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Eintauchen in die Frauenseele - Lio Elfie Payer

Eintauchen in die Frauenseele - Lio Elfie Payer

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Eintauchen in die

Frauenseele

Lio Hero de la Luna

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Diese Arbeiten (Texte und Gedichte entstanden im Zeitraum 1981-1995, die Zeichnungen

von 1990-1995). Sie bilden einen kleinen Auszug aus dem persönlichen Wachstumsprozeß.

Ich habe die Beiträge nicht aktualisiert, weil ich der Meinung bin, dass sie damit den

unmittelbaren Bezug zur Entstehungsgeschichte verlieren. Hi Lio


Mit meinem lautlosen, inneren Sinnen

Hör‘ ich den Ton und das Echo der Welt

Hör‘ ich den wahren heiligen Namen,

der diese Erde zusammenhält.

Über die Stufen der schweigenden Sprache

Steig‘ ich hinab in die Formen der Welt,

sprech‘ ich die uralten mächtigen Worte

in einem schwingenden, singenden Feld.

Jede das Ihre,

alle gemeinsam

bauen wir Ton um Ton

unsere Welt.

Über die Stimmen der tanzenden Hölzer

Fühl‘ ich mich ein in den Körper der Erde,

flüstre der Dinge wirklichen Namen,

flüstre von Wandel und Sein und von Werde.

Durch die Silben der lebenden Kräfte

Hol‘ ich mir wieder die Wahrheit des Traums,

geb‘ ich der Zeit ihre wahre Bedeutung

bind‘ ich mich ein in die Weite des Raums.

Jede das Ihre,

alle gemeinsam

bauen wir Ton um Ton

unsre Welt.

Autorin mir unbekannt.

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Einleitung

Mit diesem Buch möchte ich allen Frauen, die auf der Suche nach ihrem Selbst und

ihren eigenen Maßstäben für das Frausein sind, meine Erfahrungen und Einsichten aus

meinem Entwicklungsprozeß geben. Es heißt, daß große Freude und großes Leid zur

Erweckung des Menschen führen. Doch gerade in leidvollen Zeiten merken wir, daß es

keinen Weg an der eigenen Entwicklung vorbei gibt.

Im ewigen Wandel des Lebens erfährt auch unsere eigene Person einen ständigen Wandel.

Wenn wir diesen Entwicklungen offen gegenüberstehen, erleben wir die Veränderung

nicht mehr als tragisch, als Leid, als Zerfall unseres Selbst – sondern erkennen

immer besser, daß wir uns freiwillig verändern können und damit für ein Leben offen

werden, das wir selbst aus uns schöpfen.

Es wurde Frauen in den vergangenen Jahrtausenden nicht leicht gemacht, ihren eigenen

Wert und die eigene Würde als Mensch und Frau für sich selbst zu definieren. Die

meisten Werte und Bewertungen sind aus Männermund und Männerhand – und nun, da

sich immer mehr Frauen bewußt werden, daß sie auch in der Interpretation ihres Lebens

ein Wörtchen mitzureden haben, tauchen gleichzeitig neue Ängste auf. Als selbständige

Frau womöglich keinen Mann mehr zu finden, als Emanze abklassifiziert zu

werden, als Mannweib in die Schublade gesteckt zu werden und vieles mehr.

Unsere Gesellschaft neigt dazu, alles in Schwarz/Weiß einzuteilen und vor allem in

Feind und Freund. Doch das eigene Selbst fragt nicht nach diesen Einteilungen. Letztendlich

geht es um das erfüllt gelebte eigene Leben – und dafür lohnt es sich, sich auf

die Suche nach sich selbst zu begeben.

Dazu möchte ich allen Frauen Mut machen. Sich selbst in der Vielfalt ihrer Möglichkeiten,

in der Echtheit ihrer eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erkennen und zu leben.

Die eigenen Stärken und Schwächen anzunehmen und damit dem persönlichen Glück

und der Selbstentfaltung von Tag zu Tag näher zu kommen.

Denn: echtes Selbstvertrauen erwächst aus der immer größeren Selbsterkenntnis. Es ist

ein Weg in die eigenen Tiefen, in die eigene Seele und ihr Sosein. Dieses Sosein immer

besser zu erkennen und zu leben macht uns frei von den Ent- und Bewertungen von

außen, die so oft das eigene Gleichgewicht zerstören und uns gebrochen zurücklassen.

„No hay caminos, hay que caminar“, was übersetzt soviel bedeutet: es gibt keine Wege,


wir müssen gehen. Uns so wird der Weg zum Ziel.

In diesem Sinne soll dieses Buch Anregungen vermitteln, eigene Wege der Selbstsuche

zu finden und angstfrei zu gehen. Es gibt viele Wege, die begangen werden können und

es führen viele Wege zu unserem Urgrund, zu unserem Sosein.

Die Die Suche Suche beginnt beginnt von von Neuem

Neuem

Mit Dreißig beginnt die Suche nach meiner Identität, meinem Sosein von Neuem und

ich merke, dass das einzig Beständige des Lebens der Wandel ist. Als ich gerade fünfzehn

Jahre alt war, dachte meine Mutter wohl noch, dass ich in ihre Fußstapfen treten

werde und ich selbst ja auch. Eine frauenspezifische Schulbildung bis zur Matura festigte

dieses Bild noch.

Die Abenteuerlust trieb mich mit sechzehn in die Welt hinaus. Mein Freund war drei

Jahre älter und da die Erziehung im gut katholischen Sinne erfolgte, verlobten wir uns,

damit wir als Reisegefährten legitimiert waren.

Diese erste große Liebe war von romantischen Vorstellungen durchtränkt. Eine rosarote

Bindung auf Lebenszeit, wie es die Eltern so bemüht vorlebten? Wir träumten von

einem Häuschen, mindestens vier Kindern und einem trauten, liebevollen Heim bis das

der Tod uns scheide.

Meine Eltern priesen meine weiblichen Tugenden des Kochens, des Dekorierens von

Partyhappen, die Näh- und Stickkünste und sonstige herausragende Eigenschaften einer

guten, zukünftigen Ehefrau und Mutter.

Doch es sollte anders kommen. Mit bestandener Matura wusste ich, dass ich in die Stadt

wollte, um dort zu studieren. Der Verlobte aber hatte bereits eine „sichere“ Anstellung

in einem öffentlichen Amt – und da das genau dem Wunschbild seiner Eltern entsprach,

trennten sich unsere Ziele. In mir tobte großer Schmerz – aber gleichzeitig auch

das Wissen, dass die Trennung unvermeidlich vor uns stand. Der Schmerz war so neu –

so heftig – und zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich die Tiefen meiner Einsamkeit.

Meine Eltern waren wie vor den Kopf geschlagen – sie wollten uns mit aller Kraft

wieder zusammenführen. Sie meinten, dass es nur die Laune eines heranwachsenden

Mädchens war. Doch in mir breitete sich die Trauer des Abschieds aus und hinterließ

angstvolle Spuren. Zum ersten Mal in meinem Leben glaubte ich, dass mit mir etwas

nicht stimmen könne, weil ich den Erwartungen dieser Menschen, die ich liebte, nicht

entsprach. Und das verdoppelte den Schmerz.

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Langsam erwachsen werden

Euphorisch kam ich mit Neunzehn in die Stadt. Noch tat die Trennung von den Eltern

nicht weh. Die neugewonnenen Freiheiten waren viel zu aufregend. Neben dem Studium

arbeitete ich in einem Betriebsberatungsinstitut und fand alles aufregend.

Bald fand ich mich in einer neuen Partnerbeziehung wieder und so wurde mein Leben

zu einer der vielbesprochenen „Mehrfachbelastungen“. Die Unbekümmertheit wich

immer mehr dem Bewusstsein von Verantwortung, Leistung, Frau im Männerberuf und

die „tüchtige Frau“ hinter dem erfolgreichen Mann.

In dieser Zeit beschäftigte ich mich intensiv mit Frauenliteratur. Mit der Definition von

„Frau“ und „Frausein“. Die Unzufriedenheit, nicht in dem Maße anerkannt zu werden,

wie es ein Mann von Haus aus wird – die Konfrontation mit den Männerclubs in den

Führungsetagen, den Parteien, den Geheimbünden und Männerseilschaften - das alles

vermittelte mir das Gefühl der Wertlosigkeit. Die Anstrengungen steigerten sich ins

Unermeßliche. Ich dachte, dass ich nur mehr leisten, lernen, können müsse, um die

Anerkennung zu finden, die ich für meine Person suchte. Doch alle Jahre der Karriere

blieben mir diese Anerkennung schuldig. Natürlich wurde das perfekte Funktionieren

honoriert – doch etwas fehlte – und ich wusste noch nicht was.

Warum war mein „Lohn“ für die Arbeit gleich um ein Drittel kleiner, als für meinen

männlichen Kollegen. Langsam lernte ich, wie es mir gelingen kann, mich in einer Runde

männlicher Gesprächspartner zu Wort zu melden. Ich bemerkte, dass ich von den

Freunden meines Partners als charmantes „Anhängsel betrachtet wurde, von männlichen

Auftraggebern als „Botengängerin“ für die kompetenten männlichen Ausgaben

gehalten wurde. Und in mir wuchs Verzweiflung. Ich wollte doch geliebt werden. Und

ich hatte gelernt, mir Liebe über Leistung zu erarbeiten. Doch wo blieb der Erfolg?

In meiner Identität als Frau fühlte ich mich angeschlagen. War ich denn nicht gleich viel

wert wie mein Kollege? War ich neben meinem Partner niemand? Die zweite Geige?

Wer war ich?


Frau, Karriere, Glück?

Die Lernjahre im „Frausein“ gingen weiter. Ich fragte mich, ob es nicht besser wäre,

„selbständig“ zu arbeiten. Dann könnte mir keine Entwertung widerfahren. Tatsächlich

hatte ich das Gefühl, damit den Schlüssel der Weisheit gefunden zu haben. Bis die ersten

Über- und Untergriffe auf mein Geschlecht erfolgten. Meine Wut tobte ich in bissigen

Pamphlets aus.

In dieser Zeit reifte in mir das Bewusstsein, dass ich nicht Mensch unter Menschen bin,

sondern Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft.

Bislang war ich der Meinung gewesen, dass ich meinem inneren und äußeren Wachstum

nur genug Zuwendung geben müsste, um als vollwertiger Mensch gesehen zu werden.

Doch nun stellte sich heraus, dass das genau das Gegenteil bewirkte.

Ab einem bestimmten Moment erhielt ich die Rückmeldung aus der Männerwelt, dass

ich zu selbständig bin, dass ich ja nicht einmal den starken Arm als Stütze „benütze“

und dass meine finanzielle Unabhängigkeit das Gefühl vermittle, der Mann, würde nicht

„gebraucht“.

Immer mehr beschäftigten sich meine Gedanken mit den Klischees der Rollendefinitionen

von Mann und Frau.

„Getroffen“ 1/90 Lio

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„Hilflose EP schreit nach Symbiose“ 1010/91 Lio


Alte Definitionen, neue Definitionen,

Definitionen

Rollenbilder, Rollenverhalten, Rollen spielen, Rollen erarbeiten, Rollen verlernen, Rollen

erlernen. Aus alt mach’ neu... In jedem Buch von Frauen für Frauen suchte ich nach

Strohhalmen, mich selbst zu finden. Einmal war es die erlernte Hilflosigkeit, ein anderes

Mal der Cinderella-Komplex, dann wieder die Sprache, der Mutterkomplex, der Vaterkomplex,

das eigene Unvermögen mich durchzusetzen, meine Fehler, meine

Unweiblichkeit, fehlende Konsequenz, falsches Zeitmanagement, dann wieder Rollenkonflikte...

Ich hatte das Gefühl, ich bräuchte nur meine angelernte Hilflosigkeit als Frau bekämpfen,

um ein vollwertiger Mensch zu werden. Ein anderes Mal glaubte ich, dass ich nur

lernen müsste, mich hart abzugrenzen.

Dann wiederum las ich, wie ich erfolgreich als Frau im Management bin. Ich bräuchte

nur so und so zu sein, mich so und so zu verhalten... und das wäre dann das Geheimnis

meines Glücks und Erfolgs.

Um „weiblich“ zu sein bräuchte ich nur meine Garderobe verändern oder keine Hosen

zu tragen. Als „echte“ Frau müsste ich nur meine weiblichen Vorzüge herausstreichen.

In den Partnerbeziehungen erkannte ich, dass Hingabe und Einfühlungsvermögen mit

Schwäche gleichgesetzt wurden und erfolgreiches Agieren im Außen als

„Vermännlichung“. Egal, wie sehr ich mich bemühte – ich war nie wirklich richtig.

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„Zertreten. Verletzt. Getroffen.2“ 278/91 Lio

Beziehungskrisen, Wachstumskrisen.

Trennung. Verlassenheit. Trauer und Wiedergeburt. Jede Trennung von einem geliebten

Menschen ist mit viel Leid und Trauer verbunden. Die Vergangenheit hatte mich das

gelehrt. Doch das Wissen darum linderte nicht den Schmerz einer neuerlichen Trennung

von meinem Beziehungspartner. Nach sieben Jahren, den verflixten, wie man sagt,

stand ich vor den Trümmern der selbstgezimmerten Zweisamkeit. Doch diesmal sollte

es dicker kommen. Und das, was passierte, bohrte sich mit aller Macht in mein Herz. Ich

hätte es mir nie träumen lassen, dass ich das Opfer männlicher Gewalt werden könnte.

Grün- und blaugeprügelt lag ich auf meinem Sofa und heulte die ganze Entwertung der

Vergangenheit und Gegenwart aus mir hinaus. Wie konnte das passieren. Dieser Mann

hat mich geliebt? Die Nachbarn haben aus ihren Fenstern zugesehen, bis ich ohnmächtig

auf dem Boden des Hofes lag – und dann erst riefen sie nach dem Einschreiten der

Polizei? In mir tobte unsagbare Verletztheit, Entwertung, Ohnmacht und Nichtbegreifen.

Ich machte Bekanntschaft mit der Einstellung der Gesellschaft, dass männliche Gewalt

gegen Frauen ein „Kavaliersdelikt“ sei – und die Schuldige natürlich die Frau. Trotz der

inneren Zwiespälte und Verzweiflung erstattete ich Anzeige und ging vor Gericht. Dass

mir die Richterin alle Strafen für einen „Meineid“ androhte, konnte mich nach allem

nicht mehr verwundern. War ich doch Mensch zweiter Klasse und offensichtlich auch

zweiter Rechte. Was mir zu diesem Zeitpunkt so große Probleme machte, war das Hinund

Hergerissensein zwischen Liebe und Haß. Heute weiß ich, dass es meine Selbstrettung

war, zumindest den Versuch zu unternehmen, auf meinem Wert und auf meiner

Würde zu bestehen. Und die tiefste Verzweiflung führte mich zu mir zurück.

Zu meinem Sosein, zu meiner Seele.


GEDEMÜTIGT

Nichts wert,

kein Wert,

keine Sprache,

keine Gebet.

Getreten.

Kein Gefühl ist genug,

alles verloren,

Werte sind draußen

Ohnmacht und schmerzerfüllt.

