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Gruess Gott - Frühjahr 2023

Das Magazin über Gott und die Welt

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1 | Linz<br />

Das Magazin über <strong>Gott</strong> und die Welt <strong>Frühjahr</strong> <strong>2023</strong><br />

Österreichische Post AG, RM 19A041667 K, Diözese Linz, Herrenstraße 19<br />

NACHHALTIG<br />

GLÜCKLICH<br />

Wie fünf Freundinnen<br />

mit ihrem Second handshop<br />

in Bad Ischl für strahlende<br />

Gesichter sorgen.<br />

ZWISCHEN BIBEL<br />

UND BADMINTON<br />

Wie Priester Slawomir Dadas<br />

mehr Liebe in die Welt bringt.<br />

HIMMLISCHE LIEDER<br />

VON GOTT UND GLAUBE<br />

Was Beyoncé, Elvis Presley<br />

und Kendrick Lamar verbindet.<br />

NÄCHSTENLIEBE<br />

AUF DER STRASSE<br />

Warum uns die Gabe<br />

von Almosen herausfordert.


»In meinem Leben<br />

gab es keinen Moment<br />

ohne <strong>Gott</strong>.«<br />

Physik-Nobelpreisträger Anton Zeilinger


EDITORIAL<br />

GRÜSS<br />

GOTT!<br />

COVERFOTO: ANDREAS JAKWERTH; FOTOS: DIÖZESE LINZ/HERMANN WAKOLBINGER, GETTY IMAGES/ISTOCK<br />

Woran denken Sie beim Wort „Frieden“? An den globalen<br />

Frieden mit der Hoffnung, dass eine Friedensvermittlung<br />

in Kriegen möglich ist? An Frieden in Ihrem direkten Umfeld?<br />

Oder denken Sie, als einzelner Mensch könnten Sie sowieso<br />

nichts ausrichten?<br />

Ich bin davon überzeugt, dass wir schon im Kleinen für mehr<br />

Frieden sorgen können: Mit Gesten der Versöhnung können wir<br />

unsere Umgebung beeinflussen, mit Einfühlungsvermögen in<br />

andere Menschen, mit aufmerksamen Begegnungen. Es sind kleine<br />

Schritte, die zum Zusammenhalt in Familien und Freundeskreisen<br />

führen, aber auch in lokalen Gemeinschaften – auf dem Land<br />

genauso wie in der Stadt, in der Kirche genauso wie in anderen<br />

gesellschaftlichen Umfeldern.<br />

Wir brauchen solche lebendigen und belastbaren Einheiten<br />

wie Familien, Freundschaften, Pfarrgemeinden, Vereine und soziale<br />

Initiativen. In der Gemeinschaft erleben wir, dass wir manchmal<br />

die jenigen sind, die andere durch schwierige Zeiten tragen. Und<br />

manchmal brauchen wir auch selbst Hilfe. Genau diese „tragenden<br />

Gemeinschaften“ wollen wir als Kirche stärken. Sie sind eine<br />

wichtige Voraussetzung, um die großen gesellschaftlichen Herausforderungen<br />

zu meistern, dir wir in unserer Zeit erleben.<br />

Das Verbindende zu suchen und zu stärken ist eine Friedensmentalität,<br />

die in vielerlei Hinsicht in unserem Land bereits<br />

gelebt wird. Das macht mich dankbar und auch zuversichtlich.<br />

Mit diesem Magazin wollen wir Ihnen den einen oder anderen<br />

Impuls geben, wie die kleinen Schritte hin zum Frieden gelingen<br />

können.<br />

Herzlich<br />

Bischof Manfred Scheuer<br />

DR. MANFRED SCHEUER<br />

ist Bischof der Diözese Linz<br />

und stammt aus Haibach<br />

ob der Donau. Ihm ist es<br />

ein Anliegen, sich auf<br />

möglichst vielen Ebenen<br />

in den gesellschaftlichen<br />

Dialog einzubringen.<br />

Wenn Sie uns eine Rück ­<br />

meldung zu unserem<br />

Magazin geben wollen,<br />

bitte gerne per E-Mail an:<br />

gruessgott@dioezeselinz.at<br />

Wir freuen uns,<br />

von Ihnen zu lesen!<br />

3


54<br />

HIMMEL<br />

18 WERKE DER BARMHERZIGKEIT<br />

Wie sieben Gebote der<br />

Nächsten liebe für ein besseres<br />

Miteinander sorgen können.<br />

26 HIMMLISCHES REZEPT<br />

Traditionelle Bauernkrapfen<br />

mit Marmelade.<br />

28 KAUF DICH GLÜCKLICH<br />

In diesem Secondhandladen<br />

in Bad Ischl wird Shoppen<br />

zum Akt der Nächstenliebe.<br />

32 GÖTTLICHE PLAYLIST<br />

Beyoncé, Justin Bieber<br />

und Co: Diese Popstars<br />

nutzen ihren Glauben<br />

als Inspiration.<br />

[HERR]GOTT<br />

38 WISSENSCHAFT UND RELIGION<br />

Ewiger Widerspruch oder<br />

doch ein befruchtendes<br />

Miteinander? Die historische<br />

Beziehung von Forschung<br />

und Glauben bis ins Heute.<br />

44 NÄHER ZU GOTT, NÄHER ZU MIR<br />

Seelsorgerin Irmgard Lehner<br />

zeigt uns, wie das mit dem<br />

Beten-Lernen geht und dass<br />

es einfacher ist als gedacht.<br />

48 BRÜCKE DER HOFFNUNG<br />

Gebeine, Schweißtücher<br />

und sogar Tränen: Reliquien<br />

stellen eine Beziehung<br />

zu <strong>Gott</strong> her, die über das<br />

Irdische hinausgeht.<br />

SAKRAMENT<br />

54 SEIN TÄGLICH BROT<br />

Priester Slawomir Dadas<br />

nimmt uns mit in seinen<br />

turbulenten Alltag zwischen<br />

Altar, Büro und Badminton.<br />

62 DAS KREUZ MIT DEN ALMOSEN<br />

Wie kann man von Not<br />

und Armut Betroffenen<br />

am besten helfen? Und<br />

was ist wirklich dran am<br />

Mythos der Bettler banden?<br />

Eine Spurensuche.<br />

68 AM SIEBTEN TAG<br />

Sieben Fragen und Antworten<br />

zum Leben – diesmal<br />

an und von „Mr. Whisky“<br />

Peter Affenzeller.<br />

4


INHALT<br />

FOTOS: FORIAN VOGGENEDER, RAPHAEL GABAUER, MASON POOLE, JENS BONNKE<br />

6 WEGE ZUR KRAFT<br />

Der Brückenpatron<br />

mitten im Fluss.<br />

8 KURZMELDUNGEN<br />

Neuigkeiten aus<br />

Oberösterreich<br />

und der Welt.<br />

9 KIRCHENRÄTSEL<br />

Wo Reisende<br />

haltmachen.<br />

10 GLAUBEN & WISSEN<br />

Kirchliche Feiertage<br />

bescheren uns Zeit<br />

zum Durchatmen.<br />

Aber was genau feiern<br />

wir da eigentlich?<br />

18 32<br />

48 38<br />

GOTT & DIE WELT<br />

12 GLOSSAR DES GLAUBENS<br />

Was hat es mit dem<br />

Halleluja auf sich?<br />

13 SCHÖNSTER TAG IM LEBEN<br />

Wer kann wen wie<br />

heiraten? Daten<br />

und Fakten rund<br />

um die Ehe.<br />

14 1 FRAGE, 3 ANTWORTEN<br />

Wo sitzt die Seele?<br />

72 POST AN GRÜSS GOTT!<br />

73 HADERER<br />

74 KULTURELLES<br />

& SPIRITUELLES<br />

Aus der Redaktion<br />

NÄCHSTENLIEBE<br />

Ein starkes Wort. Noch stärkere Taten.<br />

Und einer der stärksten Bausteine im<br />

christlichen Glauben. In der Coverstory<br />

dieser Ausgabe holen wir fünf<br />

Freundinnen vor den Vorhang, die<br />

mit ihrem Kleiderkammerl in Bad Ischl<br />

zeigen, wie man Menschen mit Mode<br />

nachhaltig große Freude bereitet.<br />

Alles im Dienste der guten Sache, wie<br />

Sie in der Geschichte unserer Autorin<br />

Sabrina Luttenberger ab Seite 28<br />

lesen können. Und sind Ihnen die<br />

sieben Werke der Barmherzigkeit<br />

ein Begriff? Was es mit diesen Geboten<br />

für ein besseres Mit einander<br />

auf sich hat und wie Barmherzigkeit<br />

im „echten Leben“ aussehen kann,<br />

zeigen wir ab Seite 18.<br />

Weiters haben wir eine göttliche<br />

Playlist zusammengestellt mit Musikstücken<br />

von Künstlerinnen und Künstlern,<br />

die sich bei ihrem Schaffen vom<br />

Glauben inspirieren lassen (siehe<br />

Seite 32). Einen Einblick in das wechselvolle<br />

Verhältnis von Wissenschaft<br />

und Kirche er halten Sie ab Seite 38.<br />

Unser Autor Wolfgang Wieser wagte<br />

einen Selbstversuch: Beten lernen<br />

hieß sein Ziel. Wie es ihm dabei<br />

er gangen ist, erzählt er ab Seite 44.<br />

Zurück zur Nächstenliebe. Sie nimmt<br />

auch im Leben von Priester Slawomir<br />

Dadas eine entscheidende Rolle ein.<br />

Er ist für Menschen da – mit Worten<br />

und mit Taten, wie der Einblick in<br />

seinen Alltag ab Seite 54 beweist.<br />

Fest steht: Jede gute Tat macht unsere<br />

Welt ein bisschen heller – und wir<br />

alle können unseren Beitrag leisten.<br />

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen<br />

eine anregende Lektüre!<br />

Ihre „Grüß <strong>Gott</strong>!“-Redaktion<br />

5


WEGE ZUR KRAFT<br />

In der Mitte des Flusses. Die Wurzeln der prächtigen Bäume<br />

ragen in den grün schimmernden Inn, im Fluss selbst thront<br />

der heilige Nepomuk auf dem Johannesfelsen – die malerische<br />

Landschaft der Vornbacher Enge ist ein besonders schönes<br />

Stück Heimat. 2013 zeigte die Natur aber ihre alles andere<br />

als idyllische Seite: Der Brückenheilige – nicht weit entfernt<br />

ver bindet der Mariensteg Ober österreich und Bayern – ging<br />

in den Fluten des Hoch wassers unter. Doch nur ein Jahr später<br />

wachte bereits wieder ein „neuer“ Nepomuk an Ort und Stelle.<br />

6


FOTO: BERNHARD HUBER<br />

7


Kurzmeldungen<br />

DIE FARBEN SIND<br />

ZURÜCK IM DOM<br />

Hier ist Vorsicht geboten: Mit<br />

einem Pinsel löst Susanne Beseler<br />

behutsam Schmutz aus 130 Jahren<br />

von den Glassteinen und legt einen<br />

Anblick frei, der Besucherinnen und<br />

Besuchern des Linzer Mariendoms<br />

viele Jahrzehnte lang verwehrt blieb.<br />

Für die Kunst restauratorin sind<br />

die bis zu zwölf Meter hohen Wandmosaike<br />

im Kapellenkranz, dem<br />

ältesten Teil des Doms, ein ganz<br />

besonderes Projekt. „Natürlich gibt<br />

es auch in anderen Kirchen schöne<br />

Mosaike. Aber in dieser Form und<br />

vor allem in dieser Fülle kenne ich<br />

nichts Ver gleich bares“, sagt sie.<br />

Außergewöhnlich ist auch der gute<br />

Zustand, in dem sich die Kunstwerke<br />

Es werde Licht. Susanne Beseler reinigt die Mosaike zuerst trocken und<br />

erst später feucht, um die Farben in all ihrer Strahlkraft freizulegen.<br />

befinden: Außer Ablagerungen gibt<br />

es kaum Schäden zu beklagen. Rund<br />

160 Arbeitsstunden werden für die<br />

Reinigung eines Mosaiks benötigt.<br />

Diese Sorgfalt macht sich bezahlt:<br />

Was aussah wie eine ganze Palette<br />

an Brauntönen, sind tatsächlich kräftige<br />

Farben von tiefem Blau über<br />

saftiges Grün bis hin zu strahlendem<br />

Rot. Diese neue und zugleich alte<br />

Farb gewalt gibt den Motiven mehr<br />

Tiefe und Bedeutung, die abgebildeten<br />

Figuren bekommen den Glanz<br />

in ihren Augen zurück. Das erste der<br />

acht Mosaike kann bereits in seiner<br />

Pracht bestaunt werden.<br />

Gelebter Zusammenhalt. Österreichs<br />

Delegation beim letzten Weltjugendtag<br />

in Panama.<br />

DER PAPST RUFT NACH LISSABON<br />

Beten mit dem Pontifex:<br />

700.000 junge Menschen aus aller<br />

Welt pilgerten zum letzten internationalen<br />

katholischen Welt jugendtag<br />

2019 nach Panama. Mindestens genauso<br />

viele werden auch dieses Jahr<br />

von 1. bis 6. August in Portugal erwartet.<br />

Der erste angemeldete Teilnehmer:<br />

Papst Franziskus, der noch<br />

vor allen anderen die Online-Registrierung<br />

ausfüllte und damit offiziell<br />

zum 37. Weltjugendtag einlud. Ein<br />

gemeinsames Abendgebet mit dem<br />

Heiligen Vater für die weltweit Leidenden<br />

auf einem weiten Feld ist<br />

eines der Highlights, genauso wie<br />

die anschließende Übernachtung<br />

unter dem Sternenhimmel Lissabons.<br />

Den Höhepunkt stellt der Sonntagsgottesdienst<br />

dar, der am letzten<br />

Tag von Papst Franziskus abgehalten<br />

wird und laut früheren Teilnehmerinnen<br />

und Teilnehmern eine faszinierende<br />

Mischung aus Abenteuer und<br />

Gebet ist. Gemäß dem Motto „Maria<br />

stand auf und machte sich eilig auf<br />

den Weg“ nach dem Lukasevangelium<br />

geht es beim Weltjugendtag um<br />

den Mut, ohne Zögern für das aufzustehen,<br />

woran man glaubt. Das<br />

Ziel: den Zusammenhalt zwischen<br />

gläubigen Jugendlichen stärken.<br />

FOTOS: DIÖZESE LINZ/JOHANNES KIENBERGER, KATHOLISCHE JUGEND ÖSTERREICH, GREGOR KUNTSCHER<br />

8


Kirchenrätsel<br />

Alles im Blick. Schutz<br />

und Segen der heiligen<br />

Maria erreichen<br />

einen selbst noch<br />

im hintersten Eck<br />

des Parkplatzes der<br />

gesuchten Kirche.<br />

WO BIN ICH?<br />

Wir führen Sie in jeder Ausgabe<br />

zu einer der vielen Kirchen<br />

und Kapellen in Oberösterreich.<br />

Können Sie erraten, welche<br />

wir diesmal besucht haben?<br />

Bereits der bunte Blickfang auf der<br />

ansonsten in schlichtem Weiß gehaltenen<br />

Außenfassade verrät einiges über die<br />

gesuchte Kirche. Ein zwölf Quadratmeter<br />

großes Glas mosaik zeigt Maria mit dem<br />

Jesuskind, wie sie ihren Mantel schützend<br />

um Gläubige legt, die zu ihren Füßen auf<br />

dem Asphalt knien. Tritt man ein paar<br />

Schritte zurück auf den geräumigen Parkplatz,<br />

sieht es fast so aus, als würde Jesus<br />

die Straße segnen, die um die Kirche herum<br />

führt. Und sogar auf der 200 Meter entfernten<br />

Landstraße kann man Marias ausgebreitete<br />

Arme noch erkennen. Es lohnt sich<br />

aber auch, etwas genauer hinzusehen: Im<br />

Inneren der geräumigen Kirche ist ein ganzer<br />

Seitenaltar dem heiligen Christophorus<br />

geweiht, dem Schutzpatron der Pilger, der<br />

Reisenden – und der Fahrzeuglenkerinnen<br />

und -lenker. Zu deren Schutz wurde die<br />

Kirche 1958 feierlich eingeweiht. Rund<br />

600 Fahrzeuge wurden damals im Rahmen<br />

der Festlichkeiten gesegnet. Zwar war es in<br />

Österreich damals die erste Kirche ihrer Art,<br />

die einzige ist sie jedoch nicht geblieben.<br />

Sie wissen, welche Kirche gemeint ist?<br />

Die Lösung finden Sie auf Seite 75.<br />

9


GOTT & DIE WELT<br />

ELF GRÜNDE ZUM FEIERN<br />

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen! Im Kirchenjahr,<br />

das mit dem ersten Advent sonntag beginnt, verweisen<br />

elf kirchliche Feiertage auf die Gegenwart <strong>Gott</strong>es<br />

in unserem Leben. Aber was ist eigentlich die genaue<br />

Bedeutung der einzelnen Feste?<br />

Mariä Himmelfahrt, 15. 8. | <strong>2023</strong>: dienstag<br />

AUGUST<br />

JULI<br />

Fronleichnam | <strong>2023</strong>: donnerstag, 8. 6.<br />

JUNI<br />

Pfingstmontag | <strong>2023</strong>: montag, 29. 5.<br />

Christi Himmelfahrt | <strong>2023</strong>: donnerstag, 18. 5.<br />

M AI<br />

Fronleichnam<br />

Bei diesem Hochfest des<br />

Leibes und Blutes Christi<br />

steht die Eucharistie im<br />

Mittel punkt: Jesus ist in<br />

Brot und Wein gegenwärtig.<br />

Das Fest erinnert an das<br />

letzte Abendmahl mit seinen<br />

Jüngern und soll den Glauben<br />

der Gemeinde stärken.<br />

Heiliger Florian *, 4. 5. | <strong>2023</strong>: donnerstag<br />

* Landespatron Oberösterreichs und<br />

einer der beiden Diözesanpatrone;<br />

schulfrei in Oberösterreich<br />

APRIL<br />

Ostermontag | 2024: montag, 1. 4.<br />

MÄRZ<br />

Pfingsten<br />

Dieses Fest am 50. Tag<br />

der Osterzeit ist das<br />

Geburtsfest der Kirche.<br />

Die Jünger werden vom<br />

Heiligen Geist erfüllt und<br />

von Christus in die Welt<br />

zu den Menschen gesandt,<br />

um die frohe Botschaft<br />

zu verkünden.<br />

Christi Himmelfahrt<br />

Die Rückkehr Jesu Christi<br />

als Sohn <strong>Gott</strong>es zu seinem<br />

Vater in den Himmel wird<br />

am 40. Tag der Osterzeit<br />

ge feiert, also 39 Tage<br />

nach dem Ostersonntag.<br />

Dieses Fest, auch „Erhöhung<br />

Christi“, fällt deshalb stets<br />

auf einen Donnerstag.<br />

Ostern<br />

Das Fest der Auferstehung<br />

Jesu Christi fällt immer auf<br />

den Sonntag nach dem<br />

ersten Frühlingsvollmond.<br />

Es ist das höchste Fest des<br />

Kirchenjahres, mit dem<br />

die österliche Freudenzeit<br />

beginnt und das 50 Tage –<br />

bis Pfingsten – dauert.<br />

10


GOTT & DIE WELT<br />

Mariä Himmelfahrt<br />

Der korrekte Name dieses<br />

Festes ist eigentlich „Mariä<br />

Aufnahme in den Himmel“.<br />

An diesem Tag feiern viele<br />

Kirchen ihr Kirchweihfest.<br />

Damit verbunden werden<br />

auch oft Wallfahrten und<br />

Kräutersegnungen gemacht.<br />

SEPTEMBER<br />

Heiliger Florian<br />

Der christliche Märtyrer ist<br />

der Landespatron Oberösterreichs.<br />

Als römischer<br />

Beamter unterstützte er verfolgte<br />

Christen und wurde<br />

dafür im Jahr 304 n. Chr.<br />

in seiner Heimatstadt Enns<br />

hingerichtet. Der Überlieferung<br />

nach entstand<br />

auf seinem Grab später das<br />

Stift St. Florian.<br />

OKTOBER<br />

FEBRUAR<br />

Allerheiligen, 1. 11. | <strong>2023</strong>: mittwoch<br />

NOVEMBER<br />

JÄNNER<br />

DEZEMB ER<br />

Neujahr, 1. 1. | 202: montag<br />

Allerheiligen & Allerseelen<br />

An diesen beiden Tagen wird<br />

aller Heiligen und Seligen<br />

gedacht – vor allem jener,<br />

die keinen eigenen Feiertag<br />

haben. Auch das Gedenken<br />

der Verstorbenen findet<br />

in diesen Tagen statt, viele<br />

statten den Gräbern auf den<br />

Friedhöfen einen Besuch ab.<br />

Mariä Empfängnis, 8. 12. | <strong>2023</strong>: freitag<br />

Christtag, 25. 12. | <strong>2023</strong>: montag<br />

Stefanitag, 26. 12. | <strong>2023</strong>: dienstag<br />

Heilige Drei Könige, 6. 1. | 202: samstag<br />

Mariä Empfängnis<br />

Seit dem Mittelalter wird<br />

bereits neun Monate vor<br />

dem Fest Mariä Geburt<br />

(8. September) das Hochfest<br />

der „ohne Erbsünde empfangenen<br />

Jungfrau und <strong>Gott</strong>esmutter<br />

Maria“ gefeiert.<br />

ILLUSTRATION: FELIX MALMBORG, HINTERGRUNDBILD: GETTY IMAGES/ISTOCK<br />

Heilige Drei Könige<br />

Das Matthäusevangelium<br />

berichtet von drei Weisen<br />

aus dem Osten, die der<br />

Stern von Bethlehem zum<br />

neugeborenen Jesus führt.<br />

Diese Begegnung läutet die<br />

„Erscheinung des Herrn“ –<br />

so der ursprüngliche Name<br />

dieses Festtags – ein.<br />

Neujahr<br />

Am Ende der Weihnachtswoche<br />

wird im christlichen<br />

Glauben nicht der Anbruch<br />

des neuen Jahres gefeiert,<br />

sondern das Hochfest<br />

der <strong>Gott</strong>esmutter Maria.<br />

Zugleich wird an jedem<br />

1. Jänner auch der Namensgebung<br />

Christi gedacht.<br />

Stefanitag<br />

