Album von Riga. I fünfundzwanzig Stahlstiche aus den funfzehn ...

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Album von Riga. I fünfundzwanzig Stahlstiche aus den funfzehn ...

Album von Riga.Ifünfundzwanzig Stahlsticheaus den funfzehn Jahrgängen des RigaschenAlmanachsUnter Benutzung der dort gegebenen Erklärungen miterläuterndem Texte versehenvonN. AsmußMga.Iru^ nnä Vcrkag von U, F, Hi^ei,1871.


Bon ber Censur erlaubt. Riga, ben 27. September 1871.


InhaltDa« R»thh»u« in Rig» Seite l.Di« Gilben Rig»'« und da« Hau« der Marien» oder großen Gilde „ 5.Da« Hau« der St, loh»nni«-Gilde „ il.Da» Hau« der Schwarzen -Häupter in Riga „ 15.Da« Ritteih»»« in Rig» „ l?.Der Ritters»»! „ 21.Die Völle in Rig» 23.Die St. Petri-«irche „ 25.Die neve St. Gertrud-Kirche „ 28.Die M»rtin«-«irche 3«.Die Nnglitonilche Kirche zu Rig» „ 27.Da« baltische Polytcchnicum „ 38.Da» Real- Gymnasium in Riga


Das Rathhaus in Riga


Das Rathhaus in Rigadurch die Bildung eines RathsMls die städtische Verfassung in Rigaim ersten Viertel des dreizehnten Jahrhunderts fich festgestellt hatte, wirdaller Wahrscheinlichkeit nach für die Versammlungen und Verhandlungendieses Raths auch bald ein eigenes Haus crrichtct worden sein. Wanndies aber geschehen, wo das erste Rathhaus gelegen und wie seine äußereGestaltung gewesen, darüber melden die uns aus Riga's Vorzeit überkommenenNachrichten nichts. Diese erwähnen zuerst, daß im Jahre 1595 einneues Rathhaus erbaut worden sei. Dasselbe hatte bereits einen Thurmund lag in seiner ganzen Ausdehnung vor dem alten Marktplätze. Anseinen linken Flügel lehnten fich zwei kleine, der Stadt gehörige, zur Vermiethungbenutzte Häuser und an diese die Rathsapothcte.Gegen die Mitte des vorigen lahrhundnts wal dieses Rathhaus be°leits so baufällig gewoldcn, daß ein Umbau desselben höchst dringend erschien.Einige Jahre früher war in der Kaufmannschaft das Bcdürfniß nach einemBörsenlocale, dessen fie bis dahin ganz entbehrt hatte, entstanden und eswar zum Aufbau eines solchen bereits ein Eapital von 4000 Rthlr. angesammeltworden. Der Wunsch, durch Verwendung dieses Capitals denRathhausbau flüher zn ermöglichen, gab die Veranlassung zu dem Projekte,die Börse mit dem Rathhause zu verbinden. Man beschloß daher, diebeiden kleinen, an das alte Rathhaus angrenzenden Häuser, so wie dieRathSapotheke niederzureißen und den dadurch gewonnenen Platz zum neuenBau hinzuzuziehen. Der Plan zu dem in solcher Weise erweiterten Gebäudewurde von dem Obriftlieutenant von Oettingcr entworfen und der Bauauch nach demselben ausgeführt.Am 26. Mai 1750 wurde der Grundstein zu dem neuen Gebäudegelegt und im Jahre 1765 dasselbe vollendet. Die lange Dauer diesesBaues ist wohl nicht so sehr der Größe des Gebäudes, als vielmehr der


2Schwierigkeit in dn Aufbringung der nothwcndigen bebcutenden Geldmittelzuzuschreiben. Die Baukosten wurden, mit Ausnahme der erwähnten, zurErrichtung einer Börse bestimmten Summe, ausschließlich durch freiwilligeBeiträge beschafft, welche die damaligen einzelnenBranchen der Kaufmannschaft,die Flachshändlei, die Negotiantcn, die Mitglied« der Krämercompagnie,die Weinhändler, die Holzhändler, die böhmischen Glashändleiund andne von ihien Waarenumsätzen auf eine gewisse Reihe von Zahlenbewilligten.Am 11. Octobn 1765 hielt dn Rath, welchn seine Sitzungen wählenddes Baues in einem zm Domschule gehörigen Locale vnlegt gehabthatte, seinen reinlichen Einzug in das neue Gebäude. Dies Eieignißmachte den Tag zu einem Festtage für die ganze Stadt. Die Aeltnleuteund Aelteftenbänke beider Gilden, so wie ein großer Theil der Bürgerschafthatten an dem Gottesdienst, mit welchem der Rath die Fein des Tage«in der Domlirehe begann, Theil genommen, und fich schon vor dem Rathein da« neue Haus in einem Feierzuge begeben, um ihn dort zu empfangenund zu bewillkommnen. Die Häuser des Markts hatten sich mit Fahnenund Flaggen geschmückt, die Armen wurden gespeist, den Schiffern von derKaufmannschaft ein Gastmahl gegeben und am Abend fand ein öffentlichesConcert statt. Die Domschult, als damalige Hauptfiadtschule, beging denTag dmch einen feierlichen Schulactus, zu dem loh. Gottfried Herder, alsLehitl an derselben, das Programm schrieb.Das neue Rathhaus war damals der Stolz und der Schmuck derStadt. Der Thurm erhob sich zu einer Höhe von M Ruthen — 126 Fußund die wohlgefällige Fafade zog fich in einer länge von 196 Fuß rheinl.hin, in der Mitte unter einem Giebel von der vorspringenden Haupttreppeunterbrochen. Den untern Stock des rechten Flügels nahm eine für dieNörsenvnsammlung der Kaufmannschaft bestimmte Säulenhalle ein, deruntere Stock de« linken Flügel« war zur Aufnahme mehr« Verwaltungshehörde»bestimmt, während im ober« Stock der Rathssaal und die Localefür die Justizbehörden fich befanden.In der Gestaltung, welche ihm der Erbauer gegeben hatte, blieb dasRathhaus bis in den Anfang dieses Jahrhunderts hinein. Das Bedürfnis»nach einem erweiterten Eingang der Börse und das Verlangen nach einerandern Einrichtung für die im untern Stock des linken Flügels placirtenBehörden veranlaßten im zweiten Decennium eine Veränderung an den


3beiden »ordern Treppeneingängen dn Flügel, indem der eine btseitigt, derandere aber über die ganze Flügelbnite ausgedehnt wurde, wobei dieSymmetrie der Fa?ade jedoch wenig Berücksichtigung fand. Eine nochgrößere Veränderung erlebte das Gebäude aber in der neuesten Zeit,durch welche ihm seine Gestaltung, wie fie der Stahlstich zeigt, gegebenwurde.Mit der, namentlich nach dem Ende der Napoleonischen Kriege durchdie seitdem r»sch erblühende Handels- und Gewerbsthäligkcit, steigendenVermehrung der Bevölkerung hatten auch die Geschäfte der in dem Rathhausplacirten Vcrwaltungs- und Gerichtsbehörden an Umfang gewonnen,und zugleich hatten die bei denselben deponirten Summen eine Bedeutungerlangt, welche nothwendig die Sorge für ihre Sicherung vermehren mußte.Der Mangel eines feuerfesten Geldgewölbes wurde deshalb immer fühlbarerund dn den einzelnen Behörden zugewiesene Raum war nicht mehrplaciren undhinreichend, um die Kanzelleien und Archive angemessen zudas rechtsuchende Publikum ohne ein arges Gedränge aufzunehmen. Diesnöthigte schon im Jahre 1840 zur Ueherzeugung von der Nothwendigleiteines Ausbaues des Rathhauses, weshalb denn auch bald eine Commisfionniedergesetzt wurde, welche fich mit dieserFrage beschäftigen sollte. Die zugleicher Zeit entstandenen Wünsche nach einem Ausbau der alten Gildftubeund nach einem geräumigen Local für die Börsenversannnlungen der Kaufmannschaftverursachten verschiedene Vorschläge zur Eombination dieser verschiedenenBauten, welche die allendliche Entschließung verzögerten. Endlichentschied man fich, den in dem Nachbaust bisher für die Börse angewiesenenRaum zur Vergrößerung der Behördenlocale zu benutzen und außerdem einneues Stockwerk auf das Gebäude aufzusetzen, für die Börse aber entwederin dem neu zu erbauenden Gildenhause ein angemessenes Local zn beschaffenoder für sie ein eigenes Hans zu bestimmen. In diesem Sinne wurde dennim Jahre 184? von dem.Stadtbaumeiftn Felsko ein Plan entworfen, welch«angenommen wurde und zur Ausführung kam. Während des Baues wurdendie städtischen Behörden zeitweilig in das eben vollendete neue Waisenhausuntergebracht; die Börse aber fiedelte in das SchwarzhäupterhauS über.Der Bau desRathhauses, welcher mit dem Sommer des Jahres 1848beginnen sollte, erhielt jedoch aus einer traurigen Veranlassung einen unerwartetenAufschub, indem eine «usgcbrochene heftige Choleraepidemie dieschleunige Beschaffung von Lazarethlocalen in den verschiedenen Stadttheilen


4nothwendig machte und nun auch das leerstehende Rathhausgehäude dazuverwandt werden mußte. Am Anfange des August-Monats war es jedochschon möglich, das Lazarett) zu schließen und nun nahm der Bau, der bisdahin fich auf die Untermauerung des Fundaments beschränkt hatte, seinenungestörten Fortgang, so daß er im August 1850 bereits gänzlich vollendetwar und am 1. September desselben Jahres die Behörden wieder in denalten erweiterten Localen ihren Sitz einnehmen konnten.Dem Stadtbaumeiftn Felsko war es gelungen, in den architektonischenGedanken des ursprünglichen Erbauers des Rathhauses mit Glückeinzugehen. So hat denn das Gebäude bei seinem Umbau Würde undUebneinftimmung in seiner äußeren Fayade bewahrt und gereicht auch inseiner neuen Gestaltung der Stadt noch immer zur Zierde. Bon den innen,Einrichtungen ist nur der Rathssaal bei diesemBau unverändert geblieben,während die übrigenRäume eine andere Eintheilung erhalten haben. Parterrelinks finden fich wie früher die Localitäten des Stabtcaffa-Collcgiums,rechts nach der Frontseite das Waisengericht, nach der Hinterseite die zweiteSectio« de« Landvogteignichts; im ersten Stock links der Rathssaal unddie Oberkanzellei, rechts nach der Frontseite die erste Sectio« des Landvogteignichts,nach der Hinterseite das Vogteigericht; im zweiten Stockrechts nach der Frontseite das Wettgericht und nach der Hinterseite dasKammern- und Amtsgericht, während die Räumlichkeiten rechts theils nochzur Oberkanzellei, theils zu den Archiven, zum Bürgergewahrsam ü. s. w.verwandt werden.An der Fayade des Rathhauses ist seit Kurzem in so fern eine kleineVeränderung getreten, als die Portaltteppe in das Vestibül desselben vn°legt ist und das Tiottott zwischen dn Colonnade foltläuft.


Das Haus großen Gilde in Riga


Die Gilden Riga's und das Haus der Marienodergroßen GildeVor dn Ansicht des Hauses der Marien- oder großen Gilde Riga'swelches unser Stahlstich darstellt, befinden wie uns auf altgeschichtlichenBoden unser« Dünaftadt. Wie uns in den Chroniken berichtet wird, solles, wenn nicht schon früher, um das Jahr 1158 gewesen sein, als zuerstdeutsche Kaufleute von ihrer Handelsftation Wisby kommend, an der Mündungdes Dünafttomes landeten und damit uns« baltisches Küstenland anfing,demWesten Europa'« bekannte! zu weiden. Der mit den Eingeborenenangeknüpfte gewinnreiche Tauschhandel reizte zu neuen Unternehmungen undkonnte es nicht fehlen, daß zur Sicherung der angeknüpften Handelsbeziehungenam Dünogeftade nach und nach eigeneFactoreien entstanden, von denenaus man den Handel mit seinen Bewohnern betrieb und in deren Magazinenman sowohl die zum Tauschhandel über See eingebrachten Waaren,als die während der Herbst- und Winterzeit eingehandelten Landesproductebis zum Wiederbeginn der Schifffahrt aufspeichern konnte. So mögen schonlange, bevor der Bischof Albert um das Jahr 1200 die Stadt selbst amNigebach gründete, hin Niederlassungen von einzelnen Handelsgesellschaftenbestanden haben, die dann später von ihm mit in die Ringmauer seinerneuen Stadt hineingezogen wurden.Es gehörten aber zu jener Zeit in Deutschland, wie unter den rheinischenStädten Köln den Haupthandel auf der Nordsee führte, unter denweftphälischen Städten besonders Sosatum oder Soest und Münster zu denjenigen,welche anfangs über Schleswig, später über Lübeck lebhafte Handelsverbindungenauf der Oftsee unterhielten. Nicht nur zu Wisby aufGothlanb, sondern auch zu Nowgorod am Ilmenste hatten fie bekanntermaßenihre festen Handelsstationen, von denen aus fie mit ihren Wollenwaaren,Salz u. s. w. einen einträglichen Tauschhandel betrieben. Dieser


6Umstand, so wie daß, als der Großfürst von Smolcnsk, Miftislaw Da»widowitsch, im Jahre 1229 einen Handelsveittag mit der Stadt Rigaund den Kaufleuten auf Gothland schloß, fich bei d« Abfassung des daraufbezüglichen Doeuments unt« andern „verständigen Kaufleuten" auch 3 vonSoest und 2 aus Münster betheiligten, läßt es wahrscheinlich «scheinen,daß auch die genannten Handelsstädte d. Z. hier in Riga nicht nur ihreVertreter, sondern auch eigene Factoreien und Waarenniederlagen gehabthaben werden; daß es also damals hier auch ein „Haus von Soest" od«der Soest« und ein „Haus von Münster" oder derer von Münster gegebentabe.Wie etwa der Hof zu Nowgorod, der Stahlhof zu London und andereDerartigeEtablissements, werden dieselben zum Betrieb des Handelsverkehrsmit freien Räumen, andererseits aber auch zum Schutz gegen räubnifcheUeberfälle nach außen mit sicheren Mauern umgeben gewesen sein. Alsspäter die handelsrechtlichen Verhältnisse in der jungen Colonic am Dün»-ftromc fich mehr entwickelten und die in derselben ansässig gewordene Kaufmannschaftes für ihr Interesse geboten fand, den nicht ansässigen Ausländernden dirccten Handelsverkehr mit den einheimischen Produccnten zuwehren, verloren natürlich die bisher bestandenen Factoreien ihre Nedeutuügund mögen dann in Folge dessen in den Besitz besonderer Gilden oder Brüderschaftenübergegangen sein, die fich, ähnlich wie an anderen Orten, auchhier in Riga schon bald nach seiner Gründung theils zu gewerblichen unbHandelszwecken, theils zu geselligen Zusammenkünften zu bilden begannen.Urkundlich ist fteilich in Betreff der oben gegebenen Andeutungen au


7Versammlung hielten, welche dem Rath die Vollmacht ntheillc, auf so guteBedingungen als möglich mit dem Orden Frieden zu machen. Diese Versammlungaber wurde in der „Zwp«, a« «»«»tu", d. i. „in der Stube vonSoest" abgehalten. Die Stadt, die bis dahin nur unter dem Krummftabcdes Erzbischofs von Riga gestanden, mußte sich nunmehr auch dem Ordenunierwerfen und scheint, wie sie überhaupt viele ihrer Vorrechte und Bcfitzlichteitenverlor, auch ihre zwei Stuben, genannt „von Münster" und „vonSoest", als Unterpfand für Erstattung einei bestimmten Summe Geldes,wahrscheinlich ein« Kiiegscontribution, dem Olden haben ausliefein müssen.In dessen Besitz sind dann diese beiden „Stuben" bis in das lahl 1353geblieben, wo dn Oldensmeiftn Goswin von Heiile dieselben urkundlicham 2. Febl., als am Tage dci Reinigung der heil. Jungfrau Maria,der Stadt wiederum für eine gewisse Summe zurückvntaufte und mit allemEigenthumsrechte, das derselbe bisher daran gehabt, frei, völlig und gänzlichin die Hände überlieferte.Seit der Zeit, also jetzt schon mehr denn 518 Jahre, ist das Hausvon Münster" beständig Eigenthum der Bürgerschaft Riga's geblieben undhatte fich, wenn auch in seiner Ganzheit nicht mehr als ein Gebäude des14. Jahrhunderts zu betrachten, da im Laufe der Zeiten mehrfach UmbautenundRestaurationen nöthig geworden waren, in seiner altnthümlichen Form,in seiner umschlossenen Lage und mit seinem durch eine feste Pforte verschließbarenHofe in der Mitte der Stadt erhalten. Nur sein altnthümlicherName „Haus von Münster" hat eben so wie der des „Hauses von Soest"im Laufe der Zeiten einer andern, mehr seiner Bedeutung im städtischenGemeindewesen entsprechenden Bezeichnung weichen müssen.Bon den mancherlei Gilden und Brüderschaften, welche, wie bereitserwähnt, schon bald nach der Gründung Riga's hier, entsprechend der Sitteder damaligen Zeit, entstanden, bildeten sich namentlich im Verlauf derEntWickelung unserer städtischen Verfassung vor allen zwei: die der Kaufleute,die große oder Mariengilde genannt, und die der zünftigen Gewerker,die Neine oder St. lohannisgildc genannt, zu besonderen Körperschaftenmit politischer Bedeutung aus, die, wie noch gegenwärtig, neben dem Rathals besondnc Mitstände an dci Bnathung und Verwaltung der städtischenAngelegenheiten Antheil nahmen. Als Local zu ihren Versammlungen benutztendie Kaufleute oder die Groß-Gild'schen das Hausvon Münster",während fich die Handwerker oder die kleine Gilde zu denselben des Hauses


8„von Soest" bedienten. Seit der Zeit ward es üblich, wie es noch gegenwärtigzu geschehen pflegt, jenes mit dem Namen „große Gilde", „großesGilbenhaus" oder „Haus dn Mariengilde", und dieses als „kleine Gilbstube",„kleines Gildenhaus" oder „Haus der St. lohannisgilde" zu bezeichnen.Als in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts fich das alte großgildscheHaus für die Gesammtheit der Rigaschen Bürger großer Gilde alszu klein erwies und es sich bei Ausscheidung der Börse aus ihrem bis dahinim Rathhause innegehabten Local zugleich darum handelte, für diesegeeigneteRäumlichkeiten zu beschaffen, tauchte anfangs das Project einescombinirten Gildftuben- und Börsenbaues auf. Nachdem dasselbe «dessenbald Wieb« aufgegeben, beschloß die Bürgerschaft großer Gilde am ?. Mai1851, ihr Gildenhaus durch einen Neubau im größeren Maßstäbe, jedochbei Erhaltung des historisch denkwürdigen alten Bürgersaales und derBrauttomm«, neu herzustellen.Nachdem die zur Erweiterung des Gildenhauses erforderlichen angrenzendenPrivatgebäude an dn Pferde- und Schmiedeftraße angetauft, undein vom damaligen Gouvnnements-Alchitclten Collegien-Asseffor Olltoffentworfener Bauplan angenommen worden war, — wurde von der Bürgerschaftdie Feier ihres 500 jährigen Besitzes dieses Hauses am 2. Februar1853 in den alten Räumen festlich begangen, und unmittelbar darauf mitdem Abreißen der angekauften Privatgebäude und einzelner Theile der altenGildeftube begonnen.Diese Arbeiten mußten jedoch alsbald wegen des als bedrohlich befürchtetenZuftandcs der nachbleibenden und für die Zukunft wieder zu restaurirendenälteren Theile des Gebäudes unterbrochen weiden, und sahfich die mit dn Ausführung des Baues betraute gildische Commisfion veranlaßt,zunächst zur Begutachtung der Frage: ob die Mauern des altenGebäudes zum Ueberbau geeignet und stark genug seien, und darnach dasGebäude in seinen ältesten Theilen der Zukunft erhalten werden könne, —Autoritäten im Baufach zu Rathe zu ziehen.Durch Vermittelung des wirkt. Staatsraths v. Brüloff gelang esihr, für dieErörterung dieser Frage, so wie für die hiernach erst erfolgendedefinitive Compofition und die fernere Leitung des Baues in der Persondes Akademikers Earl Beyne aus St. Petersburg einen in seinem Facheerfahrenen und künstlerisch gebildeten Architekten zu eiwnben.


9Der von demselben componiite Bauplan, nach welchem der alte Gildesaalvollständig und die Brautkammer durch einen den Terrain-Verhältnissenentsprechenden Umbau erhalten werden tonnte, außerdem aber dasneu zu bauende Gildenhaus mit einem großen Versammlungssaale von117 Quadratfaden Mchcnraum bei 30 Fuß Höhe, mit Confnenzzimmer,Räumen für Burcau's, Archive u. bergt, mehr versehen weiden sollte, n-hielt im Novembn 1853 die Bestätigung des derzeitigen Herrn Germal-Gouvnneuis der Oftsee-Gouvernements Fürsten Suworow, und dientezur Grundlage bei Ausführung des neuen Gebäudes.Dem Architekten Beyne waren Vorbilder für diesenmonumentalenBau die ehrwürdigen alten Rathhäusn Deutschlands und Belgiens; —Gebäude, die einen entschiedenen Charakter an fich tragen und vom Sockelbis zum Firft im gothischen Bauftyl angelegt und ausgeführt find.Der massenhafte Rohbau schritt rasch vor und konnte bereits im November1854, ein Jahr nach Bestätigung des Bauplans, der Dachstuhl gerichtetwerden, um darnach »n die weitere äußere und innere Herstellungund Ausstattung des Gebäudes zu gehen.Die Kricgsvnhältnisse, die auch Riga bedrohten, konnten ans dieFortführung dieses bedeutenden Baues, bei der Unsicherheit der damaligenZustände, nur nachtheilig einwirken, und so ging das Jahr 1855 und zumgrößeren Theile auch das Jahr 1856, da der Friedensabschluß erst EndeMärz «folgt war, obschon diese Zeit zur Vorbereitung und Bestellung verschiedenerArbeiten benutzt wurde, für den sichtbaren Fortschritt des Bauesverloren.— Erst mit dem Jahre 1857 wurden die Arbeiten in allen Theilenwiederum mit voller Kraft aufgenommen und das große Werk wesentlichgefördert; namentlich wurde in diesem Jahre das Gebäude durch einevon dem Pneumatik« Herrn R. Zimara in St. Petersburg nach seinemSysteme ausgeführte Lufttöhrenheizung beheizbar gemacht, und die äußerenOrnamente des Gebäudes aus einem sogen. Kunststeine, dessen Hauptbe'standtheil Eement ist, in derKunftfteingießerei der Henen M. Czarnilowu. Comp, in Berlin bestellt.Das Jahr 1858 beraubte den Bau seines Meisters, indem der ArchitektBeyne nach kurzer Krankheit in St. Petersburg verschied. — DieBauarbeiten erlitten hierdurch jedoch keine Unterbrechung, sondern wurdenunter Leitung des Herrn Architekten Scheel, welcher die Bauausführungvon Anbeginn hin am Orte practisch geleitet und beaufsichtigt hatte , und


— 1«—welchem namentlich die befriedigende Durchführung der mit äußerstenSchwierigkeiten verbundenen Untnmaunung dci alten Mauein des Gildenhause«und dn Veibindung diesn mit den nenen Theilen zu danken ist,foNgesctzt und ihln Vollendung entgegengefühl».Das Gillenhaus, welches jetzt in seiner gediegenen Ausführung unsererStadt zur bleibenden Zierde gereicht, hat Zeit, die Kräfte Vieler undnicht unbedeutende Mittel in Anspruch genommen, — steht »bei in dieserseiner großartig soliden Erscheinung als ein Denkmal der Gegenwart da,das, fest und sicher, voraussichtlich lahrhundcNe an fich vorübergehensehen wird.Auf unserem Stahlstiche sieht man das Gildenhaus von der Hofseitemit dem Hauptvortal und seinem imposanten Giebel, welcher gekrönt wirdvon dem Wappen dci gießen Gilde, einem Schiff, an dessen Maftspitze fichdie Embleme des Rigaschen Stadtwappens: Lßwenhaupt, Schlüssel, Knuzund Kione befinden.Die nach dciHofseite zu liegendenRäumlichkeiten de« Partene nehmender alte Gildesaal mit einer auf Pfeilern ruhenden gothifchen Deckenwölbungund die alte Brauttamm« ein. Ueber ihnen liegt der große neue Gildensaalmit seinen reichen Decorationcn unb die Aelteftenbant. Außerdemhaben im Partene nach der Schmiedeftraße die. Spallaffe und nach dnPfeidesttaße die Handels- und die Discontotaffc geeignete Locale gefunden.Einen Theil des Souterrains nimmt der sogenannte Klostertellei mit seinerRestauration ein.