Getreten.

Hilflos, voll Angst,

Kein Rückhalt, kein Wehren.

Hinaufschauen und flehen.

Um Vergebung.

Getreten.

Wehrhaft im Verstand.

Schwach das Gefühl.

Hinnehmen und erleiden.

Wehren mit Verstand.

Nie mehr getreten.

Auf der Suche nach dem Selbst.

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Schmerz fühlen, Schmerz ausdrücken.

Der tiefempfundene Schmerz durch Fremd- und Selbstentwertung suchte sich ein Ventil

in Bildern und Texten. Die Seele suchte nach Erleichterung und fand sie im unmittelbaren,

spontanen Ausdruck ihrer Bilder. Und ich sah die Bilder meiner Seele und lernte

sie zu verstehen. Mitleid mit mir selbst und meinem Leben machte mich empfänglich

für mich selbst und half mir, mich furchtlos in die Tiefen meines Unbewussten hineinzugehen

und alle meine Gefühle und Bedürfnisse als mein wahres Sosein anzunehmen.

Schuld- und Schamgefühle, Hass und Wut. Verletztheit und Hoffnung, Einsamkeit und

Selbstverlust, Zweifel und Angst waren nur ein Teil der im Schatten liegenden Gefühle.

Und ich erkannte, dass ich nur dann ganz sein werde, wenn ich auch meine Schattenseiten

annehme und die Bilder, die ich auf andere Menschen projiziere, wieder auf mich

selbst zurücknehme.

Und so begann ein inniger Dialog mit meiner Seele. Mit den Wassern und dem Feuer

des Lebens und führte mich zu meinen Urgründen zurück. Damit beginnt meine Reise

ins Innere, zurück zu mir selbst.

„Der Griff nach den Sternen“ 1810/91 Lio


Vom

gesellschaftlichen

Tod.

„Das letzte Taschentuch“ 268/91 Lio

Menschen, die unter einer leichten oder

massiven „Betriebsstörung“ leiden, werden

in unserer Gesellschaft sofort ausgegrenzt.

Alles hat perfekt zu funktionieren. Lässt

sich der Ausfall einzelner Funktionen nicht

gleich mit Pillen beheben, tritt der gesellschaftliche

Tod ein.

Die aus dem Gleichgewicht gebrachten

Personen wirken auf das künstlich stabil

gehaltene Selbstverständnis der meisten

Mitmenschen äußerst bedrohlich. Die

Angst, das eigene wackelige Selbstbild

könnte ins Schleudern kommen und die

tiefen Abgründe dahinter zum Vorschein

bringen, nötigt sie offenbar zum Selbstschutz

und damit zur Abkehr von beunruhigenden

Geschehnissen und Gefühlen.

Es dauert nicht lange und der Hilfe- und

Trostsuchende steht vor versperrten Türen.

Und ist sich selbst überlassen. Gebrandmarkt,

als säße er auf einer Insel der

Leprakranken. Zufall oder Regelfall?

Doch das Zurückgeworfensein auf sich

selbst, auf sein einsames, erwachsenes Ich

kann jenes Bewusstsein wachrufen, dass

Geborgenheit und Sicherheit nur in einem

selber gesucht und gefunden werden kann.

Und dass es immer einen Menschen gibt,

auf den wir uns verlassen können –

uns selbst.

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77/91 Lio

Blockaden

Nicht loslassen und nicht losgelassen werden. Die Starre des Haltens. Nicht verändern.

Bleiben. Stillestehn. Verharren – im Trotz des Unvermögens.

Behindert durch die Behinderungen, die nicht freilassen. Die die Energie aufstauen –

die verzehren und nicht hinauskönnen. Die zerstören und nicht kreieren. Ohnmacht,

die nicht weicht. Die Weichheit und Verletzlichkeit von Eingeweiden, die begehren –

nach Festigkeit und Starre suchen und bleiben.

Bleiben, um zu bleiben. Um die Angst des Flusses nicht zu spüren. Die Starre des

Überichs von anderen. Festgefahren. Eingekeilt. Behindert. Blicklos blockiert.

Blockade.


Verträumt...

Verträumt, verzückt, verzerrt.

Zerschlagene Spiegelbilder meiner Gestalt

In der Kürze des Erkennens.

Die tiefe Kluft von Traum und Wirklichkeit.

Der auszehrende Schmerz der Selbsterkenntnis.

Zerstückelte Seele. Projiziertes Sein

Kein eigener Gedanke, kein Weg, kein Bild.

„Blicklos“ 268/91 Lio

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Selbstwert zwischen Größenwahn und

Depression

Das Selbstverständnis unserer Kultur, unserer Gesellschaft zwischen Grandiosität und

Depression und das eigene Unvermögen, den Selbstwert zu bestimmen, der die Veräußerung

innenliegender Möglichkeiten zulässt. Karma des Einzelwesens in der Masse.

Traum und Vorstellung, die auf den Boden der Realität, des Gemachten gerückt werden

muss? Wie aber soll sich jenes Wesen, das sich seiner nicht im vollen Umfange

bewusst ist, veräußern.? Wohin äußern? Ist Mitteilbarkeit nicht alleine schon eine Illusion?

Wie oft sind die Schranken des Verständnisses so eng an die eigenen Hautzellen

gebunden. Nichts geht weiter als der eigene Atem. Nichts ist realer, als der eigene Tod,

und nicht das Leben als Gesamtheit. Wie soll es jemals gelingen, das Gedachte in Materie

umzusetzen, wenn der Sinn im Immateriellen liegt? Ist nicht jedes gesprochene Wort

Versäumnis und Schuld? Und das Nichtgedachte und Nichtgesprochene Lebensaufgabe

und Sinn?

Selbst-Verständnis. Die anderen überbewertet, sich unterbewertet zu erleben. Unvermögen

auszuatmen und gleichzeitig eine Ganzkörperlähmung hervorzurufen. Körperlich

und geistig. Weil es keinen eigenen Lebensraum gibt? Weil alles nur in der Wechselwirkung

mit dem Wirkraum im Außen zusammenfällt. Weil die anderen so notwendig

als Projektionsfläche sind? Weil das Selbst beharrlich bleibt und sich gespiegelt sehen

will. Alles in Relation setzen will. Sogar das Nichts?

„Mack mit Canabisaugen“ 88/92 Lio


Du bist mein Selbst für Jahre

Jetzt bin ich allein.

Ohne Boden rinnt die Leere

Durch mich und die Zeit.

Ohne Dich ein Niemand.

Mit Dir ein Nichts.

„Einsamkeit ohne Selbst“

„Entwurzelt“ 268/91 Lio

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„Wohin tragen?“ 268/91 Lio


Wer bin ich, wohin geh’ ich.

Jede Trennung von einem Menschen bedeutet, dass wir die Projektionen, die wir auf

den Partner geworfen haben, wieder auf uns selbst zurücknehmen müssen. Für Frauen

und ihr Selbstverständnis bedeutet eine Trennung oft das Gefühl, ins Nichts, in den

Abgrund versinken zu müssen. Umso mehr, als sich viele männliche Partner mit den

Worten verabschieden: „Du wirst schon sehen, dass Du ohne mich in der Gosse landest.“

Keine sehr große Aufmunterung, in eine ungewisse Zukunft hineinzugehen.

Das Leben war durch konkrete Beziehungen definiert. Zum Partner und zur Umwelt.

Jetzt scheint alles zerbrochen. Und das eigene Leben ein Trümmerhaufen.

Die alte Identität geht verloren und die neue ist noch nicht gefunden. Und bis sich die

neue Identität entwickelt hat, gähnt ein tiefes Loch im Bewusstsein. Angst und Zweifel

begleiten diesen zermürbenden Wachstumsprozess. Doch eines Tages blitzt ein erster

Hoffnungsfunken durch die Nebendecke des negativ verzerrten Selbstbildes.

„268/91“ Lio

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Aufbruch zu neuen Ufern.

Das reine Beobachten und Benennen. Die Objektklarheit. Die Objekterkenntnis. Ruhe

und Gelassenheit und die Wahrheit des eigenen Seins. Die Ichlosigkeit. Der Anfang, die

Mitte, das Ende. Erkennen, dass alles ENDLICH ist, unbefriedigend und substanzlos.

Sie

Die Verlassenheit ihrer Mutterlosigkeit war im Rücken ihrer großen Anstrengungen zu

erkennen gewesen. Sie hatte sich die Liebe der Menschen immer erarbeiten, erleisten

wollen. Ein endloser Kreislauf sinnloser Verletzungen der Seele. Und sie hatte es nicht

erkannt! Die Gewohnheit war stärker als der Schmerz gewesen. Viel stärker als die eigenen

Wünsche nach Liebe und Geborgenheit.

Sie hatte die „felix culpa“, die glückselige Schuld auf sich genommen und konnte glücklich

lachen. Die verkrusteten Gedanken waren aufgebrochen in ein neues Sehen. Sie

konnte sich plötzlich annehmen. Ihre Schatten an der Wand entlang laufen lassen, ohne

davor in die Knie zu gehen.

„Der Aufbruch des Helden“ 258/91 Lio


Vom Neuen Leben

Absage an die Vergangenheit.

Träume und Hoffnung finden.

Neue Gedanken denken.

Selbst nicht mehr die sein, die man war.

Andere Menschen, Gerüche und Töne.

Offen für die Gegenwart.

Nicht abgegrenzt nach außen,

Feinfühlig für den Tag.

Hineinschauen in die Gefühle,

Und ausleben der Triebe.

Denken an die Seiten, die nicht waren.

Die sein werden im Morgen.

„Selbstentwertung“ 68/91 Lio

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lied

Hörst Du das Flüstern,

Hörst Du sie schlagen,

Hörst Du sie richten und verklagen

Hörst Du sie streiten,

Hörst Du sie?

Hörst Du sie werben,

hörst Du sie lügen,

hörst Du sie fordern und fordern

hörst Du sie flöten,

hörst Du sie?

Hörst Du sie alle,

hörst Du die andern,

hörst Du auf sie und die andern,

hörst Du auf Dich

hörst Du Dich?

„Der Krenn ist unverfehlbar, sagt der heilige Geist“ 1110/92 Lio


„Zum Licht“ 268/91 Lio

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„Hero“ 188/91 Lio


Schritt für Schritt zu neuen Ufern

Es ist Zeit zu gehen, sagen manche und meinen doch nur, dass sie auf der gleichen

Stelle treten. Und andere gehen, ohne vorher zu wissen, wohin. Ich bleibe, weil ich noch

nicht weiß, wohin ich gehen werde. Es sind die Träume und Wünsche, die mich auf

meinem Weg begleiten.

Eingefleischte Yogis wissen um den Wert der Gedankenkontrolle. In tiefer Meditation

soll die Gedankenleere, das Nichts erreicht werden – als höchstes Ziel. Wie schön wäre

es, Zwangsgedanken einfach abstellen zu können wie ein Radio. Ein anderes Programm

zu wählen, wenn der Inhalt nicht den eigenen Vorstellungen entspricht.

Und tatsächlich. Wir alle haben die Fähigkeit, unsere Gedanken zu erkennen und zu

kontrollieren. Wahrscheinlich nie alle (und es sollen pro Tag doch immerhin 15.000

Gedanken sein).

Gedankenkontrolle durch Achtsamkeit, die Kraft der inneren Vorstellung, Selbstsuggestion

und positives Denken wird zwar nicht in der Schule gelehrt, aber wir haben

alle die Möglichkeit zu erkennen, dass wir Kraft unserer Gedanken das sind, was wir

sind. Die fernöstliche Kultur sagt sogar: „Alles was ist, ist verdichteter Geist“.

Die Selbstheilung der Seele findet ihren Helfer in den heilenden Gedanken. Das

Bewusstwerden eines neuen, kraftvollen und harmonischen Weltbildes führt zur Entfaltung

einer „neuen“ Persönlichkeit.

„Agua“ 128/91 Lio

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„Geborgenheit geben“ 169/91 Lio


„Pars pro toto“ 58/91 Lio

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Sicherheit und Geborgenheit

in der eigenen Mitte.

„Erst das schmerzhafte Erlebnis und die Annahme der eigenen Wahrheit macht uns

von der Hoffnung frei, doch noch die verstehende, emphatische Mutter zu finden“,

schreibt Alice Miller im Buch: „Das Drama des begabten Kindes.“

Und sie meint weiter: „Eigentlich ist die Grandiosität die Abwehr gegen die Depression

und die Depression die Abwehr des tiefen Schmerzes über den Selbstverlust.“

In einem Zeitalter der Grandiosität und der Depression verfallen wir nur zu leicht dem

Glauben, dass wir durch eine symbiotische Paarbeziehung die Trennung von der Mutter

wiedergutmachen können. Doch das ist eine Illusion. Und viele dieser „suchtartigen“

Bemühungen zerplatzen wie eine Seifenblase. Und wieder stehen wir alleine mit unserem

einsamen Selbst.

Doch wenn wir einmal erkannt haben, dass wir alleine auf die Welt gekommen sind –

und sie alleine wieder verlassen werden – lohnt es sich da nicht, zu den eigenen Wurzeln

zurückzukehren und uns selbst die Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, die wir

benötigen. Maßgeschneidert?

„Hinausstreben“ 149/91 Lio


„Ich glaub’ das war ich nicht...“

Verrat und Betrug an mir selber,

wann war ich schon so pervers,

mich zu quälen und zu foltern

mit der Norm.

Die Eigenart anzupassen,

an die einzig gültige Form.

Heuchel und Lüge tragen die Züge,

die mir raten mit dem Strom –

innig verschlungen dahinzutreiben,

meine Kraft abzulegen

und den philosophischen Kram.

In schleimige Watte packen sie meine Gefühle,

ihre gierigen Fratzen fangen meine Seele –

hinter den goldenen Stäben bleibt ihr Leben

auf der Strecke, für Neid und Geld.

Lio“ 149/91 Lio

„Endgültige Abkehr“ 149/91 Lio

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30

„Der Mittelpunkt der Welt“ 267/92 Lio


Die eigenen

Maßstäbe.

Den eigenen Wert

finden.

Jede Frau verdankt die Erweiterung des

Frauenbildes den unermüdlichen Vorkämpferinnen

für die Gleichberechtigung sowohl

im gesellschaftlichen als auch im privaten

Sinne.

Mögen viele Frauen auch heute noch die

Nase über die Feministinnen rümpfen, profitiert

haben sie dennoch von deren Arbeit.

Es ist noch nicht einmal ein Jahrhundert

her, als die Frauen sich mühsam den Weg

in die Universitäten erkämpften. Im alten

Griechenland jedoch gab es in der vorchristlichen

Zeit hochangesehene Philosophinnen.

Wie die von Frauen „richtiggestellte“ Geschichte

zeigt, gab es vor dem Patriarchat

ein Matriarchat – in dem die Würde und

Bedeutung der Frau unsere heutigen Vor-

stellungen weit in den Schatten gestellt hat.

Doch zu meiner Zeit wurde im Geschichtsunterricht

kein Wort davon erwähnt.

