Einstehen für Deutschland nach innen und außen

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Einstehen für Deutschland nach innen und außen

Harald Seubert

Einstehen für Deutschland nach innen

und außen 1

Das Thema meines Vortrags könnte man kaum besser

als mit dem folgenden Zitat bezeichnen: „Wir wollen

aufhören, die Narren der Fremden zu sein und zusammenhalten

zu einem einigen, unteilbaren, starken

freien deutschen Volk“. Das schrieb in den Jahren um

1848 Friedrich Engels. 2

I. Eine längere Vorrede: Vergangenheitspolitik

Fragen wir uns zunächst, weshalb dieses Einstehen im

heutigen Deutschland nicht selbstverständlich ist, so wie in anderen Ländern.

Das würde die Akzeptanz des Schmerzes und Schrecklichen der eigenen

Geschichte nicht ausschließen. Zugleich aber bedeutete es, ihre Größe und

ihr bleibendes Erbe zu achten und zu bewahren.

Karl Jaspers, immerhin in der NS-Zeit seiner jüdischen Frau wegen seines

Lehrstuhls enthoben und ohne Publikationsmöglichkeiten, der mit einer

Zyankali-Kapsel im Mantel wie ein Schatten seiner selbst in Heidelberg

überwinterte, 3 war einer der tiefsten und schärfsten Kritiker der Heuchelei,

die sich unmittelbar nach 1945 durchsetzte. Deutsche, die es nicht mehr sein

wollten, die sich den Alliierten als den neuen Herren andienten, erregten bei

diesem wahrhaft unverdächtigen Zeugen Widerwillen und Ekel.

In ihnen sah Jaspers eines nicht: eine wirkliche Umkehr und Besinnung.

Er erkannte vielmehr, wie der charakterliche und intellektuelle Bodensatz

nach oben geschleudert und ein unerträgliches Klima der Bespitzelung in

Gang gesetzt würde. Auch in den Spruchkammerverfahren zeigte sich diese

Tendenz vielfach.

1 Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die geringfügig modifi zierte Fassung des

Vortrags, den ich am 27. 2. 2010 vor der SWG in Hamburg gehalten habe. Dabei wurde der

Vortragsstil weitgehend beibehalten. Demgemäß begrenze ich mich auf die wichtigsten Fußnoten.

2 Zit. nach H. Diwald, Mut zur Geschichte. Bergisch Gladbach 1983, S. 247 f.

3 Vgl. zu Jaspers’ Erfahrungen: D. Morat, Von der Tat zur Gelassenheit. Konservatives Denken

bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger 1920-1960. Göttingen 2007, S.

370 ff.

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Dieser Ungeist veranlasste Jaspers wenige Jahre später Deutschland für immer

den Rücken zu kehren und seine letzten Lebensjahre in der freieren Civitas

Basels zu verbringen. 4

Dass mit der Heuchelei der ersten Nachkriegszeit kein vorübergehendes Übergangsphänomen

bezeichnet ist, sondern eine Grundstruktur, die eben dazu

führt, dass das Eintreten für Deutschland nach innen und außen nicht stattfi

ndet, kann man an späteren öffentlichen und medial vermittelten Debatten

erkennen. Es spricht für sich, dass jene charaktergewaschenen Deutschen ihren

Kindern bevorzugt jüdische Namen wie Rahel, Leah und Rebekka gaben. Der

inquisitorische Aufstand der 68er Kinder gegen ihre Eltern, schreibt diese selbe

unselige Tradition fort. Götz Aly, einst ein Funktionär der 68er-Bewegung,

hat darauf jüngst in seinem Buch ‚Unser Kampf’ hingewiesen. 5

Man kann heute klarer sehen, wenn man nur will, wie gebrochen die immer

von moralisch höherem Gelände aus beanspruchte Widerständigkeit der Exponenten

eines linksliberalen Establishment in den Nachkriegsjahren tatsächlich

gewesen ist. Biographien wie die von Peter Wapnewski, Günter Grass, von

dem tragischen Fall Walter Jens nicht zu reden, sind bei näherem Hinsehen

keinesfalls von der Makellosigkeit, die sie beanspruchten. Erst in den letzten

Jahren wurde deutlich, dass Historiker wie Theodor Schieder oder Werner

Conze an der Grenzlanduniversität Königsberg wesentlich an der Ostpolitik

der NS-Regierung beteiligt waren – und gerade damit Forschungen in Gang

brachten, die die wirtschafts- und sozialhistorische Prägung des späteren linksliberalen

Establishments der Bielefelder Schule (H.-U. Wehler) bestimmten. 6

Signifi kant für den verleugnenden Umgang mit der Vergangenheit ist es, sich

Identitäten zu erborgen. Einer meiner akademischen Lehrer, ein gebürtiger

Pommer: „Ich traue den Deutschen nicht“. Dies ist die verräterische Crux:

Man verstand sich selbst nicht als Deutscher (!), mit dem Vorzug, aber auch

der psychopathologischen Folge einer Identifi zierung mit den Siegermächten.

In der ehemaligen DDR war dies Staatsdoktrin. Frei nach Freud lässt sich

ein ‚Unbehagen an der eigenen Nation’ konstatieren. Der Altmeister der

Psychoanalyse kann auch lehren, dass solches Unbehagen immer ungesund,

ja im Todestrieb endet. .

4 Vgl. dazu: H. Arendt-Karl Jaspers. Briefwechsel 1926-1969. München, Zürich 1985, insbes.

S. 145 ff.

5 G. Aly, Unser Kampf- 1968. Ein irritierter Blick zurück. Frankfurt/Main 2008.

6 Eine in jeder Hinsicht rühmliche Sonderstellung hat Hans Rothfels inne. Dazu: K. Hornung,

Hans Rothfels und die Nationalitätenfrage in Ostmitteleuropa 1926-1934, in: E. Conze, U. Schlie,

H. Seubert (Hgg.), Geschichte zwischen Wissenschaft und Politik. Festschrift für Michael Stürmer

zum 65. Geburtstag. Baden-Baden 2003, S. 71 ff.

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Wenn man die Prägungen dieser noch immer aktuellen Lage erkennen will,

sollte man auf luzide, wenn auch in die Jahre gekommene Analysen zurückgreifen:

Armin Mohler legte seine Studie zur ‚Vergangenheitsbewältigung’

erstmals 1968 vor: Er nennt die Signaturen der Vergangenheitsbewältigung,

die geistig längst tot sei, aber gleichwohl faktisch fortlebe, ja sich immer mehr

verstärke. 7 Dabei hebt Mohler unter anderem die folgenden Aspekte hervor:

Die Vergangenheitsbewältigung beziehe alle Gegenwart auf eine verengte, zurechstilisierte

Geschichte. Damit untergrabe sie das Verhältnis zur wirklichen

Geschichte. Eine solche Geschichtspolitik, die historisch begründetes Handeln

unmöglich macht, bedeute aber letztlich eine Erhöhung politischer Unsicherheit

nach innen und außen. Sie drohe von der unangenehmen Gegenwart

abzulenken. Der Schatten der Vergangenheit wird jederzeit als Sündenbock

abrufbar, um realpolitisches Versagen zu verschleiern. 8 In der Bundesrepublik

sei die Vergangenheitsbewältigung zur politischen Routine und Konvention

erstarrt, so dass die Gesellschaft wie unter einem permanenten Alibi-Zwang

steht. Diese Bewältigungsmaschinerie sei weiter dadurch kompromittiert, dass

es in ihrer Logik nicht darauf ankomme, was man unter Hitler getan hätte.

Denn nur wer sich dem Konformismus unterwirft, könne dem Ritual entgehen

– eine sehr tiefe Diagnose, die sich bruchlos dem Jaspersschen Befund

der Heuchelei einfügt! Der Sinn für Außenpolitik und deutsche Interessen sei

auf diese Weise verkümmert. Mehr noch: Vergangenheitsbewältigung drohe

durch fehlende Aufrichtigkeit und Gesinnungsschnüffelei gerade hervorzurufen,

was sie zu bekämpfen vorgibt, zumal der historische Hitler durch einen

zeitlosen Hitler ersetzt worden sei. Eben dies tritt ein, wenn Joschka Fischer

den ‚Mythos Auschwitz’ als Gründungslegende der Bundesrepublik Deutschland

begreift. Mythen entziehen sich dem Vergleich und der Erkenntnis. An

ihnen ist nicht zu rütteln. Es ist aber auch unverkennbar, dass der Verweis

auf Mythen auf einen voraufgeklärten, vorpolitischen Raum verweist. Mohler

konstatierte schon seinerzeit, dass jene Vergangenheitsbewältigung nicht

aufrüttle, sondern abstumpfe – und ihre leerlaufende Dynamik, die leeren

Wiederholungsfl oskeln rufen, zu Recht, im Ausland Ekel hervor, wie es der

häßlichste Deutsche nicht vermöchte.

Die „Wege aus den Sackgassen“, die Mohler anzeigt, sieht er unter anderem

darin, dass die moralisierende Verfolgung politischer Ansichten, der Gesinnungsterror,

mit aller Entschiedenheit abgewiesen werden müssen. Solche

Argumentationen stehen in einem unseligen Zusammenhang. Denn er schreibt

7 A. Mohler, Vergangenheitsbewältigung. Von der Läuterung zur Manipulation. Stuttgart-

Degerlochh 1968.

8 Zum Sündenbockmechanismus grundsätzlich: R. Girard, Das Ende der Gewalt. Analyse des

Menschheitsverhängnisses. München 2008.

