Das ist mir heilig! - Albrecht-Bengel-Haus

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Das ist mir heilig! - Albrecht-Bengel-Haus

: Schätze unseres Glaubens

: Das ist mir heilig!

Leben in Heiligung, Heiligkeit und Heil

: Den Heiligen Schein wahren?!

: Der Heilige Geist.

Wer er ist und was er wirkt

Das ist mir heilig!

: Was macht die Bibel zur „Heiligen Schrift“?

: Wie heilig ist uns der Anfang des Lebens?

: Ein Schatzkästchen heiliger Momente.

Begegnungen mit Gott

: Heilige Gemeinde im unheiligen

Umfeld?

No.162: April – Juni 2011

TO

THEOLOGISCHE

OrieNtierUNg

Kostbarkeiten

unseres

Glaubens


27 18

Heilige Gemeinde im unheiligen Umfeld? Was macht die Bibel zur„Heiligen Schrift“?

inhalt

4 Herzlich willkommen Studienleiter Pfr. Dr. Clemens Hägele

Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Examen

Vielen Dank Matthias Riedel

5 Der kulturelle Höhepunkt im Wintersemester:

Bengel führen die Heiratsvermittlerin von Thornton Wilder auf

6 Biblische Besinnung.

„Schätze unseres Glaubens“. Auszug aus der Predigt beim

Turm-Treff zu Matthäus 13,44

D r. R o l f S o n s

8 Das ist mir heilig!

Leben in Heiligung, Heiligkeit und Heil

D r. Pa u l M u r d o c h

11 Den Heiligen Schein wahren?!

Heiligung als Echtheitsprobe unseres Lebens und Glaubens

S a b i n e S c h m a l z h a f & D o r e e n S t e e g e r

13 Der Heilige Geist.

Wer er ist und was er wirkt

U w e R e c h b e r g e r

16 Das ist mir heilig!

Impressionen vom TurmTreff 2011

18 Was macht die Bibel zur„Heiligen Schrift“?

Von der Heiligkeit der Schrift und von der Schrift des Heiligen

M a t t h i a s R i e d e l

21 Wie heilig ist uns der Anfang des Lebens?

D r. R o l f S o n s

24 Ein Schatzkästchen heiliger Momente.

Begegnungen mit Gott im Leben entdecken

N i c o l e M u t s c h l e r

27 Heilige Gemeinde im unheiligen Umfeld?

Wie die Gemeinde wieder zu den Menschen kommt

M a r k u s We i m e r

29 Herzliche Einladung zum Gemeindeseminar:

Seelsorge und die Mächte

Bücher aus dem Bengelhaus

iMPRESSUM

Herausgegeben von Dr. Rolf Sons im Auftrag des Vereins

Albrecht-Bengel-Haus e.V.

Redaktion: Uwe Rechberger

Ludwig-Krapf-Str. 5, 72072 Tübingen

Telefon 07071/7005-0 Fax 07071/7005-40

E-Mail: theologische-orientierung@bengelhaus.de

Internet: www.bengelhaus.de

Layout und Satz: krauss werbeagentur GmbH, Herrenberg

Druck: Zaiser, Nagold

Fotos: Titel, Sinisa Botas/shutterstock.com; abh/shutterstock/istockphoto

Autorinnen- und Autorenportraits: privat

Die Theologische Orientierung des Albrecht-Bengel-Hauses erscheint

vierteljährlich. Nachdruck – auch auszugsweise – nur mit Einwilligung

des Herausgebers. Der Bezug ist mit keinen Verpflichtungen verbunden.

Wir freuen uns über jede Spende: ABH-Verein

EKK Stuttgart, Konto 41 90 01, BLZ 520 604 10

Liebe Freunde des Albrecht-Bengel-Hauses,

was ist uns heilig? Was ist für uns

als Kirche heilig? Diese beiden Fragen

beschäftigten uns beim Turmtreff im

zurückliegenden Januar. Dankbar blicken

wir auf diesen Tag der Begegnung

mit vielen Freunden aus dem ganzen

Land zurück. Wir sind froh über diese

Verbundenheit. Die Gemeindenähe

gehört von Anfang an zu den Markenzeichen

des Bengelhauses. Alle, die

nicht dabei sein konnten, und auch diejenigen,

die da waren und das Gesagte

noch einmal nachlesen wollen, finden

in der vorliegenden Ausgabe unserer

Theologischen Orientierung die Vorträge

und Referate in gekürzter Form.

Nun hat das Thema „was ist uns

heilig?“ in den vergangenen Monaten

leider einen sehr aktuellen Bezug

bekommen. Im Zuge der Neufassung

des Pfarrerdienstrechtes räumt die

EKD homophil empfindenden Pfarrern

und Pfarrerinnen unter bestimmten

Vorgaben die Möglichkeit ein, gemeinsam

im Pfarrhaus zu leben. Da dieses

zum 01.01.2011 beschlossene Pfarrerdienstrecht

auch in den Gliedkirchen

beschlossen werden soll, befinden wir

uns mittlerweile auch in Württemberg

mitten in einer zugespitzten Debatte

2 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 3

Dr. rolf sons

Rektor

um die Homophilie. Auch unsere Landeskirche

steht vor der Frage, ob praktizierte

Homosexualität durch Pfarrer und

Pfarrerinnen im Pfarrhaus akzeptiert

werden soll.

Die Argumente pro und contra

Homosexualität liegen längst auf dem

Tisch. Auch innerhalb des Pietismus

lässt sich eine sehr differenzierte und

seelsorgerlich sensible Wahrnehmung

der Fragen erkennen. Dennoch bleiben

wir in dieser letztlich hermeneutischen

Frage mit unserem Gewissen an Gottes

Wort gebunden, das an dieser Stelle

eindeutig ablehnende Aussagen trifft.

Innerhalb der Pietismusforschung

wurde unsere Bewegung einmal als

„eine Reaktion auf die Entheiligung

der Welt“ bezeichnet. Damit ist auf

den Punkt gebracht, worum es uns als

Pietisten damals wie heute geht: nämlich

um die Frage, wie ein Leben in der

Nachfolge von Jesus Gestalt gewinnen

kann. Dass diese Gestalt keine beliebige

ist, sondern sich an gute und heilige

Ordnungen gebunden weiß, wollen

wir daher als Argument ganz offen und

unerschrocken in die gegenwärtige Diskussion

einbringen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

editorial


herzlich willkOmmeN

stUDieNleiter

Pfr. Dr. clemeNs hägele

Unser Kollegium ist wieder vollständig. Wir freuen uns,

dass wir Pfr. Dr. Clemens Hägele als neuen Studienleiter

gewinnen konnten, und heißen ihn und seine Familie herzlich

willkommen. Für seinen Dienst wünschen wir ihm als

ABH-Gemeinschaft Gottes Segen.

Lieber Leser, liebe Leserin,

mein Name ist Clemens Hägele, geboren wurde ich 1972

in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg. Ich bin

Pfarrer der württembergischen Landeskirche und wurde vom

Trägerverein des Albrecht-Bengel-Hauses zum Beginn des

Sommersemesters 2011 als Studienleiter eingestellt. Mein

fachlicher Schwerpunkt ist Dogmatik.

Bis Ende März war ich noch Pfarrer in Darmsheim, einer

Dorfgemeinde des Kirchenbezirks Böblingen, die mir sehr

ans Herz gewachsen ist. Vor den fünf Jahren Pfarramt war ich

drei Jahre an der Universität Dortmund als Assistent von Prof.

Dr. Rainer Riesner im Fach Neues Testament, sowie zweieinhalb

Jahre als Vikar in der Kirchengemeinde Unna-Massen.

Seit 2007 darf ich mich mit einem Doktortitel der Universität

Tübingen schmücken (Fach: Systematische Theologie).

Clemens und Dagmar Hägele mit Lea und Dorothea

Während neun Semestern meines Studiums habe ich im

ABH gewohnt, es ist mir daher wohlvertraut. Das Haus war für

mich ein wichtiger Ort theologischer und geistlicher Geschwisterschaft:

Hier fand ich Freunde, offene Ohren, weite Herzen

und nicht zuletzt meine Frau. Zwei wunderbare Kinder sind

Dagmar und mir geschenkt worden, Lea (3) und Dorothea (1).

Ich sehe im ABH einen Ort einmaliger Chancen: Hier können

sich Studierende der Theologie inhaltlich und methodisch

stärken für das Studium und für ihr späteres Amt in

Schule und Gemeinde. Hier können sie sich in der Nachfolge

Jesu üben und in ihrer Persönlichkeit reifen. Den Studierenden

möchte ich helfen, diese Chancen zu entdecken und

kräftig zu nutzen. Ich freue mich auf sie und auf meine neue

Aufgabe.

clemens hägele

Herzlichen Glückwunsch

zum bestandenen Examen VieleN

Zwischen Oktober 2010 und März 2011 haben das

Examen bestanden:

Raphael Fauth, Judith Kubitschek, Jonathan

Kühn, Sebastian Stief, Stefanie Zerfaß

Herzlichen Glückwunsch. Wir freuen uns mit euch

und wünschen euch für euren weiteren Weg Gottes

Führung und seinen Segen.

Matthias Riedel

DaNk

matthias

rieDel

Im vergangenen Wintersemester begleitete Matthias

Riedel als Tutor eine Konventsgruppe. Wir danken ihm

sehr, dass er diese Aufgabe mit großem Einsatz und einem

geistlichen Anliegen wahrgenommen hat.

Nach einem USA-Aufenthalt zusammen mit seiner Frau

Katja im Sommer dieses Jahres werden die beiden im nächsten

Jahr ihr Referendariat beginnen. Wir wünschen euch

Gottes Segen für euren weiteren Weg!

Der kUltUrelle

höhePUNkt

im wiNtersemester

Bengel führen die Heiratsvermittlerin

von Thornton Wilder auf

Nach dem großen Erfolg im vergangenen

Jahr mit dem Stück „Pygmalion“ von Bernhard

Shaw, brachten Studentinnen und Studenten

aus dem Bengelhaus unter der herausragenden

Regie von Kerstin Geppert in diesem Wintersemester

die Komödie „Die Heiratsvermittlerin“

von Thornton Wilder auf die ABH-Bühne. An

zwei Abenden war der Festsaal im ABH bis auf

den letzten Platz gefüllt. Ein kultureller Hochgenuss.

4 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 5


Lesedauer

5 – 10 min

Biblische Besinnung

Der Gedanke an einen Schatz weckt

Sehnsüchte. Wer würde nicht gerne

einen Schatz finden, der sein Leben

reich macht? Die Bibel erzählt von einer

solchen Kostbarkeit. Jesus vergleicht

das Himmelreich mit einem Schatz, der

in einem Acker verborgenen ist:

Das Himmelreich gleicht einem

Schatz, verborgen im Acker, den ein

Mensch fand und verbarg; und in seiner

Freude ging er hin und verkaufte alles,

was er hatte, und kaufte den Acker“ (Matthäus

13,44).

wer Dieser schatz ist

Wer Jesus entdeckt, findet den Schatz

seines Lebens! Einer, der dies in seinen

Liedern auf besonders eindrückliche

Weise zum Ausdruck bringt, ist Johann

Scheffler. Von Scheffler, 1624 in Breslau

geboren, der später zum Katholizismus

übertrat und sich fortan Angelus Silesius

nannte, stammt der Choral „Ich will

dich lieben meine Stärke“ (EG 400).