Kaum anzunehmen, dass sich an den Lehrplänen

so viel geändert hat. Und so glaube

ich, dass keine Frau an dem Studium ihrer

eigenen Geschichte vorbeikommt, will sie

ihr Dasein als Frau definieren und ihrer

Möglichkeiten eines erfüllten Lebens nicht

von den Maßstäben unserer patriarchalen

Gesellschaft abhängig machen.

Den „männlichen“ Maßstäben zu folgen

würde für die Frau bedeuten, ihre Eigenständigkeit

mit „Geschlechtslosigkeit“ zu

bezahlen.

In Verbindung mit einem Macho-Mann

hätte sie dann Teilhabe an seiner Macht.

Der Easy-Rider sorgt für ihre Teilhabe an

der Welt männlicher Abenteuer – und der

Besitzergreifende sorgt für Fürsorge und

Kontrolle, bis zur Gefangenschaft.

Doch wir Frauen sind in der Lage, unsere

eigenen Wertmaßstäbe zu finden und unsere

schöpferische Kreativität nach eigenem

Gutdünken zu entfalten. Im Bewusstsein,

dass wir so gemeint sind, wie wir sind.

„Eingesperrte Kraft“ 149/91 Lio

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„Reinkarnation im Pendel“ 3110/91 Lio


„Zweifel opfern“ 261/92 Lio

Frauenbild.

Männerbild.

Die Emanzipation der Geschlechter, ein

Wirrwarr an Polarisierungen und Abgrenzungen.

Auf der Suche nach dem neuen

Verständnis der Geschlechter, den Begriffen

Männlichkeit und Weiblichkeit, aktivpassiv

etc. fand ich mich in meiner Zweigeschlechtlichkeit

wieder. Mit männlichen

und weiblichen Hormonen, mit meiner

passiven und aktiven Seite, mit der ich mich

im Leben bewegte. Und im „neuen“ Mann

stieß ich auf das Vorhandensein „weiblicher“

Gefühlskomponenten.

Die Suche nach der

inneren Frau, dem

inneren Mann.

Mit zunehmender Selbsterkenntnis sah ich,

wie „patriarchal“ sich mein innerer Mann

verhielt. Wie sehr meine innere Frau von

den eigenen Entwertungen gehindert wurde,

sich in ihrem ganzen Reichtum „weiblicher“

Facetten zu entfalten. Und ich begriff,

dass es keinen Sinn hatte, die eigenen

Entwertungen auf den „Feind Mann“ zu

projizieren.

Wieder einmal war ich zurückgeworfen auf

mich selbst und meine Seele. Schritt für

Schritt schälte ich meine Fähigkeiten, Gefühle

und Bedürfnisse hinter den Verkleidungen

heraus.

„Selbstfindung“ 54/92 Lio

33


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Lio Hero de la Luna“ 92/93 Lio


Innere Frau

und

innerer Mann

schließen ein

Bündnis mit dem

Mond.

Die Mythologie birgt wahre Schätze für die

Selbstsuche der Frauen. TIAMAT, das personifizierte

Salzwassermeer, als Urmutter

des Alls und der Gottheiten verehrt – und

wir Menschen, die das Salzwasser in sich

tragen.

Das Meer als Mutter des Lebens.

Der Mond als Symbol des Lebens, eng verknüpft

mit dem weiblichen Zyklus und den

neun Mondzyklen einer Schwangerschaft.

So war der Mondkalender der erste Kalender

der Menschheit.

Dem weiblichen Prinzip zugeordnet, als

Symbol der Fruchtbarkeit, des

Unbewussten, der fruchtbaren Passivität

und der Empfänglichkeit. Als Ixchel

(Mondgöttin der Maya) verehrt als Göttin

der Wasserfluten und des Regenbogens.

Die Sonne, als SOL (römischer Sonnengott)

dem Mond als Bruder beigesellt, als

Verkörperung des Lichtes und der

Bewusstheit, erhalten die eignen

Persönlichkeitsanteile ihre innewohnende

Bedeutung.

Der Mond ist vergleichbar der inneren

Stimme, oft auch als Intuition bezeichnet,

die Sonne als handelnde Energie im Au-

„Kampf“ 123/92 Lio

ßen. Die harmonische Integration unserer

Anteile macht uns ganz und gibt uns die

Möglichkeit, unseren inneren Reichtum

immer besser in der Außenwelt sichtbar

werden zu lassen.

„Meine Vorstellung“ 287/92 Lio

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„Alles loslassen, was niederdrückt

und abhängig macht“ 72/92 Lio

Sie (Text)

In der inneren Sicherheit und im Bewusstsein,

nie allein zu sein, sondern immer

geborgen in allem, verliert sie ihre

selbstbezogenen Ängste, die aus der Einstellung

kamen, etwas erreichen zu müssen.

Sie hat alles losgelassen, was sie in den

Fesseln überkommener Werte und Erwartungen

ankerte und fließt ganz frei im

Energiefluss des Kosmos, des Alls, dem

warmen und salzigen Wasser von Tiamat.

Mit ihr und in ihr suhlt sie ihre Seele, befreit

sie ihren Geist und ihr Herz von alten

Gefühlen und Wünschen. Von überflüssigen

Gedanken und Zielen. Es ist wie eine

Generalüberholung, sich selbst PUR neu

zu finden. Und in dieser kargen, puren Erscheinung

spiegelt sich doch die Vielfalt

und Farbigkeit wie schillernder Glimmer,

in dem sich das Sonnenlicht bricht und die

Regenbogen zeichnet.

Ihr Auge ruht liebevoll auf ihrem Sosein.

Ruhe und Zuversicht bringen die verschütteten

Kräfte zum Vorschein. Die Wiedergeburt

einer neuen Identität auf Zeit – bis

neue Wachstumsängste den Prozess wiederholen

werden und alte Kleider in die

Truhe am Dachboden wandern, nicht ohne

sie vorher sorgfältig einzumotten.

Doch sie wird nichts mitnehmen und nichts

dalassen. Alles, was ihr Leben ausmachte,

wird sie immer mit sich tragen. Und kein

menschliches Auge wird je alles davon zu

sehen bekommen. Wie Momentaufnahmen

durch ein Fischauge, wie der Klang der

Glocken, der die Abendstunde einläutet –

so vergänglich und doch prägnant scheidet

alles aus dem Weltgeschehen. Um in veränderter

Gestalt wiederzukehren und dort

weiterzumachen, wo sie zuletzt aufgehört

hatte, ihren Weg immer besser zu gehen

und ihre Aufgaben zu lösen. Und damit zu

erlösen.

Die Einzigartigkeit des Seins – die abgegrenzte

Soseinsfähigkeit. Faszinierend und

belebend. Und sie baut sich ihr Leben wie

eine große Baumeisterin. Sie bestimmt die

Höhe, die Breite, die Gestalt des Soseins.

Und mit jedem erfüllten Augenblick erfüllt

sich ihr Leben, ihr Dasein. Unendlichkeit

und Endlichkeit. Ewigkeit und Zeitlichkeit.

Harmonisch vereint.


„Teil von Allem“ 219/92 Lio

37


38

Die Energie hängt davon

ab, wie und was

wir denken.

Wenn Frauen sagen: „Ich mag’ Frauen

nicht, ich traue ihnen nicht“, dann sagen

sie im Grunde „Ich kann mich selbst nicht

leiden. Ich lehne alles Weibliche ab.“ Das

beschreibt Anne Wilson Schaef sehr

eindrücklich im Kapitel: Die Ursünde: Eine

Frau zu sein. (in: Weibliche Wirklichkeit, S

34.)

Unsere gesellschaftlichen Werte sind von

Männern gesetzt. Das weibliche Sosein ist

in diesem System ständigen Entwertungen

ausgesetzt. Die eigenen Wahrnehmungen

und Fähigkeiten werden nur allzu oft mit

dem Satz: „Du hast keine Ahnung von der

Realität“ im Keim erstickt. Der Urmythos

vom Gottsein des weißen Mannes, gepaart

mit dem Mythos, dass es möglich ist, absolut

logisch, rational und objektiv zu sein

und damit „göttlich“.

„Kampf und Sieg gegen Patriarchen“281/92

Das männliche System meint, es könnte

über die „Angemessenheit von Gefühlen,

von Lebendigkeit, von Lust und Freude“

bestimmen. Sie als richtig oder falsch abqualifizieren.

Die weibliche Identität macht sich in einer

ersten Entwicklungsphase fast immer von

einer Primärbeziehung zu einem Partner

abhängig. Doch kaum integriert sich die

Frau in das männliche System, erkennt sie

irgendwann, dass das nicht alles sein kann.

Und beginnt mit der Suche nach dem

„Weiblichen System“.

Das Bewusstsein, dass wir Frauen uns

selbst von der „Erbsünde“ befreien können,

indem wir die Beziehung zu unserem

eigenen Ich aufnehmen, befreit uns für ein

lebendiges Wachstum unseres Selbst. A.W.

Schaef (o.A. S 117) sagt dazu: „Eine Frau,

die zum Weiblichen System zurückgefunden

hat, sieht das Wesentliche des Lebens


„Kollektive Träne“ 47/92 Lio

in ihren Beziehungen – allerdings nicht in

Beziehungen, die nur definieren und bewerten,

sondern in wachsenden, nährenden

Beziehungen: mit dem Ich, mit der

Arbeit, mit den anderen und dem Universum.“

Das sind keine Beziehungen, die fein säuberlich

kategorisiert und fix und fertig abgepackt

sind, sondern Beziehungen, die

sich ständig entwickeln und verändern.

Beziehungen im Wandel.

Männer brauchen ihren Penis oder die Verlängerung

ihres Gliedes als Waffe oder

Faust. Sie brauchen den für Frauen

unnotwendigen täglichen Kampf des

„Kräftemessens“, weil sie nicht LEBEN in

sich tragen und weitertragen können. Ihr

ganzes Dasein ist darauf abgestellt, sinnlose

Verrichtungen um Macht und Geld zu

tun, die keinerlei Eindruck auf die Essenz

des Lebens machen:

NEUES LEBEN ZUM LEBEN

ZU ERWECKEN.

„Schuld, Versäumnisse“ 47/92 Lio

Ihre Aufgabe ist es, den Samen zu produzieren

und einer Frau zu geben, die damit

neues Leben aus sich herausbringen kann.

Wie sehr verblassen hier alle Produkte und

Erzeugnisse, Kunstwerke aus Glas oder

Stahl - EIN LEBEWESEN. Blutgefüllte

Adern, einem Alchimisten gleich aus einem

Leib herausgetreten. Aus dem Nichts des

Unverständnisses eines Mannes, der es

nicht ertragen kann, dass eine Frau das

schafft, was er mit aller Macht, mit allem

Geld nicht schaffen kann –

ETWAS LEBENDIGES.

Sosehr hat die patriarchale Macht danach

gestrebt, Frauen in die unmündige, rechtlose

Ecke des Lebens zu drängen – obwohl

nichts so wichtig ist, als nur zu LEBEN.

Lebt Macht für sich? Lebt Geld für sich?

Leben alle Konventionen und Intoleranz

für sich? Um wie viel lebendiger sind da

Gefühle, Fleisch und Blut oder Gedanken

der Menschlichkeit, des Überlebens, der

Sehnsucht nach Harmonie und Frieden.

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40

TRÄNEN

Eine Träne fällt zu Boden.

Laß’ sie auf die Erde fallen.

Sie sehnt sich nach dem Fall.

Laß’ sie nicht nach innen.

In das ungewisse Dunkel.

Wo sie ausweglos gefangen ist.

Die Tränen sehnen sich nach Erde.

Es müssen noch viele Tränen fallen.

Auf dieser Erde.

„Verteidigen“ 178/91 Lio

FROST

Frost in den Händen

Frost in den Schultern

Frost in den Augen

Frost in den Zehen

Frost im Mund

Frost

Ich fröstle vor Deiner Froschnatur


„Sanfte Befreiung von Schatten“ 128/92 Lio

DIE MASKE

FLETSCHT DIE

ZÄHNE

Eine kleine Traumwelt

Mit vielen Wachsgesichtern

Und hohlen Augen

Eine Welt der Gnome

Mit schrillen Lachern

Und kranken Herzen

Ein Platz für Tiefkühlleichen

Mit starren Händen

Und verätzter Zunge

41


„Neue Aspekte“ 207/92 Lio

Objekt Objekt F FFrau.

F rau.

Trostlose Statistiken 1 beschreiben die Welt der Frauen nur unvollständig. 84 Millionen

Frauen wurden 1982 genital verstümmelt. Durch Exzision (Herausschneiden

der Klitroris und der ganzen oder Teile der kleinen Schamlippen) und durch

Infibulation (Herausschneiden der Klitoris, der kleinen und Teile der großen Schamlippen,

Zusammennähen des größten Teils der Vulva).

[1997 sind es rund 130 Millionen Frauen und Mädchen weltweit, die an den

Genitalien verstümmelt sind]

Männer-Medien wie der Playboy verbreiten Männerphantasien in einer Auflage

von 15 Mio. Stück (international) 2 , die größte traditionelle Frauenzeitschrift „Family

Circle“ (USA, Auflage 3 7,1 Mio. Stück) verkauft die Frau als gläubiges Verbraucherschaf

für Modetrends, Schönheitsideale und Kosmetikindustrie.

Schönheitsvergleiche dienen dazu, Frauen zu erhöhen und zu degradieren und

auch, um von der Realität abzulenken. Hinter der Fassade der Unterhaltung verbirgt

sich beinhartes Geschäft. Die Umsätze der Kosmetikindustrie (z.B. Procter &

Gamble, USA, 1994 8,7 Mrd. US Dollar) und steigende Nachfrage nach Schönheitsoperationen

zeigen diesen Trend zum Körper nach Maß.


Internationaler Frauenhandel, weltweiter Sextourismus durch organisierte Sexreisen

für Männer, die steigende Zahl der Sexualverbrechen und die zunehmende Gewalt

gegen Frauen und Kinder zeigen die traurige Situation des Subjektes Frau im

beinharten Objekt- und Konsumismus-Denken des Patriarchats.

1 Der Frauenatlas: Fischer. Herausgegeben von Joni Saeger, Ann Olson. 1987 und 1998.

2

Playboy is the world’s best-selling men’s magazine. Almost 10 million American adults read Playboy every

month, and the magazine’s U.S. total paid circulation of 3.15 million is larger than that of Esquire, GQ, and

Rolling Stone combined. Additionally, an estimated 5 million adults read the 17 international editions of the

magazine, bringing Playboy’s global readership to almost 15 million.

http://www.playboyenterprises.com/fact_sheet/index.html, 15.11.01

3

Titel: Family Circle

Land: USA

Gründungsjahr: 1932

Verkaufte Auflage: 5.002.906 (2000)

Erscheinungsweise: 17x jährlich

ttp://www.guj.de/intern/unternehmen/index.html

„Selbst tragen“ 148/92 Lio


44

„Mit abgegrenztem Selbst zusammenleben“

294/92 Lio

Weibliche eibliche Sexualität.

Sexualität.

Die Die Quelle Quelle der

der

L LLebendigkeit.

L ebendigkeit.

