhaltig Wirtschaften.

Weitere Beiträge im neuen Heft
Entrepreneurship Chance für nachhaltige Entwicklung
Die Zukunft der Menschheit hängt von Afrika ab
Intelligent investieren in Zeiten des Klimawandels
Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern Annäherung in fünf Alternativen
Die Gemeinwohl-Ökonomie Wie setzt man sie konkret um?
Worauf warten wir noch? Die Transition Town Ungersheim zeigt den Weg
Der Bauer: Problemlöser statt Sündenbock Dicke Luft in der Landwirtschaft
Mit dem Beitrag Schokolade Immer eine Sünde wert? prüft das Nachhaltigkeitsmagazin, ob man die süße Versuchung noch mit gutem Gewissen genießen darf?

forum Nachhaltig Wirtschaften erscheint im ALTOP-Verlag und berichtet vierteljährlich über neue Entwicklungen, Trends und Erfolgsbeispiele zu gesellschaftlicher und unternehmerischer Verantwortung.

Unter www.forum-csr.net finden sich ergänzende Inhalte sowie aktuelle Nachrichten und Termine.

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EUR 7,50 (D) | EUR 7,50 (A) | CHF 12,50 | 3. Quartal 2019

03/2019

ISSN 1865-4266

Nachhaltig Wirtschaften

Das Entscheider-Magazin

Die Plastikflut

Friedensnobelpreisträger Yunus räumt auf

Intelligent investieren

In Zeiten des Klimawandels

Der Bauer

Problemlöser statt Sündenbock

Wasserstoff

Der Stoff aus dem die Träume sind

Schokolade

Mit gutem Gewissen genießen

Den Kapitalismus verändern

Gemeinwohl-Ökonomie konkret umgesetzt

4 197564 507505

03


kfw.de

Mehr zum nachhaltigen

Engagement der KfW:

kfw.de/stories/plastik

Weiterdenker bekämpfen künstliche

Feinde: Tüten, Becher, Folien.

Die KfW fördert nachhaltige Projekte zur Reduzierung von Plastikmüll. Durch die Finanzierung

von Meeresschutzzonen und innovativem Abfallmanagement leistet die KfW einen wichtigen Beitrag gegen

die Verschmutzung der Meere. Schließlich bieten sie Nahrung für zwei Milliarden Menschen und sind von

elementarer Bedeutung für unser Klima und die Artenvielfalt. Plastik gefährdet dieses sensible Ökosystem –

und damit uns alle. Als nachhaltige und moderne Förderbank unterstützt die KfW Weiterdenker, die

zukunftsweisende Lösungen zur Abfallvermeidung, -verwertung und -entsorgung in die Tat umsetzen.

Weitere Informationen unter kfw.de/stories/plastik


Editorial

DER WIND WIRD RAUHER…

In Brasilien wird der Urwald in unvorstellbarem Ausmaß gerodet, in Sibirien brennen

riesige Waldflächen, Migration und Hunger sind in der Welt wieder am Zunehmen und

immer mehr ultrakonservative, korrupte Menschen kommen an die Regierung. Weltweit

steigen die Flugbewegungen und der Absatz von SUVs (Anteil 30 Prozent) und

Nutzfahrzeugen in Deutschland (Steigerung 14 Prozent) boomt. Die Plastikproduktion

steigt unvermindert weiter, ebenso wie die Menge des Plastikmülls in den Meeren.

Coverfoto: © Vincenzo De Bernardo, stock.adobe.com | rechts oben: © Branko Šmon

… der Ton wird schärfer

In Bayern gehen die Bauern auf die Barrikaden, weil sie sich durch das erfolgreiche Volksbegehren

für mehr Artenschutz bevormundet fühlen. Die Bürger werfen den Bauern

einen zu hohen Einsatz von Gülle, Kunstdüngern und Pestizidkombinationen vor. Fakt

ist: Schimpfen und Schuldzuweisungen helfen nicht – sowohl die Zahl der Bauern, als

auch die der Bienen und Insekten sinkt dramatisch.

Vom Sündenbock…

Neben dem Ausstoß von CO 2

und Methan sind Lachgasemissionen eine der wichtigsten

Ursachen für den Klimawandel und tragen aktuell etwa sechs Prozent zur Erderwärmung

bei. Verantwortlich dafür ist der übermäßige Einsatz von Stickstoffdüngern, frei

nach dem Motto „Viel hilft viel“. Doch nur etwa 40 Prozent des heute weltweit mittels

Kunstdünger in die Natur eingebrachten Stickstoffs wird tatsächlich von Nutzpflanzen

aufgenommen. Die Folge: Luftverschmutzung, zunehmender Sauerstoffmangel in

Küsten gewässern und Verlust von Biodiversität.

… zum Klimaretter

Statt Pflanzen zu (über-)düngen, sollten wir den Boden pflegen! Seine enorme Bedeutung

für den Ertrag und im systemischen Zusammenhang wird allmählich erkannt. Die wichtigste

Maßnahme ist der Aufbau von Humus, denn dieser speichert CO 2

und bremst damit

den Klimawandel. Ein weiterer Vorteil: Humus speichert Wasser und ist damit der beste

Schutz vor Starkregenereignissen. Die Erforschung der faszinierenden Zusammenhänge

von Boden, Klimagasen, Fruchtbarkeit und Wasserspeicherung steht erst am Anfang. Sie

nährt jedoch so große Hoffnung auf einen entscheidenden Hebel im Kampf gegen den

Klima wandel, dass erste Klimazertifikate aus Humusaufbau am Markt zur Verfügung stehen.

Diese sind gerade für regionale Wirtschaftskreisläufe höchst attraktiv.

CO 2

-Zertifikate bringen…

den Landwirten zusätzliche Einnahmen, schützen Grundwasser, Artenvielfalt und Klima

und verbessern die natürliche Fruchtbarkeit der Böden langfristig.

Ach ja: Da waren ja noch das Plastikproblem und unsere Mobilität – auch dafür finden

Sie in diesem Heft hilfreiche Informationen und Inspiration.

Viel Spaß beim Lesen wünschen

Fritz Lietsch

Herausgeber forum Nachhaltig Wirtschaften

f.lietsch@forum-csr.net

Prof. Dr. Maximilian Gege

Vorstandsvorsitzender B.A.U.M. e.V.

Vom 12. bis 14. September 2019 findet

zum achten Mal der Zermatt Summit

in der Schweiz statt. „Entrepreneurship

to serve the common good“ heißt das

diesjährige Konferenzthema. Auf dem

hochkaräti gen Wirtschaftsgipfel werden

über 150 Wirtschafts- und Meinungsführer

aus der Schweiz, Europa und Übersee

erwartet. Das Ziel: klassische Wirtschaftsmodelle

transformieren. Am Fuße des

Matterhorns wird wieder Geschichte

geschrieben. Seien Sie dabei.

www.zermattsummit.org

www.forum-csr.net

3


INHALT

10

Anpacken Den Plastikmüll

aufräumen und verwerten 34

Wasserstoff Die geniale Lösung

für die Verkehrswende

3 Editorial

6 Brennpunkt Plastik am Berg – das Matterhorn Art

Project

8 Gute Nachrichten

THEMEN

Gründer für die Zukunft

28 Transformation durch Zerstörung Entrepreneurship

als Chance für nachhaltige Entwicklung

Schwerpunkt

PLASTIK – DIE

WELT VERSINKT

IM MÜLL

10 Plastik, die Jahrhundertaufgabe Sind Social Business

und Kreislaufwirtschaft die Lösung?

16 Social Plastik Kann Plastiksammeln Menschen

helfen?

18 Greenwashing und Ozeanplastik? Vermeiden am

Anfang, statt Plastik-Fischen am Ende

25 Jetzt packen wir an! Die Schülerinitiative „Grafing

Goes Green“ kämpft gegen Plastikverpackungen

31 Ecosia Der Stoff, aus dem die Bäume sind

Antrieb für Morgen

34 Wasserstoff Der Stoff, aus dem die Träume sind

43 Energie ohne Reue Kommt der CO 2

-freie Wasserstoff

aus Methan?

46 Verkehrswende Da ist noch viel Luft nach oben

Afrika – Kontinent der Entscheidung

49 Mobile Money in Afrika Chancen für Heimatüberweisungen

und nachhaltige Entwicklung

52 Die Zukunft der Menschheit hängt von Afrika ab

Finanzen – Gesellschaft – Wirtschaft

54 Intelligent investieren In Zeiten des Klimawandels

58 Die Denkfabrik Vom Wissen zum Handeln

62 Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern Eine

erste Annäherung in fünf Alternativen

66 Die Gemeinwohl-Ökonomie Wie setzt man sie

konkret um?

Fotos v.l.n.r.: © Grameen Creative Lab © pplum | © Karl Heinz Jobst | © Ars Electronica

4 forum Nachhaltig Wirtschaften


INHALT

Vorbild gescheitert Mafia und

79 Salvini zerstören das Modell Riace 114

Ars Electronica Center

Ein Museum für die Zukunft

Gemeinsam für den Wandel

70 Die gute Nachricht Ölbohrung in Portugal vom

Tisch

72 Worauf warten wir noch? Die Transition Town

Ungersheim zeigt den Weg

Heute für morgen handeln

111 Vorstoß für den ökologischen Gebäudebetrieb

Facility Management kann noch viel bewegen

114 Navigationshilfe für morgen Das Neue Ars Electronica

Center in Linz wird zum Museum der Zukunft

78 Die All-Leader-Kultur Mit Konsens zu guten

Entscheidungen kommen

79 Riace darf nicht sterben Ist der europäische

Leuchtturm für eine gelungene Integration von

Flüchtlingen ein Opfer rechtsradikaler Populisten?

85 Plädoyer für eine Veränderung in der Bildung

Nicht mehr Wissensvermittlung, sondern Wissensnutzung

ist das primäre Ziel.

Landwirtschaft fair und klimafreundlich

88 Der Bauer: Problemlöser statt Sündenbock Dicke

Luft in der Landwirtschaft und schlechtes Klima

müssen nicht sein

94 Politische Instrumente einsetzen Für einen

Wandel in Landwirtschaft und Ernährung

97 Der Pionier der öko-sozialen Agrarkultur Schafft er

die Agrarwende?

100 Schokolade Immer eine Sünde wert?

108 Ausbeutung für Süßes Kann man noch mit gutem

Gewissen genießen?

SERVICE

121 B.A.U.M. informiert Nachrichten aus dem

Unternehmernetzwerk

122 And the winner is Awards und Preisträger

im Kurzprofil

124 Bücher und Filme für den Wandel

Die forum Medientipps

126 Events in der Vorschau Veranstaltungen

im Kurz-Portrait

128 Marktplatz Anbieter stellen sich vor

129 Tagen & Tourismus Anbieter im Kurz-Portrait

130 Impressum, Nachwort und Ausblick

www.forum-csr.net

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5


BRENNPUNKT

6 forum Nachhaltig Wirtschaften


BRENNPUNKT

„EARTH PLASTIC VIEW“

Das Matterhorn Art Project deckt schonungslos auf

Foto: © Branko Šmon

Nach Schätzungen von Wissenschaftlern wird der weltweite Plastikbestand in diesem Jahr voraussichtlich bei etwa sieben

Milliarden Tonnen liegen. Das entspricht einem Granulatvolumen von rund 14 km 3 . Zur Verdeutlichung: Das entspricht einem

Volumen von 4,8 Millionen Olympiaschwimmbecken (50 x 25 x 3 Meter). Der Künstler Branko Šmon hat sich zur Aufgabe

gemacht, dieses unvorstellbare Ausmaß zu visualisieren und begreifbar zu machen. Mit seinem Kunstprojekt verwandelt er

das Matterhorn, den meistfotografierten Berg der Welt, anhand von mehreren Installationen zum weltweiten Botschafter für

ein neues globales Plastikbewusstsein. „Earth Plastic View“-Frames zeigen jeweils den durchschnittlichen Plastikverbrauch

eines Erdenbürgers pro Jahr. Aufgestellt an vier unterschiedlichen Aussichtspunkten rund um den Gornergrat zeigen sie als

Eckpunkte die räumliche Ausdehnung des Volumens des weltweiten Plastikbestands in Granulatform. Mit der „Earth Plastic

View“-Art App wird das Visualisieren des Plastikvolumens durch verschiedene Funktionen erweitert.

www.earth-plastic-view.de

www.forum-csr.net

7


GUTE NACHRICHTEN UND PRODUKTE

Veränderung gestalten

© shutterstock

Der Kunststoffverarbeiter und Schaumstoffproduzent Greiner veröffentlicht

erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht. Dieser zeigt das Nachhaltigkeitsengagement

der Unternehmensgruppe im Detail auf und setzt

messbare Ziele, wie die Etablierung einer Kreislaufwirtschaft oder die

Halbierung der Emissionen bis 2030. Der Bericht stellt die weltweiten

Nachhaltigkeitsmaßnahmen in den Mittelpunkt und setzt sich mit den

ökologischen und sozialen Problemen der heutigen Zeit auseinander.

https://sustainability.greiner.com/

dm-Engagement mehrfach ausgezeichnet

© dm-drogerie markt, Andreas Friedrich

Die dm-Marken Alana, alverde Naturkosmetik und dmBio haben zum

wiederholten Mal das Gütesiegel Green Brand Germany erhalten. Damit

werden die dm-Marken für ihren Einsatz in den Bereichen Nachhaltigkeit

und Klimaschutz ausgezeichnet. So bietet zum Beispiel dmBio hochwertige

Biolebensmittel, viele davon in Naturland- oder Demeter-Qualität.

Zudem ist das von dm initiierte Rezyklat-Forum vom Rat für Nachhaltige

Entwicklung und dem Netzwerk der Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien

zum „Projekt Nachhaltigkeit 2019“ gewählt worden. Die

Mitglieder des Forums arbeiten u.a. daran, das Bewusstsein für Kreislaufwirtschaft

zu fördern und langfristig die Recyclingquote zu erhöhen.

www.dm.de

Sag’s mit Herz!

© e+m Holzprodukte

Eine schöne Geschenkidee made in Germany sind die Büroklammern

Hearty in Herzform von e+m Holzprodukte! Die kleinen Paperclips aus

elastischem Holzfurnier sorgen mit ihrem Smile-Effekt für gute Laune am

Arbeitsplatz, sind aus nachhaltigem FSC®-zertifiziertem Material und lassen

sich sowohl bedrucken als auch mit Lasergravur veredeln. Verpackt sind

die nützlichen Accessoires zu 20 Stück in einer herzförmigen Holzdose.

Alternativ sind die Klammern auch in runder oder quadratischer Form

erhältlich.

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8 forum Nachhaltig Wirtschaften


GUTE NACHRICHTEN UND PRODUKTE

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Nachhaltiger Schulanfang: Tintenroller Breeze

Der nachfüllbare Patronenroller

Breeze liegt dank seiner

ergonomischen Form

und der gummierten Oberfläche

bequem in der Hand

und schreibt angenehm

weich. Hergestellt aus recyceltem

Kunststoff ist er

der erste Stift, der mit dem

„Blauen Engel“ ausgezeichnet

wurde. Eine Reservepatrone ist im Schaft untergebracht. Die königsblaue

Tinte ist löschbar, schnelltrocknend und schmierfest. Für Links- und Rechtshänder

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oder auch nach draußen mitnehmen. Für mehr Komfort kann zusätzlich eine

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9


SCHWERPUNKT | PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL

PLASTIK,

DIE JAHRHUNDERTAUFGABE

Sind Social Business und Kreislaufwirtschaft die Lösung?

Plastik ist eines, wenn nicht das größte der Umweltprobleme unserer Zeit. Nun greift der Friedensnobelpreisträger

ein: Fünf Kreativlabore des Yunus Environment Hub, an der Spitze das Plastic Lab, wollen die

Plastikverschmutzung mit neuen Ansätzen stoppen. Es muss gelingen!

Von Betti Brosche

10

forum Nachhaltig Wirtschaften


PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL | SCHWERPUNKT

Pro Minute landet ca. eine LKW-Ladung Plastikabfall in unseren

Meeren – Tendenz steigend. Friedensnobelpreisträger Prof.

Muhammad Yunus fördert Social Business Lösungen, um Plastik in

der Natur zu bekämpfen und seine Wiederverwertung zu fördern.

Fotos: oben: © Grameen Creative Lab | unten: © Creative Commons

www.forum-csr.net 11


SCHWERPUNKT | PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL

Das Ocean Plastics Lab ist eine internationale Wanderausstellung, die zeigt, wie die Wissenschaft und Wirtschaft versuchen, das Problem der

Plastikvermüllung unserer Ozeane zu verstehen und zu bewältigen.

Klimakrise, Plastikmüll in den Meeren, Artensterben, Verkehr

in Städten, Ernteausfälle, Überschwemmungen – die

Liste unserer Umweltprobleme ist lang und wird länger. Gut,

dass es Menschen gibt, die an Lösungen arbeiten, vor allem

an tiefgreifenden Lösungen, um Ursachen zu bekämpfen

und einen Systemwandel herbeizuführen. 2016 führten

Christina Jäger und Hans Reitz vom Grameen Creative Lab

erste Gespräche mit der Umweltorganisation WWF über die

ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Schnell wurde

klar, dass EIN Thema besondere Bedeutung in den nächsten

Jahren gewinnen wird und man jetzt entschieden handeln

muss: das Thema Plastik. Um unsere Meere und Flüsse von

Plastik zu befreien gründeten sie schnellentschlossen das

Plastik Lab. 2017 bekamen sie dafür Rückenwind, denn auf

dem World Economic Forum platzte die Bombe: Die Ellen

Mac Arthur Foundation präsentierte die katastrophalen Zahlen

einer Studie zum weltweiten Aufkommen von Plastikmüll.

Danach werden nur 14 Prozent des global anfallenden Plastikmülls

recycelt, aber jährlich 8 Millionen Tonnen Plastikmüll

in unsere Meere gespült. Bis zum Jahr 2050 wird darin also

mehr Plastik als Fische schwimmen. Außer wir handeln jetzt!

Refuse, Reuse & Recycle, aber bitte sozial!

80 Prozent des Plastikmüll-Aufkommens in den Meeren stammen

von Quellen an Land, die über die Flüsse in die Ozeane

getragen werden. Das heißt, die Problemlösung muss an

Land, am Ursprung gefunden werden. Hier kommen die drei

altbekannten Prinzipien Vermeidung, Wiederverwendung

und Wiederverwertung (Refuse, Reuse, Recycle) ins Spiel.

Das Interessante und Besondere an der Arbeit des Grameen

Creative Labs ist es, dass die drei Rs nicht mit der klassischen

Wirtschaftsdenkweise umgesetzt werden, sondern mit dem

Ansatz des Social Business. Unter einem Social Business ist

ein nachhaltiges Unternehmen zu verstehen, das anstatt

Profitmaximierung gesellschaftlichen Mehrwert schaffen will.

Es agiert sozusagen selbstlos, da es alle erzielten Gewinne zur

Lösung einer sozialen oder ökologischen Aufgabenstellung

reinvestiert. Bei Social Business-Unternehmen geht es also

nicht darum, möglichst viel Geld auf sozial-ökologisch verträgliche

Weise, also mit gutem Gewissen, zu erwirtschaften,

sondern gesellschaftliche Probleme durch unternehmerisches

Handeln zu bekämpfen. Social Business weist somit

den Weg in einen anderen, zukunftsfähigen Kapitalismus.

Dieses Handeln soll einen Systemwandel herbeiführen: Durch

die Vorbildfunktion des Social Business werden alle anderen

Wirtschaftsakteure dazu animiert, ihr Handeln zu ändern –

Business at it‘s best – und somit eine Wirtschaft zu fördern,

die wieder der Gemeinschaft zugutekommt.

Ein perfektes Paar: Social Business und zirkuläre Wirtschaft

Das Social Business-Konzept geht auf den Friedennobelpreisträger

Prof. Muhammad Yunus aus Bangladesch zurück,

der mit seinem Konzept von Mikrokrediten v.a. für Frauen

weltberühmt wurde. Zusammen mit dem deutschen Eventunternehmer

Hans Reitz hat er das Grameen Creative Lab

mit Sitz in Wiesbaden gegründet, um eine globale Social

Business-Bewegung zu fördern. Seitdem entstanden aus

dem Lab eine Vielzahl von Initiativen und Unternehmen,

die soziale Herausforderungen adressieren. Doch Yunus erkannte

schnell, dass viele soziale Probleme einhergehen mit

Umweltproblemen. Ein Bespiel zur Lösung von Problemen

ist die Versorgung der ländlichen Bevölkerung mit Solarenergie,

um das Abholzen von Wäldern und die gesundheitliche

Prof. Yunus am Mikroskop: Plastik im Meer zerfällt in immer kleinere

Mikroplastikpartikel, die so in unsere Nahrungskette gelangen. Das

Grameen Creative Lab im Einsatz: Der Aufbau von Sammelsystemen,

u.a. in Kolumbien, fördert das Recycling. Neue Social Business Geschäftsmodelle

verwenden den Abfall als Ressource. Somit ist nicht

nur der Umwelt und unserer Gesundheit geholfen, sie sind auch eine

nachhaltige Einkommensmöglichkeit für benachteiligte Menschen.

Fotos: oben: © JC Guilloux | © Grameen Creative Lab

12 forum Nachhaltig Wirtschaften


PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL | SCHWERPUNKT

www.forum-csr.net

13


SCHWERPUNKT | PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL

Belastung durch Kerosinlampen zu reduzieren. Schon früh

gründete Yunus deshalb ein Social Business zur Förderung

von solarer Infrastruktur in den Dörfern Bangladeschs.

Doch es gibt noch viel mehr Herausforderungen in Sachen

Umweltschutz. Im Juni 2019 lancierte deshalb das Grameen

Creative Lab beim Social Business Day in Bangkok den Yunus

Environment Hub, in dem auch das Plastic Lab verankert

ist. Der Yunus Environment Hub berät Unternehmen und

Organisationen, die beim Aufbau und der Förderung von

Social Business-Unternehmen im Umweltbereich mitwirken

möchten. Neben dem Fokus auf Plastikabfall spielen Circular

Economy (Kreislaufwirtschaft), CO 2

-Reduktion, Biodiversität

und erneuerbare Energien eine zentrale Rolle. „Mit dem

Yunus Environment Hub wollen wir die Dringlichkeit aufzeigen,

jetzt zu handeln, um eine große Umweltkatastrophe

abzuwenden“, so Prof. Muhammad Yunus auf der Jahreskonferenz

in Bangkok. „Wir sind uns sicher, dass wir mit starken

Partnern an unserer Seite eine nachhaltige Veränderung der

Wirtschaft herbeiführen können und streben damit einen radikalen

Systemwandel an.“ Christina Jäger, Leiterin des Yunus

Environment Hubs erklärt: „In unserer Linearwirtschaft sind

ökologischen Probleme zur größten Herausforderung unseres

Jahrhunderts geworden. Um zu einer Kreislaufwirtschaft zu

kommen, in der kein Abfall mehr anfällt, da alles einen Wert

hat, müssen wir beginnen, in Kreisläufen zu denken. Erst

wenn wir zirkulär denken und dabei den Social Business-Ansatz

integrieren, können wir unsere lineare Wirtschafts- und

Produktionsweise transformieren. Ganz besonders konzentrieren

wir uns dabei gegenwärtig auf das Thema Plastik und

die Förderung einer Kreislaufwirtschaft, die ökologische und

soziale Probleme gleichzeitig adressiert.“

Kreative Ideen und aktive Unternehmer

Nehmen wir das Beispiel Plastikabfall: Social Business-Unternehmer

arbeiten hier bereits an Recyclinglösungen. Sie

bauen dazu selbst oder in Kooperation mit kommunalen

Abfallwirtschaftsakteuren eine Infrastruktur zur getrennten

Müllsammlung und -verarbeitung auf. Damit lösen sie

nicht nur das Plastikproblem, sondern bieten Arbeitsplätze

für Menschen, die bis dahin ohne Beschäftigung waren.

Waste Ventures India ist ein solches Social Business, dass in

Hydera bad mit Wertstoffsammlern zusammenarbeitet und

sie beschäftigt, um Plastikabfall zu sammeln und zu recyceln.

Noch besser ist es, das Problem schon früher zu adressieren.

Engagierte Sozialunternehmer arbeiten daran, Produkte und

Wertschöpfungsketten neu zu gestalten, um dem Ziel Zero

Waste näher zu kommen. Unverpackt-Läden und -Cafés sind

Bespiele dafür, wie dies funktionieren kann. Ein weiterer Aspekt

ist, wie wir das Design und den Besitz von Konsumgütern

neu definieren, etwa indem Produkte zu Dienstleistungen

werden. Damit erwirbt und besitzt nicht mehr der Käufer

das Produkt, sondern er nutzt es nur. Das Produkt selbst und

damit die Rohstoffe bleiben in der Hand und im Eigentum

des Herstellers. Er hat damit andere Anreize, die Produkteigenschaften

und die Lebensdauer zu optimieren, die eingesetzten

Komponenten und Materialien wiederverwendbar

zu gestalten und Rückholdienste zu organisieren. Dieser

Ansatz kann und wird die Wirtschaft und unser Konsumverhalten

nachhaltig beeinflussen. Das Cradle-to-Cradle-Konzept

des deutschen Chemikers Professor Michael Braungart, der

natürliche und technische Kreisläufe aufzeigt, ist hier ein

leuchtendes Vorbild.

In der Kooperation liegt die Zukunft

Mit dieser Vision einer zukunftsfähigen Wirtschaftsweise

will das Plastic Lab Kooperationen sowie branchenübergreifende

Lösungsansätze fördern und damit Motor und

Treiber von Innovationen sein. „Wir benötigen internationale

Allianzen aus Unternehmen entlang der gesamten Kunststoff-Wertschöpfungskette

und die Zusammenarbeit von

Wissenschaftlern, Ingenieuren, Innovatoren, NGOs und eben

Social Business-Unternehmern, um die immensen Herausforderungen

des globalen Plastikverbrauchs in den Griff zu

bekommen“, betont das Kreativgenie Hans Reitz. „Deswegen

rufen wir alle Unternehmen auf, das Problem gemeinsam mit

uns anzugehen. Erste wichtige Schritte sind bereits getan, und

wir sind dafür offen, neue Ansätze zu fördern.“

www.grameencreativelab.com

BETTI BROSCHE

ist seit mehr als 20 Jahren in den Medien und aktuell für die UFA tätig.

Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, die Welt zu retten. Natürlich erst,

wenn sie all ihre Mails gecheckt hat . Und nicht alleine, sondern

mit allen zusammen. Ihr Motto: Wir schaffen das!

The Yunus Environment Hub…

… fördert Social Business-Lösungen für die drängendsten Umweltprobleme.

Im Fokus stehen fünf Kreativlabore, in denen Ideen kreiert

und erprobt werden: Circular Lab, Plastic Lab, Carbon Lab, Biodiversity

Lab und Green Energy Lab. Der Yunus Environment Hub

fördert Social Business-Unternehmer mit Inkubationsprogrammen

und berät Unternehmen, Städte und Organisationen, die sich engagieren

oder verändern möchten. In Vorträgen, Workshops und Trainings,

zum Beispiel zum Thema Circular Thinking, kann man sein

Wissen und seine Fähigkeiten gezielt weiterentwickeln.

The Plastic Lab…

erarbeitet Lösungen zu Abbau und Verhinderung von Plastikverschmutzung

in unserer Natur. Im Zentrum stehen Geschäftsmodelle

für die Reduktion von Plastikabfall und den Aufbau von

Abfallwirtschaftssystemen. Zehn Flüsse transportieren 90 Prozent

des Mülls in die Ozeane, acht davon sind in Asien und zwei in

Afrika. Das Plastic Lab fokussiert sich auf diese Hot Spot Regionen,

um den Plastikfluss zu stoppen, denn wenn das Plastik einmal in

unsere Meere gelangt ist, gibt es kaum eine Möglichkeit, es wieder

zu entfernen.

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15


SCHWERPUNKT | PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL

SOCIAL PLASTIC

Kann Plastiksammeln Menschen helfen?

Eine Bank, die Plastik nimmt und Geld gibt. Das ist die Kurzfassung von David Katz’ Idee. Im März 2013

gründete er die „Plastic Bank“. Das Sozialunternehmen will damit sowohl den Plastikmüll, der jedes Jahr

in unsere Meere gelangt, als auch die Armut in Entwicklungsregionen bekämpfen.

Von Jonas Hellmann

Die „Plastic Bank“, eine erfolgreiche Initiative aus Kanada,

eröffnete ihre erste Filiale in Lima, Peru und setzt auf die

Menschen, die weggeworfenes Plastik sammeln. Diese

können ihr Sammelgut wie etwa Verpackungen, Flaschen,

Kunststoffbehälter und Tüten bei der Plastic Bank eintauschen.

Zum Beispiel gegen Strom fürs Handy, gegen Internetnutzung,

Brennstoff für den Ofen oder auch gegen Bares.

Der Gründer David Katz möchte mit diesem Tausch den Wert

des Plastiks stärker ins Bewusstsein rücken. Gleichzeitig bietet

das Plastiksammeln Menschen mit einem sehr geringen

Lebensstandard eine Perspektive.

Plastik eröffnet Zugang zu Technologie, Strom und

Einkommen

Das abgegebene Plastik wird vor Ort zerkleinert, verpackt,

abtransportiert und recycelt, zum Beispiel zu Plastikfäden für

3D-Drucker. Apropos 3D-Drucker, diese sollen den Plastiksammlern

zukünftig in den kleinen Filialen der Plastic Bank

zur Verfügung stehen. Mithilfe des Filaments aus recyceltem

Plastik und frei verfügbaren Designs können sich die Menschen

vor Ort dringend benötigte Gegenstände selbst ausdrucken.

Das erhöht die Motivation, zu sammeln und schafft

ein Bewusstsein für den Wert des Materials. Und wenn viele

Menschen mit anpacken, so hoffen die Sozialunternehmer,

gelangt der Plastikmüll nicht mehr in die Weltmeere, sondern

verhilft Menschen zu mehr Einkommen und kreativen

Gestaltungsmöglichkeiten.

Unternehmen und die Crowd als Partner

David Katz’ Plan hat das Zeug zur Revolution und diese ist bitter

nötig, denn die Menge an Plastikmüll, die es zu sammeln

und verwerten gilt, liegt bei etwa 8 Millionen Tonnen im Jahr.

Es gibt also viel zu tun, besonders in Ländern, die keine funktionierende

Abfallentsorgung haben. Zusammen mit seinem

Geschäftspartner Shaun Frankson expandierte David Katz

Haiti: Der nächste Regen spült den Plastikabfall ins Meer. Sammler

der Initiative reinigen den Strand, geben das Plastik bei der Plastic

Bank ab und erhalten hierfür eine Vergütung. Henkel ist Partner des

Social Start-ups Plastic Bank und fördert drei Sammelstellen auf Haiti.

ALDI Süd unterstützt Sammelstellen auf den Philippinen. Von dort

stammt das Social Plastic® für die Pro Nature Produkte.

Fotos: © Social plastic

16 forum Nachhaltig Wirtschaften


PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL | SCHWERPUNKT

deshalb bereits 2015 nach Haiti. 2017 ging es dann auf die

Philippinen und letztes Jahr wurden Filialen auf Bali eröffnet.

Für diese Verbreitung der „Plastic Banks“ sind neben dem

unermüdlichen Einsatz der Gründer zwei weitere Faktoren

entscheidend. Zum einen die Crowd, denn das Projekt bittet

in den sozialen Medien um Likes, Mithilfe und finanzielle

Unterstützung und bekommt diese auch, zum anderen starke

Partner, die das Rezyklat abnehmen, wie etwa die Firma Lush.

Die Kosmetikfirma stellt Shampoo-Flaschen aus „Social Plastic“

her und war der erste Abnehmer der engagierten Sozialunternehmer.

Weitere Rückendeckung kommt von einem deutschen

Unternehmen: Henkel kooperiert mit der Plastic Bank, um

deren Arbeit in Haiti zu unterstützen. Straßen, Wasserwege

und Strände sind dort übersät mit Plastikmüll. Aufgrund der

fehlenden Infrastruktur ist es nicht möglich, den Müll ordnungsgemäß

zu entsorgen. Stattdessen steigt die Müllmenge

täglich und stellt eine ernstzunehmende Gefahr für die Umwelt

auf Haiti dar. Im vergangenen Jahr kamen auf der Karibikinsel in

drei Plastik Bank- Sammelcentern rund 63 Tonnen Plastikmüll

zusammen, die Henkel in 25.000 Flaschen aus „Social Plastic“

verwandelt hat. „Die Zusammenarbeit mit Henkel ermöglicht

uns, noch mehr Menschen mit unserer Lösung zu erreichen

und einen noch größeren, positiven Einfluss auf die Umwelt

zu haben“, freut sich David Katz. „Gemeinsam können wir die

Verschmutzung durch Plastikmüll stoppen – indem wir Abfall

zu einer Währung machen und gleichzeitig neue Chancen

für Menschen in Armut schaffen.“ Für die Finanzierung einer

Plastic Bank auf den Philippinen konnte Katz übrigens den

deutschen Lebensmittelhändler ALDI gewinnen und auch die

Drogeriemarktkette dm setzt auf „Social Plastic“.

Das freut selbst den Papst

Die unermüdliche Aufbauarbeit der Plastiksammler aus

Kanada zahlt sich auf alle Fälle aus: Für sein Engagement

ist das Sozialunternehmen vor kurzem vom Vatikan geehrt

worden. Sein ehrgeiziges Ziel, die Weltmeere vom Plastikmüll

zu befreien und die Armut zu beenden, ist zwar noch in

weiter Ferne, aber die Aufmerksamkeit für das Unternehmen

und seine Projekte wächst täglich und das verspricht weitere

Erfolge und Nachahmer.

www.plasticbank.com

JONAS HELLMANN

studiert Jura und Politikwissenschaften. Sein besonderes Interesse

gilt dem Thema Social Business. Er möchte dabei mitwirken, globale

Probleme im regionalen Kontext zu lösen.

Recycling-Vorbild Europa?

Wenn die Berichterstattung suggeriert, dass Plastikmüll nur im

globalen Süden ein Problem sei, ist dies weit gefehlt, denn auch

in Europa ist das Recycling unterentwickelt.

Ende 2018 lag der Einsatz von Rezyklaten selbst beim Düsseldorfer

Henkel-Konzern gerade einmal bei knapp zehn Prozent. Der Konzern

will diese Quote zumindest in Europa bis 2025 auf 35 Prozent steigern.

Doch damit werden auch in sechs Jahren die Verpackungen

noch zu zwei Dritteln aus neuem Kunststoff bestehen. Für eine verbesserte

Recyclingquote müssen Verpackungen anders konzipiert

werden. Verbundmaterialien und eine Vielzahl unterschiedlicher

Plastikarten erschweren jedoch die Wiederverwendung. Bis Ende

2018 waren erst 80 Prozent der Produktverpackungen rein theoretisch

entweder recyclebar, wiederverwendbar oder kompostierbar.

Bis 2025 sollen alle Verpackungen diese Kriterien erfüllen, um eine

wirkliche Kreislaufwirtschaft zu fördern.

Pfandsysteme statt Plastikabfall

Am Plastikproblem arbeiten neben Henkel auch Mitbewerber wie

Procter & Gamble. „Wir wollen, dass 100 Prozent der Verpackungen

bis spätestens 2030 weltweit recyclingfähig sind“, kündigte Virginie

Hélias, Chief Sustainability Officer von Procter & Gamble, in einem

Gespräch am Rande der Sustainable Brands 2019 in Paris an. Doch

damit nicht genug, der Konzern stellte in Paris das Konzept wiederbefüllbarer

Verpackungen vor und möchte hier gemeinsam mit

TerraCycle CEO Tom Szaky und weiteren Industriepartnern das ganz

große Ding in Sachen Plastikvermeidung anstoßen.

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BALANCE ZWISCHEN PRODUKT- UND

UMWELTSCHUTZ SCHAFFEN

www.forum-csr.net

Der Online-Handel in Deutschland erklimmt

jedes Jahr neue Gipfel. Optimaler Produktschutz

bleibt eine der zentralen Anforderungen

an die Verpackung – gerade nachdem

das Thema Nachhaltigkeit mit dem neuen

Verpackungsgesetz eine deutliche Stärkung

erfahren hat. „Produkt- und Umweltschutz

schließen sich keinesfalls aus. Es gibt alternative

Verpackungslösungen oder Optimierungschancen,

die einen wichtigen Unterschied

in der Ökobilanz ausmachen – man

muss sie nur kennen.“ so Harald Schönfeld,

General Director bei RAJA Deutschland.

„Wir besitzen eine einmalige Expertise was

Produktschutz aber auch nachhaltige Versandverpackungen

betrifft. Diese teilen wir

uneingeschränkt mit unseren Kunden.“ RAJA

bietet eine stetig wachsende Zahl an besonders

umwelt- und ressourcenschonenden

Lösungen. Zudem können Kunden jederzeit

ihren Verbrauch an Verpackungsmaterial

überprüfen: RAJA stellt ihnen jederzeit eine

Auflistung der Gewichte und Mengen zur Verfügung.

„Diese Transparenz ist wichtig“, weiß

Schönfeld. „Und in vielen Fällen ein guter

Ansatzpunkt für die weitere Optimierung.“

www.rajapack.de

EUROPAS NR.1 IM VERPAC KEN

17


SCHWERPUNKT | PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL

GREENWASHING MIT

OZEAN-PLASTIK?

Vermeiden am Anfang, statt Plastik-Fischen am Ende

Immer mehr Unternehmen bieten Verpackungen oder Produkte aus Ozean-Plastik an und vermitteln Verbrauchern

ein Gefühl der Umweltfreundlichkeit beim Einkauf von Einweg-Plastikprodukten. Doch nicht

(nur) am Strand, auch hier vor Ort ist dringend Aktion angesagt. Die Recyclat-Initiative zeigt den Weg.

Von Fritz Lietsch und Thomas Schäfer

Im Moment werben Unternehmen damit, für die Herstellung

von Shampooflaschen oder Textilien an Stränden

gesammeltes Plastik verwendet zu haben. Soweit so gut.

Allerdings ist Ozean-Plastik allein nicht der richtige Ansatz,

um das Problem des Plastikmülls in den Meeren wirklich

in den Griff zu bekommen. Das Aufsammeln von Plastik an

Stränden ist zwar beileibe nicht falsch, aber das Kind ist

dann bereits in den Brunnen gefallen. So viel Plastikmüll,

wie täglich in die Meere gelangt, kann unmöglich wieder

herausgeholt werden. Der größte Teil des Plastiks sinkt

ohnehin auf den Meeresgrund oder befindet sich als Mikroplastik

in der mittleren Meerestiefe. Dieses Mikroplastik

lässt sich aus dem Meer nicht mehr herausholen, und deshalb

muss der Ansatz lauten, zuallererst Plastikabfälle zu

vermeiden, eine Wiederverwendung zu fördern und auch

Nachfüllverpackungen anzubieten.

Foto: © Martina Merz

18 forum Nachhaltig Wirtschaften


PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL | SCHWERPUNKT

Ozean-Plastik darf nicht von tiefgreifenden Lösungsansätzen

ablenken

Ozean-Plastik wird nur für einen winzigen Bruchteil von

Verpackungen und Produkten eingesetzt und spielt beim

täglichen Kerngeschäft und der Masse der Alltagsprodukte

so gut wie keine Rolle. Es ist eher eine „grüne Blase“, um

dem Verbraucher zu suggerieren, dass Unternehmen etwas

gegen den Plastikmüll tun, obwohl sie nach wie vor Problemverursacher

sind. Der Einsatz von Ozean-Plastik ist für den

Massenmarkt zum größten Teil nicht geeignet, weil das angespülte

Material schadstoffbelastet sein kann. Da außerdem

Art und Umfang der angespülten oder gefischten Kunststoffe

unklar sind, besteht keine Planbarkeit zum Einsatz bei der

Herstellung von Massenprodukten. Zudem ist das Sammeln

und Verarbeiten von Ozean-Plastik bisher schlicht unwirtschaftlich

und von Sponsoring abhängig. Viel wichtiger als

die Promotion punktueller Showprodukte wäre es, wenn

große Verpackungshersteller:

• unnötige Umverpackungen vermeiden,

• die Abfüllung von Produkten durch Verbraucher – wie in

Unverpacktläden – fördern,

• Nachfüllpacks anbieten,

• Verpackungen recyclingfähig designen,

• Recyclingmaterial aus dem Gelben Sack einsetzen.

Ozean-Plastik oder Gelber Sack?

Allein in der EU entstehen jedes Jahr rund 26 Millionen Tonnen

Plastikmüll. Wenn überhaupt, wird dieser bisher auch bei

uns nur minderwertig recycelt. Er wird also bald auch wieder

zu Müll und endet schließlich in einer Verbrennungsanlage…

oder in China oder Indonesien. Dass China im Januar 2018

beschlossen hat, die Einfuhr von Plastikmüll zu stoppen, ist

eher eine gute Nachricht als ein Problem. Denn anstatt den

Müll einfach zu verschiffen, zu stapeln oder zu verbrennen,

müssen wir jetzt umdenken und nachhaltige Lösungen finden.

Und wer, wenn nicht wir, als der Müll-Europameister,

und wo, wenn nicht hier, im Land der Umweltschützer und

Ingenieure, können neue Konzepte und Technologien entwickelt,

erprobt und finanziert werden, um in Sachen Plastik

radikal aufzuräumen? Pioniere wie die Recyclat-Initiative

zeigen den Weg.

Ein Gelber Sack ist voller Wertstoffe

Seien wir ehrlich: Produkte in Haushalt und Industrie sind

heute ohne Kunststoffe nicht vorstellbar – von der Lebensmittelverpackung

über Kinderspielzeug bis hin zur Hightech-Maschine.

Aber: Kunststoff wird aus Erdöl hergestellt.

Das ist ein teurer und knapper Rohstoff. Recycling sollte daher

allein schon aus ökonomischer Sicht viel mehr Bedeutung

gewinnen. Eine wertvolle Quelle, um in Deutschland an

neuen“ Rohstoff zu kommen, ist der „Gelbe Sack“. Doch

das Recycling seines wild gemischten Inhalts ist gar nicht

so einfach und erfordert einen immens hohen Einsatz. Auf

dem Weg vom Haushaltsabfall im Gelben Sack bis hin zum

hochwertigen Kunststoffgranulat erfolgen zahlreiche Arbeitsschritte.

Es beginnt mit dem Aufbau einer effizienten Sammellogistik,

anschließend müssen moderne Sortieranlagen

die verschiedenen Kunststoffe, Metalle und andere Materialien

maschinell sortenrein voneinander trennen. Die große

Herausforderung besteht darin, daraus Recyclingmaterial

(Recyclat) zu gewinnen, das den qualitativen Anforderungen

neuer Verpackungsmaterialien gerecht wird.

Eine Initiative setzt Standards

Schon 2012 etablierte sich mit der Recyclat-Initiative eine

Kooperation, die Know-how bündelt, um Alt-Plastik aus der

bisher für die Herstellung von Verpackungen ungenutzten

Quelle Gelber Sack als Wertstoff aufzubereiten. Die Kernidee

dabei war es, PET- und PE-Abfälle aus dem Gelben

Sack – anders als bis dahin allgemein üblich – effektiv zu

recyceln und somit in einen geschlossenen Material- und

Produktionskreislauf zu führen. Das Konzept basierte auf

High-Tech-Entwicklungen nach dem Cradle2Cradle-Prinzip.

Das Besondere an der Initiative: Sie setzt bedingungslos auf

Kooperation. Der Initiator der Recyclat-Initiative, Reinhard

Schneider, hat die Entwicklung von Beginn an als „Open Innovation“

angelegt, also dem Gedanken, „offen für alle“ zu

sein. Jeder kann – und soll – mitmachen, um diese sinnvolle

Investition in die Zukunft erfolgreich voranzubringen – auch

über die eigenen Branchengrenzen hinaus. In diesem Sinne

rufen die Partner der Recyclat-Initiative andere Unternehmen

und Organisationen aktiv dazu auf, sich ihnen anzuschließen.

Denn je mehr Unternehmen sich beteiligen und das Altplastik

aus dem Gelben Sack für ihre Verpackungen verwenden,

umso mehr Kunststoff wird in einem echten Kreislauf gehalten.

Und wenn dann alle so denken und handeln, landet

zukünftig – zumindest von uns – gar kein Plastik im Meer. Und

als nächsten Schritt kann man sich dann gemeinsam dafür

einsetzen, dass Know-how und Technologie weltweit verbreitet

werden. Damit auch „von den anderen“ kein Plastik mehr

in den Ozeanen landet. Für ihre nachhaltige und innovative

Entwicklung hochwertiger Recyclate ist die Initiative bereits

mehrfach ausgezeichnet worden.

Plastik–Kreislauf statt Endstation Meer

Der Aktionsplan der Ellen MacArthur-Stiftung im Rahmen der

„New Plastics Economy“ bestätigt denn auch genau die Ansätze,

die die deutsche Recyclat-Initiative seit Jahren erfolgreich

verfolgt: Plastik ist ein Wertstoff! Wenn man ihn richtig

verwendet, kann man ihn effektiv recyceln und vermeidet

damit Verpackungsmüll. Doch dafür müssen Verpackungen

nachhaltig gestaltet und in einem Wertstoffkreislauf gehalten

werden können. Die Entwicklung dafür schreitet voran! Im

Rahmen der Open Innovation der Recyclat-Initiative wird

bereits hochmoderne Laserspektroskopie eingesetzt, um

die PET-Abfälle so fein zu sortieren, dass sie zur Herstellung

neuer, transparenter und sogar lebensmitteltauglicher

PET-Verpackungen wiederverwendet werden können. Das

gestiegene Bewusstsein, dass alle Materialien auch nach Gebrauch

einen Wert haben, gibt bereits den richtigen Weg vor.

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19


SCHWERPUNKT | PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL

Die Sammlung von recycelbaren Kunststoffen wäre jedoch

– gerade in Ländern mit einer schlecht ausgebauten Sammelinfrastruktur

– viel einfacher, wenn gebrauchte Kunststoffmaterialien,

ob im Konsum- oder Industriebereich, einen

definierten Wert hätten. Weltweit gibt es bereits eine Reihe

von Sammelsystemen, die zum Beispiel bei Getränkeflaschen

gut funktionieren. Solche Systeme erreichen in verschiedenen

Ländern eine Rücklaufquote von über 90 Prozent. Die

Flaschen sind mit Pfandschema-Logos ausgestattet, und die

Maschinen lesen die EAN-Codes, bevor sie das Pfand zurückgeben.

Dieses Konzept gilt es auf Kunststoffverpackungen

und andere Kunststoffartikel auszudehnen!

Blockchain im Kampf gegen Plastikmüll

WISeKey International Holding Ltd, ein Cybersicherheits-IoT-Plattformunternehmen,

will gar seine Identity

Blockchain-Technologie einsetzen, um für Kunststoffprodukte

eine digitale Identität zu generieren. Hersteller und

Anwender von Kunststoff sowie Verbraucher haben dann

über eine App die Möglichkeit, Informationen über das

Produkt und seine ökologischen Auswirkungen zu erhalten.

Diese Informationen könnten auch auf ein internationales

Pfandwertsystem ausgedehnt werden. „Wir sehen die dringende

Notwendigkeit, die Ozeane vor Kunststoffabfällen zu

schützen. Wir arbeiten deshalb mit globalen und lokalen

Organisationen zusammen, um das Bewusstsein dafür zu

schärfen, die Recyclingbemühungen zu verstärken und die

Kunststoffverschmutzung weltweit zu reduzieren“, sagte

Carlos Moreira, Gründer und CEO von WISeKey. Durch

seine Teilnahme am „Race for Water Program“ will er

seine Technologie gemeinsam mit Marco Simeoni, dem

Präsidenten des Programmes zur Lösung des Problems

einsetzen. Sie setzen jetzt genauso wie viele andere Unternehmer

ein Zeichen dafür, dass wir dem Plastikproblem

auf allen Ebenen die Stirn bieten müssen. Im kommenden

Heft berichten wir über den Aufbau von Pfandsystemen für

Wasch- und Reinigungsmittelflaschen und den Aufbau von

Nachfüllstationen im Handel.

Wichtiger Hinweis

forum berichtet laufend über Lösungen in Sachen Plastik.

Sie finden weitere Informationen über die Recyclat-Börse

cirplus, über Bubble Barrier, das Plastik-Sammelsystem für

Flüsse und über Race for Water zum Beispiel in der forum-Ausgabe

2/19. Bereits in früheren Ausgaben berichteten wir über

Sammelinitiativen wie das Ocean Cleanup von Boyan Slat, über

Marcella Hanschs Pacific Garbage Screening

bis hin zu Günther Bonins Seekuh. All dies

sowie aktuelle Nachrichten der Recyclat-Initiative,

des Plastic Lab sowie Details zur Studie

der Ellen MacArthur Foundation finden

Sie unter nebenstehendem QR.

Plastikmüll – Fakten und Folgen

Einer Studie der Ellen MacArthur Foundation zufolge wurden seit

Beginn der industriellen Plastikproduktion im großen Stil – das war

etwa 1950 – insgesamt 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert, in

die Welt gesetzt und verarbeitet. Dies geschah vor allem in Form

von Verpackungen, aber auch beim Bau von Häusern und Infrastruktur,

bei der Produktion zahlloser Güter des täglichen Bedarfs

und zu unzähligen weiteren Zwecken. Der Studie zufolge werden

2,6 Milliarden Tonnen des bislang produzierten Plastiks bis heute

genutzt. Weitere 800 Millionen Tonnen wurden verbrannt und zum

Teil für die Energiegewinnung genutzt. Und ganze fünf Milliarden

Tonnen Plastik befinden sich im Müll.

Acht Millionen Tonnen Plastikmüll (ein Müllwagen pro Minute)

gelangen jährlich in die Ozeane, wobei es sich zum weitaus größten

Teil um Verpackungsmüll handelt. Zwei Drittel des Plastiks in

den Weltmeeren stammen aus lediglich 20 Flüssen vor allem in

Fernost. Als dreckigster Fluss der Welt gilt der Jiangtse in China,

über den jährlich 330.000 Tonnen Plastik ins Meer gelangen. Auf

Platz zwei liegt der Ganges in Indien. Schon heute befinden sich

Schätzungen zufolge etwa 150 Millionen Tonnen Plastikmüll in den

Weltmeeren. Rund 80 Prozent des Plastiks in den Meeren stammt

von ungesicherten Mülldeponien weltweit. Hinzu kommen die winzigen

Kunststoffteilchen aus Seifen, Duschlotionen und Reinigern,

die als sogenanntes „Mikroplastik“ in die Gewässer gelangen. Auch

die großen Kunststoffteile im Meer werden auf Dauer durch den

Wellengang zerrieben, so dass auch daraus Mikroplastik entsteht.

Dieses wiederum wird von den Meereslebewesen als Nahrung aufgenommen

und landet am Ende auch auf unseren Tellern.

Fakten zu Produktion und Umsatz

Allein in Europa beschäftigt die Plastikindustrie in 60.000 Unternehmen

– vom Hersteller der Rohmaterialien bis hin zum Recycler

sowie zum Anbieter von Plastikverarbeitungsmaschinen – mehr als

1,5 Millionen Menschen, so PlasticsEurope, der Verband der Kunststofferzeuger.

Der Gesamtumsatz der Branche: 355 Milliarden

Euro im Jahr 2017. In Deutschland setzte die Plastikbranche laut

Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV) im Jahr

2017 insgesamt 63,7 Milliarden Euro um. Der Plastikausstoß der

Weltwirtschaft wird in den kommenden Jahren weiter dramatisch

ansteigen. Vor allem Ölkonzerne investieren Milliarden in diese Industrie,

schreibt der britische „Guardian“. Firmen wie Exxon Mobile

Chemical oder Shell Chemical haben demnach seit 2010 mehr als

180 Milliarden Dollar in neue Plastikfabriken gesteckt, in denen sie

künftig Verpackungen, Flaschen, Transportbehälter und Ähnliches

herstellen wollen. Experten erwarten auf Grundlage dieser Zahlen,

dass die Plastikproduktion weltweit in den kommenden zehn Jahren

um 40 Prozent steigen wird.

Foto: © Aldi

20 forum Nachhaltig Wirtschaften


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EINE FLASCHE IM KREISLAUF

Obstverpackungen aus Graspapier oder Tiefkühltragetaschen

aus Recyclingmaterial: Wo es nicht möglich ist,

Verpackungen zu vermeiden oder zu verringern, sucht

die REWE Group nach umweltfreundlicheren Alternativen

– unter anderem durch eine stärkere Verwendung von

Sekundärrohstoffen. Jüngstes Beispiel: eine zu 100 Prozent

aus Rezyklat gefertigte Wasserflasche 1 .

Manchmal geht es nicht ohne Verpackung. Mineralwasser

zum Beispiel muss in entsprechende Gebinde abgefüllt werden

– ohne wäre es schlicht nicht transportierbar. Wie aber

kann eine Getränkeverpackung aussehen, die praktikabel

und zudem in hohem Maß umweltfreundlich ist? Die REWE

Group hat eine Antwort darauf gefunden. Als erste Lebensmittelhändler

brachten REWE und PENNY im Frühjahr eine

Eigenmarken-Flasche aus komplett wiederverwertetem

Kunststoff in die Märkte.

Kunststoffrezyklat ist neben Recyclingpapier einer der wichtigsten

Sekundärrohstoffe in der Verpackungsstrategie der

REWE Group. Eigenmarken-Getränkeflaschen bestehen

bereits seit längerem zu einem nennenswerten Anteil aus

recyceltem PET, so genanntem rPET. Aber eine Wasserflasche,

die zu 100 Prozent aus Rezyklat besteht – das galt als fernes

Ziel. Denn Hersteller, die Flaschen komplett aus Sekundärrohstoffen

fertigen, stehen vor besonderen Herausforderungen.

Beispielsweise ist das Produktionsrisiko höher als bei der

Verwendung von ausschließlich „frischem“ oder auch gemischtem

Material. Denn die fingergroßen rPET-Rohlinge,

die unter hoher Temperatur zu Flaschen aufgeblasen werden,

sind nicht gleichmäßig eingefärbt. Das erhöht die Gefahr,

dass sie platzen und eine komplette Produktionsstraße zum

Stillstand zwingen.

Rezyklat ist ein begehrter Rohstoff

Eine weitere Herausforderung: der Zugriff auf Rohmaterial.

Kunststoffrezyklat, vor allem das hochwertige rPET, ist ein begehrter

Rohstoff. Das Pfand sorgt zwar dafür, dass nahezu alle

verkauften Flaschen zurückgebracht und von Entsorgungsspezialisten

sortiert, zerkleinert und zu Granulat verarbeitet

werden. Aber nur etwa ein Drittel dieser Rezyklate findet den

Weg zurück in Getränkeverpackungen. Die übrigen Mengen

werden meist für die Herstellung von Folien, Fasern und Füllstoffen

verwendet. So kann es bei der Flaschenproduktion zu

Engpässen kommen.

Ein besonders innovativer Lieferant im Eigenmarkengetränke-

Bereich der REWE Group ist in der Lage, Flaschen aus 100

Prozent Rezyklat herzustellen. Seit Frühjahr diesen Jahres

stehen sie nun bei REWE und PENNY im Regal. Ein wichtiger

Schritt in der Nachhaltigkeitsstrategie der REWE Group,

denn das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis

Ende 2030 jede Verpackung der Eigenmarkenprodukte einen

umweltfreundlicheren Mehrwert bietet. Sicher ist, dass die

REWE Group dabei weiterhin auf den Einsatz von Rezyklat

setzen wird.

1 Deckel und Etikett ausgenommen

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SONDERVERÖFFENTLICHUNG DER TOOM BAUMARKT GMBH

Kunststoffabfälle lassen sich häufig umweltfreundlich weiterverwenden – beispielsweise als Verpackungsmaterial.

NACHHALTIGE OPTIMIERUNG

VON VERPACKUNGEN

Mit mehr als 220 Kilogramm pro Kopf und

Jahr ist Deutschland europäischer Spitzenreiter

beim Anfall von Verpackungsabfall.

toom setzt auf Maßnahmen, Verpackungen

zu vermeiden, zu verringern und zu

verbessern. Gerade bei Kunststoffverpackungen

steht der Aufbau von Stoffkreisläufen

im Vordergrund. Bereits

2011 hat toom als erster Baumarkt

in Deutschland Dispersionsfarben

in Eimern aus Kunststoff-Rezyklat

eingeführt und damit eine Vorreiterrolle

für die Umweltfreundlichkeit

von Verpackungen in der Branche

übernommen. Bis Ende 2018 waren

das über 4 Millionen Gebinde. Die Eimer

sparen gegenüber herkömmlichen

Verpackungen rund 30 Prozent an CO 2

Emissionen ein.