Gleich in der ersten Strophe heißt es:

„Ich will dich lieben meine Stärke; ich will

dich lieben meine Zier. Ich will dich lieben

mit dem Werke und immerwährender

Begier. Ich will dich lieben schönstes Licht,

„schätze UNseres glaUbeNs“

Auszug aus der Predigt beim Turm-Treff

zu Matthäus 13,44

bis mir das Herze bricht.“ – Alles was uns

kostbar und wertvoll ist, führt Silesius

ins Feld: „Stärke“, „Zier“ und „schönstes

Licht“. So sprechen nur Liebende von

ihrem Schatz. Deshalb kann er auch

frei und offen sagen, dass er diesen

Schatz mit „immerwährender Begier“

lieben will.

Schauen wir in die zweite Strophe,

so wird diese Liebe noch anschaulicher:

„Ich will dich lieben, o mein Leben,

als meinen allerbesten Freund; ich will

dich lieben und erheben, solange mich

dein Glanz bescheint; ich will dich lieben,

Gottes Lamm, als meinen Bräutigam.“

Jesus ist ihm ein unvergleichlicher

Freund. Sein ganzes Leben lang will

er ihn lieben. Die in der Mystik häufig

verwendete Metapher von Jesus als

dem Bräutigam der Seele bringt tiefe

Liebe und lebenslange Verbundenheit

zum Ausdruck. Jesus ist für Silesius ein

Schatz. Nicht weniger als sein ganzes

Leben soll ihm gehören.

Lassen Sie mich noch die letzte Strophe

anführen: „Ich will dich lieben, meine

Krone, ich will dich lieben, meinen Gott;

ich will dich lieben ohne Lohne, auch in

der allergrößten Not; ich will dich lieben,

schönstes Licht, bis mir das Herze bricht.“

– Um die Größe der Jesusliebe auszudrücken,

gebraucht er starke Worte

wie „Krone“ und „Gott“. Ihre Tiefe wird

auch in allergrößter Not nicht in Frage

gestellt. Ihre Reichweite geht bis zum

letzten Herzschlag.

Es zählt für mich zu den Kostbarkeiten

des Bengelhauses, dass dies unsere

jungen Leute für sich in Anspruch

nehmen: „Jesus ist mir konkurrenzlos

wichtig geworden“. Manchen von

ihnen wurde Jesus im Elternhaus lieb

gemacht. Andere haben von zu Hause

fast nichts vom Glauben mitbekommen.

Jeder fand auf seinem ganz eigenen

Weg zu diesem Schatz. Wir sind keine

besonders perfekten Christen im Bengelhaus.

Wir sind schon gar keine Elitechristen.

Wir sind auch nicht immer die

allerschlausten Christen: aber wir sind

Jesusleute! Uns verbindet das eine, dass

wir Jesus als den Schatz unseres Lebens

erkennen durften.

was Der schatz eNthält

Was findet man in einer Schatzkiste?

Silber und Gold, Becher und Ketten,

Münzen und Goldstücke. Was findet

man bei Jesus? Vieles könnte man jetzt

nennen. „Alle Schätze der Weisheit und

der Erkenntnis sind bei ihm verborgen“,

sagt Paulus (Kolosser 2,3). Mehr als alle

Bücher und Bibliotheken dieser Welt

fassen können, lässt sich bei ihm finden.

In drei knappen Strichen will ich einige

dieser Kostbarkeiten beschreiben:

Vergebung der Schuld: Wer Vergebung

erfahren hat, lebt unheimlich

erleichtert. So leben wir als Christen

mit dem Schatz der Vergebung. Jesus

ist der Einzige, der Schuld vergeben

kann.

Trost im Leiden: Die äußeren Lebensumstände

können mitunter sehr

schwierig sein. Wenn man die Tage

nur noch mit Schmerzmittel erlebt,

die Nächte nicht zu enden scheinen,

der Weg steinig ist, oder wenn

man als Christ um seines Glaubens

willen verfolgt wird, gerade dann

glänzt dieser Schatz besonders hell.

In einem Fernsehinterview fragt der

Reporter eine koptische Christin,

ob sie angesichts der bedrohlichen

Lage für Kopten keine Angst hätte,

an Weihnachten in den Gottesdienst

zu gehen. – „Anfangs schon“, gibt sie

zur Antwort. Doch dann: „Aber unser

Vertrauen auf Gott hat größeres

Gewicht als die Angst.“ – Der Schatz

bleibt auch in schwierigen Lebenssituationen

erhalten.

Hoffnung im Sterben: Christen wissen,

wohin sie gehen. Es gibt eine Situation

im Leben, in der kein Schatz

dieser Welt mehr helfen kann. In der

Stunde unseres Todes verliert alles,

was wir erworben, verdient und

gewonnen haben, seine Bedeutung.

Dann bleibt uns allein der Glaube an

Jesus, und dass er seine Hand unter

unser müdes Haupt legt.

Was enthält die Schatzkiste? Nur drei

Dinge habe ich herausgegriffen: Vergebung,

Trost und Hoffnung auf die

Ewigkeit. – Vieles mehr könnten wir

nennen: das Gebet, die Gemeinschaft,

das Wort Gottes oder die Sakramente.

Dieser kurze Einblick aber soll genügen.

Er zeigt uns, wie unendlich geborgen

unser Leben ist. Durch Jesus sind wir

in Zeit und Ewigkeit umsorgt.

wie maN mit Dem schatz lebt

Noch einmal zurück zu unserem

Mann im Gleichnis. Die Sache wird für

Die Barmherzigkeit

Gottes ist das erste Wort.

Unsere Lebenshingabe

an ihn soll das zweite

Wort sein.

6 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 7

FOTO: Kayros Studio „Be Happy!“/shutterstock

ihn nicht billig. Nachdem er den Schatz

gefunden hat, muss er seinen gesamten

Besitz aufwenden. Dies geschieht

jedoch weder zähneknirschend noch

widerwillig. Vielmehr geht er hin mit

Freuden und verkauft alles, was er hat.

So kann nur handeln, wer Größeres im

Blick hat!

Vielleicht hatte der Mann ja noch

andere Pläne! Vielleicht träumte er

von einem großen Anwesen! Vielleicht

wollte er aber auch seine Tage ganz

bescheiden als Knecht zubringen. Mit

einem Mal aber kommt Bewegung in

sein Leben. Er bricht auf – um des Evangeliums

willen!

Der Schatz kostet das Leben! Billiger

geht es nicht. Das Beste für den Höchsten!

Meine Talente für ihn! Meine Jahre

für ihn! Mein Vertrauen in ihn! – Was

verlieren wir dabei? Nichts! Was gewinnen

wir? Alles! Das Leben, das ewig

bleibt, gewinnen wir! Das ist heilig. Das

ist die Kostbarkeit unseres Glaubens.

Dr. rolf sons

Rektor


Lesedauer

10 – 15 min

Das ist mir heilig!

Ich klage an! Nicht, weil ich das moralische Recht dazu

hätte oder weil ich selber unschuldig wäre, sondern in der

Rolle des Anwalts eines Anderen, des Heiligen, klage ich an.

Für seine Rechte trete ich ein und fordere sein Recht! Das

klage ich an: Das Heilige ist entweiht, das Sakrale profaniert,

das Erhabene vulgär gemacht… Es ist nichts mehr heilig!

Nicht die Ehre, nicht die Treue, nicht das Gute, nicht das

Schöne.

Die PrOfaNität UNserer gesellschaft

Es scheint den Menschen nichts mehr heilig zu sein – das

Heilige wird profan, das Profane dafür „heiliggesprochen“:

Wenn Otto Normalverbraucher schon das Wort „heilig“ in

den Mund nimmt, dann allenfalls aus Sorge um sein „heilig’s

Blechle“, oder um sein durchaus profanes Staunen mit „heiliger

Strohsack!“ zu dokumentieren.

Was ist aus dem Heiligen geworden? Der Mensch hat seit

alters her darum gewusst – nein – der Mensch hat es schon

immer begriffen, dass es etwas Größeres als ihn selbst, etwas

Mächtigeres als die Natur, etwas Gewichtigeres als seine private

Meinung gibt: etwas, was allem Wirklichen und Wesentlichen

Grund und Richtung gibt. Die Israeliten haben von der

kabod – der „Gewichtigkeit“, der „Schwere“ Gottes gewusst.

Er ist kadosch, heilig – ganz anderen Wesens und von einer

ganz anderen Qualität.

Rudolf Otto hat vor 94 Jahren in seinem zum Thema

grundlegenden Werk „das Heilige“ (er nannte das Heilige das

„Numinose“) dieses Phänomen als mysterium tremendum (das

Geheimnisvolle, das einen innerlich beben lässt) und mysterium

fascinans (das Geheimnisvolle, das einen fasziniert) beschrieben.

Für ihn offenbart sich in den Religionen der heilige Gott

dem Gefühl als eine überwältigende Macht. Es ist ein Gefühl,

in dem die Kreatur erschaudert und als Zugang zum „ganz

Leben in Heiligung, Heiligkeit und Heil

Anderen“ die menschliche Vernunft zwar fasziniert, aber doch

übersteigt. Heute haben wir ein anderes Problem: Das Numinose

im religiösen Sinne gibt es nicht mehr als das Mysterium,

als das heilige Geheimnis. Was die Menschen stattdessen

schaudern lässt, ist nur billiger „Horror“. Das Faszinosum des

Glaubens – das, was einen vor Faszination erregt – wird durch

banales „Mystery“ und „Fantasy“ ersetzt und gleichzeitig von

der Ebene der höchsten Realität auf die niedrigste Ebene des

niveaulos Fiktiven herabgesetzt.

Auch wenn unsere Gesellschaft das Banale liebt und sich an

Schwachsinn ergötzt, die Liebe in Pornographie pervertiert,

das Hehre und Hohe durch den Dreck zieht – allem Anschein

zum Trotz: Es gibt das Heilige! Es gibt das Heilige, weil es den

Heiligen gibt! Auch wenn er als solcher nicht erkannt wird

oder die ihm gebührende Ehre verweigert wird, gibt es „den

Heiligen“. Ich klage an, weil uns unser Heil madig gemacht

wird. Ich klage an, weil wir sein Gebot, als sein Volk heilig

und Anwälte seiner Heiligkeit zu sein, nicht ernst nehmen.

Das ist mir heilig!

Das Kind an der Mutterbrust.

Die Familie – Die Liebe zwischen einem Mann und

einer Frau, zwischen Eltern und Kindern, zwischen

Geschwistern, zwischen den Generationen

Das Vertrauen eines Menschen.

Die Stille vor Gott (in den frühen Morgenstunden).

Die Hingabe eines Stärkeren für den Schwächeren.

Die Hingabe des Schwächeren für den Stärkeren.