Frauen haben es auch heute noch nicht

leicht, ihre eigene Sexualität mit eigenen

Augen zu sehen. Die allgegenwärtige

Darstellung der Frau als Sexualobjekt

ist hinlänglich bekannt – doch wie

sieht das „SEXUAL-SUBJEKT FRAU“ aus?

Im Weiblichen System ist Sex wichtig,

beglückend – aber Sex wird nicht zur

Definition der Welt, der Menschen, der

Beziehungen benutzt.

Frauen sehen ihre Sexualität meist als

Aspekt ihrer Liebe. Intimität möchte die

Frau über das Gespräch, der Mann fasst

ausschließlich über die körperliche Nähe

herstellen.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts

dämonisierte die katholische Kirche die

weibliche Sexualität, die bis dahin in den

matriarchalen Vorstellungen mit

Fruchtbarkeitsriten zelebriert wurde.

Und noch heute wird die Frau zwischen

Jungfrau, Hexe und Hure gehandelt.

Daran hat die sexuelle Befreiung nichts

geändert. Sie hat höchstens dem Suchtcharakter

der Gesellschaft in die Hand

gearbeitet.

Unsere Gesellschaft präsentiert sich als

„Sucht-Gesellschaft“, wo alles, was auch

lebenserhaltend ist, wie Essen, Trinken,

Arbeit, Sex als „Kick“ benützt wird. Und

so ist es nicht verwunderlich, dass immer

mehr Menschen erkennen, dass sie

Sexsüchtige, Romanzensüchtige oder

Beziehungssüchtige sind. 1

Auch die Frage unserer Sexualität können

wir Frauen nur durch die Echtheit

unserer Gefühle und Bedürfnisse beantworten

– doch dazu müssen wir viele

Fremdbewertungen und Normen zurücklassen

und die eigenen Maßstäbe wiederfinden.

1 Anne Wilson Schaef: „Gesellschaft als

Suchtgesellschaft“


„Begehren“ 187/92 Lio

Zarte Hände und unendliche Zärtlichkeit

meinem Geschlecht gegenüber. Es erblüht

wie eine Rose unter Deinen Lippen. Sinnlichkeit

im Austausch. Nicht die direkte, die

unnachgiebige Vereinigung von Gliedern.

Geistig und seelisch getragenes Verschmelzen

der Energien. Mit Dir erfahre ich das,

was auf der körperlichen Ebene Offenheit

und Liebe ist. Und erlebe meine Fülle in

den rosigen Zwischentönen mitmenschlichen

Austausches. Ich danke Dir für Deine

Zartheit, für Deine Nähe. Es ist, als würden

Farben auf feuchtem Papier zusammenfließen

in die Harmonie eines Einsseins.

Als würde Dein Rosa sich mit meinem

Blau zu einem Violett ergänzen. Als

wäre die Liebe geistige Wesenheit.

Ich falle, ich falle in Dich und Deine Hände.

Ich falle in die Tiefe Deines Körpers,

in meine bodenlosen Gefühle und ich kann

den Fall nicht bremsen. Unendliche Traurigkeit

und gleichzeitig glühende Hitze umgibt

mich, wenn mein Körper in diesem

schwerelosen Zustand tanzt.

SIE

Als er sie fragte, ob er ihre Hände halten

dürfe, hatte sie gewusst, dass es genau das

war, was sie von ihm wollte. Sie wusste, dass

das nicht eine oberflächliche Geste war,

sondern das Eingehen einer inneren Verbindung.

Sie sehnte sich sosehr danach,

seine weichen Lippen auf ihrem Mund zu

spüren und seine konzentrierte Potenz in

sich einzusaugen.

Sie war für diese Kraft, die ihre Eigendynamik

aus der eigenen Mitte bezog. Sie

spürte die Zähne der Leidenschaft in ihrem

Fleisch. Das starke, strahlende Feld des

Chrysopras in ihren Händen. Fast schmerzhaftes

Treiben in Trieben. Das Berühren

über die äußeren Sinne und die Begegnung

in Gedanken – nicht sosehr in der Wärme

von Haut und Haar.

***

Ich möchte Deine Königin, Deine Göttin,

Deine Geliebte sein. Dich in die Arme nehmen

und in meine Liebe hüllen. Dir Flügel

wachsen lassen, dass Du Dich stolz wie der

Adler in die Lüfte schwingen kannst. Du

sollst Dich frei und mächtig fühlen, wie ein

Löwe. Es wäre schlimm glauben zu müssen,

dass Liebe Illusion ist. Auch wenn es

lebendige Gefühle sind. Meinetwegen

unbewusst wahrgenommene Geruchsstoffe,

Phernome.

Eine Formel drückt nicht die äußerste

Offenheit aus, die Liebe zulässt. Und dann

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46

geht es wohl darum, offen zu sein und den

Zustand der äußersten Verschlossenheit,

den Hass nicht zuzulassen. Dann würde ich

mir wünschen, diesen äußersten Grad von

Durchlässigkeit möglichst lange aufrechtzuerhalten

– und Dich zu lieben.

Aber es ist und bleibt Sehnsucht. Die Sehne

ist etwas sehr Elastisches. Stark, dehnbar,

sich weitend und zusammenziehend.

„Anziehung“ 157/92 Lio

„Froschkönig“ 287/92 Lio

Lebendige Suche.

SEHNSUCHE,

statt Sehnsucht.

„La fleur“ 261/92 Lio


„Die Katzenfrau“ 147/92 Lio

Ich bin eine Katze

Mein Kopf schnurrt an Deiner Brust

Deine Hand streicht über mein Fell

Und ich denke –

Ich mag Dich

Ich bin eine Katze

Wenn Du mich streichelst, schnurre ich

Wenn Du mich trittst, schlage ich

Meine Krallen in Dein Fleisch

Hüte Dich

Ich bin eine Katze

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48

Lio lebt ihre Sexualität“ 910/91 Lio


La vida

Er spiegelt sein Gesicht in ihren Tränen

Am Boden liegend sieht sie sein Gesicht

Gespiegelt von den Perlen des

Vergehens

Die sich ballen und ihn zeigen, wie er

ist

Befreit von Zwängen fühlt sie kein

Gewicht

Ihn nicht verachten, nicht besitzen

Erfühlen die Zeit und ihre Freiheit

Hingeben an den Moment des

Glücks

Text5

„Im Sonneneinfluß“ 258/91 Lio

Sie pflegte ihren Körper. Parfümierte sich

und fühlte sich erotisiert.

Der schwarze, durchsichtige Bodystocking,

die zarte Haut. Ihre Fingerkuppen

pulsierten schneller und ihre Augen verrieten

mit ihrem Glanz, dass sie sich wirklich

mochte.

Sie spürte den Pulsschlag an ihrem Halsansatz.

Hitze in der Vereinigung mit sich

selbst. Irgendetwas lag in der Luft.

Unbeschreiblich leicht und frei. Das Gefühl

alles zu besitzen ohne etwas zu haben.

Da und stark. Ein glücklicher Lidschlag.

Die Farben irisierten im Spiegelbild

ihres zufriedenen Lächelns. Sie lächelte sich

ruhig ins Gesicht und vertraute ganz auf

die Wärme ihrer haltenden Geste.

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„Grenzenlose Liebe in All-Liebe“ 142/93 Lio


Selbstliebe. Sinnlichkeit und Lebensfreude.

Mit der zunehmenden Fähigkeit, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind und dass wir

genauso gemeint sind, wie wir sind, gewinnen wir die Fülle, den Überfluss der Lebensfreude

und der Sinnlichkeit in allen Lebensäußerungen zurück.

Der Ausdruck aller unserer Gefühle und Bedürfnisse macht uns zu Mitschöpferinnen

und Gestalterinnen unseres Lebens. Angst und Wut, Verzweiflung und Ohnmacht verlieren

ihren Schrecken und wir merken, dass wir uns davon befreien, wenn wir diese

Gefühle ausdrücken. Und so nehmen wir unsere Schattenseiten an und integrieren sie

in unser facettenreiches Leben.

Die zunehmende Selbsterkenntnis gibt uns Selbstvertrauen und die Stärke, gesunde und

gleichwertige Beziehungen einzugehen. Die Beziehung mit dem einen Selbst wird zur

reichen Quelle der Zufriedenheit und Erweiterung. Die Beziehung zu anderen Menschen

eine Arena des gemeinsamen Wachstums.

Sobald wir die Zügel unseres Lebens selbst in die Hand nehmen, übernehmen wir auch

die Verantwortung für das, was uns geschieht. Und sind selbst unseres Glückes Schmidin.

Frei von falschen Erwartungen und von der Delegation des Glücklichmachens an

Beziehungspartner.

Und wir lernen, dass Liebe nicht geschaffen und manipuliert werden kann, dass sie ein

Geschenk ist. Liebe erfüllt sich im Geben, in der Freude an und mit dem, war wir lieben.

„The Queen. Ami und die Otter Silber und Gold“ 57/92 Lio

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„Facettenreich. La rica“ 1210/91 Lio


HER-ZÄHLUNG

Her mit Deinen Gedanken

Sie gehören uns allen

Her mit Deinen Träumen

Wir wollen sie alle träumen

Her mit Deinen Gefühlen

Wir haben sie nicht mehr

Her mit Deinen Idealen

Wir haben unsere verloren

Her mit Dir

Du sollst für uns verzweifeln

„Eierlegen“ 211/92 Lio

„Träume“ 27/92 Lio

„Erneuerung“ 88/92 Lio

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„Morgendämmerung“ 138/92 Lio


Lied

Mit beiden Füßen fest in der Luft,

Such’ ich nach mir.

In meiner Phantasie

Laufen die Gestalten,

Der Wirklichkeit ins Nichts.

Weil sie vor meinen Welten

Ängstlich flieh’n.

Mit beiden Füßen fest in der Luft,

Such’ ich nach meinem Grund –

Der mir die Wirklichkeit in Erde

Auf die Sinne drückt.

Die Wirklichkeit ist Nichts,

Weil sie vor meinen Welten

Ängstlich flieht.

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„Gebende Liebe mit der Rose der Erkenntnis“ 261/93 Lio


„La reina de la vida“ 298/92 Lio

Tiefenkräfte

der Seele.

Die schöpferische

Kraft.

Der Mensch, der sich selbst angenommen

hat, lebt aus der schöpferischen Mitte und

entdeckt neue Ziele. Geist und Herz sind

offen für die Fülle des Lebens.

Die Verfeinerung der Sensibilität schafft

Raum für ein noch tiefer erlebbares Glück.

Und mit der Rückbindung an unseren Urgrund

verlieren wir unsere Angst.

Träume sind Fingerzeige unseres Innenlebens

und können uns helfen, uns immer

besser zu erkennen, um immer mehr Einsicht

zu gewinnen, die Welt und ihre Erscheinungen

mehr und mehr in ihrem

Sosein zu betrachten, ohne sie zu werten.

Wünsche und Träume sind wie Wegweiser,

die uns zeigen, wohin wir gehen möchten.

Wenn wir unsere Vorstellungskräfte und

inneren Bilder darauf richten, werden wir

alles erreichen, was wir auch denken und

„sehen“ können.

Desto freier wir die eigenen schöpferischen

Kräfte entfalten, zur eigenen Freude und

Hingabe an erfüllte Momente, desto erfüllter

wird unser Leben sein.

„Dem Leben zugewendet“ 88/92 Lio

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„Wasserfrau und Mondin mit dem Sonnenmann“ 152/93 Lio

Geistige Erneuerung und Spiritualität.

Wir ziehen an, was uns vollkommen macht. Und so findet unser Geist immer wieder

Inhalte, die unser Leben erneuern und weiterführen.

Die eigene Spiritualität wächst mit dem Vertrauen auf die eigene „Sicht“ und die „Einsicht“,

die wir daraus gewinnen.

In der Einheit allen Seins gibt es keine Polarität. Nachdem wir Menschen aber zeitlich

begrenzt erleben, sehen wir die Dinge in ihrem zeitlichen Nacheinander.

Sobald wir uns als Teil eines größeren Ganzen begreifen, in dem alles als zugehörig

erlebt wird und unsere Froschperspektive verlassen, können wir die Welt, das Universum

von einer höheren Warte aus begreifen und annehmen. Daraus können das Vertrauen

und die Gelassenheit wachsen, die uns die Kraft geben, das Leben so zu nehmen,

wie es ist.


Die alte Identität, der Tod, das große Loslassen

ringt um das Vertrauen mit dem Rad

des Schicksals, das die Unterwelt repräsentiert.

Hilfe in der Oberwelt ist die äußere

und die innere Sicherheit. Der Reichtum

an Erkenntnissen und der Reichtum im

Alltag. Die helfenden Kräfte sind die Hohepriesterin

und der Hohepriester. Die Jungfrau,

die mit der intuitiven Vorstellungskraft

geduldig abwartet – und der Heilige, der

die eigenen innere Wahrheit findet und im

Vertrauen auf das Höhere die eigene Mitte

entdeckt. Das sind die Helfer zur neuen

Identität der Liebenden. Die Entscheidung

aus vollem Herzen, die Eindeutigkeit, die

große Liebe und Treue und die Hingabe

an die Aufgabe, an das Leben.

Die Kraft der Bilder, die Schönheit des

Daseins und die wahre Lebensfreude. So

löst sich das verkrustete Korsett auf und

bringt die weichen empfindsamen Gefühle

an die Außenseite. Die Sonne dringt

durch die Poren zum Herzen und es

schmilzt mit der Kraft der Liebe. Alle Verhärtungen

sind weggefegt. Die ganze Empfindsamkeit

der Kinderseele wird lebendig

und erfüllt das Wesen mit der Fülle des

Lebens. Mit der Liebe des Lebens und zu

allem Leben.

Die intuitiven Kräfte ihrer Seele machten

sich die Begierden untertan und sie gelangte

zu ihrer Kraft zurück. Sie war nicht länger

die Sklavin eines Unbekannten Unbewussten.

Das Tor war offen und sie konnte

hindurchschreiten, wann immer sie wollte

und so tief und lange sie es wollte. Und

damit hatte sie die Formel für die spirituelle

Ganzheit gefunden, die die Anwesenheit

der Geister aus dem Jenseits erklärte.

„Wasserfrau und Poseidon“ 92/93 Lio

Unbekannte Schriftzeichen und doch vertraut

aus einem Leben, das hinter ihr lag.

Vage Erinnerungen waren wie schwärende

Narben im Halbdunkel zu erahnen.

Und sie erinnerten an den unaufhörlichen

Wandel allen Lebens. Sie mahnten die Fragende,

die Antwort von neuem zu suchen.

Und sie stellt sich in den künstlich geworfenen

Schatten und hüllt sich in die Dämmerung,

ohne den Abend abzuwarten. In

der Hingabe erfährt der intuitive Geist

seine Ratschläge, die ihm sonst verschlossen

bleiben.

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„Die gute Mutter“ 219/92 Lio


Frau als Mutter

Frauen in den reichen Industrieländern

haben heute die Möglichkeit zu entscheiden,

ob sie Kinder haben wollen oder nicht.

Nach wie vor sind Mütter mit Kindern

beruflich benachteiligt und der vielbeschriebenen

Mehrbelastung durch Haushalt,

Beruf und Kind/ern ausgesetzt.