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sich selbst unmittelbar vom Dritten Reich her. Die Suche nach geschichtlicher

Wahrheit und historischer Gerechtigkeit dürfe, so hat Mohler hinzugefügt,

keinesfalls den Extremisten überlassen werden, die nicht in Freimut und

möglichster Vorurteilsfreiheit nach jener Wahrheit suchen.

Eine liberale Demokratie muss auf dem Grundsatz fußen, dass die Wahrheit

dem Menschen zumutbar ist. Mithin dürfe politische Bildung nicht auf abstrakten

Soll-Vorstellungen beruhen, sondern müsse zu einer realistischen

Konfl ikt-Kunde fortgeschrieben werden. 9 Mohler hat auch darauf hingewiesen,

dass auf dem Weg der Vergangenheitsbewältigung die scharfe, offene

Auseinandersetzung zwischen Rechts und Links unmöglich gemacht werde.

Deshalb fordert er, seinerzeit sicher strittig, eine rechtliche Generalamnestie:

amnesia und amnestia waren seit je die Mittel, um Krieg und Bürgerkrieg zu

beenden.

Schon drei Jahre früher verfaßte Caspar von Schrenck-Notzing sein Buch

‚Charakterwäsche’. 10 Schrenck-Notzing benannte im einzelnen sehr genau

die amerikanischen Hintergründe und Verfahrensweisen jener Charakteräsche;

vor allem aber unterschied er von der ersten Entnazifi zierung eine zweite, die

Ende der fünfziger Jahre in Gang kam und in den sechziger Jahren ihren Kulminationspunkt

fand: Sie wird immer abstrakter und zieht die gesamte deutsche

Vergangenheit in den Orkus hinein. Die großen Linien deutscher Geschichte

von den Befreiungskriegen oder gar von Luther her sollen mehr oder minder

linear auf Hitler zulaufen. Erst recht galt dies für die strategisch-militärische

Dimension der Macht in der Mitte Europas. Schrenck-Notzing zeigt, wie

vermeintliche Charakterdefi zite der Deutschen und eine aufklärungsfeindliche

Tradition konstruiert werden. Ein Topos dabei ist, dass die Deutschen keine

Freiheit kennten. Marxistische Propaganda, wie jene von Georg Lukács in

dem Buch ‚Die Zerstörung der Vernunft’ mit der These eines durchgehenden

deutschen Irrationalismus verbindet sich mit dem Interesse des CIA, für den

unter anderem der radikale Vertreter der Frankfurter Schule Herbert Marcuse

tätig war. Auch der späte Thomas Mann hieb teilweise in diese Kerbe. All

dies bedeutete: Kappung aller Verbindung zu der eigenen genuin deutschen

geistigen und kulturellen Tradition.

Zwei Jahrzehnte später: am Ende der bipolaren Konstellation sehen wir in

den Jahren 1986/87 den Historikerstreit, eine geschichtspolitische Debatte,

in der es nicht um Erkenntnis der Geschichte geht, schon gar nicht um die

penible Rekonstruktion, „wie es eigentlich gewesen“, sondern, wie Jürgen

9 Mohler, Vergangenheitsbewältigung, a.a.O., S. 70 ff.

10 C. von Schrenck-Notzing, Charakterwäsche. Die Re-education der Deutschen und ihre

bleibenden Auswirkungen. Erweiterte Neuausgabe. Graz 2 2005.

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Habermas seinerzeit offen sagte, darum, dass eine positiv Vergangenheit, eine

Legitimation auch aus und durch Geschichte, selbst in der fest im westlichen

Bündnis verankerten Weise von Michael Stürmer, der sich damals als NATO-

Historiker denunziert sah, nicht statthaft sein sollte. 11 Zulässig wäre nur ein

wurzelloser Universalismus. Einzig, wenn sie sich nicht mehr als Deutsche

verstünden, könnten sich die Deutschen exkulpiert fühlen.

Allenfalls noch von „Verfassungspatriotismus“, von „postkonventioneller

Identität“ durfte die Rede sein. Heute mag Habermas etwas anders denken

und die Grenzen jener universalistischen Wertorientierungen sehen. Es bedarf

einer tieferen Wurzel, die er aber eher von der Religion als von der Nation

her erkennt. 12 Gerade wenn man die heutige umfassende Welt-Unordnung in

den Blick nimmt, wird deutlich, dass die abstrakte Diskurswelt nichts ist als

ein veralteter Traum.

Immerhin aber hatte derselbe Habermas 1989 geschrieben: „als Nachgeborene,

die nicht wissen können, wie sie sich unter den Bedingungen der politischen

Diktatur verhalten hätten, tun wir gut daran, und in der moralischen Bewertung

von Handlungen und Unterlassungen während der NS-Zeit zurückzuhalten“.

Nicht einmal diese Klausel fi ndet im heutigen öffentlichen Diskurs noch Gehör.

Schon Anfang der sechziger Jahre schrieb Hans Buchheim, einer der großen

Zeithistoriker der frühen Bundesrepublik, was heute in noch viel stärkerem

Maße zutrifft: „Alles in allem muss man also leider feststellen, dass mit zunehmendem

zeitlichem Abstand vom Dritten Reich die Vorstellungen über

jene Zeit nicht etwa zutreffender werden, sondern vielmehr immer abwegiger“

(S-N., S. 273). 13 Und Buchheim hat dann präzisiert, dass die „Moralität

des Urteils in dem Maße zunimmt, in dem alle Aspekte eines Problems auf

einen Aspekt konzentriert werden – nämlich den des Verbrechens.“ 14 Neuere

Lehrpläne auch im auf acht Schuljahre verkürzten Gymnasium in Bayern

zeigen heute leider, dass dieser Trend sich noch weiter durchgesetzt hat, dass

es einzig und allein um jenen Verbrechenscharakter geht. Verstehen ist weder

erwünscht noch tunlich!

Im Historikerstreit sollte die Hegemonie der These, die eine tausendjährige

Geschichte auf Verbrechen reduziert, letztgültig durchgesetzt werden. Man

muss heute leider sagen, dass dies mit fast fl ächendeckendem Erfolg gesche-

11 Vgl. dazu: „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit

der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München 1987, der grundlegende Beitrag von

Nolte, S. 13ff., Michael Stürmer, S. 36ff., und Habermas, S. 62ff.

12 Vgl. dazu unter anderem Habermas, Glauben und Wissen. Frankfurt/Main 2001 und ders.,

Ein Bewußtsein von dem, was fehlt. Frankfurt/Main 2009.

13 Zit. nach Schrenck-Notzing, Charakterwäsche, a.a.O., S. 273.

14 Ibid.

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hen ist. Rudolf Augstein konnte damals einen hochkarätigen Historiker wie

Andreas Hillgruber, der einen Band mit dem Titel „Zweierlei Untergang“

vorgelegt hatte, „einen konstitutionellen Nazi“ nennen. 15 Hier deutet sich

nichts anderes an als eine massive Eingrenzung von Forschungsfreiheit, die

sich heute noch weitergehend durchgesetzt hat.

Immerhin ist damals eine grundlegende Differenz über die Auffassung von

deutscher Geschichte noch einmal aufgebrochen. Mittlerweile ist in der

Schweigespirale (E. Noelle-Neumann), aber auch in einem ‚historischen

Analphabetismus’ (Alfred Heuss), die offene Diskussion verstummt. Die

Habermas-Seite und die Stimmen der Denunzianten politisch inkorrekter

Geschichtsauffassung scheinen sich umfassend durchgesetzt zu haben.

Noch vor dem Historikerstreit hat Hellmut Diwald, wegen seiner ‚Geschichte

der Deutschen’ aufs schlimmste denunziert, in Einlassungen auf erstaunlich

hohem Niveau, damals noch in der WELT publiziert, und im Jahr 1986

unter anderem bemerkt, man müsse individuelle und allgemeine Schuld

voneinander unterscheiden. So lasse sich „aus der pauschalen Zuweisung

allgemeinen Verschuldens allenfalls in einem metaphysisch-theologischen

Schlußverfahren die Gewissenslast eines ‚Schuldigseins’ folgern [...]. Das

aber fällt in die Zuständigkeit der Theologen, nicht in jene der praktischen

Politik oder der historischen Arbeit.“ 16 Diese Unterscheidung hätte, so Diwald

weiter, vom ersten Tag der so oft beredeten Stunde Null an geklärt werden

müssen. Jaspers hatte mit seinen Arbeiten zur Schuldfrage eben auf dieser

Unterscheidung bestanden.

Noch einmal Diwald: „Denn die Forderungen der Alliierten waren damals

denkbar handfest. Sie hatten im Februar 1945 auf der Krimkonferenz in Jalta

beschlossen, ein für alle mal den deutschen Militarismus und Faschismus

auszurotten. Bis heute lebt die dazugehörige Deutung unserer Geschichte

als eines Weges, der zwangsläufi g zu diesem Ergebnis führen musste, unterschwellig

fort und damit ihre Disqualifi kation. Die Absicht der Sieger mag

vom Prinzip her rechtschaffen gewesen sein, möglicherweise sogar auch die

Einsicht der Besiegten. Die Praxis jedoch war verheerend. Sie schuf gerade

kein geläutertes Verhältnis zu unserer Geschichte, sondern bewirkte ein total

verwahrlostes Geschichtsbewußtsein“. 17

Immer wieder hat Diwald im Sinn dieser Einsicht darauf verwiesen, dass der,

der ein Volk kriminalisiert, es krank macht.

15 Zit. nach ibid., S. 283.

16 Dazu H. Diwald, Immer noch schlechte Zeiten für den aufrechten Gang. In: DIE WELT 30.

8. 1986, GEISTIGE WELT. Vgl. auch ders., Mut zur Geschichte, pass., vor allem S. 197 ff.

