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inhalt<br />

Titelbild: aebi, grafik & illustration, bern<br />

EDITORIAL<br />

5 Tempus fugit<br />

Politik<br />

6 Zulassungsstopp, offene Fragen<br />

7 Auf den Punkt gebracht:<br />

Zulassungsstopp trotz Ärztemangel?<br />

Weiterbildung<br />

8 Lesen lernen:<br />

Häufig ist nicht gleich häufig<br />

<strong>VSAO</strong><br />

9 Sektion Basel<br />

10 Sektion Bern<br />

11 Sektion Genf<br />

11 Sektion Graubünden<br />

13 Sektion Waadt<br />

14 <strong>VSAO</strong>-Inside<br />

16 <strong>VSAO</strong> Rechtsberatung<br />

Fokus<br />

18 Schneller und immer schneller<br />

21 Zeit, Alter und der Traum von<br />

der Unsterblichkeit<br />

23 So individuell wie das Zeitempfinden<br />

25 Das zweite Leben<br />

28 26.7 Kilometer in<br />

89 millionstel Sekunden<br />

30 Das unaufhörliche Ballett der Arten<br />

Perspektiven<br />

32 Aktuelles aus der Urologie:<br />

Neues Verständnis vom Schmerzsyndrom<br />

des Beckens<br />

35 Aus der «Praxis»:<br />

Konsensusempfehlungen zur Beurteilung<br />

der medizinischen Mindestanforderungen<br />

für Fahreignung bei kognitiver<br />

Beeinträchtigung<br />

47 Unglaubliche Fallgeschichten aus<br />

der Medizin: Die Pantoffelbehandlung<br />

Mediservice <strong>VSAO</strong>-ASMAC<br />

48 Briefkasten<br />

49 Praxiseröffnung: Starthilfe für<br />

Neueinsteiger<br />

50 «Das SWICA Care-Management war<br />

meine Rettung»<br />

53 Pensionskasse – neue Hürden bei<br />

der Steuerplanung<br />

54 Impressum<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

3


editorial<br />

Foto: Severin Novacki<br />

Catherine Aeschbacher<br />

Chefredaktorin <strong>VSAO</strong>-<strong>Journal</strong><br />

Tempus fugit<br />

Der erste Monat des neuen Jahres liegt bereits hinter uns, und<br />

2012 gehört längst der Vergangenheit an. Die Welt scheint sich<br />

immer schneller zu drehen. Entsprechend stellte der deutsche<br />

Philosoph Jürgen Habermas mit Blick auf den Bildungs- und<br />

Medienbereich fest: «Hecheln ist unsere Leitgeschwindigkeit.»<br />

Dies trifft wohl nicht nur auf die angesprochenen Gebiete zu,<br />

die Beschleunigung hat die ganze Gesellschaft fest im Griff. Im<br />

Fokus befassen wir uns deshalb mit den unterschiedlichsten<br />

Aspekten von Zeit. Ludwig Heuwinkel, Soziologe und Kulturwissenschaftler,<br />

hat sich ausführlich mit Fragen nach Zeit und<br />

Beschleunigung auseinandergesetzt. Er erklärt in seinem Beitrag<br />

den Ursprung und die Folgen der Beschleunigung. Ganz<br />

andere Tempi beschäftigen den Paläontologen Hugo Bucher,<br />

dessen Forschung unvorstellbar grosse Zeiträume umfasst. Im<br />

andern Extrem bewegen sich die Wissenschaftler am Kernforschungszentrum<br />

CERN in Genf. Der Teilchenbeschleuniger<br />

lässt pro Sekunde beinahe eine Milliarde Protonen aufeinanderprallen.<br />

Dazwischen liegen die «menschlichen» Zeitbegriffe,<br />

so die unterschiedlichen Geschwindigkeiten in der Transplantationsmedizin<br />

oder die Frage nach der Unsterblichkeit in der<br />

Genetik. Und schliesslich – in der Schweiz schon fast ein Must<br />

– kommt ein Uhrmacher zu Wort, dessen eigenwillige Zeitmesser<br />

altes Handwerk in neuer Form aufleben lassen.<br />

Um Fristen geht es auch im Politikteil. Der Zulassungsstopp<br />

scheint kaum mehr abwendbar zu sein. Nun gilt es, die Details<br />

zu prüfen, damit die Bedingungen nicht erneut verschlechtert<br />

werden. Zur Diskussion steht unter anderem die Frage, in<br />

welchem Zeitraum eine Zulassung verfallen kann. Genaueres<br />

hierzu findet sich im gesundheitspolitischen Artikel. Ebenfalls<br />

mit dem Zulassungsstopp im weiteren Sinne befasst sich die<br />

Kolumne «Auf den Punkt gebracht». Die politische Sekretärin<br />

des <strong>VSAO</strong>, Rosmarie Glauser, skizziert Möglichkeiten, wie man<br />

eine sinnvolle ärztliche Versorgung im ganzen Land auch<br />

ohne Zulassungsbeschränkung erreichen könnte.<br />

In der Rubrik Weiterbildung führen wir die Kolumne «Lesen<br />

lernen» von Lukas Staub für das bessere Verständnis wissenschaftlicher<br />

Arbeiten weiter. Dieses Jahr setzt sich der Autor in<br />

Form eines kleinen Glossars mit wissenschaftlichen Begriffen<br />

auseinander. Den Anfang machen «Prävalenz» und «Inzidenz».<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

5


Politik<br />

Gesundheitspolitik<br />

Zulassungsstopp, offene Fragen<br />

Die Wiedereinführung des Zulassungsstopps kann politisch wohl nicht mehr verhindert werden.<br />

Trotzdem hat der <strong>VSAO</strong> ein Gutachten in Auftrag gegeben, das offene Fragen wie die Verfassungsmässigkeit<br />

oder die Vereinbarkeit mit den bilateralen Verträgen klären soll.<br />

Rosmarie Glauser, Politische Sekretärin <strong>VSAO</strong><br />

Das Vernehmlassungsverfahren zur Wiedereinführung<br />

des Zulassungsstopps ist<br />

abgeschlossen. Die Vorlage wird in der<br />

Frühlingssession behandelt und soll auf<br />

April in Kraft gesetzt werden. Ob es aufgrund<br />

der Stellungnahmen im parlamentarischen<br />

Prozess noch Anpassungen geben<br />

wird, ist bei Redaktionsschluss nicht<br />

bekannt. Offen ist auf jeden Fall noch die<br />

Frist, nach welcher eine Zulassung verfallen<br />

soll, wenn von ihr nicht «Gebrauch<br />

gemacht» wird. Im Gesetzesentwurf steht,<br />

dass der Bundesrat diese Frist festlegt. Bei<br />

dem bis 2011 geltenden Zulassungsstopp<br />

betrug sie sechs Monate. Man kann davon<br />

ausgehen, dass sie im selben Rahmen<br />

festgelegt wird, aber sicher ist das nicht.<br />

Eine weitere Unsicherheit besteht bei der<br />

Frage, was unter «Gebrauch machen» zu<br />

verstehen ist. Beim letzten Zulassungsstopp<br />

gab es diesbezüglich keine Vorgaben,<br />

so dass jede irgendwie geartete Abrechnung<br />

innerhalb von jeweils sechs Monaten<br />

genügte. Unglücklicherweise hat die FMH<br />

in ihrer mündlichen Vernehmlassung<br />

verlangt, dass dieser Passus präzisiert werden<br />

müsse. Wir hoffen sehr, dass Bundesrat<br />

und Parlament darauf verzichten.<br />

Sobald die Gesetzesänderung und die<br />

bundesrätliche Verordnung definitiv sind,<br />

werden wir unsere Mitglieder in einem<br />

weiteren Newsletter informieren.<br />

Der <strong>VSAO</strong> wird mit aller Kraft versuchen,<br />

bei der definitiven Lösung, die den Zulassungsstopp<br />

nach spätestens drei Jahren<br />

ablösen soll, ein kräftiges Wort mitzureden.<br />

Es muss eine Lösung sein, die den<br />

jungen Ärztinnen und Ärzten eine echte<br />

Perspektive bietet und sie nicht behindert.<br />

Erste Ideen sind da, aber es braucht noch<br />

viel Denkarbeit. Anregungen und Ideen<br />

nehmen wir sehr gerne entgegen.<br />

Wie verändert sich der<br />

Arbeitsalltag<br />

Wir wollen es genau wissen und<br />

haben zu diesem Zweck mit den<br />

anderen Berufsverbänden der Allianz<br />

DRG-Personal ein Erhebungsraster<br />

erarbeitet.<br />

DRG, neue Spitalfinanzierung, sinkende<br />

Tarife, kantonale Sparmassnahmen – das<br />

alles zeigt Wirkung: Fallzahlen werden<br />

erhöht, Personalkosten gesenkt, Stellen<br />

werden gestrichen oder Dienste werden<br />

durch Pikettdienste ersetzt, obwohl klar<br />

ist, dass es zu Einsätzen kommt. Wo früher<br />

ein Oberarzt angestellt wurde, wird<br />

plötzlich ein stellvertretender Oberarzt<br />

gesucht, um eine Gehaltsklasse einzusparen,<br />

oder die Zeit für das Teaching fehlt,<br />

um nur einige Beispiele zu nennen. Uns<br />

interessieren diese Veränderungen, damit<br />

wir reagieren können.<br />

Wir haben vor der Einführung der neuen<br />

DRG-basierten Spitalfinanzierung zusammen<br />

mit vielen andern eine Begleitforschung<br />

gefordert, damit die Veränderungen<br />

erfasst werden und wenn nötig<br />

Gegensteuer gegeben werden kann. Bis<br />

heute gibt es keine umfassende Begleitforschung,<br />

die Auswirkungen auf das Personal<br />

sind überhaupt kein Thema.<br />

Aus diesem Grund haben die in der Allianz<br />

DRG-Personal zusammengeschlossenen<br />

Personal- und Berufsverbände beschlossen,<br />

die Veränderungen in ihrem<br />

direkten Arbeitsbereich selber zu erfassen.<br />

Wir haben zu diesem Zweck ein Erhebungsraster<br />

erarbeitet, das den <strong>VSAO</strong>-<br />

Mitgliedern im Deze<strong>mb</strong>er 2012 in einem<br />

Newsletter elektronisch zugestellt wurde.<br />

Das Raster kann auch auf unserer Website<br />

www.vsao.ch heruntergeladen oder online<br />

ausgefüllt werden.<br />

Wir bitten Euch, uns alle Veränderungen,<br />

die Ihr in Eurem Berufsumfeld feststellt<br />

und die mit DRG oder mit Sparmassnahmen<br />

zusammenhängen, mit diesem Raster<br />

zu melden.<br />

Ihr könnt die Veränderungen selbstverständlich<br />

auch Euren Sektionen melden.<br />

Die Präsidenten und Geschäftsstellen haben<br />

das Raster auch und werden es nach<br />

Euren Wünschen ausfüllen.<br />

Wenn es uns und den anderen Berufsverbänden<br />

gelingt, die Veränderungen auf<br />

diese Weise zu erfassen, können wir ein<br />

Schwarzbuch erarbeiten und unsere Forderungen<br />

damit untermauern. So können<br />

wir unseren Teil zu einer Begleitforschung<br />

beitragen zum Schutz der Patienten und<br />

des Personals.<br />

■<br />

Wie beeinflussen DRG und Sparmassnahmen<br />

Ihren Berufsalltag?<br />

Melden Sie uns Veränderungen im Zusammenhang mit Sparmassnahmen, DRG<br />

oder der neuen Spitalfinanzierung mittels Onlineformular auf unserer Website unter<br />

der Rubrik Gesundheitspolitik/Monitoring Allianz DRG!<br />

6 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


Politik<br />

Auf den PUNKT gebracht<br />

Zulassungsstopp trotz Ärztemangel?<br />

Rosmarie Glauser, Politische Sekretärin <strong>VSAO</strong><br />

Politikerinnen und<br />

Politiker beklagen auf<br />

der einen Seite die<br />

Ärzteplethora und beschliessen<br />

aus diesem<br />

Grund die Wiedereinführung<br />

des Zulassungsstopps,<br />

auf der<br />

andern Seite den Ärztemangel,<br />

dem sie mit<br />

mehr Ausbildungsplätzen<br />

begegnen wollen.<br />

Den Widerspruch<br />

erklären die Verfechterinnen<br />

und Verfechter<br />

des Zulassungsstopps<br />

mit dem Standardsatz, es handle sich um<br />

ein Problem der Verteilung, genau deswegen<br />

brauche es eine Steuerung.<br />

Was heisst das denn genau? Will man die<br />

Ärztinnen und Ärzte zwingen, im Spital<br />

zu arbeiten? Oder will man sie zwingen,<br />

Hausärzte zu werden? Oder will man Spezialisten<br />

gegen ihren Willen in Landregionen<br />

schicken? Solche Massnahmen<br />

würden den Ärztemangel nur noch weiter<br />

verstärken.<br />

Wenn wir es schaffen würden, dass Ärztinnen<br />

und Ärzte im Spital selbstbestimmter<br />

arbeiten könnten und ihre Arbeitsbedingungen<br />

endlich familienverträglich<br />

wären, würden sie auch ohne Zulassungsstopp<br />

gerne in den Spitälern arbeiten.<br />

Würden wir uns bemühen, in Grundversorgerpraxen<br />

und Medizentren attraktive<br />

Stellen, insbesondere auch Teilzeitstellen<br />

zu schaffen und die Rahmenbedingungen<br />

generell zu verbessern, würde der Beruf<br />

der Hausärztin und des Hausarztes ganz<br />

von allein wieder attraktiv. Und vielleicht<br />

ist eine Konzentration der Spezialarztpraxen<br />

in den Städten sogar ganz sinnvoll.<br />

Die geplante Zulassungssteuerung wird<br />

unsere Probleme nicht lösen. Im Gegenteil:<br />

Sie wird den Mangel an Schweizer<br />

Ärztinnen und Ärzten weiter verschärfen.<br />

Ein Beruf ist nur dann attraktiv,<br />

wenn er Zukunftsperspektiven bietet.<br />

Für viele Ärztinnen und Ärzte stellt der<br />

Arbeitsplatz Spital keine langfristige<br />

Perspektive dar, vor allem, weil die Arbeitsbedingungen<br />

vielerorts nach wie vor<br />

nicht familienverträglich sind und es oft<br />

an Wertschätzung fehlt. Die Mehrheit der<br />

Ärzte sind heute Frauen und viele von<br />

ihnen sagen offen, dass der Gang in die<br />

Praxis für sie die einzige Möglichkeit<br />

ist, Beruf und Familie verbinden zu können.<br />

Wollen wir also unseren Nachwuchs<br />

im Beruf halten, sollten wir auf<br />

den Zulassungsstopp verzichten und<br />

stattdessen für attraktive Arbeitsplätze in<br />

Spitälern und Grundversorgerpraxen<br />

sorgen.<br />

■<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

7


weiterbildung<br />

A B C D E F ...<br />

a b c d e f ...<br />

LESEN LERNEN<br />

Häufig ist nicht gleich häufig<br />

Lukas Staub, Redaktionsmitglied <strong>VSAO</strong>-<strong>Journal</strong><br />

In den <strong>Journal</strong>ausgaben des letzten Jahres<br />

habe ich allgemeine Tipps zur effizienten<br />

Suche und Interpretation medizinischer<br />

Studien gegeben. In diesem Jahr werde ich<br />

einige grundlegende Begriffe der Epidemiologie<br />

erläutern. Auf diese Weise soll ein<br />

kleines Glossar entstehen.<br />

Den Anfang machen die beiden Häufigkeitsmasse<br />

Prävalenz und Inzidenz. Obwohl<br />

diese Kennzahlen unterschiedliche<br />

Aspekte zum Gesundheitszustand einer<br />

Population beschreiben, werden sie<br />

manchmal verwechselt.<br />

Die Prävalenz ist definiert als der Anteil<br />

einer bestimmten Population<br />

mit einer bestimmten Krankheit zu<br />

einem bestimmten Zeitpunkt. Es<br />

könnte uns zum Beispiel interessieren, wie<br />

viele Bewohnerinnen und Bewohner des<br />

Kantons Zürich am 1. Januar 2013 Kopfschmerzen<br />

hatten. Nehmen wir an, in<br />

einer Befragung von 2051 zufällig ausgewählten<br />

Zürcherinnen und Zürchern bejahten<br />

545 die Frage nach Kopfschmerzen<br />

an Neujahr. Die geschätzte Prävalenz für<br />

Zürich wäre dann 545/2051 = 27 Prozent.<br />

Die Prävalenz ist also ein Mass der momentanen<br />

Krankheitsbelastung einer<br />

Population.<br />

Die Inzidenz hingegen ist definiert als<br />

die Anzahl neuer Fälle einer bestimmten<br />

Krankheit während einer<br />

bestimmten Zeitperiode in einer<br />

bestimmten Population, die zu Beginn<br />

der Periode nicht erkrankt ist. Eine<br />

mögliche Frage wäre zum Beispiel, wie<br />

viele Bewohner einer Bergregion pro Jahr<br />

einen Skiunfall erleiden. Angenommen<br />

im Jahr 2011 wurden in dem Gebiet mit<br />

43 000 Einwohnern 127 Fälle gemeldet.<br />

Daraus ergibt sich eine Inzidenz von<br />

127/43 000 = 0,3 Prozent pro Jahr. Zur<br />

besseren Leserlichkeit und Vergleichbarkeit<br />

mit anderen Regionen kann dies auf<br />

eine Population von 100 000 hochgerechnet<br />

werden, was 295 Unfälle pro 100 000<br />

Einwohner/in pro Jahr ergibt. Die Inzidenz<br />

ist also Ausdruck des Krankheitsrisikos<br />

einer Population.<br />

Trotz der Unterschiede gibt es auch Zusammenhänge<br />

zwischen den beiden<br />

Kennzahlen. So ist die Prävalenz annäherungsweise<br />

gleich dem Produkt von Inzidenz<br />

und durchschnittlicher Krankheitsdauer.<br />

Wenn die Inzidenz einer Krankheit<br />

steigt, steigt auch deren Prävalenz. Wenn<br />

eine neue Behandlungsmethode gefunden<br />

wird und weniger Patientinnen und<br />

Patienten an der Krankheit sterben, steigt<br />

die Prävalenz weiter. Wenn hingegen eine<br />

Behandlung zur Heilung gefunden wird,<br />

sinkt die Prävalenz wieder. ■<br />

Feedback-Pool<br />

(D)ein kleiner, aber wertvoller<br />

Beitrag für eine gute<br />

Weiter- und Fortbildung<br />

Um im Bereich der ärztlichen Weiter- und Fortbildung Meinungen<br />

unserer Mitglieder zu einem Thema einholen zu<br />

können, wurde der Feedback-Pool eingerichtet.<br />

Macht mit, und helft dem <strong>VSAO</strong> damit, den Horizont im Ressort<br />

Weiterbildung etwas zu erweitern und Überlegungen<br />

breiter abzustützen.<br />

Weitere Infos unter www.vsao.ch und Anmeldung per E-Mail<br />

an bertschi@vsao.ch.<br />

Deine Erfahrung zählt!<br />

Visitationen bilden ein Element für das Überprüfen und Sicherstellen<br />

der Weiterbildungsqualität an einer Weiterbildungsstätte.<br />

Ein Visitationsteam, bestehend aus Vertretern des<br />

SIWF, der entsprechenden Fachgesellschaft und des <strong>VSAO</strong>,<br />

besucht die Klinik; vor Ort können die Umsetzung des Weiterbildungskonzeptes<br />

und die Verhältnisse überprüft werden. Ziel<br />

ist es, im Sinne einer positiv-konstruktiven Rückmeldung<br />

mögliche Verbesserungspotenziale zu erkennen und zu nutzen.<br />

Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte, die gerne für den<br />

<strong>VSAO</strong> Visitationen begleiten möchten, melden sich bei Béa trice<br />

Bertschi, unserer Sachbearbeiterin für Weiterbildung/Visitationen<br />

im <strong>VSAO</strong> (bertschi@vsao.ch).<br />

8 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


<strong>VSAO</strong><br />

Sektion BASel<br />

Rückblick und<br />

Ausblick<br />

Das neue Jahr hat begonnen. Zeit, kurz<br />

zurückzuschauen und zugleich in die<br />

Zukunft zu blicken. Das letzte Jahr war<br />

geprägt durch die Einführung der DRG<br />

sowie der Verselbständigung der Basler<br />

Spitäler USB, Felix Platter und der UPK<br />

sowie der Baselbieter Spitäler Bruderholz,<br />

Liestal und Laufen. Unsere Sektion umfasst<br />

98 Abteilungen in unterschiedlichsten<br />

Häusern von Industrie über Alternativkliniken,<br />

Universitätsspitäler und Palliativhäuser.<br />

Alle spüren den Druck durch<br />

die DRG und Wirtschaftslage.<br />

Es wird und wurde gespart, gleichzeitig<br />

gilt aufgrund der Verselbständigung nunmehr<br />

in allen Spitälern das Arbeitsgesetz.<br />

Dies bedeutet, dass keine Überzeit von<br />

Oberärzten oder Assistenzärztinnen einfach<br />

mehr gestrichen werden darf, wie dies<br />

zuvor seit Jahren üblich war. Die 80-Stunden-Regel<br />

gibt es so nicht mehr. Es gilt die<br />

50-Stunden-Woche. Das Jahr 2012 war für<br />

viele Spitäler ein Übergangsjahr, in dem<br />

die Einhaltung des Arbeitsgesetzes erst<br />

noch implementiert werden musste. 2013<br />

soll das Arbeitsgesetz endlich Tatsache<br />

werden. Damit dies Fakt wird und schon<br />

gar nicht mehr so viele Überstunden generiert<br />

werden, ist es uns durch Protest<br />

und Verhandlungen gelungen, dass im<br />

Universitätsspital bereits auf Ende 2012<br />

die 30 allernötigsten Arztstellen gesprochen<br />

wurden (etwa fünf Prozent des bisherigen<br />

Stellenetats). In den anderen<br />

Spitälern gibt es noch viel zu tun. Die<br />

Gespräche und allenfalls auch Proteste<br />

werden weitergeführt werden müssen.<br />

Hinzu kommen in diesem Jahr Verhandlungen<br />

über Gesamtarbeitsverträge, einerseits<br />

für das USB, das Felix-Platter und<br />

die UPK, andererseits für die öffentlichrechtlichen<br />

Spitäler im Baselbiet (Bruderholz,<br />

Liestal, Laufen). Ob es schon dieses<br />

Jahr zu einer Urabstimmung über das<br />

Verhandlungsresultat kommen wird, ist<br />

offen. Die Arbeit wird uns jedenfalls nicht<br />

ausgehen.<br />

Die Kalender füllen sich bereits jetzt, umso<br />

mehr bitte ich folgende zwei Termine zu<br />

notieren (schriftliche Einladungen folgen<br />

zu gegebener Zeit):<br />

• 15.5.2013, 18.30 Uhr, Mitgliederversammlung<br />

und im Anschluss Klinikvertretersitzung,<br />

Safranzunft, 1.Stock,<br />

Gerbergasse, Basel<br />

• 23.10.2013, 19.00 Uhr, Klinikvertretersitzung,<br />

Safranzunft<br />

Zu den Klinikvertretersitzungen laden wir<br />

die offiziellen Vertreter einer Abteilung<br />

ein. Da es nicht in allen Abteilungen solche<br />

Posten gibt, ist jedes engagierte Mitglied<br />

eingeladen, ob Assistent oder Oberärztin,<br />

von den Freuden oder Sorgen<br />

während seiner/ihrer Arbeit zu berichten.<br />

Mit den Worten unseres <strong>VSAO</strong>-Schweiz-<br />

Präsidenten Daniel Schöpfer im Deze<strong>mb</strong>er-Newsletter:<br />

«Der <strong>VSAO</strong> kann nur helfen<br />

und aktiv werden, wenn wir informiert<br />

sind.» Dafür dient in Basel die Klinikvertretersitzung.<br />

Es ist in diesen Runden<br />

immer wieder erfreulich, wie viel Kreativität<br />

und Erfahrungswissen unter den<br />

einzelnen Basismitgliedern vorhanden ist,<br />

und so können die ersten Probleme schon<br />

am gleichen Abend angegangen werden.<br />

Im letzten Jahr haben wir zudem auch<br />

eine neue Onlinestellenbörse www.aerzteteilzeit.ch<br />

entwickelt. Auf dieser Plattform<br />

können alle Arten von Stellen gesucht<br />

oder angeboten werden. Der Fokus liegt<br />

zwar auf Teilzeitstellen, Vollzeitstellen<br />

werden aber auch berücksichtigt. Das kostenlose<br />

Angebot steht allen <strong>VSAO</strong>-Basel-<br />

Mitgliedern zur Verfügung, die eine (Teilzeit-)Stelle<br />

in der Medizin suchen und/<br />

oder anbieten wollen. Wir freuen uns auf<br />

reges Interesse: www.aerzteteilzeit.ch. ■<br />

Sonja Truestedt,<br />

Co-Präsidentin Sektion Basel<br />

Kitaplatz gesucht – der <strong>VSAO</strong> hilft<br />

Wenn Sie einen Betreuungsplatz für Ihr Kind suchen, denken Sie daran: Seit 2011 unterstützt<br />

Ihr Verband Sie bei dieser zeitaufwendigen Aufgabe. Eine Anfrage mittels Online-Formular beim <strong>VSAO</strong> genügt und Sie<br />

erhalten Informationen zu verfügbaren Plätzen in Ihrer Wunschregion und die entsprechenden Kontaktdaten<br />

der Tagesstätten. Weitere wichtige Informationen und das Formular finden Sie unter der neuen Rubrik Arztberuf und Familie<br />

auf der <strong>VSAO</strong>-Homepage www.vsao.ch.<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

9


<strong>VSAO</strong><br />

Sektion Bern<br />

Wochenarbeitszeit<br />

der Oberärztinnen<br />

und -ärzte im<br />

inselspital<br />

Gemäss Gesamtarbeitsvertrag für das Personal<br />

Bernischer Spitäler (GAV) beträgt<br />

die wöchentliche Arbeitszeit für Oberärztinnen<br />

und -ärzte seit Januar 2012 46<br />

Stunden. Ausserdem werden als Abgeltung<br />

für die Differenz zwischen 42 und 46<br />

Stunden zwei Kompensationswochen gewährt,<br />

die wie Ferienwochen behandelt<br />

werden (also nicht minus 46 Stunden<br />

zählen). Leider hat das Inselspital den GAV<br />

bisher nicht unterzeichnet, so dass diese<br />

Bestimmungen hier nicht gelten. Die Spitalleitung<br />

und der Verwaltungsrat des<br />

Inselspitals prüfen aber im Moment, wie<br />

und wann diese neuen Regelungen umgesetzt<br />

werden können. Dabei spielt selbstverständlich<br />

der Umstand, dass im Moment<br />

der Zusammenschluss zwischen<br />

dem Inselspital und dem Spitalnetz Bern<br />

vorbereitet wird, eine wichtige Rolle. Weitere<br />

Informationen sind für das Frühjahr<br />

2013 zu erwarten.<br />

Protestaktion<br />

«So nicht»<br />

Unter dem Motto «So nicht. Nein zur Abbaupolitik»<br />

haben am 22. Nove<strong>mb</strong>er 2012<br />

auf dem Berner Rathausplatz 350 Personen<br />

gegen die drohenden Sparmassnahmen im<br />

Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich<br />

protestiert. Die Kundgebung wurde vom<br />

VPOD und den Berufsverbänden SBK und<br />

<strong>VSAO</strong> organisiert. Die Grossrätinnen und<br />

Grossräte wurden mit einem Flugblatt und<br />

einem Schokolade-Sankt-Nikolaus aufgefordert,<br />

insbesondere die Sparmassnahmen<br />

bei der Erziehungsdirektion und der<br />

Gesundheits- und Fürsorgedirektion abzulehnen<br />

und die nötigen Mittel für die ursprünglich<br />

budgetierte Lohnrunde zur<br />

Verfügung zu stellen. Weitere Informationen<br />

dazu unter www.vsao-bern.ch.<br />

Der Protest<br />

geht weiter ...<br />

... und zwar am Samstag, 16. März<br />

2013, um 13.30 Uhr auf dem Bundesplatz<br />

in Bern<br />

Zusammen mit vielen anderen Berufsverbänden<br />

im Kanton Bern wollen wir an<br />

diesem Tag ein kräftiges Zeichen setzen.<br />

Der Kanton spart und spart – und zwar<br />

immer dort, wo es am wenigsten Widerstand<br />

gibt: beim Personal und bei den<br />

Patientinnen und Patienten. Doch jetzt ist<br />

genug, wir wollen uns das nicht mehr<br />

gefallen lassen. Wir fordern unter anderem<br />

Löhne, die interkantonal mithalten<br />

können, familienverträgliche und gesetzeskonforme<br />

Arbeitsbedingungen, gute<br />

Weiterbildung und genügend Zeit für die<br />

Patientinnen und Patienten.<br />

Die Löhne<br />

in den Gesundheitsberufen<br />

haben<br />

deutlichen<br />

Nachholbedarf<br />

Die Löhne der Gesundheitsberufe im Kanton<br />

Bern sind im Gehaltssystem zu tief<br />

eingereiht. Dies zeigt eine Lohnvergleichsstudie,<br />

die die Personalverbände im Deze<strong>mb</strong>er<br />

2012 den Medien vorgestellt haben.<br />

Weil die Löhne einiger Berufe, zum<br />

Beispiel die der Oberärztinnen und -ärzte,<br />

im Vergleich zu denen in den Nachbarkantonen<br />

deutlich hinterherhinken, verlangen<br />

die Verbände von den Arbeitgebern<br />

und dem Kanton rasche Anpassungen.<br />

Mehr unter www.vsao-bern.ch.<br />

Zusammenführung<br />

von<br />

inselspital und<br />

Spital Netz Bern<br />

Die Grundzüge des Spitalzusammenschlusses<br />

sind inzwischen bekannt. Im<br />

Projekt mit dem Arbeitstitel Stärkung Medizinstandort<br />

Bern (SMSB) hat der Verwaltungsrat<br />

Spital Netz Bern AG und Inselspital-Stiftung<br />

das künftige organisatorische<br />

und medizinische Betriebsmodell,<br />

die Führungsstruktur und die<br />

Meilensteine der Umsetzung festgelegt.<br />

Die aktuellste Medienmitteilung ist auf<br />

unserer Website www.vsao-bern.ch aufgeschaltet.<br />

■■<br />

Rosmarie Glauser,<br />

Geschäftsführerin Sektion Bern<br />

Mitgliederversammlung<br />

2013<br />

Die ordentliche Mitgliederversammlung<br />

des <strong>VSAO</strong> Bern findet am<br />

Donnerstag, 18. April 2013, um<br />

19.00 Uhr im Restaurant Tramdepot<br />

in Bern<br />

statt. Detailliertere Infos folgen im<br />

nächsten <strong>Journal</strong>, per Post und auf<br />

unserer Website www.vsao-bern.ch.<br />

10 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


<strong>VSAO</strong><br />

Sektion Genf<br />

Wechsel<br />

im Vorstand<br />

Nach drei Jahren an der Spitze der Association<br />

des Médecins d’Institutions de Genève<br />

(AMIG) bricht Dr. med. Yannick Mercier<br />

zu neuen Ufern auf. Während seiner Präsidentschaft<br />

hat er es verstanden, ausgezeichnete<br />

Beziehungen mit den Hôpitaux<br />

Universitaires de Genève (HUG) zu pflegen,<br />

dem grössten Arbeitgeber des Kantons<br />

im medizinischen Bereich. Dank<br />

dieser Zusammenarbeit wurden die Arbeitsbedingungen<br />

der Assistenz- und<br />

Oberärztinnen und -ärzte, insbesondere<br />

durch die Einführung eines neuen Reglements<br />

des medizinischen Betriebs an den<br />

HUG, verbessert. Wir danken ihm herzlich<br />

für seine Arbeit in der AMIG und wünschen<br />

ihm alles Gute für seine weitere<br />

Laufbahn.<br />

Zwei weitere Gesichter haben den Vorstand<br />

der AMIG Ende letzten Jahres ebenfalls<br />

verlassen: Dr. med. Denis Rentsch und<br />

Frau Dr. med. Sandrine Kranck. Auch<br />

ihnen sprechen wir unseren Dank für ihre<br />

wertvolle Mitarbeit im Vorstand aus. Herr<br />

Dr. Rentsch war ganze 16 Jahre im Vorstand<br />

der AMIG tätig und war damit eine<br />

der wichtigsten Persönlichkeiten in unserem<br />

Verband.<br />

Vordere Reihe: Delphine Arni, Anne-Laure Germond-Goncerut, Isabelle Eperon. Hintere<br />