Rezyklat-Kreislauf

Fast die Hälfte aller Verpackungsabfälle

fallen in privaten Haushalten an. Das sind

ca. 8,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Fast ein

Viertel davon gehören zur Kunststofffraktion

und werden über die Haushaltssammlungen

(Gelber Sack) erfasst. Nur ein kleiner Teil

wird bisher stofflich wiederverwendet.

Laut Verpackungsverordnung sollen es bei

Kunststoffverpackungen mindestens 36

Prozent sein. Bis 2022 wird eine Quote von

63 Prozent vorgegeben. toom ist sich hier

seiner Verantwortung bewusst. Der

respektvolle und ressourcenschonende

Umgang mit der

Umwelt ist ein fester Bestandteil

der Unternehmenskultur.

Allein mit der Umstellung auf

Rezyklatgebinde im Bereich Anstrichmittel

wurden so bis Ende

2018 rund 900 Tonnen an Kohlendioxidausstoß

eingespart. Da die

Rezyklat-Gebinde nach Gebrauch

wieder dem Recycling zugeführt

werden können, wird der Stoff-

© toom, Adobe Stock

22 forum Nachhaltig Wirtschaften


SONDERVERÖFFENTLICHUNG DER TOOM BAUMARKT GMBH

kreislauf geschlossen. toom übernimmt so

Verantwortung für die stoffliche Verwertung

gebrauchter Einwegverpackungen aus der

Haushaltssammlung.

Und auch aktuell arbeitet das Unternehmen

an weiteren nachhaltigeren Produkten und

Verpackungen und wird ab diesem Jahr

ebenso die Kreidefarben der toom Eigenmarke

sowie das Sortiment von toom Xpress

in Rezyklatgebinden anbieten.

Vermeiden, verringern, verbessern

Im Zuge der stetigen Sortimentsumgestaltung

sind bei toom weitere alternative Maßnahmen

geplant: Im losen Verkauf gibt es

zum Beispiel den Bereich Schrauben/Eisenwaren.

Hier können Kunden bedarfsgerecht

die Menge einkaufen, die sie benötigen.

Derzeit stehen den Kunden dafür Beutel aus

Polyethylen zur Verfügung. In einigen Märkten

testet toom momentan nachhaltigere

Varianten aus Papier in kleinerem Format.

Neben dem Ersatz von herkömmlichen

Kunststoffen durch Rezyklat arbeitet die

Kölner Baumarktkette zudem daran, Masse

und Volumina von Verpackungen zu reduzieren,

auf zertifizierte Materialien (wie FSC/

PEFC oder Altpapier) umzusteigen, sowie

die Recyclingfähigkeit von Verpackungen zu

verbessern, um wichtige Rohstoffkreisläufe

zu schließen. Zudem verzichtet toom bereits

seit Mitte 2018 auf jegliche Einwegtüten.

Als Ersatz bieten die Märkte ihren Kunden

umweltschonende Mehrwegvarianten in

unterschiedlichen Größen an: So können sie

zwischen trendigen Baumwolltragetaschen

für 1,79 Euro, Permanent-Tragetaschen

aus Recyclingmaterial oder Kartons ab 79

Cent das Stück wählen. Ist eine der toom

Mehrwegtragetaschen kaputt, erhält der

Kunde als zusätzlichen Service im Tausch

eine neue Tasche.

REWE Group-Leitlinie für

nachhaltigere Verpackungen

Die REWE Group hat ihre erste Leitlinie für

umweltfreundlichere Verpackungen veröffentlicht.

Darin verpflichtet sich der Konzern dazu,

sämtliche Eigenmarken-Verkaufsverpackungen

sowie Serviceverpackungen bei REWE, PENNY

und toom Baumarkt bis Ende 2030 hinsichtlich

ihrer Umweltfreundlichkeit zu optimieren. Bis

heute wurden schon mehr als 1.000 Artikel

überarbeitet.

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23


SONDERVERÖFFENTLICHUNG DER TOOM BAUMARKT GMBH

Floritray – ein neues Mehrwegsystem

für den Pflanzentransport

Ziel ist es, das Thema Verpackungsvermeidung auch im Pflanzenbereich mit einem Kreislaufsystem

für Pflanzenpaletten weiter voranzutreiben.

Pflanzenpaletten. Gärtner holen die Paletten

ab und nutzen sie für die Anlieferung

der Artikel. toom verwendet diese Paletten

dann, um die Ware weiter Richtung der

Baumärkte zu verteilen. Aus den Märkten

werden die Paletten wieder zurücktransportiert

und dem Systembetreiber

zurückgegeben. Nach der Reinigung

gelangen sie wieder in

die Nutzung beim Gärtner,

ohne mit jedem Umlauf

erneut Kunststoffmüll zu

erzeugen. Mit Beginn der

Saison 2020 werden erstmals

in Pilotversuchen die sogenannten

Pflanzentrays bei toom auf eine Mehrwegvariante

umgestellt. Wenn die Tests erfolgreich

verlaufen, ist eine Ausweitung geplant.

Das neue Mehrwegsystem soll helfen,

den Müllberg im Gartenbereich drastisch

zu reduzieren. „Die Paletten werden aus

Post-Consumer Recyclingmaterial hergestellt

und können ähnlich wie z.B. Mineralwasserkästen

vielfach genutzt werden“,

erklärt Theo Keysers, Purchasing Director

Plant and Logistics.

Studien besagen, dass solche Mehrwegsysteme

bis zu 30 Prozent CO 2

einsparen

können (bei 10 Umläufen und 500 km

Reichweite), da der verhältnismäßig große

Anteil CO 2

, der während der Herstellung

der Paletten entsteht, durch die mehrmalige

Nutzung relativiert wird. Zusätzlich

zur CO 2

-Einsparung leistet dieses Produkt

einen wichtigen Beitrag bei der stofflichen

Verwertung gebrauchter Verpackungen –

genau wie die Farbeimergebinde.

Rund 8 Millionen Pflanzenpaletten werden jährlich alleine bei toom genutzt, um Pflanzen von der

Gärtnerei bis zum Kunden zu bringen.

Nachhaltigkeit ist ein wichtiges strategisches

Thema bei toom und wir möchten

unseren Kunden bei vielen Themen und

in vielen Produktbereichen Alternativen

anbieten. Das Thema Verpackungen spielt

in diesem Zusammenhang eine große Rolle

und wir sehen großes Potential für weitere

Verbesserungen“, so Theo Keysers.

Rund 8 Millionen Pflanzenpaletten werden

jährlich alleine bei toom genutzt, um Pflanzen

von den Gärtnereien über Läger und

Märkte schließlich zum Kunden zu bringen.

Eine erneute Nutzung der Paletten erfolgt

in der Regel nicht. Somit stellt die Ein-

mal-Pflanzenpalette eine große Quelle für

Kunststoffabfall dar. toom hat sich nun zum

Ziel gesetzt, das Thema Verpackungsvermeidung

auch im Pflanzenbereich weiter voran

zu treiben und wird Teilnehmer am Floritray

Mehrwegsystem, einem Kreislaufsystem für

www.toom.de

© toom, Floritray | © toom

24 forum Nachhaltig Wirtschaften


PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL | SCHWERPUNKT

JETZT PACKEN WIR AN!

Die Schülerinitiative „Grafing Goes Green“ kämpft gegen Plastikverpackungen

Egal ob beim Bäcker, Metzger, Asiaten oder Dönerladen: Überall bekommt man seinen Einkauf verpackt –

meist in Plastik. Um für dieses Problem zu sensibilisieren und auf umsetzbare Lösungsansätze aufmerksam

zu machen, wurde die Schülerinitiative „Grafing Goes Green“ gegründet.

Von Jasmin Ringer und Lisa von Eitzen

„Die Jugendlichen heutzutage hängen doch nur noch alle

am Handy!“ oder „Freitags demonstrieren, aber selbst

um die halbe Welt fliegen!“ Solche und ähnliche Vorwürfe

hören wir Schüler nun seit Monaten. Bei unserem

Engagement für „Fridays for Future“ ging es uns zugegebenermaßen

anfangs nur darum, unsere Ängste und

die daraus resultierenden Forderungen von der Straße in

die Köpfe der Bürger und Politiker zu bringen. Jetzt ist es

allerdings an der Zeit, selbst zur Verwirklichung unserer

Ziele beizutragen. Deshalb haben wir, allesamt Schüler des

Gymnasiums Grafing, unser Projekt „Grafing Goes Green“

ins Leben gerufen.

Auch eine Initiative braucht Initiative

Wie hat alles überhaupt angefangen? Als einzige Klasse

unserer Schule nahmen wir Anfang Februar geschlossen an

der globalen „Fridays For Future“-Demonstration in München

teil. Motiviert durch das außerordentliche Engagement und

die Ziele, die sich andere Schüler gesetzt und teilweise schon

erreicht hatten, kehrten wir voller Tatendrang zurück nach

Grafing. Dort beschlossen wir, eine Initiative zu starten, die

die Welt retten und alle Umweltprobleme lösen sollte. Nach

ein paar Meetings fiel uns jedoch auf, dass wir uns etwas zu

viel vorgenommen hatten, was hitzige Diskussionen auslöste

und für allgemeine Frustration sorgte.

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Gedruckt auf Steinbeis Charisma Silk – hergestellt aus 100 % Altpapier, ausgezeichnet mit dem Blauen Engel. Ein Produkt der Steinbeis Papier GmbH.

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SCHWERPUNKT | PLASTIK – DIE WELT VERSINKT IM MÜLL

In der Schule: Nach jeder Pause türmen sich Berge von Verpackungsmüll. Plastikflaschen, Styroporbehälter, Trinkbecher, Tüten. Die Abfalleimer

müssen immer öfter geleert werden, der Hausmeister stöhnt und sieht kein Ende der Müllflut. Doch jetzt handeln die Schüler...

Dann aber die Erkenntnis: Umweltschutz beginnt auf lokaler

Ebene. Ein Problem, gegen das wir als Schüler etwas bewirken

können, ist der unnötige Plastikkonsum in unserer Stadt.

Uns waren schon länger die Unmengen an Einwegplastik

aufgefallen, die in den Schulpausen anfallen. Die Mülleimer

der Schule quellen über von jeder Menge Styropor- und

Plastikverpackungen, in denen das Mittagessen Tag für Tag

verkauft wird. Auf dem Heimweg gibt es dann für viele noch

einen Coffee-to-go im Einwegbecher.

Wir beschlossen, dieses Problem gemeinsam anzugehen,

und langsam kristallisierte sich aus der zunächst unkoordinierten

und zu großen Gruppe ein kleineres, fokussierteres

Team mit einer konkreten Idee heraus. Unser Ziel ist es, den

Plastikmüll in unserer Kleinstadt deutlich zu reduzieren. So

drehten sich all unsere Überlegungen darum, wie es uns

gelingen könnte, unsere Mitbürger dahingehend wachzurütteln,

ihren unbewussten Plastikkonsum zu überdenken

und schließlich zu reduzieren.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Erich Kästner

Voilà, unsere Idee

Angefangen haben wir erstmal bei uns selbst. Statt unser

Mittagessen in Kunststoff verpackt zu kaufen, nahmen wir

Brotzeitdosen mit in die Geschäfte und baten darum, das

Essen direkt in diese zu füllen. Viele Läden reagierten zwar

überrascht, aber sehr entgegenkommend und waren gerne

bereit, uns diesen Gefallen zu tun. Diese positive Erfahrung

hat uns motiviert, den eingeschlagenen Weg noch zielsicherer

fortzusetzen. Da durch diesen minimalen Aufwand einiges

an Plastik eingespart werden konnte, entschieden wir, durch

unser Projekt auch andere Schüler und Erwachsene dazu zu

bewegen, bewusst plastikfrei einzukaufen.

Doch wie bekommt man eine ganze Kleinstadt dazu, auf

die gewohnten, zweifellos hygienischen und bequemen

Kunststoffverpackungen zu verzichten? Nach etlichen Diskussionen

und vielen schnell wieder verworfenen Ideen

einigten wir uns darauf, eine Stempelkarte einzuführen: Alle

teilnehmenden Geschäfte werden mit unserem Logo an ihrer

Tür gekennzeichnet. Dort erhält man für jeden plastikfreien

Einkauf einen Stempel auf seine Karte. Nach Erreichen von

zehn Stempeln bekommt man dann eine kleine Belohnung.

Für diese Idee konnten wir bereits einen Sponsor gewinnen,

die „Energieagentur Ebersberg“ und forum Nachhaltig

Wirtschaften.

Die Steine in unserem Weg…

Doch natürlich gibt es bei unserem Vorhaben – wie könnte es

anders sein – auch Probleme. Eine der ersten Anlaufstellen

für unser Projekt war eine örtliche Metzgerei. Begeistert

stellten wir uns und unsere Idee vor, wurden jedoch gleich

enttäuscht. Man wies uns darauf hin, dass unsere Ideen leider

nicht mit den deutschen Hygienevorschriften zu vereinbaren

seien. Diese verbieten es nämlich, Brotzeitboxen und andere

Behältnisse hinter die Theke zu nehmen, da dadurch die Ware

mit Keimen verunreinigt werden könnte. Deshalb sind den

Ladenbesitzern in diesem Punkt, trotz ihrer Bereitschaft, an

der Reduzierung ihres Plastikmülls mitzuwirken, die Hände

gebunden.

Ein weiteres Hindernis sind Waren, die den Geschäften bereits

in Kunststoff vorverpackt angeboten werden. Möchte

man diese ohne Plastik kaufen, kann man die Verpackung

zwar in der Filiale lassen, damit wäre allerdings nichts erreicht.

Ob die Abfälle im Laden oder in den Haushalten

anfallen, verändert nur den Ort der Entsorgung, nicht aber

das grundsätzliche Problem.

und wie wir damit umgingen

Es ist aber möglich, Frischwaren, wie Fleisch oder Käse, mit

Brotzeitboxen einzukaufen ohne die Hygienevorschriften zu

Fotos: © GrafingGoesGreen

26 forum Nachhaltig Wirtschaften


...mit ihrer Initiative Grafing Goes Green haben sie nicht nur dem Müll an der Schule den Kampf angesagt. In Zusammenarbeit mit örtlichen Geschäften

wollen sie eine neue Kultur im Umgang mit Einwegverpackungen und Wegwerfprodukten entwickeln. Erste Erfolge zeichnen sich ab.

verletzen. Beispielsweise darf der Verkäufer bei REWE seine

Kunden mit Mehrwegbehältern folgendermaßen bedienen:

Die geöffnete Dose wird auf ein spezielles Tablett gelegt, was

entgegengenommen werden darf. Die Ware wird dann in die

Box eingefüllt, welche dann der Kunde selbst schließt. So

hat der Verkäufer keinen Kontakt mit der Dose und verletzt

keine Vorschriften.

Um andere Probleme, wie vorverpackte Waren, zu lösen,

ist eine eher langfristige und enge Zusammenarbeit mit den

Geschäften und ihren Zulieferern notwendig, um gemeinsam

an neuen, nachhaltigen Lösungen zu arbeiten.

Wer behauptet, Klima- und Umweltschutz

sei eine Sache für Profis, der

hat völlig recht! Denn wir Kinder und

Jugendlichen sind nicht nur die Profis in

Sachen Zukunft – WIR sind die Zukunft!

einer Grafinger Nachhaltigkeitsmesse und ein Infostand auf

dem Marktplatz angedacht, um die Bewohner unserer Stadt

für dieses Projekt zu begeistern.

Uns ist selbstverständlich bewusst, dass wir uns mit diesem

Projekt viel vorgenommen haben, da Schüler- und Umweltinitiativen

anfangs nicht recht ernst genommen werden und

einen langen Atem und viel Idealismus brauchen. Allerdings

haben wir in der kurzen Zeit, in der wir jetzt an diesem

Thema arbeiten, so viel positive Resonanz von unterschiedlichen

Seiten erfahren, dass wir sehr optimistisch und nun

noch motivierter anpacken wollen. Und so blicken wir mit

Vorfreude und Spannung in die Zukunft und hoffen, durch

unser Projekt möglichst viele Menschen erreichen und inspirieren

zu können.

www.grafinggoesgreen.de

JASMIN RINGER und LISA VON EITZEN

besuchen als Schülerinnen des Gymnasiums Grafing die 10. Klasse

und sind Aktivistinnen bei Grafing Goes Green

Wie geht’s jetzt weiter?

Der oberste Punkt unserer To-do-Liste ist die Verbesserung

der Zusammenarbeit mit den örtlichen Geschäften und

Supermärkten. Durch den Wirtschaftsförderer der Stadt

Grafing, Tim Grebner, erhielten wir die Möglichkeit, erste

Kontakte zu ortsansässigen Geschäftsleuten zu knüpfen.

Somit wollen wir den interessierten Geschäften eine Kooperation

mit uns als Win-win-Situation vorstellen: Sie erhalten

die lukrative Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und ihr

Image durch nachhaltiges Handeln zu verbessern.

Darüber hinaus ist eine öffentliche Präsentation unseres

Projekts in Planung, zu welcher interessierte Bürger und

Ladenbesitzer herzlich eingeladen sind. Dadurch wollen wir

die Grafinger für unsere Idee und zur aktiven Teilnahme begeistern.

Für die Zukunft sind eventuell auch ein Stand auf

Fakten zur Plastikkrise

• 2018 hat Deutschland 423.000 Tonnen Plastikmüll nach Malaysia,

Hongkong, Indien, Indonesien, Vietnam und in andere Länder

exportiert und ist damit der weltweit drittgrößte Plastikmüll-

Exporteur nach den USA und Japan.

• Der exportierte Plastikmüll wird zum Beispiel in Malaysia häufig

verbrannt oder illegal entsorgt, in beiden Fällen werden Boden,

Wasser und Luft mit chemischen Schadstoffen verschmutzt.

• 2050 wird voraussichtlich dreimal so viel Plastik wie Fisch in den

Meeren schwimmen.

• Seit 1950 wurden 8,3 Mrd. Tonnen Kunststoff erzeugt, wovon nur

600 Mio. Tonnen recycelt und 800 Mio. verbrannt wurden.

• Mit 11,7 Mio. Tonnen verbraucht Deutschland so viel Plastik wie

kein anderes Land in Europa.

Es ist also höchste Zeit zu handeln.

www.forum-csr.net

27


THEMEN | GRÜNDER FÜR DIE ZUKUNFT

TRANSFORMATION

DURCH ZERSTÖRUNG

Entrepreneurship als Chance für nachhaltige Entwicklung

Vom 23. bis 25. September 2019 werden Bundeskanzlerin Merkel und zahlreiche weitere Staats- und

Regierungschefs der Welt in New York zu den Nachhaltigkeits- und Klimagipfeln der Vereinten Nationen

zusammenkommen. Sowohl im Klima- als auch im Nachhaltigkeitsbereich sind nach aktuellen Zahlen weder

Deutschland und Europa noch der Rest der Welt ‚on track‘. Wenn es so weitergeht wie bisher, dann

scheitern wir krachend. Von einer großen Transformation hin zu einer nachhaltigen Zukunft auf unserem

Planeten sind wir meilenweit entfernt. Neue Impulse und konkrete Lösungen müssen dringend her: Können

Entrepreneure eine treibende Kraft sein und wirksam zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen?

Von Stefan Schaltegger und Anna Michalski

Kein Hunger, verantwortungsvoller Konsum, bezahlbare und

saubere Energie – für alle, weltweit, bis 2030. Die globalen

Entwicklungsziele (SDG) der Vereinten Nationen sind bisher

vor allem ein riesiges Versprechen. In die große weite

Welt brauchen wir dabei gar nicht zu schauen, ein Blick auf

deutsche Straßen genügt: Der Anteil von Elektrofahrzeugen

liegt bei knapp drei Prozent – angetrieben von Strom, der

noch immer zu 60 Prozent aus Braun- und Steinkohle, Erdgas

sowie Kernkraft kommt. Egal ob Mobilität, Verkehrswende,

Nitratbelastung oder Plastikmüll, wir brauchen dringend

nachhaltigere Lösungen: neue Mobilitätsformen, andere

Energiequellen, andere Lebensmittel, andere Gebäude.

Etablierte Akteure in Politik und Wirtschaft haben dabei

bisher versagt. Verwaltungen und große Unternehmen sind

zu verkrustet, um wirklich innovative Lösungen anzugehen.

Entrepreneure als Antreiber

Den Status quo herausfordern und neue Lösungen entwickeln,

um Vorheriges zu ersetzen. Das kennzeichnet Entrepreneure.

Attraktive Elektroautos etwa entwickelt nicht die

deutsche Automobilindustrie, sondern Unternehmer Elon

Musk. Schumpeter beschrieb das schon vor einem halben

Jahrhundert als „schöpferische Zerstörung“ des Bisherigen

durch das Schaffen von Neuem, das überzeugender ist.

Geschäftsmodelle überdenken, Bestehendes umwerfen,

scheitern – und auch bei Gegenwind nicht die Segel streichen,

sondern es noch einmal probieren. Innovation ist

essenziell für eine nachhaltige Entwicklung. Konkret etwas

zu „unter“-„nehmen“ geht dabei über rechtliche Firmenstrukturen

hinaus. „Sustainable Entrepreneurship“ bedeutet,

den Nachhaltigkeitswandel von Märkten, Konsummustern

und Lebensstilen auf unternehmerische Weise voranzutreiben

– egal ob in Firmen, in Non-Profit-Organisationen oder

im öffentlichen Sektor.

SDG als Vision und Inspirationsquelle

Eine Transformation hin zu einer enkeltauglichen Welt erfordert

die kreative „Zerstörung“ nicht-nachhaltiger Produktions-,

Konsum- und Lebensformen durch das überzeugende Angebot

nachhaltigerer Lösungen. Aber wie und wo anfangen?

Um einen Wandel zu erreichen, ist eine positive Vision von

hoher Bedeutung. Sie konkretisiert die Chancen des Neuen

und reduziert die Angst vor dem Verlust des Bekannten.

Die UN Sustainable Development Goals (SDG) übernehmen

28 forum Nachhaltig Wirtschaften


GRÜNDER FÜR DIE ZUKUNFT | THEMEN

vermehrt eine solche Funktion. Der umfangreiche Katalog

der SDG mit 17 Zielen und 169 Unterzielen zeigt, worauf

sich die Weltgemeinschaft geeinigt hat, für welche Herausforderungen

wir Lösungen benötigen. Jedes Ziel für sich

kann ein Ausgangspunkt für Innovationen und Sustainable

Entrepreneurship sein. Die Tabelle zeigt Beispiele für Geschäftsideen

und -felder, die sich aus ausgewählten SDG

ergeben (siehe Tabelle).

Über den Tellerrand schauen

Ein einzelnes SDG, also der Fokus auf ein einzelnes Thema,

macht die komplexen Herausforderungen handhabbar. Sich

auf ein SDG zu konzentrieren, ist aber auch eine Gefahr.

Denn um Nachhaltigkeits-Herausforderungen wirksam zu

lösen, braucht es unbedingt den Blick über den Tellerrand

des eigenen Themenschwerpunkts. Ein Beispiel: Wer den

Klimawandel durch die Produktion von Bio-Kraftstoffen eindämmt,

trägt so zur Erreichung von SDG 13 („Maßnahmen

zum Klimaschutz”) bei. Wenn Flächen intensiv für den Anbau

von Bio-Kraftstoffen genutzt werden, belastet dies aber

Böden, zerstört möglicherweise Lebensräume für Tiere und

Pflanzen oder verdrängt den Anbau von Lebensmitteln auf

Ackerflächen. Zwischen einzelnen SDG gibt es umfangreiche

Interdependenzen.

Es geht nur gemeinsam

Um Nachhaltigkeitsprobleme zu lösen, sind deshalb interund

transdisziplinäre Ansätze nötig. Meist kann kein einzelner

Mensch alle Aspekte in der Analyse und beim Entwickeln

von Lösungen abschließend erfassen. Unternehmerische

Kollaboration und kollaboratives Unternehmertum sind

notwendig, um nachhaltige Entwicklung wirksam unternehmerisch

zu unterstützen. Open Innovation-Ansätze helfen

bei der Entwicklung von Lösungen: Wer verschiedene Stakeholder

– etwa Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten und gesellschaftliche

Akteure – in den Innovationsprozess einbindet,

findet neuartige Lösungen und auch Unterstützung, diese

umzusetzen. Denn durch verschiedene Betrachtungswege

und -winkel können Irrwege und Fehlannahmen gemeinsam

aufgespürt werden.

„ Wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit

werden in Zukunft untrennbar verbunden sein.

Der CSR-Preis der Bundesregierung dient auch

gegenüber Konsumenten als Gütesiegel einer

zukunftsorientierten Unternehmensführung.

Nanda Bergstein, Direktorin Unternehmensverantwortung Tchibo GmbH,

Preisträgerunternehmen des CSR-Preises der Bundesregierung 2013

BEWERBEN

SIE SICH JETZT!

CSR-PREIS DER BUNDESREGIERUNG

WWW.CSR-PREIS-BUND.DE

www.forum-csr.net

29


THEMEN | GRÜNDER FÜR DIE ZUKUNFT

„It’s not all about money”

Aus ökonomischer Sicht werden Entrepreneure üblicherweise

als profitorientierte Akteure charakterisiert, die durch

Innovationen Gewinne maximieren möchten. Das ist falsch.

Die Forschung zeigt, dass ihre Motive weit über finanzielle

(Wachstums-)Ziele hinausgehen und diverser sind: Selbstverwirklichung,

Einfluss, Macht, Sozial- oder Umweltbewusstsein.

„Die Welt verändern”, das motiviert immer mehr

Entrepreneure. Und genau dieser geteilte Zielrahmen und

Antrieb sorgt dafür, dass Zusammenarbeit häufig besonders

gut funktioniert. Nachhaltigkeit macht Zusammenarbeit also

nicht nur notwendiger, sondern auch wahrscheinlicher und

erfolgreicher.

Packen Sie es an

Nachhaltiges Unternehmertum ist nichts für Einzelgänger

– aber genau das Richtige für gemeinsames Handeln. Für

alle, die nachhaltige Entwicklung im Team anpacken möchten.

Wer offen mit anderen zusammenarbeitet, inter- und

transdisziplinär Wissen teilt, kann ganzheitliche Innovationen

und Lösungen erfolgreich schaffen. Es sagt niemand, das sei

leicht. Aber kollaboratives, nachhaltiges Unternehmertum ist

notwendig, wertvoll und sinnstiftend.

www.leuphana.de

PROF. DR. DR. H.C. STEFAN SCHALTEGGER

ist Professor für Nachhaltigkeitsmanagement und Leiter des Centre

for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität

Lüneburg. 2003 führte er mit dem MBA Sustainability Management

den weltweit ersten universitären MBA-Studiengang für Nachhaltigkeitsmanagement

und CSR ein.

ANNA MICHALSKI

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im MBA Sustainability Management.

SDG

UN-Ziel für nachhaltige Entwicklung

Mögliche unternehmerische

Aktionsbereiche

Beispiele für Sustainable Entrepreneurship

Kein Hunger

Ernährungssicherheit; Verbesserung

von landwirtschaftlichen Strukturen und

Praktiken

Gründung von regionalen Agrar- und

Versorgungskooperativen /Bio-Ernährungssysteme;

Beispiel: Seedforward, organische

Saatgutbehandlung zur Ertragssteigerung

www.seedforward.de

Gesundheit und Wohlergehen

Bereitstellung ärztlicher Versorgung;

Finanzierung von Sportanlagen für die

Öffentlichkeit

Aufbau von Hilfsnetzwerken in ländlichen

Gebieten; Angebot von gesunden Lebensmitteln;

Bekämpfung von Hunger; Beispiel:

HealthPoverty

www.healthpovertyaction.org

Sauberes Wasser und

Sanitäreinrichtungen

Infrastruktur für Trinkwasser und Sanitäreinrichtungen,

Wasserreinigung;

Wassersparen

Technische und organisatorische Lösungen

für Hygiene- und Sanitärbedürfnisse;

Beispiel: Hydrophil, Hygieneartikel aus

nachwachsenden Rohstoffen

www.hydrophil.com

Bezahlbare und saubere Energie

Planung, Organisation und Finanzierung

erneuerbarer Energien und von Energiesparprojekten

Lösungen für Wind-, Solar-, Hydro- und

Biomasseenergie und Energieeinsparung;

Beispiel: Coolar, stromloser Kühlschrank

(kühlt mit Wärme statt mit Strom)

www.coolar.co

Nachhaltige/r Konsum und

Produktion

Konsumentenaufklärung sowie Entwicklung

gesunder und nachhaltiger Produkte

Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen

wie gesunde Lebensmittel,

nachhaltige Kleidung, gesundes Schulessen;

Beispiel: Jamie Olivers Initiative for healthy

school food

www.jamiesfoodrevolution.org

Leben unter Wasser

Entwicklung einer nachhaltigen Fischereiwirtschaft

Entwicklung von Produkten, Standards und

Organisationen für nachhaltige Fischerei;

Beispiel: Followfish & Followfood mit

Tracking-Code

www.followfood.de

Quelle: © Schaltegger

30 forum Nachhaltig Wirtschaften


GRÜNDER FÜR DIE ZUKUNFT | THEMEN

Christian Kroll ist ein Held. Als neuer Unternehmer-Typus maximiert er nicht den Gewinn, sondern den Sinn seines Unternehmens.

ECOSIA

Der Stoff, aus dem die Bäume sind

Einen Suchanfrage im Internet starten und damit das Klima retten? Das geht! Und zwar so gut, dass

Christian Krolls grüne Internet-Suchmaschine Ecosia und deren Vorläuferin Forestle einen Preis nach dem

anderen abräumen. Im September erhält er den B.A.U.M.-Umwelt- und Nachhaltigkeitspreis 2019 in der

Kategorie „Digitalisierung“. Doch nicht nur hierfür gebührt ihm Bewunderung. Noch mehr jedoch dafür,

dass er sich sein Unternehmen selber wegnimmt…

Foto: © Shane Thomas McMillan

Von Fritz Lietsch

In Oktober 2018 treffe ich Christian Kroll beim Bäume-Pflanzen

in Spanien. Spontan hatte er sich bereit erklärt, unser

RE-generation Festival zu besuchen und nicht nur zu tanzen

und zu feiern, sondern auch gemeinsam mit uns Bäume zu

pflanzen und über Ecosia zu erzählen. Was könnte es Schöneres

geben, als sich im Schatten nach getaner Arbeit von

Christian die Geschichte seines Unternehmens erzählen zu

lassen.

www.forum-csr.net

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Ein stolzes Team: Ecosia kann nicht mehr meistbietend verkauft werden, sondern ist per Satzung einzig und allein der Zielsetzung gewidmet,

eine bäumepflanzende Suchmaschine zu sein. Das gibt Sicherheit für Kunden und Mitarbeiter und hält Spekulanten fern.

„Mein Hauptziel heißt Klimaschutz“

Die Idee einer Suchmaschine, die Gutes tut, kam dem studierten

Betriebswirt auf Reisen durch Asien und Lateinamerika.

Dort sah Christian Kroll Beispiele für ungerechte Wirtschaftsbeziehungen

und für Umweltzerstörung zum Beispiel durch

Abholzung von Regenwald zum Sojaanbau. Nach seiner

Rückkehr gründete er 2009 in Berlin Ecosia.

Ecosia, das mit Microsoft kooperiert und seine Suchergebnisse

von Bing übernimmt, finanziert sich, wie andere

Suchmaschinen auch, über Werbeanzeigen. Mindestens

80 Prozent seiner Gewinne investiert Ecosia in Baumpflanzprojekte.

Hierzu arbeitet das Unternehmen mit Partnern vor

Ort in 16 verschiedenen Ländern zusammen. „Für mich ist

die Lösung des Klimawandels die wichtigste Aufgabe der

Menschheit im 21. Jahrhundert“, beschreibt Kroll seine

Motivation. „Wir versuchen, so viele Bäume wie möglich zu

pflanzen, um CO 2

aus der Atmosphäre zu absorbieren. Wir

haben bereits über 60 Millionen Bäume gepflanzt!“ Den

Fortschritt kann jeder User auf der Startseite von Ecosia

beobachten: Unaufhaltsam läuft dort ein Zähler mit der

Anzahl der von den Nutzern gepflanzten – oder finanzierten

– Bäumen.

Für die Mitarbeiter von Ecosia gibt es noch eine analoge

Möglichkeit, die Früchte ihrer Arbeit zu bestaunen: An der

Wand der Fabriketage in Berlin, dem Firmensitz von Ecosia,

hängt eine Tafel mit einem gezeichneten Baum. Stück für

Stück wird seine Krone ausgemalt. Wenn sie voll ist sind 100

Millionen Bäume gepflanzt. Aber auch dann soll noch längst

nicht Schluss sein. Kroll: „Wir wollen in den nächsten Jahren

die Milliarde erreichen.“

Es gibt nichts Wichtigeres als Bäume

Von jedem gepflanzten Baum kennt Ecosia den Standort und

überwacht die Entwicklung der Bäume durch Stichproben.

Auch sonst setzt das Unternehmen auf Transparenz und veröffentlicht

monatlich Finanzberichte und Baumpflanzbelege.

Doch Bäume zu pflanzen ist Christian Kroll nicht genug: Den

Stromverbrauch der Server gleicht sein Unternehmen mit

eigenen Solaranlagen aus. Weitere CO 2

-Emissionen entlang

der Wertschöpfungskette – z. B. beim Kooperationspartner

Microsoft – werden durch Zertifikate kompensiert. Zukünftig

möchte Ecosia auch inhaltlich zur „grünen“ Suchmaschine

werden und nachhaltige Suchergebnisse für die Nutzer gut

sichtbar hervorheben.

Lieber glücklich als reich!

Dass es ihm um Bäume geht, statt um Profit, hat Christian

Kroll 2018 durch einen weiteren Schritt bewiesen: Er hat

Ecosia in ein „Purpose-Unternehmen“ umgewandelt. Hierzu

übertrug er Unternehmensanteile an die Purpose-Stiftung.

Mit dieser Schenkung verbunden ist ein Gesellschaftsvertrag,

der die Stiftung verpflichtet, ein Vetorecht auszuüben,

wenn Ecosia verkauft oder wenn die Gewinne privatwirtschaftlich

genutzt werden sollen – unwiderruflich und für

immer. Dadurch hat Christian Kroll Ecosia in ein Unternehmen

verwandelt, das „sich selbst gehört“ – getreu

dem Grundsatz des Purpose-Netzwerks „Unternehmen

sind keine Spekulationsgüter“. Wie viel Geld Christian Kroll

durch diesen Schritt verloren hat, kann er nicht beziffern.

Die Zahl schwankt zwischen 25 und 100 Millionen Euro.

Aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist: Es fühlt sich für

ihn einfach richtig an.

Purpose-Stiftung

Ein Unternehmen gehört sich selbst

Die Purpose-Stiftung unterstützt Unternehmen dabei, sich von rein

wirtschaftlichen Interessen von Eigentümern und externen Investoren

unabhängig zu machen. Purpose definiert Eigentum neu:

Die Eigentümer dürfen das Unternehmen weder verkaufen, noch

vererben und bleiben nur so lange Eigentümer, wie sie auch Verantwortung

für das Unternehmen übernehmen.

Foto: © Shane Thomas McMillan

32 forum Nachhaltig Wirtschaften


GRÜNDER FÜR DIE ZUKUNFT | THEMEN

Die Kraft der Wirtschaft in den Dienst des Gemeinwohls stellen

Seit Jahrzehnten verfolgen Wirtschaftsführer und Politiker das Wirtschaftswachstum

als den einzig möglichen Weg zur Generierung

von Arbeitsplätzen und zu einem besseren Lebensstandard. Damit

wurden große Fortschritte erzielt, doch in den letzten zwanzig Jahren

ist auch deutlich geworden, dass Menschen und Gesellschaften

zunehmend unter den Nebenwirkungen dieses eindimensionalen

Ansatzes leiden – von der starken Verschmutzung und Zerstörung

der Natur bis hin zur weit verbreiteten wachsenden Ungleichverteilung

und Langzeitarbeitslosigkeit. Deshalb will unser Gipfel von Zermatt

aufzeigen, wie die Wirtschaft dem Gemeinwohl dienen kann.

Eine Initiative von Christopher Wassermann

Nach der Finanzkrise 2008 schien jeder zu glauben, dass die Finanzen

im Mittelpunkt der Wirtschaft stehen und der Mensch im Grunde genommen

nur ein „Wirtschafts-Objekt“ sei. Wir wollen dagegen den

Fokus des ökonomischen Paradigmas von Wachstum und „Objekten“

auf Wohlbefinden und „Menschen“ ausrichten. Unser Credo ist, dass

letztlich die Menschen die Welt verändern – nicht das Geld.

Jedes Jahr treffen sich führende Politiker und Unternehmenslenker

aus aller Welt zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Sie teilen eine traditionell

liberale Agenda der Wirtschaft und der Marktwirtschaft. Als

Reaktion auf das Weltwirtschaftsforum hat eine Gruppe von Nichtregierungsorganisationen

(NGOs) 2001 in Porte Alegre, Brasilien, das

Weltsozialforum ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt des Weltsozialforums

stehen die Bedürfnisse der Menschen und der Gesellschaft.

Die Botschaft des Weltsozialforums ist jedoch meist negativ: Es kritisiert

den Status quo und schlägt keine konkreten Alternativen vor.

Zwischen Davos und Porte Alegre gibt es eine Lücke, die der Gipfel

von Zermatt füllen soll. Wir kritisieren nicht von außen: Der Gipfel

von Zermatt ist ein Ort für Wirtschafts-Insider – für Menschen, die

seit vielen Jahren im Geschäft sind und zugleich den notwendigen

Wandel und Innovationen im Dienste der Gesellschaft fördern wollen.

Das ist die große Verantwortung der Wirtschaft, denn Unternehmen

sind die wichtigsten wirtschaftlichen und sozialen Akteure in der

Gesellschaft. Aber sie brauchen einen ethischen Anker, wie die jüngsten

Skandale um die Verbreitung gefälschter Nachrichten zur Beeinflussung

von Wahlen sowie den Missbrauch privater Daten gezeigt

haben. Ohne Bewusstsein und Verantwortung für unser Handeln

kann die Gesellschaft und die gesamte Menschheit nur verlieren. Der

belgische Theologe Gérard Fourez sagte: „Ethik beginnt mit dem ersten

Schrei des menschlichen Leidens.“

Das diesjährige Thema des Gipfels, „Entrepreneurship to serve the

common good“, steht im Mittelpunkt unserer Mission. Wie können

wir Systeme zur Erzeugung von Nahrungsmitteln und Energie schaffen,

die Mensch und Natur respektieren und dem Gemeinwohl dienen?

Führungskräfte und Manager müssen den gesellschaftlichen

Folgen ihrer Entscheidungen, den „Externalitäten“ ihres Handelns

und den Problemen unserer Zeit, die sie mit ihren unternehmerischen

Initiativen lösen können, mehr Aufmerksamkeit schenken. Es

gibt technische Innovationen, eine anhaltende digitale Revolution

und parallel dazu verändert sich die Gesellschaft. Innovation kann

auf ein bestimmtes wirtschaftliches Ziel ausgerichtet sein, sollte dabei

jedoch immer auch einen höheren menschlichen Zweck im Auge

haben.

Der jährliche Gipfel von Zermatt bietet die Möglichkeit, zu erneuern

und neu zu denken sowie sich einer Gemeinschaft gleichgesinnter

Führungskräfte anzuschließen. Er soll zu einer Referenz für ethisches

Wirtschaften werden. Unsere Vision ist es, einen Ort zu bieten, an

dem sich Menschen treffen, um sich inspirieren zu lassen, Innovationen

auszutauschen und gemeinsam neue Geschäftsmodelle für

eine bessere Welt zu schaffen.

CHRISTOPHER WASSERMAN

ist Präsident der Zermatt Summit Foundation.

Hinweis

Der mehrsprachige 8. Zermatt Summit findet vom 12. bis 14. September

2019 in der Schweiz am Füße des Matterhorns statt.

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33


THEMEN | ANTRIEB FÜR MORGEN

WASSERSTOFF

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Schon vor 30 Jahren machte ein Mann Furore, der das Zeitalter des solaren Wasserstoffs vorhersagte

und propagierte: Ludwig Bölkow. Er schlug vor, in Wackersdorf anstelle der von der Bevölkerung verhinderten

Atom-Wiederaufbereitungsanlage eine Produktionsanlage für Wasserstoff zu bauen. Der Strom

für die Elektrolyse sollte aus Photovoltaik-Anlagen gewonnen werden. Damals ob der hohen Kosten der

technischen Komponenten als Spinnerei verlacht, ist das Verfahren heute in aller Munde. Der „grüne

Wasserstoff“ soll gar der Missing Link der Energiewende werden. Seit Bölkows Zeiten hat zumindest die

Photovoltaik, was technischen Fortschritt und Kosten betrifft, einen unglaublichen Skaleneffekt bei der

Verminderung der Produktionskosten hingelegt. Solarstrom ist heute – nicht zuletzt durch das EEG – nur

noch mit sehr niedrigen Herstellungskosten verbunden, und auch Windstrom ist in großen Mengen zu

günstigen Preisen erhältlich, sowie in manchen Zeiten im Übermaß vorhanden. Was jetzt fehlt, ist ein

ähnlicher Innovationswettlauf im Bereich der Wasserstoffherstellung durch Elektrolyse. Skaleneffekte und

fallende Preise für die Anlagen sind nötig um „grünem Wasserstoff“ wirklich den Weg zu bereiten.

Von Fritz Lietsch

34

Der Beitrag auf den Seiten 34 bis 42 ist mit der freundlichen Unterstützung

des Österreichischen Bundesministerium für Verkehr, Innovation und

forum Nachhaltig Wirtschaften

Technologie entstanden. Entgeltliche Einschaltung.


ANTRIEB FÜR MORGEN | THEMEN

Foto: © Felix Krumbholz Photography

www.forum-csr.net

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THEMEN | ANTRIEB FÜR MORGEN

Endlich: Die Wasserstofftankstelle ist in greifbarer Nähe. Graz als erstes Etappenziel unserer Exkursion in Sachen Wasserstoffentwicklung in

Österreich haben wir geschafft. Wir fragen uns: Wird das Tankstellennetz schnell genug wachsen?

Zum Start der „Energiewende“ zerlegen wir den neuen Hype

rund um den Wasserstoff in seine Bestandteile – und setzen

auch die Moleküle wieder zusammen, um zu verstehen wie

aus Wasser und Strom Gas entstehen und daraus anschließend

wieder Strom produziert werden kann. Wir erfahren,

dass Wasserstoff bisher fast ausschließlich aus Erdgas hergestellt

und dabei große Mengen klimaschädliches CO 2

freigesetzt wird.

Auf einer Reise per Wasserstoffauto nach Österreich – entdecken

Sie die wunderbare Welt der Mobilität mit Wasserstoff.

Und Sie erfahren wie überschüssiger Strom als Gas

gespeichert und Erdgas umweltfreundlich zu „grünem“

Wasserstoff verwandelt werden kann.

Problemlöser Wasserstoff?

Nationale Initiativen und EU-Konsortien überbieten sich

gegenwärtig im Lobpreis des Wasserstoffs in Sachen Klimaschutz.

Das deutsche Clean Energy Project (CEP) etwa

schreibt: „Die moderne Mobilität legt uns die Welt zu Füßen

und wir wollen sie weiterhin erobern. Wir wollen mobil sein

– wir wollen dasselbe, nur in Grün und Clever. Wir haben Leidenschaft

im Herzen und Wasserstoff im Tank.“ Und laut CEP

ist „die Verkehrswende keine Frage von morgen, sie ist eine

Aufgabe von heute!“ Vollmundig geht es weiter: „Unser Weg

ist daher ein aktiver: Wir nehmen die Herausforderung an,

stellen uns den unbequemen Fragen und finden gemeinsam

Lösungen. Wir sind Macher. Wir machen mobil mit Wasserstoff.“

Na wenn das nicht gut klingt: Eine Mobilmachung in

Sachen Klimaschutz. Das CEP und viele andere Akteure wollen

also dafür sorgen, dass wir weiterhin mit gutem Gewissen

ins Auto steigen und fröhlich zur „EverydayforFuture-Demo“

fahren können.

Eine H2-Probefahrt nach Österreich

Nach Angaben der Werbetexter ist Wasserstoff die Option für

eine klimaschonende Mobilität der Zukunft und ermöglicht

Langstrecken E-Mobilität bei vergleichbaren Betriebskosten

und dem gewohnten Fahrkomfort bisheriger Fahrzeuge mit

Benzin oder Dieselmotor. Das neue Antriebskonzept bedeutet

laut deren Befürwortern einen entscheidenden Schritt in

Richtung Nachhaltigkeit und schadstofffreier Mobilität (Zero

Emission Vehicle) ohne lokale CO 2

- und NO x

-Emissionen. Die

Betonung liegt hier allerdings auf dem Wort „lokale“, denn

die Emissionen entstehen zwar nicht im Fahrbetrieb dafür

aber dort wo und und in Abhängigkeit wie der Wasserstoff

hergestellt wird. Doch dazu später.

Wer mag, kann also schon heute mit einem Wasserstoff-Auto

fahren und mit Begeisterung erleben, wir nur Wasserdampf

aus dem „Auspuff“ kommt. Auf der Website von CEP gibt

es Anlaufstellen für Probefahrten. Wir holen uns also ein

Testfahrzeug und machen uns auf Einladung des Bundesministeriums

für Verkehr, Innovation und Technik (BMVIT)

auf nach Österreich und schauen, was uns dort in Sachen

Wasserstoff ins Auge fällt.

Foto: © forum Archiv

36 forum Nachhaltig Wirtschaften


Wir wollen mehr erfahren von der „grünen“

Gas-Erzeugung über die schnelle und sichere

Betankung bis zum Betrieb wasserstoffbetriebener

Fahrzeuge mit Brennstoffzellen

und last, but not least

zur sicheren Lagerung des Energiebündels

unter den Gasen. Damit wir

nicht ohne Kraftstoff liegen bleiben,

informieren wir uns vor Abfahrt,

wie weit das Projekt COHRS

(Connecting Hydrogen Refuelling

Stations) fortgeschritten

ist und suchen auf deren Website

nach Tankmöglichkeiten auf

der geplanten Strecke.

Graz gibt Gas

Wir starten also von München Richtung Wien

und diskutieren schon auf der Fahrt die Rolle der Mobilität

am Beispiel Österreichs. Der Verkehrssektor ist dort mit

aktuell 45 Prozent an den Gesamtemissionen im Nichtemissionshandel

einer der größten Verursacher von Treibhausgasen.

Zusätzlich ist der Verkehrssektor für 80 Prozent des

österreichischen Erdöl verbrauchs verantwortlich und trägt

maßgeblich zu gesundheitsgefährdenden Feinstaub- und

Stickoxidemissio nen (NO x

) bei.

Trotz aller Zielsetzungen, Verkehr zu vermeiden und auf die

Schiene zu verlagern, ist es in den vergangenen Jahren nicht

gelungen, die Verkehrsmenge zu reduzieren und vom Wirtschaftswachstum

zu entkoppeln. Der Verkehr wächst nach

wie vor überproportional stark an, und Österreich ist als

Transitland besonders betroffen. Das BMVIT plant deshalb

eine Dekarbonisierung im Verkehrs- und Transportbereich

bis 2050 und diskutiert sowie forscht daran, wie man fossile

Das Röntgenbild des Toyota Miraii

zeigt den Aufbau der neuen Antriebstechnologie:

Wasserstofftanks, Brennstoffzelle, Kraftfluss

und Elektromotor.

Energieträger durch emissionsfreie Elektro-Fahrzeuge ersetzen

kann. Zusätzlich zur Elektrizität soll für schwer elektrifizierbare

Anwendungen Wasserstoff zum Einsatz kommen

– selbstredend hergestellt mit erneuerbarer Energie.

Insgesamt stellt sich die Frage, wie und zu welchen Kosten ein

CO 2

-neutraler Personen- und Güterverkehr erreicht werden

und welche Antriebstechnologie in welchem Ausmaß dazu

beitragen kann.

Infrastruktur, Technik und Reichweite

Je länger wir diskutieren, und je weiter wir uns dabei von

München und der sicheren Wasserstofftankstelle entfernen,

umso mulmiger wird das Gefühl. Auf dem Weg nach Graz

gibt es keine einzige Tankstelle. 417 km beträgt die Distanz

und erst als wir in Graz die Tankstelle in der Ostbahnstraße

erreichen, beruhigen sich die Nerven. Mit vollem Tank lassen

20 Wasserstoff-Stationen für Österreich und Deutschland

Fotos v.o.n.u.: © Toyota | © OMW

Autofahren mit Brennstoffzelle, quer durch Europa – von Bozen nach

Kopenhagen, von Wien nach Paris: COHRS (Connecting Hydrogen

Refuelling Stations) umfasst den Bau von 20 Wasserstoff-Stationen

in Deutschland und Österreich und damit die Erschließung der wichtigsten

europäischen Korridore für die Wasserstoff-Mobilität. Das

Projekt sammelt des Weiteren Erkenntnisse über die Kundenakzeptanz,

vergleicht Business Modelle und untersucht technische Lösungen

für den weiteren Ausbau der europäischen Wasserstoff-Infrastruktur.

COHRS wird im Rahmen des Trans-European Transport

Network durch die Connecting Europe Facility (CEF) gefördert. Die

Transeuropäischen Netze, kurz TEN, umschreiben Beiträge der EU

mit dem Ziel, den europäischen Binnenmarkt zu entwickeln und

eine Vereinheitlichung zu erzielen. Neben dem Bereich Verkehr mit

Straßen, Häfen, Eisenbahnstrecken, Binnenstraßen und Flughäfen

bezieht sich das Engagement auch auf Energie, Telekommunikation

und Satellitennavigation (Galileo).

Im Rahmen von COHRS baut die H2 MOBILITY 17 Wasserstoff-

Stationen entlang der wichtigsten trans-europäischen Korridore in

Hamburg, Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt,

Nord-rhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-

Pfalz und Bayern. In Österreich betreibt OMV bereits Wasserstoff-

Tankstellen in Wien, Linz, Graz und Innsbruck. Alle Stationen liegen

an wichtigen europäischen Verbindungsachsen. Neun Korridore

mit einer Gesamtlänge von über 15.000 km sollen bis 2030 ausgebaut

sein – sechs davon führen durch Deutschland und Österreich.

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THEMEN | ANTRIEB FÜR MORGEN

Im Praxiseinsatz konnte der Wasserstoff-Bus restlos überzeugen. Betreiber, Fahrer und Fahrgäste waren rundum zufrieden. Als nächstes geht

der Bus bei den Vienna Airlines in den Alltagstest. Bleibt die Frage: Wie wird der Wasserstoff in großen Mengen erzeugt?

wir uns vor Ort die geplanten Maßnahmen vorstellen.

Nachdem Graz bereits österreichweit die erste Modellregion

für Elektromobilität ist, folgt jetzt der nächste energiepolitische

Schritt. Und wie immer in Österreich ist das BMVIT

involviert, wenn es darum geht, Zukunftstechnologien Flügel

zu verleihen. In Graz etwa fördert das Ministerium im

Rahmen seiner Vision „Zero Emission Mobility“ das Projekt

„move2zero“ mit 3,3 Mio. Euro. Damit werden der Demobetrieb

einer Buslinie mit nachhaltigem Wasserstoffantrieb

sowie Ausbau und Betrieb von Lade- und Tankinfrastruktur

finanziert. Ziel ist die vollständige Dekarbonisierung des

städtischen Bussystems in Graz. „Wir wollen“, so Holding

Graz-CEO Wolfgang Malik, „neben E-Bussen auch Wasserstoffbusse

mit Brennstoffzellen auf ihre Alltagstauglichkeit

testen, damit bei der nächsten Busanschaffung die ökologisch

beste Technologie zum Zug kommt.“ Dabei ist zunächst die

Anschaffung von sieben Wasserstoffbussen sowie Treibstofflogistik

und Druckreduktionsstation geplant. Für batterieelektrische

Busse stehen eine ONC (Overnight Charging)

und/oder eine OPC (Opportunity Charging) Ladeinfrastruktur

in der Auswahl. Um einen optimalen Mix aus alternativen

Antriebstechnologien bei vollständiger Dekarbonisierung

der Busflotte zu ermitteln, wird der Demonstrationsbetrieb

durch Monitoring, Datenauswertung und mathematische

Modellierung begleitet. Für den Betrieb einer größeren

Flotte von Brennstoffzellen-Bussen soll langfristig eine

größere Wasserstofftankstelle samt Elektrolyse vor Ort in

Graz errichtet und betrieben werden. Um eine möglichst

effiziente Wasserstoffgewinnung sicherzustellen und den

hohen Energieaufwand bei herkömmlicher mechanischer

Kompression zu vermeiden, wird im Zuge des Projektes an

elektrochemischen Kompressionstechnologien geforscht.

Wien auf dem Weg zum Wasserstoffantrieb

Unser Testfahrzeug bringt uns ganz entspannt von Graz

nach Wien. Hier wurde von der ÖBB-Tochter Postbus ein

Wasserstoffbus im Linienbetrieb getestet. Im Gespräch erfahren

wir, wie der Antrieb im Bus genau funktioniert. Das

Fahrzeug fährt mit einem Elektromotor und wird mit Wasserstoff

betankt. In der im Bus verbauten Brennstoffzelle erfolgt

dann durch Sauerstoffzufuhr eine chemische Reaktion, bei

der Energie erzeugt wird. Ein wesentlicher Unterschied zu

batteriebetriebenen Bussen ist, dass die Stromerzeugung

direkt im Fahrzeug passiert. Einen großen Vorteil liefert

der Wasserstoffbus im Winterbetrieb: Bei der chemischen

Reaktion in der Brennstoffzelle entsteht auch Wärme, die

im Winter für die Beheizung genutzt werden kann. Um die

Technologie zu testen, wurde der Wasserstoffbus per Tieflader

aus den Niederlanden geliefert, da es auf der Strecke

keine geeigneten Tankstellen gibt. Das Tanken mit Wasserstoff

dauert im Normalbetrieb, bei einer fix installierten

Tankstelle, nur rund 15 Minuten (für 30 bis 35 kg Wasserstoff).

Für den Testbetrieb hat Postbus eine mobile Tankstelle

von der Firma Linde aus Deutschland geliefert bekommen.

Die Betankung benötigt hier etwas mehr Zeit, in etwa drei

Stunden. Der Wasserstoffbus wird im Oktober für weitere

drei Wochen auf den Linien der Vienna Airport Lines im Einsatz

sein. Bereits nach Abschluss des ersten Tests zogen die

Verantwortlichen in Wien ein positives Fazit: Fahrgäste und

Fahrer waren durchwegs zufrieden, der Betrieb einwandfrei.

Die Reichweite des wasserstoffbetriebenen Busses lag bei

rund 400 Kilometern pro Tankfüllung und ermöglicht damit

auch den Überlandverkehr. Ein Problem sind die fehlenden

Wasserstoff-Tankstellen für Busse in Österreich und noch

gravierender: Wasserstoff-Busse kosten heute noch mehr als

doppelt so viel wie herkömmliche, da sie nur in Kleinserien

hergestellt werden.

Tirol – Verbindungsglied am grünen Korridor

Unser Weg führt uns weiter von Wien nach Tirol. Wir wollen

zum dortigen Green Energy Center. Jetzt heißt es no risk, no

fun: bei 480 km Distanz in Linz zwischentanken oder nicht?

Wir entscheiden uns für Risk. Schließlich sind wir ja auf einer

Testfahrt.

Foto: © ÖBB, Postbus

38 forum Nachhaltig Wirtschaften


ANTRIEB FÜR MORGEN | THEMEN

Wasserstoff ist ein idealer Treibstoff für Schienenfahrzeuge, die keine Stromversorgung durch Oberleitungen haben. Eine hohe Energiedichte,

Heizung im Winter und CO 2

-freie Abgase sprechen für eine Weiterentwicklung in diesem Transportsegment.