Die Feierlichkeiten zum<br />

Hochfest der Geburt des<br />

Herrn beginnen am Heiligen<br />

Abend, gesetzliche Feiertage<br />

sind aber der Christtag<br />

und der Stefanitag. Letzterer<br />

geht auf Diakon Stephanus<br />

zurück, der als der erste<br />

christliche Märtyrer gilt.<br />

Christtag<br />

Am Tag nach dem Heiligen<br />

Abend wird das Hochfest der<br />

Geburt des Herrn begangen.<br />

Nach dem Ostersonntag<br />

sind die Festlichkeiten<br />

im Zeichen der Erinnerung<br />

an die Geburt Jesu Christi<br />

der zweithöchste Feiertag<br />

im Kirchenjahr.<br />

11


GOTT & DIE WELT<br />

Glossar des Glaubens<br />

HALLELUJA<br />

[haleˈluːja]<br />

Dem Gefühl nach kommt einem<br />

das Wort Halleluja im Christentum<br />

fast so oft unter wie Amen – dabei<br />

ist es in der ganzen Bibel nur<br />

knapp dreißigmal zu finden. Es ist<br />

nämlich ein Wort, das man eher<br />

singt als spricht. Egal ob in einer<br />

lateinischen Messe oder in der<br />

moderneren Version mit schwungvoller<br />

Melodie und Über- oder<br />

Unter stimme: Das gesungene<br />

Halleluja ist ein fixer Bestandteil<br />

eines jeden <strong>Gott</strong>es dienstes. Zumindest<br />

fast. Nur vor Ostern wird<br />

darauf verzichtet – eine Art Fasten<br />

für die Ohren, damit das Loblied<br />

in der Osternacht umso feierlicher<br />

erklingt. Das Stichwort Lob deutet<br />

schon den Kern des Wortes an:<br />

Das hebräische hallelū-Jāh setzt<br />

sich aus hillel für loben und Jah<br />

für den <strong>Gott</strong>esnamen Jahwe zusammen<br />

und ist als Aufruf gemeint,<br />

also: „Lobet den Herrn!“<br />

Schnell erklärt. Das heißt jedoch<br />

nicht, dass das Halleluja nur ein<br />

Füllwort für freu digen Singsang<br />

ist – im Gegenteil: Der Aufruf zum<br />

Lob ist mit kom plexen Gefühlen<br />

und Stimmungen verbunden.<br />

So zum Beispiel beim Osterfest,<br />

wo das Halleluja ein Zeichen der<br />

Dankbarkeit der Erlösten ist, für<br />

die Jesus ihr Leben gab. Voller<br />

Melancholie ist auch der gleichnamige,<br />

an die hundert Strophen<br />

lange Klassiker von Leonard Cohen.<br />

Es ist angelehnt an die Gebete<br />

König Davids, die verzweifelt und<br />

reumütig sind, ein Schrei um Vergebung<br />

– und dennoch im Kern<br />

ein Halleluja, ein Loblied an <strong>Gott</strong>.<br />

STROM AUS DER SONNE<br />

ZUM SCHUTZ DER SCHÖPFUNG<br />

Nachhaltigkeit ist tief im Christentum<br />

verankert: Schon die Bibel<br />

besagt, dass die Umwelt kein Besitz,<br />

sondern eine Leihgabe ist. Im Sinne<br />

des Umweltschutzes wurde bereits<br />

1996 das Umweltleitbild der Diözese<br />

Linz formuliert und seither ständig<br />

erweitert. 2021 wurde die Diözese<br />

für die vorbildhafte Nutzung von<br />

Solarenergie vom Land Oberösterreich<br />

und vom Energiesparverband<br />

als „Solar.Champion“ ausgezeichnet.<br />

Auf Kirchen dächern, Bildungshäusern<br />

und auch Friedhofsmauern<br />

wurden bisher über 130 Photovol taikanlagen<br />

in Betrieb genommen, weitere<br />

sind im Werden. Ermöglicht<br />

wurde der Bau dieser Anlagen unter<br />

anderem aus Mitteln des Kirchen bei­<br />

trags und vor allem durch ehrenamtliche<br />

Arbeit. Heute werden somit<br />

auf 3.500 Quadratmetern Fläche<br />

jährlich 760.000 Kilowattstunden<br />

Strom produziert. Ziel ist, jede geeignete<br />

Fläche für die Gewinnung<br />

von Sonnenenergie zu nützen.<br />

Übrigens: Die Katholische Kirche<br />

in Oberösterreich bezieht seit fast<br />

zehn Jahren zu 100 Prozent zertifizierten<br />

Ökostrom.<br />

Alt trifft Neu. In der Pfarre Waldhausen, Österreichs bedeutendstem Werk<br />

der Nachgotik, wird Strom aus einer PV-Anlage mit 24 Solarmodulen gewonnen.<br />

FOTOS: DIÖZESE LINZ/DIÖZ. BAUEN<br />

12


EHE VERSTEHEN<br />

Der Tag, an dem vor <strong>Gott</strong> der Bund fürs Leben eingegangen wird,<br />

gilt vielen als der schönste im Leben. Aber ist Heiraten überhaupt<br />

noch zeitgemäß, und warum braucht man dafür Zeugen?<br />

Welche Eheformen gibt es?<br />

In Österreich wird zwischen<br />

der Ehe vor <strong>Gott</strong> und der<br />

standesamtlichen Ehe vor<br />

dem Gesetz unterschieden.<br />

Eine rein kirchliche Eheschließung<br />

ohne standesamtliche<br />

Trauung ist nur<br />

in Ausnahmefällen möglich.<br />

Wofür gibt es Trauzeugen?<br />

Die Ehe muss vor Zeugen<br />

geschlossen werden, um<br />

gültig zu sein. Diese können<br />

die Eheleute in schweren<br />

Zeiten daran erinnern,<br />

warum sie gehei ratet haben.<br />

Was ist die kirchliche Ehe?<br />

Ein Versprechen der Treue<br />

zwischen den Eheleuten und<br />

ein Zeugnis für die Liebe und<br />

Treue <strong>Gott</strong>es den Menschen<br />

gegenüber. Weil die Ehe<br />

als wirksames Zeichen der<br />

Verbindung zwischen <strong>Gott</strong><br />

und den Menschen gesehen<br />

wird, ist sie ein Sakrament.<br />

Welche Rolle spielt<br />

die Stola?<br />

Die Eheleute spenden sich<br />

das Sakrament der Ehe<br />

gegenseitig. Symbolisch<br />

für die Anwesenheit <strong>Gott</strong>es<br />

legt der Priester seine<br />

Stoffstola um ihre Hände.<br />

Wofür stehen die Ringe?<br />

Als Kreis ist der Ring ein<br />

Symbol für die Unendlichkeit<br />

der Liebe. Im Alltag sind<br />

die Eheringe ein Zeichen<br />

der Zusammengehörigkeit.<br />

Kirchlich heiraten, ohne<br />

Kirchenmitglied zu sein?<br />

Will man nach katholischem<br />

Ritus heiraten, muss zumindest<br />

eine Person auch<br />

Mitglied der katholischen<br />

Kirche sein.<br />

FOTOS: UNSPLASH.COM, GETTY IMAGES/ISTOCK<br />

Ist Heiraten noch „in“?<br />

Ja! Bei der Zahl aller Hochzeiten<br />

ist seit 2011 ein deutlicher<br />

Aufwärtstrend zu<br />

erkennen. Im letzten Jahr<br />

wurden in Oberösterreich<br />

1.953 Paare kirchlich getraut.<br />

Das beweist: Sich vor<br />

<strong>Gott</strong> das Jawort zu geben<br />

kommt nie aus der Mode.<br />

Können kirchliche Ehen<br />

geschieden werden?<br />

Ein Ehebund vor <strong>Gott</strong> ist<br />

lebenslang gültig. Liegen<br />

besondere Fälle wie eine<br />

Täuschung vor, kann die Ehe<br />

aber auch annulliert werden.<br />

13


GOTT & DIE WELT<br />

WO SITZT DIE SEELE?<br />

Sie gilt als unsterblich, ist aber nicht zu sehen und nur schwer in Worte<br />

zu fassen – und dennoch ist die Seele die Summe unseres Wesens. Wir fragen<br />

nach bei einem Theologen, einer Psychologin und einem Mediziner.<br />

Wir alle wissen vom klassischen Erzählmuster<br />

im Christentum: „Die Seele sitzt im Körper, und nach<br />

dem Tod steigt sie zu <strong>Gott</strong> auf.“ Doch dabei gilt es<br />

erst einmal zu klären: Was ist denn überhaupt mit<br />

„Seele“ gemeint? Thomas von Aquin, einer der bedeutendsten<br />

Theologen der römisch-katholischen<br />

Kirche, beschreibt die Seele als ein „Formprinzip des<br />

Leibes“, also als etwas, was den Leib gestaltet und<br />

ihn zu einer Einheit macht. Aber dabei ist die Seele<br />

nichts Dinghaftes, also nichts, was man anfassen<br />

könnte. Sie organisiert vielmehr unsere Milliarden<br />

Körper zellen zu etwas Einzigartigem. Die Seele ist,<br />

wenn man so will, unsere Individualität, unsere<br />

Persönlichkeit – und wir werden bereits damit<br />

ge boren, denn der Beginn des menschlichen Lebens<br />

wird immer als ein „Beginn mit Leib und Seele“<br />

gesehen. Bleibt die Frage, wohin die Seele geht,<br />

wenn der Tod eintritt.<br />

Im Katechismus ist geschrieben: Die Seele ist unsterblich.<br />

In der Bibel hingegen heißt es, dass der<br />

ganze Mensch stirbt. Zerfällt der Körper, zerfällt auch<br />

die Seele. Ein Ende bedeutet das trotzdem nicht,<br />

denn der Glaube an die Auferweckung besagt, dass<br />

Leib und Seele von <strong>Gott</strong> neu geschaffen werden. Man<br />

kann es aber auch so sehen: Wir sind als einzigartige<br />

Menschen gewollt und geliebt. Und weil dem so ist,<br />

gibt <strong>Gott</strong> uns auch in der Ewigkeit eine Existenz.<br />

Wer kennt das nicht? Viele legen die Hand aufs<br />

Herz, wenn es darum geht, einen seelischen Zustand<br />

zu beschreiben. Und mit „Bauchgefühl“ versuchen wir,<br />

eine „Ahnung“ zu beschreiben, die auf Wissen basiert,<br />

das man nicht bewusst abrufen kann. Zu sagen,<br />

„die Seele sitzt im Herz, im Bauch oder im Kopf“,<br />

wäre dennoch nicht richtig. Die moderne Psychologie<br />

sieht die Seele als Gesamtheit des Indi viduums und<br />

etwas nicht Greifbares. Der Begriff wird auch oft<br />

synonym mit „Psyche“ verwendet, obwohl bei „Seele“<br />

deutlich mehr Aspekte mitschwingen, zum Beispiel<br />

die religiöse Komponente, dass die Seele über den Tod<br />

hinaus bestehen kann … Und auch wenn die Hirnforschung<br />

sagt, alle Emotionen sind neuronale Aktivitäten<br />

– die Seele darauf zu reduzieren greift zu kurz.<br />

Zum einen, weil wir in der Psychologie wissen, dass<br />

der Geist mit dem Körper kommuniziert: In der Meditation<br />

und bei Hypnose sieht man, dass wir autonome<br />

Funktionen des Körpers mit unseren Gedanken<br />

steuern können. Zum anderen können wir uns mit<br />

anderen Menschen synchronisieren und unsere seelischen<br />

Zustände teilen, um uns verbunden zu fühlen.<br />

Auch Dinge, die in der Vergangenheit passiert sind –<br />

oft über Generationen hinweg –, beeinflussen unser<br />

Denken, Empfinden und Handeln. Insofern ist die<br />

Seele etwas, was sich ständig verändert – sie ist die<br />

Summe aus Körper, Geist und Erfahrungen.<br />

MICHAEL ROSENBERGER ist Universitätsprofessor<br />

am Institut für Moraltheologie an der Katholischen<br />

Privat-Universität Linz.<br />

CLAUDIA HOCKL arbeitet als Gesundheitspsychologin<br />

und Klinische Psychologin in Asten, wo auch ihr Lebensmittelpunkt<br />

liegt.<br />

14


FOTOS: SUZY STÖCKL, PRIVAT, ORDENSKLINIKUM LINZ; ILLUSTRATION: STUDIO NITA<br />

Es stimmt, dass viele Empfindungen, die manche<br />

der „Seele“ zuschreiben würden, im Bauch zu spüren<br />

sind: Angst, Freude, Nervosität, Verliebtheit … Auch<br />

Entscheidungen treffen wir oft aus einem „Bauchgefühl“<br />

heraus. Dabei kommt es zu einem Zusammenspiel<br />

aus körperlichen Symptomen – es bestehen<br />

Verbindungen zwischen dem Gehirn, dem Zentralnervensystem<br />

und dem Nervensystem im Bauchraum<br />

– sowie Intuition, Bewusstsein und zum Beispiel<br />

der Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Aber aus<br />

medizinischer Sicht lässt sich natürlich nicht sagen:<br />

Die Seele sitzt im Bauch. Und ich denke auch nicht,<br />

dass der Hauptteil der Seele dem Bauch oder einem<br />

anderen Teil des Körpers zugeordnet werden kann.<br />

Ich glaube eher: Es ist die Gesamtheit, die den Menschen<br />

ausmacht. Und diese Gesamtheit setzt sich aus<br />

verschiedenen Komponenten zusammen, die vielleicht<br />

tatsächlich auch an unterschiedlichen Stellen<br />

zu finden sind. Als Mediziner kann ich also mit keiner<br />

Antwort dienen, wo die Seele sitzt. Aber ich kann<br />

erklären: Unsere Bauchgefühle sind individuell. Das<br />

hat vor allem mit der Komplexität des Nervensystems<br />

zu tun. Es gibt Menschen, die einen Reizdarm haben,<br />

wenn sie sich ärgern – und andere entwickeln diesen<br />

nicht. Das Nervensystem ist nicht bei jedem gleich ausgeprägt<br />

oder spricht auf die gleichen Reize an.<br />

MATTHIAS BIEBL ist Leiter der Abteilung<br />

für Allge meine Chirurgie und Viszeralchirurgie<br />

am Ordens klinikum Linz.<br />

15


HIMMEL<br />

WIE WIR EIN STÜCK DAVON<br />

SCHON AUF ERDEN SCHAFFEN<br />

Wir gemeinsam sind in der Lage, den Himmel auf Erden<br />

in Augenblicken erfahrbar zu machen. Das beginnt<br />

beim respektvollen Gespräch mit Unbekannten und endet<br />

im freudigen Einsatz für die gute Sache.<br />

16


FOTO: GETTY IMAGES/ISTOCK<br />

Endlich wieder Abenteuer. Die Natur um uns<br />

erblüht wieder in ihren schönsten Farben.<br />

Endlich bieten sich wieder Gelegenheiten,<br />

Neues zu entdecken und aus Altem Neues zu<br />

schaffen. Frische Blumen werden zur schönsten<br />

Kette des Frühlings, ein paar Bretter und<br />

Nägel zum neuen Lieblingsort hoch oben<br />

in einem Baum. Und der groß artige Ausblick<br />

ist den Dreck unter den Fingernägeln und die<br />

Grasflecken auf den Knien auf jeden Fall wert.<br />

17


HIMMEL<br />

IDEEN FÜR EIN<br />

BESSERES MITEINANDER<br />

Ein friedlicher und respektvoller Zusammenhalt<br />

ist das Fundament unserer Gesellschaft. Die sieben<br />

Werke der Barmherzigkeit zeigen auf, wie wir diese<br />

Gemeinschaft mit gelebter Nächstenliebe stärken<br />

können – zum Wohle aller.<br />

TEXT: ALEXANDER KLEIN<br />

ILLUSTRATION: HERZFLIMMERN / NADINE KEILHOFER<br />

N<br />

ächstenliebe, das selbstlose Eintreten<br />

für andere, ist ein zentrales Gebot<br />

im christ lichen Glauben. Wer <strong>Gott</strong>es<br />

Liebe und Zuwendung erfahren hat, wird sie nach<br />

christ lichem Verständnis an andere Menschen<br />

weitergeben. Hungrige speisen, Durstigen zu trinken<br />

geben, Fremde beherbergen, Nackte be kleiden,<br />

Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote<br />

bestatten – die klassischen sieben Werke der Barmherzigkeit<br />

sind seit Jahr tausenden tragende Säulen<br />

von humanen Gesellschaften. Gehen diese Leitsätze<br />

verloren, steht der soziale Frieden auf der Kippe.<br />

Vor einigen Jahren formulierte Joachim Wanke,<br />

der mittlerweile emeritierte Bischof von Erfurt,<br />

die sieben Werke der Barmherzigkeit neu. In Zeiten,<br />

in denen unsere Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet,<br />

scheinen diese wie eine ideale Anleitung,<br />

um das Miteinander wieder zu stärken. Hier die<br />

sieben Werke von Wanke – bildlich festgehalten<br />

anhand der gelebten Barmherzigkeit von Menschen,<br />

deren Wirken wir in früheren Ausgaben von<br />

„Grüß <strong>Gott</strong>!“ vorgestellt haben.<br />

1.<br />

„Einem Menschen sagen:<br />

Du gehörst dazu.“<br />

Unsere Gesellschaft kann kalt und<br />

unbarmherzig sein. Personen ohne<br />

Arbeit, Fremde oder psychisch<br />

Kranke – viele Menschen werden<br />

ausgegrenzt. Ihnen bleibt somit die<br />

Erfüllung eines Grundbedürfnisses<br />

versagt: jenes der Zugehörigkeit.<br />

Wer auf sein Gegenüber zugeht,<br />

zu ihm „Du gehörst zu uns!“ sagt,<br />

holt auch vermeintliche Außenseiter<br />

in die Gemeinschaft. Und schenkt<br />

ihnen Freude und Glück.<br />

FOTO: RAPHAEL GABAUER<br />

18


Spürbare Solidarität.<br />

Im Betreuerinnen-Café<br />

in Leonstein bedanken sich<br />

beherzte Frauen wie Marlies<br />

Eckhart bei 24-Stunden-<br />

Pflegekräften für deren harte<br />

Arbeit – mit Kaffee, Kuchen<br />

und sorglosen Stunden.<br />

19


20


HIMMEL<br />

Offenes Ohr. Festival-Seelsorger<br />

Florian Baumgartner<br />

hilft jungen Menschen<br />

im Partygetümmel –<br />

indem er für sie da ist,<br />

ihnen zuhört und auch<br />

mal mit ihnen mitfühlt.<br />

3.<br />

„Ich rede gut über dich.“<br />

Wir alle sind längst nicht einer Meinung.<br />

Und das ist auch gut so. Unterschied liche<br />

Auffassungen von <strong>Gott</strong> und der Welt sind<br />

aber kein Grund, andere zu schmähen und<br />

ihnen die Wertschätzung abzusprechen.<br />

Auch wenn man anderer Meinung ist und<br />

dem Gegenüber widersprechen muss,<br />

kann man die andere Person gleichzeitig<br />

schätzen und achten. Ein wertvoller Gedanke<br />

für ein Miteinander im Frieden,<br />

der in der heutigen Zeit, zum Beispiel in<br />

der Anonymität der sozialen Netzwerke,<br />

oftmals zu kurz kommt.<br />

FOTOS: BRENNWEITEN-MEDIA.COM, ASA 12/GREGOR KUNTSCHER<br />

2.<br />

„Ich höre dir zu.“<br />

Auch wenn oft von Entschleunigung<br />

zu lesen und zu hören ist – unsere<br />

Gesellschaft wird immer schnelllebiger.<br />

In der Hektik unseres All tags<br />

bleibt vieles auf der Strecke, allem<br />

voran Zeit. Fehlt diese, hören wir<br />

in Gesprächen oft nur mit einem<br />

Ohr hin. Wer seinem Gegenüber aber<br />

bewusst Aufmerksamkeit schenkt,<br />

auf ihn oder sie eingeht, zu ver stehen<br />

versucht – auch wenn man anderer<br />

Ansicht ist –, wird rasch auch selbst<br />

bemerken, wie sehr diese Gespräche<br />

mit Tiefgang das Leben beider Seiten<br />

bereichern.<br />

Mann der Taten. Ein wertschätzender Umgang<br />

– frei von Spott und Gehässigkeiten – mit<br />

anderen und auch sich selbst ist für Diakon<br />

Carlo Neuhuber ein Schlüssel für ein friedvolles<br />

Mit einander. Er selbst versucht dies<br />

jeden Tag in die Tat umzusetzen.<br />

21


4.<br />

„Ich gehe ein Stück mit dir.“<br />

Guter Rat ist das eine, aber einen<br />

Menschen tatsächlich verlässlich an<br />

seiner Seite zu wissen das andere.<br />

Wer jemanden be gleitet, ihm Rede<br />

und Antwort steht und in diesen Momenten<br />

ungeteilte Aufmerksamkeit<br />

schenkt, leistet einen wertvollen Beitrag<br />

auf dem oft mühevollen Weg<br />

zum Er reichen der gesteckten Ziele.<br />

Gemeinsam durch das Labyrinth.<br />

Stefan Schöttl begleitet junge Menschen<br />

wie Lorena Böhmberger in<br />

der Firmvorbereitung. Der Pastoralreferent<br />

ermuntert die Jugendlichen,<br />

sich mit ihrem <strong>Gott</strong>esbild<br />

auseinanderzusetzen – im Labyrinth<br />

am Linzer Domplatz wies aber<br />

die Kunstturnerin ihrem Begleiter<br />

den Weg zur Mitte.<br />

22


HIMMEL<br />

Samariter im blauen Arbeitsmantel. Johann Eidenhammer fühlt auch im Ruhestand<br />

