Kernenergie für die Schweiz - Nuklearforum Schweiz

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Kernenergie für die Schweiz - Nuklearforum Schweiz

Kernenergie für die Schweiz

Quellenmaterial mit Texten, Bildern und Grafiken

für Präsentationen zur Kernenergiediskussion

4. aktualisierte Auflage

August 2010


Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Zusätzliche Informationen mit vielen weiterführenden Links zu Themen rund um die

Kernenergie in der Schweiz finden sich auf den Internet-Portalen

www.nuklearforum.ch

www.nuclearplanet.ch

www.kernenergie.ch

Impressum

Herausgeber:

Nuklearforum Schweiz

Konsumstrasse 20

3000 Bern 14

Telefon: 031 560 36 50

Telefax: 031 560 36 59

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Internet: www.nuklearforum.ch

4. aktualisierte Auflage

© 2010 Nuklearforum Schweiz

Titelseite: Kernkraftwerk Gösgen (Foto: swissnuclear)


Editorial

Fakten und Daten zur Kernenergiediskussion in der Schweiz

Liebe Leserin, lieber Leser

Nach Jahren relativer Ruhe hat in der Schweiz die Diskussion über die Kernenergie

wieder an Intensität zugenommen. Auslöser ist die Stromversorgungslücke, die sich im

kommenden Jahrzehnt öffnen wird. Ab 2020 nähern sich die drei dienstältesten Kernkraftwerke

Beznau-1, Beznau-2 und Mühleberg dem Ende ihrer wirtschaftlichen

Betriebsdauer und müssen ersetzt werden. Gleichzeitig werden auch die Lieferverträge

mit Frankreich nach und nach auslaufen und der Stromverbrauch steigt weiter an.

Die vorliegende, gegenüber der dritten Auflage aktualisierte Publikation zeigt anhand

von Daten und Fakten auf, dass die Kernenergie auch künftig einen wesentlichen Beitrag

zur Stromversorgung leisten kann und dass sie im Verbund mit der Wasserkraft für die

Schweiz bis auf Weiteres die beste Lösung zum Vermeiden der drohenden Stromlücke

darstellt.

Der Text ist modular aufgebaut und eignet sich zum Nachschlagen wie auch als Basis für

Präsentationen vor einem interessierten Publikum. Die Broschüre steht auf der Website

des Nuklearforums Schweiz zum Herunterladen bereit. Die Grafiken im Power-Point-

Format sowie eine Sammlung von Bildern können unter Angabe des Verwendungszweckes

bei der Geschäftsstelle des Nuklearforums Schweiz unentgeltlich angefordert werden.

Die Kontaktadresse finden Sie im nebenstehenden Impressum.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Roland Bilang

Geschäftsführer Nuklearforum Schweiz

3

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Inhalt

Kernbotschaften 7

Teil 1: Das Umfeld der Kernenergie in der Schweiz 9

Rund 40 % Atomstrom für eine zuverlässige Versorgung rund um die Uhr 9

Strom genau dann erzeugen, wenn er gebraucht wird 9

Die Nachfrage nach Strom steigt weiter an 11

Die Produktionslücke ist bereits Realität 11

Die Versorgungslücke wird grösser 13

Der Bundesrat setzt auf die Kernenergie 13

Teil 2: Die Kernenergie in der Schweiz 15

Zuverlässige Schweizer Atomstromproduktion 15

Nutzen für alle 15

Technisch begrenzte Betriebsdauer 15

Schweizer Bevölkerung anerkennt den Leistungsausweis 17

Kernkraftwerke erhalten keine Subventionen 17

Grosser Nutzen aus der Anschubförderung 17

Die Entsorgung der Abfälle ist vorfinanziert 19

Teil 3: Die Stärken der Kernenergie 21

Kernkraftwerke schonen die Ressourcen der Erde 21

Hohe Versorgungssicherheit mit Uran 21

Die Uranreserven der Erde reichen noch sehr lange 23

Uranerz kann auch bei geringer Konzentration abgebaut werden 23

Uranpreis hat geringen Einfluss auf die Strompreise 25

Kernkraftwerke schonen Umwelt und Klima 25

Umweltfreundlicher Schweizer Strommix 27

Kernenergie schont die Rohstoffreserven der Erde 27

Wenig Luftschadstoffe und sehr geringer Landverbrauch 27

Teil 4: Vorbehalte gegenüber Kernenergie 29

Radioaktivität – ein natürliches Phänomen 29

Radioaktive Abfälle sind unvermeidlich 29

Geringe Abfallmengen 29

Langzeitlagerung tief in der Erde 31

Zwischenlagerung in Würenlingen 31

Recycling durch Wiederaufarbeitung 31

Sichere Transporte 31

Recycling-Moratorium für zehn Jahre 33

Fortschritte bei der Endlagerung 33

Opalinuston: ein sicherer Wert seit 180 Millionen Jahren 35


Entsorgung: Lösung ist unabhängig von der Zukunft der Kernenergie 35

Sachplan für Standortwahl 35

Verfahren zur Standortwahl ist angelaufen 37

Aufgabe der heutigen Generation 38

Sicherheit: Vorsorge für den schlimmsten anzunehmenden Fall 38

Sicherheit und Wirtschaftlichkeit gehen Hand in Hand 40

Geschützt gegen Terrorangriffe 40

Geschützt gegen starke Erdbeben 40

Hundertprozentige Sicherheit gibt es nirgends 40

Haftpflicht: Gesetzesrevision in der Schweiz 41

Kernkraftwerke sind keine Atombomben 41

Kernkraftwerke sind keine Bombenfabriken 41

Teil 5: Die Zukunft der Kernenergie 43

Weltweit stammt ein Siebentel des Stroms aus Kernkraftwerken 43

Der globale Energiehunger nimmt zu 43

Klima: Die Kernenergie ist Teil der Lösung 43

Russland und Asien setzen auf Kernenergie 45

USA: zahlreiche Baugesuche eingereicht 45

Neubauten und Neubaupläne in Europa 45

EU-Parlament: Kernenergie unverzichtbar 45

Die Kernkraftwerke der dritten Generation stehen bereit 47

Dritte Generation: effizienter, wirtschaftlicher und noch sicherer 47

Passive Sicherheitssysteme 49

Anbieter in aller Welt 49

Vierte Generation und Kernfusion: heute noch Zukunftsmusik 51

Teil 6: Die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz 53

Wir werden alle Technologien benötigen 53

Die vier Pfeiler der Schweizer Energiepolitik 53

Erneuerbare Energien: stark im Gespräch... 55

... aber zu wenig und nicht bedarfsgerecht 55

Optimaler Schweizer Strommix 57

Importe sind keine Lösung 57

Die Szenarien der Energieperspektiven 59

Kernenergie ist die günstigste und umweltfreundlichste Lösung 61

Die Versorgungslücke aus Sicht der Stromversorger 63

Der Vorschlag der Stromwirtschaft 63

Neue Kernkraftwerke an bestehenden Standorten 64

Hybridkühltum: geringe Höhe und kaum Nebelschwaden 64

Das Volk hat das letzte Wort 65

Der Fahrplan des Bundes für die Rahmenbewilligungsgesuche 65

Entscheid von grösster Tragweite 66

Schlusswort 67

5

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


Kernbotschaften

Die Nutzung der Kernenergie in der Schweiz bedeutet

• hohe Versorgungssicherheit bei geringer Auslandsabhängigkeit

• im Verbund mit den erneuerbaren Energien eine sehr umweltfreundliche

Stromproduktion

• Wettbewerbsvorteile für die Wirtschaft durch berechenbare

Strompreise.

Wir wollen eine ausreichende, zuverlässige, wirtschaftliche und umweltschonende

Landesversorgung mit Strom. Die heutige schweizerische

Stromproduktion entspricht weitgehend diesen Anforderungen.

Anders als andere Länder hat die Schweiz mit rund 60 % Wasserstrom

und 40 % Atomstrom einen optimalen Strommix – auch und gerade

bei Einbezug der Klimafrage. Jede wesentliche Änderung des Strommixes

bedeutet unter den heutigen technischen Voraussetzungen eine

Verschlechterung des Ist-Zustandes.

Wir sollten daher in den kommenden Jahren weiterhin auf diesen bewährten

Strommix setzen. Die nötigen Technologien sind vorhanden

und werden laufend weiter verbessert.

7

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


8

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 1.1

Megawatt

Abb. 1.2

10 000

8000

6000

4000

2000

Kernkraftwerke

Quelle:

Bundesamt

für Energie,

Elektrizitätsstatistik

2009

Schweizer Produktionsmix 2009

Konventionell-thermische und andere Kraftwerke

39,3%

4,9%

24,2%

31,6%

Laufkraftwerke

Speicherkraftwerke

Die Schweizer Stromproduktion ist weitgehend CO 2-frei

Tagesverlauf der Stromproduktion

Speicherkraftwerke

Laufkraftwerke

Kernkraftwerke

0

0h 4h 8h 12h

Tageszeit

16h 20h 24h

Konventionellthermische

und

andere Kraftwerke

Quelle: Verband Schweizerischer

Elektrizitätsunternehmen (VSE)

Die Stromproduktion richtet sich nach dem Bedarf der Stromkonsumenten

Abb. 1.3 Verbrauchsspitze am Abend: Das Stromnetz muss immer im Gleichgewicht bleiben.

Foto: Nuklearforum Schweiz


Teil 1

Das Umfeld der Kernenergie in der Schweiz

Rund 40 % Atomstrom für eine zuverlässige Versorgung rund um die Uhr

In der Schweiz stammt der Strom heute zu rund 55 % aus Wasserkraftwerken und zu

rund 40 % aus Kernkraftwerken. Der übrige Strom stammt zum grössten Teil aus Kehrichtverbrennungsanlagen.

Die neuen erneuerbaren Energien Wind, Sonne, Biogas und

Biomasse liefern dagegen gegenwärtig nur rund 0,6 % Prozent des Schweizer Stroms

(siehe Abb. 2.8).

Der heutige Schweizer Produktionsmix schont die Umwelt, erzeugt kaum CO2 und ist

wirtschaftlich.

Abb. 1.1: Schweizer Strommix

Strom genau dann erzeugen, wenn er gebraucht wird

Elektrischer Strom kann nicht gelagert werden. Er muss genau dann produziert und ins

Netz eingespeist werden, wenn wir Stromkonsumenten ihn verbrauchen. Die Stromnachfrage

ist jedoch nicht konstant, sondern schwankt erheblich: In der Nacht ist sie am

geringsten und kurz vor Mittag und am frühen Abend am höchsten. Wenn zuwenig oder

zuviel Kraftwerksleistung am Netz ist, gerät die Stromversorgung aus dem Gleich gewicht

– es droht ein Netzzusammenbruch.

Abb. 1.2: Tagesverlauf der Stromproduktion

Die Stromversorger lösen diese Aufgabe mit einem Produktionsmix: Die Kernkraftwerke

liefern rund um die Uhr die sogenannte Grundlast, ergänzt um die Stromproduktion

der Laufkraftwerke an den grossen Flüssen. Die Speicherkraftwerke in den Bergen decken

ihrerseits die kurzzeitigen Verbrauchsschwankungen ab, da sie schnell an- und abgeschaltet

werden können.

Mit dem heutigen Strommix aus Kernkraftwerken und Wasserkraftwerken können die

Stromversorger die täglichen und jahreszeitlichen Verbrauchsschwankungen aus gleichen.

Das optimale Zusammenspiel von Wasser- und Kernkraftwerken stellt sicher, dass im

Sommer wie im Winter und rund um die Uhr immer genügend Strom vorhanden ist – bei

der Arbeit von früh bis spät, aber auch beim Kochen am Mittag und beim Fernsehen am

Abend.

Abb. 1.3: Verbrauchsspitze am Abend

9

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


10

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Milliarden Kilowattstunden

Abb. 1.4

80

70

60

50

40

30

20

10

0

Stromerzeugung und Landesverbrauch seit 1950

1950 1960 1970 1980 1990 2000 2009

Landesverbrauch

Speicherkraftwerke

Laufkraftwerke

Kernkraftwerke

Konventionellthermische

und

andere Kraftwerke

Quelle:

Bundesamt für Energie,

Elektrizitätsstatistik 2009

Der Stromverbrauch steigt an, trotz den Bemühungen zur Energieeffizienz

Stromnachfrage in der Schweiz in den vergangenen Jahren

Der Stromverbrauch

der Schweiz steigt im

Mittel um rund 1,5

Prozent pro Jahr

Quelle: Verband Schweizerischer

Elektrizitätsunternehmen (VSE)

Abb. 1.5

Milliarden Kilowattstunden

pro Monat

8

7

6

5

4

3

2

1

0

Abb. 1.6

Milliarden Kilowattstunden

6,5

6,0

5,5

5,0

4,5

4,0

Jan Feb März April Mai Juni Juli Aug Sept Okt Nov Dez

Jahresverlauf der Stromerzeugung in der Schweiz 2006 bis 2009

Import

O N D J F M A M

Export

Import

Export

Import

Export

J J A S O N D J F M A M J J A S O N D J F M A M J J A S O N D

Winter Sommer Winter Sommer Winter Sommer

2006/07 2007 2007/08 2008 2008/09 2009

Winter

2009/10

Speicherkraftwerke

2009

2008

2007

2006

2005

2004

2003

2002

2001

2000

Landesverbrauch

der Schweiz

Laufkraftwerke

Kernkraftwerke

Konventionellthermische

und

andere Kraftwerke

Quelle: Bundesamt

für Energie

Im Winter verbraucht die Schweiz bereits heute mehr Strom als sie produziert


Teil 1 Das Umfeld der Kernenergie in der Schweiz

Die Nachfrage nach Strom steigt weiter an

Wir brauchen immer mehr Strom, trotz jahrzehntelanger und erfolgreicher Bemühungen,

die Energieeffizienz zu erhöhen.

Abb. 1.4: Stromerzeugung und Landesverbrauch seit 1950

Ein Grund dafür ist das Wirtschaftswachstum. Die Erfahrung der Jahre von 1970 bis

heute zeigt: Ein um 1 % höheres Bruttosozialprodukt bedeutet im Mittel eine Zunahme

des Stromverbrauchs um 1,5 %. Weitere Gründe sind:

die wachsende Wohnbevölkerung der Schweiz:

1950: 4,7 Mio. Einwohner

1970: 6,2 Mio. Einwohner

1990: 6,7 Mio. Einwohner

2010: 7,8 Mio. Einwohner

die zunehmende Wohnfläche pro Einwohner und die wachsende Zahl von Ein-Personen-Haushalten

die immer grössere Verbreitung von elektrischen Geräten am Arbeitsplatz und im

Haushalt

• Massnahmen zur Einsparung fossiler Energien.

Abb. 1.5: Veränderungen beim Stromverbrauch

Eine drastische Erhöhung der Strompreise könnte den Verbrauchszuwachs vielleicht

etwas dämpfen. Sicherlich hätte eine massive Stromverteuerung jedoch negative Folgen

für unsere Wirtschaft, da viele Betriebe weder massiv Strom sparen können noch Alternativen

zum Stromeinsatz haben. Zudem würde der umweltpolitisch erwünschte Ersatz

von Erdöl und Erdgas durch CO2-arme Energien massiv behindert, da dies häufig einen

Mehrverbrauch an Strom zur Folge hat, zum Beispiel bei Wärmepumpen und durch den

Ausbau des öffentlichen Verkehrs.

Strom ist unsere Schlüsselenergie. Wir müssen haushälterisch mit ihr umgehen, müssen

aber dafür sorgen, dass immer genügend davon vorhanden ist.

Die Produktionslücke ist bereits Realität

Der Stromverbrauch steigt unablässig an – in den letzten zehn Jahren hat er um zehn

Prozent zugenommen. Im Gegensatz dazu wurde aber seit der Inbetriebnahme des

Kernkraftwerks Leibstadt im Jahr 1984 in der Schweiz kein grosses Kraftwerk mehr gebaut.

Nach dem Verzicht auf das Kernkraftwerk Kaiseraugst wurden Strombezugsrechte

aus dem französischen Kernkraftwerkpark im Produktionsumfang von zwei grossen

Kernkraftwerken erworben. Als Folge des Kaiseraugst-Verzichts kann die Schweiz ihren

Stromkonsum in den Winterhalbjahren nur noch dank Importen aus dem Ausland

decken. In den Jahren 2005 und 2006 musste die Schweiz sogar erstmals seit 1910 auch

übers ganze Jahr betrachtet mehr Strom importieren, als sie exportierte.

Abb. 1.6: Jahresverlauf der Stromerzeugung in der Schweiz

Im Winterhalbjahr, wenn die Flüsse wenig Wasser führen und die Stromnachfrage höher

ist, steigt der Atomstromanteil an der Schweizer Produktion sogar auf bis 50 %. Im Winter

decken die Stromimporte inzwischen bis zu 20 % des Landesverbrauchs. Dieser Strom

stammt einerseits ebenfalls aus Kernkraftwerken, andererseits aber auch aus Kohlekraftwerken.

Die Produktionslücke ist bereits heute Realität.

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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Milliarden Kilowattstunden

im Winterhalbjahr

Abb. 1.7

Energieverbrauch in Petajoule

Abb. 1.8

50

40

30

20

10

Vorschau der Stromwirtschaft für das Winterhalbjahr 2050

Importverträge

mit Frankreich

bestehende Kernkraftwerke

Wasserkraftwerke

?

Produktionslücke

2009/10 2019/20 2029/30

Winterhalbjahr

2039/40 2049/50

Landesverbrauch Winter hoch

Landesverbrauch Winter tief

Zusätzliche erneuerbare Energien

(ohne grosse Wasserkraftwerke)

kleinere konventionellthermische

Kraftwerke

Quelle: Verband Schweizerischer

Elektrizitätsunternehmen (VSE),

Update 2009 zur «Vorschau 2006»

In wenigen Jahren öffnet sich eine immer grösser werdende Produktionslücke

Szenarien der «Energieperspektiven 2035» des Bundes

900

800

Szenario I

Szenario II

700

Szenario III

600

Szenario IV

500

Energieverbrauch

400

insgesamt

300

Szenario I

200

Szenario II

Szenario III

100

Elektrizität

Szenario IV

0

Quelle: Bundesamt

1950 60 70 80

Jahr

90 2000 2010 20

Jahr

30 2035

für Energie, Energieperspektiven

2035,

Januar 2007

Strom lässt sich kaum durch andere Energieträger ersetzen


Teil 1 Das Umfeld der Kernenergie in der Schweiz

Die Versorgungslücke wird grösser

Spätestens ab 2020 öffnet sich in der Schweiz eine massive Stromversorgungslücke. Der

Verbrauch wird weiter ansteigen, nicht zuletzt wegen der steigenden Preise der fossilen

Energieträger und ihrer Substitution durch Strom im Zeichen der Energieeffizienz. Die

drei dienstältesten Kernkraftwerke Beznau-1, Beznau-2 und Mühleberg nähern sich ab

2020 dem Ende ihrer wirtschaftlichen Betriebsdauer. Gleichzeitig laufen auch die Lieferverträge

mit Frankreich nach und nach aus, und die neuen Wettbewerbsregeln in der EU

verhindern, dass diese Verträge erneuert werden können. Schliesslich werden bis dahin

– trotz zahlreicher Fördermassnahmen – keine neuartigen Stromproduktionstechnologien

zur Verfügung stehen, die industriell erprobt und damit in grossem Stil einsetzbar

sind. Die drohende Versorgungslücke kann im Inland nur durch neue Kern- oder Gaskraftwerke

geschlossen werden.