Foto: © Alstom, Michael Wittwer

Ein weiterer Grund für die Fahrt nach Innsbruck: Stadt

und Region sind wesentlicher Teil des europaweit größten

Wasserstoff-Forschungsprojekts „HyFIVE“ (Hydrogen For

Innovative Vehicles). Im Projekt wird zum einen die Alltagstauglichkeit

der Wasserstofftechnologie für Autos erforscht

und weiterentwickelt, zum anderen die dafür nötige Infrastruktur

geschaffen. Seit 2015 verstärkt dort eine Wasserstofftankstelle

die wichtige Nord-Süd-Verbindung am „Green

Corridor“, der Wasserstoffautobahn von Kopenhagen bis

Verona. Doch in Tirol geht noch mehr: Im Rahmen des von

der Europäischen Union finanzierten Projekts „Demo4Grid“

errichtet die österreichische Supermarktkette MPreis mit

Unterstützung des Tiroler Green Energy Center Europas

größten Elektrolyseur zur Umwandlung von grünem Strom

in Wasserstoff. Auf dieses Projekt schaut ganz Europa, wird

doch diese Anlage unter wirtschaftlichen Aspekten realisiert,

um zu beweisen, dass die Umstellung von fossiler auf

saubere Energie auch ein absoluter Business-Case für die

Zukunft ist. Der Single-Stack-Alkali-Druck-Elektrolyseur dient

der Erzeugung von grünem Wasserstoff und gleichzeitig zur

Regelung des Stromnetzes. Und hier liegt auch die Ursache

für den neuen Hype um den Wasserstoff: In Zeiten, wo durch

Laufwasser-, Photovoltaik- und Windkraftwerke zu viel Strom

ins Netz eingespeist wird, kann dieser mittels der Elektrolyse-

Der Preis für Wasserstoff

Der „Demo-4Grid“-Business-Case zur Wasserstoffherstellung

sieht den Bezug von elektrischer Energie aus Stromnetzregelung

und die Einbindung eines regionalen Laufwasserkraftwerkes mit

Direkt leitung ohne Netzgebühren vor. Der produzierte Wasserstoff

kann somit nicht nur als Brennstoff, sondern auch als Speicherstoff

verstanden werden. Die Speicherfähigkeit erlaubt es zusätzlich,

sehr günstigen Strom für die Elektrolyse einzukaufen. Der Zukauf

günstiger elektrischer Energie auf der Strombörse zu Schwachlastzeiten

(z. B. in der Nacht) bedeutet jedoch, dass dessen Herkunft

nicht zwingend regenerativ ist.

Anlage in grünen Wasserstoff umgewandelt und zur weiteren

Verwendung in Drucktanks zwischengespeichert werden.

Die Technologie für den Elektrolyseur mit einer maximalen

Leistungsaufnahme von 4 Megawatt kommt vom Schweizer

Partner IHT. Der mit Ökostrom erzeugte Wasserstoff wird

in MPREIS-Produktionsbetrieben als Brennstoff thermisch

verwertet und ersetzt dort fossiles Erdgas für die Beheizung

der Backöfen. In weiterer Folge soll der grüne Wasserstoff als

Diesel-Ersatz für die MPREIS-Logistikflotte eingesetzt werden.

Darüber hinaus schafft diese Anlage auch die Möglichkeit,

Brennstoffzellen-Busse für den lärm-, CO 2

- und feinstaubfreien

öffentlichen Nahverkehr mit grünem Wasserstoff zu

beliefern. Damit sollen regionale Ressourcen und regionale

Wertschöpfung Hand in Hand gehen.

Wasserstoff treibt Züge an

Doch der regionale, grüne Wasserstoff kann nicht nur Häuser

und Backöfen beheizen sowie Autos, Busse und LKWs bewegen,

ab Dezember 2022 soll auch die Tiroler Zillertalbahn

mit Wasserstoff angetrieben werden. Auf der 32 km langen

Schmalspurstrecke zwischen Jenbach und Mayrhofen werden

bereits heute 2,46 Mio. Fahrgäste (2017) befördert und

aufgrund der hohen Verkehrsdichte im stark frequentierten

Alpental ist die Tendenz stark steigend! Das vom BMVIT geförderte

Projekt „Zillertalbahn 2020+ Energieautonom mit

Wasserstoff“ dient der Erhöhung der Transportkapazität und

beinhaltet die Erneuerung von Teilen der Bahnanlagen und

der Zuggarnituren. Kernkomponente ist die Elektrifizierung

des Bahnbetriebes, die eine Einsparung von 800.000 l Diesel

und eine Reduktion von 2,2 Mio kg CO 2

-Ausstoß im Jahr

bringt. Um die touristische Attraktivität des Tals zu erhalten,

soll weitgehend auf stromführende Oberleitungen verzichtet

werden. Stattdessen produziert eine Brennstoffzelle im Zug

den Strom für die den Antrieb der Elektromotoren. Der dafür

notwendige grüne Wasserstoff soll in Mayrhofen mittels

Elektrolyse erzeugt und über Nacht in die Züge der Bahn

gefüllt werden. Der Wegfall der Oberleitungen ist nicht nur

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THEMEN | ANTRIEB FÜR MORGEN

Transport: Wasserstofftransport und -lagerung sind die großen Herausforderungen beim Aufbau der Infrastruktur für eine

flächendeckende Versorgung. Das Gas ist sowohl in gasförmiger als auch in flüssiger Form verfügbar.

aus optischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht ein

Gewinn, denn die Einsparungen können in die Erprobung

der neuen Technologie investiert werden. Zudem tragen die

neuen Fahrzeuge mit 250 Sitzplätzen – gegenüber 130 bisher

– den steigenden Fahrgastzahlen Rechnung und bieten

wesentlich mehr Komfort.

Pipeline, LKW oder Schiene?

Die Bahn ist jedoch nicht nur interessiert an der Nutzung

von Wasserstoff als Energieträger – insbesondere dort, wo

eine Elektrifizierung der Strecke zu aufwändig ist – sondern

auch am Geschäft mit dem Transport von Wasserstoff. Bisher

wird dieser auf kurzen Strecken per Pipeline und ansonsten

per LKW transportiert oder vor Ort, wo er gebraucht wird,

produziert. Wasserstoffverwender wie etwa die Stahl- und

chemische Industrie erzeugen ihren Bedarf direkt am Werk

und benutzen dabei das Verfahren der Gasreformation. Hier

wird aus Erdgas Wasserstoff gewonnen, mit der aus Klimasicht

höchst bedenklichen Freisetzung hoher CO 2

-Anteile. Die

Elektrolyse ist aufgrund der Stromkosten bzw. der Volatilität

des regenerativ erzeugten Stroms für diese Anwender aus

Kostengründen noch keine Option. Eine Änderung könnte

hier nur die Bepreisung des an die Umgebung abgegebenen

CO 2

s sein. Dies erklärt, warum eine Wasserstofflogistik im

größeren Ausmaß bisher nicht entwickelt ist.

Mit der Nutzung von Stromspitzen aus Solar- oder Windstrom

für die Elektrolyse wendet sich das Blatt: Grüner Wasserstoff

profitiert von fast kostenlosem Strom, den zunehmenden

Skaleneffekten der Elektrolyse und könnte bei einem Preisanstieg

von CO 2

-Zertifikaten einen rasanten Durchbruch erreichen.

Obwohl bisher nicht verfolgt, erscheint es logisch,

den Schienenpfad für Wasserstoff als Transportweg zu

untersuchen, da er aus Sicht des Energieverbrauchs attraktiv

ist und somit ein Potenzial als Brückenlösung zwischen

Straßen-LKW-Transport und Pipeline darstellt. Das BMVIT

„Neue Technologien sind mit hohem Aufwand verbunden, und es ist wichtig,

dass solche Initiativen auf nationaler und EU-Ebene unterstützt werden“.

Silvia Kaupa-Götzl, Geschäftsführerin von Postbus

unterstützt daher das Projekt „Bulk H2 onRail“ und damit

die umfassende Untersuchung der Möglichkeit, Wasserstoff

auf der Schiene und im Kombiverkehr zu distribuieren.

Dazu gehört einerseits die technische Machbarkeit für eine

breite Selektion heutiger und zukünftig wahrscheinlicher

Tankstelle: Vor Ort komprimiert ein ionischer Kompressor den

Wasserstoff auf bis zu 900 Bar. Fahrzeuge werden dann mit

standardisiertem Druck betankt.

Fotos v.o.n.u.: © Linde AG | © Philipp Plum

40 forum Nachhaltig Wirtschaften


ANTRIEB FÜR MORGEN | THEMEN

Der Einsatz von Brennstoffzellen und Elektromotoren ist sinnvoll, da die Umwandlung von chemischer in elektrische Energie in der Brennstoffzelle

effizienter ist, als die Verbrennung des Treibstoffs in der Verbrennungskraftmaschine.

Wasserstoff-Speichertechnologien. Des Weiteren sind die

sicherheitstechnischen Rahmenbedingungen zu analysieren.

Zusammen mit einer Wirtschaftlichkeitsrechnung soll somit

eine komplette Beurteilung der techno-ökonomischen Machbarkeit

der Wasserstofflogistik auf der Schiene erfolgen.

In Anbetracht des Klimawandels selbstverständlich unter

Bevorzugung von Energieszenarien mit hohem Erneuerbaren-Anteil.

Tourismus-Projekt „HySnow“

Wer an Österreich denkt, denkt an schneebedeckte Berge

und an Skifahren. Hinterstoder im Traunviertel ist ein

Zentrum des oberösterreichischen Wintersports und will

Schneemobilen einen sauberen Antrieb verpassen. Unter

Leitung des HyCentA (Hydrogen Center Austria) und der TU

Graz wird in Hinterstoder im Rahmen der Leuchtturmprojekte

Elektromobilität des Klima- und Energiefonds das gesamte

Wasserstoff-Produktion im Überblick

Während es im brodelnden Inneren der Sonne und in den Weiten des Weltalls reinen Wasserstoff in Hülle und Fülle gibt, liegt er auf der Erde

nur in gebundener Form vor. Der größte Teil des heute produzierten Wasserstoffs entsteht als Neben- oder Kuppelprodukt in Prozessen der

Chemieindustrie und wird auch von dieser wieder verbraucht. Im industriellen Maßstab wird Wasserstoff heute hauptsächlich durch Reformierung

aus Erdgas erzeugt. Ein Verfahren, dass auch CO 2

freisetzt.

Grafiken: © H2 Mobility

Alternativ lässt sich Wasserstoff mit Hilfe von Strom aus Wasser erzeugen. Dafür wird das Wasser mittels Elektrolyse in seine Bestandteile

Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten – die dazu eingesetzte Energie bleibt im Wasserstoff gespeichert. Stammt nun der Strom aus erneuerbaren

Quellen, z.B. Windkraft, ist der Wasserstoff emissionsfrei – sogenannter „grüner Wasserstoff“. Betreibt man den Elektrolyseur direkt

am Windrad, hat das Speichermedium Wasserstoff noch einen weiteren Nutzen: Liefert der Wind mehr Energie, als gerade im Stromnetz

benötigt wird, kann dieser Strom durch das Spalten von Wasser im Wasserstoff zwischengespeichert werden. Das Gas übernimmt damit eine

wichtige „Pufferfunktion“ im intelligenten Stromnetz der Zukunft.

Noch ist die Erzeugung von Wasserstoff durch Elektrolyse sehr teuer. Gründe dafür sind geringe Mengen, Elektrolyseure, die noch nicht in Serie

produziert werden, das Forschungs- und Entwicklungsstadium, in dem sich die Technologie teilweise noch befindet, aber auch der Vergleich

zu einem sehr niedrigen Ölpreis. Deshalb nutzen viele Projekte noch bis zu 50 Prozent sogenannten „grauen Wasserstoff“ aus Erdgas. Ziel ist

aber stets der Ausbau der Erzeugung aus erneuerbaren Energien.

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41


THEMEN | ANTRIEB FÜR MORGEN

Potenzial solcher Schneemobile erforscht und die Serienproduktion

vorbereitet. Mit finanzieller Unterstützung des

BMVIT entwickeln die beteiligten Projektpartner das gesamte

Anwendungsszenario von der Photovoltaikanlage über die

Hochdruck-Elektrolyse-Wasserstoffproduktion (inklusive

Betankungsanlage) bis zu den Fahrzeug-Prototypen. Damit

können diese unter realen Betriebsbedingungen getestet

werden. Skifahrer werden den Pistenfahrzeugen verwundert

nachblicken, da die übliche Geräuschkulisse gänzlich fehlt.

Die Zielsetzung: Viel Leistung bei wenig Gewicht, problemloser

Einsatz auch bei tiefen Temperaturen, Vermeidung von

Lärm, Schadstoffen und Treibhausgasen. Damit ist dieses

Projekt auch Testlauf für eine zukünftige Massenproduktion

von brennstoffzellenbasierten Fahrzeugen und Vorstufe einer

hauptsächlich in Österreich entwickelten und produzierten,

umweltfreundlichen Serienproduktion.

Wasserstoffkompetenz in Österreich

Im Zuge des vom BMVIT invitierten Programms „Mobilität

der Zukunft“, der Plattform „open4innovation“ und anderer

Innovationsförderungen werden eine Vielzahl verschiedenster

Projekte rund um die Anwendung von H2 verwirklicht.

Von besonderer Bedeutung sind dabei Wasserstoffspeicher.

Gegenwärtig erfolgen Lagerung und Transport in der Regel

in Systemen mit sehr hohem Druck. Die Analyse einer konventionellen

Kraftstoffversorgungsanlage für gasförmigen

Wasserstoff (GH2-KVA) zeigt, dass der Speicherbehälter

maßgeblich für die Kosten und das Gewicht der GH2-KVA

verantwortlich ist. Der Anteil der restlichen Komponenten

der GH2-KVA ist gering. Die Firmen HypTec und Magna

Steyr optimieren deshalb im Projektverbund insbesondere

Speicherbehälter und Ventiltechnik, durch Schnittstellenoptimierung,

funktionale Integration und Bauteiloptimierung.

Im BMVIT-Projekt proionic ist es dagegen gelungen, flüssige

und stabile Speichermedien mit hohen Speicherdichten

chemisch zu synthetisieren. Diese Wasserstoffspeicherdichten

in ionischen Flüssigkeiten sind vergleichbar mit

der Speicherkapazität von H2-Druckspeichern. Lagerung/

Transport erfolgen jedoch drucklos bei Umgebungstemperatur

und somit nahezu verlustfrei. Durch die erfolgreiche

Entwicklung eines edelmetallfreien Katalysators kann die

Freisetzung des Wasserstoffs aus dem Speicher bedarfsgerecht

gesteuert werden und bei Raumtemperatur ablaufen.

Das Speichermedium ist chemisch regenerierbar und kann

stets neu mit Wasserstoff beladen werden, wobei noch

Entwicklungsbedarf besteht, die Kosten der Regenerierung

zu reduzieren.

Messen kommt von Mist

Nicht zuletzt die großen Skandale in der Automobilindustrie

zeigen die Relevanz von verlässlichen Messmethoden

zur Beurteilung und Optimierung von Motoren. Mit der

dynamischen Entwicklung von Brennstoffzellen wird es

notwendig, die Gas-Konditionierung und den Durchfluss

der Gase auf dem Prüfstand zu messen. Der Betrieb eines

Brennstoffzellen-Prüfstandes erfordert eine hochdynamische

Versorgung mit den Betriebsmedien Wasserstoff und Luft

sowie die messtechnische Erfassung von deren Durchflüssen.

Diese hochdynamische Regelung mit entsprechender

Konditionierung von Luft und Wasserstoff ist derzeit nicht

am Markt verfügbar. Zur Durchflussmessung von Gasen

wird zwar bereits eine Vielzahl von Sensoren eingesetzt,

derzeit sind aber für Wasserstoff weder ein eichfähiger

Sensor noch ein entsprechendes Kalibrierverfahren bekannt.

Deshalb werden in einem Forschungsprojekt geeignete

Regelungsstrategien und Komponenten untersucht, um das

dynamische Verhalten von Brennstoffzellensystemen in den

unterschiedlichen Zeitskalen bzw. physikalischen Domänen

(elektrisch, thermodynamisch, strömungsmechanisch...)

darzustellen und entsprechende Regelungsfunktionen bzw.

Optimierungsstrategien abzuleiten. Bereits bestehende

Durchflussmess- und Kalibrierverfahren werden auf ihre

eichfähige Anwendbarkeit für Wasserstoff analysiert und auf

bestehenden Wasserstoff-Prüfständen evaluiert. Einen laufenden,

detaillierten Überblick über vom BMVIT geförderte

Projekte bieten nachfolgende Seiten.

www.mobilitaetderzukunft.at | www.infothek.bmvit.gv.at

Netzwerke für die Mobilität der Zukunft

Der Klima- und Energiefonds ist die Schnittstelle zwischen Politik,

Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft und entwickelt – in enger

Kooperation mit dem Bundesministerium für Nachhaltigkeit

und Tourismus (BMNT) sowie dem Bundesministerium für Verkehr,

Innovation und Technologie (BMVIT) – Strategien und Förderprogramme

für die nachhaltige Transformation des Energie- und Mobilitätssystems.

Die Leuchtturmprojekte Elektromobilität beschäftigen

sich umfassend mit Fragestellungen im Bereich der Fahrzeuge,

der Infrastruktur aber auch der Anwender und Nutzer. Der Fokus

liegt sowohl auf der Forschung und Entwicklung im Fahrzeugbereich,

als auch in der Vernetzung und Bündelung von bestehenden

Initiativen.

Die ARGE HyWest bündelt die Kompetenzen der Tiroler Strategieund

Projektentwicklungsgesellschaft FEN-Systems und des Grazer

Wasserstoff-Forschungszentrums HyCentA. Ziel ist es, gemeinsam

mit den mittlerweile über 30 assoziierten Partnerfirmen den strategischen

Brückenbau in eine grüne Wasserstoffzukunft in Zentraleuropa

voranzutreiben.

Das im Jahr 2016 gegründete Green Energy Center in Innsbruck ist

eine private Initiative, die mit ihren Codex-Partnern unter anderem

zukunftsorientierte Wasserstoffprojekte unter Businessplanbedingungen

entwickelt. Der neue Info Corner des Green Energy Centers

wurde auf Initiative der FEN Sustain Systems GmbH eingerichtet

und ist für jedermann zugänglich, der Unterstützung bei der Umstellung

seines Energie- und Mobilitätssystems braucht.

Im Rahmen des Informations- und Unterstützungspaketes für E-

Mobilität kann man sich u.a. zur Teilnahme an Veranstaltungen

(z.B. Info Workshop E-Mobilität) anmelden, kleine bis große E-Fahrzeuge

ausleihen und sich für ein automatisiertes Carsharing registrieren

lassen.

www.klimafonds.gv.at | www.green-energy-center.com

42 forum Nachhaltig Wirtschaften


ANTRIEB FÜR MORGEN | THEMEN

Über 60 Prozent des Wasserstoffs werden heute aus Erdgas gewonnen. Dabei werden hohe Mengen an CO 2

freigesetzt. Der Anteil der Elektrolyse

liegt noch unter 10 Prozent. Grund genug, der CO 2

-freien Gewinnung von Wasserstoff aus Erdgas mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

ENERGIE OHNE REUE

Kommt der CO 2

-freie Wasserstoff aus Methan?

Wasserstoff (H2) wird als der Schlüsseltreibstoff der Energiewende ohne Schadstoffe diskutiert. Gegenwärtig

ist seine Herstellung jedoch weitgehend an fossile Methan-Prozesse gebunden und setzt dabei

große Mengen an CO 2

frei. Eine neuartige Pyrolyse soll zukünftig das eingesetzte Methan direkt in H2

und Kohlenstoff zerlegen und damit den CO 2

-Ausstoß verhindern.

Von Alexander Gusev, Jörg Walter und Stefan Huber

Foto: © Nord Stream 2, Axel Schmidt

Wasserstoff ist ein Gas, aus dem im Zusammenspiel mit

Sauerstoff unser Lebenselixir Trinkwasser besteht. Wasserstoff

ist aber auch ein starker Energieträger, dessen Leistung

beim Verbrennen wieder als Wasser freigesetzt wird. Es hört

sich also sehr gesund an, wenn dieser Treibstoff für unsere

energiehungrige Wirtschaft eingesetzt wird. Um Wasserstoff

in den dafür nötigen Mengen zu gewinnen, gibt es bisher ein

Standardverfahren, genannt Erdgas Dampfreformierung, bei

dem aus Methan mit Hilfe von Wasserdampf und Hitze CO 2

und H2 entstehen. Damit beginnt die schmutzige Seite der

Wasserstoff-Revolution, denn CO 2

ist ein Verursacher des

Klimawandels. Neue und verbesserte Formen der Wasserstoffproduktion

sind deshalb dringend gefragt.

Verwandlung von Erdgas in „grünen Wasserstoff“

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das Potsdamer

„Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS)“

haben zusammen eine alte Technologie in einem neuen

Verfahren perfektioniert, bei dem Erdgas bzw. Methan thermisch

direkt in seine Bestandteile zerlegt wird. In diesem

Pyrolyseprozess fallen reiner Kohlenstoff und der benötigte

Wasserstoff als einzige Endprodukte an. Mit beiden Substanzen

kann weitergearbeitet werden. Diese Erfindung ist für die

„Deutsche Gaswirtschaft Gesellschaft“ so zukunftsweisend,

dass sie den „Innovationspreis für Forschung und Entwicklung

2018“ an die beiden Institute verlieh. Ein Grund mehr, das

Thema näher zu betrachten.

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43


THEMEN | ANTRIEB FÜR MORGEN

Wofür wird Wasserstoff gebraucht?

Aus H2 werden verschiedene chemische Verbindungen synthetisiert,

die unsere moderne Gesellschaft – allen voran die

grüne Revolution – erst ermöglichten. Die Düngemittel für

unsere Landwirtschaft verschlingen den größten Anteil des

hergestellten Wasserstoffs. Aus Luftstickstoff und Wasserstoff

wird der Düngemittelbestandteil Ammoniak produziert

(Haber-Bosch-Ammoniaksynthese), eine Erfindung, die vor

mehr als 120 Jahren die moderne Landwirtschaft ermöglichte

und den Hunger der Weltbevölkerung bekämpfte. Aber auch

zur Veredelung von anderen Kohlenwasserstoffverbindungen,

zum cracken von (langkettigem) Schweröl, bis hin zur

Härtung von Pflanzenölen zu streichzarter Margarine wird

Wasserstoff eingesetzt.

Außerdem ist es die hohe Energiedichte des Wasserstoffs,

die dreifach höher ist als beim Benzin, die ihn besonders für

Mobilitätsanwendungen interessant macht. Als Raketentreibstoff

zur Beförderung von Satelliten und immer häufiger

auch als Energieträger für Fahrzeuge wie Bus, Bahn oder

Auto. Dabei kann das Gas in einem Verbrennungsmotor als

Treibstoff genutzt werden, in dem es ähnlich wie Benzin

oder Diesel Wärme und mechanische Energie erzeugt oder

in einer Brennstoffzelle elektrische Energie für den Antrieb

von Elektromotoren erzeugen.

Wie entsteht Wasserstoff?

Aus der Schule wird sich noch jeder an den Knallgasversuch

erinnern. Der dafür benötigte Wasserstoff wird aus Wasser

„elektrolytisch“ mit elektrischem Gleichstrom zerlegt, wobei

an einer Elektrode O2 und an der anderen H2 entsteht. Diese

Methode ist mit Sicherheit die direkteste und mit keinerlei

lokalen Schadstoffen behaftete Erzeugungsart. Doch die

dafür nötige elektrische Energie ist bisher vergleichsweise zu

teuer, um sie in Wasserstoff zu verwandeln und je nach Art

der Erzeugung mit Kohle, Gas oder Atom mit entsprechenden

Emissionen oder Risiken verbunden. Werden jedoch

die gewaltigen Elektrizitätsüberschüsse aus nicht direkt

regelbaren regenerativen Energien eingesetzt, wendet sich

die Bilanz wiederum auf die positive Seite. Denn anstatt

bei Stromüberschuss die Wind- und Solarkraftwerke abzuregeln,

kann der Strom für die Herstellung von Wasserstoff

eingesetzt und damit „gelagert“ werden. Doch es gibt noch

einen weiteren Weg, der die Erzeugung und Nutzung von

Wasserstoff attraktiv für den Klimaschutz macht. Laut einer

Studie der internationalen Beratungsfirma Pöyry könnte

die eingangs vorgestellte Methanpyrolyse den Ausbau von

Erneuerbaren fördern und zugleich eine Dekarbonisierung

mit emissionsfreiem Wasserstoff begünstigen.

Erdgas als Wasserstofflieferant Nummer 1

Doch wozu das Erdgas? Methan (CH4) als Hauptbestandteil

von Erdgas hat einen besonders hohen Wasserstoffanteil,

der einfach abzuspalten ist. Deshalb ist Erdgas mit 68

Prozent (neben 16 Prozent Erdöl, 11 Prozent Kohle und 5

Prozent Strom) schon gegenwärtig die Hauptgrundlage der

Wasserstoffproduktion. Eine relativ einfach zu erzeugende

Basisreaktion wandelt Methan und Wasserdampf CH4 +

2H2O 4H2 + CO 2

in Wasserstoff und CO 2

, doch bei dieser

eingangs bereits erwähnten „Dampfreformierung“ (in der

andern Richtung „Methanisierung“) entsteht exakt genauso

viel CO 2

wie bei der direkten Verbrennung von Methan

(CH4+2O2 CO 2

+2H2O, also 1:1). Da alle Prozessschritte

dieser Art der Wasserstofferzeugung (zuzüglich Gasreinigung

und Handhabung) mit stofflichen bzw. energetischen

Verlusten behaftet sind, ist sowohl die CO 2

-, also auch die

Energiegesamtbilanz der Gasreformierung schlechter als

die direkte Verbrennung von Methan. Die Erzeugung und

energetische Verwertung –von H2 aus Erdgas im Verfahren

der sogenannten Reformierung ist somit insbesondere bei

Mobilitätsanwendungen oder thermischer Nutzung kein

wirklicher Beitrag zum Klimaschutz.

Industrielle Reaktortypen für die Erdgaspyrolyse

Gefragt sind somit alternative Wege, H2 aus Methan ohne

CO 2

-Emission zu erzeugen. Die Erdgas-Pyrolyse könnte hier

ein wichtiger Baustein sein. Dies erklärt, warum das Potsdamer

IASS und das KIT Karlsruhe mit Hochdruck an einem

Pyrolysereaktor arbeiten, der auf einer Flüssigmetalltechnologie

beruht. Dabei wird Methan (CH4) von unten durch

eine Säule mit geschmolzenem Zinn geblubbert. Dank der

kleinen Gasbläschen findet dabei ein sehr schneller Wärmeübertrag

statt, wodurch der Kohlenstoff C vom Wasserstoff

H2 abgespaltet wird. Der elementare Kohlenstoff entsteht

an der Bläschenhaut und kann, oben in der Säule angekommen,

in Pulverform einfach von der Oberfläche des Zinns

abgetrennt werden. Der Vorteil: Bei diesem Verfahren wird

kein CO 2

freigesetzt und der anfallende Kohlenstoff stellt sich

als wertvoller industrieller Rohstoff dar. Im Flüssigmetalllabor

am KIT lief der Test-Reaktor bei Temperaturen von rund 1.200

oC im zweiwöchigen Dauerbetrieb und erzeugte Wasserstoff

mit einer Umwandlungsrate von bis zu 78 Prozent. Dies war

ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Entwicklung im

industriellen Maßstab. Der energetische Brennwert des H2

ist zwar nur etwa ein Drittel des zuvor eingesetzten Methans

– der Rest steckt im Kohlenstoffbrennwert –der verbleibende

Kohlenstoff kann indes weiter verwertet werden. Dies

dürfte auch der Grund dafür sein, warum nach Angaben der

Nachrichtenagentur bloomberg Unternehmen, wie die PAO

Gasprom oder BASF auf die Weiterentwicklung der Methanpyrolyse

setzen.

Wirtschaftlichkeit abhängig von Skaleneffekten

und C0 2

-Preis

Die Wirtschaftlichkeit bzw. das Marktpotenzial der Technologie

unterliegt noch zahlreichen Unwägbarkeiten wie

fluktuierenden Preisen für Gas und CO 2

. Schon bei einem

CO 2

-Emissionspreis (Zertifikat oder Steuer) von 50 Euro pro

Tonne könnte die Methanpyrolyse im Vergleich zu anderen

Verfahren wettbewerbsfähig produzieren, denn für beide

Endprodukte gibt es beträchtliche Marktpotenziale:

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ANTRIEB FÜR MORGEN | THEMEN

Grafik: © Gazprom | Foto: © Karlsruhe Institut für Technologie (KIT)

Bei der thermischen Erdgasspaltung durch Pyrolyse erfolgt eine

Trennung in Wasserstoff und reinen Kohlenstoff. Dieser kann für

industrielle Anwendungen eingesetzt werden.

• Wasserstoff für die Nutzung in Brennstoffzellen, zur

Stromerzeugung, in wasserstoffgetriebenen Fahrzeugen

sowie als Rohstoff für industrielle Anwendungen und die

Produktion von Ammoniak

• elementarer Kohlenstoff u.a. für die Produktion von Stahl,

als Leiter für Batterien und für zahlreiche andere Anwendungen

von Carbonfasern bis hin zu Schmierstoffen und

Farben

Derzeit stammen 70 Prozent des weltweit produzierten,

hochwertigen elementaren Kohlenstoffs aus China. Europa

verbraucht rund zehn Prozent des Gesamtaufkommens,

steuert aber lediglich ein Prozent zur Herstellung bei. Also

gibt es speziell in Europa ein großes Potenzial für diesen

Rohstoff, der bei der Methanpyrolyse anfällt.

Positiv: Praxistest zur Erdgas-Pyrolyse am Karlsruher Institut für

Technologie.

Integration in das Energiesystem Schritt für

Schritt

Für umweltfreundlich erzeugten Wasserstoff

ergeben sich eine Vielzahl von Ansätzen

zur Integration in unser Energiesystem. Eine

Möglichkeit besteht darin, ein CO 2

-armes

Energieprodukt „Hythan“ – eine Mischung aus

Erdgas und Wasserstoff – zu etablieren, um die

EU-Klimaziele 2030 leichter zu erreichen. Die

Erdgaswirtschaft geht hier bereits voran und

setzt Wasserstoff-Methan-Gemische für den

Betrieb von Kompressoren beim Gastransport

ein. Dies reduziert die hieraus resultierenden

CO 2

-Emissionen – ersten Analysen zufolge – um

rund 30 Prozent. Neuartige Verbrennungsmotoren

für den Mobilitätssektor, die ebenfalls den

Einsatz von Methan-Wasserstoff-Gemischen als

Kraftstoff zulassen, reduzieren den CO 2

-Ausstoß im Vergleich

zu herkömmlichen Motoren um 15 bis 20 Prozent. Gleichzeitig

geht der Verbrauch um rund 20 Prozent zurück. All diese

positiven Wirkungen treten jedoch immer nur unter der Voraussetzung

einer nahezu CO 2

-freien Wasserstoffproduktion

ein. Und daran besteht ein großer Bedarf: Laut der im Jahr

2018 vorgestellten Leitstudie „Integrierte Energiewende“ der

Deutschen Energieagentur (dena) wird die Nachfrage nach

möglichst CO 2

-freiem Wasserstoff in den kommenden Jahrzehnten

von rund 30 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2030

auf mehr als 150 TWh im Jahr 2050 ansteigen. Diese eher

konservative Annahme geht von einer vorrangigen Nutzung

im Industrie- und Mobilitätssektor aus. Sollte der Einsatz

von Wasserstoff und erneuerbaren Synthesegasen auch im

Energiesektor voranschreiten, könnte sich der Bedarf sogar

auf mehr als 900 TWh erhöhen.

Fazit

Unter dem Strich ist die Technologie der Methanpyrolyse

für eine Reduktion des CO 2

-Fußabdrucks der Wasserstoffproduktion

ein sehr vielversprechender Ansatz. In der

chemischen Industrie könnte sie in absehbarer Zeit riesige

Mengen CO 2

einsparen. Eine wirksam hohe CO 2

-Bepreisung

(egal ob Emissionszertifikate oder Steuer) ist jedoch die

ökonomische Grundvoraussetzung für eine beschleunigte

Entwicklung dieser und weiterer dringend benötigter Schlüsseltechnologien.

Nur dann erreichen wir eine schnellere

Transformation unserer Energie- und Transportsysteme in

Richtung Nachhaltigkeit.

DR. ALEXANDER GUSEV

war am oben genannten Forschungsprojekt als Mitarbeiter des Institute

for Advanced Sustainability Studies (IASS), Potsdam beteiligt.

DR. JÖRG WALTER und STEFAN HUBER

sind beratende Experten und Autoren von forum Nachhaltig Wirtschaften.

www.kit.edu | www.iass-potsdam.de | www.poyry.com

www.forum-csr.net

45


THEMEN | ANTRIEB FÜR MORGEN

Welche Fahrzeugtechnologie die Richtige ist, entscheidet immer der Einsatzzweck. Wer viel Kurzstrecken fährt und regenerativen Strom – am

besten aus eigener Erzeugung – bezieht, ist mit einem Plug-in Fahrzeug wie dem Mitsubishi Outlander gegenwärtig gut bedient. Siehe dazu

unseren Testbericht und den Stand zum Thema bi-direktionales Laden auf Seite 48. Gas, Strom und Wasserstoff sind als Treibstoffe vielen

bekannt – doch die wichtigste Maßnahme für die CO 2

-Reduktion lautet: weniger fahren!

VERKEHRSWENDE

Da ist noch viel Luft nach oben

Die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen, verändert sich stetig. Das ist eine ganz natürliche Entwicklung,

die unser Leben und Arbeiten beeinflusst. Immer offensichtlicher wird, wie dringend wir aktuell Veränderungen

brauchen – und zwar umfassender, schneller und tiefgreifender als bisher. Der Klimawandel und

die steigenden CO 2

-Emissionen machen uns Druck, gepaart mit unserem extensiven Mobilitätsverhalten.

Von Fritz Lietsch

Ob ins Büro, zum Einkaufen, um Freunde zu besuchen oder

einen Ausflug mit der Familie zu machen – wir sind dauernd

unterwegs. Die Studie „Mobilität in Deutschland (MiD)“

kommt aufgrund steigender Bevölkerungszahlen und wachsender

Mobilität zum Ergebnis, dass die Verkehrsnachfrage

einen neuen Höchststand erreicht hat: Pro Person legen wir

im Durchschnitt täglich 39 Kilometer zurück, mit dem Auto,

dem Flugzeug oder den öffentlichen Verkehrsmitteln. Multipliziert

mit 80 Millionen Einwohnern bleibt nicht ohne Folgen.

Steigende CO 2

-Emissionen im Verkehr

Unser Mobilitätsverhalten treibt die Treibhausgasemissionen

in immer neue Höhen. Der Endenergieverbrauch im Verkehr

entwickelte sich zuletzt mit einem Plus von 6,5 Prozent

gegenüber dem Jahr 2005 und damit sogar gegenläufig zu

den Zielen des Energiekonzepts der Bundesregierung. Schuld

daran sind wir selbst: Wir heizen unter anderem mit unserer

Nachfrage nach SUVs und Geländewagen das Klima weiter an.

2018 verzeichnete das Kraftfahrt-Bundesamt fast 20 Prozent

Foto: © Laura Muranaka

46 forum Nachhaltig Wirtschaften


ANTRIEB FÜR MORGEN | THEMEN

mehr SUVs als im Vorjahr. Im ersten Halbjahr 2019 ist der

Anstieg gar noch höher. Gleichzeitig sind laut Europäischer

Umweltagentur EEA die CO 2

-Emissionen pro PKW gestiegen.

Außerdem machen wir immer mehr Kurzurlaube mit dem

Auto. Ganz zu schweigen von den Flugreisen. Laut Flughafenverband

Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen

(ADV) ist die Zahl der Reisenden, die in Deutschland in ein

Flugzeug stiegen (ohne Umstiege in Deutschland), von 2014

auf 2017 um 13 Prozent gewachsen, Tendenz weiter steigend.

Dabei ist das Flugzeug, gemessen an den CO 2

-Emissionen

pro Kilometer, das klimaschädlichste Verkehrsmittel. Berücksichtigt

man jedoch die Nutzungsintensität, werden im

Verkehr insgesamt die Mehrheit der CO 2

-Emissionen durch

private PKWs verursacht.

Neue Antriebstechnologien und Ressourcen

Dass wir etwas an unserem Mobilitätsverhalten ändern

müssen, ist klar. Doch Verhaltensänderungen, welche die

gesamte Bevölkerung betreffen, sind schwer durchzusetzen

und damit ein komplexes und langwieriges Unterfangen. Wer

verzichtet schon freiwillig auf sein liebgewonnenes Mobilitätsverhalten?

Deshalb braucht es neben einem freiwilligen

Verzicht so schnell als möglich neue Treibstoffe und neue

Antriebstechnologien, welche das Ziel unterstützen, weniger

Treibhausgase durch den Verkehr zu produzieren. Bisher

sieht es hier mau aus: Der Anteil erneuerbarer Energien liegt

bei nur 5,6 Prozent. Eine große Hoffnung ruht aktuell auf

der Elektromobilität. Sie ist vielseitig einsetzbar, in Autos,

Rollern, Fahrrädern, Bussen, LKWs und sogar in Flugzeugen.

Die grundlegende Infrastruktur ist dank des Stromnetzes

ebenfalls vorhanden. Und nutzt man Ökostrom, werden die

CO 2

-Emissionen aus dem Mobilitätsverhalten direkt gesenkt.

Entsprechend setzt auch die deutsche Automobilindustrie

inzwischen zunehmend auf die Elektromobilität und bringt

mehr Modelle auf den Markt.

Ökostrom für Elektroautos

Trotz Neuzulassungszahlen von plus 80 Prozent im ersten

Halbjahr 2019 sind spezielle Ökostromtarife für Elektroautos

nach wie vor Mangelware. Dabei verdoppeln Elektroautos

schnell den Strombedarf eines typischen Familienhaushalts.

Ein weiterer Punkt: Die CO 2

-Bilanz eines Elektrofahrzeugs

ist aufgrund der aufwändigen Batterieproduktion nur dann

positiv im Vergleich zum Fahrzeug mit Verbrennungsmotor,

wenn stets mit Ökostrom geladen wird. Das Institut für

Energie- und Umweltforschung Heidelberg hat die CO 2

-Bilanz

von Elektroautos im Auftrag von Agora Verkehrswende

analysiert und kommt zum Ergebnis, dass ein Fahrzeug der

Kompaktklasse geladen mit dem herkömmlichen Strommix

rund 80.000 Kilometer fahren müsste, um gegenüber dem

Verbrenner im Vorteil zu sein – mit Ökostrom sind es nur

40.000 Kilometer. Und eine Studie des Fraunhofer-Instituts

für System- und Innovationsforschung (ISI) besagt, dass die

Treibhausgasemissionen eines Elektroautos über den gesamten

Zeitraum seiner Nutzung gegenüber einem Verbrenner

um 65 bis 75 Prozent niedriger sind. Allerdings nur, sofern

stets mit zertifiziertem Ökostrom geladen wird.

Steigender Bedarf an Spezialtarifen

Um die Entwicklung attraktiver Ökostromtarife zu unterstützen,

müssen Netzbetreiber stärker als bisher neue

Zählersysteme unterstützen. So bietet der Einsatz unterbrechbarer

Stromzähler und intelligenter Ladestationen

Einsparpotenziale für Elektroautofahrer im zweistelligen Bereich

und unterstützt gleichzeitig die Netzstabilität. Dennoch

bedarf es in vielen Fällen nach wie vor Einzelabklärungen,

weil keine Genehmigungsverfahren etabliert sind. Der Ökoenergieversorger

Polarstern hat als einer der ersten, ein

solches Autostromangebot mit speziellem Stromzähler im

Portfolio. Es rechnet sich vor allem für Vielfahrer. Sie können

ihre Stromkosten für das Elektroauto jährlich um bis zu circa

20 Prozent senken. Weitere Chancen, die das Ökostromangebot

für Elektroautos voranbringen, können sich durch

die CO 2

-Bepreisung ergeben. Sie setzt Preisanreize zur verstärkten

Nutzung erneuerbarer Energien und unterstützt so

eine klimafreundliche Mobilität.

Bequeme und flächendeckende Auflade-Infrastruktur

Zwar kann ein Elektroauto auch an einer typischen Haushaltssteckdose

geladen werden, doch die Ladezeiten von

mehreren Stunden machen diese Möglichkeit unattraktiv.

Der Ausbau von Ladestationen zuhause und unterwegs ist

unersetzlich, um der Elektromobilität zum Durchbruch zu

verhelfen. Nicht nur bei Einfamilienhäusern, auch in Mehrparteiengebäuden

müssen leichter Ladestationen errichtet

werden können. Dazu werden derzeit Änderungen im Gesetz

zur Förderung von Barrierefreiheit und Elektromobilität im

Miet- und Wohnungseigentumsrecht diskutiert. Im Herbst

soll die zuständige Arbeitsgruppe ihr Abschlusspapier vorlegen.

Polarstern realisiert schon heute kein Mieterstromprojekt

mehr ohne Ladestationen. Und im öffentlichen Raum

arbeitet das Unternehmen mit diversen privaten Unternehmen

zusammen, die Ladestationen für ihre Mitarbeiter und

Kunden installieren. Auch das Schnellladenetz von Ionity,

dem Joint Venture der deutschen Automobilhersteller BMW,

Daimler, Ford und Volkswagen mit Audi und Porsche, wird

von Polarstern versorgt. Bis 2020 will das Unternehmen

rund 400 Schnellladestationen betreiben, rund 100 davon in

Deutschland. Insgesamt verzeichnete das Laderegister der

Bundesnetzagentur im Juni über 18.000 Ladepunkte, davon

sind etwa 12 Prozent Schnelllader. Im Juni 2012 waren es

noch unter 3.000 Ladepunkte.

Aber: Elektromobilität alleine reicht nicht

Bei einem PKW-Bestand in Deutschland von rund 57 Millionen

Fahrzeugen und einem Marktanteil der Elektroautos

auf deutschen Straßen von bislang unter einem Prozent

reicht die Elektromobilität alleine nicht, die CO 2

-Emissionen

ausreichend schnell zu reduzieren, um die Klimaziele

zu erfüllen. Es braucht auch andere Technologien und die

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47


THEMEN | ANTRIEB FÜR MORGEN

Forschung und Entwicklung klimafreundlicher Mobilitätslösungen.

Biokraftstoffe und E-Fuels

Heute schon eingesetzt, aber hinsichtlich ihrer nachhaltigen

Erzeugung durchaus begrenzt, sind Biokraftstoffe. Im Jahr

2017 wurden im deutschen Verkehrssektor 3,2 Millionen

Tonnen Biokraftstoffe eingesetzt, vor allem Biodiesel (Anteil

70 Prozent) und Bioethanol (28 Prozent). Biomethan und

Pflanzenöl spielen eine untergeordnete Rolle. Insgesamt

stellen Biokraftstoffe bisher den wesentlichen Teil aller im

Verkehrssektor eingesetzten erneuerbaren Energien. Genutzt

werden vor allem Abfälle und Reststoffe (29 Prozent),

Raps (25 Prozent), Palmo?l (18 Prozent) und Mais (13 Prozent).

Der Vorteil von Biokraftstoffen liegt darin, dass bei der

Nutzung nur so viel CO 2

freigesetzt wird, wie zuvor während

des Pflanzenwachstums gebunden wurde. Allerdings müssen

zur ehrlichen CO 2

-Analyse auch der Herstellungsprozess und

Transport bewertet werden. Außerdem ist ein nachhaltiger

Ausbau der Biokraftstoffe begrenzt, so dass es künftig weitere

Treibstoffe braucht, wie etwa E-Fuels.

Selbst bisherige Verbrenner können mit E-Fuels – aus Ökostrom

hergestellte, synthetische Kraftstoffe – sauberer

fahren. Ein großes Manko der E-Fuels sind jedoch ihre Herstellungskosten

und der dafür nötige Energieaufwand. Sie

machen die Kraftstoffe bisher zu teuer, als dass sie im Markt

eine Chance hätten. Würden Treibstoffe allgemein stärker

entsprechend ihrer CO 2

-Emissionen bepreist und würde

mehr erneuerbarer Strom produziert werden, könnte sich

das künftig ändern.

Neue Mobilitätskonzepte mit Wasserstoff

Auch Lösungen wie die Brennstoffzellentechnik werden

heiß diskutiert. Gerade bei sehr hohen Fahrleistungen

und großen Fahrzeugen wie LKWs gelten sie verglichen

zu Elektroantrieben als klimafreundlicher. Eine Studie des

Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE hat

jüngst gezeigt, dass im Zeitraum von 2020 bis 2030 das

Brennstoffzellen-Auto klare Vorteile bei den Treibhausgasemissionen

hätte. Das gilt natürlich im Vergleich zu einem

Verbrenner, aber auch zu einem Elektroauto mit großer Batterie

und Reichweite, welches mit dem deutschen Strommix

geladen wird. Anders sieht es bei Elektrofahrzeugen mit

geringerer Batteriekapazität und Reichweite aus, sprich

unter 50 kWh/250 km. Fazit: Nur für große Reichweiten

ist das Brennstoffzellenauto gegenüber Elektrofahrzeugen

zu bevorzugen. Für die Elektrolyse, bei der Wasser in den

benötigten Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird, sind

jedoch große Strommengen nötig. Damit dies klima- und

energiebewusst erfolgt, werden bereits neue Konzepte

erprobt. Der Ökoenergieversorger Polarstern etwa ist an

einem Forschungsprojekt beteiligt, bei dem Wasserstoff

mittels Überschussstrom aus der solaren Stromerzeugung

gewonnen wird. Im Rahmen eines Mieterstromprojekts im

„Quartier Lok.West“ in Esslingen wird so ein Elektrolyseur

betrieben und Wasserstoff abgespalten, der künftig in

Brennstoffzellen-Fahrzeugen genutzt werden soll.

Ob Sharing-Konzepte, Elektromobilität, E-Fuels, Biokraftstoffe

oder Brennstoffzelle, wir brauchen all diese Technologien und

Entwicklungen, um die CO 2

-Emissionen mittel- und langfristig

senken zu können. Ein „Weiter so“ ist genauso gefährlich, wie

der verengte Fokus auf eine einzige Lösung.

Im forum Test

Mitsubishi Outlander Plug-in Hybrid

„Zu den herausragenden Merkmalen der Plug-in Hybridtechnologie

von Mitsubishi Motors gehört, dass die in den Fahrzeugen verwendeten

Fahrbatterien nicht nur als „Stromtank“ für das Fahrzeug

selbst dienen; durch ihre bi-direktionale Auslegung können sie die

gespeicherte elektrische Energie auch wieder abgeben und dienen

somit als mobiler Pufferspeicher“.

So ähnlich schreibt Mitsubishi in einer Pressemeldung und schon

sind wir neugierig, denn die Aussicht nicht nur ein Auto zu testen,

sondern den Strom aus unseren Solaranlagen tagsüber zu speichern

und nachts im Haus verbrauchen zu können, begeistert uns.

Endlich wollen wir als eingefleischte E-Mobilisten bi-direktionales

Laden erleben, wie wir es seit Jahren fordern. Doch da waren wir

wohl etwas zu voreilig und hatten die Meldung nicht aufmerksam

genug gelesen: „Um die bi-direktionale Lademöglichkeit optimal zu

nutzen, arbeitet Mitsubishi Motors derzeit intensiv an der Entwicklung

eines Gesamtenergiekonzeptes für die häusliche Stromversorgung.

Dieses als „Dendo Drive House“ bekannte Konzept wurde

erstmals auf dem Genfer Automobilsalon 2019 vorgestellt und befindet

sich derzeit in der Entwicklung. Eigenheimbesitzer brauchen

neben dem Fahrzeug auch eine bi-direktionale Schnelllade-Wallbox

mit CHAdeMO-Gleichstromanschluss in der Garage. Erst mit dieser

Ladeeinheit kann das Fahrzeug dem Stromnetz nicht nur elektrische

Energie für den Eigenbedarf entnehmen, sondern diesen Prozess

auch umkehren. Beispielsweise ist es zu Spitzenzeiten mit hoher

Netzauslastung möglich, die in der Fahrbatterie gespeicherte Energie

ins Haus zurück einzuspeisen.“ Aha, das war es also…

Dennoch: Ideal für Camper und Handwerker

Bi-direktional ist der Outlander schon, allerdings nur über zwei 220

Volt Schukosteckdosen im Fahrzeug. Die kann man, gespeist aus

den Fahrzeugbatterien, für alle erdenklichen Elektrogeräte nutzen.

Besonders nützlich ist das, wo keine Steckdose vor Ort verfügbar

ist. Ideal also für das Betreiben von Werkzeugen, Pumpen, für Licht

oder Musik im Outdoorbereich.

Diese Stärke wollen wir testen. Kann der Outlander einen Elektrokompressor

und eine Bohrmaschine gleichzeitig betreiben und dabei

auch noch den Arbeitsplatz beleuchten? Ja – das kann er – wir

lernen die Steckdose im Auto zu schätzen. Aber grundsätzlich ist

dieses Auto ja zuallererst ein Fortbewegungsmittel und dafür ist es

ausgerüstet mit der Kombination eines 2,4-Liter-DOHC-Benzinmotors

mit 99 kW (135 PS) in Verbindung mit einem E-Frontmotor – 60

kW (82 PS) – sowie einem E-Heckmotor – 70 kW (95 PS). Hierdurch

blickt der Outlander PHEV auf eine maximale Systemleistung von

165 kW (224 PS). Die Lithium-Ionen-Batterie speichert 14 Kilowattstunden

elektrische Energie. Die elektrische Reichweite nach NEFZ

beträgt laut Herstellerangaben 54 Kilometer.

Fazit

Wir sind rundum zufrieden mit dem Fahrzeug. Die ausführlichen

Ergebnisse unserer Testfahrt mit 600 kg Anhängelast und einen

3-Monats Bericht finden Sie online unter www.forum-csr.net

48 forum Nachhaltig Wirtschaften


AFRIKA – KONTINENT DER ENTSCHEIDUNG | THEMEN

MOBILE MONEY IN AFRIKA

Chancen für Heimatüberweisungen und nachhaltige Entwicklung

Migranten, die Geld an ihre im Herkunftsland lebenden Angehörigen schicken, haben in den letzten Jahren

mit steigenden Kosten und Verzögerungen zu kämpfen. Das Geld wird von ihrer Familie aber meist zum

Überleben benötigt, da es oft bis zu 60 Prozent des Haushaltseinkommens ausmacht.

Von Pedro Morazan und Patrick Wulf

Foto: © Cecilia Schubert, flickr

Die sogenannten Heimatüberweisungen sind für die Wirtschaft

vieler Länder im globalen Süden essenziell. Deshalb

haben die Vereinten Nationen sich in der Agenda 2030 mit

dem Ziel 10c darauf geeinigt, die Kosten für Heimatüberweisungen

auf 3 Prozent zu verringern.

Bisher sind Finanztransfer-Dienstleister, sogenannte Money

Transfer Operators (MTO) wie MoneyGram, Ria oder Western

Union neben dem Hawala-Finanzsystem die am häufigsten

genutzte Möglichkeit, um Heimatüberweisungen zu tätigen.

Überweisungen über das normale Bankensystem spielen

in diesem Kontext keine große Rolle, da sie meist mit Verzögerungen

oder hohen Kosten verbunden sind. Darüber

hinaus haben die Angehörigen im Herkunftsland oftmals

keinen Zugang zu Banken. In den letzten Jahren entstanden

jedoch auch bei den MTO gravierende Nachteile. Staatliche

Regularien wegen Geldwäsche oder Terrorismus-Finanzierung

führten dazu, dass die Kosten für private internationale

Transaktionen anstiegen und sich Dienstleister aus dem

Geschäft zurückzogen. Migranten leiden folglich unter dem

mangelnden Wettbewerb und entsprechend hohen Kosten

für die Heimatüberweisungen. Es ist also dringend notwendig,

dass internationale Heimatüberweisungen sicherer,

schneller und günstiger werden.

Das Zauberwort: Mobile Money

Mobile Money, also Zahlungstransaktionen mit Hilfe des

Handys sind die Lösung. Es wird inzwischen in mehr als 90

Ländern angeboten und pro Tag werden Transaktionen über

1,3 Milliarden US-Dollar mit Hilfe von Mobile Money-Anwendungen

durchgeführt. In mehr als drei Viertel der Niedrig-

www.forum-csr.net

49


THEMEN | AFRIKA – KONTINENT DER ENTSCHEIDUNG

Die Bankfiliale der Zukunft: M-Pesa, mobiles Bargeld, macht es möglich, dass Bargeld überall verfügbar ist und Auslandsüberweisungen nur

noch einen Bruchteil an Gebühren verschlingen. Im Zeitalter der Migration entstehen so neue Geldflüsse in den globalen Süden.

und Mitteleinkommensländer wird Mobile Money bereits

als Zahlungsmodalität eingesetzt. So nutzen 54 Prozent der

Bevölkerung Ghanas, der Elfenbeinküste, Benins und des

Senegal diese Technologie. Weltweit ist der Anteil von Netzbetreibern,

die Mobile Money via Smartphones anbieten,

von 56 Prozent im Jahr 2015 auf 73 Prozent im Jahr 2017

angestiegen. Insbesondere in Subsahara-Afrika läuft die

Entwicklung rasant.

M-Pesa

Der enorme Erfolg von Mobile Money-Diensten lässt sich

anhand von M-Pesa – gebildet aus dem Kürzel „M“ für

„mobil“ und dem Swahili-Wort für Bargeld „Pesa“ – zeigen.

Das Projekt wurde von der kenianischen Mobilfunkfirma

Safaricom in Kooperation mit Vodafone entwickelt. 2007 in

Kenia eingeführt, ist es mittlerweile auch in Mosambik, Tansania,

Südafrika, Lesotho, der DR Kongo und sechs weiteren

Ländern verbreitet.

Mit M-Pesa können über Mobiltelefone beispielsweise Überweisungen

getätigt und bargeldlos bezahlt werden, ohne dass

dafür ein reguläres Bankkonto ? was sehr viele Menschen in

der Anwendungsregion nicht haben ? benötigt würde. Insbesondere

dann, wenn der Zugang zu Bargeld nicht gesichert

ist, beispielsweise in ländlichen Gebieten oder auf Reisen,

ist dies eine praktische und sichere Lösung, die inzwischen

sogar genutzt wird, um Löhne auszuzahlen. Nutzer berichten

zudem, dass die Angst, wegen Bargeld beraubt zu werden,

deutlich zurückgegangen ist und sich z.B. das Überweisen

ihrer Strom- und Wasserrechnungen vereinfacht hat.

Heimatüberweisungen: Die Erfolgsgeschichte von Mobile

Money

Die wachsende Anzahl von Mobile Money-Anwendungen

birgt neben dem praktischen Nutzen vor Ort auch entwicklungspolitische

Potenziale, die wir positiv beeinflussen

können. Denn auch von Deutschland aus kann man Geld beispielsweise

auf das M-Pesa-Konto eines kenianischen Handys

versenden. Dies ist für Menschen mit Migrationsgeschichte

relevant, die von hier aus Geld an ihre in Kenia lebenden

Verwandten schicken, oder für jeden von uns, der seine

Spende einfach direkt dem Empfänger zukommen lassen will.

Mobile Money kann also ein großer Schritt in Richtung

gerechterer Bedingungen für Heimatüberweisungen sein.

Aktuelleren Studien zur Folge sind die Gebühren für Überweisungen

seit 2016 um 40 Prozent zurückgegangen und

liegen derzeit bei ca. 1,7 Prozent. Meist sparen die Migranten

somit mehr als 50 Prozent gegenüber den traditionellen MTO.

