SCHWERPUNKT - Interview <strong>Der</strong> <strong>Wahnwärter</strong> Das Gespräch führten und Mord!» Lene lag in ihrem Blut, das Gesicht unkenntlich, mit zerschlagener Hirnschale. »Er hat seine Frau ermordet, er hat seine Frau ermordet!» stieß an die Wiege. »Heiliger Himmel!« Und er fuhr zurück, bleich, mit entsetzensstarrem Blick. Da lag das Kind mit durchschnittenem Halse. <strong>Der</strong> Wärter war verschwunden; die Nachforschungen, welche man noch in derselben Nacht anstellte, blieben erfolglos. Den Morgen darauf fand ihn der diensttuende Wärter zwischen den Bahngeleisen und an der Stelle sitzend, wo Tobiaschen überfahren worden war. Er hielt das braune Pudelmützchen in der Hand und liebkoste es ununterbrochen wie etwas, das Leben hat. <strong>Der</strong> Wärter richtete einige Fragen an ihn, bekam jedoch keine Antwort und bemerkte bald, dass er es mit einem Irrsinnigen zu tun habe. <strong>Der</strong> Wärter am Block, davon in Kenntnis gesetzt, erbat telegraphisch Hilfe. Nun versuchten mehrere Männer ihn durch gutes Zureden von den Geleisen fortzulocken; jedoch vergebens. <strong>Der</strong> Schnellzug, der um diese Zeit passierte, musste anhalten, und erst der Übermacht seines Personals gelang es, den Kranken, der alsbald furchtbar zu toben begann, mit Gewalt von der Strecke zu entfernen. Man musste ihm Hände und Füße binden, und der inzwischen requirierte Gendarm überwachte seinen Transport nach dem Berliner Untersuchungsgefängnisse, von wo aus er jedoch schon am ersten Tage nach der Irrenabteilung der Charité überführt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt er das braune Mützchen in Händen und bewachte es mit eifersüchtiger Sorgfalt und Zärtlichkeit. Eine eigene Diagnose kann ich von jemandem, den ich nicht selber gesehen und untersucht habe, nicht stellen. Wie der Text auf »Irrsinn« schließen würde ich aber mit Sicherheit nicht. Was das Buch gerade lesenswert macht, dass es einen für den Leser nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen einem erlittenen Trauma (dem kurz vorher geschilderten, möglicherweise von der Stiefmutter Lene verschuldeten Tod von Thiels erstem Sohn Tobias – Anm. d. Red.) und der daraus resultierenden Tat herzustellen vermag, entspricht aus meiner Sicht nicht der Wirklichkeit. Traumata, auf die Gewalttäter Ihr Handeln zurückführen, können in Wahrheit Bagatellen sein, oder sie sind ganz erfunden. Tatsächlich gibt es bei wahnhaften Kindstötungen bestimmte Muster. Frauen werden oft zu Tätern, weil der Partner weggeht und sie mit dem Kind alleingelassen werden. Aus der Überforderung entsteht im Vorfeld der Tat eine Depression. Auf Männer hat der Verlust des Partners dagegen einen Kränkungseffekt. Hier wird der Prozess in Gang gesetzt, weil sie selber alleingelassen werden. Aber auf eine solche Symptomatik, wie sie der ICD-10 oder andere Kriterienkataloge beschreiben, ergeben sich aus der Geschichte des Bahnwärters keine Hinweise. Was dann am Schluss genannt wird, Toben und bei der Festnahme ein Mützchen liebkosen – das sind keine Kriterien, auf die man eine Diagnose stützen kann. In diesem Fall ist der Wahnsinn des Protagonisten also keine realistische Folge der Begebenheiten, die ihm vorausgehen. Wenn literarische Figuren in geistiger Umnachtung handeln, stehen sie dabei aber fast immer in einem Zusammenhang, der ihren Zustand verstehbar werden lässt. Ist die Praxis, eine Psychose erklären zu wollen, aus Ihrer Sicht sinnvoll? Oder entzieht sich das Phänomen »Wahnsinn« unserem Verständnis? Eine Psychose ist tatsächlich im Wesentlichen unverständlich. Dass man sie nicht verstehen oder erklären kann, macht sie aus, gerade darin besteht seit Jaspers ihre Definition. In dieser Unergründbarkeit ist sie einer Krebserkrankung nicht unähnlich. Warum die bei einem Menschen plötzlich ausbricht, entzieht sich auch unserem Verständnis. Wenn Literatur also genau das zu leisten versucht, eine Psychose aus der Vergangenheit und den Erlebnissen einer Figur abzuleiten, ist das aus fachlicher Sicht zuerst einmal problematisch. Allerdings gibt es in der klassischen deutschen Psychiatrie die Unterscheidung zwischen dem Wesen der Psychose und dem Pathoplastischen. Das Wesen der Psychose ist durch formale Aspekte definiert, etwa dass man falsche Inbeziehungssetzungen vornimmt und unbegründete Erregungszustände hat. Das Pathoplastische dagegen ist sozusagen der Inhalt, und darin kommt durchaus Erlebtes vor. Wenn also jemand zum Beispiel in einen rasenden Zustand gerät, weil er etwas wiedererkennt, was ihn früher einmal dramatisch geängstigt hat, dann ist der Zusammenhang, der die Form füllt, nachvollziehbar, aber nicht die Form selber. philtrat 17