Das Haus der St.Johannis Gilde in Riga


Das Haus der St. Johannis GildeZN.an nahm bisher allgemein an, daß das Hausvon Soest", dessenin einer alten Urkunde, wie wir in der Beschreibung des großen Gildenhausesmitgetheilt haben, beim Abschluß des Friedens zwischen der Stadt unddem Ordensmeiftn von Monheim als „«top» 6« «»«»tu" gedacht wird,neben dem Hause „von Münster" an der Stelle gelegen habe, wo bis zumJahre 1863 das Haus der kleinen Gilde stand und fich gegenwärtig dasauf btilicgendtm Stahlstich dargestellte „Haus der St. lohannis-Gilde"erhebt. Ferner wurde auf Grund der Nachrichten des „Liggnbuches" angenommen,die große Gildestube oder das „Haus von Münster" sei ursprünglichdie der Neinen Gilde gewesen und erst spät« dmch Umtauschgegen das „Haus von Soest" in den Besitz der Großgildschen gekommen.Diesen Annahmen gegenüber hat der um Aufhellung der älteren Lo°calvnhältniffe Riga's viel verdiente Hr. Dr. W. v. Gutzeit in einem inNr. 26 der „Rig. Stadtblätter" vom Jahre 1870 veröffentlichten Aufsatzdargethan, daß zur Zeit des Friedensabschluffes zwischen Stadt und Ordenim I. 1330 das Hausvon Soest" nicht neben dem „von Münster" gelegenhaben tonne, indem urkundlich der Zeit dort Gebäude, die zu demKathaiinenllofter der Franziskaner gehörten, gestanden haben müssen; daßwahrscheinlicher Weise die Kleingildschen erst zur Zett der Reformation inden Besitz ihres Hauses neben dem Hanse dn Großgildschen gelangt seienund man das bis dahin von ihnen zu ihren Versammlungen benutzte Hausvon Soest in dem gegenwärtigen Schwarzhäuptnhause zu suchen habe.Doch, dem sei nun wie ihm wolle, jedenfalls hatte das alte Hausder lltinen Gilde durchaus nichts Altnthümliches und genügte auch in seinen


12inneren Räumlichkeiten nicht mehr den Ansprüchen der Neuzeit. Als daherdie Bürgerschaft großer Gilde den Um- und Ausbau ihres Hauses beendethatte, fand fich auch die Bürgerschaft der kleinen Gilde zu dem Beschlußveranlaßt, einen gänzlichen Neubau ihres Gildcnhausts in Angriff zu nehmen.In Folge dessen begann man bereits zu Anfang des Märzmonats1863 mit dem Abtragen des alten Gebäudes und wurde der Platznoch im Laufe desselben Jahns geräumt. Um indessen für das neue Gebäudeden nöthigenRaum zu gewinnen, mußten noch zwei an der Schmiedeftraßebelegene Häuser angekauft und ebenfalls abgetragen werden.Der Plan zu dem Neubau wurde von dem Stadt-Architekten HerrnFelsto entworfen, und demselben auch die Leitung des ganzen Baues biszu seiner Vollendung überttagen. Die Maurerarbeiten übernahm der MaurermeisterD. Dalitz, die Zimmerarbeiten der Zimmnmeifter Hopse undwurden überhaupt alle Arbeiten an dem Gebäude von hiesigen Gewertmeiftcrnausgeführt.Nachdem derBau selbst im Frühjahr 1864 begonnen und am 22. Maidesselben Jahres der Grundstein gelegt, war das Gebäude bis auf denäußeren Abputz bereits im Februar 1866 so weit vollendet, daß es der Benutzungübergeben und die St. lohannisgilde ihre erste Faftnachtsversammlungam 9. Februar darin abhalten tonnte.Die Frontseite des Gebäudes liegt dem großen Gildenhause gegenübernach der Gildstubcnftraße hin, in welche unser Stahlstich rechts demBeschauer einen Einblick öffnet. Die Länge der Fronte beträgt 88' miteinem achteckigen Treppenanbau von101/ Breite an dem nebenbei gelegenenGildenftiftshause.Die Giebelseite, welche unser Stahlstich darstellt, liegt nach derSchmiedestraße hin und hat eine Tiefe von 50' mit einem Anbau von 26'Breite. Außerdem befindet sich noch vor der Giebelseite eine massive Verandaund links an dn von der Straße abgelehrten Seite ein achteckigerTreppenthurm von 12z' Durchmeffn. Der Hauptbau enthält zwei Stockwerte,die Anbauten dagegen find dreistöckig und der achteckige Thurm steigt4 Stock hoch.Wie das Haus dn großen od« St. Marien-Gilde ist auch das derSt. lohannis-Gilbe im gothischen Styl «baut, entsprechend dem Zeitalter,


13da mit dem Zunftwesen auch dn gothische Nauftyl in seiner Blüthe standAls Wahrzeichen trägt die Front- und Giebelecke unter einem achteckigen.Thurmausbau das Standbild des St. lohannis, des Schutzpatrons dnkleinen Gilde.Der ganze Bau ist unterkellert und ruht in Banquetthöhe auf einemFundament von Bruchsteinen. Die Keller sind theilwcise von Bruchsteinen,theilweise von Ziegeln, die obnen Etagen durchweg von Ziegeln aufgeführt.Das Dach des Hauptgebäudes ist mit blauem englischen Schiefer,das der Anbauten mit Blech gedeckt.Im Souterrain des Hauses befinden sich die nöthigen Küchen, einReftaurationslocal , das den Namen „lohanniskelln" führt, und derLuftheizungs-Apparat.Die Parterre-Etage enthält ein Vorhaus und ein geräumiges Vestibülmit der zur ersten Etage führenden Parodetreppe, ferner den Speisesaal,das Zimmer der Aelteftenbank, Garderobezimmer, Archivgewölbe undandere nöthige Appntinentien. In der ersten Etage ist der große Versammlungssaalvon 82' Länge, 42' Breite und 27' Höhe, ein Büffet- undein Damenzimmer. Die zweite Etage enthält außer dem Raum, welchender große Saal zur Gewinnung sein« entsprechenden Höhe einnimmt, nochzwei Wohnungen, von denen die eine für den Caftellan der Gilde bestimmtist. Die hierher führenden Treppen find so angelegt, daß tcin nutzbarerRaum im Innern dadurch beschränkt wird. Gas- und Wasserleitung durchziehendas ganze Hans, letztere bis znm Boden.Vor der Veranda, an der Giebelseite des Gildenhauses, breitet fich,wie es auch unser Stahlstich darstellt, ein mit Gartenanlagen gezierterfreier Platz aus, in dessen Mitte fich ein Basfin mit einer Fontaine erhebt,was dem ganzen Bilde Leben und Abwechselung giebt und uns im Geistegleichsam in die Zeit versetzt, wo, wie in anderen deutschen Städten, auchhier in Riga die noch wenig« dicht zusammengedrängten Häusermaffen esgestatteten, auch den Kindern der Flora einen, wenn auch beschränkten, dochimmer freien Spielraum zu ihrer Entwickelung innerhalb der Stadtmauerneinzuräumen.Was schließlich den gegenwärtigen Besitzstand des Gildenhauses anbetrifft,so ist dasselbe zufolge der am 18.März, als dem dritten offenbaren


14Rechtstage vor Oster» 1866, beim Rigaschen Rathe erfolgten öffentlichenAustragung von dn Bürgerschaft dn St. lohannisgilde auf die bei derselbenbestehende Brüderschaft übergegangen, so daß, wenn auch bei einerdneinstigen Umformung der Rigaschen Stadtverfaffung die annoch getrenntbestehenden beiden Stände dn großen und der kleinen Gilde zu ein« ge°sammten Nülgnschaft verschmolzen werden, uns« St. lohannis-Gildenhauszwar seine Bedeutung als BerathungSlocal des dritten ober Gewntftandcsverlieren tonn, immn aber seine anderweitige bisherige Bestimmung behaltenund nach wie vor der St. lohannisgilden-Nrüderschaft als einCinigungspuntt zur Verfolgung ihr« gewerblichen und »ohlthätigen nichtnur, sondern auch ihrer geselligen Zwecke dienen wirb.


Das Haus der schwarzen Häupter in Riga


Das Haus der Schwarzen-Häupter in RigaVitGesellschaft der Schwärzen-Häupter inRiga leitet ihren Ursprungaus einer Verordnung des Bischofs Nicolaus v. I. 1232 her, dmch welcheaus den Kauflenten eine Mannschaft gebildet wurde, die unter der Fahneder Stadt an den Kriegszügen gegen die heidnischen Einwohner Theilnehmen sollte. Diese ihre lriegerische Bestimmung bewahrte die Gesellschaftauch bis zur Auflösung des livländischen Ordensftaates, indem sie indiesem Zeitraum in allen Fehden der Stadt mitkämpfte, welche diese gegenden Orden, so wie als Glied der Hansa gegen Dänemark führte. DieBenennung „Schwärze-Häupter" ist indeß später« Ursprungs, indem fie,wenigstens in Schriften, sich erst im Anfange des 15. Jahrhunderts findet,und wahrscheinlich durch den Mohrentopf veranlaßt ist, den die Gesellschaftnach ihrem Schutzpatton, dem heiligen Mauritius, in ihrem Wappen fühlt.Flühei kommt die Gesellschaft nul unt« dem Namen „de mene lumpanievan den kovluden" vol. Wie alle Innungen des Mittelalters verfolgteauch fie neben ihrerHauptbeftimmung noch die Zwecke geselligen Zusammenlebensund gegenseitiger Unterstützung; daher mußten bei dem Wegfallder Gelegenheit und der Nothwcndigkeit zu kriegerischen Leistungen dieletztgenannten Zwecke als die alleinigen übiig bleiben. So ist es gekommen,daß die Gesellschaft dci Schwaizen-Häupter jetzt nui noch eineaus un»«heiiatheten Kaufleuten bestehende Vereinigung bildet, welche ihreAufgabe in geselligem Zusammensein und in der Pflege und Fortbildungihrer verschiedenen Unterftützungscaffcn findet. Glanz und Ansehen gewährtihr vorzüglich das Alter ihrer historischen Erinnerungen; außerdem trägtdazu ab« auch noch ein nicht unbedeutender Besitz und die persönlicheStellung ihrer Mitglieder bei, welche sie durch eine Wahl, die für eineehrende Anerkennung gilt, aus den angesehenen Familien der Stadt undaus dem Kreise der wohlhabenden jungen Kaufleute entnimmt.Das Haus der Sehwarzen -Häupter ist eines der ältesten und bemerkenswertheftenGebäude der Stadt. Es wurde im Jahre 1390 von einemreichen und angesehenenBürg« Dietrich Kreyge «baut und von demselbenzu einem Gesellschaftshanse bestimmt, in welchem Bülger aller Stände mitihren Familien zur geselligen Unterhaltung zusammenkamen. Die im vorigenJahrhundert bei einerRestauration des Gebäudes an der Spitze des Giebels


16angebrachte Inschrift, welche das Jahr 1201 als das Erbauungsjahr angiebt,scheint darauf hinzudeuten , daß schon vor dem Kreygeschen Neubauein anderes, zu allgemeinen Zwecken bestimmtes Gebäude, vielleicht das sog.„Haus von Soest", an dessen Stelle gestanden habe. In der Mitte des 15.lahrh. war das Hausin demBesitze der Stadt undwurde von demRathe alssog. Arthushof an die Brüderschaft der großen Gilde und an die Schwärzen-Häupter zur gemeinsamenBenutzungvermiethct. Gegen dasEnde des 16. lahrh.vcrzichtcte derRath indeß auf die Verwaltung und 1637 auch auf den Milchertragund die Benutzung desHauses, worauf es denn bald unter Annahme derBezeichnung „Schwarzhäupterhaus" in den ausschließlichenBesitz der Gesellschaftder Schwärzen-Häupter überging, in dem es bis heute verblieben ist.Die Giebelftonte des Hauses, welche an dem alten Marktplätze liegt,stammt in ihrer charakteristischen Eigcnthümlichlcit noch aus dem Mittel»alter und hat im Laufe der Zeit nur wenige, nicht gerade wesentliche Veränderungenerfahren. In allen Zeiten lag die Eingangsthür zum großenSaal des Hauses in gleicher Höhe mit der Fenfterreihc desselben und fühltevom Markte her eine Freitreppe, die im Laufe unseres Jahrhunderts miteiner Kuppel versehen worden war, zu derselben empor. Auf einem Drittelder Treppenhöhe fand fich vor Herstellung der Kuppel eine eiserne Gittcrthürzwischen zweien Pfeilern, auf denen einerseits die Jungfrau Maiiamit dem Chliftustinde, und andeieiseits ein Bnid« dci Schwaizen-Häupt«in kriegerischer Ausrüstung en isliet dargestellt waren. Bei dem großen,im Jahre 185? volgenommencn Umbau des Hauses ist die oben Eingangsthürnebst Freitreppe und Kuppel beseitigt worden und find an derenStelleeine von den erwähnten Pfeilern gestützte Eingangsthür nebst Vestibül zurebenen Erde und ein ncunbautcs Treppenhaus getreten. Aus demselbengelangt man nunmehr durch eine Seitenthür in den großen, seit dem Umbauhochgewölbten und geschmackvoll decorirten Saal, dessen Wände mitden Porttaits d« Behensch« Riga's, von Gustav Adolph an bis auf dieGegcnwaN, bedeckt find.In diesem Saale und den anglenzenden Räumlichkeiten hält die Gesellschaftnicht blos ihn eigenen Feste, sondern sie öffnet dieselben in liberal«Weise auch zu anderen festlichen und feierlichen Versammlungen, sowie gelegentlich auch zu musikalischen Aufführungen.Der vorstehendeStahlstich giebt eine Anficht des Hauses in seiner heutigenGestalt. Der Giebel desselben trägt als Wetterfahne den Ritter St.Georg. Unter demselben findet fich eine astronomische Uhr aus dem 1. 1622.Als besondere Sehenswürdigkeiten bewahrt die Gesellschaft einen reichenSchatz altnthümlichcnSilbergnäths und mehre Denkmäler ans kriegerischerVorzeit.


DasRitterhaus in Riga


Das Ritterhaus in RigaFlachdcm die Rittnbant der livländischen Rittelschaft, wie die Actendes Riltelschaftsarchivs besagen, im Jahre 1650 durch dieKönigin Christinevon Schweden, als derzeitige Herrscherin in Livland, gegründet worden war,wurde ihr 12 Jahre-später mittelst Resolution der königlich schwedischenVormundschafts Regierung vom 31. Octobcr 1662 das zwischen derdamaligen Klosterpfoite und dem Hause des Landlath Bann Otto v.Mengden in Riga belegene Haus des Tlanslateuis Renning wie auchdas daneben liegende hölzerne Haus „ein geräumiger Ort und Platz" zurErrichtung eines Ritterhauses geschenkt. Dieser Platz ist indessen zu einemNeubau nicht benutzt worden, vielmehr verlieh der König Karl XI. vonSchweden der Ritterschaft im Jahre 168? einen zweiten Bauplatz in dendamaligen „neuen Festungswerten", auf welchem der Bau eines Ritter-Hauses dann im Jahre 1692 in Angriff genommen wurde.Unmittelbar nach der Einnahme der Stadt Riga durch die Russen, imJanuar des Jahres 171!, wurden die zuerst verliehenen alten hölzernenGebäude an derKlofteipforte durch die Soldaten des General-FeldmarsehallsScheremetjew „niedergerissen und weggeschleppt." Ucber das Schicksaldes innerhalb der „neuen Festungswerke" im Jahre 1692 in Angriff genommenenRitterhaus -Baues giebt das betreffende Archiv keine Kunde.Jedenfalls benutzte die Ritterschaft nach der Capitulation verschiedene gemieteteLoeale zur Unterbringung ihrer Kanzellei und ihres Archivs. Erstmittelst SenatS-Ukas vom 29. Juni 1725verlieh Ihre Majestät dieKaiserinKatharina I. von Rußland der Ritterschaft wieder ein eigenes Haus,>^>Vdas „beim Kloster" belegen war.Im Jahre 1752 „resolvirte der Senat" das genannte, vonrin Katharina der Ritterschaft verliehene Haus nebst dem zugehörigenPlatz zum Bau der russischen Kirche des heiligen Alerei anzukaMu, und


18wurde dasselbe gegen das auf diesem Platze bei der St. Jacobs-Kirchebelegene, damals neunbaute Vice -Gouvelnems- Haus dn Alt vntauscht,daß die Rittnschaft das von dn Kaiserin Katharina verliehene Ritter-Haus der hohen Krone gegen eine Entschädigung von 1500 Rthlr. überließund den genannten Bettag dem Johann Adam Schcel-Schläger fürsein in der Sünderfttaße belegenes Haus auszahlte, welches dem Vice-Gouvelnemeingewiesen wurde. Für das neuerbaute Vicc-Gouverneurs-Hausentrichtete die Ritterschaft der hohen Krone die Summe von 13,300Rthlr.und 300 Ndl. S.-M. In diesem Hause find im Laufe von 112 Jahrenalle ritterschaftlichen Versammlungen abgehalten worden.Da indessen die Räume dieses Ritterhauses fich in neuerer Zeit sowohlfür die Ansammlung der Landtage, als auch für die zweckmäßigeAufbewahrung des angewachsenen Archivs und der ritterschaftlichen Bibliothekzu klein erwiesen, so beschloß der außerordentliche Landtag vom Februarund März des Jahres 1862 den vollständigen Um- und Ausbau des Rittnhauses,bei welchem gleichzeitig die Herstellung zahlreicherer Amtswohnungenfür die Repräsentation und die Beamten der Ritterschaft bezwecktwerden sollte. Zur Vergrößerung des ritterschaftlichen Grundplatzes verfügteder Landtag den Anlauf des nach dem russischen Priefterhaust zubelegenen, sogenannten lacobi-DiaconathauseS, welcher Ankauf für denPens von 15,000 Rbl. S.-M. vollzogen wmde. Gleichzeitig wuide d«Rittnschaft dmch die Huld Sl. Majestät des Kaisns Alerand er 11. beinahedn ganze, zwischen dem Ritterhause und der St. lacobi-Kirche telegeneTheil des kleinen Zoll-Packhauses zum Niederreißen geschenkt, wodurchder Platz vor dem Ritterhause gegen die St. lacobi-Kirche geöffnetweiden konnte. Mit der Ausführung des Baues bettaute die RitterschaftSe. Ercellenz den Herrn Landrath Arthur v. Richter auf Kawaft, unddie Henen Alnander v. Grote-Lemburg und Hermann v. Samson-Himmelftieina-Uibs. Bei dem von der vorgenannten Commisfion zurAnfertigung de« bezüglichen Bauplanes erlassenen Concurrenz- Ausschreibengewannen die Henen Architekten Robert Pflug und Al«. Naumannden ersten der ausgesetzten Preise im Betrage von 1500 Rbl. S.-M. undwurden in Gemeinschaft mit dem Henn Otto v. Sivers mit der Leitungdes Baues, und zwar in Grundlage des genannten, durch die Commisfionemendirten Planes bettaut. Nachdem sodann die Maurerarbeiten von derritterschaftlichen Commifsion dem Rigaschen Henn Maurermeister Johann


19Gotthard St ein ert in Accorb vergeben, wurde sofort mit Beginn desFrühlings 1864 der Bau in Angriff genommen und mit demselben so rüftigfortgeschlitten, daß, als am 26. September desselben Jahres dn Grundsteinim Fundament des Hauses in Gegenwart der höchsten Autoritäten des Landesfeierlich vermauert ward, er schon bedeutend üb« das Niveau sein«Giundfläche hnvonagtc.Da in dem, sein« Zeit zui Concunenz gestellten Programm füi denplojectirtcn Bau des Hauses als wesentliche Bedingungen gestellt waren:gewisse Grenzen, innerhalb derer das ganze Gebäude zu errichten, eine bestimmteAnzahl von Räumlichkeiten in bestimmter Größe und Ausdehnung,und zugleich ein festes Limitum für das Marimum der Bausumme, beidessen Einhaltung eine Benutzung von Thcilen des alten Ritterhauses, soweit solches nur immer möglich war, geboten erschien, so haben die Rückfichtenauf dieselben, und namentlich auf die letztgenannte, die Form desGrundrisses, nach welchem die Fa?adc entstand, um so mehr beeinflussenmüssen, als das alte Gebäude 14' von den Grenzen des ganzen, für denBau bestimmten Grundstückes zurückstand.Da ferner das Gebäude nach seiner zweifachen Bestimmung auch zweiverschiedene Bcstandtheilc enthalten sollte, nämlich Adminiftrations» und Repräsentationsiäumeeinerseits und andererseits verschiedene Amtswohnungen,so ward es für angemessen erachtet, diesen doppelten Zweck auch in demäußern Charakter desselben auszuprägen. Dem entsprechend enthält seinelinke Hälfte unten die Administration mit den Doppelfenstern und üb«derselben den Rittersaal, dessen Höhe beiläufig 31 Fuß beträgt. In derMiste, als Theilung dn beiden Hälften, erhebt fich der Mittelbau mitdem Haupteingange zur Administration und zu den Repräsentationsräumen.Die rechte Hälfte umfaßt in mehren Stockwerten die Amtswohnungen, zudenen man durch den Eingang unter dem großen Thorwege gelangt.Der Gesammtflächenraum des Rittnhauscs, wie es unser Stahlstichin seiner gegenwärtigen Ausdehnung darstellt, beträgt 435 Quadratfabcn,von denen 367 bebaut find und 68 auf die drei Hoftäume kommen. Dasganze Gebäude mit Einschluß eines dci Höfe ist untntelleit und enthaltendie dadurch gewonnenenKellenäume neben den Wohnungen für das Dienstpersonalauch eine große Küche nebst Anrichtezimmn, Wasch- und Rollftubcn,3 Luftheizungsöfen, sowie Holz-, Gemüse- und 2 Eiskeller.Das Partene, welches im Ganzen einen Flächenraum von 17,142


20Quadratfuß einnimmt, enthält außer dem großen Vestibül und der Paradetreppenebft Garderobe, noch die Administration mit 14 Zimmern, und dieWohnung des Rittelschafts -Sekretärs mit 11 Zimmern, sowie ferner denPferdestall für 8 Pferde, 3 Wagenremisen nebst Kutscherzimmern und Heuböden,und 3 Treppenhäuser.Im Hauptgeschoß verbreiten fich die Repräscntattonsräume mit ihremVorsaal, dem Rittersaal, dem Versammlungs- und dem Speisesaal, einschließlichTreppenhaus, über 8860 Quadratfuß Flächenraum, während dieeben daselbst befindliche Wohnung des Landmarschalls mit ihren 14 Zimmerneinen solchen Raum von 5853 Quadratfuß einnimmt.Im dritten Geschoß finden fich für die Wohnung des nfidinndcnLandraths 13 Zimmer, für die des Rentmeistns 7 Zimmn, und außerdemdas Rauch- unb das Onheftnzimmn für den großen Speisesaal; imGanzen 6469 Quadratfaden Flächenraum.Die Repräsentationsräume gehen, mit Ausnahme des Rittersaals,welcher dmch 3 Stockwerke reicht, durch zwei Etagen.Das obere Geschoß endlich umfaßt auf 10,445 Quadratfuß Flächenraumdie Wohnungen des Archiv-Sekretärs, des Ritterschafts -Notars unddes Rentmeisters -Gehilfen mit zusammen 34 Zimmern.


Der große Saal im Ritterhaus zu Riga


Der RittersaalNer große Saal im Ritterhause zu Riga, in welchem die Versammlungender livländischen Ritterschaft tagen, ist, wie das ganze Gebäude,im alten Rcnaiffance-Style erbaut. Seine Verhältnisse find: auf 68 FußLänge, 41 Fuß Breite und 33 Fuß Höhe; die Decke besteht ans Stuck,auf mattblauem Grunde, in reicher Vergoldung; die Malereien find vonHerrn Schlev, die Vergoldungen von Herrn Julius, Beide in Riga ansässig,ausgeführt worden. Die Beleuchtungs-Apparate und dieKronleuchterstammen aus der Fabrik der Herren Riedinger K Comp, in St. Petersburg,und haben sich ausgezeichnet bewährt; der mittlere großeKronleuchterhat 90 Flammen, jeder der vier Eck-Kronleuchter 30 Flammen, so daß derSaal durch 210 Flammen, entsprechend dem Lichte von 1470 Kerzen, erleuchtetwird. Die mit der Luftheizung in Verbindung gebrachte Ventilationist vom Ingenieur v. D erschau in St. Petersburg hergestellt— dasParquet hat Herr Kirftein, das Amcublcment Herr Tischlermeister Ludloffin Riga geliefert.Den Eingängen gegenüber befinden sich die drei Kaiserbilder. Dasmittlere Bild, dasjenige Sr. Majestät des Kaisers Alexander 11., ist nacheinem Portrait von Krüger gemalt; links von demselben (immer vomStandpunkte des Beschauers) hängt daS Bild Peters des Großen, vomHofmaler und Akademiker v. Neff; eS trägt das Datum des 12.Octobcrs1710, an welchem Tage die livländischenLandes -Privilegien von dem erstenrussischen Herrscher Livlands feierlichst mittelst Namentlichen Ukascs bestätigtworden find; rechts vom Bilde des regierenden Kaisers befindet sich dasPortrait Kaiser Paul 1,, von Herrn v. Stael-Holftein gemalt, mit demDatum: 30. November 1796, als Erinnerung an den Tag, an welchemder Hochselige Kaiser die Aufhebung der seit dem Jahre 1785 eingeführtenStatthalterschafts» Verfassung und die Wiederherstellung der alten livlän«


22dischen Landes -Verfassung angeordnet hatte. Beide Porttaits erinnernsonach an die bedeutsamsten Momente der livländischen neueren Geschichteund an die Grundlagen des noch gegenwärtig geltenden livländischenLandesrechts.Den Schmuck dreier Wände bilden die in Farben ausgeführten Wappenschildesämmtlichcr znr livländischen Matrikel gehörenden Adels-Familien inchronologischer Ordnung. Sit beginnen, links vom Eingange, in dem erstenRundbogen oben unter der Decke, mit den Wappen und Namen derjenigenFamilien, welche schon zu herrcnmeifterlicher Zeit in Livland ansässig waren;deren find 52, und schließt diese Periode mit dem Jahre 1561; an diesereihen sich 16 Familien aus polnischer Zeit, bis zum Jahre 1621 ; dann 45Familien aus schwedischer Zeit, bis 1710, und endlich 313 Familien, die inder Zeit der russischen Herrschaft das Indigenat in Livland erhalten haben.Die vierte Wand, welche denKaiserbildern gegenüber liegt, trägt auf ebensolchen Schildern die Namen der 76 livländischen Landmarschälle, von demersten, 1556, Heinrich v. Tiesenhausen an, bis zu dem gegenwärtigen.Ucbcr dem Bilde des regierenden Herrschers ist das Reichswappen angebracht,während das livländische Wappen, der silberne Greif im rothenFelde, sich als Schmuck der Decke und der Wände in häusiger und regelmäßigerWiederholung vorfindet.Der Eindruck, den der hohe und helle Raum auf den Eintretendenhervorbringt, ist ein ernster und würdiger; die einzelnen Anordnungen wiedie harmonischen Verhältnisse des Ganzen gereichen dem künstlerisch-gediegenenGeschmacke des Erbauers, des Herrn Architekten Pflug, zu größterEhre.