Dass 2018 bereits Heimatüberweisungen in Höhe von 4,3

Banken und Mobile Money

am Beispiel Ghana

Mit 2,2 Mrd. US Dollar im Jahr 2017 ist Ghana das fünftgrößte

Empfängerland von Heimatüberweisungen in Afrika. Ghana ist

stark von den Heimatüberweisungen abhängig. Sie übertreffen

inzwischen die Gesamtsumme empfangener Entwicklungsgelder

und machen 13 Prozent des BIP aus. Das Geld von ghanaischen

Migranten wird hauptsächlich über traditionelle MTO an die Angehörigen

gesendet. Derzeit operieren in Ghana sechs MTO, die nun

ebenfalls versuchen mit der Digitalisierung zu gehen. Zwei der Anbieter,

Western Union und Ria arbeiten mit Ecobank, dem größten

Finanzdienstleister Ghanas, zusammen. Durch diese Zusammenarbeit

haben die MTO-Kunden Zugang zu den Filialen und Unteragenten

der Ecobank – auch ohne Bankkonto. Darüber hinaus hat

Ecobank eine Mobile App in Ghana auf den Markt gebracht. Damit

können Heimatüberweisungen auch auf diesem Weg die Empfänger

erreichen. Da Mobile Money-Nutzer durch den leichteren Zugang

mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr sparen, in Bildung, lokale

Geschäfte oder Infrastruktur investieren und mehr konsumieren,

bietet die Entwicklung enorme Potenziale für Ghana und seine

Bevölkerung. Diese beispielhafte Zusammenarbeit zwischen einer

Bank und MTO wird jedoch in vielen Ländern aufgrund von Regularien

erschwert.

Foto: © Fiona Graham, WorldRemit, flickr

50 forum Nachhaltig Wirtschaften


AFRIKA – KONTINENT DER ENTSCHEIDUNG | THEMEN

Foto: © WorldRemit Comms, flickr

Handy statt Bankschalter: Kinderleicht und innerhalb weniger

Sekunden wird der Geldverkehr abgewickelt.

Milliarden US-Dollar nicht über traditionelle Wege, sondern

über Mobile Money-Anwendungen getätigt wurden, verdeutlicht

das große Potenzial der Technologie. Nichtdestotrotz

nehmen Heimatüberweisungen bisher einen sehr geringen

Teil der Mobile Money-Transaktionen ein, da dessen Anwendungen

wegen Regularien oft noch nicht ausreichend

verbreitet sind.

Unsere Verantwortung

Bedeutend ist auch die Rolle, die Mobiltelefone und Mobile

Money für den Zugang von Menschen zu Finanzsystemen

spielen: Weltweit haben 2,5 Mrd. Menschen keinen Kontozugang.

Nur jeder fünfte erwachsene Mensch mit einem Einkommen

von weniger als 2 US$ pro Tag hat Zugang zu einem

Bankkonto. Das bedeutet, dass beinahe 80 Prozent ärmere

Menschen von finanziellen Dienstleistungen ausgeschlossen

sind. Mobiles Bezahlen via SMS oder auch mobile Sparkonten

können die finanzielle Inklusion verbessern. Wird dieser

Prozess verantwortungsvoll gestaltet, eröffnen sich für viele

Menschen neue Chancen, insbesondere für die betroffene

ländliche Bevölkerung.

Trotz der großen Chance, die Mobile Money entwicklungspolitisch

und hinsichtlich finanzieller Inklusion in Ländern des

globalen Südens bietet, zeigt sich die deutsche staatliche und

insbesondere die nichtstaatliche Entwicklungszusammenarbeit

derzeit überwiegend passiv. Auch in der Diskussion

um Migration spielt das Thema kaum eine Rolle. Zum einen

ist es daher von staatlicher Seite dringend notwendig, sich

allgemein Gedanken über die Potenziale und Möglichkeiten

zu machen und zu verhindern, dass Migranten weiter unter

Regularien wegen Geldwäsche und Terror-Finanzierung

leiden. Zum anderen kann jeder dazu beitragen, diese Perspektiven

in die Debatten um Digitalisierung, Migration und

Entwicklungszusammenarbeit einzubringen. Erst wenn alle

Akteure sich für eine Verbesserung der Konditionen einsetzen,

können Heimatüberweisungen zukünftig noch stärker

zur nachhaltigen Entwicklung beitragen.

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DR. PEDRO MORAZAN

ist Volkswirt und arbeitet seit 1992 am SÜDWIND Institut. Als

gebürtiger Honduraner ist er selbst von den Schwierigkeiten der

Heimatüberweisungen betroffen.

PATRICK WULF

studiert Geographie im Master an der Universität Bonn und ist seit

2019 Werksstudent am SÜDWIND Institut.

www.forum-csr.net

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51


DIE ZUKUNFT DER MENSCH-

HEIT HÄNGT VON AFRIKA AB

Obwohl der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler von sich selbst behauptet, kein Afrika-Experte zu

sein, widmet er sich seit seinem Rücktritt 2010 vor allem diesem Kontinent. Denn Köhler ist sich sicher:

Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, wie sich Afrika entwickelt.

Von Katrin Wippich und Betti Brosche

Bis 2050 wird sich die Bevölkerung des zweitgrößten Kontinents

auf 2,4 Milliarden verdoppeln, und das mit weltweit

geringstem Durchschnittsalter. Gleichzeitig ist das riesige

Afrika zusammengesetzt aus unzähligen Staaten, Ethnien

und Völkern, die diesen Kontinent bewohnen. Unser Bild

von Afrika ist besetzt von zwei Klischees: Zum einen das von

weiten Steppen und malerischen Sonnenuntergängen, zum

anderen das von Krisen, Kriegen und Katastrophen. Um sich

ein umfassenderes Bild zu schaffen, spricht Köhler auf seinen

Reisen in Afrika mit Staats- und Regierungschefs, Parlamentariern,

Kleinunternehmern, Bauern und Kunstschaffenden

und immer wieder vor allem mit Jugendlichen.

Ein junger Kontinent

„Ich wundere mich manchmal ein bisschen, wie wenig afrikanische

Intellektuelle, Ökonomen, Aktivisten und vor allem

politisch engagierte junge Afrikaner bei uns in Deutschland

wahrgenommen werden. Die gibt es, und die haben was zu

sagen!“ Jugendpartizipation ist für ihn eine der wichtigsten

Fragen für die Demokratie. In Afrika, dem Kontinent mit

der jüngsten Bevölkerung, ist der Abstand zwischen dem

Durchschnittsalter der politischen Führung und dem Durchschnittsalter

der Bevölkerung immens. Deshalb braucht die

Jugend Afrikas Gehör und Entfaltungsspielraum. Köhler plädiert

für die Förderung afrikanischer Initiativen und Ideen,

Fotos: oben: © Thomas Ecke, Berlin | rechte Seite: © Michael Kuhlmann

52 forum Nachhaltig Wirtschaften


AFRIKA – KONTINENT DER ENTSCHEIDUNG | THEMEN

Als gefragter Redner, im intensiven Dialog, als konstruktiver Gesprächspartner für die Jugend oder als Repräsentant einer

zukunftsfähigen Völkergemeinschaft: Bundespräsident a.D. Horst Köhler setzt sich ein für die Sache Afrikas.

Fotos unten: links: © Christian Flemming | rechts: © Thomas Ecke, Berlin

Thinktanks, Jugendinitiativen und Regionalorganisationen.

Denn die Menschen in Afrika, vor allem die Jugend, brauchen

Perspektiven. Politischer und wirtschaftlicher Art.

Afrikanische Zivilgesellschaft

Dabei setzt Köhler vor allem auf die Eigenverantwortung

der afrikanischen Regierungen und Zivilgesellschaften: „Sie

müssen Rechtstaatlichkeit, Bildung, den Aufbau von Infrastruktur

und die Diversifizierung der Wirtschaft aus eigener

Initiative ernsthaft anpacken“, so Köhler. Und weist sogleich

darauf hin, dass auch hier der Blick vom Kontinent über die

Staaten und Megastädte bis hin zu der Bevölkerung auf

dem Land reichen muss, denn: Afrika als solches existiert

nicht. Afrika, das sind riesige Flächenländer, Zwergstaaten,

Küstenländer, Binnenstaaten. Afrika hat am meisten Sprachen.

Kein Kontinent hat mehr Religionen. Afrika ist reich.

Und Afrika ist arm.

Afrikas Zukunft ist Europas Zukunft

In einer globalisierten Welt, die durch schnellen Transport

von Waren in alle Welt und moderne Kommunikation immer

näher zusammenrückt, spüren viele Menschen, dass die

extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich eine Ungerechtigkeit

darstellen, die nicht tolerierbar ist. Und das

nicht nur in Afrika: Sie spüren, dass die dicksten Mauern, die

Europa um seine Grenzen zu legen versucht, den Zustrom

von Menschen aus ärmeren Ländern nicht werden abhalten

können. Für Horst Köhler hängt die Zukunft Europas deshalb

entschieden von einer guten Zukunft Afrikas ab: „Afrikas

Erfolg birgt gerade für den direkten Nachbarn Europa die

größten Chancen, Afrikas Scheitern die größten Risiken. So

oder so: Afrikas Zukunft ist Europas Zukunft.“

In Anerkennung seines Engagements erhält Bundespräsident

a.D. Prof. Dr. Horst Köhler den Internationalen B.A.U.M.-Sonderpreis

2019.

www.forum-csr.net

53


THEMEN | FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT

INTELLIGENT INVESTIEREN

in Zeiten des Klimawandels

September 2019, Klimagipfel New York: Die globalen Treibhausgasemissionen sind weiter gestiegen, die

Weltgemeinschaft verfehlt krachend die Klimaziele des Paris Abkommens. Bürger, aber vor allem Unternehmen

aller Branchen, müssen nun schleunigst ihre Emissionen reduzieren. Der Finanzsektor kann hierbei

eine Schlüsselrolle einnehmen. forum berichtet über die Suche nach der nachhaltigen Stecknadel im

Heuhaufen der Investitionsmöglichkeiten.

Von Stefan Roithmeier

Anleger fragen bei ihren Investitionsentscheidungen immer

häufiger nach der Klimarelevanz und der Nachhaltigkeit von

Unternehmen. Hier sind die Portfoliomanager gefragt. Um

Unternehmen als nachhaltige Anlagemöglichkeit zu identifizieren,

greifen die Portfoliomanager auf verschiedene

Ansätze zurück. Bei der Vielzahl an Methoden ist es für sie

jedoch oft schwer, diese zu vergleichen und zu durchschauen.

Für Unternehmen besteht zudem bei einigen Ansätzen die

Möglichkeit, Ergebnisse zu manipulieren. Um hier transparente

und vergleichbare Voraussetzungen zu schaffen,

ergreift die EU zunehmend die Initiative: Eine Expertengruppe

der EU arbeitet aktuell an einer EU-Taxonomie, die

definieren soll, welche Aktivitäten als ökologisch nachhaltig

gelten. EU-Parlament und Europäischer Rat konnten sich

bereits auf die Schaffung einiger Standards einigen. Solange

es jedoch keine gesetzlich verpflichtenden Regelungen gibt,

werden weitgehend unregulierte Ansätze für die Bewertung

der Nachhaltigkeit verwendet.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Der verbreitetste Ansatz zur Messung des CO 2

-Fußabdrucks,

ist das sogenannte Carbon Accounting, welches die Treibhausgasemissionen

von Unternehmen quantifiziert. Hierbei werden

Emissionen in drei Kategorien eingeteilt: Scope 1 umfasst

Abbildung 1: Überblick über die verschiedenen Emissions-Kategorien

Grafik: © Roithmeier

54 forum Nachhaltig Wirtschaften


FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT | THEMEN

Emissionen, die im Unternehmen direkt entstehen, etwa durch

fossile Brennstoffe, selbsterzeugten Strom oder durch den

eigenen Fuhrpark. Als Scope 2 werden indirekte Emissionen

aus dem Verbrauch von Sekundärenergieträgern bezeichnet,

die vom Unternehmen erworben und innerhalb der Organisation

verwendet werden (z.B. Strom, Fernwärme-/kälte etc.).

Etwas weiter gefasst ist Scope 3. Hierbei werden Emissionen

entlang der gesamten Wertschöpfungskette erfasst. Dabei

handelt es sich um Emissionen, die bei der Produktion von

Gütern bei Zulieferern, sowie bei der Nutzung der Produkte

während der voraussichtlichen Lebenszeit anfallen. Weil viele

Zahlen jedoch kaum zu konkretisieren sind, rechnen Konzerne

oft mit Modellen. Je mehr Kategorien bei der Berechnung

miteinbezogen werden, umso höher ist der Wert. Wie schwer

vergleichbar Aussagen zu Scope 3 sind, zeigt das Beispiel des

Automobilzulieferers Continental. 2017 wies das Unternehmen

12 Millionen Tonnen CO 2

-Emissionen in seinem Nachhaltigkeitsbericht

aus, 2018 bereits 112 Millionen Tonnen.

Der Grund dafür sind nicht massiv gestiegene Treibhausgasemissionen,

sondern die Einbeziehung zusätzlicher Faktoren.

… wer ist der Klimafreundlichste im Land?

Bei der Messung des CO 2

-Fußabdrucks ist es entscheidend,

Unternehmen vollständig und branchenbezogen zu analysieren.

Die gegenwärtig noch unzureichende Verfügbarkeit der

Scope-3-Daten führt daher in vielen Fällen zu ungerechten

Bewertungen. Ein Vergleich von Apple und Samsung zeigt das

beispielhaft: Während Apple seine Produktion weitgehend

ausgelagert hat, produziert Samsung überwiegend selbst.

Vergleicht man lediglich die Werte von Scope 1 und 2, so weist

Apple deutlich weniger Emissionen und damit eine bessere

Nachhaltigkeitsbewertung auf. Zieht man jedoch Scope 3

heran, stehen beide ähnlich gut da. Ein Unternehmen kann

also seine Treibhausgasbilanz bewusst verbessern, indem es

emissionsintensive Produktionsschritte an Zulieferer auslagert.

Eine sinnvolle Ergänzung zu den Scope-Kategorien ist die Normierung

und Relativierung der Emissionen mittels Unternehmenskennzahlen.

Diese Variante nennt man Carbon Intensity.

Dabei werden Finanzkennzahlen wie der Börsenwert oder der

Umsatz verwendet, um den Fußabdruck zu normieren. Dies

verhindert, dass Unternehmen mit hohen Absatzzahlen eine

automatisch schlechtere Bewertung erhalten. Volkswagen

würde sonst bereits wegen seiner hohen Verkaufszahlen

schlechter bewertet werden als Konkurrenzunternehmen, die

weniger Fahrzeuge verkaufen. Doch auch bei Carbon Intensity

gibt es Fallstricke. Premiumhersteller weisen oft sehr viel

höhere Börsenwerte im Verhältnis zu ihrem Absatz auf, was

zu einer nur scheinbar guten Klimabilanz führt. Eine Berücksichtigung

von schwer zu manipulierenden Kennzahlen wie

Bilanzsumme oder Umsatz verhindert dabei Verzerrungen.

Vom CO 2

-Fußabdruck über die Carbon Intensity zum

Climate Score

Eine weitere Fehlerquelle bei der Bewertung von Nachhaltigkeit

ist die Tatsache, dass Emissionen zwischen den Branchen

erheblich schwanken. Vergleicht man Unternehmen aus

emissionsintensiven Industrien wie der Zementindustrie

etwa mit Firmen aus der Telekommunikationsbranche, werden

erstere generell benachteiligt. Somit ist es entscheidend,

die Titel auf Branchenebene individuell zu bewerten, um

nicht einen nachhaltig handelnden Versorger zu bestrafen,

nur weil er sich in einer generell emissionsintensiven Branche

befindet.

Um solchen Verzerrungen vorzubeugen, wurden sogenannte

Climate Scores entwickelt. Dieser Ansatz, der auf vielfältigen

Daten aufbaut, beinhaltet hunderte Informationen zur Bewertung

der ökologischen Nachhaltigkeit eines Unternehmens.

Neben Treibhausgasemissionen oder Maßnahmen

zur Vermeidung des Klimawandels werden auch Daten zum

Klimamanagement und zur Umweltberichterstattung berücksichtigt.

Die Scores werden nach dem Best-in-Class-Verfahren

bewertet, das die Leistungen zum Umweltschutz von Unternehmen

aus derselben Branche vergleicht.

Ein Vergleich der genannten Bewertungsmethoden

zeigt sehr unterschiedliche Resultate. Wendet man für

DAX-Unternehmen CO 2

-Fußabdruck, Carbon Intensity und

Climate Scores an und vergleicht die Rankings, ergibt sich

folgendes Bild:

Abbildung 2: Vergleich der Umweltperformance deutscher DAX-

Unternehmen

www.forum-csr.net

55


THEMEN | FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT

Auffällig ist hierbei, dass die Deutsche Börse aufgrund ihrer

niedrigen totalen Emissionen sowohl beim Carbon-Accounting-

als auch beim Carbon-Intensity-Ansatz sehr gute Werte

erzielt. Bei der Bewertung der ökologischen Nachhaltigkeit

anhand Climate Scores schneiden andere Unternehmen

jedoch besser ab, und die Deutsche Börse landet nur auf

Platz 18, da sie im Vergleich zu anderen Börsenbetreibern

nur durchschnittliche ökologische Kennzahlen erzielt. BMW

hingegen hat als Automobilhersteller branchenbedingt hohe

Emissionen. Beim Vergleich der CO 2

-Fußabdrücke erzielt das

Unternehmen den 13. Platz. Die Carbon Intensity, also die

Emissionen in Relation zum Umsatz, lässt BMW im Ranking

auf Platz 8 aufsteigen. Betrachtet man die Climate Scores,

führt BMW das Ranking sogar an. In die Berechnung fließt

hier beispielsweise die verbesserte Energieeffizienz der

von BMW produzierten Fahrzeuge ein. Fehlende Berichterstattungen

zu den Emissionen und Nachhaltigkeitszielen

dagegen führen zu schlechten Climate Scores bei Wirecard,

das bei den ersten beiden Methoden gar nicht bewertet

werden konnte, da vom Zahlungsdienstleister keine Daten

veröffentlicht werden.

Fazit

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Ergebnisse der jeweiligen

Methoden, empfiehlt es sich für den institutionellen

Investor, Kennzahlen zu kombinieren und die Unternehmen

möglichst vollständig zu analysieren. Eine reine Aufsummierung

der Emissionen zu einem Gesamtwert ist wenig sinnvoll.

Deshalb ist es wichtig, alle vorhandenen Informationen zu

Emissionen und Klimaschutzmaßnahmen einzubeziehen

und die Unternehmen branchen- und größenabhängig zu

vergleichen. Nur auf diese Weise kann ein nachhaltiges und

diverses Portfolio zusammengestellt werden.

STEFAN ROITHMEIER

untersuchte nach seinem Studium der Volkswirtschaftslehre für das

Bundes-Forschungsministerium Werttreiber für den Unternehmenserfolg.

Seit 2008 arbeitet er beim Münchner Researchunternehmen

The Value Group GmbH und ist dort für die Entwicklung innovativer

Investmentprodukte und die Bewertung unternehmerischer Nachhaltigkeit

verantwortlich.

Vorsorge für die Enkel

Betriebliche Vorsorgekassen ergänzen als wesentlicher Teil der 2. Säule im österreichischen Pensionsmodell die gesetzliche und die private

Vorsorge. Im Idealfall werden Gelder bis zum Pensionsantritt angespart und dienen im Alter als Zubrot in Form einer monatlichen Rente.

Doch langsam wird auch dem Letzten klar, dass eine Vorsorge fürs Alter auch die Belange der Enkel einschließen muss. Die Investitionen

von heute entscheiden über die Lebensumstände der kommenden Generationen. forum fragte fair-finance CEO Markus Zeilinger, worauf

seine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Vorsorgekasse bei der Kapitalanlage achtet.

Herr Zeilinger, was erwarten Sie

von Firmen, in die Sie investieren?

Welche Anforderungen stellen Sie

in Sachen Klimaschutz?

Wenn wir in von Firmen ausgegebene

Wertpapiere, also in Anleihen

und Aktien, investieren, dürfen

die Firmen einerseits nicht in Geschäftsfeldern

tätig sein oder Geschäftspraktiken

anwenden, die in

unserer Nachhaltigkeitsrichtlinie

ausgeschlossen sind. Zurzeit haben

wir 27 solcher Ausschlusskriterien

festgelegt und sind weltweit in

annähernd 1.000 unterschiedliche

Anleihen und Aktien investiert. Andererseits muss die Nachhaltigkeitsleistung

in der besseren Hälfte des Gesamtuniversums liegen.

Also ein Best-in-Class-Ansatz von 50 Prozent.

Direktinvestitionen, also Beteiligungen, gehen wir erst seit kurzem ein

und zwar ausschließlich in Unternehmen mit Social und Climate Impact,

wobei der Impact durch einen unabhängigen Beirat festgestellt wird.

Wie können die Aussagen der Firmen von Ihnen nachgeprüft werden?

Unser Wertpapierportfolio lassen wir quartalsweise durch The Value

Group, eine Nachhaltigkeitsresearch- und Ratingagentur prüfen. Die

Agentur greift auf öffentliche Informationen und eigene Erhebungen

zurück. Bevor wir handeln und beispielsweise de-investieren, konfrontieren

wir aber die jeweiligen Firmen im Rahmen unseres Engagementprozesses.

Dies ist insofern notwendig, als der Sachverhalt oft

nicht eindeutig ist oder Informationen nicht aktuell und manchmal

auch einfach falsch sind. Bei Direktinvestitionen stehen wir in einem

intensiven direkten persönlichen Kontakt.

Reicht der Best-in-Class-Ansatz, um wirklich nachhaltige Firmen als

Anlageobjekte zu identifizieren?

Ja und Nein. Wir würden am liebsten einen Momentum-Ansatz verfolgen.

Also Firmen anhand der Veränderung der Nachhaltigkeitsleistung

beurteilen. Um dies seriös machen zu können, würden wir

allerdings eine größere Datenbasis, eine längere Zeitreihe und eine

konsistente Messmethode benötigen. Da wir die dargestellten Parameter

so aber nicht verfügbar haben, erscheint uns der Best-in-Class-

Ansatz als derzeit praktikabelste Methode.

Foto: © Christoph Hemmerich

56 forum Nachhaltig Wirtschaften


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KLIMAFREUNDLICH DRUCKEN

Mit dem KYOCERA PRINT GREEN – Programm

bietet KYOCERA Document Solutions

seinen Kunden die Möglichkeit, klimafreundlich

zu drucken. 150.000 Tonnen CO 2

wurden hierdurch bereits kompensiert. Für

sein Umweltengagement wurde KYOCE-

RA Document Solutions bereits mit dem

Deutschen CSR-Preis sowie mehrfach mit

dem German Brand Award ausgezeichnet.

Nutzen Sie in Ihrem Büro Drucker oder

Multifunktionssysteme von KYOCERA?

Falls ja, dann tun Sie damit auch Gutes für

die Umwelt sowie die Menschen in Kenia.

Denn der japanische Hersteller bietet seit

dem Jahr 2013 seinen Toner klimaneutral

an. Die Kompensation erfolgt nach folgendem

Prinzip: Pro gedruckter DIN-A4-Seite

entsteht rund 1 Gramm CO 2

. Diese Menge

gleicht KYOCERA durch eine Investition in

ein Gold-Standard-Projekt der Klimaschutzorganisation

myclimate aus. Im Rahmen des

Projekts werden in der Siaya-Region, im

Westen Kenias, effiziente Haushaltskocher

hergestellt und vertrieben.

So nutzen die Menschen in Siaya hauptsächlich

Kochstellen, die Holz sehr ineffizient

verbrennen und zudem eine große Menge

Ruß produzieren. Die effizienten Kocher

benötigen dabei bis zu 50 Prozent weniger

Holz und reduzieren zugleich die Rußmenge.

Dies schont nicht nur die Umwelt, sondern

verbessert auch die Gesundheit der Menschen:

Insgesamt konnten durch

das Projekt über 70.000 Tonnen

Holz eingespart werden. Durch

die lokale Produktion und den

Vertrieb sind in den letzten

Jahren 200 feste Jobs entstanden,

während laut myclimate

die Lebensbedingungen von

über 255.000 Menschen in der

Region verbessert wurden.

Ausgezeichnetes Engagement

Für sein Engagement durfte sich

KYOCERA bereits über vielfache

Auszeichnungen freuen: Neben

dem Deutschen CSR-Preis 2017

wurde das Unternehmen bereits

zwei Mal mit dem German

Brand Award ausgezeichnet

– als „Sustainable Brand of the

Year“ (2017) und in der Kategorie „Excellence

in Brand Behavior“ (2019).

Daniela Matysiak, Umwelt- und CSR-Managerin:

„Der Umweltschutz ist seit Unternehmensgründung

fester Bestandteil der

KYOCERA-Philosophie. So pflegen wir mit

der Deutschen Umwelthilfe eine seit 30

Jahren bestehende Partnerschaft – die

längste Kooperation der DUH mit einem

Wirtschaftsunternehmen. Auch der KYO-

CERA NATOUR-GUIDE wurde zusammen

mit der DUH herausgegeben und stellt das

gemeinsame Engagement im Rahmen des

Projekts „Lebendige Flüsse“ vor. Auszeichnungen

wie der German Brand Award sowie

der Deutsche CSR-Preis sind für uns dabei

ein wichtiger Ansporn, unser Engagement

für den Umweltschutz weiter auszubauen.“

Weitere Informationen zu KYOCERA PRINT

GREEN gibt es auf der Website

www.printgreen.kyocera.de.

www.forum-csr.net

57


THEMEN | FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT

Geballte Kompetenz für die große Transformation: 200 Mitarbeiter am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam

forschen nach Gestaltungsmaßnahmen für eine enkeltaugliche Zukunft.

DIE DENKFABRIK

Vom Wissen zum Handeln

Unsere Welt verändert sich rasant. Damit Klima, Artenvielfalt und Umweltschutz bei diesem Wandel nicht

auf der Strecke bleiben, brauchen wir einen Kompass, der den Weg in Richtung Nachhaltigkeit zeigt. Das

Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam will die Gesellschaft auf diesem

Weg unterstützen.

Von Matthias Tang

Versetzen Sie sich einmal in die Lage eines Menschen, der

zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelebt hat. Ihm würde der

Kompass fehlen, um sich in unserer heutigen Welt zurechtzufinden,

denn unser Alltag ist geprägt vom Internet, von

Computern und Smartphones. Jeder Ort der Welt ist mit

dem Flugzeug in wenigen Stunden erreichbar, die meisten

Menschen sind global vernetzt. Die Folgen des Klimawandels

sind weithin spürbar, die Artenvielfalt geht zurück, unsere

natürlichen Lebensgrundlagen geraten zunehmend in Gefahr.

Vor diesem Hintergrund treffen sich in Potsdam Nobelpreisträgerinnen

und -träger zu einem interdisziplinären

Symposium. Es ist Oktober des Jahres 2007. Das Ergebnis des

Treffens ist das sogenannte Potsdam Memorandum „Global

Sustainability: A Nobel Cause“, mit der klar formulierten Erkenntnis:

Wir stehen an einem geschichtlichen Wendepunkt,

wo der Bedrohung unseres Planeten nur mit einer Großen

Transformation begegnet werden kann. Diese Transformation

muss jetzt beginnen.“

Ein Institut zur Frage: Wie gelingt Veränderung?

Diese Idee fand einen Paten in dem damaligen Präsidenten

der Leibniz-Gemeinschaft, Professor Ernst Theodor Rietschel.

Er kombiniert verschiedene Konzepte und entwickelt daraus

die Blaupause für ein Institut für Klimawandel, Erdsystem

und Nachhaltigkeit. Es ist der Sommer des Jahres 2008.

Aufgrund des besonderen, transformativen, zugleich politiknahen

und internationalen Ansatzes des neuen Instituts wird

der frühere Bundesumweltminister und ehemalige Leiter

des UN-Umweltprogrammes Professor Klaus Töpfer zum

Gründungsdirektor berufen. „Es war eine sehr kreative Zeit

und richtig viel Arbeit. Allein die Suche nach der richtigen

Immobilie war ein Kraftakt, natürlich durchlebten wir mit

dem Institut die ein oder andere Geburtswehe“, erinnert

sich Töpfer an jene Anfänge, wo er mit gerade einmal zwei

Mitarbeitern begann, das Institut in Potsdam aufzubauen.

Es ist der Januar des Jahres 2009. Das Institut soll bestehendes

Wissen aller Disziplinen über die notwendige Transfor-

Foto: © Rolf Schulten

58 forum Nachhaltig Wirtschaften


FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT | THEMEN

mation bündeln, um es kritisch zu reflektieren. Die transformative

Forschung des IASS geht noch einen Schritt weiter:

Wissenschaft und Gesellschaft sollen gemeinsam Lösungen

suchen und umsetzen. Es gilt, demokratische Mehrheiten zu

erreichen für Veränderungen, die zwar kurzfristig Nachteile,

dafür langfristig den Schutz der menschlichen Lebensgrundlagen

bringen können. Dieser neue Ansatz ist reizvoll und so

gelingt es Töpfer, als wissenschaftlichen Leiter den Physiker

und Nobelpreisträger Professor Carlo Rubbia zu gewinnen.

Es ist der Juni des Jahres 2009.

Der Dritte im Bunde in der Gründungszeit wird Professor

Mark Lawrence, der auch heute noch im IASS-Direktorium ist.

„Es war ganz wundervoll und zugleich sehr herausfordernd“,

beschreibt der Erd- und Atmosphärenwissenschaftler Lawrence

jene ersten Jahre. „Es herrschte fiebrige Aufbruchsstimmung,

jeder wusste: Etwas ganz Neues entsteht.“

Spektakuläre Ergebnisse erzielt in jenen Anfangsjahren beispielsweise

die IASS Arbeitsgruppe „Ocean Governance“,

die für einen nachhaltigen Umgang mit der Hohen See für

Bereiche außerhalb nationalstaatlicher Zuständigkeiten

eintritt. Sie legt bereits im Januar 2013 einen Policy-Brief

vor, der beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen

oder auch dem Stanford Law School Symposium präsentiert

wird. Dies kann als Beginn eines transdisziplinären Dialogprozesses

über eine Meeres-Governance und ein weiteres

Nachhaltiges Entwicklungsziel, dem „Leben unter Wasser“

(SDG 14), gesehen werden.

Paris 2015: Das Klimaabkommen setzt Ziele

Ein weiterer, internationaler Meilenstein wird gesetzt auf der

UN-Klimakonferenz in Paris. Fast alle Staaten unterzeichnen

den internationalen Klimavertrag. Es ist Winter des Jahres

2015. Auch die Nachhaltigkeitsziele der UN zeigen, wohin

die Reise gehen muss. Trotz all des Wissens um den Zustand

der Welt begibt sich die Menschheit nur sehr zögerlich auf

diese Reise. Für Professor Ortwin Renn, einer von drei wissenschaftlichen

Direktoren am IASS, folgt daraus: „Damit wir

Kurs halten in Richtung Nachhaltigkeit, brauchen wir mehr

als nur Fakten: Wir brauchen Antworten auf die Frage, wie

wir vom Wissen zum Handeln kommen.“ Professorin Patrizia

Nanz, seit 2016 wissenschaftliche Direktorin, soll das Thema

Partizipation und Beteiligung an transformativen Prozessen

bearbeiten, denn Politikberatung darf keine Einbahnstraße

sein. „Transdisziplinär“, also über die verschiedenen

Wissenschaftsdisziplinen hinaus, soll der Weg in Richtung

Nachhaltigkeit gemeinsam mit Politik und Zivilgesellschaft

beschritten werden.

Fridays for Future fordert: Veränderung ist erwünscht,

aber schneller

Wieder zwei Jahre später, ab Spätherbst 2018, treten

Schülerinnen und Schüler in den Streik und demonstrieren

für ihre Zukunft. Fridays for Future – das ist vor allem ein

Protest dagegen, dass die Regierungen viel zu wenig für den

Klimaschutz tun und getan haben. Obwohl doch das Wissen

vorhanden ist und die Ziele formuliert sind. Aber Veränderungen

umzusetzen ist, wie wir aus unserem Alltag wissen, ein

schwieriges Unterfangen. Das IASS – inzwischen auf rund 200

Mitarbeiter angewachsen – will mit aller Kraft dazu beitragen:

Es ist August 2019 und ein Modellprojekt geht an den Start.

In Tempelhof-Schöneberg nimmt erstmals ein Bürgerinnenund

Bürgerrat seine Arbeit auf. Er diskutiert eine Vielzahl von

Themen, die später der kommunalen Verwaltung vorgestellt

werden. Das Projekt startet in Berlin-Friedenau. Monatlich

bis ins Frühjahr 2020 folgen Räte in anderen Ortsteilen des

Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Der Bürgerrat soll die Beteiligung

an demokratischen Prozessen weiterentwickeln

und zwar generationsübergreifend, interkulturell und basisdemokratisch.

Der Prozess wird von einem Team des IASS

wissenschaftlich begleitet und beforscht.

Dieser besondere, transdisziplinäre Ansatz des IASS zeigt

sich auch in den anderen Arbeitsbereichen des Instituts, von

denen nachfolgend die vier Bereiche Kohleausstieg, Schutz

der Ozeane, saubere Energie und Klimawandel exemplarisch

vorgestellt werden sollen.

Kohleausstieg

Wir müssen Abbau und Verstromung der Kohle beenden,

besser heute als morgen. Braunkohleregionen wie die Lausitz

brauchen deswegen ein neue, eine nachhaltige Perspektive.

Mit dem Ende des Kohleabbaus verliert die Region nicht nur

einen wichtigen Wirtschaftszweig, sondern es geht auch

eine Tradition zu Ende. Wie kann dieser Verlust zu einer

Chance für nachhaltiges Leben und Arbeiten werden? Die

vielen Milliarden Euro, die in die ehemaligen Kohleregionen

fließen sollen, sind keine ausreichende Antwort. Die

IASS-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler setzen den

transformativen Ansatz des IASS um. Sie tauschen sich mit

Kommunalpolitikern, Initiativen, Wirtschaftsverbänden und

anderen in der Lausitz aus, um daraus Rückschlüsse für ihre

Forschung zu ziehen. Sie begleiten die Menschen vor Ort auf

dem Weg in eine nachhaltige Zukunft. Professorin Patrizia

Nanz: „Mit dem Kohleausstieg könnte dann eine Erzählung

beginnen, wie Kommunen, Länder und Bundesregierung

gemeinsam mit Unternehmen, Vereinen und Bürgern die

besten Konzepte abwägen für eine CO 2

-freie, nachhaltige

und lebensfreundliche Zukunft.“

Schutz der Ozeane

Der Mensch ist auf den Ozean angewiesen. Die Weltmeere

sind eine wichtige Nahrungsquelle, sie regulieren das globale

Klima und tragen als Lebensraum einer Vielzahl von Arten

zur weltweiten Biodiversität bei. Aber der Lebensraum Ozean

ist zunehmend bedroht, etwa durch viele Millionen Tonnen

Plastikmüll im Meer. Die Forscherinnen und Forscher des

IASS fragen nach dem gesetzlichen Rahmen für einen nachhaltigen

Umgang mit den Weltmeeren. Fast zwei Drittel der

Ozeane liegen außerhalb der nationalen Hoheitsgewässer.

Wie kann die Artenvielfalt in der Hochsee erhalten und eine

nachhaltige Nutzung gefördert werden? Zum Beispiel geht

www.forum-csr.net

59


Ein Thinktank der Extraklasse: Kompetente Wissenschaftler, ein hochrangiges, vierköpfiges Direktorium, sowie der offene, internationale Dialog

sind die Basis für Problemanalysen und konstruktive Vorschläge. Bleibt zu hoffen, dass die Politik ihnen Gehör schenkt.

es um die Entwicklung internationaler Regeln für den Tiefseebodenabbau.

Oder um den Schutz und die Artenvielfalt

in Gebieten außerhalb der nationalen Hoheitsbereiche im

Südostatlantik und Südostpazifik. Die Forschungsgruppe berät

Regierungen, internationale Organisationen und andere

gesellschaftliche Akteure, tauscht sich mit ihnen aus und

entwickelt Lösungsansätze.

Saubere Energie

International haben bereits viele Staaten die Reise weg von

fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien angetreten.

Und das nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes,

sondern auch wegen wirtschaftlicher und sozialer Vorteile. In

Indien sind zum Beispiel bis zum Jahr 2030 allein durch das

Wachstum der Solarenergie bis zu einer Million zusätzlicher

Arbeitsplätze zu erwarten – zu diesem Ergebnis kommt eine

vom IASS koordinierte Studie. Texas ist aufgrund des unschlagbaren

Kostenvorteils der neuesten Generation Windenergie

inzwischen wegweisend in Richtung globaler Energiewende.

Diese „Co-Benefits“ untersuchen Forscherinnen

und Forscher am IASS in Ländern wie Südafrika, Vietnam und

anderen. Und sie belassen es nicht beim Forschen, sondern

suchen gemeinsam mit Politik und Verwaltung nach Wegen,

wie diese Co-Benefits am besten genutzt werden können.

Klimawandel

Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, werden immer häufiger

technische Eingriffe in unser Klima ins Spiel gebracht.

Geo- oder Climate Engineering lauten die Schlagworte dafür.

Das Ergebnis der IASS-Forschung ist eindeutig: Den Klimawandel

können diese Technologien nicht aufhalten. Eine

deutliche Senkung der Emissionen von CO 2

ist derzeit der

einzig zuverlässige Weg, um die Ziele des Pariser Abkommens

zu erreichen. Aber die IASS-Forscherinnen und Forscher

stellen darüber hinaus weitere Fragen: Welche Folgen für

Politik und Gesellschaft haben diese Technologien? Welche

Risiken sind damit verbunden? Mit Akteuren aus Politik,

Umweltverbänden, mit anderen Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftlern werden diese Fragen diskutiert, zum Beispiel

auf einer alle drei Jahre stattfindenden Konferenz. Ziel:

ein offener Dialog über alle Facetten dieser Technologien

und die Folgen für unsere Gesellschaft. Das IASS beschäftigt

sich darüber hinaus mit einer Vielzahl weiterer Themen:

Digitalisierung und Nachhaltigkeit gehört dazu, genauso

wie die Fragen danach, wie Demokratie und Nachhaltigkeit

zusammenhängen, wie sich die Luftverschmutzung auf den

Klimawandel auswirkt oder welche Denkweisen und Geisteshaltungen

zu mehr Nachhaltigkeit führen. In einer Reihe

von Foren und Plattformen, wie zum Beispiel der Wissenschaftsplattform

Nachhaltigkeit, ist das IASS mit anderen

Akteuren vernetzt.

Allen gemeinsam ist: Im Dialog mit der Gesellschaft arbeitet

das IASS am Kompass der Nachhaltigkeit. Damit aus Wissen

Handeln wird.

Das IASS – im Portrait

Das Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung oder Institute

for Advanced Sustainability Studies (IASS) ist ein wichtiger

Thinktank für die „Große Transformation“, der zukünftig enger mit

forum Nachhaltig Wirtschaften zusammenarbeiten wird. Nachfolgend

Daten und Fakten im Kurzüberblick

• Gründung: 2009

• Start: 2010

• Sechs Forschungsbereiche, über zwanzig Forschungsgruppen

• Rund 200 Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter, davon rund 130 Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler

• Mehr als 200 Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler

(„Fellows) aus 44 Ländern seit 2010

• Vorstand: Professor Mark Lawrence, Professorin Patrizia Nanz,

Professor Ortwin Renn, Jakob Meyer

• Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung

und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und

Kultur Brandenburg

www.iass-potsdam.de

Fotos: oben: © IASS | unten: © Rolf Schulten

60 Gedruckt auf Steinbeis Charisma Silk – hergestellt aus 100 % Altpapier, ausgezeichnet mit dem Blauen Engel. forum Ein Produkt Nachhaltig der Steinbeis Wirtschaften

Papier GmbH.


FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT | THEMEN

Das Potsdam-Memorandum

„Global Sustainability: A Nobel Cause“

Wir stehen an einem geschichtlichen Wendepunkt, an dem der Bedrohung unseres Planeten nur mit einer Großen Transformation begegnet werden

kann. Diese Transformation muss jetzt beginnen; sie wird von allen Teilnehmern des Nobelpreisträger-Symposiums befürwortet und unterstützt.

Potsdam, Deutschland, 8. bis 10. Oktober 2007

Die Notwendigkeit einer Großen Transformation

Die weltweite soziale und wirtschaftliche Entwicklung nach dem Zweiten

Weltkrieg hat unseren Planeten in eine beispiellose Krisensituation

gestürzt: Menschliche Aktivitäten wirken heute wie eine quasigeologische

Kraft, die die Funktionsweise des natürlichen Erdsystems

tiefgreifend und unumkehrbar verändert – falls diese Dynamik nicht

rechtzeitig gebremst wird. Wie durch den IPCC dargelegt, ist die vom

Menschen durch den Ausstoß von Treibhausgasen verursachte globale

Erwärmung nur die erste in einer Reihe von Entwicklungs-, Sicherheitsund

Umweltkrisen, die eine umfassende Reaktion erfordern. Doch

Maßnahmen zum Klimaschutz sind scheinbar nicht mit dem vorherrschenden

Wachstums-Paradigma vereinbar, denn dieses lässt den Zusammenhang

zwischen menschlichem Gemeinwohl und den begrenzten

natürlichen Ressourcen außer Acht. Die Menschheit steht nun vor

der Aufgabe, den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch zu verringern.

Während dies eine veränderte Lebensweise in den wohlhabenden Ländern

erfordert, gilt es dagegen in den ärmeren Ländern, in denen der

größte Teil der Weltbevölkerung lebt, die Voraussetzungen für Wachstum

im Sinne des Rechts auf Entwicklung zu schaffen. Um künftig rund

neun Milliarden Menschen auf der Erde ein Leben in Würde zu ermöglichen,

muss vor allem deren nachhaltige Versorgung mit bezahlbarer

Energie gesichert werden. Bislang hängt die Energieversorgung jedoch

fast ausschließlich von den Ressourcen an fossilen Brennstoffen und

deren nicht-nachhaltiger Nutzung ab. Die Frage der „Kohlenstoff-Gerechtigkeit“

erfordert dringend eine neue Form der internationalen

Zusammenarbeit. Gibt es einen „Dritten Weg“ zwischen fortschreitender

Umweltzerstörung und lähmender Unterentwicklung? Die Antwort

lautet Ja, aber dieser Weg beinhaltet eine zügige und umfassende Neugestaltung

unserer Industriegesellschaft. Diese Große Transformation

ist eine gewaltige Herausforderung, doch sind wir gegenüber früheren

Generationen im Vorteil: Wir verfügen heute über ein ausgereiftes System,

Wissen zu produzieren, das prinzipiell dazu genutzt werden kann,

diese Transformation unter mutiger politischer Leitung gemeinsam mit

aufgeklärten Entscheidungsträgern in der Wirtschaft und der gesamten

Zivilgesellschaft herbeizuführen.

Eine globale Zielvereinbarung zwischen Wissenschaft und

Gesellschaft

Es ist unumgänglich, dass wir alle Quellen unseres Erfindungsreichtums

und der Kooperation erschließen, um den Herausforderungen

in den Bereichen Umwelt und Entwicklung im 21. Jahrhundert und

darüber hinaus gerecht zu werden. Wesentlich dabei ist eine strategische

Allianz zwischen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und

Führungskräften, Institutionen und den aktiven Bewegungen der

Zivilgesellschaft. Im Gegenzug sollten die Regierungen, die Industrie

und private Geldgeber in Forschungsvorhaben investieren, die nachhaltige

Lösungen aufzeigen. Dieser neue „Vertrag“ zwischen Wissenschaft

und Gesellschaft muss, neben vielen anderen, vor allem drei

Elemente enthalten:

1. Ein multinationales Innovations-Programm für die Sicherung der

menschlichen Grundbedürfnisse (Energie, Luft, Wasser, Nahrung,

Gesundheit etc.), das in vielen Aspekten über die nationalen Kraftakte

der Vergangenheit wie etwa Mondlandung oder Grüne Revolution

hinausgeht.

2. Abbau der hartnäckigen Bildungsgrenzen und -unterschiede durch

ein globales Kommunikations-System (das von internationalen Diskursforen

bis zu einem echten „World Wide Web“ des digitalen Informationsflusses

reicht). Insbesondere das im Aufbau befindliche

„Global Earth Observation System of Systems (GEOSS)“ könnte

rechtzeitig vor drohenden ökologischen oder sozialen Nachhaltigkeitskrisen

warnen.

3. Eine weltweite Initiative für Forschung sowie Aus- und Fortbildung

im Bereich der Nachhaltigkeit. Die klügsten jungen Menschen

müssen motiviert werden, Probleme interdisziplinär zu lösen, basierend

auf der beständig vorangetriebenen Exzellenz in den wissenschaftlichen

Einzeldisziplinen. Ziel ist es, die nächste Generation

dafür zu gewinnen, die Wissensbasis für das Wohlergehen der

übernächsten Generation zu schaffen.

DER ZUKUNFT VERPFLICHTET

WIR ÜBERNEHMEN

VERANTWORTUNG!

Werte schaffen – Werte leben

Innovative und langlebige Technologien

Mitwirken im sozialen Umfeld

Wissen vermitteln und Dialog fördern

Artenvielfalt und Biodiversität erhalten

Nachhaltige Initiativen und Standards entwickeln

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61

bantleon.de


THEMEN | FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT

DIE KUNST,

DEN KAPITALISMUS

ZU VERÄNDERN

Eine erste Annäherung in fünf Alternativen

Plötzlich ist Bewegung in der Politik. Ein klimapolitischer Vorschlag jagt den nächsten. Endlich wird über

Strategien gegen Mietwucher und Pflegenotstand diskutiert. Zu verdanken sind diese Debatten den neuen

sozialen Bewegungen. Seit Schülerinnen und Schüler freitags auf die Straße gehen, statt in die Schule,

kann kein Politiker mehr die Klimapolitik ignorieren. Seit in den Großstädten Tausende für Enteignungen

demonstrieren, ist eine strenge Mietpreisbremse auch für Konservative ein Thema.

Von Wolfgang Kessler

Doch so intensiv die politische Diskussion auch sein mag

– ein Thema wird fast konsequent ausgespart: das Wirtschaftssystem.

Noch immer herrscht ein Kapitalismus-Tabu.

Spitzenpolitiker wie Volker Bouffier halten „Diskussionen

über Enteignungen für einen Angriff aufs Gehirn“. Ökonomen

mühen sich fast zwanghaft um marktwirtschaftliche

Vorschläge gegen die Erderwärmung, nur um staatliche Vorgaben

zu verhindern. Noch immer wird der Kapitalismus als

soziale Marktwirtschaft verniedlicht, als hätte sich seit den

1960er-Jahren nichts verändert.

Finanzkapitalismus statt Marktwirtschaft

Doch inzwischen regiert ein rasender Finanzkapitalismus die

Welt, der von einer sozialen Marktwirtschaft Lichtjahre entfernt

ist. Wenige Megafonds und Weltkonzerne unterwerfen

die ganze Menschheit dem Diktat der Rendite. In Deutschland

kaufen sie Wohnungen und treiben Mieten und Bodenpreise

in schwindelnde Höhen. Längst erwerben Investoren auch

Pflegeheime und Krankenhäuser. Ihr Interesse gilt weder den

Pflegebedürftigen noch den Kranken, sie wollen nur das Geld

ihrer Anleger vermehren.

Weltweit treibt dieser Finanz-Kapitalismus ein rasendes

Wachstumskarussell an. Auch mit positiven Folgen: Immerhin

wurden bis zu 1,5 Milliarden Menschen aus der Armut

geholt, 800 Millionen davon in China. Das ist nicht gering

zu schätzen. Doch die Kosten dieses Wachstumskarussells

sind hoch: Eine Million Arten könnten aussterben, das Klima

wird aufgeheizt, die Meere werden vermüllt, schreibt ein

aktueller UNO-Bericht.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Nach

Berechnungen der Entwicklungs-Organisation Oxfam leben

noch immer 1,5 Milliarden Menschen von weniger als 1,50

Dollar am Tag. Gleichzeitig sei das Vermögen der 1.892 Milliardäre

weltweit 2018 um 2,5 Milliarden Dollar gewachsen

und zwar täglich. „Der Kapitalismus tötet“ – das schrieb

Papst Franziskus schon 2013.

62 forum Nachhaltig Wirtschaften


FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT | THEMEN

„1,5 Milliarden Menschen

aus der Armut geholt“

Sind wir unersättlich?

Natürlich ist der Kapitalismus nicht die einzige Ursache für

diese Probleme. Auch die Bedürfnisse vieler Menschen

scheinen unersättlich, auch sie treibt die Gier. Eine wachsende

Weltbevölkerung verschärft das Problem. Doch die mächtigen

Triebkräfte des Kapitalismus forcieren diese Unersättlichkeit.

Dieses System belohnt alles, was produziert, verkauft wird

und Gewinne bringt – egal, ob es Nutzen stiftet oder zerstört.

Hauptsache Wachstum. Deshalb ist eine offene Debatte über

die Veränderung dieses Wirtschaftssystems dringend notwendig.

Es geht um den Mut, in den kommenden Jahrzehnten

eine Wirtschaftsweise durchzusetzen, die Mensch und Natur

in den Mittelpunkt stellt und nicht Investoren und Eigentümer.

„Eine offene Debatte über die

Veränderung dieses Wirtschaftssystems

ist dringend notwendig“

Fünf Alternativen…

… zeigen, dass und wie der Übergang in eine soziale, nachhaltige

und menschengerechte Wirtschaftsweise gelingen kann

1. Wider das Diktat der Rendite

Jahrzehntelang setzte die Politik auf Privatisierung – jetzt

machen sich überall Finanzinvestoren breit. Das Internet

ist von Privatkonzernen dominiert, die mit den Daten der

User Geld verdienen.

Es braucht deshalb eine drastische Wende: Pflege und

Gesundheit sind soziale Aufgaben. Sie müssen so organisiert

werden, dass das Renditedenken keine Rolle spielt.

Das gilt auch für Wohnen, Wasser, Strom und öffentlichen

Verkehr. In der digitalen Welt gilt es, Alternativen zur Herrschaft

der Privatkonzerne aufzubauen: Zu Recht fordert die

Medienethikerin Petra Grimm ein We-Book in der Hand

der Bürger als Alternative zum Privatkonzern Facebook.

Und: Brauchen wir nicht auch öffentlich-rechtliche Suchmaschinen

– als Alternative zu Google? Damit unsere

persönlichen Daten nicht weiter zur Gewinnmaximierung

missbraucht werden.

Und damit nicht genug: Eine nachhaltige Wirtschaftsweise

wird sich nur durchsetzen, wenn die Politik und kritische

Anleger neue unternehmerische Modelle wie die Gemeinwohl-Ökonomie

fördern, in denen die beteiligten

Menschen das Sagen haben – und nicht Investoren, die

sich nur an der Rendite orientieren.

2. Ein Grundeinkommen gegen die Angst

Angst vor Abstieg, Angst vor einer ungewissen Zukunft

ist das beherrschende Gefühl in dieser Gesellschaft. Angesichts

tiefgreifender Veränderungen durch die globale

Konkurrenz, durch Digitalisierung, durch eine Klimapolitik,

dürften diese Existenzängste weiterwachsen – und das

extremistische Denken fördern. Wenn diese Veränderungen

im demokratischen Rahmen bewältigt werden

sollen, braucht es soziale Sicherheit für alle Bürgerinnen

und Bürger: ein Grundeinkommen für alle. Als Teil einer

gerechten Steuerreform.

Stellen Sie sich Folgendes vor: Alle Bürger über 18 Jahre,

die ihren Lebensmittelpunkt seit zehn Jahren in Deutschland

haben, erhalten ein Anrecht auf ein monatliches

Grundeinkommen vom Finanzamt in Höhe von zum Beispiel

800 Euro, Kinder und Jugendliche 400 Euro. Im Unterschied

zu anderen Modellen wird dieses Grundeinkommen

vom Finanzamt ausbezahlt und mit der Einkommenssteuer

verrechnet Das heißt: Wer keine Steuern bezahlt, erhält

das Grundeinkommen. Wer – zum Beispiel – 1.800 Euro

Steuern pro Monat zu zahlen hat, zahlt noch 1.000 Euro,

der Anspruch auf das Grundeinkommen wird auf die

Die Welt ist in Bewegung,

Bewegung verursacht Reibung,

Schmierstoffe vermindern Reibung,

FUCHS-Schmierstoffe bewegen die Welt.

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63


THEMEN | FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT

Steuerlast angerechnet. Auf diese Weise profitieren vor

allem geringe Einkommen von diesem Grundeinkommen.

Zugegeben, es klingt wie eine Neuberechnung der Steuer,

doch es wäre eine gesellschaftliche Revolution: Niemand

lebt mehr in absoluter Armut – und dies, ohne dass sich

die Bürger vor der Bürokratie erniedrigen müssen. Das

Grundeinkommen stärkt alle Menschen in allen Lebenslagen.

Sie können ihr Leben kreativer und selbstbestimmter

als heute gestalten.

Doch es geht nicht nur um die Einzelnen. Wer mit anderen

zusammenlebt, profitiert stärker. Der gesellschaftliche Zusammenhalt

wächst. Eltern können ihr Leben mit Kindern

leichter organisieren, indem sie Erwerbsarbeit teilen. Sie

hätten mehr Zeit für ihre Kinder. Ähnliches gilt für Bürgerinnen

und Bürger, die Angehörige oder Freunde pflegen

– oder die einem Ehrenamt nachgehen. Mit Grundeinkommen

wird es leichter, die Arbeitszeit zu verkürzen, weil es

die finanziellen Verluste abmildert. Und Arbeit zu teilen

wird wichtig, wenn die Digitalisierung Arbeitsstunden wegrationalisiert.

Gleichzeitig wertet ein Grundeinkommen

Berufe mit geringen Gehältern auf. Pflegekräfte stehen

besser da als heute.

Da nicht jeder Mensch das Grundeinkommen ausbezahlt

bekommt und viele Leistungen wie Hartz IV oder Steuerfreibeträge

wie das Ehegattensplitting nicht mehr nötig

sind, ist es finanzierbar. Vorausgesetzt, die Politik hat den

Mut zu einer Vermögensabgabe, zu höheren Steuersätzen

für höhere Einkommen, zu gerechter Besteuerung hoher

Erbschaften und des Luxuskonsums.

Klar: Das Grundeinkommen ist keine eierlegende Wollmilchsau,

die alle Probleme löst. Aber es verschafft den

Menschen ein wenig Unabhängigkeit vom Hamsterrad des

rasenden Finanzkapitalismus – und gibt ihnen Sicherheit

in Zeiten großer Umbrüche – und dies bei mehr Freiheit.

3. Eine gerechte Klimapolitik ist möglich

Noch immer wiegen sich Politik und Wirtschaft in einer

schönen Illusion: Klimaschutz gelingt, wenn wir möglichst

schnell auf neue Techniken wie erneuerbare Energien oder

E-Autos setzen. Doch es braucht mehr: Notwendig ist die

grundlegende Veränderung von Konsum und Produktion.

Diese wird sich erst entwickeln, wenn Umweltzerstörung,

Verschwendung und Wegwerfwirtschaft durch Abgaben

verteuert und eine ökologische Wirtschaft sowie ein nachhaltiger

Lebensstil belohnt werden.

Diese Ökopolitik wird jedoch nur akzeptiert, wenn sie

sozial gerecht gestaltet ist. Ein Gedankenspiel zeigt, wie

dies möglich wäre: Die Regierung erhebt Abgaben auf

Kohlendioxid und auf endliche Rohstoffe. Das klingt so

lange abschreckend, bis die Regierung die Einnahmen aus

den Ökoabgaben an die Bürger zurückgibt. Jede Bürgerin,

jeder Bürger, jedes Unternehmen erhält im folgenden Jahr

einen Scheck über den gleichen Betrag aus den Einnahmen

der Ökoabgaben. Undenkbar? Nein, es geschieht schon.

Die Schweizer Großstadt Basel erhebt seit 15 Jahren eine

Stromabgabe – und zahlt im folgenden Jahr jeder Bürgerin,

jedem Bürger – Kinder eingeschlossen – und jedem Unternehmen

für jeden Arbeitsplatz den gleichen Betrag aus den

Einnahmen aus der Abgabe zurück. Die Botschaft an alle: Je

weniger Strom Du verbrauchst, desto mehr profitierst Du

von der Rückzahlung. In Basel hat dies zur Einsparung von

Strom geführt. Eine CO 2

-Steuer nach diesem Muster wäre

der Einstieg in die ökologische Revolution des Lebens und

Arbeitens von heute. Er würde jene belohnen, die weniger

Auto fahren, weniger fliegen, Ökostrom nutzen und mehr

langlebige Produkte kaufen statt Wegwerfwaren. Die gerechte

Rückzahlung der Bürger im folgenden Jahr würde

garantieren, dass diese Revolution von der Bevölkerung

akzeptiert würde – so ist es auch in Basel.