Reihe: Nathalie Pozzi, Natacha Premand, Alexis Zawodnik, Andréa Rudaz, Tatiana Roiron,<br />

Yan Beauverd, Hervé Spechbach, Ebrahim Khabiri.<br />

Der heutige Vorstand zählt 17 Mitglieder<br />

aus verschiedenen Fachrichtungen. Der<br />

neue Präsident, Dr. med. Alexis Zawodnik,<br />

möchte die Arbeit seines Vorgängers weiterführen,<br />

insbesondere die Zusammenarbeit<br />

mit den HUG und die Vertretung der<br />

Interessen der Ärzte in Weiterbildung auf<br />

lokaler und eidgenössischer Ebene. ■<br />

Der Vorstand der AMIG<br />

Sektion Graubünden<br />

Der <strong>VSAO</strong> GR<br />

hat den Neustart<br />

geschafft –<br />

und wie geht<br />

es nun weiter?<br />

Liebes <strong>VSAO</strong>-Mitglied<br />

Ein bewegtes, zu Beginn arbeitsintensives,<br />

aber sehr bereicherndes Jahr 2012 ist zu<br />

Ende. Bei Amtsantritt an der ordentlichen<br />

Mitgliederversammlung Anfang 2012 hatten<br />

die neuen Vorstandskolleginnen und<br />

-kollegen und ich uns vorgenommen, die<br />

Sektion Graubünden transparenter, mitgliedernaher<br />

und effizienter als in den<br />

vergangenen Jahren zu führen.<br />

Mittels drei Mitgliederbriefen und zwei<br />

<strong>VSAO</strong>-Artikelbeiträgen hielten wir Dich<br />

regelmässig über den Stand der Vorstandsarbeiten<br />

auf dem Laufenden. An der konstruktiven<br />

ausserordentlichen Mitgliederversammlung<br />

vom 25. Juni 2012 konnten<br />

wir über die abgeschlossene Neustrukturierung<br />

der Sektion informieren: Der ehemalige<br />

Geschäftsführer war freigestellt<br />

worden; Samuel B. Nadig konnte neben<br />

seinem Engagement als Sektionsjurist<br />

auch als neuer Geschäftsführer gewonnen<br />

und erstmals seit dem Jahr 2010 konnte<br />

ein Budget genehmigt werden.<br />

Während der Geschäftsführer/Sektionsjurist<br />

im letzten Jahr zahlreiche Mitgliederanfragen<br />

bearbeitete, schuf der Vorstand<br />

die personellen Strukturen, um seine<br />

Aufgaben möglichst effizient angehen zu<br />

können. So verfügen alle Spitäler wieder<br />

über Spitalvertreterinnen und -vertreter,<br />

mit denen am 3. Oktober 2012 ein erster<br />

informativer Austausch stattfand. Weiter<br />

konnten wichtige Kontakte zu Spitalverwaltungen<br />

und anderen Berufsverbänden<br />

hergestellt sowie die der Sektion Graubünden<br />

zustehenden Plätze in der FMH-Ärztekammer<br />

besetzt werden.<br />

Nach der Umstrukturierung wurden mehrere<br />

Projekte vom Vorstand zusammen<br />

mit dem Geschäftsführer bearbeitet. Wir<br />

konnten mittels einer Stellungnahme den<br />

Inhalt eines geplanten Hausarztcurriculums<br />

mitbeeinflussen. Weiter reagierten<br />

wir auf die Neuauflage des Arbeitszeitreglements<br />

des Kantonsspitals Graubünden<br />

(KSGR) mit einem Schreiben an Dr. Arnold<br />

Bachmann, CEO des KSGR. Darin<br />

verlangten wir in sieben Forderungen die<br />

konsequente Einhaltung von Arbeitsgesetz<br />

und Obligationenrecht. Eine schriftliche<br />

Antwort des Spitals ist in Bearbeitung.<br />

Auch wurde in Zusammenarbeit mit den<br />

Spitälern pro Spital ein Spitalsteckbrief<br />

erarbeitet und auf der Website des <strong>VSAO</strong><br />

GR publiziert. Und nicht zuletzt wurden<br />

die Statuten aktualisiert und revidiert.<br />

Erfreulicherweise wurde der Vorstand an<br />

der letzten Mitgliederversammlung von<br />

vier auf sechs Mitglieder erweitert. Aufgrund<br />

einer Weiterbildungsstelle in Basel<br />

wird Elena den Vorstand Anfang 2013<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

11


<strong>VSAO</strong><br />

verlassen. Hast Du Lust, in diesen spannenden<br />

Zeiten in einem begeisterten<br />

Team bereichernde Erfahrungen zu sammeln?<br />

Erkundige Dich einfach bei einem<br />

Vorstandsmitglied für einen «Schnuppertermin»<br />

in einer der nächsten Vorstandssitzungen.<br />

Du bist jederzeit herzlich willkommen!<br />

Trotz dem grossen Arbeitsaufwand gelang<br />

es uns, die Sektion effizient und kostengünstig<br />

zu führen. Auf den von der ehemaligen<br />

Präsidentin eingereichten Unterstützungsbeitrag<br />

vom <strong>VSAO</strong> Schweiz von<br />

jährlich CHF 30 000 können wir im Jahre<br />

2013 voraussichtlich bereits wieder verzichten!<br />

Obwohl nicht alles klappte – zum Beispiel<br />

war eine Mitgliederumfrage zum Thema<br />

Weiterbildung aus konzeptionellen Gründen<br />

und mangels Rücklauf nicht auswertbar<br />

– ist der <strong>VSAO</strong> Graubünden nach dem<br />

Neustart wieder bekannt, gefragt und respektiert.<br />

In den kommenden Jahren können<br />

wir uns somit der Umsetzung der<br />

50-Stunden-Woche inklusive 8 Stunden<br />

qualitativ guter Weiterbildung sowie der<br />

administrativen Entschlackung der ärztlichen<br />

Arbeit widmen.<br />

Damit wir diese Ziele erreichen, braucht<br />

es auch Deinen Einsatz! Mit Deinem Mitwirken<br />

– sei es als Teilnehmer an der<br />

Mitgliederversammlung, als Spitalvertreterin<br />

oder sogar als Vorstandsmitglied –<br />

und Deinem Feedback erleichterst Du die<br />

Vorstandsarbeit sehr. Nur so wird es dem<br />

<strong>VSAO</strong> GR gelingen, Deine Interessen wirksam<br />

zu vertreten.<br />

Im Namen sämtlicher Vorstandsmitglieder<br />

bedanke ich mich für das ausgesprochene<br />

Vertrauen. Ich darf auf ein interessantes,<br />

ereignis- und lehrreiches 2012<br />

zurückblicken. Ich wünsche mir, dass der<br />

neue Schwung in der Sektion Graubünden<br />

durch Dich aufgenommen und weitergetragen<br />

wird. Regelmässig erleben wir: Es<br />

braucht einen aktiven <strong>VSAO</strong>. Aber auch<br />

das Umgekehrte gilt: Der <strong>VSAO</strong> braucht<br />

aktive Mitglieder! Bist Du oder wirst Du<br />

eines davon?<br />

Ich freue mich auf ein Kennenlernen oder<br />

Wiedersehen.<br />

■<br />

Herzliche Grüsse<br />

Stefan Greuter<br />

Präsident <strong>VSAO</strong> Graubünden


<strong>VSAO</strong><br />

Sektion Waadt<br />

Bericht über<br />

die ordentliche<br />

Mitgliederversammlung<br />

vom<br />

22. Nove<strong>mb</strong>er<br />

2012<br />

1. Vorstand<br />

Die Mitgliederversammlung vom 22. Nove<strong>mb</strong>er<br />

2012 hat einen neuen Vorstand<br />

gewählt, dessen Zusammensetzung unter<br />

www.asmav.ch abrufbar ist.<br />

Der scheidende Präsident und die anlässlich<br />

der Mitgliederversammlung neu gewählte<br />

Präsidentin, Anja Zyska Cherix,<br />

haben die Übergabe der Amtsgeschäfte<br />

auf den 1. Februar 2013 festgelegt. Damit<br />

können laufende Projekte zu Ende geführt<br />

und eine reibungslose Übergabe der aktuell<br />

vom Verband bearbeiteten Dossiers sichergestellt<br />

werden.<br />

2. Generalsekretariat<br />

Um die Arbeit des Vorstands zu unterstützen,<br />

hat dieser beschlossen, die Stelle eines<br />

Generalsekretärs zu schaffen. Dessen<br />

Hauptfunktion wird es sein, das operationelle<br />

Geschäft des Verbandes zu führen.<br />

Die Funktion wird ab dem 1. Februar 2013<br />

von Fürsprecher Patrick Mangold besetzt.<br />

Er ist bereits seit 2009 Rechtsberater des<br />

Verbandes und hat sich einverstanden<br />

erklärt, vermehrt für die Asmav tätig zu<br />

sein.<br />

3. Mitgliederbeiträge<br />

Aufgrund der stetigen Zunahme der Arbeitslast<br />

im Vorstand und wegen der<br />

Schaffung des Postens des Generalsekretärs<br />

hat die Mitgliederversammlung einer<br />

Erhöhung der Mitgliederbeiträge für das<br />

Jahr 2013 von CHF 80.– auf 90.– zugestimmt.<br />

Für die Passivmitglieder wird der<br />

Beitrag von CHF 50.– auf 55.– ansteigen.<br />

Auch wenn sie sich bewusst ist, dass eine<br />

solche Erhöhung eine zusätzliche finanzielle<br />

Belastung für die Mitglieder sein<br />

kann, hat sich die Mitgliederversammlung<br />

mit dieser Massnahme für eine Unterstützung<br />

der Arbeit des Vorstandes<br />

ausgesprochen. Damit können sämtliche<br />

Aktivitäten des Verbandes aufrechterhalten<br />

werden.<br />

4. Corporate Design<br />

An der Mitgliederversammlung hat der<br />

Vorstand das neue, anlässlich der MV 2011<br />

beschlossene Corporate Design des Verbandes,<br />

vorgestellt. Diese neuen Leitlinien<br />

betreffen sämtliche Publikationen des<br />

Verbandes sowie seine Website, die bei dieser<br />

Gelegenheit grundlegend überarbeitet<br />

wurde. Das neue Corporate Design ermöglicht<br />

es auch, einen elektronischen Newsletter<br />

zu produzieren, der wesentliche<br />

Einsparungen bei den Druck- und Versandkosten<br />

möglich macht.<br />

5. Budget 2012/2013<br />

Der Vorstand des Verbandes hat ein ausgeglichenes<br />

Betriebsbudget vorgestellt.<br />

Dieses wurde von der Mitgliederversammlung<br />

angenommen. Ein ausserordentliches<br />

Budget für allfällige politische Aktionen<br />

wurde ebenfalls genehmigt.<br />

Stellenportal<br />

unter<br />

www.asmav.ch<br />

Das Stellenportal unter www.asmav.ch hat<br />

ein neues Gesicht bekommen! Es ist die<br />

erste Internetplattform mit Stellenangeboten<br />

für Assistenz- und Oberärzte in der<br />

Westschweiz.<br />

Die Darstellung wurde überarbeitet, um<br />

• die Lesbarkeit zu verbessern,<br />

• die Benutzung zu vereinfachen,<br />

• eine verbesserte Druckversion <br />

anzubieten.<br />

Es besteht neu auch die Möglichkeit, für<br />

bestimmte Stelleninserate das <strong>PDF</strong>-Dokument<br />

mit dem Inserat herunterzuladen.<br />

Sie finden den Stellenanzeiger auf der<br />

Website der ASMAV: www.asmav.ch<br />

Zugriff: Menu principal à Offres d’emplois<br />

Praxisassistenz:<br />

Angebot<br />

Im Kanton Waadt werden zurzeit 18 Praxisassistenzstellen<br />

angeboten, die entweder<br />

für sechs Monate zu 100 Prozent oder<br />

für ein Jahr zu 50 Prozent besetzt werden<br />

können. Zwölf Stellen werden im Waadtländer<br />

Programm angeboten, sechs Stellen<br />

in regionalen Programmen, d.h. vier<br />

Stellen vom ForOm NV im Nord vaudois<br />

und zwei Stellen vom FormOL (Formation<br />

Ouest Lémanique) in der Region Nyon.<br />

Diese Weiterbildung ist im Rahmen des<br />

Weiterbildungsprogramms Allgemeine<br />

Innere Medizin anerkannt. Unterstützt<br />

wird dieses Angebot von der ASMAV, den<br />

politischen Behörden und den akademischen<br />

Institutionen. Es soll dazu beitragen,<br />

den drohenden Ärztemangel abzuwenden.<br />

Wie kann ich mich einschreiben?<br />

Dazu brauchen Sie einen anerkannten<br />

Lehrpraktiker und eine Finanzierung.<br />

Wo finde ich einen Lehrpraktiker?<br />

Auf der Website der FMH: www.fmh.ch<br />

Zugriff: Weiterbildung allgemein à Weiterbildungsstätten/Arztpraxen<br />

à Liste der<br />

Grundversorgerpraxen<br />

Wo finde ich eine Finanzierung?<br />

Die Praxisassistenz findet im Rahmen der<br />

Weiterbildung in Hausarztmedizin statt.<br />

Die Verantwortlichen des Cursus Romand<br />

de Médecine Générale (Westschweizer<br />

Studiengang in Allgemeiner Medizin)<br />

können Sie beraten und über die verschiedenen<br />

bestehenden Angebote informieren.<br />

Die Website www.devenirgeneraliste.ch ist<br />

in diesem Zusammenhang von grossem<br />

Nutzen.<br />

Alles in allem bestehen also drei<br />

Möglichkeiten im Kanton Waadt:<br />

Das Waadtländer Programm «Assistanat<br />

au cabinet du praticien» (Dr. med. Patrick<br />

Cuénoud: patrickcuenoud@gmail.com.)<br />

Die regionalen Angebote mit Weiterbildungsstellen<br />

im Spital und in der Privatpraxis:<br />

ForOm NV – Etablissements hospitaliers<br />

du Nord vaudois (Dr. med. Olivier Pasche:<br />

olivier.pasche@ehnv.ch)<br />

FormOL – Nyon (Dr. med. Pierre Raimondi:<br />

piraim@hotmail.com)<br />

Die Stiftung zur Förderung der Weiterbildung<br />

in Hausarztmedizin (www.whmfmf.ch)<br />

Der Vorstand der Sektion Waadt<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

13


<strong>VSAO</strong><br />

-Inside<br />

Kristina Tänzler<br />

Wohnort: Bern<br />

Im <strong>VSAO</strong> seit: <strong>VSAO</strong> Sektion Bern<br />

seit 2008, im Geschäftsausschuss<br />

VSAQ Schweiz seit 2010<br />

Funktion im <strong>VSAO</strong>:<br />

Geschäftsausschussmitglied,<br />

Ressortleiterin Arbeitsbedingungen,<br />

Vorstandsmitglied Sektion<br />

Bern, Standeskommission<br />

Arbeitsort und Funktion:<br />

Oberärztin am Inselspital Bern<br />

Der <strong>VSAO</strong> für dich in drei Worten:<br />

Engagement, Notwendigkeit,<br />

Mitgliedernähe<br />

Nach ihrem Medizinstudium an der Universität<br />

in Bern, startete Kristina ihre Assistenzzeit<br />

am Tiefenau-Spital auf der<br />

chirurgischen Abteilung. Danach wechselte<br />

sie dort auf die Innere Medizin. Seit<br />

Herbst 2008 ist sie als Internistin im Inselspital<br />

Bern tätig und seit 2010 Oberärztin,<br />

aktuell zu 50 Prozent im Jobsharing.<br />

Im <strong>VSAO</strong> Schweiz engagiert sie sich im<br />

Geschäftsausschuss und leitet das Ressort<br />

Arbeitsbedingungen. Zusätzlich ist sie in<br />

der Sektion Bern als Vorstandsmitglied<br />

und Spitalvertreterin des Inselspitals aktiv.<br />

Dort arbeitet sie beispielsweise in verschiedenen<br />

Nachfolgekommissionen für neu<br />

zu besetzende Chefarztposten mit. Für<br />

ihre Tätigkeit beim <strong>VSAO</strong> hat sie sich aus<br />

persönlichen und beruflichen Gründen<br />

entschieden. Ungerechtigkeiten im Spital<br />

führten dazu, dass sie sich erst in der<br />

Sektion Bern und anschliessend im <strong>VSAO</strong><br />

Schweiz einsetzte. Ihr grösster Wunsch<br />

wäre einerseits, dass bei Ärztinnen und<br />

Ärzten in den Spitälern als Minimum das<br />

Arbeitsgesetz eingehalten werden könnte,<br />

und andererseits, dass Jobsharing oder<br />

andere familienverträgliche Arbeitszeitmodelle<br />

auch für Kaderstellen möglich<br />

gemacht würden, unabhängig vom Geschlecht.<br />

Damit wäre ein grosser Schritt<br />

in Richtung familienfreundliches Arbeiten<br />

gemacht. Bei ihren Aufgaben schätzt<br />

sie vor allem die Teamarbeit. Die verschiedenen<br />

Meinungen, die in den Diskussionen<br />

eingebracht werden, empfindet sie<br />

motivierend und inspirierend. Sie hat das<br />

Gefühl, dass schliesslich die Entscheidungen<br />

basisdemokratisch gefällt und durch<br />

den guten Austausch an den Sitzungen<br />

stets auch gemeinsam getragen werden.<br />

In ihrer Freizeit widmet sich Kristina am<br />

liebsten ihrer Familie, vor allem ihrer<br />

kleinen Tochter Lucy. Daneben arbeitet sie<br />

in ihrem Garten, in dem sie übers Jäten<br />

bis zum Einpflanzen alles gerne macht.<br />

Auf die Frage nach einer Anekdote aus<br />

dem «Berufsalltag» im <strong>VSAO</strong>, berichtete<br />

sie darüber, dass sie ihre Tochter mangels<br />

Babysitter an eine GA-Sitzung mitnehmen<br />

musste. Die positiven Reaktionen und der<br />

reibungslose Ablauf der Sitzung haben sie<br />

sehr gefreut und bewiesen, dass die Vereinbarkeit<br />

von Familie und Beruf sehr<br />

wohl möglich sei.<br />

■<br />

14 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


<strong>VSAO</strong><br />

Susanne Gasser<br />

Wohnort: Münsingen, zusammen<br />

mit ihren beiden Töchtern<br />

Im <strong>VSAO</strong> seit: April 2002<br />

Funktion im <strong>VSAO</strong>:<br />

Leiterin Buchhaltung<br />

Der <strong>VSAO</strong> für dich in drei Worten:<br />

dynamisch, am Puls der Zeit, offen<br />

Susanne startete in ihre berufliche Laufbahn<br />

mit einer kaufmännischen Lehre in<br />

einem Treuhandbüro. Die Zahlen faszinierten<br />

sie also schon früh. Deshalb<br />

schloss sie eine Weiterbildung zur Buchhalterin<br />

mit eidgenössischem Fachausweis<br />

ab und arbeitete darauf in einem anderen<br />

Treuhandbüro. Schliesslich war sie während<br />

sechs Jahren Finanzverantwortliche<br />

im graphischen Gewerbe, bevor sie zum<br />

<strong>VSAO</strong> wechselte. Im Zentralsekretariat<br />

trägt sie die Verantwortung für die gesamte<br />

Buchhaltung sowie für das Lohn- und<br />

Personalwesen. Auf die Frage, wieso sie sich<br />

für den <strong>VSAO</strong> und ihr Berufsfeld entschieden<br />

hat, meint Susanne, dass für viele<br />

Menschen Zahlen ein Gräuel seien, für sie<br />

aber einfach nur logisch. Sie böten die<br />

Möglichkeit, diverse Begebenheiten auf<br />

verschiedene Sichtweisen zu analysieren.<br />

Nach zehn Jahren im <strong>VSAO</strong> sei natürlich<br />

vieles Routine und doch überhaupt nicht<br />

langweilig. Dazu tragen in ihren Augen die<br />

stets neuen und spannenden Aktivitäten<br />

des <strong>VSAO</strong> bei, die auch die Zahlen in «neuen<br />

Bildern» erscheinen lassen. Neben der<br />

Arbeit treibt Susanne vor allem sehr viel<br />

Sport und verbringt gerne Zeit mit ihrer<br />

Familie. Schwimmen, Joggen, Tennis und<br />

Skifahren gemeinsam mit ihren Töchtern<br />

sind ihr am liebsten. Ausserdem erteilt sie<br />

zusätzlich Schwimmunterricht für Kinder.<br />

Für die Zukunft wünscht sich Susanne<br />

eine gute Gesundheit und, dass sie ihren<br />

Kindern in allen Situationen den nötigen<br />

Halt und die Unterstützung bieten kann,<br />

die sie brauchen.<br />


<strong>VSAO</strong><br />

§<br />

Rechtsberatung<br />

Samuel B. Nadig,<br />

Geschäftsführer und Sektionsjurist<br />

<strong>VSAO</strong> Graubünden<br />

Ich bin Assistenzärztin auf<br />

der Gynäkologie im Spital<br />

O. Nach meinem Mutterschaftsurlaub<br />

habe ich wieder<br />

zu arbeiten begonnen.<br />

Mein Kind ist aber oft<br />

krank, und die Kindertagesstätte<br />

weigert sich<br />

dann, es zu betreuen.<br />

Was kann ich tun?<br />

Der Arbeitgeber hat auf Arbeitnehmerinnen<br />

und Arbeitnehmer mit Familienpflichten<br />

besonders Rücksicht zu nehmen.<br />

Als Familienpflichten gelten die<br />

Erziehung von Kindern bis 15 Jahren sowie<br />

die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger<br />

oder nahestehender Personen.<br />

Im Falle der Erkrankung Ihres Kindes gilt<br />

folgende Regelung: Als Arbeitnehmerin<br />

(und natürlich auch als Arbeitnehmer)<br />

haben Sie das Recht, bis zu drei Tage für<br />

die Pflege und Betreuung ihres kranken<br />

Kindes von ihrer Arbeitspflicht entbunden<br />

zu werden. Dieser Anspruch trägt dem<br />

Umstand Rechnung, dass es für Alleinerziehende<br />

und Berufstätige schwierig ist,<br />

kurzfristig die Betreuung eines kranken<br />

Kindes sicherzustellen. Diese Regelung<br />

ergeht aus dem Arbeitsgesetz und ist eine<br />

zwingende Vorschrift, die nicht zuungunsten<br />

der Arbeitnehmerin abgeändert<br />

werden darf. Der Arbeitgeber darf selbstverständlich<br />

von Ihnen ein ärztliches<br />

Zeugnis für das Kind verlangen. Einen<br />

weitergehenden Beweis etwa über fehlende<br />

Betreuungsalternativen ist für die höchstens<br />

dreitägige Freistellung aber nicht<br />

erforderlich. Die drei Tage gelten pro<br />

Krankheitsfall, und es sind drei Arbeitstage<br />

damit gemeint. Eine 50%-Teilzeitanstellung<br />

berechtigt somit nicht, für 6 Tage<br />

freigestellt zu werden. Sie haben jedoch<br />

bei jeder neuen Erkrankung ihres Kindes<br />

wiederum Anspruch höchstens drei Arbeitstage<br />

von der Arbeitspflicht entbunden<br />

zu werden.<br />

Die betreffende Arbeit ist nicht nachzuholen<br />

und darf nicht mit dem Ferienguthaben<br />

verrechnet werden. Sofern Sie als Arbeitnehmerin<br />

nachweisen können, dass<br />

Sie auch für die über drei Tage hinausgehende<br />

Zeit keine andere Möglichkeit finden<br />

konnten, als das kranke Kind selber<br />

zu betreuen, sind Sie grundsätzlich auch<br />

für diese Zeit freizustellen. Dieser Nachweis<br />

wird jedoch nur in Ausnahmefällen<br />

möglich sein.<br />

Die Entlöhnung dieser Ausfalltage ist<br />

nicht Gegenstand des Arbeitsgesetztes,<br />

sondern ist in Ihrem Fall arbeitsvertraglich<br />

geregelt. Die Krankheit eines Angehörigen<br />

gilt wie eine Verhinderung der Arbeitsleistung<br />

des Arbeitnehmers. Ihr Lohn<br />

muss Ihnen daher bezahlt werden, wenn<br />

Ihre diesbezüglichen Ansprüche nicht<br />

schon ausgeschöpft sind. Mit anderen<br />

Worten: Ob Sie trotz Nichterbringung der<br />

Arbeitsleistung einen Lohn erhalten, bestimmt<br />

sich nach dem Obligationenrecht<br />

oder nach den im öffentlich-rechtlichen<br />

Arbeitsverhältnis anwendbaren Bestimmungen.<br />

Grundsätzlich ist ein Arbeitsverhältnis<br />

von einer gewissen Dauer erforderlich.<br />

Liegt ein solches vor, besteht für eine<br />

gewisse Zeit eine Lohnfortzahlungspflicht<br />

des Arbeitgebers, die aber – gleich wie im<br />

Fall der Erkrankung der Arbeitnehmerin<br />

selbst – abhängig vom Dienstalter der<br />

Arbeitnehmerin zeitlich befristet ist. ■<br />

16 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


fokus<br />

Schneller und immer schneller<br />

Beschleunigung ist ein Wesensmerkmal moderner Gesellschaften. Die Erhöhung des Tempos hat<br />

ihren Preis: Viele Menschen leiden zunehmend unter Stress bedingten Erkrankungen. Anderseits ist<br />

Beschleunigung auch Garant einer Wohlstandsgesellschaft und wird deshalb in Kauf genommen.<br />

Anzustreben wäre jedoch ein Ausgleich zwischen materiellem Wohlstand und Zeitwohlstand.<br />