Abb. 1.7: Vorschau der Stromwirtschaft für das Winterhalbjahr bis 2050

Der Bundesrat setzt auf die Kernenergie

Die Energieperspektiven des Bundes sagen eine Stromlücke voraus, die mit neuen Kraftwerken

geschlossen werden muss. Daran ändern auch die verschiedenen Verbrauchsszenarien

nichts mit ihren teilweise massiven Staatseingriffen in unser tägliches Leben.

Strom ist und bleibt die Schlüsselenergie, auch in einer visionären «2000-Watt-Gesellschaft»

des nächsten Jahrhunderts. Strom kann praktisch nicht durch andere Energieträger

ersetzt werden.

Abb. 1.8: Szenarien der «Energieperspektiven 2035» des Bundes

Im Februar 2007 hat der Bundesrat die Konsequenzen gezogen: Selbst bei einer deutlich

verstärkten Förderung der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien sind neue

Grosskraftwerke nötig. Der Bundesrat setzt dabei weiterhin auf die Kernenergie. Er erachtet

den Ersatz der bestehenden Kernkraftwerke oder den Neubau von Kernkraftwerken

als notwendig.

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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 2.1 Kernkraftwerk Beznau, Kanton Aargau Abb. 2.2 Kernkraftwerk Mühleberg, Kanton Bern

Abb. 2.3 Kernkraftwerk Gösgen, Kanton Solothurn Abb. 2.4 Kernkraftwerk Leibstadt, Kanton Aargau

Abb. 2.5

Genève

Lausanne

Basel

Rhein

Olten

Aare

Bern

Mühleberg

Foto: KKB

Foto: KKG

Leibstadt

Beznau

Brugg Zürich

Gösgen

Lugano

St. Gallen

Chur

Foto: KKM

Foto: KKL


Teil 2

Die Kernenergie in der Schweiz

Zuverlässige Schweizer Atomstromproduktion

In der Schweiz stehen heute 5 Kernkraftwerke in Betrieb:

• Beznau-1 seit 1969 (mit heute 365 Megawatt Leistung)

• der baugleiche Block Beznau-2 seit 1972 (mit ebenfalls 365 Megawatt Leistung)

• Mühleberg seit 1972 (mit heute 373 Megawatt Leistung)

• Gösgen seit 1979 (mit heute 985 Megawatt Leistung)

• Leibstadt seit 1984 (mit heute 1165 Megawatt Leistung)

Abb. 2.1 – 2.5: Die Schweizer Kernkraftwerke

Im Jahr 2009 produzierten die fünf Werke zusammen 26,2 Milliarden Kilowattstunden

Strom. Das sind rund 40 % der schweizerischen Stromerzeugung. Seit ihrer Inbetriebnahme

sind die Schweizer Kernkraftwerke laufend modernisiert worden. Zusammen mit

der sorgfältigen Wartung befinden sie sich heute immer noch in sehr gutem Zustand

und erzeugen zuverlässig Strom. In den vergangenen 20 Jahren steigerten sie ihre jährliche

Gesamtproduktion um rund 5 Milliarden Kilowattstunden – das entspricht etwa

der Jahresproduktion eines zusätzlichen mittelgrossen Kernkraftwerks.

Zusatzinformationen zur sicherheitstechnischen Nachrüstung

In der Schweiz sind die drei dienstältesten Kernkraftwerke Beznau-1, Beznau-2 und Mühleberg

Ende der 1980er-Jahre / Anfang der 1990er-Jahre sicherheitstechnisch umfassend nachgerüstet

und modernisiert worden. Sie erfüllen nicht nur die heutigen internationalen Vorschriften,

sondern übertreffen diese in vielen Fällen – wie selbstverständlich auch die beiden

jüngeren Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt. Alle Anlagen werden periodisch dem Stand

der Technik angepasst. Dazu das Beispiel Beznau: Seit der Betriebsaufnahme in den Jahren

1969 und 1972 hat die Axpo Holding AG bis heute über 1,6 Mrd. Franken zusätzlich investiert

– das ist mehr als doppelt so viel, wie der Bau der beiden Anlagen ursprünglich gekostet

hat.

Nutzen für alle

Die Schweizer Kernkraftwerke werden von den grossen Schweizer Elektrizitätswerken

betrieben. Diese befinden sich vollständig oder grossmehrheitlich im Besitz der Kantone

und der grossen Städte. Diese profitieren vom preisgünstigen Strom und die Gewinnausschüttung

fliesst in den Staatssäckel. Wir alle profitieren von ihrem erfolgreichen

Betrieb. Die vielzitierten «Strombarone» sind letztlich das Volk bzw. die von ihm gewählten

Behörden.

Technisch begrenzte Betriebsdauer

Die Investitionen in die Schweizer Kernkraftwerke sind so vorgenommen worden, dass

die dienstälteren Anlagen Beznau-1 und -2 sowie Mühleberg mindestens 50 Jahre, d.h.

bis in die Zeit nach 2020 sicher betrieben werden können. Die beiden jüngeren Anlagen

in Gösgen und Leibstadt sind gegenwärtig auf 60 Jahre Betrieb ausgerichtet. Sie müssten

demnach erst nach 2040 ersetzt werden. Die effektive Laufzeit ist ein unternehmerischer

Entscheid der Betreiberfirmen. Keine Kompromisse gibt es bei der Sicherheit: Sie wird

bis zum letzten Betriebstag voll gewährleistet und eine unabhängige Bundesbehörde

überwacht sie ständig.

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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Meinungen zur Sicherheit der Kernkraftwerke in der Schweiz

Frage:

«Halten Sie die bestehenden

Kernkraftwerke in der Schweiz

eher für sicher oder eher für

unsicher?»

Quelle: Swissnuclear, 2009

Abb. 2.6

Millionen Franken

Die Schweizer Bevölkerung

anerkennt den Leistungs-

ausweis der Kernenergie

250

200

150

100

Abb. 2.7

Abb. 2.8

50

0

39,0

27,3

1988

90

92

94

96

100

[%]

80

60

40

20

0

98

75,3

17,0

7,6

76,7

18,6

80,4 82,9 83,3 78,3 78,4 79,4 82,4

15,5

12,7 13,6 16,2 17,2

«eher für sicher»

«eher für unsicher»

4,6 4,0 4,3

5,5

4,3 6,0

3,1

14,6 14,7

2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009

Erhebungsjahr

Weiss nicht /

keine Antwort

Aufwendungen der öffentlichen Hand für die Energieforschung

inkl. Pilot- und Demonstrationsprojekte; Werte nicht teuerungskorrigiert

2000

02 04

(Wechsel der Klassifikation zwischen den Jahren 1995 und 1996)

25,9 26,1 39,3 67,2 15,6

2007

2,9

Unterstützende Techniken /

energiewirtschaftliche

Grundlagen (bis 1995)

Fossile Energieträger

(bis 1995)

Energiewirtschaftliche

Grundlagen und Transfer

(ab 1996)

Effiziente Energienutzung

Erneuerbare Energien

Kernspaltung

Kernfusion

Quelle: Bundesamt für Energie

Die öffentlichen Forschungsbudgets für die Kernenergie sind relativ gering

Anteil der neuen erneuerbaren Energien 2009

an der gesamten schweizerischen Netto-Elektrizitätsproduktion

Wasserkraftwerke

54,1%

nicht erneuerbare

Stromproduktion

43,8%

neue, erneuerbare

Stromproduktion

2,04%

Erneuerbare

Anteile

aus Abfall

1,44%

Wind

0,035%

Quelle: Bundesamt für Energie, schweizerische Statistik der erneuerbaren Energien, Ausgabe 2009

Biogase aus der

Abwasserreinigung

0,19%

Sonne

0,078%

Biomasse

(Holz, Biogas

Landwirtschaft)

0,300%

Biogas, Biomasse, Sonne und Wind liefern zusammen nur rund 0,6 % der Landeserzeugung


Teil 2 Die Kernenergie in der Schweiz

Schweizer Bevölkerung anerkennt den Leistungsausweis

Die Schweizer Bevölkerung anerkennt den Leistungsausweis der Schweizer Kernkraftwerke.

Im Mai 2003 verwarfen die Stimmberechtigten eine Ausstiegsinitiative deutlich

mit 66,3 % Nein, und auch die Verlängerung des Moratoriums für den Bau neuer Kernkraftwerke

fand mit 58,4 % Nein-Stimmen keine Mehrheit. Umfragen zeigen immer wieder,

dass gut zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger die Schweizer Kernkraftwerke als

nötig für die Stromversorgung erachten und über drei Viertel von ihrer Sicherheit überzeugt

sind.

Abb. 2.6: Meinungen zur Sicherheit der Kernkraftwerke in der Schweiz

Kernkraftwerke erhalten keine Subventionen

Die Atomstromproduktion ist in der Schweiz nicht subventioniert. Der Strompreis ab

Kernkraftwerk enthält alle anfallenden Kosten, einschliesslich der Entsorgung der

radioaktiven Abfälle, des späteren Rückbaus der Anlagen wie auch der Versicherungen.

Im Rahmen der Forschungsförderung unterstützte der Bund in den letzten zehn Jahren

die Sicherheitsforschung an den bestehenden Kernkraftwerken mit rund 25 Mio. Franken

jährlich. Das ist wenig im Vergleich zur direkten Wertschöpfung der fünf Schweizer

Kernkraftwerke von deutlich über einer Milliarde Franken jährlich. Die Kernenergie ist

auch für den Staat ein gutes Geschäft.

Abb. 2.7: Aufwendungen der öffentlichen Hand für die Energieforschung

Grosser Nutzen aus der Anschubförderung

Die Kernenergieforschung wird in der Schweiz seit 1956 gefördert. In den ersten 26 Jahren

der Förderung gab der Bund dafür teuerungsbereinigt insgesamt rund 1,25 Mrd.

Franken aus. Das ist etwa gleich viel, wie der Bund in den ersten 26 Jahren – seit 1974

für die Forschung bei den erneuerbaren Energien ausgegeben hat (1,13 Mrd. Franken).

Seit Anfang der 1990er-Jahre werden die erneuerbaren Energien und die effiziente Energienutzung

deutlich stärker gefördert als die Kernenergie. Auf die Stromproduktion hatte

diese Forschung jedoch bisher kaum Auswirkungen: Im Jahr 2009 lieferten Biogas,

Biomasse, Sonne und Wind zusammen nur rund 0,6 % der Landeserzeugung.

Abb. 2.8: Anteil der erneuerbaren Energien an der schweizerischen Stromproduktion

17

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


18

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Milliarden Franken

Abb. 2.9

16

14

12

10

8

6

4

2

0

Bezahlung der Kosten für Stilllegung und Entsorgung

15,5

Mrd.

Gesamtkosten

(Preisbasis 2006)

4,6

Mrd.

4,0

Mrd.

2,4

Mrd.

Bis Ende 2009 direkt durch

die Betreiber bezahlte Kosten

Bereits bezahlte bzw. in den

Fonds sichergestellte Mittel

Noch zu zahlende bzw. in den

Fonds sicherzustellende Mittel

Fondsvermögen Ende 2009 Verbleibende durch

(bisherige Beiträge der Betreiber

und Kapitalerträge)

Zukünftige Fondsbeiträge der Betreiber

und Kapitalerträge der Fonds

die Betreiber direkt

zu zahlende Kosten

4,5

Mrd.

100%

Die Entsorgung der Abfälle ist nach dem Verursacherprinzip vorfinanziert

80%

60%

40%

20%

0%

Quellen: Stilllegungsfonds für Kernanlagen und

Entsorgungsfonds für Kernkraftwerke


Teil 2 Die Kernenergie in der Schweiz

Die Entsorgung der Abfälle ist vorfinanziert

Über die Kosten für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle und den späteren Rückbau

der Kernkraftwerke brauchen sich unsere Nachkommen nicht den Kopf zu zerbrechen.

Die Kosten von heute 0,8 Rappen pro Kilowattstunde sind nach dem Verursacherprinzip

im Preis des Atomstroms inbegriffen und werden von der heute lebenden Generation

bezahlt, die auch den Nutzen vom Atomstrom hat.

Die gesamten Entsorgungs- und Stilllegungskosten werden periodisch neu berechnet

und betragen aus heutiger Sicht rund 15,5 Mrd. Franken. Bis Ende 2009 haben die

Schweizer Kernkraftwerkbetreiber bereits 8,6 Mrd. Franken für die Entsorgung ausgegeben

oder in den vom Bund überwachten Entsorgungs- und Stilllegungsfonds sichergestellt.

Abb. 2.9: Kosten für Stilllegung und Entsorgung

19

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


20

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 3.1 Kernenergie ist sauber und benötigt keine riesigen Materialtransporte wie die fossilen Energien

Abb. 3.3

Quelle:

Euratom Supply

Agency, 2009

Herkunft des Urans in der EU im Jahr 2008

USA 2 %

Südafrika und Namibia 5 %

Niger 10 %

Kanada 25 %

Foto: KKG

Andere / unbestimmt 3 %

EU 3 %

Abb. 3.2 Der Kernbrennstoff Uran in der Form,

wie er in den Kernkraftwerken zum Einsatz kommt.

Aus zwei solchen Uranoxid-Tabletten (UO2 ) lässt

sich soviel Strom erzeugen, wie ein 4-Personen-

Haushalt in einem Jahr verbraucht.

Russland 17 %

Australien 16 %

Wiederangereichertes Uran aus

Rückständen der Anreicherung

4 %

Zurück verdünntes, hoch

angereichertes Uran

3 %

Kasachstan 6 %

Usbekistan 6 %

Europa und die Schweiz können auf zahlreiche Lieferantenländer zurückgreifen

Foto: Nuklearforum Schweiz


Teil 3

Die Stärken der Kernenergie

Kernkraftwerke schonen die Ressourcen der Erde

In den Atomkernen steckt sehr viel Energie. Kernkraftwerke benötigen daher nur sehr

geringe Mengen Brennstoff, um grosse Mengen Strom zu erzeugen. Ein 1000-Megawatt-

Kernkraftwerk wie jenes in Gösgen beispielsweise benötigt pro Jahr rund 200 Tonnen

Natururan, um rund eine Million Menschen mit Strom zu versorgen. Ein Kohlekraftwerk

gleicher Grösse muss dafür über 2’000’000 (zwei Millionen) Tonnen Kohle verbrennen,

mit allen damit verbunden Umweltbelastungen in Luft und Boden. Ein Ölkraftwerk

würde rund 1’400’000 Tonnen Schweröl – etwa 10 Millionen Barrel – benötigen, und

ein modernes Gaskraftwerk rund 980’000 Tonnen Erdgas.

Abb. 3.1: Tankzug mit Erdöl

Diese gewaltigen Unterschiede kommen auch beim Transport und der Lagerung zur

Geltung: Aus den rund 200 Tonnen Natururan werden ungefähr 23 Tonnen angereichertes

Uran hergestellt, die schliesslich ans Kraftwerk geliefert werden. Da Uran sehr

dicht ist, würde diese für ein Jahr Kraftwerksbetrieb benötigte Menge volumenmässig in

den Kofferraum eines grossen Autos passen.

Die enorm hohe Energiedichte des Kernbrennstoffs bzw. die geringen benötigten

Materialmengen sind der entscheidende ökonomische und ökologische Wettbewerbsvorteil

für die Kernenergie.

Abb. 3.2: Kernbrennstoff

Dieser Pluspunkt ist im Hinblick auf die Herausforderungen wichtig, vor denen die

Menschheit angesichts des steigenden Energiebedarfs vor allem in den bevölkerungsreichen

Schwellenländern wie China, Brasilien oder Indien steht. Es geht darum, die

Umwelt- und Klimabelastungen durch die Energieproduktion möglichst tief zu halten

und gleichzeitig mit den knapper und teurer werdenden Rohstoffen wie Eisen, Kupfer

oder Aluminium so haushälterisch wie möglich umzugehen.

Die Abfallprodukte der Kernkraftwerke – der potenziell gefährliche radioaktive Abfall

– werden bei ihrer Entstehung sorgfältig eingeschlossen und später tief im Boden sicher

gelagert, bis die Radioaktivität abgeklungen ist. Die Abfallmengen sind im Vergleich zu

allen anderen Stromerzeugungstechniken sehr gering. Daher ist es technisch möglich

und wirtschaftlich machbar, die Abfälle zurückzuhalten, einzuschliessen und kontrolliert

zu entsorgen.

Hohe Versorgungssicherheit mit Uran

Uranerz ist ein natürlich vorkommendes Mineral und kommt an vielen Stellen in der

Erdkruste wie auch im Meerwasser vor. Entsprechend können wir auf zahlreiche Lieferanten

zurückgreifen. Die zurzeit bekannten Uranreserven befinden sich zu einem grossen

Teil in geopolitisch stabilen Regionen und demokratisch regierten Ländern wie Australien

und Kanada. Dies führt zu einer hohen Liefersicherheit. Zudem lässt sich Uran

problemlos lagern.

Abb. 3.3: Herkunft des Urans in der EU

21

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


22

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 3.4

472

387

Weltweite Uranreserven 2009 (in 1000 Tonnen Uran)

USA

Kanada

158

Niger

245

Brasilien

Namibia

157

Kasachstan Russland

181

Ukraine 414

142

195

Südafrika

44

76

Jordanien

55

38 Mongolei

Usbekistan

116

Indien

1179

China

Australien

Angegeben sind die

RAR (Reasonably

Assured Resources)

bei einem Uranpreis

bis 260 Dollar pro kg

Quelle: OECD / IAEO,

«Red Book» 2009

Viele der heute bekannten Uranvorkommen befinden sich in politisch stabilen Regionen

Abb. 3.5 Unterirdisch und hohe Erzkonzentration: Uranmine Rabbit Lake, Kanada

Abb. 3.6 Abbau an der Erdoberfläche und tiefe Erzkonzentration: Uranmine Rössing, Namibia

Foto: Cameco

Foto: Rio Tinto


Teil 3 Die Stärken der Kernenergie

Pro Jahr benötigt die Schweiz rund 600 Tonnen Natururan. Typischerweise lagern die

Kernkraftwerke jene Menge an frischem Kernbrennstoff bei sich, die sie für das nächste

Betriebsjahr benötigen. Während der jährlichen Revision wird jeweils nur rund ein

Viertel des Kernbrennstoffs ausgewechselt. Falls aus irgendwelchen Gründen plötzlich

kein frischer Kernbrennstoff in die Schweiz eingeführt werden könnte, würden unsere

Kernkraftwerke während zwei bis drei Jahren mit abnehmender Leistung weiter Strom

produzieren.

Damit ist bei der Kernenergie ein Grad an Versorgungssicherheit gewährleistet, der

bei Erdöl oder Erdgas nie erreicht werden kann. Die Zielgrösse bei den Erdölpflichtlagern

beträgt beispielsweise 4,5 Monate.

Die Uranreserven der Erde reichen noch sehr lange

Gemäss der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der

Industrieländer (OECD) reichen die bekannten und zu einem Preis von 260 Dollar pro

Kilogramm abbauwürdigen Uranreserven beim heutigen Verbrauch für mehr als

hundert Jahre.