Das Leben eines Ungeborenen.

Das Leben eines auf besondere Hilfe Angewiesenen.

Das Leben eines Schutzlosen – auch alten und

schwachen Menschen.

in 10 worten:

Der Heilige, heilig, Heiligung, Banalität,

Per version, Wandel, Licht, ref lektieren,

Rechenschaf t, Zeugnis

gOttes heiligkeit UND UNser heil –

gOttes heiligkeit UND UNsere heiligUNg

Unser Leben spielt sich eben nicht allein in der „Horizontalen“

ab. Die „Vertikale“ kommt hinzu, mitsamt der Verantwortung

vor Gott. Er hat uns nicht nur geschaffen, sondern auch

selbst die Kluft zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen

überbrückt, indem er in Jesus Christus Mensch geworden ist,

um uns mit Gott zu versöhnen, damit wir Menschen einen

Zugang zum heiligen Gott haben können und in einer Beziehung

mit ihm leben.

Der Heilige Gott sucht die verlorene Welt. Er will den verlorenen

Menschen heiligen und wieder für sich gewinnen.

Darum reinigt er uns von unserer Schuld und erlöst uns aus

den Fängen des Bösen, damit wir in der Gemeinschaft mit

ihm leben können.

Den „Zaun der Trennung“ im Heiligtum (Epheser 2) hat er

nicht abgebrochen und den Vorhang im Tempel zum Allerheiligsten

nicht entzwei gerissen, um das Heilige aufzuheben

oder gar zu entweihen. Vielmehr hat er die äußere Grenze

zwischen Heiligem und Profanem aufgehoben, damit das

Heilige durch seinen heiligen Geist in den Menschen Wohnung

nehmen kann. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig

(3.Mose 19,2). Das gilt erst recht seit der Geburtsstunde der

Kirche an Pfingsten.

Nunmehr geht es im Leben auf diesem Planeten um „das

Leben als Leben vor Gott“.

Die Menschen leben aber so, als gäbe es keinen Gott, keinen,

der sie erschaffen hätte und von dem sie zur Rechen-

schaft gezogen werden könnten. Sie leben so, als wären

sie nicht zu Gottes Ebenbild geschaffen, und sie leben, als

hätten sie sich – wenn überhaupt – nur vor sich selbst zu

verantworten.

Der biblische Begriff „heilig“ (kadosch) bedeutet „ausgesondert

für“ und „abgetrennt von“ – nämlich „ausgesondert

für Gott allein“ und „abgetrennt von der Allgemeinheit der

Welt“. Schon in der Antike wussten die Menschen darum,

dass das „Allgemeine“ immer das „Gemeine“, das Schlechte

und Minderwertige ist. Das Gute, das Erhabene, das Edle ist

etwas Besonderes. Darum geht es auch in vielen Texten der

Bibel, die unsere Heiligung zum Thema machen, dass wir

als Heilige uns der Welt nicht gleich stellen dürfen, dass wir

das Weltliche meiden und das suchen sollen, was droben ist.

Wir sollen uns von der Welt

unterscheiden und so einen

Unterschied in dieser Welt

machen!

8 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 9


Das ist mir heilig!

Auch wenn unsere Gesellschaft das Banale

so liebt und sich an Schwachsinn ergötzt,

die Liebe in Pornographie pervertiert, das

Hehre und Hohe durch den Dreck zieht: Allem

Anschein zum Trotz gibt es das Heilige, weil es

den Heiligen gibt!

VON Der welt UNterscheiDeN –

iN Der welt eiNeN UNterschieD macheN

Die Heiligkeit Gottes ist völlig gegensätzlich zu dem, was

wir in dieser gefallenen, verdorbenen und verlorenen Welt

wahrnehmen können. Wie aber der Mensch auf der Schattenseite

der Erde – also bei Nacht – an der Helligkeit des

Mondes erkennen kann, dass die Sonne als Quelle des Lichts

durchaus noch scheint, so können wir in der Finsternis dieser

Welt durch die Widerspiegelung der Heiligkeit Gottes durch

Menschen unter uns etwas von der Reinheit und Kraft seiner

Herrlichkeit erahnen. Wir nehmen die Finsternis um uns

als Kontrastprogramm zu Gottes Heiligkeit wahr. Selbst die

größte Finsternis vermag das allerkleinste Licht nicht auszulöschen,

sondern je größer die Dunkelheit ist, desto kräftiger

strahlt sein Licht.

Das ist gemeint, wenn das Neue Testament an verschiedenen

Stellen vom „Wandel im Licht“ spricht. Die Menschen

lieben die Finsternis mehr als das Licht. Aber Gott lässt es

sich nicht nehmen, die Finsternis zu vertreiben und seine

Herrlichkeit zu offenbaren. Im Johannesevangelium sagt

Jesus: „Ich bin das Licht der Welt“. Er sagt aber auch zu seinen

Jüngern: „Ihr seid das Licht der Welt“! In der Nachfolge Jesu

zu leben, bedeutet in seinem Licht zu wandeln. Wo wir uns

diesem Licht aussetzen, wird es auch von uns reflektiert. In

Philipper 2,14f schreibt Paulus: „Tut alles ohne Murren und

ohne Zweifel, damit ihr ohne Tadel und lauter seid, Gottes

Kinder, ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten

Geschlecht, in dessen Mitte ihr wie Sterne im Weltall

leuchtet“. Die Sterne im Himmel sind nicht von dieser Welt,

auch wenn sie dem nach Orientierung Suchenden in dieser

Welt Wegweisung bieten! So sind Christen, Nachfolger und

Nachfolgerinnen Jesu nicht von dieser Welt (Philipper 3,20),

aber doch ein wirksamer Segen in dieser Welt!

wir reDeN VON gOttes heiligkeit

UND UNserer heiligUNg

Das tun wir, weil Gott heilig ist und wir es sein sollen. Gott

will, dass sein Volk sich ihm zur Verfügung stellt. Das ist die

wahre Bedeutung von „heilig“ im Sinne von kadosch. Es geht

nicht darum, dass wir das Leben verneinen oder uns aus dem

Leben zurückziehen. Gott will, dass wir uns ihm zur Verfügung

stellen für ein Leben in dieser Welt – wenn auch nicht von

dieser Welt. Er will unseren Dienst an dieser Welt und für

diese Welt. Dazu lässt er seine Gemeinde auf Erden. Dazu

baut er seine Kirche. Dazu gibt er uns seinen heiligen Geist.

Paulus sagt in Galater 5: „Wenn wir im Geiste leben, so lasst

uns auch im Geiste wandeln“. Ein Leben in der Heiligung ist

nichts anderes als ein Leben, das sich ganz und gar dem Heiligen

Geist ausgeliefert hat, damit er in unserem Leben seine

Kraft voll entfalten kann. Unsere Aufgabe ist es, das Licht Jesu

Christi in diese Welt hinein zu reflektieren. Es geht nicht um

unseren eigenen „heiligen Schein“ – den haben wir nicht,

und von uns aus können wir nicht leuchten. Nein, es geht

nicht um unser Licht, sondern um das Licht der Welt: Jesus

Christus! Sein Licht soll durch uns scheinen! Unser Leben

soll von seinem Licht erfasst werden, unser Leben soll sein

Licht reflektieren! Lasst uns also in seinem Lichte wandeln!

Dr. Paul murdoch

Studienleiter

FOTO: S. 9 leonid_tit/shutterstock

DeN heiligeN scheiN wahreN?!

in 10 worten:

Heiliger Schein, Heiliges Sein, Heiligung, Hingabe,

aufgenommen, Taufe, Lebenserneuerung,

authentisch, Spannung, frommer Schein

Der Heilige Schein: Ein gelber Reif über dem Kopf? Ein aufgesetztes

Dauerlächeln? Fromme Etikette? Nichts dahinter?

Ein salbungsvoller Blick? Mehr Schein als Sein?

heiligUNg – eiN gescheNk gOttes

Als Christen wollen wir ein heiliges Leben führen, das

sichtbar für uns und unsere Umwelt ist. Doch wenn wir uns

anstrengen, damit andere dieses heilige Leben erkennen,

entsteht dann nicht eher ein Heiliger Schein als ein Heiliges

Sein? Es stimmt, dass sich etwas in unserem Leben verändern

muss, damit wir heilig sein können. Dieses Geschehen nennen

wir Heiligung. Auch die Bibel spricht davon, sowohl im Alten

als auch im Neuen Testament. Interessant ist allerdings, dass

Heiligung im Alten Testament hauptsächlich mit Reinigungsriten

einhergeht, die auf äußerliches Handeln wie Fasten oder

Opfern beschränkt sind. Im Neuen Testament hingegen hat

Heiligung immer eine doppelte Bedeutung. Zum einen ist

Heiligung Gottes Werk an uns Menschen. In 1.Korinther 1,30

steht: „Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von

Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur

Heiligung und zur Erlösung“. Das bedeutet, dass wir nicht

durch unsere Anstrengung und unsere Weisheit geheiligt

werden können, sondern nur durch Jesus Christus. Heiligung

können wir nicht durch uns selbst erlangen, und auch nicht

ihr Ergebnis, die Heiligkeit. Nur, wenn wir in Christus sind,

sind wir geheiligt.

Heiligung als

Echtheitsprobe

unseres Lebens

und Glaubens

heiligUNg – eiNe aUfgabe VON gOtt

Zum anderen erfordert Heiligung aber unseren ganzen

Einsatz. In Römer 6,19 fordert uns Paulus auf: „[…] so gebt

nun eure Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit, dass

sie heilig werden.“ Dieses Zur-Verfügung-Stellen der Glieder

hat bereits stattgefunden, indem wir mit Jesus leben und ihm

unser Leben anvertraut haben. Allerdings ist diese Hingabe

unseres Lebens etwas, das wir immer wieder neu realisieren

und tun müssen, es ist eine fortschreitende Bewegung. Und

dieses Tun kann nicht allein aus uns kommen. Der Wunsch,

geheiligt zu werden und etwas dafür zu tun, ist nicht nur ein

menschlicher Wunsch. Er ist Gottes Wille. Dieser Wille macht

Heiligung zu einem notwendigen Ziel für uns Christen. Doch

dieses Ziel müssen wir nicht alleine erreichen, denn Gott ist

es, der beides schafft, das Wollen und das Vollbringen (vgl.

Philipper 2,12).

heiligUNg – eiNe iNNere sPaNNUNg

Heiligung ist also etwas, nach dem wir als Christen streben

sollen und wollen. Zuerst bedeutet Heiligung laut Definition,

dass man aufgenommen ist in die Gemeinschaft mit

dem Heiligen Gott Israels. Als Anhänger dieser Gemeinschaft

wird man als Heiliger bezeichnet. Also ist Heiligung

etwas, was an mir geschieht: Ich bin aufgenommen in die

Gemeinschaft! Nach 1.Korinther 1,30 sind wir allein durch die

Gemeinschaft mit unserem Gott geheiligt. Paulus spricht in

10 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 11

Lesedauer

5 – 10 min


Römer 6,3 davon, dass man dieses Aufgenommen-Sein an

der Taufe auf den Namen Jesus Christus festmachen kann.