Ludwig Heuwinkel, Dr. phil., Dozent am Westfalen-Kolleg Bielefeld<br />

Beschleunigung kann als Mengenwachstum<br />

pro Zeiteinheit definiert werden. Das<br />

heisst beispielsweise, wenn früher der<br />

Transport eines bestimmten Gutes von A<br />

nach B zehn Stunden erforderte und heute<br />

die Transportdauer auf eine Stunde<br />

gesunken ist, ergibt sich rechnerisch eine<br />

Zeitersparnis von neun Stunden und damit<br />

tendenziell eine Entschleunigung<br />

individueller und gesellschaftlicher Lebensverhältnisse.<br />

In der Realität ist aber<br />

die Menge der zu transportierenden Güter<br />

um einiges stärker angewachsen als die<br />

Steigerung der Geschwindigkeit. Hierdurch<br />

wird heute für den Transport mehr<br />

Zeit benötigt, wodurch sich tendenziell<br />

eine Beschleunigung ergibt.<br />

Beispiele für<br />

Beschleunigung<br />

Im Bereich der Wirtschaft, die der wichtigste<br />

Beschleunigungsverursacher in der<br />

Moderne ist, kann als Beispiel für die<br />

Beschleunigung die Verkürzung der<br />

Produktlebenszyklen angeführt werden.<br />

Dieser Begriff zeigt, dass ein Produkt auf<br />

dem Markt eine bestimmte Lebensdauer<br />

hat. Typisch für die heutige Wirtschaft ist,<br />

dass sich die Produktlebenszyklen in vielen<br />

Bereichen wie z.B. Mode oder Automobil-<br />

und EDV-Branche deutlich verkürzen.<br />

Als ein Beispiel für die Dynamisierungsprozesse<br />

im Bereich der EDV-Branche wird<br />

häufig das so genannte Mooresche Gesetz<br />

zitiert. Es basiert auf der Beobachtung des<br />

Ingenieurs Gordon Moore und besagt,<br />

dass sich die Computerleistung alle 18<br />

Monate verdoppelt. Während der erste Mikrochip<br />

mit maximal 740 Kilohertz rechnete,<br />

liegt der aktuelle Standard bei drei<br />

Gigahertz, was einer Steigerung um mehr<br />

als das 4000fache entspricht.<br />

Einige weitere Beispiele für Beschleunigungsprozesse<br />

aus anderen Bereichen:<br />

––<br />

Bücher verweisen bereits im Titel auf<br />

die kurze Lesezeit, die für die Lektüre<br />

erforderlich ist: «Gute-Nacht-Geschichten<br />

für eine Minute», «Kant in 90 Minuten»,<br />

«Zeitmanagement in 30 Minuten»,<br />

«Die schnelle Stunde: Allgemeinwissen».<br />

––<br />

Power-Nap: Form einer zeitbeschleunigten<br />

Regeneration durch zeitoptimierten<br />

Kurzschlaf.<br />

––<br />

Sport: Das Interesse an Sportrekorden<br />

kommt in der Neuzeit erst im ausgehenden<br />

19. Jahrhundert auf; seitdem<br />

hängen «gute» Leistungen vor allem<br />

von der Stoppuhr ab.<br />

––<br />

Die amerikanische Schlaf-Stiftung<br />

schätzt, dass die durchschnittliche<br />

Schlafzeit im Laufe der Jahrhunderte<br />

um zwanzig Prozent gesunken sei.<br />

––<br />

Multitasking und Simultanten: Sowohl<br />

im privaten als auch im beruflichen<br />

Bereich ist die Tendenz feststellbar, dass<br />

immer mehrere Tätigkeiten simultan<br />

ausgeführt werden.<br />

Ursachen der<br />

Beschleunigung<br />

Als zentrale Triebfeder gesellschaftlicher<br />

Beschleunigungsprozesse ist der von Adam<br />

Smith theoretisch begründete Wirtschaftsliberalismus<br />

herauszustellen (vgl. hierzu<br />

u.a. Heuwinkel 2004 und 2006). Der für<br />

den «Wohlstand der Nationen» ausfindig<br />

gemachte Egoismus des Einzelnen befördert<br />

– weitestgehend frei von staatlicher<br />

Lenkung – das Gewinnstreben des Unternehmers.<br />

Die von persönlichen Bedürfnissen<br />

losgelöste Produktion konzentriert sich<br />

auf den anonymen Markt, eine natürliche<br />

Produktionsgrenze existiert nicht mehr.<br />

Die Arbeiter werden einseitig unter dem<br />

Aspekt als Mittel zur Gewinnsteigerung<br />

betrachtet. Um die Gewinnmaximierung<br />

langfristig zu garantieren, müssen die<br />

Unternehmer ihre Produktion ausweiten<br />

und/oder die menschliche Arbeitskraft<br />

effizienter ausnutzen.<br />

Benjamin Franklin hat mit seiner bekannten<br />

Feststellung «Zeit ist Geld» die<br />

das Industriezeitalter kennzeichnende<br />

Zeitauffassung prägnant zum Ausdruck<br />

gebracht. Max Weber hat als Zeitimpe rative<br />

der protestantischen Ethik das Verschwendungsgebot<br />

und das Effizienzsteigerungsgebot<br />

identifiziert. Und schliesslich<br />

zielten und zielen der Taylorismus<br />

und der Fordismus durch die effiziente<br />

Nutzung der Zeit sowie durch einen rigid<br />

geplanten Arbeitsablauf auf eine einseitige<br />

Steigerung der materiellen Produktion<br />

ab.<br />

In der Gegenwart werden die wirtschaftlichen<br />

Beschleunigungsprozesse insbesondere<br />

durch die internationalen Finanzströme<br />

geprägt. Im Zeitalter der internationalen<br />

elektronischen Vernetzung aller<br />

grossen Finanzmärkte können im so genannten<br />

Hochfrequenzhandel per Mausklick<br />

in Sekundenschnelle Milliardenbeträge<br />

um die Erdkugel transferiert werden.<br />

Teilweise sind bestimmte Transfers bereits<br />

automatisch im Computer vorprogrammiert,<br />

um so in Bruchteilen von Sekunden<br />

durch schnelles Reagieren Gewinne zu<br />

realisieren. In 150 Millisekunden – das<br />

entspricht dem Wimpernschlag eines<br />

Menschen – können die Computer der<br />

Deutschen Börse fast 300 Aufträge ausführen.<br />

Die Risiken und die Unkontrollierbarkeit<br />

dieses Hochfrequenzhandels<br />

wurden am 6. Mai 2010 deutlich, als der<br />

Dow-Jones-Index innerhalb von 20 Minuten<br />

um fast 1000 Punkte absackte und in<br />

dieser Zeit ca. 1,3 Milliarden Aktien verkauft<br />

wurden. Einige Aktien verloren bis<br />

zu 99 Prozent ihres Wertes (vgl. hierzu<br />

Dettmer u.a. 2012, 62).<br />

Neben den primär ökonomischen Faktoren,<br />

die hier als Ursachen für die Dynamik<br />

gesellschaftlicher Veränderungen skizziert<br />

worden sind, gibt es noch weitere<br />

Faktoren und Sichtweisen, mit denen gesellschaftliche<br />

Beschleunigungsprozesse<br />

erklärt werden. Der Philosoph Hans Blu-<br />

18 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


fokus<br />

––<br />

Grundsätzliche Erweiterung individueller<br />

und gesellschaftlicher Optionen.<br />

Negative Folgen der Beschleunigung<br />

––<br />

wachsender Zeitdruck und Zeitstress<br />

––<br />

psychische und physische Erkrankungen;<br />

Gefühl der Überforderung<br />

––<br />

Verunsicherung angesichts des beschleunigten<br />

sozialen Wandels über die<br />

individuelle und gesellschaftliche Zukunft<br />

––<br />

Missachtung natürlicher Rhythmen<br />

und Gefährdung der Umwelt.<br />

menberg führt die Öffnung der Zeitschere<br />

zwischen der – aus der Sicht des Individuums<br />

– unendlichen Weltzeit und der<br />

begrenzten individuellen Lebenszeit als<br />

Erklärung dafür an, dass die Menschen<br />

im Laufe ihres Lebens vor einem elementaren<br />

Konflikt stehen: «Immer weniger<br />

Zeit für immer mehr Möglichkeiten und<br />

Wünsche.» (Blumenberg 2001, 73) Als<br />

Ausweg bleibe den Menschen eine durch<br />

Aktivitätssteigerungen und Beschleunigung<br />

geprägte Lebensführung.<br />

Auswirkungen der<br />

Beschleunigung<br />

Der amerikanische Psychologe Robert<br />

Levine stellt bezogen auf die westlichen<br />

Industrieländer mit ihrem schnelleren<br />

Lebenstempo fest, dass «Menschen in einer<br />

schnelleren Umgebung … stärker<br />

potentiell gesundheitsschädlichem Stress<br />

ausgesetzt [sind], was sich etwa in einer<br />

höheren Anzahl koronarer Herzerkrankungen<br />

zeigt, aber es ist auch wahrscheinlicher,<br />

dass sie einen komfortablen Lebensstandard<br />

erreichen und, wenigstens<br />

teilweise aus diesem Grunde, insgesamt<br />

mit ihrem Leben zufriedener sind.» (Levine<br />

1999, 276).<br />

Ebenso wie Levine werden von den Zeitforschern<br />

die Auswirkungen der Beschleunigungsprozesse<br />

als a<strong>mb</strong>ivalent eingeschätzt.<br />

Die wichtigsten von ihnen vorgebrachten<br />

Argumente lassen sich wie folgt<br />

zusammenfassen:<br />

Positive Folgen der Beschleunigung<br />

––<br />

höherer materieller Wohlstand; bessere<br />

Versorgung mit preiswerten Massenkonsumgütern<br />

––<br />

Erweiterung der Informations- und<br />

Kommunikationsmöglichkeiten<br />

Vermeidung der<br />

negativen Folgen<br />

Handlungsalternativen zum Umgang mit<br />

der Zeit in der Beschleunigungsgesellschaft<br />

können sowohl auf der individuellen<br />

als auch auf der gesellschaftlichen Ebene<br />

aufgezeigt werden. Bezogen auf die erstere<br />

Ebene sollten Individuen angeregt werden,<br />

über ihren Umgang mit der Zeit nachzudenken<br />

sowie sich mit Fragen des Zeitbewusstseins<br />

und -erlebens intensiver auseinanderzusetzen.<br />

Auf diese Weise gelangten<br />

sie zu einem zufriedenstellenden Ergebnis<br />

zwischen Arbeit und Freizeit und würden<br />

hierdurch zugleich Zeit für andere, z.B.<br />

politische, kulturelle oder sportliche Aktivitäten<br />

«gewinnen». Ziel einer kritischen<br />

Auseinandersetzung mit den individuellen<br />

Zeitbedingungen wäre die Gewinnung von<br />

mehr Zeitkompetenz und Zeitsouveränität.<br />

Diese Zielsetzungen sind nur sehr eingeschränkt<br />

vereinbar mit den Ratschlägen<br />

des traditionellen Zeitmanagements mit<br />

ihrer einseitigen Ausrichtung an Effektivitätsgesichtspunkten.<br />

«Es ist nicht die grosse<br />

Zeitfreiheit, in die die Ratschläge und<br />

Hinweise derjenigen führen, die auftreten,<br />

als wüssten sie wie man es richtig macht.<br />

Im Gegenteil ist es die Tyrannis des Zeit-<br />

Bewirtschaftungsprinzips und die des Terminkalenders<br />

bei denen man schliesslich<br />

landet.» (Geissler 2012, S. 184)<br />

Auf der gesellschaftlichen Ebene ist neben<br />

der politischen Ebene vor allem die wirtschaftliche<br />

Ebene relevant. Hierbei ist als<br />

oberste Zielsetzung beim Umgang mit Zeit<br />

eine stärkere Berücksichtigung von qualitativen<br />

Aspekten in der Produktion (z.B.<br />

Haltbarkeit und Nutzungsdauer) und<br />

beim Konsum anzustreben. Zudem kann<br />

bezogen auf das Ziel einer nachhaltigen<br />

Wirtschaftsentwicklung auf die Notwendigkeit<br />

verwiesen werden, dass wirtschaft-<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

19


fokus<br />

liches Handeln auch die Eigenzeiten (Regenerationszeiten)<br />

und Rhythmen der<br />

Natur zu berücksichtigen hat.<br />

Um den negativen Folgen der gesellschaftlichen<br />

Beschleunigungsprozesse<br />

eine positive Zielsetzung gegenüberzustellen,<br />

ist die Unterstützung des Zeitwohlstands<br />

als wichtiges persönliches und<br />

gesellschaftliches Ziel durch Zeitpolitik,<br />

Bildung und entsprechende Aufklärungsarbeit<br />

erforderlich. Neben das traditionelle<br />

Ziel Güterwohlstand sollte heute das<br />

gleichberechtigte Ziel Zeitwohlstand gestellt<br />

werden. Dabei ist der zur Verfügung<br />

stehende Umfang an freier Zeit eine notwendige,<br />

aber kein hinreichende Voraussetzung<br />

für Zeitwohlstand und Zeitsouveränität.<br />

Denn Voraussetzung hierfür sind<br />

auch die Möglichkeit, Bereitschaft und<br />

Fähigkeit, die eigene Zeit bewusst, abwechslungsreich<br />

und gezielt gestalten zu<br />

können. Hierzu gehören neben den entsprechenden<br />

materiellen Faktoren auch<br />

bestehende Sozialkontakte und eine intakte<br />

Ökologie.<br />

■<br />

Benutzte Literatur:<br />

Blumenberg, Hans (2001): Lebenszeit und Weltzeit,<br />

Frankfurt/M.: suhrkamp<br />

Dettmer, Markus; Schmundt, Hilmar und Tietz,<br />

Janko (2012): Hertz ist Trumpf. In: DER SPIE-<br />

GEL 10/2012 v. 5.3.2012, S. 62f.<br />

Geissler, Karlheinz A. (2012): Enthetzt Euch!<br />

Weniger Tempo - mehr Zeit, Stuttgart: Hirzel<br />

Verlag<br />

Heuwinkel, Ludwig (2004): Zeitprobleme in der<br />

Beschleunigungsgesellschaft. In: Aus Politik<br />

und Zeitgeschichte B 31 – 32, S. 33 – 38.<br />

Heuwinkel, Ludwig (2006): Umgang mit Zeit in<br />

der Beschleunigungsgesellschaft, Schwalbach/Ts.:<br />

WOCHENSCHAU Verlag<br />

Heuwinkel, Ludwig (2011): Zeitstrukturen als<br />

Machtfaktor. In: zeitschrift für didaktik der<br />

gesellschaftswissenschaften, H. 2/2011, S. 82<br />

- 104<br />

Levine, Robert (1999): Eine Landkarte der Zeit,<br />

München: Piper Verlag<br />

Smith, Adam (1978): Der Wohlstand der Nationen.<br />

Eine Untersuchung seiner Natur und<br />

seiner Ursachen, München: dtv (Erstveröffentlichung<br />

1776)<br />

20 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


fokus<br />

Zeit, Alter und der Traum von<br />

der Unsterblichkeit<br />

Schildkröten, Korallen oder Quallen besitzen, wonach es die Menschheit dürstet – ein sehr langes<br />

Leben oder gar die Unsterblichkeit. Unsere DNA ist zwar ebenfalls äusserst langlebig, trägt aber<br />

dennoch zum Alterungsprozess bei. So wird unser Erbgut täglich beschädigt und wieder repariert;<br />

ein Prozess, der seine Spuren hinterlässt.<br />

Prof. Dr. Sabina Gallati, Abteilung für Humangenetik, Universitätsklinik für Kinderheilkunde, Inselspital Bern<br />

Zeit ist Anfang und Ende, Leben und Sterben,<br />

sie ist immer da und doch stets vorbei.<br />

Sie bedeutet Bewegung, Wandel, Fortschreiten<br />

im Sinne des griechischen panta<br />

rhei (παντα ρει), «alles fliesst».<br />

Ähnlich verhält es sich mit unserem Erbgut,<br />

es ist in beständigem U<strong>mb</strong>au begriffen.<br />

Die Folge: Jeder Organismus, jeder<br />

Mensch, selbst jede Körperzelle ist ein<br />

genetisches Universum für sich, das trotz<br />

klar definierten genetischen Prozessen ein<br />

offenes System bildet, in welchem keineswegs<br />

alles vorbestimmt ist.<br />

Die Entdeckung der DNA sowie die Etablierung<br />

der Genomanalyse werfen die Frage<br />

auf, wieviel im Leben des Menschen bereits<br />

in den Genen angelegt ist beziehungsweise<br />

wie weit er sich selbständig entwickeln<br />

und sein Leben und Sterben beeinflussen<br />

kann. Zudem ermöglichen sie uns, sowohl<br />

weit in unsere Vergangenheit (Paläogenetik)<br />

wie auch in die Zukunft (Präimplantations-<br />

und Pränataldiagnostik, Prädispositionsanalytik)<br />

zu blicken.<br />

Unsterbliche Qualle<br />

Langlebigkeit oder gar Unsterblichkeit ist<br />

ein uralter Menschheitstraum. Lebt eine<br />

Fliege nur einige Stunden, so werden die<br />

Menschen heute durchschnittlich 80,<br />

manche bei guter Gesundheit sogar mehr<br />

als 100 Jahre alt. Was jedoch nicht annähernd<br />

an die Aldabra-Schildkröte mit<br />

mehr als 250 Jahren, an die Baumkoralle<br />

mit 4000 Jahren oder gar an den Riesenschwamm,<br />

der bereits 10 000 Jahre auf<br />

dem Buckel hat, heranreicht. Unsterblichkeit<br />

hat offensichtlich die Qualle Turritopsis<br />

nutricula erreicht, indem sie nach<br />

der Vermehrung nicht abstirbt, wie ihre<br />

Artgenossen, sondern sich zu einer sexuell<br />

unreifen koloniebildenden Lebensform<br />

(Polyp) zurückentwickelt und so den gesamten<br />

Lebenszyklus immer und immer<br />

wieder durchlaufen kann. Altern muss<br />

also kein zwangsläufiges Gesetz allen Lebens<br />

sein.<br />

Unser Erbgut, d.h. unsere DNA, kann uns<br />

bei weitem überleben und uns z.B. Informationen<br />

über Menschen, die Jahrtausende<br />

vor uns gelebt haben liefern. Die Paläogenetik<br />

befasst sich schwerpunktmässig<br />

mit der Bearbeitung anthropologischer,<br />

paläontologischer und archäologischer<br />

Fragestellungen, die mit Hilfe molekulargenetischer<br />

Techniken bearbeitet werden.<br />

Dabei richtet sich der Fokus vor allem auf<br />

die Gewinnung und Analysierung von<br />

DNA aus bereits lang verstorbenen Lebewesen.<br />

Diese sogenannte alte DNA (ancient<br />

DNA = aDNA) kann aus Jahrtausende<br />

alten organischen Überresten wie Knochen<br />

und Zähne extrahiert und bearbeitet<br />

werden. Dank der Paläogenetik und der<br />

Langlebigkeit der DNA wissen wir heute,<br />

dass vor rund 50 000 Jahren in der Region<br />

des Altai-Gebirges im Süden Sibiriens andere<br />

Frühmenschen gelebt haben, weder<br />

Neandertaler noch der moderne Homo<br />

sapiens, sondern eine dritte Form. Oder es<br />

konnte aus einer 100-jährigen Haarlocke<br />

das Genom eines australischen Ureinwohners<br />

analysiert werden, das zeigte, dass die<br />

Vorfahren der australischen Ureinwohner<br />

entgegen der bisherigen Lehrmeinung<br />

direkte Nachfahren von Menschen sind,<br />

die als erste den afrikanischen Kontinent<br />

verliessen, um die Welt zu erobern. Demnach<br />

waren die ersten Australier rund<br />

50 000 Jahre allein, bevor in einer zweiten<br />

Einwanderungswelle erneut Menschen<br />

nach Australien kamen. Alle Asiaten und<br />

Europäer stammen von den Vertretern der<br />

zweiten Auswanderung Afrikas ab, die erst<br />

vor rund 40 000 Jahren begann.<br />

Teilen und Aufbauen<br />

Obwohl die DNA derart langlebig sein<br />

kann, trägt sie doch wesentlich zum Alterungsprozess<br />

bei. Jede Körperzelle erleidet<br />

ca. 50 000 Schädigungen pro Tag an ihrem<br />

Erbgut und ein Überleben ist nur<br />

dank vielseitigen DNA-Reparaturmechanismen<br />

möglich. Trotzdem sammeln sich<br />

im Laufe des Lebens diese Schäden an,<br />

wobei hier der Einfluss sogenannter<br />

«Langlebigkeits»- oder «Methusalem»-<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

21


fokus<br />

Gene wie z.B. FoxO, EXO1 oder APOE eine<br />

bedeutende Rolle spielen, da sie die Funktion<br />

dieser überlebenswichtigen Reparatursysteme<br />

und den Energiehaushalt der<br />

Zellen regulieren helfen. Bei diesem primären<br />

Altern kann der Mensch kaum<br />

Einfluss nehmen auf den Verlauf, beim<br />

sekundären Altern jedoch bestimmt er mit<br />

seinem Lebenswandel durchaus mit, wie<br />

die Prognose ausfällt. Nach heutigen<br />

Kenntnissen wird das Altern ca. zu 30 Prozent<br />

von unseren Genen und zu 70 Prozent<br />

von unseren Lebens- und Umweltbedingungen<br />

beeinflusst.<br />

Wenn sich die Zelle teilt, müssen sich auch<br />

die Chromosomen teilen und dabei nutzen<br />

sich die Chromosomenenden, die sogenannten<br />

Telomere, ab. Eine lineare<br />

Doppelhelix verliert mit jeder Replikation<br />

zwangsläufig an ihren Enden einen kurzen<br />

Sequenzabschnitt. Mit jeder Replikationsrunde<br />

verkürzt sich ein Telomer um<br />

50 bis 100 Nukleotide. Innerhalb gewisser<br />

Grenzen spielt das keine Rolle, da die repetierten<br />

Sequenzen der Telomere keine<br />

genetische Information enthalten. Wir<br />

haben jedoch eine permanente Telomerverkürzung<br />

im Laufe unseres Lebens, und<br />

wenn die Telomere verbraucht sind, stirbt<br />

die betroffene Zelle ab. Laut der Telomer-<br />

Hypothese sind wir also nicht so alt wie<br />

unser Geburtstag es uns sagt, sondern so<br />

alt wie unsere Telomere lang sind. Es besteht<br />

somit ein Unterschied zwischen biografischem<br />

und biologischem Alter. Alle<br />

Zellen unseres Körpers stammen über<br />

zahlreiche Zellteilungen von der ursprünglichen<br />

befruchteten Eizelle ab,<br />

diese ist ihrerseits durch eine Kette von<br />

Zellteilungen aus den Zygoten hervorgegangen,<br />

aus denen unsere Eltern entstanden<br />

sind und so weiter. Eine ununterbrochene<br />

Reihe von Zellteilungen reicht<br />

durch die Generationen zurück bis zum<br />

Beginn des Lebens. Warum also besitzen<br />

wir heute die Telomere überhaupt noch?<br />

Dank dem Enzym Telomerase, das Telomere<br />

in voller Länge wieder herstellen<br />

kann. Die Telomerase baut in der Kei<strong>mb</strong>ahn<br />

jeder Generation wieder vollständige<br />

Telomere auf. In normalen somatischen<br />

Zellen dagegen wird sie nicht exprimiert.<br />

Krebszellen jedoch, die gewissermassen<br />

unsterblich sind, reaktivieren die Telomerase<br />

wieder, um unbegrenzte Teilungsfähigkeit<br />

zu erreichen.<br />

Wie steht es nun mit unserer Unsterblichkeit?<br />

Möchten wir uns mit Telomerase<br />

behandeln, um die Teilungsfähigkeit unserer<br />

Zellen zu erhalten, allerdings so<br />

dosiert, dass sie nicht etwa zu Krebszellen<br />

entarten? Oder wollen wir uns gar durch<br />

somatisches Klonen verewigen? Wäre eine<br />

Gesellschaft von Unsterblichen überhaupt<br />

erstrebenswert? Sollte es uns gelingen, den<br />

Alterungsprozess zu verhindern, so wären<br />

wir trotzdem noch verletzlich (nicht nur<br />

an der Achillesferse) und würden mit Kriegen<br />

und Unfällen unseren Tod herbeiführen.<br />

Deshalb sollten wir uns vielleicht<br />

zufriedengeben mit der Tatsache, dass in<br />

bestimmten Zellen eines jeden höheren<br />

Lebewesens das Potential zur unbegrenzten<br />

Teilungsfähigkeit und damit zur Unsterblichkeit<br />

vorhanden ist, dass dieses<br />

Potential aber nicht der Erhaltung des<br />

einzelnen Individuums, sondern des gesamten<br />

Lebensplanes dient.<br />

Johann Wolfang von Goethe:<br />

«Das Ewige regt sich fort in allen: Denn<br />

alles muss in Nichts zerfallen wenn es im<br />

Sein beharren will.» («Eins und Alles»)<br />

<br />

■<br />

22 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


fokus<br />

So individuell wie das<br />

Zeitempfinden<br />

Latein, Griechisch, Mathematik, Astronomie, theoretische Physik – bewandert ist Ludwig Oechslin in<br />

vielem. Seine Leidenschaft aber gilt der Zeit und ihren Einteilungen. Deshalb stellt er in seiner Firma<br />

in Luzern Zeitmesser her, die nicht nur präzise und funktionssicher sind, sondern auch durch ungewöhnliche<br />

Konzepte auffallen.<br />

Claudia Walder, Bilder: Bea Weinmann<br />

«Weisst du eigentlich wie spät es hier ist?!»,<br />

so mögen die mürrischen, durchs Telefon<br />

leicht verzerrten Worte vom anderen Ende<br />

der Welt geklungen haben, die den Altertumswissenschaftler,<br />

Mathematiker, Physiker<br />

und Uhrmachermeister Ludwig<br />

Oechslin zu seiner Zweizeitzonenuhr inspiriert<br />

haben. Diese produziert und vertreibt<br />

er nun – neben drei weiteren Modellen<br />

– mit der Firma ochs und junior, die<br />

er 2006 zusammen mit Beat Weinmann<br />

gegründet hat. Seit vergangenem Jahr<br />

wirkt ausserdem die Neuenburger Uhrenfirma<br />

Ulysse Nardin als strategische Partnerin<br />

mit. Aber Oechslin bringt nicht nur<br />

«aufgeweckte» Freunde und viel Erfindergeist<br />

in das junge Uhrenunternehmen ein,<br />

er hat auch reichlich Erfahrung. Er amtet<br />

als Direktor des Musée International<br />

d’Horlogerie (MIH) und hat zwischen<br />

1978 und 1982 im Vatikan die Farnesianische<br />

Uhr, einen komplexen, astronomischen<br />

Zeitmesser aus dem 18. Jahrhundert,<br />

restauriert und dokumentiert. Er hat<br />

für Ulysse Nardin komplexe Uhrenmodelle<br />

entwickelt und für das MIH die Antikythera,<br />

einen griechischen Kalendermechanismus<br />

aus dem 1. Jahrhundert v. Ch,<br />

rekonstruiert.<br />

Jahreskalender entworfen, der statt<br />

40 Bauteile nur deren drei benötigt. Nur<br />

fünf Bauteile erfordert die Mondphasenanzeige<br />

der «selene», die in Sachen Genauigkeit<br />

bei Ar<strong>mb</strong>anduhren unübertroffen<br />

ist – einmal richtig gestellt, muss sie<br />

erst nach 3478,27 Jahren wieder korrigiert<br />

werden. Auch im Design wird die angestrebte<br />

Vereinfachung konsequent umgesetzt.<br />

Die Uhren, einschliesslich der Datumsuhr<br />

«mese», fallen nicht nur durch<br />

ihre elegante Form auf, sondern auch<br />

durch das Fehlen von Buchstaben und<br />

Zahlen. Einzig die «due ore» greift auf<br />

letztere zurück, um das Lesen der beiden<br />

gleichzeitig angezeigten Zeitzonen zu vereinfachen.<br />

Optimale Lesbarkeit ist Oechslin<br />

bei allen Modellen wichtig. Herkunftsbezeichnungen<br />

oder Ähnliches hingegen<br />

sucht man auf dem Zifferblatt vergeblich,<br />

man erkennt die zeitlosen Zeitmesser<br />

auch so. Nur auf der Rückseite des Lederbandes<br />

wird das Logo eingebrannt, und<br />

zwar von Sohn Giorgio Oechslin, der mit<br />

einer frechen Bemerkung über alte Ochsen<br />

und coole Junioren seinen Beitrag zur<br />

Namensfindung geleistet hat.<br />

Klein, aber fein<br />

300 Uhren wollen ochs und junior maximal<br />

pro Jahr produzieren. Denn nur so<br />

können sie den persönlichen Kontakt zum<br />

Kunden garantieren. Kommunikation<br />

statt Werbung heisst die Devise, und dass<br />

Innovation, Produktion, Verkauf und Service<br />

aus einer Hand angeboten werden,<br />

gehört zur Unternehmensphilosophie. So<br />

Einfach, präzise und<br />

kompromisslos<br />

2000 Jahre Uhrengeschichte im Gepäck<br />

und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen<br />

– geht ochs und junior ganz neue<br />

Wege, sowohl bei der Entwicklung wie<br />

auch im Vertrieb. Statt möglichst viele<br />

zusätzliche Funktionen mit möglichst<br />

vielen Bauteilen zu realisieren, wie das in<br />

der Uhrenbranche üblich ist, kommt es<br />

Ludwig Oechslin auf höchstmögliche<br />

Funktionalität und Präzision an, realisiert<br />

in genial einfacher Weise. Für das<br />

Modell «anno» zum Beispiel hat er einen<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

23


fokus<br />

werden die ungewöhnlichen Uhren nur<br />

im oxloft, dem Ladenlokal an der Zürichstrasse<br />

49 in Luzern, und übers Internet<br />

direkt auf der eigenen Plattform verkauft.<br />

Dafür können ochs und junior nicht nur<br />

individuellen Service, sondern auch ein<br />

ganz persönliches Produkt anbieten. Die<br />

ochs-und-junior-Uhren kann man nämlich<br />

vom Ar<strong>mb</strong>and übers Zifferblatt bis zu<br />

den Zeigern und Markierungen farblich<br />

selbst entwerfen, zum Beispiel mittels des<br />

Onlinedesigntools auf der Website oder im<br />

Gespräch mit Firmenmitbegründer Beat<br />

Weinmann. Damit man die Auswahl der<br />

Farben und Farbko<strong>mb</strong>inationen sorgfältig<br />

und in aller Ruhe treffen kann, bekommt<br />

man im hellen, grossräumigen oxloft einen<br />

Espresso (mit Zucker, aber ohne<br />

Milch) aus der Gaggia-Maschine von<br />

1966, auf die die Geschäftsinhaber beinahe<br />

so stolz sind wie auf ihre Uhren.<br />

Formel 1 statt<br />

Uhrenindustrie<br />

Was mit viel Denkarbeit beginnt, soll auch<br />

präzise umgesetzt werden. Gerade weil die<br />

Uhrenkonzepte von Oechslin mit so viel<br />

Denkarbeit beginnen und mit so viel<br />

Sachverstand und Innovationsgeist angedacht<br />

werden, können ochs und junior<br />

auch auf Spezialisten ausserhalb der Uhrenindustrie<br />

setzen, die flexibel und in<br />

Kleinstmengen produzieren. Die Gehäuse<br />

und feinmechanischen Teile fräst ihnen<br />

Peter Cantieni, der ansonsten in seiner<br />

Werkstatt in Hinwil für das Formel-<br />

1-Team Sauber arbeitet. Mit einem ETA-<br />

2824-2 Basiswerk setzt die Meisteruhrmacherin<br />

Marion Müller diese dann in ihrem<br />

Atelier auf dem Klosterareal Kappel am<br />

Albis zusammen. Die Lederbänder werden<br />

in Frankreich von Camille Fournet aus<br />

Leder von Ecopell aus dem Allgäu genäht.<br />

Bevor eine Uhrenidee allerdings so weit ist,<br />

dass sie durch diese fachkundigen Hände<br />

geht, wird sie von Ludwig Oechslin selbst<br />

als Prototyp umgesetzt. Und getestet. Erst<br />

wenn sie den harten Alltag an seinem<br />

Handgelenk oder in seiner Westentasche<br />

überstanden hat, kommt sie in die Produktion,<br />

denn Oechslin will, dass seine<br />

Uhren auch wirklich den Alltag und das<br />

Leben ihrer Träger begleiten können. Kleinere<br />

Gebrauchsspuren sind dabei durchaus<br />

erwünscht, so werden die verlässlichen<br />

Zeitmesser – mit der Zeit – in gewissem<br />

Sinne auch zu Lebens- oder eben<br />

Zeitzeugen.<br />

■<br />

24 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


fokus<br />

Das zweite Leben<br />

Der Organspendeprozess ist gekennzeichnet durch verschiedenste Zeiträume und Tempi. Zunächst<br />

die oftmals zermürbend lange Wartefrist der Patienten auf ein neues Organ, dann die kurze Zeit, in<br />

denen die Organe entnommen und transplantiert werden müssen. Und schliesslich die zusätzliche<br />

Lebenszeit, die der Empfänger dank dem Spender geschenkt bekommen hat.<br />

Franz Immer, Facharzt für Herzchirurgie FMH und Direktor Swisstransplant<br />

Die letzten Wochen haben sie gezeichnet:<br />

Sie hat kaum gegessen, andauernd ist sie<br />

müde und bei der kleinsten Anstrengung<br />

verspürt sie Atemnot. Heute nun die traurige<br />

Gewissheit. Nur eine Herztransplantation<br />

bleibt noch als Behandlung. Sie<br />

kommt auf die Warteliste, auf der Ende<br />

Septe<strong>mb</strong>er dieses Jahres 1102 Personen<br />

standen, 39 von diesen für ein Herz. Nun<br />

heisst es, Geduld haben: Im Schnitt wartet<br />

man in der Schweiz acht Monate auf ein<br />

passendes Spenderherz. Aber es kann auch<br />

viel länger dauern, meinen die Ärzte.<br />

Vor der Transplantation:<br />

Warten<br />

Gut 200 Tage wartet man durchschnittlich<br />

auf eine Leber oder ein Herz. Bei der<br />

Niere sind es im Mittel etwas über zwei<br />

Jahre bis das passende Organ zugeteilt<br />

werden kann. Eine lange Zeit. Die Tage,<br />

Wochen und Monate verstreichen – und<br />

die Zuversicht wechselt sich zuweilen<br />

auch mit der Angst ab. Eines Nachts klingelt<br />

das Telefon. Es ist so weit – endlich.<br />

Die Klinik ruft an, ein passendes Spenderherz<br />

sei möglicherweise gefunden<br />

worden. Nun eilt es. Eine A<strong>mb</strong>ulanz fährt<br />

sie mit Blaulicht durch die Nacht. Für sie<br />

ist dies die einzige Möglichkeit, wieder ein<br />

mehr oder weniger normales Leben zu<br />

führen.<br />

Abbildung 1: Ende Septe<strong>mb</strong>er 2012 warteten in der Schweiz 1102 Personen auf ein passendes Spenderorgan.<br />

Abbildung 2: Am längsten wartet man mit durchschnittlich 692 Tagen auf eine neue Niere.<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

25


fokus<br />

Während der<br />

Transplantation: Tempo<br />

Ein Team des Spitals ist bereits unterwegs<br />

zum Spender. Die Organentnahme ist<br />

anspruchsvoll und nimmt eine grosse<br />

Logistik in Anspruch. Ein Team aus Spezialisten<br />

entnimmt Leber, Nieren und die<br />

Bauchspeicheldrüse, ein anderes die Lunge<br />

und ein drittes das Herz. Die Organe<br />

werden bei der Entnahme mit einer kalten<br />

Lösung gekühlt und geschützt. Idealerweise<br />

sollte das Herz vier Stunden später<br />

in ihrem Brustkorb wieder zum Schlagen<br />

kommen. Lunge und Leber ertragen vier<br />

bis zwölf Stunden gekühlt ausserhalb des<br />

Körpers und die Nieren bis zu 36 Stunden<br />

– es sind Minuten oder wenige Stunden,<br />

auf die es ankommt.<br />

Während beim Spender das eine Team das<br />

Herz entnimmt, bereitet das andere die<br />

Empfängerin auf den Eingriff vor. Sorgfältig<br />

wird das Organ in gekühltem Eiswasser<br />

verpackt und das Team hält kurz inne, um<br />

allen Beteiligten, vor allem aber dem unbekannten<br />

Spender zu danken. Das Getöse<br />

des Helikopters auf der Plattform dringt<br />

Abbildung 3: Die kalte Ischämiezeit ist für das Herz am kürzesten und für<br />

die Niere am längsten. Im Allgemeinen gilt: Je kürzer die Ischämiezeit, desto<br />

besser ist die Funktion des Organes.<br />

Abbildung 4: Überlebenswahrscheinlichkeit der Organempfängerinnen und -empfänger (survival probabilitiy mittels<br />