Abb. 3.4: Weltweite Uranreserven

Bei steigendem Uranpreis werden weitere Uranlager erschlossen und die Reichweite

steigt entsprechend an. Zudem lohnt sich der Ausbau der Urangewinnung aus Kupfererzen,

Phosphaten und Kohleaschen wie auch die Nutzung der grossen Mengen Uran,

die bisher als Rückstand der Anreicherung eingelagert worden sind und immer noch

leicht spaltbares Uran enthalten. Dadurch erhöht sich die Reichweite der Uranvorräte auf

über 500 Jahre.

Bei der Kernbrennstoffversorgung gibt es mehr als nur eine Zukunftsoption.

Steigt der Preis gar noch weiter, wird die Gewinnung aus Meerwasser rentabel – ein Verfahren,

das die Japaner schon praktisch ausprobiert haben. Die Reichweite des Urans

steigt so auf tausende von Jahren – dies bei der heutigen Technologie. Damit sind die

Uranreserven nach menschlichen Massstäben praktisch unbegrenzt.

Das gilt noch viel stärker bei der Einführung von Reaktorsystemen einer nächsten Generation

– sogenannten Schnellen Reaktoren («Schnellen Brütern») –, die über 50-mal

mehr Energie aus dem Natururan gewinnen können als die heutigen Anlagen.

Uranerz kann auch bei geringer Konzentration abgebaut werden

Entgegen anderslautenden Behauptungen hat der Energieaufwand in den Uranminen

keine wesentliche Bedeutung in der nuklearen Produktionskette. Die bisherigen praktischen

Erfahrungen im Uranbergbau zeigen, dass Uranerze mit Konzentrationsgraden bis

hinunter zu 0,01 % oder noch tiefer ohne massiv steigenden Energieaufwand gewonnen

werden können, und oft werden gleichzeitig mit dem Uran noch weitere Rohstoffe

gefördert. Das bedeutet, dass die energetisch sparsam gewinnbaren Uranreserven der

Erde beim heutigen Verbrauch noch hunderte von Jahren ausreichen.

Abb. 3.5 und 3.6: verschiedene Typen von Uranminen

Die Kernenergie ist auch bei der Nutzung von sehr gering konzentrierten Uranvorkommen

eine sehr energieeffiziente Stromerzeugungstechnik und wird es auch

in Zukunft bleiben.

23

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


24

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Quelle: KKG, Geschäftsbericht 2009

Abb. 3.7

Treibhausgasemissionen (CO2-Äquivalente)

in Gramm pro Kilowattstunde

Abb. 3.8

1250

1000

750

500

250

0

1231

Braunkohle

Treibhausgasemissionen (Life cycle)

1078

Steinkohle

885

Erdöl

Kostenstruktur im KKW Gösgen im Jahr 2009

644

Erdgas

426

Gaskombi

Finanzerfolg und Gewinn

Abschreibungen

Sachanlagen

Stilllegung und

Nachbetrieb

Nukleare

Entsorgung

Kernenergie

Wasserkraft

7,3 %

12,1 %

Werte für die heutigen durchschnittlichen

Stromversorgungssysteme in Europa (UCTE)

und in der Schweiz

Fotovoltaik

8,0 %

11,1 %

Kernbrennstoff

davon Rohstoff Uran:

rund 5 % der Gesamtkosten

Wind

8 4

78 17

Die Kernenergie schont Umwelt und Klima

Abb. 3.9 Vorbereitung der Urananreicherung in einer Zentrifugenanlage in Deutschland

4,8

%

Betrieb

56,7 %

Quelle:

Paul Scherrer Institut,

2007

Foto: Urenco


Teil 3 Die Stärken der Kernenergie

Uranpreis hat geringen Einfluss auf die Strompreise

Der Preis von Natururan ist Schwankungen unterworfen und richtet sich nach Angebot

und Nachfrage. Kaufkraftbereinigt liegen die Spotmarkpreise gegenwärtig (Sommer

2010) tiefer als in den 1970er-Jahren. Freilich wird das meiste Uran im Rahmen langfristiger,

preisstabiler Lieferverträge gehandelt. Die Konsumentinnen und Konsumenten

müssen aber wegen höherer Uranpreise keine spürbar steigenden Strompreise befürchten,

denn der Preis von Natururan macht nur rund 5 % der Stromerzeugungskosten in

einem Kernkraftwerk aus. Das bedeutet, dass die Kosten von Atomstrom langfristig abschätzbar

sind. Das gibt Sicherheit für die Schweizer Wirtschaft.

Abb. 3.7: Kostenstruktur des Kernkraftwerks Gösgen

Kernkraftwerke schonen Umwelt und Klima

Das zum ETH-Bereich gehörende Paul Scherrer Institut (PSI) berechnet und vergleicht

seit Jahren die Umwelt- und Gesundheitsbelastungen der verschiedenen Stromerzeugungstechniken.

Die Wissenschafter betrachten dabei die gesamte Energiekette «von der

Wiege bis zur Bahre» – bei der Kernenergie also vom Abbau des Uranerzes in den Minen

über die Herstellung des Uranbrennstoffs bis zum Bau der Tiefenlager für die Entsorgung

der radioaktiven Abfälle und dem Rückbau der Kernkraftwerke bis zur grünen

Wiese.

Abb. 3.8: Treibhausgasemissionen der verschiedenen Stromerzeugungssysteme

Die Ergebnisse sind eindeutig: In der Schweiz erzeugen Wasserkraft und Kernenergie

pro Kilowattstunde die geringsten Mengen an Treibhausgasen. In seinem

2007 veröffentlichten vierten Lagebericht führt der Weltklimarat der Uno (Inter-

governmental Panel on Climate Change, IPCC) die Kernenergie ausdrücklich als

Schlüsseltechnologie zur Linderung des Klimaproblems auf.

Würden wir heute den in der Schweiz erzeugten Atomstrom in modernen Gaskombikraftwerken

erzeugen, würde die Luft mit so viel CO2 zusätzlich belastet, wie alle Autos

in der Schweiz ausstossen.

Zusatzinformationen zur CO2-Bilanz

Die CO2-Bilanz der Energiekette der Kernenergie hängt unter den heutigen Bedingungen

entscheidend von der Urananreicherung ab bzw. woher der dafür nötige Strom stammt. Die

Kernkraftwerke in der Schweiz und in den meisten westeuropäischen Ländern beziehen

ihren Kernbrennstoff vorwiegend aus Anlagen mit Zentrifugen – die wenig Strom benö-

tigen – oder aus der französischen Diffusionsanlage Eurodif in Tricastin. Diese benötigt

zwar pro Kilogramm angereichertes Uran etwa 40-mal mehr Energie als eine moderne

Zentrifugenanlage. Eurodif bezieht die Energie jedoch aus den danebenstehenden Kernkraftwerken,

die praktisch CO2-frei produzieren. Eurodif wird gegenwärtig durch eine moderne

und energiesparende Zentrifugenanlage ersetzt.

Im ungünstigsten Fall – etwa bei der alten energieintensiven Diffusionsanlage Paducah in

den USA, die von einem Steinkohlekraftwerk versorgt wird – können die CO2-Emissionen der

Energiekette auf rund 60 Gramm pro Kilowattstunde ansteigen, also etwa in die Grössenordnung

der Energiekette der Solarzellen. Die Anlage in Paducah wird in den kommenden

Jahren ebenfalls durch moderne Zentrifugenanlagen ersetzt.

Der Uranabbau in Erzminen trägt – anders als oft behauptet – nur wenig zur gesamten CO2-

Bilanz der Kernenergie bei.

Abb. 3.9: Urananreicherung

25

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


26

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

100%

90%

80%

70%

60%

50%

40%

30%

20%

10%

0%

Abb. 3.10

Kupferbedarf

in Kilogramm pro Gigawattstunde

Abb. 3.11

Produktionsmix in europäischen Ländern 2007

CH F A D DK I NL PL

Der Schweizer Strommix ist schon heute umweltschonend

Bedarf an Kupfer

(Life Cycle)

250

200

150

100

50

0

Braunkohle

Kernenergie

Steinkohle

min. Ø max.

Wasserkraft

min. Ø max.

U.K.

Wind (Land)

Schweiz

min. Ø max.

Dänemark

Wind (Meer)

min. Ø max.

Spanien

Fotovoltaik

Finnland

min. Ø max.

Die Kernenergie schont die Rohstoffressourcen der Erde

andere

erneuerbare

Energien

Wasserkraft

Kernenergie

fossile

Brennstoffe

Quelle:

UCTE/BFE, 2008

Angegeben ist die Menge an Kupfer, die in der jeweiligen Energiekette eingesetzt

werden muss, um eine Million Kilowattstunden Strom zu erzeugen

Werte für das

europäische Stromversorgungsnetz

(UCTE)

Quelle: OECD / NEA, 2007

(basierend auf Daten des PSI)


Teil 3 Die Stärken der Kernenergie

Umweltfreundlicher Schweizer Strommix

Dank des Produktionsmix aus Wasserkraft und Kernenergie und wegen des Fehlens von

Schwerindustrie ist der CO2-Ausstoss pro Kopf in der Schweiz deutlich geringer als in

den Nachbarländern. Im kernkraftwerkfreien Österreich beispielsweise wird rund ein

Drittel des Stroms aus Kohle, Erdöl und Erdgas erzeugt, in Deutschland rund 60 %. In

Dänemark werden mehr als zwei Drittel des Stroms fossil erzeugt, in Italien über 80 %,

und in Polen gar 98 %. Anders als andere europäische Länder verfügt die Schweiz – wie

das kernenergiefreundliche Frankreich – schon heute über einen sehr umweltfreundlichen

Strommix.

Abb. 3.10: Strommix der Schweiz im internationalen Vergleich

Kernenergie schont die Rohstoffreserven der Erde

Über der Klimafrage darf nicht vergessen werden, dass die Kernenergie bezüglich Umweltbelastung

im Vergleich zu den übrigen Energiequellen generell gut dasteht. Das

zeigen die von den Wissenschaftern des PSI errechneten Ökoindikatoren. Sie belegen,

dass Wasserkraft und Kernenergie weitaus die geringsten Belastungen für Wasser, Luft,

Boden, Gesundheit, Landverbrauch und Rohstoffressourcen der Erde bewirken.

So erfordert die Stromproduktion den Einsatz nicht-energetischer Rohstoffe wie zum

Beispiel Kupfer, Eisen oder Aluminium sowie von Beton. Die Lebenszyklusanalysen des

PSI zeigen, dass beim Bedarf des wichtigen Metalls Kupfer die Wasserkraft und die

Kernenergie am besten abschneiden, während die Wind- und vor allem die Solaranlagen

eine sehr viel schlechtere Bilanz aufweisen, insbesondere wenn sie in windschwachen

bzw. relativ sonnenarmen Gebieten wie der Schweiz gebaut werden. Dieses Gesamtbild

gilt ähnlich auch für weitere nicht-energetische Rohstoffe wie Eisen, Aluminium oder

Beton.

Abb. 3.11: Bedarf an Kupfer der verschiedenen Stromerzeugungssysteme

Wenig Luftschadstoffe und sehr geringer Landverbrauch

Analog wie bei den Treibhausgasen gehört die Kernenergie auch bei den Luftschadstoffen

Schwefeldioxid (SO2), Stickoxide (NOx) und Feinstaub zusammen mit den erneuerbaren

Energien zu den gesundheitsschonendsten Energietechnologien überhaupt.

Das Gleiche gilt für den Landverbrauch pro Kilowattstunde: Hier ist die Kernenergie

sogar klar die sparsamste Stromerzeugungstechnik, auch wenn die gesamte Energiekette

einschliesslich des Uranabbaus in den Minen mitgerechnet wird.

Zusammenfassend gilt: Ein genauer Blick auf die wissenschaftlich erarbeiteten

Energie- und Umweltbilanzen zeigt, dass der Atomstrom mindestens so umweltschonend

ist wie die erneuerbaren Energien. Die Ökobilanzen zeigen, dass der

Atomstrom eigentlich das Label «Ökostrom» tragen müsste. Zusammen mit der

Wasserkraft ist die Kernenergie heute in der Schweiz sogar die umweltfreundlichste

und energieeffizienteste Art der Stromerzeugung überhaupt.

27

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


28

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 4.1

Abb. 4.2

Abb. 4.3

Genève

Durchschnittliche jährliche Strahlendosis pro Person

1,3 mSv

Medizin

und technische

Strahlenquellen

2,7 mSv

Kernkraftwerke:

weniger als 0,01 mSv (Millisievert)

natürliche

Strahlenquellen

inkl. Radon

Quelle: Bundesamt für Gesundheit, 2009

Aus Kernanlagen gelangt praktisch keine Radioaktivität in die Umwelt

Lausanne

Quelle: Bundesamt für Gesundheit

Natürliche Strahlendosen in der Schweiz

Pro Person, bei einem ganzjährigen Aufenthalt im Freien (in Millisievert)

Basel

Sion

Bern

0,3

0,3

Hospental

Leibstadt

Biasca

Zürich

0,3

1,0

Säntis

0,4 0,7

Maloja

Davos

Müstair

Volumen der hochradioaktiven Abfälle

Nach 50 Jahren Kernenergie

hinterlässt jeder Bewohner der

Schweiz diese geringe Menge an

hochradioaktivem Kernbrennstoff.

Sie findet bequem in zwei

Zündholzschachteln Platz.

Quelle:

Nuklearforum

Schweiz, 2009

kosmische Strahlung

terrestrische Strahlung

Die Strahlendosen

schwanken stark je nach

Ort und Höhenlage

Es ist technisch möglich und wirtschaftlich machbar, die radioaktiven Abfälle

konsequent einzuschliessen und für ausreichend lange Zeit zu entsorgen.


Teil 4

Vorbehalte gegenüber Kernenergie

Radioaktivität – ein natürliches Phänomen

Radioaktivität gibt es seit der Entstehung der Welt und ist überall in unserer Umwelt und

in unserem Körper vorhanden. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt und ist

heute eines der am besten erforschten Umweltphänomene. So wissen wir heute, dass

70 % der durchschnittlichen Strahlendosis der Schweizer Bevölkerung aus der Natur

stammen, weitere 25 % aus der Medizin und knapp 5 % aus technischen Anwendungen.

Aus den Schweizer Kernanlagen gelangen praktisch keine radioaktiven Stoffe in die Umwelt.

Die durch sie verursachte Strahlung liegt tiefer als ein Hundertstel der natürlichen

Strahlendosis.

Abb. 4.1: Durchschnittliche jährliche Strahlendosis pro Person

Die Strahlenbelastung aus natürlichen Quellen ist von Ort zu Ort sehr unterschiedlich.

In den Alpen kann sie, je nach Geologie und Höhenlage, bis zu doppelt so hoch sein wie

im Mittelland. Strahlung aus natürlichen und technischen Quellen unterscheidet sich

nicht in ihrer Wirkung und Gefährlichkeit. Deshalb setzt die natürliche Radioaktivität

einen verlässlichen Massstab für den sicheren Umgang mit technisch erzeugter Strahlung.

Abb. 4.2: Natürliche Strahlendosen in der Schweiz

Zusatzinformationen zur natürlichen Radioaktivität

Die Natur hat sogar Kernreaktoren hervorgebracht. Wissenschafter haben herausgefunden,

dass in der Umgebung von Oklo in Gabun (Zentralafrika) vor knapp 2 Milliarden Jahren

mehr als ein Dutzend natürliche Kernreaktoren existierten, die über mehrere tausend Jahre

Energie abgaben. Diese Naturreaktoren lagen an der Erdoberfläche und funktionierten

nach dem genau gleichen physikalischen Grundprinzip wie die heutigen Leichtwasserreaktoren,

zu denen auch die Schweizer Kernkraftwerke gehören.

Radioaktive Abfälle sind unvermeidlich

Jede Form der Energiegewinnung hat Vor- und Nachteile. So auch die Kernenergie: Beim

Betrieb eines Kernkraftwerks entstehen verschiedene Arten von radioaktiven Abfällen.

Sie stellen – je nach Zusammensetzung – ein Gefahrenpotenzial für einige hundert bis

gut hunderttausend Jahre dar und müssen daher über diese Zeiträume hinweg vom

Lebensraum von Mensch, Tier und Pflanzen getrennt werden.

Geringe Abfallmengen

Die Menge der radioaktiven Abfälle ist jedoch gering. Aus heutiger Sicht werden die bestehenden

Schweizer Kernkraftwerke bis zum Ende ihrer Betriebsdauer insgesamt 7300

Kubikmeter hochradioaktive Abfälle produzieren (einschliesslich der Verpackung), was

etwa dem Volumen von zwei Heissluftballons entspricht. Dazu kommen (verpackt) rund

60’000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle, die jedoch nur 1,7 % der

Radioaktivität enthalten. Zum Vergleich: Aus der Kehrichtverbrennung hinterlässt jeder

von uns im gleichen Zeitraum fast 50mal mehr schwermetallhaltige Rückstände, die in

Oberflächendeponien entsorgt werden.

Abb. 4.3: Volumen der hochradioaktiven Abfälle

29

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


30

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Langzeitlagerung unabhängig vom Geschehen an der Erdoberfläche

Heute in 300 Jahren? in 10’000

Jahren?

Abb. 4.4

Abb. 4.5 Zwischenlager in Würenlingen, Kanton Aargau

Abb. 4.6 Abtransport von abgebrannten Brennelementen in einem Spezialbehälter

in 50’000

Jahren?

in 100’000

Jahren?

Quelle: w4/Nagra, 2009

Tiefe Gesteinsschichten schliessen radioaktive Stoffe für Millionen von Jahren ein

Foto: Zwilag

Foto: Nuklearforum Schweiz


Teil 4 Vorbehalte gegenüber Kernenergie

Zudem verlieren die radioaktiven Abfälle durch das natürliche Abklingen der Radioaktivität

mit der Zeit ihre Gefährlichkeit. So strahlen beispielsweise die hochradioaktiven

Abfälle nach 1000 Jahren nur noch etwa fünfmal stärker als das natürliche Mineral Pechblende,

aus dem das Uran gewonnen wird. Sie müssen jedoch auch weiterhin von der

Nahrungskette ferngehalten werden.

Langzeitlagerung tief in der Erde

International sind sich die Fachleute seit Langem einig, dass die Lagerung in tiefen Gesteinsschichten

ein auch über sehr lange Zeiträume sicherer Weg für die Entsorgung ist.

Das gilt ebenso für die radioaktiven Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung. Das

Schweizer Parlament hat daher die geologische Tiefenlagerung für alle Arten von radioaktiven

Abfällen verbindlich vorgeschrieben.

Abb.4.4: Langzeitlagerung

Die Betreiber der Schweizer Kernkraftwerke haben bereits bei der Inbetriebnahme mit

Rückstellungen für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle begonnen. Die Betreiber

der Kernkraftwerke und die Eidgenossenschaft – sie ist zuständig für die Entsorgung

der radioaktiven Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung – haben für diese Aufgabe

1972 die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) gegründet.

Zwischenlagerung in Würenlingen

Vor der geologischen Tiefenlagerung ist bei den hochradioaktiven Abfällen eine kontrollierte

Zwischenlagerung von rund 40 Jahren nötig. In diesem Zeitraum klingt ein wesentlicher

Teil der Radioaktivität und der Wärme ab. In der Schweiz erfolgt die Zwischenlagerung

im «Zwilag» in Würenlingen (Kanton Aargau), wo zudem ein wesentlicher

Teil der leicht radioaktiven Abfälle endlagergerecht verarbeitet wird.