17 Diwald, Immer noch schlechte Zeiten, a.a.O.-

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Doch eine wirkliche Aufklärung über Ursachen und Dimensionen des

Nationalsozialismus wurde auf diesem Wege gerade unterbunden. Günter

Rohrmoser hat in einem tiefer reichenden philosophischen Erklärungsversuch

die NS-Diktatur als Teil der Geschichte der Moderne begriffen und

von ‚Deutschlands Tragödie’ gesprochen. Dass es auch die Abtrennung der

Deutschen von der christlichen Herkunftsreligion und einem unbedingten

Wertegefüge gewesen sei, die das Verderben beförderte, hebt Rohrmoser

exemplarisch hervor. 18 Ernst Noltes monumentales Werk zu europäischen

Faschismus und zum Totalitarismus zeigt, wie aus dem Vergleich überhaupt

erst Erkenntnis kommen kann. 19 Rohrmoser und Nolte stimmen darin überein,

dass die Totalitarismen aufeinander und auf die Geschichte der Moderne

bezogen werden müssen. Sie werfen daher auch das Problem einer Pathologie

dieser Moderne auf, der fehlenden Fähigkeit, eine ‚Ordnung der Freiheit’

(Hayek) zu schaffen. Solche Ansätze haben mehr zu einer Erkenntnis unserer

Geschichte beigetragen als die stumpfe Vergangenheitsbewältigungsrhetorik.

Gerade aus im Mainstream verketzerten, Studien: ist wirkliche Erkenntnis zu

gewinnen. Und man darf nicht vergessen, dass es der nationalkonservative

jüdische Emigrant Hans Rothfels war und Gerhard Ritter, der der Berliner

Mittwochsgesellschaft nahestand, die die ersten großen Monographien über

den Nationalsozialismus vorlegten – keinesfalls die 68er-Ideologen.

Historische Erkenntnis ist auch eine patriotische Pfl icht, und sie wird sich

denkbar weit von jenen stumpfen Bußritualen entfernen, die nirgends überzeugen,

auch nicht in den Schulen! Hier ließe sich noch die Stimme eines

Dissidenten nennen, der in keinem System heimisch sein konnte, eines leicht

spintisierenden, aber sehr deutschen metaphysischen Denkers – Rudolf Bahro,

der in seinem Buch ‚Logik der Rettung’ 1987 bemerkte: „Ich halte die Frage

nach dem Positiven, das vielleicht in der Nazibewegung verlarvt war und dann

immer gründlicher pervertiert wurde, für eine aufklärerische Notwendigkeit,

weil wir sonst von Wurzeln abgeschnitten bleiben, aus denen jetzt Rettendes

erwachsen könnte“. 20 Anders gesagt: die Fragen und Krisen, die im Nazismus

ein verhunztes, verbrecherisches Gesicht fanden, müssen wir wieder erkennen.

Schweigespiralen und Denkverbote aber halten dumm!

Es scheint deshalb unabdingbar, einige Schritte zurück zu gehen, die Schritte

nach vorne sein könnten. In dem Sinne hat Günter Rohrmoser gedacht, frei

18 G. Rohrmoser, Deutschlands Tragödie. Der geistige Weg in den Nationalsozialismus. München

2002.

19 Zu Noltes im Ausland, vor allem in der romanischen Welt, hochgeschätzten Werk vgl. jetzt

S. Gerlich, Ernst Nolte. Portrait eines Geschichtsdenkers. Schnellroda 2009.

20 Zit. nach U. Fröschle, Th. Kuzias, Alfred Baeumler und Ernst Jünger. Dresden 2008, Motto

auf dem Frontispiz.

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nach dem Walter Benjamin zugeschriebenen Wort, auch das Ziehen der Notbremse

könne ein revolutionärer Akt sein.

Von hier her ist zu fragen:

II. Was heißt Einstehen für Deutschland nach innen?

1. Es bedeutet zuerst, die großen Traditionen deutscher Geschichte, insbesondere

auch Geistesgeschichte, wieder aus sich und ihren Kontexten heraus

zu verstehen. Dafür ist es unerlässlich, das Handeln der Menschen in ihrer

Zeit zu begreifen. Es reduziert sich nicht auf zwölf Jahre mit Hitlerschen

Verbrechen. Es gibt eine große und bedeutende deutsche Freiheitsgeschichte

– in den teutschen Libertäten des Alten Reiches, 21 und es gibt eine großartige

Staatsidee: Preußen, als Kulturstaat und sittlicher Staat, der nach Hegel Voraussetzung

für eine allgemeine Friedensordnung ist. 22 Preußen brachte das

bleibende Erbe der Kantischen Philosophie mit dem kategorischen Imperativ

hervor, und aus dieser Wiege formte sich dann der deutsche Idealismus. Die

Humboldtsche Universität, in ihrer Einheit von Forschung und Lehre, ist ein

bleibendes Vermächtnis. Dafür wäre einzutreten. Doch eben dies geschieht

nicht. Eine ökonomistisch globale Politik und die Selbstvergessenheit der

Deutschen hat die Abschaffung dieser Universität, die zwei Totalitarismen

(zwar nicht unbeschädigt aber doch) überdauert hat, besiegelt. 23 Hierher gehört

auch die Lektion, dass sich aus Geist und Kultur in Phasen der äußerlichen

Unterdrückung die deutsche Identität immer wieder geformt hat – etwa in der

Epoche der Befreiungskriege.

Die hohe Staatsklugheit, das Wissen um die Fragilität dieser Linie deutscher

Politik von Bismarck her, gehört auch wesentlich in diese Geschichte. Auch für

dieses Erbe sollten wir eintreten, statt einem globalistischen Universalismus

der Gutmenschen das Wort zu reden.

Die Tiefe des deutschen Geistes, die noch heute in alle Welt ausstrahlt,

insbesondere nach Rußland und in fernöstliche Länder ist eine tiefe Quelle

unserer Identität. Und nicht weniger die Dichtung: Patriotismus war in der

großen deutschen Kultur immer mit dem Universalismus verbunden. Gerade

21 Dazu u.a. Hans Maier, Die ältere deutsche Staats- und Verwaltungslehre. München 2009

(Neuausgabe) und G. Oestreich, Geist und Gestalt des frühmodernen Staates. Berlin 1969.

22 Dazu G. Rohrmoser und H. Seubert, Jenseits von Sozialismus und Liberalismus. München,

Gräfelfi ng 2010 (im Erscheinen).

23 Vgl. dazu H. Seubert, Vom Elend der ‚Bologna’-Universität, in: Junge Freiheit, 29. 1. 2010,

S. 18. FORUM

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der große Kant lehrt uns, dass eine wirkliche Humanität in der Liebe zum

eigenen Land verankert ist. 24

Aufklärung in Verbindung mit Religion zeichnete Preußen aus. Mit Selbstbewusstsein

haben wir darauf hinzuweisen, dass dies von höchster Bedeutung

auch für unsere Zeit ist. Preußische Geschichte lehrt exemplarisch, wie

Integrationen gelingen können. Im Verhältnis zu Polen ist zu klären, wie

viel fruchtbare Transkulturalität es gegeben hat, auch in Anerkenntnis der

Andersheit bei Spannungen. Nur wenn deutsche Patrioten ihre eigene Geschichte

sachgemäß darzulegen wissen, werden sie anderen ungebrochenen

Kulturnationen auf derselben Augenhöhe begegnen.

Deutsche gewordene Geschichte spiegelt sich in der Vielfalt deutscher Kulturlandschaften,

der Prägung der Städte. Welcher Reichtum, welche Vielheit,

die nicht einer globalistischen Indifferenz anheimfallen darf.

Und damit richtet sich das Eintreten für Deutschland auf das ganze Deutschland.

Man darf nicht ohne Trauer über die Stalinsche Westverschiebung und

die Verluste hinweggehen: schon der Begriff der kulturellen Nation umfaßt

auch deutsche und preußische Traditionen im einstigen West- und Ostpreußen,

vom deutschen Orden an. Damit ist kein Revanchismus verbunden. Man

erinnere sich, dass Präsident Putin den Zerfall der Sowjetunion als die größte

Katastrophe der Weltgeschichte betrachtete. Wären vergleichbare Aussagen

von einem deutschen Politiker denkbar? Die Wunde bleibt offen, dass Landschaften,

die für 700 Jahre genuin deutsch gewesen sind, verloren wurden.

Junge Polen lernen heute diese Traditionslinien wieder neu kennen. Indem sie

dies erkennen, lösen sie sich übrigens von dem jahrzehntelangen stalinistisch

nationalen Ideologem, Masuren oder Westpreußen seien ur-polnisch gewesen.

Immerhin hat Marion Gräfi n Dönhoff, eine der Ikonen des linksliberalen

Establishments, im Jahr 1962 geschrieben, sie zweifl e in ihrem Gewissen,

ob es ihrer Generation gestattet sei, jene Kernlande ein für allemal preiszugeben.

Und die tiefe Trauer schwingt durch ihre schönen Erinnerungsbücher,

ebenso wie durch die Bücher von Hans Graf Lehndorff 25 und vielen anderen.

Der eigentliche Skandal des gegenwärtigen Meinungsklimas besteht darin,

dass ähnliche Äußerungen heute schon als ‚rechts’, vulgo: ‚rechtsextrem’

desavouiert würden.

24 Vgl. dazu: M. Riedel, Menschenrechtsuniversalismus und Patriotismus. Kants politisches

Vermächtnis an unsere Zeit, in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 18.1, 1993, S. 1 ff. , mit

zahlreichen weiteren Nachweisen.