Kaplan-Meier-Kurzven); Reportingperiode: 1. Mai bis 31. Deze<strong>mb</strong>er 2011 (Quelle: STCS). Bemerkung: Unterhalb<br />

der Graphik sind die Patientenzahlen «at risk» angegeben.<br />

26 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


fokus<br />

in den Operationssaal. Das Entnahmeteam<br />

ist gelandet und bringt das Herz herein.<br />

Nun geht alles sehr schnell. Das alte<br />

Herz wird entnommen und durch das neue<br />

ersetzt. Nach weniger als vier Stunden öffnet<br />

sich die Aortenklemme und ihr Blut<br />

durchströmt das Herz. Wenige Minuten<br />

verstreichen, bis das neue Herz von alleine<br />

anfängt zu schlagen.<br />

Nach der Transplantation:<br />

Überleben<br />

Alles verläuft reibungslos. Das Herz übernimmt<br />

die Funktion, der Brustkorb wird<br />

verschlossen, und die Operation ist so weit<br />

geglückt. Nach weniger als vier Wochen<br />

geht es nach Hause. Auch wenn anfangs<br />

noch viele Kontrollen anstehen, zahlreiche<br />

Medikamente notwendig sind, um die Abstossung<br />

des Organs zu verhindern, es geht<br />

ihr von Tag zu Tag besser. In diese neue<br />

Unbeschwertheit mischt sich plötzlich die<br />

Frage nach der verbleibenden Zeit. Wie lange<br />

wird diese neue Lebensqualität anhalten,<br />

wie lange funktioniert das neue Herz?<br />

Die Statistik hilft nicht wirklich weiter:<br />

Herztransplantierte Menschen haben heute<br />

ein Zehnjahres-Überleben zwischen 60<br />

und 70 Prozent. Ähnlich sieht die Statistik<br />

für Leber- und Lungentransplantierte aus.<br />

Bei der Niere nimmt man an, dass rund<br />

80 Prozent der Organe nach zehn Jahren<br />

noch funktionieren. Bedeutet dies, dass es<br />

nach zehn Jahren vorbei ist? Nein, denn<br />

die Überlebensraten sind von zahlreichen<br />

Faktoren abhängig. Sie können durch den<br />

Betroffenen selbst, wie beispielsweise<br />

durch regelmässige Kontrollen und Medikamenteneinnahmen,<br />

günstig beeinflusst<br />

werden. Es gibt Menschen, die leben seit<br />

über 25 Jahren mit einem transplantierten<br />

Herzen, einer transplantierten Leber oder<br />

gar über 40 Jahre mit einer transplantierten<br />

Niere.<br />

Start ins zweite Leben:<br />

Zeit für Dankbarkeit<br />

Sie verspürt Dankbarkeit. Dankbarkeit, die<br />

sie jeden Tag gegenüber ihrem Spender<br />

verspürt. Denn dieser hat eingewilligt,<br />

einem anderen Menschen in Not zu helfen.<br />

Er hat sich die Zeit genommen, um<br />

sich mit dieser Fragestellung einer Organspende<br />

auseinanderzusetzen. Und er hat<br />

seinen Entscheid den Angehörigen mitgeteilt.<br />

Eine Dankbarkeit verspürt sie aber<br />

auch gegenüber den Ärzten und Pflegefachkräften<br />

auf der Notfall- und Intensivstation,<br />

die an die Organspende gedacht<br />

und das Gespräch mit den Angehörigen<br />

geführt haben. Dankbarkeit für all diejenigen,<br />

die im entscheidenden Moment da<br />

waren, keine Mühe gescheut haben, um<br />

diese Transplantation zu ermöglichen –<br />

all die Ärzte, Pflegefachkräfte und Mitarbeiter<br />

im Spital, die die Operation, das<br />

Aufwachen und auch ihre Rekonvaleszenz<br />

mit hoher Professionalität begleitet haben.<br />

Sie alle haben sich Zeit genommen, um<br />

ihr mit grösster Sorgfalt den Start ins<br />

zweite Leben zu ermöglichen. Danke. ■<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

27


fokus<br />

Blick in den LHC Tunnel (links oben). Der grafische Querschnitt illustriert die zwei Strahlen in den Strahlröhren, umgeben von<br />

den Magnetspulen (Mitte).<br />

26.7 Kilometer in<br />

89 millionstel Sekunden<br />

Weshalb haben subatomare Teilchen Masse? Und weshalb unterscheidet sich die Masse dieser Teilchen?<br />

Mit Hilfe des LHC am CERN sollen grundlegende Fragen der Physik beantwortet werden. Dazu<br />

werden Protonen in einem kreisförmigen Tunnel auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und<br />

miteinander kollidiert. Die dabei entstehenden «Trümmerpartikel» geben Aufschluss über Struktur<br />

und Eigenschaften von Materie.<br />

Dr. Sigrid Wagner und Dr. Rüdiger Schmidt, Technology Department – Machine Protection and Electrical Integrity Group –<br />

Performance Evaluation, CERN<br />

Der in einem unterirdischen, knapp 27 km<br />

langen Tunnel eingebaute LHC Teilchenbeschleuniger<br />

besteht im Wesentlichen<br />

aus mehreren tausend supraleitenden<br />

Magneten. Mit ihnen werden die Protonen<br />

auf einer Kreisbahn gehalten. Zwei Protonenstrahlen<br />

kreisen in entgegengesetzter<br />

Richtung in separaten Strahlröhren unter<br />

Ultrahochvakuum. Die Strahlen bestehen<br />

aus je 300 Trillionen Protonen und werden<br />

mit Radiowellen beschleunigt. An vier<br />

Stellen kreuzen sich die Strahlen, was zu<br />

annähernd einer Milliarde Kollisionen<br />

von Protonen pro Sekunde führt. Detektoren<br />

von der Grösse eines fünfstöckigen<br />

Hauses vermessen die entstehenden<br />

«Trümmerpartikel» mit einer Genauigkeit<br />

von 1/1000 mm. Die Detektoren sammeln<br />

riesige Datenmengen zu den Partikeln,<br />

welche dann analysiert und ausgewertet<br />

werden.<br />

Ein typischer Betriebszyklus dauert etwa<br />

12 Stunden. Er beginnt mit der schrittweisen<br />

Injektion von Protonen aus den Vorbeschleunigern<br />

in den LHC. Dies benötigt<br />

etwa 15 Minuten. Anschliessend werden<br />

die Protonen in etwa 20 Minuten auf nahezu<br />

Lichtgeschwindigkeit beschleunigt,<br />

die Strahlen gekreuzt und Protonenkollisionen<br />

erzeugt. Die Kollisionen werden im<br />

Idealfall für rund 11 Stunden aufrechterhalten,<br />

während die Detektoren Daten<br />

sammeln. Durch die Kollisionen nimmt<br />

die Anzahl der Protonen in den Strahlen<br />

langsam ab. Am Ende werden die Protonenstrahlen<br />

aus dem Ring heraus- und in<br />

10 Tonnen schwere Graphitblöcke gelenkt,<br />

welche die Protonen und deren Energie<br />

schadlos absorbieren. Dieser Vorgang wird<br />

Beam Dump genannt. Die anschliessende<br />

Vorbereitung für den nächsten Zyklus<br />

benötigt etwa 20 Minuten.<br />

Anforderungen an<br />

Schutzsysteme<br />

Der LHC birgt eine Vielzahl technischer<br />

Besonderheiten und Herausforderungen.<br />

28 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


fokus<br />

So wird ein Grossteil der insgesamt rund<br />

10 000 Magnete bei einer Temperatur von<br />

–271 Grad Celsius betrieben, also nahe<br />

des absoluten Nullpunkts. Dies ist erforderlich,<br />

um die benötigten hohen Magnetfelder<br />

zu erzielen, und wird durch Kühlung<br />

mit superflüssigem Helium erreicht.<br />

Das Herunterkühlen der Magnete von<br />

Umgebungs- auf Betriebstemperatur<br />

nimmt mehrere Wochen in Anspruch.<br />

Besondere Anforderungen stellt der LHC<br />

auch an die Schutzsysteme. Diese Systeme<br />

überwachen den Zustand der LHC-Komponenten<br />

und die Parameter der Protonenstrahlen.<br />

Im Falle einer Störung werden<br />

die Protonen sicher in die Graphitblöcke<br />

gelenkt. Würden die Protonenstrahlen<br />

stattdessen Komponenten im Ringtunnel,<br />

insbesondere Magnete, treffen, hätte dies<br />

beträchtliche Schäden zur Folge.<br />

Die Protonen durchlaufen den 27 km langen<br />

Tunnel mit nahezu Lichtgeschwindigkeit<br />

in lediglich 89 Mikrosekunden.<br />

Um im Falle einer Störung zu verhindern,<br />

dass die Protonenstrahlen weiter kreisen<br />

und Schaden anrichten, muss ein Beam<br />

Dump daher sehr schnell ausgeführt werden.<br />

Die schnellsten Schutzsysteme am<br />

LHC benötigen für einen Beam Dump<br />

zwischen 170 und 360 Mikrosekunden.<br />

Für den Fall einer Störung, die zu Strahlverlust<br />

innerhalb dieser Zeit führt, sind die<br />

kritischen Komponenten im Ring durch<br />

besondere Strahlabsorberblöcke geschützt.<br />

CERN – Europäische Organisation<br />

für Kernforschung<br />

Das CERN in Genf ist ein internationales Forschungsinstitut im Bereich Teilchenphysik.<br />

Gegründet 1954, wird es heute von 20 Mitgliedstaaten, darunter der Schweiz,<br />

getragen. Das CERN hat ein jährliches Budget von 1165.9 Millionen CHF (2012),<br />

beschäftigt rund 2500 Mitarbeiter und ist Forschungsstätte für mehr als 10 000<br />

Gastwissenschaftler. Die Forschung stützt sich auf eine Reihe von Teilchenbeschleunigern,<br />

mit dem LHC als Flaggschiff.<br />

LHC – Large Hadron Collider<br />

Der LHC ist der grösste Teilchenbeschleuniger der Welt. Er wurde 2008 nach jahrzehntelanger<br />

Planung und mehrjähriger Bauzeit erstmals in Betrieb genommen.<br />

Seit 2009 werden erfolgreich Protonenkollisionen durchgeführt und deren Daten<br />

gesammelt. Die Kosten für den Bau des LHC beliefen sich auf etwa 5 Milliarden CHF.<br />

Zeit für weitere<br />

Verbesserungen<br />

Eine der Hauptmotivationen für den Bau<br />

des LHC war die Suche nach dem sogenannten<br />

Higgs-Boson. Diesem Teilchen<br />

kommt eine entscheidende Bedeutung in<br />

der Theorie des Standardmodells der Physik<br />

zu. Ein Nachweis des Higgs-Bosons<br />

würde wesentlich zur Bestätigung des<br />

Standardmodells beitragen.<br />

Mitte 2012 wurden Auswertungsergebnisse<br />

der Daten aus zweieinhalb Jahren LHC-<br />

Betrieb präsentiert. Sie deuten auf die<br />

Existenz eines neuen Teilchens hin, bei<br />

dem es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit<br />

um das gesuchte Higgs-Boson handelt.<br />

Diese Entdeckung stellt einen Meilenstein<br />

dar. Die Kapazität des LHC ist damit jedoch<br />

noch nicht ausgeschöpft. Der LHC<br />

wurde bisher auf etwa der halben der<br />

vorgesehenen Leistung betrieben. Als Vorbereitung<br />

für den Betrieb auf höchster<br />

Stufe mit maximaler Strahlenergie stehen<br />

als nächstes umfangreiche Unterhaltsund<br />

Verbesserungsarbeiten an. Diese beginnen<br />

Anfang 2013 und werden voraussichtlich<br />

knapp zwei Jahre dauern; die<br />

Zeit, die es braucht, um unter anderem<br />

die mehr als 10 000 Verbindungsstellen<br />

in den supraleitenden Kabeln zwischen<br />

Magneten einzeln zu prüfen und zu verbessern.<br />

Nach der Wiederinbetriebnahme werden<br />

die Protonen erneut in 89 Mikrosekunden,<br />

aber mit höherer Energie, ihre Runden<br />

drehen. Man darf gespannt sein, welche<br />

neuartigen Erkenntnisse deren Kollision<br />

hervorbringen wird.<br />

■<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

29


fokus<br />

Das unaufhörliche Ballett der Arten<br />

Die heute lebenden Arten stellen nur einen winzigen Teil der Gesamtheit der Biodiversität dar, die<br />

einmal auf der Erde existiert hat. Man schätzt, dass 99 Prozent der durch die biologische Evolution<br />

entstandenen Arten verschwunden sind. Die chronologische Analyse der andauernden Erneuerung<br />

der Arten ermöglicht es, die Urzeit in immer feinere Intervalle zu unterteilen. Dies ist eine Voraussetzung,<br />

um die Evolution in ihrer zeitlichen Dimension zu verstehen. Allerdings haben längst nicht<br />

alle Arten Spuren ihres Auftritts hinterlassen.<br />

Prof. Dr. Hugo Bucher, Paläontologisches Institut und Museum Universität Zürich<br />

Wie wird in der Paläontologie Zeit definiert?<br />

Eine erste grundsätzliche Schwierigkeit<br />

dieser Zeitmessung ist, dass das Signal<br />

weder periodisch noch linear ist, im Gegensatz<br />

zur physischen Zeit, wie sie vom<br />

Menschen wahrgenommen wird. Ein zweites<br />

Hindernis der paläontologischen Zeit,<br />

das einfacher zu erfassen ist, besteht in den<br />

unterschiedlichen Grössenordnungen gegenüber<br />

der menschlichen Zeitskala.<br />

Die Lebensdauer der Arten, d.h. die Zeit<br />

zwischen dem evolutionären Erscheinen<br />

einer Art bis zu deren endgültigen Aussterben,<br />

bildet die Basis der paläontologischen<br />

Uhr. Diese unterscheidet sich stark von der<br />

«menschlichen» Zeit, die der Entwicklungszeit<br />

eines Individuums von der Befruchtung<br />

bis zum Tod entspricht. Es ist<br />

dieses unaufhörliche Ballett von Erscheinen<br />

und Aussterben, das es ermöglicht, die<br />

«tiefe» Zeit in aperiodische Einheiten und<br />

solchen von variabler Dauer einzuteilen,<br />

deren hierarchisches Gefüge letztendlich<br />

die geologische Zeitskala bildet. Je grösser<br />

die Anzahl gleichzeitig aussterbender oder<br />

erscheinender Arten ist, desto höher wird<br />

die hierarchische Stellung der entsprechenden<br />

Grenze in der geologischen Zeitskala<br />

sein. So gründen zahlreiche wichtige<br />

Grenzen der fossilbildenden Zeiten<br />

(bspw. Grenze Perm-Trias, Trias-Jura,<br />

Kreide-Tertiär) auf einem Massenaussterben,<br />

d.h. auf besonderen Zeiträumen in<br />

der Geschichte des Lebens und der Erde,<br />

in welchen sich das Aussterben auf eigenartige<br />

Weise konzentriert.<br />

Koexistenz von Arten<br />

Am anderen Ende der paläontologischen<br />

Zeitskala sind die kürzesten und zuverlässigsten<br />

elementaren Zeitgrenzen durch die<br />

Assoziation der Arten definiert. Darunter<br />

versteht man die sowohl räumliche (am<br />

gleichen Ort und also gemeinsam in einer<br />

geologischen Schicht gefunden) wie auch<br />

zeitliche (d.h. zur gleichen Zeit in verschiedenen<br />

ökologischen Gemeinschaften<br />

und Umgebungen) Koexistenz von Arten.<br />

Da die Mechanismen der Artbildung und<br />

des Aussterbens der Arten von Natur aus<br />

an beschränkte geographische Räume<br />

gebunden sind, kann man den genauen<br />

Zeitpunkt des echten Erscheinens (im<br />

evolutionären Sinn) oder Aussterbens<br />

nicht dazu verwenden, um in anderen<br />

fossilbildenden Abfolgen synchrone und<br />

leicht erkennbare Zeitlinien zu definieren.<br />

In letzteren werden die ersten lokalen Erscheinungen<br />

älter als die echte evolutionäre<br />

Erscheinung sein und das lokale<br />

Aussterben wird jünger sein als das endgültige<br />

Aussterben (Diachronismus des<br />

lokalen Erscheinens und Aussterbens,<br />

siehe Abbildung). Die maximalen Assoziationen<br />

von Arten, die räumlich oder<br />

zeitlich koexistiert haben, bilden eigentlich<br />

die einzigen elementaren, reproduzierbaren<br />

und zuverlässigen Einheiten in<br />

der tiefen Zeit. Es sind keine synchronen,<br />

unmittelbaren und senkrecht zur physischen<br />

Zeitachse stehenden Linien, sondern<br />

getrennte, aufgrund der maximalen<br />

Koexistenzen von Arten gebildete Intervalle.<br />

Ohne externe Kalibrierung, beispielsweise<br />

mit Hilfe des radiometrischen Alters<br />

(das selber auch nicht frei von Unsicherheiten<br />

ist!), bleibt die absolute Dauer dieser<br />

Intervalle undefiniert. Mit taxonomischen<br />

Gruppen, deren Evolution gesamthaft<br />

schnell verläuft (z.B. Ammoniten, Conodonten,<br />

Nager etc.), liegt die maximal<br />

mögliche Auflösung, die für solche durch<br />

maximale Assoziationen definierte Intervalle<br />

und deren Trennungsintervalle erreicht<br />

werden kann, in der Grössenordnung<br />

von 20 000 bis 50 000 Jahren. Gemessen<br />

an der menschlichen Zeitskala<br />

mögen diese Grössenordnungen sehr<br />

gross erscheinen. Wenn man aber bedenkt,<br />

dass man hier von Intervallen<br />

spricht, die beispielsweise 250 Millionen<br />

Jahre zurückliegen, erreicht man bereits<br />

eine unglaubliche Auflösung. Deren Präzision<br />

ist mit derjenigen der besten zurzeit<br />

für so alte Zeiten erhältlichen radiometrischen<br />

(auch absolut genannten) Datierungsmethoden<br />

vergleichbar. In der Fachsprache<br />

nennt man solche in urzeitlichen<br />

Umgebungen erkennbaren Zeitintervalle<br />

Biochronozonen. Je homogener die Umweltbedingungen<br />

an der Oberfläche des<br />

Ozeans sein werden, desto grösser wird die<br />

geographische Ausdehnung einer solchen,<br />

beispielsweis aus Plankton- und Nektonorganismen<br />

gebildeten Biochronozone,<br />

sein. So lassen sich urzeitliche Zeiträume<br />

erkennen, die durch eine starke, der heutigen<br />

biogeographischen Verteilung ähnlichen<br />

Längszonation charakterisiert sind.<br />

Bedeutende Stressepisoden im Ozean<br />

(Änderungen des pH, der Temperatur, des<br />

Salzgehalts, des Sauerstoffgehalts etc.)<br />

führen zu einem massiven Rückgang der<br />

globalen Vielfalt. Arten, die die Krise überstehen,<br />

werden hingegen stark dazu tendieren,<br />

Kosmopoliten zu werden, d.h.,<br />

global sehr leicht erkennbare Biochronozonen<br />

zu bilden.<br />

Kontinuum des Balletts<br />

Unsere Zeitmessung, die direkt vom Ballett<br />

der Arten abhängig ist, ist also eine<br />

Funktion vom Verhältnis zwischen Erscheinungs-<br />

und Aussterbensrate. Die<br />

Paläontologen haben sich gefragt, ob die<br />

Intensität des Aussterbens sich zunehmend<br />

verteilt (Potenzgesetz) oder ob das<br />

Massenaussterben tatsächlich eine eigene<br />

Kategorie bildet, die durch einen quantitativen<br />

und qualitativen Sprung vom<br />

Grundaussterben getrennt ist. Gemäss den<br />

jüngsten Erkenntnissen handelt es sich<br />

eigentlich um ein Kontinuum. Wenn die<br />

Intensitäten des Aussterbens tatsächlich<br />

einem Potenzgesetz zu folgen scheinen,<br />

30 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


fokus<br />

Zeiten des Aussterbens und der Diversifizierung<br />

signifikant niedriger ist, als in<br />

den stabilen Phasen der Biodiversität (Escarguel<br />

& Bucher 2006). Diese bedeutenden<br />

Variationen des Verhältnisses zwischen<br />

Erscheinungs- und Aussterbensrate<br />

ermöglichen paradoxerweise eine viel<br />

feinere Messung der paläontologischen<br />

Zeit. Die Analyse und Modellierung dieser<br />

Aussterbens- und Wiederherstellungsepisoden<br />

der Biodiversität ist auch ein wichtiges<br />

und neues Ziel der Paläontologie, das<br />

unsere Gesellschaft wegen der Störungen,<br />

die durch eine junge und nimmer satte Art<br />

verursacht werden, direkt betrifft.<br />

Der Existenzbereich einer Art wird von der Gesamtheit der Punkte, die eine<br />

Art räumlich und zeitlich belegt, gebildet. Die Form dieses Volumens wird<br />

hauptsächlich durch die Umweltbedingungen, die die Verteilung der Art regeln,<br />

bestimmt. Die orthogonale Projektion dieses Volumens auf die Zeitachse<br />

entspricht dem Intervall der Existenz der Art. Im abgebildeten Beispiel<br />

kann keine Sektion – egal welche geographische Position diese<br />

einnimmt – die Gesamtheit des Existenzintervalls einfangen. Die Ablagerungslücken<br />

und die selektive Erhaltung verkürzen auch die Ablagerung<br />

der Art in den ausgewählten Sektionen. Schlussendlich stellt man fest, dass<br />

die effektive Ablagerung (rot gekennzeichnet) nur eine diskontinuierliche<br />

Fraktion des Existenzintervalls bildet. Dies entzieht dem ersten lokalen Erscheinen<br />

und Aussterben jegliche zeitliche Bedeutung. Die einzige logische<br />

Folgerung daraus ist, dass wenn eine Art in einer bestimmten geologischen<br />

Schicht vorhanden ist, sich diese Schicht während der Gesamtheit oder einem<br />

Teil des Existenzintervalls dieser Art gebildet hat. Wendet man den<br />

gleichen Gedankengang auf n beschriebene Arten in einer selben Schicht<br />

an, muss daraus gefolgert werden, dass sich diese Schicht während der Intersektion<br />

der n Existenzintervalle gebildet hat. Ein solches Intervall wird<br />

maximal (d.h. einmalig) sein, wenn die Liste der assoziierten Arten nicht<br />

in einer grösseren Liste eines anderen Intervalls enthalten ist. Diese maximalen<br />

Assoziationen sind die einzige zuverlässige Vorgehensweise, um<br />

synchrone Zeitintervalle der fossilen Ablagerung zu extrahieren.<br />

sind die Intensitäten der Diversifizierungsphasen,<br />

die auf das Aussterben folgen, weit<br />

weniger bekannt und Gegenstand intensiver<br />

Forschung.<br />

Es scheint bereits klar, dass die mittleren<br />

Erscheinungsraten einer bestimmten<br />

Gruppe während der Phasen der Wiederherstellung<br />

der Biodiversität zunehmen.<br />

Zu beachten ist hier, dass eine Diversifizierung<br />

auch anders ausgelöst werden<br />

kann, beispielsweise durch einen Rückgang<br />

der Aussterbensraten. Die ökologischen<br />

Lücken, die durch Gruppen ausgestorbener<br />

Arten hinterlassen werden, bilden<br />

offensichtlich einen starken evolutionären<br />

Stimulus, sowohl für bestimmte<br />

Gruppen, die überlebt haben, als auch für<br />

andere neu erschienene Arten. Die Phasen<br />

des Aussterbens und der Diversifizierung<br />

führen also zu einer Beschleunigung des<br />

Balletts der Arten und erzeugen damit<br />

eine grössere Anzahl Biochronozonen als<br />

in den intermediären Phasen, die von<br />

einer langsamen Erneuerung der Fauna<br />

gekennzeichnet sind.<br />

Die numerischen Simulationen, die auf<br />

einer inversen Vorgehensweise vom Typ<br />

Monte-Carlo-Algorithmus basieren, haben<br />

auch gezeigt, dass die von den Biochronozonen<br />

gefangene Zeitmenge in<br />

Spurlos verschwunden<br />

Diese grossen oder kleinen Fluktuationen<br />

der Biodiversität dienen dazu, die letzten<br />

540 Millionen Jahre der Geschichte des<br />

Lebens in Biochronozonen zu unterteilen.<br />

Diese wiederum sind selber in Stockwerke,<br />

Epochen und Perioden unterteilt, und dies<br />

seit der ka<strong>mb</strong>rischen Explosion, die als<br />

Zeitpunkt für das Auftreten der wichtigsten<br />

Tierphyla mit den wichtigsten Bauplänen<br />

gilt. Im Vergleich zum Erdalter (4,5<br />

Milliarden Jahre) oder sogar zu den ältesten<br />

irdischen Lebensspuren (Archaeobacteria,<br />

ab 3,8 Milliarden Jahre) mögen<br />

diese letzten 540 Millionen Jahre (das<br />

Phanerozoikum) schon sehr kurz erscheinen.<br />

Unsere Messung der paläontologischen<br />

Zeit hängt eigentlich auch von einer<br />

wichtigen evolutionären Innovation ab,<br />

die sich im Ka<strong>mb</strong>rium ereignete: die Mineralisierung<br />

des Gewebes, sowohl in<br />

Form des externen wie auch internen<br />

Skeletts. Diese mineralisierten Gewebe<br />

steigern die Fossilisationsfähigkeit der<br />

ausgestorbenen Organsimen gegenüber<br />

dem Schicksal der weichen Gewebe, die<br />

normalerweise nicht erhalten bleiben. Nur<br />

ungefähr das letzte Sechstel des Balletts<br />

der Arten ist für uns sichtbar und damit<br />

direkt in relativer Zeit analysierbar. ■<br />

Referenzen<br />

Escarguel, G., und Bucher, H., 2004. Counting<br />

taxonomic richness from discrete biochronozones<br />

of unknown duration: a simulation.<br />

Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology<br />

202: 181–208.<br />

Guex, J., 1991. Biochronological Correlations.<br />

Springer.<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

31


Perspektiven<br />

Aktuelles aus der Urologie<br />

Neues Verständnis vom<br />

Schmerzsyndrom des Beckens<br />

Verschiedene Schmerzsyndrome des Beckens haben einen enormen Einfluss auf die Lebensqualität<br />

der Betroffenen. Zu den wichtigsten zählen das Prostataschmerz- sowie das Blasenschmerzsyndrom.<br />

Wichtig für die Betreuung der Patienten ist neben dem Ausschluss von «verwechselbaren» Erkrankungen<br />

das Verständnis für das Wesen des chronischen Schmerzes sowie der Wechselwirkung mit<br />

der Organfunktion bei diesen Syndromen.<br />

Daniel S. Engeler, Leitender Arzt Klinik für Urologie, Kantonsspital St. Gallen<br />

In früheren Jahren fokussierte sich die<br />

Forschung im Bereich des chronischen<br />

Beckenschmerzes vorwiegend auf periphere<br />

Endorgan-Mechanismen wie entzündliche<br />

oder infektiöse Vorgänge. Jedoch<br />

machten Grundlagenforschung und<br />

klinischen Erkenntnisse klar, dass sich<br />

viele krankheitsrelevante Vorgänge im<br />

zentralen Nervensystem abspielen. Heutzutage<br />

geht man davon aus, dass bei diesen<br />

Schmerzsyndromen ein peripherer<br />

Stimulus, z.B. eine Infektion oder ein<br />

Trauma, eine Reihe von Folgeerscheinungen<br />

auslöst. Diese verselbständigen sich<br />

im Rahmen einer Modulation des Zentralnervensystems<br />

letztlich unabhängig<br />

von der primären Ursache. Neben dem<br />

Schmerz äussert sich diese Modulation im<br />

Rahmen von verschiedenen anderen sensorischen,<br />

funktionellen (z.B. Miktion<br />

oder Defäkation), verhaltensmässigen<br />

oder psychologischen Phänomenen. Solche<br />

individuell ausgeprägten Phänomene<br />

bilden dann die Basis der Diagnose eines<br />

Schmerzsyndroms.<br />

Es ist wichtig, dass bei vielen dieser<br />

Schmerzsyndrome keine periphere persistierende<br />

Pathologie mehr festzustellen ist,<br />

wie z.B. Entzündung/Infektion, die durch<br />

das Krankheitssuffix «-itis» reflektiert ist.<br />

Somit ist eine Nomenklatur, die sich allein<br />

auf das periphere Endorgan fokussiert,<br />

unpassend und irreführend, ja gefährlich,<br />

da daraus möglicherweise falsche therapeutische<br />

Konsequenzen gezogen werden.<br />

Aus diesem Grunde wird in der neuen<br />

Abbildung 1: Mögliche Mechanismen der peripheren Sensibilisierung durch chemische<br />

Mediatoren beim Blasenschmerzsyndrom. ATP = Adenosintrophosphat, Ach = Acetylcholine,<br />

NO = Stickstofmonoxid, NGF = Nerve growth factor, NKA = Neurokinin A, TrKA = Tyrosinkinase<br />

A, TRPV1 = Vanilloid Rezeptor 1, nAChR = Nikotinischer Acetylcholinrezeptor,<br />