Die Börse in Riga


Die Börse in RigaZMag nun der Name „Börse" für das Versammlungslocal der Kaufleutedaher rühren, daß man in Amsterdam die erste Börse in einem Hauseeinrichtete, über dessen Thür drei Beutel (bom-«««) in Stein gehauen waren,oder daher, daß die Kaufleute zu Brügge in Flandern um das Jahr 1530zu ihren Versammlungen das Haus einer Familie van der Bourse benutzten— unzweifelhaft bleibt jedenfalls, daß es schon in der ersten Hälfte des16. Jahrhunderts in größeren Handelsstädten bei den Kaufleuten anfing Sittezu weiden, sich zur Besprechung ihrer Handelsangelegenheiten in eigens fürdiesen Zweck bestimmten Localen zu versammeln. Wann diese Sitte auchin Riga Eingang gefunden und wo hier dieKaufleute anfänglich ihre commeiciellenZusammenkünfte gehalten, — ob etwain dem alten Arthushofe,dem gegenwärtigen Schwarzhäupterhause, dessen Nutznießung und Besitz dieKaufleute bis in das 18. Jahrhundert hinein mit den Schwarzhäuptern gemeinsamgehabt haben, oder in einer andern localität — daiübei schweigenunsere Nachrichten. Wir erfahren nur, wie dies unser Album schon beiErläuterung der Ansicht vom Rathhause mitgctheill hat, baß bereits in denvierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wahrscheinlich in Folge desstets wachsenden Handelsverkehrs in Riga, das Verlangen nach einem eigenenBörsenlocal die Ansammlung eines Kapitals von 4000 Thlrn. zumAufbau eines solchen veranlaßte. Da gleichzeitig das alte Rathhaus einenNeubau erforderte, so wurde eine Combination von Rathhaus und Börsebeliebt, wie das in älteren Zeiten ziemlich allgemein war. — Diese Combinationhat, mit einigen durch Zeit und Bcdürfniß nothwendig gewordenenAbänderungen in der für das eine, wie für die andere benutzten Räumlichkeit,über achtzig Jahre bestanden. Als aber in den vierziger Jahrenunseres Jahrhunderts sich die Nothwendigleit einer Vergrößerung der Gexichtslocaledurch Benutzung der bisher von der Börse innegehabtenRäume


24des RathhauscS zu solchem Zwecke herausgestellt hatte, und in Folge dessendie Bölsenvelsammlungen im Zahle 1847 piovifolisch in das Schwarzhäup»tcihuus verlegt worden, die Unterhandlungen der Böisenkaufmannschaft mitder großen Gilde wegen des von dieser in Vorschlag gebrachten combinirtenGildftuben- und Börsenbaues aber an dem Umstände gescheitertwaren, daß die in dem bezüglichen Projecte der Börse zugedachten Räumlichkeitennicht den Wünschen und Bedürfnissen der Börsenkaufmannschaftentsprachen, wurde endlich im Jahre 1851 der Vorschlag des Börsen-Comite— der Böisenkaufmannschaft die Herstellung einesneuen Börsenhausesanheimzugeben, welches als städtisches Eigenthum dem Rathe zu überweisenwäre, wogegen die Kaufmannschaft aus dessen Händen die Investitur dafürzu empfangen habe, um es als nutzbares Lehn auf ewige Zeiten zu befitzen— zum Communalbeschluß erhoben. Zur Ausfühlung des Baues ernanntedie Genelal-Veisammlung der zu den Bewilligungsgeldern steuerndenKaufmannschaft eine besondere Commisfion aus 15 Gliedern der Kaufmannschaftund entschied sich diese nach soigfältigel Beplüfung der 13 verschiedenenComplexe von Giundftücken, welche zum Bau in Vorschlag gebrachtworden waren, für den Ankauf der Rhode-, Pandel-, Aull-, NowikowschenImmobilien an dci Ecke dci großen Schloß- und großenlocobssttaße.Bexeits am 3. Juni 1852 fand die feierliche Grundsteinlegung statt undwurde der Bau, unter der Oberleitung des Atademikels, Hoftaths H. vonBosse und nach dessen geschmackvollem Piojecte im Renaiffanceftpl, vondem mit dci Ausfühlung bettauten Architekten Heß in dci veibältnißmäßigkulzen Zeit von diei lahien beendigt, so daß schon am 4. Octobec 1855die Bölsenvelsammlungen in die schöne Halle dcc neuen Börse verlegt werdenkonnten. Um der Eröffnungsfeier einen würdigen Ausdruck zu verleihenund die Bedeutung des Festes durch ein bleibendes Eiinnciungszci«chen zu veicwigen, ließ die Kaufmannschaft bei dem Beiliner MedailleurLoos eine Denkmünze prägen, die dem beigefügten Stahlstiche, auf demdie architektonischen Ornamente der Facaden des Hauses anschaulich hervortreten,zum Vorbild gedient hat. Unter den inneren Räumen zeichnet sichaußer der Börsenhalle, welche das ganzeParterreder rechten Fa?ade einnimmt,ganz besonders die Belletage — bestehend aus dem Conferenzsaaledes Börscn-Comite, einem Balkonzimmer, Ballsaal und Speisesaal, so wohlin architektonischer Beziehung, als durch prachtvolle Einrichtung aus.


Die St.Petri Kirche in Riga


Die St. Petri-Kirche«9a unser Album sich die Aufgabe gestellt hat, seinen geehrten Lesernzwischen den neuen auch die älteren monumentalen Bauwelte Riga's vorzufühien,so daef dasselbe, indem es im Begriff steht, die Blicke von dencommunalen und ständischen Gebäuden auf unsere neueren tilchlichen Bautenhinüberzuleiten, nicht füglich die lutherische Kathedrale zu St. Peter unberücksichtigtlassen. Seit Alters zählt ja dieselbe nicht nur dulch ihlen umfangeeichenBau und ihl dleifach aus Stein gemeißeltes Poltal zu den Hauptzierdenunserer Stadt, fondern namentlich auch durch ihren schlanken, von dreiGaleiicn duichblochenen Thurm, der, als ein Unicum und allbekanntes WählzeichenRiga'sdastehend, wegen seiner bedeutenden Höhe — man rechnet dieselbemit Stange und Hahn auf 440 und ohne diese auf 400 Fuß, — schonauf meilenweiter Ferne den, sei es zu Wasser oder zu Lande, Anreisendendie Nähe unserer alten Dünaftadt zu verkünden pflegt.Der vorliegende, in jeder Hinficht wohl, gelungene Stahlstich überhebtuns der Mühe einer eingehenden Situationsschilderung. Unser rühmlichbekannte Kunstmaler, Herr Academiker Siegmund, hat bei feiner AufnahmederKirche nach der Natur das Ganze, wie das Einzelne gleich scharfden Blicken dargelegt und zugleich nicht unterlassen, in den verschiedenenGruppen, welche den schön gepflasterten und neuerdings durch Baumanlagengeschmückten Kirchhofplatz beleben, dem Beschauer einen ungefähren Maßstabzui Beuitheilung der Größcnverhältniffe des ganzen Baues zu geben. Dierechts im Hintergründe über die Baumgruppen hervorblickende Kirche ist diezu St. lohannis. Für sich allein betrachtet, ein ansehnlicher Bau, erscheintsie neben unserer Pettitirchc, hintei der sie bekanntlich nue wenige HundeltSehlitte zurück steht, doch so verschwindend klein, als liege sie in weiter Ferne.


26Ueber St. PeterS älteste Geschichte schwebt leider ein ziemlich dichterNebel, den zu zerstreuen um so weniger Aufgabe unseres Albums sein kann,als es bisher selbst den besten unserer vaterftädtischen Alterthumsfolschclnicht hat gelingen wollen, ihn mit ihren kritischen Augen zu durchdringen.So viel nur steht fest, daß es schon wenige Jahre, nachdem Bischof Albert1201 Riga gegründet hatte, in der neuen Stadt eine Kirche zu St. Petergab. Bereits im Jahre 1209 huldigte, wie alte Urkunden berichten, derFürst Wsewolod von Geriete dem genannten Bischof unter großer Feierlichkeitauf dem Kirchhofe zu St. Peter. Bei einem in der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts vorgenommenen Umbau der Kirche erhielt sie einen 75 Fadenhohen Thurm in Spitzsäulenform, dem indessen erst im Jahre 1490 amDiesei Thurm war, wie berichtetSt. Laurentius-Tagc, als den 9. August, Knopf und Hahn aufgesetzt meldenkonnten.wird, zugleich mit einem „toftundkunftbaren Uhrwerk" versehen.Drei lahrzchend nach Krönung ihrer Thurmspitzc, war es die Petti-Kirche, von deren Kanzel herab sich die ersten Strahlen der reinen evangelischenLehre über unsere Stadt und die umliegenden Lande zu verbreitenbegannen, nachdem der rigaschc Rath im Jahre 1522 m Andreas Knöpkcnaus Küsttin einen glaubenseifrigen Anhänger Luthers als Prediger an dieselbeberufen hatte.Für die Baugeschichte unserer Kircheist nach dieser Zeit zunächst dasJahr 1666 bedeutungsvoll geworden, in welchem, wie die Chronik berichtet,am 11. März, als am Sonntag Rcminiscerc, um 2 Uhr Nachmittag derganze kostbare Thurm unvermuthlich zu Fall kam und dabei 8 Personenund ein Haus gänzlich zerschmetterte. Mit seinem Wiederaufbau war zwarschon im nächsten Jahre und zwar nach einem neuen , seiner gegenwärtigenGestalt cntsplechenden Plan — des genialen Schöpfeis Namen ist leidei unbelanntgeblieben— dci Anfang gemacht woiden, doch wai man noch nichtübel die Höhe des Kiichcndaches hinaus, als der Mordbrand des Jahres1677 mit einem großen Theil der Stadt auch die Petti-Kirche thcilweisc inAsche legte. In Folge dessen vnzögelte sich die Beendigung des Thmmbauesbis in's Jahr 1690, in welchem er am 10. August Hahn und Knopf aufgesetzterhielt.Dreißig lah« voll Noth und KriegSdrangsalen waren über Riga kaum


dahingegangen und unsere Stadt aus der schwedischen Unterthänigkeit kaum10 Jahre in die russische übergetreten, als am 10. Mai 1721 früh zwischen4 und 5 Uhr ein Blitzstrahl über dem Altar in die Pctti-Kttche schlug undin 3 Stunden Alles in Tlümmer gelegt wurde. Peter der Große, welcherdamals gerade in seiner neuerworbenen Stadt anwesend war, erschien persönlichauf der Brandstätte und ließ die nöthigen Anstalten zur Rettung derden Kirchhof umgrenzenden Baulichkeiten treffen. In den gefährlichsten Augenblickensoll er sich betend vor dem Altar auf die Knie geworfen haben.Zum Glück stürzte diesmal der Thunn nicht um, sondern sank in sich selbstzusammen. In Folge dieses verderbenbringenden Brandes sind eine MengeschönerDenkmäler der Kunst, wie der marmorne Altar, die steinerneKanzel,die Orgel und das Glockenspiel u. s. w., mit denen noch während des 17.Jahrhunderts fiomme Gemeindcgliedei die Kirche geschmückt hatten, zu Grundegerichtet worden. Auch mit dem Wiederausbau derKirche und namentlich mitder Aufführung des neuen Thurmes ging es wegen Mangels der nöthigenMittel nur langsam von Statten, so daß erst am 9. Octobcr 1746 Hahnund Knopf wieder aufgesetzt werden konnten. 1753 den 26. September fingdie neue Kirchenglocke an, zum erstenmal seit dem Brande von 1721wieder die Stunden zu schlagen.Was das Innere derKirche gegenwärtigvon Sehenswürdigkeiten enthält,stammt, bis aufeinige große Armleuchter, Grabmaler und Wappenschilder, ausdem 16. u. 17. lahrh., größtentheils aus denZeiten nach dem Brande. Dieschöne mannolnc Kanzel wuede aus einem Vcrmächtniß der vclw. BürgermeiftclinGelttud Holst hclgeftellt. Sie ist in Italien geaibeitet und im I.1794 eingeweiht woiden. Dci aus poliltem Eichenholz im gothischenStylgeaebeitete Altai, ein Welt des Bildhauers Stephan in Köln, wurde erstim Octobcr 1853 eingeweiht. Denselben zieren die Standbilder der 12Apostel, nach dem Sebaldus-Denlmal in Nürnberg in Holz geschnitzt. DasAltargemälde im mittleren Felde, eine Kunftschöpfung desProfessors Steintein Frankfurt a. M., stellt den Apostel Petrus, den Patton unserer Kirche,in dem Moment dar, wie er dem versammelten Volke zu Jerusalem vollheiligen Geistes seine erste Pfingftpredigt hält. Zur rechten Seite des Altarserinnert eine erzene Gedenktafel an zwei erhabene Glieder des russischenKaiserhauses, welche andachtsvoll an dieser geweihten Stätte geweilt27


28haben: Peter der Große am 10. Mai 1721 und die Kaiserin -WittweMaria Feodorowna am 1. September 1818. Eine zweite Tafel linksvom Altar ist dem Andenken an den oben erwähnten ersten reformatorischenPrediger Riga's, Andreas Knßpkcn, geweiht, der im I. 1539 verstorben,im Altarchor der Kirche, wie ein dort noch vorgefundener Grabstein bezeugt,seine letzte Ruhestätte gefunden hat.Dci jüngsten Zeit, welche neben ihlen Neuschöpfungen auch nach Möglichkeitfür Erhaltung der von der Vorzeit überliefelten Denkmälee Sorgeträgt, dankt namentlich unsere Petri-Kirche in dieser Hinsicht eine würdigereAusstattung ihres Innern, so wie die Entfernung störender Baulichkeitenan ihren Außenseiten, in jener aber die Einrichtung einer Gasbeleuchtungund eines Heizungsapparats.


Die St.Gertrud Kirche in Rigai


Die neue St. Gertrud -KircheNlei dci Volkszählung im Mälz 1867 fanden sich in Riga und seinenVorstädten, in runden Zahlen ausgedrückt, unter einer Gesammtzahl von102,000 Einwohnern 62,800 oder 61,5 Procent Lutheraner. Wie in dieserMehrzahl seiner Bewohner, so trägt Riga zur Zeit auch noch in der Bedeutsamkeitseiner, der öffentlichen Gottesverehrung bestimmten Gebäudeden Charakter einer lutherischen Stadt. Denn wenn unter seinen 22 Kirchenauch nur 8 oder 36 Proc. den lutherischen Confesfionsverwandten angehören,so find diese, wenigstens so weit sie in der Stadt selbst liegen, wiedie Dom-, die St. Petri-, die St. lacobi- und die St. lohannis-Kirche,dafür auch in ihrem baulichen Umfange, so wie in ihrer architektonischenEigenthümlichkeit die hervorragendsten und reichen außerdem mit dem Zeitpunktihres Entstehens bis in die älteste Periode unserer Stadtgeschichte zurück. Inden Vorstädten freilich hat sich dieKiiegsfurie, welche Jahrhunderte lang dieMauern Riga's umtobte, dem Emporblühen liichlicheiBauten wenig günstigbewiesen. Was die eine Gcneiation in dieser Beziehung mit frommerPietät geschaffen hatte, das sah vielleicht schon die nächste beim Herannahenfeindlicher Heereszüge in Asche und Trümmer sinken.So lam es denn, daßsich die Bewohner der Vorftadttheilc bis in die neueste Zeit herein, wie inso vielen anderen Beziehungen, so auch hinsichtlich der Befriedigung ihrerreligiösen Bedürfnisse vorzugsweise auf die Stadt verwiesen fanden. Inder älteren Zeit, wo die Vorstädte nur schwach bcvöltcrt waren und ihreäußeiften Punkte höchstens eine Vieltelmeile von dem Centturn dcl Stadtentfeint lagen, mochte dies Velhältniß im Ganzen wenigei drückend gefundenweiden, wie wohl es auch damals an Beschweiden dci Voistädtcin dieser Richtung nicht gefehlt haben soll. In der neueren Zeit aber, womit der Zunahme der Bevölkerungszahl sich die Vorstädte nach allen Rich-


30tungen hin ausgedehnt haben, so daß sie in ihren äußersten Grenzen einenKreis um die Stadt beschreiben, dessen Radien mindestens eine halbe Meileund noch darüber messen, hat sichdies Verhältnis noch viel ungünstiger gestaltet.Wie die öden erwähnte Volkszählung ergeben hat, zählen von sämmt»lichen 62,800 lutherischen Bewohnern RigaS nur 14,200 oder 23 Procentzu denen der eigentlichen Stadt, die übrigen 48,600 oder 77 Procent verteilensich auf die drei Vorftadttheile, und zwar der Art, daß auf den St.Petersburger Stobttheil deren 18,900 oder 30 Procent, auf den Moskauer18,500 oder 29 Procent und auf den Mitaucr 11,200 ober 18 Proc.kommen.Und für diese überwiegende Bevölkerung der Vorstädte bestand bis vorungefähr 2« Jahren zurück in denselben nnr eine eigentliche Kirche, dieJesus-Kirche im Moskauer Vorftadttheil. Die zahlreichen Lutheraner desSt. Petersburger Stadttheils sahen sich seit den verhängnißvollen Kriegsjährenvon 1812 und 1813 auf ein beschränktes hölzernes Bethaus »erwiesen,und die Bewohner des Mitaver Stadttheils, wo es gar kein lutherischesGotteshaus gab, einzig auf die Kirchen der Stadt. Erst in Folgedes Erwachens eines regelen kirchlichen Geistes begann man wahrendder letztverfloffcnen Decennien auch dem Verlangen der lutherischen Bewohnerder Vorstädte nach eigenen Gotteshäusern möglichst Rechnung zutragen. So entstand zu Anfang der fünfziger Jahre auf Sehwarzenhof,im Mitaver Stadttheil, die MartinS-Kirche ; für die Bewohner an der reihenDüna und am Weidendamm im Petersburger Stadttheil ward durchdie Anstellung eines Predigers und Errichtung einer Pfarre bei der Kircheauf Alexandershöhe, die früher zunächst nur für die in genannter AnstaltVerpflegten bestimmt war, gesorgt; den Haupttheil des St, PetersburgerVorftadttheils aber, der zwischen der Stodtwcidc und der Suworowstraßegelegen, überragt seit dem Jahre 1886, in einem edlen Baustyl ausgeführt,die neue St. Gertrud-Kirche.In älteren Urkunden wird mehrer Kirchen gedacht, die in dem Theilder Vorstädte gelegen haben, welchen wir gegenwärtig den St. Petersburgernennen. So der Johannes-, der Georgen- und der St. Gertrud-Dieser letztern namentlich geschieht zuerst in einer KämmereirechnungKirche.vom I. 1413 als „Suntc Gertrud" Erwähnung; ferner im Jahre 1478,wo man bei Aufhebung eines über Riga verhängten Kirchenbannes dasheilige Ocl aus St. Gertrud in großer Procesfion in die Stadt holte,


31und im I. 1489, als Bischof Simon von derBorg eine päpstliche Bann»bulle an die Kirchenthllren von St. Gertrud anschlagen ließ. Ucber ihreweiteren Schicksale indessen ist nichts bekannt. Jedenfalls muß sie ftüherodei später zerstört worden sein, da berichtet wird, daß im I. 1589 am19. Deccmber der Ausschuß der Bürgerschaft den Bau einer Kirche zu St.Gertrud nachzugeben beschloffen habe. Zu Weihnachten 1591 ward auchwirtlich der Gottesdienst in dieser neuen Kirche eröffnet, jedoch nur fürwenige Jahre, denn bereits 1605 sant auch sie, während der BelagerungRiga's durch Karl IX., in Trümmer. Darnach verssoffen volle 174 Jahre,ehe sich wieder eine St. Gertrud-Kirchengemeinde conftituiren konnte, undwaren inzwischen die Vorstädte! »uf die im Jahre 1632 außerhalb der latobspfortebei lürgenshof erbaute Georgen -Kirche, so wie auf die imJahre 1636 entstandene Jesus-Kirche augewiesen.Erst im Jahre 1743 gelang es den Bemühungen dreier vorftädtschcnBülgee: Apothetei Petei Joachim Voß, Johann Bcig und loh. ChristophNormarm, durch Collcctcn die Mittel herbeizuschaffen, um ein Haus an dergroßen Sandftraße läuflich zu erwerben, das dann, zur Andachtsftätte fürdie Gertrud-Gemeinde eingerichtet, am 4. März 1744 mit der Antrittsrededes neuerwählten Predigers Friede. Gottlieb Hilde eröffnet ward. ImI. 1753 erhielt dies inzwischen sehr erweiterte Bethaus auch einen Thurmund mit Bewilligung des Raths den Namen Gertrud-Kirche. Andieser Kirche wirkte loh. Gottfried Herder seit dem 29. Juni 176? zweiJahre als Pastor »H.Als sich im I. 1778 dieses Kirchengebäude gänzlich baufällig erwies,beschloß man eine neue Kirche an der Stelle aufzuführen, wo bis zum 1. 1605die alte Gertrud-Kirche gestanden hatte, d. h., um für die Gegenwart den Ortnäher zu bezeichnen, zu Anfang der Aleranderftraßc, ungefähr auf der Stelle,welche jetzt das Haus von I. H. Hill einnimmt. Nachdem am 8. April 1779der Grundstein gelegt worden war, konnte bereits am 29. Aug. 1781 dieKirchefeierlich eingeweiht werden.Ihre Erbauung hatte 20,206 Thaler gekostet.Nach kaum 31jährigcm Bestehen, als im I. 1812 bei Herannäherungdes französischen Heeres in der Nacht vom 11. auf den 12. Juli die Vorstädtein Brand gesteckt wurden, ward zugleich mit der Jesus»Kirche undzweien griechisch-iusfischen Kttchen auch unsere St. Gertrud-Kirche von denFlammen zerstört. Um in dieser allgemeinen Bedrängniß dein Verlangenseiner Gemeindeglieder nach den Tröstungen aus dem Worte Gottes begeg»


32ncn zu können, vermittelte es der damaligePrediger der Gertrud-Gemeinde,Martin Berkholz, daß im Saale des in der jetzigen Nilolaiftraße gelegenenLocals der Euphonie-Gesellschaft schon mit dem 11. August der sonntäglicheGottesdienst einstweilen wieder abgehalten werden tonnte. Inzwischenwar man angelegentlichst aus die Herstellung eines neuen Kirchengebäubesbedacht, und ward zu dem Endzweck mit dem 1. Juli 1813 eineallgemeine Collecte eröffnet, die einen Ertrag von 22,371 Rbl. Banco-Assign. gab. Mit diesen Mitteln ausgerüstet, begann man schon im Septemberan der Ecke der Aleiandei- und Mühlengaffe den Bau eines hölzernenSt. Gertrud-Bethauses. Nachdem dasselbe am 24. Mai 1814feierlich eingeweiht worden, erhielt es im I. 181? dmch milde Beiftcueinpatriotischer Bürger Riga's auch noch einen kleinen Thurm nebst 2 Glocken.Die Ausführung einer eigentlichen Kirche mußte besseren Zeiten vorbehaltenbleiben, in deren Erwartung man vorläufig an dem Durchschnittspunkt derEchmiedeftiaße und dcc Kiichenfttaße in dem aus dci Asche neuelstchendenSt. Peteesbulgel Stadttheil einen freien Platz reservirte.Seit jener Zeit verflossen fast volle 50 Jahre , ohne daß es möglichgeworden wäre, einen neuen Kirchenbau in Angriff zu nehmen. Elst imlahle 1863, als das Baukapital dmch im Laufe dcc Zahle eingegangeneBeifteueen, einen außclvldentlichen Zuschuß von bedeutendem Betrageund durch die Einnahmen der seit Alters bestehenden Gertrud-Kirchenftiftungunter sparsamer Verwaltung der betreffenden Administration bis zu einerHöhe von circa 100,000 Rubel S. angewachsen, konnte die KaiseilicheBestätigung zum Bau einer fteinelnen Kilchc, nach dem von dem Hen. Stadt-Alchitcttcn Felsto entwolfenen Plane, «langt werden. Zur Erweiterungdes, wie oben angegeben, für die Kirche reservirten Platzes wurden mehreder an demselben liegenden Grundstücke von den resp. Besitzern durch Eivlopnation,und namentlich eins auch durch Schenkung des Oblisten Uschakowciwolben. Nachdem sodann dem Helm Maurelmeiftei WilhelmKrüger die Ausführung des Baues (ohne die innere Einrichtung) für90,900 Rbl. und dem Herrn Felsto die Leitung desselben übertragen wordenwar, machte man am 12. Juli 1864, dem Tage, wo vor 52 Jahrendie alte St. Gertrud -Kilche in Trümmer sant, mit den vorbereitenden Arbeitenden Anfang. Am 29. Mai des folgenden Jahres 1865 fand dieFeier der Grundsteinlegung statt. Rasch schritt von nun an der Bau seinerVollendung zu. Noch in demselben Jahre, am 11.Octobcr, feierte man das