25 H. Graf von Lehndorff, Ostpreußisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Arztes aus den

Jahren 1945-1947. München 1961. Zahlreiche weitere Erinnerungsbücher wären hinzuzufügen.

Vgl. dazu heute facettenreich und knapp: A. Kossert, Damals in Ostpreußen. München 2008.

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Ist nicht gerade heute die Chance einer freien europäischen Auseinandersetzung

und Zwiesprache unter Patrioten gegeben?. Doch es besteht die

große Gefahr, dass sie nicht genutzt werden wird, weil es keine deutschen

Gesprächspartner gibt, die ihr eigenes Wort führen, ihre eigene Sache vertreten

können. Es führt kein Weg, jedenfalls kein heilsamer, von der jahrhundertelangen

europäischen Geschichte in die wurzellose Nicht-Identität

des ‚global village’.

Stattdessen erleben wir heute allenthalben, zumal unter sogenannten Eliten,

eine das Eigene herabsetzende, alles folkloristisch Fremde verherrlichende

Grundhaltung. Die heutigen wurzellosen Intellektuellen wähnen sich in der

Welt zuhause – mit Spott für das eigene Land. Doch es bleibt wahr, dass es

ohne Herkunft keine Zukunft gibt, die nicht ins Phantastische abgleitet, dass

es ohne geschichtliche Vorbilder keine Maßstäbe gibt für eigenes Handeln.

Dafür gibt es bemerkenswerte Indizien:

Die eigene Sprache, eine der größten Kultursprachen, wird schamhaft im

eigenen Land diskriminiert , so als sei sie die Sprache einer zurückgebliebenen

Minderheit.

Preise, die nach den bedeutendsten Geistern unserer Tradition benannt sind:

Hegel, Kant, Meister Eckhart, Nietzsche: werden gerade nicht an Persönlichkeiten

vergeben, die dieses Denken fortsetzen oder sich zumindest in seiner

Tradition sehen, sondern – mit einiger Systematik – an solche, die sie zerstören,

quer zu ihnen zu stehen scheinen, in jenem relativistischen Gratis-„Mut“.

2. Einstehen für Deutschland wäre in besonders elementarer und brennender

Weise für das Bildungs- und Erziehungssystem entscheidend. Wir haben eines

der besten Bildungssysteme unterhöhlt – nicht erst seit der Bologna-Reform,

sondern seit der rigiden Aufweichung der Standards und des Niveaus seit

dem Jahr 1968.

Für Deutschland einzustehen heißt im Horizont der Bildung deshalb auch,

einen deutschen Wesenszug nicht zu belächeln, den Richard Wagner einmal

auf die Formel brachte: Deutsch sein heiße, eine Sache um ihrer selbst willen

zu tun: Gemeint ist damit eine Zugangsweise zur Welt, die sich nicht in

Pragmatismus, Utilitarismus und Ökonomismus erschöpft. Es ist ein genuin

deutsches Erbe, dass Elite mit Dienen zu tun hat

Dass eine solche Tugend mißbraucht werden konnte, besagt doch keineswegs,

dass sie keine Tugend wäre. Aus ihrem Stoff und aus dem Stoff einer Elite

war auch der Widerstand des 20. Juli 1944.

Für Deutschland einzustehen, hieße deshalb auch den alten Begriff von Eliten

in einer RE-FORMATIO, die den Namen verdient, wiederzugewinnen. Ich

nenne nur einige Berufsfelder: die evangelische Kirche, die sich weitgehend

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aus dem Geist Luthers und der Zwei-Reiche-Lehre entfernte und sich dem

Zeitgeist angebiedert hat; das Berufsbild des Universitätslehrers, der sich

leichthin dem Zeitgeist der Massenuniversität anbiedert; ein nachhaltiges

Unternehmertum, anstelle der Blasen produzierenden Gier-Ökonomie. Nahezu

alles wäre daran gelegen, dass wir überhaupt wieder zu einem Elitebegriff

kommen, der über die Kapital- und Medien-Schickeria hinausweist.

Ein nach innen besonders schützenswertes Erbe ist die deutsche und preußische

militärische Tradition. Wenn man alte Ausgaben der ‚Truppenführung’ durchsieht,

erkennt man noch in den fünfziger Jahren die Präsenz des deutschen

Geistes. Hier wird greifbar, dass der Offi zierberuf ein klassischer geistiger

Beruf gewesen ist. Nicht das Befehls-, sondern das Auftragsprinzip war leitend.

Eine der absurdesten Erfahrungen in jüngster Zeit ist es, dass sich Teile der

verfaßten Studentenschaft dagegen wehren, dass den Männern des 20. Juli,

vor allem Stauffenberg, Namengeber eines Lehrstuhls werden. Weiter kann

man die vollständige Geschichtsvergessenheit und den jakobinischen Gesinnungsterror

kaum treiben: Diejenigen, die ihr Leben einsetzten, genügen uns

nicht, weil sie nicht in der Weise relativistische, politisch korrekte Demokraten

gewesen sind, wie wir es sein möchten. Dagegen gilt es zu zeigen: der 20. Juli

gehört zu den besten Traditionen, in denen wir nur stehen können: Wenn das

‚geheime Deutschland’ gegen die ‚Niedrigkeit der Herzen’ der Jugend Maß

und Vorbild gäbe, wäre viel gewonnen. Wenn wir nicht für dieses Vermächtnis

einstehen, sondern es an den Zeitgeist verraten, so werden diese Lebenszusammenhänge

späteren Generationen unverständlich sein.

3. Einstehen für Deutschland bedeutet auch – und vielleicht zuerst – für die

deutsche Sprache einzutreten: für diese wunderbare Sprache in ihrer metaphysischen

Kraft, ihrer dichterischen Weite, die Martin Opitz, ein Schlesier,

in seinem ‚Buch von der deutschen Poeterey’ (1624) erstmals als gleichberechtigt

– wenn nicht überlegen den romanischen Sprachen bezeichnete. Und

dann trat die barocke Literatur mit Gryphius, Simon Dach, Grimmelshausen

und vielen anderen den glanzvollen Beweis an, dass es so ist. Die lächerlichen

Anglizismen, die noch lächerlicheren Versuche, wenn sich Deutsche zu einer

Konferenz versammeln und dabei Englisch stottern (das macht jene Konferenz

wohl international), legt nahe, dass man sich dieser Sprache schämt. Zumindest

ebenso schlimm ist es, in welcher Verkümmerungs- und Schwundstufe

sie inzwischen in Medien und Politik gesprochen und geschrieben wird. Mir

scheint es kaum denkbar, dass in einem anderen zivilisierten Land Lehrer

bekunden können, die bedeutendsten Zeugnisse der eigenen Nationalliteratur,

wie bei uns Goethes FAUST seien von gestern, und sich brüsten, diese

Werke nicht mehr lesen und erst recht vermitteln zu müssen. In Deutschland

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geschieht dergleichen ständig. Man denke sich einen solchen Umgang mit

Dante in Italien, Tolstoi oder Dostojewski in Rußland...

Deutschland einig Deppenland“ heißt eine nicht ganz ernst gemeinte glossierende

Schrift zweier Journalisten über den beklagenswerten intellektuellen

Zustand unserer Nation. Doch in der Tat: Es gibt einen linearen Weg von der

Selbstmißachtung, der Destruktion aller Traditionen zu der Verdummung

einer manipulierbaren Masse, wie sie uns heute auf zu vielen Fernsehsendern

begegnet, als dass dies nur Zufall sein könnte. Das ist auch das Gegenteil

der Habermas’schen Chimäre von postkonventionellen Weltbürgern. Eine

bürgerliche Kultur des Rechtsstaates, der Freiheit würdig, auf der Höhe der

großen Herausforderungen dieses beginnenden 21. Jahrhunderts, wie wir sie

dringend benötigen würden, kann daraus nicht hervorgehen. 26

Dass Europa sein unverlierbares Antlitz in der globalen Welt behält, dies hängt

wesentlich auch davon ab, dass dieses Europa ein Gesicht hat, das aus besten

deutschen Traditionen mitgeformt wurde. Ein Europa der Vaterländer wäre

etwas anderes als der bürokratische Moloch, der uns von Brüssel her begegnet.

Karl Albrecht Schachtschneider hat darauf immer wieder mit Überzeugung

und Entschiedenheit hingewiesen.

4. Gibt es Anzeichen, dass sich ein Einstehen für Deutschland auch in der

öffentlichen Debatte wieder abzeichnet? Man nennt die Fahnen bei der

Fußball WM 2006, man nennt die Bücher von mehr oder weniger stumpf

links sozialisierten Journalisten, die sich zu einem neuen Konservatismus

bekennen, oder Gründe nennen, weshalb man auf Deutschland stolz sein

dürfte. Oder man nennt einige lapidare Einzelaussagen, die die Überdehnung

des Sozialstaats und die daraus resultierenden Probleme heute beim Namen

nennen. Über all das will ich nicht arrogant hinweggehen: Aber es ist ein

sehr leichter Patriotismus, der nicht mehr zu sagen weiß, als dass die Welt zu

Gast bei Freunden sei. Doch wer die Freunde sind, das bleibt ungeklärt. Nur

Gastgeber zu sein, ist sehr wenig.

Für Deutschland einzutreten, ist eine Liebe, die den Schmerz nicht scheut. Man

muss doch mehr zu sagen wissen, als dass man guter Gastgeber sein möchte.