alten Autos auf den Zahn, repariert sie und verschenkt sie weiter. „Ich gebe etwas von<br />

meinem Glück weiter“, sagt er.<br />

5.<br />

FOTOS: ROBERT MAYBACH, RAPHAEL GABAUER<br />

„Ich teile mit dir.“<br />

„Es wird auch in Zukunft keine vollkommene<br />

Gerechtigkeit auf Erden geben.<br />

Es braucht Hilfe für jene, die sich selbst<br />

nicht helfen können“, stellt Bischof Wanke<br />

in seiner Neuformulierung der sieben<br />

Werke fest. Soziale Ungerechtigkeit macht<br />

die Welt zunehmend kälter, durch das<br />

Teilen mit anderen kann sie wieder wärmer<br />

werden. Der Funke einer Gabe kann das<br />

Feuer der Zuversicht entfachen.<br />

23


24<br />

Familienbande. Im Rahmen<br />

des Caritas-Projekts<br />

Familientandem versucht<br />

Katja Rain bacher Kindern<br />

„fremder Eltern“, wie Melina<br />

und Amira, bei ihren<br />

Be suchen jene Liebe zu<br />

schenken, die sie selbst<br />

innerhalb ihrer eigenen<br />

Familie erfahren hat.


6.<br />

„Ich besuche dich.“<br />

Wer andere in ihrem Zuhause – jenem Ort,<br />

an dem wir uns in der Regel sicher und geborgen<br />

fühlen – aufsucht, kann Menschen<br />

aus ihrer quälenden Einsamkeit befreien.<br />

Aufeinander zuzugehen ist stets besser, als<br />

darauf zu warten, bis der andere die Initiative<br />

ergreift. Ein einfacher Besuch kann<br />

Gemeinschaft stiften und zuvor ausgeschlossene<br />

Menschen zurück in unsere<br />

Mitte holen.<br />

7.<br />

„Ich bete für dich.“<br />

Das Gebot der Nächstenliebe ist ein zentrales<br />

Element im Glauben. Wer <strong>Gott</strong>es<br />

Liebe erfahren hat, soll „seinen Nächsten<br />

lieben wie sich selbst“. Eine Möglichkeit<br />

dazu bietet sich im Gebet. „Wer für andere<br />

betet, schaut auf sie mit anderen Augen.<br />

Er begegnet ihnen anders“, weiß Bischof<br />

Wanke. „Tun wir es füreinander, gerade dort,<br />

wo es Spannungen gibt, wo Beziehungen<br />

brüchig werden, wo Worte nichts mehr<br />

ausrichten. <strong>Gott</strong>es Barmherzigkeit ist größer<br />

als unsere Ratlosigkeit und Trauer.“<br />

FOTOS: RAPHAEL GABAUER<br />

Wohlfühlort Kirche. Ihr Dienst als leitende<br />

Ministrantin in der Dompfarre Linz hat Cosima<br />

Spieß sichtlich viel Freude bereitet. „Mein<br />

Glaube hat mich immer begleitet und mir<br />

immer Hoffnung, Zuversicht und Rückhalt<br />

geschenkt“, erzählt die Theologie-, Soziologieund<br />

Geschichtestudentin.<br />

25


HIMMEL<br />

NACHSCHUB, BITTE!<br />

Es ist schon ein Glücksfall, wenn man heute noch<br />

einen „echten“ Bauernkrapfen in die Finger kriegt.<br />

Besser, man backt sich selbst so viele, wie man will.<br />

Er mag weder Zug noch Kälte, manche<br />

behaupten sogar, er möge keinen<br />

Lärm: Wahrscheinlich lassen deshalb<br />

so viele die Finger vom Germteig.<br />

Dabei, findet Christine Gratzl, ist er<br />

simpel: „Einmal im Gefühl, gelingt<br />

er immer.“ Sie gibt das alte Handwerk<br />

der „Kiachln“, also Bauernkrapfen,<br />

weiter – damit dieses himmlisch<br />

flaumig-süße Stück Tradition<br />

weiter besteht.<br />

Zeitaufwand: 90 Minuten<br />

Zutaten für 6 Personen:<br />

500 g glattes Mehl<br />

½ Würfel Germ<br />

¼ l lauwarme Milch<br />

½ TL Salz<br />

80 g Zucker<br />

1 Ei und 1 Dotter<br />

1 Stamperl Rum (38 Vol.-%)<br />

60 g lauwarme, geschmolzene Butter<br />

2 kg festes Frittierfett<br />

Zum Anrichten: Staubzucker<br />

und Marmelade (z. B. Marille)<br />

CHRISTINE<br />

GRATZL<br />

Wohnt mit ihrer<br />

Familie in Haselbach,<br />

war lange<br />

Obfrau der<br />

Katholischen<br />

Frauenbewegung<br />

Braunau-St. Stephan<br />

und ist<br />

Obfrau der Goldhaubengruppe.<br />

»Früher hat man Krapfen noch übers<br />

Knie gezogen. Es hieß damals, dass<br />

die Mägde mit den rundesten Knien<br />

die schönsten Krapfen backen.«<br />

Christine Gratzl<br />

Zubereitung:<br />

1. Mehl in die Rührschüssel geben,<br />

eine flache Mulde hineindrücken.<br />

Germ in die Mulde bröseln, ein<br />

Drittel der Milch, Salz, Zucker und<br />

einen Esslöffel Mehl dazugeben.<br />

15 Minuten zugedeckt an einen<br />

warmen Platz ohne Zugluft stellen.<br />

2. Ei, Dotter, restliche Milch, Rum<br />

und Butter hinzufügen und mit<br />

dem Knethaken rühren, bis ein<br />

elastischer Teig entsteht, der sich<br />

vom Rand löst.<br />

3. Teig zugedeckt 30 Minuten gehen<br />

lassen, mit einem bemehlten Kochlöffel<br />

einschlagen und auf einer<br />

bemehlten Arbeitsfläche jeweils<br />

einen gehäuften Esslöffel vom Teig<br />

stechen, mit der Hand zu Kugeln<br />

formen und wieder zudecken.<br />

Währenddessen das Fett erhitzen.<br />

4. Die Kugeln zu einem zwei Finger<br />

breiten Teller formen, in der Mitte<br />

eine hauchdünne Mulde machen.<br />

Den Krapfen im heißen Fett zwei<br />

Minuten pro Seite backen und mit<br />

Öl begießen, bis er Blasen wirft<br />

und eine goldene Farbe annimmt.<br />

5. Am Küchenpapier abtropfen, einen<br />

Esslöffel Marmelade in die Mulde<br />

geben, mit Staubzucker servieren.<br />

FOTOS: PRIVAT, EISENHUT & MAYER<br />

26


27


HIMMEL<br />

Nichts zu verstecken. Amara und<br />

die anderen legen großen Wert<br />

darauf, das Kleiderkammerl modern<br />

zu gestalten. Einladend für alle.<br />

28


HIMMEL<br />

KAUF DICH GLÜCKLICH<br />

In Bad Ischl ist Secondhandkleidung<br />

groß in Mode. Der Grund dafür:<br />

das Kleiderkammerl. Eine karitative<br />

Initiative von fünf jungen Frauen,<br />

die so richtig Stoff geben.<br />

TEXT: SABRINA LUTTENBERGER<br />

FOTOS: ANDREAS JAKWERTH<br />

Die neueste Mode darf ruhig<br />

auch mal älter sein. Nicht<br />

umsonst sind Secondhandshops in<br />

letzter Zeit der letzte Schrei. In Bad<br />

Ischl ist das nicht anders. Seit drei<br />

Jahren gibt es hier einen angesagten<br />

Pop-up-Store für Kleidung, die jemand<br />

einmal sehr mochte, die jetzt<br />

aber jemand anderen glücklich<br />

machen soll: das Kleiderkammerl.<br />

Ausgedacht haben sich das fünf<br />

junge Frauen, die sich schon immer<br />

in ihrem Heimatort engagiert haben.<br />

Sabrina Schwaighofer, Magdalena<br />

Vilsecker, Amara Strasser, Dora<br />

Stricker und Eva Eder kennen sich<br />

schon lange. Mit Ausnahme von Eva,<br />

die ein paar Jahre älter ist, waren<br />

sie zusammen in der Jungschar.<br />

Heute sind alle in der Katholischen<br />

Jugend aktiv.<br />

Eva ist dort Beauftragte für Jugendpastoral,<br />

die vier anderen machen<br />

ehrenamtlich mit – auch wenn Sabrina,<br />

Magdalena und Dora mittlerweile<br />

in Salzburg, Altmünster und Graz<br />

wohnen. Für sie geht trotzdem nichts<br />

über ihr Zuhause. Aus diesem Grund<br />

waren sich die fünf Freundinnen auch<br />

sofort einig, als es darum ging, ihrem<br />

Ort und seinen Bewohnerinnen und<br />

Bewohnern etwas zurückzugeben.<br />

Bei einem gemeinsamen Planungstag<br />

kurz vor der Pandemie ist schnell<br />

die Idee aufgekommen, gebrauchte<br />

Kleidung weiterzuver kaufen. Nicht<br />

nur zum Spaß, sondern für den guten<br />

Zweck. „Secondhand zu shoppen<br />

ist ja megacool. Und wenn das dann<br />

noch für eine super Sache ist …<br />

In einer kleinen Stadt wie Bad Ischl<br />

fehlt oft ein entsprechendes Angebot<br />

– vor allem eines, das auch jüngere<br />

Menschen anspricht“, sagen sie.<br />

Also nahm es die Gruppe selbst in<br />

die Hand, das zu ändern. So ist das<br />

Kleiderkammerl entstanden. Ein<br />

Treffpunkt für alle, die sich modisch<br />

ausprobieren wollen oder ihre nicht<br />

mehr getragenen Pullis loswerden<br />

möchten. Hier wird neuwertige Kleidung<br />

außer dem für all jene leistbar,<br />

die nicht so viel haben. Willkommen<br />

ist jeder. Und tatsächlich: Das Kleiderkammerl<br />

zieht die Menschen an.<br />

Im wahrsten Sinne des Wortes.<br />

Stoff, aus dem Geschichten sind<br />

Die erste Veranstaltung im April<br />

2020 war gleich ein voller Erfolg,<br />

die Freundinnen konnten mehr als<br />

2.000 Euro spenden. „Wir hatten<br />

das Glück, dass wir nach unserem<br />

29


HIMMEL<br />

»Wenn wir die Geschichten<br />

zu den Kleidungsstücken<br />

hören, wird uns<br />

jedes Mal wieder aufs<br />

Neue bewusst, dass wir<br />

nicht nur Gewand verkaufen.<br />

Für die Leute<br />

waren das Wegbegleiter,<br />

die wir nun weitergeben<br />

dürfen.«<br />

Eva Eder<br />

Aufruf richtig viele Kleiderspenden<br />

bekommen haben. Wir wussten gar<br />

nicht, wohin damit“, erinnern sich<br />

Sabrina, Magdalena, Amara, Dora<br />

und Eva. Dirndl, Kostüme, Bandshirts<br />

und Anzüge – schon bei der<br />

Pop-up-Premiere gab es so gut wie<br />

nichts, was es nicht gab. Während<br />

einzelne Teile mit originalem Preisschild<br />

daherkommen, werden bei<br />

anderen ganze Geschichten mitgeliefert.<br />

„Was uns total beeindruckt,<br />

sind Personen, die sich von Kleidungsstücken<br />

trennen, die ihnen<br />

wirklich etwas bedeutet haben.<br />

Da wird uns jedes Mal wieder aufs<br />

Neue bewusst, dass wir nicht nur<br />

Gewand verkaufen. Für die Leute<br />

waren das oft Wegbegleiter, die wir<br />

nun weiter geben dürfen. Da werden<br />

wir dann auch mal emotional.“<br />

Sowieso ist das Kleiderkammerl<br />

ein Ort großer Gefühle. Hier erlebt<br />

man die Freude über ein Schnäppchen,<br />

die Begeisterung, ein wertvolles<br />

Stück entdeckt zu haben, oder<br />

die Gewissheit, etwas Gutes zu tun.<br />

Denn was am Ende übrig bleibt,<br />

spenden die Freundinnen. Das eingenommene<br />

Geld und manchmal auch<br />

Gewand. Alle Einnahmen erhält der<br />

Sozialfonds der Pfarre, der Menschen<br />

in schwierigen Lebenssituationen unbürokratisch<br />

und schnell hilft. Etwa<br />

wenn es darum geht, die Kaution für<br />

eine Mietwohnung zu hinterlegen.<br />

Finden Kleidungsstücke beim nächsten<br />

oder übernächsten Mal noch<br />

immer keine Käuferin oder keinen<br />

Käufer, werden manche davon aus<br />

Platzgründen weiterge geben, beispielsweise<br />

an andere Hilfsorganisationen.<br />

So haben getragene Winterjacken<br />

aus Bad Ischl im vergangenen<br />

Winter Obdachlose in Rumänien ge­<br />

Boxenstopp. Fürs erste Kleiderkammerl<br />

wurde so viel gespendet,<br />

dass die Freundinnen gar nicht<br />

wussten, wohin damit. Zum Glück<br />

haben sie das meiste verkauft.<br />

wärmt. Für die Gruppe nur logisch.<br />

Secondhand ist für sie ja auch deshalb<br />

erste Wahl, weil ihnen das<br />

Thema Nachhaltigkeit wichtig ist.<br />

Mit dem Kleiderkammerl möchten<br />

die fünf Frauen nicht nur anderen<br />

Menschen helfen, sondern auch der<br />

Umwelt. Für ihre Initiative haben<br />

die jungen Frauen im vergangenen<br />

Jahr dann auch den Solidaritätspreis<br />

der Diözese Linz erhalten. „Für uns<br />

war das ein Meilenstein. Da haben<br />

wir erst realisiert, was wir mit dem<br />

Kleiderkammerl eigentlich erreicht<br />

haben und in Zukunft bewirken können.“<br />

Denn Mode mag zwar kommen<br />

und gehen. Soziales Engagement,<br />

das zeigen Sabrina, Magdalena,<br />

Amara, Dora und Eva eindrucksvoll,<br />

hat hingegen immer Saison.<br />

30


HIMMEL<br />

STOFFWECHSEL<br />

Das Kleiderkammerl – ein<br />

Secondhandshop für Bekleidung<br />

aller Art – wurde von SABRINA<br />

SCHWAIG HOFER (24), MAGDA-<br />

LENA VILSECKER (19), EVA EDER<br />

(29), AMARA STRASSER (19) und<br />

DORA STRICKER (19) gegründet.<br />

Dreimal hat der Pop-up-Store<br />

seit 2020 bereits stattgefunden,<br />

der Erlös wird gespendet.<br />

High five!<br />

Das Kleiderkammerl<br />

ist nicht nur für<br />

den guten Zweck.<br />

Die fünf Freundinnen<br />

haben auch großen<br />

Spaß an der Sache.<br />

Das nächste Kleiderkammerl<br />

findet von 15. bis 20. Mai <strong>2023</strong><br />

im Pfarrheim in Bad Ischl statt.<br />

Wer gerne mithelfen möchte,<br />

kann sich auf Instagram<br />

oder per Mail melden:<br />

kleiderkammerl.badischl<br />

@gmail.com<br />

31


GÖTTLICHE<br />

PLAYLIST<br />

Der<br />

Soundtrack zur Story –<br />

hier scannen und die Songs<br />

genießen.<br />

FOTO: MASON POOLE<br />

32


HIMMEL<br />

<strong>Gott</strong> und Glaube waren essenzielle Inspirationsquellen<br />

für klassische Komponisten. Doch<br />

auch in der Popmusik führt die Spiritualität<br />

zu himmlischen Klängen. Eine Auswahl.<br />

TEXT: HANNES KROPIK<br />

BEYONCÉ<br />

„AVE MARIA“<br />

2008<br />

„Ich fand den Himmel auf Erden,<br />

du bist mein Letztes, mein Erstes.“<br />

FOTOS: MASON POOLE, JOE TERMINI<br />

Mit mehr als 200 Millionen verkauften Tonträgern<br />

zählt Beyoncé Knowles zu den<br />

erfolgreichsten Künstlerinnen aller Zeiten.<br />

Ihre bislang 32 gewonnenen Grammys<br />

(die „Oscars der Musikwelt“) sind einsamer<br />

Rekord. Und die „Queen of Pop“ wird<br />

nicht müde, in Interviews und bei Ehrungen<br />

immer wieder ihren Glauben als Fundament<br />

ihrer Kunst zu unterstreichen. 2008<br />

ver öffentlichte die heute 41-Jährige die<br />

hym nische Ballade „Ave Maria“ – eine<br />

Neu fassung von Franz Schuberts gleich ­<br />

namigem Werk. „Und dann höre diese<br />

Stimme in mir, Ave Maria“, singt sie darin<br />

im bei nahe opernhaften Sopran.<br />

JUSTIN BIEBER<br />

„PURPOSE“<br />

2015<br />

„Ich lege mein Alles in deine Hände;<br />

hier ist meine Seele, halte sie!“<br />

Das vierte Album des damals 21-jährigen<br />

Sängers war 2015 ein weltweiter Erfolg<br />

und kletterte unter anderem in seiner kanadischen<br />

Heimat, in den USA, in Brasilien,<br />

Irland und Neuseeland auf Platz eins der<br />

Charts. Auf dem Cover von „Purpose“ (zu<br />

Deutsch: „Sinn“) zeigt sich Justin Bieber<br />

in nachdenklicher, vielleicht betender Haltung.<br />

Im gleichnamigen Titeltrack besingt<br />

er das „beste Geschenk“, mit dem er je<br />

gesegnet wurde, nämlich einen Sinn in<br />

seinem Leben zu haben: „<strong>Gott</strong>, ich gebe<br />

alles, was ich habe, manchmal bin ich<br />

schwach, und ich werde es tun.“<br />

33


HIMMEL<br />

ELVIS PRESLEY<br />

„AMAZING GRACE“<br />

1972<br />

„Die Gnade hat mich Furcht gelehrt<br />

und auch von Furcht befreit.“<br />

Er ist der „King of Rock ’n’ Roll“ – doch<br />

seine drei Grammys gewann Elvis Presley<br />

als Gospelsänger. Der Sänger, der 1977<br />

im Alter von nur 42 Jahren starb, galt als<br />

tief religiös und soll vor jedem Auftritt still<br />

zu <strong>Gott</strong> gebetet haben. 1972 veröffentlichte<br />

er mit „He Touched Me“ sein drittes und<br />

letztes Gospel-Album. Darauf interpretierte<br />

er eines der weltweit populärsten Kirchenlieder:<br />

„Amazing Grace“ (auf Deutsch:<br />

„Erstaunliche Gnade“) aus dem Jahr 1779.<br />

Der Entertainer, der mit seinem Hüftschwung<br />

die Gesellschaft in den 1960ern<br />

revolutioniert hatte, stand stets zu seinem<br />

Glauben: „Ich glaube, dass alle guten<br />

Dinge von <strong>Gott</strong> kommen. Und ich glaube<br />

nicht, dass ich so singen würde, wie ich<br />

es tue, wenn <strong>Gott</strong> es nicht gewollt hätte.“<br />

NICK CAVE<br />

„GOD IS IN THE HOUSE“<br />

2001<br />

„Kein Grund zur Sorge jetzt,<br />

<strong>Gott</strong> ist im Haus.“<br />

Nick Cave, 65, verlor zwei seiner vier<br />

Söhne. Diese Schicksalsschläge führten<br />

zu einer neuen Sicht auf das Leben:<br />

Seine Wut, seinen Hass, seine Verachtung,<br />

die er künstlerisch immer zu verarbeiten<br />

suchte, „haben ihren Reiz verloren. Meine<br />

Abscheu gegenüber der Welt ist ins Wanken<br />

gekommen. Ich verspüre ein Bedürfnis,<br />

ihr die Hand zu reichen.“ Mit <strong>Gott</strong> und seinem<br />

Glauben hat sich der Australier (aktuelle<br />

CD: „Seven Psalms“) oftmals beschäftigt.<br />

Etwa in „God is in the House“ oder „Oh<br />

My Lord“ (nachdem er seine Drogensucht<br />

überwunden hatte): „Je mehr ich bereit bin,<br />

meinen Geist für das Unbekannte und mein<br />

Herz für die Vorstellung des Göttlichen<br />

zu öffnen, desto mehr wird <strong>Gott</strong> sichtbar.“<br />

34


HIMMEL<br />

JOAN OSBORNE<br />

„ONE OF US“<br />

1995<br />

„Ja, ja, <strong>Gott</strong> ist groß. Ja, ja, <strong>Gott</strong> ist gut.“<br />