Heiligung bedeutet also eine Lebenserneuerung, weil wir

in der Taufe ein neues Leben geschenkt bekommen. Damit

ist der Prozess im Grunde schon durch Gott abgeschlossen:

Ich bin geheiligt, weil Gott mich heilig macht. Ich muss nicht

erst durch verschiedene Riten rein und sauber sein, bevor ich

in die Nähe Gottes kommen darf. Jesus selbst lehnt dieses

pharisäisch-priesterliche Denken ab, weil wir in allen seinen

Worte und Taten erkennen, dass er zu allen Menschen auf

die Erde kam und gerade nicht nur zu denen, die sich für

besonders geeignet halten. Ich bin also geheiligt, weil Gott

mich heilig spricht, auch wenn ich mich nicht dementsprechend

fühle.

heiligUNg – schritte wageN

Kann diese Heiligung gefährdet sein? Vielleicht ist sie

nicht konkret in Gefahr, aber dennoch wird auch von uns

als Christen etwas verlangt, nämlich, dass wir uns mit diesem

neuen, geschenkten Leben befassen. Paulus schreibt immer

wieder davon, dass wir in voller Abhängigkeit zu Gott leben

und deshalb auch gefordert sind, das erneuerte Leben zu

erhalten. Es entsteht eben kein vollkommenes Christsein

durch den Glauben, vielmehr sind wir durch den Heiligen

Geist zu einem anderen Leben berufen. Damit ist Heiligung

ein schon von Gott abgeschlossener Prozess, und trotzdem

sollen wir uns bemühen, dieses neue Leben zu verstehen und

zu erhalten – aber nicht durch einen Heiligen Schein, sondern

in einem Heiligen Sein! Doch wie schaffen wir das, kein

scheinheiliges, sondern ein authentisches Leben zu führen?

Setzen wir nicht lieber eine fromme Fassade auf, nur damit

wir heilig erscheinen? Unternehmen wir nicht allergrößte

Anstrengungen, nur damit nicht auffällt, wie es uns wirklich

geht? Fällt uns dabei nicht auf, dass wir uns in einem Strudel

befinden, indem wir meinen, so sein zu müssen, wie es andere

in der Gemeinde von mir erwarten? Wäre es nicht an der

Zeit, diesen Kreislauf zu durchbrechen, indem wir beginnen,

authentisch zu leben? Wie das gelingen kann? Vielleicht gibt

es dafür keine perfekte Lösung. Aber vielleicht hilft es, wenn

wir die fromme Maske sein lassen und anderen Menschen

einen Einblick in unser Leben gewähren und dadurch zeigen,

dass Gottes Kraft gerade in unserer Schwachheit wirkt.

Wir werden als Christen immer in einer gewissen Spannung

leben zwischen dem, dass andere Menschen an uns erkennen

sollen, dass wir Christen sind, und dem, dass wir uns nicht

selber heilig machen können, sondern Gott dies tut! Denn

„in Christus sein bedeutet Erlösung – aber Christus in dir

bedeutet Heiligung.“ (W. Ian Thomas)

Lassen Sie uns Schritte wagen, davon wegzukommen,

anderen etwas vorzuspielen! Lassen Sie uns durchscheinender

leben! Gott soll es sein, auf den wir hinweisen, und

nicht unsere Frömmigkeit! Gott ist es, der dies in uns schafft:

ein Leben in einem heiligen Sein. Lassen Sie uns innehalten

und darüber nachdenken, indem wir auf Gott vertrauen und

auf Jesus schauen, der durch uns scheinen will! Denn: Die

Heiligkeit zeigt sich nicht in dem, was ich tue, sondern in

dem, was Gott tut!

Die Heiligkeit zeigt sich nicht

in dem, was ich tue, sondern

in dem, was Gott tut!

sabine schmalzhaf und Doreen steeger

Studentinnen

FOTO: S. 11 Elisanth/shutterstock

in 10 worten:

Gott, Person, heilig, Tempel, Lobgesang,

Glaubensbekenntnis, Verkündigung, Kraf t,

Frucht, Gaben

Der

heilige

geist

Wer er ist und

was er wirkt

In einer kleinen Dorfschule Anfang

des 20. Jh. hat sich der Schulinspektor

angemeldet. Er will wissen, ob die Kinder

auch etwas lernen. Allen ist klar,

dass er auch das Glaubensbekenntnis

und die Erklärungen von Martin Luther

hören will. In der Klasse wird vereinbart,

welche Schüler sich auf welchen Teil des

Glaubensbekenntnisses vorbereiten.

Der Prüfungstag kommt – und tatsächlich:

Auch das Glaubensbekenntnis wird

abgefragt. Fehlerlos sagen zwei Mädchen

den ersten Artikel auf: „Ich glaube

an Gott...“. Ein Junge fährt fort: „Und an

Jesus Christus...“. Alle warten auf den

dritten Artikel vom Heiligen Geist. Niemand

rührt sich. Endlich meldet sich

ein Mädchen: „Der Junge, der an den

Heiligen Geist glaubt, fehlt heute...“

Mit dem Heiligen Geist ist es keine

ganz einfache Sache. An wen oder was

glauben wir, wenn wir im Apostolischen

Glaubensbekenntnis erklären: „Ich

glaube an den Heiligen Geist“?

Die Person des

Heiligen Geistes

In der so genannten Alten Kirche

wurde das Verhältnis von Gott-Vater,

Gottes Sohn Jesus Christus und Gottes

Heiligem Geist auf die Formel gebracht:

„Ein Wesen, drei Personen“. Wird die

Gottheit Jesu Christi bis heute immer

wieder bestritten (am deutlichsten

durch die „Zeugen Jehovas“ oder im

Islam), ist diese für den Geist leichter

nachvollziehbar: „Gott ist Geist

(Johannes 4,24). Vor allem in der Apostelgeschichte

fallen die personalen

Züge des Geistes auf. Die junge christliche

Gemeinde erfährt den Geist, wie

ihn Jesus selbst verheißen hat: als personales

Gegenüber an seiner Statt, als

die Gegenwart Gottes des Vaters und

des Sohnes in Person. Von Philippus,

Petrus und verschiedenen Gemeindegliedern

in Antiochia lesen wir, dass

12 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 13

Lesedauer

10 – 15 min


Der Heilige geist

der Heilige Geist zu ihnen „redet“

(8,29; 10,19; 13,2). Barnabas und Saulus

werden von ihm „berufen“ und

„ausgesandt“ (13,2.4), und die Ältesten

in Ephesus erinnert Paulus daran, dass

sie vom Heiligen Geist „eingesetzt“ sind

(20,28). Im Zuge des Apostelkonzils ist

es der Heilige Geist, dem etwas als „gut

erscheint“ (15,28), während Paulus auch

erleben muss, dass der Heilige Geist

Wege „verwehrt“ (16,6-8). Die Glieder

der Urgemeinde sind davon überzeugt:

Der Heilige Geist ist der im Alten Testament

verheißene Geist, und er ist Gott

(2,17-21). Er ist die wirksame Gegenwart

Gottes in Person bei und in den

Gläubigen in dieser Welt. Hier sehen

wir dann auch den Unterschied bei der

Einheit des Wesens: Während Gott in

der Person des Schöpfers immer schon

über und gegenüber von uns ist, und

Gott in der Person von Jesus Christus zu

uns kommt, ist Gott in der Person des

Heiligen Geistes im Menschen gegenwärtig

und wirksam.

Nach dem Blick auf die Person des

Heiligen Geistes fragen wir nun, wie

sich der Heilige Geist in unserem Leben

erweist. Das Wirken des Heiligen Geistes

lässt sich mit den wesentlichen Elementen

eines Gottesdienstes vergleichen.

Sie sollen uns im Folgenden als

Gliederungshilfe dienen.

offenbart. Indem uns der Geist „in

alle Wahrheit leitet“, führt er uns in

eine Beziehung zu Jesus Christus. Mit

den Worten des Apostels Paulus: Gott

„machte uns selig [...] durch das Bad

der Wiedergeburt und Erneuerung im

heiligen Geist, den er über uns reichlich

ausgegossen hat durch Jesus Christus

[...]“ (Titus 3,4-7; vgl. Römer 8,16). Der

Heilige Geist beruft uns in die rettende

Gegenwart des dreieinigen Gottes. In

seiner Erklärung des dritten Artikels des

Apostolischen Glaubensbekenntnisses

bringt Martin Luther dies dogmatisch

korrekt auf den Punkt: „Ich glaube,

dass ich nicht aus eigener Vernunft

noch Kraft an Jesus Christus, meinen

Herrn, glauben oder zu ihm kommen

kann, sondern der Heilige Geist hat mich

durchs Evangelium berufen, mit seinen

Gaben erleuchtet, im rechten Glauben

geheiligt und erhalten [...].“

VOm heiligeN geist erfüllt.

Der temPel Des heiligeN

geistes

Der Heilige Geist ruft zum Glauben,

aber er drängt sich nicht auf. Erst wenn

ich mein Leben – kraft des Heiligen

Geistes – Gott anvertraue, wird der Heilige

Geist mich auch erfüllen und mein

Leben mit meinem Leib zum Tempel

wählen. Deshalb erinnert uns Paulus:

Das Wirken des Heiligen Geistes...

...macht mein Leben zu einem Gottesdienst

VOm heiligeN geist willkOmmeN

geheisseN. VOm heiligeN

geist geheiligt

Im Bild des Gottesdienstes entspricht

das erste Werk des Heiligen Geistes im

Leben eines Menschen der Begrüßung

an der Kirchentüre. Er lädt uns ein, in

eine Beziehung mit Gott einzutreten.

So verheißt es schon Jesus: „Wenn aber

jener, der Geist der Wahrheit, kommen

wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten“

(Johannes 16,13). Was unter „Geist der

Wahrheit“ und „in alle Wahrheit leiten“

zu verstehen ist, sehen wir in Johannes

14,6, wo sich Jesus als „die Wahrheit“

„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel

seid und der Geist Gottes in euch wohnt?

Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt,

den wird Gott verderben, denn

der Tempel Gottes ist heilig; der seid ihr“

(1.Korinther 3,16f; vgl. 6,19). Diese Heiligkeit

braucht der Heilige Geist, um

sich zu entfalten. Zugleich schafft er

sich diese Heiligkeit selbst. Allerdings

können wir ihn durch Schuld kränken

und sein Feuer unterdrücken, wovor

uns Paulus bewahren will: „Den Geist

dämpft nicht“ (1.Thessalonicher 5,19).

„Betrübt nicht den heiligen Geist Gottes“

(Epheser 4,30). Was für ein Vorrecht,

dass wir aber auch mit David um Vergebung

bitten dürfen und darum, dass

Gott seinen heiligen Geist nicht von uns

nimmt, sondern uns vielmehr mit einem

willigen Geist ausrüstet (Ps 51,12-14).

VOm heiligeN geist erfüllt.