4. Ein öko-fairer Welthandel für alle

Noch immer bestimmen die Prinzipien des freien Welthandels

die Weltwirtschaft, auch wenn sie in der Praxis

durch eine egoistische Wirtschaftspolitik der USA, Chinas

und der Europäischen Union außer Kraft gesetzt werden.

Freihandel, das klingt gut: Die Abschaffung von Zöllen und

mehr Konkurrenz sorgt überall für billigere Produkte. Alle

können sich mehr leisten. Das Dumme ist nur, dass jetzt

die Anbieter im Vorteil sind, die die schlechtesten Arbeitsbedingungen

bieten, die Hungerlöhne zahlen, jene Länder,

die geringe Umweltstandards haben.

Beispiel Baumwolle: Sie darf aus den meisten Ländern

des Südens zollfrei importiert werden. Doch ihr Anbau

frisst extrem viel Wasser, sorgt für Pestizid-Vergiftungen,

auf den Feldern werden Hungerlöhne gezahlt, damit die

Wohlstandsbürger billige Kleidung haben.

Die Alternative wäre ein öko-fairer Welthandel. Nun würde

Zollfreiheit nur noch für fair gehandelte Biobaumwolle

gelten. Das hätte Folgen: Jetzt wird der Anbau jener Baumwolle

billiger, für die gerechtere Löhne bezahlt werden, für

die nur ein Zehntel Wasser gebraucht wird und die nicht

mit Pestiziden behandelt wird.

In dem Augenblick, in dem der Welthandel öko-fair gesteuert

wird, fördert er eine gerechtere und nachhaltigere

Weltwirtschaft.

5. In die Armen investieren

Das kapitalistische Denken in Renditen und Großprojekten

prägt längst auch die sogenannte Entwicklungspolitik.

Da geht es um einen „Marshallplan für Afrika“ oder ein

Investitionsprogramm von 25 Milliarden Dollar zum Wiederaufbau

der irakischen Stadt Mossul.

Natürlich braucht Entwicklung auch Investitionen. Andererseits:

Wie viele der geplanten Milliarden kommen wirklich

bei den Menschen vor Ort an, wieviel bei ausländischen

Konzernen und Bürokraten?

Wäre es da nicht besser, Entwicklung von den Menschen

aus zu denken. Ein Vorschlag: Die Geberländer für Mossul

reservieren drei der vorgesehenen 25 Milliarden Dollar für

eine unkonventionelle Strategie: Alle Bewohner und alle

64 forum Nachhaltig Wirtschaften


FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT | THEMEN

Cover: © publik forum Verlag

Rückkehrer nach Mossul – Frauen, Männer und Kinder –

erhalten zehn Jahre lang jeden Monat ein Einkommen von

zwanzig Dollar. Damit kaufen sie Lebensmittel, Stoffe für

Kleidung, Gips und Zement, um Wohnungen zu renovieren.

Dann werden Bäckereien, Metzgereien, Nähereien, Handwerksbetriebe

und Teestuben aus dem Boden schießen

wie kleine Handwerksbetriebe und Teestuben. Ein lokaler

Wirtschaftskreislauf entsteht.

Unglaublich? Nein: In Kenia erhalten etwa 20.000 Menschen

in 124 armen Dörfern seit zwei Jahren von der Basisorganisation

„Givedirectly“ 22 Dollar pro Monat, auch die Kinder. Die

Folgen: Der Hunger ist besiegt, alle Kinder und Jugendlichen

besuchen Schulen, die Kleinkriminalität ist gesunken, in den

Dörfern öffnen kleine Läden und Betriebe. Manche Familien

sparen auf ein Stück Land oder auf Vieh. Das Selbstbewusstsein

der Frauen ist gewachsen, der familiäre Zusammenhalt

auch. Das zeigt: Wer eine soziale Entwicklung will, muss in

erster Linie in die Armen investieren.

Es gibt sie also, die Alternativen zu einem globalen Kapitalismus,

der Gesellschaften zerrüttet und die Welt bedroht.

Und weil es sie gibt, muss das Kapitalismus-Tabu durchbrochen

werden – zugunsten einer offenen Diskussion über

eine nachhaltige Wirtschaftsweise. Unabhängig von den

Machtinteressen jener, die am Status festhalten wollen,

weil sie an ihm gut verdienen.

WOLFGANG KESSLER

hat die herrschende Ökonomie in Konstanz, Bristol und an der London

School of Economics studiert und die herrschende Wirtschaftspolitik

beim Internationalen Währungsfonds in Washington verfolgt.

Seitdem sucht er als Journalist nach Alternativen zu einem rasenden

Finanzkapitalismus, der Mensch und Natur bedroht.

Das Buch zum Beitrag

Megakonzerne und Großinvestoren

erobern Innenstädte, Krankenhäuser,

Pflegeheime, Ackerland und

unsere Daten. Für hohe Renditen

werden Rohstoffe ausgebeutet, Regenwälder

abgeholzt und die Meere

vermüllt. Der rasende Kapitalismus

bedroht Mensch, Demokratie, Natur

und Klima. Wirtschaft und Konsum

müssen grundlegend anders werden.

Das erfordert die Kunst, das

Wirtschaftssystem tiefgreifend zu

verändern – ohne dass es in eine Krise

abstürzt. Wolfgang Kessler zeigt,

wie dies gehen kann. Und was wir dafür tun können. Sichern Sie

sich ein handsigniertes Exemplar – nur direkt über den Publik-Forum

Bücherdienst erhältlich.

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65


THEMEN | FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT

DIE GEMEINWOHL-ÖKONOMIE

Wie setzt man sie konkret um?

Schon im Jahr 2012 berichtete eine EMNID-Umfrage, dass sich rund 80 Prozent der Menschen in

unserem Land eine neue Wirtschaftsordnung wünschen. Anlass war damals die Finanz- und Bankenkrise.

Angesichts weiterer Herausforderungen wie Klimawandel, Plastikverschmutzung und wachsende Weltbevölkerung

ist es an der Zeit, neue Modelle zu erproben.

Von Karl Heinz Jobst

Die Emnid-Umfrage setzte klare Signale: Zwei von drei Befragten

misstrauen bei der Lösung der Probleme den Selbstheilungskräften

der Märkte. Der Kapitalismus sorge weder für

einen „sozialen Ausgleich in der Gesellschaft“ noch für den

„Schutz der Umwelt“ oder einen „sorgfältigen Umgang mit

den Ressourcen“. In einer Rangfolge der persönlich wichtigen

Dinge stehen für die Befragten zunehmend postmaterielle

Ziele oben: „Gesundheit“ liegt auf dem Spitzenplatz, gefolgt

von „Zufriedenheit mit der persönlichen Lebenssituation“

und dem „Schutz der Umwelt“. Erst als Letztes wünschen sich

die Deutschen „Geld und Besitz zu sichern und zu mehren“.

Leider wurden solche Signale von der Politik damals wie auch

heute nicht weiter ernst genommen. Die Wirtschaftspolitik

basiert noch immer auf der „Heiligen Kuh“ Wachstum und

dem Dogma Gewinnmaximierung. Die Globalisierung gipfelt

in einer ungeahnten Perversion von billiger Produktion

einerseits und sinnlosem Konsum andererseits. Dazwischen

expandiert der Handel und eskaliert der internationale Transport

in selbstzerstörerischen Größenordnungen. Geld ist

zum Selbstzweck geworden, es vermehrt sich wie von selbst.

Arbeit dagegen verliert zunehmend an Wert und wird hoch

besteuert, während sich digitale Konzerne noch immer im

fiskalischen Nirwana tummeln.

Der Erfolg einer Wirtschaft ist nicht nur am Bruttoinlandsprodukt

messbar

Das Ergebnis dieser kaum regulierten Spirale sind nicht etwa

wachsendes Glück und Wohlstand für alle, sondern vielmehr

Ausbeutung, Werteverlust, sozialer Abstieg für Viele

sowie Umwelt- und Klimaschäden weltweit in nicht mehr

beherrschbarem Ausmaß.

Es ist eine Farce, welch große Bedeutung heute der neoliberalen

Wirtschaft, der Spekulation und den „Märkten“

zugestanden wird. Zu bester Sendezeit – kurz vor der Tagesschau

– wird täglich wie selbstverständlich der Börsenbericht

gesendet, so als ob es für die meisten Menschen in diesem

Land nichts Wichtigeres gäbe, als die aktuellen Auswirkungen

von Brexit, Nahost-Krise oder Trump-Eskapaden auf ihr

Aktien-Portfolio zu erfahren, wenn sie denn über ein solches

verfügen würden.

„Börse vor 8“ ist ein markantes Beispiel dafür, wie Prioritäten

in den Medien unserer Gesellschaft aus dem Gleichgewicht

geraten sind. DAX und NYSE über alles! Was interessiert in

diesen drei Minuten da schon der erbärmliche Zustand des

Planeten, die Menschenrechtsverletzungen durch internationale

Konzerne oder die Fluchtursachen in aller Welt, hervorgerufen

durch börsennotierte Unternehmen mit globalem,

wirtschaftspolitischem Machtanspruch.

Ist die Wirtschaft noch zu retten oder brauchen wir einen

Neustart?

Es gibt inzwischen viele alternative Theorien, wie das aus den

Fugen geratene und krisengeschüttelte Wirtschaftssystem

wieder den Menschen, der Allgemeinheit und nicht den

Oligarchen dienen könnte. Die meisten setzen dabei auf politische

Ordnungsmaßnahmen wie z.B. das „Economic Balance

System“, das eine ganze Reihe von Beschränkungen in allen

bestehenden Märkten vorsieht. Diese müssten jedoch von

der Politik in zahlreichen Gesetzen umgesetzt werden, was

eine gewaltige Bewusstseinsänderung in der Politik voraussetzen

und vehemente Widerstände in der besitzenden und

machtausübenden Klasse hervorrufen dürfte. Die Aussicht

66 forum Nachhaltig Wirtschaften


DNP Unternehmen

DNP Globale Partnerschaften

Zum 12. Mal zeichnet der Deutsche Nachhaltigkeitspreis

Menschen aus, die sich erfolgreich den Herausforderungen

der Zukunft stellen. Er prämiert die Geschäftsmodelle

von morgen, die besten Ideen für die Städte

der Zukunft und Forschung, die den Wandel zu nachhaltigem

Leben und Wirtschaften möglich machen.

Ehrenpreise gehen an prominente Ikonen des humanitären

und ökologischen Engagements.

Am Abend des 22. Novembers 2019 werden in Düsseldorf

der Deutsche Nachhaltigkeitspreis sowie der Next

Economy Award im Rahmen des Deutschen Nachhaltigkeitstages

verliehen, dem meistbesuchten nationalen

Kongress zur Nachhaltigkeit.

DNP Architektur

A. Kidjo und Bundespräsident a.D. Ch. Wulff

Ehrenpreisträger Richard Gere

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67


THEMEN | FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT

auf eine solche oder ähnliche Lösung erscheint deswegen noch

lange nicht als Licht am Horizont. Sozialismus, Kommunismus

oder Planwirtschaft haben sich in der Vergangenheit nicht

bewährt und sind an ihren eigenen Schwächen gescheitert.

An Neuauflagen dieser theoretisch guten aber praktisch unhaltbaren

Modelle traut sich so schnell keiner mehr heran. Der

Kapitalismus existiert zwar noch in seiner ganzen Perversion,

ist aber dabei, sich selbst durch Größenwahn und Degeneration

zu zerstören. Der Höhepunkt scheint längst überschritten.

Eine gänzlich andere Lösung verfolgt die Gemeinwohl-Ökonomie

(GWÖ). Sie orientiert sich an den wahren Bedürfnissen

der Menschen. Und zwar aller Menschen, die sowohl ihre

Rolle als Arbeitgeber*innen oder Produzent*innen als auch

als Arbeitnehmer*innen und Konsument*innen spielen.

Das Wohl von Mensch und Umwelt soll zum obersten Ziel

des Wirtschaftens erhoben werden. So wie es in manchen

Verfassungen geschrieben steht, aber politisch bisher kaum

umgesetzt wurde. Christian Felber, der Initiator der GWÖ

zitiert zu diesem Wertesystem Joachim Bauer: „Zu kooperieren,

anderen zu helfen und Gerechtigkeit walten zu lassen ist

eine global anzutreffende, biologisch verankerte menschliche

Grundmotivation. Dieses Muster zeigt sich über alle Kulturen

hinweg“. Und Felber ergänzt: „Die heutige Wirtschaft und

Ethik schließen sich aus.“

Die Gemeinwohl-Ökonomie will ein ethisches Wertesystem

wieder etablieren, das fast verloren gegangen ist – von unten

nach oben und nach dem Prinzip der Freiwilligkeit und der

Belohnung.

Die GWÖ ist eine Vision für das große Ganze und gleichzeitig

ein funktionierendes Modell, das bereits jetzt ohne

politische Unterstützung punktuell erfolgreich praktiziert

wird und sich auf Basis von Vernunft und Freiwilligkeit weltweit

in beachtlicher Geschwindigkeit ausbreitet. Es existiert

gegenwärtig parallel zum globalen Kapitalismus – ganz ohne

Revolution –als nachahmenswertes Vorbild, dem sich Unternehmen

zukünftig nur schwer entziehen können. Birgt es

doch Vorteile, die sich in vielen Bereichen existenzsichernd

für Unternehmen und Umwelt auswirken.

Für die breitflächige Etablierung eines ethischen Wirtschaftssystems

in Europa wurde das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie

auch vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss

(EWSA) weiterempfohlen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein innovativer Ansatz,

der Beachtung auf allen Ebenen verdient!

... auf wirtschaftlicher Ebene eine lebbare, konkret umsetzbare

Alternative für Unternehmen verschiedener Größen

und Rechtsformen.

Der Zweck des Wirtschaftens und die Bewertung von

Unternehmenserfolg werden anhand gemeinwohl-orientierter

Werte definiert.

... auf politischer Ebene ein Motor für rechtliche Veränderung.

Ziel des Engagements ist ein gutes Leben für alle

Lebewesen und den Planeten, unterstützt durch ein

gemeinwohl-orientiertes Wirtschaftssystem.

Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit,

soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung

sind dabei die zentralen Werte.

... auf gesellschaftlicher Ebene eine Initiative der Bewusstseinsbildung

für Systemwandel, die auf dem gemeinsamen,

wertschätzenden Tun möglichst vieler Menschen

beruht. Die Bewegung gibt Hoffnung und Mut und sucht

die Vernetzung mit anderen Initiativen.

Jedes Unternehmen, jede Kommune, aber auch Vereine, Verbände

und andere Organisationen. können sofort und parallel

zur bisherigen Betriebswirtschaft die Gemeinwohl-Ökonomie

verfolgen und in mehrerlei Hinsicht profitieren. Ein Gemeinwohl-Unternehmen

hebt sich in der Außenansicht positiv

und vorbildhaft aus der Masse der Unternehmen ab. Es kann

wegen hoher Zufriedenheit seiner Mitarbeiter*innen auf die

wichtigste aller Ressourcen eines Unternehmens – das Personal

– vertrauen. Die zukünftig unumgängliche unternehmerische

Entwicklung zu nachhaltiger Produktion, umweltfreundlichen

Produkten und rundum klimaschützendem Verhalten

werden von einem GWÖ-Unternehmen dokumentiert und

gleichzeitig wird Verbesserungspotenzial aufgezeigt.

Die GWÖ betrachtet in erster Linie sogenannte „weiche

Faktoren“ in Unternehmen, die sich jedoch entscheidend auf

die Leistungsfähigkeit und Akzeptanz im Markt auswirken.

Unternehmen und Kommunen: Mit der Gemeinwohl-

Bilanz auf dem Weg in die GWÖ

Der GWÖ-Einstiegbericht ist eine erste unkomplizierte

Selbsteinschätzung. Er dient der Orientierung, macht mit

der Systematik vertraut und lässt bereits erkennen, dass man

durchaus nicht bei null anfängt, sondern dass jedes Unternehmen

bereits mehr oder weniger gemeinwohl-orientiert

ist, allerdings in der Regel mit viel Luft nach oben.

Danach folgt konsequenterweise die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz

neben der gewohnten betriebswirtschaftlichen

Bilanz, die Zahlen und Fakten für eine Gemeinwohl-Betrachtung

liefert.

Der Banker Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank

München eG kommentiert die Entscheidung seiner

Bank für die regelmäßige Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz:

„Die Orientierung am Gemeinwohl ist für mich das

wichtigste Fundament der Zukunft und damit auch jeder

künftigen Produktivitätssteigerung.“

Die GWÖ unterscheidet zwischen einer Kompaktbilanz

und einer Vollbilanz, die sich in Umfang und Tiefe deutlich

unterscheiden. Für einen Start in die GWÖ ist zunächst die

Kompaktbilanz zu empfehlen.

Drei Möglichkeiten zur Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz

werden angeboten:

• eigenständige Erstellung eines Gemeinwohl-Berichts ohne

GWÖ-Berater*in

• Erstellung eines Gemeinwohl-Berichts in Begleitung von

Gemeinwohl-Berater*innen

68 forum Nachhaltig Wirtschaften


FINANZEN – GESELLSCHAFT – WIRTSCHAFT | THEMEN

• Erstellung eines Gemeinwohl-Berichts in einer Peer-Gruppe,

moderiert durch eine Gemeinwohl-Berater*in

Aus Erfahrung kann behauptet werden, dass die Erstellung

eines Gemeinwohl-Berichts in einer Peer-Gruppe die einfachste,

aber auch die lehrreichste Methode ist. Der offene

Vergleich im Rahmen gegenseitiger Beurteilung zwischen

unterschiedlichsten Unternehmen ist sehr zu empfehlen.

Eine Vorgehensweise anhand des zur Verfügung gestellten

ausführlichen Arbeitsbuchs ist sinnvoll und notwendig. Der

Peer-Gruppe wird von der GWÖ ein Coaching-Team zur Seite

gestellt, das offene Fragen kompetent beantworten kann und

zielführend durch den gesamten Prozess leitet. Am Beispiel

von fünf Unternehmen im Raum München-Starnberg kann

dies aktuell belegt werden.

Ablauf einer Peer-Gruppen-Arbeit– ein Bericht aus der

Praxis gibt Einblicke

Der GWÖ-Bilanz liegt eine Gliederung in Form einer Matrix

zugrunde. Sie wird stetig weiterentwickelt, weil Unternehmen

ihre Erfahrungen reflektieren und an Verbesserungen

stark interessiert sind. Hier die aktuelle Version 5.0. Für die

vier Wertegruppen Menschenwürde, Solidarität, Ökologische

Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung

wurde jeweils ein ganzer Tag der intensiven Zusammenarbeit

angesetzt. Alle Unternehmen bereiteten pro Tag eine

Wertegruppe in Bezug zu allen Berührungsgruppen A-E vor,

fassten die Eigenbeurteilung in Textform zusammen und

stellten sie der Runde zur Diskussion. Mehrheitlich, jedoch

meist einvernehmlich, wurde abgewogen, korrigiert und

schließlich für jedes einzelne Thema eine Wertung in Prozentpunkten

festgelegt. Im Hintergrund arbeitete dabei ein

Gemeinwohl-Kompaktbilanz-Rechner in Form einer Tabellenkalkulation.

Es zeigte sich, dass bei den Beurteilungen der

Themen durchaus größere Unterschiede deutlich wurden.

Durch gegenseitige Argumentationen und durch die Unterstützung

und Erfahrung der Coaches konnten die Meinungsverschiedenheiten

jedoch allesamt relativiert werden.

Der ganze Bilanzierungsprozess dauerte etwa ein Jahr, wobei

die Findung der gemeinsamen Termine die größte Schwierigkeit

darstellte. Es hat sich deshalb als gut erwiesen, wenn

nicht nur eine Person pro Unternehmen an der Erstellung

des Gemeinwohl-Berichts beteiligt war. Zum Abschluss fand

eine Besprechung der Endfassungen aller Berichte statt und

die endgültige Einordnung in das Matrix-Punkte-System. Die

fertigen Berichte wurden eingereicht, geprüft und schließlich

mit einem Testat bestätigt.

In der Peer-Gruppe wurde diskutiert, ob das Bilanzergebnis

nach Punkten gewünscht ist oder ob dadurch ein Wettbewerb

zwischen den Unternehmen entsteht, der eigentlich

nicht im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie ist. Die Gruppe

war einhellig der Meinung, dass eine textliche Beurteilung

des Bilanzergebnisses und eine Einreihung in Fortschritt-Kategorien

aussagekräftiger seien. Vorerst bleibt es jedoch noch

bei der Punktebewertung, wie sinnvoll sie auch sein mag.

Konsens bei allen Teilnehmer*innen war auch, dass die

wechselseitige Betrachtung und der unbestechliche Spiegel

des Gemeinwohls zu Bewusstseinserweiterung geführt

haben, die im Ergebnis zur Verbesserung der Strukturen im

Unternehmen führen wird. Bleibt noch zu ergänzen, dass die

Zertifikate anschließend ordentlich gefeiert wurden, um sich

für die Mühen zu belohnen.

Wert Menschenwürde Solidarität und

Berührungsgruppe

Gerechtigkeit

A

Lieferant*innen

B

Eigentümer*innen und

Finanzdienstleister*innen

C

Mitarbeitende

D

Kund*innen und

Mitunternehmen

E

Gesellschaftliches

Umfeld

A1 Menschenwürde

in der Zulieferkette

B1 Ethische Haltung

im Umgang mit

Geldmitteln

C1 Menschenwürde

am Arbeitsplatz

D1 Ethische

Kund*innenbeziehungen

E1 Sinn und gesellschaftliche

Wirkung

der Produkte und

Dienstleistungen

A2 Solidarität und

Gerechtigkeit in der

Zulieferkette

B2 Soziale Haltung

im Umgang mit

Geldmitteln

C2 Ausgestaltung der

Arbeitsverträge

D2 Kooperation und

Solidarität mit

Mitunternehmen

E2 Beitrag zum

Gemeinwesen

Ökologische

Nachhaltigkeit

A3 Ökologische

Nachhaltigkeit in der

Zulieferkette

B3 Sozial-ökonomische

Investitionen

und Mittelverwendung

C3 Förderung des

ökologischen

Verhaltens der

Mitarbeitenden

D3 Ökologische Auswirkung

durch Nutzung

und Entsorgung

von Produkten und

Dienstleistungen

E3 Reduktion

ökologischer

Auswirkungen

Transparenz und

Mitentscheidung

A4 Transparenz und

Mitentscheidung in

der Zulieferkette

B4 Eigentum und

Mitentscheidung

C4 Innerbetriebliche

Mitentscheidung und

Transparenz

D4 Kund*innen-

Mitwirkung und

Produkttransparenz

E4 Transparenz und

gesellschaftliche

Mitentscheidung

Die Gemeinwohl-Matrix deckt Schwachstellen in der Organisation auf und regt damit zu Verbesserungen an.

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69


THEMEN | GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL

1.000 Menschen formen mit ihren Körpern eine Botschaft in den Strand vor Lissabon: Stoppt die Ölbohrung. Wasser ist Leben.

DIE GUTE NACHRICHT

Ölbohrung in Portugal vom Tisch

Protestieren, wo andere schweigen. Freizeit opfern, wo andere schwelgen. Das ist oft mit Frustrationen

und Enttäuschung verbunden. Doch nicht zuletzt seit Greta wird dem Protest immer öfter Gehör geschenkt.

ENDLICH! forum berichtete 2018 über einen schier aussichtslosen Kampf gegen Ölbohrung und Fracking.

Und dann geschah das Unfassbare…

Von Fritz Lietsch

Das Ölkonsortium Galp und ENI hatte die Verträge bereits

in der Tasche, alles war vorbereitet: Staatssekretäre aller

portugiesischen Regierungen der letzten Perioden hatten ihm

im Laufe der letzten Jahre Rechte für Offshore-Öl-Bohrungen

und Offshore-Fracking vor der Küste zugesichert. Nicht

irgendeiner Küste, sondern der malerischen Südwestküste

Portugals, einer der letzten nicht zugebauten und verunstalteten

Küsten Europas.

Öl oder Natur?

Die Vicentinische Küste ist ein Naturpark und seismisch

aktiv – was die Strategen geflissentlich übersehen hatten.

„Eine Umweltprüfung ist nicht notwendig“, entschied Nuno

Lacasta, der Präsident der portugiesischen Umweltagentur

(APA) im Frühjahr 2018, und ausgerechnet Umweltminister

João Matos Fernandes befand: „Eine eigene Förderung

fossiler Brennstoffe würde uns wirtschaftlich vom Ausland

unabhängig machen.“

Seit 2016 gab es wachsenden Widerstand gegen die Pläne,

zunächst von der Tourismus-Industrie, die zwei von zehn Jobs

in Portugal sichert, dann von den betroffenen Gemeinden,

den Fischereiverbänden, den Surfer-Vereinen und schließlich

immer breiteren Schichten der Bevölkerung. Warum will das

sonnenreichste Land Europas noch einmal auf den Wahnsinn

Fotos: © Tamera

70 forum Nachhaltig Wirtschaften


GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL | THEMEN

Erdöl setzen? Zumal man nach hoher Wahrscheinlichkeit

noch nicht einmal große Erdölvorkommen erwartete – aber

allein die Bohrung würde einen großen Schaden im fragilen

System der Küste auslösen.

Gemeinsam protestieren!

In der Algarve strickten Hausfrauen eine rekordverdächtige

„Rote Linie“. In Lissabon schlichen sich verkleidete AktivistInnen

in die Verhandlungsräume und bespritzten alles mit einer

dunklen, öligen Flüssigkeit. Mehrere Großdemonstrationen

forderten, dass die Entscheidungen über unsere gemeinsame

Zukunft nicht mehr nur in geschlossenen Verhandlungen,

sondern im Parlament debattiert werden müssten. Die betroffenen

Gemeinden beantragten eine einstweilige Verfügung

zum Stopp. Alle Parteien sprachen sich daraufhin gegen

die Ölbohrung aus, aber die Verträge, tja, die müssten leider

leider noch eingehalten werden, da sei nichts zu machen.

Der Termin war auf den 15. September gesetzt, die Strategen

der Umweltbewegung planten bereits das Vorgehen nach

der Probe-Bohrung. Doch kurz davor, im August 2018, wenn

normalerweise ganz Portugal in den Ferien ist, kumulierten

die Proteste noch einmal. Am 4. August lud das Friedensforschungszentrum

Tamera AktivistInnen aus aller Welt ein,

darunter Mitglieder der Lakota aus Standing Rock mit ihrem

Motto: Defend the Sacred – das Heilige verteidigen. Etwa 800

Menschen trafen sich am Strand gegenüber von Lissabon und

legten unter Anleitung des Luftbildkünstlers (Aerial-Art) John

Quigley mit ihren Körpern eine große Figur in den (äußerst

heißen) Sand: Eine Delphinmutter mit Jungem und die Worte

„Agua é vida“ (Wasser ist Leben) und „Defend the Sacred“.

Es war ein Happening mit Trommeln und Musik und gleichzeitig

eine Art gigantisches Gebetsritual mit Gesängen, Feuer

und Wasser. Urlauber und Menschen am Strand reihten sich

spontan ein. Der Haupt-Fernsehsender brachte die Aktion in

den Nachrichten. Auch prominente Stimmen sprachen sich

gegen die Umweltzerstörung aus und Energie-Alternativen

wurden sichtbar gemacht: Am Strand wurde eine ganze Reihe

von Solarsystemen aufgebaut und die Aktivisten von Tamera

verschenkten solar gekochtes Mittagessen.

Was bewegt Politik und Wirtschaft?

Eine beeindruckende und gelungene Aktion bei 42° im Schatten

– die gemeinsame Deklaration eines Willens – und doch:

Was würden sich Politik und Industrie um ein paar hundert

Menschen scheren, die am Strand sitzen und protestieren?

Dann geschah das Unerklärliche: Warum und durch welche

Einzelursachen alles Weitere passierte, wird wohl niemals

geklärt werden können. Jedenfalls erklärte vier Tage nach der

Aktion der portugiesische Präsident, er müsse seine Haltung

zur Ölbohrung überdenken. Zwei Wochen nach der Aktion

gab ein Gericht der einstweiligen Verfügung überraschend

statt: Die Ölbohrung wurde erst einmal ausgesetzt. Vorsichtige

Freude, aber Wachsamkeit. Und dann – etwa 2 Monate

nach der Aktion – zogen Galp und ENI ihre Pläne zurück. Sie

verzichteten ohne weitere Klageandrohung auf ihre Rechte,

Rote Tücher und Menschenketten transportieren die wichtige Botschaft.

Die Aktivisten nutzen gemeinsam mit Urlaubern den Strand

als gigantische Plakatwand.

vor der portugiesischen Küste jemals nach Öl zu bohren. Ein

Bravo für diesen Schritt!

Für die Demonstranten, die am 4. August dabei waren,

schien dies, als seien die gemeinsamen Gebete tatsächlich

von irgendetwas oder irgendjemandem erhört worden, als

hätten sich gemeinsamer Wille und Vision letztendlich doch

noch durchgesetzt.

Don‘t give up!

Daraus lässt sich eine Erkenntnis ableiten für alle, die „Mutter

Erde“ mit ganzer Kraft schützen wollen: Die Lage ist niemals

aussichtslos. Gebt nicht auf. Um mit der US-Demokratin

Alexandria Ocasio-Cortez zu sprechen: „Hoffnung ist nichts,

das wir haben oder nicht haben. Hoffnung ist etwas, das wir

durch unsere Aktionen erzeugen.“

www.tamera.org/de

www.the-grace-foundation.org/de/

Buchtipp

Die ganze Geschichte sowie zahlreiche Erfahrungen und Stimmen

von AktivistInnen aus aller Welt finden sich im Buch „Defend the

Sacred. Wenn das Leben siegt, wird es keine Verlierer geben“.

Softcover Großformat 148 Seiten

ISBN 978-3-927266-65-0

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71


THEMEN | GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL

Ein außergewöhnliches Filmprojekt gab den Ausschlag für eine Reise in die Zukunft. forum besuchte die

Transition Town Ungersheim im Elsass. Sie zeigt, wie nachhaltiges Leben in der Praxis funktionieren kann.

72 forum Nachhaltig Wirtschaften


GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL | THEMEN

Fotos: linke Seite: © dejavu-film | rechts: © m2rfilms

Von Karl Heinz Jobst

Die bekannte Filmemacherin Marie-Monique Robin hat ein

ganzes Jahr in der 2.400 Seelen-Gemeinde Ungersheim für

ihren Dokumentarfilm „Worauf warten wir noch?“ gedreht.

Länger als geplant, denn was Sie dort vorfand, zog sie immer

mehr in seinen Bann. Robin zeigt, welch beeindruckende

Ergebnisse entstehen können, wenn eine Nachhaltigkeitstheorie

durch einen konsequent demokratisch arbeitenden

Gemeinderat mit einer offenen bürgermeisterlichen Führung

und mit einer Gruppe engagierter Bürger*innen in die Realität

umgesetzt wird.

Gesellschaft im Wandel

Die weltweite Bewegung „Transition Town“ (TT) – oder besser

„Stadt im Wandel“ – die von Robert „Rob“ Hopkins, einem

britischen Dozenten und Umweltaktivisten in Büchern und

konkreten Projekten bekannt gemacht wurde, vernetzt inzwischen

weltweit 1.000, in Deutschland aktuell etwa 120

lokale Initiativen.

Und diese Transition Town-Initiativen verlassen sich nicht

darauf, dass die Politik rechtzeitig handelt und etwa auf

das absehbare Ende der fossilen Energieträger und anderer

Rohstoffe reagiert, sondern ergreifen selber Maßnahmen,

um aktiv die Zukunft zu gestalten. Reduktion von fossilem

Energieverbrauch und die Förderung von erneuerbaren

Energien, Stärkung einer regionalen und lokalen Wirtschaft

oder eine möglichst weitreichende autarke Versorgung mit

Nahrungsmitteln auf der Basis ökologischer Land- und Gartenwirtschaft

sind nur ein kleiner Auszug der TT-Aktivitäten.

Mit dem Kolibri fing alles an

Ungersheim war bis vor wenigen Jahrzehnten vom Kali-Bergbau

abhängig. Seine Bewohner mussten sich nach

dem Ende der Minenarbeit neue Arbeit suchen und hatten

deswegen schon einmal eine Transformation hinter sich.

Dies erklärt vielleicht die hohe Bereitschaft der Bevölkerung

für erneute Änderungen, für den Wandel. Es fing an mit der

Bewegung „Le colibri“, die im Jahr 2000 von einigen Bürgern

gegründet wurde, um die zunehmende Verwüstung und

Verwahrlosung in der Gemeinde zu stoppen. Aus dieser

Gruppe heraus wuchsen im Lauf der Jahre fast von allein

immer mehr Ideen.

Entscheidend für die Nachhaltigkeitsfortschritte waren

jedoch die „21 Aktionen für das 21. Jahrhundert“. Wie uns

der Bürgermeister Jean-Claude Mensch mit sichtlichem

Stolz erklärt, stehen die Aktionen auf drei Säulen:

• Geistige Freiheit, um sich von Werbung und Konsumzwang

zu befreien, bereichernde Lebensstile zu finden und die

ökologischen Grenzen des Planeten zu erkennen.

• Energieautonomie, für mehr Entwicklungsspielraum, womit

Energiekosten in der Region bleiben, statt an Konzerne

abzufließen.

• Ernährungssouveränität, die den gesamten Weg vom Saatgut

bis zum Teller beinhaltet.

Mit ihrem Film gibt Marie-Monique Robin der Transition Town-Bewegung

eine wertvolle Unterstützung. Er regt zur Nachahmung an und

hilft, die Veränderung auch in Ihre Gemeinde oder Stadt zu tragen.

„Transition ist ganz einfach“, erklärt der Bürgermeister mit

einem Lächeln. „Man muss nur den Wandel anstoßen, der

den Menschen ohnehin schon lange am Herzen liegt. Seitdem

gestalten wir unsere Zukunft selbst. Der fortschreitende

Klimawandel hat uns dazu bewegt, wesentlich schneller die

Maßnahmen zu ergreifen, die wir selbst beeinflussen können.“

Jean-Claude zitiert gern die Fabel vom Kolibri, der ganz allein

versucht, einen Waldbrand zu löschen, während alle anderen

Tiere nur zusehen und seinen Erfolg anzweifeln. Der Kolibri

erklärt ihnen: „Ich tue das, was ich kann. Ich tue mein Bestes.“

Lebendige und partizipative Demokratie

Der bereits zum fünften Mal gewählte Bürgermeister lebt

mit Leidenschaft Basisdemokratie. Wie er selbst zugibt, sind

die Diskussionen und Entscheidungsprozesse oft schwierig

und langwierig. Aber sie bringen die Sicherheit, dass die

Bürger*innen mehrheitlich hinter den Entscheidungen

stehen und sie schließlich auch verteidigen. Das erleichtert

wiederum seine Arbeit und nimmt ihm Verantwortung ab.

Die Bürgerbeteiligung besteht aus einem Partizipationsrat,

einem Bürgerrat, einem Rat der Weisen und einem Kinderrat.

Den Räten wird Verantwortung übertragen, wo immer dies

möglich und sinnvoll ist. So regelt zum Beispiel der Partizipationsrat

die Arbeiten am gemeinschaftlichen Bauernhaus

oder dem abgebrannten „Haus der Natur und Kultur“, das

wiederaufgebaut werden soll. Er kümmert sich um die kommunalen

Bepflanzungen und organisiert regelmäßig Feiern,

um den Gemeinsinn und das Zusammengehörigkeitsgefühl

zu fördern. So veranstaltet die Gemeinde jedes Jahr das dreitägige

„Festival Eco-Equitable Bio Ungersheim“ mit Musik

und selbst erzeugten Spezialitäten und ist selbstverständlich

Fair Trade-zertifiziert. Besonders bemerkenswert: Es sind nur

etwa fünfzig Aktivist*innen, die in der Gemeinde die Rolle

des kreativen Anschiebens und der praktischen Umsetzung

übernommen haben und damit so große Veränderungen

bewirken.

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THEMEN | GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL

Die Stadt Ungersheim startete 2009 ein partizipatives Demokratieprogramm mit dem Titel „21 Aktionen für das 21. Jahrhundert“, das alle Aspekte

des täglichen Lebens umfasst: Ernährung, Energie, Verkehr, Wohnen, Geld, Arbeit und Schule. „Autonomie“ ist das Schlüsselwort des Programms.

Konsequentes und eigensinniges Energiemanagement

Es gibt nicht viele Kommunen in Frankreich, die die Daseinsberechtigung

der Atomenergie in Frage stellen. Ungersheim

gehört dazu und hat nicht nur einen Antrag für den Ausstieg

aus der gefährlichen Technologie gestellt, sondern ist selbst

konsequent vorangegangen. Obwohl die Steuereinnahmen

der Gemeinde nur 1,8 Mio. Euro betragen, betreibt sie mittlerweile

eine große Sporthalle mit Schwimmbad und andere

öffentliche Einrichtungen kostendeckend. Eine Hackschnitzelheizung,

Solarwärme und der selbst produzierte Strom machen

es möglich. Nicht nur die Halle, sondern sieben weitere

öffentliche Gebäude werden vollständig mit regenerativer

Energie versorgt. Die laufenden Kosten sind wegen der weitgehenden

Energieautarkie gering und mit der Umstellung auf

dimmbare LED-Technik konnten bereits ab 2006 40 Prozent

der Energie bei der Straßenbeleuchtung eingespart werden.

Eine Abschaltung der Parkplatz- und Radwegbeleuchtung ab

Mitternacht verstärkt seit kurzem die Effizienz und hat den

zusätzlichen Vorteil, dass die reduzierte Lichtverschmutzung

Insekten und Menschen weniger schadet.

Inzwischen betreibt Ungersheim Photovoltaikanlagen mit 5,4

MWp auf Dächern und Konversionsflächen des Kalibergbaus

und kann damit 10.000 Einwohner*innen mit Strom versorgen.

Der Verkauf von Strom an umliegende Gemeinden und Private

generiert seither stattliche Einnahmen für den Gemeindesäckel.

Zukünftig fördert die Gemeinde private PV- und Solaranlagen

und konzentriert sich nunmehr verstärkt auf die Einsparung

von Wärmeenergie. Neubauten werden ausschließlich in Passivhaus-Bauweise

oder Plusenergie-Bauweise mit Energiegewinnung

genehmigt. Doch damit nicht genug. Bereits 2006

hat Ungersheim ein vollständiges Pestizid- und Kunstdüngerverbot

auf kommunalen und privaten Flächen erlassen und

verwendet in allen öffentlichen Gebäuden ausschließlich ökologische

Reinigungsmittel. Auch im Verkehrsbereich geht der

Ort mutig voran: Zur Reduktion von Lärm und CO 2

-Ausstoß

gilt durchgehend Tempo 30 und Radfahrer*innen genießen

sichtbaren Vorrang vor dem Autoverkehr. Eine auffällige

und sympathische aller Maßnahmen ist jedoch der Einsatz

von zwei Pferden für den Transport der Schulkinder, für die

Müllsammlung und die Feldarbeit. Man glaubt es kaum, aber

das Pferdegespann ist schneller, wendiger und obendrein

leiser als die motorisierte Konkurrenz und liefert auch noch

natürlichen Dünger für das Gemüse.

Lebensmittel für Lebewesen

In großen Gewächshäusern auf 4.000 m² und auf 8 ha Freiflächen

arbeiten Gärtner*innen und Langzeitarbeitslose an

der Ernährungssouveränität von Ungersheim. Das Ziel ist,

hochwertiges Gemüse, frischen Salat und gesundes Obst

in Demeter-Qualität, der höchsten Bio-Stufe, zu erzeugen.

Der Prozess beginnt bereits bei der Samengewinnung alter

Sorten, um unabhängig von Hybridsaatgut von Agro-Konzernen

zu bleiben. Auf Teilen der Gärten können Bürger*innen

aktiv mitarbeiten, um auf diese Weise Anteile am Ertrag zu

erhalten. Auch Kinder helfen auf den Feldern im Rahmen des

Schulunterrichts mit, denn schließlich versorgt sie im Gegenzug

die gemeindeeigene Catering-Küche täglich mit Bio-Essen.

In den Sommermonaten füllen die Gärten zusätzlich 250 Gemüsekörbe

wöchentlich, die die Ungersheimer kaufen und

selbst konsumieren. Weitere saisonale Überschüsse an Gemüse

werden seit einigen Jahren in der eigenen kleinen Konservenfabrikation

verarbeitet und im Winter verkauft. Ins Strahlen

gerät der Bürgermeister, als er für uns das nagelneue Gebäude

der Brauerei aufsperrt. Es ist noch leer, aber die Anlage soll in

Kürze installiert werden. „Bald bekommen wir unser eigenes

Bier, das wird den Zusammenhalt der Gemeinde noch einmal

merklich verstärken“. Zur Unterstützung des einheimischen

Gewerbes hat Ungersheim auch eine lokale, komplementäre

Währung eingeführt: „Le Radis“ oder „d’r Ràadig“ wie er im

elsässischen Dialekt heißt. 1 Radis entspricht immer 1 Euro.

Warum braucht eine so kleine Gemeinde eigenes Geld?

Kleine Händler*innen leiden sehr unter der Globalisierung

und unter dem ständig wachsenden Online-Handel. Eine

Fotos: © m2rfilms

74 forum Nachhaltig Wirtschaften


GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL | THEMEN

lokale oder regionale Währung zirkuliert nur innerhalb eines

begrenzten Raums, so dass das Geld nicht abfließen kann.

Eine Regionalwährung bindet Kunden an die Region, das

vorhandene Kapital fließt nicht ab und vermehrt nicht den

Reichtum von internationalen Konzernen, sondern dient ausschließlich

dem Auskommen und Wohlstand der örtlichen

Zukunft und Vergangenheit

Wir wollen die Exkursion nach Ungersheim im Frühjahr 2020 wiederholen,

um die Fortschritte der Gemeinde zu sehen und auch

um das große und lebendige Museumsdorf Écomusée d‘Alsace in

der Nähe zu besuchen. Es ist das größte lebendige Freilichtmuseum

Frankreichs und wie ein elsässisches Dorf Anfang des 20. Jahrhunderts

aufgebaut. Es lässt das ländliche Kulturerbe aufleben und

präsentiert seinen Besuchern die volkstümliche Kunst und Traditionen

des Elsass: Gebäude und Sammlerobjekte, Handwerker bei

der Arbeit, Ausstellungen, tägliche Animationen und große Veranstaltungen.

Es wäre wünschenswert, dass möglichst viele Kommunalpolitiker

oder Bürgerinitiativen mitfahren. Wir können jedem

Bürgermeister wärmstens empfehlen, eine solche Informationsreise

zusammen mit dem ganzen Gemeinderat zu organisieren. Sie

werden inspiriert in ihre Gemeinde zurückkehren.

Interessierte bitte vorab anmelden bei Öko & Fair Umweltzentrum

Gauting unter 089 / 893 11 054 oder info@oeko-und-fair.de

Geschäftsinhaber. Der Lebensmittelladen, der Bäcker und

Metzger und nicht zuletzt das Gasthaus und das Restaurant

im Ort haben somit eine Chance zu überleben. Sie bilden

zusammen die Infrastruktur, die eine Gemeinde lebenswert

und liebenswert macht. Es sind nicht das Gewerbegebiet

und der Supermarkt am Ortsrand, die der Stadt, dem Dorf

Identität geben. In Ungersheim nutzen nur 6 Prozent der

Menschen den Radis, trotzdem sind es sind immerhin ca.

240.000 Euro, die regelmäßig pro Jahr im Ort auf diese Weise

im Umlauf sind.

Zum Abschluss bleibt die Frage: Ist es möglich, den Ungersheimer

Wandel auf andere Gemeinden zu projizieren? Das

Resümee ist, dass viele Dinge gleichzeitig wie ein Puzzle

zusammenpassen müssen. Es fängt bei der kommunalpolitischen

Führung an, die offen und basisdemokratisch

denken und handeln muss. Es geht weiter mit der Existenz

von starken bürgerlichen Gruppen, die von sich aus initiativ

werden und es endet mit dem Willen einer breiten und vor

allem jungen Bürgerschaft, sich aus der Lethargie des „weiter

so“ zu lösen und an der Verbesserung der „weichen“ Faktoren

eines glücklichen Lebens arbeiten zu wollen. Treffen diese

Dinge zu, dann kann eine Blaupause von Ungersheim überall

Wirklichkeit werden.

Also – worauf warten wir noch? Fangen wir einfach noch

heute an!

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THEMEN | GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL

DIE ALL-LEADER-KULTUR

Mit Konsens zu guten Entscheidungen kommen

Wie kann eine Gruppe Entscheidungen so treffen, dass sich jeder gehört fühlt? Die Lebensgemeinschaft

Schloss Tempelhof versucht sich daran und feiert Widerspruch als bereicherndes Element, um gemeinsam

die beste Lösung zu finden.

Von Michael Selig

2010 kaufte eine Gruppe von 20 Menschen das Dorf Tempelhof

in der Gemeinde Kreßberg im Nordosten von Baden-Württemberg.

Es besteht aus einem Schloss aus dem

17. Jahrhundert, umrahmt von Gebäuden aus verschiedenen

Epochen des letzten und vorletzten Jahrhunderts. Dort entstand

die Zukunftswerkstatt und Lebensgemeinschaft Schloss

Tempelhof: ein gesellschaftliches Forschungsprojekt mit dem

Ziel, die Vision einer ökologisch nachhaltigen, sozial gerechten

und sinnerfüllten menschlichen Daseinsform lebendig zu

machen. Im Kern der Vision steht ein solidarisches Zusammenleben,

das den Menschen und das Miteinander in den

Mittelpunkt stellt. Die Gemeinschaft forscht auf den Feldern

einer neuen Beziehungs- und Kommunikationskultur sowie

ökonomischer und ökologischer Transformation.

Inzwischen leben rund 100 Erwachsene und 50 Kinder und

Jugendliche in dem Dorf. Innerhalb kurzer Zeit entstanden

vielfältige Genossenschaftsbetriebe (Wohnen, Gästehaus,

„aufbauende Landwirtschaft“, Catering, Café, Laden, Carsharing),

ein Seminarbetrieb sowie eine freie Schule. Damit all

das funktionieren kann, hat die Gemeinschaft eine belastbare

und leistungsfähige soziale Architektur geschaffen sowie einen

klaren Rahmen mit einfachen Organisationswerkzeugen.

Das ist der Kern des hier entstandenen All-Leader-Konzepts.

Alle können mitwirken

All-Leader bedeutet für die Gemeinschaft ein freies und

kooperatives Zusammenwirken von Menschen, die Vision

und Werte teilen, die sich mit allem, was sie ausmacht,

einbringen und Werkzeuge einsetzen, die das Miteinander

und die „kollektive Intelligenz“ unterstützen. Das zentrale

Element dabei ist ein sechsstufiger Entscheidungsprozess im

Konsens. Dieser ist angelehnt an das Entscheidungsverfahren

der „Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden“. Konsens bedeutet

„Übereinkunft“, „Übereinstimmung“ und bezeichnet

einen Prozess, in dem unterschiedliche Meinungen zu einer

gemeinsamen Entscheidung zusammengebracht werden,

die von allen gutgeheißen und mitgetragen wird. Die Kernfrage

im Rahmen der Entscheidungsfindung lautet: Welche

Einwände gibt es und wie lassen sich diese minimieren? Alle

Menschen der Gruppe sind dazu aufgefordert, sich aktiv an

der Entscheidungsfindung zu beteiligen. Oberstes Entscheidungsgremium

in der Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof

ist das Dorfplenum, die Vollversammlung aller Dorfbewohner.

Dieses Plenum trifft Grundsatzentscheidungen für das

Dorf und legt auf Grundlage von Organisationspapieren den

Entscheidungsrahmen für Projekte (z.B. Schule, Landwirtschaft,

etc.) fest.

Foto: © Schloss Tempelhof

76 forum Nachhaltig Wirtschaften


GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL | THEMEN

Von der Idee zur gemeinsamen Entscheidung

Der Ablauf eines Entscheidungsprozesses lässt sich wie folgt

beschreiben:

• Die Antragsteller präsentieren im Dorf eine Idee, ein Thema

oder einen Vorschlag. Bei großen Themen, beispielsweise

dem Bau eines neuen Schulgebäudes, gibt es dafür einen

Impulsabend. Die Bewohner können ihre Anregungen und

ergänzenden Ideen, Bedenken und Einwände aussprechen.

Alle können Argumente austauschen, Fragen stellen, zuhören,

Meinungen hervorbringen.

• Der Antrag ist nun angereichert mit der Resonanz des

Dorfes und kommt mit konkreter Formulierung zur Abstimmung

ins Dorfplenum. Ein zeitlicher Vorlauf von zehn Tagen

gibt allen Beteiligten die Möglichkeit zur Einarbeitung ins

Thema und zur persönlichen Meinungsbildung.

• Im Dorfplenum beginnt der Antragsteller mit der kurzen

Vorstellung des Antrags. Die Anwesenden können Verständnisfragen

stellen.

• Ein erstes Meinungsbild wird in sechs Stufen abgefragt.

• Verschiedene Positionen und begründete Meinungen

bilden ein Meinungsbild.

• Es findet eine Aussprache statt. Wie müsste der Antrag

formuliert sein, damit die Einwände minimiert werden

können?

• Der Antrag wird gegebenenfalls vom Antragsteller modifiziert.

• Nun findet die finale Abstimmung in sechs Stufen statt.

• Ein Entscheidungsvorschlag ist akzeptiert, wenn niemand

ein Veto eingelegt hat.

Die sechs Stufen der Abstimmung mit Konsens

1. Vorbehaltlose Zustimmung

2. Leichte Bedenken: Ein Gruppenmitglied hat relevante

Einwände oder Bedenken, die alle Beteiligten wissen

sollten. Es reicht oftmals aus, wenn diese Bedenken gehört

werden.

3. Enthaltung: Dem Mitglied ist die Entscheidung nicht

wichtig oder es hat vielleicht keine klare Meinung zu dem

Thema.

4. Schwere Bedenken: Die Person drückt mit ihrem Votum

klar aus, dass sie sich eine Veränderung des Vorschlags

wünscht. Sie ist aber bereit, den bestehenden Lösungsvorschlag

mitzutragen, falls die Gruppe keine bessere

Lösung findet.

5. Beiseite-Stehen: Das Mitglied kann mit dem Vorschlag

nicht mitgehen, legt aber kein Veto ein, um der Gruppe

nicht im Weg zu stehen.

6. Veto: Der Vorschlag widerspricht den grundlegenden

Überzeugungen und Werten des Mitglieds. Das Mitglied

ist der Meinung, der Vorschlag schade der weiteren Entwicklung

der Gruppe.

Das Faszinierende am sechsstufigen Entscheidungsprozess

ist, dass jeder gehört wird. Es gibt keine Koalitionen, keine

Mehrheiten, keine Verlierer – im Gegensatz zu demokratischen

Entscheidungsprozessen. Alle Teile des Organismus,

also alle Mitglieder der Gruppe, gehen in Verantwortung

für das Ganze. Jeder Einzelne trägt seinen Teil dazu bei, dass

die Entscheidung von allen getragen werden kann. Heraus

kommen nicht selten Entscheidungen, die weiter gedacht

sind als der ursprüngliche Vorschlag und die alle Beteiligten

motivieren, ihre Ideen umzusetzen. Der Entscheidungsprozess

selbst verbindet die Gruppenmitglieder miteinander und

Die neue Schule: Ein Beispiel des Gelingens

Wie gelingt so ein „All-Leader“-Entscheidungsprozess? Bei der Suche

nach einem geeigneten Standort für die neue Schule auf dem

Gelände der Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof kam die All-Leader-Kultur

zum Einsatz.

Das Schul-Team nahm diverse Grünflächen auf dem ca. 32 ha

großen Gemeinschaftsgelände in die engere Auswahl. Im Rahmen

eines Impulsabends diskutierte das Dorf die möglichen Standorte

mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen. Keiner der Standorte war

wirklich perfekt, aber alle wären für die Schule irgendwie okay gewesen.

Da ergriff eine Dorfbewohnerin das Wort: „Der schönste

Platz für unsere Kinder wäre doch der Standort unserer Kantine,

die wir uns als Gemeinschaft vor 5 Jahren gebaut haben. Im Süden

des Dorfes am Rande einer wunderschönen Wiese mit Blick

auf den angrenzenden Wald. Direkt daneben die alte Turnhalle. Die

Kinder sind unsere Zukunft, sie haben den schönsten Platz im Dorf

verdient.“

Das Schul-Team hätte sich niemals getraut, diesen Vorschlag ins

Dorf zu bringen und den Dorfbewohnern ihre Kantine, das Wohnzimmer

des Dorfes, abzunehmen. Dieser Vorschlag kam nun von

einem Menschen, der mit der Schule nicht direkt etwas zu tun hatte,

aber das Dorf und seine Entwicklung ganzheitlich betrachtete.

Als dieser Gedanke einmal in der Welt war, ging es Schlag auf

Schlag: Man überlegte alternative Kantinen-Lösungen und führte

offene Gespräche über das Für und Wider. Der Schulbau-Architekt

lieferte gute Ideen für den Umbau des Gebäudes. Für die Trauer

und den Schmerz über den Verlust eines geliebten Dorf-Treffpunktes

wurde der nötige Raum gegeben. Nach sechs Monaten

stand die entscheidende Standortfrage im Dorfplenum zur Abstimmung.

Ergebnis: 32 Ja-Stimmen und 1 leichtes Bedenken. Das Dorf

hat mit „kollektiver Intelligenz“ die beste Lösung hervorgebracht!

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THEMEN | GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL

stärkt den sozialen Zusammenhalt. Alle Beteiligten zeigen

sich mit ihren Ideen, Einwänden und Ängsten und tragen

so zum Reifungsprozess der Idee bei. Dies funktioniert auch

deswegen so gut, weil das Dorf Tempelhof eine gemeinschaftsfördernde

Gesprächs- und Konfliktkultur pflegt. Ein

Konsensverfahren, wie es die Gemeinschaft am Tempelhof

praktiziert, ist meiner Auffassung nach auch auf Unternehmen

und andere Organisationsformen übertragbar. Es bedarf

dabei jedoch klarer Regeln und der Einbettung in eine

kollegial geprägte Unternehmenskultur. Allen Mitgliedern

muss klar sein, dass die Interessen der Organisation immer

Vorrang haben vor den Interessen der Einzelnen.

Das Veto-Recht bereichert den Entscheidungsprozess

Um sich die Tragweite eines Vetos bewusst zu machen, muss

der Vetogeber seine Entscheidung begründen und einen konkreten

Lösungsvorschlag machen, wie das Thema aus seiner

Sicht gelöst werden könnte. Es braucht begleitende soziale

Prozesse, damit die Menschen in der Gruppe in sozialer

Verbundenheit bleiben. Ein Veto darf nicht zur Ausgrenzung

des Vetogebers führen oder negative Konsequenzen für

ihn haben. Im Gegenteil, es führt zu Wertschätzung, denn

es kann der Gruppe helfen, zu erkennen, dass bestimmte

Sichtweisen bislang noch nicht genügend berücksichtigt und

integriert worden sind.

Fazit

Die All-Leader Kultur ist ein wirksames Instrument zur Konsensfindung.

Es braucht jedoch eine dauernde Wachsamkeit

der Gruppe für den verantwortungsvollen Umgang mit dieser

Vorgehensweise, damit es der positiven Entwicklung der

Organisation dient.

MICHAEL SELIG

ist seit 2016 in der Gemeinschaft Tempelhof geschäftsführender

Vorstand des Vereins. Systemischer Berater für Organisation und

Transformation mit den Schwerpunkten Mitarbeiterbeteiligung,

Führung und Change Management.

Quellen / Leseempfehlung:

Oestereich, Bernd / Schröder, Claudia (2017): Das kollegial geführte Unternehmen. Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen

Laloux, Frederic (2015): Reinventing Organizations. Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit.

Sahler, Bernd et al. (2004): Konsens. Handbuch zur gewaltfreien Entscheidungsfindung.

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GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL | THEMEN

RIACE DARF NICHT STERBEN!

Wird der europäische Leuchtturm für eine gelungene Integration von Flüchtlingen ein Opfer rechtsradikaler

Populisten? Gewinnt die Mafia oder erhält der Bürgermeister den Friedensnobelpreis?