In ihrer Hit-Single stellte Joan Osborne viele Fragen. „Was, wenn<br />

<strong>Gott</strong> einer von uns wäre? Ein Fremder, der wie wir im Bus sitzt und<br />

nach Hause will?“ Aber auch: „Welche Frage würdest du stellen,<br />

wenn du ihm in seiner ganzen Herrlichkeit gegenüberstündest?“<br />

Die US-Sängerin wurde katholisch erzogen, heute versucht sie – wie<br />

sie in einem Interview erklärt –, „die Achtsamkeit zu bewahren, dass<br />

wir in einem spirituellen Raum leben“. Die Fragen in ihrem Song hat<br />

sie öffentlich nie beantwortet, „aber ich glaube daran, dass es eine<br />

höhere Macht gibt, eine positive Kraft, von der wir alle ein Teil sind“.<br />

ADEL TAWIL<br />

„IST DA JEMAND“<br />

2017<br />

„Ist da jemand, der mir den Schatten von der Seele nimmt?“<br />

FOTOS: PICTUREDESK.COM/ULLSTEIN BILD/PUBLIC ADRESS, PICTUREDESK.COM/TASS/SHEMETOV MAXIM, IMAGO IMAGES/MEDIAPUNCH, UNIVERSAL MUSIC/DAVID DAUB, RENELL MEDRANO<br />

Der deutsche Sänger mit tunesischen und ägyptischen Wurzeln sieht<br />

<strong>Gott</strong> als „universelle Kraft“. Seine Eltern, sagt Adel Tawil, 44, sind<br />

„liberal islamisch“, er selbst war in einer katholischen Schule und<br />

sang im Kirchenchor: „Beten ist für mich eine Art Meditation, eine<br />

Form der Dankbarkeit – für alles, was selbstverständlich scheint.“<br />

In seinen Texten setzt er sich intensiv mit seinem Glauben, aber auch<br />

mit seinem Zweifel auseinander. Im Song „Ist da jemand“ fragt er:<br />

„Wenn der Himmel ohne Farben ist, schaust du nach oben, und<br />

manchmal fragst du dich: Ist da jemand, der mein Herz versteht?“<br />

KENDRICK LAMAR<br />

„FAITH“<br />

2009<br />

„Wo ist dein Glaube? Gib nicht auf, gib nicht nach.“<br />

Dass Kendrick Lamar seine Jugend auf den Straßen von Compton,<br />

diesem von Gang-Kriminalität gezeichneten Vorort von Los Angeles,<br />

überlebt hat, verdankt der gläubige Christ laut einem Interview dem<br />

Willen <strong>Gott</strong>es: „Er hat mich und meinen Geist bevorzugt.“ Heute hat<br />

der 35-jährige Rapper mehr als 70 Millionen Tonträger verkauft und<br />

17 Grammys gewonnen. Sein Glaube ist seit dem autobiografischen<br />

„Faith“ ein grundlegender Teil seiner Musik. Sein Album „good kid,<br />

m.A.A.d city“ eröffnete er 2012 mit einem Gebet: „<strong>Gott</strong>, ich komme<br />

zu dir als Sünder, und ich bereue demütig meine Sünden.“<br />

35


[HERR]GOTT<br />

WIE WIR IHN IN ALLEN DINGEN FINDEN<br />

Wo findet man eigentlich <strong>Gott</strong>? Nur in der Kirche<br />

oder vielleicht auch in der Wissenschaft? Im Gebet oder<br />

im Gespräch mit Freunden? Fragen über Fragen, auf die auch<br />

kluge Menschen ganz unterschiedliche Antworten geben.<br />

Einige davon finden Sie auf den folgenden Seiten.<br />

36


Süßes Erwachen. In diesen Tagen erwacht<br />

der Igel nach mehreren Monaten aus dem Winterschlaf.<br />

In dieser Zeit kam er ohne Nahrung<br />

und Trinken aus, jetzt sucht er Regenwürmer,<br />

Raupen und andere Köstlichkeiten. Leider werden<br />

die stacheligen Gefährten immer seltener,<br />

sie stehen gar als gefährdete Tierart auf der<br />

Roten Liste. Mit ein Grund sind die Mäh roboter,<br />

die in vielen Gärten Einzug gehalten haben.<br />

Was uns Arbeit abnimmt, wird dem Igel zum<br />

Verhängnis. Wer also selbst Hand anlegt beim<br />

Rasen mähen, dem ist der Dank des Igels gewiss.<br />

FOTO: GETTY IMAGES/ISTOCK<br />

37


38<br />

Göttlicher Fingerzeig. Ein Gedanken­<br />

spiel mit Augenzwinkern: Astronauten<br />

stoßen in neue Dimen sionen vor, reisen<br />

durch ein Wurmloch und werden auf<br />

der anderen Seite von <strong>Gott</strong> begrüßt.


[HERR]GOTT<br />

WISSENSCHAFT<br />

UND RELIGION –<br />

(K)EIN WIDERSPRUCH?<br />

Von der Inquisition zur Koexistenz: Nicht nur, dass es<br />

in der Beziehung zwischen Kirche und Wissenschaft<br />

über die Jahrhunderte eine gemeinsame Entwicklung<br />

gegeben hat – sie ist auch besser, als man denkt.<br />

TEXT: KAREN MÜLLER<br />

ILLUSTRATION: JENS BONNKE<br />

Denkverbote, Tribunale, Scheiterhaufen –<br />

in der Populärkultur scheint die Sache<br />

ziemlich klar. Die katholische Kirche<br />

unter drückt Naturwissenschaftler seit Galileo<br />

Galilei und erkennt neuere Forschungen erst dann<br />

an, wenn es nicht mehr anders geht. Stimmt das<br />

so? Nun, die Wahrheit ist um einiges komplexer:<br />

nicht nur, weil die Beziehung zwischen Glauben<br />

und Wissen in den letzten Jahrhunderten unterschiedlichste<br />

Facetten hatte, von forschenden<br />

Priestern bis zu Physikern, die <strong>Gott</strong> beweisen wollten.<br />

Mit dem stetigen Wachstum der Kenntnisse<br />

von den Naturgesetzen haben zudem beide Seiten<br />

eine Art gemeinsame Evolution durchgemacht –<br />

und stehen gerade heute, mit Blick auf die rätselhaften<br />

Mechanismen der Quantenphysik und die<br />

Herausforderungen der Zukunft, an einem Punkt,<br />

an dem es gemeinsame Ziele ebenso gibt wie klare<br />

Grenzen. Gar nicht so wenige von ihnen versuchten<br />

ein Leben lang, mit ihrem mathematischen<br />

Instrumentarium einen Beweis für die Existenz<br />

<strong>Gott</strong>es zu erbringen.<br />

Zurück zu jenem Fall, den jedes Schulkind als<br />

Negativbeispiel kennt: Galileo Galilei, der (an geblich)<br />

von der Inquisition unbarmherzig ver folgte<br />

Entdecker. Als Astronom schien ihm der Blick durchs<br />

Fernrohr eindeutig zu beweisen, was Ko perni kus<br />

sechzig Jahre zuvor in seinem Werk „De revolutionibus<br />

orbium coelestium“ („Über die Umlaufbahnen<br />

der Himmelssphären“) dargelegt hatte: Die Erde<br />

dreht sich um die Sonne. Damit aber stellte er das<br />

seit Aristoteles und der griechischen Antike gültige<br />

Weltbild mit der Erde als Mittel punkt auf den<br />

Kopf. Durch den Heliozen trismus sah die Kirche<br />

39


[HERR]GOTT<br />

»Galileo sollte nur behaupten, das helio zentrische<br />

Weltbild sei eine mathematische Hypothese,<br />

für die er keine endgültigen Beweise hätte …<br />

Es wurden nicht wissenschaftliche Probleme<br />

verhandelt, sondern machtpolitische.«<br />

Franz Gruber<br />

ihre Vorherrschaft auf die Bibeldeutung untergraben<br />

– und das war eine in der Zeit nach der protestantischen<br />

Reformation heikle machtpolitische<br />

Angelegenheit. Jedoch: Entgegen dem Mythos<br />

einer schweren Sanktion kam Galileo im Grunde<br />

glimpflich davon. Er bekam nach seinem Widerruf<br />

statt Kerker nur Hausarrest und konnte dort auch<br />

weiter wissenschaftlich arbeiten. Über seine Aussagen<br />

vor der römischen Inquisition weiß Franz<br />

Gruber, Professor für Dogmatik und Ökumenische<br />

Theologie an der Katholischen Privat­ Universität<br />

Linz: „Galileo sollte nur behaupten, das heliozentrische<br />

Weltbild sei eine mathematische Hypothese,<br />

für die er keine endgültigen Beweise hätte. Eigentlich<br />

waren es nicht wissenschaftliche Probleme,<br />

die da verhandelt worden sind, sondern machtpolitische.“<br />

Grundsätzlich, so Franz Gruber weiter,<br />

„hatte die Kirche damals schon allein wegen der<br />

gregorianischen Kalenderreform ein wissenschaftliches<br />

Interesse an der As tro nomie – und das<br />

heliozentrische Modell wurde von Gelehrten auch<br />

schon vor Galileo diskutiert.“<br />

Die Schlüsselrolle der Jesuiten<br />

Um die Länge eines Kalenderjahres (und damit<br />

Feiertage wie Ostern) genau bestimmen zu können,<br />

wurde im Vatikan etwa schon 1578 mit dem<br />

Bau eines eigenen Observatoriums begonnen,<br />

in dem die jesuitischen Astronomen und Mathema<br />

tiker des Collegio Romano arbeiten sollten.<br />

Überhaupt die Jesuiten – es findet sich wohl<br />

kaum eine zweite spirituelle Gemeinschaft auf der<br />

Welt, die sich so sehr der Wissenschaft und Bildung<br />

verschrieben hat wie dieser seit 1540 bestehende<br />

katholische Orden. Mit dem Kerngedanken des<br />

Gründers Ignatius von Loyola, <strong>Gott</strong> in allen Dingen<br />

zu finden, war die Richtung vorgegeben für eine<br />

in aller Frömmigkeit der Wissenschaft dienenden<br />

In sti tution. Die Jesuiten brachten im Laufe der Jahrhunderte<br />

allein in Europa mehr als 600 Kollegien<br />

und Universitäten hervor und zudem weltweit<br />

Hunderte bedeutender Forscher, Entdecker und<br />

Erfinder (siehe Kasten rechts).<br />

Laut Franz Gruber war die Mehrheit der Naturwissenschaftler<br />

während der rasanten wissenschaftlichen<br />

und technologischen Fortschritte des<br />

17., 18. und 19. Jahrhunderts ohnehin auch überzeugt<br />

von der Existenz <strong>Gott</strong>es. „Das Bild war: <strong>Gott</strong><br />