P2X/P2Y = Purinrezeptoren, M3 = Muskarinischer Acetylcholinrezeptor M3.<br />

Terminologie (u.a. Guidelines der European<br />

Association of Urology) (1) der chronische<br />

Beckenschmerz in spezifischkrankheitsassoziierten<br />

Beckenschmerz<br />

mit bekannter Ätiologie sowie in die Beckenschmerzsyndrome<br />

unterteilt. Die<br />

häufigsten Schmerzsyndrome im urologischen<br />

Bereich sind das Prostataschmerz<br />

syndrom (Prostate Pain Syndrome<br />

= PPS, früher chronische Prostatitis)<br />

und das Blasenschmerzsyndrom (Bladder<br />

Pain Syndrome = BPS, früher intersti tielle<br />

Zystitis). Von einem chronischen Schmerzsyndrom<br />

spricht man ab einer Dauer von<br />

sechs Monaten.<br />

Die Hintergründe des<br />

chronischen Schmerzes<br />

Mechanismen des chronischen Beckenschmerzes<br />

können verschiedene Prozesse<br />

beinhalten, die weitgehend bekannt sind.<br />

Einerseits sind persistierende akute<br />

Schmerzmechanismen möglich, wie diejenigen,<br />

die mit entzündlichen Veränderungen<br />

assoziiert sind, andererseits bestehen<br />

vor allem chronische Mechanismen,<br />

die das Zentralnervensystem involvieren.<br />

Bei der sogenannten peripheren Sensibilisierung<br />

geht man davon aus, dass unmyelinisierte<br />

viszerale Afferenzen (Typ-C-<br />

Fasern), die normalerweise nicht (50–<br />

90 Prozent) oder wenig aktiv sind, durch<br />

verschiedene Vorgänge eine reduzierte<br />

Aktivierungsschwelle oder eine gesteigerte<br />

Antwort aufweisen. Dies geschieht über<br />

eine Änderung in Botensubstanzen oder<br />

Modifikation von Rezeptoren. Als Beispiel<br />

sei hier die vermehrte Ausschüttung von<br />

Nerve Growth Factor (NGF), Adenosintriphosphat<br />

(ATP) oder Substanz P genannt,<br />

die über ihre spezifischen Rezeptoren für<br />

eine vermehrte Aktivierung der viszeralen<br />

32 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


Perspektiven<br />

Afferenzen sorgen (Abb. 1) (2, 3). Durch<br />

zentralen Transport z.B. des Tyrosinkinase-A(TrkA)-NGF<br />

wird unter Umständen<br />

auch die Genexpression verändert. Ein<br />

anderer peripherer Mechanismus ist die<br />

Veränderung von spannungsabhängigen<br />

Ionenkanälen (z.B. Tetrodotoxin-resistant<br />

Sodium Channel, NaV1.8), die sich abhängig<br />

vom Me<strong>mb</strong>ranpotential öffnen oder<br />

schliessen. Als weitere Möglichkeit kann<br />

es bei einem direkten Schaden an peripheren<br />

Nerven zu einer pathologischen<br />

afferenten Aktivität mit Ausbildung von<br />

neuropathischen Schmerzen und einer<br />

nachfolgenden zentralen Sensibilisierung<br />

kommen.<br />

Bei der zentralen Sensibilisierung sind<br />

verschiedene Mechanismen vor allem auf<br />

spinaler Ebene involviert, insbesondere<br />

Änderungen in der Proteinaktivität, Proteintranskription<br />

oder auch strukturelle<br />

Änderungen in den neuronalen Verbindungen<br />

(4). Als Beispiel sei hier der Wegfall<br />

des Magnesiu<strong>mb</strong>locks des N-metyl-<br />

Aspartat-Rezeptors (NMDA) genannt, der<br />

auf eine erhöhte Glutamatfreisetzung<br />

aufgrund repetitiver afferenter nozizeptiver<br />

Signale folgt. Dies führt über das Einströmen<br />

von Calcium-Ionen zu einer<br />

vermehrten Depolarisation des sekundären<br />

afferenten Neurons. Weiter zentral<br />

spielt die Modulation von spinalen Signalen<br />

eine wichtige Rolle, insbesondere das<br />

periaquäduktale Grau (PAG), das unter<br />

dem Einfluss von höheren Zentren steht,<br />

die mit Kognition und Emotion assoziiert<br />

sind (Abb. 2). Bei der deszendierenden<br />

Inhibition sind verschiedene Transmitter<br />

involviert, wie Opioide, 5-Hydroxytryptamin<br />

und Noradrenalin. Untersuchungen<br />

mit funktioneller Magnetresonanztomographie<br />

haben gezeigt, dass bei der wichtigen<br />

psychischen Modulation von viszeralen<br />

Schmerzen möglicherweise mehrere<br />

neuronale Bahnen involviert sind (5).<br />

Wechselwirkung von<br />

Schmerz und Organfunktion<br />

– Phänotypisierung<br />

Im Rahmen der meisten Schmerzsyndrome<br />

kommt es zur sekundären Ausbildung<br />

von Störungen der Organfunktion. Dabei<br />

sind diese häufig nicht nur Funktionsänderungen<br />

des (vermutlich) in die primäre<br />

Entstehung des Schmerzes involvierten<br />

Organes, sondern auch von anderen, häufig<br />

benachbarten Organen. So ist zum<br />

Beispiel das chronische PPS häufig mit<br />

Abbildung 2: Rolle des periaquaeduktalen Graus bei der zentralen<br />

Schmerzverarbeitung.<br />

Störungen der Blasenfunktion (z.B. überaktive<br />

Blase), der Sexualität (z.B. erektile<br />

Dysfunktion), der Defäkation (z.B. Obstipation)<br />

oder der Muskulatur (z.B. überaktiver<br />

Beckenboden) assoziiert. Diese<br />

Funktionsstörungen wiederum können<br />

dann die Schmerzsymptomatik negativ<br />

beeinflussen respektive weiter verstärken.<br />

In ihrer Gesamtheit nehmen die Funktionsstörungen<br />

bei einzelnen Patienten<br />

sehr unterschiedliche Ausprägungen an.<br />

Es wurde im Rahmen von verschiedensten<br />

randomisierten Placebo-kontrollierten<br />

Studien gezeigt, dass einzelne Monotherapien<br />

häufig über das Gesamtkollektiv<br />

aller Patienten keinen signifikanten<br />

Effekt zeigten. Aus diesem Grunde wird<br />

neuerdings versucht, die Patienten entsprechend<br />

der Symptomatologie in verschiedene<br />

Phänotypen einzuteilen und<br />

die Therapie entsprechend daran zu orientieren.<br />

Dies in der Hoffnung, dass einzelne<br />

Subtypen ein besseres Ansprechen<br />

auf eine phänotypenfokussierte Therapie<br />

haben.<br />

Beispiel Prostataschmerzsyndrom<br />

(PPS)<br />

Beim PPS ist in der Grosszahl der Fälle<br />

keine Infektion oder andere Organpathologie<br />

der Prostata mehr nachzuweisen.<br />

Neben der Erfassung der Symptome, die<br />

nicht nur den eigentlichen Prostataschmerz,<br />

sondern auch andere assoziierte<br />

Symptome umfassen soll (z.B. Miktionsstörungen,<br />

muskulosfasziale Störungen,<br />

Störungen der Sexualität, Störungen der<br />

Psyche/Lebensqualität) werden entsprechend<br />

der klinischen Präsentation mittels<br />

geeigneter diagnostischer Untersuchungen<br />

Krankheiten mit spezifischer Behandlung<br />

ausgeschlossen. Wenn diese Abklärungen<br />

dann unauffällig ausfallen, sind<br />

mehrfache Wiederholungen dieser Untersuchungen<br />

nicht sinnvoll.<br />

Bei der Behandlung des PPS sollte eine<br />

multimodale Therapie, allenfalls unter<br />

Beizug anderer Fachdisziplinen, angestrebt<br />

werden. Eine Serie von Patienten,<br />

die mittels phänotyporientierter multimodaler<br />

Therapie behandelt wurden, zeigte<br />

eine signifikante symptomatische Verbesserung<br />

bei 84 Prozent (6). Ein erster therapeutischer<br />

Schritt besteht darin, dem<br />

Patienten die Krankheit, das chronische<br />

Schmerzsyndrom, zu erklären und ihm<br />

die häufig vorhandene Krebsangst zu nehmen.<br />

Ebenfalls wichtig ist es, ihm die<br />

zentralnervöse und psychische Dimension<br />

des Problems zu erklären, damit er präzipitierende<br />

Faktoren erkennen und aktiv<br />

damit umgehen kann. Durch Ändern von<br />

symptomverstärkendem Verhalten kann<br />

ebenfalls meist eine gewisse Verbesserung<br />

erreicht werden. Es ist wichtig, im Hinblick<br />

auf therapeutische Compliance, realistische<br />

Behandlungsziele zu formulieren<br />

und überhöhte Therapieerfolgsvorstellungen<br />

zu vermeiden. Verschiedene Therapieansätze<br />

konnten mittels randomisierter<br />

Studien belegt werden, wobei diejenigen<br />

mit peripherem Ansatz phänotyporientiert<br />

vor allem bei kürzerer Krankheitsdauer<br />

(


Perspektiven<br />

romodulatorische Ziele haben, unter<br />

Umständen eine Möglichkeit (1). Weitere<br />

Forschung ist jedoch notwendig, um die<br />

Wirksamkeit von neueren phänotypgerichteten<br />

Therapien zu belegen.<br />

Schlussfolgerung<br />

Wichtig bei der modernen Betrachtung<br />

von Schmerzsyndromen des Beckens ist,<br />

dass der Schmerz als Krankheitsprozess<br />

gesamthaft ins Zentrum rückt. Dies bedeutet,<br />

dass die damit verbundenen funktionellen<br />

Organveränderungen sowie die<br />

negativen Auswirkungen auf die Kognition,<br />

das Verhalten, die Sexualität und die<br />

Emotionen in die Betrachtung einbezogen<br />

werden. Das Augenmerk sollte nicht mehr<br />

in erster Linie einer konkreten peripheren<br />

Organpathologie gelten, die häufig nur<br />

minimal nachweisbar ist. Eine monotherapeutische,<br />

oft repetitive Therapie mit<br />

peripherem Endorganansatz (z.B. Antibiotikatherapie<br />

mit dem Fokus bakterieller<br />

Infektbehandlung) ist meist zum<br />

Scheitern verurteilt, weil wichtige Aspekte<br />

des chronischen Schmerzsyndroms vernachlässigt<br />

werden. Die Zukunft wird<br />

zeigen, welche multimodalen Behandlungsstrategien<br />

die besten Resultate bringen.<br />

■<br />

Literaturangaben<br />

1 D. Engeler et al. Guidelines on Chronic Pelvic<br />

Pain. In: EAU Guidelines, edition presented<br />

at the 26th EAU Annual Congress, Paris 2012.<br />

ISBN 978-90-79754-83-0. Downloadbar unter:<br />

http://www.uroweb.org/fileadmin/user_<br />

upload/Guidelines/Chronic%20Pelvic%20<br />

Pain.pdf<br />

2 Sun Y et al. Augmented stretch activated adenosine<br />

triphosphate release from bladder<br />

uroepithelial cells in patients with interstitial<br />

cystitis. J Urol 2001;166:1951–6.<br />

3 Sculptoreanu A et al. KW-7158 enhances A-<br />

type K+ currents in neurons of the dorsal root<br />

ganglion of the adult rat. J Pharmacol Exper<br />

Therap 2004;310:159–68.<br />

4 McMahon SB, Jones NG. Plasticity of pain<br />

signaling: role of neurotrophic factors exemplified<br />

by acidinduced pain. J Neurobiol<br />

2004;61:72–87.<br />

5 Fulbright RK, et al. Functional MR imaging<br />

of regional brain activation associated with<br />

the affective experience of pain. AJR Am J<br />

Roentgenol 2001; 177:1205–10.<br />

6. Shoskes DA et al. Phenotypically directed<br />

multimodal therapy for chronic prostatitis/<br />

chronic pelvic pain syndrome: A Prospective<br />

Study Using UPOINT. Urology. 2010;<br />

75:1249–53.<br />

34 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


Perspektiven<br />

Aus der «Praxis» *<br />

Universitäre Psychiatrische Dienste, Direktion Alterspsychiatrie, Bern 1 ; Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich, Verkehrsmedizin und Forensische<br />

Psychiatrie 2 ; Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat 3 ; Stadtspital Waid, Klinik für Akutgeriatrie, Memory-Klinik, Zürich 4 ; Neurologie Spitalzentrum<br />

Biel 5 ; Universitätsspital Basel, Akutgeriatrie, Memory Clinic, Basel 6 ; Schweizerische Alzheimervereinigung, Yverdon-les-Bains 7 ; Inselspital, Abteilung für<br />

Kognitive und Restorative Neurologie, Bern 8 ; Universität Bern, Gerontechnologie und Rehabilitation, Bern 9 ; Strassenverkehrsamt Chur 10 ; Service Universitaire<br />

de Psychiatrie de l’Age Avancé, Départment de Psychiatrie, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, Lausanne 11 ; Praxisgemeinschaft Kofmehl-<br />

Huus, Subingen 12<br />

Konsensusempfehlungen<br />

zur Beurteilung der medizinischen<br />

Mindestanforderungen<br />

für Fahreignung bei kognitiver<br />

Beeinträchtigung<br />

Consensus Recommendations for the Assessment of Fitness to Drive in Cognitively Impaired Patients<br />

1,9 U.P. Mosimann, 2 J. Bächli-Biétry, 3 J. Boll, 4 I. Bopp-Kistler, 5 F. Donati, 6 R.W. Kressig, 7 B. Martensson,<br />

6 A.U. Monsch, 8,9 R. Müri, 9 T. Nef, 10 A. Rothenberger, 2 R. Seeger, 11 A. von Gunten, 12 U. Wirz<br />

Allgemeines<br />

Im Verein Swiss Memory Clinics haben<br />

sich mehr als 30 Schweizer Memory Clinics<br />

zusammengeschlossen (http:// www.<br />

swissmemoryclinics.ch/). Der Verein hat<br />

u.a. das Ziel, Qualitätsstandards für die<br />

Demenzdiagnostik und Therapie zu entwickeln.<br />

Memory Clinics bieten spezialisierte<br />

Demenzdiagnostik und Therapie<br />

an. Der diagnostische Prozess ist interdisziplinär<br />

und berücksichtigt nationale<br />

Konsensusempfehlungen [1] und internationale<br />

Richtlinien [2]. Memory Clinics<br />

arbeiten im Auftrag von niedergelassenen<br />

Ärzten und suchen die Zusammenarbeit<br />

mit Angehörigen. Sie fördern die Vernetzung<br />

von Betroffenen und Angehörigen<br />

(z.B. Schweizerische Alzheimervereinigung;<br />

http://www.alz.ch).<br />

Demenzen sind progrediente Erkrankungen,<br />

die abhängig von Ursache und<br />

Schweregrad die Fahreignung beeinträchtigen<br />

und das Unfallrisiko erhöhen können<br />

[3]. Die Inzidenz und Prävalenz von<br />

Demenzen nehmen altersabhängig zu. In<br />

der Schweiz leben gemäss Hochrechnungen<br />

mehr als 110 000 Menschen mit Demenz<br />

und die meisten von ihnen, d.h.<br />

etwa 60%, leben zu Hause [4]. Demenzen<br />

werden einerseits unterdiagnostiziert, was<br />

dazu führen kann, dass Fahrzeuglenker<br />

in Unkenntnis der Erkrankung Motorfahrzeuge<br />

lenken. Anderseits stimmt der<br />

Zeitpunkt der Diagnose nicht zwingend<br />

mit dem Zeitpunkt überein, an dem die<br />

Fahreignung aus medizinischen Gründen<br />

nicht mehr gegeben ist. Im internationalen<br />

Vergleich ist die Verkehrssicherheit in<br />

Mitglieder der interdisziplinären Expertengruppe Fahreignung bei Demenz des Vereins<br />

Swiss Memory Clinics (in alphabetischer Reihenfolge): Dr. phil. J. Bächli (Verkehrspsychologie);<br />

Dr. iur. J. Boll (Staatsanwaltschaft); Dr. med. I. Bopp-Kistler (Geriatrie);<br />

Dr. med. F. Donati (Neurologie); Prof. Dr. med. R. W. Kressig (Geriatrie); lic. oec.<br />

Birgitta Martensson (Alzheimervereinigung); Prof. Dr. phil. A. U. Monsch (Neuropsychologie);<br />

Prof. Dr. med. U. P. Mosimann (Alterspsychiatrie; Vorsitz); Prof. Dr. med. R.<br />

Müri (Neurologie); Prof. Dr. sc. T. Nef (Ingenieurwissenschaften); A. Rothenberger<br />

(Verkehrsexperte); Dr. med. R. Seeger (Rechtsmedizin); Prof. Dr. med. A. von Gunten<br />

(Alterspsychiatrie) und Dr. med. et phil. nat. U. Wirz (Hausarztmedizin).<br />

der Schweiz gross [5]. Es fehlen jedoch<br />

Statistiken, die aufzeigen, wie viele Senioren<br />

mit Demenz Verkehrsunfälle verursachen.<br />

* Der Artikel erschien ursprünglich in der<br />

«Praxis» (2012; 101 (7): 451-464). <strong>VSAO</strong>-<br />

Mitglieder können die «Praxis» zu äusserst<br />

günstigen Konditionen abonnieren. Details s.<br />

unter www.verlag-hanshuber.com/vsao.<br />

Im Artikel verwendete Abkürzungen:<br />

AAN American Academy of Neurology<br />

BGE Bundesgericht<br />

CDR Clinical Dementia Rating<br />

CERAD Consortium to Establish a Registry<br />

for Alzheimer’s Disease<br />

DLB Dementia with Lewy Bodies<br />

FTD Fronto-temporale Lobärdegeneration<br />

IADL Instrumental Activities of Daily Living<br />

ICADTS International Council on Alcohol,<br />

Drugs and Traffic Safety<br />

MCI Mild Cognitive Impairment<br />

MMSE Mini-Mental-Status Examination<br />

MWT Maintenance of Wakefullness Test<br />

NPI Neuropsychiatrisches Inventar<br />

OR Obligationenrecht<br />

PDD Parkinson-Demenz<br />

SVG Schweizerisches Strassenverkehrs -<br />

gesetz<br />

TAP Test zur Aufmerksamkeitsprüfung<br />

UFOV Useful Field of View Test<br />

VZV Verkehrszulassungsverordnung<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

35


Perspektiven<br />

* Der Lesbarkeit halber wird im ganzen Manuskript<br />

die männliche Form, stellvertretend für<br />

beide Geschlechter verwendet.<br />

Autofahren ist wohl eine der komple xesten<br />

instrumentellen Alltagsaktivitäten (instrumental<br />

activities of daily living<br />

[IADL]), die ein optimales Zusammenspiel<br />

von Perzeption, Kognition und Motorik<br />

erfordert. Die häufigsten verkehrsrelevanten<br />

Erkrankungen bei Senioren sind<br />

Demenzen und altersassoziierte Sehstörungen.<br />

Die typischen Fahrschwierigkeiten<br />

bei Demenz sind: das Nichteinhalten<br />

der Fahrspur, abrupte Spurwechsel, fehlende<br />

Geschwindigkeitsgestaltung, unsicheres<br />

oder fehlerhaftes Verhalten an<br />

Verzweigungen, Nichtgewähren des Vortritts,<br />

Nichtbeachten des Rechtsvortritts<br />

oder Fehl interpretation von Lichtsignalen<br />

und anderes mehr [6].<br />

Die Kernkompetenz der Memory Clinic<br />

liegt darin, eine Demenz zu diagnostizieren,<br />

deren Ursache festzustellen und den<br />

Schweregrad der Erkrankung zu quantifizieren.<br />

Für die Einschätzung, ob trotz<br />

Erkrankung die medizinischen Mindestanforderungen<br />

erfüllt bleiben, müssen<br />

zusätzlich verkehrsrelevante Komorbiditäten<br />

und Medikationen mitberücksichtigt<br />

werden. Die meisten Informationen<br />

für die Beurteilung werden im Rahmen<br />

der Demenzdiagnostik erhoben. Der Verzicht<br />

auf das Autofahren sollte nicht<br />

leichtfertig empfohlen werden, da bei Senioren<br />

durch die Einschränkung der eigenen<br />

körperlichen Leistungsfähigkeit die<br />

Abhängigkeit zum Auto steigt, das Umsteigen<br />

auf öffentliche Verkehrsmittel schwierig<br />

ist und Angewöhnungszeit braucht. Die<br />

Einschränkung der Mobilität kann zudem<br />

zu sozialer Isolation, zu Depression<br />

oder Institutionalisierung führen [7,8].<br />

Der Verein der Swiss Memory Clinics hat<br />

eine interdisziplinäre Expertengruppe<br />

beauftragt, praktische Empfehlungen für<br />

die Beurteilung der medizinischen Mindestanforderungen<br />

bei Demenzen zu erarbeiten.<br />

In der Expertengruppe waren die<br />

Fachgebiete Geriatrie, Psychiatrie, Neurologie,<br />

Verkehrsmedizin, Neuropsychologie,<br />

Verkehrspsychologie, Hausarztmedizin,<br />

Strassenzulassungsbehörde, Verkehrstechnik,<br />

Jurisprudenz und die Alzheimervereinigung<br />

vertreten. Die hier im<br />

Konsensus erarbeiteten Empfehlungen<br />

fokussieren auf ältere Motorfahrzeuglenker<br />

* der Gruppe 3 mit der Führerausweiskategorie<br />

B (d.h. Fahrzeugnutzung im<br />

Privatverkehr, Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen<br />

und bis zu acht Sitzplätzen). Bei der Erarbeitung<br />

der Empfehlungen hat die Expertengruppe<br />

die eigene klinische Erfahrung,<br />

die rechtlichen Rahmenbe dingungen, die<br />

publizierte Evidenz und bestehenden Konsensusempfehlungen<br />

[9–11] berücksichtigt.<br />

Die rechtlichen<br />

Rahmen bedingungen<br />

Die rechtlichen Rahmenbedingungen<br />

sind im Schweizerischen Strassenverkehrsgesetz<br />

(SVG) (SR 741.01), in der Verordnung<br />

über die Zulassung von Personen<br />

und Fahrzeugen zum Strassenverkehr<br />

(Verkehrszulassungsverordnung (VZV)<br />

SR 741.51) und im Obligationenrecht (OR)<br />

(SR 220) geregelt (Tab. 1).<br />

Das SVG (Art. 14, Abs. 4) (http://www.<br />

admin.ch/ch/d/sr/c741_01.html) regelt<br />

das ärztliche Melderecht an die Aufsichtsbehörde<br />

oder an die Verkehrszulassungsbehörde.<br />

Das Melderecht gilt für<br />

Personen, die wegen körperlichen oder<br />

geistigen Krankheiten oder wegen Süchten<br />

zum sicheren Führen von Motorfahrzeugen<br />

nicht mehr fähig sind. Die Gesetzgebung<br />

regelt, dass die Meldung im Ermessen<br />

des Arztes liegt und dazu keine<br />

Entbindung des Berufsgeheimnisses notwendig<br />

ist. Es handelt sich hier ausdrücklich<br />

um ein Melderecht und keine Meldepflicht.<br />

Das Behandlungsteam einer Memory<br />

Clinic ist im Rahmen der beruflichen<br />

Sorgfaltspflicht (OR Art. 398) (http://<br />

www.admin.ch/ch/d/sr/c220.html) zusätzlich<br />

verpflichtet, die Untersuchungen<br />

sorgfältig durchzuführen, die Patienten<br />

über die Erkrankung, deren Prognose und<br />

über die möglichen Auswirkungen im<br />

Strassenverkehr aufzuklären. Der Inhalt<br />

der Untersuchungsergebnisse und der<br />

Aufklärung müssen in der Krankengeschichte<br />

dokumentiert werden. Bei schwer<br />

amnestischen oder anosognostischen<br />

Patienten empfiehlt es sich, den Ausgang<br />

der Untersuchung in Anwesenheit der Angehörigen<br />

zu besprechen und allenfalls<br />

die Empfehlungen schriftlich mitzuteilen.<br />

Die VZV (http://www.admin.ch/ch/d/sr/<br />

c741_51.html) regelt unter anderem die<br />

regelmässigen medizinischen Kontrolluntersuchungen<br />

(Art. 27), die Kontrollfahrt<br />

(Art. 29) und die medizinischen Mindestanforderungen<br />

(Anhang 1). Art. 27 sieht<br />

bei den über 70-jährigen Ausweisinhabern<br />

zurzeit alle zwei Jahre eine medizinische<br />

Kontrolluntersuchung vor, die von den<br />

meisten Kantonen an die Hausärztinnen<br />

und Hausärzte delegiert wird. Pro Jahr<br />

fallen in der Schweiz so ungefähr 175 000<br />

Kontrolluntersuchungen an [3]. Falls<br />

nach einer Kontrolluntersuchung von der<br />

Behörde zusätzliche spezialärztliche Abklärungen<br />

empfohlen werden, kann die<br />

Behörde eine Zusatzuntersuchung bei<br />

Spezialisten, z.B. in einer Memory Clinic<br />

oder in einer verkehrsmedizinischen Abklärungsstelle<br />

anordnen. In dieser Situation<br />

hat die Memory Clinic gegenüber der<br />

Behörde Garantenpflicht. Eine vollständige<br />

Rückmeldung und Empfehlung an die<br />

Behörde ist Teil des Auftrages, der in der<br />

Regel vom Exploranden bezahlt werden<br />

muss. Da die Memory Clinic in diesem<br />

Falle eine Gutachterrolle einnimmt, ist es<br />

wichtig und notwendig, dem Exploranden<br />

das Auftragsverhältnis, die Kostenfolgen<br />

und Verpflichtung der Informa tionsweitergabe<br />

zu erklären.<br />

Die medizinischen Mindestanforderungen<br />

(VZV Anhang 1) sehen u.a. vor, dass<br />

keine schweren Nervenkrankheiten,<br />

keine Geisteskrankheiten von Bedeutung<br />

und keine periodische Bewusstseinstrübung<br />

oder Bewusstseinsverluste<br />

vorliegen dürfen. Der Gesetzgeber erlaubt<br />

erhöhtes Risiko. Er bejaht z.B. Autofahren<br />

mit 0,5 Promille Alkohol, obwohl<br />

dies das Unfallrisiko erhöht. Ähnliches gilt<br />

bei Visus- und Gesichtsfeldeinschränkungen,<br />

bei denen innerhalb eines gewissen<br />

Rahmens die Mindestanfor derungen erfüllt<br />

bleiben, obwohl das Unfallrisiko ansteigt.<br />

Für kognitive Einschränkungen<br />

oder Demenzen gibt es einen gewissen<br />

Ermessensspielraum, da klar definierte<br />

Schwellenwerte fehlen. Die Rechtsprechung<br />

gibt allerdings vor, dass die Grundleistung<br />

alleine nicht ausreichend ist, um<br />

fahr geeignet zu sein, weil Leistungsreserve<br />

notwendig ist, um auf aussergewöhnliche<br />

Ereignisse zu reagieren, z.B. plötzlich<br />

auftretende, schwierige Verkehrs-,<br />

Strassen- und Umweltverhältnisse. Vereinfacht<br />

gilt deshalb, dass also je höher<br />

das medizinische Grundrisiko ist (z.B.<br />

leichte kognitive Beeinträchtigung plus<br />

leichte Sehschwäche), desto kleiner ist die<br />

verbleibende Leistungsreserve (Abb. 1)<br />

(siehe auch Entscheidung des Schweizerischen<br />

Bundesgerichts, amtliche Sammlung<br />

(BGE) 130 IV 32, Erwägung 3.1).<br />

36 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


Perspektiven<br />

Obligationenrecht (OR)<br />

OR Art. 398<br />

Thema<br />

Inhalt<br />

(http://www.admin.ch/ch/d/sr/c220.html)<br />

Ärztliche Sorgfaltspflicht Regelt die Sorgfaltspflicht bei einfachen Aufträgen.<br />

Strassenverkehrsgesetz (SVG)<br />

(http://www.admin.ch/ch/d/sr/c741_01.html)<br />

Art 14, Abs. 4 Ärztliches Melderecht Jeder Arzt kann Personen, die wegen körperlichen oder geistigen Krankheiten<br />

oder Gebrechen oder wegen Süchten zur sicheren Führung von Motorfahrzeugen<br />

nicht fähig sind, der Aufsichtsbehörde für Ärzte und der für die Erteilung<br />

und den Entzug des Führerausweises zuständigen Behörde melden.<br />

Verkehrszulassungsverordnung (VZV)<br />

(http://www.admin.ch/ch/d/sr/c741_51.html)<br />

Art. 27, Abs. 1b und 2a Vertrauensärztliche Gemäss Art. 27. Abs. 1, Buchstabe b haben sich alle Fahrzeugführer, die<br />

Kontrolluntersuchung den Führerausweis der 3. Gruppe besitzen (z.B. insbesondere Kat. B-Personenwagen,<br />

Kat. A-Motorräder oder landwirtschaftliche Fahrzeuge) ab<br />

dem 70. Altersjahr alle zwei Jahre einer medizinischen Kontrollunter -<br />

suchung zu unterziehen, um verkehrsrelevante Erkrankungen auszuschliessen.<br />

Art. 27 Abs. 2a regelt, dass diese vertrauensärztlichen Kontrolluntersuchungen<br />

an die behandelnden Ärzte übertragen werden können.<br />

Art. 29 Kontrollfahrt Dieser Artikel regelt die Kontrollfahrt, die sich für Senioren eignet, die die<br />

medizinischen Mindestanforderungen erfüllen und trotzdem Bedenken über<br />

die Eignung eines Fahrzeugführers bestehen.<br />

Anhang 1 Medizinische Dieser Anhang regelt die medizinischen Mindestanforderungen. Für die<br />

Mindestanforderungen Memory Clinics sind die Minimalanforderungen betreffend Nervensystem<br />

(also insbesondere keine schweren Nervenkrankheiten, keine<br />

Geisteskrankheiten von Bedeutung; keine periodischen Bewusstseinstrübungen<br />

oder -verluste; keine Gleichgewichtsstörungen) und Sehen<br />

(für Beidäugige: Visus korrigiert minimal 0,6; Gesichtsfeld minimal<br />

140 Grad, keine Doppelbilder) wichtig.<br />

Tab. 1: Die wesentlichen rechtlichen Rahmenbedingungen für die Einschätzung der medizinischen Mindestanforderungen in<br />

Memory Kliniken.<br />

Patienten, die die medizinischen Mindestanforderungen<br />

nicht erfüllen, dürfen<br />

nicht zur Kontrollfahrt angemeldet werden.<br />

Die Rahmenbedingungen für die<br />

Kontrollfahrt sind in der VZV (Art. 29)<br />

geregelt. Sie dauert in der Regel 45–60<br />

Minuten und wird im eigenen Fahrzeug<br />

durchgeführt. Bei Nichtbestehen kann sie<br />

in der Schweiz, anders als in anderen europäischen<br />

Ländern, nicht wiederholt<br />

werden. Für den Patienten ist es deshalb<br />

empfehlenswert, vor der Kontrollfahrt<br />

Fahrstunden bei einem konzessionierten<br />

Fahrlehrer zu nehmen. In einigen Kantonen<br />

(z.B. Zürich, Schaffhausen, Thurgau,<br />

Zug, St. Gallen, Solothurn, Luzern<br />

und Graubünden) werden im Rahmen<br />

von verkehrsmedizinischen Abklärungen<br />

ärztlich begleitete Kontrollfahrten durchgeführt.<br />

Während diesen beurteilt der<br />

Experte die Fahrkompetenz und der Arzt<br />

die Auswirkungen der Erkrankungen auf<br />

das Fahrverhalten. Die Kontrollfahrt eignet<br />

sich für Senioren, welche die medizinischen<br />

Mindestanforderungen möglicherweise<br />

erfüllen und bei denen Bedenken<br />

zur Fahreignung trotz Untersuchung<br />

nicht ausgeräumt werden können. Typische<br />

Indikationen für Kontrollfahrten<br />

sind z.B. leichte Demenz; schwierig zu<br />

beurteilende kogni tive Beeinträchtigung<br />

bei fehlender Schulbildung oder Fremdsprachigkeit;<br />

Multimorbidität durch das<br />

Zusammenwirken von verschiedenen<br />

leichten Erkrankungen, die in ihrer Gesamtheit<br />

eingeschätzt werden müssen.<br />

Bei leichter kognitiver Beeinträchtigung,<br />

einer beginnenden Demenz oder anderen<br />

progredienten Erkrankungen ist es sinnvoll,<br />

die Kontrollfrist zu verkürzen. Die<br />

Fahrtauglichkeit kann aus medizi nischen<br />

Gründen örtlich, zeitlich oder bezüglich<br />

Fahrzeugkategorie (z.B. Kategorie F,<br />

45 km/h) eingeschränkt werden oder es<br />

können Auflagen (z.B. Brillen tragen) für<br />

das Autofahren gemacht werden. Bei Demenzen<br />

sind die Einschränkungen, z.B.<br />

Verminderung des Fahrradius, in der Regel<br />

keine Lösung, da diese Limitationen vergessen<br />

werden und erfahrungsgemäss viele<br />

Schwierigkeiten auch innerorts, also im<br />

Bereich von 50 km/h, auftreten können [6].<br />

Kognition und Autofahren<br />

Die Kognition ist neben der Motorik und<br />

der Perzeption eine wichtige Teilfunk tion<br />

beim Autofahren. Die kognitive Testung<br />

ist ein integraler Bestandteil der Demenzdiagnostik.<br />

In den Schweizer Memory<br />

Clinics wird als Basismodul für die kognitive<br />

Testung oft die Neuropsychologische<br />

Testbatterie des Consortium to Establish<br />

a Registry for Alzheimer’s Disease<br />

(CERAD-Plus; siehe www.memoryclinic.<br />

ch) [12] verwendet. In der Literatur [3]<br />

werden für das Autofahren neben der kognitiven<br />

Gesamtleistung die Aufmerksamkeit,<br />

die exekutiven und visuellen<br />

Funktionen sowie das Reaktionsvermögen<br />

als besonders relevant beurteilt.<br />

Die Aufmerksamkeit ist eine basale kognitive<br />

Leistung und entscheidend für die<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

37


Perspektiven<br />

[180 s]), eine Kontrollfahrt nicht mehr<br />

bestehen [6]. Obwohl solche Testwerte,<br />

wenn sie isoliert betrachtet werden, nicht<br />

genügend aussagekräftig sind, können sie<br />

in der Praxis als Bestandteil der Risikobeurteilung<br />

hilfreich sein. Wenn die Testleistung<br />

über den genannten Schwellenwerten<br />

liegt, kann nicht zwingend gefolgert<br />

werden, dass die medizinischen Mindestleistungen<br />

erhalten sind, da dafür die<br />

Demenzätiologie, die Komorbiditäten und<br />

die Medikation berücksichtigt werden<br />

müssen.<br />

Abb. 1: Schematische Darstellung der Assoziation zwischen Risiko und Leistungsreserve.<br />

Je höher das kumulative Risiko (z.B. durch kognitive Beeinträchtigung, Komorbi dität und<br />