5. Wir müssen auch für die wiedergewonnene Deutsche Einheit nach 1989

einstehen. Dass sie ‚nach innen’ noch längst nicht befriedigend gelungen

ist, dass sie kaum gefeiert wird, hat auch damit zu tun, dass ein eindeutiger

antitotalitärer Konsens auf der Basis des Grundgesetzes preisgegeben wurde

– zugunsten eines ideologiestaatlichen ‚Kampfes gegen rechts’. Jenes Zusam-

26 Vgl. dazu den Beitrag von K. A. Schachtschneider in vorliegender Dokumentation weiter

oben.

58


menwachsen, von dem Willy Brandt 1990 sprach, geschieht auch deshalb so

schleppend – oder es bleibt aus, weil es intellektuelle westdeutsche Haltung

war, dass einem die Toscana näher sei als Dresden oder Greifswald. Dabei

ist jene Revolution, besser: Reformation deutscher Freiheit, die die zweite

Diktatur hinwegfegte, durchaus bemerkenswert. In der DDR erwachte damals

wie selbstverständlich wieder eine freie Sprache und mit ihr verbunden ein

selbstverständlicher Patriotismus: „Deutschland einig Vaterland“. Es entfaltete

sich eine Revolution, die sich in bemerkenswerter Weise gegen die Blutspur der

Französischen und Russischen Revolution, der beiden schrecklichen Mütter

aller modernen Revolutionen, absetzt, und die, noch bemerkenswerter, die

Signatur der verschiedenen mitteldeutschen Landstriche trug. Hier re-formierte

sich auch das alte, vielgliedrige föderale Deutschland. 27

Was nach 20 Jahren daraus geworden ist, mit den Rankünen der Partei Die

LINKE, den Verzagtheiten in der Politik der anderen Parteien, dem weitgehenden

Vergessen dieses stillen, aber entschiedenen Heldentums und dieser

patriotischen Euphorie, wird eher mit Trauer erfüllen. Viele Fassaden glänzen

wieder, doch welcher Kleinmut! Doch wir hatten gehofft, dass die besten

Traditionen hier wieder entstehen würden, in einer Freiheit von der 68er-

Hegemonie. Diese Erwartung ist weitgehend enttäuscht worden.

6. Ein Verweis auf Einstehen für Deutschland, den Sie von einem Philosophieprofessor

klassischen Zuschnitts vielleicht nicht erwarten würden: Die

Rapperin Dee Ex erklärt in einem Interview mit der Jungen Freiheit: Ein

Deutscher ist kein Nazi. Einen vernünftigen Patriotismus möchte sie als

Stachel im Fleisch bestehen lassen. Es ist bemerkenswert, wie diese junge

Frau aus der Popszene die Forderung nach Wahrhaftigkeit auch der eigenen

Geschichte gegenüber aufgreift und sich im Namen ihrer Generation gegen

eine phrasenhafte Verdummung wendet, die den öffentlichen politischen

‚Diskurs’ bestimme. Mit Arnulf Baring konstatiert sie, wir lebten zunehmend

in einer ‚DDR light’.

7. Ganz entscheidend zeigt sich ein Eintreten für Deutschland nach innen in

der Frage von Zuwanderung und Integration: das Wort von der ‚Leitkultur’,

seinerzeit von Bassam Tibi und im Anschluss daran von Friedrich Merz

formuliert, mag das geistige Kaliber nicht gehabt haben, das erforderlich

ist. Die Einbürgerungstests waren zum Teil von einer naiven Unbedarftheit.

Durchlässigkeit, Libertinage schien alles, was man zu bieten und daher auch

abzufragen hatte – ein reichlich dürftiger Islamisten-Filter. Damit macht man

27 Vgl. dazu meinen Beitrag: Die ‚friedliche Revolution von 1989’: Refl exionen nach 20 Jahren,

in: Burschenschaftliche Blätter 4 / 2009, S. 154 ff.

59


sich gut lächerlich. Und Konservatismuspapiere, in noblen Berliner Cafés

abgefasst, in der Erwartung eines raschen Wählerfangs, sind rasch wieder

verpufft – die Substanz fehlte, und es war den Exponenten auch gar nicht

deutlich, was diese Substanz ausmachen sollte.

In öffentlichen Diskussionen um den Moscheebau in Köln wurde deutlich,

dass Vertreter des Islam, namentlich der DITIB, Goethe zitierten, die Gegner

oftmals in der Kenntnis ihrer eigenen Kultur nicht standhalten konnten. Vertreter

des Islamrates sind es, die zur Wahrung der abendländischen Tradition

und damit der Kruzifi xe in deutschen Gerichten aufrufen. Welche Absurdität

zeigt sich hier!

Integrationskraft kann nur eine Nation haben, die Kulturachtung vor sich selbst

kennt. Wenn Juristen im vorauseilenden Gehorsam die Scharia implizit mit zur

Anwendung bringen und damit die in islamischen Kreisen gängige Überlegung

stützen, dass die ‚Scharia’ sehr wohl für eine gewisse Zeit mit dem Grundgesetz

in koexistieren könne, so ist dies das Gegenteil von souveräner Integrationspolitik

und es zeigt sich nur, wie weit wir davon entfernt sind. Fareed Zakharia,

ein kluger amerikanischer Chefkommentator, mit Migrationshintergrund, 28

lobt Amerika als großartiges Land, dem er alles verdanke. Solche Aussagen

werden wir von jungen Türken kaum zu erwarten haben.

Und dies ist umso weniger der Fall, je mehr und je länger die Tendenz zu

schleichenden vorauseilendem Kotau vor den islamischen Zuwanderern sich

auf allen Kanälen durchsetzt Tatsachen werden nicht zur Kenntnis genommen,

in der Gleichbehandlung des Ungleichen: Wenn man, wie der Wissenschaftsrat

unter Professor Strohschneider, empfi ehlt, an deutschen Universitäten Islamische

Fakultäten zu errichten und bei der Besetzung islamische Organisationen

mitbestimmen zu lassen – die Details würden sich dann gleichsam von selbst

regeln (!) – so ist dies fahrlässig. Man kann und sollte heute wissen, dass der

Islam eine völlig andere Grundstruktur als das Christentum hat. Die Verbindung

von Glaube und Vernunft ist für den Islam nie dauerhaft kodifi ziert

worden, die Einheit von Religion und Politik (dwin-d-aula) ist hingegen für

den Islam konstitutiv. 29 Man muss kein Prophet sein, um die ungeheuren

Verwerfungen vorherzusehen, die jene Mitbestimmung bedeuten wird. 30

28 F. Zakharia, Der Aufstieg der anderen. München 2008, insbes. S. 200 ff.

29 Vgl. dazu: Kleine-Hartlage, Das Dschihad-System. München, Gräfelfi ng 2010. Siehe auch G.

Küenzlen, Die Wiederkehr der Religion. Lage und Schicksal in der säkularen Moderne. München

2003.

30 Im Falle des islamwissenschaftlichen Lehrstuhls in Münster und einer ähnlichen Institution

in Frankfurt am Main zeigte sich, dass die Annäherung an europäische Wissenschaftsstandards

massive Proteste zumindest von Teilen der islamischen Welt zur Folge hatte. Dies reicht bis zu

Morddrohungen an die unliebsamen Professoren. Man wird sich hier auf einiges gefasst machen

können.

60


Einstehenen für Deutschland bedeutet auch, sich einem solchen chimärenhaften

Illusionismus zu widersetzen. Es liegt nur auf der Linie einer solchen

Politik, wenn durch ein „Antidiskriminierungsgesetz“ die Rechtsgleichheit

des Grundgesetzes unterhöhlt wird, dabei aber die Diskriminierung deutscher

Staatsbürger ungestraft bleibt.

8. Ich berühre nur knapp ein Feld, das in einem Bereich zwischen dem

Einstehen für Deutschland nach innen und nach außen liegt: das Gedenken

an die eigenen Toten, an Flucht und Vertreibung. Erst in den letzten Jahren

beginnt sich der Schleier zu lösen. Leid und massenhafte Vernichtung sind

nicht aufzurechnen. Jede derartige Mathematik ist in sich schwere Barbarei

und Verletzung der Würde der Getöteten.

Man kann nicht umhin, von hier her auf die Causa Steinbach zu stoßen: Es

mag so sein, dass man die Selbstpreisgabe, die der Außenminister einforderte,

in Polen zunächst begrüßt. Langfristig dient eine solche Politik aber einem

Opportunismus, der sich vor dem Ressentiment verneigt. Die alte kommunistische

Partei hat in Polen Identitäten sichern können, indem sie die Schuld der

Deutschen verewigte und die Geschichte in ihren vielfachen, differenzierteren

Frontverläufen überging. Dies erbrachte gerade in ländlichen Gebieten Wählerstimmen.

Deshalb bedienen sich bedauerlicherweise auch vernünftige liberal

konservative Politiker, wie der ehemalige Außenminister Bartoszewski, dieser

Scheinargumente, um auf keinen Fall als schlechte Patrioten zu gelten. Polnische

Patrioten aber werden die Westerwellesche Verhaltensweise nicht verstehen

und erst recht nicht nachvollziehen können. Letztlich wird dergleichen

unter der ‚deutschen Hysterie’ verbucht. .. Dass ein deutscher Außenminister

sich derart exponiert und abweichende Stimmen als ‚rechts außen’ disqualifi

ziert, ist anderen Nationen, zumal solchen mit einer intakten patriotischen

Grundhaltung, schwer verständlich zu machen; wie übrigens die Argumente

der Einbindung, die vermeintlich von unseren Nachbarn gefordert war, nach

1990 von deutscher Seite kamen – und eher auf Unverständnis stießen. Der

Historiker Michael Stürmer glossierte damals, was würde man von einem Gast

halten, der permanent auf seine latente Gefährlichkeit verweist und darum

bittet, eingehegt zu werden. Vertrauen hätte man zu einem solchen habituellen

Wahnsinnigen kaum und seine Gesellschaft würde man schwerlich suchen!