offenbart sich in zwei Büchern – im Buch der Natur<br />

und im Buch der Heiligen Schrift. Die Bibel können<br />

wir alle lesen, aber das Buch der Natur müssen wir<br />

erst entschlüsseln.“<br />

Spannend, so der Theologe weiter, seien in der<br />

neuzeitlichen Wissenschafts geschichte auch gewisse<br />

Mischformen zwischen Physik und Metaphysik<br />

gewesen. Ein Beispiel dafür sei der große Physiker<br />

und Mathematiker Isaac Newton: „Er wusste, dass<br />

die Gravitationswirkung von drei Himmelskörpern<br />

irgendwann zu einem chaotischen System führen<br />

müsste, hatte aber keine Erklärung dafür, warum es<br />

nicht passiert. Da griff er auf die Theologie zurück:<br />

<strong>Gott</strong> sorgt dafür, dass das System stabil bleibt.“<br />

Ein Punkt, an dem die heutige Theologie, so Franz<br />

Gruber, „stopp sagen würde – da ist eine Grenzüberschreitung<br />

passiert. <strong>Gott</strong> ist keine phy sikalische<br />

Größe.“ Eine neue Trennschärfe zwischen Glaube<br />

und Wissen, biblischen Schöpfungsmythen und<br />

wissenschaftlichen Erkenntnissen wurde in diesen<br />

FOTO:ROBERT MAYBACH<br />

40


drei Jahrhunderten mehrfach erforderlich. Geologen<br />

und Fossiliensammler stellten das Alter der<br />

Welt zur Diskussion, Historiker den geschichtlichen<br />

Gehalt des Alten Testaments, Quellenforscher die<br />

Authentizität etwa der Paulusbriefe in der Bibel.<br />

Und dann kam 1871 auch noch Charles Darwin<br />

mit seiner Evolu tionstheorie samt der gemeinsamen<br />

Abstammung von Mensch und Affe. „Darwin<br />

war für das Gesamtverständnis von Naturwissenschaft<br />

und Religion ein massiverer Einbruch und<br />

Einschnitt als Galileo“, weiß Franz Gruber.<br />

In diesem Rückzugsgefecht der Kirche durch<br />

die Auswirkungen der Aufklärung und der Französischen<br />

Revolution entstand 1864 der „Syllabus<br />

errorum“ („Verzeichnis der Irrtümer“), der sich<br />

gegen den „Modernismus“ richtete. „Theologen<br />

mussten einen Eid schwören auf das Lehramt und<br />

die wortwörtliche Auslegung der Bibel“, erklärt<br />

Franz Gruber. „Aber das war dreißig Jahre später<br />

Vom Vatikan ins Weltall. Die Kuppel am Dach des Petersdoms<br />

lässt sich öffnen – eigentlich ideal für ein riesiges Teleskop.<br />

WISSENSCHAFTLER<br />

IM DIENST DER KIRCHE<br />

IGNATIUS VON LOYOLA,<br />

1491–1556, Gründer und erster<br />

Generaloberer des Jesuitenordens<br />

im Jahr 1540. Einen der<br />

Kerngedanken seiner Spiritualität,<br />

<strong>Gott</strong> in allen Dingen zu<br />

finden, verstand Ignatius als<br />

Ein ladung für alle Bereiche des<br />

Lebens, auch die Wissenschaft.<br />

MATTEO RICCI, 1552–1610,<br />

war als Jesuit Missionar in China<br />

und auch dort als Mathematiker<br />

und Astronom am Kaiserhof<br />

ange sehen. Er setzte sich intensiv<br />

mit der chinesischen Kultur<br />

und Sprache auseinander und<br />

verfasste das erste chinesischportugiesische<br />

Wörterbuch.<br />

ATHANASIUS KIRCHER,<br />

1602–1680. Am Collegio Romano<br />

war er Professor für Mathematik,<br />

Physik und orien talische<br />

Sprachen und verfasste über<br />

dreißig umfangreiche wissenschaftliche<br />

Werke. Als einer<br />

der Ersten vermutete er den<br />

Einfluss von „kleinen Wesen“<br />

auf die Verbreitung der Pest.<br />

GEORG JOSEPH KAMEL,<br />

1661–1706. Jesuit, Apotheker,<br />

Botaniker und Missionar auf<br />

den Philippinen. Er erforschte<br />

die Tier- und Pflanzenwelt und<br />

unter suchte Heilmittel. Nach<br />

ihm wurde die Kamelie benannt.<br />

GREGOR MENDEL, 1822–1884,<br />

Ordenspriester der Augustiner<br />

und Naturforscher. Um 1860<br />

führte er seine Kreuzungsversuche<br />

mit Erbsen durch,<br />

die er im Vortrag „Versuche<br />

über Pflanzen hybriden“ erstmals<br />

vorstellte. Er gilt damit<br />

als Pionier der Genetik.<br />

41


PIERRE TEILHARD DE<br />

CHARDIN, 1881–1955, Jesuit<br />

und Paläontologe, Anthro pologe<br />

und Philosoph. Sein<br />

Ziel war die Erforschung des<br />

fossilen Lebens und das Wissen<br />

über Christus und die Idee<br />

der Evo lution in eine Synthese<br />

zu bringen. Er schlussfolgerte<br />

nach seinen Erkenntnissen,<br />

dass das Afrika südlich der<br />

Sahara möglicherweise die<br />

„Wiege der Menschheit“ gewesen<br />

ist.<br />

Biblische Vision. Jakob träumt von einer Himmelsleiter –<br />

hier als Doppelhelix, Sinnbild der Wissenschaft, dargestellt.<br />

schon wieder überholt – das war ein Anachronismus,<br />

der für die wissenschaft liche Theologie nicht<br />

mehr akzeptabel war.“<br />

Mit Physikern wie Albert Einstein brach im<br />

20. Jahrhundert wieder eine neue Ära in der Beziehung<br />

von Glaube und Wissenschaft an: „Es war<br />

eine eigentümliche Annäherung von Religion und<br />

Wissenschaft. Denn die Physik mit der Relativitätstheorie<br />

und der Quantenphysik gibt uns ein Bild<br />

von der Wirklichkeit, das wir uns anschaulich gar<br />

nicht mehr vorstellen können – analog zur Wirklichkeit<br />

<strong>Gott</strong>es.“<br />

Quantenphysiker UND gläubiger Katholik<br />

Das Staunen über das Unerklärliche, es erfasst<br />

heute gerade auch Forscherinnen und Forscher,<br />

die die tiefsten Ebenen und kleinsten Einheiten<br />

der Materie erkunden. So auch den österreichischen<br />

Nobelpreisträger und Universitätsprofessor<br />

für Quantenphysik Anton Zeilinger. Denn dort, in<br />

der Quanten physik, findet sich in der fundamentalen<br />

Ebene der Realität nichts Greif bares mehr,<br />

sondern nur mehr Wahrscheinlichkeit. Wie etwa<br />

LOUIS MARIE FROC, auch<br />

bekannt als ALOYSIUS FROS,<br />

1859–1932, war ein Entdecker<br />

und franzö sischer Missionar.<br />

Der „Vater der Taifune“ wurde<br />

bekannt für seine Arbeiten zur<br />

Vorhersage und zum Verhalten<br />

tropischer Wirbelstürme.<br />

PATER ROBERTO LANDELL<br />

DE MOURA, 1861–1928,<br />

brasilianischer Priester, Erfinder<br />

und Funkpionier. Bereits um<br />

1890 soll er Versuche zu drahtloser<br />

Übertragung in Telegrafie<br />

und Telefonie über Distanzen<br />

von bis zu acht Kilometern erfolgreich<br />

durch geführt haben.<br />

ALOIS GATTERER, 1886–1953,<br />

Astronom an der Vatikanischen<br />

Sternwarte und Autor des ersten<br />

„Spektrochemischen Atlas“<br />

mit allen Linienspektren von<br />

73 chemischen Elementen sowie<br />

der „Spectrochimica Acta“.<br />

GEORGES LEMAÎTRE,<br />

1894–1966, Theologe und<br />

Physik professor. 1927 erschien<br />

seine Arbeit zur Urknalltheorie,<br />

die die Expansion des Universums<br />

darlegte – zwei Jahre vor<br />

den Schriften Edwin Hubbles.<br />

Einstein lehnte die Urknalltheorie<br />

zunächst ab, ließ sich<br />

dann aber überzeugen.<br />

42


der Quantensprung ohne Grund – kausal nicht<br />

mehr erklärbar. Oder Messungen, bei denen erst<br />

die Beobachtung das Gemessene definiert, ob es<br />

nun Teilchen oder Welle ist. Anton Zeilinger ist in<br />

dieser „verrückten Welt der Quanten“, wie er sie<br />

nennt, zu Hause – und gleichzeitig gläubiger Katholik.<br />

Wie das zusammenpasst? Er selbst bringt es so<br />

auf den Punkt: „Den Widerspruch zwischen Religion<br />

und Naturwissenschaften gibt es nur, wenn<br />

die Religion etwas sagt, wo sie eigentlich nicht<br />

zuständig ist, oder wenn die Naturwissenschaft<br />

etwas sagt, wo sie eigentlich nicht zuständig ist.“<br />

Mit dieser Denkweise ist eine respektvolle Koexistenz<br />

heute möglich geworden. Mehr noch,<br />

Religion und Wissenschaft müssen die Herausforderungen<br />

der Zukunft Hand in Hand meistern.<br />

Ob es nun um Umweltzerstörung geht, Gentechnik,<br />

künstliche Intelligenz oder autonome Waffensysteme:<br />

„Der Weg zur Barbarei“, so Franz Gruber,<br />

„ist immer ein kurzer. Deshalb geht es um unsere<br />

Grundeinstellung zur Wirklichkeit, zu unserer<br />

Natur und unserem Planeten. Ist diese bloß technologisch<br />

und ökonomisch – oder auch empathisch,<br />

spirituell und kommunikativ? Wie wollen<br />

wir leben?“<br />

Die Antwort lassen wir das Jahrhundertgenie<br />

Albert Einstein geben, zitiert aus einem Brief, den<br />

er einst an seine Tochter Lieserl geschrieben hat:<br />

„Wenn wir wollen, dass unsere Art überleben soll,<br />

wenn wir einen Sinn im Leben finden wollen,<br />

wenn wir die Welt und alle fühlenden Wesen, die<br />

sie bewohnen, retten wollen, ist die Liebe die einzige<br />

und die letzte Antwort.“<br />

ANGELO SECCHI, 1818–1878,<br />

Pionier der Astrophysik und<br />

Direktor der Vatikanischen<br />

Sternwarte. Secchi entwickelte<br />

die noch heute gebräuchliche<br />

Methode der Spektralanalyse<br />

für die Astronomie. Dazu wird<br />

das Licht von Sternen untersucht,<br />

um Rückschlüsse auf<br />

die chemische Zusammensetzung<br />

von Himmelskörpern<br />

zu ziehen.<br />

CHARLES DE FOUCAULD,<br />

1858–1916, Priester und<br />

Wüsten forscher. Er erforschte<br />

das Leben der nomadischen<br />

Tuareg, die ihn sogar als Marabut,<br />

wie sie ihre muslimischen<br />

Heiligen nennen, ansehen – und<br />

er wurde von Papst Franziskus<br />

2022 heiliggesprochen.<br />

BERNHARD JOSEF PHILBERTH,<br />

1927–2010, deutscher Priester,<br />

Physiker, Techniker und Autor<br />

von Sachbüchern. Bereits<br />

Anfang der 1960er-Jahre war<br />

er in der internationalen Atomforschung<br />

erfolgreich und<br />

veröffentlichte Untersuchungen<br />

zur Beseitigung radio aktiver<br />

Abfallsubstanzen. Er und sein<br />

Bruder Karl Philberth gehörten<br />

zu den Initiatoren der ersten<br />

Umweltgesetze in Deutschland.<br />

FOTO: PICTUREDESK.COM/APA/EVA MANHART<br />

»Den Widerspruch zwischen Religion und Naturwissenschaften<br />

gibt es nur, wenn die Religion<br />

etwas sagt, wo sie eigentlich nicht zuständig ist,<br />

oder wenn die Naturwissenschaft etwas sagt,<br />

wo sie eigentlich nicht zuständig ist.«<br />

Anton Zeilinger<br />

43


[HERR]GOTT<br />

NÄHER ZU GOTT,<br />

NÄHER ZU MIR<br />

Wie lerne ich beten? Seelsorgerin Irmgard Lehner weiß,<br />

wie das geht, was man sich davon erwarten kann und<br />

warum sich ein Versuch für uns alle lohnt. Wolfgang Wieser<br />

hat es probiert. Hier zieht er eine – erste – Bilanz.<br />

FOTOS: RAPHAEL GABAUER<br />

»Dem Himmel ist beten wollen<br />

auch beten.«<br />

<strong>Gott</strong>hold Ephraim Lessing<br />

Beginnen wir mit mir, dem Autor<br />

dieser Geschichte. Wenn es ums<br />

Beten geht, sollten Sie wissen, mit<br />

wem Sie es zu tun haben. Also: Fahre ich<br />

mit dem Motorrad, halte ich gerne vor einer<br />

Wallfahrtskirche. Wenn die Sonne scheint,<br />

fühle ich, was ich zum ersten Mal im italienischen<br />

Assisi gespürt habe: Kraft, die ich<br />

mit Hingabe einatme (um dabei mindestens<br />

zwei Zentimeter zu wachsen). Als Bub spielte<br />

ich in unserer kleinen Kirche auf einer<br />

Kinderorgel in der Mette. Als Erwachsener<br />

war ich ihr so fern, wie’s nur vorstellbar ist.<br />

Aber ich werde mich für immer an den<br />

Moment erinnern, in dem Papst Johannes<br />

Paul II. im Juni 1998 den Dom in Salzburg<br />

betrat, und daran, dass ich kaum die Tränen<br />

zurückhalten konnte, als ich vor Jahren im<br />

Petersdom an seinem Grab stand.<br />

Warum ich mir während einer Autofahrt<br />

die Frage stellte, wie Beten geht, weiß ich<br />

nicht. Vielleicht war’s der Heilige Geist (und<br />

das ist nicht ironisch gemeint). Was ich sagen<br />

will: Ich bin ein normaler Mensch, mit<br />

Zweifeln und dem Wunsch nach einem Hort<br />

der Sicherheit und einem geglückten Leben.<br />

Ich treffe Irmgard Lehner im Pfarrzentrum<br />

Wels-St. Franziskus. Die Seelsorgerin<br />

hat die Pfarre sechzehn Jahre lang geleitet,<br />

bevor sie in der Katholischen Kirche in<br />

Oberösterreich zur Leiterin des Fachbereiches<br />

Seelsorgerinnen und Seelsorger<br />

in Pfarren bestellt wurde. Mit ihr spreche<br />

ich übers Beten und hoffe auf eine Anleitung,<br />

die mir hilft, es richtig zu machen.<br />

44


Im Gebet. Irmgard<br />

Lehner am Taufbecken<br />

des Pfarrzentrums<br />

Wels-St. Franziskus.<br />

Sie legt beim Beten<br />

die Hände ineinander.<br />

45


[HERR]GOTT<br />

Wo kann ich beten? Nur in der Kirche<br />

oder, sagen wir, auch beim Autofahren?<br />

Beten ist Kommunikation mit <strong>Gott</strong>. Tiefgehende<br />

Gespräche führe ich als Autofahrerin<br />

nicht. Wenn mir das Herz übergeht,<br />

ist aber jeder Ort ein Ort zum Beten.<br />

Gibt es etwas, was Beten fördert – etwas,<br />

was gut für die Sammlung ist?<br />

Man sollte eine Haltung einnehmen, die<br />

keine Probleme bereitet. Wer Knieschmerzen<br />

hat, sollte nicht knien. Die Erfahrung<br />

zeigt, dass es Körperhaltungen gibt, die<br />

etwas auslösen. Im Stehen spüre ich mich<br />

anders als im Sitzen oder Liegen. Es ist gut,<br />

eine Körperhaltung einzunehmen, die hilft,<br />

wach zu sein. Die Hände ineinanderzulegen<br />

– egal ob gefaltet oder mit verschränkten<br />

Fingern – hat sammelnde Wirkung.<br />

Immer ein Kreuzzeichen?<br />

Nicht immer. Bei gemeinschaftlichen<br />

Gebeten wird meist ein Kreuzzeichen<br />

IRMGARD<br />

LEHNER<br />

hat Theologie<br />

und Mathematik<br />

studiert – beides<br />

aus dem selben<br />

Grund: „Ich<br />

war immer<br />

an Lösungen<br />

interessiert.“<br />

gemacht, um einen Rahmen zu bilden. Im<br />

Grunde ist ein Kreuzzeichen ein ganz kurzes<br />

Gebet – es sagt, dass ich getauft bin und<br />

mich hineinstelle in das Vertrauen auf <strong>Gott</strong>.<br />

Gibt es eine korrekte Anrede?<br />

Für <strong>Gott</strong> ist das nicht entscheidend. Was für<br />

Sie am besten passt. Ich sage einfach „<strong>Gott</strong>“.<br />

Wie geht’s weiter?<br />

Ich sage: „<strong>Gott</strong>, hier bin ich – mit allem,<br />

was zu mir gehört.“ Manchmal ist das auch<br />

mein ganzes Gebet.<br />

Welches Gebet ich wählen soll, frage ich.<br />

Einen der 150 Psalmen, schlägt mir Irmgard<br />

Lehner vor. Ich lese sie, besonders genau<br />

Psalm 22 und 23, die bei der Totenmesse<br />

von Papst Johannes Paul II. gebetet wurden.<br />

Sie enthalten bekannte Zeilen: „Mein <strong>Gott</strong>,<br />

mein <strong>Gott</strong>, warum hast du mich verlassen<br />

…“ und „Der Herr ist mein Hirte …“. Die<br />

Sprache ist mir fremd, den Inhalt finde ich<br />

46


[HERR]GOTT<br />

Im Gespräch. Die Seelsorgerin erklärt Autor<br />

Wolfgang Wieser, was es mit dem Beten<br />

auf sich hat (linke Seite). Das Kreuz ist innen<br />

offen, „weil es mir wichtig ist, dass mein<br />

Dasein durch dieses Kreuz gezeigt wird“.<br />

Sie wissen, dass <strong>Gott</strong> Sie gehört hat, wenn<br />

Sie Vertrauen haben, dass Beten einen Sinn<br />

hat. Dieses Vertrauen bewirkt etwas. Weil<br />

ich mich in einem größeren Zusammenhang<br />

erfahren habe und spüre und erlebe<br />

– das weitet etwas in mir. Bei betenden<br />

Menschen, für die das Gebet etwas Wesentliches<br />

ist, spürt man, dass diese Menschen<br />

gelassener, ja, sogar ein Stückerl liebevoller<br />

sind.<br />

Wie fühlen Sie sich nach einem Gebet?<br />

Manchmal so kribbelig wie vorher, manchmal<br />

gut in meiner Mitte. Es ist verschieden.<br />

streng. Ob Alternativen erlaubt sind? „Es<br />

können auch Gebete von Zeitgenossen sein<br />

– wie von einem Andreas Knapp oder einer<br />

Carola Moosbach“, sagt die Seelsorgerin.<br />

Wenn ich sage, ich finde den Dichter<br />

Rainer Maria Rilke gut, gilt der auch?<br />

Ja, der gilt auch.<br />

Also blättere ich in Rilkes „Stundenbuch“<br />

(einem Gedichtzyklus; Teil 1 hieß ursprünglich<br />

„Die Gebete“), suche nach Zeilen,<br />

die mich ansprechen. Ich glaube, ein<br />

geeignetes Gedicht gefunden zu haben.<br />

Am nächsten Tag gefällt es mir nicht mehr.<br />

Ich probiere es mit einem „Vaterunser“<br />

und einem „Gegrüßet seist du, Maria“.<br />

Die Zeilen kann ich, aber die Wärme von<br />

Assisi spüre ich nicht.<br />

Woran erkenne ich, dass mir ein Gebet<br />

geholfen hat? Oder, pointierter: Wann<br />

weiß ich, dass <strong>Gott</strong> mich gehört hat?<br />

WOLFGANG<br />

WIESER<br />

schreibt, um<br />

die Welt zu<br />

verstehen.<br />

Und dabei stellt<br />

er besonders<br />

gern einfache<br />

Fragen.<br />

Ich frage, weil ich wissen möchte, was das<br />

Ziel des Betens ist.<br />

Für mich: in der Gegenwart <strong>Gott</strong>es bei <strong>Gott</strong><br />

zu sein.<br />

Ist Beten ein Weg zur Selbsterkenntnis?<br />

Ich glaube, das geht parallel. Selbsterkenntnis<br />

und <strong>Gott</strong>eserkenntnis gehen parallel.<br />

Es gibt das eine nicht ohne das andere.<br />

Während ich in Rilkes „Stundenbuch“ blättere,<br />

fallen mir aus dem Nichts sehr bekannte<br />

Verse ein. Sie gehen so: „Wem <strong>Gott</strong><br />

will rechte Gunst erweisen, / Den schickt er<br />

in die weite Welt, / Dem will er seine Wunder<br />

weisen / In Berg und Tal und Strom und<br />

Feld“ (Joseph von Eichendorff ). Ich schließe<br />

die Augen und probiere es noch einmal,<br />

die Zeilen kann ich auswendig: „Wem <strong>Gott</strong><br />

will rechte Gunst erweisen …“ Ich lache<br />

befreit, ja, das ist es. Ich atme tief ein. Fühlt<br />

sich gut an. Sonnig. Warm. Ich rücke mir<br />

näher. Der Anfang ist gemacht.<br />

47


BRÜCKE<br />

DER HOFFNUNG<br />

48


[HERR]GOTT<br />

Ob Blutstropfen, Knochen splitter oder<br />

Tücher – „heilige Überreste“ üben seit jeher<br />

eine Faszination auf Gläubige aus.<br />

Eine Spuren suche auf dem langen Weg<br />

der christlichen Reliquienverehrung.<br />

TEXT: WOLFGANG MARIA GRAN<br />

FOTOS: RAPHAEL GABAUER<br />

Gestorben für den Glauben.<br />

In der Pfarrkirche St. Radegund,<br />

Heimat von Franz Jägerstätter,<br />

steht seit 2016 ein Sandsteinaltar<br />

mit dessen sterblichen<br />

Überresten (links). Eine Fahnenspitze<br />

mit Christus-Monogramm,<br />

das sich Jägerstätter auf die<br />

Brust gebrannt hatte, ist in<br />

der Kirche, die Pfarrer Markus<br />

Menner mitbetreut, ebenfalls zu<br />

entdecken.<br />

Den Anfang in Sachen Reliquienkult<br />

machte einst<br />

Polykarp. Der Bischof von Smyrna<br />

und Schüler des Jüngers Johannes<br />

starb im Jahr 155 für seinen Glauben<br />

den Tod als Märtyrer. Die aus der<br />

Asche geborgenen Ge beine waren<br />

„wertvoller als Edel steine, kostbarer<br />

als Gold“. Heute sind sie der erste<br />

historisch dokumentierte Fall der<br />

Verehrung „hei liger Über reste“ und<br />

in der Kirche Sant’Am brogio della<br />

Massima in Rom zu bestaunen. Fast<br />

1.900 Jahre später wurden in den<br />

neuen Altar der Kirche der oberösterreichischen<br />

Pfarrgemeinde St. Radegund<br />

die Reliquien eines Mannes<br />

einge bettet, der ebenfalls für seinen<br />

Glauben gestorben war: Franz Jägerstätter,<br />

am 9. August 1943 hingerichtet,<br />

weil er sich ge weigert hatte, für<br />

die Nationalsozialisten in den Krieg<br />

zu ziehen.<br />

Sein Glaube war für ihn unvereinbar<br />

damit gewesen, dem Regime<br />

als Soldat zu dienen, und für diese<br />

Haltung wurde der Oberösterreicher<br />

im Jahr 2007 seligge sprochen.<br />

Neben seinen im Altar eingelassenen<br />

Überresten fand in der St. Rade­<br />

gunder Kirche auch noch eine Fahnenspitze<br />

mit Christus-Monogramm<br />

Platz, das sich Jägerstätter auf die<br />

Brust gebrannt hatte.<br />

Sehnsucht und Skurrilitäten<br />

Neben den Einheimischen kommen<br />

zum Gedenkgottesdienst an Franz<br />

Jägerstätters Todestag Menschen aus<br />

Deutschland, Italien und sogar den<br />

USA angereist, um ihm auf diese Art<br />

nahe zu sein. Pfarrer Markus Menner<br />

versteht das sehr gut: „Ich betreue<br />

insgesamt sechs Pfarren, aber wenn<br />

ich hier an diesem Altar die Messe<br />

lese, ist das für mich durch das Wirken<br />

dieses Menschen ein sehr intensives<br />

Erleben.“<br />

Für Christoph Lauermann, Ordinariatskanzler<br />

der Diözese Linz, zeigt<br />

das Beispiel Jägerstätter sehr gut,<br />

dass Reliquienverehrung auch im<br />

21. Jahrhundert ihre Berechtigung<br />

hat: „Reliquien helfen, an vorbildhafte<br />

Menschen zu denken, und symbolisieren<br />

auch die Hoffnung, dass eine<br />

Beziehung über den Tod hinaus möglich<br />

ist. Sie waren spe ziell in den<br />

Anfängen der Ver ehrung wohl auch<br />

Brücken für die Sehnsucht, das<br />

49


[HERR]GOTT<br />

Göttliche im wahrsten Sinn des Wortes<br />

‚begreifbar‘ zu machen, waren<br />

Brücken für die Hoffnung, die irdischen<br />

Bitten mögen über die Heiligen<br />

<strong>Gott</strong>es Gehör finden.“<br />

Verkaufsschlager Reliquien<br />

Dass dem Reliquienkult immer wieder<br />

auch große Skepsis entgegenschlug,<br />

hatte gewiss damit zu tun,<br />

dass er speziell im Hochmittelalter<br />

(1050–1250) teilweise skurrile Blüten<br />

trieb und in Geschäftemacherei<br />

ausartete. So gab es in Konstantinopel<br />

gar einen großen Reliquienmarkt.<br />

Kurfürst Friedrich III. von<br />

Sachsen hatte in seiner Residenz<br />

Wittenberg 19.000 Reliquien gehortet,<br />

darunter die „Tränen Jesu“ und<br />

die „Mutter milch Mariens“. Dass in<br />

Aachen bis heute die „Windeln Jesu“<br />

Wallfahrer anlocken, demonstriert<br />

eine besondere Art der Tuchfühlung<br />

mit dem Göttlichen.<br />

Wobei ein Aspekt in der Historie<br />

der Reliquienverehrung nicht unter<br />

den Tisch fallen darf, weil er einen<br />

biblischen Hintergrund hat und über<br />

Jahrhunderte ein wichtiges Motiv<br />

war: die Hoffnung auf wundersame<br />

Genesung. Ob das im Evangelium<br />

nach Matthäus die Frau war, die<br />

„Reliquien helfen dabei, an vorbildhafte Menschen<br />

zu denken, und symboli sieren auch die Hoffnung,<br />

dass eine Beziehung über den Tod hinaus möglich ist.“<br />

Christoph Lauermann<br />

Ruhestätte mit Einblick. Der heilige<br />

Placidus ruht in einem Reliquienschrein<br />

am Seitenaltar der Ursulinenkirche.<br />

Heilige im Untergrund. In der Ursulinenkirche in Linz ruhen gleich<br />

zwei der so genannten Katakombenheiligen: Hier ist der heilige Clemens<br />

als Ganzkörperreliquie zu bestaunen.<br />

durch das Berühren des Saums Jesu<br />

geheilt wurde, oder in der Apostelgeschichte<br />

beschrieben wird, dass<br />

durch das Auflegen der Schweißtücher<br />

des Paulus „die Krankheiten<br />

wichen“ und „die bösen Geister ausfuhren“<br />

– auch der Wunderglaube<br />

spielte und spielt eine große Rolle.<br />

Judith Wimmer, Expertin aus dem<br />

Fachbereich „Kunst und Kultur“ der<br />

Diözese Linz, erklärt das mit folgenden<br />

Worten: „In den damaligen Zeiten,<br />

als man Krankheiten noch nicht<br />

erklären konnte, geschweige denn<br />

heilen, war so eine Reliquie ein vielleicht<br />

tatsächlich wirksames Placebo,<br />

um eine Rettung oder Heilung zu<br />

er fahren. Eine Reliquie hat in so<br />

einem Zu sammenhang schon eine<br />

unheilabwendende Funktion, die<br />

unbestreitbar ist.“<br />

50


[HERR]GOTT<br />

Ein Splitter als Schatz. Ivan Brkić, Christoph Lauermann und Judith Wimmer (von links) von der Diözese Linz<br />

mit einer Reliquienkapsel des Benediktinerstifts Lambach aus dem 19. Jahrhundert. Auf der Vorderseite<br />

ist ein kleiner Knochensplitter des heiligen Adalbero, des Klostergründers von Stift Lambach, zu finden.<br />