Abb.4.5: Zwischenlager

Recycling durch Wiederaufarbeitung

Ein ausgedientes Brennelement, wie es nach drei bis vier Jahren Betrieb aus dem Reaktor

entladen wird, besteht nur zu rund 4 % aus radioaktivem Abfall. Die übrigen 96 % sind

grundsätzlich weiterhin als Kernbrennstoff nutzbar. In Wiederaufarbeitungsanlagen wie

in La Hague in Frankreich oder in Sellafield in England werden die Kernbrennstoffe

vom hochradioaktiven Abfall getrennt und für die Stromerzeugung rezykliert.

Sichere Transporte

Die Wiederaufarbeitung erfordert den Transport der ausgedienten Brennelemente vom

Kernkraftwerk zu den Wiederaufarbeitungsanlagen und der verfestigten und verpackten

Abfälle zurück ins Ursprungsland. Dafür werden sie in spezielle Behälter verpackt, die

heftigen Kollisionen, Feuer und sogar dem Beschuss mit schweren Projektilen widerstehen.

Weltweit hat es noch nie einen Transportunfall mit ausgedienten Brennelementen

oder konditionierten Abfällen gegeben, bei dem radioaktive Stoffe freigesetzt

worden wären.

Abb. 4.6: Strassentransport

31

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


32

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 4.7 Behälter mit ausgedienten Brennelementen und hochradioaktiven Abfällen im Zwischenlager in

Würenlingen

Abb. 4.8

Quelle: Nagra, 2007

Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle

Lagerstollen

Endlagerbehälter

Mögliche Standortgebiete

für hochradioaktive Abfälle

und ausgediente Brennelemente

Mögliche Standortgebiete

für schwach- und mittelradioaktive

Abfälle

Geeignet für beide

Abfallkategorien

Abb. 4.9

Verfüllmaterial

Radioaktiver Abfall

Mehrfache technische und natürliche Barrieren

sorgen für Langzeitsicherheit

Vorgeschlagene Standortgebiete für geologische Tiefenlager

0 5 10 20 30 40

Basel

Kilometer

Jura-Südfuss

(SO, AG)

Olten

Bözberg

(AG)

Aarau

Schaffhausen

Südranden

(SH)

Brugg Baden

Nördlich Lägern

(ZH, AG)

Zürcher Weinland

(ZH, TG)

Wellenberg (NW, OW)

Die radioaktiven Abfälle können langfristig in der Schweiz entsorgt werden

Zürich

Winterthur

Luzern

Stans

500 bis 1000 Meter

Quelle:

Nagra,

2009

Foto: Zwilag


Teil 4 Vorbehalte gegenüber Kernenergie

Recycling-Moratorium für zehn Jahre

Es gibt Länder, die auf das Wiederaufarbeiten verzichten und die ausgedienten Brennelemente

direkt ins Endlager geben. Das vermindert zwar internationale Transporte,

erhöht allerdings das Volumen der hochradioaktiven Rückstände und verlängert die

Dauer, während der sie von der Umwelt ferngehalten werden müssen, auf das Zehn-

fache. Die Wiederaufarbeitung hingegen schont die Uranreserven und verkleinert das

Volumen sowie die Einschlusszeit der radioaktiven Abfälle.

Die Schweizer Kernkraftwerke haben bisher ihre ausgedienten Brennelemente ins

Recycling nach Frankreich und England gegeben. Im Jahr 2003 haben jedoch die Eidgenössischen

Räte ein Moratorium verfügt: Seit Mitte 2006 dürfen während zehn Jahren

keine Brennelemente mehr ins Ausland überführt werden. Das ist kein Problem, da sie

im Zwischenlager in Würenlingen gelagert werden können.

Abb. 4.7: Zwischenlagerung

Fortschritte bei der Endlagerung

Für schwach- und mittelradioaktive Abfälle stehen heute weltweit Dutzende von Endlagern

in Betrieb. Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle werden jedoch erst in einigen

Jahrzehnten benötigt. Dennoch haben bereits einige Länder – zum Beispiel Finnland

und die USA – die Standorte festgelegt und mit dem Bau begonnen.

In der Schweiz hat die Nagra nach vielen Jahren der Vorarbeit nachgewiesen, dass alle

Arten von radioaktiven Abfällen in der Schweiz auf Dauer sicher entsorgt werden

können. Für die hochradioaktiven Abfälle hat der Bundesrat den Entsorgungsnachweis

im Sommer 2006 abschlies send genehmigt. Vorgängig hatten unabhängige in- und ausländische

Experten die Arbeiten der Nagra begutachtet und waren durchwegs zu positiven

Beurteilungen gekommen. Für die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle hat der

Bundesrat den Entsorgungsnachweis bereits 1988 genehmigt.

Abb. 4.8: Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle

Damit hat die Nagra gezeigt, dass in der Schweiz aus wissenschaftlich-technischer Sicht

sichere geologische Tiefenlager für beide Abfalltypen gebaut werden können. Für die

hochradioaktiven Abfälle favorisieren die Fachleute den sogenannten «Opalinuston»,

weil diese geologische Schicht gegenüber den anderen möglichen Wirtsgesteinen sicherheitstechnische

Vorteile hat. Für den Opalinuston können verschiedene Standortgebiete

in Betracht gezogen werden.

Abb. 4.9: Vorgeschlagene Standortgebiete für geologische Tiefenlager

Die Frage, wie die radioaktiven Abfälle in der Schweiz dauerhaft entsorgt werden

können, ist beantwortet. Die Frage lautet heute, wo die entsprechenden Tiefenlager

gebaut werden.

Zusatzinformationen zum Entsorgungsnachweis

Das am 1. Februar 2005 in Kraft getretene Kernenergiegesetz des Bundes verlangt für den

Bau und den Betrieb von Kernkraftwerken den Nachweis für die Entsorgung der anfallenden

radioaktiven Abfälle. Dieser Entsorgungsnachweis muss die grundsätzliche Machbarkeit der

Entsorgung radioaktiver Abfälle in der Schweiz aufzeigen. Er ist keine Standortwahl. 1988

entschied der Bundesrat, dass die Nagra den Entsorgungsnachweis für schwach- und mittelradioaktive

Abfälle am Beispiel des Oberbauenstocks im Kanton Uri erbracht hat. Und im

Juni 2006 entschied der Bundesrat, dass dieser Nachweis auch für hochradioaktive Abfälle

und ausgediente Brennelemente erbracht ist, dies am Beispiel des Zürcher Weinlandes.

33

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


34

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 4.10

Abb. 4.11

Abb. 4.12

7

4

3

Langzeitstabilität nach dem Vorbild der Natur

6

1

2

8

5

Leioceras opalinum

Fundort: Bohrung in Benken ZH,

in 625 Metern Tiefe

Schicht: Opalinuston

Alter: rund 180 Mio. Jahre

Der Opalinuston ist ein sicherer

Wert seit 180 Millionen Jahren

Quelle: Nagra, 2007

Zugangsanlagen für ein Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle

1 Verwaltungsgebäude

2 Betriebsgebäude

3 Lüftungsgebäude

4 Geräteschleuse

5 Verpackungsanlage

6 Bahnzufahrt

7 Strassenzufahrt

8 Zugangstunnel

(überdeckt)

Quelle: Nagra, 2007

Der Landbedarf an der Oberfläche entspricht einem mittelgrossen Industriebetrieb

Sachplanverfahren des Bundes für die Tiefenlager

Die Suche nach

den konkreten

Lagerstandorten

erfolgt unter Führung

des Bundes

Quelle: Bundesamt für Energie, 2007

Gesellschaft

Politische und rechtliche Vorgaben

1. Teil:

Konzept

2. Teil:

Umsetzung

«Sachplan geologische Tiefenlager»

Verfahren für

Standortauswahl

Etappe 1: Auswahl

von potenziellen

Standortgebieten

Etappe 2: Auswahl

von mind. 2 möglichen

Standorten

Etappe 3: Standortwahl;

Start des Bewilligungsverfahrens

Rahmenbewilligungsverfahren

Kantonale

Richtpläne


Teil 4 Vorbehalte gegenüber Kernenergie

Opalinuston: ein sicherer Wert seit 180 Millionen Jahren

Beim Opalinuston handelt es sich um eine Gesteinsschicht, die vor 180 Millionen Jahren

in einem Meer abgelagert wurde und heute in den ins Auge gefassten Gebieten in der

günstigen Tiefe von 400 – 900 Metern liegt. In dieser enorm langen Zeit hat sich der

Opalinuston dort kaum verändert. Auch die Auffaltung der Alpen und des Juras haben

ihn kaum deformiert. Diese grosse Stabilität erlaubt es den Wissenschaftern, mögliche

zukünftige Veränderungen im Opalinuston für über eine Million Jahre plausibel abzuschätzen.

Zudem ist Ton selbstabdichtend und damit praktisch wasserundurchlässig.

Selbst wenn sich Risse bilden sollten, bleibt der Opalinuston dicht.

Das über lange geologische Zeiträume hinweg uneingeschränkte Abdichtungsvermögen

von Tongesteinen dokumentiert die Natur eindrücklich – zum Beispiel im Einschluss

von jahrmillionenalten Erdöl- und Erdgasvorkommen. Ein schönes Beispiel für die konservierenden

Eigenschaften des Oplinustons zeigt der Fund eines Ammoniten in einer

Bohrung im Zürcher Weinland: Das versteinerte Tier ist auch nach 180 Millionen Jahren

nicht deformiert, und auf der Schale ist sogar noch Perlmutt erhalten geblieben. Ammoniten

waren urzeitliche Kopffüssler (wie die Tintenfische), deren Vertreter Leioceras

opalinum dem Opalinuston den Namen gegeben hat.

Abb. 4.10: Langzeitstabilität nach dem Vorbild der Natur

Entsorgung: Lösung ist unabhängig von der Zukunft der Kernenergie

Fazit: Wenn wir wollen, können wir die radioaktiven Abfälle in der Schweiz jederzeit

sicher und für sehr lange Zeiträume entsorgen. Der Landbedarf für die Anlagen an der

Erdoberfläche ist relativ gering und entspricht einem mittelgrossen Industriebetrieb.

Abb. 4.11: Zugangsanlagen für ein Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle

Offen ist noch, wo das oder die Tiefenlager gebaut werden sollen. Darüber wird in den

kommenden Jahren politisch entschieden. Mit dem Vorliegen des Entsorgungsnachweises

ist die Standortwahl rechtlich getrennt von der Frage des Weiterbetriebs und des allfälligen

Neubaus von Kernkraftwerken.

Sachplan für Standortwahl

Zum Festlegen der Lagerstandorte führt der Bund ein sogenanntes Sachplanverfahren

durch. Der «Sachplan geologische Tiefenlager» ist in den vergangenen Jahren unter Einbezug

von Bundesbehörden, Kantonen, Nachbarstaaten, Organisationen, Parteien und

Fokusgruppen aus der Bevölkerung erarbeitet worden.

Abb. 4.12: Sachplanverfahren des Bundes für die Tiefenlager

In seinem ersten Teil legt der Sachplan die Verfahrensweisen und Kriterien für die Auswahl

der Standorte für Tiefenlager fest. Ziel ist, die verschiedenen Auswahlschritte bis

zur Festlegung eines Standorts für alle transparent zu gestalten und die Zusammenarbeit

mit den betroffenen Kantonen und Gemeinden wie auch die Mitwirkung weiterer

interessierter Kreise sicherzustellen.

Im zweiten Teil des Sachplanverfahrens werden in einer ersten Etappe aufgrund der

Geologie die geeigneten Standortgebiete festgelegt. Diese Standortgebiete werden auf

der Basis des bestehenden erdwissenschaftlichen Kenntnisstands von der Nagra vorgeschlagen.

35

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


36

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 4.13

Zeitplan des Uvek für die

Inbetriebnahme der Tiefenlager

Aktion Zeitbedarf Termine

Sachplan- und Rahmenbewilligungsverfahren

Sachplan Etappe 1:

Auswahl von geologischen Standortgebieten

Sachplan Etappe 2:

Auswahl von mindestens zwei Standorten

pro Abfallkategorie

Sachplan Etappe 3:

Wahl von einem oder zwei Standorten

Vorbereitung und Einreichung Rahmenbewilligungsgesuch(e),Überprüfungsund

Genehmigungsverfahren

Entscheid Bundesrat

Erteilung der Rahmenbewilligung

Genehmigung der Rahmenbewilligung

durch das Parlament

allenfalls Volksabstimmung

2,5 Jahre

2,5 Jahre

2,5–4,5

Jahre

1,5 Jahre

1 Jahr

Bau- und Betriebsbewilligungsverfahren

Erdwissenschaftliche Untersuchungen,

Baubewilligung für Felslabor am Standort

(die Bewilligung kann vor Bundesverwaltungsgericht

und Bundesgericht

angefochten werden)

Ergänzende Untersuchungen, Bau Zugangsstollen,

Bau und Betrieb Felslabor

am Standort sowie Baubewilligungsverfahren

geologische Tiefenlager

(die Bewilligung kann vor Bundesverwaltungsgericht

und Bundesgericht

angefochten werden)

Bau Lagerstollen/Kavernen, Vorbereitung

und Erteilung der Betriebsbewilligung

während der Bauphase

(die Bewilligung kann vor Bundesverwaltungsgericht

und Bundesgericht

angefochten werden)

1

Früheste Inbetriebnahme

1

bis 2016/2018

2–4 Jahre bis 2019/2023

SMA:

6–8 Jahre

HAA:

16–18 Jahre

SMA bis

2025/2031

HAA bis

2035/2041

5–7 Jahre SMA bis

2030/2038

Dauer hängt massgeblich davon ab, ob z.B. weitere Sondierbohrungen nötig sind.

SMA: schwach- und mittelradioaktive Abfälle

HAA: hochradioaktive Abfälle und ausgediente Brennelemente

(Quelle: Uvek)

bis 2017/2019

HAA bis

2040/2048

SMA ab 2030

HAA ab 2040


Teil 4 Vorbehalte gegenüber Kernenergie

In einer zweiten Etappe haben die Standortregionen die Möglichkeit, bei der Konkretisierung

der Lagerprojekte sowie den Untersuchungen der sozioökonomischen und raumplanerischen

Auswirkungen mitzuarbeiten. Zudem werden die Standorte sicherheitstechnisch

verglichen. Am Ende dieser Etappe schlägt die Nagra pro Abfallkategorie

mindestens zwei konkrete Standorte vor.

In der dritten Etappe werden diese Standorte vertieft untersucht. Um einen gleichwertigen

sicherheitstechnischen Kenntnisstand zu erhalten, sind gemäss des Eidgenössischen

Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) erdwissenschaftliche

Untersuchungen – inklusive Sondierbohrungen – nötig.

Am Ende des Verfahrens wird der Bundesrat die definitive Standortwahl treffen: entweder

für je einen Standort für schwach- und mittelradioaktive Abfälle und für hochradioaktive

oder für einen gemeinsamen Standort für beide Abfallkategorien. Nach der

Erteilung der Rahmenbewilligung durch den Bundesrat folgt die Genehmigung durch

das Parlament und eine allfällige Volksabstimmung, falls das fakultative Referendum

gegen die Rahmenbewilligung ergriffen wird.

Verfahren zur Standortwahl ist angelaufen

Am 2. April 2008 hat der Bundesrat den Konzeptteil des Sachplans geologische Tiefenlager

verabschiedet. Zentrale Punkte des Sachplans sind:

• Der Bund übernimmt bei der Festlegung der Standorte die Führungsrolle.

• Oberste Priorität bei der Wahl der Standorte hat die langfristige Sicherheit von Mensch

und Umwelt. Die Auswirkungen an der Oberfläche – die sozioökonomischen und

raumplanerischen Aspekte – werden ebenfalls berücksichtigt.

• Die gewählten Standorte müssen so beschaffen sein, dass eine spätere Kapazitäts-

erweiterung der Tiefenlager möglich ist, falls in der Schweiz neue Kernkraftwerke

gebaut werden.

• Die Kosten werden von den Verursachern getragen.

Gegenwärtig steht die erste Etappe des Sachplans in der Umsetzung. Am 26. Februar

2010 hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) sein Gutachten zu den

von der Nagra vorgeschlagenen sechs Standortgebieten (siehe Abb. 4.9) veröffentlicht.

Die Behörde bescheinigt darin der Nagra gute Arbeit – eine Beurteilung, der auch die

vom Bund eingesetzten Kommissionen für nukleare Sicherheit (KNS) und nukleare Entsorgung

(KNE) wie auch die Experten des deutschen Bundesministeriums für Umwelt,

Naturschutz und Reaktorsicherheit teilen. Massgebend für die Vorschläge der Nagra war

ausschliesslich die Eignung der Geologie.

Am Ende dieser ersten Etappe – voraussichtlich Mitte 2011 – wird der Bundesrat diese

möglichen Standortgebiete oder eine Auswahl von ihnen bestätigen. Diese Gebiete gehen

dann in die nächste Etappe.

Die Standortwahl wird nach Schätzung des Uvek rund zehn Jahre dauern. Ziel ist gemäss

Uvek, im Jahr 2030 ein Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle und 2040

ein Lager für hochradioaktive Abfälle in Betrieb zu nehmen.

Abb. 4.13: Zeitplan des Uvek für die Inbetriebnahme der Tiefenlager

37

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


38

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Teil 4 Vorbehalte gegenüber Kernenergie

Aufgabe der heutigen Generation

Die Entsorgung der nuklearen Abfälle liegt in der Verantwortung der heutigen Generation,

die den Nutzen aus der nuklearen Stromproduktion hat. Wir haben die Abfälle so zu

entsorgen, dass künftige Generationen keine Lasten mehr zu tragen haben. Wie das gemacht

werden kann, hat die Nagra gezeigt. Wir müssen es jetzt ganz einfach tun.

Finanziell werden die kommenden Generationen nicht belastet, da die Entsorgung von

den heutigen Nutzern bezahlt wird (siehe Abb. 2.9). Auch nach der Einlagerung bleiben

die Abfälle rückholbar. Ob und wann die Tiefenlager definitiv verschlossen werden,

werden unsere Nachkommen entscheiden.

Sicherheit: Vorsorge für den schlimmsten anzunehmenden Fall

Eine umfassende Studie des zum ETH-Bereich gehörenden Paul Scherrer Instituts zeigt,

dass in den westlichen Industrieländern die Wasserkraft und die Kernenergie die sichersten

Energiesysteme überhaupt sind. Bei der Kernenergie wird dies erreicht:

• erstens durch die sorgfältige Ausführung von Planung, Bau und Betrieb der Anlagen

mit dem Ziel, dass Störungen möglichst gar nicht auftreten

• zweitens wurden unsere Kernkraftwerke so gebaut, dass Störfälle, die nach menschlichem

Ermessen nicht auszuschliessen sind, durch die Sicherheitssysteme ohne Gefährdung

von Mensch und Umwelt beherrscht werden können

• drittens verfügen unsere Kernkraftwerke über mehrere Barrieren gegen den Austritt

von Radioaktivität. Sie sind wie die berühmten russischen Holzpuppen ineinander geschachtelt

und sie verhindern, dass die Radioaktivität aus dem Kernbrennstoff in die

Umwelt gelangt.

Abb. 4.14: Das Prinzip der Mehrfachbarrieren

Ein gleichzeitiges Versagen all dieser Systeme ist höchst unwahrscheinlich. Zudem sind

unsere Reaktoren so konstruiert, dass auch bei einem schweren Störfall die Bedienungsmannschaft

Zeit zum Eingreifen hat. Aber auch heute, nach weltweit über 12’000 Reaktorbetriebsjahren,

arbeiten Wissenschafter und Ingenieure daran, die Kernkraftwerke

noch sicherer zu machen.