Der gOttesDieNst hat

begONNeN

gesaNg UND gebet

Paulus ermutigt uns „Lasst euch vom

Geist erfüllen“ und zeigt uns dann, was

jetzt möglich ist: „Ermuntert einander

mit Psalmen und Lobgesängen und

geistlichen Liedern, singt und spielt

dem Herrn in eurem Herzen [...]“ (Eph

5,18-21). Beides wirkt der Heilige Geist:

Er trägt unsere Lieder und Gebete vor

Gottes Thron und stärkt auch unseren

Glauben durch das gemeinsame Singen

und Beten. Und wenn wir nicht wissen,

was wir beten sollen, oder wenn wir

nicht mehr beten können, weil uns physische

oder psychische Krankheiten das

Leben schwer machen, dann ist es der

Heilige Geist, der durch uns betet und

die Beziehung zu Gott aufrecht erhält:

„Desgleichen hilft auch der Geist unsrer

Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht,

was wir beten sollen, wie sich’s gebührt;

sondern der Geist selbst vertritt uns mit

unaussprechlichem Seufzen“ (Römer

8,[15.]26).

glaUbeNsbekeNNtNis

„Niemand kann Jesus Christus den

Herrn nennen außer durch den Heiligen

Geist“ (1.Korinther 12,3). Der Heilige

Geist verantwortet unser Glaubensbekenntnis.

Damit gilt, was wir schon

zum Gebet festgehalten haben: Selbst

wenn eine Depression, ein Schlaganfall,

Demenz oder andere Krankheiten

einem den Verstand rauben wollen, ist

es der Heilige Geist, der durch uns weiter

glaubt und uns in einer Beziehung

mit Gott hält.

zeUgNis

Wenn (leider viel zu selten) in unseren

Gottesdiensten Menschen eine mutmachende

Erfahrung weitergeben, dann

bezeugen sie damit öffentlich Gottes

Wirken in ihrem Leben: Gott zur Ehre

und ihren Mitmenschen zur Ermutigung.

Die Kraft zu diesem Zeugnis, egal,

ob im Gottesdienst oder am Arbeitsplatz,

beim Gespräch mit dem Nachbarn

oder im Verein, gibt der Heilige

Geist: „Ihr werdet die Kraft des heiligen

Geistes empfangen, der auf euch kommen

wird, und werdet meine Zeugen sein [...]“

(Apostelgeschichte 1,8; vgl. Johannes

15,26f).

schriftlesUNg UND PreDigt

Die Mitte eines jeden evangelischen

Gottesdienstes ist die Predigt. Hier spüren

wir den Herzschlag des Heiligen

Geistes, weil Gottes Geist untrennbar

mit Gottes Wort verbunden ist: „Keine

Weissagung in der Schrift ist eine Sache

eigener Auslegung. Denn es ist noch nie

eine Weissagung aus menschlichem

Willen hervorgebracht worden, sondern

getrieben vom heiligen Geist haben

Menschen im Namen Gottes geredet “

(2.Petrus 1,20f; vgl. 2.Timotheus 3,16).

Gottes Geist gebrauchte Menschen in

ihrer Zeit, um Gottes Wort festzuhal-

ten und weiterzugeben. Und bis heute

erschließt der Heilige Geist uns Gottes

Wort. Er lehrt und erinnert uns an das,

was Jesus verkündigt hat (Johannes

14,26). Ohne den Heiligen Geist wäre

die Bibel in der Tat ein verstaubtes

Buch. Er garantiert ihre bleibende Aktualität

und ihre Heil schaffende Kraft.

segeN

Im gottesdienstlichen Segen spricht

Gott uns zu, auch im Alltag bei uns zu

sein. Dank seines Segens trägt unser

Leben Früchte – auf unser Thema übertragen:

Die Frucht des Geistes und die

Gaben des Geistes. Die Erfüllung mit

dem Heiligen Geist hat Auswirkungen.

„Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude,

Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte,

Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung“

(Gal 5,22f).

In 1.Korinther 12 und Römer 12 nennt

Paulus Gaben, die der Heilige Geist gibt:

die Gabe des Dienens, die Gabe der

Leitung, die Gabe der Ermahnung, die

Gabe der prophetischen Rede sowie der

Zungenrede und ihrer Auslegung, die

Gabe der Heilung u.a.: „In einem jeden

offenbart sich der Geist zum Nutzen aller“

(1.Korinther 12,7). Nicht jeder hat dieselben

Gaben, aber der Heilige Geist

lädt uns ein, im Gebet zu prüfen, wo

unsere Gaben liegen, und diese in der

Gemeinde einzusetzen.

Der gOttesDieNst hört Nicht aUf

Wenn wir das Wirken des Heiligen

Geistes mit den Elementen eines Gottesdienstes

vergleichen, dann hört dieser

Gottesdienst nicht auf. Im Gegenteil.

Der Heilige Geist ist unser „Unterpfand“

für die Ewigkeit. (2.Korinther 1,22; vgl.

5,5). Mit ihm sind wir „versiegelt für den

Tag der Erlösung“ (Epheser 4,30). Die

Erfüllung mit dem Heiligen Geist ist auf

ewig angelegt, so wie uns jeder Gottesdienst

stärken will für unseren Weg in

Gottes neue Welt.

Uwe rechberger

Studienleiter

14 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 15

FOTO: S. 13 Kees Zwanenburg; S. 15 Iakov Kalinin / beide shutterstock


imPressiONeN VOm

tUrmtreff 2011

Das ist mir heilig!

Über 500 Gäste ließen sich am 22.

Januar zu unserem TurmTreff und zur

abendlichen TowerPower ins Albrecht-

Bengel-Haus einladen. Und sie sollten

auf ihre Kosten kommen!

Das ist mir heilig! Kostbarkeiten

unseres Glaubens“, lautete das Motto

in diesem Jahr. Und die Vormittagsbesucher

wurden in vielfältigen Seminaren

und Vorträgen, durch kreative Pausenangebote

und einen Gottesdienst mit

in dieses wichtige Thema hineingenommen.

Am Abend bebte der Festsaal bei

der legendären TowerHour, die wieder

einmal ein kreatives Feuerwerk unserer

Studierenden bot. Aber das war erst

der Auftakt! Es schlossen sich zahlreiche

Seminarangebote zum Thema

„Christsein ohne heiligen Schein“ an.

Wer dann immer noch nicht ausgepowert

war, konnte seine Kräfte beim

beliebten TurmSturm testen. Dieses

Jahr ließ Manuel N. alle Mitläufer hinter

sich und stellte die Rekordzeit auf.

Der sich anschließende Imbiss spendete

neue Kräfte für den Nachtgottesdienst,

der uns den heiligen Namen Gottes eindrücklich

vor Augen stellte!

Wenn Sie dabei waren, dann sind die

Fotos eine wertvolle Erinnerung! Wenn

Sie dieses Jahr leider nicht kommen

konnten, dann sollten Sie sich den Termin

des nächsten TurmTreffs auf jeden

Fall schon einmal notieren:

Herzliche Einladung zum TurmTreff am

Samstag, 21. Januar 2012!

16 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 17


Lesedauer

10 – 15 min

was macht

Die bibel zUr

heiligeN schrift“?

Von der Heiligkeit der Schrift und

von der Schrift des Heiligen

Im Andachtsraum des Bengelhauses hängt ein großes

Gemälde; gemalt in den Farben des Feuers: züngelndes

Grün, das ins glimmend Bläuliche übergeht, helles Gelb und

ein alles dominierendes dunkles Glutrot. Woran uns dieses

Bild jeden Morgen erinnern will? Vielleicht an Jeremia 23,29:

„Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr?“ Nur schemenhaft,

aber unverkennbar zeigt das Bild zwei ängstlich

zögernde Figuren. Es sind die Emmausjünger, also jene verunsicherten

Jünger, denen der auferstandene Jesus begegnet.

Indem er ihnen das Alte Testament auslegt, entfacht er ihre

nahezu erloschene Fackel des Glaubens. Am Ende rufen sie

staunend (Lukas 24,32): „Brannte nicht unser Herz, als er uns

die Schrift öffnete?“

Die heilige schrift: eiN wirkmächtiges wOrt

Warum dieser Hinweis auf die beiden „feurigen“ Bibelverse?

Weil die Heiligkeit der Schrift vor jeder theologische Reflexion

eine Erfahrung ist. Gottes Wort in der Heiligen Schrift ist ein

wirkmächtiges Wort. Es vermag Herzen in Brand zu setzen.

Die Bibel ist uns heilig, weil wir in ihr den „Heiligen Gottes“

(Johannes 6,69) und in ihm das ganze Heil gefunden haben.

Die Heiligkeit der Schrift erweist sich also zuallererst als eine

Glaubenserfahrung.

ist Die heiligkeit Der schrift Nachweisbar?

Ist die Heiligkeit der Bibel über die subjektive Erfahrung

hinaus nachweisbar, zum Beispiel in der naturwissenschaftlichen

Präzision ihrer Aussagen oder in der logischen Widerspruchsfreiheit

ihres Inhalts? Wohl kaum. Alle Versuche dieser

Art verfehlen ihr Ziel, weil sie im Grunde nicht die Heiligkeit

der Schrift verteidigen, sondern immer nur ein bestimmtes

„Heiligkeits-Kriterium“, das der Bibel zuvor übergestülpt worden

ist. Geradezu lächerlich müssen solche Versuche in Gottes

Augen sein, seine Heiligkeit mit menschlichen Maßstäben

messen zu wollen: „Mit wem wollt ihr mich denn vergleichen?

spricht der Heilige“ (Jesaja 40,25). Die Heiligkeit der Schrift ist

nicht das Ergebnis unserer Zuschreibung und deshalb auch

nicht Gegenstand unserer Verteidigung. Nein, die Heiligkeit

der Schrift ist nicht nachweisbar. Sie bleibt eine Erkenntnis

des Glaubens.

Die schrift Des heiligeN:

„gOtt – eiN schriftsteller“

Worin besteht die Heiligkeit der Schrift dann? Die Heiligkeit

der Schrift besteht allein darin, dass sie die Schrift des

Heiligen ist. „Gott - ein Schriftsteller!“ so lautet der berühmte

Ausspruch von J.G. Hamann (1730-1788), als er der aufkommenden

Bibelkritik der Aufklärung entgegentritt. Die Bibel

ist kein religionsgeschichtlicher Zufall, „sondern getrieben

vom heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet“

(2.Petrus 2,21). Sie ist Offenbarungswort. Der Heilige Geist

in 10 worten:

Inspiration, bibeltreu, wirkmächtig, Emmausjünger,

Bibelkritik , Of fenbarung, Glaubenserfahrung,

Knechtsgestalt, Lebe-Buch, Schrif t

macht die Bibel zur Heiligen Schrift, „denn alle Schrift“ ist von

ihm „eingehaucht“, wie es wörtlich in 2.Timotheus 3,16 heißt.

Und derselbe Geist, der damals die Schrift „eingehaucht“ hat,

spricht heute durch eben diese Schrift zu uns. Deshalb ist sie

wirkmächtig. Die Bibel ist das Buch des Heiligen Geistes. Diese

Einsicht hat die Kirche die „Inspiration der Schrift“ genannt.