Von Karl Heinz Jobst

„Es wird der Tag kommen, an dem die

Menschenrechte wieder respektiert

werden, ein Tag, an dem es mehr Frieden

als Krieg geben wird, mehr Gleichheit

und Freiheit als Barbarei. Der Tag,

an dem niemand mehr in der Business

Class reisen wird, während andere von

kolonialen Häfen wie Waren gestapelt

losfahren und sich in einem Meer des

Hasses verzweifelt an jede Welle klammern.“

Domenico Lucano

Foto: © William Veder

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THEMEN | GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL

Süditalien, Ende der Achtziger: Riace war fast ausgestorben.

Wie unzähligen Dörfern in den süditalienischen Provinzen

Kalabrien, Apulien und Basilikata, abseits der großen Industrie-

und Hafenstädte, so erging es auch der kleinen Gemeinde

Riace. An der Sohle des italienischen Stiefels gelegen, dort

wo der Tourismus noch keine Spuren hinterlassen hatte, weil

die Mittelmeerküste auch heute noch weiter als eine Autotagesreise

von Mitteleuropa entfernt ist, liefen die jungen

Menschen scharenweise Richtung Norden nach Bari, Neapel,

Rom oder gar ins industrielle und reiche Norditalien davon.

Zurück blieben nicht nur die Alten und Gebrechlichen, sondern

auch die Getreide- und Gemüsefelder, die Weinstöcke,

die Oliven- und Orangenhaine, die fortan brach lagen und

verwilderten. Die Landwirtschaft konnte ihre Bauern nicht

mehr ernähren, sie gab ihnen keine Zukunft mehr, weil der

Weltmarkt Europa mit Billigprodukten überschwemmte. Mit

brasilianischen Orangen und chinesischen Tomaten konnten

die italienischen Kleinbauern nicht mehr konkurrieren…

Während Riace Marina, an der Küstenstraße und an der

Bahnlinie gelegen, noch einigermaßen ausreichend Arbeitsplätze

hatte, war das wenige Serpentinen höher gelegene

alte Bergdorf dem Verfall ausgesetzt. Viele Häuser wurden

einfach verlassen, Schule und Kindergarten aus Mangel an

Kindern geschlossen, die Restaurants, die Espressobar, der

Bäcker, der Metzger und der Lebensmittelladen aus Mangel

an zahlungskräftigen Bürgern nur noch im Dunkeln hinter

heruntergelassenen Blechjalousien zu erahnen. Vespas und

Piaggios knatterten immer seltener durch die engen und

steilen Gassen.

Geflüchtete beleben die Gemeinde

Doch dann landete eines Tages im Jahr 1998 ein Segelschiff

mit 250 kurdischen Geflüchteten am Strand. Sie hatten ihr

Ziel Griechenland verfehlt. Der damalige Chemielehrer Domenico

Lucano war einer von jenen, die sich sofort um die

erschöpften Menschen kümmerten. Und er hatte eine Idee:

Warum sich nicht gegenseitig retten? „Mit den Flüchtlingen

kam die Hoffnung“, sagte Lucano. Im Jahr darauf gründete

er mit Freunden den Verein „Città Futura“ (Zukunftsstadt),

der sich zum Ziel setzte, das Dorf mit den Handwerkern und

Bauern aus der Fremde, mit Männern, Frauen und Kindern,

die nur ihre Kraft der Hoffnung als Gepäck mitgebracht

hatten, neu zu beleben. 2004 wurde Lucano ein erstes Mal

zum Bürgermeister von Riace gewählt. Seine Liste hieß:

„Ein anderes Riace“. Gleich nach Amtsantritt beantragte

er eine Sondergenehmigung, Flüchtlinge unbürokratisch

aufnehmen zu können. Und er bekam sie. Der Staat zahlte

monatlich Beihilfen für jeden Geflüchteten und Lucano war

sehr erfolgreich darin, Geldmittel aus verschiedenen Fonds

Mit den Flüchtlingen kam die Hoffnung. Città Futura setzte sich zum

Ziel, das Dorf mit den Handwerkern und Bauern aus der Fremde, mit

Männern, Frauen und Kindern, die nur ihre Kraft der Hoffnung als

Gepäck mitgebracht hatten, neu zu beleben.

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GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL | THEMEN

der EU zu erhalten. Man sieht es Riace auf den ersten Blick

an: Die Straßen sind liebevoll gepflastert, die Kanalisation,

die Wasser- und Stromversorgung auf dem neuesten Stand

renoviert, ein großes regenbogenfarbenes Amphitheater

beherbergt Festivals und Kleinkunst, Street Art ziert viele

Hauswände und schnelles Internet ist überall vorhanden. An

vielen Ecken Symbole des Miteinanders und des Respekts.

Äußerst ungewöhnlich für ein kalabrisches Bergdorf.

Ein Dorn im Auge der Mafia

Der Fluss der akquirierten Geldmittel hat selbstverständlich

auch dunkle Kräfte auf den Plan gerufen, die Teile davon

abzweigen wollten. Doch entscheidend für den Erfolg des

Projektes war: Lucano widersetzte sich der `Ndrangheta, der

kalabrischen Mafia. Trotz Morddrohungen und Anschlägen

war es ihm gelungen, den Einfluss der Mafia mit Hilfe einer

starken Gemeinschaft aus der Gemeinde fernzuhalten. In

anderen Landesteilen hatte sich die Mafia der Geflüchteten

„angenommen“, sie als rechtlose und ausgebeutete Arbeitssklaven

missbraucht und in erbärmlichen Plastikfolienverschlägen

untergebracht. In vielen Gegenden werden diese

skandalösen Zustände von Regierung und Polizei bis zum

heutigen Tag toleriert. Immer wieder kommt es zu Aufständen

der meist aus Afrika stammenden Menschen. Von

all dem blieb Riace verschont. Nicht zuletzt deswegen, weil

die Polizei Tür an Tür mit dem Bürgermeister im Rathaus

und nicht mit der `Ndrangheta zusammenarbeitete. Ein

Glücksfall, der auch heute noch nicht überall in Kalabrien

erwartet werden darf. Das unregelmäßig eintreffende Geld

wurde unbürokratisch für Taschengeld der Neuankömmlinge,

für die Sanierung von Häusern, für die Schule, für den

Kindergarten und für die Werkstätten verwendet, in denen

Migranten und Einheimische zusammenarbeiten konnten.

Die Gemeinde schaffte so bezahlte Arbeitsplätze für Italiener

ebenso wie für Zuwanderer – auch für solche ohne

Arbeitserlaubnis. Die Toleranz der Behörden gegenüber

dieser Art der Integration war hinreichend groß, weil sie den

Erfolg sehen und erleben konnten, weil Riace im Gegensatz

zu anderen Gemeinden keine Probleme mit Gewalt und

Kriminalität bereitete. In Riace lebten über die Dauer von

zwanzig Jahren Einheimische und eine überproportional

hohe Zahl von Migranten nahezu ohne Kriminalität oder

Ausschreitungen friedlich zusammen.

Eine erfolgreiche Bilanz

Weil immer wieder Zeiten ohne Geldfluss überbrückt werden

mussten, kreierte Città Futura ein lokales Zahlungsmittel,

das in der Gemeinde zirkulierte und von Zeit zu Zeit wieder

in Euro umgetauscht werden konnte. Die liebevoll gestalteten

Noten trugen die Portraits von Menschenrechtlern wie

Gandhi, Mandela oder Martin Luther King, Künstlern wie

Pasolini, Wim Wenders oder Chaplin, aber auch Revolutionär

Che Guevara durfte nicht fehlen.

Bis heute wurden 150 der einst verlassenen Häuser gemeinsam

wiederaufgebaut. In ihnen lebten Flüchtlinge aus

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THEMEN | GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL

mehr als 20 Ländern. Domenico „Mimmo“ Lucano nennt das

Riace-Projekt das „Villagio globale“, das Weltdorf. Zahlreiche

Preise und Ehrungen wurden dem Projekt zuerkannt und

schnell bekam Riace den internationalen Ruf als Vorzeigeobjekt

für eine pragmatische Aufnahmekultur zu allseitigem

Vorteil. In der Tat sind zahlreiche Gemeinden in Europa diesem

Beispiel gefolgt. Nur die Bekanntheit von Riace haben sie

zu Unrecht nicht erreicht, sie blieben im Verborgenen, sind

aber ebenso wichtig, denn sie sind Inseln der Menschlichkeit.

Populisten schüren Ängste

Ausgelöst durch den Krieg in Syrien erreichte Europa – mit

einem Höhepunkt im Jahr 2015 – eine große Zahl von Geflüchteten.

Die erschütternden Bilder lösten einerseits bei

den Menschen eine nicht gekannte Hilfsbereitschaft aus,

andererseits schürten sie bei vielen Menschen undefinierte

Ängste. Das war der Ausbruch einer unterschwellig vorhandenen

Fremdenfeindlichkeit in allen europäischen Ländern.

Einige Staaten schlossen Grenzen, bauten Zäune oder zahlten

Geld an Drittstaaten, damit die Geflüchteten Europa erst gar

nicht erreichen konnten, sondern in riesigen Lagern zurückgehalten

wurden. Die offizielle Seenotrettung im Mittelmeer

wurde Stück für Stück abgebaut und Abschreckung

aufgebaut. Private Rettungsschiffbesatzungen sehen sich

seither von offizieller Seite als Gutmenschen diskriminiert,

behindert, als Helfer von Schlepperbanden kriminalisiert,

mit hohen Geldstrafen belegt und durch Beschlagnahmung

der Schiffe aus dem Verkehr gezogen.

Es war die Zeit einer erstarkenden rechtsradikalen Szene,

nicht nur, aber nicht zuletzt in Italien. Ängste und wirtschaftliche

Schwäche zusammen bildeten das Biotop für

populistische Politiker, die die Lage rasch für einen ungeahnt

steilen Aufstieg nutzen konnten. Die Regierung stellte 2017

ohne Angabe von Gründen die Zahlungen an Riace ein. Das

hatte bald verheerende Folgen. Denn die angehäuften Lokalwährungsschulden

konnten nicht mehr in Euro beglichen

werden. Die Händler und Handwerker blieben auf ihren

Riace-Geldscheinen sitzen. Unruhe und Ungeduld machten

sich in der Gemeinde breit.

Der Bürgermeister als Sündenbock und Zielscheibe,

Geflüchtete als Leidtragende

Mit Salvini als Innenminister der neuen Regierung verschärfte

sich 2018 die Situation. Der rechtsradikale Populist der „Lega

Nord“ fand auch bei seinem linksradikalen Koalitionspartner

der „Cinque Stelle“ Unterstützer seiner harten, fremdenfeindlichen

Politik. Bürgermeister Lucano wurde im Herbst

2018 über Nacht seines Amtes enthoben, in Untersuchungshaft

genommen, aus seiner Gemeinde verbannt, unter Hausarrest

gestellt und wegen angeblicher Veruntreuung von

Zahlreiche Streetart-Arbeiten binden die Thematik um Flucht und

Migration künstlerisch in das Dorf ein.

Fotos: © Karl-Heinz Jobst

82 forum Nachhaltig Wirtschaften


GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL | THEMEN

öffentlichen Geldern, Verstoß gegen das Vergaberecht und

Anbahnung einer Scheinehe angeklagt. Die Konten von Città

Futura wurden beschlagnahmt, die Handwerksbetriebe und

Läden der Migranten geschlossen, die Felder blieben wieder

unbearbeitet. Migranten ohne Duldung oder Anerkennung

wurden innerhalb weniger Wochen in weit entfernte Lager

deportiert oder sie tauchten vorher in der Illegalität unter.

Mimmo wurde inzwischen von allen Anklagepunkten in

erster Instanz freigesprochen. Das war für die Staatsanwaltschaft

jedoch Anlass, sofort in allen Fällen in Revision zu

gehen. Der Bann blieb somit bis heute aufrecht. Nicht genug,

auch Lucanos Mitstreiter, etwa dreißig an der Zahl, wurden

nun zur Abschreckung mit einer Welle von Klagen überzogen.

Die Klagen hatten zur Folge, dass im Mai 2019 der Kommunalwahlkampf

gleichzeitig mit der Europawahl ohne Lucano

stattfinden musste. In den Wochen vor der Wahl wurden fast

täglich teure und schwere Limousinen im Dorf beobachtet.

Die Mafia hatte wieder ihre bewährte Einschüchterungstaktik

aufgenommen, was offenbar zur auffallend geringen

Wahlbeteiligung führte.

Und weil sein Ruf wegen der Klagen angeschlagen war, wurde

Lucano tatsächlich nicht mehr in den Gemeinderat gewählt.

Als Bürgermeister durfte er ohnehin kein weiteres Mal kandidieren.

Salvini war am Ziele seiner Zerstörungskampagne und

brüstete sich noch am Wahlabend im TV: „Riace ist gefallen!“

Seine einzigen politischen Inhalte, die Fremdenfeindlichkeit

und „Italia primo“ hatten ihm einen eindrucksvollen Wahlsieg

beschert. Lucanos eigene Gemeinde hatte ihn also im

Stich gelassen! Das Dorf war nicht nur gespalten, sondern

das Wahlergebnis war jetzt mehrheitlich gegen ihn. In den

Wochen darauf war Mimmo verzweifelt und selbst für seine

besten Freunde kaum noch zu sprechen.

Eine europaweite Solidarität hält dagegen

Nicht erst seit der verlorenen Kommunalwahl, sondern

schon seit Beginn der Repressalien 2017 haben sich viele

internationale Bewegungen gebildet, die Riace unbedingt

als Leuchtturm erhalten, ausbauen und als „Best Practice“ in

die Welt tragen möchten. Unter der Beteiligung zahlreicher

NGOs wie z. B. longo maï oder Solidarity City wurde in Basel

der Fahrplan für die Rettung Riaces geschrieben und schon im

Frühjahr 2019 die Gründung einer Stiftung mit dem Namen

„È stato il vento“ (Es war der Wind) beschlossen. Ein Hinweis

auf die Landung des ersten Schiffes am Strand von Riace. Es

folgte eine breit angelegt Sammlung für das Stiftungskapital

in Höhe von 100.000 EURO. Das Geld war schnell zusammengetrommelt

und so kam es in Mailand zur notariellen Gründung.

Eine erste Aktion der Stiftung war der Ankauf eines

Stockwerks im „Palazzo Pinnaro“, Das historische Gebäude

im Zentrum von Riace hat symbolische Bedeutung als Sitz von

Città Futura, Schule sowie als Anlauf- und Beratungsstelle für

Geflüchtete. Der Palazzo war Kristallisationspunkt für viele

Projekte und ist jetzt wieder Zentrum des Widerstands. Che

Guevaras Portrait hängt dort nicht ohne Grund an der Wand.

Zur weiteren finanziellen Unterstützung der Stiftung ist ein

www.forum-csr.net

83


THEMEN | GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL

Das alte Dorf Riace war dem Verfall ausgesetzt. Viele Häuser wurden verlassen, Schule und Kindergarten aus Mangel an Kindern geschlossen.

Restaurants und Lebensmittelgeschäfte sind unbelebt. Die Landwirtschaft konnte ihre Bauern nicht mehr ernähren. Doch dann landete ein

Segelschiff mit Geflüchteten am Strand…

„Wir haben uns dafür entschieden, das Herz sprechen zu lassen

und nicht die Angst!“

Domenico Lucano

gemeinnütziger Verein „Retten wir Riace“ e.V. in Freiburg

geplant. Er soll dazu dienen, Spenden zu sammeln, um die

monatlich laufenden Kosten für Gehälter, Mieten, Material

usw. zu bestreiten, damit unter anderem 19 Ferienwohnungen

für einen zukünftigen sanften Riace-Tourismus weiter

renoviert werden können. Die erneute Inbetriebnahme

der kleinen Handwerksbetriebe, die Wiedereröffnung der

Läden und Restaurants sind Grundlagen für eine lebendige

Gemeinde. Eine äußerst wichtige Aufgabe ist auch die Fertigstellung

und Inbetriebnahme einer nagelneuen modernen

Ölmühle, mit der die Oliven im Herbst selbst verarbeitet

werden können. An den Vertriebskanälen für die Produkte

wird bereits gearbeitet. Daran hängen viele Arbeitsplätze

in der Landwirtschaft und somit auch ein großes Maß an

Souveränität und Selbstbewusstsein des Dorfes. Ziel ist es,

durch eigene Arbeit unabhängig von staatlichen Geldern und

den Schikanen von Staat und Mafia zu werden.

Die Zukunft ist noch ungewiss, aber sie gibt Hoffnung

Die neueste Nachricht im Nachklang zur Kommunalwahl erreichte

uns gerade heute im Juli 2019: Der frisch gewählte

Bürgermeister der Lega Nord hätte gar nicht kandidieren

dürfen, weil er Staatspolizist war und somit eine Trennung

von Legislative und Judikative nicht mehr gegeben ist. Das

heißt, die Wahl war ungültig und muss demnächst wiederholt

werden. Bezeichnend ist, dass der neue und jetzt schon

wieder ehemalige Bürgermeister als erste Amtshandlung

anordnete, Überwachungskameras in Riace aufzustellen.

Ob sich nun durch eine Neuwahl politisch im Kleinen etwas

zum Guten bewegt, darf aus heutiger Sicht bezweifelt werden.

Jetzt zählen nur Taten der Zivilgesellschaft, die weithin

sichtbar etwas bewegen. Die vielen jungen und idealistischen

Menschen, die jetzt ins Dorf kommen und mit viel Engagement

mit ihren Fähigkeiten und körperlicher Arbeit anpacken

wollen, geben Hoffnung, dass es einen Neuanfang geben

wird. Sicher ist, dass Riace nicht allein gelassen werden darf.

Das Dorf und sein ehemaliger Bürgermeister haben trotz

widriger Umstände immer noch so viel Strahlkraft, dass es

viele anderer europäische Kommunen und internationaler

Nichtregierungsorganisationen ermutigt, gegen politische

Willkür, willfährige Justiz, Verletzung von Menschenrechten,

und Fremdenfeindlichkeit vorzugehen.

Domenico Lucano erzielte den dritten Platz als „World Mayor“

bei der Auszeichnung der weltweit besten Bürgermeister

2010. Im Jahr 2016 wurde er von der Zeitschrift Fortune in

die Liste der weltweit 50 einflussreichsten Persönlichkeiten

aufgenommen. Der deutsche Regisseur Wim Wenders

drehte den Kurzdokumentarfilm Il Volo über ihn. Am 12.

Februar 2017 wurde der Bürgermeister für seinen Einsatz

mit dem Dresdner Friedenspreis ausgezeichnet. Mehr als

1.300 Verbände, 2.400 Hochschullehrer und fast 100.000

Bürger aus ganz Europa haben klar dargelegt und gefordert:

Der Friedensnobelpreis 2019 muss an Domenico „Mimmo“

Lucano und die Gemeinde Riace als Symbol für zwanzig Jahre

Solidarität, Integration und Gerechtigkeit gehen. Diesem

Aufruf ist nichts hinzuzufügen, außer, dass der Spendenfluss

unbedingt erhalten bleiben muss.

www.retten-wir-riace.de

KARL HEINZ JOBST

arbeitet seit seinem Ruhestand als selbständiger Ingenieur und

politscher Berater ehrenamtlich für ökosoziale Projekte. Themenschwerpunkte

sind die Seenotrettung sowie die Unterstützung von

Integration. Die Teilnahme an der Enquete-Kommission des Bayerischen

Landtags „Integration in Bayern aktiv gestalten und Richtung

geben“ war für ihn prägend.

Spendenkonto

Aktion Dritte Welt e.V. * GLS Bank

IBAN: DE16 4306 0967 7913 3876 00

BIC: GENODEM1GLS

Verwendungszweck: „Riace“

Spendenbescheinigungen werden auf Wunsch ausgestellt.

Foto: © William Veder

84 forum Nachhaltig Wirtschaften


GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL | THEMEN

PLÄDOYER FÜR EINE

VERÄNDERUNG

IN DER BILDUNG

Die Bildung muss digitaler werden – so lautet derzeit das einhellige Credo. Nicht mehr Wissensvermittlung

sei das primäre Ziel, sondern Wissensnutzung. Gleichzeitig wird der Ruf nach einer Messbarkeit und

Vergleichbarkeit von Bildung immer lauter. Beides passt nicht zusammen. Ein Beitrag zur Ausräumung

eines Missverständnisses.

Von Susanne Hensel-Börner

Überall geht es derzeit um die Frage, welchen Einfluss die

Digitalisierung hat. Beim Thema Bildung wird die Diskussion

besonders hitzig geführt. Alle meinen mitreden zu können –

immerhin hat mehr oder weniger jeder einmal eine Schule

besucht. Der gesellschaftliche Wandel jedoch, den wir aktuell

erleben, macht diesen kollektiven Erfahrungsschatz auf einmal

obsolet. Die Auswirkungen durch die Globalisierung und

Digitalisierung kennt schließlich langfristig noch niemand.

Doch was die Diskussion um die Bildung besonders erhitzt,

ist die Tatsache, dass sie von zwei Tendenzen dominiert wird,

die widersprüchlicher kaum sein könnten.

Die Bildung muss messbar und vergleichbar sein, sagen die

einen. Eine Standardisierung der Bildung mit einem einheitlichen

Abitur wäre die Folge. An den Hochschulen gibt

es sie auch schon, eine international vergleichbare Einheit

zur Messbarkeit von Arbeitspensum und Leistung, die sogenannten

ECTS-Punkte.

Auf der anderen Seite rüttelt der uneingeschränkte Zugang zu

digitalisierten Informationen und Wissen am Fundament solcher

alt hergebrachten Bildungsziele. Und so halten Kritiker

dagegen: Anstelle standardisierter Wissensvermittlung ist es

die erfolgreiche Nutzung vorhandener Informationsquellen,

auf die es heutzutage ankommt. Fake News hinterfragen,

Zusammenhänge verstehen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit

in teilweise virtuellen Teams und Netzwerken sind

die Schlüsselkompetenzen im digitalen Zeitalter.

Die Gegensätze könnten kaum größer sein. Echtzeitmessungen

einheitlicher Erfolgsmaße stehen im fundamentalen

Widerspruch zu individuellen und fachübergreifenden

Kompetenzen, die nur schwer zu quantifizieren sind. Auf

der Suche nach Lösungen möchte dieser Beitrag ein Missverständnis

ausräumen und aufzeigen, dass die Instrumente

erfolgreicher Bildung, die wir im digitalen Zeitalter brauchen,

weder neu noch strittig sind.

„Ich höre und vergesse.

Ich sehe und behalte.

Ich handle und verstehe.“

Konfuzius

Das Missverständnis: Digitalisierung der Lehre = / Bildung

für eine digitale Welt

Zweifelsohne bieten digitale Medien vielfältige Möglichkeiten

zur Individualisierung und auch Modernisierung der Lehre.

E-Learning kombiniert mit Flipped-Classroom–Konzepten,

Lehrvideos und Lern-Apps, die mit Elementen von Computerspielen

angereichert sind, sind nur einige Beispiele einer

digitalisierten Lehre. Wird die Bildung in dieser Form vermittelt,

hinterlassen Lernende permanent Spuren ihrer Lernprozesse,

Spuren die auf Knopfdruck kontinuierlich ausgewertet

und verglichen werden können. Die Digitalisierung ermöglicht

nicht nur die Individualisierung von Lernprozessen in

bisher ungeahntem Ausmaß, sondern auch die Messbarkeit.

Dennoch greifen diese Ansätze isoliert betrachtet noch viel

zu kurz. Denn nach wie vor steht hierbei die reine Wissensvermittlung

im Mittelpunkt und die Erfolgsmessung basiert

auf einer vorab definierten Ziellinie. Die Befürchtung ist berechtigt,

dass mit dem Fokus auf eine solche Technisierung

von eigentlich tradierten Methoden die wirklich notwendigen

Veränderungen für erfolgreiche Bildungsarbeit im digitalen

Zeitalter systematisch verhindert werden. Bildung für eine digitale

Welt bedeutet mehr als angeleitete Trainingseinheiten

zur Wissensabfrage an Smartphones und Tablets. Wenn wir

mithalten wollen mit dem, was die IT längst kann, müssen wir

vor allem eines: Vernetzt denken lernen. Und dies kann nur

gelingen, wenn dem Bildungserwerb ein neuer Stellenwert

zuteil wird, auch wenn die Erfolgsmessung und -beurteilung

dann ungleich schwieriger wird.

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85


THEMEN | GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL

Die Debatte um Kompetenzen – in Unternehmen oft auch

soft skills genannt – ist nicht neu. Und sie ist nicht einmal

sonderlich kontrovers. Denn eine Meinung eint alle: Der isoliert

fachliche Wissenserwerb verliert an Bedeutung. Worauf

es heutzutage vielmehr ankommt, ist Teamarbeit über Fachgrenzen

hinweg, ist die gemeinsame Suche nach Lösungen.

Die entscheidende Frage ist jetzt, wie die Lernumgebung

gestaltet sein muss, um diesen notwendigen Kompetenzerwerb

zu ermöglichen.

Projektlernen muss zur zentralen Lernform werden

Die heute noch dominierenden Strukturen in den Bildungseinrichtungen

müssen maßgeblich verändert werden.

Gesonderte Schulfächer, Module und isoliert konzipierte

Vorlesungen verhindern geradezu vernetztes Denken. Alte

Weisheiten jedoch bringen uns in dieser modernden Zeit

weiter. Ob mit den Worten von Konfuzius, Aristoteles oder

Goethe, die Kernbotschaft lautet immer: Vom Reden ins

Handeln kommen.

Übertragen auf die Bildung im digitalen Zeitalter bedeutet

dies: Projektlernen muss zur zentralen Lernform in Schulen

und Hochschulen werden.

„Was man lernen muss, um es zu tun,

das lernt man, indem man es tut.“

Aristoteles

Im Projektlernen arbeiten die Lernenden an konkreten

Fragestellungen. Der Schulalltag, Forschungsfragen und das

soziale und gesellschaftliche Umfeld bieten von sich aus

eine Fülle von Herausforderungen und Fragen. Wenn sich

die Lernenden nun mit den Fragen identifizieren, wird die

notwendige Motivation entzündet, selbst nach Antworten zu

suchen. Genau dann und nur dann kommen die Lernenden

vom passiven Hören ins aktive Tun. Statt vorgefertigte und

didaktisch aufbereitete Lehrinhalte wiederzugeben, geht es

um das selbstständige Erarbeiten von Lösungen.

Betont sei hier ausdrücklich, dass dies den Wissenserwerb

keinesfalls vernachlässigt. Ganz im Gegenteil. Auf der Suche

nach Antworten eignet sich der Lernende durch eine aktive

Fragehaltung das notwendige Fachwissen durchaus an. Das

Paradoxe ist, dass wir durch die Digitalisierung, konkret durch

das Internet, längst in dieser Form vorgehen, wenn es darum

geht Aufgaben, Fragen und Projekte zu bearbeiten, sei es

beruflich oder privat.

Entscheidend für erfolgreiches Projektlernen ist die verantwortungsvolle

An- und Begleitung der Lernenden. Selbstständig

bedeutet an dieser Stelle nicht allein. Der Lehrende

ist in diesem Prozess ein Begleiter, Mutmacher und Berater

anstatt reiner Stoffvermittler. Doch diese veränderte Rolle

des Lehrenden wirkt sich maßgeblich auch auf das Zeitbudget

und den Arbeitsaufwand aus. So ist eine Anleitung

verschiedener Projektteams zum Beispiel, die sich jeweils

mit Teilaspekten einer Forschungsfrage befassen und dabei

in unterschiedlichem Lerntempo vorgehen, nicht vergleichbar

mit einer standardisierten Unterrichtseinheit oder Vorlesungsveranstaltung,

die sich einmal konzipiert jahrelang

wiederholen lässt. Für Projektlernen müssen Messzahlen wie

Unterrichtsstunden und Betreuungsschlüssel neu entwickelt

sowie die alten Bewertungsmaßstäbe hinterfragt werden.

Eine neue Währung für Projektlernen erforderlich

Ein Blick auf den Alltag in vielen Schulen und Hochschulen

zeigt: Projektlernen findet vielerorts und in zahlreichen Facetten

bereits statt. Meine Söhne haben zum Beispiel schon

ein Beachvolleyballfeld für ihre Schule gebaut oder begeistert

an Spendenläufen für einen guten Zweck teilgenommen. Bei

den Spendenläufen etwa, bei denen sie selber Sponsoren

suchen mussten, lernten sie gesellschaftliche und soziale

Verantwortung zu übernehmen. Sie erfuhren etwas über

die Spendenprojekte und damit etwas über die Zustände in

anderen Ländern. Und ganz allgemein erlebten sie, wie man

gemeinsam etwas Großes schaffen kann.

Nicht selten hört man allerdings den Vorwurf – insbesondere

von Eltern –, dass dabei gar nichts gelernt wird. Auch die

Schüler selbst bezeichnen solche Projekte oftmals als nicht

richtige Schule, denn die Projektwoche findet erst nach der

Notenabgabe fürs Zeugnis statt. Richtig Unterricht ist demnach

nur, wenn man auf den harten Stühlen sitzt, der Lehrkraft

zuhören muss oder für seine Klassenarbeiten büffelt.

Und wir dürfen es der jungen Generation – egal ob an Schule

oder Hochschule – nicht verdenken, denn das herrschende

Bewertungssystem ist noch immer genau so konzipiert.

Noch überwiegen einheitliche Klausuren und Einzeltests

als Prüfungsform. Erfolgreich ist hier, wer unter Zeitdruck

das Erlernte abrufen kann. Kooperation und Teamarbeit

bedeuten bei dieser Form der Problemlösung sogar Betrug.

In Stresssituationen kann unser Gehirn jedoch nicht kreativ

sein. Innovative Ergebnisse sind bei vorgegebener Musterlösung

auch gar nicht erwünscht. Selbst bei Gruppenarbeiten

schreibt die Kultusministerkonferenz vor, jeden Einzelbeitrag

namentlich zu kennzeichnen, um eine individuelle Leistungsbeurteilung

zu gewährleisten. Teamarbeit, gegenseitige

Unterstützung und Teilung von Wissen werden auf diese

Weise nicht gefördert.

„Es ist nicht genug, zu wissen,

man muss es auch anwenden.

Es ist nicht genug, zu wollen,

man muss es auch tun.“

J.W von Goethe

Mir geht es ausdrücklich nicht um die Abschaffung von Noten

und Bewertungen. Wir alle wollen und brauchen Feedback zu

den Dingen, die wir leisten. Das ist menschlich und legitim.

Zwar sind solche Bewertungen natürlich nicht immer fair und

schon gar nicht objektiv. Das waren sie im Übrigen noch nie

und werden sie auch in digitalisierter Form nie sein. Im Sinne

86 forum Nachhaltig Wirtschaften


GEMEINSAM FÜR DEN WANDEL | THEMEN

einer erfolgreichen Bildung für eine digitale Welt gilt es aber

zu hinterfragen, was und wie bewertet wird.

Von einem Schweizer Unternehmer erfuhr ich schon vor

Jahren, dass für ihn bei der Bewerberauswahl genau eine

einzige Zahl aus dem Schulzeugnis von Relevanz ist. Nein,

es war nicht die Note im Fach Mathematik, wie viele immer

vermuten oder die Note im Programmieren, wie es vielleicht

in zehn Jahren heißen wird. Es war die Anzahl unentschuldigter

Fehltage! Er interpretierte diese negativ als Indikator

für verantwortungsloses Verhalten und für mangelnden

Respekt gegenüber dem System Schule. Jedoch könnten

die Fehltage auch ein positiver Indikator dafür sein, dass ein

Schüler bereit war, sich außerschulisch zu engagieren oder

dafür, dass er außerhalb der Schule wertvolle soziale Erfahrungen

gemacht hat und dabei Social Skills wie Vertrauen

und Respekt erworben hat.

Vielleicht mag dieses Beispiel ein sehr radikaler und vereinfachter

Ansatz sein. Aber er zeigt, dass wir die bestehenden

Bewertungsmethoden in unserem Bildungssystem hinterfragen

und neu gewichten müssen.

Projektlernen als zentrales Instrument

für Kompetenzerwerb

Die Instrumente und Methoden für Kompetenzerwerb sind

nicht neu. Vielerorts werden sie längst praktiziert in Form

von Projekten und Engagements, und das nicht nur auf

alternativen Schulen. Der Wirkungsgrad von solch einem

Projektlernen kann noch weiter erhöht werden, wenn wir die

Digitalisierung richtig nutzen. Die Voraussetzung jedoch ist,

dass wir diese Entwicklung nicht auf die reine Technisierung

veralteter Lehrformate reduzieren und nur eine Optimierung

standardisierter Vergleichsmessungen anstreben. Für die

Fragen und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gibt es

keine Musterlösungen, die automatisiert abgeprüft werden

können. Die Bildungsziele und Bewertungsmaßstäbe müssen

dahingehend verändert werden, dass das Fragen stellen, die

gemeinsame Lösungssuche und das konkrete Handeln belohnt

werden – auch wenn die Ergebnisse dann sehr individuell

und nur schwer vergleichbar sind. Lassen Sie uns in eine

offene und mutige Diskussion eintreten, um einer solchen

Kompetenzorientierung in unseren Schulen, Hochschulen und

Unternehmen den Stellenwert zuteilwerden lassen, der ihr in

einer globalen und digitalen Welt dringend gebührt.

SUSANNE HENSEL-BÖRNER

ist die Initiatorin und treibende Kraft hinter dem neuen Master-Studiengang

„Digitale Transformation und Nachhaltigkeit“. An der

Hamburg School of Business Administration (HSBA) ist sie seit 2009

Professorin für Betriebswirtschaftslehre.

www.forum-csr.net

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THEMEN | LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH

BAUERN: PROBLEMLÖSER

STATT SÜNDENBOCK

Dicke Luft in der Landwirtschaft und schlechtes Klima müssen nicht sein

Seit dem Volksbegehren Artenschutz herrscht dicke Luft in Bayern. Verbraucher mit Halbwissen sehen in

Landwirten massive Umweltverschmutzer und tragen gleichzeitig durch den Kauf billiger Industrie-Lebensmittel

zum großen Bauernsterben bei. Bauern fühlen sich am Pranger und schimpfen auf Konsumenten

und Politik. Eine verzwickte Lage. forum sucht Auswege.

Von Fritz Lietsch

Sebastian, mein Cousin, ist Landwirt aus Leidenschaft. Sein

Bauernhof im bayerischen Voralpenland ist ein Muster an

Sauberkeit und Ordnung. Sein Maschinenbestand ist bestens

gepflegt. Seine Kühe sind gesund, ein neuer Offenlaufstall

gibt ihnen viel frische Luft und Bewegung.

Zwei Generationen arbeiten auf dem Hof, damit alles so

perfekt laufen kann wie beschrieben. Dennoch ist eine

40-Stunden-Woche ein ferner Traum. Der Arbeitstag beginnt

um 5.00 Uhr morgens und endet oft erst 14 Stunden später.

Das alles nehmen der Landwirt und seine Familie klaglos in

Kauf. Doch immer mehr gesetzliche Vorschriften rauben ihm

die Lust am „freien“ Bauernleben. Und seit diesem Jahr ist

er besonders sauer…

Ärger in Bayern

Im Süden Deutschlands herrscht dicke Luft: Seit der Verabschiedung

des Volksbegehrens Artenvielfalt „Rettet

die Bienen!“ fühlen sich viele Landwirte entmündigt.

Nicht zuletzt aufgestachelt durch geschickte Agitation

von Lobbygruppen und Bauernverband gehen sie auf die

Barrikaden und reißen demonstrativ Streuobstwiesen

nieder, bevor ihnen der Naturschutz zukünftig weitergehende

Vorschriften auferlegen kann. Sie sehen nicht ein,

warum ihnen Termine für das Walzen ihrer Wiesen und

die Berücksichtigung von Abstandsflächen zu Gräben von

unkundigen Bürgern per Volksbegehren „aufgedrückt“

werden. Die Folge: Die Kluft zwischen den Bauern und

Foto: © claas-gruppe.com

88 forum Nachhaltig Wirtschaften


LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH | THEMEN

restlichen Bürgern wächst, der Ton wird schärfer. Auch

der meines Cousins.

Dies ist für Thomas Prudlo, einen der Initiatoren des Volksbegehrens,

völlig rätselhaft. Er hat mit Herzblut an dessen

Inhalten mitgearbeitet, und da er selbst aus einer Allgäuer

Bauernfamilie stammt, kennt er die Nöte gerade der kleineren

Höfe. Aus seiner Sicht stehen die seiner Meinung nach

geringen Belastungen der Bauern in keinem Verhältnis zur

Aufregung, zumal ja nicht nur die Gesellschaft, sondern gerade

auch die Bauern von einer intakten Natur profitieren.

Man denke hier allein an die Bestäubungsleistungen von

Bienen und Insekten.

Dass aber nicht nur von der Landwirtschaft, sondern auch

von anderen Wirtschaftszweigen Belastungen für Mensch

und Umwelt ausgehen, sollte in Zeiten von Klimawandel

und Grundwasserbelastung allgemein anerkannt sein. Die

Bauern fordern deshalb auch zu Recht von den Bürgern selbst

mehr Einsatz für die Artenvielfalt, weniger Mähroboter und

Glyphosat im Reihenhausgarten, Verzicht auf Flugreisen und

SUV-Nutzung.

Größer, schneller, weiter

Ohne gleich wieder über Verursacher und Schuld zu sprechen,

gilt es als erstes, die Faktenlage zu analysieren und

die Schattenseiten unserer Gesellschaft zu beleuchten. Da

müssen wir zunächst gar nicht auf die „bösen Bauern“ und

ihre Gülle, die „nervigen Naturschützer“, die „profitgierigen

Konzerne“ oder die „geizigen Verbraucher“ deuten, sondern

auf uns alle: Unser Konsum- und Wirtschaftsverhalten, unser

„immer mehr, immer größer und immer schneller“ führen zu

Flächenverbrauch, Umweltbelastung, Verkehrsüberlastung,

Ressourcenverschwendung und zur Überforderung von

Mensch, Tier und Umwelt. In Bezug auf die Landwirtschaft

hierzulande bedeutet dies, dass auf immer weniger Fläche

immer mehr produziert werden muss.

Gleichzeitig tobt der Preiskampf im Supermarkt, und die

Schnäppchenjagd der Konsumenten wird über den Lebensmittelgroßhandel

gnadenlos auf dem Rücken der Landwirte

ausgetragen. Diese versuchen in diesem Kampf, durch hohe

Investitionen und noch mehr Arbeit sowie durch modernste

Technologie ihr Überleben zu sichern. Vergeblich! Zwischen

LANDWIRTSCHAFT IN MITVERANTWORTUNG

Anteil der Wirtschaftszweige an den Gesamtemissionen von Treibhausgasen

in der EU, 2016, in Millionen Tonnen CO 2

-Äquivalent und Prozent

430 Landwirtschaft

138

3,1 %

9,7 %

374 Industrie

8,4 %

Abfallwirtschaft

Grafik: © Agrar-Atlas 2019, EC

1.080

Verkehr

24,3 %

2.741

54,4 %

Ohne Änderungen der Landnutzung. Sie

erhöhen die Klimawirksamkeit der Landwirtschaft um bis zu einem Drittel.

Alle Bereiche unserer Gesellschaft tragen Verantwortung. In allen Sektoren muss CO 2

eingespart werden.

Energieerzeugung

AGRAR-ATLAS 2019 / EC

www.forum-csr.net

89


THEMEN | LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH

2005 und 2016 mussten rund vier Millionen kleinbäuerliche

Betriebe schließen. Sie werden durch immer weniger, immer

größere Betriebe ersetzt. Die Folgen für die Natur: Monokulturen

auf immer größeren, maschinengerechten Feldern

ohne Feldraine und Hecken, Massentierhaltung in immer

größerer Zahl. Die vermeintlich notwendige Spezialisierung

birgt eine existenzielle Gefährdung durch starke Preisschwankungen

der landwirtschaftlichen Produkte – nicht

zuletzt wegen der weiträumigeren Handelsverflechtungen.

Auch mein Cousin hat vor einigen Jahren aus Protest gegen

immer weiter fallende Milchpreise tausende von Litern

Milch „entsorgt“. Ähnliche Vernichtungsaktionen zur Preisstabilisierung

gibt es in der EU mit Tomaten, Orangen und

anderen Lebensmitteln.

Überproduktion, Marktregulierungen, Auslese nach optischen

Gesichtspunkten, lange Transportwege und Verluste

GROSSE MEHRHEIT GEGEN DEN TREND ZUM GROSSBETRIEB

Meinungsumfrage zur Lage und Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland, alle Befragten, nach Geschlecht und Alter, in Prozent

Strukturwandel: Dass es in Deutschland insgesamt immer weniger landwirtschaftliche

Betriebe gibt und die verbleibenden Betriebe immer größer werden, bewerten als …

insgesamt

Männer

Frauen

18 bis 29

30 bis 44

45 bis 59

60 und älter

sehr positiv

eher positiv

weder positiv noch negativ

eher negativ

Staatsgelder: Die verbliebenen kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betriebe

sollten besonders stark vom Staat unterstützt werden

insgesamt

Männer

Frauen

18 bis 29

30 bis 44

45 bis 59

60 und älter

insgesamt

Männer

Frauen

18 bis 29

30 bis 44

45 bis 59

60 und älter

ja nein, nicht mehr als auch Großbetriebe weiß nicht

Besondere Leistungen: Landwirtschaftliche Betriebe sollten …

alle unabhängig von ihren Leistungen finanziell

unterstützt werden

alle finanziell unterstützt werden, aber mit mehr

Fördergeldern für besondere Leistungen

sehr negativ

weiß nicht

1 4

17

51

25 2

2 6

25

48

20

3 9

55

31 2

2 2

33

38

23 2

5

15

54 25 1

3 17

52

25 3

1 6 11

54

27 1

73 20 7

65 28 7

81 13 6

69 22 9

75 20 5

69 24 7

78 17 5

nur für besondere Leistungen finanziell

unterstützt werden

grundsätzlich nicht unterstützt werden

weiß nicht

5 49 39 5 2

5 47 39 7 2

5 51 39 3 2

3 71 19 7

6 49 38 6 1

6 44 44 5 1

5 44 45 4 2

76 Prozent der Bundesbürgerinnen

und

-bürger bewerten den

Strukturwandel in

der Landwirtschaft hin

zu größeren Höfen

als negativ oder sehr

negativ. Nur für

5 Prozent ist er positiv.

Fast drei Viertel der

Befragten meinen,

dass die verbliebenen

kleinen und mittleren

landwirtschaftlichen

Betriebe besonders

stark vom Staat unterstützt

werden sollten.

Die Hälfte der Befragten

stimmt zu, dass Agrarbetriebe

zusätzlich

honoriert werden sollten,

wenn sie besondere

Umweltleistungen

für Wasser- bzw. Naturschutz

erbringen.

39 Prozent bejahen

sogar, dass die Betriebe

ausschließlich für solche

Leistungen bezahlt

werden sollten.

Der größte Teil der

Befragten ist offen

dafür, Agrarbetriebe

finanziell zu unterstützen.

Das zeigt, wie

positiv die Bevölkerung

die Landwirtschaft

sieht – und noch

positiver, wenn bei der

Bewirtschaftung Natur

und Umwelt aktiv

geschützt werden.

Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für die Heinrich-Böll-Stiftung, Erhebung im November 2018, 1.010 Befragte, Toleranz plus/minus 3 Prozentpunkte; Differenzen durch Rundung

Der Trend und die Wünsche der Gesellschaft klaffen immer weiter auseinander.

AGRAR-ATLAS 2019 / HBS

Grafik: © Agrar-Atlas 2019, HBS

90 forum Nachhaltig Wirtschaften


LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH | THEMEN

Grafik: © Agrar-Atlas 2019, EC

entlang der gesamten Wertschöpfungskette bringen weltweit

40 Prozent der erzeugten Lebensmittel auf den Müll.

Wir leisten uns diesen Luxus sowie übervolle Kühlschränke,

während gleichzeitig immer noch Millionen von Menschen

auf dieser Welt hungern. Die einen kämpfen in Fitnessstudios

verzweifelt gegen ihr Übergewicht, die anderen ums Überleben.

Ein humanitärer Skandal…

Roboter erobern das Feld, und das Fleisch kommt aus

dem 3-D-Drucker

Trotzdem breitet sich mit den Argumenten des Hungers, einer

wachsenden Weltbevölkerung und nicht zuletzt des Umweltschutzes

einer neuer Trend aus, der die Bauern in die Zukunft

katapultieren soll: Die digitale Landwirtschaft 4.0. Sie macht

vor allem im Silicon Valley neue Investorenmilliarden locker

und soll der nächste große Hype mit folgendem Szenario werden:

Selbstfahrende Maschinen bearbeiten unermüdlich das

Land. Drohnen analysieren laufend die Felder und ermitteln

mit künstlicher Intelligenz den Bedarf an Dünger. Sie entdecken

Schädlinge im Frühstadium und bestimmen Spritzmittel

oder setzen gar natürliche Feinde – zum Beispiel gegen den

Maiszünsler – aus. Sie helfen, den perfekten Erntezeitpunkt

und den erwarteten Ertrag zu berechnen. Der „Bauer“ oder

besser Produktionsingenieur sitzt derweil am Monitor und

überwacht den High-Tech-Einsatz auf dem Feld und die

Fleischproduktion am 3-D-Drucker oder im Fleischreaktor.

Das alles erfolgt nicht zuletzt auch mit dem Hinweis darauf,

dass echte Kühe für den Klimawandel verantwortlich seien

und die Massentierhaltung unmoralisch. Der erste Burger

mit Fleisch aus dem Reagenzglas wurde denn auch – zum

horrenden Herstellungspreis – publikumsgerecht von einem

DIE VERFLECHTUNG NIMMT ZU

Außenhandel der EU-28 mit landwirtschaftlichen Produkten,

Milliarden Euro

150

120

90

60

30

Importe

Exporte

0

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der Internetmilliardäre aus dem Valley tapfer verspeist. Er

und sein Geld suchen neue Anlagemöglichkeiten…

Eine ferngesteuerte, mühelose Landwirtschaft, maschinengerechte

Monokulturen, Einsatz von Robotern sowie Dünger

und Chemikalien, patentiertes Saatgut und Gentechnologie

versprechen denn auch riesige Profite. Nach der Herrschaft

über unsere Daten kommt die computergestützte, absolute

Kontrolle über unsere Nahrungsmittelversorgung. Schöne

neue Welt…?

Nahrungskreisläufe in der Stadt

Zusätzlich soll das Essen – ebenfalls aus ökologischen Gründen

– in die Stadt zurückkommen und in Kreisläufen produziert

werden. Gemüsezucht bei künstlichem Licht, gedüngt

mit dem Abwasser aus Indoor-Fischteichen, Insektenzucht

unter Verwertung von Lebensmittelabfällen, Pilzzucht auf

Kaffeesatz, Kompostwirtschaft und geschlossene Rohstoffkreisläufe

in Hochhäusern unter den Schlagworten Vertical

Gardening und Hydroponic sind angesagt. All diese Entwicklungen

werden und müssen kommen, um die Urbanisierung

zu meistern. Doch vorher ruiniert der globale Wettbewerb

von Lebensmitteln noch die letzten Reste regionaler, bäuerlicher

Traditionen, belastet Boden und Grundwasser und

verursacht einen gigantischen Transportaufwand. Er macht

die Bauern zu Vasallen der Konzerne, verdirbt aufgeklärten

Verbrauchern den Appetit und kostet vielen Menschen ihre

Gesundheit. Kurzfristig werden wir dabei alle zu Verlierern

und bezahlen die Zeche gemeinsam. Länderministerien und

die EU versuchen deshalb seit Jahren – allerdings massiv beeinflusst

von mächtigen Lobbyorganisationen – entsprechend

einzugreifen. Düngeverordnung, Flächenprämien, Tierzuchtregelungen,

Bodenproben, Blühstreifen,

Ausgleichsflächen und vieles mehr

sollen helfen, die ärgsten Missstände zu

beseitigen und das Schlimmste zu verhindern.

Doch ein Zuviel an Regulierung

führt dazu, dass Bauern sich mit einer

unglaublichen Bürokratie konfrontiert

sehen und mehr am Schreibtisch als auf

dem Traktor sitzen. Das kostet Zeit und

Rendite.

Globale Saatgutkonzerne sowie Chemie-

und Industrieunternehmen wollen

„helfen“ und bieten verlockende Problemlösungen.

Doch die bäuerlichen

Familienbetriebe verstricken sich damit

häufig in Schulden und werden abhängig

Es fragt sich, warum die EU ihre Landwirtschaft

so sehr anheizt, dass ein

Exportüberschuss auf Kosten der Umwelt

erwirtschaftet wird.

AGRAR-ATLAS 2019 / ECvon den Saatgut-Pestizidkombinationen,

www.forum-csr.net

Gedruckt auf Steinbeis Charisma Silk – hergestellt aus 100 % Altpapier, ausgezeichnet mit dem Blauen Engel. Ein Produkt der Steinbeis Papier GmbH.

91


THEMEN | LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH

VERLORENE HÖFE

Rückgang landwirtschaftlicher Betriebe nach Bundesländern,

absolut und in Prozent, 2018 zu 2010

Schließungen

5 bis unter 10 Prozent

10 bis unter 15 Prozent

15 Prozent und darüber

Neugründungen

bis 5 Prozent

ohne Stadtstaaten

- 3.840

- 160

- 4.640

Nordrhein-

Westfalen

Rheinland-

Pfalz

Saarland

Niedersachsen

- 1.890

Hessen

- 1.640

Schleswig-

Holstein

- 4.720

- 4.700

Baden-

Württemberg

- 200

+ 200

Mecklenburg-

Vorpommern

+ 210

Sachsen-

Anhalt

Thüringen

- 13.860

Bayern

- 280

Brandenburg

Sachsen

+ 180

Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe geben auf. Der Trend muss

gestoppt werden.

Düngemitteln und Hightech-Angeboten weltweiter Monopolisten.

Angeblich können Freihandelsabkommen wie CETA oder

TTIP den Bauern im Gegenzug helfen, ihre Erzeugnisse international

vermarktbar zu machen. Doch die Folge ist, dass

Agrarprodukte fremde Märkte überschwemmen können,

wie es in Europa gerade im Fall von Rindfleisch aus den USA

AGRAR-ATLAS 2019 / DESTATIS

befürchtet wird. Doch auch wir exportieren – natürlich subventioniert

– landwirtschaftliche Produkte, wie Hühner- oder

Schweinefleisch, etwa nach China oder Afrika. Dort zerstören

wir damit die gewachsenen Markt-Strukturen und Preise

und bei uns zerstören wir durch die intensive Produktion die

Bodengesundheit und Grundwasservorräte...

So gingen im letzten Jahr allein aus Deutschland über zwei

Millionen Tonnen Schweinefleisch in den Export. Gleichzeitig

drohen Deutschland Strafzahlungen wegen seiner Nitratüberschüsse.

Die aktuellen Diskussionen über ein halbherziges

Tierwohlsiegel und eine generell höhere Mehrwertsteuer auf

Fleisch wirken da eher wie ein Ablenkungsmanöver. Experten

und Flächenstaaten fragen, warum der dichtbesiedelte Industriestandort

Deutschland auf eine intensive, industrialisierte

Landwirtschaft statt auf mehr Naturschutz und Naherholungsgebiete

setzt. Doch der Geschäftsführer des deutschen

Bauernverbades skandiert: „Wir schicken die Nachhaltigkeit

dorthin zurück, wo sie hingehört, nämlich in den Wald.“

All You can eat

Zurück zum Status quo: Weltweit sehen Bauern sich bei

fallenden Preisen gezwungen, immer mehr zu produzieren,

um überleben zu können. Oft auf Kosten von Natur und

Familie, nicht nur hierzulande sondern weltweit. Kakao mit

einem dramatischen Preisverfall in den letzten Jahren ist

ein trauriges Beispiel aus Afrika. Der Hunger in der Welt ist

somit nicht ein Problem der global verfügbaren Lebensmittel,

sondern eine Frage, wer sie sich leisten kann. Wir leisten uns

den Luxus, zu viel zu essen und achten eher auf Quantität

statt Qualität – mit den bekannten gesundheitlichen Folgen

und einer offensichtlichen Zunahme der Dickleibigkeit. Ein

globaler Teufelskreis, und es gäbe noch viel zu erzählen, zum

Beispiel, wie unsere Futtermittelimporte für das Abholzen

Buch-Tipps

Heinrich-Böll-Stiftung u.a. (Hrsg)

Agrar-Atlas

Daten und Fakten zur EU-Landwirtschaft

Die EU-Agrarpolitik ist ein bürokratisches

Monstrum und für Laien kaum zu verstehen.

Viele wissen nicht einmal, dass

es sie gibt. Alle sieben Jahre wird sie

überarbeitet, und trotzdem fördert sie

ein falsches System. Sie ist nicht auf das

ausgerichtet, was vielen von uns wichtig

ist: gesunde und leckere Lebensmittel,

artgerechte Haltung von Tieren, Schutz von Gewässern, Vögeln und

Insekten. Das Geld wird pro Hektar Fläche vergeben. Die größten

Betriebe bekommen das meiste, während Programme für den Erhalt

kleiner Bauernhöfe völlig unterfinanziert sind. Darum gibt es diesen

Atlas. Er zeigt, wie eng die EU-Landwirtschaft mit unserem Leben und

unseren Lebensräumen verwoben ist. Er zeigt auch, wie wenig von

dem Geld der GAP den Zielen zugutekommt, die sich Europäerinnen

und Europäer von der Landwirtschaft wünschen.

2019, 52 Seiten, ISBN 978-3-86928-188-9, kostenlos

www.boell.de

Heinrich-Böll-Stiftung u.a. (Hrsg)

Konzernatlas

Daten und Fakten über die Agrar- und

Lebensmittelindustrie

Die Produktion von Lebensmitteln hat

nur in seltenen Fällen etwas mit bäuerlicher

Landwirtschaft, mit traditionellem

Handwerk und einer intakten Natur zu

tun. Sie ist heute weltweit vor allem

ein einträgliches Geschäft von wenigen

großen Konzernen, die sich die Felder

und Märkte untereinander aufteilen.

Und der Trend zur Machtkonzentration geht weiter. Übernahmen

wie die von Monsanto durch Bayer oder die Aufteilung der Märkte

von Kaisers/Tengelmann zwischen Rewe und Edeka sind nur die

Spitze eines Eisberges, zu dem eine problematische Marktmacht und

großer politischer Einfluss gehören. Außerdem ist die industrielle

Landwirtschaft weltweit für gravierende Klima- und Umweltprobleme

verantwortlich.

2017, 52 Seiten, kostenlos

www.boell.de

Grafik: © Agrar-Atlas 2019, Destatis

92 forum Nachhaltig Wirtschaften


LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH | THEMEN

des Regenwaldes verantwortlich sind, wie der Pestizideinsatz

Bodenlebewesen und Artenvielfalt den Garaus macht, wie

Flächenfraß unsere Heimat und Raffgier unsere Gemeinschaften

zerstört. Da erscheint die eingangs erwähnte Wut

der Bauern auf die Naturschützer fast wie eine Farce...

Save bees and farmers – Bienen und Bauern retten

Doch forum will nicht die Probleme, sondern Auswege

aufzeigen. Es gilt, kurzfristig neue Lösungen zu finden, die

gleichermaßen Bienen und Bauern, Natur und Gesellschaft,

Wirtschaft und Verbrauchern zugutekommen. Eine verantwortungsbewusste

Mischung aus Landwirtschaft 4.0,

der Förderung bäuerlicher Strukturen, der Nutzung von

traditionellem Wissen und dem Verzicht auf Chemikalien

und Gifte. Die Zeit eilt, denn der Artenverlust galoppiert

und der Klimawandel ruft nach verstärktem Engagement. In

Europa formiert sich dazu ein breites, zivilgesellschaftliches

Bündnis zur Rettung der Artenvielfalt und der bäuerlichen

Landwirtschaft. Organisationen aus ganz Europa reichten im

August in Brüssel die Europäische Bürgerinitiative (EBI) „Save

bees and farmers – Bienen und Bauern retten!“ ein. Sie will

den Einsatz gefährlicher Pestizide beenden und Bäuerinnen

und Bauern bei der Umstellung zu einer gesünderen und

umweltfreundlicheren Produktionsweise unterstützen. Die

EU-Kommission hat nun zwei Monate zeit, die Bürgerinitiative

zu prüfen. Sobald sie die Registrierung bestätigt, will das

Bündnis innerhalb eines Jahres eine Million Unterschriften

in Europa sammeln.