Die Mutterschaft ist je nach „Bedarf“ entweder

verklärt oder verdammt worden. Wir

Frauen müssen für uns selbst definieren,

wieweit und wie wir Mütter sein wollen und

können.

Schlüsselkinder, Rabenmutter, Mütterchen

und Emanze – unsere eigenen Definitionen

kann sich mit Kästchen und Schubladen

nicht zufrieden geben.

Doch eines scheint mir wichtig. Dass die

Frau ein Recht auf ihren Körper hat und

dieses Recht auch lebt. Ob als Mutter oder

Frau. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen

Seiten der Mutterschaft muss jede

Frau, ob allein oder in einer Beziehung lebend

– selbst abschätzen. Dass es hier

Nachteile gibt, wissen wir.

Die Spiritualität der Kinder mag viele Mütter

für die Mehrarbeit und die Verantwortung

entschädigen. Ob es so ist, kann wieder

nur jede Mutter für sich entscheiden.

Dass die Zeit Sorgen und Ängste für die

Zukunft der Neugeborenen aufwirft ist für

viele Frauen bereits ein Gewissenskonflikt

geworden. Wie immer die Entscheidung

fällt – wir Frauen tragen die Verantwortung.

„Alfredo y Viola con Mama“ 152/93 Lio

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„1000% JA zum Leben“ 142/93 Lio


Frau als Mutter.

Historischer Rückblick.

Die Neandertalerinnen kennen keine Väter

(60.000 v. Chr.), Steinzeitfrauen bestimmen

die Kinderzahl selbst (um 80.000 v.

Chr.), die Frau als Zentrum kultischer Verehrung

(um 30.000 v. Chr.), Mond – Symbol

des Lebens (um 21.000 v. Chr.), Entmachtung

der Göttin (2.000 v. Chr.), Sumerische

Frauen entwickeln Schwangerschaftstests

und Verhütung (2.250 v. Chr.).

Geburt und Menstruation sind im Matriarchat

heilige Vorgänge. Doch seit dem 2.

Jahrtausend v. Chr. Dämonisieren die Männer

die für sie mit einem Tabu belegten

Bereiche weiblicher Sexualität.

Aufgrund des patriarchalen LILITH-Mythos

erklären die Priester weibliche Sexualität

für „unrein“ und damit für kult-unfähig.

Die Frauenverachtung treibt im Laufe der

Geschichte seltsame Blüten. Ende des

5.Jahrhunderts werden Griechinnen zu

Unwissenheit und Arbeit erzogen. 18 v.

Chr. ruft der römische Kaiser Augustus mit

gesetzlichen Anreizen zu mehr Geburten

auf. Söhne für den Krieg werden gebraucht.

(Die Römerin benützte Öle oder Salben

zum Verschließen des Muttermundes als

Verhütung).

314 n. Chr. Wird Abtreibung von den kirchlichen

Würdenträgern als Mord gewertet.

Das Verbot der Abtreibung ist eine typisch

christliche Erscheinung. In der ganzen

Antike war die Abtreibung eine weit ver-

breitete Methode der Bevölkerungsregulierung.

Mit Augustinus (5. Jh.) wird die Geschichte

von Eva und dem Sündenfall proklamiert.

Mit Eva werden alle Frauen als Gefahrenquelle

für den Mann verdammt.

Durch ihre sinnlichen Reize löse die Frau

das Begehren im Mann aus und verführe

ihn zu unkontrolliertem Handeln. Daher

rührt der Versuch, die Frau – das Objekt

der Begierde – zu unterwerfen und zu diffamieren.

1000 n. Chr.: Lust an der Liebe gilt im Mittelalter

offiziell als Sünde. Das gemeinsame

Lager darf nur der Zeugung von Kindern

dienen. Weil Frauen als besonders

triebhaft und lustempfindend gelten, ist ihre

Sexualität Beschränkungen unterworfen.

1267: Thomas von Aquin verkündet die

zweifache Minderwertigkeit der Frau. Sie

sei nicht nur wegen ihrem Sündenfall dem

Manne untergeordnet, sondern sei schon

vorher, gleichsam von Natur aus, dem

Mann in Logik und Klugheit unterlegen

gewesen.

1520 n. Chr. Taucht das Verbot auf, abtreibende

Mittel zu verkaufen und das Heilwissen

von Hebammen und kräuterkundigen

Frauen kommt immer mehr in Verruf.

Ab 1550 wird dieses Wissen durch die

Hexenverfolgungen und –verbrennungen

nahezu ausgerottet.

1589 n. Chr. Begründen die Engländerinnen

den Feminismus. 1601 werden die

Frauen von selbständiger Berufsarbeit ausgegrenzt.

Im 17. Jh. macht das Ideal der „guten Haus-

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frau“ Schule. Mit der Zurückdrängung der

Frauen aus der qualifizierten Erwerbsarbeit

bilden Familie und Haushalt den weiblichen

Lebensraum. Als moralisches Vorbild soll

sie sich durch Fügsamkeit, Gottesfurcht,

Häuslichkeit, Fleiß, Güte und Treue auszeichnen.

Anfang des 18. Jahrhunderts gibt es ein

neues Ideal der Mütterlichkeit. Der Mensch

wird jetzt als Rohstoff betrachtet, der die

Grundlage für Reichtum darstellt.

1850 verdichten sich die Kämpfe der Feministinnen

unter dem ungeheuren Elend

der Masse der Frauen. Bildungseinrichtungen

und medizinische Versorgung wird eingerichtet

und erste Frauengruppen organisieren

sich, um die wirtschaftliche Lage zu

verbessern.

1870 wird der § 218, Zuchthaus für Abtreibung

eingeführt.

Die Frauenrechtlerin Lilly Braun setzt sich

für berufstätige Mütter ein. Sie klagt über

die Doppel- und Dreifachbelastung. Sie

fordert eine Herabsetzung der Arbeitszeit

und eine Mutterschaftsversicherung, die

den Frauen einige Wochen vor und nach

der Geburt Schutz gibt.

1901 erscheint ein Ratgeber für Verhütungsmittel.

Gummihütchen, Pessarien,

Sicherheits-Schutzring und ähnliche Mittel

werden vorgestellt. (Frau als Hausärztin,

von Anne Fischer—Dückelmann).

1905 wird in Berlin ein Bund zum Mutterschutz

und Kinderschutz unverheirateter

Mütter gegründet. Und im selben Jahr forderte

Käthe Schirmacher, dass Hausfrauenarbeit

entlohnt werden müsse.

„Unverstandener Liebesentzug“ 219/91 Lio

1913 treten 4.000 Frauen einen Gebärstreik

an und fordern das Recht auf den eigenen

Körper.

Der erste Weltkrieg erweitert den Handlungsspielraum

der Frauen.

1927 wird im deutschen Reichstag ein Mutterschutzgesetz

verabschiedet.

1932 veröffentlicht Hermann Knaus die

natürliche Empfängnisverhütung, Knaus-

Ogino-Methode.

1935 Der nationalsozialistische Mutterkult

und Mythos von der Reinheit der Frau tritt

hinter dem Ziel zurück, zukünftige Kriegsverluste

auszugleichen.

1939 erhalten Frauen mit überdurchschnittlicher

Gebärleistung das Ehrenkreuz der

deutschen Mutter.


1949 wird in Bonn die Gleichberechtigung

von Männern und Frauen vor dem Gesetz

verkündet.

1960 Mit der Pille zur Selbstbestimmung,

vorerst nur für die verheiratete Frau.

1962 Die Ehe steckt in der Krise. 60 % der

Frauen aus den Industrieländern sind in

ihrer Ehe unglücklich oder enttäuscht.

1967 Freie Liebe wird ein populäres Thema

in den Medien.

1971 Gegen § 218

1972 Fordern Frauen in Los Angeles die

Selbstbestimmung über den eigenen Körper.

1975 Frauenbücher über Feminismus und

Selbstfindung.

1979 Verbesserung des Mutterschutzes.

1980 Beginn einer systematischen Frauengeschichtsforschung,

Frauenforschung.

1985 Frauen gegen Gentechnik

1992 Der § 218 wird im Deutschen Bundestag

mit 12 Wochen straffrei gestellt.

1993 Sollen mehr Frauenrechte in einer

neuen Verfassung verankert werden.

Seit 1980 Bemühungen um Gleichbehandlung

der Frauen in der Gesellschaft.

„Mutterliebe“ 1010/91 Lio

Stand 2001:

Frauen verrichten 2/3 der Weltarbeit und

besitzen 2 % des Weltvermögens.

Frauen verdienen im Schnitt 33 % weniger

für gleiche Arbeit.

Frauen sind zu 2-4 % in Führungspositionen,

obwohl sie bei der Bildung führen.

Frauenanteil an Universitäten über 55 %.

Von der EU verordnetes Gendermainstreaming:

Alibihandlungen der Regierungen?

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„Die liebevolle Integration der Triebenergie des Pan“ 261/93 Lio


„Seelchens“ 78/92 Lio

Kindererziehung und

Bildungsarbeit

Mit dem gesellschaftlichen Wertewandel

verändern sich auch die Grundsätze der

Kindererziehung. Wurden zur Zeit meiner

Eltern noch „gesunde Ohrfeigen“ für ein

wichtiges Erziehungsmittel gehalten, wenden

sich viele Mütter und Väter vertrauensvoll

an Bücher und Beratungsstellen.

Der erzieherische Drill hat sich mancherorts

gelockert und hat viele neue Möglichkeiten

aufgemacht, das Kind, in der persönlichen

Entwicklung zu unterstützen und

Erziehung als liebevolle Führung zu verstehen.

Richtig und falsch lassen sich nicht immer

leicht beurteilen. Dass die Allgemeinheit es

lieber hätte, von Anfang an perfekt funktionierende

kleine Erwachsene zu haben,

mag praktisch und ordentlich sein, aber es

entspricht nicht der Kinderseele.

Mit der liebevollen Hinwendung, der Abgrenzung

und mit dem Zeigen des eigenen

Zustandes, kann das Kind langsam lernen,

wo es anfängt und wo andere Menschen

anfangen. Und sich dabei doch frei in allen

Fähigkeiten entwickeln.

Alternativschulen, Schulversuche und eigene

Vorstellungen der Eltern erleichtern die

Lockerung der bestehenden Schulpflicht.

Gendersensible Erziehungsmodelle und

erweiterte Montessori-Pädagogik in der

„Wild-Schule“ sind wichtige Impulse, umzudenken,

kindgerechter zu lehren und zu

lernen.

„Aufbruch in Konzentration“ 308/92 Lio

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68

„Kreative Lösung“ 152/93 Lio


Beruf, Berufung.

Krisenzeiten und Kriege, in denen die Frauen mehr Handlungsspielraum erhielten haben

immer wieder gezeigt, wie viel Frauen Kraft ihres Verstandes und ihrer Fähigkeiten

zustandebringen. Dass Frauen heute noch immer ihre geistigen und schöpferischen

Talente verteidigen und ins rechte Licht rücken müssen, ist traurig aber wahr.

Zwei Drittel aller Analphabeten der Welt sind Frauen. In vielen Ländern werden Mädchen

gegenüber Buben benachteiligt. In ihrer Ausbildung und in ihrem Leben.

In den „reichen“ Ländern haben wir als Frauen zwar die gleichen Bildungs- und Ausbildungsstätten

zur Verfügung, was aber nicht heißt, dass wir auch die gleichen Berufschancen

haben.

Gleichbehandlungsgesetze weiblicher und männlicher Bewerber werden unter dem zunehmenden

Druck (von Frauenorganisationen und Politikerinnen) festgeschrieben, doch

noch gibt es zu viele Lücken und Fallstricke.

Die Frauen, die im männlich dominierten, hierarchischen Karrierekampf mitmachen,

sind gezwungen, sich an dieses System anzupassen – was oft das Aufgeben einer Fülle

von „unerwünschten“ weiblichen Eigenschaften bedeutet.

Frauensache ist für mich Sache aller Frauen. Musikerinnen gründen eigene Orchester

mit Frauen und Männern, Frauen als Künstlerinnen solidarisieren und organisieren sich,

Frauen schreiben und treten in die Öffentlichkeit, sie formulieren ihre Rechte und setzen

sich dafür ein.

Das sollte Mut machen, für die eigenen Berufspläne und die eigene Berufung loszugehen

und berufliche Wünsche und Träume zu realisieren.

„Nuith“ 303/93 Lio

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„Die Kaiserin im Zeichen der Venus“ 291/93 Lio


B26a

Nur noch die Innenschau konnte ihr helfen,

sich im Außen zu veräußern, durch das,

was sie im Inneren erschaute und durch das

Erschauen sichtbar machte. Die in den

Kristallspiegeln der Eisprinzessin gespiegelten

Fratzen, ihre eigenen Kinder verschlingend

– und die grausamen Züge der

folternden Knechte und der selbstgerechten

Herrscher.

Sie fürchtete nichts sosehr, wie ihren Erfolg.

Denn damit würde sie sich endgültig

als einsames erwachsenes Selbst deklarieren

und hätte keinen Anspruch auf Leid

und Hilflosigkeit. Und so klammerte sie

sich wie eine Untergehende im Strom der

Gezeiten an die Überreste ihrer alten Ängste,

die wie Eis in der Sonne dahinschmolzen

und sie aus der Behaglichkeit

der selbstgezimmerten Beschränkungen in

die Welt hinauszogen.

Ja, nichts würde mehr von den Ängsten und

beengenden Denk- und Handlungsmustern

übrigbleiben. Sie würde im Strom der eigenen

kreativen Energien stehen und sie würde

zum Kanal für die kosmische, gestaltende

Kraft, die Himmel und Erde miteinander

verband.

„Der mutige Sprung zu neuer Stärke“

710/92 Lio

„Der Boss beim Eierlegen - mit

Dampfablaßrohr“ 87/93 Lio

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„Goldhelm, Silberpfeil“ 142/93 Lio


Sinn

„Der Armlose mit der Doppelzunge“

249/91 Lio

Monologe der Eitelkeit

Reihen sich an Monologe der Eitelkeit

Und aus dem Vakuum steigt Langeweile

Gähnende Stille und das Gefühl

vertaner Zeit.

Solidarität des Schlamassels

Humanität des Essens und Trinkens

Wärme des Kleiderkaufens

Schönheit in Plastik

Harmonie des Papiers

Freunde des Vorteils

Mächte um Macht

Krankheit wegen des großen Angebots

an Pillen

Brillenträger für die Optiker

Schmuck wegen des Gewichtes

Zweifel wegen der zwischenmenschlichen

Kommunikation

Und der Verschiebung von

Verantwortung

Taten der Tätlichkeit

Fragliche Fragen

Und Statements wegen der

elektronischen Übertragbarkeit

Krieg, weil es Waffenlager gibt

Entwicklungshilfe wegen des Exportmarktes

Existieren für das Finanzamt

Klagen wegen der Erhaltungskosten der

Gerichte

Richten, weil sich’s alle richten.

Leben – damit es vielleicht eine

Biographie gibt

Die möglicherweise ein Kassenschlager

werden könnte

Oder: Die Gemeinde weiterhin die hervorragende

Beschäftigungslage

Der beamteten Totengräber halten kann

Wer weiß?