Übrigens muss die Bibelarbeit, die Jesus damals den

Emmausjüngern gehalten hat, um einiges länger gewesen

sein, als die 20-Minuten-Predigten in unseren Kirchen. Denn

es ging ums Ganze: „Und er fing an bei Mose und allen Propheten

und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm

gesagt war“ (Lukas 24,27). Wie gerne hätte ich diese Auslegung

gehört! Die ganze Schrift redet von Christus! Die „Wirkmacht“

der Heiligen Schrift hat also eine bestimmte Richtung:

Sie spricht nicht für sich selbst. Sie spricht für Christus. Dazu

ist sie „inspiriert“ (vgl. Johannes 14,26). Mit diesem Christuszeugnis

der ganzen Schrift ist wohl das Zentrum ihrer Heiligkeit

benannt. Sie ist nicht nur das Buch des Heiligen Geistes,

sondern zugleich auch das Jesus-Buch. Dietrich Bonhoeffer

hat deswegen sein Bibelstudium danach ausgerichtet, die

„Schrift nichts anderes zu fragen, als was sie über Christus sagt.“

Eine protestantische Theologie, die meint, ohne die Inspiration

der ganzen Heiligen Schrift auszukommen, sägt an

dem Ast, auf dem sie selbst als die „Kirche des Wortes“ sitzt.

Die heilige schrift als kaNON

Immer wieder ist gegen die Inspirationslehre eingewendet

worden, sie sei eine Hilfskonstruktion der Alten Kirche zur

eigenen Existenzsicherung. Die Entstehung des biblischen

Kanons sei deshalb eine mehr oder weniger willkürliche Festlegung

von altkirchlichen Konzilien. Doch historisch gesehen

war es genau umgekehrt: Nicht die Kirche hat bestimmt, was

die Heilige Schrift sei, sondern die Heiligen Schriften haben

bestimmt, wo Kirche ist. Seit der Abfassung der neutestamentlichen

Bücher haben diese ihre Inspiration dadurch

bewiesen, dass sie als wirkmächtiges Wort Menschen zum

Christusglauben geführt haben. Der biblische Kanon ist also

keine willkürliche Festlegung. Der „Kanon hat sich selbst

imponiert [d.h. aufgedrängt]“ (Karl Barth).

Die heiligkeit Der schrift UND Die „kNechtsgestalt“

Der OffeNbarUNg

Gott hat die Bibel gewollt, um sich durch sie zu offenbaren.

Hier liegt der Grund ihrer Heiligkeit. Dass die Bibel Gottes

Offenbarung ist, erklärt auch, weshalb wir ihre Heiligkeit nicht

auf den ersten Blick erkennen. Vergessen wir nicht: Gott hat

uns seine Größe und Herrlichkeit eben nicht in atemberaubenden,

unübersehbaren Machtbeweisen offenbart, sondern

in seiner Erniedrigung. Unser Gott hat sich tief hinabgebeugt

in unsere Welt, um zu uns zu kommen. J.G. Hamann erkannte

dieses Geheimnis: „Wie hat sich Gott der Vater gedemütigt, da

er einen Erdenkloß nicht nur bildete, sondern auch durch seinen

Odem beseelte. Wie hat sich Gott der Sohn gedemütigt, er wurde

ein Mensch, er wurde der geringste unter den Menschen […].

18 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 19


Was macht Die BiBel zur „heiligen schrift“?

Die Eingebung dieses Buches ist eine ebenso große Erniedrigung

und Herunterlassung Gottes als die Schöpfung des Vaters und

die Menschwerdung des Sohnes.“ Wie auch Christus die triumphale

Offenbarung seiner göttlichen Macht abgelehnt

hat und „Knechtsgestalt“ (Philipper 2,7) angenommen hat,

so erscheint auch die Heilige Schrift in der „Knechtsgestalt“

menschlicher Sprache.

Von Anfang an haben wir Menschen uns an diesem Gott

gestoßen, der sich selbst erniedrigt: Was für ein Gott, der

Israel, das „geringste unter den Völkern erwählt hat“ (5.Mose

7,7). Das Wort vom Kreuz: was für „eine Torheit“ (1.Korinther

1,18). Was für ein schwacher Gott, der sich in die Niedrigkeit

menschlicher Schrift begibt! Die 200 Jahre Bibelkritik seit

der Aufklärung zeigen deshalb auch nichts Neues: „Gott ist

gewohnt, seine Weisheit von den Kindern der Menschen getadelt

zu sehen“ (J.G. Hamann).

Die Erkenntnis, dass die Bibel „Heilige Schrift“ ist, bleibt

dem glaubenden Herzen vorenthalten. Den Emmaus-Jüngern

musste erst Jesus begegnen, ehe sie in der Bibel die Heilige

Schrift erkennen konnten. Dass wir in der Bibel die Schrift des

Heiligen erkennen durften, ist nicht eine Leistung unserer Vernunft

oder unseres Glaubens, sondern ein Gnadengeschenk

(vgl. 1.Thessalonicher 2,13).

wir steheN Nicht aUf Der schrift, sONDerN

UNter Der schrift

Der Theologe Adolf Schlatter (1852-1938) wurde einmal

vom Besetzungsgremium des Lehrstuhls für Neues Testament

an der Berliner Fakultät gefragt: „Herr Schlatter, stehen sie

auf der Schrift?“ Er antwortete darauf: „Nein, Herr Minister, ich

stehe unter der Schrift“. Muss das nicht die der Heiligen Schrift

angemessene Grundhaltung sein? Wer über der Schrift steht,

der beargwöhnt sie, der bewertet und beurteilt sie. Wer unter

der Schrift steht, der möchte weniger über die Schrift reden,

als sie selbst zu Wort kommen lassen.

literatUr-tiPP (iNterNet):

Heinz-Peter Hempelmann: Was heißt „bibeltreu“ –

18 Thesen und zehn Säulen einer Hermeneutik der Demut

(http://www.heinzpeter-hempelmann.de/dat/bibeltreu.pdf)

Die Heiligkeit der Schrift

besteht allein darin,

dass sie die Schrift des

Heiligen ist.

Nicht wir legeN Die bibel aUs, sONDerN Die

bibel legt UNs aUs

Das ist die Konsequenz für die Glaubenspraxis, wenn wir

unter der Schrift und nicht über ihr stehen. Gerade wir, die wir

uns oft und gerne „bibeltreu“ nennen, sollten bedenken, dass

es auch ein „frommes“ Über-der-Schrift-stehen gibt. Paulus

warnt davor, über der Schrift zu stehen und zu meinen „die

Schrift meistern“ zu können (1.Timotheus 1,7). Solch fromme

Überheblichkeit lässt die Schrift nicht alles sagen, sondern

nur, was wir gerne hören wollen. Die Heilige Schrift möchte

aber selbst zu Wort kommen. Sie möchte wahr-genommen

werden. Hamann versuchte seine Bibel mit „Ehrfurcht und

stummer Aufmerksamkeit“ zu lesen. Bibeltreue ist also weder

Zustand noch Auszeichnung. Bibeltreu ist nur, wer treu im

Hören auf die Bibel ist. Wer lernt, in diesem Sinn bibeltreu

zu sein, der wird wie Martin Luther in der Heiligen Schrift

kein „Lese-Buch“, sondern das „Lebe-Buch“ finden. Die Heilige

Schrift wird dann auf einmal lebendig. Wir erkennen, dass die

Geschichten von Kain und Abel, von Abraham und Lot, vom

treulosen Israel und vom treuen Gott, von Maria und Martha,

vom Reichen Jüngling, vom zweifelnden Thomas… unsere

eigenen Geschichten sind. Dann sprechen wir gemeinsam

mit den Emmausjüngern: „Brannte nicht unser Herz, als er uns

die Schrift öffnete?“

matthias riedel

Tutor

FOTO: S. 19 BortN66/shutterstock

in 10 worten:

Gentechnik , PID, Embr yonenschutz, Stammzellen,

Menschenwürde, Gottebenbildlichkeit,

Sukzessivbeseelung, Abtreibung, verbrauchende

Forschung, Grenzen der Forschung

geistiger klimawaNDel

Was wir unter „Klimawandel“ zu verstehen

haben, weiß inzwischen jedes

Kind. Wir verstehen darunter die allmähliche

Erwärmung des globalen Klimas

und dessen Folgen für die gesamte

Umwelt, den Menschen und die Natur.

Kennzeichnend für einen solchen Klimawandel

ist, dass dieser zeitverzögernd in

Kraft tritt. Das heißt, dass das gesamte

Ausmaß eines Klimawandels erst in der

Zukunft sichtbar wird. Das Gesagte lässt

sich auf die Frage nach dem Schutz des

ungeborenen Lebens und der damit

verbundenen Frage nach der Menschenwürde

übertragen. Hat Theodor

Heuss die Menschenwürde einmal als

ein nicht weiter begründungsbedürftiges

Regulierungsprinzip bezeichnet,

so wird diese inzwischen kontrovers

debattiert. Der Molekularbiologe und

Nobelpreisträger James Watson plädiert

vor dem Hintergrund einer evolutionsbiologischen

und genetischen

Auffassung der menschlichen Existenz

offen für die Tötung erbkranker Föten.

Umstritten ist seit Jahren die utilitaristische

(rein am Nutzen orientiert)

wie heilig ist

UNs Der aNfaNg

Des lebeNs?

Ethik Peter Singers, die eine Tötung

behinderter oder kranker neugeborener

Menschen für ethisch vertretbar

hält und dabei mit der Unterscheidung

von selbstreflexiven, autonomen, vernunftbegabten

Personen einerseits und

nicht schützenswerten menschlichen

Wesen andererseits argumentiert.

Im angelsächsischen Sprachbereich

spricht man bei Menschen, die schwer

hirnorganisch geschädigt sind und

ihr Bewusstsein verloren haben, von

„human vegetable“ und von frühen

Embryonen als „Präimplantationsprodukten“.

Menschliches Leben, das als

unantastbar und deshalb zu schützen

galt, wird mehr und mehr unter dem

Aspekt der Verfügbarkeit betrachtet.

Dabei wird nicht nur das vorgeburtliche

Leben in die Verfügbarkeit des

Menschen gestellt, sondern auch das

gebrechliche, kranke und behinderte.

20 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 21

Lesedauer

10 – 15 min


geNtechNik –

fOrtschritt ODer freVel?

In Deutschland findet seit einigen

Jahren eine Diskussion über die

Anwendung, Grenzen und Chancen

neuer biotechnischer, insbesondere

gentechnischer Methoden innerhalb

der Fortpflanzungsmedizin statt. Die

Befürworter argumentieren mit der Freiheit

von Forschung und Wissenschaft

und weisen in diesem Zusammenhang

auf die Möglichkeiten der neuen

medizinischen Errungenschaften hin.