Auch das heute möglicherweise<br />

verstörende Zurschaustellen sterblicher<br />

Überreste muss man laut<br />

Judith Wimmer im historischen Kontext<br />

sehen: „Der Tod und auch das<br />

Durchgehen durch den Tod waren<br />

in früheren Zeiten viel präsenter.<br />

Da wurde das Sterben nicht so wie<br />

heute ausgelagert, sondern die Menschen<br />

waren daheim aufgebahrt. Und<br />

es wurde sehr viel gestorben, denn<br />

allein von den Kindern haben bis ins<br />

19. Jahrhundert vielleicht fünfzig<br />

Prozent das vierzehnte Lebensjahr<br />

erreicht. Da ging es schon viel darum,<br />

Trost zu finden.“<br />

Im Auftrag des Papstes<br />

In der Linzer Ursulinenkirche sind<br />

zwei Heilige ausgestellt, die Katakom<br />

ben heiligen Placidus und Clemens.<br />

Und Ivan Brkić, bischöflicher<br />

Zeremoniär und in der Reliquienverwaltung<br />

tätig, beobach tet dabei<br />

Interessantes: „Es ist spannend, zu<br />

sehen, dass diese Reliquien einerseits<br />

anziehend sind, aber auch abschrecken.<br />

Es ist irgendwo zwischen<br />

Fas zination und Schockiert-Sein.“<br />

Er glaubt auch die Erklärung dafür<br />

zu haben: „In der Kon fron ta tion mit<br />

Reliquien überlagern sich drei Fragen:<br />

Woher komme ich? Was tue ich jetzt?<br />

Wohin gehe ich? Das ist so ein Moment,<br />

der viele ein bisschen verstört,<br />

weil die Gedanken an die eigene<br />

Sterblichkeit bei unserem gesellschaftlichen<br />

Tempo und den mas senhaften<br />

Ablenkungen ein wenig in<br />

Vergessenheit geraten sind.“<br />

Dass auch die Reliquienverehrung<br />

demnächst in Vergessenheit geraten<br />

könnte, ist nicht zu erwarten: „Wir<br />

bekommen immer wieder Anfragen,<br />

zunehmend aus dem asiatischen<br />

und auch südamerikanischen Raum“,<br />

erzählt Ordinariatskanzler Christoph<br />

Lauermann. Wobei diese auch oft<br />

von Privaten kommen und abgelehnt<br />

werden.<br />

Der Handel ist ja seit geraumer<br />

Zeit verboten, und geschenkt bekommt<br />

man Reliquien nur für Altaroder<br />

Kirchenweihen. Oder von einem<br />

Papst persönlich. Die Kugel des Attentat<br />

auf ihn im Jahr 1981 ließ Johannes<br />

Paul II. in Gold fassen und in die<br />

Krone der Marienstatue im portugiesischen<br />

Dörfchen Fátima inte grieren<br />

– weil der Heilige Vater in diesem<br />

tragischen Augenblick des Memento<br />

mori eine ganz starke Marienverbundenheit<br />

gespürt hatte.<br />

51


52<br />

Ein Tag wie kein anderer. Gleich ist es so weit:<br />

Die adrett gekleideten jungen Damen und<br />

Herren empfangen im Rahmen der Erstkommunion<br />

zum ersten Mal in ihrem Leben<br />

das heilige Brot, die gewandelte Hostie.<br />

Voller Stolz tragen sie bei der feierlichen Zeremonie<br />

ihre Taufkerzen. Diese symbolisieren<br />

die Verbundenheit mit Christus, die mit der<br />

Taufe beginnt und auch an diesem ganz besonderen<br />

Tag bei der Erstkommunion gefeiert wird.


SAKRAMENT<br />

WIE WIR GEMEINSAM DAS LEBEN FEIERN<br />

Sie dienen unserem Leben als Wegweiser und<br />

Orientierungspunkte: Rituale, die wir gemeinsam erleben<br />

und feiern. Vom Sakrament in der Kirche bis zum<br />

geselligen Zusammensein beim Verkosten edler Tropfen.<br />

FOTO: MAURITIUS IMAGES/AKICI<br />

53


54


SAKRAMENT<br />

SEIN<br />

TÄGLICH<br />

SLAWOMIR DADAS,<br />

57, hat zuerst in Polen<br />

und ab 1989 in Linz<br />

Theologie studiert.<br />

Seit 2009 ist er<br />

Pfarrer in der Pfarre<br />

Heilige Familie<br />

(Wels- Vogelweide),<br />

seit 2020 außerdem<br />

für Gunskirchen<br />

zuständig. Er ist<br />

darüber hinaus<br />

General dechant der<br />

Diözese Linz und<br />

Obmann der Initiative<br />

Christlicher Orient.<br />

In seiner Freizeit<br />

trainiert er ein<br />

Badminton-Team.<br />

Weltmeister, sagt<br />

er, könne er aus den<br />

Spielern zwar keine<br />

machen, Welsmeister<br />

ginge sich aber aus.<br />

BROT<br />

<strong>Gott</strong>esdienste sind längst nicht alles<br />

im Leben von Slawomir Dadas.<br />

Als Priester fühlt er sich für das Wohl<br />

der Menschen verantwortlich und<br />

dafür zuständig, dem Glauben heute<br />

wieder mehr Bedeutung zu geben.<br />

TEXT: SABRINA LUTTENBERGER FOTOS: FLORIAN VOGGENEDER<br />

55


SAKRAMENT<br />

Besinnung. Eine halbe Stunde vor der Messe<br />

bereitet sich Slawomir Dadas vor. Er geht<br />

in sich, bevor er hinaus zur Gemeinde geht.<br />

B<br />

ei Slawomir Dadas ist kein Tag<br />

wie der andere. Weiß <strong>Gott</strong>, was<br />

er alles macht. Trotzdem gibt es auch<br />

für den Pfarrer von Wels und Gunskirchen<br />

Auf gaben, die seinen Alltag bestimmen.<br />

Er feiert Messen und spendet Sakramente.<br />

Er leitet das Unternehmen Pfarre und kümmert<br />

sich als Seelsorger um die Menschen<br />

in der Gemeinde. Er ist da, wenn man ihn<br />

braucht. Pfarrer ist ein Vollzeitjob ohne<br />

geregelte Arbeitszeiten oder Zeitausgleich.<br />

Kein Beruf wie jeder andere, sondern eine<br />

Berufung. Auch für Slawomir ist es Bestimmung.<br />

Priester zu sein ist sein ganzes Leben.<br />

In dieser Geschichte lässt er uns daran teilhaben<br />

und nimmt uns einen Tag lang an<br />

seine Seite. Wir wollen wissen, was man<br />

auch in der Ausbildung zum Pfarrer nicht<br />

lernen kann: was einen als Priester heute<br />

erwartet und wie man mit außergewöhnlichen<br />

Herausforderungen umgeht.<br />

Die erste Offenbarung: mit viel Humor.<br />

Wer ihn einen Tag begleitet, merkt bald,<br />

dass auch der Schmäh auf Schritt und Tritt<br />

mit dabei ist. Das ändert nichts daran, dass<br />

der 57-Jährige seine Arbeit ernst nimmt.<br />

Als Pfarrer übernehme er schließlich die<br />

Verantwortung für die Menschen und ihr<br />

Miteinander. „Meine wichtigste Aufgabe ist<br />

es“, sagt er, „die <strong>Gott</strong>esliebe in unseren Alltag<br />

zu bringen. <strong>Gott</strong> meint es gut mit uns<br />

Menschen. Auch wir selbst dürfen gut mit<br />

uns umgehen. Und wir sollen auch andere<br />

gut behandeln.“ <strong>Gott</strong>esliebe, Nächstenliebe<br />

und Selbstliebe – für Slawomir sind das die<br />

wesentlichen Werte, die seinen Glauben<br />

ausmachen und ihn in seinem Tun inspirieren.<br />

Dazu gehöre, die Gemeinde zusammenzuhalten.<br />

Der Pfarrer, ein katholischer Klebstoff.<br />

Und so löst er sich nur schwer von<br />

seinen Wirkungsstätten. Von fünf Wochen<br />

Urlaub pro Jahr nimmt er oft nur drei in Anspruch.<br />

Er will niemanden im Stich lassen.<br />

Mehr noch: Er sucht aktiv die Nähe zu den<br />

Menschen. Nichts liege ihm daher ferner,<br />

als die ganze Zeit allein im Büro zu sitzen.<br />

Slawomirs Familie: die Pfarrgemeinde<br />

Dass es für ihn als Priester trotzdem nicht<br />

immer ganz einfach ist, die Frauen und<br />

Männer in den Gemeinden zu erreichen,<br />

zeigt sich in der Messe am Morgen, die wir<br />

besuchen. 25 Menschen verteilen sich in<br />

der Kirche Heilige Familie in Wels. Platz<br />

wäre für mindestens zehnmal so viele.<br />

„Das ist ganz normal“, sagt Slawomir<br />

56


Heilige Familie.<br />

Was Pfarrer<br />

Slawomir Dadas<br />

seiner Gemeinde<br />

predigt, hat stets<br />

einen Bezug<br />

zu unserer Zeit.<br />

57


SAKRAMENT<br />

Gemeinsame Sache. Slawomir und Michlin<br />

Alkhalil setzen sich in der Initiative Christlicher<br />

Orient für die Menschen im Orient ein.<br />

Beamter <strong>Gott</strong>es. Zu seinen Aufgaben als Pfarrer<br />

gehört es, die Pfarre zu verwalten – wie hier im<br />

Finanzausschuss.<br />

wenig überrascht. Kein Grund zur Sorge.<br />

„An einem Mittwoch um acht Uhr früh sind<br />

die meisten Leute ja bei der Arbeit. Bei den<br />

<strong>Gott</strong>esdiensten am Abend ist natürlich immer<br />

mehr los.“ In seinem Büro geht es dann<br />

meistens auch rund. Termine gegen Ende<br />

des Tages sind begehrt. „Nine to five“ – das<br />

gilt für andere Berufstätige, nicht für ihn.<br />

Statt Ruhe kehrt bei ihm abends zuerst eine<br />

Person ein, dann eine andere, später noch<br />

eine dritte. Er braucht um 20.15 Uhr kein<br />

Reality-TV, bei ihm findet das echte Leben<br />

statt. Und die Zeit vergeht. In solchen Momenten,<br />

wenn es wieder einmal spät wird,<br />

ist er froh, dass zu Hause niemand auf ihn<br />

wartet.<br />

Slawomir ist glücklich als Pfarrer. Das<br />

merkt man ihm auch an. Für ihn ist es ein<br />

erfülltes Leben. „Ich habe Theologie studiert,<br />

weil sie mich fasziniert. Schon als<br />

Ministrant war mir klar, damit möchte ich<br />

mich beschäftigen. Deshalb hat es mir nicht<br />

wehgetan, auf eine Familie zu verzichten.<br />

Ich wusste, wenn ich diesen Weg wähle,<br />

ist das einfach so. Ich habe keine Krise deswegen<br />

bekommen“, sagt er. Den Wunsch<br />

Andenken. Von<br />

seinen Reisen<br />

in den Orient<br />

bringt Slawomir<br />

auch Erinnerungsstücke<br />

mit. Diese<br />

Medaille war ein<br />

Geschenk an ihn.<br />

nach Familie kann er nicht nachvollziehen,<br />

er versteht ihn aber. Ginge es nach ihm,<br />

müsste die katholische Kirche den Beruf<br />

zeit gemäßer definieren. Dazu gehöre die<br />

Vereinbarkeit von Beruf und Familie. So,<br />

wie es jetzt ist, sei sie schlicht unmöglich.<br />

Für ihn gilt das in einem besonderen Maße.<br />

Auch ohne Abendtermine bleibt ihm nur<br />

wenig Freizeit. Pfarrer von Wels und Gunskirchen<br />

zu sein reicht nämlich nicht. Er<br />

engagiert sich nebenbei auch ehren amtlich.<br />

Wirken über Oberösterreich hinaus<br />

Michlin Alkhalil nimmt in seinem Büro<br />

Platz. In dem sehr überschaubaren Raum<br />

heißt es zusammenrücken. Die Syrerin<br />

ist 2014 mit ihrer Familie aus dem Kriegsgebiet<br />

geflohen. Sie lernte Slawomir gleich<br />

nach ihrer Ankunft in Oberösterreich<br />

kennen, weil er zu jenen gehörte, die sofort<br />

geholfen haben. Schnell wurden die<br />

beiden Freunde. Seit Kurzem ist Michlin<br />

Alkhalil neue Geschäftsführerin der ICO,<br />

jetzt kann endlich auch einmal sie ihn unterstützen.<br />

Die ICO, das ist die Initiative<br />

Christlicher Orient, deren Obmann er seit<br />

58


SAKRAMENT<br />

sieben Jahren ist und für die er Spenden<br />

sammelt. Gegründet wurde der Verein vor<br />

34 Jahren vom Theologen Hans Hollerweger<br />

mit dem Ziel, Menschen in der Türkei,<br />

im Irak, im Libanon und in Syrien zu helfen.<br />

Einmal im Jahr fliegt Slawomir, für den die<br />

ICO eine Herzens angelegenheit ist, selbst<br />

in eines der Länder, um sich davon zu überzeugen,<br />

dass die Gelder für den vorgesehenen<br />

Zweck ein gesetzt werden. Vor allem<br />

aber um die Menschen vor Ort wissen zu<br />

lassen, dass sie weiterhin auf seine Unterstützung<br />

zählen können. Im Normal fall<br />

finden die Termine der ICO in Linz statt;<br />

dort gibt es ein eigenes Büro, in das er einmal<br />

pro Woche fährt.<br />

Insgesamt hat er an diesem Tag sieben<br />

Termine, zwei <strong>Gott</strong>esdienste inklu sive.<br />

Nicht mitgezählt: seine persönlichen<br />

MÄNNER GOTTES<br />

Als zweitgrößte<br />

Diözese Österreichs<br />

setzt sich<br />

die Katholische<br />

Kirche in Oberösterreich<br />

aus<br />

438 Pfarren zusammen<br />

(seit<br />

<strong>2023</strong> sind fünf<br />

als „neue Pfarren“<br />

organisiert). Insgesamt<br />

wirken<br />

hier 514 Welt- und<br />

Ordenspriester<br />

(371 Aktive), mehr<br />

als 110 ständige<br />

Diakone und ca.<br />

350 theologisch<br />

qualifizierte Seelsorgerinnen<br />

und<br />

Seel sorger sowie<br />

528 ehrenamtliche<br />

Mitglieder<br />

von Seelsorgeteams.<br />

Freud und Leid.<br />

Im regelmäßigen<br />

Gespräch spendet<br />

er Susanna<br />

Haslehner nicht<br />

nur Trost – es<br />

gibt auch immer<br />

etwas zum<br />

Schmunzeln.<br />

Gebetszeiten, wobei die ja eigentlich auch<br />

zur Arbeitszeit gehören. Schon in seiner<br />

Diplomarbeit hat er sich mit Gebeten auseinandergesetzt,<br />

seither lässt ihn das Thema<br />

nicht los. „Im Gebet formuliere ich<br />

nicht, was ich von <strong>Gott</strong> will. Vielmehr soll<br />

es uns dabei helfen, <strong>Gott</strong>es Gedanken zu<br />

fangen und auf das eigene Leben anzuwenden.“<br />

Es ist seine Verbindung zu <strong>Gott</strong>,<br />

es formt seine Gedanken. Zwei Gebetszeiten<br />

am Tag, das ist ihm heilig, egal<br />

was los ist. Wie viel zu tun sein wird, weiß<br />

er als Pfarrer im Vorhinein übrigens nie so<br />

genau. Es gebe Tage, da sei sein Kalender<br />

eigentlich leer, und trotzdem habe er alle<br />

Hände voll zu tun. „Es war eine bewusste<br />

Entscheidung, keine klassischen Bürozeiten<br />

zu haben“, sagt er. „Ich habe auch keinen<br />

fixen Bürotag. Wenn mich dort gerade<br />

niemand braucht, bringt das nichts.“ Man<br />

könne ihn jederzeit anrufen, seine Nummer<br />

sei öffentlich.<br />

Für Menschen in Not, die dringend<br />

Hilfe benötigen, hält er sich außerdem<br />

den Dienstag frei. Sie warten dann oft<br />

in langen Schlangen und setzen ihre ganze<br />

Hoffnung in den Pfarrer. Immer wieder<br />

vollbringt der ein Wunder. Neben akuten<br />

Fällen unterstützt die Pfarre 150 weitere<br />

Familien. Das karitative Wirken bestimmt<br />

für Slawo mir auch heute noch das Wesen<br />

der katho lischen Kirche und damit seinen<br />

Beruf. Diese bedingungslose Hilfe spüren<br />

die Mitglieder der Pfarre. Deshalb sei der<br />

Stellen wert der katholischen Kirche und<br />

ihrer Vertreterinnen und Vertreter auf<br />

regionaler Ebene nicht zu unterschätzen.<br />

»Meine Aufgabe ist es, die <strong>Gott</strong>esliebe<br />

in den Alltag zu bringen.<br />

Damit wir mit uns selbst und<br />

miteinander gut umgehen.«<br />

Slawomir Dadas<br />

59


60<br />

Gut in Form.<br />

Badminton war<br />

für Slawomir Dadas<br />

schon immer der<br />

beste Ausgleich<br />

zum Alltag. Sowohl<br />

als Spieler wie<br />

auch als Trainer.