9. Einstehen für Deutschland scheint auch in der Familienpolitik dringend

geboten. Wir sehen heute eine massive Aushöhlung der tradierten Familie vor

uns, dieser ersten und grundlegenden Form der Sittlichkeit. 31 Die Zerstörung

der Familie, in der sich Kapitalismus und Sozialismus übrigens gleichen, ist

31 Vgl. G. Rohrmoser, Kulturrevolution in Deutschland. München, Gräfelfi ng 2008.

61


mehr als eine Kulturrevolution. Dies ist eine ‚anthropologische Revolution’,

die auf der Meinung beruht, Lebensformen ließen sich beliebig kreieren. Es

ist ein tiefreichendes Krisensymptom, wenn eine Gesellschaft davon ausgeht,

der Staat sei der eigentliche Erzieher. Hier ist die Taktik des Gender-Mainstreaming

nur zu erwähnen, das die Konstruiertheit geschlechtlicher Identität

zum Programm erhebt, sich dabei schleichend und weitgehend unbemerkt,

darum aber umso wirksamer vollzieht. 32

Umgekehrt erleben wir durch Geburtenrückgang und die großzügige Toleranz

von Abtreibungsregelungen eine schleichende Selbstauslöschung der genuinen

deutschen Bevölkerung – mit der hybriden Vorstellung, das, was dabei

wegbreche, könne und müsse durch Zuwanderung kompensiert werden, so

als könne man sich eine Bevölkerungsstruktur einkaufen. Man muss sich die

Groteskheit der Situation klar machen: solche existentiellen Fragen werden

mit libertärer Gleichgültigkeit behandelt während wir ansonsten ein geradezu

allgegenwärtiges Hineinregieren in das Privatleben des Einzelnen: durch

Kindeserziehung und eine nahezu jakobinische Gesinnungspolitik erfahren.

Zu dieser Identität gehört auch, im Konzert der Nationen das eigene Gedächtnis

lebendig zu halten. Die eigene Niederlage zu feiern, ist eine mehr als

fragwürdige Angelegenheit. Sie verhöhnt das Ringen deutscher Patrioten für

Deutschland, auch derer, die wie die Männer vom 20. Juli ihren Patriotismus

als eine der wesentlichen Motivationen des Widerstands gegen Hitler begriffen.

Lange vor Richard von Weizäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes,

die wegen ihrer Beschönigung deutscher Leiden und der Absichten der Sieger

zu Recht vielfach empörte, hat Theodor Heuss zur Ambivalenz des 8. Mai

zutreffend bemerkt, die Deutschen seien „erlöst und vernichtet in einem“

gewesen. Aber auch Weizsäcker gab zu Protokoll, dass dieses Datum keinen

Anlass zu Siegesfeiern gebe. Dies ist heute längst nicht mehr Konsens im

politischen und medialen Establishment.

III. Was heißt Einstehen für Deutschland nach außen?

Auch hier können nur einige wenige Eckpunkte hervorgehoben werden:

1. Das erste Problemfeld betrifft die ‚nationalen Interessen’.

Die Bündnisverpfl ichtung, das atlantische Erbe und die Westverankerung, die

alles in allem mit der Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik Deutschland

eng verbunden sind, können und sollen im Grundsätzlichen nicht revidiert

werden. Für Deutschland heute einzutreten, heißt gerade nicht einer Schau-

32 Dazu jetzt: B. Rosenkranz, MenschInnen. Gender Mainstreaming. Auf dem Weg zum

geschlechtslosen Menschen. Graz 2008. Auch die Journalistin Gabriele Kuby hat sich größte

Verdienste bei der Aufklärung über diese Strategie erworben.

62


kelpolitik das Wort zu reden. Dass der Blick nach Osten auch immer zur

deutschen Staatsraison gehörte, ist unverkennbar – und man wird gut tun,

sich daran wieder vermehrt zu erinnern. Doch dies ist nur aufgrund einer

eindeutigen Verankerung im Westen möglich. Doch ebenso ist deutlich,

dass seit dem Fall des Eisernen Vorhangs der Ost-West-Blockgegensatz als

organisierendes Prinzip zerbrochen ist, das die Westbindung bestimmte hatte.

Die Weltpolitik durchläuft eine höchst fragile defi nitorische Phase, nationale

politische Interessen sind vermehrt auf die Agenda gelangt. 33 Damit hatten

die Deutschen erkennbar Schwierigkeiten. Ein abstrakter Universalismus, der

vom ‚postnationalen Zeitalter’ träumt, kann eigene Interessen nicht defi nieren.

Wichtig bleiben transatlantische Beziehungen. Doch sie fi nden sich selbst in

einer defi nitorischen Phase, und dies macht es notwendig, die eigenen nationalen

Interessen zu defi nieren. In der Weltpolitik kann es keine ‚uneingeschränkte

Solidarität’ geben. Wie rasch sie sich ins Gegenteil verkehrt, konnte man an

der rot-grünen Politik sehen.

Die gegenwärtige Afghanistan-Debatte, die überfällig ist, offenbart vor allem

die immense Schwierigkeit, eine eigenständige politische Linie zu fi nden.

Mit Implikationen im Inneren: sich hinter die eigenen Soldaten zu stellen.

Von dem Desaster dieses Einsatzes kann man in den einschlägigen Artikeln

von Peter Scholl-Latour lesen. 34 Ohne dass man hier in die Details gehen

könnte, gibt es doch eine belastbare Leitlinie: Wen historisch geostrategische

Wirklichkeit und Wahrheit nicht interessiert, der ist zumeist auch unfähig zur

Wahrnehmung der Gegenwart!

Politische Klugheit und das Völkerrecht müssen die Leitlinien abgeben,

nicht die fatale jakobinische Moralpolitik eines Joschka Fischer, geradezu

das fratzenhafte Zerrbild des moralistischen Politikers, von dem Kant als

Gegenbild wahrer Moralität in seiner Friedensschrift handelt. 35 Dieser falsche

Moralismus bestimmt auch den EU-Beitritt der Türkei, der kaum mehr

grundsätzlich in Frage gestellt werden darf, der aber die Stabilität der EU

endgültig zerstören würde. .

Dass es keine patriotischen Normen für die Interessenwahrnehmung in

Deutschland gibt, macht die Politik tatsächlich unberechenbar. Es bleibt also

zutreffend, was Armin Mohler vor über vierzig Jahren konstatiert hatte. So

wird offensichtlich auch nicht in den langen Prägungen der Geschichte gedacht,

wie es in Frankreich Rußland oder Großbritannien, aber auch in Polen

noch immer möglich ist. Die gegenwärtige Welt ist in Unordnung geraten,

33 Vgl. dazu die hervorragende Analyse bei M. Stürmer, Welt ohne Weltordnung? Wer wird

die Erde erben?. Hamburg 2006.

34 Vgl. jüngst ders., Die Angst des weißen Mannes. Eine Welt im Umbruch. München 2010.

35 I. Kant, Zum ewigen Frieden. Anhang 1. Königsberg 1795, Reprint Berlin 1987, S. 66 ff.

63


weil es weder einen Hegemon noch ein wirksames Gleichgewicht gibt. Wir

sehen, dass sich die Tektonik auf außereuropäische Potenzen verlagert Wie

will man dieser Tendenz standhalten?

Kann Außenpolitik überhaupt stattfi nden, wo moderiert wird, wo EU-Vorgaben

exekutiert werden und die eigenstaatliche Souveränität zurückgedrängt wird?

Oder ist dies schon Indiz einer ‚Weltinnenpolitik’, die man in den Sechziger

Jahren, etwa in Einlassungen von Carl Friedrich von Weizsäcker, als Friedensgaranten

feierte. Auch gegenüber dieser Tendenz wäre an die größere Weisheit

des alten Kant zu erinnern, der im Weltstaat die Tendenz zu Tyrannis und

Despotie als fast unvermeidlich sah. Über solche Fragen muss grundsätzlich

debattiert werden, weshalb wir uns die schleichende Schweigespirale schon

aus Gründen der Staatsraison nicht länger erlauben können!

2. Das Einstehen für Deutschland zeigt sich, worüber ich hier nicht mehr viel

sagen muss, nach dem glänzenden staatsrechtlichen Vortrag von Herrn Kollegen

Schachtschneider gerade gegenüber der EU: einem Zentralismus, der

Souveränität untergräbt. Dem gegenüber ist unmißverständlich das Telos, das

Ziel der Eigenstaatlichkeit und Souveränität der Deutschen festzuhalten. Dass

Deutschland bei aller Integration ein eigenständiger Nationalstaat ist, wurde

durch den Gleichtakt von Souveränitätszuwachs und europäischer Einbindung

im Prozess der Wiedervereinigung eher verdeckt. Zudem ließ die ‚Suche

nach Sicherheit’ bei eingegrenzter Souveränität (Eckart Conze) in der alten

Bundesrepublik diese Dimension in den Hintergrund treten. Heute erweist sie

sich als wesentlich: als Forderung des Lebensrechtes des deutschen Staates.

Würde die EU bei uns einen Aufnahmeantrag stellen, so müsste man ihn wegen

des Demokratiedefi zits verweigern, so sagte es einmal Günter Verheugen und

fügte hinzu, dass die EU aber kein Staat sei.