Mit Hilfe der PID (Präimplantationsdiagnostik)

könne man Embryonen auf

Erbkrankheiten untersuchen, diese

erkennen und so etwa Behinderungen

ausschließen. Weiter könnten sich durch

die Entnahme von Stammzellen bei

Embryonen und deren Einpflanzung in

geschädigte Organe neue Heilmöglichkeiten

eröffnen. Tatsächlich scheinen

die Möglichkeiten, die sich durch die

Verbindung von Fortpflanzungsmedizin

und Gentechnik am Menschen ergeben,

atemberaubend zu sein. Behinderungen

können nicht nur frühzeitig diagnostiziert,

sie können auch ausgeschlossen

werden. Bisher unheilbare Krankheiten

können therapiert werden. Die Menschheit

könnte auf diesem Wege länger,

gesünder und mit weniger Leiden existieren.

Die Gegner der Gentechnik hingegen

sehen die Gefahr der Verletzung

der Menschenwürde. Den gezeugten

Embryo würde man als Genmaterial,

nicht aber als Menschen achten.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche

Interessen würden dazu führen, Embryonen

wie eine Ware zu handeln. Eine

solche „verbrauchende Forschung“

führe notwendigerweise dazu, dass die

Tötung überzähliger Embryonen in Kauf

genommen werde. Kranken Embryonen

würde im Zuge der Selektierung das

Lebensrecht abgesprochen.

Das Hauptgegenargument der Kritiker

ist theologischer Natur: Der Mensch

sei Mensch von Anfang an, das heißt

ab dem Zeitpunkt der Verschmelzung

von Same und Eizelle. Daher müsse man

den Embryo nicht nur als potentiellen,

sondern als wirklichen Menschen sehen.

Es gibt keine Entwicklung zum Menschen,

sondern nur eine Entwicklung

als Mensch (Ulrich Eibach).

Das Heikle an der Sache ist tatsächlich,

wie man mit „defekten“ Embryonen

umgeht. Hat man das Recht, einen

Embryo auszusortieren, bei dem sich

zum Beispiel eine erblich bedingte

Krankheit feststellen lässt? Im deutschen

Embryonenschutzgesetz von

1990 hat man solche Möglichkeiten

Gott sei Dank ausgeschlossen. Doch

werden die Politiker dem zunehmenden

Druck von Wissenschaft und Wirtschaft

standhalten? Darf man alles tun, was

man kann, oder muss man auf ganz

bestimmte Optionen verzichten?

Auch die Stammzellentherapie ist

ethisch problematisch. Die zur Entnahme

von Stammzellen verwendeten

Embryonen sterben ab. Auch der Hinweis,

dass man dadurch krankes Leben

heilen kann, ist zutiefst fragwürdig.

Kann man das eine Leben zerstören,

um das andere zu erhalten?

gOttebeNbilDlichkeit UND

meNscheNwürDe

Das Verständnis von der Würde

des Menschen, die nach Artikel 1 des

Grundgesetzes unantastbar ist, ist

nicht zuletzt durch das christliche Menschenbild

mitbestimmt. Dies bedeutet

zum einen, dass dem Menschen eine

Würde zukommt, die ihn weit über alle

anderen Kreaturen hinaushebt. Der

Mensch ist nicht einfach ein höheres

Tier. Zum anderen bedeutet es, dass

seine Würde nicht im Menschen selbst

begründet liegt, sondern von außen auf

ihn zukommt. Sie stellt ein Kontinuum

dar, das von Gott her bleibend jedem

Moment unseres Lebens und Sterbens

zugeordnet ist. Sie kann uns daher

weder durch Krankheit oder Behinderung

noch durch andere Qualitäten wie

Leistungsfähigkeit oder Selbstbewusstsein

genommen werden.

Letzteres ist für das ungeborene

Leben von großer Bedeutung. Im Blick

auf den Embryo wird häufig von einer

sukzessiven Menschenwürde gesprochen.

Dies bedeutet, dass man den

Anfang des Menschseins von der Verschmelzung

von Ei- und Samenzelle

weg in die weitere Entwicklung des

Menschen verschiebt. Die Vertreter

eine sog. „Sukzessivbeseelung“ gehen

davon aus, dass das geistige Leben

sekundär zu dem natürlichen Leben

hinzukommt und von daher der Mensch

erst zu einem unbestimmten späteren

Zeitpunkt zu einem vollen Menschsein

gelangt. Sie unterscheiden zwischen

dem bloß biologisch-menschlichen

Leben einerseits und dem personal-geistigen

Leben andererseits. Allein Letzterem

komme die volle Menschwürde

zu. Das Problem dieser bereits im Mittelalter

vertretenen Sichtweise ist, dass

biblisch gesehen der Mensch nicht in

Leib und Seele, zwischen biologischer

Zelle einerseits und geistiger Würde

andererseits aufgespalten werden kann.

„Seele“ ist nach biblischem Verständnis

ein Beziehungsbegriff. Von Anfang an

steht der Mensch in einer Beziehung

zu Gott. Die Bibel spricht davon, dass

Gott den Menschen vor der Schöpfung

der Welt schon gekannt (Epheser 1,4)

und im Mutterleib geformt hat (Psalm

139,13). Diese Tatsache aber macht es

uns unmöglich, von einem abgestuften

Menschsein zu reden. Die Beziehung

Gottes zum Menschen entsteht nicht

erst mit dessen Geburt, sondern schon

lange vorher.

DemUt VOr gOtt UND Die

UNVerfügbarkeit Des lebeNs

Kraft der ihm verliehenen Freiheit vermag

der Mensch die Welt zu erforschen

und sich in gewissem Sinne auch untertan

zu machen. Auch die Gentechnik,

etwa die Erforschung des menschlichen

Genoms, stellt in dieser Perspektive

nichts anderes als ein Erforschen und

Verstehen der geschaffenen Wirklichkeit

dar. Nun besitzt die Ermächtigung des

Menschen, die Welt und das Leben zu

erforschen, allerdings auch eine Grenze.

Diese ist dort festgelegt, wo der Mensch

sein eigener Herr und Schöpfer sein will.

Denn nicht der Mensch ist Herr über

Tod und Leben, sondern Gott. Diese

Grenze ist vom Menschen her demütig

zu achten. Wo immer der Mensch

diese Grenzen überschritten hat, sei

es in Euthanasieprogrammen oder sei

es in der gegenwärtigen Abtreibungspraxis,

verfehlt er nicht nur seinen Mitmenschen,

sondern auch Gott. Umgekehrt

vermag der Mensch dort, wo er

die Grenzen des Lebens anerkennt,

auch leidendes, ungeplantes, ungewolltes

Leben oder Lebensgeschick, wie

etwa die Geburt eines behinderten Kin-

22 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 23

FOTO: S. 21 Nate A.; S. 23 unkreativ / beide shutterstock

des, zu tragen. Der Glaube befähigt zur

demütigen Anerkennung von Grenzen,

sowie dazu, auch Leid zu tragen.

Für unsere Fragestellung, wie wir die

Gentechnik am Menschen zu bewerten

haben, besitzt die Haltung der Demut

klare Konsequenzen. Trotz der menschlichen

Möglichkeit, Leben „in vitro“ zu

erzeugen, bleibt die Tatsache bestehen,

dass Gott der Schöpfer des Lebens ist.

Dass sich aus der Verbindung von Same

und Eizelle ein Mensch entwickeln kann,

verdankt sich letztlich dem Schöpferwirken

Gottes. Das Problematische einer

solchen In-Vitro-Befruchtung sollte

dabei jedoch nicht übersehen werden.

Mit jeder extrakorporalen Befruchtung

entstehen überzählige Embryonen, die

am Ende vernichtet werden müssen. An

dieser Stelle wird meines Erachtens die

Grenze überschritten.

Aber auch der verbreiteten Meinung,

dass Gesundheit das höchste Gut sei,

und alles, was dem Gesund- bzw. Heilwerden

des Menschen dient, ethisch zu

rechtfertigen sei, ist meiner Meinung

nach zu widersprechen. In der Konsequenz

bedeutet eine solche Haltung

eine Glorifizierung der Gesundheit. Vor

allem aber öffnet sie wissenschaftlichtherapeutischen

Experimenten mit

Embryonen sowie der Selektion von

unheilbarem, vorgeburtlichem Leben,

wie dies in der PID der Fall ist, Tür und

Tor. Der Heilauftrag ist der Achtung der

Würde des Menschen vor Gott ein- und

unterzuordnen. Gentechnische Verfahren,

bei welchen das Sterben menschlichen

Lebens billigend in Kauf genommen

wird, um damit anderes Leben zu

heilen, ist uns daher nicht erlaubt.

Dr. rolf sons

Rektor


Lesedauer

10 – 15 min

eiN

schatzkästcheN

heiliger

mOmeNte

Begegnungen mit Gott im Leben entdecken

Ich habe ein Schatzkästchen zu Hause. Darin liegen eine

Murmel, Postkarten, Spruchkärtchen. Eigentlich nichts

wirklich Wertvolles. Aber für mich haben diese Dinge eine

Bedeutung, weil ich mit jedem Gegenstand eine kostbare

Erinnerung verbinde: eine Erinnerung an eine Begegnung

mit Gott, an einen „heiligen Moment“.

Was aber ist ein „heiliger Moment“? Wikipedia sagt: „Heilig“

stammt von Heil ab, was etwas Besonderes bezeichnet

und sich abgeschwächt noch in heil („ganz“) wiederfindet

(vgl. englisch: holy, „heilig“, von whole). Das „Lexikon zur

Bibel“ schreibt: „Heilig bezeichnet etwas vom Gewöhnlichen

Getrenntes. Der Begriff der Heiligkeit ist in der Bibel ausschließlich

auf Gott bezogen und in seinem Wesen von Gott

her bestimmt. Eine Person, Sache oder Zeit wird erst dann

heilig, wenn Gott sie zu eigen nimmt und sie dadurch heiligt.“

Wenn wir von heiligen Momenten sprechen, dann scheinen

also ganz besondere Momente gemeint zu sein, die von den

gewöhnlichen Momenten abzugrenzen sind.

gOttesbegegNUNgeN im alteN testameNt:

meNscheN höreN gOttes stimme UND seheN

seiNe zeicheN

Der Maler Michelangelo hat in seinem Bild „Die Erschaffung

Adams“ den ersten „heiligen Moment“, die erste Begegnung

zwischen Gott und Mensch, anschaulich in Szene gesetzt.

Er bringt zum Ausdruck, wer in der Beziehung zwischen

Gott und Mensch der Initiative, und wer der Empfangende

ist. Gott ruft den Menschen als sein Gegenüber ins Leben.

Während Adam entspannt daliegt, ist es Gott, der sich aktiv

seinem Geschöpf nähert und sich ihm offenbart.

Doch eine echte Beziehung lebt davon, dass beide Seiten

sich aufeinander zu bewegen. Nur wer auch von sich aus

Gottes Nähe sucht und in Gemeinschaft mit ihm lebt, wird

ihn auch erleben. Ohne gelebte Beziehung bleibt der Glaube

theoretisches Kopfwissen ohne Auswirkungen auf das Leben.

Die Bibel ist voll von solch „heiligen Momenten“, in denen

die göttliche Wirklichkeit auf die menschliche Realität trifft.

Gott spannt einen Regenbogen für Noah. Gott spricht zu

Mose aus dem brennenden Busch. Gottes Stimme dringt zu

Bileam durch einen Esel. Gott berührt Elia im Wind.