„Geteilte Gefühle“ 88/92 Lio

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„Gerüstet vor dem Feind, dem Freund“ 72/93 Lio


„Liebe. Hingabe“3012/92 Lio

Lied

„Mein Lied ist ein

trauriges Lied...“

Mein Lied ist ein trauriges Lied

Und meine Träume so fremd

Der Tag ist ein Zwinger

In dem ich ohnmächtig sitze

Beherrscht und verraten von der Macht

Mein Lied ist ein trauriges Lied

Und meine Träume so fern

Der Mensch ist verkauft schon

Die Seele kennt niemand

Wenn es ums Geld geht, das regiert

Mein Lied ist ein trauriges Lied

Und meine Träume so kalt

Ich morde mich selber

Mit Zweifeln und Angst

Beherrscht und verraten von der Macht

„Im Regen. MR y EP“ 235/92 Lio

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10.11.1990

Härte

Plastikblumen

Seidenblumen

Atomkrieg

Weltuntergang

Kriege

Hass

Degeneration

Härte

Unfairness

Dreck

Verdrängt in die Ungelebtheit der Verstoßenen.

Gebrandmarkt von Verlassenheit und Untreue.

Sie haben es gerne in der Gemütlichkeit

und verlassen die Verlassenen, weil

sie sich sonst und ihre trügerische Idylle

und Sicherheit verlassen.

Zerbröckelte trügerische Begehrlichkeit

hinter dicken Vorhängen der Seele und des

stumpfen Geistes.

Deine Einsamkeit macht Dich reich und

stark.

Unser Morgengebet

Große Mutter, lass uns ohne die Angst

Vor den Atombomben aufwachen –

Große Mutter, lass unsere Kinder auch

In Wäldern spazieren gehen –

Große Mutter, lass uns nicht

An unserer Beziehungslosigkeit

verzweifeln –

Große Mutter, lass uns noch einmal

Mit unserem Herzen empfinden –

Große Mutter, lass uns einen Weg finden,

Die Welt – und Selbstzerstörung

aufzuhalten –

Große Mutter, lass uns noch einmal

Wirklich Mensch sein.

„Beziehung?“ 188/92 Lio


Brief an einen Patriarchen.

Du sagst, Du bist ein Rationalist und ich

meine, Du meinst damit, dass alles, was Du

an Machtgebaren an den Tag legst gerechtfertigt

ist. Du glaubst, dass alle Gedanken,

die zum Leben führen, Kram für Idealisten,

Blödsinn, weiblich – einfach Nebensache

sei. Aber wohin führt Dich Dein

Rationalismus. Sollen alle Menschen daran

zugrunde gehen?

Soll die Natur nur noch aus Bildern bestehen?

Soll alles, was das Leben schön und

lebenswert macht eine Erinnerung sein?

Eine Erinnerung von jenen, die Du Idealisten

schimpfst? Die Bilder erstehen lassen,

die Dir die Welt zeigen, in der es sich lohnen

würde, fürs Leben und für die Liebe

zu sein? Was hast Du schon alles mit Deiner

„Sachlichkeit“ angestellt.

Kinder, die schon im Schulalter auf Leistung

getrimmt sind. Die nie gelernt haben,

schöpferisch und spielerisch mit ihren

eigenen Lebensmöglichkeiten umzugehen.

Die sich im Leistungszwang und im Gegeneinander

der Ellebogen wiederfinden.

Frauen und Kinder, Idealisten und Ausländer,

die in Minderheiten jenes Ausgegrenztsein

erleben, das Du ihnen zuweist.

Du selbst bist ein sterbender, ein toter Ast

im Getriebe des zukünftigen Werdens des

Weltgeschehens.

Du hast verlernt, den Himmel mit Sternen

zu sehen, Du hast verlernt, den Mond als

wichtige Quelle Deiner Inspiration zu nützen,

Du hast verlernt, Deine innere Stimme

zu hören und Deinen weiblichen Part

in Dein Leben einfließen zu lassen. Wie

schal und kalt sind Deine Worte, die Du in

die Welt trägst. Wie schal und kalt sind alle

Dinge, die jeder mit Geld kaufen kann. Wie

schal und kalt sind jene Klischees, die Du

uns mit aufwendigen Bildern auf die Augen

drückst. Wie schal und kalt sind die

elektronischen Medien, die uns die Sinnlosigkeit

dieses Lebens nicht zum Bewusstsein

bringen soll.

Wie schal und kalt ist Deine Geste, die Du

Deiner Geliebten entgegenbringst. Wo hast

Du alte Menschen hingestellt? Du hast die

Reife und Erfahrung eines alternden Menschen

ins Abseits gestellt. Wohin führt eine

Gesellschaft, in der Patriarchen, alle die

nicht „LEISTEN“, ins Ghetto des körperlichen

und seelischen Siechtums stellen.

Wird die Welt nur noch aus Ausgegrenzten

bestehen und aus ein paar Patriarchen,

die sich alle Pfründe und Sahnetöpfe ins

eigene Zimmer stellen?

Wird alles, was Menschsein bedeuten kann,

auf Befehlsempfänger und Roboter reduziert?

„Dreifaltige und die Sonne im harlekinsgewand. Die Weisheit des Narren“ 18/92 Lio

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Wie armselig sind unsere Seelen in diesem Reichtum.

Wie armselig sind unsere Freuden in diesem Reichtum.

Wie armselig sind wir selbst in diesem Reichtum.

Wie armselig wird das Leben unserer Kinder in diesem Reichtum.

Vorstellungen schaffen Wirklichkeit, heißt es. Doch welche Vorstellungen schaffen

diese grässlichen Wirklichkeiten, die von jenen Menschen, die in Schlüsselpositionen

der Macht sitzen, als gegeben hingestellt werden?

Wehe dem, der es wagt, dieses System zu kritisieren.

Wehe dem, der Rückgrat und Zivilcourage beweist.

Intelligenz wird ignoriert. Phantasie und Kreativität werden benützt und ausgenützt.

Und der Mensch selbst dahinter ausgegrenzt.

Die Volkswirtschaft schreit nach jungen UnternehmerInnen.

Die Volkswirtschaft schreit nach gebärfreudigen Frauen.

Die Volkswirtschaft schreit nach PensionszahlerInnen.

Die Volkswirtschaft schreit nach umweltbewussten Menschen.

Die Volkswirtschaft schreit nach Ideenbringern und Erfindern.

„Akt“ 179/91 Lio

Doch in einem politischen System der Gewerkschaften und Kämmerer,

in einem politischen System der Ignoranz und der gegenseitigen Beschimpfung,

in einem Politischen System des Rassismus und

in einem politischen System des persönlichen Vorteils einzelner Politiker,

in einem solchen System hat Wahrhaftigkeit und Intelligenz keine Platz.

Denn hier geht es um rein materialistische Vorteile. Um ganz persönliche Macht, um

ganz persönliche Geltung.

Nicht für das Volk – Nein! Für sich selber.

Und kein Mittel ist zu niedrig, kein Mittel ist zu hart, kein Mittel ist zu....

Kein Mittel ist zu unmenschlich.


Verständnisheischende Jugendliche werden

zu Drogensüchtigen gemacht, engagierte

Frauen werden zu Mannweibern gestempelt,

Kinder werden zu Psychopathen erzogen,

Kranke werden in Ghettos aufgefangen

und jeder, der noch gesund ist, wird

mit Medikamenten krank gemacht.

Wo bleibt die heilende Kraft des Einzelnen

für das Gute zum Leben?

Welchen Stellenwert nimmt Seele, Geist

und Verstand einer Gesellschaft ein, die von

Halbdebilen, Psychopathen, Machtgierigen

und Workaholics regiert wird.

„Das retournierte Paket“ 59/91 Lio

„La Luna y los hombres“ 611/92 Lio

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„La reina. Lio Hero“ 82/93 Lio


„Die neue Ganzheit im Bewußtsein des Pan. Geschützt von Nuith“ 301/93 Lio

Ich denke an Dich

Ich möchte Dich gerade seh’n

Dein Gesicht entspannt

Die Augen auf mich gerichtet

Spürbar Dein Verständnis

Lautlos das Gefühl

Es schreit nicht nach Dir

Doch fragt es, ob es Dich gibt

Viel freier ohne Schrei

Viel lebendiger im Schweigen

Ich denk’ an Dich

Ich lebe um zu lieben

Das Leben ist die Liebe

Zu dem, was fließt,

und ohne Fragen gibt

Zu dem, was heute lebt und morgen

stirbt

Und wieder lebt und liebt.

Ich liebe Dich im Jetzt

Die Seele fliegt zu Dir

Das Glück ist schon in mir

Weil ich Dich eben liebe –

Und nicht frag’ nach Deiner Liebe.

Die Liebe ist das freiste Ding,

das ich erlebe.

Stets gewandelt an mir selbst.

Deshalb bin ich frei und liebe

So frei ich lieben kann.

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„Atlantiden. Die alte Erde und ihr Mensch“ 97/92 Lio

Entpatriarchalisierung als Humanisierung

Frauen von der patriarchalen Herrschaft zu befreien nennt nicht nur Erich Fromm (Sein

und Haben S 182, dtv) als fundamentale Voraussetzung der Humanisierung der Gesellschaft,

sie ist für die Zukunft der Welt von der größten Bedeutung.

Noch viele Männer fühlen sich gottähnlich und belegen den obersten Platz in der gesellschaftlichen

Hierarchie. In ihren Augen kommen männliche Prinzipien zuerst. Gott und

Mann, dann die Frau, das Kind, das Tier, zuletzt die Erde.

Wie lange kann unsere Erde das todesorientierte System des weißen Mannes noch ertragen?

Die Meere sind zum Abfalleimer für Öl und Müll geworden, Forschungseinrichtungen

beschäftigen sich mit dem genauen Aufzeichnen von „Weltraum-Müll“

(es könnte sonst zu größeren Müll-Zusammenstößen kommen, die Umlaufbahnen der

Müllteile werden genau bestimmt und jedes Müllteilchen in eine Karte eingezeichnet –

wie lange noch?)


Umweltschutz bedeutet längst überfällige Notreparaturen unserer Lebensgrundlage Erde,

wie lange wird man Giftmüll noch von Land zu Land weiterschieben können? Es sind

beängstigende, mörderische Akte einer respektlosen Haltung gegenüber dem Leben und

der Lebendigkeit.

„Take the toys from the boys“, was soviel heißt wie: „Nehmt den Jungs das Spielzeug

weg“, ein Spruch des Feminismus – scheint immer dringender dazu aufzufordern, Entwicklungen

zu stoppen, die die Vernichtungskapazität in der Welt erhöhen.

Nicht genug, dass die Welt bis auf die Zähne bewaffnet ist – gehen Technologien in den

Labors (z.B. Gentechnologie) in eine Richtung, die für alle äußerst bedrohlich werden

könnte.

Wer hier glauben kann, dass die Wissenschaftler sich ihrer Verantwortung bewusst sind,

so möchte ich das stark anzweifeln. Die Gefahr eines Atomkrieges ist noch lange nicht

gebannt – und jede Erfindung und Entwicklung wurde bisher in die Maschinerie der

Vernichtung gestellt, sobald sich die Gelegenheit dazu ergab. Ob Giftgase oder Viren.

Und das gibt mir zu denken und ruft mich auf, nicht untätig zuzusehen.

„Der Papst in seiner -Unverfehlbarkeit- „ 1110/92 Lio

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„Hombre y mujer al agua“ 261/93 Lio


Die Utopie eines

neuen Geschlechterverständnisses

Mann und Frau in Gleichberechtigung und

Gleichwertigkeit neben- und miteinander.

Eine unerreichbare Illusion?

Das Weibliche als

gleichberechtigte

Hälfte zum

Männlichen

Männer, die ihre weiblichen Anteile und

ihre Gefühlsfähigkeit entwickeln und Frauen,

die ihre aktiven Seiten ohne gesellschaftliche

Ächtung in Anerkennung ihres Geschlechts

leben können?

Die Selektion der Geschlechter der Vergangenheit:

Macho sucht mütterlichen Frauentyp mit

großem Busen - ausgetauscht gegen:

Erwachsene Frau sucht erwachsenen Mann:

Sie gehen eine Beziehung ein in gegenseitiger

Anerkennung der Gleich- und Andersartigkeit

in Liebe. In einer Liebe, die gibt,

uns sich im Geben erfüllt?

Es müsste für die Seelchen der Kinder eine

wahre Wonne sein, in solchen Bedingungen,

unabhängig von ihrem Geschlecht

Wärme, Liebe und Förderung zu erlangen.

Und es müsste daraus eine glückliche Welt

entstehen können. Mit Kindern, die ihre

Liebesfähigkeit aus tiefem Urvertrauen beziehen

und sich in ihrer ganzen Kraft entfalten

können. Frei von quälender Urangst

und quälenden Überforderungen.

In einem Unternehmen in der Schweiz, von

einer Frau geführt, können Mütter und

Väter ihrer Kinder mit zum Arbeitsplatz

nehmen. Auf ihre Fragen eingehen, sie

halten und daneben arbeiten. Und das

Schöne daran: das System hat sich für das

Unternehmen und die Mitarbeiter als voller

Erfolg herausgestellt. Die Mitarbeiter

bleiben länger und arbeiten sorgenfreier.

Und die Kinder fühlen sich wohl und sehen

ihren Eltern bei der Arbeit zu.

Es ist ein gutes Beispiel für die Humanisierung

der Arbeitswelt und ich bin sicher,

dass es viele Wege und Möglichkeiten in

allen Bereichen des Lebens gibt, sie lebensbejahend

und glücksbetont zu gestalten.

Das gilt auch für die Themen der Erziehung,

der Bildung, der Berufswahl, der

Arbeitswelt, des Gesundheitswesens, allen

Formen des Ausgegrenztseins, zu Strafund

Bewachungssystemen, zur Sicherheit,

zur Menschenwürde, Individuum/Gesellschaft,

Selbstfindung und Eigenkreativität.

Denn die Überbetonung eines krankhaften

und suchtförmigen Perfektionismus in

unserer Gesellschaft schadet uns allen. Die

Angst vor Versagen hindert uns an der Hingabe

ans Leben und am angstfreien Lernen.

Vielleicht funktionieren wir dann nicht alle

so perfekt, aber wer weiß: vielleicht gewinnen

wir alle unsere Lebensfreude und Lust

an uns selbst und anderen Menschen zurück

und damit zum Prinzip der Liebe.

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„Nut umhüllt den Winter“ 12/92 Lio

„Hingabe“ 2811/93 Lio


Jo im Stammbeisl

Es war an einem Samstag. Und dieser Samstag

war wie viele Samstage davor heiß und

gleichförmig. Jo stand vor seinem Spiegel

im Schlafzimmer, schnippelte ein paar verwachsene

Härchen seines schwarzen

Oberlippenbartes zurecht, zog sich mit viel

Sorgfalt an, schmierte die Pomade ins Haar

und legte die einzelnen Locken wie er es

am besten fand, bückte sich ein wenig, um

den Hut mit einem kecken Schmiss aufs

Haupt zu setzen und verließ seine Wohnung

gegen Mittag. Er ging langsam und

aufrecht. Sich jeden Schrittes bewusst und

seine Augen, die hinter einer dunklen Sonnenbrille

versteckt waren, schauten auf die

Passanten. Er wollte die Wirkung, seine

Wirkung auf die Welt spüren. Er wollte

sehen, ob sich seine Erwartungen erfüllen

würden.