33Richtfest, und am IN. August 1866 ward die Kreuzblume sammt dem Kreuzauf der Spitze des Thurmcs befestigt.Dem, wie wir bereits erwähnt, von Hrn. Felsto entworfenen Planegemäß, ist sie in Kreuzform und in unmittelbarer Verbindung mit einemThurm und einem entsprechenden Altarausbau, so wie mit zweien Treppen»thürmen zur Communication nach den Emporen und den oberen Etagen desThurmeS, im Ganzen, sowohl außen, wie innen, im gothischen Bauftyl ausgeführt,und liegt sie auf dem freien Platz in der Kreuzung der Schmicde-«nd der Kirchenftraße so, daß der mittlere Kreuzpunkt der Grundform derKirche in den Kreuzpunkt der Achsen oben genannter Straßen trifft. Sieselbst ist im Ziegel-Rohbau, ihre sämmtlichen Gcfimstheile dagegen, sowie die Fialen und das Maßwerk der Fenster sind von Ccmentguß hergestellt.Die Pyramide des 207 Fuß hohen Thurmcs ist von Holz und mitKupfer gedeckt.Das Innere der Kirche wird aus einer Haupt» und 2 Seitenhallen gebildet,welche durch reich prosilirte, schlanke, die Hauptgurten und Rippen dermassiven Sterngewölbe aufnehmende Pfeiler von einander getrennt weiden.Das Kirchenschiff hat, vom Fußboden bis zum Scheitel der Gewölbe gerechnet,eine Lichtenhöhe von durchschnittlich 45 V« Fuß, eine Breite von63 Fuß 1» Zoll und eine Länge von 113 Fuß. Den Schluß dieser Mittelhallebildet der Altarausbau, dessen Umfassungswände dulch 5 Seiteneines leguläien Achtecks bcglenzt weiden. In denselben ist zugleich bis zurHöhe der Altaiwand die Sakristei eingebaut, deren Länge 27'/«, die Tiefe21 Fuß beträgt. Der von einem Sterngewölbe überspannte Raum unterder Sakristei, welcher einen Eingang direct von der Straße erhält, istzur Absetzung von Leichen bestimmt.An der dem Altaiausbau gegenüberstehenden Giebelmauer befindet sichdas Orgelempor. In den an den Längseiten nach außen vorspringendenAusbauten find gleichfalls Empore angeblacht, ohne daß badmch dci fieleDurchblick irgend wie gehemmt wirb.Die Kirche faßt überhaupt 1200 Sitze und 900 Stehplätze. Den An»forderungen unserer kalten nordischen Winter entsprechend, ist sie durch zweiim Keller angelegte Luftheizungsöfen heizbar gemacht und mit Winterfenfternversehen worden.Einige Aenderungen in dem ursprünglichen Bauplan, namentlich aber,daß die ungünstige Beschaffenheit des Baugrundes es nöthig gemacht hatte,


34das Fundament viel tiefer als es anfänglich beabsichtigt war,— an einzelnenStellen bis auf 21 Fuß zu legen,— brachten bereits im Herbste des Jahres1866 die von den HH. Rathsherr Arend Berkholz, C. F. Meinhard undG. H. Stcuwer gebildete Administration der Gertrud-Kirche zu der Ueberzeugung,daß die bis dahin füi den Bau bestimmten 121,734Rbl. nicht genügenwülden, um auch die innele Ausstattung dciKttche, entsprechend ihremäußeren Bau, zu vollenden. In Folge dessen erließ dieselbe eine öffentlicheAufforderung zu freiwilligen Beiträgen, die, Dank der Opferbereitwilligkeitunserer Rigaer Mitbürger, das crfteuliche Elgebniß hatte, daßnahe an 11,000 Rbl. zusammenflössen. Nachdem mit Hülfe dieser Zuschüsseauch die innere Einrichtung und Ausschmückung der Kirche so weithergestellt war, daß dieselbe dem gottesdienftlichcn Gebrauche übergebenwerden konnte, wurde sie am 2. März 1869, als am Sonntage Quinquagefimä,feierlich eingeweiht. Möge sie dmch viele Jahrhunderte hin auchden fernsten Geschlechtern noch ein Zeuge von dem Gemeinssnn unsererZeit sein!


Die Martins Kirche in Riga


Die Martinskirche.Wer, die DNna von der Bolderaa her aufwärtsfahrend, sich der StadtRiga nähert, dessen Auge wird, wenn es von dem, Riga schon in der Fernekennzeichnenden Anblick der drei majestätisch zum Himmel anstrebenden Thunnspitzenabschweift, dulch ein glüncs, von einem goldenenKeeuze übeliagtesThuimdach gefesselt, das auf weißem Untelgnmdc aus dci Nadelholzwaldungheivoischaut, welche die längs des linken Dünauftis sich Hinzichenden Hügel»«ihen tlönt. Dies, wenn man es so nennen will, neueste WahrzeichenRiga's ist die Thurmspitze der Kirche, welche in dem nebenstehenden Stahlstichesich unserem Auge als „die Martinskirche inRiga" darstellt. Inmittendes an schlanken und stämmigen Fichten reichen Hagens- oder SchwarzmhofschenWaldes, ungefähr drei Werft unterhalb Riga auf einer Anhöhegelegen, wendet sie ihre Portal» oder Thurmseite der nach Bolderaa hinnnterführendcnDünamündeschcn Straße zu, während ihre Rückseite mit derEingangsthür, über welcher der Beschauer auf dem vorliegenden Bilde dasWappen der großen Gilde erblickt, der sogenannten Schlockschcn Straßezugekehit ist. Zwei Alleen von schön gezogenen Linden fühicn an jedeidci beiden Kilchenseiten voebei, von der Schlockschen zm DünamündeschenStraße. Rechts von der Martinslirehe, in einer Entfernung von wenighundert Schlitten, lehnt sich an den Wald die freundlich gleichfalls auf dieSchlocksche Straße blickende Pfariwohnung; ihr zui Linken dehnen sich dieTodtengcsilde des Hagenshofschen Kirchhofs mit ihren unter dichter Laubum»dachung hervorschimmernden Kapellen und Grabmonumenten.Unter den kirchlichen Bauten Riga's zählt die Martinslirehe zu einerder neueren. Ais zu Anfang der fünfziger lahie unseres Jahrhundertswaren sämmtliche Bewohner der jenseits der Düna gelegenenStadtgebiete,wie Thorcnsberg, Hagenshof, Saffenhof u. f. w., bei der städtischen lohanniStttcheeingepfarlt. Die zm Herbst» und Frühlingszeit erschwerte Communicationjener überdünaschen Stadttheile mit der Stadt einerseits, andererseitsdie im Laufe der Zeit bedeutend angewachsene Bevölkerung derselben hattenes schon lange wünschenSwerth erscheinen lassen, hier eine selbftftändigcKirchengemeinde zu begründen.Nachdem »uf einen in Veranlassung dessenim December des Jahres 1845 an die Bürgerschaft großer Gilde gebrachtenAntrag von dieser eine besondere Commisfion zur Bcratiung dieses Gegen»


36standes niedelgesetzt woiden war, wmdc amTage, an welchem vor 300 Jahren Maltin Luther durch den Tod ausder18. Feblual 1846, demselbenseiner lirchenreformatorischen Wirksamkeit abberufen worden war, vongenannten Bürgerschaft ein Kapital von 10,000 Rbln. zur Erbauung einerevangelisch-lutherischen Maltinstttche auf Hagenshof ausgesetzt, welchesspäter, als man den Bauplan dahin änderte, die Kirche anstatt von Holzvon Stein, wie sie jetzt vor uns steht, zu erbauen, bis auf 16,000Rbl.erhöht wurde. Am 2. November 1850 erhielt der betreffende Bauplan dieAllerhöchste Bestätigung, worauf denn sofort seine Ausführung in Angriffgenommen und bereits am 15. Mai folgenden Jahres 1851 zur feierlichenGrundsteinlegung geschritten wurde. Schon im Herbst desselben Jahres standdas neue Gotteshaus unter Dach, und ein Jahr später, am 26. Octobcr1852, ward es feierlich zum gottesdienftlichen Gebrauche eingeweiht, und dernoch jetzt bei der Kirche fungirende Pastor Robert Starck introducirt. Daßes ermöglicht ward, zugleich mit derKüche ein eigenes Pastorat zu begründen,danktRiga der patriotischen Gesinnung eines seiner Mitbürger, des weil. Nettestengl. Gilde, Ebeehaid Michael v. Bulmelincq, welcher im December desJahres 1850 ein Kapital von 20,000 Rbln. S. darbrachte, mit der Bestimmung,daß aus den Zinsen von 12,000Rbln. dem Prediger an der Martinskircheein jährliches Gehalt von 600 Rbln. S. gezahlt, die übrige Summevon 8000 Rbln. aber zur Erwerbung eines Grundstückes und zur Erbauungeiner Predigerwohnung von Stein verwandt werden solle. Dieser großmüthigenSchenkung fügte der genannte Wohlthäter später noch ein Kapitalvon 5000 Rbln. hinzu, aus dessen Renten die in einem Thcil des Pastorats»gebäudes placirte Martins-Kirchen-Freischule unterhalten wird. Kirche undSchule erfreuen sich in der Gegenwart eines gesegneten Gedeihens. Währenddie letztgenannte im I. 1867 bereits von 43 Knaben und 19 Mädchenbesucht war, dehnt sich der Bcichtkieis der Kirche, welche mit ihrem sonntäglichenGottesdienste auch dem religiösen Bedürfniß der während der Sommermonateauf den überdünaschen Höschen wohnenden Städter entgegenkommt,immer mehr aus. Gleich nach ihrer Einweihung im I. 1853 warenbei derselben nur 33Knaben getauft, 11 Paare getraut, und I I Leichen beerdigtworden; dagegen belief sich im 1. 1870 die Zahl der Getauften bereitsauf 155, die der getrauten Paare auf 49 und die der Begrabenen auf 127.Wenden wir nach diesem kurzen geschichtlichen Rückblick noch einmalunser Auge auf die MartinSkirche selbst zurück. Wie sie ihrer äußern Erscheinungnach schlicht, aber ansprechend daliegt in ihrer grünen Waldumhüllung,so ist auch ihr Inneres zwar ohne kunstreiche Ausschmückung, aberwürdig und freundlich, wie es der Geist gebietet, der in ihr wohnt.


Die Anglikanische Kirche in Riga


Die Anglikanische Kirche zu Riga9chon im Jahre 1829, als die hier ansäßige Brittische Kaufmannschaftden Beschluß gefaßt hatte, einen Gottesdienst nach dem Ritus der AnglikanischenBischöflichen Kirche einzurichten und zu diesem Zwecke den gegenwärtignoch functionirenden Pastor I. Ellis von England berufen hatte,wurde der Bau einer eigenen Kirche projectirt; allein, theils wegen derSchwierigkeit, einen geeignetenPlatz zu finden, theils wegen Unzulänglichkeitder vorhandenen Mittel, wurde die Ausführung dieses Projects von Jahrzu Jahr ausgesetzt und der Gottesdienst fand einstweilen von Ostern 1830bis Advent 1859 in der hiesigen Reformirtcn Kirche statt. Endlich im Jahre1852 wurde eine paffende Localität gefunden und acquirirt, so wie die Genehmigungder Staats-Regierung zum Bau derKirche erlangt. — Zu Anfang1853 wurde mit dem Abriß der auf dem Bauplatz befindlichen Gebäude undmit dem Ausgraben des Fundaments begonnen. Der Bau wurde unterLeitung des Stadt-Architekten Herrn Felsto nach einem von demselbenentworfenen und höhern Orts bestätigten Plan von dem Maurermeister W.Krüger jun. contractlich übernommen, tonnte aber des schwierigen Terrainswegen bis zum Herbst 1853 nur bis zum Fundament-Sockel ausgeführtwerden. Wegen Ausbruch des Krieges im folgenden Jahre wurden dieArbeiten gänzlich unterbrochen, da das erforderliche Material an Sandsteinund Ziegeln erst im Jahre 1856 nach erfolgtem Friedensabschluß vomAuslände beschafft werden konnte.Endlich im Frühling 1857 wurde der Grundstein von dem damaligenBrittischen Consul Herrn Richard Levinge Swift gelegt und die Fortsetzungdes Baues ernstlich in Angriff genommen. — Bereits im Sommer1859 waren sämmtliche Arbeiten so weit beendet, daß die Einweihung des


38Gebäudes durch den hier anwesenden Anglikanischen Bischof Trower am26. Juli in Gegenwart dci dazu eingeladenen städtischen Autoritäten stattfindentonnte. Sie erhielt den Namen: »b« l^ctur?emirel, nl Bt. 8»-Am 1. Advent den 9. November 1859 ward in derselben mit derregelmäßigenFeier des Gottesdienstes begonnen.Wie unser Stahlstich zeigt, ist die Kirche in rein gothischcm Styl alsZiegelRohbau aufgeführt. Sie steht etwas oberhalb des alten heermeiftcrlichenSchlosses auf hohem Fundament, mit ihrem Portal der Düna zugewandt.Den im Hintergründe unseres Stahlstiches sich erhebenden Thurmmacht sein Wahrzeichen — die Glocke außerhalb des Thurmes — als dender lutherischen St. latobi-Kirche kenntlich.An der inneren Ausschmückung der Kirche haben mehre Glieder deranglikanischen Gemeinde sich in opferfreudiger Weise betheiligt. Insbesonderefind es die von ihnen dargebrachten Glasmalereien, welche das Interessedes Beschauers in Anspruch nehmen können.


Dasbaltische Polytechnicum zu Riga


Das baltische Polytechnicum


40dem Nehufe ein Boucapital von 100,000 Rbl. und einen kostenfreienBauplatz dargebracht; der Rest der veranschlagten Bausumme im Betragevon circa 80,000 Rbl. sollte durch ein Darlehen beim städtischen Credit»verein beschafft werden. Der vom Professor Hilbig und Architekten Heßgeleitete Bau war bereits im I. 1868 so weit vorgeschritten, daß eine thcilweiseBenutzung des Gebäudes gegen Ausgang des Jahres möglich war;der vollständige Umzug der Anstalt konnte aber erst im I. 1869 stattfinden,wo mit dem Beginn des neuen Schuljahres am 1. September auch zugleichdie Einweihung des neuen Gebäudesdurch einen feierlichen Schulactus vollzogenwurde.Unter allen im Angesicht der Stadt am Thronfolger-Boulevard neuaufgeführten Bauten tritt das baltische Polytechnicum, wie unser Stahlstichdasselbe zeigt, imponirend hervor. Auf einem Pfahlroft von 988 Pfählenund einem darauf ruhenden Fundamentmauerweik von 20 Fuß Höhe und 6'/«Fuß hohem Sockel, dessen unteiei Theil aus schön beaibeiteten BoinholmschenGranitblöcken besteht, «heben sich 3 Geschosse in Rundbogenftyl, als Ziegel-Rohbau aufgeführt, zu dem die Blendsteine von gelblicher Farbe aus Englandbezogen worden find; zur Theilung und Belebung der großen Massendienen violett glasirte Streifen. Der Mittelbau, als der Hauptthcil desGanzen, ist ausgezeichnet durch die großen, mit Mastwerl ausgestattetenFenster der Aula und eine reich gegliederte Architektur. Auch zieren denselbendie Wappen der Stadt Riga, der Provinzen Livland mit Oesel, Kurlandund Ehftlanb, so wie allegorische Darftellungen der Hauptlehrgegenftändedes Polytechnikums aus Zintguß. An dci Hinteifronte befindet sich einthurmartiger Ausbau mit der Drchluppel für das Observatorium (104 Fußhoch über der Straße). An Räumlichkeiten enthält das Polytechnicum11 Auditorien und 4 Zeichnensäle, also 15 Lehrräume, ferner eine Aulaund einen Reservesaal, 8 Säle für die Sammlungen, 7 Räume für daschemische Laboratorium, 2 Zimmer für die Direktion, 10 Arbeitszimmerfür die Docenten, 1 Conferenzzimmer, 1 Bibliotheksaal nebst Lesczimmel,1 Observatorium, 1 Aufenthaltszimmer für die Studirenden und verschiedeneandere Nebenräume. Die bebaute Fläche beträgt 15,239 Quadratfuß.Während die Vorderfronte in allen ihlen Theilen dem Auge den Ausblickauf das Centturn der Stadt und die dasselbe umgebenden neuen Anlagenöffnet, gestattet die Hintcrftonte, um deien Fuß sich zunächst eine ficundlicheGartenanlage ausbreitet, den freien Ueberblick über die, in mannigfachenFarbentönen schattiite Aelaubung des Wöhrmann'schen Parts und weiterüber die nach allen Seiten sich dehnenden Vorstadttheilc Rigas.


DasRealgymnasiumin Riga


Das Reeal- GymnasiuminRigalllas Real »Gymnasium, welches gegenwärtig unter der Leitung desStadtschulen-Director die Spitze des gesammten, vom Oolle^ixm «et!


42fium errichtet werde, trat man seitens der Stände der Stadt in ernstlichereVerhandlungen über eine etwaige Erweiterung der Domschule.D» sich indessen in dieser Beziehung zwei entgegengesetzte Ansichtengeltend zu machen suchten, von denen die eine für die Umformung zu einemaltelasfischen Gymnasium mit besonderer Berücksichtigungder Realien, dieandere aber für die zu einem reinen Real» Gymnasium stimmte, so vergingenüber das vielfache „Für" und „Wider" noch wieder 9 Jahre, bisschließlich die Austragung dieser Angelegenheit einem ständischen Schiedsgerichtübertragen und dieses sich im Octobcr 1852 für die Umformung zueinem Real -Gymnasium aussprach. Zugleich mit dieser Umformung wurdeauch beliebt, daß dem Director des neuen Real- Gymnasiums künftighinsämmtliche Stadtschulen zur Beaufsichtigung unterstellt sein sollten.Die Beihandlungen über die Einrichtung des Real -Gymnasiums, dieAnstellung eines Directors und der Lehrer, die Beschaffung des SchullocalSu. s. w. nahmen wieder eine ganze Reihe von Jahren in Anspruch,so daß erst nach Berufung des früheren Rectors der Universität Dorpat,Herrn wirtl. Staatsrathvr. E. Haffner, zum Director an der neuenAnstalt, diese im Januar 1861 mit den drei unteren Klassen und zwar— dadie Räume der alten Domschule für fünf Klassen, auf die das Real-Gymnafiumberechnet war, nicht ausreichten — in einem gemietheten Local inder Marftallftraßc «öffnet weiden konnte. Nachdem sich dann in luizeiZeit auch fül die oberen Klaffen Schüler gefunden hatten, mußte zur Un»terbringung eines Theils derselben auch das Local der alten Dom»schule mit benutzt, mithin der Unterricht in zwei weit von einanderentfernten Räumlichkeiten ertheilt werden. Nicht nur diese örtliche Zerrissenheitder Anstalt, sondern auch der den Unterricht beengende Mangelan Raum mahnten dringend an Abhilfe, und so ward denn zufolgeständischer Beschlüsse vom April 1863 und März 1864 festgestellt, auf demehemaligen Glacis für das Real»Gymnasium ein sclbftftändiges Gebäudeaufzuführen. Nachdem der vom Stadt »Architekten Felsto ausgearbeitete,auf 133,500 Rbl. veranschlagte Bauplan genehmigt, wurde die Aus»führung desselben vom Maurermeister Krüger für die Summe von 95,900Rbl. übernommen und nun rasch die Hand an's Werl gelegt. Dahertonnte denn bei schon vorgerücktem Baue am 25. August 1865 die feier-


43licht Grundsteinlegung stattfinden. Bei derselben ward in die Mauer rechtsvom Haupteingange ein Gedenkstein eingesenkt, welcher eine metallene Kifteumschließt, die verschiedene, den Nachkommen gewidmete, das Real-Gymnafiumbetreffende geschichtliche Nachrichten, eine Erztafel mit Angabe derbeim Bau betheiligten Personen, verschiedene Druckschriften, Geld» und Gedenkmünzenenthält. Die vollständige Beendigung des Baues, resp. derinneren Einrichtung des neuen Gebäudes, wurde durch mancherlei Umständeverzögert, so daß erst am 22. Januar 1868, nachdem der allendliche Umzugder Anstalt in ihr neues Local beendet war, der Einzug in dasselbe durcheinen Schulactus gefeint werden konnte.Waren einerseits für die Ocrtlichlcit des Gebäudes die gewiß richtigenBedingungen aufgestellt worden, daß dasselbe im Mittelpunkte der Stadt,fern vom Geschäftsgewühle und in einer gesunden, möglichst freien Gegendsich befinde, so kann andererseits die durch den Präses des Schul-Collegiums,Herrn Bürgermeister Groß herbeigeführte Wahl des Bauplatzes nur einesehr glückliche genannt werden, indem letzterer, unfern der großen Alexanderftraße,an dem wenig befahrenen Thronfolger-Boulevard, zwischen demBafteiberge und der Esplanade, nicht nur die obigen Bedingungen erfüllt,sondern auch der Schuljugend hinlänglichen Raum, frische Luft, so wie denAusblick auf das erfrischende Grün der Anlagen um den Baftciberg undauf die den Turnplatz begrenzende Allee der Esplanade darbietet.Der Eindruck, den das Gebäude hervorruft, ist wohlthuend. Der romanischeBauftyl in leichter einfach« Ausbildung ist dem Zwecke, welchemes dienen soll, entsprechend, ruhig, einfach und würdig gehalten; vielleichtkönnte das Verhältnis der Breite zur Höhe günstiger, der Mittelbau hervortretendersein; immerhin bildet es eine stattliche, ansprechende Fa?ade,an welche sich die Seitenfronten in gleichförmig«, ruhiger Ausbildung anschließen;die Hintere Fronte ist der vordem gleich.Das Gebäude gliedert sich in seiner inner» Einrichtung höchst regelrechtund zweckmäßig, indem der Mittelbau vom Treppenhause, dem Turnfaaleund der Aula eingenommen wird. Der Borderbau ist von den Geschäftslocalenund den Wohnungen des Directors und dreierLehrer eingenommen.Diese empfangen an ihrer Hinterseite das nöthige Licht von zwei Lichthöfen,die sie zugleich vollständig von den Schulräumen trennen.


44Zu beiden Seiten des Turnsaals und der Aula liegen wiederum zweigroße Lichthöfe, welche die sie ringsumgebenden Corridore erhellen, ausdenen man unmittelbar in die zum Unterrichte dienenden Räume eintritt,die ihrerseits das Licht von der Außenseite des Gebäudes empfangen. Außerden gewöhnlichen Schulzimmern enthält der Bau einen Saal für die Bibliothekund einen zweiten für die Naturaliensammlungen, beide zur Seiteder großen Aula so gelegen, daß ihre Räume, wenn es nöthig sein sollte,den dir Aul» ergänzen können; fern« einen sehr geräumigen Zeichnensaalund einen Hörsaal für den Unterricht in der Chemie und Physik, an den sichzu beiden Seiten das chemische Laboratorium und das physikalische Kabinetin der Weise anschließen, daß die Gase des Laboratoriums durch ein zwischcnliegendcsArbeitszimmer vom Hörsaale fern gehalten werden.Ihre Geräumigkeit, ihre Höhe von 14 Fuß, so wie ihre vollkommeneVentilation machen die Schulzimmer geeignet, der Schuljugend zu jederZeit eine gesunde reine Luft zu bieten; ja diese kann, wenn nöthig, in denErholungsminuten ohne Belästigung der Schüler durch die Fenster erneuertwerden, da der Turnsaal, so wie der vor d« Hintcif»?ade sich ausdehnendegeräumige Turnplatz den Schülern sämmtlichcr Klaffen hinreichendenRaum zu ungehinderter Bewegung darbietet, ganz abgesehen von denbreiten, in der kalten Jahreszeit geheizten Corridoren.Das Erdgeschoß enthält in der Vörderftonte die Wohnungen d« Schuldien«und des Hausknechts, so wie eine Waschküche; die übrigen Räumenehmen die Voirathskeller und die fünf Luftheizungsöfen, durch welchesämmtliche Schulräume erwärmt werden, ein.Zur schließtichen Oricntirung auf unserem Stahlstich haben wir nurnoch anzudeuten, daß die umzäunte Gaitenanlage zui Linken des Real-Gymuafiums dcc benachbarten „Wittwe Reimers'schen Nugenheilanftalt" angehört,die Kirche aber, welche im Hintergrunde die Laubgänge der Esplanadeüberragt, sich durch ihren Thurm als die neue St. Gertrud»Kirchekennzeichnet.