Die geistige und Identitätsleere eines Sachwalters der Globalisierung, eines

Durchzugslandes – die extreme Mittellage sei eingetauscht worden durch eine

Lage, umgeben von Freunden, so umschrieb Helmut Kohl die europäische

Integration. Doch eben dies müsste die Chance für eine handlungsfähige Außenpolitik

eröffnen. Sie ist noch immer gesichtslos. Sollte sie je ein Gesicht

bekommen, so müsste es auch von den deutschen Interessen bestimmt sein.

Die politische und konzeptionelle Schwäche Europas rächt sich eben jetzt.

Dieses Defi zit hat ältere Wurzeln: in der Diskreditierung jedes geostrategischen

politischen Denkens und der Dialektik von Staatskunst und Kriegshandwerk

(G. Ritter), damit aber in der Zerschlagung bester Traditionen, etwa des deutschen

Generalstabs, in dem Sog des Hitlerismus.

Die unbegrenzte Erweiterungspolitik, die eine kulturelle und geistige Identität

Europas unmöglich macht, infrage zu stellen, ist ein wesentliches Moment

dieses Einstehens für Deutschlandnach außen.

64


Dabei müsste man sich auch damit auseinandersetzen, dass europäische

Identitäten nicht zunehmen, dass vielmehr eine hybride Eurokratie an die

Stelle politischer Führung tritt. Mehr als in anderen europäischen Staaten hat

man diesen Eindruck in Deutschland. Meinhard Miegel hat über dieses bloße

Moderiertwerden bemerkt: „Wir streben von Ausnahmen abgesehen – keine

Ziele mehr an, sondern werden wie Autoscooter durch den Zusammenstoß

in irgendeine Richtung gedrängt. Die Aufrechterhaltung demokratischer

Strukturen unter Bedingungen sich verschärfender Verteilungskämpfe bei

insgesamt moderatem Wirtschaftswachstum versteht sich nicht von selbst. 36

Diese Tendenz ist aber hochriskant. Wir hören heute nicht ohne Grund vermehrt

von den Gefahren einer post-demokratischen Gesellschaft (C. Crouch).

Der verdiente Rechtsgeschichtler Michael Stolleis hatte um 1990 vorgeschlagen,

den Föderalismus des alten Reiches als ein Paradigma , ein Muster für

die Europäische Union zu wählen: mit Checks und Balances. Man könnte

mit vielleicht noch mehr Recht heute sagen, es sei in der Welt am Beginn des

21. Jahrhunderts entscheidend, jene Staatsidee, die sich Preußen verdankt,

wieder zu erneuern: Der Rationalstaat, der Staat als Schiedsrichter über den

Interessen, ein starker und eben darum auf seine Kernkompetenzen begrenzter

Staat; diese Grundzüge der preußischen Staatsidee werden innerstaatlich, aber

auch in den zwischenstaatlichen Beziehungen von Bedeutung sein. Dafür ist

es unabdingbar, die Norm eines sittlichen Staates für Deutschland wiederzugewinnen.

Dazu gehören zu allererst die Wurzeln eines sittlichen Staates in

Deutschland. Die Trennung von Kirche und Staat ist dabei vorausgesetzt. Sie

bedeutet aber nicht staatliche Indifferenz und religiöse Neutralität, sondern

die Verpfl ichtung auf eine tiefere, christliche Wahrheit.

Hegel hat gezeigt, wie der sittliche Staats über den Not- und Verstandesstaat

hinausgeht und eine Ordnung der Freiheit, jenseits von Sozialismus und

Liberalismus überhaupt erst schaffen kann!. 37 Als der maßgebliche Unterschied

erweist sich dabei, im Sinne klassischer politischer Philosophie seit

Sokrates und Platon, ob ein Staat zwischen seinen Freunden und Feinden zu

unterscheiden weiß.

3. Die skizzierten außen- und weltpolitische Defi zite bringen die massive Schwäche

hervor, dass man eher Gejagter der Globalisierung ist. Die maßlose Freigabe

der Kreditmärkte um der Modernisierung willen ist ein Indiz. Freiheitliche Öko-

36 Dazu M. Miegel, Globalisierung – Und was dann?, in: Tamen! Gegen den Strom. Günter

Rohrmoser zum 80. Geburtstag, hgg. von Ph. Jenninger, R. W. Peter, H. Seubert. Stuttgart 2007,

S. 283 ff.

37 Rohrmoser, Seubert, Jenseits von Sozialismus und Liberalismus. München, Gräfelfi ng 2010.

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nomie setzt Rahmenbedingungen voraus. Trotz aller staatsinterventionistischen

Eingriffe ist dies bis heute unterblieben, im Unterschied zu Amerika. Krankes

Geld und kranke Welt bedingen einander, und es steht zu befürchten, dass die

Wahnspirale auf eine Hyperinfl ation sich ungebremst fortsetzt. 38

Hier hätte Deutschland mit seiner freien Marktwirtschaft und mit einer großen

ökonomischen Tradition die Möglichkeit, der maßlosen Infl ation des billigen

Geldes und Keynesianischen Nachfrageorientierung dezidiert Paroli zu bieten.

Henry Kissinger wird das Wort zugesprochen, dass das geteilte Deutschland

seine Ökonomie auf der Suche nach einem Daseinszweck sei. Daran hat sich

auch seit dem Ende des Kalten Krieges nichts geändert, nur dass die Ökonomie

selbst gefährdet ist. Daran hat sich wenig geändert – und dies hat eben tiefere

Wurzeln: ohne Identität, die darüber hinausgeht, Einwanderungsland zu sein,

wird man sich schwer positionieren können.

Der illusionäre Versuch, in postnationalen Konstellationen aufzugehen, ein

neuer Internationalismus, wäre die Flucht aus der eigenen Geschhichte der

Deutschen.

IV. Freiheit – Demokratie – Rechtsstaatlichkeit. Eine besorgte Abschlussüberlegung

Die Frage, unter der die heutige Tagung steht, ist von meiner Seite, was Sie

nun nicht mehr weiter überraschen wird, sehr skeptisch zu beantworten:

„Wie geht unsere Politik mit Deutschland um? Freiheitlich, demokratisch,

rechtsstaatlich?“

Dazu im einzelnen:

1. Freiheit

Freiheit kann nicht nur Laissez-faire Freiheit sein, nicht ein abstrakter Liberalismus,

der letztlich in das Tierreich einer ungefi lterten Konkurrenz, einer

Scheinindividualität, ohne Wertbindung zurückführt. Es bedarf der ‚Ordnung

der Freiheit’. Zu der positiven Gestaltung und Formung von Freiheit gehört

wesentlich auch der Patriotismus. Freiheit manifestiert sich aber vor allem in

der freien Rede, dem freien Gedanken, der freien Publizistik. Die deutsche

Freiheitsgeschichte ist eine Geschichte des Kampfes gegen Zensur, für Meinungsfreiheit.

PARRHESIA bedeutet in der Weisheit der griechischen Sprache:

Freiheit und Zuversicht in einem. Deshalb wird man mit Besorgnis sehen

müssen, dass die Ressourcen dieser Freiheit im gegenwärtigen Deutschland

38 Dazu aus der Flut der gegenwärtigen Literatur: G. Hochreiter, Krankes Geld, Kranke Welt.

Analyse und Therapie der globalen Depression. Mit einem Vorwort von R. Baader. München,

Gräfelfi ng 2010, und: R. Hank, Der amerikanische Virus. Wie verhindern wir den nächsten Crash?

München 2009.

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durch einen matten Common Sense und vor allem die Sprachregelungen der

Political Correctness leiden. Dies war keinesfalls nur das vorübergehende

Symptom der Großen Koalition. Die Benennung, Diagnose und Therapie der

realen Probleme wird damit sträfl ich vernachlässigt.

Es muss uns auch alarmieren, wenn zunehmend freiwillig Freiheit und Privatsphäre

abgegeben oder doch minimiert werden, weil sie gegen andere Güter

abgewogen und für geringer gewichtig befunden werden.

2. Demokratie und Rechtsstaat

Die großen bewegenden Aufgaben der Politik des 21. Jahrhunderts, im globalen

Sinne, in den Rahmensetzungen einer globalen Ökonomie, werden nicht

in den mikrologischen Kompromissen von Berufspolitikern gelöst werden

können – zumal wenn man bedenkt, wie stark ein Lobbyismus und eben

nicht das deutsche Interesse hier bestimmend ist. Hans Herbert von Arnim

hat, deutlich wie kein zweiter, den Finger in diese Wunde gelegt: „Es gilt als

ganz normal und selbstverständlich, dass ein Abgeordneter neben seinem

Einkommen, das er vom Steuerzahler bezieht, auch noch Einkommen von

an der Gesetzgebung interessierten Unternehmen oder Verbänden bezieht,

sich also quasi in die bezahlten Dienste eines Lobbyisten begibt, obwohl

es eigentlich ein Skandal ist“. „Wenn sich ein Politiker in die Dienste eines

Interessenten begibt, sich von ihm bezahlen lässt, manchmal sehr hoch, ist

das für mich eine Form der Korruption“. Oder auch: „Jeder Deutsche ist frei,

Politikern zu huldigen, die kein Bürger je gewählt hat, und sie üppig zu versorgen

– mit seinen Steuergeldern, über deren Verwendung er niemals befragt

wurde. Insgesamt sind Staat und Politik in einem Zustand, von dem nur noch

Berufsoptimisten oder Heuchler behaupten können, er sei aus dem Willen

der Bürger hervorgegangen“. Auch wenn man nicht so weit gehen will, mit

von Arnim zu sagen, dass das eigentliche Problem unserer Demokratie darin

bestehe, dass sie keine Demokratie sei, wird hier doch in schöner Deutlichkeit

auf ein Dekadenzphänomen hingewiesen. 39

Demokratie ist eine höchst anspruchsvolle Staatsform. Sie ist, wie Schachtschneider

immer wieder hervorgehoben hat, tatsächlich die einzige Staatsform

in der der Mensch das gute Leben fi nden kann. 40 Deshalb wiegt es schwer,

dass sie heute durch Meinung erzeugende Medien, durch einen omnipräsenten

Lobbyismus, der nicht das Gemeinwohl des eigenen Landes ins Zentrum

stellt, aber auch durch einen Parteienstaat, der zur Beute wird (hier sind

39 Dazu jüngst ders., Volksparteien ohne Volk. Das Versagen der Demokratie. München 2009.

40 Vgl. die großen substanzreichen Bücher: ders., Res publica res populi. Grundlegung einer

Allgemeinen Republiklehre. Ein Beitrag zur Freiheits-, Rechts- und Staatslehre. Berlin 1994,

ders., Freiheit in der Republik. Berlin 2007, ders.,Prinzipien des Rechtsstaates. Berlin 2006.