Jo richtete seinen Blick nach oben und sah,

dass kein Wölkchen am Himmel stand. Er

verhielt den Schritt, drehte sich zum Schaufenster

des Videoshops, aber nicht, um die

neuesten Pornotitel zu studieren, sondern

um zu sehen, ob seine schwarze Jacke mit

den vergoldeten Knöpfen faltenlos saß. In

seinem Kopf meldeten sich Erinnerungen

an den Zocalo von Acapulco. Nächtelang

war er dort auf der Mauer gesessen und

hatte die Musik der Mariachis über sich herunterprasseln

lassen. Das hatte ihn auf die

Idee gebracht, sich diese Uniform zuzulegen.

Es war eine gute Entscheidung gewesen.

Der Schneider arbeitete gut und billig.

Nichts verzollt. Und jetzt, in der gewohnten

Umgebung konnte er ein Image pflegen,

das ihn weit von den anderen distanzierte.

Er war einzigartig. Sein Auftreten,

seine Worte. La alma und el corazon. El

patron etc. geschickt eingeflochten in ein

paar banale Sätze. Es würde seine Wirkung

nicht verfehlen. Jo warf noch einen letzten

Blick auf sein Gesicht, bleckte die Zähne,

die in strahlend weiß anlächelten und spazierte

langsam Richtung Stammlokal.

Jo suchte sich einen prominenten Platz,

setzte sich langsam und schlug die Beine

übereinander. Den Hut nahm er mit der

linken Hand schwungvoll vom Kopf und

legte ihn mitten auf den Tisch. Auf das

linke Hosenbein breitete er mit Andacht

ein kariertes Taschentuch und legte seine

beringte Hand mit lässiger Gebärde auf das

Tuch am Oberschenkel. So hatte er es in

Mexiko gesehen. Es schonte die Hose und

verhinderte den Glanz auf der Hose. Der

Schweiß, der sich bildete wurde vom Taschentuch

aufgesogen. Zufrieden mit sich

lehnte sich Jo zurück, nahm kurz seine Sonnenbrille

ab und schaute sich um. Wenige

bekannte Gesichter heute, dachte er bei

sich. Der Wirt des MOZ kam schon mit

einem breiten Lächeln auf ihn zu. „Amigo,

was darf es sein?“ Jo’s Herz hüpfte höher.

Seine monatelange Anstrengung hatte sich

gelohnt. Sein Image zog bereits seine Kreise

und bald würde es weitere Kreise ziehen.

Er hatte vor, seinen Aktionsradius zu vergrößern.

Jo bestellte ein Bier. Früher hatte er mit all

seinen Freunden über das Thema Seele

gesprochen. Jetzt fand er, dass man diesen

Banausen nichts aufdrängen sollte, was sie

nicht hatten. Für ihn zählte sie, die Seele.

Der Machismo der mexikanischen Männer

hatte ihm gefallen. Die Inszenierung der

eigenen Männlichkeit. Das Spiel mit der

eigenen Wirkung. Die europäischen Männer

ließen jeden Individualismus, jeden

Stolz auf ihr Sein vermissen. Er fand sie

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langweilig in ihrer Einfältigkeit. Mit den

genagelten Schuhen und den stillosen Polohemden.

Massenware. Als Mann und als

Inszenierung . Jo wusste, wovon er sprach.

Seine Selbstdefinition hatte nicht in seiner

Heimat, sondern im Ausland begonnen. Im

Gegeneinander des Bekannten und des Unbekannten

hatte er Lücken gefunden, die

er für sich schließen wollte. Dazu brauchte

es nur einen geistigen Reißverschluss. Und

den hatte er gefunden. Spiel und Ernst in

der Selbstdarstellung gegenüber den anderen.

Wie leicht sich manche über seine wahre

Identität täuschen ließen. Für Jo war es

ein weiterer Beweis für die Oberflächlichkeit

des Kontaktes. Für die Oberflächlichkeit

des Austausches. Für das Fehlen ihrer

Seele. Sie suchten nicht seine Seele, sondern

sein Image. Und im Glauben darüber,

was er nicht war, in diesem Glauben wollte

er sie lassen.

Und nächsten Samstag würde er an seiner

Brücke zu den anderen weiterbauen. Sein

Kunstwerk Samstag für Samstag mehr und

mehr der Vollendung zuführen. Bis er selbst

auch daran glauben würde, etwas Besonderes

zu sein. Dann würde er sein Ziel erreicht

haben und in die Normalität seines

Seins zurückgehen können. Ohne Illusion.

„Masked life“ 139/92 Lio


„Trinität der weiblichen Intuition“ 3012/92 Lio

Schwesterlichkeit und

Brüderlichkeit

Wenn kirchliche Würdenträger von den

Menschen dieser Welt sprechen, so sprechen

sie von der „Brüderlichkeit“, niemals

aber von der „Schwesterlichkeit“. Zufall

oder Absicht?

Für die meisten großen Weltreligionen

wurde die Frau im Laufe des Patriarchats

„kultunfähig“, da sich diese Institutionen

mit aller Kraft und Macht bemühten, das

unreine und sündenhafte Weib zu diskreditieren.

Humanisierung der Gesellschaft bedeutet

für uns Frauen auch eine Befreiung von den

verächtlichmachenden Doktrinen der

mächtigen Kirchenfürsten.

Solange der Papst als Mann die UNFEHL-

BARKEIT eines Menschen, eines Mannes

behauptet, solange kann es keine angestammte

Würde der Frau geben. Solange

unter dem Deckmantel eines patriarchalen

Gottes Frauen gedemütigt und verstümmelt

werden, solange kann ich nicht an die Liebe

und Güte solcher Götter glauben.

Jede Verehrung von Muttergottheiten, sei

es die Erdgöttin Gea, die Meeresgöttin

Tiamat, die Himmels- und Sternengöttin

Nut, die katzenköpfige Göttin der Freude

und Liebe „Bastet“, oder die Mutter-, Frauen-

und Geburtsgöttin Isis erscheint mir

unter diesen Umständen als Stärkung der

Frauenseele.

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„Fingerzeig“ 277/92 Lio


Immerhin musste die katholische Kirche

die Jungfrau Maria wieder in die Reihe der

verehrungswürdigen Katholiken aufnehmen,

um dem Wunsch der Frauen nach einer

Muttergottheit gerecht zu werden. Das

sollte zu denken geben.

Für die Zukunft dieser Welt heißt es für

mich, dass wir zu unserer SCHWESTER-

LICHKEIT finden müssen, innerlich und

in der Öffentlichkeit, um die Humanisierung

der Welt voranzutreiben.

Der gewaltlose Widerstand von mutigen,

für das Leben eintretenden Frauen in aller

Welt kann uns hier ein Beispiel sein. Internationale

Solidarität in vielen Organisationen

fördern das Bewusstsein, dass es um

die ganze Welt geht. Die Menschenrechte

in allen Ländern. Schwesterlichkeit und

Brüderlichkeit auf der ganzen Erde.

„Verinnerlichung von Sprache“ 197/92 Lio

„Auf Empfang“ 187/92 Lio

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Der Delphin auf der

Schlangeninsel

Tiefe Ruhe breitete sich über die hügelige

Landschaft des Küstenstriches von

Suchmich. Der Wind bewegte die Blätter

der Maulbeerbäume und die Sonne streifte

die Stirne der sitzenden Gestalt, die sich

auf dem Felsen in der Nähe des Meeresufers

niedergelassen hatte und voll Hoffnung

über die blaue, tröstende Wellenlandschaft

schaute.

Sie wusste nicht, wie sie die Landschaft

beschreiben sollte. Eigenartig fremd und

weit weg. Ein knorriger Baumstamm. Ein

verdorrter Hagebuttenstrauch. Die Luft

stand still und legte sich auf die Nasenflügel.

Sie hatte das Gefühl, dass sie nicht mehr

atmen konnte. Der Herzschlag verlangsamte

sich und sie horchte auf das Beben in

ihrem Inneren. Der Brustkorb hob und

senkte sich. Irgend etwas zog sie zu Boden.

Sie verlor das Bewusstsein.

Fünfzehn Milliarden Jahre vor unserer Zeit

erhob sich das Licht und umfloss die Gestalt,

die sich im Spiegelbild zeigte. Hochgereckte

Brüste, wallendes Haar bis zu den

Hüften. Die Venus, die vor den Teufelsfüßen

kam. Der Lichtkranz hüllte ihre Gestalt

ein, breitete sich über die ganze Welt

wie ein Schleier des Entzückens.

Am unteren Ende dieser Welt erhoben sich

die Teufelsfüße. Schwarze Klauen, die Gehörnten.

Grau wurde alles, was vorher Weiß

und Schwarz war. Grau wie das Gefieder

der Taube. Solange sie ihre Flügel und ihr

Gefieder in Weiß flattern ließ, gab es Frieden

auf dieser Erde, die nach sovielen Milliarden

Jahren wie durch ein Wunder hervorkam.

Wir suchen unsere Spuren umsonst. Wir

tappen im Dunklen. Ungeschickte Pfoten

tasten sich nach vorne. Abgehobene Gedanken

knoten sich zu merkwürdigen

Gedankengebilden. Ohne Zusammenhang

mit dem Ursprung. Fremd und unwirklich.

Dicke Schleier senken sich über das

Bewusstsein des kosmischen Geschehens.

Und wieder wird die Welt aufgeteilt in

Schwarz und Weiß. In das Gute und in das

Böse. In Gott und Teufel. Eine winzige

Gestalt kauert am Boden. Die Ellebogen

auf die nasse Erde gestemmt. Große blaue

Tränen quellen aus den Augen. Der Mond

ist verzerrt und ein Hilfeschrei entringt sich

ihm. Die Luft vibriert. Der Himmel bewölkt

sich und dichthängende Nebel, die

kein Licht durchlassen hüllen die ängstliche

Kreatur ein.

Tautropfen legen sich auf die langen Zoten.

Stampfen mit aller Gewalt in die Erde.

Langsam kriecht ein Etwas im Schlamm

dahin. Ein riesiges Tor tut sich auf. Wie das

Tor eines Stalles, durch das man später das

Vieh treiben würde. Ein riesiger Körper,

alles verschluckend steht da. Breitbeinig.

Die Knie deuten nach Norden und Süden.

Das Herz pocht. Die Lippen wölben sich

wulstig wie das Maul eines Riesenwals.

Dampfende heiße Luft strömt nach draußen

und formt Wolken. So wie die riesige

Kröte ihren Körper bläht, so bläht sich die

Oberlippe. Langsam öffnet sich der Mund

und die Kreatur kriecht langsam nach vorne.

Der Kopf ist eingedrungen und wie

schlangenartig aufgesogen vom Leben.

Zähne schieben sich in das nasse Wesen

und ziehen es in die Wärme der Höhle. Ein


schwaches, magisches Licht, ähnlich dem

leuchtenden Gral tut sich auf.

Die Tränen trocknen und gleisendes, rötlich

weiches Licht hüllt sie ein. Das

Urwissen, das Urvertrauen im Schoße der

großen Mutter Erde. Es kleidet sich mit

Geborgenheit und hält sich fest.

Die schlanken Arme recken sich nach oben

und halten sich am nährenden Busen fest.

Die keimenden Drüsen nähren das neue

Wachsen. Der Ausblick durch die Augen

ist verschlossen. Sie sind blind, denn sie

haben zuviel gesehen und haben sich geschlossen.

Das innere Licht erwärmt die

Pupille und ein Gehörgang öffnet sich.

Spitze, kalte Töne fallen frostig auf das

Trommelfell. Die abgewendete Seele. Das

Dunkel im Widerspruch. Alles fließt in eines.

Der Bocksfüßige, der Gehörnte – er kann

nicht aufrecht stehen. Im Schlamm kriecht

er zu sich hin. Zu den Vorfahren des Bösen,

das als Schatten sich zeigt, undurchdringlich

ist und durch nichts verlöschend.

Geträumte Träume, visionierte Visionen.

Die Würde ohne Herrschaft, die Gleichheit

aller gleichen.

Nicht ausgesucht, geboren zu werden.

Das Einswerden zweier Seelen unter einem

christlichen Gotte. Fischartige Kiemen eines

ungeborenen Wesens. Nicht Sie nicht

Er. Das Anschlagen der Wellen am Ohr.

Die nach innen gewendeten Augen. Den

sicheren Halt verlieren und im Draußen nie

wieder finden. Der Schrei nach dem Verlust

der Geborgenheit. Die eigene Entscheidung

nicht zu atmen, nicht zu sehen. Und

es auf Neugierde tun.

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„Dharana“ 211/91 Lio


B29d

„Musik“

Ich lege mich auf Dich

Ich schwebe mit in Deine Welt

Auf Dir will ich tanzen

Mit Dir meine Träume erfüllen

Tag und Nacht streiten

Dich köpfen

Dich erhöhen

Dich zermalmen

Dich auf die Zunge legen

Und zergehen lassen

Mich ändern mit Dir.

Mei Mei Mei Söl Söl hot hot a a Loch

Loch

Mei Söl hot a Loch

Und mei Gfühl rinnt do aus

Ols war’s nia g’stockt

So lar is olls

Und I Muaß denkn,

Doss gor nia wos wor

In meina Söl

Mochst Di hort gegn dos,

Wos da weh tuat

Und norchan bist sölba

Da Blöde.

Du siagst und riachst

Nix mehr

Vom Spürn host kann Schimma

Hiaz is es aus

Host es verlurn

Ka Heach und ka Tiafn.

„La Gota blickt wieder nach oben“ 179/91 Lio

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„Pars pro toto“ 89/91 Lio


„Gewohnheit Gewohnheit ist

ist

Gewöhnlichkeit...“

Gewöhnlichkeit...“

Was heißt gewöhnen – ich will es nicht –

Gewöhnlich sein.

Ich weiß, dass vieles sich verändert

Und vieles ich verändern kann

Und wenn nichts sich ändert in dem

Vielen,

Werde ich verändert sein.

Dass alles fließt, sich stets verändert,

Gibt mir Leben

Freude, Sinn

Ich weiß, dass ich im Flusse

Mitten drinnen bin.

Und morgen ist ein Teil von heute

Anders als er gestern war

Ich spüre Stärke in dem Wandel

Von dem, was menschlich

Schön und wichtig ist.

Gewohnheit ist ein Räuber,

Der Stärke stiehlt und das Gefühl,

Für das, was grade eben

Jetzt nur – im Entstehen ist.

„Geborgenheit“ 92/93 Lio

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„Frag’ Deinen Tod“ 249/91 Lio


Demaskierung und

Öffnung für das

Leben

Die Masken, die wir selbst tragen, stellen

sich früher oder später nicht nur als Schutz,

sondern auch als Trennung von uns selbst

heraus. Und so entfernen wir uns mit der

Anzahl der aufgesetzten Masken immer

weiter von unserem Sosein.