Es bleibt keine Zeit

Die Wissenschaft gibt den Aktivisten recht: Ohne tiefgreifende

Veränderungen unserer landwirtschaftlichen Produktion,

aber auch unserer Siedlungspolitik und Bodenversiegelung

wird der Kollaps unserer Ökosysteme nicht aufzuhalten sein.

Ein Viertel der Wildtiere Europas ist vom Aussterben bedroht,

der Bestand der Feldvögel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten

halbiert. Viele Bienenarten und andere bestäubende

Insekten drohen auszusterben. Und auch die Bauern drohen

bald auf der „roten Liste“ der gefährdeten Arten zu stehen.

Gegenwärtig leiden ausgerechnet die vielfältigen bäuerlichen

Betriebe unter der industriell ausgerichteten EU-Agrarpolitik.

Bienensterben und Höfesterben haben damit dieselbe

Ursache. Karl Bär vom Umweltinstitut München betont: „Die

industrielle Landwirtschaft ist das Epizentrum des ökologischen

Erdbebens, das uns erschüttert. Die Wissenschaft lässt

keinen Zweifel daran, dass wir in der Landwirtschaftspolitik

einen ganz grundlegenden Systemwandel benötigen, um Bienen

und Bauern zu retten. Unsere neue EU-Bürgerinitiative

wird ein Weckruf an die Politik, endlich die Interessen der

Bevölkerung über die der Agrarkonzerne zu stellen.“

Treibhaus ohne

Treibhauseffekt.

Die Zukunft beginnt heute.

Wie sie aussehen wird, liegt an uns.

myclimate.org / zukunft

www.forum-csr.net

93


THEMEN | LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH

POLITISCHE INSTRUMENTE

EINSETZEN

für einen Wandel in Landwirtschaft und Ernährung

Es gibt Tage, da sind die Nachrichten voll von landwirtschaftlichen Themen: Klimawandel und Ernährung,

Nitratüberschüsse, Biodiversitätsverluste, Mehrwertsteuererhöhung für Fleisch… Dann hat man den Eindruck,

die gesamte Republik wünschte sich nichts dringlicher, als eine beherzte Wende hin zu einer ganz

anderen Landwirtschaft und Ernährung…

Von Felix Prinz zu Löwenstein

… doch die gegenwärtige Landwirtschafts- und Ernährungspraxis

sieht anders aus. Dabei sind diese Wünsche ganz

und gar im Einklang mit dem breiten wissenschaftlichen

Sachverstand, der eine solche Wende dringend einfordert.

Denn zu groß, zu offensichtlich und zu beängstigend sind die

Probleme angewachsen. Zu teuer kommen uns längst unsere

scheinbar so billigen Lebensmittel zu stehen. Umso mehr

verwundert, wie wenig konkrete Veränderungsbereitschaft

in der Politik wahrzunehmen ist. Denn jenseits der dem

Zeitgeist angepassten Rhetorik überwiegt das „Weiter so“.

Dabei gäbe es so viele Instrumente, mit denen Veränderung

erreicht werden könnte.

Regulierungen auf dem Rücken der Bauern

Da ist zum einen die Ordnungspolitik: Von ihr wird bereits

reichlich Gebrauch gemacht. Je nachdem, wen man fragt,

viel zu wenig oder längst überzogen und zu viel. Ein aktuelles

Beispiel ist die Dünge-Verordnung. Mit ihr soll das Ausbringen

von Wirtschaftsdünger und Düngemitteln so geregelt werden,

dass nicht so viel Nitrat und Phosphat im Wasser landen,

dass die europäischen Grenzwerte überschritten werden.

Seit 27 Jahren hat es die deutsche Politik, kräftig von den

Interessen einer industriellen Landwirtschaft in die Zange

genommen, nicht geschafft, die Nitratrichtlinie der Europäischen

Union wirksam umzusetzen. Auf den letzten Metern,

in Erwartung millionenschwerer Strafzahlungen, werden nun

Regelungen gestrickt, die, wenn sie von der Europäischen

Union anerkannt werden sollen, den Bauern sehr viel abverlangen

werden. Viele befürchten, die Wirtschaftlichkeit

ihrer ohnehin schon kaum noch rentablen Betriebe könnte

dabei endgültig verloren gehen. Ähnlich geht es den Ferkelerzeugern,

die nicht wissen, welche der derzeit diskutierten

Methoden, unter Schmerzausschaltung die Kastration männlicher

Tiere vorzunehmen, erlaubt sein und wirken wird. Der

Entzug der Zulassung von insektenschädlichen oder die Gesundheit

des Menschen bedrohenden Pflanzenschutzmitteln

verunsichert die Ackerbauern, die ihre Produktionsmethoden

seit Jahrzehnten auf den Einsatz solcher Mittel eingerichtet

haben. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Gemeinsam

ist all diesen Beispielen, dass es die Landwirtschaft ebenso

wie die Politik versäumt haben, Alternativen zu erarbeiten,

als sich die Probleme zu zeigen begannen. Und das ist schon

sehr lange her! Gewohnt daran, dass sich durch politischen

Druck Änderungen verhindern lassen, hat man den Bauern

und den Verbrauchern – suggeriert: Alles kann bleiben wie

es ist. Erst dadurch sind die Brüche, die jetzt unausweichlich

geworden sind, so schmerzlich geworden.

Wer zahlt die Zeche?

Auch mit Fiskalpolitik könnten Änderungen erreicht werden.

Zwar liegen schon seit Langem Vorschläge für eine ökologische

Steuerreform in allen Wirtschaftsbereichen vor.

Der Anlass für solche Vorschläge ist, dass es viele Produkte

(wie Benzin, Flugreisen oder Fleisch) gibt, die nur deshalb

billig sind, weil der Großteil der bei ihrer Produktion entstehenden

Kosten externalisiert, also auf die Allgemeinheit

oder künftige Generationen abgeladen wird. Die Idee ist,

diese externalisierten Kosten – wenigstens teilweise –

durch Steuern oder Abgaben auszugleichen und so dafür

zu sorgen, dass der Markt wieder in die Lage versetzt wird,

richtig zu reagieren.

Erst jetzt, mit der Diskussion um Steuern auf CO 2

-Produktion

oder auf Fleisch, gibt es für solche Konzepte eine breitere

Wahrnehmung. Spannend sind dabei neue Vorschläge,

94 forum Nachhaltig Wirtschaften


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SICHERE ÖKO-ROHWAREN

IN VERBANDS-QUALITÄT

Fotos: © PointImages, fotolia.com | © PeJo, fotolia.com | © Stefan Simon

Seit 29 Jahren ist die Marktgesellschaft

der Naturland Bauern AG eine der wichtigsten

Zulieferer für Öko-Verarbeiter in

Deutschland.

Der wachsende Bio-Markt braucht starke

Partner und Erfahrung. Nicht nur der

Bio-Fachhandel, sondern auch der Lebenseinzelhandel

und die Drogeriemärkte setzen

immer stärker auf heimische Verbandsware.

Hier sind immer größere Mengen in gleichbleibend

hoher Qualität gefragt, aber auch

kleine Mengen für Nischenprodukte wie

Hanfnüsse, Sonnenblumenkerne oder Soja

aus Deutschland.

Die Marktgesellschaft der Naturland Bauern

liefert Rohwaren von über 2.200 Bäuerinnen

und Bauern an Verarbeitungsunternehmen

wie Mühlen, Mälzereien, Tofu-Werke oder

Metzger. Mit großem Engagement und exzellentem

Service entwickeln die Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter der Marktgesellschaft

gleichzeitig den Bio-Markt weiter. So

etwa mit Systemen zur Rückverfolgbarkeit

bis zum einzelnen Bio-Hof. Das gibt nicht nur

den Verbraucherinnen und Verbrauchern,

sondern auch den Verarbeitern und dem

Handel größtmögliche Sicherheit woher das

Bio-Produkt kommt.

Darüber hinaus können Verarbeiter von

Bio-Lebensmitteln kaum Verarbeitungs-

Hilfsstoffe einsetzen. Deshalb sind Inhaltsstoffe

und die Produktqualität bei Bio-Rohwaren

von höchster Bedeutung. Denn nur

dann gelingt z. B. bei Backwaren richtig

gutes, lockeres Gebäck.

Als Netzwerker zwischen Bio-Bauernhof

und Handel plant die Marktgesellschaft

nachhaltig gemeinsam mit allen Partnern

entlang der Wertschöpfungskette.

Das gibt den Bio-Landwirten wirtschaftliche

Sicherheit und das gute Gefühl der

Wertschätzung. Wer spricht schon von

fairem Handel, wenn es um Produkte aus

Deutschland geht? Die Marktgesellschaft

der Naturland Bauern vermarktet zu 95

Prozent Ware von heimischen Betrieben

und lebt faire Zusammenarbeit seit ihrer

Gründung. Die kleine Aktiengesellschaft

mit 950 Aktionärinnen und Aktionären ist

zu 100 Prozent in Bauernhand.

Mehr erfahren Sie unter

www.marktgesellschaft.de

www.forum-csr.net

95


THEMEN | LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH

den Ertrag einer solchen Steuer pauschal auf diejenigen

zurück zu verteilen, die sie erbracht haben. So haben im

Frühjahr 2019 über 3.500 führende Ökonomen der USA

eine hohe CO 2

-Steuer (ca 300 US $ je t) vorgeschlagen, die

1:1 pro Kopf an die Bevölkerung zurückgegeben wird. Damit

würden also diejenigen, die viel CO 2

erzeugen (meist reichere

Leute) an diejenigen zahlen, die wenig verbrauchen.

Gleichzeitig wäre der wirtschaftliche Anreiz, CO 2

-arme

Produkte und Produktionsverfahren zu entwickeln, auf

einen Schlag riesengroß. So würde z.B. die Entwicklung

Energie sparender Kühlsysteme, wie sie heute schon von

Pionieren der Naturkostbranche vorangetrieben wird,

sofort auf Massen-Nachfrage treffen. Analog könnte man

z.B. mit Pestiziden verfahren – ein Konzept dafür wurde

2015 vom Hemholtz-Zentrum für Umweltforschung erstellt.

Dessen Vorschlag, eine nach Umwelt-Toxizität gestaffelte

Abgabe auf Pestizide zu erheben und so die Suche nach

nicht-chemischen Alternativen wirtschaftlich interessanter

zu machen, könnte man mit der Idee der amerikanischen

Ökonomen verbinden: Indem man den Ertrag der Abgabe

je Hektar an alle Landwirte zurückgibt, also auch hier eine

Umverteilung von Wenig-Verwendern zu Viel-Verwendern

vornimmt. Der Vorteil: Das Geld bleibt in der Landwirtschaft,

was eine solche Abgabe leichter akzeptabel macht.

Enkeltauglich ist gar nicht so schwer

Eigentlich könnte man die gesamte Landwirtschaft – so wie

die gesamte Wirtschaft – per Ordnungs- und Fiskalpolitik

enkeltauglich machen. Da gibt es aber zwei Probleme: Erstens

hat nicht jeder das Vertrauen, dass von Politikern und

Beamten ersonnene Vorschriften immer praktikabel und

zielführend sind und dass infolgedessen Eigeninitiative und

Kreativität der Wirtschaftsbeteiligten überflüssig würden.

Zweitens – und das wiegt noch schwerer: Solange von Wirtschaftsräumen,

in denen schärfere Bestimmungen nicht

gelten, Produkte zu uns eingeführt werden können, kann

man solche Verschärfungen nur in sehr beschränktem Rahmen

vornehmen. Denn sonst würde die Produktion einfach

dorthin auswandern, wo man billiger produzieren kann.

Es braucht deshalb dringend Regelungen auf Europäischer

Ebene und Handelsverträge, durch die der Unterschied

zwischen hohen und niedrigen Standards durch eine Grenzabgabe

ausgeglichen werden kann. Das ist fatalerweise in

derzeitigen Freihandelsabkommen nicht vorgesehen, obwohl

selbst die geltenden WTO-Bestimmungen das nicht

als „unfaires Handelshemmnis“ einstufen würden. Hier ist

die Europäische Politik dringend gefordert und solange es

nur ein paar Öko- und Umweltverbände sind, die so etwas

wollen und solange die großen Player der Wirtschaft zugunsten

ihrer Importchancen schon die Diskussion solcher

Ideen verweigern, wird im internationalen Handel weiterhin

derjenige die besten Chancen behalten, dem es am

besten gelingt, seine Kosten zulasten von Umwelt, Natur,

Tierwohl oder den Lebenschancen künftiger Generationen

zu externalisieren.

Wer zahlt, schafft an

So sagt man zumindest in Bayern und deshalb ist ein letztes

Instrument, über das im Zusammenhang mit der Europäischen

Agrarpolitik so intensiv diskutiert wird, von so großer

Bedeutung: Die Zahlungen der EU an die Landwirte. Diese

werden derzeit zum weit überwiegenden Teil per Hektar

ausgezahlt. Die Gegenleistung ist die Einhaltung geltender

Gesetze. Auch wenn die Bundesregierung dafür eintritt,

einen größeren Anteil dieser Zahlungen an die Erfüllung

von Umweltleistungen – etwa durch Umstellung auf Ökologischen

Landbau – zu knüpfen, will sie trotzdem von den

Hektar-Beihilfen nicht abrücken. Zu groß sei die Abhängigkeit

der bäuerlichen Einkommen von diesen Zahlungen. Man

fragt sich zwar, weshalb jemand mit mehr Hektar mehr

Einkommensübertragung benötigt als jemand mit wenigen.

Aber grundsätzlich stimmt der Einwand durchaus. Nur ist es

hier wie mit den eingangs geschilderten ordnungspolitischen

Maßnahmen: Es ist nicht zu erwarten, dass der europäische

Steuerzahler auf ewig damit einverstanden sein wird, dass 40

Prozent des EU-Budgets für die Belohnung von Flächenbesitz,

nicht aber für das Erbringen konkreter Leistungen bezahlt

wird. Je länger man den Umbau dieses Fördersystems aber

hinausschiebt, desto dramatischer werden die Brüche für die

landwirtschaftlichen Betriebe. Deshalb ist es unabdingbar,

jetzt zu sagen, wie in 10 Jahren ein Fördersystem aussehen

soll, das zu 100 Prozent Leistungen bezahlt, die Bäuerinnen

und Bauern für die Gesellschaft erbringen sollen, für die

der Markt sie jedoch nicht (ausreichend) belohnt. Und dann

muss man heute in einen solchen Umbau einsteigen und ihn

schrittweise zum erforderlichen Resultat bringen. Nur dann

wird es im Übrigen gelingen, das EU-Geld weiterhin für die

Landwirtschaft zur Verfügung zu halten – wo es gebraucht

wird, um die Anforderungen für Umwelt-, Tier- und Klimaschutz

zu erfüllen, auf die wir alle gemeinsam so dringend

angewiesen sind.

Natürlich müsste in der Besprechung der politischen Instrumente

für einen Wandel in Landwirtschaft und Ernährung

noch vieles mehr angesprochen werden: Forschung, Ernährungsbildung,

öffentliches Beschaffungswesen – um nur drei

Felder zu benennen. Wichtig ist jetzt aber vor allem: Der

Druck der öffentlichen Meinung auf die Politikmacher darf

nicht nachlassen, sondern muss im Gegenteil sogar noch

stärker werden!

DR. FELIX PRINZ ZU LÖWENSTEIN

ist Landwirt in Südhessen – allerdings hat er seinen Betrieb schon

an die nächste Generation übergeben. Er hat viele Jahre Erfahrung

in der Entwicklungshilfe und ist seit 20 Jahren in der politischen

Vertretung des Ökologischen Landbaus aktiv – seit seiner Gründung

2002 als Vorstandsvorsitzender des Dachverbandes der Biobranche

in Deutschland, Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Seine Recherchen und Gedanken zur Möglichkeit, Ökologische Landwirtschaft

weltweit zur Alternative für die Industrielle Landwirtschaft

zu machen, hat er in zwei Büchern („Food Crash“ und „Es ist genug

da für Alle“) zu Papier gebracht.

96 forum Nachhaltig Wirtschaften


DER PIONIER DER ÖKO-

SOZIALEN AGRARKULTUR

Foto: © Andrea Klepsch

„Auf dem Bio-Bauernhof bei der Stallarbeit anpacken, mit den Kühen nonverbal kommunizieren, in den

Sog ihrer Gleichmut geraten, aber auch ins Kräftemessen gehen, wenn sie dich beim Melken an die Wand

drücken. Oder Stier Manfred in seiner unruhigen Ruhe wahrnehmen, das sind unmittelbare Erfahrungen

der Lebendigkeit,“ erzählt Franz-Theo Gottwald im Gespräch mit forum nachhaltig Wirtschaften, um

gleich zum nächsten Wirkungsfeld überzuleiten: „An diese Lebendigkeit und die Rückkopplung an das

Ursprüngliche gilt es bei der Umsetzung der Agrarwende anzuknüpfen. Das Erleben der wechselseitigen

Verbundenheit gibt Impulse und öffnet Denk- und Handlungsräume. Diese sind dringend nötig, um eine

zukunftsfähige Land- und Lebensmittelwirtschaft co-kreativ und innovativ zu realisieren.“

www.forum-csr.net

97


THEMEN | LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH

Prof. Dr. Franz-Theo

Gottwald ist Agrar- und

Umwelt-Ethiker, Politikund

Unternehmensberater

sowie Vorstand der

Schweisfurth Stiftung.

Mit viel Herzblut und

Sachverstand fördert er

Dialog und Entwicklung

einer enkeltauglichen

Landwirtschaft. Im forum

Interview zeigt er einen

Weg in die Zukunft der

Landwirtschaft.

„Es ist ein Irr glaube,

allein Betriebsgröße und

Ertrags steigerung würden

die Landwirtschaft

zukunftsfähig machen.“

Herr Gottwald, was bedeutet ganzheitlicher

Mitweltschutz und worin unterscheidet sich

die öko-soziale Agrarkultur von der industriellen

Landwirtschaft?

Ich will die Antwort mit den zentralen Aussagen

von zwei Büchern geben, die mich stark

geprägt haben. 1982 erschien „Die erwachende

Erde“ des englischen Mathematikers und

Bewusstseinsforschers Peter Russell. Seine

Einsichten darüber, dass alle Lebensformen

auf dem Planeten Erde zusammenwirken,

um co-kreativ eine gemeinsame Sozio- und

Biosphäre zu gestalten, beschreiben meine

Haltung allem Lebendigen gegenüber und

sind die Grundlage für einen ganzheitlichen

Mitweltschutz.

Das 1984 erschienene Buch „Wege zum

Frieden mit der Natur“ des deutschen Physikers

und Naturphilosophen Klaus Michael

Meyer-Abich eröffnete mir den Ansatz einer

postfossilen und Postwachstumswirtschaft.

Dies bestärkte meine Abkehr von dem Einsatz

fossiler und synthetischer Dünge- und

Pflanzenschutzmittel sowie die Auseinandersetzung

mit dem Irrglauben, allein Betriebsgröße

und Ertragssteigerung würden die

Landwirtschaft zukunftsfähig machen. Neue

Handlungsansätze stehen seither für mich

im Zentrum einer öko-sozialen Agrarkultur.

Sie beschreiben Zukunftsvisionen aus den

80iger Jahren. Haben diese den Nachhaltigkeitsdiskurs

bis heute geprägt?

Ja, bereits 1986 haben wir das in der Stiftung

gemeinsam mit Vordenkern wie dem

Systemforscher Frederik Vester entwickelte

Leitbild der öko-sozialen Agrarkultur in die

gesellschaftliche und politische Diskussion

eingebracht. Es gab damals wenige Quellen,

der Biolandbau war organisatorisch und publizistisch

in der Pionierphase, viele wissenschaftliche

Fragen zur Agrarökologie, zur guten und

zukunftsfähigen Haltung agrarisch genutzter

Tiere, zu einer ganzheitlichen Bewirtschaftung

ökologischer Betriebe waren offen. Deshalb

habe ich Agrarkultur als übergeordneten Rahmen

definiert, in dem die Entwicklung einer

ökologisch zuträglichen, sozial verträglichen

und ökonomisch belastbaren – heute würde

man sagen: enkeltauglichen – komplexen

Land- und Lebensmittelwirtschaft in regionalen

Kreisläufen stattfindet. Es ist ein Leitbild

für eine systemische Alternative, in der Essen

und Trinken entlang der Wertschöpfungsketten

neu organisiert werden. Auf jeder Stufe steht

im Mittelpunkt, die Lebendigkeit zu fördern,

Leben während des Nutzens zu schützen, verantwortbar

zu handeln.

Und wie wurde das praktisch umgesetzt?

Karl-Ludwig Schweisfurth ist bereits Ende der

80iger Jahre in die Erprobung und Umsetzung

des Leitbildes gegangen. Mit dem Aufbau der

Herrmannsdorfer Landwerkstätten im Osten

Münchens, also einer Bio-Landwirtschaft in

Verbindung mit der handwerklichen Lebensmittel-Verarbeitung,

ist er konsequent den

Weg einer regionalen Vermarktung gegangen.

Bis heute sind diese Landwerkstätten ein Vorzeigebetrieb,

der international Anerkennung

bekommt – beispielsweise ganz aktuell durch

den Besuch von Prinz Charles und Herzogin Camilla

im Mai 2019 oder durch internationale Besuchergruppen,

die sich hier inspirieren lassen.

Wo steht die Land- und Lebensmittelwirtschaft

nach über 30 Jahren Diskussion und

Erprobung neuer Wege?

Im Grundsatz hat das Leitbild bis heute

Bestand. Selbstverständlich arbeiten wir

kontinuierlich an seiner Weiterentwicklung.

So konnte ich zum Beispiel 2007 mit dem ehemaligen

EU-Agrarkommissar Franz Fischler

eine Aktualisierung vornehmen. In unserem

Buch „Ernährung sichern“ haben wir das

Konzept einer multifunktionalen Land- und

Lebensmittelwirtschaft auch mit Bezug auf

seine öko-sozialen Wirkungen im globalen

Maßstab reflektiert.

Braucht es in Zeiten der Erderwärmung und

ihrer dramatischen Auswirkungen auf die

Landwirtschaft eine weltweite Agrarkultur

2.0?

Wir haben die Perspektive des globalen

Südens und des wachsenden Bedarfs an Nahrung

in Südostasien eingenommen und mit

Rückgriff auf viele wissenschaftlich belastbare

Daten nachgewiesen, dass eine ökologische

Ernährung „vom Acker auf den Teller“ im

Weltmaßstab nicht nur notwendig ist, sondern

auch ginge – wenn denn der politische

Wille zur Gestaltung in der Weltgemeinschaft

dafür mobilisiert werden kann.

Kann die Generation Fridays for Future der

öko-sozialen Agrarkultur in der Breite zum

Durchbruch helfen?

Ich hoffe sehr und arbeite derzeit zusammen

mit Prof. Franz Josef Rademacher, dem

98 forum Nachhaltig Wirtschaften


LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH | THEMEN

Vordenker für eine öko-soziale Marktwirtschaft,

und mit Jan Plagge, dem IFOAM-EU

Präsidenten (Internationale Vereinigung

der ökologischen Landbaubewegungen), an

einem Buch mit dem Titel „Klimapositive

Landwirtschaft geht!“

Sie sprachen Eingangs von Co-Kreativität.

Was genau meinen Sie damit?

Damit wir die Agrarwende endlich in der Breite

vollziehen, sind Forderungen wie sie die

Generation Fridays for Future erheben, wichtig.

Genauso wichtig ist, dass wir Netzwerke

bilden, dass Unternehmen, Verbände und

Organisationen der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten

und so Kräfte zur Umsetzung

mobilisieren. Menschen zusammenbringen,

Brücken bauen ist eine meiner Stärken, die

ich in der Stiftungsarbeit nutze. So haben wir

Herausragende Verdienste

zum Beispiel zusammen mit dem Deutschen

Tierschutzbund, mit der Verbraucherzentrale

Bundesverband und dem Bund für Umweltund

Naturschutz Deutschland eine „Allianz

für Tiere in der Landwirtschaft“ gebildet, die

die Tierwohldebatte in Deutschland stark gemacht

hat: Themen wie ein einheitliches Tierwohlsiegel,

Stallbau TÜV und Innovationen

in der Tierhaltung zum Wohl der Nutztiere

sind über lange Zeit mit dieser Allianz nach

vorne gebracht worden. Derzeit wirke ich als

Aufsichtsratsvorsitzender bei der Stiftung des

World Future Council daran mit, dass weltweit

beste nationale Politiken für Agrarökologie,

Kleinbauernschutz und Ernährungssouveränität

durchgesetzt werden, wie zum Beispiel in

Sikkim, wo ein ganzes indisches Bundesland

nur noch ökologisch wirtschaftet.

Und in Ihrem Heimatland, dem Freistaat

Bayern, was tun Sie dort?

Gemeinsam mit dem Landwirtschaftsministerium

und den Verbänden des Lebensmittelhandwerks

haben wir den Verein Kulinarisches

Erbe Bayern ins Leben gerufen. Ziel

ist die Förderung der regionalen Land- und

Lebensmittelwirtschaft. Traditionelle Rezepte

und regionalspezifische Gerichte in allen

bayerischen Bezirken machen eine Ökologie

der kurzen Wege schmeckbar. Das fördert

den Tourismus und unterstützt die lokale

Vernetzung mit Gastronomie und Hotellerie.

„Wir haben eine 'Allianz

für Tiere in der Landwirtschaft'

gebildet, die

die Tierwohldebatte

in Deutschland stark

gemacht hat.“

Foto: © Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz

Der 63-jährige Theologe und promovierte Philosoph

Franz-Theo Gottwald arbeitet seit 33

Jahren am Leitbild der öko-sozialen Agrarkultur

und deren Umsetzung. Nach dem Studium und

praktischer Arbeit zur Bewusstseinsentwicklung

– u.a. in einem Gefängnis in Manila, Philippinen

– nahm er als selbstständiger Organisationsberater

den Auftrag des Unternehmers und Metzgermeisters

Karl-Ludwig Schweisfurth an, das wissenschaftliche

Konzept für die sich in Gründung

befindende Schweisfurth Stiftung in München zu

entwickeln. Konsequent setzt er sich seither für

den ganzheitlichen Mitweltschutz und den von

der Stiftung geprägten Ansatz der öko-sozialen

Agrarkultur ein. 2018 verlieh ihm Dr. Marcel Huber

(links), Staatsminister im Bayerischen Staatsministerium

für Umwelt und Verbraucherschutz

2014-2018, die Bayerische Staatsmedaille für herausragende

Verdienste um die Umwelt.

Sie sind in Ihrer Arbeit mit Entwicklungen wie

Bauernhöfesterben und Boden als Spekulationsobjekt

der Finanzwirtschaft konfrontiert.

Was ist Ihre persönliche Kraftquelle, um sich

weiter für die Transformation einzusetzen?

Die vielen Ansätze im Boden-, Pflanzen- und

Tierschutz, die gerade in den letzten zehn

Jahren auf der ganzen Welt erprobt und weiterentwickelt

werden, motivieren mich, hartnäckig

zu bleiben. Permakultur, regenerative

Landwirtschaft und Solidarische Landwirtschaft

sind dafür gute Beispiele. Hoffnung gibt

mir die zunehmende Anzahl – auch begleitet

von der Stiftung – von Dialogen zwischen

Stadt und Land, um gemeinsame Wege für ein

gutes Leben und Wirtschaften im regionalen

Kontext zu finden. Und ganz persönlich schöpfe

ich Kraft aus gemeinsamen Wanderungen

mit meiner Frau durch europäische, agrarisch

geprägte Kulturlandschaften. Und dem Miteinander

in meinem Heimatdorf. Last but not

least: Phasen der inneren Einkehr.

„Hoffnung geben Dialoge

zwischen Stadt und Land,

um geinsame Wege für

ein gutes Leben und Wirtschaften

zu finden.“

www.forum-csr.net

99


THEMEN | LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH

100 forum Nachhaltig Wirtschaften


LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH | THEMEN

SCHOKOLADE

immer eine Sünde wert?

Schokolade ist lecker, hebt die Stimmung und gilt als eine süße Belohnung. Doch ein Großteil der in

Deutschland und Österreich konsumierten Schokolade kommt nicht aus nachhaltiger Kakaoproduktion.

Und auch bei „bio“ und „fair“ produziertem Kakao gibt es große Unterschiede. forum zeigt die gesamte

Bandbreite von „geht gar nicht“ bis zur „Champions League“ in Sachen Schokoladengenuß.

Von Fritz Lietsch

Foto: © Andy Johnson, flickr.com

Kakao (Theobroma cacao) wächst nur bei mittleren Jahrestemperaturen

von 22-25°C und Niederschlägen von etwa

2.000 Litern pro Quadratmeter. Längere Trockenzeiten übersteht

er nicht. Das sind genau die Anforderungen, die auch

tropische Regenwälder benötigen. Legt man eine Karte geeigneter

Kakaoanbauflächen über eine Weltkarte, so überlagern

diese sich fast vollständig mit den Gebieten ehemaliger und

existierender tropischer Regenwälder. Damit sind schon zwei

Probleme des Kakaohandels genannt. In Europa produzierten,

regionalen Kakao – mit kurzen Lieferwegen – kann es

nicht geben! Und: Der Kakaoanbau steht in unmittelbarer

Flächenkonkurrenz zu den artenreichsten Ökosystemen der

Erde. Schlecht für letztere, denn unser Hunger nach Kakao

wächst kontinuierlich. Somit müssen immer mehr Regenwälder

den Kakaoanbauflächen weichen. Verstärkt wird dieser

Trend auch dadurch, dass in vielen Regionen der Erde gerade

erst eine Mittelschicht entsteht, die unter anderem auch das

will, was wir schon lange haben: Schokolade!

So konsumieren Chinesen bislang nur 70 g Schokolade pro

Kopf und Jahr, verschwindend wenig im Vergleich zu den 7

kg, die jeder Europäer im Jahr verspeist, oder der 9,12 Kilogramm

bzw über 90 Tafeln Schokolade im Durchschnitt pro

Jahr (Angaben des BDSI für 2017) die wir uns in Deutschland

alljährlich zu Gemüte führen. Nimmt man die schokoladehaltigen

Lebensmittel dazu sind es gar 11.2 kg. Doch die

Lust auf Schokolade steigt nun auch in Asien rapide. So hat

sich etwa der Schokoladenkonsum in China in den letzten

10 Jahren glatt verdoppelt. Schlechte Nachrichten also für

Regenwälder. Allein in Ghana, nach der Elfenbeinküste der

zweitgrößte Kakaoproduzent der Welt, hat die Zerstörung

von Wäldern zwischen 2017 und 2018 um 60% zugenommen,

hauptsächlich um Platz für weitere Kakaoplantagen zu

schaffen. Schuld an dieser Entwicklung haben aber nicht nur

die Konsumenten, die billige Schokolade en masse kaufen,

Treiber dieser Entwicklung sind auch die miserablen Anbaumethoden

in den Produktionsländern.

www.forum-csr.net

101


Der Anbau von Kakao wurde für die afrikanischen Bauern zum Teufelskreis. Fallende Weltmarktpreise, magelnde Ausbildung und ausgelaugte

Böden treiben sie unter die Armutsgrenze. Ein Umstieg ist schwer möglich. Nur mit Kinder- und Sklavenarbeit können sie sich

über Wasser halten. Zeit für einen wirklich fairen Handel.

Mit gutem Beispiel vorangehen

Nominiert für den deutschen Nachhaltigkeitspreis

Bei der grünsten Gala Deutschlands in Düsseldorf steht in diesem

Jahr ein Projekt in Sachen Kakao als Preisträger auf der Bühne. Die

Jury schreibt dazu: „Der Kakao-Importeur PERÚ PURO GmbH setzt

auf Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das

Unternehmen bezieht den Kakao direkt von 45 Kleinbauern in Peru

und lässt ihn zu hochwertigen Produkten verarbeiten. Für PERÚ

PURO sind die Kleinbauern von Beginn an Partner auf Augenhöhe.

Der Firmengründer Dr. Arno Wielgoss arbeitet seit 20 Jahren eng mit

ihnen zusammen und sein gemeinnütziger Verein „Frederic Hilfe für

Peru“ unterstützt sie mit Projekten im Bereich Gesundheit, Bildung,

Nutzung regenerativer Energien und ökologischem Landbau. Durch

die Aus- und Weiterbildung der Kakaobauern, erkennen diese die Bedeutung

von Biodiversität und Ökosystemleistungen und tragen aktiv

zum Schutz des umliegenden Regenwaldes bei. Zusätzlich hat sich

PERÚ PURO maßgeblich an der Gründung einer Frauenkooperative

beteiligt, mit deren Hilfe die Frauen vor Ort ihre Interessen und Rechte

erstmals institutionalisiert vertreten können. Bis zum Jahr 2025

will das Unternehmen seinen Kakaoimport mehr als verdoppeln. Damit

zeigt PERÚ PURO stellvertretend für andere Initiativen dieser Art,

dass Kakao und Schokolade auch ganz anders hergestellt werden können.

Auf degradierten Flächen wird zunächst ein ausgeklügeltes System

von Bodendeckerpflanzen etabliert, die schon nach kurzer Zeit

erlauben, artenreiche Agroforstsysteme anzupflanzen. Dabei werden

verschiedene Arten einheimischer Tropenbäume aufgeforstet, die

Schattenbäume für den Kakao sind, aber auch als Bauholz und Geldanlage

für spätere Generationen verwendet werden können. Besonders

empfehlenswert ist der Anbau in Kombination mit anderen Lebensmitteln.

Dies schafft neue Einkommensmöglichkeiten durch den

Verkauf vor Ort und macht die Kleinbauern von Lebensmitteleinkäufen

unabhängig. Der Bodenbewuchs in artenreichen Anbausystemen

erhält dauerhaft die Fruchtbarkeit der Böden. Die Schaffung neuer

Anbauflächen durch Brandrodung entfällt somit.

Wann fließt wieviel Geld?

Bei PERÚ PURO erfolgt eine 100prozentige Vorfinanzierung der Ernte

und mit der Bezahlung direkt im Dorf. Dabei erhalten die Kleinbauern

das Doppelte des Mindest-Fair-Trade- und Biopreises. Höhere Einkommen

werden in Zukunft durch Qualitätssteigerungen erzielt. Schon

jetzt wird der Kakao von Hand selektiert und temperaturkontrolliert

fermentiert. Ein Nebeneffekt: Die Bauern begeistern sich für die Qualitätssteigerung

ihres Kakaos. Im Herbst 2019 wird die Frauenkooperative

ihre eigene kakaoverarbeitende Röstanlage in Betrieb nehmen.

So verbleibt der größte Teil der Wertschöpfungskette direkt bei den

Erzeugern des Kakaos. Verarbeitet wird der Kakao sorten-, jahrgangsund

lagenrein. Hauptverkaufsargument soll neben den hohen sozialen

und ökologischen Standards immer die außergewöhnlich hohe Qualität

des Kakaos sein.

www.perupuro.de

Foto: © Sean Hawkey, Fairtrade

102 forum Nachhaltig Wirtschaften


LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH | THEMEN

Schokohasen fressen Regenwälder

Das Grundproblem: Weltweit werden neue Kakaoplantagen

häufig durch Brandrodung geschaffen, bei der hochproduktive

und artenreiche Regenwälder in kürzester Zeit und für

immer zerstört werden. Weil der Großteil der Nährstoffe in

diesen Ökosystemen in der „stehenden Biomasse“ und nicht

in den Böden vorhanden ist, trügt die Annahme, dass hier

lukrative Landwirtschaft in Monokulturen nachhaltig möglich

ist. Trotz hohem Gift- und Kunstdüngereinsatz können

solche Flächen oft nur wenige Jahre ertragreich bewirtschaftet

werden. Um dennoch lukrativ zu sein, wird an der

Kostenschraube gedreht: Die Ernte der begehrten Früchte

erfolgt deshalb oft in Kinder- und/oder Sklavenarbeit. Allein

in Ghana und der Elfenbeinküste arbeiten laut Südwind ca.

2,2 Millionen Kinder auf Kakaoplantagen. Damit weist kaum

ein anderes Lebensmittel eine so große Diskrepanz zwischen

„Genuss hier und Leid dort“ auf.

Für die Bauern in den größten Kakaoproduktionsstandorten

der Welt (Elfenbeinküste und Ghana) ist Kakao eine exotische

Frucht, mit der sie wenig Erfahrung haben. Kaum steht die

Monokultur, werden nach der Devise „viel hilft viel“ Kunstdünger

und Pestizide in großen Mengen ausgebracht. Weil

viele Kleinbauern noch nicht einmal wissen, dass Kakao von

Insekten bestäubt wird und am besten unter großen Schattenbäumen

wächst, sind die Anbaumethoden oft haarsträubend.

Ohne den für die Bestäuber (winzige Bartmücken) notwendigen

Unterwuchs und die schattenspendenden Baumriesen

kümmern die Kakaobäume dahin und liefern niedrige und oft

kontinuierlich fallende Erträge. Bei uns wird aus diesem Kakao

trotzdem – dank schöner Marketingdarstellungen – ein wunderbares

„Traumprodukt“. Schokohase, Weihnachtsmann und

Chocolatier schmunzeln um die Wette, denn alles ist – angeblich

– von höchster Qualität. In Wirklichkeit wird aus billigem

Industriekakao mit jeder Menge Palmöl und viel Zucker eine

Art „Todescocktail“ aus und für tropische Regenwälder.

Fair oder fraglich?

Die gute Nachricht: Es geht auch anders. Es gibt Bio-Kakao

und fair gehandelte Schokolade.

Doch auch hier gibt es große Unterschiede und einige Fragen.

Wie viel besser kann man eigentlich Kakao produzieren

und Schokolade herstellen? Lohnt sich das für Umwelt und

Bauern? Kann man die Produkte dann überhaupt noch bezahlen?

Die Antwort lautet: im Prinzip ja, aber…

starke

menschen.

starke siegel.

Fairtrade

Seit mehr als 25 Jahren stärkt Fairtrade benachteiligte Produzentenfamilien in Afrika,

Asien und Lateinamerika darin, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen selbstbestimmt

zu verbessern. Verbindliche Standards, feste Mindestpreise sowie Prämien für

Gemeinschaftsprojekte unterstützen bereits mehr als 1,6 Millionen Menschen auf

ihrem Weg aus der Armut.

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103


Kakaomasse

Der lange Weg zum süßen Genuß: Viele Verarbeitungsschritte und

große Sorgfalt in der Wertschöpfungskette sind nötig, um wirklich

hochwertige Schokolade zu erhalten.

Quelle: REWE, Leitlinien Kakao

104 forum Nachhaltig Wirtschaften


Wie bei vielen anderen Produkten machen die meisten Produzenten auch bei

Kakao erstmal eher kleine Schritte. Eine Vielzahl dieser Miniansätze wird vielfältig

und öffentlichkeitswirksam kommuniziert. Beim Konsumenten kommt dadurch

oft an, dass eigentlich alles gut ist. Alle geben sich doch Mühe und anders geht

es eben nicht! Aber stimmt das wirklich?

Verfolgen wir deshalb die Wertschöpfungskette einer, mehr oder weniger, nachhaltig

produzierten Tafel Schokolade: Manche Hersteller werben mit dem Pflanzen

neuer Bäume. Das ist immer dann gut, wenn sie viele verschiedene Arten

einheimischer Bäume pflanzen und dann dauerhaft schützen. Doch manchmal

verbirgt sich hinter solchen Pflanzaktionen schlicht das Erneuern oder Ausweiten

von Kakaoplantagen durch neue Kakaobäume, oft sogar in Monokultur.

Eine Mogelpackung, die für den Konsumenten nicht einfach zu erkennen ist.

Ein weiteres Problem: Bei mangelnder Pflege sterben neu gepflanzte Bäume

häufig in kurzer Zeit wieder ab. Dann wird der mögliche positive Effekt einer

solchen Pflanzaktion innerhalb weniger Wochen ins Gegenteil verkehrt, weil die

absterbenden Bäume umgehend all das CO 2

freisetzen, das sie in ihrem kurzen

Leben gespeichert haben. Weil der Großteil des Kohlenstoffs zudem in Böden

gespeichert ist, kann durch die Bodenbearbeitung im Rahmen der Pflanzaktion

womöglich noch wesentlich mehr CO 2

freigesetzt werden. In diesem Fall wird

aus der kommunizierten Klimaschutzaktion ein fragwürdiger Marketinggag –

Klimaschaden inklusive.

THE ART OF

CHOCOLATE

kompostierbare

Verpackungsfolie

Ich war sehr beeindruckt, wie der gemeinsame

Anbau mit anderen Bäumen und

stickstoffbildenden Pflanzen Beikräuter vermeidet

und den Boden feucht hält.

Artenvielfalt bewahren: Kakaobaum und Regenwald Hand in Hand

Von zentraler Bedeutung für die Artenvielfalt ist natürlich die Anbaumethode.

Während artenreiche Agroforstsysteme einen wichtigen Beitrag zum Erhalt

von Biodiversität und Ökosystemleistungen leisten – und Kleinbauern zudem

zusätzliches Einkommen und eine gesunde Ernährung sichern, sind Monokulturen

immer Treiber des Verlustes von Biodiversität. Das gilt auch dann, wenn

sie biozertifiziert sind, denn eine Handvoll Arten ersetzt in Monokulturen ein

großes Set an dort vorher existierenden Tieren und Pflanzen.

Weil die Biozertifizierung keinen Unterschied kennt zwischen Bio-Monokultur

und Bio-Agroforstsystem können Kunden diesen entscheidenden Faktor nicht

leicht erkennen. Champions League ist somit der aktive Regenwaldschutz, bei

dem Flächen, die ansonsten keinen Schutzstatus haben, von Kakaobauern

dauerhaft vor der intensiven Nutzung/Zerstörung bewahrt und extensiv für

den Kakaoanbau genutzt werden. Kaum ein Schokoladenproduzent kann diesen

hohen Standard für sich nachweisen. Monokulturen haben aber auch soziale

und ökonomische Auswirkungen. Wer nur eine Art von „Cash Crop“ anbaut, der

muss alles andere zukaufen. Damit sind solche Kleinbauern plötzlich und „ungeübt“

abhängig von Angebot und Nachfrage ihrer Grundnahrungsmittel. Oft

ein sicherer Weg in die Armutsfalle. Soziale Aspekte spielen somit eine wichtige

Rolle bei der Bewertung nachhaltiger Schokolade. Wir gehen davon aus, dass

Nº01

Nachhaltig-zertifizierte

Rohstoffe

Nº02

03

Optimaler Produktschutz

durch ganzheitlich

ökologische

Verpackung

(NatureFlex TM statt Alufolie,

FSC-zertifiziert)

Soziales Engagement

gegen Ungerechtigkeit

und Unterdrückung

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105


Schwere Last für süßen Genuss: Dem Kakaoanbau werden Regenwald und Menschenrechte geopfert. Doch es gibt immer mehr Pioniere, die

zeigen, dass es auch anders geht. Agroforstwirtschaft, fairer Handel und Wertschöpfung vor Ort. Die Leitlinien der REWE Group für Kakaoerzeugnisse

geben wertvolle Hintergrundinformationen. Der forum Schoko-Check (siehe rechts) schafft Transparenz.

Kinder- und Sklavenarbeit bei jedem, der sich Nachhaltigkeit

auf die Fahne geschrieben hat, nicht in die Tüte bzw. Tafel

kommen. Aber auch bei fairer Schokolade gibt es deutliche

Unterschiede, was am Ende für den Kleinbauern übrigbleibt.

In fast allen Fällen gilt: Kleinbauern verkaufen ihre Ernte

an Intermediäre und müssen dabei große Abschläge durch

die Einschaltung von bis zu acht Zwischenhändlern in Kauf

nehmen. Dadurch sinkt der von ihnen erzielte Verkaufspreis

und das oft deutlich (in Westafrika laut- Südwind auf 60

bis 70 Prozent des Weltmarktpreises). Selbst wenn sie Biound

Fair-Trade Boni erzielen, stehen diese Bauern dann mit

einem Erlös da, der unterhalb des Weltmarktpreises liegt.

Und trotzdem steht auch auf solcher Schokolade am Ende

„fair gehandelt“.

Hier kommt das Schlagwort „Direct Sourcing“, also das Ausschalten

von Zwischenhändlern, ins Spiel. Das ist ein guter

Ansatz, aber nur, wenn auch wirklich faire Preise bezahlt

werden. Wer es bei der Aussage „wir kaufen direkt“ belässt,

dem sollten Konsumenten kritisch gegenüberstehen. Am

besten einfach mal nachfragen, wieviel denn beim einzelnen

Kleinbauern ankommt. Ebenso wichtig ist es für Kleinbauern,

ob ihre Handelspartner „Produzententreue“ zeigen, oder ob

Anbauländer Kakao

16%

Karibik, Mittelund

Südamerika

20%

Ghana

43%

Elfenbeinküste

76%

Afrika

8%

Asien und

Ozeanien

Legt man eine Karte geeigneter Kakaoanbauflächen über eine Weltkarte, so überlagern diese sich fast vollständig mit den Gebieten ehemaliger

und existierender tropischer Regenwälder. Mehr als 75 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion stammen aus Ghana und der Elefenbeinküste.

Foto: © Max Havelaar Fairtrade, flickr.com | Quelle: REWE Group – Leitlinie für Kakaoerzeugnisse

106 forum Nachhaltig Wirtschaften


LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH | THEMEN

sie jede Ernte neu verhandeln. Wird keine dauerhafte Handelsbeziehung

aufgebaut, stehen die Kleinbauern alljährlich

in erneuter Konkurrenz miteinander. So können (Zwischen-)

Händler einen Preisdruck zulasten der Kleinbauern aufbauen.

Wo ist die Wertschöpfung?

Immer wieder wird gefordert, einen größeren Teil der

Wertschöpfungskette in den Ursprungsländern zu belassen.

Das kann geschehen, indem man neben der üblichen

Fermentation auch das Rösten, Schroten, Trocknen oder

die Schokoladenproduktion vor Ort durchführt. Nur wenn

lokal produzierte Schokolade aus artenreichen Agroforstsystemen

stammt, bio-zertifiziert ist und nachweislich ein

höheres Einkommen der Kleinbauern zur Folge hat, ist sie

mit in Europa produzierter Schokolade in einer Art Nachhaltigkeitsranking

überhaupt konkurrenzfähig. Die einfache

Aussage „wir produzieren im Land“, macht die Schokolade

noch nicht fairer und nachhaltiger, ebenso wenig, wie ein

billiges T-Shirt dadurch besser wird, dass es in einem Sweat-

Shop in Pakistan hergestellt wurde.

Weil Schokolade auch noch schmelzen kann, gilt es darüber

hinaus zu bedenken, dass diese Schokolade ihren weiten

Weg nach Europa in gekühlten Containern zurücklegen

muss, was ihren ökologischen Fußabdruck noch einmal

deutlich erhöht.

Unser Fazit

Auch bei bio&fair gehandelter Schokolade gibt es große

Unterschiede in Qualität, Fairness und erreichtem Schutz

tropischer Regenwälder. Wer möglichst alles richtig machen

will, der wirft einen Blick auf unseren Schoko-Check.

www.suedwind.de

www.kakaoforum

Der Schoko-Check

Thema Geht so Mittelmaß Champions League

Standort Regenwald < 10 Jahre Regenwald > 10 Jahre Wiederaufforstung auf

degradierten Flächen

Anbausystem

Monokultur ohne Schattenbäume

Plantage mit Schattenbäumen

Agroforstsystem mit einheimischen

Schattenbäumen +

Lebensmittelproduktion

Kompensation Kakaobäume pflanzen einheimische Bäume pflanzen aktiver Regenwaldschutz

Transparenz & Regeln

Handelsbeziehung

(Importeur Kleinbauern)

Teil-Zertifizierung (bio- oder

fair)

Zertifizierung (bio und fair)

Anforderungen höher als biound

fair-trade Zertifizierung

wechselnd Manchmal wechselnd Dauerhafte, partnerschaftliche

Zusammenarbeit

Zwischenhändler wechselnd, viele vorhanden wenige ohne Zwischenhändler

Verkaufspreis ab Hof

schwankend / deutlich unter

Weltmarktpreis

stabiler Mindestpreis

(Bio- und Fair)

stabil deutlich über

Mindestpreis (Bio und Fair)

wirtschaftliches Risiko trägt der Kleinbauer teilen sich beide Seiten trägt der Käufer des Kakaos

Zahlungsort am Exporthafen – im Dorf

Zahlungsfrist

mehrere Monate nach der

Ernte

direkt nach der Ernte

100%ige Vorfinanzierung

Wertschöpfungskette Export von Rohware Verarbeitung im Land Verarbeitung im Dorf

Produzentenorganisation keine Großkooperative Kleinkooperative

Kakaosorte Industriekakao – seltene Kakaosorte

Selektion der Kakaoschoten keine Aussortieren stark

verschimmelter Schoten

Einzelsortierung von Hand

Fermentation keine in Säcken oder Gruben temperaturkontrolliert in

Kisten mit exaktem Fermentationsprotokoll

Kakao in Schokolade

Mischung von Sorten, Jahrgängen

und Herkünften

sortenrein

Angabe des Herkunftslandes

jahrgangs-, lagen- und

sortenrein

Zutaten Schokolade Palmfett, künstliche Aromen – Kakaobutter,

keine künstlichen Aromen

Biodiversitätsmerkmale Sozialmerkmale Qualitätsmerkmale

www.forum-csr.net

107


THEMEN | LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH

AUSBEUTUNG FÜR SÜSSES?

Entspannt und mit gutem Gewissen genießen wir fairtrade-Schokolade. Das ist gut so, und es gilt mehr

denn je, einen fairen Handel zu unterstützen. Trotzdem bleiben untragbare Zustände in der Kakaoproduktion

vor allem in Afrika. forum fragte nach, wo und warum die Situation am schlimmsten ist.

Friedel Hütz-Adams arbeitet

seit 1993 als wissenschaftlicher

Mitarbeiter

für das SÜDWIND-Institut

und hat Studien zu Wertschöpfungsketten

veröffentlicht

sowie Kon -

ferenzen dazu organisiert.

Er engagiert sich

bei VOICE, einem Netzwerk

von Nichtregierungsorganisationen

und

Gewerkschaften, die zum

Thema Kakao arbeiten.

Er war darüber hinaus

zwischen 2012 und 2017

Vorstandsmitglied des

Forums Nachhaltiger

Kakao, einem Zusammenschluss

von mehr

als 70 Unternehmen,

Nichtregierungsorganisationen,

Gewerkschaften,

Forschungsinstituten und

standardsetzenden Organisationen.

Herr Hütz-Adams, welche menschenrechtlichen

Probleme bestehen derzeit im Kakaoanbau?

Der Anbau von Kakao findet in der Regel auf

kleinen Bauernhöfen statt, die weniger als

fünf Hektar bewirtschaften. Studien zufolge

sind die Einnahmen aus dem Kakaoverkauf für

weltweit rund 5,5 Mio. Familien die wichtigste

Einnahmequelle. Insbesondere in Westafrika,

woher knapp drei Viertel der Welternte

stammen, besteht bei Millionen Familien eine

hohe Abhängigkeit vom Kakao.

Der Anbau von Kakao ist mit menschenrechtlichen

Risiken verbunden. Immer wieder

sorgen Fälle von Kinderarbeit für Schlagzeilen.

Doch diese Kinderarbeit ist ein Symptom

dafür, wie schlecht es den Familien geht, die

Kakao anbauen. Der größte Teil von ihnen

lebt unterhalb der Armutsgrenze. Studien belegen,

dass sich viele Familien in den Monaten

vor der nächsten Ernte, bis wieder frisches

Geld hereinkommt, keine drei Mahlzeiten am

Tag leisten können. Fehl- und Unterernährung

bei Kindern sind daher weit verbreitet.

Welche Wirkung zeigt fair gehandelter und/

oder zertifizierter Kakao bei den Kakaobauern?

In den Kakaoanbaugebieten ist mittlerweile

mindestens ein Drittel der Ernte zertifiziert,

hauptsächlich durch UTZ und Rainforest

Alliance, die 2018 fusioniert sind, doch auch

immer größere Mengen durch Fairtrade. Die

Zertifizierung ist häufig gekoppelt an Unterstützungsmaßnahmen

für Bäuerinnen und

Bauern: Training in guten Agrarpraktiken,

Unterstützung bei Verbesserungen in den

Kooperativen und Plantagen etc. Dafür zahlen

die Unternehmen, die zertifizierten Kakao

zum vereinbarten Preis beziehen, Prämien.

Bei Fairtrade ist diese Prämie festgelegt auf

200 US-Dollar je Tonne, ab Oktober 2019

steigt sie auf 240 US-Dollar je Tonne. Bei

UTZ und Rainforest Alliance müssen die Kooperativen

die Prämie mit den Unternehmen

aushandeln, die Zahlungen sind in der Regel

niedriger als bei Fairtrade. Schlussendlich gibt

es nur bei Fairtrade einen Mindestpreis, der

bislang bei 2.000 US-Dollar je Tonne liegt und

demnächst auf 2.400 US-Dollar steigt.

Welche Probleme kann der Faire Handel /

eine Zertifizierung nicht lösen?

Datenerhebungen in der Elfenbeinküste und

Ghana haben im vergangenen Jahr ergeben,

dass die Kakaobauern dort durchschnittlich

deutlich weniger als die Hälfte dessen verdienen,

was ein existenzsicherndes Einkommen

ausmacht. Dies gilt auch für Bäuerinnen und

Bauern, deren Anbau zertifiziert ist.

Sicherlich könnten sie durch eine höhere Produktivität

oder durch die Diversifizierung des

Anbaus höhere Einkommen erzielen. Das ist

aber nicht so einfach. Würden sie flächendeckend

die Produktivität des Kakaoanbaus steigern,

gäbe es ein noch größeres Überangebot

von Kakao am Markt, als dies derzeit bereits

der Fall ist, und die Preise würden weiter fallen.

Für andere Anbauprodukte brauchen sie erst

einmal Märkte, auf denen sie diese überhaupt

verkaufen können.

Der Preis für den Kakao wird somit auf absehbare

Zeit der wichtigste Faktor bleiben, der

darüber bestimmt, ob Bäuerinnen und Bauern

in Armut leben oder nicht. Inflationsbereinigt

liegt dieser Preis heute weit niedriger als in

großen Teilen des letzten Jahrhunderts. Damals

waren die Landwirte in den Kakaoanbau

gewechselt, weil dieser gute Einnahmen versprach.

Diese Attraktivität hat zum Anstieg der

Produktion beigetragen, was dann wiederum

zum Preisverfall führte.

Auf eben diese Preise haben standardsetzende

Organisationen keinen Einfluss. Auch der

Mindestpreis von Fairtrade ist lediglich eine

Absicherung gegen den extremen Preisverfall,

garantiert aber bei weitem keine existenzsichernden

Einkommen. Würde Fairtrade

den Mindestpreis auf das Niveau heben, das

ausreicht, um existenzsichernde Einkommen

zu garantieren, würde wahrscheinlich kaum

noch ein Unternehmen das Label nutzen. Dann

Foto: © Volker Hackmann

108 forum Nachhaltig Wirtschaften


LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH | THEMEN

blieben die Bauern auf ihrem zertifizierten Kakao sitzen und

könnten diesen nur auf dem konventionellen Markt zum Weltmarktpreis

verkaufen – was heute schon häufig der Fall ist.

Welche menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten haben

Schokoladeproduzenten? Inwieweit kommen sie denen

bereits nach?

Der Preis für Kakao ist nicht die alleinige Stellschraube für

die Einkommen der Produzenten. Wie erwähnt spielen

Produktivität und Diversifizierung auch noch eine Rolle.