Abb. 4.14

Das Prinzip der Mehrfachbarrieren

1. Barriere: dicht verschweisste Hüllrohre

2. Barriere: Reaktordruckbehälter aus extrem

dickwandigem Spezialstahl

3. Barriere: Betonkammer, «biologischer Schild»

4. Barriere: druckfeste Sicherheitshülle aus Stahl

5. Barriere: Reaktorgebäude aus meterdickem Beton

Quelle: Nuklearforum Schweiz, 2007

Kernbrennstoff

Tritt an einer Barriere ein Leck auf, sorgen die übrigen weiterhin für Sicherheit

3

2

4

5

1


Zusatzinformationen: Unfälle und Zwischenfälle in Kernkraftwerken

• Tschernobyl (Ukraine), 26. April 1986: Ursache dieses schwerwiegenden Unfalls waren

gravierende Mängel im Konstruktionsprinzip des Kernkraftwerks, durch die ein schwerer

Fehler der Bedienungsmannschaft zur Zerstörung des Reaktors führte. Durch den anschliessenden

wochenlangen Brand des für diesen Reaktortyp benötigten Graphits wurden

grosse Mengen radioaktiver Stoffe in die Umwelt freigesetzt. Mehrere hintereinander

gestaffelte Barrieren gegen den Austritt von radioaktiven Stoffen gibt es bei diesem Kraftwerkstyp

nicht. Der Unfall in Tschernobyl wurde von der Internationalen Atomenergie-

Organisation (IAEO) nachträglich der höchsten Stufe 7 der inter nationalen Störfallbewertungsskala

(INES) zugeordnet. Eine Anlage wie in Tschernobyl wäre in der Schweiz nie

bewilligt worden. Ausserhalb der ehemaligen Sowjetunion wurden keine Kernkraftwerke

des Tschernobyl-Typs gebaut.

• Three Mile Island (bei Harrisburg, Pennsylvania), 28. März 1979: Dieser Unfall fand

in einem amerikanischen Kernkraftwerk statt, das mit den unseren vergleichbar ist.

Ausgelöst wurde er durch technisches Versagen und einer Fehlbedienung der Betriebsmannschaft.

Dabei schmolz ein Teil des Kernbrennstoffs. In die Umwelt gelangten jedoch

nur unwesentliche Mengen radioaktiver Stoffe. Die bei westlichen Kernkraftwerken üblichen

Sicherheitsbarrieren bewährten sich. Der Unfall in Three Mile Island wurde von der

Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) nachträglich der Stufe 5 auf der siebenstufigen

internationalen Störfallbewertungsskala (INES) zugeordnet.

• Lucens (Kanton Waadt), 21. Januar 1969: In einer unterirdischen Kaverne hatte die

Schweizer Industrie mit Unterstützung des Bundes einen Schwerwasser-Versuchsreaktor

gebaut, um neue konstruktive Lösungen zu erproben. Wegen Materialproblemen an den

Umhüllungsrohren einiger Brennstäbe kam es zu einer teilweisen Kernschmelze. Dabei

wurden jedoch weder ins Gewicht fallende Mengen radioaktiver Stoffe in die Umwelt freigesetzt,

noch wurden die sehr strengen Grenzwerte für das Betriebspersonal überschritten.

Die vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen bewährten sich. Der Unfall in Lucens würde

heute von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) wahrscheinlich auf

der Stufe 4 auf der internationalen Störfallbewertungsskala (INES) eingeordnet.

Die Versuchsanlage Lucens ist inzwischen vollständig abgebaut worden. Da dort keinerlei

Gefahrenstoffe mehr vorhanden sind, ist die Anlage Ende 2004 aus der atomrechtlichen

Aufsicht des Bundes entlassen worden. Die radioaktiven Abfälle aus Lucens befinden sich

heute im Zwischenlager in Würenlingen (Kanton Aargau).

• Forsmark (Schweden), 25. Juli 2006: Als Folge eines Kurzschlusses ausserhalb der Anlage

fielen im Block Forsmark-1 die Stromversorgung und anschliessend zwei von vier Notstromdieseln

aus. Nach rund 20 Minuten setzte die Betriebsmannschaft die beiden Diesel

manuell wieder in Gang. Anders als in einigen Medien berichtet, drohte zu keinem Zeitpunkt

ein Kernschmelzschaden, da die Reaktorkühlung immer sichergestellt war. Die Betriebsmannschaft

wurde von der Aufsichtsbehörde für ihr Verhalten ausdrücklich gelobt.

Schäden entstanden keine, weder im Kraftwerk noch in der Umwelt. Die bei westlichen

Kernkraftwerken üblichen Sicherheitsvorkehrungen bewährten sich. Der Zwischenfall

deckte jedoch einen ernsthaften Fehler im elektrischen Teil der Anlage auf, der inzwischen

beseitigt worden ist. Zwischenfälle dieser Art – der Zwischenfall in Forsmark wurde von

der IAEO auf der siebenstufigen internationalen Störfallbewertungsskala (INES) der Stufe

2 zugeordnet – sind in westlichen Kernkraftwerken sehr selten.

Wichtig ist, dass nach solchen Ereignissen durch internationalen Erfahrungsaustausch

überall die Lehren für die Auslegung der Kernanlagen, den Betrieb und die Ausbildung der

Mitarbeiter gezogen werden.

39

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


40

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Teil 4 Vorbehalte gegenüber Kernenergie

Sicherheit und Wirtschaftlichkeit gehen Hand in Hand

In der westlichen Welt ist bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie noch nie ein Unfall

passiert, bei dem die Umwelt oder die Bevölkerung zu Schaden gekommen wären.

Wichtig ist aber, dass diese Sicherheitskultur immer wieder überprüft und gelebt wird.

In den letzten Jahrzehnten hat weltweit die Zuverlässigkeit der Kernkraftwerke laufend

zugenommen. Modernisierungen erhöhen die Sicherheit noch weiter. Denn Sicherheit

und Unternehmensgewinn gehen Hand in Hand: Nur eine sichere Anlage ist auch eine

wirtschaftliche Anlage.

Geschützt gegen Terrorangriffe

Die Gefahr von Terroranschlägen ist bei den Schweizer Kernanlagen von der Planungsphase

an berücksichtigt worden. Nach dem Terrorangriff vom 11. September 2001 in den

USA haben die Schweizer Aufsichtsbehörden die Sicherheit der Kernkraftwerke gegen

Angriffe mit grossen Verkehrsflugzeugen umfassend überprüft. Die Ergebnisse zeigen:

Für die neueren Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt kann nahezu ein Vollschutz nachgewiesen

werden. Aber auch die älteren Anlagen Beznau und Mühleberg verfügen über

einen hohen Schutzgrad, vor allem wegen den bereits vor den Ereignissen in New York

nachgerüsteten, speziell gebunkerten Notstandssystemen. Bei den Kernkraftwerken, die

heute gebaut werden, wird der Schutz gegen Flugzeugabsturz nochmals verbessert.

Geschützt gegen starke Erdbeben

Die schweizerischen Kernkraftwerke sind so geplant, gebaut und nachgerüstet worden,

dass sie auch schweren Erdbeben widerstehen können. Für sie – wie auch für die Staumauern

– gelten weitaus strengere Bestimmungen als für Normalbauten. Die Kernkraftwerke

gehören daher zu den erdbebensichersten Bauten der Schweiz. Durch sicheres Bauen und

die sorgfältige Wahl des Baugrunds können Kernkraftwerke auch sehr starke Beben ohne

wesentliche Schäden überstehen. Das belegen die Erfahrungen aus Japan und Kalifornien.

Zusatzinformationen: Erdbebensicherheit von Kernanlagen

Wie in anderen Ländern sind auch in der Schweiz die Betreiber und die Aufsichtsbehörden

bestrebt, die Sicherheit der Kernkraftwerke im Licht des Wissensfortschritts laufend zu überprüfen.

So haben die Schweizer Kernkraftwerksbetreiber 1999 das Projekt «Pegasos» lanciert

und bisher rund 10 Mio. Franken investiert. Im Rahmen von «Pegasos» wird die Gefährdung

nach den fortschrittlichsten Methoden neu bestimmt. Das Projekt hat zum Ziel, die Auswirkungen

auch von äusserst seltenen Beben abzuschätzen, die mit einer Wahrscheinlichkeit

von einmal in 10 Millionen Jahren auftreten. Dazu wurden Erdwissenschafter und Inge-

nieure aus dem In- und Ausland beigezogen.

Mit «Pegasos» hat die Schweiz Neuland betreten. Es handelt sich um die bisher einzige Studie

dieser Art in Europa. Sie wird gegenwärtig verfeinert. Die bisher vorliegenden Erkenntnisse

fliessen laufend in die Verbesserung der Bausubstanz der Kernkraftwerke ein, in dem sie bei

Nachrüstungen und Neubauten systematisch berücksichtigt werden.

Hundertprozentige Sicherheit gibt es nirgends

Heute ist die Kerntechnik – wie die Automobiltechnik – eine reife Technik, die sich

durch hohe Zuverlässigkeit auszeichnet. Ein schwerer Unfall in einem unserer Kernkraftwerke,

bei dem grosse Mengen an Radioaktivität freigesetzt werden könnten, ist

äusserst unwahrscheinlich.


Aber kein seriöser Ingenieur würde behaupten, dass das Risiko exakt Null ist. Hundertprozentige

Sicherheit gibt es nirgends. Stets gilt es, Risiken realistisch gegeneinander

abzuwägen. Bei einem Verzicht auf die Kernenergie müssten wir andere, viel grössere

Risiken bei Versorgungssicherheit, Arbeitsplätzen, Luftverschmutzung und Klimawandel

eingehen. Dazu ein Zitat aus der internationalen Wirtschaftszeitung «Economist» vom

April 2006: «Wer auch kleinste Risiken vermeiden will, kann erleben, dass er dafür deutlich

grössere in Kauf nehmen muss.»

Haftpflicht: Gesetzesrevision in der Schweiz

Bei der Haftung im Bereich der Kernenergie kennt die Schweiz eine der weltweit fortschrittlichsten

Gesetzgebungen. Der Inhaber einer Kernanlage haftet grundsätzlich unbegrenzt

und unabhängig von der Schuldfrage. Das schweizerische Kernenergiehaftpflichtgesetz

ist kürzlich überarbeitet worden. Die im Juni 2008 vom Parlament verabschiedete

Revision wird unter anderem dazu benützt, das Gesetz mit den ebenfalls

revidierten internationalen Haftungs-Übereinkommen zu harmonisieren. Bei Inkrafttreten

der Gesetzesrevision wird in der Schweiz die obligatorische Versicherungsdeckung

durch den Anlageninhaber von heute einer Milliarde Franken auf 1,8 Mrd. Franken erhöht

(plus 10 % dieses Betrages für Zinsen und Verfahrenskosten). Dazu kommt eine

Tranche von 450 Mio. Franken, die von den Vertragsstaaten gemeinsam nach einem bestimmten

Schlüssel aufgebracht werden.

Kernkraftwerke sind keine Atombomben

Kernkraftwerke sind keine Atombomben, auch keine gebändigten. Eine Explosion wie

in einer Atombombe ist in einem Kernkraftwerk aus physikalischen Gründen ausgeschlossen.

Es handelt sich um völlig unterschiedliche Technologien, die aber beide auf

dem Prinzip der Kernspaltung basieren.

Tatsache ist, dass das Image der Kernenergie unter dieser Verbindung leidet. Dies hat

historische Ursachen: Die Kernspaltung wurde am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

entdeckt. Der Krieg führte dazu, dass die Atombombe Vorrang hatte und die friedliche

Nutzung der Kernenergie erst über ein Jahrzehnt später an die Hand genommen wurde.

Kernkraftwerke sind keine Bombenfabriken

Die Schweiz hat den internationalen Atomsperrvertrag aus dem Jahr 1970 unterzeichnet.

Dieser hat zum Ziel, die Weiterverbreitung von Kernwaffen zu verhindern. Zu diesem

Zweck hat die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO in Wien ein Kontrollsystem

aufgebaut, um zu überprüfen, ob ein Staat Kernmaterial oder nukleare Ausrüstungen

zweckentfremdet. Die Schweiz und zahlreiche weitere Kernenergieländer halten

sich strikt an diesen Vertrag.

Für die Herstellung von Material für Atombomben sind Kernkraftwerke ungeeignet. Die

Kernwaffenstaaten tun dies ausschliesslich in speziell dafür gebauten Anlagen. Sie kümmern

sich nicht darum, ob wir in der Schweiz Kernkraftwerke betreiben oder nicht. Ein

Verzicht auf die zivile Nutzung der Kernenergie – in der Schweiz oder in anderen Ländern

– hätte keinen Einfluss auf die militärische Anwendung.

41

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


42

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

USA

Kanada

2

Mexiko

1

104

22

1

2

Quelle: Nuklearforum Schweiz, 2010

Abb. 5.1

Abb. 5.2

Abb. 5.3

1

2

Brasilien

Argentinien

2007 Erdöl

5,6 %

Erdgas

20,9 %

Kernenergie

13,8 %

15,6 %

Wasserkraft

2,6 %

Geothermie,

Sonne, Wind,

Biomasse und

Abfälle

Kohle

41,5 %

2

Kernkraftwerke der Welt

Armenien

1 China

Iran

1 1

2

Pakistan

4

19

Südafrika

12 Russland

31

Indien

24

11

2

6

Taiwan

6

20

2

54

Japan

Südkorea

F

1

58

1971 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005

GB

19

10

Stand: 1. Juli 2010

Kernkraftwerke in Betrieb: 442

Gesamtleistung: ca. 373’500 MW

Anteil an der weltweiten

Stromproduktion 2009: ca.13%

Kernkraftwerke im Bau: 61

Gesamtleistung: ca. 59’400 MW

1

S 4 FIN

NL

1

B

7

6

D

17

SK

CZ 2

4

UKR

15

E

8

5

4

1

CH

SLO H

RO

2

2

2

BG

Weltweite Stromproduktion 1971– 2007

Weltweit steigt die Stromerzeugung in Kohle- und Gaskraftwerken stark an.

40% des CO2-arm produzierten Stroms stammen heute aus Kernkraftwerken.

10

Mrd.

Tonnen

CO2

8

6

4

2

0

1970

Weltweite CO2-Emissionen 1970 – 2004

1975

1980

1985

1990

1995

2000

2004

Stromproduktion

20’000

15’000

10’000

5000

0

Terawattstunden (TWh)

Quelle: OECD/IEA, 2009

Industrie (ohne Zement)

Strassenverkehr

Haushalte und Dienstleistungen

Abholzung

Andere

Raffinerien etc.

Internationaler Verkehr

Quelle: Intergovernmental

Panel on Climate Change (IPCC);

Fourth Assessment Draft Report, 2007

Die Zunahme der CO2-Emissionen stammt vor allem aus fossil befeuerten Kraftwerken


Teil 5

Die Zukunft der Kernenergie

Weltweit stammt ein Siebentel des Stroms aus Kernkraftwerken

Mitte 2010 umfasste der zivile Nuklearpark 442 Kernkraftwerke in 30 Ländern. Allein in

Europa westlich des Urals stehen rund 190 Anlagen in Betrieb. Zudem befanden sich

Mitte 2010 weltweit 61 Einheiten im Bau und für mehr als hundert Anlagen liegen konkrete

Projekte vor. Die Kernenergie ist alles andere als ein Auslaufmodell.

Abb. 5.1: Kernkraftwerke der Welt

Weltweit stammt rund ein Siebentel des Stroms aus Kernkraftwerken. Das ist fast gleich

viel wie aus den Wasserkraftwerken. Insgesamt wird rund ein Drittel des globalen

Stroms CO2-arm produziert, rund die Hälfte davon aus Kernenergie. Ein Verzicht auf die

Kernenergie macht weder ökonomisch noch ökologisch Sinn.

Abb. 5.2: Weltweite Stromproduktion

Der globale Energiehunger nimmt zu

In letzter Zeit ist weltweit das Interesse an der Kernenergie wieder erwacht. Das hat

handfeste Gründe:

• Die Kernkraftwerke aus dem Boom der 1970er-Jahre nähern sich in absehbarer Zeit

dem Ende ihrer wirtschaftlichen Betriebsdauer und müssen ersetzt werden.

• Die Nachfrage nach Strom nimmt weltweit laufend zu, besonders in bevölkerungs-

reichen Schwellenländern wie China und Indien – aber auch in der Schweiz. Gemäss

den Schätzungen der Internationalen Energie-Agentur (IEA) der OECD dürfte sich die

weltweite Stromnachfrage bis 2050 mindestens verdoppeln.

• Die steigenden Preise für Erdöl und Erdgas machen die Kernenergie wirtschaftlich

noch attraktiver.

• Die Klimaschutzpolitik spricht für die praktisch treibhausgasfreie, umweltschonende

Kernenergie. Denn die Zunahme der weltweiten CO2-Emissionen stammt vor allem

von der Stromproduktion aus Kohle, Öl- und Gaskraftwerken. Dieser Sachverhalt ist

ein ganz zentrales Problem in der Klimafrage.

Abb. 5.3: Weltweite CO2-Emissionen

Klima: Die Kernenergie ist Teil der Lösung

Beim heutigen Stand der Nukleartechnik kann die Kernenergie allein das Klimaproblem

nicht lösen. Der Verzicht auf die Kernenergie erschwert die Lösung jedoch massiv. Es ist

sinnvoll, dass die Länder mit Erfahrung mit der Kernenergie diese anspruchsvolle Technologie

weiter nutzen und damit den Handlungsspielraum der Länder der Dritten Welt

bei den fossilen Energien erhöhen. Aus diesem Grund führt der Weltklimarat der Uno

(Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) in seinem 2007 veröffentlichten

vierten Lagebericht neben den erneuerbaren Energien ausdrücklich auch die Kern-

energie als Schlüsseltechnologie zur Linderung des Klimaproblems auf.

43

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


44

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 5.4

Szenario für eine weltweite Stromversorgung im Jahr 2050

Zielsetzung: Reduktion der

weltweiten CO2-Emissionen

auf die Hälfte gegenüber heute

Die Kernenergie ist

Teil der Lösung.

neue

Erneuerbare

Quelle: NEA / IEA, Technology Roadmap Nuclear Energy, 2010

Wasserkraft

Kernenergie

Erdgas

Erdöl

Kohle

ca. 40 000 TWh

ca.

20 000 TWh

Abb. 5.5 Baustelle des weltweit ersten EPR in Olkiluoto, Finnland

Quelle: Eurostat, 2009

Abb. 5.6

Erdgas

21,6 %

Kernenergie

27,8 %

2007 2050

Strommix der EU-27 im Jahr 2007

Erdöl 3,3 %

10,2 %

Wasserkraft

Kohle

29,4 %

Geothermie 0,2 %

Sonne 0,1 %

Biomasse 3,0 %

Wind 3,1 %

andere 1,3 %

andere

Sonne

Wind

Biomasse /Abfälle

Wasserkraft

Kernenergie

Erdgas + CCS

Erdgas

Erdöl

Kohle + CCS

CCS:

CO2-Abscheidung

und -Speicherung

In der EU stammt mehr

als die Hälfte des Stroms

aus fossilen Kraftwerken

Foto: TVO


Teil 5 Die Zukunft der Kernenergie

In ihrer jüngsten Roadmap vom Juni 2010 stellen die Internationale Energie-Agentur

(IEA) und die Kernenergie-Agentur (NEA) der OECD ein Szenario vor, wie bis 2050 die

weltweiten CO2-Emissionen auf die Hälfte gegenüber heute reduziert werden könnten.