Das haus des Gewerbe Vereins zu Riga


Das Haus des Gewerbe Vereins in RigaNie literarisch-praktische Bürgerverbindung in Riga, welche bereitsdurch vielfache gemeinnützige Unternehmungen sich große Verdienste um Rigaund dessen Bewohner erworben hat, rief auch den Gewerbe-Verein insLeben. Schon im Jahre 1858 entwarf die genannte Gesellschaft, zur Hebungder sittlichen Schäden in den Verhältnissen des GesellenstandeS, einStatut zu einem unter dem Namen „der Feierabend" zu begründenden Ge»sellcnverein. Während ab« die Erlangung der obrigkeitlichen Bestätigungeinen beträchtlichen Zeitaufwand erheischte, wurden durch anderweitige äußereVerhältnisse Aenderungen des Statuts «forderlich. Es mußte aus dem dieanderen Stände ausschließenden „Feierabend" der Gesellen eine allgemeineGesellschaft weiden, welcher der Name Gewerbe»Verein" mehr entsprach,da dieselbe alle Gewerbtrcibcndc im weitesten Sinne und nicht spcciell nurHandwerker und Fabrikanten umfassen sollte. Um jedoch einen Verein aufso weitem Fundamente zu gründen, mußten außer den materiellen auchreichere geistige Mittel gewonnen werden, wenn anders es ermöglicht werdensollte, über die anfängliche Abficht hinaus, die Bestrebungen des großartigenBerliner Handwerker-Vereins als Vorbild wählen zu können.Inzwischen war die Gesellschaft „der Sängerkreis" ins Leben gerufenund hatte im Jahre 1860 die Bestätigung ihrer Statuten erlangt. DieseVereinigung, welche ausschließlich sich aus dem Handwcrterftande ergänzte,hatte in diesem Stande in der Weise für den Gewerbe»Verein vorgewirtt,daß die Gesellen wenigstens theilweise einen bestimmten Sammelpunkt ge»funden hatten. Dazu kam, daß diese bereits bestehende Vereinigung geeignetwar, ein Rückhalt zu werden für den im Entstehen begriffenen Gewerbe»Verein, bis dieser, fest conftituirt und bestätigt bei seinen weiter reichendenZielen, den Sängerkreis wiederum als selbstftändiges Glied aufnahm.Am 7. Juni 1865 wurde von einer Generalversammlung der Statutenentwurfvorläufig angenommen und ein provisorischer Vorstand erwählt.Bis znm 11. October hatten sich zu den 250 Mitgliederndes SängerlreiseS


46bereits ca. 300 Personen zur Aufnahme gemeldet und stieg die Zahl derMitglieder bis zum Jahresschluß auf 853. — Am 18. Januar 1866 er»hielten die Statuten des Gewerbe-Vereins die obrigkeitliche Bestätigung.Gemäß den Bestimmungen derselben ist es der Zweck des Vereins, sittlicheund allgemein geistige Bildung einst und kiäftig zu föidein durch Voittägc,Besprechungen, wissenschaftliche Beschäftigung, Gesang, gymnastische Uebun»gen, Bibliothek, Zeitschriften und geselligen Verkehr.Die äußeren und inneren Geschäfte der Gesellschaft werden geleitetvon einem Vorstände von 15 Männern mit 7 Ordnern, denen für wichtigereFälle eine Delegirtcnversammlung (s. g. kleine Generalversammlung) zurSeite steht. Außerdem weiden die Hausverwaltung, die Casse, die Voittägcund wissenschaftliche Beschäftigung, die Bibliothek und der Lesetisch, die Vergnügungen,und vorübergehend der Hausbau und die Aau-Subscriptionen vonje einer besonderen Commisfion geleitet. Der Sängerkreis hat seine frühereOrganisation im großen Vereine behalten und eine ähnliche Stellung habeneingenommen: der gemischte Gesangverein und der Schachclub.Die Mitgliederzahl, welche, wie oben angegeben, am Ende desJahres 1865 853 betrug, stieg im Jahre 1870 bereits bis auf 2645.Von diesen und für dieselben wurden—um nur im Allgemeinen den Umfangder Thätigkeit des Vereins anzudeuten — im I. 1870 33 Vorträge gehaltenund außerdem Unterricht ertheilt in der russischen und englischen Sprache, inder Buchführung und der Anfertigung geschäftlicher Aufsätze, im Rechnen, imZeichnen, in der Physik und im Turnen. Die am Ende des Jahres 1870aus c. 3000 Bänden bestehende Bibliothek wurde im Laufe des Jahres durchschnittlichvon 322 Mitgliedern benutzt. Auf dem Lesetische lagen 9 inländischeund 20 ausländische Tagesblätter und Zeitschriften aus. DieEinnahmen des Vereins stiegen auf 13,336 Rbl. 75 Kop.Die EntWickelung der Vereinsthätigkcit wurde jedoch dadurch fühlbarbeengt und wesentlich gehemmt, daß ihr die nöthigenRäumlichkeiten fehlten,und der berechtigte Wunsch, solche zu erlangen, mußte bereits im erstenLebensjahre des jungen Vereins den Gedanken an einen Bau hervorrufen.Nach vielen und ernsten Erwägungen des Für und Gegen entschloß mansich, einen Bauplatz zu erwerben und eine Concurrenz für den besten Planauszuschreiben. Das vom Herrn Architekten O. Di ehe in Mitau entworfene,gekrönte Project kam jedoch nicht zur Ausführung, sondern es wurdeein vom Architekten Baumann angefertigt«, vom Professor Hill,ig em°


47pfohlen« Plan vom Vorstände bevorzugt und am 17. Mai 1868 von derGeneralversammlung bestätigt. Nachdem die sofortige Inangriffnahme desBaues votirt und eine Baucommission «wählt, wurde Herrn Baumanndie specielle Bauleitung übertragen.Die im Stahlstiche dargestellte Fayade des Baues ist mit ihrer längerenFronte an der Königsftraße, mit der tüizeien an der Weberstraßegelegen. Rechts vom Mitteleingange bezeichnen die oberen großen Bogenfensterdes Hochbaues den Saalbau, der bei fast 6500 Quadratfuß (64 X INI)Grundfläche und 32 Fuß Höhe z. Z. alle übrigen Säle Riga's an Größeübertrifft. An denselben schließt sich eine geräumige Sängerbühne. Unterdiesem Hauptraume liegen an der Straßenseite der Turnsaal mit dem Gesang-Probesaale und im Kellergeschoß ein Tunnel mit Kegelbahnen, an der Hofseitedie Wohnung des Intendanten, Reftaurateurs und die Wirthschaftskcller.Links vom Haupteingange enthält der Bau in gleicher Höhe mit demgroßen Saale um einen Lichthof den Speisesaal (die 3 großen Fenster linksoben) von 98 Fuß Länge. 28 Fuß Breite und 21 Fuß Höhe mit dem Lesezimmeran der Straßenecke und noch 4 kleineren Gesellschaftsräumen. ImErdgeschosse find unter dem Speisesaale die Garderoben in zwei Halbgeschossen,der Bibliotheksaal, das Billardzimmer und nach der Königsftraßehin noch 4 Gcscllschaftsräume. Im Kellergeschoß endlich find die Küche,6 Zimmer und das Anrichtezimmer unter dem Treppenhause gelegen.Die decorative Ausschmückung im Innern und Aeußern des Hausbauesbekundet, daß der junge, noch mittellose Verein gezwungen ist, sichjeglichen Luxus zu entschlagen und darf bei Beurtheilung der Fandendieser Hemmschuh des Architekten nicht unberücksichtigt bleiben. Dagegenist aber in Rückficht auf die solide und gute Bauausführung nicht gespartund besonders die Ventilation der sämmtlichen Räume als Hauptlebens»organ des Neubaues von der Baucommission behandelt worden.Die mit beträchtlichem Aufwände hergestellten Heizungs- und Bcntilationsanlagenfind vom Herrn Professor C. LoviS entworfen und unterseiner Leitung folgendermaßen ausgeführt.Der große Saal, der Speisesaal, der Turnsaal und mehrere Nebenräumewerden durch 5, im Keller aufgestellte CenttalluftheizungSöfen geheiztund ventilirt, indem ein möglichst einfaches Kanalsyftem die Bewegung undFortschaffung der Luft vermittelt. Ist die Ventilation in Thätigkeit, soströmt die fnsche Luft von Außen hei duech Zuleitungskanäle nach den Oefen


48hin, erwärmt sich hier bis zur erforderlichen Temperatur, steigt darauf zuden betreffenden Räumlichkeiten empor, woselbst sie über Kopfhöhe austritt,und entweicht endlich nach Aufnahme der von den Menschen und Gasflammenproducirten schädlichen Gase als verdorbene Luft durch Schachte überdas Dach des Hauses hinaus. Diese Abführschachte beginnen theils amFußboden, theils in der Decke dcx zu ventilirenden Säle, um die verdorbeneLuft möglichst vollständig aufnehmen zu können.Soll dagegen nicht ventilirt, sondern nur geheizt werden, so müssen dieZuleitungs- und Abführkanäle geschlossen weiden. Statt ihr« ttetcn jetztKanälein Wirksamkeit, welche die in den Sälen erkalteteLuft am Fußboden aufnehmenund in die Heizlammern führen, damit sie daselbst erwärmt und durchdie schon oben genanntenKanäle wieder in die Säle zurückgeleitet wird. Esfindet dann also nur eine Circulation der Luft aus denSälen nach denOefenund zurück statt, ohne daß frische Luft von Außen hinzutreten lann.Das Quantum der Ventilationsluft ist bei voller Besetzung der Säleauf 15 bis 25 Cubitmetcr -pi-a Kopf und Stunde, je nach der äußerenTemperatur, bemessen.Die Oefen sind gußeiserne Batterieöfen nach dem System Krell.Dieselben wurden gewählt, weil sie, ohne allzugroße Dimensionen zu er»halten, im Stande find, große lnftmengen zu erwärmen, dabei aber wegenihrer geringen Oberflächentemperatur, gleich den Thonöfen, die Luft nichtverderben. Durch Anbringung von größeren Steinmafscn ist ihnen gleich»zeitig bis zu einem gewissen Grade die Eigenschaft gegeben, gleich diesendie aufgenommene Wärme nur allmälig abzugeben.Heizung und Ventilation der kleinen Zimmer im linken Flügel desGebäudes beruhen auf denselben Grundsätzen, nur sind hier statt der CenttalheizungenKachelöfen angewendet worden, welchen duich Combinationmit gußeisernen Batterieplatten die guten Eigenschaften der eisernen undThonöfen in noch höherem Grade verliehen find, so daß sie sowohl zur andauerndenHeizung, wie auch zur Ventilation in bestimmten Stunden mitLeichtigkeit benutzt weiden können. Da diese Oefen in den Zimmern aufgestelltsind, so fallen die Verbindungskanäle fort und ist das Kanalfyftemdaher einfacher. Klappen und Schieb« gestatten für alle Kanäle der ganzenAnlage die Regulirung der durchströmenden Luftmengen. Der ganze Baunimmt 450 Quadratfaden » 49 Quadratfuß ein.


Dasneue Stadttheater in Riga


Das Rigaer Stadt-TheaterHieben der Börse, dem Gildenhause und dem Polytechnicum behauptetdas Stadt-Theater einen hervorragenden Platz unter den öffentlichen NeubautenRigas. Im Herzen des an Stelle der abgetragenen Festungswerkeentstandenen und noch entstehenden „neuen Riga" erhebt es sich in monumentalerGröße, seine ringsum freie Lage weithin beherrschend. Der Platz,welchen es einnimmt, wird der Länge nach von dem Kanal, dem umgeformtenStadtgraben von ehemals, und dem Theater-Boulevard beseitetund stößt nach Süden mit der Suworowsttaßc, nach Norden mit derAlexanderfttaße zusammen. Das Theatergebäude selbst ist 232 Fuß lang,97 Fuß hoch und 131 Fuß breit und hat als Bauwerk zunächst den Vorzug,sich auch ohne seine allegorischen Embleme als Knnstanftalt zu «kennen zugeben.— Die dem einfachen, fast strengen Style zu Grunde liegendenBauformen treten am Unverkennbarsten an der, der Alexandexbrücke zugewandtenFronte hervor. Sechs große ionische Säulen aus der Ccmentgußfabritvon M. Czarnikow in Berlin tragen einen Porticus, dessenGiebelfeld nach ein« Zeichnung des Professors Bohnftcdt in einer Gruppeerhaben« Figuren die Macht der Poesie verherrlicht. Ucber dem Parapeteerhebt sich der Genius der Kunst, eine Figur von ideal« Schönheit.Unter diesem Porticus findet die Anfahrt der Equipagen statt. MehreEingänge leiten in die geräumige Vorhalle, von welcher zwei steinerne


50Treppengänge zu Logenreihen hinaufführen. Der in drei Rängen aufsteigendeZuschaucrsaal enthält 1306 Sitzplätze. Auf Stehplätze ist nach demMuster all« neueren Theater lein Bedacht genommen. Das Orchester hatRaum für 60 Musiker. Die Bühne hat am Proscenium eine Breite von 44Fuß und eine Tiefe von 57 Fuß, welche mit Benutzung des dahinter liegendenRequifitoriums noch um weitere 25 Fuß verlängert weiden kann. Die Höhebis zum Schnürboden bettagt 68 Fuß. Die Bühnenmaschinerie ist von demin der Theaterwelt vielberufenen Ingenieur Carl Brandt aus Darmftadteingerichtet, die Decorationen hat Hr. Moritz Lehmarm in Wien, eine derelften Capacitäten seines Fachs, geliefert. In seinen Nebenräumen enthält dasGebäude Garderobezimmer, Probesüle, Locale für dieBibliothek, den Theaterapparatu. f. w., ferner Wohnungen für den Director und Intendanten;in der Etage des ersten Ranges zur Benutzung des Publikums ein Foyer,von welchem man auf den Nalcon des Porticus hinaustritt. In dem ausder Mitte des Gebäudes hervorragenden Oberbau befindet sich ein geräumig«Maleisaal. Das Hauptdach ist mit englischem Schiefer, die Seitenflügelfind mit Eisenblech gedeckt worden.— Kranzförmig um das Gebäudelaufende Verzierungen und reiche Fensteiftellungen verflüchtigen inSeinen Gas-wirksamst« Weise die Einförmigkeit der großen Wanbflächen.bedarf bezieht das Theater aus der Gasanstalt. Die Erleuchtung desTheatersaales wird durch sogenannte Sonnenlichtbrenner von der Decke ausbewerkstelligt. Die Anlage der auf Luftheizung berechneten Apparate hatder Civil-Ingenieur Herr Hecker ausgeführt.Die Geschichte des TheatergebäueeS zählt nach Decennien und beginntmit dem Jahre 1829, in welchem Jahre von den Ständen der Stadt derBeschluß gefaßt wurde, aus den Ucberschüffen des städtischen Reserve-Korn»Magazins ein Capital zum Erbau eines neuen Theaters anzusammeln.D« Raum gestattet nicht, an dieser Stelle eine Schilderung aller derjc»nigen Schwierigleittn zu gehen, durch welche hindurch dieses Unternehmen


51langsam seiner Verwirklichung entgegenreifte. Wir verweisen in dieserBeziehung «uf einen Aufsatz in denRigaschcn Stadtblättern" vom 1. Mälz1862, Nr. 9. Die älteren Pläne, das Theater in der inneren Stadt zu«bauen, scheiterten an der Kostbarkeit der zu diesem Behuf« vorzunehmendenHäuseranläufe. Als es unserer Stadt durch Kaiserliche Huld vergönntwurde, eine Stadt des Friedens zu werden, ebneten sich in weiterAusdehnung freie Plätze, von denen der größte und schönste auf derehemaligen Pfannkuchenbaftion für das projcctirte Theater angewiesenwurde.Am 4. August 1860 fand die Grundsteinlegung in Gegenwart SeinerKaiserlichen Hoheit des hochseligen Großfürsten Thronfolgers NicolaiAlexandrowitsch statt. Das Bauprojcct war von dem Akademiker Prof.L. Nohnftcdt zu St. Petersburg ausgearbeitet worden. Die Kosten desBaues und der inner« Einrichtung encichten die Summe von 304,000 Rbl.S., von welchen fast die Hälfte dmch libciale Bewilligungen dci Bittgeischaftaufgehlacht woiden ist, da das gesammelte Baucapital sich zurDurchführung des Unternehmens nicht als ausreichend erwies.Die Leitung des Baues war zwei bewährten Fachmännern, den HerrenArchitekten I. Heß und H. Scheel anvertraut. Auch die Rigaschen Gewertehaben rüstigen Anthcil an der schnellen Vollendung des Bauwerksgenommen, namentlich aber der Maurermeister W. Krüger, unter dessenHänden der ganze Ziegelbau in wenigen Monaten erstand. Im September1861 wurde das HauS unter Dach gesetzt und bereits im Herbst 1863 demPublikum zur Benutzung übexgebcn.Durch seine Größe und den Reichthum seiner Ausstattung vermag dasneue Theater Riga's jeden Vergleich mit den großen Piovinzialbübnen desAuslandes auszuhallen. Seine Verhältnisse kommen denen des Friedrich-Wilhclmftädtschcn Theaters in Berlin nahe.Wie so viele andere gemeinnützige Unternehmungen fand auch der


52Theatelbau in dem derzeitigen Gen«al«GouverneurFürst Suworow einenthätigen Beschützer, während es neben den andern Gliedern des Theater-Baucomite' vorzugsweise der Vorsitzer desselben, Herr Rathsherr A. H.Holländer war, der mit Umsicht und Energie das glückliche Gelingendes schönen Bauwerks förderte, so daß bereits am 29. August 1863 die festlicheEröffnung desselben mit der Aufführung von Schill«'« „WallcnfteinsLager", dem ein von weil. Dr. W. A. Geertz gedichtetes und vom derzei»tigen Kapellmeister C. Dumont componirteS Festspiel: „Apollos Gabe",voranging, stattfinden konnte.Seitdem find volle 8 Jahre vcrfioffen und hat das Gebäude sich währenddieser Zeit in allen seinen Theilen deraitig bewährt, daß keine wesentlichenVeränderungen an demselben nothwendig geworden sind.Entsprechend der Inschrift, welche die Fronte feines Porticus trägt:„die Stadt Riga den darstellenden Künsten", hat die Liberalitätder Stände Riga's im Laufe d« verflossenen Jahre es noch stets ermöglicht,das Theater als ein städtisches Institut unter Oberverwaltung eines ausGliedern der Commune zusammengesetzten „Theaterverwaltungs-Comite"fortführen zu lassen. Die besondere Leitung desselben war, wie noch gegenwärtig,einem technischen Director anvertraut, und haben bisher als solchefungilt die Hmen: vr. Hallwachs 1863—1865, Theodoi Lebrun 1865—1868, N. A. Hermann 1868—1869, und fett 1869 Hr. F. v. Parrot.Die alljährlich veröffentlichten Verwaltungsberichte, auf die wir dessprechen dafür, baß man, wenn auchNäheren wegen hier verweisen müssen,unter wechselnden Erfolgen, doch unausgesetzt bestrebt ist, selbst mit Opfern,die Riga« Bühne auf der Höhe einer wirtlichen Kunftftufe zu erhalten.


Die gas ErleuchtungsAnstalt zu Riga


Die Gas- Erleuchtungs-Anstalt in RigaNie ersten Verhandlungen wegen Anwendung des Leuchtgases bei derStraßenbeleuchtung in Riga fallen bereits in den Anfang der vierzig«Jahre, also in eine Zeit, wo diese Bclcuchtungsart angefangen hatte inden größern Städten des Auslandes immer allgemeinen Eingang zu finden.Bereits im Jahre 1842 wurde seitens der Stände der Stadt der Beschlußgefaßt, auch in Riga eine Gasanstalt zu errichten und in Folge dessen fürdie Anfeitigung eines desfallfigen Piojects der rühmlichst bekannte technischeDirector der Berliner Connnunal-Gaswerke, Herr C. A. Kühn ell, gewonnen,welcher ein solches auch ausarbeitete. Riga war damals noch Festung;das Project beschränkte sich deshalb auch nur auf die alte, innerhalbder Wälle belegene Stadt und bei den engen Räumlichkeiten in derselbenwar man genöthigt, für einen Platz zur Anlage der Anstalt sein Augenmerkauf eine der Bastionen zu richten. Es bedlirfte nun ab« hierzu derAbtretung dieses Platzes, außerdem war auch die höhere Bestätigung destechnischen Theils des Projects, so wie die höhere Genehmigung zurBeschaffung der Geldmittel auf dem Wege einer Anleihe «forderlich.Die Verhandlungen, welche über diese Gegenstände gepflogen wurden, »er»zögerten sich inbeß, ungeachtet aller Anstrengungen, bis zum Jahre 1853und wurvcn nach keiner Seite hin von einem günstigen Erfolge gekrönt.Da trat der Ausbruch des orientalischen Krieges ein, welcher auch für Riga


54alle Aussichten so bedenklich gestaltete, daß vor der Hand, wie von anderenprojectirten Unternehmungen, auch von der Ausführung des Gas-ProjectsAbstand genommen werden mußte.Erst als nach Beendigung des Krieges im Jahre 185? die AllerhöchsteGenehmigung eriheilt worden war, die alten Festungswerke Riga's wegenihrer Widerstandsunfähigkeit gegenüber den neueren Angriffsmitteln abzutragenund dann bei sofortiger Inangriffnahme der Abiragungsarbeitenausreichender Raum zu einer Reihe das Gedeihen und Wohlbefinden derStadt fördernd« Anlagen gewonnen wurde, tonnte auch an dieWiederaufnahmedes zeitweilig bei Seite gelegten Projects wegen Einführung d«Gasbeleuchtung gedacht ««den. Bcltits im folgenden Jahre 1858 setztendie Stände der Stadt eine Commisfion zur Erwägung und Erledigung diesesGegenstandes nieder. Die veränderten Verhältnisse ließen es nothwcndig«scheinen, von dem früheren Projecte, welches sich blos auf die alte Stadtbezogen hatte, ganz abzusehen. Es war jetzt möglich geworden, auch dieausgedehnten, am rechten Dünaufer belegenen Vorftadttheile in den Bereichder Gasbeleuchtung hineinzuziehen, nachdem man in dem ehemaligen lacobs-Ravelin einen zwischen der Stadt und den Vorstädten belegenen geeignetenund bequemen Platz gewonnen hatte. Die Ausarbeitung des neuen Projectswurde wiederum dem mit den hiesigen localen Verhältnissen und Be»dürfniffen bereits vertrauten technischen Dirigenten der Berliner Communal-Gaswerte, Herin C. A. Kühnell, übertragen und von ihm nach Beendigungder sofort vorgenommenen Vorarbeiten auch im Anfange deS Jahres1859 vorgelegt. Nachdem dieses Project von d« Stadtverwaltung genehmigtworden war, «hielt eS im Februar 1861 auch die erforderliche BestätigungSeitens der Oberverwaltung der öffentlichen Wege und Bauten.Der allgemeine Wunsch, die langersehnte Wohlthat dcx Gasbeleuch»tung bald in's Leben tteten zu sehen, vexanlaßte die sofortige Inangriffnahmeder Ausführung.Es wurde daher ungesäumt Hand anS Wert ge»


55legt und im Sommer des Jahres 1861 das Retortenhaus, der Kohlenschnppen,das Reinigungsgebäude, das Wohn» und Werlstattsgebüude und einGasbehälter aufgeführt. Im Laufe des folgenden Winters wurden dannim Innern der bis auf den äußeren Putz schon fertig hergestellten Gebäudedie Apparate aufgestellt und im Frühjahr des Jahres 1862 die Röhrenlegungund die Auffühlung des zweiten Gasbehälters in's Wert gesetzt.Die Arbeiten hatten ihren regelmäßigen Fortgang und wurden zu der festgesetztenZeit beendet, so daß schon im Jahre 1862 mit dem 1.August, demBeginn der jährlichen Beleuchtungsperiode, die öffentliche Beleuchtung mitGas statthaben tonnte. Co wai denn das langeisehnte Ziel tlleicht, undRiga in die Zahl derjenigen Städte eingetreten, welche in dem Glänze derGasbeleuchtung ein Kennzeichen lund thun, daß sie dem Fortschritte unddem Bedürfnisse der Zeit ihre Huldigung darbringen.Alle Straßen der alten Stadt, die Ufer der Düna, die durch die abgetragenenFestungswerke neu gewonnenen Stadtthcilc, die zwischen derStadt und den Vorstädten sich hinziehenden Gartenanlagen und Promenaden,so wie die Haupt» und größer« Nebenstraßen der Vorstädte weiden jetztdurch Gas beleuchtet. Dci Anstalt ist indessen in voisorgender Weise einsolcher Umfang gegeben worden, daß sie die Möglichkeit gewährt, künftigauch auf alle Nebenstraßen der Vorstädte die Gasbeleuchtung ausdehnenund zugleich dem stets wachsenden Bedürfnisse d« Privaten entsprechen zukönnen.Die Deftillations» und Reinigungsapparate sind dem gegenwärtigenStande der Technik entsprechend ausgeführt und bewähren sich durchLieferung eines guten und reinen Gases.Die Lage der Anstalt, zwischen der Stadt und den Vorstädten, mittenin den neuen Parkanlagen und nur durch einen Kanal von denselben getrennt,ist eine solche, daß die in derselben errichteten Gebäude von allenSeiten, auch aus weiter« Entfernung, und aus einigen der lebhaftestenTheile der Stadt sichtbar weiden. Dieser Umstand hat es nothwendig ge-


56macht, von der Einförmigkeit und Regellosigkeit, welche die nie,,, in entlegenenTheilen d« Städte errichteten Gasanstalten gewöhnlich an sichtragen, abzuweichen und dafür zu sorgen, daß sowohl durch eine symmetrischeStellung der Gebäude, als durch eine freundliche Gestaltung ihr« Fandendie Anstalt einen möglichst wohlthuenden Eindruck auf das Augemache. In der That gereicht die neue Gasanstalt ebensowohl an sich zurZierde der Stadt, als sie insbesondere den landschaftlichen Reiz der sie umgebendengeschmackvoll angelegten neuen Parkanlagen und Baumreihen be»lebt und erhöht. Im Hintergründe steht das Retortenhaus, linls liegt dasReinigungshaus, rechts das Wohngebäude; an der vorderen Fronte dies«beiden schließen sich im Vordergründe die beiden thurmartigen Gasbehälter-Gebäude an, welche unter sich und mit den anderen Gebäuden durch eineUmfassungsmauer verbunden find. Ein fünfzig Fuß breit« Kanal umschließtden Platz. Ueb« denselben führt eine leichte Brücke, welche die Verbindungder Anstalt mit d« Stadt herstellt.