Dennoch: Alle Unternehmen der Branche wissen, dass zum

derzeitigen Kakaopreis der größte Teil der Menschen nicht

aus der Armut herauskommen wird. Ihre Einkommen reichen

nicht aus, um in die Plantagen zu investieren. Letzteres wäre

aber die Voraussetzung, um die Produktivität zu steigern

oder auf andere Produkte umzusteigen. Die Unternehmen

wissen somit, dass beim derzeitigen Preis Menschenrechtsverletzungen

bis hin zur Kinderarbeit an der Tagesordnung

bleiben werden. Zugleich gibt es seit 2011 die Leitprinzipien

der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte

und darauf aufbauend die Richtlinien der OECD für multinationale

Unternehmen. Um ihrer menschenrechtlichen

Verantwortung gerecht zu werden, müssten sich die Kakaound

Schokoladenunternehmen in einem ersten Schritt zu

ihrer Verantwortung für die Einhaltung der Menschenrechte

in ihrer gesamten Lieferkette bekennen. Das haben bislang

nur die wenigsten gemacht. Der zweite Schritt wäre dann,

Risiken in ihrer Wertschöpfungskette zu identifizieren. Dabei

können sie von standardsetzenden Organisationen unterstützt

werden. Im dritten Schritt müssten Preise gezahlt

werden, die existenzsichernde Einkommen für die Kakao

anbauenden Familien garantiert. Dies wird definitiv mehr

kosten, als derzeit für Kakao bezahlt wird.

Welche Verantwortung haben die Regierungen / Länder, in

denen Kakao produziert wird?

Die Regierungen der Kakao anbauenden Länder müssten ein

Umfeld schaffen, das die Schaffung existenzsichernder Einkommen

erleichtert. Doch hier gibt es in vielen Bereichen erhebliche

Mängel. Dies beginnt damit, dass die Infrastruktur in den Kakao

anbauenden Gebieten oft sehr schlecht ist. Dies verteuert den

Transport von Kakao wie auch von anderen Gütern. Das wiederum

hat erheblichen Einfluss auf die Einkommen der Bauern.

Auch die Gesundheitsversorgung und das Schulwesen müssten

deutlich verbessert werden. Darüber hinaus mangelt es an

Unterstützung für jene, die Plantagen modernisieren wollen

oder auch Märkte für andere Produkte suchen. Ein weiteres

Problem in Westafrika sind oft unklare Eigentumsverhältnisse

des Anbaulandes. Bäuerinnen und Bauern müssten dabei

unterstützt werden, Eigentumstitel zu bekommen. Regierungen

müssten somit in vielen Bereichen mehr tun.

Die Regierungen Ghanas und der Elfenbeinküste versuchen

derzeit, höhere Preise am Weltmarkt durchzusetzen. Da sie

zusammen mehr als 60 Prozent der Welternte liefern, haben

sie eine gewisse Macht und wollen für die im Oktober 2020

beginnende Ernte eine zusätzliche Prämie von 400 US-Dollar

pro Tonne auf den exportierten Kakao aufschlagen. Diese Prämie

soll dafür sorgen, ein Exportpreisniveau von rund 2.600

Dollar als Untergrenze zu halten. Steigt der Weltmarktpreis auf

eine Höhe, mit der inklusive der Prämie von 400 US-Dollar die

Schwelle von 2.600 US-Dollar überschritten wird, wird Geld

in einen Fonds eingezahlt. Sinkt der Weltmarktpreis zu weit

ab, wird Geld aus dem Fonds genommen. Vom Exportpreis

wiederum sollen die Kakaobauern 70 Prozent, also rund 1.800

US-Dollar je Tonne bekommen. Wenn das den Regierungen

gelingt, wäre dies ein Schritt hin zu existenzsichernden Einkommen

– allerdings bei weitem nicht ausreichend.

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109


THEMEN | LANDWIRTSCHAFT FAIR UND KLIMAFREUNDLICH

Was könnte ein Gesetz zu Unternehmensverantwortung haben mittlerweile mehrere Unternehmen, darunter Mars,

im Kakao verarbeitenden Bereich bewirken? Gibt es Unternehmen,

die so The eine previous Gesetzesinitiative two Barometers unterstützen? were instrumental des Sektors gefordert. in kick-starting Weitere Unternehmen the sollten folgen.

Mondelez und Barry Callebaut, öffentlich eine Regulierung

Alle Unternehmen wissen, dass der Aufbau transparenter Es muss der deutschen wie auch der europäischen Politik

conversation on farmer livelihoods. Now that a living income is seen as a

Wertschöpfungsketten bis hin zu den Erzeugern erhebliche

Investitionen keystone erfordert. for Für the die cocoa Erhebung sector, der men-

this Barometer von Menschenrechten goes in depth von Unternehmen into this could nur dann ge-

klargemacht werden, dass die Kosten für die Einhaltung

schenrechtlichen be Risiken, achieved, verknüpft in the mit focus Maßnahmen area “Ensuring zur tragen a werden Living können, Income”. wenn In dies addition, für alle Unternehmen

Reduzierung der Armut und der Kinderarbeit, müssen vorgeschrieben ist. Das gilt in Deutschland genauso wie im

ebenfalls Investitionen cocoa farming geleistet need werden. to Schlussendlich see a viable local globalen infrastructure, Kakaosektor. including schools,

4 sind sich alle Unternehmen health care, darüber and access im Klaren, to dass markets. sie in There is a key role for both companies

vielen Fällen deutlich mehr für den Kakao zahlen müssten. Was denken Sie, wird es solch ein Gesetz geben oder nicht?

and specifically governments to play on that level. The second focus

Unternehmen, die dies heute bereits tun, bewegen sich Es wird ein Gesetz geben, die Frage ist nur, wann. Auch in

noch in der Nische. area on Wenn “Transparency sich der Massenmarkt and Accountability” ändern Deutschland takes hat a es deeper Jahrzehnte look gedauert, into bis the grundlegende

soll, müssten prerequisites alle Unternehmen for gleichzeitig this. handeln. Rechte zum Schutz von Menschenrechten durchgesetzt wurden.

Das Erschreckende ist derzeit, dass deutsche Unterneh-

Sonst werden die bestraft, die die Vorreiter sind. Diese

investieren, haben höhere Kosten und werden von Wettbewerbern,

die nichts unternehmen, unterboten und vom dürfen, die in Deutschland längst verboten

men in ihrer Wertschöpfungskette im Ausland Dinge zulassen

Markt gedrängt. So funktionieren unregulierte Märkte nun werden. Dies wird sich irgendwann ändern.

einmal: Wer teurer ist als der Wettbewerber, der verliert,

selbst wenn die Mehrkosten erforderlich sind, um den Bruch Herr Hütz-Adams, wir danken für das Gespräch

und wünschen für Ihre Arbeit viel

von Menschenrechten Production zu verhindern. / Consumption

Dies ist den Unternehmen

bekannt. Um aus dieser Falle herauszukommen Erfolg.

Cocoa Production in 1,000 tonnes 2017/18

Kakaoproduktion Source: und -konsum ICCO in Zahlen 2018, Table 2, 40

Kakaoproduktion (rot) und -konsum (braun) in 1000 Tonnen 2017 / 2018 (Quelle: ICCO 2018 – Cacaobarometer 2018)

1.852

351

732

176

Europe

Rest of

Asia

82

Japan

US

333

Africa

154 46

China

Rest of

Americas

Brasil

189

India

317 165 270

2.000

Côte

d’Ivoire

900

Ghana

618

Rest of

Africa

88

280 Rest of Asia

Indonesia

Rest Brasil

Ecuador

76

Australia

Der globale Süden schuftet und der globale Norden konsumiert. Zwei Länder tragen die Hauptlast unserer Kakaolust.

110 Gedruckt auf Steinbeis Charisma Silk – hergestellt aus 100 % Altpapier, ausgezeichnet mit dem Blauen Engel. forum Ein Produkt Nachhaltig der Steinbeis Wirtschaften

Papier GmbH.


HEUTE FÜR MORGEN HANDELN | THEMEN

VORSTOSS

für den ökologischen Gebäudebetrieb

Wie sieht ein Gebäudebetrieb aus, der ökologisch und sozial vorbildlich ist? Welche Potenziale sind in

einem Unternehmen diesbezüglich noch zu heben? Die Richtlinie 160 des Deutschen Verbandes für

Facility Management hält für all diese Fragen eine Antwort bereit.

Von Andrea Pelzeter

Foto: © GEFMA

Corporate Social Responsibility (CSR) findet auch bei solchen

Prozessen ein weites Anwendungsfeld, die in der Wirtschaft

nur eine sekundäre Rolle spielen. Dazu zählen unter anderem

das Betreiben von Gebäuden und die Bereitstellung

von Services, wie zum Beispiel Security oder Catering. Die

Steuerung all dieser Services wird im Facility Management

gebündelt. Als in dieser Branche plötzlich für „grüne“ oder

„blaue“ Service-Produkte geworben wurde, zog der Verband

GEFMA (German Facility Management Association) daraus

eine Konsequenz: Er definierte in 24 Kriterien, worin genau

die ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit beim

Managen und Erbringen von Facility Services bestehen könnte

– ein Prozess, an dem sowohl die Anbieter, als auch die Kunden

von Facility-Management-Dienstleistungen beteiligt waren.

Was zeichnet einen nachhaltigen Gebäudebetrieb aus?

Mit Hilfe dieser 2014 veröffentlichten GEFMA-Richtlinie 160

Nachhaltigkeit im Facility Management“ kann der Gebäudebetrieb

systematisch auf soziale und ökologische Belange

hin untersucht und optimiert werden. Was in der Abbildung

bereits auffällt: Immer ist von „…-Management“ die Rede.

Dies ist wichtig, denn das bedeutet, dass nicht ein bestimmter

Kennwert als Ziel gesetzt wird, sondern ein kontinuierlicher

Verbesserungsprozess. So kann auch in einem Gebäude, das

schon lange auf seine energetische Ertüchtigung wartet,

ein ressourcenschonendes Energiemanagement umgesetzt

werden – hier hat es sogar meist einen besonders großen

Einfluss. Die benannten Kriterien wurden in fünf Gruppen

eingeteilt. Den Anfang machen die drei Kernbereiche von

Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie und Soziales.

Die Ökonomie umfasst als einziges Kriterium die Nutzungskosten,

die zum Beispiel in einem Vergleich mit den letzten

drei Jahren eine rückläufige Entwicklung aufweisen sollten.

Der ökologische Bereich behandelt die Themen Energie,

Wasser und Wertstoffe (aus dem Prozess der Entsorgung) und

zusätzlich das Management von Havarien. Bei alledem geht

es um die Vermeidung von Umweltschäden, z.B. bei Extremereignissen

wie Überschwemmung, Brand, Stromausfall, etc.

Ein weiterer Bereich ist die soziokulturelle und funktionale

Qualität. Diese umfasst auch einige „Eh-da“-Kriterien, wie

die Rechtskonformität oder die Arbeits- und die Gebäudesicherheit,

die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein

sollten. Trotzdem ist das Beachten solcher Regeln kein Automatismus.

Ihnen muss im Konzert mit den vielen anderen

Impulsen des wirtschaftlichen Handelns eine angemessene

Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Das nächste Themenfeld heißt „Qualität der FM-Organisation“.

Darin geht es um all jene Aktivitäten, in denen die

Weichen für die Übernahme von ökologischer und sozialer

Verantwortung gestellt werden.

www.forum-csr.net

Gedruckt auf Steinbeis Charisma Silk – hergestellt aus 100 % Altpapier, ausgezeichnet mit dem Blauen Engel. Ein Produkt der Steinbeis Papier GmbH.

111


THEMEN | HEUTE FÜR MORGEN HANDELN

Das letzte Themenfeld benennt den Status quo, der sich in

der vergangenen Optimierung von einzelnen Facility Services

bereits herausgebildet hat, wie zum Beispiel das Anbieten

von regionalen und saisonalen Speisen im Catering.

Wie kann man Nachhaltigkeit im Gebäudebetrieb sichtbar

machen?

Damit aber auch Dritte auf einen Blick erkennen können, wie

intensiv das Facility Management in einem spezifischen Gebäude

bereits auf Nachhaltigkeits-Kriterien hin ausgerichtet

wurde, ist eine entsprechende Zertifizierung entwickelt worden.

Die Zertifizierung nach GEFMA 160-1 macht das bisher

erreichte Nachhaltigkeits-Level in Form eines prozentualen

Erfüllungsgrades nach außen hin sichtbar. Bewertet wird hier

die ökologische und soziale Qualität aller für die Nutzung

eines Gebäudes erforderlichen Leistungen, wie zum Beispiel

Instandhaltung, Reinigung oder Sicherheitsdienste.

Die Kriterien, die für die Bewertung ausgearbeitet wurden,

geben jedoch keine Maximalwerte vor – anders als in der

Bewertung des nachhaltigen Bauens. Vielmehr fordern sie

die Dokumentation eines Verbesserungsprozesses mit den

Phasen „Plan – Do – Check – Act“ ein. Zudem benennen sie

im Detail, wie ein optimal auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes

Konzept aussehen sollte. Unabhängig davon, ob diese Listen

zu einer Zertifizierung beitragen, sind sie als Instrument für

das Qualitätsmanagement und für die Umsetzung der CSR

im eigenen Unternehmen nützlich.

Welche Hilfsmittel stellt GEFMA zur Nachhaltigkeitsbewertung

bereit?

Seit September 2018 gibt es für den vereinfachten Einstieg

in die Bewertung von Nachhaltigkeit im Facility Management

zudem die App „SustainFM“. Sie führt den Nutzer digital durch

die Kriterien der GEFMA 160 und ermöglicht einen Pre-Check

für die erste Einschätzung des Grades von Nachhaltigkeit im

eigenen Gebäudebetrieb. Auch die bei der ersten Bewertung

festgestellten Verbesserungspotenziale kann man mit der App

in künftigen internen Prozessen managen. Erhältlich ist die

App kostenlos in allen gängigen App-Stores. Alle anderen benannten

Unterlagen können über GEFMA Deutscher Verband

für Facility Management e.V. bezogen werden.

www.gefma-2018.de

PROF. DR. ANDREA PELZETER

leitet den GEFMA-Arbeitskreis Nachhaltigkeit und lehrt an der

HWR Berlin.

Übersicht über die Kriterien der GEFMA-Richtlinie 160 zu Nachhaltigkeit im Facility Management

112 forum Nachhaltig Wirtschaften


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BESTE WAHL

Der Dyson Händetrockner

Eine Milliarde Papierhandtücher verbrauchen

die vier größten Städte Deutschlands

jedes Jahr. Dabei gibt es inzwischen deutlich

umweltfreundlichere Alternativen.

In Berlin sind es 436 Millionen, in Hamburg

327 Millionen und in München immerhin

noch180 Millionen Papierhandtücher:

Jährlich bestellt die öffentliche Hand große

Mengen Papierhandtücher, um die Waschräume

der städtischen Ämter, Kitas und

Unternehmen zu beliefern. Für die Städte

Berlin, Hamburg, München, Köln, Stuttgart

und Düsseldorf hat Dyson Zahlen erhoben

und den Papierverbrauch miteinander verglichen

1 (s. Grafik).

Umweltkriterien zunehmend wichtig in

der öffentlichen Beschaffung

Dabei werden Umweltaspekte in der öffentlichen

Beschaffung immer wichtiger und zunehmend

auch in den Vergabekriterien be-

rücksichtigt. „In allen untersuchten Städten

müssen Papierhandtücher für die kommunalen

Waschräume aus Recyclingfasern bestehen“,

so van den Berg. „Das ist ein wichtiger

Schritt in die richtige Richtung.“ Aber

auch Papiere aus Recyclingpapier schneiden

im Umweltvergleich noch schlecht ab. Eines

der Probleme: Wie Einwegbecher werden

die Tücher in der Regel nicht recycelt und

die Fasern gehen damit dem Stoffkreislauf

häufig für immer verloren. 3

Umweltfreundliche Alternativen

Für Papierhandtücher gibt es Alternativen,

die sowohl umweltfreundlicher sind als auch

kostengünstiger sein können. 2014 hat das

Umweltbundesamt (UBA) die verschiedenen

am Markt befindlichen Systeme für

das Händetrocknen in öffentlichen Waschräumen

untersucht: In dem Vergleichstest

schnitten Handtrockner mit Kaltluft Jetstream-Technik

ökologisch am besten ab. 4

„Jetstream-Händetrockner, wie der Dyson

Airblade, streifen mit einem kalten, starken

Luftstrahl das Wasser von der Hand“, erklärt

van den Berg. „So verbrauchen sie nur

wenig Strom, komplexe Filtersysteme und

antibakterielle Beschichtungen sorgen für

die notwendige Hygiene.“ 5 Viele namhafte

Unternehmen wie Rügenwalder Mühle, die

Bauhaus Stiftung sowie zahlreiche Filialen

von Ikea, Mc Donald’s und Burger King ließen

sich durch die Vorteile gegenüber Papier

bereits überzeugen.

Weitere Informationen finden Sie unter

www.dyson.de. Oder nehmen Sie Kontakt

auf unter business@dyson.com oder unter

0221 50 600 333.

1 Die verglichenen Daten stammen aus den entsprechenden Rahmenverträgen der Städte oder wurden direkt bei den Städten angefragt. Die Rahmenverträge schätzen den Verbrauch für den Vertragszeitraum aus

dem durchschnittlichen Verbrauch der Vorjahre.

2 Für die Berechnung der Anzahl der Papierhandtücher wurden auch Papierhandtuchrollen mit berücksichtigt. Dabei wurde davon ausgegangen, dass einzelne Papierhandtücher, die von den Rollen abgerissen

werden, im Schnitt 30 cm lang sind.

3 Vgl. Umweltbundesamt: Papiertaschentücher, Hygienepapiere, Absatz 3 (www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/haushalt-wohnen/papiertaschentuecher-hygienepapiere#textpart-3)

4 Umweltbundesamt, Texte 33/2014, Vereinfachte Umweltbewertung des Umweltbundesamtes, Fallbeispiel Handtrocknungssysteme, ab S. 108. Im Internet: www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/texte_33_2014_verum_vorherige-version-mit-fallbeispielen.pdf

5 Informationen zur Hygiene von Jetstream-Händetrocknern unter anderem unter: www.dyson.de/haendetrockner/die-wahrheit-ueber-hygiene.aspx

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113


THEMEN | HEUTE FÜR MORGEN HANDELN

NAVIGATIONSHILFE

FÜR MORGEN

Das neue Ars Electronica Center in Linz wird zum Museum der Zukunft

Mit dem Programm „Navigating the Future“ wandelt sich das Ars Electronica Center in Linz zum Kompass

und Begleiter durch das 21. Jahrhundert. Vier Millionen Euro flossen in das Prachtstück am Ufer der

Donau. Begleiten Sie uns auf einem Rundgang.

Von Maria Kargl

114 forum Nachhaltig Wirtschaften


HEUTE FÜR MORGEN HANDELN | THEMEN

Foto: © Robert Bauernhansl, Ars Electronica

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115


THEMEN | HEUTE FÜR MORGEN HANDELN

Interaktive Stationen, Forschungsprojekte, Labore. Im neuen Ars

Electonica Center erforschen die Besucher hautnah mit Wissenschaftlern

neue Zukunftsfelder.

Mit dem „Unicorn Brain Interface“ lassen sich Haushaltsgeräte, Prothesen

oder Roboter mit den Gedanken steuern oder Wörter sowie

ganze Sätze am Computer „schreiben“.

„Wir haben sämtliche Ausstellungen neu gestaltet, begrüßt uns

Gerfried Stocker, Künstlerischer Leiter der Ars Electronica und

erklärt stolz: „Eine ganze Etage wurde zum Labor umgebaut.“

Das neue Ars Electronica Center bietet eine Fülle interaktiver

Szenarien, künstlerische Werke, wissenschaftliche Forschungsprojekte,

Info-Stationen, Werkstätten und Labore, die sich

allesamt um aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Künstliche

Intelligenz, Neurowissenschaften, Neurobionik, Robotik,

Prothetik, autonome Mobilität sowie Gen- und Biotechnologie

drehen. Besonders begeistert hat uns eine Technologie: Künstliche

Intelligenz. „KI stößt gerade eine Revolution an, deren

Bedeutung für unser Leben gar nicht überschätzt werden

kann“, erklärt uns Gerfried Stocker. Es ist also höchst an der

Zeit, sich mit diesem nächsten Game Changer zu befassen.

Fokus auf Künstliche Intelligenz

In der Ausstellung „Understanding KI“ sehen wir, wie neuronale

Netze aufgebaut sind, im neuen „Machine Learning

Studio“ kann jede und jeder mit konkreten Anwendungen

von KI experimentieren. Die Ausstellung „Global Shift“ zeigt,

welche Rolle neuronale Netze bei der wissenschaftlichen

Erforschung unseres Planeten spielen und wie sie dazu beitragen,

Herausforderungen wie etwa dem Klimawandel zu

begegnen. Der Besuch des neuen Ars Electronica Centers soll

allen eine grundsätzliche Vorstellung davon vermitteln, was

KI ist und wozu ihre Anwendungen fähig sind.

Compass – Navigating the Future

Seit jeher ist die Geschichte des Menschen untrennbar mit

Technologie verbunden. Doch heute haben wir eine Welt

kreiert, die aus realen und virtuellen Räumen besteht, die

nahtlos ineinander übergehen und sich permanent überlagern:

Wir teilen immer weitere Teile dieser Welt mit immer

intelligenteren künstlichen Systemen. Bild mit Bildschirmen

Enormen Schub erhielt diese Entwicklung jüngst von neuronalen

Netzen, die eine Revolution in den Computerwissenschaften

ausgelöst haben: Software wird nicht länger von

Menschen programmiert, sondern modelliert sich selbst aus

Daten. Gerade weil Technologie damit noch leistungsfähiger

und mächtiger wird, sind wir Menschen in Zukunft nicht weniger,

sondern mehr gefordert, die Gestaltung unserer Zukunft

aktiv in die Hand zu nehmen und somit zu beeinflussen, ob die

neuen Technologien Ursache unserer Probleme oder Teil ihrer

Lösung sind. Um möglichst weit nach vorn zu blicken, braucht

es ein Fernrohr. Um aber entscheiden zu können, in welche

Richtung man navigieren will, braucht es einen Kompass.

Die Ars Electronica Labs

Ein Labor ist ein Knotenpunkt von Kreativität, Technik, Gesellschaft

und Wissenschaft. Unabdingbar dabei ist die Zusammenarbeit

über die Grenzen von Disziplinen und Branchen

hinweg – Forschung lebt schon immer vom Austausch. Genau

das erfahren wir in den Ars Electronica Labs, von denen jedes

für sich ein Erlebnis ist.

Im Bio Lab

Mit modernen Technologien greifen wir immer öfter und

immer tiefer direkt in die Entstehung und Gestaltung des

Lebens ein. Dies birgt nicht nur enorme Chancen, es wirft

auch immer öfter zutiefst ethische Fragen auf.

Das Bio Lab eröffnet uns die Möglichkeit, neueste Bio- und

Gentechnologien hautnah selbst zu erforschen.

Im Material Lab

Weiter führt uns unser Rundgang ins Material Lab: Innovative

Materialien sind Treiber nachhaltiger Produkte, sie erhöhen

Wirkungsgrade, steigern Effizienz, befördern damit Wettbewerbsfähigkeit

wie ökologische Nachhaltigkeit und helfen

den Klimawandel, zunehmende Ressourcenknappheit und

schlechte Arbeitsbedingungen zu bekämpfen.

Fotos v.l.n.r.: © Robert Bauernhansl, Ars Electronica | © vog.photo

116 forum Nachhaltig Wirtschaften


HEUTE FÜR MORGEN HANDELN | THEMEN

Noch sind die künstlichen neuronalen Netzwerke dem menschlichen Gehirn unterlegen, doch Forscher arbeiten stetig an immer komplexeren

Systemen. Bald wird künstliche Intelligenz unser Leben bereichern – oder bestimmen...

Foto: © vog.photo

Im Second Body Lab

Seit jeher entwickeln wir Menschen Technologien, die uns

stärker, schneller und gesünder machen und unser Leben

einfacher, leichter und lebenswerter gestalten. Lange Zeit

beschränkte sich dies auf bloße Werkzeuge, in jüngster Vergangenheit

dringt Technologie zunehmend in unsere Körper

ein. Beispiele dieser neuen Schnittstellen zwischen Mensch

und Maschine zeigt das Second Body Lab des neuen Ars

Electronica Center.

Im Citizen Lab

Bei unserem Rundgang durch das Ars Electronica Center hat

uns besonderes das Citizen Lab begeistert: Viele aktuelle soziale,

ökologische, ökonomische und politische Verwerfungen

sind dem rasanten technologischen Fortschritt geschuldet.

Tagtäglich lesen wir von mannigfaltigen Herausforderungen,

denen wir uns stellen müssen, wollen wir eine lebenswerte

Zukunft sicherstellen. Das „CitizenLab“ des neuen Ars Electronica

Centers zeigt, wie jede und jeder einzelne von uns

unsere Welt aktiv mitgestalten kann.

Auch „Bellingcat” steht für Verantwortung, Engagement und

Vernetzung. Die Online-Plattform bündelt Recherchen von

Graswurzel-Journalisten (Citizen-Journalists), die kriminelle

Machenschaften dokumentieren. Neben der Publikation und

Verbreitung von Artikeln und Reportagen, bietet „Bellingcat”

Anleitungen und Guides für all jene, die ebenfalls als Graswurzel-Journalisten

aktiv werden und helfen wollen, Fakten und

Beweise zu sichern, die für die gerichtliche Aufarbeitung von

organisierter Kriminalität oder Kriegsverbrechen relevant sind.

Understanding Artificial Intelligence – Künstliche Intelligenz

verstehen

Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde. Ob selbstfahrende

Autos, der News-Feed von Facebook, Sprachassistenten

wie Siri, Cortana, Alexa oder Assistant, die FaceID der

neuesten iPhone-Generation oder Diagnoseverfahren in

der Medizin – hinter all diesen Dingen stecken schon heute

Anwendungen von KI. Mit der Ausstellung „Understanding

Artificial Intelligence“ zeigt das neue Ars Electronica Center

wie diese Systeme funktionieren.

Gleich eingangs werden wir von einem großen „Auge“ erfasst

und fotografiert. Ein „Generative Adversarial Network“ – kurz

GAN – kreiert aus diesen Aufnahmen Portraits, die wenige

Meter weiter auf Screens zu sehen sind. Es sind „Fake Faces“,

künstliche Gesichter, die aus Tausenden unterschiedlichen

Bildern erzeugt werden und vollkommen echt wirken.

Wie können diese Systeme Objekte wie Gesichter eigentlich

erkennen oder sogar selbst welche erzeugen? Genau wie

unser Gehirn müssen auch künstliche neuronale Netze erst

einmal mitbekommen, was um sie herum überhaupt vor sich

geht. Die neue Ars Electronica zeigt, wie das Zusammenspiel

von Wahrnehmung und Gehirn bei uns Menschen funktioniert

und wie wir dies bei Maschinen mittels Sensoren

nachempfinden.

Wie das funktioniert, sehen wir im Ars Electronica Futurelab.

Hier können wir neuronale Netze beim Lernen und „Denken“

erleben: Muss sich eine Maus vor einem Elefanten fürchten?

Vor einer Forelle? Einer Katze? Indem wir diese Fragen beantworten,

trainieren wir ein künstliches neuronales Netz.

Jede unsrer Antworten liefert dem System einen weiteren

Hinweis darauf, welcher Kombination aus Eigengewicht,

Größe, Schnelligkeit, Krallen und Zähnen eine Maus tunlichst

aus dem Weg gehen sollte.

Die Neurobionik

Auch wenn künstliche neuronale Netze nicht wie das menschliche

Gehirn funktionieren, sind viele ihrer Spielarten, etwa

des aktuell so erfolgreiche „Machine Learning“ vage der

menschlichen Physiologie entlehnt. Ein noch relativ junger

Ansatz der KI-Forschung geht einen Schritt weiter: Bio-

www.forum-csr.net

117


THEMEN | HEUTE FÜR MORGEN HANDELN

118 forum Nachhaltig Wirtschaften


HEUTE FÜR MORGEN HANDELN | THEMEN

Fotos: o.l.: © vog.photos | o.r.: © Robert Bauernhansl, Ars Electronica | Mitte: © Martin Hieselmair, Ars Electronica | unten: © Robert Bauernhansl, Ars Electronica | Kasten rechts: © OMAi

logische Nervensysteme werden digital nachgebildet und

anschließend auf Roboter übertragen.

Wenngleich dieser Ansatz der nächste Schritt hin zu noch

schneller lernenden, noch intelligenteren KI-Systemen sein

könnte, heißt das nicht, dass eine „starke“ KI deshalb näher

rückt. Die Leistungsfähigkeit und Vielseitigkeit des menschlichen

Gehirns sind unerreicht. Ganze 650 Millionen Jahre

hat die Evolution gebraucht, um seine einzigartige Komplexität

auszuformen. Eine Komplexität, die sich aus rund 86

Milliarden Neuronen speist, die rund 100 Billionen Synapsen

bilden – und von uns noch weitgehend unverstanden ist.

Im Machine Learning Studio

„Machine Learning“ ist die derzeit populärste Anwendung

von KI. Es handelt sich dabei um neuronale Netze, die sich

selbständig Wissen aneignen und dieses Wissen verallgemeinern

können. Es werden Muster und Gesetzmäßigkeiten

in Datenmengen erkannt und diese Erkenntnisse dann auf

andere, neue Daten angewandt. Anwendbar in Spam-Filtern,

Sprach- und Texterkennung, Suchfunktionen, automatischen

Empfehlungsdiensten sowie Bild- und Gesichtserkennung.

Im „Machine Learning Studio“ des neuen Ars Electronica

Centers können wir mit selbstfahrenden Autos oder automatisierten

Robotern experimentieren und ihre Funktionsweisen

kennenlernen.

KI und Kreativität

Ob todtraurig oder himmelhoch jauchzend, anmutig oder

unbeholfen – wir Menschen können einer schlichten Holzfigur

unglaubliche Magie und einmaligen Ausdruck verleihen.

Doch können das auch Maschinen? Und: Wer ist dann die

Künstlerin oder der Künstler? Die Maschine oder die Programmiererinnen

und Programmierer? Und wer hält die

Urheberrechte an ihren Werken?

In der Ausstellung „Pinocchio“ sehen wir, dass KI-Anwendungen

heute nicht mehr nur Produktionsanlagen optimieren

oder Autos steuern. Sie drängen zunehmend auf ein Feld,

das bislang uns Menschen vorbehalten war: die Kunst. Dabei

stellt sich uns die Frage: Ist dieser Prozess, der aus einem

Input einen Output erstellt ein kreativer Akt oder bloß eine

zwangsläufige Interpretation?

Oben links: Menschen können eine schlichte Holzfigur zum Leben

erwecken. Doch können das auch Maschinen? Was, wenn zur Abwechslung

moderne Industrieroboter die Strippen ziehen und einer

Marionette Leben einhauchen?

Oben rechts: Ein maßgeschneideter künstlicher Finger gliedert sich

perfekt an die restliche Hand an. The „Alternative Limb Project“

betrachtet Prothesen als Erweiterung nicht nur des Körpers, sonder

auch der Persönlichkeit.

Mitte: Unser Leben spielt sich immer mehr in digitalen Räumen ab.

Mit der Virtual Reality Technologie lassen sich die neuen Realitäten

interaktiv und mit allen Sinnen erleben.

Unten: Der „Deep Space 8K“ zeigt, dass Technik und Kunst zusammengehören.

Mit riesigen Wand- und Bodenprojektionen schicken

Künstler die Besucher auf eine audiovisuelle Reise in 3D.

KI und Vorurteile

Stichwort Interpretation: Können KI-Systeme frei von jeglichen

Vorurteilen sein und faire Entscheidungen treffen?

„Machine Learning“ vollbringt heute beeindruckende Leistungen.

Unfehlbar ist es aber nicht. Die Fehlerquote dieser

Systeme hängt maßgeblich von der Quantität und Qualität

jener Daten ab, mit denen sie trainiert werden und somit

von uns Menschen, welche häufig Fehler machen. In „imageNet

fails“ erfahren wir, dass ein solcher Fehler auch bloß

darin bestehen kann, dass Daten Merkmale enthalten, die

uns Menschen gar nicht auffallen, einem KI-System aber

sehr wohl. Schlimmer ist ohne Zweifel, wenn Datensätze

unsere Vorurteile widerspiegeln – in dem Fall wird nämlich

auch ein künstliches neuronales Netz zu diskriminierenden

Ergebnissen kommen.

Global Shift – Leben im Anthropozän

Wenn es die Erde seit 24 Stunden gäbe, wäre der Homo Sapiens

vor gerade einmal 3,6 Sekunden aufgetaucht. Seit 0,2

Das Ars Electronica Festival 2019

Out of the Box – Die Midlife-Crisis der digitalen Revolution

Schon seit 1979 bietet das Festival eine einzigartige Plattform für

Medienkunst, digitale Musik, Kreativität und Innovationen. Es ist

global das größte seiner Art und zieht jährlich zehntausende Besucher

an.

Zum 40. Geburtstag breitet sich für die Besucher vom 05.- 09. September

2019 im österreichischen Linz eine Spielwiese für internationale

KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen, IngenieurInnen,

DesignerInnen, TechnologInnen, Entrepreneurs und Social Activists

aus der ganzen Welt aus.

Unter dem Motto „Out of the Box – die Midlife-Crisis der Digitalen

Revolution“ begibt sich das Festival auf eine Expedition zur

ku?nstlerisch-wissenschaftlichen Vermessung unserer modernen

techno-o?konomisch gepra?gten Welt, fragt nach unseren Zukunftsperspektiven

und Handlungsoptionen.

Neben zahlreichen Veranstaltungsorten, die sich quer durch die

Stadt ziehen, wird wieder die POSTCITY, das ehemalige Post- und

Paketverteilerzentrum am Linzer Hauptbahnhof Festival-Hotspot

sein.

Der Festivalpass für alle 5 Tage kostet 147Euro (Ermäßigt: 99 Euro

für Jugendliche unter 19 Jahren: 18 Euro). Tagestickets ab 31 Euro

können online oder direkt vor Ort gekauft werden

Informationen und Festival-Programm: www.ars.electronica.art

www.forum-csr.net

119


Das neue Kinderforschungslabor begeistert junge und junggebliebene Besucher für die Zukunft. Mittels KI kann jeder Musik komponieren

oder Lego-Steine zu virtuellem Leben erwecken. Bleibt hier die „wirkliche“ Kunst auf der Strecke?

Sekunden würden wir Ackerbau und Viehzucht betreiben,

das Industriezeitalter hätte vor 0,002 Sekunden begonnen.

Zweitausendstel Sekunden, die uns gereicht haben, zum

bestimmenden Faktor auf diesem Planeten zu werden. Als

das Zeitalter des Menschen, das „Anthropozän“, wird dieses

jüngste Kapitel der Erdgeschichte deshalb bezeichnet. Unter

dem Motto „Global Shift“ wirft das neue Ars Electronica

Center einen Blick auf unsere aktuelle Lebensrealität.

Diese Realität spiel sich zunehmend in digitalen Räumen ab.

Weil wir die Gestaltung dieser digitalen Räume und Infrastrukturen

bislang fast ausschließlich Technologiekonzernen

überlassen haben, sind wir ziemlich im Verzug, was Spielregeln

und Verantwortlichkeiten angeht. Eine Folge davon ist, dass

wir Services im Netz nur dann nutzen können, wenn wir vorher

der Übermittlung all unserer Daten zustimmen.

Im W-LAN des neuen Ars Electronica Centers werden sämtliche

Server der Amazon Web Services (AWS) blockiert. Wir versuchen

vergeblich, Apps auf unserem Smartphone zu nutzen.

Uns wird klar, wie viele davon auf AWS basieren und welche

Dominanz heute einige wenige Technologieriesen innehaben.

Aber auch abseits der rein digitalen Welt beeinflusst Technologie

unser Leben maßgeblich. Sie ist hauptverantwortlich dafür,

dass wir heute besser, gesünder und länger leben als jede

Generation vor uns und dass wir immer besser Bescheid wissen

über uns selbst, unseren Planeten – und darüber hinaus.

Unser letzter permanent besetzter Außenposten kreist aktuell

in rund 400 Kilometern Höhe um die Erde und mit ihm mehr

als 6.000 Tonnen Schrott und Müll, was zunehmend für Probleme

sorgt. Denn knapp die Hälfte dieses Schrotts befindet

sich im erdnahen Orbit, also dort, wo auch unsere Satelliten

unterwegs sind. Mit „Orbits“ (Quadrature) zeigt das neue Ars

Electronica Center ein künstlerisches Projekt, das die Flugbahnen

von 17.000 Objekten zu ästhetischen Mustern formt.

Stichwort Erdbeobachtung: Mittels Satelliten können wir uns

rund um die Uhr ein Bild davon machen, was auf der Erdoberfläche,

in den Meeren und in der Atmosphäre abläuft.

Um die dabei gewonnenen Daten auszuwerten, kommen

wiederum KI-Systeme zum Einsatz. Die dadurch gewonnenen

Erkenntnisse zeigen immer deutlicher, dass der technologische

Fortschritt und das permanente Wachstum unserer

Wirtschaft ihren Preis haben.

Mit „Global Shift“ zeigt das neue Ars Electronica Center, wie

stark wir unsere Welt nach unseren Wünschen gestalten,

aber auch welche Probleme dadurch entstehen. Es liegt an

uns, zu bestimmen, welche Richtung wir künftig einschlagen

wollen, wie wir Wirtschaftswachstum bewerten, welche

Bedeutung wir der irdischen Biodiversität beimessen und

welche Rolle wir unserer Technologie zuschreiben.

Kinderforschungslabor, Mirages & miracles, AI x Music

Im neuen Kinderforschungslabor können junge und neugierige

Besucherinnen und Besucher Technologien wie Künstliche

Intelligenz spielerisch ausprobieren. Die Ausstellung ‚Mirages

& miracles‘ inszeniert Augmented Reality auf fantasievolle

Weise und die Schau ‚AI x Music‘ zeugt davon, dass Kreativität

seit jeher vor allem auch in der Musik zum Ausdruck

kommt. Auch im Versuch, Musik mit Automaten künstlich zu

erzeugen. Das Ars Electronica Center bietet somit der ganzen

Familie einen Ausblick in die Zukunft.

www.arselectronica.at

MARIA KARGL

hat Modedesign mit dem Schwerpunkt „ökologische und soziale Verantwortung

in der globalen Lieferkette“ in München studiert. Zurzeit

setzt sie sich mit dem Thema Nachhaltigkeit im interdisziplinären

Studiengang „Umweltethik“ an der Universität Augsburg auseinander

und arbeitet als Werkstudentin bei forum Nachhaltig Wirtschaften.

Fotos v.l.n.r.: © Stephan Islermann | © David Hasselhoff

120 forum Nachhaltig Wirtschaften


B.A.U.M. INFORMIERT | SERVICE

B.A.U.M. DANKT ALLEN PARTNERN

DER JAHRESTAGUNG UND

PREISVERLEIHUNG 2019

Hauptpartner

Co-Partner

Nachrichten

B.A.U.M.-Preisträgerinnen und -Preisträger 2019

Auch 2019 zeichnet B.A.U.M. wieder Nachhaltigkeitsengagierte

mit seinen begehrten Preisen aus.

Internationaler B.A.U.M.-Sonderpreis

• Prof. Dr. Horst Köhler, Bundespräsident a. D.

• Ole Scheeren, Büro Ole Scheeren

B.A.U.M. | Umwelt- und Nachhaltigkeitspreis

Kategorie Großunternehmen

• Thomas Fuhr, Grohe AG

Kategorie Kleine und mittelständische Unternehmen

• Anne-Kathrin Laufmann, SV Werder Bremen GmbH & Co. KGaA

• Dr. Philip Lettmann, Wala Heilmittel GmbH

• Barbara Scheitz, Andechser Molkerei Scheitz GmbH

Kategorie Medien

• Christiane Grefe, DIE ZEIT

Kategorie Wissenschaft

• Prof. Dr. Natalie Eßig, Hochschule München

Kategorie Digitalisierung

• Christian Kroll, Ecosia GmbH

Sachsponsoren

Veranstaltungsvorschau

Einführung in das Design Thinking

26./27.11.2019, Nordakademie Graduate School, Hamburg

Zur Unterstützung von Innovation, Digitalisierung und Nachhaltigkeit

in Unternehmen bieten B.A.U.M. und das B.A.U.M.-

Mitglied Protellus einen Workshop zur Einführung in das Design

Thinking an. Teilnehmende erhalten ein Teilnahme-Zertifikat.

Besuchen Sie uns auch im Internet! Unter www.baumev.de

finden Sie aktuelle Nachrichten und Veranstaltungshinweise.

Partner im Netzwerk

Die Veranstaltung ist klimaneutral durch

Als neue Mitglieder des Förderkreises von

B.A.U.M. e. V.* begrüßen wir:

alkaWell WaterCompany GmbH, Hamburg |

Franke Vermögensberatungs GmbH, Emmerthal | HELMA Eigenheimbau

AG, Lehrte | HELMA Ferienimmobilien GmbH, Lehrte |

HELMA Wohnungsbau GmbH, Lehrte | IFAW Internationaler

Tierschutz-Fonds gGmbH, Hamburg | lion energy GmbH & Co.

KG, Brilon | Pickawood GmbH, Hamburg | Privacy Solutions

GmbH, Hannover | R-Biopharm AG, Darmstadt | Roschker Consulting.

Sustainability & Communication, Kronberg | Scholz &

Volkmer GmbH, Wiesbaden | s-coll Service GmbH, Hilpoltstein |

SDG media GmbH, Dortmund | VERSO GmbH, München | Working

Light LED Lichtsysteme GmbH, Hamburg

* Stand zum Redaktionsschluss am 15.7.2019

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121


SERVICE | AWARDS UND PREISTRÄGER

AND THE WINNER IS…

Eine wahre Flut von Preisen und Auszeichnungen zeigt: Immer mehr Menschen und Organisationen engagieren sich für eine

nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft und wir bieten ihnen dafür eine Plattform. Ob Preisträger, Nominierte oder Awardveranstalter

– sehen Sie hier (und auf www.forum-csr.net) die Vielfalt des Engagements. Lassen Sie sich inspirieren und vergessen

Sie nicht, sich zu bewerben! Wenn auch Sie sich und Ihren Einsatz bei uns präsentieren wollen, senden Sie einfach eine Mail an

Dorothee Wimmer (d.wimmer@forum-csr.net).

Ausgezeichnete CSR-Kommunikation

KYOCERA NATOUR-GUIDE – German Brand Award

KYOCERA Document Solutions ist für seinen NATOUR-GUIDE mit dem German Brand

Award in Gold ausgezeichnet worden. Der KYOCERA NATOUR-GUIDE wurde zusammen

mit der Deutschen Umwelthilfe herausgegeben und stellt das gemeinsame Engagement

im Rahmen des Projekts Lebendige Flüsse vor. 15 Wanderstrecken dokumentieren die

deutschlandweiten Projekt-Ergebnisse. Die einzelnen Strecken wurden nicht nur in einer

Print-Publikation veröffentlicht, sondern auch digital verlängert: So sind alle Strecken

über die Wanderapp komoot sowie die Website www.natourguide.kyocera.de verfügbar.

Zugleich nutzte KYOCERA den Wanderführer als Aufhänger für Partner- und PR-Events

sowie für Social-Media-Kampagnen.

www.kyoceradocumentsolutions.de | www.german-brand-award.com

Biodiversität stärken mit Lasuren und Holzölen

DAW SE – DGNB Sustainability Challenge 2019

Die DAW SE, Finalist des Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2018 und bekannt durch

die Marken Caparol und Alpina, baut konsequent auf Innovation und Nachhaltigkeit.

Für seine auf der Leindotterpflanze basierenden Lasuren und Holzöle wurde

das Unternehmen von der Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen ausgezeichnet.

Der Anbau des Leindotters erfolgt im Mischfruchtanbau und liefert einen wertvollen

Beitrag zur Biodiversität und Stärkung des Ökosystems. Die Lasuren und

Holzöle ermöglichen durch ihre pflegenden Eigenschaften einen nachhaltigen

Einsatz des Rohstoffs Holz. Somit bietet das Leindotterprojekt über die gesamte

Wertschöpfungskette hinweg einen positiven Beitrag für das Bauen der Zukunft.

www.daw.de | www.dgnb.de

Umweltfreundliche Mappen & Produktverpackungen

werbegrün – PSI Sustainability Awards

Das Berliner Unternehmen werbegrün produziert umweltfreundliche Verpackungsprodukte und

wurde dafür bei den vierten PSI Sustainability Awards in der Kategorie „Sustainable Product

– Product Line“ ausgezeichnet. werbegrün setzt sich seit der Gründung ehrgeizige

Ziele. Die in Berlin gefertigten Produkte sind langlebig und sollen weder bei der Herstellung

noch bei der Entsorgung unsere Umwelt beeinträchtigen. Dabei wird ganzheitlich und

nachhaltig mit sozialer Umsicht gehandelt. Mit modernsten Produktionstechnologien und

traditionellem Handwerk werden individuelle Produktverpackungen, wie Faltschachteln

und Werbematerialien, wie Präsentationsmappen, gefertigt. Werbegrün-Inhaber Oliver

Hampe nahm die Auszeichnung entgegen.

www.werbegruen.de | www.psi-awards.de

Fotos: © KYOCERA Document Solutions Deutschland GmbH | © DGNB | © Behrendt und Rausch

122 forum Nachhaltig Wirtschaften


AWARDS UND PREISTRÄGER | SERVICE

Projekte und Initiativen für eine nachhaltige Welt

ÖGUT-Umweltpreis 2019

In Österreich werden Lösungen für die Stadt der Zukunft und die nachhaltige Kommune, gute

Beispiele gelebter BürgerInnenbeteiligung, ressourceneffiziente Betriebe und Frauen mit Karriere

im Bereich der Umwelttechnik gesucht. Die 33. Ausschreibung zum ÖGUT-Umweltpreis ist bis zum

30. September geöffnet. PreisträgerInnen dürfen sich Chancen auf insgesamt 22.000 Euro Preisgeld

ausrechnen. Zur Verfügung stellen das Preisgeld das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und

Tourismus (BMNT), das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT),

der Österreichische Städtebund und Coca Cola. Damit soll nicht nur die breite öffentliche Anerkennung

und Vorbildwirkung der ausgezeichneten Projekte gefördert werden, sondern durch

den finanziellen Bonus auch ganz konkret die Umsetzung von Ideen und Projekten.

www.oegut.at

Akteure und Ideen mit Vorbildfunktion

Deutscher Nachhaltigkeitspreis

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ist die nationale Auszeichnung für Spitzenleistungen der

Nachhaltigkeit in Wirtschaft, Kommunen und Forschung. Mit fünf Wettbewerben (darunter

der Next Economy Award für „grüne Gründer“), über 800 Bewerbern und 2.000 Gästen zu

den Veranstaltungen ist der Preis der größte seiner Art in Europa. Die Auszeichnung wird

vergeben von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V. in Zusammenarbeit mit der

Bundesregierung, kommunalen Spitzenverbänden, Wirtschaftsvereinigungen, zivilgesellschaftlichen

Organisationen und Forschungseinrichtungen. Rahmen für die Verleihung ist

der Deutsche Nachhaltigkeitstag in Düsseldorf, die meistbesuchte jährliche Kommunikationsplattform

zu den Themen nachhaltiger Entwicklung.

www.nachhaltigkeitspreis.de

Reisen fernab des Massentourismus

Fairaway Travel GmbH – nominiert für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis (in der Kategorie KMU)

Als einziger Reiseveranstalter ist die auf Fernreisen spezialisierte Online-Plattform Fairaway für den

Deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert. Das Konzept: Reiseexperten im jeweiligen Land erstellen

für Kunden maßgeschneiderte (Rund-)Reisen fernab der Massen. Durch die Zusammenarbeit mit

lokalen Dienstleistern und Familienpensionen entstehen neue Arbeitsplätze für die Bevölkerung vor

Ort. Die Lebenssituation der Menschen in den Destinationen wird durch faire Bezahlung und angemessene Arbeitsbedingungen

verbessert. Alle bei Fernreisen unvermeidlich anfallenden CO 2

-Emissionen werden vollständig kompensiert – auch

die der Flüge, die nicht bei Fairaway gebucht werden. 2020 möchte Fairaway seine Reisen plastikfrei anbieten.

www.fairaway.de| www.nachhaltigkeitspreis.de

Umweltfreundliche und nachhaltige Drucksachen

Fotos: © Frank Fendler

Print Pool – nominiert für den Bundespreis Ecodesign

Der Bundespreis Ecodesign ist die höchste staatliche Auszeichnung für die umweltfreundliche Produktion

von Drucksachen. „Es ist ja schon fast Pflicht, dass wir an dem Wettbewerb teilnehmen – die

ökologische Qualität und ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen bei Drucksachen sind

uns sehr wichtig. Täglich beraten wir unsere Kunden und leisten wichtige Aufklärungsarbeit zur umweltverträglichen Produktion.

Broschüren, Nachhaltigkeitsberichte, Folder, Notizhefte und Visitenkarten, die mit Biodruck farben und Re cyclingpapier

gedruckt werden, verbessern die Ökobilanz – das ist ein echter Vorteil!“, erklärt Matthias Simon, Geschäftsführer der Print

Pool GmbH.

www.print-pool.com | www.bundespreis-ecodesign.de

www.forum-csr.net

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SERVICE | MEDIENTIPPS

Filmtipps

The Biggest Little Farm

Der mehrfache Emmy-Preisträger und

Naturfilmer John Chester und seine

Frau Molly haben einen Traum: eine

neue Existenz aauf einer Farm aufzubauen

und im Einklang mit der Natur

zu leben. Doch rückt die Verwirklichung

ihres Traumes in weite Ferne,

als sie den Boden ihres Pachtlandes

das erste Mal begutachten – alles Leben

scheint aus dem staubtrockenen,

harten Boden gewichen zu sein. Über

einen Zeitraum von acht Jahren dokumentiert John Chester, wie

das Leben auf dem heruntergekommenen Land erwacht und

sich dieses schrittweise zu einem Paradies auf Erden wandelt.

Honeyland

Eine Wild-Imkerin in Mazedonien

betreibt ihre Bienenzucht nach dem

simplen Prinzip: „Die Hälfte mir, die

Hälfte den Bienen.“ Als ihr Nachbar

ebenfalls mit der Bienenzucht anfängt,

droht das Gleichgewicht zwischen

Schutz und Nutzung zu kippen. Denn

der von der Gier angetriebene Nachbar

ist blind für die Gesetze der Natur

und treibt damit nicht nur sein Stück

Land in den Ruin. Ein ergreifender Film

über den Respekt und die Wertschätzung für die Natur, welche

auch den achtsamen Umgang mit Menschen einschließt.

Chasing the Thunder

Als die Aktivisten der Sea Shepherds

das berüchtigte Schiff „Thunder“ bei

der illegalen Fischerei in den abgelegenen

Gewässern der Antarktis

entdecken, beginnt eine spannungsgeladene

Verfolgungsjagd durch

drei Weltmeere. 110 Tage lang und

auf einer Strecke von 16.000 Kilometern

versucht die Thunder den

beiden Booten der Sea Shepherds

mit allen Mitteln zu entkommen.

Doch die 60-köpfige Crew bleibt

den illegalen Fischern beharrlich auf den Fersen, damit ihnen

gelingt, was die Regierungen und Interpol jahrelang vergeblich

versucht haben.

Ghost Fleet

Nach jahrzehntelanger Überfischung

sind die Fischbestände in

Thailand stark dezimiert. Doch

die Welt giert mehr den je nach

den beliebten Meeresbewohnern.

Auf der Suche nach Fisch begeben

sich die thailändischen Fangflotten

tausende Kilometer von den Küsten

weg – und das für Monate. Auch

gegen Bezahlung finden die Fischerbetriebe

dafür keine Arbeiter.

Täglich werden deshalb Menschen

entführt, zu Zehntausenden auf die Fangflotten verschleppt und

als Sklaven gefangengehalten. Der Film portraitiert eine Gruppe

von Aktivist*innen um die mutige Thailänderin Patima Tungpuchayakul,

die ihr Leben riskieren, um die Sklaven zu befreien

und ihnen ihre Menschenwürde zurückzugeben.

Sharkwater Extinction

Mit seinem Film Sharkwater hat

der charismatische Naturfilmer

und Meeresbiologe Rob Stewart

unsere Sicht auf die Welt der

Haie nachhaltig verändert. Das

Nachfolgewerk „Sharkwater Extinction“

zeigt aus verschiedenen

Perspektiven, wieso Haie weiter

abgeschlachtet und an den Rand

des Aussterbens gebracht werden.

Rob Stewart ist noch während den Dreharbeiten bei einem Tauchunfall

gestorben. Der Film ist daher auch eine Hommage an

den Mann, der sich unermüdlich und unerschütterlich für den

Schutz dieser geheimnisvollen Meeresbewohner eingesetzt hat.

Unstoppable Youth

Unstoppable Youth begleitet

die junge Filmemacherin Slater

Jewell-Kemker auf ihrer erlebnisreichen

Reise an vorderster Front

der Klimajugendbewegung – mit

allen Hochs und Tiefs der Klimapolitik

der letzten Jahre. Der Film

ist das filmische Tagebuch der

jungen Aktivistin, die seit ihrem

zehnten Lebensjahr Prominente

und Politiker zum Thema Klimawandel

und Umwelt interviewt,

und macht Mut, selber für den

Klimaschutz aktiv zu werden.

Die Film-Tipps werden von Filme für die Erde präsentiert. www.FILMEfürdieERDE.ch ist die weltweit größte Website zu Film und

Nachhaltigkeit, mit über 200 Filmen, die direkt online angeschaut werden können.

124 forum Nachhaltig Wirtschaften


MEDIENTIPPS | SERVICE

Bücher

Frank Martin Püschel

Radical Change

Nachhaltig, sozial und trotzdem profitabel

im Business

Während sich Europas Jugend bei den

„Fridays for Future“-Demonstrationen für

Umweltschutz engagiert und die Politik

viel über Nachhaltigkeit und Klimaschutz

debattiert, widmet sich Frank Martin

Püschel in seinem Buch „Radical Change“

der Frage, wie sich Unternehmen für

Nachhaltigkeit einsetzen und trotzdem

profitabel sein können. Der Unternehmer

entwickelte mit TRI-MONY ein neues Wirtschaftskonzept, das für einen

Ausgleich zwischen den Interessen sorgt. Sein bereits in der Praxis erprobtes

Programm berücksichtigt monetäre, soziale und ökologische

Bedürfnisse. Dafür erhielt er im Mai 2019 für sein Konzept von TRI-MONY

bei der „More than a Market“- Gala den zweiten Platz in der Kategorie

„Small Enterprises (1-500 employees in China)“.

2018, 112 Seiten, ISBN: 978-3-96251-027-5, 15,00 EUR

www.fazbuch.de

Hanni Rützler

Food Report 2020

Revolution der Esskultur

„Der Mensch ist, was er isst.“ Schon dem

Philosophen Ludwig Feuerbach war es

vor mehr als anderthalb Jahrhunderten

klar, dass Essen weitaus mehr bedeutet

als nur die reine Nahrungsaufnahme.

Inzwischen ist der Mensch auch immer

mehr das, was er aus Überzeugung nicht

isst, betont Hanni Rützler. Wir können frei entscheiden, was wir essen.

Und wir entscheiden zunehmend bewusster und gezielter, wann wir wo

mit wem was essen. Diese Wahlfreiheit differenziert unsere Esskultur

immens aus. Hierbei gibt es kein gesellschaftliches Richtig oder Falsch

mehr, jeder Einzelne entscheidet über seine kulinarischen Vorlieben

selbst. Hanni Rützler nimmt die Leser mit auf einen horizonterweiternden

Rundflug über die aktuellen Entwicklungen im Food-Bereich und eröffnet

den Blick auf den Wandel unserer Esskultur.

2019, 120 Seiten, ISBN 978-3-945647-60-8, 150,00 EUR

www.zukunftsinstitut.de

Erwin Thoma

Strategien der Natur

Wie die Weisheit der Bäume unser Leben

stärkt

Erwin Thoma stellt in seinem neuen Buch

die Evolution der Bäume anschaulich und

umfassend dar. Er zeigt, wie sie sich aus dem

Wurzelreich in den Himmel kämpfen, wie

sie über die Jahre an Charakter gewinnen,

welche Beziehung sie mit anderen Waldbewohnern

eingehen und was Neues aus

ihrem Vergehen erwächst. Darüber hinaus

führt er uns vor Augen, dass gerade jetzt die Zeit der Bäume gekommen

ist: Wir kommen nicht länger umhin, ihre Überlebensweisheiten und

ihre Heilkraft für uns zu nutzen, wollen wir die Verwerfungen des Klimawandels