Um das zu erreichen, schlagen die beiden Agenturen den massiven Ausbau der erneuerbaren

Energien vor, begleitet vom Ausbau der Kernenergie auf mehr als das Dreifache.

Laut dieser Studie ist es technisch machbar, bis ins Jahr 2050 den Anteil der Kernenergie

in der weltweiten Stromversorgung von heute rund 13 % auf gegen 25 % zu steigern.

Abb. 5.4: Klimafreundliches Szenario der OECD

Russland und Asien setzen auf Kernenergie

Gegenwärtig verfolgen vor allem Russland, Indien und China ehrgeizige Ausbaupläne

für die Kernenergie. In den kommenden Jahren will Russland jährlich zwei Neubauten

in Betrieb nehmen, um mehr Erdgas zu guten Preisen nach Westeuropa exportieren zu

können. In Ost- und Südasien stehen heute über drei Dutzend Einheiten im Bau. Mitte

2010 befanden sich allein in China 24 Kernkraftwerke in der Bauphase (siehe Abb. 5.1)

und zahlreiche weitere standen vor dem Baubeginn.

USA: zahlreiche Baugesuche eingereicht

In den USA hat der Kongress im Sommer 2005 ein neues Energiegesetz verabschiedet,

das neben der Förderung der erneuerbaren Energien auch die Tür für neue Kernkraftwerke

weit öffnet. Aktuell verfolgen mehr als ein Dutzend Firmen und Konsortien Pläne

zum Bau von 22 Kernkraftwerken. Präsident Barack Obama unterstützt ausdrücklich

den Ausbau der Kernenergie.

Neubauten und Neubaupläne in Europa

In Europa hat zuletzt Rumänien im Jahr 2007 ein neues Kernkraftwerk in Betrieb genommen.

In Finnland steht das fünfte Kernkraftwerk des Landes im Bau, und anfangs

Juli 2010 hat das finnische Parlament grünes Licht für den Bau von zwei weiteren Einheiten

gegeben. In Frankreich wurde Ende 2007 in der Normandie ebenfalls mit dem

Bau eines Kernkraftwerks der jüngsten Generation begonnen. In der Slowakei und in

Bulgarien werden zwei vor längerer Zeit angefangene Kernkraftwerke fertig gebaut.

Abb. 5.5: Neue Kernkraftwerke in Westeuropa

Projekte für den Ersatz bzw. den Neubau von Kernkraftwerken gibt es gegenwärtig in

Finnland, Frankreich, Grossbritannien, Italien, Litauen, in den Niederlanden, Polen,

Rumänien, Schweden (der schwedische Ausstiegsbeschluss ist im Juni 2010 vom Parlament

aufgehoben worden), in der Slowakei, Slowenien, Tschechien, Weissrussland,

in der Ukraine, Ungarn und in der Schweiz.

EU-Parlament: Kernenergie unverzichtbar

In der EU stammen gegenwärtig rund 28 % des Stroms aus Kernkraftwerken. Im Januar

2007 hat sich die EU-Kommission klar für die Verlängerung der Betriebsdauer der bestehenden

Kernkraftwerke und für Neubauten ausgesprochen. Und am 24. Oktober 2007

hat das Europäische Parlament mit deutlicher Mehrheit (509 gegen 153 Stimmen und

30 Enthaltungen) einen Bericht angenommen, der festhält, dass die Kernenergie für

die Versorgungssicherheit der EU und den Klimaschutz unverzichtbar ist.

Abb. 5.6: Strommix der EU-27

45

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


46

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 5.7

Foto: PSI

Abb. 5.8.

Realitätsnahe Sicherheitstests im Grossmassstab

für die dritte Reaktorgeneration: Versuchsanlage

«Panda» im Paul Scherrer Institut in Villigen /

Würenlingen


Teil 5 Die Zukunft der Kernenergie

Zusatzinformation zum Kernkraftwerkbau

Wie schnell mit entsprechendem politischem Willen die Kerntechnik entwickelt werden kann,

zeigt das Beispiel Frankreichs: Als Antwort auf die Ölkrise der 1970er-Jahre nahm unser

Nachbarland in den zehn Jahren von 1977 bis 1986 nicht weniger als 42 (!) grosse Kernkraftwerke

in Betrieb.

Die Kernkraftwerke der dritten Generation stehen bereit

Wie jede andere Technik entwickelt sich die zivile Kerntechnik laufend weiter. Fachleute

unterscheiden heute vier Generationen. Die heute in der Schweiz in Betrieb stehenden

Anlagen gehören zur zweiten Generation, die sich im industriellen Alltagseinsatz

bewährt hat. Durch sorgfältige Wartung und laufende Erneuerungen kann die Betriebsdauer

dieser zuverlässigen Anlagen deutlich verlängert werden.

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Entwicklung fortgeschrittener Reaktor typen

einer neuen, dritten Generation weltweit vorangetrieben worden. Im Zentrum steht die

weitere Verbesserung von Sicherheit, Ressourcenschonung und Wirtschaftlichkeit. Die

Kernkraftwerke der dritten Generation sind heute marktreif und bilden die Grundlage

für die Neubauten der kommenden Jahre und Jahrzehnte. Die beiden ersten fortgeschrittenen

Kernkraftwerke haben 1996 und 1997 in Japan den Betrieb aufgenommen, und

viele der gegenwärtig weltweit im Bau oder in Planung befindlichen Kernkraftwerke gehören

dieser Generation an.

Abb. 5.7: Schematische Darstellung der Weiterentwicklung der Kernkraftwerke

Dritte Generation: effizienter, wirtschaftlicher und noch sicherer

Die Entwicklung von Reaktorsystemen der dritten Generation begann bereits in den

1980er-Jahren. In vielen Fällen handelt es sich um die Weiterentwicklung der zuverlässigen

Reaktortypen der zweiten Generation. Dieses evolutionäre Vorgehen ermöglicht es

den Konstrukteuren, den allgemeinen technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte mit

den praktischen Erfahrungen aus über 12 000 Reaktorbetriebsjahren zu verbinden. Die

Kraftwerke der dritten Generation zeichnen sich aus durch:

• mehr Effizienz durch einen geringeren Bedarf an Natururan pro produzierte Kilowattstunde

• verbesserte Wirtschaftlichkeit durch standardisierte und robuste Konstruktionsweisen,

was Bewilligungsfristen, Bauzeit und Kapitalkosten reduziert

• noch grössere Sicherheit durch Weiterentwicklung der Technik.

Ein zentrales Kriterium für die Sicherheit ist die Eintretenswahrscheinlichkeit eines

Kernschmelzschadens. In der Schweiz verlangt zurzeit der Gesetzgeber, dass diese geringer

sein muss als eins zu hunderttausend pro Reaktorbetriebsjahr. Die Reaktorsysteme

der dritten Generation unterbieten diese Vorgabe deutlich.

An die Kernkraftwerke der dritten Generation stellen Konstrukteure und Behörden

zudem den Anspruch, dass selbst im schlimmstmöglichen Störfall – so unwahrscheinlich

er auch sein mag – die Auswirkungen auf die Anlage beschränkt bleiben, d.h. keine

unzulässigen radioaktiven Freisetzungen in die Umwelt stattfinden. Durch entsprechende

passive Systeme und bauliche Barrieren wird sichergestellt, dass die verbleibende

Wärme ohne Beeinträchtigung der Umwelt abgeführt werden kann und die radioaktiven

Stoffe eingeschlossen bleiben.

Abb. 5.8: Sicherheitsforschung

47

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


48

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 5.9 Der fortgeschrittene «passive» Druckwasserreaktor AP1000 aus den USA

Abb. 5.10 Baustelle des weltweit ersten AP1000 in Sanmen, China

Abb.5.11

Weiterentwicklung der Sicherheitssysteme beim EPR

Effizienter,

wirtschaftlicher,

noch sicherer:

Die dritte

Generation von

Kernkraftwerken

steht bereit

Quelle: Areva NP, 2007

Dampferzeuger

Flutbecken

1 2 3 4

Vier unabhängige

Sicherheitssysteme

1

3

2

4

Reaktorkern mit

Brennelementen

Doppel-

Containment

Ausbreitungsfläche

für Kernschmelze

Foto: Westinghouse

Foto: Westinghouse


Teil 5 Die Zukunft der Kernenergie

Passive Sicherheitssysteme

Eine innovative Entwicklung der letzten Jahrzehnte sind die sogenannten passiven Sicherheitssysteme.

Sie basieren auf physikalischen Naturgesetzen wie beispielsweise der

Schwerkraft. Im Unterschied zu aktiven Sicherheitssystemen benötigen passive Systeme

keine Pumpen oder motorgetriebenen Ventile und erfüllen ihre Funktion ohne Energiezufuhr

von aussen. Im Falle einer schweren Störung sind je nach Reaktortyp für 12 bis

72 Stunden keine Eingriffe durch den Menschen nötig. Praktisch alle Reaktortypen der

dritten Generation enthalten solche neuartigen Sicherheitssysteme.

Anbieter in aller Welt

Auf dem Weltmarkt bieten gegenwärtig Hersteller aus Europa, Nordamerika, Ostasien

und Russland Reaktorsysteme der dritten Generation an. Bei den meisten handelt es sich

um unterschiedlich innovative Weiterentwicklungen der sehr zuverlässigen und heute

weit verbreiteten Leichtwasserreaktoren, wie sie auch in der Schweiz in Betrieb

stehen.

Zusatzinformationen zu den Leichtwasserreaktoren der dritten Generation

Zu den Leichtwasserreaktoren der dritten Generation gehören unter anderen der von

Westinghouse angebotene Druckwasserreaktor AP1000 (Advanced Passive Plant, elektrische

Leistung ca. 1100 Megawatt) und die von General Electric / Hitachi entwickelten Siedewasserreaktoren

ABWR (Advanced Boiling Water Reactor, 1350–1600 Megawatt) und ESBWR

(Economic and Simplified Boiling Water Reactor, ca. 1500 Megawatt). Aus Europa stammen

der französisch-deutsche fortgeschrittene Druckwasserreaktor EPR (1600 Megawatt) und

der Siedewasserreaktor SWR1000 «Kerena» (1250 Megawatt) von Areva. Dazu kommt der

etwas kleinere Druckwasserreaktor «Atmea 1» (1000–1150 Megawatt) von Areva/Mitsubishi.

AP1000, ESBWR und SWR1000 zeichnen sich durch passive, von der Schwerkraft und der

natürlichen Konvektion angetriebene Sicherheitssysteme aus, die ohne äussere Energiezufuhr

funktionieren. Nach einer Schnellabschaltung könnten diese Anlagen während drei

Tagen ohne Eingriff der Operateure sich selbst überlassen werden. Eine allfällige Kernschmelze

kann im Reaktordruckgefäss zurückgehalten werden. Zudem vereinfacht das robuste

Design den Bau und Betrieb dieser Reaktorsysteme.

Abb. 5.9 und 5.10: Der AP1000

Der Baubeginn des weltweit ersten AP1000 erfolgte im Frühjahr 2009 in China. Inzwischen

stehen dort insgesmat vier AP1000 im Bau. In den USA sind über ein Dutzend Baugesuche

für diesen Reaktortyp eingereicht worden. Für den ESBWR sind in den USA ebenfalls Baugesuche

eingereicht worden.

Vom europäischen Druckwasserreaktor EPR stehen gegenwärtig je eine Einheit in Finnland

und in Frankreich sowie zwei Einheiten in China im Bau. In den USA sind zwei Baugesuche

für diesen Typ eingereicht worden. Beim EPR würde im höchst unwahrscheinlichen Fall eines

Kernschmelzschadens der geschmolzene Kern auf einer speziellen Ausbreitungsfläche innerhalb

des Reaktorgebäudes aufgefangen und die Wärme abgeführt. Zudem sind das Reaktorgebäude

und zwei der vier Gebäude mit den voneinander unabhängigen Sicherheitssystemen

mit je einer zweiten Betonschale zusätzlich gegen Flugzeugabstürze geschützt.

Abb. 5.11: Weiterentwicklung der Sicherheitssysteme beim EPR

49

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Teil 5 Die Zukunft der Kernenergie

Auch bei der Familie der Schwerwasserreaktoren, die im Unterschied zu den Leichtwasserreaktoren

mit (nicht oder nur ganz schwach angereichertem) Natururan betrieben

werden können, befinden sich Systeme der dritten Generation in Vorbereitung.

So arbeitet die Atomic Energy of Canada gegenwärtig am ACR 1000 (Advanced Candu

Reactor, ca. 1200 Megawatt). Auch Indien entwickelt einen fortgeschrittenen 300-Megawatt-Schwerwasser-Reaktor.

In Entwicklung stehen zudem kleine, sehr innovative Reaktoren, die flexibel im Baukastensystem

zu grossen Produktionseinheiten zusammengebaut werden können. In

der industriellen Umsetzung bereits fortgeschritten ist der Kugelhaufenreaktor (Pebble

Bed Modular Reactor). Dabei handelt es sich um einen gasgekühlten Hochtemperatur-

Reaktor von 165 Megawatt elektrisch, der auf eine deutsche Entwicklung zurückgeht.

Zudem befinden sich vorab in den USA und in Japan eine Reihe weiterer kleiner Reaktorsysteme

in Entwicklung. Sie eignen sich für Stromnetze mit geringer Übertragungskapazität

und kommen neben der Stromproduktion auch für weitere Anwendungen in

Frage wie das Entsalzen von Meerwasser oder das Bereitstellen von Prozesswärme für

Industrieanlagen.

Abb.5.12

Aktuelle Informationen über die neuen Reaktorsysteme der dritten Generation und

über den Stand ihrer Entwicklung und Zertifizierung finden sich auf der Website des

Nuklearforums Schweiz unter den Links «Fakten zur Kernenergie» � «Kernkraftwerke

der dritten Generation» � «PDF herunterladen».

Hochtemperaturreaktor der vierten Generation für die Produktion

von Strom und Wasserstoff (Very High Temperature Reactor, VHTR)

Reaktor

Wärmetauscher

Kühlung

Wasserstoff-Produktionsanlage

Die Nukleartechnik hat ein grosses Zukunftspotenzial

Wasser

Sauerstoff

Wasserstoff

Quelle:

GIF, 2008


Vierte Generation und Kernfusion: heute noch Zukunftsmusik

Bereits arbeiten Wissenschafter weltweit – auch unter Beteiligung der Schweiz – an einer

nächsten Generation von grundlegend neuartigen Reaktorsystemen für die zweite

Hälfte des 21. Jahrhunderts. Zusammen mit den erneuerbaren Energien werden diese

Systeme der sogenannten vierten Generation den Schlüssel zur nachhaltigen Sicherung

der Lebensgrundlagen der kommenden Generationen bilden.

Am 21. September 2007 hat die EU die «Sustainable Nuclear Fission Technology Platform»

lanciert. Die vorgeschlagenen Forschungsthemen umfassen die weitere Optimierung

der heutigen Kernkraftwerke, die Entwicklung fortgeschrittener Rezyklierungstechnologien

zur Minimierung der radioaktiven Abfälle, die Inbetriebnahme zweier

Schneller Brüter unterschiedlichen Typs bis 2020 sowie die Inbetriebnahme eines

Hochtemperaturreaktors, mit dem neben Strom auch alternative Treibstoffe produziert

werden können.

Für die Lösung der aktuellen Stromversorgungsprobleme der Schweiz kann die vierte

Generation nichts beitragen, da sie nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen wird. Das

gleiche gilt für die Kernfusion. Zwar wird demnächst in einer weltweiten Anstrengung

– ebenfalls unter Beteiligung der Schweiz – in Südfrankreich der vielversprechende

Experimental-Fusionsreaktor ITER gebaut. Heute ist jedoch noch nicht absehbar, bis

wann kommerzielle Fusionskraftwerke zur Verfügung stehen werden.

Zusatzinformationen zu Generation IV und Kernfusion

• Generation IV: Auf Initiative der USA haben sich eine Reihe Länder zum «Generation IV

International Forum» (GIF) zusammengeschlossen. Ziel ist, für die Zeit nach 2040 grundlegend

neue Reaktoren und Brennstoffkreisläufe zu entwickeln, die den Ressourcenverbrauch

drastisch reduzieren, die Menge des radioaktiven Abfalls erheblich vermindern

und den Missbrauch für Kernwaffen wesentlich erschweren. Das GIF hat sechs innovative

Reaktorsysteme für die Weiterentwicklung ausgewählt – darunter vier Schnelle Reaktoren

(«Schnelle Brüter») und ein Hochtemperatur-Reaktor, der sich neben der Stromproduktion

auch für die Produktion von Wasserstoff aus Wasser eignet. Beteiligt am GIF sind zurzeit

13 Partner: Argentinien, Brasilien, China, Frankreich, Grossbritannien, Japan, Kanada,

Russland, die Schweiz, Südafrika, Südkorea, die USA und die Europäische Atomgemeinschaft

Euratom.

Abb. 5.12: Hochtemperaturreaktor der vierten Generation

• Kernfusion: Die Kernfusion ist die Energiequelle der Sonne und der Sterne. Gelingt es, sie

auf der Erde zu nutzen, steht der Menschheit eine praktisch unerschöpfliche Energiequelle

zur Verfügung. Als weiterer Schritt zur Erreichung dieses Ziels wird in den kommenden

Jahren im südfranzösischen Cadarache der internationale thermonukleare Versuchs-

reaktor ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor) gebaut. Mit dem

ITER-Projekt soll die wissenschaftliche und technische Machbarkeit der Fusion zur Energieerzeugung

gezeigt werden. In einer späteren Phase wird der Bau eines Demonstra-

tionsreaktors ins Auge gefasst – eventuell gefolgt von kommerziell betriebenen Fusionskraftwerken.

An der am 24. Mai 2006 in Brüssel gegründeten ITER-Organisation

sind beteiligt: die Europäische Atomgemeinschaft Euratom (und damit auch die Schweiz),

China, Indien, Japan, Russland, Südkorea und die USA – mithin mehr als die Hälfte

der Menschheit.

51

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


52

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 6.1

Abb. 6.2

Anforderungen an die Stromproduktion

Umweltschutz

Klimaschutz

Verstärkte

Energieeffizienz

Versorgungssicherheit

Wirtschaftlichkeit

Die Kernenergie erfüllt alle drei Ansprüche

Die vier Pfeiler der Energiepolitik des Bundesrats

Ausbau erneuerbare

Energien

Energiepolitik

Neue Grosskraftwerke

Verstärkte int.

Zusammenarbeit

«Der Bundesrat ist von der Notwendigkeit neuer Kernkraftwerke überzeugt.»


Teil 6

Die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz

Wir werden alle Technologien benötigen

Die Lösung für die künftige Schweizer Stromversorgung wird im Dreieck von Versorgungssicherheit,

Umwelt-/Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit gefunden werden müssen.

Die Kernenergie erfüllt alle drei Ansprüche.

Abb. 6.1: Anforderungen an die Stromproduktion

Am Weltenergiekongress in Sydney im September 2004 kam der Weltenergierat – die

grösste energieträgerübergreifende internationale Organisation der Energiewirtschaft –

zum Schluss, dass alle Energieoptionen, einschliesslich der Kernenergie, offengehalten

werden müssen:

«Keine Technologie sollte idealisiert oder dämonisiert werden, ... denn wir können

es uns nicht leisten, auch nur eine davon über Bord zu werfen.»