Das neue Wasserwerk in Riga


Das neue Wasserwerk in RigaEine alte Anficht der Stadt Riga aus dem Jahre 1612 zeigt imVordergründe längs dem Ufer des Flusses Gruppen von Frauen und Man»nern, welche sich damit beschäftigen, Wasser aus dem Flusse zu schöpfen,dasselbe in Eimern wegzutragen oder in Fässern auf Wagen fortzuführen.Dies war damals die beschwerliche Art, in welcher sich die Einwohner da«Wasser zu ihrem täglichen Gebrauch beschafften, da die spärlichen Brunnenin der Stadt ein für den Genuß, wie für die meisten anderen Zwecke nurwenig taugliches Wasser lieferten. Der Mangel an gutem Trinkwasserinnerhalb der Stadt machte sich damals aber um fo fühlbarer, als man sichbei der kriegerischen Lage, in der sich die Stadt in früheren Jahrhundertenhäufig befand, genöthigt sah, die Thore zu schließen und sich so den Wegzur Versorgung mit Wasser abzusperren. Daher war schon zu herrmeiftn«lichen Zeiten die Beschaffung guten Wassers ein Gegenstand, welchem dieStadtverwaltung ihre Aufmerksamkeit und ihre Sorge zuwandte, und eSkam aus solcher Rücksicht die Anlage eines Kanals, des sogenannten Sandmühlengrabens,zu Stande, welcher, wie es heißt, aus dem Stubbens« demum die Stadt laufenden Wallgraben reines Wasser zuführte und denselbendadurch benutzbar machte. Aber im Ganzen war dem Uebclftandc damitdoch immer wenig abgeholfen. Da gelang es denn in der Mitte des siebzehntenJahrhunderts den fortgesetzten Bemühungen dxeier Männer, MelchiorFuchs, Melchior Drciling und Gotthard Vegcsack, ein Wasserwerkherzustellen, welches, durch ein Roßwert in Betrieb gesetzt, das durcheinen unterirdischen Kanal aus der Düna zugeleitete Wasser aus einemin der Tiefe angelegten Brunnen schöpfte und durch ein 56 Fuß hohesSteigerohr in ein hochgelegenes Nassin pumpte, von wo dasselbe dann durch


58ein Abzugsrohr wieder hinabfiel und durch hölzerne Röhren in die Stadtverthcilt wurde.Schon gegen Ende des vor. Jahrhunderts wurde indessen das Bedürfnißnach einer Vervollkommnung auch dieses Werts gefühlt, so daß sich derdamalige Raths- und Oberwettherr Johann Christoph Berens veranlaßtsah, in seinem im Jahre 1782 zu Mitau unter dem Titel: „Bonhomien"gedruckten Weilchen den Vorschlag zu machen, die Wafferlunft mit einerDampfmaschine zu treiben.Dies« Gedanle, welcher bei dem damaligen Stande der Technik sichnoch so ziemlich im Bereich des Unausführbaren befand, wurde indeß inden zwanzig« Jahren dieses Jahrhunderts wiedennn aufgenommen undseit der Zeit mit Lebhaftigleit verfolgt. Es war ab« ertlärlich, daß dieRealifirung nicht sofort folgen tonnte, da selbst in England, dem Lande derMaschinen, noch nicht die Zeit gekommen war, wo sich die Städte mitsolchen Wasserleitungen versahen.Indeß der Zustand des bald zweihundert Jahre alten Gebäudes derbisherigen Wasserkunst, die Ansprüche, welche die entwickelten Verhältnisseder Gegenwart an eine Vervollkommnung auch in dieser Beziehung machten,der bei dem vergrößerten Flußverlehr und bei der längs dem Ufer wachsendenAusdehnung der Vorstädte immer Mehr hervortretende Uebelftand,daß das Wasser an einer Stelle aus dem Flusse entnommen wurde, wo esdurch Zuflüsse mannigfacher Art verunreinigt wurde,—alle diese Umständeforderten indeß mit gebieterischer Nothwendigleit eine Beschleunigung derEntschlüsse.Waren diese bisher nur durch die Schwierigkeiten localer Verhältnissebehindert, so wurde auch hier die Möglichkeit zur Ausführung geschaffendurch die im Jahre 185? Allerhöchst genehmigte Abttagung der Festungswerke.Die von Rath und Bürgerschaft der Stadt zur Errichtung eines neuenWasserwerks alsbald niedergesetzte Commisfion übertrug die Ausarbeitungdes besfallfigen Projects dem bei der Stadt zur Leitung der Wallabtta»gungsarbeitcn angestellten Oberingenieur William Weil.Die ausgearbeitetenPläne konnten bereits im Jahre 1860 der Staats»icgierung zur Bestätigung vorgestellt werden und nachdem im Frühjahr


591861 diese erfolgt war, wurden sofort die nöthigen Vorarbeiten in Angriffgenommen und alle Vorbereitungen so getroffen, daß es möglich wurde,das Werk im Jahre 1862 innerhalb zehn Monaten vollendet herzustellen.Im Februar 1862 begannen die Erdaibeiten zur Fundamentirung des Ma»schinenhauses und des Thurmes, und schon am 1. September konnte dasDach des ThurmeS gerichtet weiden. Um die Mitte Mai wueden die Fit»ttiigalleeien in Angnff genommen und am Anfang Novembn waren dieselbennebst dem Ablagerungsbassin und dem Brunnen für das Saugrohrder Hauptpumpen beendet. Die Legung der Rohrleiwng wurde vom 1.Maibis zum 1. September beschafft, die Aufstellung der Maschinen begann amAnfang Juli und war am 8. December vollendet, so daß an diesem TageDampf eingelassen weiden konnte. Zu gleichet Zeit mit dem Aufbau desMaschinenhauses und des Thurmcs wurde auch das Wohngebäude für dieMaschinisten und Heizer errichtet und die Umzäunung und Einplanirungdes Platzes hergestellt.Die Eröffnung des Werks mußte wegen des bereits im Novembneingetretenen starken und anhaltenden Kahlfrostes bis zum Frühjahr desJahres 1863 verschoben werden. Am 26. April 1863 erfolgte das Einlassendes Wassers in die Röhren, und zwar zunächst in die der Vorstädte,und sodann am 6. Mai in die der Stadt. Auch wurden alsbald dieHausleitungen, und zwar in den Vorstädten am 2. Mai, in der Stadtam 25. Mai geöffnet.Die errichteten Gebäude des Wasserwerks, — von denen das Maschinenhausund der Wafferthurm auf dem vorstehenden Stahlstiche dargestelltfind, während das Wohnhaus der Arbeit« nur zum Theil mit seinerSeitenfa?ade in den Rahmen des Bildes tritt,— liegen 4 Werftvon dem Mittelpunkte der Stadt, außerhalb der Vorstädte zwischen derMoskauer Straße und dem Ufer der Dün«, an der Stelle, von welch«aus der zum Schuh der Vorstädte beim Eisgange errichtete KrüdenersDamm in den Fluß hineingeht.Die Abttagung der alten Festungswerke hatte die Scheide zwischen d«Stadt und den Vorstädten hinweggenommen und beide vereint.Das neueWasserwerk stellte sich daher die Aufgabe, nicht blos die alte Stadt, sondernauch den größten Theil dn am rechten Ufer gelegenen Vorftabttheile zu


60versorgen, und dabei zugleich ein gutes und reines Wasser, und zwar inausreichendster Weise zu liefern. Und dabei sollte nicht blos das täglicheBedürfniß zu wttthschaftlichen und gewerblichen Zwecken in Berücksichtigungkommen, sondern auch für das Fcucxlöschwesen ausreichend gesoxgt werden.Zu dem Zwecke wurde über die Stadt und die Vorstädte, mit Ausnahmeder am linken Ufer der Düna gelegenen, die bei der Breite des Dünastromsselbstverständlich ausgeschloffen bleiben mußten, ein Röhrennetz ausgehleitet,welches eine Längenausdehnung von s>/« deutschen Meilen hat, und welchesan den geeigneten Stellen mit Vorrichtungen versehen ist, um bei ausgebiochenemFeuei das duich die Röhren zugeführte Wasser entweder directzum Löschen oder, wo die Verhältnisse dies nicht gestatten, zur Versorgungder Spritzen benutzen zu tonnen. An die eisernen Hauptleitungen schließensich dann die Ableitungen an, welche das Wasser den Häusern zuführen,in welchen es bis in die höchsten Stockwerke gebracht werden kann.Außerdem ist eine große Anzahl von Freibrunnen angelegt, welche auch solchenEinwohnern die Benutzung des durch das Wasserwerk geliefertenWassers «möglichen, deren Wohnungen entwed« nicht dilect an demRöhlcnncheliegen, od« welche die Kosten einer Hauseinrichtung scheuen.Um dem zweiten Theil d« Aufgabe, welche dann bestand, eine hinltichendeMenge weichen und reinen Wassers zu beschaffen, genügen zukönnen, war es anfangs beabsichtigt, das Wasser der Düna an einer Stelledes Flusses zu entnehmen, wo dasselbe noch frei von allen zufälligen Verunreinigungenist, und es zugleich einer künstlichenFiltration zu unterziehen.Zu dem Zweck war auch die Stelle gewählt, wo das Wasserwerk gegenwärtigerrichtet ist, und welche eine bedeutende Strecke außerhalb der Vorstädtein ein« von Wohnungen entfernten und fielen Gegend belegen ist.Eine sorgfältige Untersuchung des Flußufers an dieser Stelle führte indeßzu dem Ergebniß, daß dort der Boden selbst schon im reichlichen Maaßcein sehr reines und weiches Wasser enthielt, welches sich als ganz vorzüglichgeeignet zeigte, um zur Versorgung der Stadt benutzt zu werden.Eine genaue chemische Analyse dieses Wassers ergab, daß dasselbe alle Eigenschaftenenthielt, welche von einem guten Waffer gefordert werden tonnten.Es wurde daher die Idee der künstlichen Filtration aufgegeben unddem Flußufer entlang eine 740 Fuß lange unterirdische Gallerte angelegt,


61deren Sohle circatief imKalkfelsen liegt. In dieser Gallerte, deren gemauerte Seitenwände mitkleinen Oeffnungen versehen find, sammelt sich das dem Boden entquellendeWasser, dessen Eintritt dulch jene Oeffnungen «lcichtelt wild und das vonhier in ein großes unterirdisches Basfin von 1000 Quadratfuß Grundflächegeleitet wird. Dieses Bassin ist auf eine Tiefe von 10Fuß in den Kaltfelseneingearbeitet und oben überwölbt. Von hier fließt dann das Waffel in einen12 Fnß tief unter der Terrainssache, und zwar 5—6 Fußveibeckten Brunnen, aus welchem es von den Maschinen heraus- und in dasRöhrennch zur Versorgung der Stadt hineingepumpt wird.Da es zweifelhaft war, ob die Quellen, wenn sie allein zur Versorgungherangezogen werden, auch immer mit genügendem Reichthumc zufließenwürden, so ward es für nothwcndig erachtet, zugleich auf ein anderesMittel Bedacht zu nehmen, um sich für alle Zeiten einer hinreichendenWassermenge zu sichern.Zu dem Zwecke ward das obere Ende der Galleric durch ein eisernesRohr von 21 Zoll Durchmesser, dessen Oberkante noch ein Fuß unter demniedrigsten Wasserstande der Düna liegt, mit dem Flusse verbunden, dasRohr ab« an jedem Ende mit einem Schiebeventil versehen, um den Zuflußdes Dünawaffers in die Galleric reguliren zu können. Da, wo das21zöllige Rohr auf die Galleric zuläuft, ward ein Ablagerungsbehälter von400 Quadratfuß Grundfläche angelegt, damit das Dünawaff« die schwimmendenerdigen Stoffe abzusetzen vermöge, ehe dieselben Zeit haben sichmit dem Quellwasser zu vermischen.Die Maschinenkraft der Anstalt ist so bemessen, daß täglich 276,000Cubikfuß Wasser gefördert werden können, und dienen dazu zwei Dampfmaschinenmit den zugehörigen Pumpen, das Hochdluckrohi zui Elzeugungdes nöthigen DiuckeS in den Röhren und vi« Dampfkessel.Die Maschinen sind nach d« Art der Cornwaller Wafferhebungsmaschinenconsttuirt. Ihie Aibeit besteht im Wesentlichen dann, ein schweresGewicht zu heben und es wieder fallen zu lassen. Beim Aufheben desGewichts, an welchem sich ein sogenannt« Tauchelpumpenlolben befindet,steigt eine Waffelmenge von beiläufig 12 Cubikfuß in das Pumpiohr,welche beim Niederfallen des Gewichts wieder verdrängt und durch das


62Druckrohr in das Steige» od« Hochdrnckrohr getrieben wird, von wo esdurch ein zweites Rohr, das Fallrohr, in die Stadttöhren fließt.Die Höhe, bis zu welcher man das Wasser in das Steigerohr drückt,wird durch die Höhe bedingt, in welch« das Wasser in der Stadt ausfließensoll. Gegenwärtig beträgt diese Höhe circa 100 Fuß über demWasserspiegel der Düna, kann aber bis auf 145 Fuß gesteigert werden.Die Kosten der ganzen Anlage haben sich auf 325,000 Rbl. belaufen,was als sehr mäßig «achtet weiden muß, wenn man ähnliche Weile andererStädte in Vergleichung zieht, und dabei zugleich die hiesigen Verhältnisseund ihre Einwirkung auf die Preise berücksichtigt.Die dringende Nothwcndigkeit, den Dampfmaschinen des Wasserwerkseinen gleichmäßigen, von dem schwankenden Wafferconsum unabhängigengewinnen, große Reparaturenohne Einstellung der Wafferabgabe vornehmen zu können, veranlageim Jahre 1867 die Anlage eines großen Hochdruckwasserbasfins imMoskauer Stadttheil, in der Richtung der verlängerten Rittersttaße.Gang zu verschaffen und zugleich die Möglichkeit zuAls eine besondeie Enungcnschaft, welche unseicm Riga in Folge dciAnlage des neuen Wasserwerks zu Theil geworden ist, werde hier noch deran verschiedenen Punkten der Stadt, namentlich auf dem Rathhausplatze,im Garten des St. lohannis-Gildcnhausesund im Wöhrmannschcn Parihergestellten öffentlichen Springbrunnen Erwähnung gethan, welche sämmtlichihre Speisung aus dem Wasserwerke erhalten. Als eine weitere Errungenschaftwird die Durchführung der neuerdings beschlossenen Ausdehnungdes Röhrennetzes unseres Wasserwerls auch auf die Vorburg unddenWeidendamm sein.


Die MineralwasserAnstalt in Riga


Die Mineralwasser- Anstalt in Riga«l/ie natürlichen Mineralwasser sind schon seit den ältesten Zeiten alskräftige Heilmittel angewendet worden. Sie unterscheiden sich von dem gewöhnlichenQuellwaffer dmch einen glößeien Gehalt von Mineralstoffen. Inden alleemtiften Fällen sind sie mit kohlensaulem Gase (Brunncngeift) gesättigtund dadurch befähigt, Eiden und Metalloiyde in giößer« Menge aufzulösen.Die Entfernung viel« Patienten von den natürlichen Heilquellen ver»diesem Jahrhundert zuletzt Struvc in Dresden,anlaßte seit dem vorigen Jahrhunderte verschiedene Naturforscher, und indie natürlichen Auslaugungsproceffedurch gesättigtes kohlensaures Wasser künstlich nachzuahmen,und so entstanden, unterstützt von der sehr vervollkommneten chemischen Analyse,die künstlichen Mineralwasser. Schon Struve stellte sie so conectdar, daß Fonaday z. B. das natürliche Karlsbad« Wasser von demkünstlichen chemisch nicht unterscheiden konnte, und daß die Kuren in Dresdeneben so erfolgreich waren, als die in Carlsbad und Marienbad.Auch Riga's entfernte Lage, und besonders das Vertrauen, welchesdie Sttuve'schen Anstalten in Berlin, Dresden u. s. w. sich bereits eiwolbenhatten, beachte im lahie 1833 eine Anzahl gemeinnütziger MännerRiga's zu dem Entschluß, in ihr« Vaterstadt eine Struvc'sche Anstaltzu gründen. Sie bildeten eine Actiengescllschaft, und wendeten sich anStruvc. Leider war dieser durch Gründung einer Mineralwasser -Anstattin Moskau bereits contractlich verhindert, sich mit Riga einzulassen. Manwendete sich nach Stockholm und bestellte bei Mosanber einen Gahn'schenApparat, welcher nach ein« Methode von Berzelius arbeitete.Im Jahre 1835 war die junge Anstatt im Wöhrmann'schen Park miteinem Kostenaufwand von 80NN Rbw. vollendet und konnte eröffnet werden.


64Dcl Bettlet» war Anfangs schwach. Die Apparate zeigten sich in vielenTheilcn unzureichend und mußten schon im zweiten Jahre umgeändert werden.Bis zum Jahre 1843 hatte die Anstalt jährlich 100 bis 160 Kur»gaste und verkaufte mit regelmäßiger Steigerung jährlich 4000 bis 15000Flaschen (ganze und halbe gleich gerechnet). Die vielen Mängel am Apparatund Betrieb ließen es wünschcnswerth «scheinen, die Bnzelius'scheMethode zu vnlaffen und die Sttuve'sche einzuführen. Durch Sttuve's(des Vaters) Tob waren die Verbindlichkeiten gegen Moskau erloschen, undman lonnte mit Sttuve, dem Sohne, in Beziehung ttetcn. So wulde,untelstützt dmch ein Kaiserliches Geschenl, vom lahic 1844 an die Anstaltnach Sttuve's System eingelichtet und betrieben. Die Zahl der Kurgästestieg nm wenig, besonders weil die Paßerleichterungen und die Eisenbahnen,welche seit jener Zeit ins leben traten, das Reisen nach den schönenBadeorten des Auslandes immer mehr begünstigten. Dagegen nahm derVerbrauch von Mineralwässern in Flaschen der Art zu, daß im Jahr 1863bereits gegen 300,000 Flaschen verkauft wurden, und außerdem eine be»lrächtliche Menge Sodawasser und Selters in Metallcylindnn fül die Trinkhallen,von denen die Anstalt zur größeren Bequemlichkeit des Publikumsan verschiedenen Stellen dersechs Stück mit geschmackvoll« AusstattungStadt aufgestellt hat, geliefert werden lonnte.Für einen solchen Betrieb war das alte Haus in leiner Weise mehrausreichend, wenn auch der Apparat durch die alljährlich ausgeführten Erweiterungenund Verbesserungen volltommen genügte. Die Direction beschloßbah« im Zahle 1861 zu einem steinernen Neubau zu schielten aufeinem ihi zu diesem Zweck von dem Vorftadtanlagen-Comite im Wöhimann'-DieschenPael an d« Ecke der Park- undKalkstraße eingeräumten Terrain.General-Versammlung der Actionäre bewilligte die Summe von 40,000Rbln.zur Anlage der neuen Anstalt und ein« mit derselben verbundenen Badeanstaltfür Mineralwasser und gewöhnliche Bäder. Diese Summe wurdebeschafft theils aus den Ersparnissen, welche von dem Betrieb zu solchemZweck seit Jahren angesammelt worden waren, theils durch eine Anleihevom Comite zur Verschönerung der Borstadtanlagen, welcher bereits durchden Besitz von '/, »ller Actien an dem Interesse der Anstalt eng betheiligtwar.


65Der Neubau war in seinen Haupttbeilen im Jahre 1864 bereits soweit vorgeschritten, daß die Anstalt im neuen Local in Betrieb gesetztweiden konnte.Außer den Wohnungen für drei Beamtete hat die Anstalt ein geräumigesComptoir, ein großes Laboratotium für die Fabrikation der Mineralwasserund Chemikalien, ein zweites Laboratorium für die feinen analytischenArbeiten, und beträchtliche Keller- und Nachräume für die Vonäthe.Auf dem Hofe steht ein Maschinenhaus mit Räumen füi zwei Dampfkessel,eine Dampfmaschine von 6 Pfcidetläftcn, ein Pochweit, nebst einem Pferdestallund einer Wagenremise. An das zweite Laboratorium schließt sichdie Kuranstalt an, mit einem Buffettaum, einem Kursaal von 2100 QuadratfußGrundfläche, einem Arztzimmei, zwei Gaidciobenzimmein und 16Wateiclosets. Duich eine Colonnade von 120 Fuß Länge ist die Verbindungdes Kursaales mit den Spaziergängen des gut gepflegten Parts aufwürdige Weise vermittelt.Unsere Abbildung zeigt die Colonnade. Das Gebäude rechts ist dasLaboratorium, und mitten übei d« Colonnade «hebt sich das Dach des Km»saales. Links im Hintergiunde zeigen sich die Thüeme d« St. Petti» unddci St. lohanniskiiche und das neuelbauie Rigasche Stadt- Theatei.Was die innere Einrichtung der Anstalt anlangt, so sind die zweiobenerwähnten Dampfkessel bon gleicher Größe und Confttuction, so daßsie sich gegenseitig vertteten können. Für gewöhnlich dient der eine zurDarstellung des dcftillirten Waffeis, der andere zum Maschinenbetrieb.Die Dampfmaschine treibt ein Pochwerk für Kalksteine, zwei Hebewerkefür Waaren, zwei doppeltwirkende Compressionsvumpen für Kohlensäure,zwei Waffexpumpcn, zehn vexschiedene Mischcylinder, welche theilszur Mineralwaffeifüllung, theils zul Gasbereitung dienen, endlich 6 v«°schiedene Deehbülften zum Reinigen bei Flaschen. Außerdem ist eine Werkstattzur Reparatur der Apparate eingerichtet, und die zwei Laboratorienfind mit allen nöthigen Apparaten und ein« Bibliothek sehr vollständig ausgestattet.Im zweitenLaboiatonum weiden nicht nur alle Analysen für dieMinexalwasseibeieitung , sondein auch wissenschaftliche Untcisuchungen füianbcee technische Zwecke ausgefühit. Die ganze Anstalt ist mit Gasbeleuchtungund Waffeileitung vom städtischen Gas- und Waffelwell veisehen.


66Zui Herstellung aller dieser Gebäude und Einrichtungen hat freilichdie zuerst festgesetzte Summe nicht gereicht; theils weil der über Erwartendes Baues Vergrößerungen derschnell wachsende Betrieb noch vor BeginnAnlage forderte, theils weil gerade in dies« Zeit die Preise für Baumaterialienund Bauarbeilen bedeutend üb« das bisherige Ma«ß stiegen. EineGeneral-Versammlung «höhte die Bausumme auf 65,000 Rubel.D« jetzt vollendete Theil hat mit Einschluß der gesammten innerenEinrichtung die Summe von 83,000Rbln. gefordert. Diese Summe schließtallerdings den Werth aller Apparate und Meubeln ein, welche aus der altenAnstalt übergeführt worden find. Sonach ist der Pleis d« neuen Anstaltzehnmal so hoch, als der d« elften Anlage, fteilich ist die Leistung d«neuen Anstalt hundertmal so hoch !Selbst diese bedeutende Summe wäre noch Übelschlitten wölben, wennman sich nicht entschlossen hätte, das schöne von Bohnftedt füi die Anstaltentworfene Projecl — natittlich mit Bohnstedt's Genehmigung und Beihilfe— vielfach zu beschneiden. Das Wohnhaus eihielt nul eine Etage,statt zwei, ein Theildci Colonnade blieb einstweilen weg, eben so die ganzeBadeanstalt, welche allein 40,000 Rbl. «foldeit hätte.So steht nun das Gebäude von Außen noch als ein Bruchstück da,das den Vorübergehenden zu mancherlei Fragen berechtigt. Im Innernfteilich ist die Anstalt fertig. Sie steht an Vollständigkeit und Leistungsfähigkeitden größten und besten Anstalten des Auslandes nicht nach; ja fithat manche nützliche Einrichtungen, welche dort noch fehlen.