Medikation), desto kleiner die Leistungsreserve.<br />

Informationsselektion (d.h. selektive oder<br />

fokussierte Aufmerksamkeit) und Verarbeitung,<br />

z.B. gleichzeitige Verarbeitung<br />

von visuellen und akustischen Signalen<br />

(geteilte Aufmerksamkeit) [3]. Aufmerksamkeit<br />

und exekutive Funktionen sind<br />

eng miteinander verknüpft. Letztere umfassen<br />

Planung, Antizipation von Veränderungen,<br />

Umstellfähigkeit, Flexibilität,<br />

Antrieb, Motivation und Impulskontrolle.<br />

Visuelle Perzeption ist für das Erkennen<br />

von Gefahrensituationen, von<br />

Verkehrsschildern, für den Überblick und<br />

die Orientierung im Verkehr sehr entscheidend.<br />

Bei der Testung der visuellen Perzeption<br />

werden ein normales Gesichtsfeld,<br />

normales Kontrastsehen und gute Sehschärfe<br />

vorausgesetzt. All diese Funktionen<br />

sind für den Verkehr relevant, da<br />

die Beeinträchtigungen zu Fehlwahrnehmungen<br />

oder Fehleinschätzungen<br />

führen können.<br />

In der CERAD-Plus neuropsychologischen<br />

Testbatterie wird visuelle Perzep tion unter<br />

anderem im Boston Naming Test und in<br />

den visuo-konstruktiven Teilaufgaben<br />

geprüft. Die Aufmerksamkeits- und exekutiven<br />

Funktionen werden im Trail Making<br />

Test untersucht [13]. Mehrere Studien<br />

haben die Assoziation zwischen Trail<br />

Making Test und Fahr sicherheit untersucht<br />

[14,15]. In einer Meta-Analyse war<br />

der Trail Making B Test einer der besten<br />

Prädiktoren für das Bestehen einer praktischen<br />

Fahrprobe [14]. Der Trail Making<br />

Test wird zusammen mit anderen Testverfahren<br />

(z.B. Uhrentest) von der American<br />

Medical Asso ciation als Bestandteil für die<br />

kognitive Screening-Untersuchung für die<br />

Beurteilung der Fahreignung bei Senioren<br />

empfohlen [11]. Aufmerksamkeitsdefizite<br />

sind jedoch diagnostisch unspezifisch. Sie<br />

bestehen bei neurodegenerativen Erkrankungen,<br />

bei psychischen Störungen (z.B.<br />

Depression) oder sie sind Nebenwirkungen<br />

von psychotropen Substanzen (z.B. Benzodiazepinen).<br />

Die Mini-Mental-Status<br />

Examination (MMSE) [16] und der Uhrentest<br />

sind häufig verwendete kognitive<br />

Screening-Verfahren, die jedoch wenig<br />

mit der Fahrleistung korrelieren [17]. Sie<br />

wurden nicht für die Fahreignungstestung<br />

entwickelt, wodurch ihre Aussagekraft bei<br />

der Beurteilung der Fahreignung begrenzt<br />

ist.<br />

Im Hinblick auf Verkehrssicherheit soll<br />

neben der Gesamtleistung ein besonderes<br />

Augenmerk auf die exekutiven und visuell<br />

perzeptiven Funktionen geworfen werden<br />

(d.h. CERAD Gesamtleistung; MMSE;<br />

Scores in Boston Naming Test, visuokonstruktive<br />

Aufgaben, Trail Making<br />

Test). Die Richtlinien der American Academy<br />

of Neurology (AAN) weisen darauf<br />

hin, dass die Fahrleistung bei MMSE-<br />

Werten 24/30 und Trail Making Test,<br />

Part B-Werte 180 s nachlässt [9]. Als<br />

Faustregel gilt in der verkehrsmedizinischen<br />

Praxis, dass ältere Fahrzeuglenker<br />

mit einem MMSE 21 oder einem pathologischen<br />

Trail Making Test Part-A (d.h.<br />

mit Fehlern und Zeitüberschreitung<br />

Andere kognitive<br />

Screening-Verfahren<br />

Für die vertiefte Beurteilung von verkehrsrelevanten<br />

kognitiven Funktionen werden<br />

in einigen Memory Clinics zusätzliche<br />

Testverfahren eingesetzt. Beispiele sind<br />

das Wiener Test-System (Schuhfried ® ;<br />

www.schuhfried.at), die Testbatterie ART<br />

2020 [18], der Test zur Aufmerksamkeitsprüfung<br />

(TAP-Mobilität, www.psytest.de)<br />

[19], oder der Useful Field of View Test<br />

(UFOV) [20]. Diese Computer unterstützten<br />

Testverfahren haben den Vorteil, dass<br />

sie u.a. Reaktionszeiten alters-, geschlechts-<br />

und ausbildungsadaptiert erfassen<br />

können.<br />

Es sind uns keine Studien bekannt, welche<br />

die Zusammenhänge zwischen der<br />

CERAD-Plus Leistung und Fahreignung<br />

untersuchen. Beim UFOV Test bestehen<br />

gute Korrelationen zwischen Testleistung<br />

und Fahrleistung bei Senioren ohne Demenz<br />

[21]. Es fehlen Studien, welche die<br />

Zusammenhänge zwischen spezialisierten<br />

Testverfahren und Fahrsicherheit bei<br />

Demenzen untersuchen. Deshalb ist der<br />

Mehrwert der spezialisierten Testung bei<br />

Patienten mit leichter Demenz noch ungewiss<br />

[9,10]. Wiederholt geäusserte Kritikpunkte<br />

betreffen die Testfairness, die<br />

Augenscheinvalidität und der Umstand,<br />

dass die Zusammenhänge zwischen Kognition<br />

und Motorik der Extremitäten<br />

schlecht untersucht werden.<br />

Die leichte kognitive<br />

Beeinträchtigung<br />

Nur zwei Studien haben die Fahrleistung<br />

bei leichter kognitiver Beeinträchtigung<br />

(engl. mild Cognitive Impairment<br />

[MCI]) untersucht [22,23]. Eine Studie<br />

[22] fand eine leichte Verunsicherung<br />

beim Manöv rieren bei Probanden mit<br />

38 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


Perspektiven<br />

MCI. Die andere Studie [23] verglich die<br />

Fahrfähigkeit im Fahrsimulator bei Probanden<br />

mit MCI und Patienten mit leichter<br />

Alzheimer-Erkrankung. Sie fand im<br />

Vergleich zu Kontrollen bei Gesunden nur<br />

minimale Beeinträchtigungen bei einer<br />

Kontrollfahrt im Fahrsimulator. Aufgrund<br />

der klinischen Erfahrung und der publizierten<br />

Evidenz können Senioren mit MCI<br />

die medizinischen Mindestanforderungen<br />

in der Regel erfüllen. Ausnahmen bestehen<br />

bei MCI-Erkrankten mit prominenten<br />

exekutiven Störungen (v.a. beginnende<br />

frontale Demenz) und bei MCI-Erkrankten<br />

mit anderen verkehrsrelevanten Komorbiditäten.<br />

Da ein grosser Teil der MCI-<br />

Patienten in der Folge eine Demenzerkrankung<br />

entwickelt, sind jährliche Verlaufskontrollen<br />

sinnvoll.<br />

Demenz<br />

Es fehlt ein Goldstandard, um die Auswirkungen<br />

einer Demenz für den Strassenverkehr<br />

zu beurteilen. Die AAN hat für<br />

Demenz-Erkrankte mit leichter Krankheitsausprägung<br />

(Clinical Dementia Rating<br />

[CDR] 0,5–1) [24] Risikomerkmale<br />

beim Autofahren definiert [9]. Zu diesen<br />

gehören die Einschätzung der Angehörigen,<br />

dass der Erkrankte grenzwertig oder<br />

unsicher fährt; eine Vorgeschichte mit<br />

Unfällen oder Bussen; die selbstgewählte<br />

Einschränkung der Fahrleistung oder<br />

Fahrexposition; eine MMSE-Punktezahl<br />

24 und aggressive oder impulsive Persönlichkeitsmerkmale.<br />

Zusätzliche Risikofaktoren<br />

sind der Einfluss von Alkohol<br />

oder psychotropen Substanzen und visuelle<br />

oder motorische Einschränkungen.<br />

Schweregrad<br />

Es ist unbestritten, dass mittelschwer bis<br />

schwer Demenzerkrankte nicht mehr Autofahren<br />

dürfen [9,25]. Zwei prospektive<br />

Studien zeigen klar, dass die Erkrankungsprogression<br />

und der Schweregrad<br />

der Alzheimer-Erkrankung die Fahreignung<br />

beeinträchtigen und das Unfallrisiko<br />

erhöhen [26,27]. Der Schweregrad<br />

wurde in beiden Studien mit der Clinical<br />

Dementia Rating (CDR) Skala beurteilt<br />

[24]. Die Skala berücksichtigt die Gedächtnisleistung,<br />

die Orientierung, die<br />

Problemlösungsstrategien, die Alltagsfunktionen<br />

und die Selbstversorgung. In<br />

der Studie von Ott et al. [27] haben innerhalb<br />

von einem Jahr 30% der an Alzheimer<br />

Erkrankten mit CDR 0,5 und 50% der<br />

Erkrankten mit CDR 1,0 auf das Autofahren<br />

verzichtet. Die häufigsten Gründe für<br />

den Verzicht waren das Fortschreiten der<br />

Demenz, das Nichtbestehen einer Fahrprobe<br />

oder ein Unfall. Die Mehrheit der<br />

Demenz-Erkrankten mit CDR 0,5 (d.h.<br />

67–85%) oder CDR 1 (41–76%) bestanden<br />

jedoch eine Fahrprobe bei Studieneinschluss<br />

[26,28], was eindrücklich illustriert,<br />

dass der Zeitpunkt der Diagnose<br />

«leichte Demenz» nicht zwingend mit<br />

dem Zeitpunkt gleichzusetzen ist, an dem<br />

das Autofahren aufgegeben werden muss.<br />

Von den vielen Skalen für die Beurteilung<br />

des Schweregrades der Demenz ist die<br />

CDR-Skala am weitesten verbreitet [9,29].<br />

Sie wurde für die Be urteilung der Alzheimer-Demenz<br />

ent wickelt, und sollte vor<br />

allem dort ein gesetzt werden. Da die Demenz<br />

eine progrediente Erkrankung ist,<br />

haben Verlaufsuntersuchungen (z.B. alle<br />

6–12 Monate) eine grosse Bedeutung.<br />

Ätiologie<br />

Alzheimer-Erkrankung<br />

Die Zusammenhänge zwischen Autofahren<br />

und Demenz sind am besten bei<br />

der Alzheimer-Erkrankung untersucht<br />

[23,26,27]. Studien zeigten, dass Alzheimer-Kranke<br />

beim Autofahren mehr Fehler<br />

machen als gesunde Senioren oder<br />

Senioren mit MCI [23,30]. Zwei prospektive<br />

Studien fanden, dass die Fahreignung<br />

bereits in den frühen Krankheitsstadien<br />

beeinträchtigt ist [27,30]. Die Beeinträchtigungen<br />

sind bei Patienten mit CDR 1<br />

derart, dass die medizinischen Mindestanforderungen<br />

für das Autofahren i.d.R.<br />

nicht mehr erfüllt sind [3].<br />

Fronto-temporale<br />

Lobärdegenerationen<br />

Die Fahreignung bei der Verhaltensvariante<br />

der fronto-temporalen Lobärdegenerationen<br />

(FTD) (behavioural variant of<br />

fronto-temporal dementia) [31] ist in<br />

einer kleinen Fahrsimulator-Studie untersucht<br />

worden [32]. Die Fahreignung war<br />

schwer beeinträchtigt und das Ausmass<br />

der Beeinträchtigung korrelierte mit den<br />

Verhaltensauffälligkeiten. Initialsymptome<br />

dieser Demenzform sind Persönlichkeitsveränderungen,<br />

Verhaltensstörungen<br />

und exekutive Dysfunktion, die allesamt<br />

nicht mit sicherem Autofahren zu vereinbaren<br />

sind. Deshalb sind hier die medizinischen<br />

Mindestanforderungen in der<br />

Regel nicht mehr erfüllt. Schwierig ist die<br />

Einschätzung der medizinischen Mindestanforderungen<br />

bei den fronto-temporalen<br />

Demenzformen mit prominenten<br />

Sprachstörungen (primär progrediente<br />

Aphasie und semantische Demenz) [33],<br />

da der Schweregrad der kognitiven Beeinträchtigung<br />

wegen der Sprachstörung<br />

schwer quantifizierbar ist. Falls die Alltagsfunktionen<br />

nicht beeinträchtigt sind<br />

und keine anderen Komorbiditäten bestehen,<br />

kann die Fahrsicherheit oft nur im<br />

Strassenverkehr selbst (d.h. während einer<br />

Kontrollfahrt) beurteilt werden.<br />

Demenzen mit extrapyramidalmotorischen<br />

Störungen<br />

Da es beim Autofahren die Integration von<br />

Kognition, Perzeption und Motorik<br />

braucht, erfüllen Demenz-Erkrankte Patienten<br />

mit motorischen und/oder perzeptiven<br />

Beeinträchtigungen die medizinischen<br />

Mindestanforderungen des VZV in<br />

der Regel nicht mehr. Eine Studie untersuchte<br />

die Fahreignung bei Patienten mit<br />

Huntington-Krankheit [34]. Die Patienten<br />

hatten im Vergleich zu gesunden Probanden<br />

mehr Kollisionen in der Vorgeschichte<br />

und mehr Schwierigkeiten im Fahrsimulator.<br />

Mehrere Studien untersuchten<br />

die Fahreignung mit M. Parkinson und<br />

zeigten, dass für die Beurteilung der Fahreignung<br />

die extrapyramidal-motorischen<br />

Störungen, die kognitiven Beeinträchtigungen,<br />

die visuell perzeptiven Veränderungen,<br />

die Alltagsfunktionen und die<br />

Tagesschläfrigkeit mitberücksichtigt werden<br />

müssen [35–40]. Da diese Studien<br />

Patienten mit Parkinson-Demenz (PDD)<br />

ausschlossen, fehlt Studienevidenz zur<br />

Fahrsicherheit bei Parkinson-Demenz<br />

[41] oder Lewy Körperchen-Demenz (dementia<br />

with Lewy bodies [DLB]) [42].<br />

Die Hauptmerkmale dieser Demenzformen<br />

sind die Fluktuation der Kognition,<br />

extrapyramidal-motorische Defizite, Bradyphrenie,<br />

perzeptive Beeinträchtigungen<br />

und vi suelle Halluzina tionen, die insgesamt<br />

kaum mehr mit Fahreignung zu<br />

vereinbaren sind.<br />

Vaskuläre Demenzen<br />

Obwohl zerebrovaskuläre Erkrankungen<br />

eine häufige Ursache für Demenzerkrankungen<br />

sind, fehlen Studien, welche die<br />

Zusammenhänge zwischen vaskulärer<br />

Demenz und Fahreignung untersuchen.<br />

Die klinische Manifestation von vaskulären<br />

Demenzen hängt vom Ausmass und<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

39


Perspektiven<br />

der Lokalisation der vaskulären Läsionen<br />

ab. Deshalb wird es schwierig sein, generalisierbare<br />

Regeln zur Fahreignung bei<br />

vaskulärer Demenz zu entwickeln. Neben<br />

den kognitiven und motorischen Ausfällen<br />

sind bei diesen Erkrankungen insbesondere<br />

auch Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle,<br />

Verlangsamung und visuo-spatialer<br />

Neglekt zu berücksich tigen [43].<br />

Demenz-assoziierte<br />

Ssymptome, die bei der<br />

Beur teilung der medizinischen<br />

Mindestanforderungen<br />

berücksichtigt<br />

werden müssen<br />

Einsicht in die kognitiven Defizite<br />

und Kompensationsstrategien<br />

Es besteht bei den meisten Verkehrsteilnehmern,<br />

unabhängig vom Alter, die Tendenz,<br />

das eigene Fahrvermögen zu überschätzen.<br />

Eine sichere Verkehrsteilnahme ist jedoch<br />

nur möglich, wenn Betroffene die kognitive<br />

Einschränkung wahrnehmen können.<br />

Viele Senioren entwickeln Kompensationsstrategien<br />

und vermeiden Risiken durch<br />

Routenwahl (nur bekannte Routen), durch<br />

die Wahl des Zeitpunktes der Autofahrt (z.B.<br />

Vermeiden von Fahrten in der Nacht, bei<br />

schlechter Witterung, oder in Stoss zeiten)<br />

und durch Strategien während der Fahrt<br />

(z.B. langsameres Fahren, mehr Abstandkontrolle,<br />

Vermeiden von Überholmanövern)<br />

[44]. Mit einer fehlenden Selbstwahrnehmung<br />

der Krankheit (Anosognosie)<br />

können die Folgen der kognitiven Beeinträchtigungen<br />

für den Strassenverkehr<br />

nicht mehr realistisch beurteilt werden. Das<br />

beeinträchtigt den Gebrauch von Kompensationsstrategien<br />

[45] und führt zu Fehleinschätzungen<br />

im Verkehr [46]. Viele<br />

Demenzkranke schränken die Fahrdistanz<br />

ein (weniger Kilometer pro Jahr), doch<br />

scheint diese Vermeidungsstrategie das Unfallrisiko<br />

eher zu erhöhen [9]. Hinweise auf<br />

Anosognosie sind eine unterschiedliche<br />

Selbst- und Fremdeinschätzung bezüglich<br />

der kognitiven Leistungen [47] oder der<br />

Alltagsfunktionen [48]. In der Regel können<br />

die medizinischen Mindestanforderungen<br />

bei Demenz mit Anosognosie nicht<br />

mehr erfüllt werden.<br />

Aggressives und impulsives<br />

Verhalten und andere demenzassoziierte<br />

Verhaltensstörungen<br />

Aggressives und impulsives Verhalten bei<br />

Demenzerkrankten kann zu Verkehrsregelverletzungen<br />

und Unfällen führen<br />

[49]. Diese Symptome können mit dem<br />

Neuropsychiatrischen Inventar (NPI) gemessen<br />

[50] und müssen bei der Beurteilung<br />

der medizinischen Mindestanforderungen<br />

kritisch berücksichtigt<br />

werden, da sie mit einer Fahreignung<br />

nicht zu vereinbaren sind.<br />

Andere wesentliche<br />

komorbiditäten und<br />

Medikamente<br />

Die Komorbiditäten und die medizinischen<br />

Mindestanforderungen sind im<br />

Anhang 1 VZV beschrieben [51]. Die meisten<br />

verkehrsrelevanten Komorbiditäten<br />

werden bei der Demenzdiagnostik ohnehin<br />

erfasst. Die wichtigsten sind die Folgenden:<br />

Altersassoziierte Sehstörungen<br />

Sehstörungen nehmen altersabhängig zu.<br />

Die häufigsten Ursachen sind Katarakt,<br />

diabetische Retinopathie, senile Makuladegeneration,<br />

Glaukom, Augenmuskelparesen,<br />

supranukleäre Störungen der Okulomotorik<br />

und Störung der höheren visuel<br />

len Funktion (z.B. Hemianopsie).<br />

Falls altersassoziierte Augenerkrankungen<br />

bekannt sind oder wenn sich in der<br />

klinischen Routineuntersuchung Sehstörungen<br />

finden, empfiehlt sich für die<br />

Einschätzung der Auswirkungen für den<br />

Strassenverkehr und die Prüfung der therapeutischen<br />

Möglichkeiten eine spezialärztliche<br />

ophthalmologische Untersuchung<br />

[52]. Es ist ungewiss, ob durch<br />

präventive visuelle Screening-Untersuchungen<br />

die Verkehrssicherheit verbessert<br />

werden kann [53]. Die medizinischen<br />

Mindestanforderungen (VZV Anhang 1)<br />

legen fest, dass der korrigierte Fernvisus<br />

an einem Auge mindestens 0,6 und am<br />

anderen Auge 0,1 sein muss. Falls diese<br />

Anforderungen nur mit Brille oder mit<br />

Kontaktlinsen erreicht werden können,<br />

muss die entsprechende Auflage im Führerausweis<br />

vermerkt sein. Die horizon tale<br />

Ausdehnung des Gesichtsfeldes muss<br />

mind. 140 Grad betragen und es dürfen<br />

keine Doppelbilder bestehen. Bei Patienten<br />

mit Glaukom ist eine fachärztliche<br />

Gesichtsfeldprüfung zum Ausschluss eines<br />

Zentralskotoms sinnvoll.<br />

Diabetes mellitus<br />

Die Schweizerische Gesellschaft für Diabetologie<br />

hat zusammen mit der Schweizerischen<br />

Gesellschaft für Rechtsmedizin<br />

Richtlinien für die Beurteilung der Fahrfähigkeit<br />

bei Diabetes mellitus erarbeitet<br />

[54]. Die Diabetes mellitus assoziierten<br />

Risiken sind einerseits die Bewusstseinsbeeinträchtigung<br />

durch Hypoglykämie und<br />

anderseits die Spätfolgen der Erkrankung<br />

(v.a. diabetische Retinopathie, koronare<br />

Herzerkrankungen, periphere Polyneuropathie).<br />

Besteht ein Diabetes mellitus bei<br />

gleichzeitiger Demenz, können Schwierigkeiten<br />

bei der Com pliance und der medikamentösen<br />

Selbstkontrolle zu Hyper- oder<br />

Hypoglykämien führen, was bei der Beurteilung<br />

der Fahreignung berücksichtigt<br />

werden sollte. Wir verweisen auf die kürzlich<br />

publizierten Richtlinien [54,55]<br />

(http://www.diabetesgesellschaft.ch).<br />

Erkrankungen mit Bewusstseinsverlust<br />

und Epilepsie<br />

Senioren sind mittlerweile die grösste Altersgruppe<br />

mit Epilepsien und die meisten<br />

Betroffenen, d.h. 75%, bleiben nach erfolgreicher<br />

Therapie anfallsfrei. Die Richtlinien<br />

der Schweizerischen Liga gegen<br />

Epilepsie (www.epi.ch) empfehlen bei einem<br />

unprovozierten Anfall sechs Monate<br />

Fahrkarenz und bei mehr als einem Anfall<br />

zwölf Monate Fahrkarenz [56]. In der<br />

Praxis [57] wird bei Syn kopen mit Behandlungsmöglichkeiten<br />

eine Fahrkarenz<br />

bis zur erfolgreich ab geschlossenen<br />

Therapie (z.B. Schrittmacherimplantation)<br />

empfohlen.<br />

Pathologische Tagesschläfrigkeit<br />

Die Schweizerische Gesellschaft für<br />

Schlaf forschung, Schlafmedizin und<br />

Chronobiologie hat zum Thema Fahreignung<br />

bei Tagesschläfrigkeit Richtlinien<br />

publiziert [58], die die Beurteilung und<br />

das praktische Vorgehen bei der Fahreignung<br />

bei Tagesschläfrigkeit regeln. Die<br />

häufigsten Ursachen der Tagesschläfrigkeit<br />

im Alter sind die neurodegenerative<br />

Erkrankung selbst (vor allem Lewy-Körperchen-Demenz<br />

und Parkinson-Demenz),<br />

das Schlaf-Apnoe-Syndrom, Medikamente<br />

(v.a. Benzodiazepine, Antihistaminika,<br />

Antiepileptika, Antidepressiva,<br />

Dopaminagonisten und Opiate) und die<br />

Insomnie. Tagesschläfrigkeit kann mit<br />

dem Main tenance of Wakefullness Test<br />

(MWT) [59] oder dem Epworth-Fragebogen<br />

[60] quantifiziert werden. Bei Letzterem<br />

sind Summenwerte über 10 abnorm<br />

und Werte über 12 korrelieren mit Unfallereignissen<br />

[61]. Das Schlaf-Apnoe-Syn-<br />

40 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


Perspektiven<br />

drom ist i.d.R. therapierbar. Unbehandelt<br />

kann dies die vaskulären Risiken erhöhen<br />

und zu kognitiven Beeinträchtigungen<br />

und depressiven Verstimmungen führen.<br />

Autofahren nach Schlaganfall<br />

Eine Kontrolluntersuchung zur Überprüfung<br />

der medizinischen Mindestanforderungen<br />

nach Schlaganfall ist in jedem<br />

Fall indiziert. Zerebrovaskuläre Ereignisse<br />

erhöhen das Risiko für eine sekundäre<br />

demenzielle Entwicklung und sie können<br />

die Erstmanifestation einer neurodegenerativen<br />

Erkrankung sein. Bei der Beurteilung<br />

nach Schlaganfall sollten Kognition,<br />

vaskuläre Risikofak toren, motorische<br />

Defizite, kognitive Ausfälle, hemispatialer<br />

Neglekt und Hinweise auf Augenmotilitätsstörungen<br />

berücksichtigt werden [43].<br />

Einige Defizite sind innerhalb der ersten<br />

Monate nach Schlaganfall regredient,<br />

weshalb eine freiwillige Fahrpause von<br />

3–6 Monaten vor der Beurteilung der<br />

Fahreignung vorteilhaft sein kann.<br />

Psychische Erkrankung<br />

Psychiatrische Komorbiditäten, insbesondere<br />

im Kontext von neurodegenerativen<br />

Erkrankungen, müssen bei der Beurteilung<br />

der Fahreignung berücksichtigt werden.<br />

Am häufigsten sind affektive Störungen<br />

(z.B. Angst, Depression), Suchterkrankungen<br />

(bei Senioren insbesondere Benzodiazepine<br />

und Alkohol), die abhängig<br />

vom Schweregrad der Erkrankung oder<br />

der Therapie die Verkehrssicherheit beinträchtigen<br />

[62,63]. Wenn die psychische<br />

Erkrankung im Kontext einer Demenz<br />

besteht, ist für die Beurteilung der Fahreignung<br />

in jedem Fall eine vertiefte Abklärung<br />

notwendig.<br />

Psychotrope Medikamente<br />

Die Liste der psychotropen Substanzen,<br />

welche die Fahrfähigkeit (und evtl. auch<br />

die Fahreignung) beeinflussen können,<br />

ist lang. Die Risiken sind am grössten in<br />

den ersten Wochen der Therapie und bei<br />

Dosisanpassung. Im Alter steigt das Risiko<br />

der Dosisakkumulation bei Substanzen<br />

mit langer Halbwertszeit, weshalb der Zeitpunkt<br />

der Medikamenteneinnahme und<br />

die Polypharmazie berücksichtigt werden<br />

müssen. Die wichtigsten Substanzen, die<br />

die Verkehrssicherheit beeinflussen, umfassen<br />

Benzodiazepine [64]; Benzodiazepin-ähnliche<br />

Substanzen (Zolpidem, Zopiclon<br />

und Zaleplon); Substanzen mit<br />

anticholinergen (z.B. trizyklische<br />

Antidepres siva), antihistaminergen Wirkungen,<br />

Insulin und Sulfonylharnstoffe<br />

(Hypoglykämiegefahr), Dopaminagonisten<br />

(zur Therapie des Morbus Parkinson)<br />

bzw. -Antagonisten (Antipsychotika) und<br />

zentral wirkende Schmerzmittel. Senioren,<br />

die tagsüber Benzodiazepine nehmen,<br />

sollten nicht mehr autofahren.<br />

Wenn diese Substanzen verschrieben werden,<br />

müssen die Auswirkungen auf die<br />

Fahrfähigkeit erwähnt werden. Zu Beginn<br />

der Therapie oder bei einer Dosiserhöhung<br />

sollte eine Fahrpause während 1–2 Wochen<br />

erwogen werden.<br />

Das International Council on Alcohol,<br />

Drugs and Traffic Safety (ICADTS) hat<br />

eine dreistufige Kategorisierung für psychotrope<br />

Substanzen publiziert [65]<br />

(http://www.icadts.nl/medicinal.html).<br />

Die Kategorisierung basiert auf Blutalkohol-Äquivalenzdosen.<br />

Medikamente<br />

der Kategorie I haben keinen signifikanten<br />

Einfluss auf die Verkehrssicherheit<br />

(Äquivalenzdosis zu Blutalkoholgehalt,<br />

0,5 Promille) (z.B. Fluoxetin, Paroxetin);<br />

solche der Kategorie II haben einen<br />

kleinen Effekt auf die Verkehrssicherheit<br />

(Äquivalenzdosis zu Blutalkoholgehalt<br />

0,5–0,8 Promille) (z.B. Imipramin,<br />

Nortriptylin) und jene der Kategorie III<br />

sind Substanzen mit Gefahrenpotenzial,<br />

da sie die Verkehrssicherheit beeinträchtigen<br />

(Äquivalenzdosis zu Blutalkoholgehalt,<br />

0,8 Promille) (z.B. Benzodiazepine,<br />

Anxiolytika) (http://www.icadts.nl/<br />

medicinal.html) [65]. Bei den Antidepressiva<br />

beeinträchtigen Substanzen mit sedierenden<br />

Nebenwirkungen (Mirta zapin,<br />

Trazodon) die Verkehrssicherheit mehr als<br />

solche ohne Sedation (z.B. SSRI). Bei den<br />

Antipsychotika führen Aty pika zu etwas<br />

weniger Fahrbeeinträchtigungen als z.B.<br />

Haloperidol [66]. Die Wirkung der psychotropen<br />

Substanzen wird durch Polypharmazie<br />

und Alkohol verstärkt [67]. Es fehlen<br />

Studien, die bei Patienten mit leichter<br />

Demenz die Auswirkungen von psychotropen<br />

Substanzen auf die Fahreignung untersuchen.<br />

Empfehlungen zur Beurteilung<br />

der Fahreignung<br />

bei kognitiver Beeinträchtigung<br />

bzw. Demenz<br />

Bei jeder Abklärung sollte erhoben werden,<br />

ob der Patient ein Motorfahrzeuglenker<br />

ist und wie seine Zukunfts planung<br />

beim Autofahren aussieht. Für die Beurteilung<br />

der verkehrsrelevanten Auswirkungen<br />

einer Demenz muss neben dem<br />

Mobilitätsbedürfnis, auch das Risiko<br />

durch die kumulative Komorbidität berücksichtigt<br />

werden. Die Demenzursache<br />

und der Schweregrad der Erkrankung<br />

sowie die verkehrsrelevanten Komorbiditäten<br />

werden im diagnostischen Prozess<br />

in der Memory Clinic ohnehin erfasst und<br />

beurteilt [1]. Da die Kernkompetenz der<br />

Memory Clinic die Demenzdiagnostik ist,<br />

gelten für die Berücksichtigung der Komorbiditäten<br />

ähnliche Anforderungen wie<br />

für die gesetzlich vorgeschriebene periodische<br />

Kontrolluntersuchung, die in der<br />

Regel von den Hausärzten durchgeführt<br />

wird [51,57]. Bei Unklarheiten empfiehlt<br />

sich die Zusammenarbeit mit den Spezialisten.<br />

Die Anhänge 2 und 3 der VZV [68]<br />

enthalten Entwürfe für ärztliche Zeugnisse<br />

oder für medizinische Begutachtung.<br />

Zu Beginn der Beratung werden von den<br />

Betroffenen oft die unfallfreien Jahre betont.<br />

Es hilft zu vermitteln, dass es hier<br />

keinesfalls um die Beurteilung «guter<br />

oder schlechter Autofahrer geht», sondern<br />

um die Einschätzung, ob die medizinischen<br />

Mindestanforderungen für die Zulassung<br />

zum Strassenverkehr trotz kognitiver<br />

Beeinträchtigung noch erfüllt sind.<br />

Sobald die Erkrankten über die Diagnose<br />

und die Krankheitsprogression aufgeklärt<br />

sind und verstehen, dass die Fahreignung<br />

durch Demenz in jedem Fall infrage gestellt<br />

wird und das bestmögliche Ergebnis<br />

einer vertieften und kostspieligen Fahreignungsabklärung<br />

allenfalls die Erhaltung<br />

der Fahreignung um ein weiteres Jahr<br />

beträgt, zeigen sich die meisten Patienten<br />

einsichtig. Das Ziel der Beratung, welche<br />

die Besprechung der Sicherheit und der<br />

Alternativen einschliesst, sollte der freiwillige<br />

Verzicht auf das Autofahren sein. Ein<br />

mögliches Entscheidungsschema ist in<br />

Abbildung 2 wiedergegeben.<br />

Falls ein Motorfahrzeuglenker mit leichter<br />

Demenz weiter Autofahren möchte, empfiehlt<br />

es sich, fremd- und eigenanamnestisch<br />

gezielt nach Schwierigkeiten<br />

(Polizeikontrollen, Verkehrsbussen, Fast-<br />

Unfälle, Unfälle oder Parkschäden) oder<br />

Unsicherheiten (z.B. Verfahren in gewohnter<br />

Umgebung, Unsicherheitsgefühl<br />

bei Fahrer oder Beifahrer) während der<br />

letzten beiden Jahre zu fragen. Es interessiert<br />

auch, ob sich das Fahrverhalten<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