Der Weltklimarat der Uno (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) nennt

in seinem 2007 veröffentlichten vierten Lagebericht die Kernenergie ausdrücklich als

Schlüsseltechnologie zur Linderung des Klimaproblems. Rajendra Pachauri, der Vor-

sitzende des Weltklimarats, erklärte im April 2007:

«Die Kernenergie eröffnet uns die Möglichkeit, die Kohlenstoffintensität substanziell

zu reduzieren, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil sie ökonomisch sehr

attraktiv ist.»

Am 24. Oktober 2007 hat das Europäische Parlament mit grosser Mehrheit eine Entschliessung

angenommen, die unter anderem festhält:

«Bei einem Ausstieg aus der Kernenergie sind die Ziele in Bezug auf die Verringerung

der Treibhausgasemissionen und die Bekämpfung des Klimawandels nicht

zu erreichen.»

Die vier Pfeiler der Schweizer Energiepolitik

Diesen Überlegungen ist auch der Bundesrat gefolgt. Die von der Landesregierung am

21. Februar 2007 vorgestellte Energiepolitik steht auf vier Pfeilern:

• verstärkte Förderung von Massnahmen zur effizienten Energienutzung

• verstärkte Förderung der erneuerbaren Energien mit massvollem Ausbau der Wasserkraft

• Bau von neuen Grosskraftwerken zur Schliessung der verbleibenden Versorgungs-

lücke, wobei sich der Bundesrat ausdrücklich zum Ersatz der bestehenden oder zum

Bau von neuen Kernkraftwerken bekennt sowie zum Bau von Gaskombikraftwerken

als Übergangslösung bis zur Inbetrieb nahme der neuen Kernkraftwerke

• verstärkte internationale Zusammenarbeit, insbesondere mit der EU.

Abb. 6.2: Die vier Pfeiler der Energiepolitik des Bundesrats

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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 6.3 Windpark in Ostfriesland, Deutschland

Abb. 6.4 Solarfeld bei Serpa, Portugal

Verfügbare Windleistung (Megawatt)

22’000

20’000

18’000

16’000

14’000

12’000

10’000

8000

6000

4000

2000

0

Abb. 6.5

Stromeinspeisung aller Windanlagen in Deutschland 2008

theoretisch mögliche Stromproduktion des Windkraftwerksparks

(rund 20‘000 Anlagen; installierte Leistung ca. 23‘000 Megawatt)

tatsächliche Windstromproduktion

Jan Feb März April Mai Juni Juli Aug Sept Okt Nov Dez

Jahresrevisionen der KKW

Windstrom kann Kernenergie nicht ersetzen, nur ergänzen

Foto: Keystone

Foto: GE Energy

Quelle Winddaten:

Renewable Energy

Information System on

Internet (REISI) der Universität

Kassel, gefördert

vom Bundesministerium

für Umwelt, Naturschutz

und Reaktorsicherheit

(BMU)

Verfügbarkeit der

5 Schweizer KKW

Nennleistung:

3372 Megawatt

brutto


Teil 6 Die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz

Bei der Präsentation der neuen Energiepolitik erklärte Bundesrat Moritz Leuenberger

ausdrücklich:

«Der Bundesrat ist von der Notwendigkeit neuer Kernkraftwerke überzeugt.»

Zusatzinformation zur Energiepolitik des Bundes

An seiner Sitzung vom 20. Februar 2008 hat der Bundesrat seine im Jahr zuvor vorgestellte

Energiepolitik konkretisiert und zwei Aktionspläne des Departements für Umwelt, Verkehr,

Energie und Kommunikation (Uvek) zur Energieeffizienz und zu den erneuerbaren Energien

verabschiedet. Im Bereich der Stromversorgung will der Bundesrat den Anstieg des Stromverbrauchs

zwischen 2010 und 2020 auf maximal 5 % begrenzen. Nach 2020 sehen die

Aktionspläne «eine Stabilisierung des Stromverbrauchs» vor. Die heutige Realität sieht anders

aus: Ende 2009 lag der Schweizer Stromverbrauch trotz schwacher Konjunktur nahe

am Rekordwert aus dem Vorjahr (siehe Abb. 1.5).

Erneuerbare Energien: stark im Gespräch...

Gemäss Energiegesetz soll bis ins Jahr 2030 die Stromproduktion aus erneuerbaren

Energien um 5,4 Terawattstunden (= 5,4 Milliarden Kilowattstunden) erhöht werden.

Dies entspricht knapp 10 % des (heutigen) Landesverbrauchs. Die Schweizer Stromversorger

unterstützen dieses sehr ehrgeizige Ziel.

Seit dem 1. Januar 2009 wird die zusätzliche Stromproduktion aus erneuerbaren Energien

über Einspeisevergütungen subventioniert. Die Finanzierung erfolgt über einen Zuschlag

von gegenwärtig 0,45 Rappen pro Kilowattstunde, der von den Stromkonsumenten

bezahlt wird. Jährlich stehen so etwa 250 Mio. Franken für die Förderung der Stromproduktion

aus kleinen Wasserkraftwerken, Wind, Sonne, Biomasse und Erdwärme zur

Verfügung. 2012 kann der Bundesrat diese Abgabe auf 0,6 Rappen erhöhen, und ab

2013 auf 0,9 Rappen.

... aber zu wenig und nicht bedarfsgerecht

Wind ist in Ländern mit windreichen Meeres küsten eine attraktive, zusätzliche Energiequelle.

Die Schweiz gehört dagegen zu den windärmsten Regionen Europas. Gute Standorte

für Windkraftwerke gibt es nur auf Bergrücken, wo sie mit dem Landschafts- und

Naturschutz kollidieren. Auch mit Sonne ist die Schweiz nicht verwöhnt; insbesondere

im Winter, wenn während der kurzen Tage im Mittelland oft noch Hochnebel liegt.

Wind und Sonne haben in der Schweiz nur ein begrenztes Potenzial.

Abb. 6.3 und 6.4: neue erneuerbare Energien

Dazu kommt, dass der Wind unregelmässig weht und die Stromproduktion von Windparks

extremen Schwankungen unterworfen ist. In Deutschland kommt es immer wieder

vor, dass die inzwischen über 21’000 Windräder während längerer Zeit deutlich weniger

Strom erzeugen als beispielsweise die fünf schweizerischen Kernkraftwerke.

Abb. 6.5: Stromproduktion aus Wind in Deutschland

Ähnliches gilt für Solarzellen: Bei Bewölkung sinkt ihre Produktion markant, und in der

Nacht liefern sie keinen Strom. Im Winter, wenn der Strombedarf am höchsten ist, produzieren

sie am wenigsten. Wind- und Solarkraftwerke erfordern herkömmliche Reservekraftwerke

gleicher Leistung, die sofort einspringen können, wenn der Wind abflaut

oder die Sonne nicht scheint.

Die tiefe Geothermie, die wie die Kernkraftwerke Bandenergie für die Grundversorgung

liefern könnte, ist technisch noch nicht ausgereift und ihr langfristig realistisches Poten-

55

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 6.6 Stausee Oberaar, Grimsel, Schweiz

Produktionskosten der neuen erneuerbaren Energien im Jahr 2000

und Schätzung für das Jahr 2035

Kleinwasserkraft

Abb. 6.7

Biomasse

Geothermie

Windenergie

Photovoltaik

2035

2000

2000

2035

2035

2000

2000: keine Anlage in Betrieb

2035

2035

0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Rappen pro Kilowattstunde

Kernenergie

3. Generation

Quellen: PSI/GaBE für BFE Energieperspektiven, 2005; Kernenergie: Prognos AG, 2008

Abb. 6.8 Stromimporte sind keine Option für die Zukunft

Kernenergie ist

kostengünstig –

heute und morgen

2000

Foto: Nuklearforum Schweiz

Foto: VSE


Teil 6 Die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz

zial ist noch schwer abschätzbar. Eine Pilotbohrung in Basel wurde nach dem Auftreten

von spürbaren Erdbeben am 8. Dezember 2006 vorläufig eingestellt.

Die Wasserkraft ist in der Schweiz – wenn überhaupt – nur noch beschränkt ausbaubar

und kollidiert mit den Anliegen des Natur- und Gewässerschutzes. Im Herbst 2009 zog

der Schweizerische Fischerverband seine Volksinitiative «Lebendiges Wasser (Renaturierungs-Initiative)»

zurück, nachdem das Parlament als Gegenvorschlag das Gewässerschutzgesetz

verschärft hatte. Die neuen Bestimmungen erschweren die Stromproduktion

aus Wasserkraft zusätzlich.

Abb. 6.6: Wasserkraft

Allen neuen erneuerbaren Energien ist gemeinsam, dass sie teils erheblich teurer

sind als die Kernenergie. Daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern.

Abb. 6.7: Produktionskosten der neuen erneuerbaren Energien 2000 und 2035

Optimaler Schweizer Strommix

Wind und Sonne können Kernkraftwerke nicht ersetzen. Ihr grosses Potenzial liegt in

Anwendungen, bei denen die grossen Schwankungen ihrer Verfügbarkeit keine entscheidende

Rolle spielen, etwa bei der Produktion von Treibstoffen oder bei der Meerwasserentsalzung.

Zudem erfordert ihr Bau im Vergleich zu Wasser- und Kernkraftwerken

relativ viel Rohstoffe und einen grossen Energieeinsatz (siehe Abb. 3.8 und 3.11).

Für die ununterbrochene Versorgung eines Stromnetzes mit Millionen von Konsumenten

ist der Verbund von Wasserkraft mit Kern energie viel zuverlässiger, wirtschaftlicher

und auch ressourcenschonender.

Zusatzinformation zu neuen Gaskombikraftwerken

In der Sommersession 2010 revidieren die Eidgenössischen Räte das CO 2-Gesetz. Demnach

müssen Gaskraftwerke ihre CO 2-Emissionen vollumfänglich kompensieren, wobei Emissionszertifikate

aus dem Ausland zu maximal 30 % angerechnet werden können. Dies verhindert

– aus wirtschaftlichen Gründen – praktisch den Bau von Gaskraftwerken in der

Schweiz.

Importe sind keine Lösung

Importe sind keine Lösung, da der Strom in ganz Europa knapper werden wird und

lange Übertragungswege anfälliger für technische Störungen und politische Willkür

sind als kurze im eigenen Land. Überdies schränken die begrenzten Transportkapazitäten

den Stromimport bereits heute ein.

Strom sollte möglichst dort produziert werden, wo er benötigt wird.

Gegenwärtig kann die Schweiz aufgrund von langfristigen Beteiligungsverträgen mit

Frankreich zur Deckung von Produktionslücken – vor allem im Winterhalbjahr – Strom

aus den französischen Kernkraftwerken beziehen. Diese Verträge laufen zwischen 2018

und 2040 aus. Eine Erneuerung dieser Vereinbarungen dürfte äusserst schwierig sein, da

die EU im Zuge der Strommarktliberalisierung die Wettbewerbsregeln geändert hat. Neu

sind solche Langfristverträge, die den privilegierten Zugang zu den grenzüberschreitenden

Netzkapazitäten einräumen, nicht mehr zulässig.

Abb. 6.8: Stromimporte

57

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


58

Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 6.9

Veränderungen

2000 bis 2035

Gesamter Energieverbrauch

Stromverbrauch

Stromlücke

Quelle:

Bundesamt für

Energie, 2007

Szenarien der «Energieperspektiven 2035»

I: Weiter

wie bisher

+ 2%

Verbrauch fossile Energien - 11%

+ 29%

22 Mrd. kWh

~ 36% des

heutigen

Bedarfs

Stromverbrauch, Szenarien I bis IV

II: Verstärkte

Zusammenarbeit

- 4%

- 20%

+ 23%

18 Mrd. kWh

~ 30% des

heutigen

Bedarfs

III: Neue

Prioritäten

- 14%

- 34%

+ 14%

13 Mrd. kWh

~ 20% des

heutigen

Bedarfs

IV: Weg zur

2000-Watt-

Gesellschaft

- 27%

- 48%

- 2%

5 Mrd. kWh

~ 10% des

heutigen

Bedarfs

Bei allen Szenarien kommt es zu einer Stromversorgungslücke


Teil 6 Die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz

Die Szenarien der Energieperspektiven

Am 16. Februar 2007 hat das Eidg. Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation

(Uvek) die «Energieperspektiven 2035» veröffentlicht. Der Bericht diente unter

anderem als Grundlage für den jüngsten Entscheid des Bundesrats über die künftige

Energiepolitik der Schweiz.

Gemäss diesen Szenarien erwarten die Bundesbehörden − und zwar unabhängig von

der zukünftig gewählten Energiepolitik − keine Zunahme des Gesamtenergieverbrauchs

der Schweiz mehr (Abb. 1.8). Im Strombereich schwanken die Auswirkungen der politischen

Handlungsszenarien zwischen einem Nachfragezuwachs bis 2035 von knapp einem

Drittel und dem Verbleiben des Stromkonsums etwa auf dem Niveau des Jahres

2000. In jedem Fall verbleibt im Jahr 2035 eine grössere oder kleinere Versorgungslücke,

die mit neuer einheimischer Produktionskapazität geschlossen werden muss. Dies gilt

auch bei der sogenannten «2000-Watt-Gesellschaft».

Abb. 6.9: Szenarien der «Energieperspektiven 2035»

Zusatzinformationen zu den «Energieperspektiven 2035» (I)

Für den Strombereich präsentiert das Bundesamt für Energie (BFE) die folgenden Zahlen:

Szenario I «Weiter wie bisher»: Es handelt sich um das Referenzszenario, bei dem die heute

in Kraft stehenden Energiemassnahmen weitergeführt werden. Bei diesem Szenario würde

die Stromnachfrage bis 2035 um 29 % gegenüber dem Jahr 2000 ansteigen. Dabei wird

unterstellt, dass die Nachfrage dank steigender Effizienz jährlich nur noch um 0,8 % zunimmt,

und nicht um 1,8 % wie in der Vergangenheit. Mit Beginn der Versorgungslücke ab

2018 würde sich so bis 2035 − zusammen mit dem Stilllegen der drei dienstälteren Kernkraftwerke

in Beznau und Mühleberg und dem Auslaufen der Lieferverträge mit Frankreich −

eine einheimische Produktionslücke von gut 22 Mrd. kWh öffnen. Diese Lücke entspricht

36 % des heutigen inländischen Bedarfs. Der Stromverbrauch würde aber noch stärker ansteigen,

wenn sich die Schweizer Wirtschaftsleistung überdurchschnittlich entwickeln oder

das Erdöl schneller teurer würde als angenommen.

Szenario II «Verstärkte Zusammenarbeit»: Hier werden jährlich zusätzliche 330 Mio. Franken

für die Förderung «grünen» Stroms und weitere freiwillige Effizienzsteigerungsmassnahmen

eingerechnet. Bei dieser Handlungsoption würde die Stromnachfrage um jährlich knapp

0,6 % ansteigen; bis 2035 um insgesamt rund 23 % gegenüber 2000. Durch die verstärkte Förderung

der erneuerbaren Energien (einschliesslich der Wasserkraft) erhofft sich das BFE

zusätzliche 5,7 Mrd. kWh. Die einheimische Deckungslücke würde ab 2018 einsetzen und im Jahr

2035 gut 18 Mrd. kWh erreichen, d.h. rund 30 % der heutigen inländischen Stromnachfrage.

Szenario III «Neue Prioritäten»: Anders als bei den beiden ersten Szenarien werden bei den

Szenarien III und IV Ziele vorgegeben. Beim Szenario III ist dies die Reduktion des gesamten

Energiekonsums – nicht allein des Stromkonsums – pro Kopf um 34 % bis 2035. Unterstellt wird

die Einführung einer Energielenkungsabgabe, welche die fossilen Energieträger um 100 % und

den Strom um 30 % verteuert. Dies kombiniert mit der Annahme, dass das europäische Umfeld

mitzieht und dadurch die Schweizer Industrie ihre Konkurrenzfähigkeit erhalten kann. Bei

dieser Handlungsoption steigt der Stromkonsum bis 2035 immer noch um 14 % an. Die einheimische

Stromlücke würde ab 2018 einsetzen und im Jahr 2035 gut 13 Mrd. kWh erreichen.

Szenario IV «Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft»: Erreicht werden soll dieses Ziel durch eine

gegenüber dem Szenario III verschärfte und ebenfalls international harmonisierte Energielenkungsabgabe

und durch tiefgreifende Veränderungen im Investitions-, Konsum-, Arbeits-

und Mobilitätsverhalten. Zudem verlagert sich die Wirtschaftstätigkeit von einer «energie-

und materialintensiven zu einer dienstleistungs- und wissensorientierten Produktion», wie

das BFE schreibt. Die Deckungslücke beim Strom ist immer noch vorhanden und beträgt im

Jahr 2035 rund 5 Mrd. kWh bzw. 10 % des heutigen Landesverbrauchs.

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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 6.10

Abb. 6.11

Vergleich von Kosten und CO 2 bei verschiedenen Angebotsvarianten

Stromverbrauch,

Szenarien I bis IV

I: Weiter wie bisher

II: Verstärkte

Zusammenarbeit

III: Neue Prioritäten

IV: Weg zur 2000-

Watt-Gesellschaft

Quelle: Bundesamt für

Energie, 2007

mit Kernkraftwerken

mit Gaskraftwerken

mit erneuerbaren

Energien

durch Stromimporte

Kosten CO2 Kosten CO2 Kosten CO2 Kosten CO2

3,9

4,4

4,4

4,3

- 12%

- 21%

- 34%

- 47%

4,4

5,0

5,3

4,7

+ 4%

- 9%

- 26%

- 41%

nicht

betrachtet

nicht

betrachtet

7,2

7,0

nicht

betrachtet

nicht

betrachtet

- 36%

- 48%

4,4

5,1

4,8

4,8

- 12%

- 21%

- 34%

- 47%

Veränderung der CO2-Emissionen gegenüber dem Jahr 2000

Gestehungskosten ab Werk (in Rappen pro Kilowattstunde), ohne Netzkosten

In allen Szenarien fährt die Schweiz mit Kernenergie am Besten

Vergleich der Angebotsvarianten Kernenergie und Erdgas

Kriterien

1. Beitrag zur Versorgungssicherheit

2. Kosten

3. Unternehmerisches Risiko

4. Umwelt

5. Politische Realisierbarkeit

6. Volkswirtschaftliche Auswirkungen

Quelle: Verband Schweizerischer

Elektrizitätsunternehmen (VSE), «Vorschau 2006»

Variante nur

Kernenergie

Variante nur

Erdgas

Variante

Erdgas und

Kernenergie

positiv neutral negativ

Aus Sicht der Stromversorger ist die Kernenergie die beste Option


Teil 6 Die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz

Kernenergie ist die günstigste und umweltfreundlichste Lösung

Die Elektrizität spielt in der technologischen Entwicklung eine immer grössere Rolle.

Elektrizität ist die Schlüsselenergie – heute und in Zukunft.

In ihrer am 25. Februar 2008 publizierten Energiestrategie relativiert die ETH Zürich ihr

Konzept der «2000-Watt-Gesellschaft». Ziel ist neu die «eine-Tonne-CO2-Gesellschaft».