Der Schlossplatz mit ber Siegessäule in Riga


Der Schloßplatz mit der Siegessäule in Riga3)er Schloßplatz, am Nordende der Stadt Riga gelegen, hatte nichtimm« das fteundlichc Ansehen, wie « jetzt mit seinen friedlichen Gartenanlagenvor den Blicken des Beschauers daliegt. In alten Zeiten trennteihn dort, wo jetzt links im Hintergründe unseres Bildes sich die katholischeund die anglikanische Kirche mit ihren spitzen Thürmen «heben, eine feste,vonRigaschen Nittgelschaft wohl bewachte und zur Nachtzeit strengverschlofftn gehaltene Mau«, um die sich ein tief« Graben zog, von d«eigentlichen Stadt. Noch bis in die achtzig« Jahre des vorigen Jahr»Hunderts nannte man diesen Platz schlechtweg den Schloßgraben od«Schloßgrnnd, und Wal derselbe bis dahin nux mit wenig ansehnlichen Häufelnbebaut. Selbst das Schloß, welches jetzt mit sein« ganzen Fiontcden Platz beherrscht, bot in alten Zeiten einen bei Weitem weniger imposantenAnblick dar, und w»rd überhaupt von den alten Bürgern Riga'snur mit gar ungünstigen Blicken angesehen. War es ihnen doch einestete Mahnung an die Kämpfe, die fie fast feit Gründung ihr« Stadtmit dem einft von Bischof Albert gestifteten Orden der Schwertbrüderund später mit den Hexrmcistein des deutschen Ordens zu bestehen gehabthatten, um gegen deren Uebermacht ihre bürgerliche Freiheit und Unat»hängigkeit zu wahren.Wie uns die alten Chroniken berichten, sollen die Schwertbxüdci anfänglichihxen Convent nebst Schloß, Wittenfteen genannt, in d« Nähe d«St. Petrilirche, beim heutigen Heiligen Geist, gehabt haben. Als dasselbeab« von den Bürgern im Jahre 1305 zerstört worden, habe Eberhard


68von Monheim im Jahre 1330 die Stadt gezwungen, dem Orden einenandern Platz anzuweisen, und sei nunmehr ein neues Schloß Wittensteenaußerhalb der Stadtmauer an der Düna erbaut worden. Im Verfolg derheftigen Kämpfe jedoch, welche am Ausgange des 15. Jahrhunderts zwischender Stadt und dem Orden entbrannten, belagerten die Rigischengegen dasEnde des lahles 1483 das Oldensschloß, umzogen es mit einem Giabenund gedachten es auszuhung«n. Zwar versuchte der derzeitige Viceordensmeift«Freitag von Loringhovcn im Februar des folgenden Jahres,der bedrängten Schloßbesahung zu Hülfe zu lommen, ward aber am 22.März von den Rigischen unter Anführung des tapferen StadthauptmannsHartwig Wynhold, den Schwarzhäuptern und einigen Stiftischcn beiderSt. Nicolaus-Kapcllc unweit Dünamünde auf's Haupt geschlagen und sahsich genöthigt, mit der Stadt in Unterhandlungen zu treten. Da indessendie Rigischen auf der Uebergabedes Schlosses bestanden, Loringhovcnab« «klärte, er wolle lieb« das halbe Land verlieren, als das Schloßübergeben, so zerschlugen fich die Verhandlungen und der Kampf zwischenStadt und Orden, so wie die Belagerung des Schlosses nahmen ihren weiterenFortgang. Nachdem bereits am IN. April der Wittensteen durchMasten, welche durch Ketten mit einander verbunden und durch Anter imStrome befestigt waren, nach der Dünaseite von jeglicher Zufuhr abgesperrtworden, war man endlich am 14. Mai so weit, daß ein Sturm auf denselbengemacht weiden sollte. Es lam indessen an diesem Tage noch nichtdazu,weil die städtischen Söldner Schwierigkeiten machten, indem sie dieganz« Beute für fich forderten. Als der Rath darauf ihnen solche, mitAusnahme der Glocken und Hauptgeschütze, hatte zusichern lassen, wurdenam Rathhause und an den Stadtpforten öffentliche Bekanntmachungen angeschlagen,durch welche Alle, die Lust hätten am Kampfe Theil zu nehmen,auf den folgenden Morgen um 8 Uhr auf den Markt eingeladen wurden.Zur bestimmten Stunde hatte sich denn auch eine wohlgerüftete Sehaareingefunden und zog dieselbe, mit den vi« Bürgermeistern an der Spitze,vor das Schloß und forderte seine Uebergabe. Da der Schloßhauptmanndie Aufforderung zurückwies, sollte der Sturm nunmehr beginnen, als dieReiter wieder den Gehorsam verweigerten, weil sie die Beute nicht mit denFreiwilligen thcilen wollten. Am folgenden Morgen aber, den 18. Mai,


69steckte die Schloßbesatzung einen Hut auf und begehrte zu capituliren. Nachlängeren Verhandlungen, an denen auch die vier Bürgermeister Theil nahmen,einigte man sich dahin, daß das Schloß Wittensteen der Stadt übergeben,die Besatzung aber das halbe Gut, alles Tafel- und Kirchengeschmeideund außeidem, was jeder als sein persönliches Eigenthum beschwören könne,behalten und am folgenden Tage unter Geleit frei nach Neuermühlen abziehensolle.Als daiauf das Schloß besetzt wurde, sollen in demselben an Herren undKnechten nicht mehr als zehn gesunde Menschen gefunden worden sein,die fich geraume Zeit nur von Pferdefleisch genährt hatten. Alle andernlagen krank und elend darnieder. Die zehn Helden wurden zu Wasser überden Stintsee nach Neuermühlen gebracht, die Beute aber den Reitern überlassenund sollen fich diese „hernach« mit Silber dermaßen haben beschlagenlassen, daß sie fich kaum beugen konnten." Drei Tage darauf ließ derRath bekannt machen, daß es Jedermann, Alten und Jungen, Deutschenund Undeutschen, frei stehe, das Schloß in Grund zu brechen. Es wurdedann auch sofort damit der Anfang gemacht. Weil indessen das Abbrechennur langsam von Statten ging, so ließ man am Pfeffcrthurm, wie dieChronik berichtet, und an der Martermauer unten die Fundamente durchbrechenund statt deren hölzerne Stützen anbringen. Nachdem man sodannam 17. Juni inBrand gesteckt. Als sie auf diese Weise nach und nach verkohlten, begannendie gewaltigen Schloßmauern zu wanken und stürzten endlich unterlautem lubclgeschrei d« Rigischen mit ftnchtbarem Klachen in fich selbstum diese Stroh und Reisig aufgehäuft, wurden dieselbenzusammen. Dcl letzte und festeste Thuim de« Schlosses, d« sogenannteBlcielne Thunn, soll «st am 15.August eingestürzt sein. Die Armen holtendie Backsteine aus dem Schutt hervor und verlausten sie für wenige Schillingedas Hundert; die Reichen aber ließen das Baumaterial abführen undbauten fich damit neue Häuser zur dauernden Erinnerung. Bald bezeichnete,wie ein neuerer vaterländischer Geschichtsschreiber bewerft, nur nochein wüster Schutthaufen die Stelle, wo Zwing -Riga gestanden. Ja dieBefriedigung d« Bürger üb« ihre allendliche Befreiung von der Ueber»macht des Ordens soll so groß gewesen sein, daß sie ihren Sendungen vonBirt- und Haselhühnern, die jährlich regelmäßig nach den Hansestädten ab-


70zugehen pflegten, auch eingewickelte Backsteine aus denRuinen des Schlossesbeigelegt haben.Indessen sollte die Freude üb« diesen Sieg nur von kurzer Dauerfein. Denn als die Rigischen nach einem VerzweiflungStampf bei Neuermühlenim Mälz 1491 b« Uebermacht des Ordens erlagen und dieStadt fich ergeben mußte, ward ihr unter anderen harten Bedingungendurch die Wolmarsche Affsprölc (Absprache) auch die Pflicht aufgelegt, denWittensteen innerhalb sechs Jahren wieder aufzubauen und dem Olden zuübelgeben. Mag es auch mit bei Innehaltung des Termins von sechslahien nicht so genau gehalten woldcn sein, so betneben doch sowohlv. Lvliughovcn, als sein Nachfolger, der Herrmeift« Walter von Plettcnbcrg,seit 1494 den Wiederaufbau des Schlosses unausgesetzt. Nochgegenwärtigficht man in dem innern Haupthofe des Schlosses, zu dem d« aufuns«« volliegenden Schloßanficht rechts gelegeneThorweg führt, an der Seitenwandaußer dem Standbilde der lungftau Maria auch das des letztgenanntenHerrmeisters und darunter die Jahreszahl 1515, welche man für diejenigehält, durch welche der Uebergabctcrmin des vollendeten Neubaues an denOrden bezeichnet weiden soll. Es bildete indessen das damalige Schloß nurden Theil des jetzigen, welch« den oben erwähnten Hauptschloßhof umschließt.Als in der Mitte der fünfzehnhundert« Jahre der Orden fich auflösteund Riga fich erst der polnischen, spät« der schwedischen und dann der russischenKrone unterwarf, blieb das Schloß der Sitz der zeitweiligen Regierungsgewaltund ward im Laufe der Zeit je nach Bedürfniß erweitert. So erbautendie Schweden im Jahre 1682 an der Oftseite ein Zeughaus, dasdie ganze Fronte einnahm und bis 1783 stand, wo es abgebrochen undeine neue Fronte aufgeführt ward, in deren Räumlichkeiten die verschiedenenBehörden der damaligen Statthalterschaftsrcgierung ihren Sitz erhielten.Der letzte und bedeutendste Umbau, welchem das Schloß seine gegenwärtigeFafade und zum Theil auch feine innere Einrichtung verdankt, fiel in dieJahre 1843 und 1844, und zum Theil noch in den Anfang der sechzigerJahre, wo namentlich die kaiserlichen Gemäch« und die Wohnung desHerrn General-Gouverneur, welche den auf unser« Anficht rechts gelegenenTheil des Schlosses einnehmen, einen eleganteren, den Anforderungen derNeuzeit entsprechenden Ausbau erfahren haben. Der links gelegene Theil


71des Schlosses ist mit seinen Räumlichkeiten vorzugsweise den ebnen Landesbehördeneingeräumt.Mit dem, wie oben erwähnt, im Jahre 1783 ausgeführten Frontenausbaudes Schlosses fiel auch die Abräumung des alten Schloßgrabensvon den auf demselben derzeit befindlichen hölzernen Hausen,, sowie seinePlanirung zu einem freien Platz, seit der Zeit Schloßplatz genannt, zusammen.Die stattlichen Gebäude aber, welche denselben gegenwärtig umschließen,find dann im Laufe der nächstfolgenden Jahre erbaut worden.So ward z. N. die katholische Kirche, welche auf unserem Stahlstich mitder zu ihr gehörenden Pfarrwohnung zunächst lints des Schlosses liegt,nachdem der Grundstein zu ihr bereits im Jahre 1783 gelegt war, im Jahre1785 eingeweiht. Ihre gegenwärtige erweiterte Form, so wie ihren Thurmdanlt fie indessen einem in den Jahren 1859 und 1860 ausgeführten Umbau.Ein zweites Hauptgebäude am Schloßplatz, welches mit dem nebenihm gelegenen St. Petersburger Hotel dem Schlöffe gerade gegenüber dieOftfronte desselben bildet, nach dem für unsere Anficht gewählten Etandpunltaber im Rücken des Beschauers liegt, ist das Gouvernements-Gymnasium.Seine Erbauung fällt in das Jahr 1787.Die Gartenanlage und die fie umgebenden Baumalleen, welche denmittleren Raum des Schloßplatzes einnehmen, find eine Schöpfung jüngsterZeit und danken ihre Entstehung der Fürsorge des um die VerschönerungRigaS vielfach verdienten Herrn General-Gouverncui, Fürsten Suworow.Aus ihrer Mitte erhebt fich die ca. 50 Fuß hohe granitene, mit der geflügelten,in Erz gegossenen Siegesgöttin geschmückte Uleiandnsäule, eineHauptzicxde nicht nux des Schloßplatzes, sondern der ganzen Stadt Riga.Dein Andenken an die unsterblichen Siege des Kaisers Alexander I. üb«die französischen Heere in den Jahren 1812—1814 geweiht, ist sie von derhandelnden Rigaschen Kaufmannschaft, an deren Spitze d. Z. der Aelteftegroß« Gilde Bernhard Christian Klein stand, errichtet worden. Undzwar begann man, nachdem unter dem 22. April 1814 die Erlaubniß desderzeitigen General-Gouverneurs, MarquisPaulvcci, zur Enichtung einesDenkmals eingegangen wai, »m 10. October desselben Jahres zur Feierder Befreiung Moskau'« mit der feierlichen Grundsteinlegung zu demselben,während man zugleich die geschmackvolle Ausführung des hin inRiga ange-


72fertigten Entwurfs durch Vermittelung des derzeitigen Hofbanquiers A. F.Baron Rall einigen geschickten Künstlern in St. Petersburg übertrug.Als dasselbe im Jahre 1816 so weit vollendet war, daß an seine Ueberführungnach Riga gegangen werden konnte, hatte das Schiff, in welchem esverladen worden war, das Unglück, bei Arensburg zu stranden. Lange schienes zweifelhaft, ob es möglich sein werde, die großen Steinmasfen, derenGewicht in Summa auf ca. 356 Schiffpfund Rigisch berechnet wurde, ausdem Wasser zu heben, bis dieses endlich den Bemühungen des Obriftlieute»nant v. Reinecke gelang, der fie sodann auf einem sicheren, zu diesemZweck besonders eingerichteten Schiffe nach Riga schaffen ließ. Dieser Umstandund der große Aufwand von Zeit und Mühe, welchen die Aufrichtungdes Monuments erforderte, verzögerte die Fein sein« Aufdeckung bis inden Herbst 1817. Am 15. September, als dem Krönungstage Alexand« 1.,veesammelten sich nach geendigtem Gottesdienste die hohen Voegesetztcn dies«Provinz, die Glieder der Gouveinementsicgicrung , die Behörden undInstanzen der Landcsverwaltung, die Geistlichkeit der drei Confesffonen, derMagistrat, die Angesehensten der Kaufmannschaft, als Gründer und Befördererdcs Denkmals, in dem Schlosse und auf dem Platze vor demselben,worauf bie Bürgergarden zu Pferde und das in Riga d. Z. ftationirteMilitär unter feierlich« Musik, Abfeuerung d« Kanonen und Läuten derGlocken, nach einem I« veum d« griechischen Geistlichkeit und einem vomersten Geistlichen der Stadtgemeinde gesprochenen Segenswunsche, bei dervöllig aufgedeckten Säule voiübeidesililten.Die Höhe des ganzen Denkmals betlägt genau 48 Fuß 7Z Zoll.Davon kommen auf die dici Stufen, deren unterste einen Umfang von 98Fuß hat, 1 Fuß 9 Zoll. Der Säulenftuhl oder das Postament hat eineHöhe von 8 Fuß 9z Zoll und mißt an der Grundfläche 7 Fuß ?z Zoll insGevierte. Der Schaft der Säule hat unten einen Durchmesser von 3 Fuß9 Zoll und oben von 2 Fuß 10 Zoll und beträgt seine Höhe 23 Fuß 6 Zoll.Das Kapital hat 2 Fuß ?z Zoll Höhe, und die darauf befindliche Victoria,einschließlich der Kugel, auf welcher fie schwebend steht, ist 9 Fuß hoch.Auf den ober» Ecken des Säulcnftuhls breiten schützende Adler ihreFlügel aus; der Würfel desselben ab« trägt folgende Inschriften in lateinisch«und russischer Sprache:


73B«,sv» uee »»«ouli» uuquam audilH.I^e populomm eoiuiusieiu, penitu« intsroiäsesutoi>>l«ut« «t Hliuis iuterossZitKIY^NI «N n c>riiß»i. »inrMnc?, «^> kocei«,n!WZ>»3« I^6n«H«pl«iovrHll 73U lÄrwuu.Als unter einer schreslichen und zu keiner Zeit erhörten Despotie durch einen Tobund Verderben bringenden Krieg die Bande Europa« sich schon fast gelöst, istAlexander 1,, Rußland« Kaiser, damit nicht der Berlehr unter den Böllern gänzlichaufhöre, mit seinem Geiste und den Waffen eingeschritten; Riga'« Kouflcute aberhaben burch diese«, au« ihren Beiträgen errichtete Denlmal der wiedererlangtenallgemeinen Freiheit, den Namen und Ruhm de« Bater« de« Bateilande«, de«gelielteften Herrscher« mit einem aufrichtigen Etein ben spätesten Enleln überliefernwollen im 1814. Jahre de« Heil«, im 14. seiner menschenfreundlichenRegierung.


74H, HL« « 4 N I> 1. II L?L U Üuo6iAoucx:»ov Aeeuni,««II.ltl>«»^ u,llr>«^«2, ZlUlouu »»rioilll»'!'.F. 1814*).Dieselben Inschriften, auf eine zinnerne Platte eingegraben, befindenfich in dem bleiernen Kiftchcn, welches in den Grundstein eingemauert wordenist. Außerdem enthält dasselbe noch die im Jahre 1810 geprägte RigaischeJubel-Medaille, die im Jahre 1814 curfirt habenden russischenMünzen, sowie auf Pergament geschrieben die Bittschrift um die Erlaubnis»zur Errichtung des Monnments, die darauf erfolgte Antwort und die vomderzeitigen Oberpaftor und Senior des Stadtminifteriums, Dr. LiboriusBergmann, aufgesetzte historische Nachricht für die Nachkommenschaft.») Die Heere von 2» Reiche, und Böllerfchafte» drangen mit Schwert und Feuerin Rußland ein und verfielen dem Tode und der Gefangenschaft. Rußland stllrhteden Verderbe« und sprengte die Fesseln Europa'«. Alexander I. lehrte mit siegreicherRechte zurück und befestigte den Fürsten die Reiche, den Böllern die Gesetze.Im lohre l«l4.


Der HerderPlatz in Riga


Der Herder-Platz in Riga3)cr Platz, welch« früh« nach der „kleinen oder Stückguts-Wage"benannt war, heißtnun „Herder-Platz"; der mercantile Zweck ist einerideellen Beziehung gewichen. Dasselbe günstige Geschick, welches bald nachdem Regierungsantritt Alexanders 11. die unsere Stadt einschnürendenWälle sinken ließ, hat auch die Erbauung ein« neuen Stückguts-Wage ander Dünakaje und die Wegräumung jener Wage zur Folge gehabt, derenStelle jetzt dem Andenken unseres Herder geweiht ist.Der Herr Advokat Wilhelm v. Petersen ist es, der den schönenGedanken dieser Denkmalsetzung gefaßt und im Namen einer Anzahl hiesigerLiteraten und Künstler mit patriotischem Eifer durchgeführt hat. Die Enthüllungdes Denkmals und seine Uebnttagung von den Stiftern an dieStadt geschah in feierlicher Weise am 25. August 1864— nicht ohne säcutareBeziehung; denn im Spätherbst des Jahres 1764 ist der Gesnerieals ein noch unberühmter Jüngling zu uns eingewandert. Dn Tag seinerAnkunft läßt sich nicht mehr ermitteln; der 25. August aber wurde gewähltals sein Geburtstag.Die Wahl des Ortes für das Denkmal war schon dadurch bedingt,daß nach einer, wenn auch unsicheren Tradition Herder während seineshiesigen Aufenthaltes eines der Häuser am Platz der kleinen Wage bewohnthaben soll. ES ist das auf unserem Bilde zu links stehende Giebelhäuschenmit nur zwei Fenstern auf seiner Vorderseite, ein Eigenthum dnDomkirche und seit unvordenklichen Zeiten den Domschullchrnn als Woh-


76nung dienend. Dieses Haus, in welchem also die „Fragmente über diedeutsche Literatur" und die „Kritischen Wälder" geschrieben sein sollen, istjetzt mit einer Marmortafel versehen, worauf die Inschrift://ie?' u>o^n


77Das Postament, nach einer ZeichnungScheel in der Wöhrmannschen GußcisenfabritVorderseite die Worte: .uoi"ri'«ii!vNüllvNli,des Herrn Architekten v.ausgeführt, hat auf seiner1.10»?.I.IVLL.I.ÜLÜX.Auf der demnächst zur RechtenVIII.18— »—«42,'>,folgenden SeiteNüLOIiüXI>. «3.1744IXuou»11X01!!«,(c>8irNI!II88I!X)Auf der dritten SeiteAuf der vierten Seitecoi.i.^noli^i'ailv««ooU'Bcliui.i:vxv?/


78Die Büste endlich ist der aus München bezogene Abguß eines vondem Bildhauer Schallei füi Weimar gefertigten Originals— für Weimar,wo Heedei seine längste und glänzendsteLebenszeit »«biacht hat, wähiendseine glücklichste die in Riga gewesen ist, wie ei selbst oft und g«n bezeugt hat.Ab« nicht blos LebenSficude, auch Förderung seines Genius hat Herderin Riga gefunden. Er kam. zu uns als begeisterter Prophet des Weltbürgerthumsund ihm imponirte der Geist eines kräftigen StadtbülgeNhums,wie n hier denselben kennen lernte; die Anschauung eines in sich selbsthaltungsvollen Gemeinwesens gereichte ihm zur Ergänzung und Bereicherungder Humanitätsideen, von denen er voll war. Denn mitten in der immermehr dem öffentlichen Leben fich entfremdenden Spießbürgerlichkeit hatteRiga den Sinn und die Kraft für selbftthütige Handhabung seiner Interessensich noch ungebrochen erhalten. Möge in den Wandlungen der gegenwärtigenZeit uns unverloren bleiben, was selbst einem Herder an unspreisenswnth gewesen ist!


Der Basteiberg zu Riga und dessen Umgebungen


Der Basteiberg und dessen Umgebung


80Bei einer Höhe von 81 Fuß enthält er 4 Stockwerke, deren obere noch jetzt9 Kanonen bewahren, von denen einige wohl schon an die 300 JahnimBesitze der Stadt sind. — Das lang sich hinstteckendc Gicbeldackches sich zwischen PulveNhuim und Bastei hineinschiebt, deckt die Militail-Kaserne, welche von der Sandbaftion bis zur latobsftraße nicht. DieGlocke, welche den links vom Pulveithuim fich cmpoiftieckenden Kttchtbunnals den der St. latobikiichc kenntlich macht, giebt als eins der Wahrzei«ehen Riga's unsnem Bilde zugleich das Chalakteizeicheu eines Rigaschen.Das lints den Voideigiund füllende Gebäude im mod«nftcn Styl ist daselfte Haus, welches in den neuen Anlagen aus dem Schutt dn abchenen Mau«n empolftieg. Sein Elbaun, dn Hl. Dr. Aeient, li>Glundftein dazu am 7. Aplil 1860 legen und földnte den Bau so lasch, daßes schon im Hnbft 1861 bezogen weiden konnte. Um ein lahl jüngerist das im gothischcn Geschmack gehaltene Gemäuer, welches fich thurmartigrechts im Hintergrund erhebt. Es enthält eins der Gasreservoiied« seit dem August 1862 in Bctticb befindlichen Gasanstalt, welche vonhiei aus ihie leuchtenden Arme in die entlegensten Theile der StatVoiftädte hinausfttcckt.