SAKRAMENT<br />

„Wahrscheinlich glauben viele, die schönsten<br />

Momente sind für mich Taufen und<br />

Hochzeiten. Natürlich macht mir das Freude<br />

– für mich ist es aber besonders schön,<br />

wenn ich jemanden in seiner Not begleiten<br />

darf und es ihm danach besser geht“,<br />

sagt er. So wie Familie Haslehner aus<br />

Gunskirchen.<br />

Glaube in der Gegenwart<br />

Seit etwa drei Jahren ist er auch für Gunskirchen<br />

zuständig. Keine Seltenheit in<br />

Oberösterreich, dass ein Priester mehrere<br />

Gemeinden betreut. Es fehlt wie fast überall<br />

an qualifizierten Nachwuchskräften. Bei<br />

Susanna Haslehner und ihrer Familie wird<br />

er an diesem Nachmittag bei Kaffee und<br />

Kuchen empfangen. Susannas Mutter ist<br />

vor zwei Jahren verstorben. Es heißt immer,<br />

die Zeit heilt alle Wunden. Slawomir weiß<br />

aber, auch Reden hilft. Darum schaut er<br />

gerne auf ein Gespräch vorbei. Susanna bezeichnet<br />

ihn als Glücksfall für Gunskirchen.<br />

Er könne die Dinge so erklären, dass jeder<br />

sie versteht, und sage die Sachen so, wie<br />

sie sind. Das habe sie in der Kirche noch nie<br />

erlebt. Vielleicht, weil es mit dem Beruf des<br />

Priesters ungefähr so ist wie mit den Texten<br />

aus der Bibel: Vieles davon ist Auslegungssache.<br />

Für ihn ist nicht so sehr die Vergangenheit<br />

entscheidend, er will den Glauben<br />

ins Jetzt holen. „Ich kann ja nicht in der<br />

Geschichte hängen bleiben. Die Zeiten haben<br />

sich geändert, und als Pfarrer möchte<br />

ich mit der Zeit gehen.“ Auch deshalb hinterfragt<br />

er, siehe oben, den Zölibat. Oder<br />

setzt sich für die Rechte der Frauen in der<br />

»Der schönste Moment für mich<br />

als Pfarrer ist es, jemanden in<br />

seiner Not zu begleiten und zu sehen,<br />

wie es ihm danach besser geht.«<br />

Slawomir Dadas<br />

Spiel, Satz, Sieg.<br />

Am Feld ist<br />

Slawomir Sportler,<br />

kein Pfarrer.<br />

Mit Gegnern<br />

kennt er kein<br />

Erbarmen.<br />

katholischen Kirche ein. Mit seinem Arbeitgeber<br />

ist auch er nicht immer einer Meinung.<br />

Manchmal fehlt ihm das Verständnis<br />

für bestimmte Entscheidungen oder<br />

Reaktionen. „Ich habe mich für die katholische<br />

Kirche entschieden, so wie sie ist,<br />

auch wenn ich weiß, dass es anders möglich<br />

wäre. Kann ich damit leben, auch wenn ich<br />

es mir anders wünschen würde? Ich schon.<br />

Ich möchte nicht von außen schimpfen,<br />

sondern von innen verändern. So behalte<br />

ich mir meine Freude am Glauben.“ Für<br />

die einen sei er mit diesen Ansichten als<br />

Pfarrer viel zu modern, für die anderen<br />

noch immer zu konservativ. Er sieht das<br />

prag matisch: „Ich bin also zumindest halbwegs<br />

gut in meinem Job.“<br />

Worin er nachweislich sehr gut ist: Badminton.<br />

Das ist seit über vierzig Jahren die<br />

eine Sache, die er fast genau so ernst nimmt<br />

wie sein Priesteramt. Er war als Spieler<br />

sogar bei Turnieren. In seiner Heimat Polen<br />

und in Österreich spielte er Meisterschaften<br />

und stieg bis in die 2. Bundesliga auf. Das<br />

hat sich in Wels schnell herum gespro chen,<br />

schon bald trainierte er eine eigene Jugendgruppe.<br />

Das macht er bis heute, immer<br />

montags. Sport ist nicht nur sein Ausgleich<br />

zum Alltag, er mag dabei das Zusammenkommen<br />

mit den unterschiedlichsten Leuten.<br />

Nichts schätzt er so sehr wie die Begegnungen<br />

mit anderen Menschen. Nicht nur<br />

beruflich, sondern auch privat.<br />

Die Kirche ist beim Sport übrigens nie<br />

Thema. „Ich bin immer ich, trotzdem trenne<br />

ich die Rollen Pfarrer und Trainer. Ich<br />

will ja nicht alle taufen, die zum Badminton<br />

kommen. Aber ich möchte, dass alle ehrlich<br />

und kollegial sind und man die Wertschätzung<br />

im Team spürt.“ Dass das Training<br />

immer am Montag stattfindet, hat einen<br />

Grund. Das ist sein Ruhetag. Was das genau<br />

heißt? „Ich mache mir keine Termine aus,<br />

aber ich verstecke mich auch nicht. Ich bin<br />

natürlich da, das bin ich ja immer.“ Als Pfarrer<br />

ist Slawomir eben allgegenwärtig.<br />

61


62


SAKRAMENT<br />

DAS KREUZ<br />

MIT DEN ALMOSEN<br />

Almosen sind im Christentum ein Ausdruck der<br />

Barm herzigkeit und Nächstenliebe. Doch wie sieht<br />

das im Alltag aus? Was sagen von Armut betroffene<br />

Menschen? Und was rät ein Diakon? Eine Spurensuche.<br />

TEXT: NIKOLAUS NUSSBAUMER<br />

FOTOS: ROBERT MAYBACH<br />

Gesichter der<br />

Armut. Ein paar<br />

Münzen, eine Zigarette<br />

– in einer<br />

Plastik schüssel<br />

sammelt Josip,<br />

was ihm die Leute<br />

geben (oben). Auch<br />

Rainer war früher<br />

auf Almosen angewiesen<br />

– heute<br />

verdient er mit<br />

dem Verkauf von<br />

Zei tungen sein<br />

eigenes Geld.<br />

N<br />

ot und Armut gehören zum<br />

Erscheinungsbild vieler Städte.<br />

Hier Obdachlose am Bahnhof,<br />

da Straßenzeitungsverkäufer vor dem<br />

Supermarkt, dort Bettler in der Innenstadt.<br />

Solche Begegnungen erzeugen oft ein Gefühl<br />

der Hilflosigkeit. Viele von uns bleiben<br />

lieber auf Distanz, winken ab, schauen weg.<br />

Was bleibt, ist ein moralischer Zwiespalt:<br />

Soll man einem bettelnden Menschen<br />

Almosen geben – oder lieber nicht? Sind<br />

Bettler tatsächlich auf Almosen angewiesen<br />

– oder unterstützt man damit nur organisierte<br />

Banden? Unbestritten ist: Geben und<br />

Teilen ist ein urchristlicher Wert. Eine Form<br />

der Nächstenliebe. Doch: Wie viel soll man<br />

geben – und ist es in Ordnung, auch einmal<br />

Nein zu sagen?<br />

Wir beginnen unsere Spurensuche am<br />

Hauptbahnhof in Linz. Hier treffen wir<br />

Michaela Haunold von der Caritas. Den Ort<br />

hat sie ausgewählt. „Der Bahnhof dient<br />

vielen Obdachlosen als Waschplatz“, sagt<br />

sie. „Für 50 Cent bekommen sie in den<br />

öffentlichen WC-Anlagen warmes Wasser.“<br />

Michaela Haunold ist 38 Jahre alt und<br />

Leiterin der Caritas-Sozialberatungsstellen.<br />

Tagtäglich hat sie mit Menschen zu tun, die<br />

keine Bleibe haben, die ihre Fixkosten nicht<br />

mehr zahlen können oder die medizinische<br />

Hilfe brauchen, aber nicht versichert sind.<br />

Menschen, die auf fremde Hilfe, oft auch<br />

auf Almosen angewiesen sind.<br />

Josips schweres Schicksal<br />

Das Wort Almosen kommt aus dem Altgriechischen<br />

und bedeutet Mitleid, Mitgefühl,<br />

Erbarmen. „Ein Almosen ist eine<br />

materielle Gabe an einen bedürftigen<br />

Empfänger ohne Erwartung einer Gegenleistung“,<br />

weiß das Lexikon. Die Gabe von<br />

Almosen gilt in den meisten Religionen<br />

63


SAKRAMENT<br />

als Pflicht der Gläubigen – oder zumindest<br />

als erwünscht. Im Christentum belehrt<br />

Jesus den reichen Jüngling im Evangelium<br />

nach Markus. „Eines fehlt dir noch: Geh,<br />

verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen,<br />

und du wirst einen bleibenden Schatz<br />

im Himmel haben.“ Apropos Himmel: Im<br />

Mittelalter galten Armut und Reichtum als<br />

von <strong>Gott</strong> gegeben. Besitzende taten Gutes,<br />

wenn sie Bedürftige mit Nahrungsmitteln<br />

versorgten. Bettler sahen darin einen Ausdruck<br />

von <strong>Gott</strong>es Fürsorge. Und die Reichen<br />

hofften, sich mit Almosen einen Platz im<br />

Himmel erkaufen zu können.<br />

Michaela Haunold begleitet uns zum angrenzenden<br />

Busbahnhof. In den Glaskojen<br />

haben Männer bereits zu Mittag ihr nächtliches<br />

Schlaflager ausgebreitet. An einem<br />

Betonpfeiler lehnt Josip. Sein Atem riecht<br />

nach süßlichem Alkohol; seine klammen<br />

roten Hände halten Vorbeikommenden eine<br />

Plastikschüssel entgegen, in der sich ein<br />

paar Euromünzen und eine nicht gerauchte<br />

Zigarette befinden. „Was brauchst du?“,<br />

fragt Michaela Haunold. „Ein bisschen<br />

Hilfe“, sagt Josip. „Wofür?“, will die Caritas-<br />

Mitarbeiterin wissen. „Die Medikamente<br />

sind so teuer“, erklärt er. Josip ist 69,<br />

stammt aus Serbien und ist seit 1990 in<br />

Österreich. Damals floh er vor der Einberufung<br />

in die Armee. Heute hat er einen<br />

Hirntumor, aber keine Krankenversicherung.<br />

Wo er die Nacht verbringen wird?<br />

Josip zuckt mit den Schultern. „Wo es trocken<br />

ist und nicht zieht.“<br />

Frische Kleidung und ein Zubrot. Sachspenden wie gebrauchte<br />

Kleidung sind eine gute Alternative zu Geldspenden für Obdachlose.<br />

Auch Rainer lebte auf der Straße – heute hat er in einem Wohnheim<br />

ein warmes Zuhause gefunden. An der Stelle, wo er einst gebettelt<br />

hat, bringt er jetzt die Straßen zeitung „Kupfermuckn“ als Zubrot<br />

zur Sozialhilfe unters Volk.<br />

»Betteln ist ein Menschenrecht.<br />

Natürlich ist es nicht immer angenehm,<br />

bettelnde Menschen zu sehen.<br />

Weil es uns an etwas erinnert, was<br />

wir gerne verdrängen: an Armut.<br />

Aber die kann jeden von uns treffen.«<br />

Michaela Haunold<br />

Josip ist nicht allein. Laut offiziellen<br />

Angaben leben in Linz 50 Menschen auf<br />

der Straße. Hilfsorganisationen sprechen<br />

von mindestens 200 Obdachlosen. Ganz<br />

in der Nähe des Hauptbahnhofes befindet<br />

sich eine Notschlafstelle. Doch die ist<br />

für viele Betroffene keine Alternative<br />

zum Leben auf der Straße – weil sie unter<br />

64


SAKRAMENT<br />

„Natürlich tun mir bettelnde Menschen leid.<br />

Denen gebe ich auch gerne. Was ich nicht mag,<br />

ist penetrantes oder aufdringliches Betteln.<br />

Ich habe immer ein paar Euromünzen griffbereit<br />

in meiner Jacken tasche, sodass ich nicht<br />

meine Geldbörse rausnehmen und öffnen muss.<br />

Dabei hätte ich kein gutes Gefühl.“<br />

Astrid Grömer, Linz<br />

psychischen Erkrankungen leiden oder<br />

Gewalt erfahren haben. Und weil dort<br />

Alkohol und Haustiere verboten sind.<br />

Armut macht vor niemandem halt<br />

Wir gehen weiter, die Landstraße hinauf<br />

in Richtung Mariendom. Was ist eigentlich<br />

dran an dem Mythos der sogenannten<br />

Bettler banden, wollen wir von Michaela<br />

Haunold wissen. „Menschen aus Ost- und<br />

Südosteuropa sind oft gut organisiert –<br />

aber nicht im kriminellen Sinn“, sagt sie.<br />

„Vielfach stammen sie einfach aus derselben<br />

Großfamilie oder demselben Dorf und<br />

organisieren sich An- und Abreise oder<br />

auch das Wohnen.“<br />

Auf der Landstraße herrscht seit einigen<br />

Jahren ein Bettelverbot. Der Ordnungsdienst<br />

der Stadt Linz kontrolliert die Einhaltung.<br />

Bei einem Verstoß droht eine Verwaltungsstrafe<br />

ab 100 Euro. „Betteln ist ein<br />

Menschenrecht“, sagt Michaela Haunold.<br />

Natürlich sei es nicht immer an genehm,<br />

bettelnde Menschen zu sehen. „Weil es<br />

MICHAELA<br />

HAUNOLD<br />

Die 38-Jährige<br />

trifft als Leiterin<br />

der Sozialberatungsstellen<br />

der<br />

Caritas tagtäglich<br />

auf Menschen,<br />

die auf Hilfe und<br />

Almosen angewiesen<br />

sind.<br />

uns an etwas erinnert, was wir gerne verdrängen:<br />

an Armut.“ Aber diese könne<br />

jeden Menschen treffen, warnt die Caritas­<br />

Sozialarbeiterin: „Wir betreuen auch Klientinnen<br />

und Klienten mit abgeschlossenem<br />

Studium, die früher Firmen geleitet haben.“<br />

Rainer, 42, hat kein Studium absolviert<br />

und nie eine Firma geleitet. Der gelernte<br />

Maurer lebte viele Jahre auf der Straße, seit<br />

damals leidet er an Asthma. „Ich habe einen<br />

Platz in einem Wohnheim für ehe malige<br />

Obdachlose gefunden“, erzählt er Michaela<br />

Haunold stolz. Er hockt in einer Einkaufspassage,<br />

vor ihm liegt ein Stapel Zeitungen.<br />

Rainer saß schon vor zehn Jahren an derselben<br />

Stelle. Damals noch bettelnd. Seitdem<br />

das Betteln verboten ist, verkauft er –<br />

legal und offiziell – hier die Straßenzeitung<br />

„Kupfermuckn“. Vom Verkaufspreis bleiben<br />

ihm 1,50 Euro. Vierzig bis fünfzig Exemplare<br />

setzt er pro Monat um. „Das ist mein<br />

Zubrot zur Sozialhilfe“, erzählt er. Und<br />

dann sagt er einen überraschenden Satz:<br />

„Ich erlebe auch viel Positives auf der<br />

Straße.“ Damit meint er Menschen, die ihn<br />

fragen, wie es ihm geht, die ihm zuhören,<br />

die ihm ein paar Euro zustecken, ohne<br />

eine Zeitung zu kaufen. „Was ihr für einen<br />

meiner geringsten Brüder oder Schwestern<br />

getan habt, das habt ihr mir getan“, heißt<br />

es im Evangelium nach Matthäus.<br />

65


SAKRAMENT<br />

„Manche Bettler in Linz kenne<br />

ich schon richtig lange.<br />

Ich gebe immer – entweder<br />

Geld oder etwas von meinem<br />

Einkauf. Das ist für mich<br />

selbst verständlich. Es hat<br />

für mich auch nichts mit<br />

Religion zu tun, sondern<br />

mit Empathie und Wertschätzung.<br />

Gerne würde<br />

ich noch viel mehr geben,<br />

als ich ohnehin bereits tue.“<br />

Zoe Michaela Riess, Linz<br />

Almosen: An wen, wie oft, wie viel?<br />

Im Pfarrbüro des Mariendoms wartet Peter<br />

Schwarzenbacher auf uns. Der diplomierte<br />

Erwachsenenbildner, Supervisor und Coach<br />

ist seit 2012 ehrenamtlicher Diakon in der<br />

Dompfarre Linz und neben seinen li tur gischen<br />

Aufgaben für die Pfarr caritas zuständig.<br />

„Das ist doch die Grundfunktion von<br />

Kirche“, sagt der 58-Jäh rige, „die Armen in<br />

den Blick zu nehmen!“ Warum soll man Almosen<br />

geben, wollen wir von ihm wissen.<br />

Aus Mitleid? Aus Nächstenliebe? Weil – wie<br />

Kardinal Christoph Schönborn formuliert<br />

hat – es „unsere heilige Pflicht als Christinnen<br />

und Christen“ ist? Oder um uns einen<br />

Platz im Himmel zu sichern? „Von allem etwas“,<br />

sagt Peter Schwarzenbacher. „Durch<br />

Teilen entsteht mehr. Vor allem wenn man<br />

mit Menschen teilt, die im Leben nicht so<br />

viel Glück haben wie man selbst. <strong>Gott</strong> ist<br />

auf der Seite derer, die in Not sind.“<br />

PETER<br />

SCHWARZEN­<br />

BACHER<br />

Der ehrenamtliche<br />

Diakon in<br />

der Dompfarre<br />

Linz macht in<br />

der Unterstützung<br />

von Armen „die<br />

Grundfunktion<br />

von Kirche“ aus.<br />

Wie hält er es selbst mit dem Geben von<br />

Almosen? „Ich gebe oft, aber nicht immer.<br />

Es kommt darauf an, in welcher Verfasstheit<br />

ich bin – und in welcher meine Geldbörse.“<br />

Wichtig sei, sagt Schwarzenbacher,<br />

dass man seinem Gegenüber in die Augen<br />

schaue – auch wenn man nichts gebe. Muss<br />

man ein schlechtes Gewissen haben, wenn<br />

man einer bettelnden Hand keine milde<br />

Gabe reicht? „Nein, denn das ist eine ganz<br />

persönliche Entscheidung.“ Darf man seine<br />

Almosen an einen Verwendungszweck<br />

knüpfen? Etwa: Kauf dir mit dem Geld<br />

etwas zu essen – und nicht einen Doppelliter<br />

Wein! Der Diakon schüttelt den Kopf.<br />

„Wenn man Geld gibt, muss man sein<br />

Gegen über darüber entscheiden lassen,<br />

was es damit tut.“ Eine Alternative zu Geldbeträgen<br />

sind Gutscheine oder Sachspenden.<br />

„Aber nur, wenn man die Betroffenen fragt,<br />

was tatsächlich gebraucht wird“, rät Micha­<br />

66


SAKRAMENT<br />

Notschlafstelle. Am Busbahnhof Linz<br />

richten sich obdachlose Menschen<br />

bereits untertags ihren Schlafplatz für<br />

die kommende Nacht ein.<br />

ela Haunold. Sie weiß von einem Mann,<br />

der vor einer Fleischerei in Linz um Almosen<br />

bat – und dreißig Leberkäsesemmeln<br />

am Tag bekam.<br />

Wem soll man nun Almosen geben?<br />

Dem alten, kranken Mann, der nicht mehr<br />

arbeiten kann? Der jungen Frau, in der ein<br />

Kind heranwächst? Gibt es Kriterien, nach<br />

denen man entscheiden soll? Oder gilt es,<br />

Almosen wahllos an alle zu geben? „Ich<br />

würde die Person auswählen, die mir ge rade<br />

am nächsten ist“, sagt Peter Schwarzenbacher.<br />

„Das kann räumlich oder ideell sein.<br />

Oder weil die Person mein Herz am meisten<br />

berührt.“ Eine letzte Frage haben wir noch<br />

an den Diakon. Wie oft soll man geben –<br />

und wie viel? „Hilfe ist nie quantifizierbar“,<br />

weiß er. „Manchmal reichen ein paar Euro.<br />

Wichtig ist: Wenn man gibt, dann soll man<br />

es gerne tun – ohne Urteil und ohne Reue.“<br />

Zurück am Bahnhof. Es ist Abend geworden.<br />

Im Supermarkt treffen wir wieder<br />

auf Josip, der sich eine Dose Bier kauft.<br />

Dann geht er mit langsamem, wackeligem<br />

Schritt in Richtung Busbahnhof.<br />

„Bei mir ist das Almosengeben<br />

eine spontane Entscheidung.<br />

Ich gebe gerne, wenn ich merke,<br />

dass sich jemand in einer schwierigen<br />

Situation befindet. Oder wenn<br />

jemand dafür etwas tut – zum Beispiel<br />

musizieren. Wenn ich gebe,<br />

dann prinzipiell Bargeld und keine<br />

Sachspenden. Im Schnitt sind es<br />

fünf Euro.“<br />

Gerhard Heidlmair, Windischgarsten<br />

ANREGUNGEN<br />

FÜR DIE NÄCHSTE<br />

BEGEGNUNG<br />

MIT BETTLERN<br />

# In der oder dem<br />

anderen den Menschen<br />

sehen, ihr<br />

oder ihm Aufmerksamkeit<br />

schenken.<br />

# Sie allein entscheiden,<br />

ob, wie<br />

und in welcher<br />

Form Sie helfen.<br />

# Mit Herz und<br />

Verstand helfen –<br />

sich in das Gegenüber<br />

einfühlen.<br />

# Tipps geben,<br />

wo Hilfe gefunden<br />