Dies bedeutet, dass der Stromverbrauch aus CO2-armen Quellen in den kommenden

Jahrzehnten deutlich ansteigen sollte, um durch die weitere Elektrifizierung der Energieversorgung

der Schweiz den Verbrauch von Erdöl und Erdgas ohne Wohlstandsverluste

drastisch senken zu können. Hierfür ist unter anderem der Einsatz der Kernenergie erforderlich,

erklärte Ralph Eichler, Präsident der ETH Zürich, anlässlich der Präsentation

der Energiestrategie.

Betrachtet man die Szenarien des Bundes genauer, so stellt man folgendes fest: In jedem

der untersuchten Fälle – also auch bei der «2000-Watt-Gesellschaft» – fährt die Schweiz

am besten, wenn sie die verbleibende Stromlücke vor allem mit Kernenergie schliesst.

Diese Lösung ist nicht nur die volkswirtschaftlich günstigste, sondern sie reduziert auch

die CO2-Emissionen der Schweiz am stärksten. Kernenergie ist für die Schweiz eine

Win-win-Strategie. Zu diesem Schluss sind auch die Schweizer Elektrizitätsunternehmen

gekommen.

Abb. 6.10: Vergleich von Kosten und CO2 bei verschiedenen Angebotsvarianten

Der wesentliche Nachteil der Kernenergie liegt in den Hemmungen und politischen Widerständen

gegen diese Technologie. Lassen sich diese überwinden, kann die Schweiz

die für das Land günstigste Option verwirklichen.

Abb. 6.11: Vergleich der Angebotsvarianten Kernenergie und Erdgas

Zusatzinformationen zu den «Energieperspektiven 2035» (II)

Die «Energieperspektiven 2035» des Bundes stossen auf teils massive Kritik der Stromwirtschaft,

die sich für die sichere Landesversorgung zuständig fühlt. So hält der Verband Schweizerischer

Elektrizitätsunternehmen (VSE) fest, dass die Perspektiven die Ergebnisse der vom

VSE im Mai 2006 herausgegebenen Studie «Vorschau 2006» zwar bestätigen. Allerdings gingen

die Perspektiven des Bundes teilweise von wenig realistischen Annahmen aus. Insbesondere

die Szenarien III und IV dürften in einer freiheitlichen Gesellschaft kaum Akzeptanz

finden. Die Prognosen des VSE stützten sich demgegenüber auf die aktuellen Entwicklungen

in der Schweiz und in Europa ab und profitierten von der jahrzehntelangen Erfahrung der

Branche.

Auch für Swisselectric, der Organisation der schweizerischen Stromverbundunternehmen,

stellen insbesondere die Szenarien III und IV keine valablen Planungsgrundlagen dar, da

sie nur mit massiven staatlichen Eingriffen umgesetzt werden könnten und zu einem drastischen

Wohlstandsverlust führen würden. Aber auch für das Referenzszenario I würden Annahmen

getroffen, die am untersten Rand der zu erwartenden Entwicklungen liegen.

So gehen beispielsweise die Energieperspektiven von einem Wachstum der Bevölkerung von

7,2 Mio. im Jahr 2001 auf 7,6 Mio. im Jahr 2035 aus. Gemäss Bundesamt für Statistik zählte

die Schweiz jedoch im Frühjahr 2010 bereits 7,8 Mio. Einwohner.

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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Abb. 6.12

Abb. 6.13

Absehbare Stromversorgungslücke bis ins Jahr 2035

Mehrverbrauch bis 2035

(+0,5% jährlich)

15 Mrd. kWh

Ersatz für wegfallenden Importstrom 4 Mrd. kWh

Ersatz für Beznau und Mühleberg 9 Mrd. kWh

Stromlücke insgesamt bis 2035 25 – 30 Mrd. kWh

(Bandbreite)

Quelle: Swisselectric, 2007

Die zu erwartende Lücke entspricht fast der Hälfte der heutigen

Stromproduktion in der Schweiz

Lösungsvorschlag der Stromverbundunternehmen

Investitionen bis 2035 in:

Volumen in

Schweizer Franken

Nicht «entweder – oder», sondern «sowohl als auch»

Produktionszuwachs

Erneuerbare Energien inkl. Wasserkraft 8 –10 Mrd. 5 Mrd. kWh

2 bis 3 Kernkraftwerke 10 –12 Mrd. 20 Mrd. kWh

bis 5 Gaskombikraftwerke 2 Mrd. 3 Mrd. kWh *

Netzausbauten 2 –3 Mrd.

3 Pumpspeicherkraftwerke 3 Mrd. Füllen der Leistungslücke

bei Nachfragespitzen

Total 25 – 30 Mrd. 25 – 30 Mrd. kWh

* Stand 2035 mit Gaskombikraftwerken als Lieferanten von Spitzenenergie

(während der Übergangszeit: 10 Mrd. kWh jährlich)

Quelle: Swisselectric, 2007


Teil 6 Die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz

Die Versorgungslücke aus Sicht der Stromversorger

Aufgrund dieser Ausgangslage haben die in der Organisation Swisselectric zusammengeschlossenen

Schweizer Stromverbundunternehmen am 22. März 2007 in Bern ihren

Lösungsvorschlag zum Abwenden der drohenden Stromversorgungslücke vorgestellt.

Die Versorgungslücke entsteht durch

die altersbedingte Abschaltung der Kernkraftwerke Beznau-1 und -2 und Mühleberg

• das Auslaufen der heutigen Stromimportverträge mit Frankreich

• den zu erwartenden Mehrverbrauch, der sich aus der Annahme eines moderaten Verbrauchszuwachses

von 0,5 % pro Jahr ergibt (in den letzten Jahren ist der Verbrauch

ungefähr doppelt so schnell angestiegen)

Dies bedeutet, dass die bis 2035 zu erwartende Stromlücke mindestens 25–30 Milliarden

Kilowattstunden erreichen dürfte. Das ist fast die Hälfte der heutigen Schweizer Stromproduktion.

Abb. 6.12: Absehbare Stromversorgungslücke bis ins Jahr 2035

Der Vorschlag der Stromwirtschaft

Zum Abwenden dieser Versorgungslücke sind die Stromverbundunternehmen bereit, bis

zum Jahr 2035 rund 30 Mrd. Franken in neue Kraftwerke zu investieren. Darunter befinden

sich als tragende Säule auch zwei bis drei neue Kernkraftwerke. Im Verhältnis zum

eingesetzten Kapital erzeugen sie den meisten Strom.

Abb. 6.13: Lösungsvorschlag der Stromverbundunternehmen

Zusatzinformationen zu den Vorschlägen der Stromwirtschaft

Erneuerbare Energien und Energieeffizienz: Im Vordergrund steht ein moderater Ausbau

der Wasserkraft. Dazu erachten die Verbundunternehmen den Mitteleinsatz für Biomasse

als besonders sinnvoll. In beiden Fällen ist eine Güterabwägung mit dem Schutz der

Umwelt nötig. Mit zielgerichteter Fachberatung und mit kommunikativen Massnahmen sollen

Stromkundinnen und Stromkunden zudem verstärkt für den effizienten Einsatz von

Strom sensibilisiert und motiviert werden.

Neue Kernkraftwerke: Sie dienen der Sicherstellung einer zuverlässigen, umweltgerechten

und wettbewerbsfähigen Stromversorgung sowie als Ersatz für die Kernkraftwerke Beznau

und Mühleberg und die auslaufenden Stromimportverträge mit Frankreich.

Gaskombikraftwerke: Diese kommen wegen ihrer CO2-Produktion lediglich als Übergangs-

lösung in Frage. Je rascher neue Kernkraftwerke ans Netz gehen können, desto weniger Gaskombikraftwerke

werden benötigt. Nach dem Bau der neuen Kernkraftwerke dienen sie als

Lieferanten von Spitzenenergie im Umfang von 3 Mrd. kWh. Mit den neuen Kompensationspflichten

im CO 2-Gesetz (siehe Seite 57) sind Gaskraftwerke in der Schweiz jedoch nicht

wirtschaftlich zu betreiben.

Netzausbauten: Bereits heute gelangen die Leitungsnetze an den Rand ihrer Transportkapazität.

Ein Ausbau ist vor allem bei den Übertragungsnetzen (Hoch- und Mittelspannung)

im Inland erforderlich.

Pumpspeicherkraftwerke: Sie sind die «Reservetanks» und sichern die Stromversorgung bei

Bedarfsspitzen.

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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Teil 6 Die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz

Neue Kernkraftwerke an bestehenden Standorten

Kernkraftwerke benötigen für ihren Betrieb genügend Kühlwasser und eine leistungsfähige

Anbindung an das Stromnetz. Die heutigen Standorte erfüllen diese Anforderungen;

sie stehen bei der Planung von Ersatzanlagen daher auch im Vordergrund. Dazu

kommt der – weltweit zu beobachtende – Umstand, dass die Bevölkerung in den Standortregionen

von Kernkraftwerken generell atomfreundlicher eingestellt ist als der Landesdurchschnitt.

Am 9. Juni 2008 hat die Kernkraftwerk Niederamt AG, eine Projektgesellschaft der

heutigen Alpiq, beim Bundesamt für Energie das Rahmenbewilligungsgesuch für ein

Kernkraftwerk im Solothurner Niederamt zwischen Olten und Aarau eingereicht. Am

4. Dezember 2008 reichten die jeweiligen Standortgesellschaften von Axpo und BKW

die Ersatz-Kernkraftwerk Beznau AG und die Ersatz-Kernkraftwerk Mühleberg AG –

gemeinsam zwei Rahmenbewilligungsgesuche für Kernkraftwerke an den Standorten

Beznau und Mühleberg ein. Alle diese Kernkraftwerke sollen den europäischen Standards

für Leichtwasserreaktoren der dritten Generation entsprechen und eine elektrische

Leistung von je maximal 1600 Megawatt haben.

Hybridkühltum: geringe Höhe und kaum Nebelschwaden

Die heutigen Schweizer Kernkraftwerke werden ohne Kühlturm direkt mit Flusswasser

gekühlt (Beznau, Mühleberg) oder mit einem Nasskühlturm (Gösgen, Leibstadt). Kühltürme

haben den Vorteil, dass sie die Abwärme in die Atmosphäre abführen und die

Fliessgewässer nicht mit Wärme belasten.

Als Novum für die Schweiz schlagen die Planungsgesellschaften für die projektierten

Kernkraftwerke sogenannte Hybridkühltürme vor. Ein solcher Hybridkühlturm steht

seit 1989 im Block 2 des Kernkraftwerks Neckarwestheim bei Stuttgart in Betrieb. Mit

einer Höhe von rund 50 Metern ist er nur etwa ein Drittel so hoch wie die Nasskühltürme

in Gösgen oder Leibstadt und erzeugt kaum Nebelschwaden. Anders als ein hoher

Nasskühlturm benötigt ein Hybridkühlturm jedoch Ventilatoren. In Neckarwestheim

verbrauchen diese 1,4 % der Stromproduktion. Dank Schalldämpfung sind sie ausserhalb

des Turms kaum hörbar.

Abb. 6.14 Der Hybridkühlturm des Kernkraftwerks Neckarwestheim, Deutschland

Foto: GKN


Das Volk hat das letzte Wort

Am 1. Februar 2005 ist das neue Kernenergiegesetz in Kraft getreten. Es legt fest, dass

neue Kernkraftwerke sowie Zwischen- oder Tiefenlager drei Bewilligungsverfahren auf

Bundesebene durchlaufen müssen. Nötig sind zuerst eine Rahmenbewilligung, dann

eine Baubewilligung und schliesslich eine Betriebsbewilligung.

Über die Rahmenbewilligung entscheiden zuerst der Bundesrat, dann die Eidgenössischen

Räte und schliesslich – weil der Parlamentsbeschluss dem fakultativen Referendum

untersteht – mit hoher Wahrscheinlichkeit das Schweizer Volk. Dieser Entscheid ist

abschliessend, das Gesetz sieht kein lokales oder kantonales Vetorecht vor.

Mit dieser Regelung ist sichergestellt, dass der allfällige Neubau von Kernkraftwerken in

der Schweiz demokratisch legitimiert ist.

Zusatzinformationen zu den Bewilligungsverfahren

Mit der Rahmenbewilligung werden die grundsätzlichen, politischen Fragen entschieden.

Insbesondere wird festgestellt, ob der politische Wille für den Bau der Anlage vorhanden ist.

Dazu reicht der Antragsteller das Gesuch beim Bundesamt für Energie (BFE) ein. Dieses bestellt

die nötigen Fachgutachten. Liegen die Gutachten vor, fordert das BFE die Kantone und

die Fachstellen des Bundes auf, innerhalb von drei Monaten zum Gesuch und den Gutachten

Stellung zu nehmen.

Während der anschliessenden ebenfalls drei Monate dauernden öffentlichen Auflage des

Gesuchs und der Stellungnahmen der Kantone und der Fachstellen des Bundes ist jedermann

berechtigt, Einwendungen zu erheben. Anschliessend werden die Stellungnahmen zu

den Einwendungen eingeholt, und das Gesuch wird dem Bundesrat zum Entscheid vorgelegt.

Bei der Vorbereitung des Rahmenbewilligungsentscheids beteiligt der Bund die Standortkantone

und die in unmittelbrarer Nähe zum vorgesehenen Standort liegenden Nachbarkantone

und Nachbarländer.

Über den Bundesratsentscheid befindet anschliessend das Parlament. Eine vom Parlament

genehmigte Rahmenbewilligung untersteht dem fakultativen Referendum. Kommt es zustande,

fällt der definitive Entscheid in einer eidgenössischen Volksabstimmung.

Im Baubewilligungsverfahren werden sämtliche notwendigen Bewilligungen auf Bundesebene

gebündelt. Einsprache können hier nur berechtigte Parteien erheben. Die Baubewilligung

erteilt das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation

(Uvek). Gegen dessen Entscheid besteht eine zweistufige Rekursmöglichkeit: an das

Bundesverwaltungsgericht und an das Bundesgericht.

Das Verfahren zum Erlangen der Betriebsbewilligung ist ähnlich wie jenes bei der Baubewilligung.

Auch hier besteht eine zweistufige Rekursmöglichkeit an das Bundesverwaltungsgericht

und an das Bundesgericht.

Der Fahrplan des Bundes für die Rahmenbewilligungsgesuche

Für die im Jahr 2008 von der Stromwirtschaft eingereichten drei Rahmenbwilligungsgesuche

hat das Bundesamt für Energie (BFE) einen Fahrplan vorgelegt. Demnach liegen

die sicherheitstechnischen Gutachten – insbesondere jene des Eidgenössischen

Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) – bis im Herbst 2010 vor. Im Jahr 2011 geben die

Kantone und die Fachstellen des Bundes ihre Stellungnahmen zu den Gesuchen ab und

die Unterlagen werden öffentlich aufgelegt.

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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010

Teil 6 Die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz

Anschliessend bereitet der Bund unter Mitwirkung der betroffenen Kantone und Nachbarstaaten

den Bundesratsentscheid vor. Dieser ist für Mitte 2012 vorgesehen.

Auf den Bundesratsentscheid folgt die Beratung in den Eidgenössischen Räten. Gemäss

Fahrplan des BFE könnte eine allfällige Volksabstimmung über die Rahmenbewilligungen

im Jahr 2013 erfolgen.

Entscheid von grösster Tragweite

Eine zuverlässige und kostengünstige Stromversorgung ist für die Zukunft unseres Landes

von entscheidender Bedeutung. Wirtschaftswachstum erfordert ausreichend Elektrizität.

Die Stromversorgung betrifft alle Bürgerinnen und Bürger unmittelbar. Sie ist kein

Feld für visionäre Experimente mit mehr als ungewissem Ausgang. Eine Versorgungslücke

hätte fatale Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft und damit für den Wohlstand

in der Schweiz.

Auch zu hohe Energiepreise haben unabsehbare Folgen für die Schweizer Wirtschaft. In

den «Energieperspektiven 2035» erwartet das Bundesamt für Energie beim extremen

Sparszenario «2000-Watt-Gesellschaft» die Verlagerung der Wirtschaftstätigkeit von einer

«energie- und materialintensiven zu einer dienstleistungs- und wissensorientierten Produktion».

Im Klartext bedeutet dies das weitgehende Verschwinden der Industrie und damit den

weiteren Abbau von Arbeitsplätzen für beruflich wenig qualifizierte Menschen. Die

energieintensiven Produkte würden bei diesem Szenario aus dem Ausland eingeführt.


Schlusswort

Die beste Lösung in einem anderen Land ist nicht notwendigerweise die beste Lösung

für die Schweiz. Die Schweiz hat viel Wasser (aber wenig Wind), hohe Berge (aber wenig

Sonne), eine hohe Bevölkerungsdichte (aber kaum Rohstoffe) und ist ein hoch entwickeltes

Industrieland mit politischer Stabilität. Der heutige Strommix entspricht ideal

diesen Voraussetzungen und den Bedürfnissen unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Das

hat der Bundesrat bereits in den 1960er-Jahren erkannt, und wir sind bis heute sehr gut

damit gefahren.

Die heutige Situation erinnert in vielem an die Lage vor 50 Jahren, als angesichts der

boomenden Wirtschaft und des steigenden Stromkonsums ebenfalls eine Strom lücke

drohte. Die Stromwirtschaft dachte damals über den Bau von fossilen Kraftwerken nach,

da der weitere Ausbau der Wasserkraft auf zunehmenden politischen Widerstand und

auf physikalische Grenzen stiess.

Vor diesem Hintergrund erklärte 1964 der damalige Energieminister, der sozialdemokratische

Bundesrat Willy Spühler, in einer Rede vor der Schweizerischen Vereinigung für

Atomenergie (dem heutigen Nuklearforum Schweiz):

«In grundsätzlicher Hinsicht kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Zukunft

der Elektrizitätserzeugung in der Atomenergie liegt. In Bezug auf die langfristigen

Ziele unserer Elektrizitätsversorgung ist die Stromerzeugung in Atom-

reaktoren ideal.»

Diese von Spühler genannten langfristigen Ziele umfassten:

• eine kostengünstige Stromversorgung

• eine ausreichende, sichere und vom Ausland möglichst unabhängige Stromversorgung

• der Schutz von Wasser, Luft und Landschaftsbild.

Das ist heute aktueller denn je.

Spühler fügte dem im Namen des Gesamtbundesrats die Aufforderung hinzu, dass «auf

die kurzfristig gedachte Zwischenstufe von konventionellen thermischen Kraftwerken

verzichtet und unmittelbar auf den Bau und die Inbetriebnahme von Atomkraftwerken

zugesteuert werden sollte.»

Unterstützung fand Spühler damals insbesondere in den Umweltschutzkreisen. Der

Schweizerische Bund für Naturschutz – die heutige «Pro Natura» – hielt im Februar 1966

im Verbandsorgan «Naturschutz» unmissverständlich fest:

«Der Naturschutzbund unterstützt die mehrfach geäusserte Haltung des Bundesrats,

unverzüglich mit dem Bau von Kernkraftwerken zu beginnen.»

Diese Aussagen sind wegweisend. Der heutige Schweizer Strommix von knapp 60 %

Wasserkraft und 40 % Kernenergie sollte auch in Zukunft als Zielgrösse beibehalten werden

− ergänzt durch neue erneuerbaren Energien wie Biomasse, Holz und Wind im ökologisch

und wirtschaftlich verantwortbarem Ausmass. In Zukunft werden wir jede Kilowattstunde

brauchen.

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Nuklearforum Schweiz: «Kernenergie für die Schweiz», August 2010


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