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wieder die Diagnosen von Arnims einschlägig), überformt wird. Kant hielt

fest, dass eine Demokratie sehr wohl zum Despotismus werden könnte, wenn

sie die Gewaltenteilung, das republikanische Prinzip, missachte. 41 Dies ist

der eigentliche Unterschied zwischen Republik und Tyrannis, wobei Kant

hinzufügt, dass nur unter republikanischen Staaten ein dauerhafter, ewiger

Friede gestiftet werden können. Kant unterschied ihn sehr scharf von einer

Weltregierung – und er hätte ihn wohl auch von einem Gebilde wie der heutigen

EU unterschieden. Bemerkt er doch, dass solche übergroßen Territorien

geradezu strukturell zum Despotismus neigen.

Kants Schrift zum Ewigen Frieden proklamierte deshalb keineswegs eine

Weltregierung, sondern ein Gleichgewichtssystem, wozu auch gehört, dass

der Status des Weltbürgers durch ein Besuchsrecht, nicht aber ein Bleiberecht

gewährleistet werden kann.

Deutschland und seine Interessen stehen, so müssen wir auf die Frage des

heutigen Seminartags hin festhalten, heute oftmals nicht mehr in erster Linie

im Fokus der Politik: Es kommt nicht zur Einheit der Willensbildung, sondern

zu zersplitternden Interessen. Der Kompromiss bedarf des Blicks auf

ein Urbild. Er fragt nach dem möglichen Besten. Wenn man nur auf Schatten

und Chimären schaut: woher soll die Orientierung kommen?

Eine Sorge um Deutschland heute ist also mehr als angebracht. Doch es geht

nicht nur um Klage, vielleicht auch Anklage, sondern um einige weiterführende

Perspektiven. So wird man fragen, was getan werden soll? Dazu nur

einige Hinweise.

1. Es ist unerlässlich, die Schweigespirale zu durchbrechen, die uns von einem

vertieften Nachdenken über die Probleme und ihre Lösung abschneidet. Vor

allem ist es entscheidend, die Deutungshoheit nicht länger den Achtundsechzigern

und ihren Epigonen zu überlassen. In diesem Zusammenhang ist es von

Bedeutung, dass wir den antitotalitären Konsens wieder gewinnen, dass wir

nicht länger die einseitige Hetze gegen „rechts“, die Verketzerung alles dessen,

was freiheitlichen Konservatismus ausmacht, hinnehmen. . Die Situation ist

heute sehr viel schwieriger, als etwa noch vor fünfzehn Jahren: institutionell

und auch personell. Zugleich aber wird man mit nüchternem Optimismus

feststellen können, dass Patriotismus und freiheitlicher Konservatismus in

der ausgedörrten ideologischen Landschaft attraktiver sind als noch vor einigen

Jahren. Deshalb ist es geboten, dass konservative Gruppierungen und

Initiativen Netzwerke und Leuchttürme bilden und damit einen Fokus fi nden,

41 Kant, Zum ewigen Frieden, 21ff. und S. 92 ff.

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der beides zugleich sein muss: Multiplikator in die Mitte der Gesellschaft,

dem Bürgertum, das den Ernst der Lage noch längst nicht erkennt, wie mir

scheint, und Think Tank. Hier werden auch Eitelkeiten zurückstehen müssen.

2. Für Deutschland einzutreten, setzt ein Geschichtsverständnis voraus, das

nicht reduziert, das mit Karl Jaspers zwischen rechtlicher, persönlicher, moralischer,

metaphysischer und religiöser Schuld zu unterscheiden weiß. Es kann

keinem vernünftigen Konservativen, keinem sittlichen Menschen und keinem

aufgeklärten deutschen Patrioten je um Minderung der NS-Verbrechen gehen.

Unser Geschichtsbild muss sie anerkennen, doch dazu ist es unabdingbar, die

NS-Geschichte im Kontext ihrer Zeit und der deutschen Geschichte insgesamt

zu begreifen. Konrad Löw hat in seinem großen Deutschland-Essay zurecht

darauf hingewiesen, dass diese geschichtliche Refl exion und Erkenntnis, die

nicht mit den Ritualen der ‚Vergangenheitsbewältigung’ zu verwechseln ist,

auch ein Grund zu recht verstandenem Selbstbewusstsein wäre. Die Lebenslüge

einer Generation der Heuchelei, die jeden Patriotismus unter Verdacht

stellt, muss durchbrochen werden.

Deshalb muss die deutsche Geschichte aber in ihrer ganzen Tiefe, ihrer Größe

und ihren Grenzen im Konzert der Mächte erkannt werden, auch in ihrer

Geistesgeschichte, der zutiefst humanen Verbindung von Patriotismus und

Universalismus. Normativität: Maßstäbe aus diesen bedeutenden Zeiten um

1800. Mithin brauchen wir wieder eine Politik, die aus der Geschichte heraus

denkt und handelt, wie es bei den großen Politikern der alten Bundesrepublik

wie selbstverständlich der Fall war, und die nicht im Autoscooter blind

umherkurvt. Mir scheint es entscheidend, dass dazu eine neue Elite erforderlich

ist, nicht die der selbsternannten Geld- und Medieneliten. Bildung und

Erziehung haben daher hohe Priorität, weil es darum geht, solche Eliten zu

fördern und zu stärken.

Es bedarf in der heutigen unübersichtlichen Gegenwart der festen Richtschnur,

der bleibenden Orientierungen: Wer mit sich selbst zerfallen ist, besitzt keine

Identität. Aus dem Zeitalter der Nationalstaaten sollten wir gelernt haben, dass

es nicht nur inhaltlich fi xierbare, in der Tat universale Menschenrechte gibt,

sondern auch unbedingte und verbindliche Grundrechte für ganze Völker –

darauf muss man insistieren, denn anders hört ein Volk auf zu bestehen. Goethe

hat zu Recht bemerkt: Wer sich nicht vor dreitausend Jahren Rechenschaft

abzulegen wisse, müsse unerfahren in allen Lebenslagen bleiben und sei auf

das Hier und Heute beschränkt.

3. Wir leben in gefährdeten Zeiten, in Krisenzeiten, in denen man sich den

Selbsthaß und die Selbstzerstörung nicht länger erlauben kann. Zum Teil

wird die junge Generation den Klang der Grundworte Freiheit – Demokratie

– Rechtsstaatlichkeit wieder lernen müssen.

69


Eintreten für die Wahrheit in Freiheit (Jaspers) und Einstehen für Deutschland

versteht sich für Patrioten von selbst. Doch wir müssen jenen freiheitlichen

Konservatismus heute in einer Zeit, in dem ihm weitgehend die Institutionen

weggebrochen sind, auch denken, auf hohem Niveau, nicht rückwärtsgewandt.

Es bedarf eines positiven und substantiellen Begriffs dessen, was

konservativ ist.

Der große Hugo von Hofmannsthal schrieb einmal im Mai 1922 an C. J.

Burckhardt: „Wir unglückselige Deutsche sind doch beständig auf der Suche

nach unserer eigenen Nation“ –dies macht das Schmerzliche der eigenen

Geschichte aus, das uns in eine große Nähe mit anderen Völkern bringt, auch

mit einstigen Kriegsgegnern, wie den slawischen Völkern.

Meine Damen und Herren, Dies war eine politische Fastenpredigt, wie sie

zur Zeit der Freiheitskriege gehalten wurden. Ihre Summe ist: „Wach auf,

wach auf du deutsches Land!“ Dabei verbinde ich im Sinne des griechischen

Wortes PARAKLESE, das beim Apostel Paulus eine große Rolle spielt,

Mahnung mit Zuspruch!

In Hamburg und angesichts der Hanseatischen Freiheit, der die Verbindung von

Patriotismus und Universalismus besonders nahesteht, mag es angebracht sein,

mit Heinrich Heine zu schließen, der noch als Emigrant Patriot war, in Liebe

und Schmerz, und der sein Vaterland mit sich trug. Sie kennen seine Verse:

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaft gebracht,

/ Ich kann nicht mehr die Augen schließen / und meine heißen Tränen

fl ießen.// Deutschland hat ewigen Bestand / Es ist ein kerngesundes Land.“

Oder das wundervolle Gedicht ‚In der Fremde’:

„Ich hatte einst ein schönes Vaterland. / Der Eichenbaum / Wuchs dort so

hoch, die Veilchen nickten sanft. / Es war ein Traum. // Das küßte mich auf

deutsch und sprach auf deutsch / (Man glaubt es kaum, wie gut es klang) /

das Wort ‚Ich liebe dich!’ / Es war ein Traum“.

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