werden kann.<br />

# Eigene Regeln<br />

aufstellen, wie beispielsweise<br />

einen<br />

wöchentlichen<br />

Höchstbetrag für<br />

Almosen festlegen.<br />

# Grenzen setzen<br />

bei Belästigung –<br />

Nein sagen und das<br />

Gespräch beenden.<br />

# Eindeutige<br />

Haltung, klare<br />

Kommunikation –<br />

das beugt Missverständnissen<br />

vor.<br />

67


SAKRAMENT<br />

AM SIEBTEN TAG<br />

Sieben Fragen, die zur Reflexion einladen. Dieses<br />

Mal: Für Whiskyproduzent Peter Affenzeller<br />

ist das Glas immer halb voll. Nicht zuletzt deshalb,<br />

weil er sich auf seinen Glauben verlassen kann.<br />

INTERVIEW: SABRINA LUTTENBERGER<br />

FOTOS: FLORIAN VOGGENEDER<br />

1<br />

Als Kind waren Sie<br />

Ministrant, Sie sind<br />

in einer religiösen Familie<br />

aufgewachsen. Gehört<br />

der Glaube für Sie heute<br />

zu einem guten Leben<br />

dazu?<br />

Ja, ich bezeichne mich auch<br />

als gläubig. Ich bin überzeugt<br />

davon, dass es etwas Übergeordnetes<br />

gibt. Das habe ich<br />

in Momenten gemerkt, wo ich<br />

vor Entscheidungen gestanden<br />

bin und nicht weiterwusste –<br />

und auf einmal habe ich ein<br />

Zeichen bekommen. Auch<br />

bei der Gründung meines<br />

Unter nehmens, die eigentlich<br />

eine echte Schnapsidee war,<br />

war eine besondere Kraft<br />

spürbar. Als die Katholische<br />

Jugend vor einiger Zeit für ein<br />

„biblisches Whiskytasting“ zu<br />

Besuch in der Destillerie war,<br />

ist mir erst bewusst geworden,<br />

wie tief diese Verbindung ist.<br />

Zwischen den Kostproben<br />

wurden Bibelverse vorgelesen,<br />

darin ging es um Genuss, um<br />

Hingabe, sogar um Qualität …<br />

Alles, was auch unsere Philosophie<br />

ausmacht.<br />

2 Nächstenliebe<br />

scheint Ihnen ebenfalls<br />

nicht fremd zu sein.<br />

Sie engagieren sich<br />

immer wieder sozial.<br />

Mir macht es einfach viel mehr<br />

Freude, anderen Gutes zu tun,<br />

»Am Ende des Lebens<br />

wird man schließlich<br />

an seinen Taten<br />

ge messen, nicht<br />

an der Anzahl seiner<br />

Autos.«<br />

Peter Affenzeller<br />

als dem Geld hinterherzurennen.<br />

Sei es ein Flugtag<br />

mit Kindern oder wenn wir<br />

mit Pink Ribbon gemeinsam<br />

auf Brustkrebs aufmerksam<br />

machen. Wir tun auch viel für<br />

unsere Umwelt. Wir pflanzen<br />

zum Beispiel einen Baum für<br />

jedes Eichenfass, das wir verwenden.<br />

Am Ende des Lebens<br />

wird man schließlich an seinen<br />

Taten gemessen, nicht<br />

an der Anzahl seiner Autos.<br />

3 Was ist Ihnen heilig?<br />

Meine Familie steht über<br />

allem. Ich werde heuer zum<br />

ersten Mal Vater – das ist<br />

etwas ganz Wunder bares. Ein<br />

Kollege meinte: „Das eigene<br />

Kind zum ersten Mal in Händen<br />

zu halten ist ein göttlicher<br />

Moment.“ Darauf freue ich<br />

mich unglaublich.<br />

68


PETER AFFENZELLER,<br />

36, kommt aus dem<br />

Mühlviertel und wurde<br />

landesweit als Mister<br />

Oberösterreich bekannt,<br />

ehe er sich einen Namen<br />

als Whiskyproduzent<br />

machte. Seine Produkte<br />

werden regelmäßig<br />

prämiert, Affenzellers<br />

Unternehmen zeichnet<br />

sich außerdem durch<br />

soziales Engagement<br />

und das Bemühen<br />

um Nachhaltigkeit aus.<br />

69


Ungetrübter Blick.<br />

Übersetzt heißt Whisky<br />

so viel wie „Wasser<br />

des Lebens“. Für Peter<br />

Affenzeller ist er die Essenz<br />

seiner jahre langen,<br />

sehr fokussierten Arbeit.<br />

70


SAKRAMENT<br />

Ort der Geselligkeit.<br />

Peter Affenzeller<br />

schenkt seinen<br />

Gästen in der Destillerie<br />

nicht nur Kostproben<br />

ein, sondern<br />

er leiht ihnen auch<br />

gern ein Ohr.<br />

4<br />

Und wofür sind<br />

Sie dankbar?<br />

Für meine Gesundheit. Ohne<br />

Gesundheit ist alles nichts.<br />

Ich stehe jeden Tag gerne auf<br />

und gehe gerne in die Arbeit.<br />

Dafür bin ich auch extrem<br />

dankbar, selbst wenn meine<br />

Tage einmal wieder lang sind.<br />

Zum Glück macht es mir<br />

Spaß, dann muss ich auch<br />

keine Stunden zählen. Das ist<br />

wie bei einem Buch, das einen<br />

fesselt. Da zählt man ja auch<br />

nicht die Seiten.<br />

5<br />

Sie haben schon<br />

viel erlebt: von<br />

der Wahl zum Mister<br />

Oberösterreich bis hin<br />

zu Gold medaillen in<br />

Whisky-Wettbewerben.<br />

Angenommen, Sie wären<br />

einen Tag allmächtig:<br />

Was würden Sie tun?<br />

Mit dieser Frage habe ich<br />

mich noch nie auseinandergesetzt.<br />

(Überlegt.) Ich würde<br />

dafür sorgen, dass es keinen<br />

Hunger mehr gibt. Es ist für<br />

mich unvorstellbar, dass es<br />

im Jahr <strong>2023</strong> Länder ohne<br />

ausreichend Nahrung und<br />

Trinkwasser gibt. Das würde<br />

ich ändern. Ich würde auch<br />

gern die Welt sehen, das ist<br />

ein Herzenswunsch von mir.<br />

Ich weiß nicht, was es ist,<br />

aber mich zieht es zum Wasser.<br />

Vielleicht war ich im<br />

früheren Leben ja Seemann.<br />

Auf alle Fälle würd ich mir<br />

ein Land mit Zugang zum<br />

Meer suchen und dort gern<br />

die Menschen und ihre Kultur<br />

kennenlernen. Dafür hatte<br />

ich bisher nämlich immer zu<br />

wenig Zeit. Das wür de mich<br />

glücklich machen.<br />

6<br />

Spielt der Sonntag<br />

in Ihrem Leben<br />

eine besondere Rolle?<br />

Immerhin bleibt die<br />

Destillerie an diesem<br />

Tag geschlossen.<br />

Der Sonntag ist mittlerweile<br />

ein freier Tag für mich. Vor<br />

einem Jahr war das noch<br />

anders. Dass ich mir diese<br />

Freiheit jetzt nehmen kann,<br />

schätze ich sehr. Für mich ist<br />

es der Tag, der meiner Partner<br />

in gehört. Wir frühstücken<br />

gemeinsam, ich mache gern<br />

Sport oder lese Bücher, und<br />

zu Mittag essen wir gemeinsam<br />

mit meiner ganzen Familie.<br />

Das Wichtigste an Sonntagen<br />

ist für mich, dass ich sie<br />

ohne Stress und ohne Handy<br />

verbringen kann. Wenn das<br />

klappt, ist der Tag perfekt.<br />

7<br />

Zurück zum Glück:<br />

In welchen Momenten<br />

sind Sie glücklich?<br />

Glück ist für mich die Summe<br />

aller Taten. Ich glaube absolut<br />

an das Glück des Tüchtigen.<br />

Ich selbst bin am glücklichsten,<br />

wenn ich die Dinge tun<br />

kann, die mir wirklich am<br />

Herzen liegen.<br />

71


POST<br />

BETREFF: GRÜSS GOTT!<br />

Lob, Kritik und sehr viel Aufschlussreiches: Auch zur vergangenen<br />

Ausgabe gingen viele Rückmeldungen bei uns ein. Hier ein Auszug.<br />

Erfrischend, modern, neugierig<br />

machend und trotzdem<br />

den Traditionen verpflichtet.<br />

Kompliment zum<br />

neuen Magazin über <strong>Gott</strong><br />

und die Welt, das mir in allen<br />

Belangen sehr gut gefällt:<br />

Layout, Fotostrecken, Texte,<br />

Inhalt … Und ich bin ehrlich:<br />

Das hätte ich nicht vermutet,<br />

musste zweimal nach dem<br />

Herausgeber schauen – nur<br />

weiter so! :)<br />

Philipp Braun, Linz<br />

Ist es wirklich noch zeitgemäß,<br />

in einer christlichen<br />

Zeitschrift einem Rezept<br />

für einen Schweinsbraten<br />

zwei Seiten zu widmen?<br />

„Durch die expandierende<br />

Fleisch industrie werden<br />

immer mehr Ressourcen<br />

aufgebraucht. In Entwicklungsländern<br />

werden große<br />

Flächen gerodet, unter<br />

anderem auch der Regenwald“,<br />

heißt es online auf<br />

oeko-planet.com. In Anbetracht<br />

dessen kommen<br />

die zwei Seiten scheinheilig<br />

daher. Hauptsache, das<br />

„Bratl“ steht zum Fest essen<br />

am Tisch. In Ihrem Magazin<br />

sollten sinnvolle Anreize<br />

gesetzt werden – auch<br />

bei den Rezepten.<br />

Brigitte Bischof,<br />

Oberneukirchen<br />

Liebes Team von „Grüß<br />

<strong>Gott</strong>!“, ich habe noch nie<br />

zuvor beim Lesen eines<br />

Zeitungsartikels geweint.<br />

Bei den herzzerreißenden<br />

Geschichten über die<br />

„ Engel“, die letzte Wünsche<br />

erfüllen, gab es kein Halten<br />

mehr. Mein Roman „Ans<br />

Meer“ war auch an einen<br />

letzten Wunsch angelehnt,<br />

vielleicht kann ich deshalb<br />

die Arbeit des Vereins Rollende<br />

Engel so besonders<br />

schätzen. Danke für diesen<br />

wundervollen Artikel.<br />

René Freund,<br />

Grünau im Almtal<br />

Was fürs Auge, fürs Hirn und<br />

fürs Herz. Kompliment und<br />

weiter so! Vielleicht erreicht<br />

man so auch jene, die sich<br />

zuletzt aus nur zu verständlichen<br />

Gründen von der<br />

Kirche abgewandt haben.<br />

Josef Weißengruber, Gutau<br />

Das Magazin liegt bei uns<br />

wegen der interessanten<br />

Artikel stets lange am Tisch.<br />

Einer davon hat uns jedoch<br />

sehr gestört: „Eintritt frei für<br />

Kunst“. Die zwei verbogenen<br />

und rot gestrichenen Stangen<br />

am Kirchturm zu befestigen<br />

und als „Rutsche in den<br />

Himmel“ zu bezeichnen ist<br />

keine Kunst. Je weiter Sie in<br />

den ländlichen Raum gehen,<br />

umso weniger Verständnis<br />

werden Sie für diese „Kunst“<br />

bekommen.<br />

Johann & Ulrike Peinbauer,<br />

Walding<br />

Großartig habt ihr sie wieder<br />

gestaltet, die letzte Ausgabe.<br />

Es war ein Vergnügen<br />

und eine Anregung, darin zu<br />

lesen! Insbesondere die Suche<br />

nach der „<strong>Gott</strong>esformel“<br />

hat mich beeindruckt, wohl<br />

wissend, dass es eine solche<br />

nicht gibt. Die Wissenschaft<br />

allein kann eben nicht alles<br />

erklären, was die Welt im<br />

Inneren zusammenhält oder<br />

außen verbindet. Nicht mathematische<br />

Formeln, sondern<br />

menschliche Zuversicht<br />

ist dabei gefragt: eine Perspektive<br />

in die Unendlichkeit.<br />

Christoph Leitl, Linz<br />

Ich bin vollauf begeistert<br />

und habe seit Herbst 2019<br />

alle Ausgaben. Jede, auch<br />

die alten Ausgaben, kann<br />

man immer wieder jemandem<br />

leihen und zur Lektüre<br />

empfehlen. Das Layout und<br />

die Texte sind großartig.<br />

Auch die jeweils seit <strong>Frühjahr</strong><br />

2020 enthaltenen Kostproben<br />

des Meisterkarikaturisten<br />

Gerhard Haderer stellen<br />

eine delikate Würze dar.<br />

Sehr bemerkenswert finde<br />

ich auch die kleine Spalte<br />

„Glossar des Glaubens“.<br />

Ich wünsche euch weiterhin<br />

viel Motivationsenergie<br />

und Schaffensfreude für<br />

die zukünftigen Ausgaben<br />

dieses Magazins!<br />

Ludwig Breidt, Bad Ischl<br />

Dass ich am Stefanitag die<br />

Herbst-Ausgabe von „Grüß<br />

<strong>Gott</strong>!“ ein weiteres Mal<br />

mit Freude lese, sagt vieles.<br />

Das Layout und die Auswahl<br />

der Bilder sind großartig, die<br />

Freude, mit der die Themen<br />

aufbereitet sind, ist spürbar.<br />

Mit diesem Magazin ist der<br />

Diözese Linz unbestritten ein<br />

Meilenstein in der Kommunikation<br />

gelungen. Es passt<br />

einfach alles, und dies ist<br />

auch der Grund, warum<br />

„Grüß <strong>Gott</strong>!“ bei mir einen<br />

gesicherten Platz in der Zeitschriftensammlung<br />

findet.<br />

Das „O“ vor dem Kirchenfenster<br />

am rückseitigen Cover<br />

zeigt, wie Werbung perfekt<br />

in Szene gesetzt werden<br />

kann, und die hervorragende<br />

Qualität des ganzen Teams.<br />

„Beste Werbebotschaft des<br />

Jahres“ – oder „nicht wie<br />

jedes Magazin“. Gratulation,<br />

noch besser geht es nicht.<br />

Kurt Schiefermayr,<br />

Pennewang<br />

Möchten Sie uns auch eine Rückmeldung geben? Bitte per E-Mail an: gruessgott@dioezese-linz.at.<br />

Eine Auswahl Ihrer Rückmeldungen finden Sie in Auszügen beziehungsweise, sofern es der Platz erlaubt,<br />

zur Gänze in einer der nächsten Ausgaben.<br />

72


HADERER<br />

ILLUSTRATIONEN: GETTY IMAGES/ISTOCK, GERHARD HADERER<br />

73


VERANSTALTUNGEN<br />

KULTURELLES & SPIRITUELLES<br />

Der Mariendom als einzigartige Konzertkulisse und Chillen bei der Pop-up-Church –<br />

unsere Veranstaltungs- und Ausflugstipps für Linz und Umgebung.<br />

Weitere aktuelle Termine finden Sie auf dioezese-linz.at/termine<br />

Ein Nachmittag im Mai<br />

CHILLEN UND NOCH VIEL MEHR AN DER DONAU<br />

Im Mai, wenn die Sonne wieder<br />

an Kraft gewinnt und die Ufer<br />

der Donau sich langsam mit<br />

Leben füllen, lädt die Katholische<br />

Jugend Oberösterreich<br />

zum gemütlichen Beisammensein<br />

an der Linzer Donaulände<br />

ein. Zur Premiere der Pop-up-<br />

Church wird ein Nachmittag<br />

mit Angeboten für junge Menschen<br />

zusammengestellt.<br />

Eine Anmeldung ist nicht nötig<br />

– Interessierte können mit<br />

Freundinnen und Freunden<br />

einfach vorbeikommen, gratis<br />

verschiedene Spie le ausprobieren<br />

oder auch im bunten<br />

SpiriTipi oder in einem der<br />

Liegestühle zur Ruhe kommen.<br />

Das Ziel: Junge Menschen<br />

sollen hier über raschende<br />

Orte der Begegnung neu<br />

für sich entdecken. Termin<br />

und Informationen unter:<br />

kj-ooe.at<br />

7. 6., 20 Uhr<br />

ROMANTISCHE KLÄNGE FÜR DEN GUTEN ZWECK<br />

13. 7. – 4. 8.<br />

MUSIKSTARS VOR DER KULISSE DES MARIENDOMS<br />

Über 75.000 Menschen haben<br />

ihre Lieblingsstars bereits vor<br />

der einzigartigen Kulisse des<br />

wunderschön beleuchteten<br />

Mariendoms hautnah mit erlebt.<br />

Auch heuer folgen wieder<br />

Musikerinnen und Musiker<br />

aus aller Welt der Einladung<br />

nach Linz. Innerhalb von vier<br />

Wochen werden sechs Konzerte<br />

gespielt, unter anderem<br />

von den Austropop-Legenden<br />

Gert Steinbäcker und Wolfgang<br />

Ambros sowie von internationalen<br />

Stars wie Eros<br />

Ramazzotti, Norah Jones und<br />

Geigenvirtuose David Garrett.<br />

klassikamdom.at<br />

2. 6., 19–24 Uhr<br />

EINE NACHT, UNZÄHLIGE MÖGLICHKEITEN<br />

Im Dienst der guten Sache<br />

gibt das Bruckner Orchester<br />

Linz unter der Leitung von<br />

Chefdirigent Markus Poschner<br />

ein Benefizkonzert zum Besten.<br />

Im Mariendom samt seiner<br />

beeindruckenden Akustik<br />

wird „Die Romantische“<br />

prä sentiert, die vierte und<br />

wahrscheinlich beliebteste<br />

Sin fonie des Komponisten<br />

Anton Bruckner. Der Reinerlös<br />

des Konzertabends<br />

kommt der Restaurierung<br />

des Mariendoms zugute.<br />

promariendom.at<br />

In der 17. „Langen Nacht der<br />

Kirchen“ treffen stille Momente<br />

auf Augenblicke voll aus gelassener<br />

Stimmung. In ganz<br />

Oberösterreich halten Pfarren<br />

bis spätabends ihre Türen<br />

offen für Lesungen, Andachten<br />

und <strong>Gott</strong>esdienste, aber<br />

auch für Theatervorstel lungen,<br />

Kabaretts, Konzerte und<br />

Führungen. Mehr Infos unter:<br />

langenachtderkirchen.at/linz<br />

FOTOS: KJ OÖ, KLAUS MITTERMAYR, DIÖZESE/KRAML, REINHARD WINKLER<br />

74


Die nächste Ausgabe erscheint<br />

Ende September <strong>2023</strong>.<br />

FOTO: MAURITIUS IMAGES/IMAGEBROKER<br />

IMPRESSUM<br />

HERAUSGEBER: Wilhelm Vieböck,<br />

Diözese Linz, Herrenstraße 19,<br />

4021 Linz, E-Mail: gruessgott@<br />

dioezese-linz.at, Tel.: 0732 / 76 10-<br />

1170 PROJEKTGESAMTLEITUNG<br />

DIÖZESE LINZ: Michael Kraml,<br />

Kommunikationsbüro Diözese Linz<br />

PROJEKTKOORDINATION: Barbara<br />

Eckerstorfer, Christine Grüll, Ursula<br />

Schmidinger MEDIENINHABERIN:<br />

Diözese Linz, Herrenstraße 19,<br />

Postfach 251, 4021 Linz, vertreten<br />

durch Dr. Manfred Scheuer,<br />

Diözesanbischof, ATU59278089<br />

HERSTELLER: Red Bull Media<br />

House GmbH VERLAGSORT:<br />

Red Bull Media House Publishing,<br />

1020 Wien HERSTELLUNGS ORT:<br />

Druckerei Berger, Ferdinand Berger<br />

& Söhne Ges.m.b.H., 3580 Horn<br />

PROJEKTMANAGEMENT: Julia<br />

Leeb ART DIRECTOR: Silvia Druml-<br />

Shams FOTOREDAKTION: Matti<br />

Wulfes CHEFREDAKTION:<br />

Alexander Klein ILLUSTRATION:<br />

Jens Bonnke, Anita Brunn auer<br />

(studio nita.), Gerhard Haderer,<br />

Nadine Keilhofer, Felix Malmborg<br />

TEXTE: Wolfgang M. Gran, Hannes<br />

Kropik, Sabrina Lutten berger,<br />

Karen Müller, Nikolaus Nussbaumer,<br />

Wolfgang Wieser FOTOS: Raphael<br />

Gabauer, Andreas Jakwerth, Robert<br />

Maybach, Florian Voggeneder<br />

ANZEIGENLEITUNG: Wolfgang<br />

Kröll PRODUKTION: Martin<br />

Brandhofer (Ltg.), Walter O. Sádaba,<br />

Sabine Wessig LEKTORAT: Hans<br />

Fleißner (Ltg.), Petra Hannert,<br />

Monika Hasleder, Billy Kirnbauer-<br />

Walek, Belinda Mautner, Vera Pink<br />

LITHOGRAFIE: Clemens Ragotzky<br />

(Ltg.), Claudia Heis, Nenad<br />

Isailovic, Sandra Maiko Krutz,<br />

Josef Mühlbacher EXECUTIVE<br />

CREATIVE DIRECTOR:<br />

Markus Kietreiber HEAD OF<br />

CO-PUBLISHING: Susanne<br />

Degn-Pfleger HERSTELLUNG:<br />

Veronika Felder ASSISTENZ<br />

DER GESCHÄFTS FÜHRUNG:<br />

Sandra Artacker GESCHÄFTS­<br />

FÜHRER RED BULL MEDIA HOUSE<br />

PUBLISHING: Andreas Kornhofer,<br />

Stefan Ebner<br />

Lösung des Kirchenrätsels auf Seite 9:<br />

Es handelt sich um die Pfarrkirche Pfandl in der Ortschaft Haiden bei Bad Ischl. Seit der 1958 erfolgten Weihe<br />

zur ersten „Kraftfahrer-Wallfahrtskirche“ Österreichs werden Autos, Lkw und Traktoren hier gesegnet.<br />

Vier<br />

Wochen<br />

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in Linz zu Füßen der größten Kirche Österreichs.<br />

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