41


Perspektiven<br />

Abb. 2: Zeigt einen möglichen Abklärungsentscheidungsprozess für die Fahrberatung von Senioren mit leichter Demenz.<br />

verändert hat (z.B. keine Fahrten in der<br />

Nacht, bei dichtem Verkehr, bei schlechter<br />

Witterung) und wie viele Kilometer pro<br />

Jahr gefahren werden. Die Fremdanamnese<br />

ist sehr wichtig, da Ereignisse<br />

vergessen werden und bei allen Lenkern,<br />

ob jung oder alt, die Neigung besteht, das<br />

eigene Fahrvermögen zu überschätzen.<br />

Stark divergierende Angaben geben möglicherweise<br />

Hinweise auf fehlende Krankheitswahrnehmung.<br />

Die Angaben müssen<br />

sorgfältig dokumentiert werden, auch<br />

wenn Schwierigkeiten verneint werden.<br />

Die Canadian Medical Association [69]<br />

(http://www.cma.ca/index.php/ci_id/18<br />

223/la_id/1.htm) und die American Medical<br />

Association [11] (http://www.amaassn.org/ama/pub/physicianresources/<br />

public-health/promoting-heal-thy-lifestyles/geriatric-health/older-driver-safety/<br />

assessing-counseling-older-drivers.page)<br />

haben umfangreiche Handbücher für die<br />

Beurteilung der Fahreignung entwickelt.<br />

In diesen sind auch Vorschläge zur Verkehrsanamnese<br />

enthalten und in einigen<br />

wenigen Memory Clinics in der Schweiz<br />

werden Übersetzungen verwendet. Autofahren<br />

kann zum Konfliktthema zwischen<br />

Patienten und Angehörigen werden,<br />

vor allem wenn die Krankheitseinsicht<br />

fehlt. Angehörige können bei ihren Einschätzungen<br />

aus Mitgefühl oder Scheu<br />

vor Konflikten befangen sein. Sie sind von<br />

der Einschränkung der Mobilität mitbetroffen<br />

und müssen deshalb wenn immer<br />

möglich entlastet werden. Die Alzheimervereinigung<br />

hat eine hilfreiche Informationsbroschüre<br />

für Patienten und Angehörige<br />

erarbeitet, die im Web einfach zugänglich<br />

ist (Publikation: Autofahren und<br />

Demenz; ©2010 Schweizerische Alzheimervereinigung<br />

http://www.alz.ch/d/<br />

html/publikationen.html)<br />

Im Somato- und Neurostatus in der Memory<br />

Clinic sind in der Regel nahezu alle<br />

Befunde für eine komplette verkehrsmedizinische<br />

Beurteilung vorhanden. Die<br />

Ausnahmen sind die Prüfung des Sehens<br />

und die Prüfung der Halswirbelsäulenbeweglichkeit.<br />

Bei Letzterer muss auf eine<br />

genügende Auslenkung der Augenebene<br />

(rascher Seitenblick mindestens 45 Grad<br />

beidseits) geachtet werden. Das Sehen<br />

wird in der Memory Clinic oft nur marginal<br />

untersucht. Deshalb braucht es<br />

Ergänzungen, die selbst oder in Zusammenarbeit<br />

mit einem Ophthalmologen<br />

durchgeführt werden können. Bei der<br />

Unter suchung der Augen müssen die Augenbewegungen<br />

(Ausschluss Doppelbilder<br />

und Blick paresen) und das Gesichtsfeld<br />

durch konfrontative Testung und der<br />

Fernvisus (korrigiert und unkorrigiert)<br />

unter optimalen Lichtverhältnissen für<br />

jedes Auge einzeln geprüft werden [57].<br />

In Tabelle 2 sind die wesentlichen Risiken<br />

zusammengefasst und im Konsensus<br />

wurden die Risiken in kleine (grün), mittlere<br />

(gelb) und grosse Risiken (rot) eingeteilt.<br />

Diese Einteilung kann bei der individuellen<br />

Risikoeinschätzung helfen, obwohl<br />

es nicht möglich ist, das Gesamtrisiko<br />

zu quantifizieren. In der Regel sind<br />

die medizinischen Mindestanforderungen<br />

im roten Bereich nicht mehr erfüllt. Wenn<br />

solche Erkrankungen oder Einschrän-<br />

42 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


Perspektiven<br />

Risikoeinschätzung<br />

Anamnese klein mittel hoch<br />

Polizeikontrollen, Verkehrsbussen, Unfälle (letzte 2 Jahre)<br />

X<br />

Beifahrer fühlt sich unsicher<br />

X<br />

Vermeidungsstrategien – Einschränkung Fahrleistung X<br />

Clinical Dementia Rating (CDR)<br />

CDR: 0,5<br />

X<br />

CDR: 1,0<br />

X<br />

CDR: 1,0 X<br />

Alltagsaktivitäten<br />

Leichte Beeinträchtigung IADL<br />

Beeinträchtigung BADL<br />

Mini Mentalstatus<br />

MMSE 24<br />

X<br />

MMSE 22–24<br />

X<br />

MMSE 21 X<br />

Trail Making B Test<br />

Testwert 180 s<br />

X<br />

Testwert 180–200 s<br />

X<br />

Testwert 300 (d.h. nicht mehr durchführbar) X<br />

Sehen<br />

Fernvisus 0,6; Gesichtsfeld 140 Grad; keine Doppelbilder, kein Neglekt X<br />

Fernvisus 0,6<br />

X<br />

Gesichtsfeld 140 Grad<br />

X<br />

Doppelbilder<br />

X<br />

Hemispatialer Neglect X<br />

HWS-Beweglichkeit<br />

Kopfdrehen 45 Grad<br />

Kopfdrehen 45 Grad<br />

Demenzätiologie und Schweregrad<br />

Sehr leichte Alzheimer-Demenz (CDR 0,5; MMSE $24, Trail B 180) X<br />

Leichte Alzheimer-Demenz (CDR 1, MMSE $24, Trail B 180)<br />

X<br />

Frontotemporale Degeneration (Verhaltensvariante)<br />

Lewy Körperchen-Demenz (MMSE $24, Trail B 180)<br />

X<br />

Parkinson-Demenz (MMSE $24, Trail B 180) X<br />

+ zusätzliche demenzassoziierte Komorbiditäten<br />

Impulsiv, aggressiv (z.B. neuropsychiatrisches Interview)<br />

Fehlende Krankheitseinsicht<br />

Tagesschläfrigkeit (Epworth Fragebogen $12)<br />

+ andere verkehrsrelevante Komorbiditäten<br />

Psychotrope Substanzen (ICADTS Stufe $2) (Dauertherapie)<br />

Polypharmazie mit psychotropen Substanzen (Dauertherapie)<br />

Hinweise auf Suchterkrankung (Benzodiazepine, Alkohol)<br />

Diabetes mellitus mit körperlichen Spätfolgen*<br />

Diabetes mellitus mit Hypoglykämie*<br />

Epilepsie (asymptomatisch 12 Monate)**<br />

Synkope (asymptomatisch 6 Monate)<br />

Zerebrovaskulärer Insult 6 Monate<br />

* siehe Richtlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Diabetologie<br />

** siehe Richtlinien der Schweizerischen Liga gegen Epilepsie<br />

Patienten mit hohen Risiken erfüllen die medizinischen Mindestanforderungen i.d.R. nicht mehr. Sie sollten nicht zur Kontrollfahrt<br />

zugelassen werden. Bei Patienten mit Risiken im mittleren, gelben Bereich muss das kumulative Risiko beurteilt werden und Möglichkeiten<br />

zur Minimierung der Risiken durch Therapie geprüft werden. Allenfalls kann eine Kontrollfahrt Klarheit schaffen.<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

X<br />

kungen gefunden werden, sollten diese<br />

mit dem Patienten und den Angehörigen<br />

besprochen werden. Es muss in diesem<br />

Fall eine begründete Empfehlung zum<br />

Verzicht besprochen und auch erklärt werden,<br />

wieso weitere Abklärungen innerhalb<br />

der Memory Clinic nicht sinnvoll sind.<br />

Falls die Betroffenen eine spezialisierte<br />

Zweitmeinung wünschen, ist dies sicherlich<br />

in einer verkehrsme dizinischen Abklärungsstelle<br />

möglich, doch müssen die<br />

Kostenfolgen von den Betroffenen getragen<br />

werden. Um eine unnötige und kostspielige<br />

Wiederholung von Untersuchungen<br />

zu vermeiden, empfiehlt es sich, dem<br />

Patienten den Schlussbericht der Memory<br />

Clinic mitzugeben, damit er diesen bei der<br />

verkehrsmedizinischen Untersuchung<br />

vorlegen kann. Bei Uneinsichtigkeit und<br />

wenn Gefahr im Verzug ist, sollte eine<br />

Meldung an die Strassenverkehrszulassungsbehörde<br />

erwogen werden. Dazu<br />

ist keine Entbindung vom Berufsgeheimnis<br />

notwendig, da der Gesetzgeber ein<br />

Melderecht vorsieht. In einigen Memory<br />

Clinics wird vor einer Meldung das Ergebnis<br />

der Beurteilung und die Empfehlung<br />

des freiwilligen Verzichtes dem Patienten<br />

noch schriftlich mitgeteilt. Falls das Melderecht<br />

in Anspruch genommen wird,<br />

hilft es, die Entscheidung mit dem zuweisenden<br />

Arzt abzusprechen. Falls die Entscheidung<br />

zum Verzicht auf das Autofahren<br />

von den Angehörigen mitgetragen<br />

wird, kann möglicherweise der Zugang<br />

zum Auto eingeschränkt werden (z.B. Abhängen<br />

der Batterie; Verkauf des Autos<br />

u.a.).<br />

Wenn keine grossen Risiken gefunden<br />

werden und der Betroffene weiter Autofahren<br />

möchte, muss das kumulative Risiko<br />

unter der Berücksichtigung der kleinen<br />

und mittleren Risiken besprochen werden.<br />

Allenfalls sind zusätzliche Abklärungen<br />

notwendig oder es bestehen Möglichkeiten,<br />

gewisse Risiken durch Therapie zu<br />

reduzieren (z.B. Katarakt-Operation).<br />

Gewisse Memory Clinics führen zusätzliche<br />

verkehrspsychologische Testungen<br />

durch. Die Evidenz, dass diese bei diagnostizierter<br />

Demenz zur Voraussage der<br />

Tab. 2: Risikoeinschätzung für die<br />

Beurteilung der medizinischen<br />

Mindestanforderungen bei beginnender<br />

Demenz.<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

43


Perspektiven<br />

Fahrsicherheit beitragen, fehlt jedoch<br />

noch. Falls es nicht möglich ist, die Risiken<br />

abschliessend zu beur teilen und die<br />

Fahreignung nicht aus geschlossen ist,<br />

kann eine verkehrs medizinische Untersuchung<br />

z.B. mit spezialärztlich begleiteter<br />

Kontrollfahrt Klarheit schaffen. In jedem<br />

Fall sollte bei Demenz eine Verlaufsuntersuchung<br />

in sechs bis max. zwölf Monaten<br />

eingeplant werden, damit die Auswirkungen<br />

der Krankheitsprogression beurteilt<br />

werden können. Die Konsensusempfehlungen<br />

sind in der Tabelle 3 zusammengefasst.<br />

haben unspezifische Nebenwirkungen<br />

(Schwindel, Übelkeit), die Szenarien sind<br />

nicht standardisiert und die Untersuchungen,<br />

welche für den Schweizer Strassenverkehr<br />

die Leistungen im Simulator mit<br />

Leistungen im Strassenverkehr vergleichen,<br />

fehlen. Mit der Ausbildung von Verkehrsmedizinern<br />

wird die Untersuchung<br />

und Beurteilung der Fahreignung weiter<br />

spezialisiert werden, was den Wissenstransfer<br />

zwischen Verkehrsmedizin und<br />

anderen medizi nischen Disziplinen fördern<br />

wird. In prospektiven klinischen<br />

Studien, die die Fahreignung bei Senioren<br />

mit kognitiver Beeinträchtigung untersuchen,<br />

müssen die noch offenen Fragestellungen<br />

geklärt werden. Wir hoffen, dass<br />

wir durch diese Zusammenstellung des<br />

aktuellen Wissens einen Beitrag zur Vernetzung<br />

des Wissens zwischen verschiedenen<br />

Dis ziplinen und zwischen Therapeuten,<br />

Betroffenen und Angehörigen leisten<br />

können.<br />

Dank<br />

Die Arbeit der Konsensus-Expertengruppe<br />

wurde von der Schweizerischen Alzheimervereinigung<br />

und vom Alz heimer Fo-<br />

Zukünftige Entwicklungen<br />

Viele Fragen bleiben bei der Beurteilung<br />

der Fahreignung offen. Der Abklärungsprozess<br />

sollte weiter vereinheitlicht und<br />

prospektiv evaluiert werden. Es ist erstaunlich,<br />

wie wenig in bisherigen Stu dien<br />

die Kompensationsstrategien und die<br />

Möglichkeiten der Sicherheitsprävention<br />

durch Reduktion des kumulativen Risikos<br />

(z.B. Autofahren mit abgeschaltetem Mobiltelefon,<br />

ohne Alkohol und nur tagsüber)<br />

untersucht wurden. Fahrsimulatoren<br />

sind zurzeit noch nicht geeignet, um<br />

die Fahreignung bei Senioren mit kognitiver<br />

Beeinträchtigung zu beurteilen. Sie<br />

Zusammenfassung<br />

Die Memory Clinics sind auf evidenzbasierte Demenzdiagnostik und Therapie spezialisiert.<br />

Bei der Diagnose Demenz sind sie verpflichtet, erkrankte Motorfahrzeuglenker<br />

über mögliche Beeinträchtigungen im Strassenverkehr aufzuklären. Patienten<br />

und An gehörige brauchen bei dieser schwierigen Fragestellung eine kompetente<br />

Beratung, die das Mobilitätsbedürfnis und die Risiken sorgfältig gegeneinander abwägt.<br />

Der Zeitpunkt der Demenzdiagnose ist nicht zwingend identisch mit dem<br />

Zeitpunkt, an dem die Fahreignung aus medizinischen Gründen nicht mehr gegeben<br />

ist. Für die Entscheidung, ob die medizinischen Mindestanforderungen erfüllt sind,<br />

müssen die Ursache und der Schweregrad der Demenz, die Komorbiditäten und die<br />

Medikation berücksichtigt werden. Im Auftrag des Vereins Swiss Memory Clinics hat<br />

eine Expertengruppe praktische Empfehlungen für die Einschätzung der Fahreignung<br />

in Memory Clinics erarbeitet.<br />

Schlüsselwörter: Memory Clinic – Demenz – Autofahren – Verkehrssicherheit<br />

• Das Memory Kliniken-Team sollte<br />

––<br />

im Rahmen des diagnostischen Prozesses erfassen, ob ein(e) Patient/in Motorfahrzeuglenkerin ist.<br />

––<br />

die Angehörigen in den diagnostischen Prozess einbeziehen, da die Beurteilung der Fahrsicherheit von Dritten von Bedeutung ist.<br />

• Bei einer von der Verkehrszulassungsbehörde angeordneten Untersuchung in einer Memory Klinik ist es zwingend, dem Exploranden das Auftragsverhältnis,<br />

die Kostenfolgen und Verpflichtung der Informationsweitergabe zu erklären.<br />

• Die Diagnose Demenz alleine reicht nicht aus, um die Fahreignung aus medizinischen Gründen zu verneinen. Die Diagnose Demenz sollte zum<br />

Anlass genommen werden, um über die Zukunftspläne beim Autofahren zu sprechen. Demenzen sind progrediente Erkrankungen, die im<br />

Verlauf zu schlechterer Fahrleistung führen und das Unfallrisiko erhöhen. Eine individualisierte Beratung über die Diagnose und deren Auswirkungen<br />

im Strassenverkehr ist sinnvoll, da die meisten Demenzkranken freiwillig auf das Autofahren verzichten. In der Beratung sollten Alternativen<br />

besprochen werden.<br />

• Bei der Beurteilung, ob bei einer beginnenden Demenz die medizinischen Mindestanforderungen erfüllt bleiben, muss<br />

––<br />

die Ursache und der Schweregrad der Demenz berücksichtigt werden, denn Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Demenz erfüllen die<br />

Voraussetzungen für das sichere Lenken von Motorfahrzeugen nicht mehr.<br />

––<br />

die kumulative Morbidität und die Polypharmazie bei der Entscheidung mitberüc ksichtigt werden. Eine Gewichtung der Risiken kann für eine<br />

Entscheidung sehr hilfreich sein, denn je grösser das medizin ische Grundrisiko ist, desto kleiner sind die Leistungsreserven.<br />

––<br />

die Entscheidung im Konsens, interdisziplinär, anlässlich der Diagnosekonferenz getroffen werden und sie muss im Verlauf nach sechs bis zwölf<br />

Monaten überprüft werden.<br />

• Es gibt keinen Goldstandard für die Abklärung und Beurteilung der Fahreignung bei Demenz. Bei Unsicherheiten kann eine zusätzliche verkehrsmedizinische<br />

Untersuchung und/oder eine Kontrollfahrt sinnvoll sein. Letztere darf nur angeordnet werden, wenn die medizinischen<br />

Mindestanforderungen möglicherweise erfüllt sind, also keine Kontraindikationen für das Autofahren bestehen.<br />

• Wenn bei einer Demenz die Krankheitseinsicht fehlt und der Betroffene nicht freiwillig auf das Autofahren verzichtet, liegt es im Ermessen des<br />

behandelnden Arztes/der behandelnden Ärztin, eine Meldung an das Strassenverkehrsamt zu machen. Um dieses Melderecht wahrzunehmen,<br />

ist keine Entbindung vom Berufsgeheimnis notwendig. Es empfiehlt sich, vor einer Meldung dem Patienten schriftlich die Einschätzung zur<br />

Fahreignung mitzuteilen und Rücksprache mit dem zuweisenden Hausarzt zu nehmen. Das Melderecht soll nicht delegiert werden.<br />

Tab. 3: Konsensusempfehlungen (Learningpoints).<br />

44 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


Perspektiven<br />

rum Schweiz finanziell unterstützt. Frau<br />

B. Gilgen unterstützte die Expertengruppe<br />

in administrativen Belangen. Ihnen allen<br />

herzlichen Dank.<br />

Korrespondenzadresse<br />

Prof. Dr. med. Urs P. Mosimann<br />

Direktion Alterspsychiatrie<br />

Universitäre Psychiatrische<br />

Dienste UPD<br />

Murtenstrasse 21<br />

3010 Bern<br />

urs.mosimann@gef.be.ch<br />

Bibliographie<br />

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HP, Grob D, Hiltbrunner B, Martensson B,<br />

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Abstract<br />

Memory Clinics provide evidence based diagnosis and treatment of dementia. Whenever<br />

a diagnosis of dementia is made, it is important to inform the patients about<br />

the possible impact of dementia on driving. Patients and their next of kin require<br />

competent advice whenever this difficult question is addressed and the mobility<br />

desire and the risks related to driving need to be carefully weight up. The time of<br />

diagnosis does not necessarily equate to the time when a person with dementia becomes<br />

an unsafe driver. The cause and severity of dementia, comorbidities and the<br />

current medication need to be carefully taken into account for this decision. On<br />

behalf of the association of the Swiss Memory Cli nics, a group of experts has developed<br />

recommendations to assess fitness to drive in cognitively impaired older adults.<br />

Key words: Memory Clinic – dementia – driving – traffic safety<br />

Résumé<br />

Les cliniques de la mémoire sont spécialisées dans le diagnostic et la thérapie des<br />

démences. Lorsqu’elles posent le diagnostic de démence, elles sont obligées d’informer<br />

les conducteurs de véhicules au sujet des possibles conséquences de la maladie sur la<br />

sécurité routière. La conduite automobile sou lève des questions délicates, surtout quand<br />

il s’agit de pondérer entre le besoin de mobilité du patient et les ris ques associés à la<br />

conduite. De ce fait, les patients et les me<strong>mb</strong>res de la famille ont besoin d’une consultation<br />

et d’informations précises. Le moment du diagnostic d’une démence n’est pas<br />

forcément identique avec celui de l’arrêt de la conduite. La décision quant aux critères<br />

médicaux minimaux pour interdire la conduite est difficile à prendre. Il faut considérer<br />

le type et la sévérité de la démence, les comorbidités et la médication. Sur mandat<br />

de l’association des «Swiss Memory Clinics», un groupe d’experts a développé des<br />

recommandations pratiques pour l’évaluation de la capacité de conduire destinées<br />

aux cliniques de la mémoire. Basées sur l’expérience clinique et l’évidence publiée,<br />

ces recommandations permettent de se faire un jugement plus valable.<br />

Mots-clés: clinique de la mémoire – démences – conduite automobile – sécurité<br />

routière<br />

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45


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R: Driving difficulties in Parkinson's<br />

disease. Mov Disord 2010; 25 Suppl 1: S136-<br />

140.<br />

36 Cubo E, Martinez Martin P, Gonzalez M,<br />

Bergareche A, Campos V, Fernandez JM, Alvarez<br />

M, Bayes A: What contributes to driving<br />

ability in Parkinson’s disease. Disabil Rehabil<br />

2010; 5: 374-378.<br />

37 Amick MM, Grace J, Ott BR: Visual and cognitive<br />

predictors of driving safety in<br />

Parkinson’s disease patients. Arch Clin Neuropsychol<br />

2007; 8: 957-967.<br />

38 Amick MM, D’Abreu A, Moro-de-Casillas ML,<br />

Chou KL, Ott BR: Exces sive daytime sleepiness<br />

and on-road driving performance in<br />

patients with Parkinson’s disease. J Neurol<br />

Sci 2007; 1: 13-15.<br />

39 Stolwyk RJ, Charlton JL, Triggs TJ, Iansek R,<br />

Bradshaw JL: Neuropsychological function<br />

and driving ability in people with Parkinson’s<br />

disease. J Clin Exp Neuropsychol 2006; 6:<br />

898-913.<br />

40 Devos H, Vandenberghe W, Nieuwboer A,<br />

Tant M, Baten G, De Weerdt W: Predictors of<br />

fitness to drive in people with Parkinson<br />

disease. Neurology 2007; 14: 1434-1441.<br />

41 Emre M, Aarsland D, Brown R, Burn DJ,<br />

Duyckaerts C, Mizuno Y, et al.: Clinical diagnostic<br />

criteria for dementia associated with<br />

Parkinson’s disease. Mov Disord 2007; 22:<br />

1689-1707.<br />

42 McKeith IG, Dickson DW, Lowe J, Emre M,<br />

O'Brien JT, Feldman H, et al.: Diagnosis and<br />

management of dementia with Lewy bodies:<br />

third report of the DLB Consortium. Neurology<br />

2005; 12: 1863-1872.<br />

43 Devos H, Akinwuntan AE, Nieuwboer A, Truijen<br />

S, Tant M, De Weerdt W: Screening for<br />

fitness to drive after stroke: a systematic review<br />

and meta-analysis. Neurology 2011; 8:<br />

747-756.<br />

44 Michon JA: A critical view of driver behavior<br />

models: What do we know, what should we<br />

do? Evans L, Schwing RC, editors. New York:<br />

Plenum Press, 1985.<br />

45 Cotrell V, Wild K: Longitudinal study of selfimposed<br />

driving restric tions and deficit<br />

awareness in patients with Alzheimer disease.<br />

Alzheimer Dis Assoc Disord 1999; 3:<br />

151-156.<br />

46 Wild K, Cotrell V: Identifying driving impairment<br />

in Alzheimer disease: a comparison of<br />

self and observer reports versus driving<br />

evalua tion. Alzheimer Dis Assoc Disord 2003;<br />

1: 27-34.<br />

47 Orfei MD, Varsi AE, Blundo C, Celia E, Casini<br />

AR, Caltagirone C, Spalletta G: Anosognosia<br />

in mild cognitive impairment and<br />

mild Alzheimer’s disease: frequency and<br />

neuropsychological correlates. Am J Geriatr<br />

Psychiatry 2010; 12: 1133-1140.<br />

48 Leicht H, Berwig M, Gertz HJ: Anosognosia<br />

in Alzheimer’s disease: the role of impairment<br />

levels in assessment of insight across<br />

domains. J Int Neuropsychol Soc 2010; 3:<br />

463-473.<br />

49 Herrmann N, Rapoport MJ, Sa<strong>mb</strong>rook R,<br />

Hebert R, McCracken P, Robillard A: Predictors<br />

of driving cessation in mild-to-moderate<br />

dementia. CMAJ 2006; 6: 591-595.<br />

50 Cummings JL: The Neuropsychiatric Inventory:<br />

assessing psycho pathology in dementia<br />

patients. Neurology 1997; 5 Suppl 6:<br />

S10-16.<br />

51 Verordnung über die Zulassung von Personen<br />

und Fahrzeugen zum Strassenverkehr<br />

(Verkehrszulassungsverordnung), (1976<br />

[2009]).<br />

52 Gray R, Perkins SA, Suryakumar R, Neuman<br />

B, Maxwell WA: Reduced effect of glare disability<br />

on driving performance in patients<br />

with blue light-filtering intraocular lenses. J<br />

Cataract Refract Surg 2011; 1: 38-44.<br />

53 Desapriya E, Wijeratne H, Subzwari S, Babul-<br />

Wellar S, Turcotte K, Rajabali F, Kinney J,<br />

Pike I: Vision screening of older drivers for<br />

preventing road traffic injuries and fatalities.<br />

Cochrane Database Syst Rev 2011 (3):<br />

CD006252.<br />

54 Lehmann R, Fischer-Taeschler D, Iselin HU,<br />

Pavan M, Pralong F, Seeger R, Suter S: Richtlinien<br />

bezüglich Fahreignung bei Diabetes<br />

mellitus. Schweiz Med Forum 2011; 15: 273-<br />

275.<br />

55 Seeger R, Lehmann R: Fahreignung und<br />

Fahrfähigkeit bei Diabetes mellitus. Therapeutische<br />

Umschau 2011; 5: 249-252.<br />

56 Krämer G, Bonetti C, Despland PA, Markoff<br />

R, Mathis J, Medici V, Meyer K, Seeger R,<br />

Wieser HG: Epilepsie und Autofahren –<br />

Richtlinien zur Fahrtauglichkeit der Verkehrskommission<br />

der Schweizerischen Liga<br />

gegen Epilepsie. Schweizerische Liga gegen<br />

Epilepsie (2006).<br />

57 Seeger R: Verkehrsmedizin in der Grundversorger-Praxis.<br />

Therapeu tische Umschau<br />

2011; 5: 235-241.<br />

58 Mathis J, Seeger R, Kehrer P, Wirtz G: Fahreignung<br />

bei Schläfrigkeit: Empfehlungen für<br />

Ärzte bei der Betreuung von Patienten mit<br />

vermehrter Schläfrigkeit. Schweiz Med Forum<br />

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59 Mitler MM, Doghramji K, Shapiro C: The<br />

maintenance of wakefulness test: normative<br />

data by age. J Psychosom Res 2000; 5: 363-<br />

365.<br />

60. Johns MW: A new method for measuring<br />

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61. Mathis J: Fahreignung bei Tagesschläfrigkeit.<br />

Therapeutische Umschau 2011; 5: 253-<br />

255.<br />

62 Brunnauer A, Laux G, David I, Fric M, Hermisson<br />

I, Moller HJ: The impact of reboxetine<br />

and mirtazapine on driving simulator<br />

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12: 1880-1886.<br />

63 Brunnauer A, Laux G, Geiger E, Soyka M,<br />

Moller HJ: Antidepressants and driving ability:<br />

results from a clinical study. J Clin Psychiatry<br />

2006; 11: 1776-1781.<br />

64 Rapoport MJ, Lanctot KL, Streiner DL, Bedard<br />

M, Vingilis E, Murray B, Schaffer A, Shulman<br />

KI, Herrmann N: Benzodiazepine use<br />

and driving: a meta-analysis. J Clin Psychiatry<br />

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65 Verster JC, Mets MA: Psychoactive medication<br />

and traffic safety. Int J Environ Res Public<br />

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66 Brunnauer A, Laux G, Zwick S: Driving<br />

simulator performance and psychomotor<br />

functions of schizophrenic patients treated<br />

with antipsychotics. Eur Arch Psychiatry<br />

Clin Neurosci 2009; 8: 483-489.<br />

67 Iwersen-Bergmann S, Andresen H, Puschel<br />

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of psychotropic substances by the elderly and<br />

driving accidents. Z Gerontol Geriatr 2009;<br />

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68 Strassenverkehrsgesetz (SVG), (1958).<br />

69 Canadian Medical Association C: Determining<br />

medical fitness to operate motor vehicles.<br />

Association CM, editor. Ottawa: Canadian<br />

Medical Association, 2006.<br />

46 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


Perspektiven<br />

Unglaubliche Fallgeschichten<br />

aus der Medizin<br />

Die PantoFFelbeHAndlung<br />

Genervt vom Kläffen seines Hundes warf der Mann einen Pantoffel nach dem Tier.<br />

Dummerweise traf er stattdessen seine Ehefrau am Auge – woraufhin diese besser sah:<br />

Ihre Welt war mit einem Mal bunter, die Farben leuchteten stärker und das Tageslicht<br />

blendete sie weniger. Der trübe Schleier vor ihrem Auge hatte sich endlich gelüftet, dank<br />

dem beherzten Wurf. Deshalb sah die 86-Jährige auch zunächst keinen Grund, zum Arzt<br />

zu gehen. Als sie nach einer Woche schliesslich doch Augenärzte zurate zog, wurde aus<br />

dem wundersamen Ereignis eine «traumatische Dislokation der Augenlinse» – die Wucht<br />

des fliegenden Pantoffels hatte ihre getrübte Augenlinse aus der Sehachse befördert. Wie<br />

nahezu alle über 65-Jährigen hatte auch die Frau des Pantoffelwerfers grauen Star. Eine<br />

Behandlungsmethode war bereits im alten Babylon bekannt – wenn auch nicht mit dem<br />

Hausschuh, sondern mit einem spitzen Gegenstand. Der «Starstecher» setzte seitlich an<br />

der Augenhornhaut einen Schnitt, schob eine spitze Starnadel bis zur Linse vor und<br />

drückte diese aus der Sehachse nach unten, in den Glaskörper des Auges. Nach getaner<br />

Arbeit machte sich der Operateur tunlichst aus dem Staub, um nicht für die oft folgende<br />

Augeninfektion haften zu müssen. Heute arbeiten die Augenärzte gründlicher: Sie entfernen<br />

meist den vorderen Teil der Linsenkapsel und das trübe Linsenmaterial. Weil die<br />

Linse eine Brechkraft von etwa 18 Dioptrien hat, wird dem Patienten bei der Operation<br />

in der Regel noch eine Kunstlinse eingesetzt, andernfalls wäre er stark weitsichtig. Wird<br />

die Linse nur in den Augenglaskörper verschoben, wie bei der 86-Jährigen, steigt ziemlich<br />

sicher der Druck im Sehorgan, oder es kommt zur Entzündung. Das kann ins Auge<br />

gehen und zur Erblindung führen, auch wenn die Sehkraft sich kurzfristig bessert.<br />

Deshalb rieten die Augenärzte der Seniorin zur Operation. Der Ehemann der Patientin,<br />

der sich ungewollt als Starstecher betätigt hatte, litt übrigens ebenfalls beidseitig am<br />

grauen Star – was vielleicht seine mangelnde Wurfgenauigkeit erklärt. ■<br />

Leserbrief zum Artikel<br />

«Einen Tag lang<br />

PAPst sein» von<br />

Beda M. Stadler (Nr. 6/12)<br />

Hat Herr Stadler tragende Argumente gegen das<br />

Wort Christi? Gegen Jesu APPell an unser Gewissen?<br />

Die Geschichte zeigt, dass die Menschen der Antike trotz ihrer Götter und der Philosophie<br />

weiter jahrhundertelang die Frauen unterdrückten, Sklaverei betrieben und sich im<br />

Kolosseum grausamste Unterhaltungen gönnten. In dieser Welt der Antike waren es die<br />

Christen, die sich als Erste systematisch um die Schwachen und Leidenden der Welt<br />

kümmerten. Langsam und unter Hingabe ihres Lebens bewirkten sie eine Transformation<br />

nicht nur der römischen Gesellschaft. Hin zu mehr Mitmenschlichkeit und Lebensschutz<br />

auch für die Schwachen. Im Teil 3 seiner Ausführungen vergisst Kollege Stadler<br />

auch, dass es die grossen Religionsabschaffer (Stalin, Mao) sowie Judenhasser und<br />

Gegner der Kirche (Nationalsozialisten) waren, die zu den grössten Massenmördern der<br />

Geschichte wurden. Im Jahrhundert zuvor schien dies Dostojewski zu ahnen, als er<br />

feststellte: «Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt.»<br />

Wozu die Ausführungen von Herrn Stadler gut sein sollen, weiss ich nicht. An die zentrale<br />

Botschaft Christi kommt er nicht heran. Und wenn er hier keine besseren Vorschläge<br />

machen kann, dann sollte man ihm auch keine Plattform geben, seinen Religionshass<br />

zu befriedigen.<br />

Artikel wie der von Herrn Stadler sollten Sie in Ihrer Zeitschrift künftig nicht mehr<br />

abdrucken. Sie sind eine Beleidigung.<br />

Beat Meister, Hochdorf<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

47


mediservice <strong>VSAO</strong>-asmac<br />

Briefkasten<br />

Iris Pignone,<br />

Versicherungsberaterin<br />

MEDISERVICE <strong>VSAO</strong>-ASMAC<br />

Ich habe vor kurzem neue, recht kostspielige Ski gekauft. Im Sportgeschäft<br />

hat man mir angeboten, eine Versicherung gegen Diebstahl und<br />

Skibruch abzuschliessen. Lohnt sich das?<br />

In der Regel lohnen sich diese Versicherungen nicht. Diebstähle von Ski oder Snowboards<br />

ausserhalb der eigenen Wohnung fallen in die Kategorie «einfacher Diebstahl auswärts».<br />