Der neue Springbrünnenim WöhrmannschenPark zu Riga


Der neue Springbrunnen im Wöhrmannschen Parkin Riga«Mögen größere Städte, wie Hamburg, Berlin, Wien, Paris, fichihrer lungfernstiege, Thielgälten, Piatei oder Elysäischen Feldn lühmen:Riga, wenn auch untn mindn günstigen Klimaeinflüffen stehend, blickt indieser—Hinficht mit stiller Befriedigung auf seinen „Wöhemannschen Pail",eine Schöpfung patriotischen Gcmcinfinnes, an der Natur und Kunst,unter der umsichtigen Verwaltung eines seit dem Jahre 1813 auf Anregungdes damaligen General-Gouverneurs, Marquis Paulvcci, mit der Pflegeuns«« sogenannten Volftadt-Anlagen bettauten Comite's, seit 58 Jahrengleich liebevoll und ausdauernd geschafft und gewirkt haben, um fie fürJung und Alt, füi Klein und Groß zu einem immer reizenderen Sammelplatzzu gestalten, in dessen Schattengängen fie nach des Tages, wie desLebens Mühen und Beschwerden Ruhe und Erholung im Genüsse ftischnLuft und ftein Natul finden können.Im Osten dci Stadt an dn Grenzscheide zwischen diesn und den, fieauf dci Landseite umgebenden Volftadttheilcn gelegen, bildet diesn Pailein von vici Hauptvntehissttaßcn umschlossenes Vineck, dcffen Länge andci großenPaltsttaße 155 Faden und an derElisabethftraße 95Faden mißt,während seine Breite an der Kallftraße 120 Faden und an der Suworow»fttaße 95 Faden beträgt. Zu dieser bedeutenden Ausdehnung hat er fichindessen nur nach und nach entwickelt. Seine erste Anlage an der Ecke derKalt- und alten Esplanadenftxaße umfaßte, als fie am 8. Juni 181? deröffentlichen Benutzung feierlich übergeben wurde, kaum den achten Theilseines gegenwärtigen Urnfanges.Nichts desto weniger wurde ihre Eröffnungvon den Zeitgenossen mit ganz besonderer Befriedigung als eine höchst will-


82kommene Enungenschaft zur Fördening des allgemeinen Wohlbehagens begrüßt.Neben anderen, dem Comite für die Vorftadtanlagen zur Verfügungstehenden Mitteln, waren es namentlich auch die wiederholten Darbringungender weil, vnwittweten Fran Aelteftin Anna Gertrud Wöhrmann,geb. Ebel, welche die Anpflanzung des Parts, so wie die Erbauung einesPavillons und eines Gartcnhäuschcns in demselben ermöglichten und diefernere Unterhaltung des Ganzen sicher stellten. In Veranlassung dessenwandelte fich im Munde des dankbaren Publikums das ursprüngliche Epitheton„Neue" in „Wöhnnannsche" Anlage od« Poik, eine Bezeichnung,die fich im Laufe d« Zeit auf die ganze Anlage in ihrem gegenwärtigenUmfange vererbt hat.Die erste Vergrößerung des Parks, und zwar der Kalkstraße entlangbis zm Elisabethfttaßc, «folgte im Jahn 1828 duich eine Schenkung desweil. Preußischen General-Consuls loh. Christ, v. Wöhrmann, des Sohnesder am 21. August 182? verstorbenen Frau Anna Gertrud Wöhrmann.Daran schloß fich bereits im Jahre 1831 der Erwerb eines weiterenGrundplatzes an der Elisabethsttaße, auf dem der Sommnsalon mitsein« Säulenhalle «baut wuide.Bei den Umfolmungen dn Anlage, welche die elfte dci voinwähntcnElweiteningen im Jahn 1829 nöthig gemacht hatte, ward an Stelle desGaltenhäuschens, welches fich die Stiften« bei ihnn Lebzeiten zm eigenenBenutzung voibehalten gehabt hatte, das Glanitdentmal «lichtet, welchesfich noch gegenwältig unweit des allen Pavillons aus dn Mitte einer eingehegtenRasenfläche erhebt und auf seiner Vorderseite die Inschrift trägt:Der Oniuäßliu «lißsss üllsutlieußu -^belauf der Rückseite aber die Worte:Von äsi^yuißsn, w«IoU6 äen Vsertu äieBsr H,nl»ßß«n »olliitHßn vissßu, siriolitst 1829.Die Anlage einer Anstalt für Bereitung und Verbrauch lünftlicherMineralwasser hatte in der Mitte der dreißiger Jahre die nächste bedeutendeErweiterung unseres Parts im Gefolge. Durch Hinzuziehung desden Vorftadtanlagen zuständigen GaNenplatzcs an der Esplanadenftraße, sowie durch Anlauf eines großen Grundstückes an der Elisabethfttaßc «hielt


83derselbe eine Ausdehnung, dnen Grenze noch gegenwärtig durch die beidenHauptalleen, welche mit der großen Parksttaßc und mit dn Suworowfttaßepaiallel laufen, angedeutet wild. Die zu dn Minnalwaffeianftalt nöthigenBaulichkeiten wulden in den Zahlen 1834 u. 1835 aufgeführt und schloffen fichim Viereck mit Colonnadcn an den obenerwähnten Sommersalon an. DieBepstanzung der neuen Parktheile mit Alleen und Gruppen blühendn Strauch«erfolgte im Jahre 1836 gleichzeitig mit der Eröffnung jener Anstalt.Im Laufe der nächstfolgenden zwei Decennien erlitt der Park leinewesentliche Veränderung; nur baß man, während Baum und Busch fichimmer träftig« belaubten, im Jahre 1848 die Mufiteftrade in der Nähedes Sommersalons erbauen und im Jahre 1851 bei Anlage der neuenSuworowstraße die Umzäunung des Parts bis an diese hinausrncken ließ.Die im Spätherbst 1857 begonnene Abtragung der Festungswerke Riga'sgab Gelegenheit zu einer nochmaligen bedeutenden Vergrößerung des Parks.Durch Zuthcilung der ehemaligen Esplanadcnftraße und eines Theils desFeftungsglaeis, so wie durch Anlegung der neuen großen Parkftraße i. I.1859 erhielt er seine gegenwärtige, nach Außen rings von breiten Promenadenumfaßte Begrenzung. Die darüber hinaus nach allen Seiten hinsich erhebenden massiven Neubauten scheinen einem fernen« Wachsen in dieBreite für alle Zeiten ein Ziel setzen zu wollen.Mit der Grenzerweiterung i. I. 1859 mußten sich auch in der innerenGestaltung des Parts mehrfache Wandelungen vollziehen. Während mani. I. 1861 mit der Bcpssanzung des neu erworbenen Terrains begann,wurde auf dem an der Ecke der neuen Part- und der Kaltstraße gelegenenTheil desselben zugleich auch der Bau eines neuen Kur- und Oelonomie-Gebäudes für die Minnalwasscranftalt in Angriff genommen. Als dieseim Jahre 1864 mit ihrer inneren Einrichtung im Wesentlichen so weithergestellt war, wie der geehrte Leser sie Seite 63 folg. unseres Albumsin Bild und Wort dargestellt findet, wurde von den Räumlichkeiten,welche die Anstalt bis dahin innegehabt hatte, der zunächst an den Sommersalongrenzende Theil zur Restauration desselben hinzugezogen, die Fronteaber zu einem großen Conccrt- und Speisesaal mit breiter Freitreppe umgebaut.Daran schloffen sich noch in demselben und in dem folgendenJahre 1865 mehre namhafte Umwandlungen in den Anlagen an der


84Frontseite des Sommersalons. Das Portal desselben erhielt eine an denSeiten von Gesträuch umhegte Vorterrasse und in Mitten des freien Rasenplatzesvor dem Salon ward eine in Zinkguß ausgeführte, durch ein Legatdes 1862 verftorbcnen AeltestenGeorg Kleberg gestiftete Sonnenuhr aufgestellt,um welche fich zwischenBlumenbeeten sechs Statuen und drei Vasengruppiren, zu denen fich spät« noch drei Kandelaber zur Gasbeleuchtunggesellt haben. Seit dem Jahre 1869 hat nämlich der Part eine eigeneGasröhrenleitung erhalten. Gleichzeitig mit der Legung derselben fand auchdie Aufstellung, des monumentalen, von E. Buch olt H Hahn in Berlinin bronzirtem Zintguß ausgeführten Springbrunnens statt, welchen unserStahlstich darstellt, so wie die Anlage der Doppelterraffe, welche fich imHintergründe unseres Bildes längs der ganzen südlichen und seit dem Jahn1871 auch längs der an Stelle der Freittcppc vor dem Salon hergestelltensüdlichen Colonnadenstucht des Reftaurationsgebäudes hinzieht.


DerRiga DünaburgerBahnhof in Riga


Die Riga-Dünaburger EisenbahnMereits im Jahre 1853 erhiell der Rigasche Börsen -Comite mittelstAllerhöchsten Befehls vom 18. Mai desselben Jahres die Conceffion zurGründung einer Actien- Gesellschaft für den Bau und Betrieb einer Eisenbahnzwischen Riga und Dünaburg. In den sofort in Angriff genommenenVorarbeiten zur Nivellirung dn Linie, zur Ausarbeitung des technischenProjects ,c., trat jedoch in Folge des bald darauf ausbrechendenorientalischen Krieges ein Stillstand ein, bis der wiedertchrende Friede imI. 1856 ihre Wiederaufnahme gestattete.Für die obere Leitung aller vorbereitenden Maßregeln war durch AllerhöchstenBefehl ein Comite unter dem Präfidio Sr. Durchlaucht des HennGeneral-Gouverneurs des Oftseegebiets, Fürsten Suworow, niedergesetztworden, während die unmittelbare Leitung aller auf das Unternehmen bezüglichenGeschäfte einer durch die Wahl sämmtlichn Actionäre conftituirtenprovisorischen Direction übertragen wurde. Diese provisorische Directionbestand aus den Henen: Staatslllth v. Stöver, Rathshen A. H. Hollandtl,Henry Robinson, Thomas Renny und Alexander Hill.Zum Ober-Ingenieur der Riga-Dünaburgn Eisenbahn war dn Vice-Präfident des Vereins britischer Civil-Ingenieure, Herr John Hawlshaw,gewonnen worden, welchn im Jahre 1856 mit seinem Stabe in Riga eintraf,um die technischen Vorarbeiten zu prüfen und die nöthigen persönlichzu treffenden Anordnungen ins Werl zu richten.Inzwischen waren nach vorgängign Vereinbarung mit der Staatsrc»gierung durch den Allerhöchsten Befehl vom 14. Februar 1857 die nachfolgendenFundamental -Bestimmungen festgestellt worden:


861) das Capital der Gesellschaft wird auf 10,200,000 Rbl. S. fixirt(in 81,600 Actien zu 125 Rbl. oder 20 L Steil.);2) den Actionäicn zur Vcizinsung und Tilgung der Actien eine jährlichereine Einnahme von 459,000 Rbln. garantirt und3) der Termin der Concession auf 75 Jahre, gerechnet von der Eröffnungdes Betriebes auf der ganzen Linie, ausgedehnt.Nachdem hinauf das Statut der Gesellschaft am 23. Januar 1858die Allerhöchste Bestätigung erhallen hatte, berief der Rigasche Börsen-Co°mite am 29. März 1858 die erste conftituirende General-Versammlungder Actionärc, welche nach Entgegennahme des Rechenschafts -Berichtssämmtliche bis dahin getroffenen vorbereitenden Anordnungen genehmigteund sodann zur Wahl der Diiectionsgliedei schritt. Es wurden erwähltdie Herren: Henry Robinson, Rathshen-Aug. Holländer, Staatsrathv. Stöver, Thom. Renny und Coll. Assessor Fall in. Die neuerwähltenDirectonn ernannten zu ihrem Präsidenten den Herrn Staatsrathv. Stöver und zum Vice -Präfidenten den Herrn Henry Robinson.Am 8. Mai 1858 fand die feierliche Eröffnung des Bahnbaues in Gegenwartder hohen und höchsten Autoritäten des Landes und der StadtRiga, sowie der Geistlichkeit und unter Theilnahme einet großen Anzahl zudiesem Acte geladen« Gäste, statt. Auf das Ersuchen des Präsidenten derGesellschaft thot Se. Durchlaucht der Fürst Suworow den ersten Spatenstichund gab damit dem beginnenden Werke die Weihe.Die Ausfühlung des Bahnbaues bis zur gänzlichen Vollendung woiconttactlich einem nnommilten Bau-Unternehm«, Henn Th. Jackson inLondon, übertragen worden. Allein schon im Juni 1859 sah fich derselbebehindert, den Bahnbau weiter fortzuführen, in Folge dessen die Directiondie FoNsehung und Beendigung des Baues den Hcnen John Ashburyund T. C. Watson übergab.Die Länge der Bahn beträgt 204 Werft und zählt dieselbe an Kunstbauten5 große Brücken über die Flüsse: Ogn, Perse, Ewft, Naret undDubna, und mehr als 200 kleinere Brücken und Durchlässe.Nach ihrem Durchgänge durch den Moskauer Vorftadttheil Riga's durchläuftdie Bahn in Livland die Güter DreilingSbusch, Klein -lungfcrnhof,Kirchholm, Kurtcnhof, Uexlüll, Lennewaden, Ringmundshof, Groß-lungfern-


87Hof, Römershof, Äschernden, Atttadsen, Bielfteinshof, Klauenhof, Koten-Hufen, Stockmannshof; im Witebstischen Gouvernement: Krentzburg, Treppenhof,Lievenhof, largrad und Lixna (Dünaburg).Stationen enthält die Eisenbahn überhaupt 14, und zwal:Riga, I. Kl.Kurtenhof, IV. Kl. . .Oger. 111. Kl. ... 32Ringmund«hof, 111.Kl. 48Nömer«hof, 11. Kl. , 68Kolenhnsen, 111. Kl. . 88Stockmann«hof, IV.Kl. 102I? Werft von Riga,Krentzburg, 11. Kl.. 121 Werft von Riga.Treppenhof, IV. Kl. 18? „ „ „Lievenhof, !V. Kl. . 148Zargrad, IV. Kl. . . 158Nitzgal, IV. Kl. . . 174lixna, 111. Kl. . . 190Vünaburg, 11. Kl. . 204Eine Anficht des Bahnhofes in Riga giebt das volstehende, getreu undgelungen ausgeführte Abbild.Im Centturn des Vordergrundes erblicken wirdas stattliche Gebäude der Empfangsstation, lints den großen Loeomotiv-Schuppen, im Hintergründe desselben den Waggon-Schuppen; zur Seitedes locomotiv-Schuppen ragt der zierlich gebaute Schlot der großen Reparatur-Werkstatthoch hervor. Auf der andern, der rechten Seite der Stationerhebt sich ein geräumiges Wohnhaus, theils zur Aufnahme verschiedenerBureaus und Expeditionen, theils zu Wohnungen für Beamte bestimmt;hinter demselben befindet fich der große Güter-Schuppen.Die Lage des Bahnhofes ist besonders günstig gewählt. Durch dieschöne Marien-Brücke unmittelbar mit der Stadt verbunden, ganz in derNähe der Handels-Umbauen, gewährte die nahe Nachbarschaft der Dünaden Vortheil, von dem Bahnhofe mit Leichtigkeit einen Schienenweg zumDünaufn und dasselbe entlang zu fühlen, um die auf dn Eisenbahnanlangenden Waaien dinct zu den Schiffen zu beföldnn und umgekehlt.Nach vollendetem Bahnbau und nachdem deiselbe nebst den Betriebsmittelnin allen Theilen durch die von der Oberverwaltung der Wegecommunicationund öffentlichen Bauten abgeordnete Commisfion besichtigt undfür gut befunden war, ward die Eisenbahn am 12. Sept. Nachmittags 2 Uhrmit einem Exttazuge nach der Station Ogn eröffnet und damit die durcheine lange Reihe von Jahren genährte und gepflegte Hoffnung. Riga durcheinen Schienenweg an dem Weltverkehr Antheil zu geben, endlich verwirklicht.


88Die seit Eröffnung und namentlich seit Anschluß der Dünaburg-Witebsl«und der Witcbst-Oreler Bahn von Jahr zu Jahr fich steigerndeFrequenz unfern Riga-Dünaburger Bahn hat die Zweckmäßigtcit, ja Nothwcndigteitfür das fernere Gedeihen Riga's auf's Glänzendste gerechtfertigt.Personen- und Güterverkehr haben sich im Laufe desseit dem verflossenenlahrzehnd, eben so wie die Reineinnahmen in wahrhaft überraschenderWeise gehoben, wie fich aus nachfolgenden Zahlen ngiebt:Pnsoncnvntehr pro 1862: 212,946, pro 1870: 243,135 Personen.Gütewnlehx . „ „ 3,669,105, . „ 24,186,825 Pud.Gesammt-Einn. „ „ 538,843, „ „ 2,003,021 Rbl.Reingewinn . „ „ 10,955, . . 803,308Solchen Erfolgen gegenüber geziemt es fichwohl, hier zum Schluß auch denNamen des Mannes anerkennend hervorzuheben, der durch den Eifer unddie Energie, mit welcher er während einer ganzen Reihe von Jahren fürdie Inangriffnahme des ersten Aahnbaucs in Riga in Wort und Schrift gewillt,ncht eigentlich Begründer unserer Riga-Dünaburger Bahn gewordenist. Es war dies der auch sonst um Riga's Gedeihen so hochverdiente,gegenwärtig dim. Bürgermeister, Commerzienrath Gustav Hernmarck.


Riga Mitauer Bahnhof in Riga


Der Riga-Mitauer Bahnhof in Riga-Wer fich noch der sogenannten Elcphantenbrücke und ihrer Umgebungerinnern kann, welche man, von Mitau kommend, auf dem Wege zur Dünabrückepasfiren mußte, wird zugeben, daß fich dieser Theil der MitaunVorstadt in den letzten Jahren sehr zu seinem Voltheile vnändnt hat.Wenn schon durch den Abbruch dn obengenannten Brücke und durch dieAusfüllung des besonders von stehendem Waffer übelriechenden Grabenseinerseits, und andererseits durch die an der Stelle des Grabens entstandenenGebäude viel zur Verbesserung dn Gegend beigetragen worden ist, sogebührt doch unstreitig der Riga-Mitaun Eisenbahn das Verdienst, den letztenTheil der niedrig gelegenen sumpfigen Wiese unmittelbar an der MitaverStraße und dem Ranke-Damm durch die Anlage des Bahnhofs auf diesemPlatze verdrängt und in sanitätlichn Hinsicht würdig nsetzt zu haben.Nachdem schon eine längen Reihe von lahien hinduech die Elbauungeinn Riga -Mitaun Eisenbahn von vnschicdenen Seiten, jedoch stets ohneErfolg angestrebt worden war, gelang es mehren Herren der RigaschcnKaufmannschaft, in Verbindung mit einigen Henen des türländischen Adels,unter fich eine Actiengesellschaft zu gründen, welche fich, die immer größereNothwendigteit einer solchen Bahn einsehend, entschloß, um die Concessionzur Riga-Mitaun Bahn höheren Orts nachzusuchen.Glücklicher Weise blieben diesmal die Bemühungen nicht erfolglos unddie Gesellschaft erhielt im Juni 1867 die Concession zum Bau der Bahn.Nachdem der Bau selbst einer Baucommisfion übertragen worden war,welche aus den Henen: Consul A. Heimann, Consul B. E. Schnatenburg,Aeltefter Nipp, Hermann Faltin und O. v. Scheubner bestand,wurde mit den Arbeiten, deren Leitung dem Ober-Ingenieur I. v. Pandelübnttagcn wölben wae, am 1. Juli 1867 begonnen. Begünstigt von demschönen Somm« 1868, gelang es den Bemühungen dn genannten Henen,


90den Bau dn Bahn bis zum Hnbfte 1868, demnach in verhältnißmäßig kurzerZeit, so weit zu beenden, daß dieselbe am 21. November desselbenJahres eröffnet werden konnte.Der vorstehende Stahlstich stellt das Empfangsgebäude der StationRiga dar. Dasselbe besteht aus zwei, von Holz ausgeführten Flügelnund einem in Stein ausgeführten Mittelbau, welcher äußerlich architektonischso gehalten ist, daß das ganze Gebäude den einheitlichen Charakter einerdem Schweizer Styl ähnelnden Conftruction an fich trägt. Es enthält,außer den für das Publikum nöthigen Wartesälen mit Restauration, anwelche fich «in besonderes Damen- und Herrenzimmer anschließt,-im Parterrenoch sämmtliche Nüreauräumc, sowie die Betriebs Direction und dienöthigen Neamten-Dejourzimm«. In dn Etage befinden sich: dn Directionssaal,sowie die Kanzellei der Direction, die Räumlichkeiten für dieConttole und die Kasse, fnnn die Wohnungen fitt den Stations-Vorftehcrund dessen Assistenten. Längs des ganzen Gebäudes ist auf dn dn Bahnzugctehlten Seite ein vndecktn Penon angelegt, welcher dem Publikum esmöglich macht, selbst bei schlechtem Wetter trockenen Fußes zu den Waggonszu gelangen.


-iHtzDes leuchtthurm von Dünamünde und die Bucht von Bolderaa


Der Lenchtthurm von Dünamunde und die Buchtvon BolderaaWer bei mühevoller Seefahrt die Feuer von DomesnceS und Runöglücklich passirt ist und nun endlich in weiter Ferne ein Helles licht aufblitzensieht, der weiß, daß das Ende sein« Mühen fich naht, daß der bergendeHafen von Bolderaa und mit ihm das Ziel seiner Reise, Riga, bald erreichtsein wird.Denn jenes helle Licht strahlt von der Kuppel des schlanken,die Mitte unseres Stahlstiches zierenden Gebäudes aus, das denSchiffenden als Leuchtthurm von Dünamünde, auch als Bolderaaschn oderRigoschn Leuchtthurm bekannt ist.Bis vor Anfang des Klimtlieges, in dn elften Hälfte dn letzt»nfloffcncnfünfzign Zahle, nahm seine Stelle ein hölznner Leuchtthulm ein, dn indessenbeim Beginn dci SchifffahN im lahie 1854 abgetragen wurde, umfeindlichen Schiffen die Einfahrt in unseren Hafen möglichst zu erschweren.Nach Beendigung des Krieges und beim Wiederaufleben der Schifffahitim Jahre 1856 ließ die hohe Krone einstweilen einen Noththurm ausSpanenweit aufführen, bis endlich im Jahre 1863 zur Erbauung undHenichtung des ThurmeS in dn Gestalt geschritten werden tonnte, wieunser Stahlstich ihn den Blicken der Leser vorführt. Bereits am 1./13. Septemberdesselben Jahres erfolgte zum erstenmal die Anzündung der Feuerin demselben.Dieser neueLeuchtthurm ist ganz aus Gußeisen gebaut, steht auf einem


92Granitsockel und enthalt eine aus Hanonengut gearbeitete Laterne. DerThurm selbst war früh« roth und ist gegenwäitig weiß angestrichen, die Laternenab« und das Dach haben eine giüne Falbe. Im Leuchtthunn selbstbefinden fich zwei Feu«, ein obnes und ein untnes, welche in vntilalerRichwng eines über dem andern angebracht find. Das obere Feuer, in einemlatadiopttischen Apparat zweiten Ranges, ist weiß, permanent mit einem gegen5 Sekunden anhaltenden Aufblitzen nach je ein« halben Minute und «leuchtetden Horizont von SW. 40" übel W., N. und O. bis SW. 49° auf einemRäume von 11,6 ital. Meilen. Die Höhe dieses Lichtes von d« Bodenflächebetlägt 93, üb« dem Meensspiegel 103 englische Fuß. Das unteit Licht,in einem Apparat vierten Ranges, nach dem Fresnel'schen System, ist roth,gleichfalls permanent, blitzt ab« nicht auf. Es erleuchtet den Horizont vonNW. 81" über N. bis NO. 4" auf ein« Ausdehnung von 5,2 ital. Meilen.Die Höhe dieses Lichtes von der Grundfläche beträgt 11, über dem Meeresspiegel21 engl. Fuß. Das obere Licht hat den Zweck, den ansegelndenSchiffen zur Nachtzeit die Mündung der Düna zu zeigen und die Einrichtungdes Aufblitze»« dient dazu, dieses Licht leichter unterscheidbar zu machenvon den andern am Ufer befindlichen Lichtern. Das untere, rothfarbigeFeuer dagegen bezeichnet den Fahrzeugen, welche in der Nacht an die Flußbarrehnansegeln, die Rhede und bestimmt zugleich die Ausdehnung desbesten Ankerplatzes mit einer Waffertief« von 8 bis 9 Faden.Der Boden, aus dem sich der Leuchtthurm nach sein« geographischenLage unter 57" 3' 28" NB. und 24° 1' 18"ÖL. von Greenwich emporhebt, istdas äußerste Nordende des sogenannten Fortlometbammes. Dies« Damm,welch« zu Ende des vorigen Jahrhunderts unter dci Regierung der Kai»serin Katharina 11. aus Quadersteinen erbaut wurde, begrenzt von derFestung Dünamünde ab bis hierher zum Leuchtthurm in ein« Ausdehnungvon ungefähr einn Weift die Westseite des äußnen Hafens von Boldnaa,und bildet hier die sogenannte Bucht, indem er in einem Winkel zu der


93Landzunge steht, an deren äußerstem Ende die von der lurländischen Aaumflossene Festung Dünamünde liegt. Auf unserem Stahlstich findet fichdiese Bucht angedeutet durch die Maftenspitzcn, welche hinter den rechts amFuße des Leuchtthurmcs liegenden Gebäuden hervorragen.Der schmale Landftreifen, welcher auf unserem Bilde dem Forttometdammgegenüber das eben von einem Dampfschiff durchfurchte Fahrwasserund damit zugleich den Horizont begrenzt, deutet den an der Ostseitedes Noldnaaschen Hafens in den fünfziger Jahren aufgeführtenMagnusholmschen Damm an. Sein äußerstes, auf unser« Anficht nichtfichtbares Ende ttägt gleichfalls seit dem Jahn 1863 einen Neinen Leuchtthurm,um namentlich den Neinen Kabotage-Fahrzeugen zur Nachtzeit dieEinfahrt in die Düna zu kennzeichnen.Wenden wir nach dieser Abschweifung unseien Blick wieder znm Leuchtthurmzurück! Wie sämmtliche Leuchtthürme an unseren Küsten, wirb auchder Dünamündesche von der hohenKrone unterhalten. Zu seiner Bedienungist bei demselben ein besondere« Commando ftationirt, welches, dem HydrogiaphischenDepartement de« Secminifteriums untergeordnet, während derganzen Dauer der Navigation eine« Jahres für die Unterhaltung desFeuers zur Nachtzeit Sorge zu tragen hat. Der rechts gelegene Theil derBaulichkeiten am Fuß»^es LeuchtthurmeS wird von diesem Commando eingenommen;der links gelegene dagegen stellt das Lootsenhaus dar, inwelchem die Seelootsen mit ihrem Obnlootsen, d. h. diejenigen Lootsen,denen es obliegt, die ankommenden Schiffe von der Rhede in den Hafenbis nach Bolderaa zu bringen, ihre Dejour halten.Weifen wir nun noch, um unsere OrientirungSstizze abzuschließen, einenBlick auf den Hinteignind zur Rechten unsere« Stahlstichs, so treten unsaus feinen schwachen Umrissen die Speicher und Baulichkeiten entgegen,welche den gleichfalls seit Anfang der fünfziger Jahre an der Westseite desFortlometdammes von der Rigaschcn Börsen-Kaufmannschaft angelegten


94Winterhafen umgeben, und unter ihnen namentlich auch der im 1. 1864 dorterbaute Patent-Slip. Auf demselben sehen wir gerade ein Schiff liegen,das durch die im Maschinenhause wirkende Dampftraft aus dem Wasserhinaufgezogen worden ist, um, wie es scheint, seinen schadhaften Bodeneiner Reparatur und Kalfatnung untnwexfcn zu lassen, wobei ihm die seiteinigen Jahren am Winterhafen in Thätigkeit gesetzte Maschincnwntftattdienöthigen Schmiedearbeiten liefein wird. Hat es dann seine Ncpalatul vollendetund ist vom Slip herab wieder in flottes Waffer gelassen worden, sowird es buich den Kanal, welcher, den Forttometdamm durchschneidend,den Winterhafen mit der „Bucht" verbindet, in diese zurückkehren, umentweder daselbst od« an einem andern Platze seine Ladung einzunehmenund dann, wir wollen es ihm wünschen, noch recht oft und recht lange inglücklichen FahNen den commerziellen Verkehr mit unserem Hafen vermittelnhelfen.

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