Wenn wir die Fülle aller Lebensmöglichkeiten

für unser Leben erkennen

wollen, dann müssen wir die Masken nach

und nach fallen lassen und mutig verwundbar

ins Leben hinausgehen. In alle unsere

Gefühle, in die Sinneserfahrungen, in neue

Aufgaben und Situationen.

Doch der Gewinn ist groß. Wir lernen,

angstfrei Nähe zuzulassen und beziehen

daraus Wärme. Ein andermal erkennen wir

durch die Schutzlosigkeit, was uns weh tut

und was uns freut.

Desto näher wir uns selbst kommen,

desto mehr Nähe werden wir auch zulassen

können, weil wir wissen, dass nichts

geschehen kann, wenn die Masken fallen.

Außer: mehr Nähe, mehr Verständnis, mehr

Ehrlichkeit und Vertrauen. Und im Vertrauen

wächst die Intimität. Unser einsames

erwachsenes Selbst wird sich mit dem

Selbst der anderen tiefer Austauschen und

damit Geborgenheit in sich selbst und in

Anwesenheit anderer finden.

Immer mehr können wir übergehen, unser

aufgeblasenes Ego hinter uns zu lassen und

uns selbst nicht so wichtig zu nehmen. Die

Zeit wird nicht mehr ausschließlich mit der

Uhr gemessen, sondern in ihrer Qualität.

Für unser Glück sind wir selbst verantwortlich.

Und wir tragen über unsere Sinne eine

unerschöpfliche Quelle von Freude und

Sinnlichkeit in uns, die Zeit, die wir erleben

in Selbstvergessenheit zu genießen. In

Hingabe und Zuwendung zu unseren Gefühlen

und Bedürfnissen.

Ob die Selbstliebe nun durch den Magen,

das Herz oder das Ohr geht... oder sich mit

einem Spaziergang Luft verschafft, das

kann jeder für sich entscheiden. Doch ich

glaube, dass wir oft viel zu sehr mit dem

Zählen der Minuten beschäftigt sind, als uns

möglichst viele Höhepunkte an Freude,

Glück und Genuss zu verschaffen.

Die Yogi-Tradition sagt: „Der Hastende

verzappelt seine Zeit.“ Und daran mag viel

Wahres sein. Wir brauchen nur daran zu

denken, wie oft unsere Zeitplanung danebengeht

und wir uns dem Stress

unserer Erfindung Zeit aussetzen.

Es ist ein Plädoyer für die Qualität der Zeit.

Und für die Qualität des Lebens. Nicht für

die Quantität.

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„Selbstbeschau nach der Wurzel“ 1211/92 Lio

One day...

One day, everything comes to an end.

Life, and anything.

War, and anything.

Peace, and anything.

Love, and anything.

One day, everything comes to an end.

Deine Augen

Deine Stimme

Deine Hand auf meinem Arm

Glaube ich ein Gott zu sein

Weder reich und auch nicht arm.

Hast Dein Herz ganz vorn getragen

Erste Reihe, erstes Glied

Hast die Schläge abgefangen

Die es nur für Erste gibt.

Hast gelitten wie ein Erster

Hast gekämpft ja ebenso

Niemand hat Dich festgehalten –

Als Dein Leben aus Dir floh.

„Das Lebensbarometer“ 1511/92 Lio


Host Dir gonz umsonst

das Lebn

gnommen

Host Dir gonz umsonst das Lebn

gnommen,

Host Di gonz umsunst so graft,

Host umsonst Dein Gspü ernst

gnommen

Host vül pleart und Hoar ausgraft,

Nix is onders ohne Di

Olls is gleich bliebn weg’n dem –

Wos host es wegschmissn –

Dei Lebn

„Klare Zukunftsperspektiven“ 152/93 Lio

„Fin“ 308/92 Lio

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„Selbstverwirklichung“ 242/93 Lio


„Das Neue gebären“ 82/93 Lio

Vom abschiedlichen

Leben

Kaum eine Tradition wie die europäische

ist so geschickt im Verdrängen des Todes.

Wir glauben, dass wir mit Geldhorten,

Materialhorten dem Tod entgehen.

Doch es gibt auch Kulturen, wo der Tod

offen ins Leben integriert wird. In Mexiko

zum Beispiel, feiern die Verwandten zu

Allerheiligen/Allerseelen mit ihren Verstorbenen

auf dem Friedhof. Sie trinken und

tanzen und lachen.

Das tibetanische und ägyptische Totenbuch

gibt umfassend Auskunft über den Tod.

Seit unserer Geburt begleitet uns der

verlässlichste aller Begleiter – der Tod. Wir

wissen, dass das Ziel des Lebens der Tod

ist. Dass er unvermeidlich ist.

Die Sufi-Tradition sagt: „Stirb’, bevor Du

stirbst.“ Was nichts anderes bedeuten soll,

dass wir vor dem realen persönlichen Tod

alles Loslassen sollen, was nicht zum Leben

gehört. Der Tod ist nur eine andere

Form des Lebens.

Ob wir an Reinkarnation glauben oder das

Glück im Himmelreich, oder an das absolute

Ende – danach fragt der Tod nicht.

Der Tod kann uns aber im Leben ein weiser

Ratgeber sein. Wenn wir nicht wissen,

was und wie wir etwas tun sollen, dann weiß

der Tod Antwort.

Für viele Verzweifelte ist im Angesicht der

größten Not oft der Gedanke an Selbstmord

hilfreich. Natürlich ist das kein Ausweg,

für den es sich lohnt, das Leben wegzuwerfen.

Doch im ersten Moment des tiefsten

Unvermögens entsteht Ruhe bei dem

Gedanken, dass wir uns damit Erleichterung

schaffen könnten.

„Lebe, als sei jeder Tag Dein letzter Kampf

auf Erden“, heißt es in Carlo Castanedas

Werk „Die Reise nach Ixtlan“.

Wenn wir wissen, dass es nur einen Richter

in unserem Leben gibt – und nur eine

Angst, dann können wir vielleicht aus dem

Wissen den größten Mut, die größte Zuversicht

und die grenzenloseste Hingabe

ans Leben, an jeden Moment unseres Daseins

gewinnen. Wovor sollten wir sonst

Angst haben? Niemand sollte zwischen der

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„Harmonie“ 222/93 Lio


Angst vor dem Leben und der Angst vor

dem Tod dahinvegetieren.

Und so kann das Wissen, dass wir nicht

ewig leben werden, der Maßstab für ein

mutigeres, intensiveres, erfüllteres Leben

werden.

In Gelassenheit und Leichtigkeit. Mit Humor

und Besinnlichkeit. Im Zweifelsfalle:

„Frag’ Deinen Tod“...

„Seniora de emotiones“ 811/92 Lio

Ich lebe,

um zu lieben...

Ich lebe um zu lieben

Mit allen meinen Sinnen

Dringt die Welt und Du

Voll Kraft in mich hinein.

In bin nicht treu, ich liebe –

Die Freiheit lässt Dich frei

Nur im Moment geb’ ich Dir Liebe

Denn sie ist vogelfrei.

Ich liebe Dich, und Dich,

Und Dich, und alles,

Was ich in mir spüre.

Was konzentriert ist in mir selbst

In meiner Liebe.

Lieben ist das Leben

Und das hat ein eigenes Gesetz

Nicht Dein bin ich, nicht immer

Werde ich Dich lieben

Wie im Jetzt.

Ein Augenblick am Morgen,

Entscheidet, ob ich Dich liebe –

Oder nicht –

Vielleicht hat sich das Leben über Nacht,

Eine andere Liebe ausgedacht.

Ich möchte, dass ich immer liebe

Ganz offen streifen meine Sinne

Die glatten Arme dieser Welt

Voll Gefühl und voll Vertrauen

In die Güte des Moments

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„Neue Inhalte - La gota“ 88/91 Lio


Unerschöpfliche Fülle

und Intensität des

Lebens

Desto mehr wir uns selbst annehmen und

desto offener wir sind, desto mehr entdekken

wir unsere inneren Reichtümer, die wir

in unserem Leben nach außen tragen können.

Wenn wir alle unsere Gefühle und Bedürfnisse

lebendig leben und uns empfänglich

für alles, was uns geschieht machen, uns

ganz einlassen auf unsere Freude und Begeisterung,

aber auch unsere Wut und Trauer,

dann löst sich die Erstarrung, die durch

das Niederknüppeln von uns selbst entstanden

ist.

Die ganze Fülle an Leben wird zu einem

Erlebnis, wenn wir uns erlebnisfähig machen

und halten. Nur dann werden wir das

Gefühl haben, mit jeder Faser unseres

Körpers, unserer Seele, unseres Herzens

und unseres Geistes zu leben.

Das wünsche ich mir und allen Menschen

dieser Erde. Hier und jetzt die ganze innere

und äußere Fülle des Lebens auszukosten.

Maßstab dafür sollte unser eigenes

Gewissen und die Stimme des Herzens

sein.

Die Schatzsuche. Das verborgene Gold in

Schwarz aus den Tiefen der eigenen Möglichkeiten

zu heben und ihnen Leben einzuhauchen.

Verborgene Aspekte der eigenen

Persönlichkeit erkennen und integrieren

und damit eine neue Ganzheit erleben

und Trost in dieser Einsamkeit zu finden.

Im Erkennen der verwandten Seele eine

Reise zu wagen, die weit über die Grenzen

des Meeres hinausführt. In die Tiefe des

Vulkankraters hinunterzufallen und am

anderen Ende der Welt neu zu erstehen.

Reicher um die Erfahrung des Todes und

die Einigkeit in dem Wissen um den Tod.

Der Tod als Maßstab allen Lebendigen und

als Verbindungsglied allen Lebens.

Lio, der Hahn“ 297/92 Lio

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Lio und Hero in ihrer gleichwertigen Kraft“ 202/93 Lio


Rückkehr in die

Harmonie des

Ganzen

Wer verachtet, ist im Grunde selbst der

Verachtete. Sobald wir aufhören, das Rad

der Verachtung weiterzudrehen, können wir

anfangen, uns selbst und das Leben zu achten.

Anerkennen wir, dass wir Teil eines größeren

Ganzen sind, verliert sich die

Grandiosität und sein Gegenteil, die Depression

und wir können zu unserer inneren

Harmonie zurückkehren. Zur Harmonie

mit uns selbst, mit der Umwelt, mit dem

Ganzen.

Nur der Grandiose muss verachten. Weil

er denkt, andere seien schlechter, böser,

minderwertiger, ärmer...

Die Erkenntnis, dass wir über das Ganze

mit allen und allem verbunden sind, kann

uns von Hochmut und starrer Abgrenzung

befreien. Im Bewusstsein, dass alles was ist,

ein Spiegelbild für uns selbst ist.

Nicht umsonst heißt es: „Liebe Dich selbst

und Du wirst geliebt werden.“ „Gib’, und

Dir wird gegeben“...

Das ließe sich endlos fortsetzen. Wenn wir

erkennen, dass wir das zurückbekommen,

was wir als Ursache gesetzt haben, werden

wir die Verantwortung für unser Leben

selbst übernehmen können und uns bewusst

werden, dass wir unsere Lebensumstände

selbst schaffen, in denen wir leben.

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„Die gespeicherte Kraft ist wach und strömt frei“ 281/93 Lio


Literaturhinweise

„Die Liebe der Frauen“. Über Weiblichkeit und Misshandlung.

Margit Brückner. Fischer TB 1988

„Verlassenheit und Selbstenfremdung“.

Kathrin Asper. Dtv TB 1990

„Frauensprache: Sprache der Veränderung“.

Senta Trömel-Plötz. Fischer 1982

“Die Stärke weiblicher Veränderung”.

Jean Baker Miller. Fischer 1979

„Wir werden nicht als Mädchen geboren – wir werden dazu gemacht.“

Ursula Scheu. Fischer 1977

„Der Cinderella Komplex“.

Die heimliche Angst der Frauen vor der Unabhängigkeit.

Colette Dowling. Fischer 1987

„Das Drama des begabten Kindes“.

Alice Miller. Suhrkamp tb 1983

„Die positive Kraft der Träume.“

Ann Faraday. Knaur 1972

“Die Trennung der Liebenden”.

Igor A. Caruso. Fischer 1986

“Lebenskrisen”.

Hg. Von Christine Stromberger. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1990

„Wege aus Angst und Symbiose“.

Verene Kast, dtv tb 1987

„Imagination als Raum der Freiheit“.

Verena Kast. Walter Verlag, Olten 1989

„Der schöpferische Sprung“.

Vom therapeutischen Umgang mit Krisen.

Verene Kast. Dtv tb 1989

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„Weibliche Wirklichkeit“.

Anne Wilson Schaef. Heyne 1981

„Die Flucht vor der Nähe“

Anne Wilson Schaef. Dtv 1992

„Im Zeitalter der Sucht“

Anne Wilson Schaef. Dtv 1991

„Symbole“

Herder Lexikon. 1990

„Der Frauenatlas“

Joni Seager. Ann Olson. Fischer 1986

Joni Seager. Fischer 1998

„Geistheilung durch sich selbst“.

Kurt Tepperwein. Goldmann 1991

„Stell’ Dir vor...“ und

„Leben im Licht“

Shakti Gawain.

„Die Chronik der Frauen“

Chronikverlag, Dortmund 1992

Knaurs Lexikon der Mythologie

Gerhard J. Bellinger. Droemer Knaur 1989

„Karriere ist weiblich“

Ruth Merkel. Rororo Rowohlt 1989

„Mut zum Erfolg“. Warum Frauen blockiert sind und was sie dagegen tun können“.

Susan Schenke. Campus Verlag Frankfurt 1986

„Wenn Frauen Karriere machen“.

Bock-Rosenthal, Haase, Streeck. Campus Verlag Frankfurt 1978

„Perfekte Frauen“.

Colette Dowling. S. Fischer 1989

„Die Angst der Frauen, sie selbst zu sein.“

Dan Kiley. Kagel Verlag Hamburg und Heyne München 1988


„Matriarchat I“

Heide Göttner-Abendroth, Kohlhammer, 1988

„Matriarchat II“

Heide Göttner-Abendroth, Kohlhammer , 1991

„Die Göttin und ihr Heros“

Von Heide Göttner Abendroht, Frauenoffensive, München 1980

„Die Tanzende Göttin

Von Heide Göttner Abendroht, Frauenoffensive, München 1988

„Am Anfang war die Frau“

Elizabeth Gould Davis, Ullstein Sachbuch, 1990

„Die Zweierbeziehung“

Jürg Willi

„Die Therapie der Zweierbeziehung“

„Die Revolution der Hoffnung“

Erich Fromm. Rowohlt 1974

„Haben und Sein

Erich Fromm. Dtv 1980

Dieser Stand bezieht sich auf die Jahre 1990/1991.

Lio y Hero“ 68/91 Lio

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Dieses Buch wurde von Lio Elfie Payer

Kolonitzplatz 6/11, A-1030 Wien

gestaltet und im Eigenverlag als Unikat produziert.

Lio. 4.12.2001, Vienna

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