Solche Vorkommnisse werden von der Zusatzversicherung zur Hausratversicherung<br />

abgedeckt. 80 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer haben eine solche Zusatzversicherung<br />

abgeschlossen. Allerdings bleibt oft ein Selbstbehalt von 200 Franken zu<br />

zahlen. Ausserdem wird vielfach nicht der Neuwert zurückerstattet, sondern der Zeitwert,<br />

meist mit einer Obergrenze von 2000 Franken. Es gibt indes Versicherungen, wie beispielsweise<br />

die Zurich Connect, bei denen man die Ski auch zum Neuwert versichern<br />

kann. Bei sehr kostspieligen Anschaffungen lohnt es sich deshalb, die bestehende Police<br />

zu überprüfen oder bei der Versicherung nachzufragen. Was den zweiten Schadensfall,<br />

den Skibruch, angeht, zahlt die Hausratversicherung nicht. Diese Fälle sind jedoch<br />

ausserordentlich selten.<br />

Obwohl in den letzten Jahren die Zahl der Skidiebstähle rückläufig ist, empfehlen sich<br />

gewisse Vorsichtsmassnahmen. Man sollte sein Ski oder das Snowboard kennzeichnen,<br />

die Kaufquittung aufbewahren und sich Marke, Farbe, Länge etc. notieren. Im Verlustfall<br />

sollte man möglichst schnell Anzeige bei der Polizei erstatten und hierfür sind genaue<br />

Angaben nötig. Im Weiteren sollte man abschliessbare Skiträger haben und die<br />

Hoteleigenen Skikeller sollten ebenfalls abschliessbar sein. Unter Umständen lohnt sich<br />

die Anschaffung eines Skidiebstahlverhütungssystems. Diese Systeme sind einfach zu<br />

handhaben und können auch für Snowboards benutzt werden. Beim Aufenthalt in<br />

Berghütten empfiehlt es sich, seine Skis im Blick zu haben oder sie getrennt an verschiedenen<br />

Orten zu deponieren. Denn selbst wenn die Versicherung den Schaden deckt, bleibt<br />

doch der Ärger und unter Umständen ein mühsamer Abstieg zu Fuss ins Tal.<br />

Haben Sie Fragen? Rufen Sie uns an unter 031 350 44 22, oder senden Sie uns eine<br />

E-Mail an info@mediservice-vsao.ch.<br />

■<br />

48 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


mediservice VsAO-asmac<br />

Praxiseröffnung:<br />

Starthilfe für Neueinsteiger<br />

Der Start ins selbstständige Erwerbsleben ist für Ärztinnen und Ärzte oft wie ein Sprung ins kalte<br />

Wasser. Bereits in der Vorbereitungsphase einer Praxiseröffnung sind unzählige Entscheidungen zu<br />

fällen, welche die weitere Entwicklung massgeblich beeinflussen. Um den Einstieg zu erleichtern,<br />

gibt es spezielle Praxiseröffnungsseminare, wie zum Beispiel PraxiStart. Diese Seminare liefern Neueinsteigern<br />

die wichtigsten Entscheidungsgrundlagen und weisen auf mögliche Stolpersteine hin.<br />

Irgendwann stellt sich jede Ärztin<br />

und jeder Arzt die Frage<br />

nach der langfristigen beruflichen<br />

Perspektive. Viele entscheiden<br />

sich für den Schritt in<br />

die Selbstständigkeit. Da sie die<br />

nötige Ausbildung, Berufserfahrung<br />

und Motivation mitbringen,<br />

sind die Voraussetzungen für den<br />

unternehmerischen Erfolg ausgezeichnet.<br />

Dennoch ist der Einstieg schwierig, denn<br />

die Eröffnung einer eigenen Praxis verlangt<br />

auch viele betriebswirtschaftliche<br />

Entscheidungen, ein Gebiet, mit dem angehende<br />

frei Praktizierende in der Regel<br />

nicht allzu vertraut sind.<br />

Die richtige Wahl ist<br />

entscheidend<br />

Wer in Erwägung zieht, eine eigene Praxis<br />

zu eröffnen, sollte sich deshalb vorgängig<br />

über die richtige Vorgehensweise informieren.<br />

Worauf ist zu achten? In welcher Reihenfolge<br />

müssen Entscheidungen, wie die<br />

Wahl des Laborpartners oder der Abschluss<br />

der nötigen Versicherungen für Praxis und<br />

Personal gefällt werden? Die Suche nach<br />

einem Treuhänder, der mit den unternehmerischen<br />

Besonderheiten des Gesundheitswesens<br />

vertraut ist, gehört genauso zu<br />

den Vorbereitungen wie die Finanzplanung,<br />

die Altersvorsorge, die Organisation<br />

der Buchhaltung und die EDV-Einrichtung.<br />

Jeder einzelne dieser Bereiche verlangt<br />

einiges an Fachwissen, so dass man<br />

leicht die Übersicht verlieren kann.<br />

Fokus auf die<br />

Kernkompetenz<br />

Werden in dieser Startphase Fehlentscheidungen<br />

getroffen, kann das schnell ins<br />

Geld gehen. Die medizinische Fachkompetenz<br />

allein ist noch kein Garant für die<br />

erfolgreiche Führung einer Praxis. Deshalb<br />

laufen junge Ärzte gerne Gefahr, zu<br />

Beginn ihrer Praxistätigkeit hohe Verluste<br />

verbuchen zu müssen und zu wenig Zeit<br />

für ihre Kernaufgaben zu haben. Vor allem<br />

die Praxisadministration ist ein aufwendiger<br />

Bereich, der aber keinen Ertrag<br />

abwirft. Um die Praxisadministration in<br />

den Griff zu bekommen, wenden sich viele<br />

Neueinsteiger an spezialisierte Unternehmen<br />

im Bereich Finanz- und Administrationsdienstleistungen,<br />

die massgeschneiderte<br />

Dienstleistungen und Beratung<br />

für Arztpraxen bieten.<br />

Überblick verschaffen<br />

Neueinsteiger können sich an den Praxiseröffnungsseminaren<br />

PraxiStart einen<br />

ersten Überblick verschaffen, was die Eröffnung<br />

einer eigenen Praxis beinhaltet.<br />

Vertreter führender Unternehmen im<br />

Gesundheitswesen informieren gezielt<br />

über die verschiedenen medizinischen<br />

und betriebswirtschaftlichen Aspekte einer<br />

Arztpraxis und weisen auf mögliche<br />

Schwierigkeiten hin. Angehende Praxisinhaberinnen<br />

und -inhaber können sich<br />

so in kurzer Zeit ein konkretes Bild machen,<br />

welche Voraussetzungen für die<br />

Eröffnung einer eigenen Praxis erfüllt<br />

sein müssen und was es braucht, um die<br />

Praxis erfolgreich zu führen. ■<br />

Fokus auf die Kernkompetenz PraxiStart<br />

Abendseminare<br />

16. Mai 2013, Hotel Au Premier, Zürich<br />

19. Septe<strong>mb</strong>er 2013, Hotel Au Premier, Zürich<br />

Donnerstag, jeweils von 17.30 bis 21.30 Uhr, inklusive Apéro<br />

Tagesseminare<br />

13. April 2013, Hotel Au Premier, Zürich<br />

4. Mai 2013, Hotel Bern, Bern<br />

Samstag, jeweils von 10.00 bis 14.30 Uhr, inklusive Stehlunch<br />

Kosten<br />

Bei der Anmeldung wird eine Gebühr von 50 Franken in Rechnung gestellt, welche<br />

am Seminartag zurückerstattet wird.<br />

Anmeldungen auf praxistart.ch<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

49


mediservice <strong>VSAO</strong>-asmac<br />

«Das SWicA Care-Management<br />

war meine Rettung»<br />

Dauerbelastung, psychischer und physischer Stress verursachten bei der dreifachen, alleinerziehenden<br />

Mutter Sabine L.* ein Burnout. Verzweifelt wandte sie sich an das Care-Management von SWicA –<br />

und fand ihren Weg zurück ins Leben.<br />

Der turbulente Alltag als Mutter dreier<br />

Teenager kann Sabine L.* nichts mehr<br />

anhaben. Im Gegenteil – sie geniesst ihre<br />

Kinder und freut sich auf den neuen Job,<br />

den sie in Kürze antreten wird. «Mein Elan<br />

ist zurück!», strahlt die zierliche 46-jährige<br />

Hotelfachfrau. An diesem Dienstagvormittag<br />

sitzt sie in der Küche ihrer gemütlichen<br />

Wohnung in einem Zürcher Aussenquartier,<br />

nippt ab und zu an ihrem Kaffee<br />

und lässt die vergangenen Jahre Revue<br />

passieren. «Erschöpfung gehörte eigentlich<br />

zu meinem Leben, seit ich mich erinnern<br />

kann», sagt sie. «Alle meine Schwangerschaften<br />

waren schwierig, vor allem<br />

aber diejenige mit meiner jüngsten Tochter,<br />

die als Folge der Komplikationen<br />

schliesslich fünf Wochen zu früh zur Welt<br />

kam.» Zwei grössere Kinder hatte Sabine<br />

L. zu jenem Zeitpunkt bereits: Jonas * , ihr<br />

anstrengender Ältester mit einem diagnostizierten<br />

ADHS, und Rebecca * , die Mittlere.<br />

«Meine Kleinste, Laura * , war ein typisches<br />

Schreibaby – sie weinte drei Monate lang<br />

praktisch Tag und Nacht durch.»<br />

Die Belastungsgrenze<br />

überschritten<br />

Als Laura sechs Monate alt war, nahm<br />

Sabine L. auch ihre Arbeit in einem grossen<br />

Zürcher Hotel wieder auf. «Der Job war<br />

für mich einerseits mit einem grossen<br />

organisatorischen Spagat verbunden, ermöglichte<br />

mir aber andererseits etwas<br />

Auszeit vom aufreibenden Familienalltag»,<br />

erklärt Sabine L. Ein Alltag, der<br />

immer mehr von der Hyperaktivität ihres<br />

Sohnes beherrscht wurde: «Als Jonas in<br />

die Mittelstufe kam, gab es für ihn und<br />

uns nur noch eine Lösung, und die hiess<br />

Internat.» Eine schwere Zeit, gerade für<br />

die Mutter, die sich vom Umfeld weder<br />

getragen noch unterstützt fühlte: «Unterschwellig<br />

hat man mir zu spüren gegeben,<br />

dass ich als Mutter versagt hatte.» Durch<br />

den teuren Internatsaufenthalt von Jonas<br />

kam die Familie in grosse Geldnot. Ihren<br />

beiden Töchtern eine gute Mutter zu sein,<br />

Jonas an den Wochenenden ein liebevolles<br />

Umfeld zu bieten, der Teilzeitjob, die Geldsorgen<br />

– all das kostete Sabine L. Kraft,<br />

viel Kraft. Doch es kam noch schlimmer:<br />

Sabine L. entdeckte per Zufall, dass ihr<br />

Mann fremdging. Die darauffolgenden<br />

Monate waren geprägt von Ehetherapie,<br />

Trennung, Versöhnung, erneuter Trennung,<br />

Wohnungswechsel, aufreibendem<br />

Scheidungskrieg und vom Verlust des eigenen<br />

Arbeitsplatzes. Völlig erschöpft bat<br />

sie ihre Ärztin um eine Auszeit und verbrachte<br />

schliesslich drei Monate stationär<br />

in einer Klinik. «Diese drei Monate haben<br />

mir gutgetan», sagt Sabine L., «doch die<br />

Probleme waren bei meiner Rückkehr auf<br />

einen Schlag alle wieder da.» Schnell war<br />

sie wieder so ausgelaugt wie vor dem Klinikaufenthalt,<br />

und als Jonas etwas später<br />

die Schule schmiss, war es um Sabine L.s<br />

Gesundheit geschehen.<br />

Soforthilfe vonnöten<br />

Sabine L. wusste: Sie brauchte Hilfe, und<br />

zwar schnell. Verzweifelt wandte sie sich an<br />

verschiedene Stellen und Organisationen,<br />

sogar im Frauenhaus rief sie an. Ergebnislos.<br />

«Wo ich auch anrief, bekam ich nur<br />

Mitleid oder die Bestätigung, dass meine<br />

Situation wirklich schlimm sei», sagt Sabine<br />

L., «ich wurde aber überall aus Zeitoder<br />

Platzmangel vertröstet, die dringend<br />

notwendige Soforthilfe bekam ich von<br />

niemandem.» In ihrer Hoffnungslosigkeit<br />

wandte sie sich an das Care-Management<br />

von SWICA. «Meine Rettung!», wie Sabine<br />

L. erklärt. Karin Molnár, Leiterin des Care-<br />

Managements von SWICA in Zürich und<br />

verantwortlich für Sabine L., bestätigt:<br />

«Ich kann mich gut an jenen Anruf erinnern<br />

– Frau L. war aufgelöst und überfordert.<br />

Sie wusste nicht mehr weiter und<br />

machte einen sehr erschöpften und müden<br />

Eindruck.» Karin Molnár kümmerte sich<br />

um eine schnelle Lösung, damit Sabine L.<br />

entlastet werden konnte. Die Möglichkeit,<br />

mit den beiden Töchtern sofort in eine<br />

Mutter-Kind-Kur zu verreisen, scheiterte<br />

daran, dass Sabine L. ihren Sohn hätte<br />

alleine zu Hause lassen müssen – unmöglich<br />

in jener Situation.<br />

Hilfe vor Ort<br />

Die SWICA Care-Managerin schlug aufgrund<br />

ihrer Analyse der Situation von<br />

Sabine L. ein Burnout-Coaching bei<br />

Brainjoin Zürich vor, einer Institution, die<br />

Menschen in Krisensituationen unterstützt<br />

und sie auf ihrem Weg zur Wiederherstellung<br />

ihrer Lebensqualität begleitet.<br />

Für Sabine L. genau das Richtige, die sich<br />

schon nach kurzer Zeit zeigte. Karin<br />

Molnár: «Die Ko<strong>mb</strong>ination von Gespräch<br />

und Coaching ist ideal. Frau L. konnte sich<br />

gut darauf einlassen, sie fühlte sich begleitet<br />

und konnte ihre Alltagsprobleme bei<br />

Brainjoin thematisieren.» Die unmittelbare<br />

Bewältigung dieser Schwierigkeiten<br />

sieht die SWICA Care-Managerin auch als<br />

grossen Vorteil gegenüber einem stationären<br />

Aufenthalt. «Für Patienten, die in einem<br />

‹geschützten› Rahmen sind, ist es ein<br />

schwieriger Schritt, in den Alltag zurückzukehren.»<br />

Verallgemeinert könne aber<br />

nicht werden, erklärt Karin Molnár. Hier<br />

muss das SWICA Care-Management-Team<br />

genau herausspüren, was der Kundin,<br />

dem Kunden besser hilft. Bei Zwischengesprächen<br />

mit Kunden und Therapeuten<br />

vergewissern sich die Care-Managerinnen<br />

und Manager zudem laufend, ob die Therapie<br />

wirkt und so weitergeführt werden<br />

kann oder ob Anpassungen vorgenommen<br />

werden müssen. Sabine L. hat bei Brainjoin<br />

unter anderem gelernt, bei Schwierigkeiten<br />

erst einmal einen Schritt zurückzutreten<br />

und diese aus etwas Distanz zu<br />

betrachten. Oft erkennt sie dann Lösungswege,<br />

auf die sie so mittendrin gar nicht<br />

gekommen wäre. «Ich bin auch mutiger<br />

im Ausprobieren von neuen Pfaden geworden»,<br />

sagt Sabine L. stolz, «und weiss inzwischen,<br />

dass ich Hilfe nicht nur an-<br />

50 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013


mediservice Vsao-asmac<br />

nehmen darf, sondern sogar muss.» Und<br />

welchen Eindruck hat Karin Molnár heute,<br />

ein paar Monate nach Therapiebeginn,<br />

von Sabine L.? «Frau L. wirkt heute motiviert,<br />

positiv und gefestigt und kann ihre<br />

Ziele selbst definieren. Sie lässt sich von<br />

Rückschlägen nicht mehr sofort in die<br />

Enge treiben, sondern weiss die vielen hilfreichen<br />

Tipps von Brainjoin anzuwenden.<br />

Frau L. weiss aber auch, dass sie noch viel<br />

an sich arbeiten muss und nun nicht einfach<br />

gesund ist.» Inzwischen ist es Mittag<br />

geworden, Sabine L. verschwindet in der<br />

Küche und bereitet für sich und ihre Kinder<br />

eine Gemüselasagne zu. Beim Rüsten<br />

betont sie noch einmal, wie dankbar sie<br />

SWICA sei: «Die SWICA Care-Managerinnen<br />

und -Manager sind Frauen und Männer<br />

der Tat – einfach genial!» ■<br />

*Name geändert<br />

publix.ch<br />

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die besseren Arzt-Stellen<br />

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Nr. 1 Februar 2013<br />

6.1.2009 16:17:45 Uhr<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC 51


publix.ch<br />

Zentrale Anlaufstelle:<br />

031 350 44 22<br />

www.mediservice-vsao.ch<br />

Neues Beratungskonzept<br />

Mit der Neuausrichtung wurde die Dienstleistungsorganisation<br />

MEDISERVICE <strong>VSAO</strong>-ASMAC leistungsstärker.<br />

Die Beratungsleistungen werden neu nach<br />

Komplexität differenziert sowie konsequenter auf die<br />

Bedürfnisse der Mitglieder ausgerichtet. Ein Teil der<br />

Leistungen wird verstärkt intern erbracht. Die Anzahl<br />

der offiziellen, externen Beratungspartner wurde reduziert<br />

und der Status der verbleibenden aufgewertet.<br />

Die Beratungspartner müssen hohe Qualitätsanforder<br />

ungen hinsichtlich Kundenorientierung und Beratungsethik<br />

erfüllen.<br />

Zentrale Anlaufstelle<br />

Das Ziel von MEDISERVICE <strong>VSAO</strong>-ASMAC ist es,<br />

seine Mitglieder in sämtlichen Lebensphasen zu begleiten.<br />

Für alle Fragen rund um die Dienstleistungen<br />

können sich die Mitglieder direkt an Telefonnummer<br />

031 350 44 22 wenden. Ausserhalb der üblichen<br />

Bürozeiten ist die Geschäftsstelle per E-Mail<br />

info@mediservice-vsao.ch erreichbar. Die Anfragen<br />

werden wenn möglich sogleich beantwortet, umfassendere<br />

Beratungsanfragen werden mit Einverständnis<br />

des Mitglieds an den zuständigen Beratungspartner<br />

wei tergeleitet. Eine der zentralen Zielsetzungen<br />

ist es, die Zeit spanne zwischen Anfrage und Antwort<br />

kurz zu halten.<br />

Kosten sparen<br />

Der interne Service von MEDISERVICE <strong>VSAO</strong>-ASMAC<br />

hat unter anderem die Aufgabe, den Mitgliedern<br />

beim Sparen zu helfen. Zum Beispiel können mit<br />

dem «Versicherungs-Check-up» bestehende Versicherungsverträge<br />

auf kostengünstigere Alternativen<br />

überprüft wer den. Dank Kollektiv- und Rahmenverträgen<br />

mit nam haften Versicherungsgesellschaften<br />

kann MEDISERVICE <strong>VSAO</strong>-ASMAC attraktive Angebote<br />

anbieten.<br />

Beratung in allen Lebenslagen<br />

Beratungspartner<br />

• Academix Consult AG<br />

• R.C. Pont Assurances s.à.r.l<br />

• NEUPA Beratungs AG<br />

Versicherungspartner<br />

• Allianz Suisse<br />

• Assura<br />

• CONCORDIA<br />

• EGK-Gesundheitskasse<br />

• Groupe Mutuel<br />

• Helvetia<br />

• Innova<br />

• Sanitas<br />

• Schweizerische<br />

Ärzte-Krankenkasse<br />

• SWICA<br />

• Sympany<br />

• VAUDOISE<br />

• Visana<br />

• Winterthur ARAG<br />

• Zurich<br />

• Zurich Connect<br />

Kompetente, neutrale Beratung<br />

Bei komplexen Versicherungs-, Vorsorge- und Steuerfragen<br />

werden die Mitglieder von der Geschäftsstelle<br />

MEDISERVICE <strong>VSAO</strong>-ASMAC an den entsprechenden<br />

Beratungspartner vermittelt. Ein etwa einstündiges<br />

Erstgespräch ist für die Mitglieder kostenlos. Dank<br />

den Zusammenarbeitsverträgen von MEDISERVICE<br />

<strong>VSAO</strong>-ASMAC mit den jeweiligen Beratungspartnern<br />

kann sichergestellt werden, dass die Beratung kompetent<br />

und neutral erfolgt. Die Beratungsstellen sind<br />

berechtigt, für ihre Beratungsdienstleistungen ein<br />

Aufwand-Honorar zu vereinbaren. Bestehende Verträge<br />

mit den ehemaligen Beratungspartnern sind<br />

von dieser Neuorientierung nicht betroffen.<br />

Frei Praktizierende<br />

Auf dem Weg in die berufliche Selbstständigkeit oder<br />

für eine gezielte Nachfolgeplanung stehen die Beratungspartner<br />

ebenfalls als kompetente Spezialisten<br />

zur Verfügung. Durch die verschiedenen attraktiven<br />

Versicherungs- und Dienstleistungsangebote für frei<br />

praktizierende Ärztinnen und Ärzte lohnt sich die<br />

Mitgliedschaft weiterhin.<br />

Bahnhofplatz 10 A, Postfach 7255, 3001 Bern<br />

Telefon 031 350 44 22, Fax 031 350 44 29<br />

info@mediservice-vsao.ch, www.mediservice-vsao.ch<br />

transparent – exklusiv – massgeschneidert<br />

Peter Scheidegger<br />

stv. Geschäftsführer/<br />

Leiter Versicherungen


mediservice Vsao-asmac<br />

Pensionskasse – neue Hürden bei<br />

der Steuerplanung<br />

Die berufliche Vorsorge ist in der Steuerplanung ein gerne eingesetztes Mittel. Allerdings ist der<br />

Planungsspielraum in der zweiten Säule über die Jahre durch Gesetzgeber und Gerichtspraxis stetig<br />

eingeschränkt worden, worauf ich bereits im <strong>VSAO</strong>-<strong>Journal</strong> 3/2011 hingewiesen hatte. Inzwischen<br />

sind aufgrund verschiedener Gerichtsentscheide weitere Planungshürden entstanden, die es zu beachten<br />

gilt, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden.<br />

von Werner A. Räber<br />

der wesentlich reduzierten Steuer auf Kapitalleistungen<br />

– unterworfen würde.<br />

Die Aufnahme einer selbstständigen Erwerbstätigkeit<br />

ist einer der im Gesetz verankerten<br />

Auszahlungsgründe. Dabei ist<br />

der Bezug nicht nur bei der Aufnahme<br />

selber möglich, sondern auch später, sofern<br />

das Geld für betriebliche Investitionen<br />

verwendet wird. Gemeinhin ging man<br />

davon aus, dass die Pensionskassen die<br />

notwendige Überprüfung machen und<br />

dieser Entscheid dann auch für die Steuerbehörden<br />

verbindlich ist. In der Praxis<br />

nehmen gewisse Steuerverwaltungen nun<br />

eine eingehende Nachprüfung vor und<br />

handeln dann entsprechend. In einem<br />

konkreten Fall, in dem die Selbstständigkeit<br />

geplant, aber nicht umgesetzt wurde,<br />

hat das angerufene Bundesgericht Folgendes<br />

festgehalten: «Wenn eine Barauszahlung<br />

zu Unrecht erfolgt ist, weil der Empfänger<br />

in casu zu keinem Zeitpunkt selbstständig<br />

erwerbstätig war, ist deren Besteuerung<br />

zusammen mit dem übrigen<br />

Einkommen zum ordentlichen Steuertarif<br />

vorzunehmen. Es ist nicht Aufgabe des<br />

Steuerrechts, ein den Zweck der Vorsorge<br />

gefährdendes Verhalten zu unterstützen<br />

und rechtswidrig bezogene Leistungen<br />

aus Vorsorgeeinrichtungen steuerlich zu<br />

begünstigen.» In einem anderen Fall verneinte<br />

die Steuerverwaltung entgegen der<br />

Beurteilung durch die Pensionskasse den<br />

betrieblichen Investitionsgrund und forderte<br />

den Steuerpflichtigen zur Rückzahlung<br />

des bezogenen Kapitals auf. ■<br />

Die meisten Pensionskassenreglemente<br />

sehen heute die Möglichkeit des vollständigen<br />

Kapitalbezugs vor, wodurch die steuerlich<br />

abzugsfähigen Einkäufe besonders<br />

interessant geworden sind. Oft wird aber<br />

verlangt, dass dieser Bezug innert einer<br />

gewissen Frist, meist drei Jahre, bei der<br />

Kasse voranzumelden ist. In der Praxis<br />

zeigen sich die Pensionskassen in der Regel<br />

jedoch grosszügig und genehmigen Kapitalauszahlungen<br />

auch ohne Einhaltung<br />

der reglementarischen Frist. Dies wurde<br />

einem Steuerpflichtigen unlängst zum<br />

Verhängnis. Die Steuerrekurskommission<br />

des Kantons Zürich hatte diesbezüglich<br />

entschieden, dass die reglementwidrig erfolgte<br />

Kapitalleistung rückgängig zu machen<br />

und das Vorsorgeguthaben als Rente<br />

zu beziehen sei. Das Nichtbefolgen dieser<br />

Aufforderung hätte zur Folge, dass der Bezug<br />

der ordentlichen Steuer – und nicht<br />

Kein Verlass auf Auskünfte der Pensionskasse<br />

In der Praxis zeigen sich die Pensionskassen gewöhnlich kundenfreundlich und<br />

legen ihre eigenen Reglemente entsprechend zugunsten der Versicherten aus. Leider<br />

haben einzelne Steuerverwaltungen inzwischen angefangen, bestimmte Sachverhalte<br />

im Detail nachzuprüfen und gegebenenfalls Auszahlungsverfügungen der<br />

Pensionskassen umzustossen. Mit verheerenden Folgen für die Versicherten. In solchen<br />

Fällen bleiben nur die Alternativen, entweder das bezogene Vorsorgeguthaben<br />

wieder einzuzahlen oder dann darauf die ordentliche Einkommenssteuer zu entrichten.<br />

Bei der direkten Bundessteuer zum Beispiel ist der ordentliche Tarif das<br />

Fünffache des Vorsorgetarifs.<br />

Nr. 1 Februar 2013<br />

<strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC<br />

53


Impressum<br />

Kontaktadressen der sektionen<br />

Nr. 1 • 32. Jahrgang • Februar 2012<br />

Herausgeber/Verlag<br />

AG<br />

<strong>VSAO</strong> Sektion Aargau, Geschäftsstelle: lic. iur. Eric Vultier,<br />

Auf der Mauer 2, 8001 Zürich, vultier@schai-vultier.ch,<br />

Telefon 044 250 43 23, Fax 044 250 43 20<br />

MEDISERVICE <strong>VSAO</strong>-ASMAC<br />

Bahnhofplatz 10 A, Postfach 7255, 3001 Bern<br />

Telefon 031 350 44 88, Fax 031 350 44 89<br />

journal@vsao.ch, journal@asmac.ch<br />

www.vsao.ch, www.asmac.ch<br />

Im Auftrag des <strong>VSAO</strong><br />

Redaktion<br />

Catherine Aeschbacher (Chefredaktorin/ca),<br />

Christiane Arnold, Jan Vontobel (jv),<br />

Sophie Yammine (sy), Lukas Staub (ls)<br />

BL/BS<br />

BE<br />

FR<br />

<strong>VSAO</strong> Sektion beider Basel,<br />

Geschäftsleiterin und Sekretariat: lic. iur. Claudia von Wartburg, Advokatin,<br />

Hauptstrasse 104, 4102 Binningen, Telefon 061 421 05 95,<br />

Fax 061 421 25 60, sekretariat@vsao-basel.ch, www.vsao.basel.ch<br />

<strong>VSAO</strong> Sektion Bern, Geschäftsführerin: Rosmarie Glauser, Fürsprecherin,<br />

Schwarztorstrasse 22, 3007 Bern, Telefon 031 381 39 39, Fax 031 381 82 41,<br />

bern@vsao.ch, www.vsao-bern.ch<br />

ASMAF Section Fribourg, case postale, 1708 Fribourg,<br />

webmaster@asmaf.ch, www.asmaf.ch<br />

GE Associations des Médecins d’Institutions de Genève, Postfach 23,<br />

Rue Gabrielle-Perret-Gentil 4, 1211 Genf 14, amig@amig.ch, www.amig.ch<br />

Geschäftsausschuss <strong>VSAO</strong><br />

Daniel Schröpfer, Präsident<br />

Raphael Stolz, Vizepräsident<br />

Christoph Bosshard, Marie-Claire Desax, Guillaume<br />

Favre, Lars Frauchiger, Gert Printzen, Nicola<br />

Rüegs egger (swimsa), Miodrag Savic, Urs Sieber,<br />

Ryan Tandjung, Kristina Tänzler, Sonja Trüstedt,<br />

Marino Urbinelli<br />

GR<br />

JU<br />

NE<br />

<strong>VSAO</strong> Sektion Graubünden, Geschäftsstelle: Postfach 697, 7002 Chur,<br />

Telefon 078 880 81 64, info@vsao-gr.ch<br />

ASMAC Sektion Jura, Dr. med. Carlos Munoz,<br />

Chemin des Vauches 7, 2900 Porrentruy, Telefon 032 465 65 65,<br />

cfmunoz@bluewin.ch<br />

amine@asmac.ch<br />

Druck, Herstellung und Versand<br />

Stämpfli Publikationen AG<br />

Wölflistrasse 1, CH-3001 Bern<br />

Telefon +41 31 300 66 66, info@staempfli.com<br />

www.staempfli.com<br />

Layout: Tom Wegner<br />

Inserate<br />

Axel Springer Schweiz AG, Fachmedien<br />

Förrlibuckstrasse 70, Postfach, 8021 Zürich<br />

Telefon 043 444 51 02, Fax 043 444 51 01<br />

vsao@fachmedien.ch<br />

Auflagen<br />

21 075 Expl. Druckauflage<br />

20 428 Expl. WEMF-geprüft 2012<br />

Erscheinungshäufigkeit: 6 Hefte pro Jahr.<br />

Für <strong>VSAO</strong>-Mitglieder im Jahresbeitrag inbegriffen.<br />

ISSN 1422-2086<br />

Ausgabe Nr. 2/2013 erscheint im April 2013.<br />

Thema: Ausland<br />

© 2013 by <strong>VSAO</strong>, 3001 Bern<br />

Printed in Switzerland<br />

SG/AI/AR <strong>VSAO</strong> Sektion St.Gallen-Appenzell, Geschäftsstelle: lic. iur. Eric Vultier,<br />

Auf der Mauer 2, 8001 Zürich, vultier@schai-vultier.ch,<br />

Telefon 044 250 43 23, Fax 044 250 43 20<br />

SO<br />

TI<br />

TG<br />

VD<br />

VS<br />

<strong>VSAO</strong> Sektion Solothurn, Geschäftsstelle: lic. iur. Eric Vultier,<br />

Auf der Mauer 2, 8001 Zürich, vultier@schai-vultier.ch,<br />

Telefon 044 250 43 23, Fax 044 250 43 20<br />

ASMACT, Associazione Medici Assistenti e Capiclinica<br />

Ticinesi, Avv. Marina Pietra Ponti, Viale S. Franscini 17,<br />

6904 Lugano, telefono 091 922 95 22, fax 091 923 61 71,<br />

pietraponti@ticino.com<br />

<strong>VSAO</strong> Sektion Thurgau, Geschäftsstelle: lic. iur. Eric Vultier,<br />

Auf der Mauer 2, 8001 Zürich, vultier@schai-vultier.ch,<br />

Telefon 044 250 43 23, Fax 044 250 43 20<br />

ASMAV, case postale 9, 1011 Lausanne-CHUV,<br />

www.asmav.ch, asmav@asmav.ch<br />

ASMAVAL, Jessika Mermoud,<br />

rte de Chippis 55a, 1950 Sion, jessika.mermoud@hopitalvs.ch<br />

Zentralschweiz<br />

<strong>VSAO</strong> Sektion Zentralschweiz, Geschäftsstelle: lic. iur. Eric Vultier,<br />

Auf der Mauer 2, 8001 Zürich, vultier@schai-vultier.ch,<br />

Telefon 044 250 43 23, Fax 044 250 43 20<br />

Gütesiegel Q-Publikation<br />

des Verbandes Schweizer Medien<br />

ZH<br />

Zürcher Spitalärzte und Spitalärztinnen <strong>VSAO</strong>, Dr. R. M. Reck,<br />

Bahnhofstrasse 3, 8610 Uster, Telefon 044 941 46 78, Fax 044 941 46 67,<br />

info@vsao-zh.ch, www.vsao-zh.ch<br />

54 <strong>VSAO</strong> JOURNAL ASMAC Nr. 1 Februar 2013

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