Gott ist ein Gott, den man sehen kann, weil er sich sehen

lässt, ein Gott, den man hören kann, weil er sich hören lässt,

und ein Gott, den man spüren kann, weil er sich spüren lässt.

Gott hat sich den Menschen auf unterschiedliche Weise

erfahrbar gemacht. Entweder durch Zeichen oder durch die

direkte Berufung Einzelner.

Manchmal hat sich Gott sogar dem ganzen Volk Israel

gezeigt: Bei der Wüstenwanderung ging er ihm 40 Jahre lang

in einer Wolken- und Feuersäule voraus. Manna fiel jeden

Morgen vom Himmel. Die Israeliten konnten Gottes Güte

mit allen Sinnen erfahren, sogar mit dem Geschmackssinn:

Gottesbegegnung als Geschmackserlebnis!

gOttesbegegNUNgeN im NeUeN testameNt:

gOtt begegNet DeN meNscheN iN JesUs

Auch im Neuen Testament begegnet Gott Menschen. Hier

kommt er ihnen noch ganz anders nah: als einer von ihnen.

Bei der Geburt Jesu wird Gott Mensch – die größtmögliche

Begegnung zwischen Göttlichem und Menschlichem! Gott

kommt den Menschen als einfacher Zimmermann entgegen,

der in ihr Leben hineinspricht, der Kranke heilt, der sich mit

Sündern einlässt und Gottes Liebe und Vergebung zu ihnen

bringt, z.B. beim Besuch der Schwestern Maria und Martha

(Lukas 10,38-42). Übrigens nicht in einem besonders heili-

in 10 worten:

Kostbare Erinnerung, Beziehung, Geschmack serlebnis,

Jesus, Alltagsgeschäf t, Priorität, Mar tha-

Hände, Maria-Gemüt, Heiliger Geist, Hier und Heute

gen Moment, sondern mitten im Alltagsgeschäft. Und wo

Jesus ist, da sind auch die Jünger. Hungrige Männer, die nach

einem langen Fußmarsch bewirtet werden wollen. Da müssen

Brot gebacken, Wasser und Wein geholt und sämtliche

Vorräte aufgetischt werden. Ein völliges Tohuwabohu in der

Küche! Wahrscheinlich hätte die fleißige Martha sich auch

gerne zu der Gruppe gesetzt und Jesus zugehört. So wie ihre

Schwester Maria. Aber sie ist eben der Typ: „Erst die Arbeit,

dann das Vergnügen!“. Jesus sagt deshalb treffend zu ihr:

„Du hast viel Sorge und Mühe.“ So viel Sorge und Mühe, dass

Martha ihre eigentliche Bestimmung aus den Augen verliert:

die Gemeinschaft mit Jesus!

Marias Prioritätenliste sieht anders aus: zuerst Zusammensein

mit Jesus und dann die alltäglichen Pflichten. Sie sitzt

zu Jesu Füßen, was ein typisches Schüler-Lehrer-Verhältnis

widerspiegelt. Die Schüler saßen damals zu Füßen ihres Rabbi

und lauschten gebannt seinen Worten. Wenn ein Schüler

sich für einen Lehrer entschied, dann hieß das, ihm überallhin

zu folgen. Ein Jünger wollte alles von seinem Meister

lernen, nicht nur theologische Weisheiten. Deshalb lebte er

mit ihm zusammen, um möglichst viel von seinem Verhal-

ten abschauen zu können. Ein Sprichwort besagt deshalb:

„Mögest du immer vom Staub deines Rabbi bedeckt sein.“

Jesus zeigt, dass Maria das eigentlich Wichtige im Leben

erkannt hat. Sie „hat das gute Teil erwählt“.

Begegnung zwischen Gott und Mensch im Neuen Testament

ist also eine persönliche Begegnung zwischen Jesus

und seinen Zeitgenossen. Eine Begegnung, die aber zugleich

schon eine Entscheidung mit einschließt: wie viel Zeit will

ich diesem Jesus zur Verfügung stellen? Will ich ihm ganz

folgen, mit meinem ganzen Leben, so dass ich immer vom

Staub seiner Füße bedeckt bin, oder setze ich die Prioritäten

in meinem Leben anders? Ist der einzige Staub, der mich

bedeckt, der, den ich selbst aufwirbele?

Es kommt auch heute noch auf die richtige Gewichtung

an: Zeiten der Stille mit Zeiten der Aktivität ins rechte Maß

zu bringen.

Teresa von Avila (1515- 1582), eine Karmeliterin, die in

ihrem Kloster für die Küchenarbeit zuständig war, hat in

einem Gebet zum Ausdruck gebracht, dass man trotz und

gerade in den alltäglichen Pflichten die Prioritäten richtig

ordnen und Gott begegnen kann:

Herr der Töpfe und Pfannen, ich habe keine Zeit, eine Heilige zu sein und dir zum Wohlgefallen

in der Nacht zu wachen,

auch kann ich nicht meditieren in der Morgendämmerung und im stürmischen Horizont.

Mache mich zu einer Heiligen, indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche.

Nimm an meine rauen Hände, weil sie für dich rau geworden sind.

Kannst du meinen Spüllappen als einen Geigenbogen gelten lassen,

der himmlische Harmonie hervorbringt auf einer Pfanne?

Herr der Töpfe und Pfannen,

bitte darf ich dir anstatt gewonnener Seelen die Ermüdung anbieten,

die mich ankommt beim Anblick von Kaffeesatz und angebrannten Gemüsetöpfen?

Obgleich ich Martha-Hände habe, hab’ ich doch ein Maria-Gemüt.

(gekürzt)

24 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 25


Ein Schatzk äStchEn hEiligEr MoMEntE

heilige mOmeNte“ iN UNserem lebeN:

gOtt begegNet UNs DUrch DeN heiligeN geist

Auch heute begegnet uns Gott. Im Heiligen Geist. Oft

nehmen wir sein Reden nicht wahr, weil wir insgeheim auf

die brennenden Dornbüsche, auf die großen Knalleffekte in

unserem Leben warten. Aber Begegnung mit Gott ist zumeist

viel weniger spektakulär: Er kann durch einen Bibelvers oder

eine Liedstrophe in unser Leben hineinsprechen. Wir können

ihm in anderen Menschen begegnen: wenn jemand ein gutes

Wort für uns hat oder unsere Hilfe braucht. Im Gebet können

wir täglich Gemeinschaft mit Gott pflegen.

Jesus hat uns bei seinem Weggang zugesichert: „Ich bin

alle Tage bei euch, bis an der Welt Ende.“ Er ist immer da. Wir

müssen nicht auf besonders „heilige Momente“ warten, denn

für Gott ist jeder Moment gleich heilig. „Dies ist der Tag, den

der Herr gemacht hat“ (Psalm 118,24). Jeder Tag ist es wert,

mit Gott gelebt zu werden!

Ein großer Traum

zerplatzt –

oder:

Wie Gott mir

neuen Mut gibt

Abgelehnt! Wie kann das sein? Es war

doch geplant, nach der Hälfte meines

Studiums für neun Monate nach Jerusalem

zu gehen. Das war mein großer

Traum. Mit Gott hatte ich doch abgemacht,

dass ER sich darum kümmert!

Ich bin völlig aufgelöst. Mit einer einzigen

Email ist alles dahin.

Vor dem Einschlafen liest mir meine

Mitbewohnerin aus Psalm 37 vor:

„Befiehl dem HERRN deinen Weg, und

vertraue auf ihn, und Er wird handeln.“

Naja, so ganz hat das bei mir nicht

funktioniert. Oder zumindest hat Gott

anders gehandelt, als ich es von Ihm

erwartet habe. Deshalb fange ich an,

So sind nicht die im Sinne unserer Definition „heiligen“,

also herausragenden Momente unseres Lebens die besten

Gelegenheiten, Gott zu begegnen, sondern unser Alltag. Wir

denken: „Heute habe ich keine Zeit, aber morgen wird ein Tag

mit Gott!“ So verschenken wir wie Martha kostbare Begegnungen

mit unserem Herrn und verschieben diese auf eine

unbestimmte Zukunft, anstatt ihm im Hier und Heute Raum

zu geben. Gott ist jederzeit da, egal, ob ich ihn spüre und

mich besonders heilig fühle oder nicht. Das am häufigsten

genannte Versprechen der Bibel heißt: „Ich bin bei euch!“.

Das ist es, was Gott wirklich wichtig ist: bei uns zu sein! Jeden

Moment unseres Lebens durch seine Gegenwart zu heiligen.

Versuchen wir also nicht, besonders heilige Dinge mit Gott

zu tun, sondern lieber alles mit Gott zu tun und es dadurch zu

heiligen! So wird unser Schatzkästchen randvoll mit heiligen

Momenten: Momente unspektakulär wie Spruchkärtchen und

doch so bunt wie Murmeln. Lebensbereichernd und manchmal

sogar lebensverändernd!

Ihn zu fragen, wie das passieren konnte.

Er muss sich all meinen Frust anhören

und sich hinterfragen lassen. Durch

das Reden mit Gott wird mir langsam

wieder leichter ums Herz. Ich bekomme

das Gefühl: Gott gibt mir neuen Mut.

Die Absage heißt nicht, dass er mich

vergessen hat, aber ER hat wohl einen

anderen Plan für mich. Das anzunehmen

fällt mir nicht leicht, aber ich will

Gott vertrauen, dass er schon mehr

über meine Zukunft weiß, als ich erahnen

kann und dass ER es gut mit mir

meint.

ann-kathrin maurer, Theologiestudentin

Nicole mutschler

Studienleiterin

FOTO: S. 25 david5962/istockphoto

in 10 worten:

Milieutheorie, Krise, Wandel, Kirche,

heilig, Unruhe, fremd, gastfrei, Ausbruch,

schöpferisch

heilige gemeiNDe

im UNheiligeN

UmfelD?

Wie die Gemeinde wieder zu den

Menschen kommt

Wussten Sie, dass der FC Bayern mittlerweile fast doppelt

so viele Vereinsmitglieder besitzt wie die Pommersche Landeskirche?

Wussten Sie, dass sich die Finanzmittel unserer

Kirchen in den kommenden 20 Jahren drastisch verringern

werden? Wussten Sie, dass wir nach den Erkenntnissen der

Milieuforschung nur noch knapp drei der zehn Milieus in

Deutschland mit kirchlichen Angeboten erreichen? Und

sind Sie sich auch darüber bewusst, dass wir als Volkskirche

eigentlich zu allen(!) Menschen gesandt sind (Matthäus

28,16-20)?

Egal, wie sehr Sie sich mit kirchlichen Zukunftsszenarien

befasst haben: Die Herausforderungen einer sich immer

schneller verändernden Gesellschaft ist an allen Ecken und

Enden erlebbar. Das stellt uns vor eine große gestalterische

Aufgabe!

Die aUsgaNgssitUatiON:

Die wieDereNtDeckUNg eiNes gescheNks

So sehr wir auch durch die Krise in Zukunft herausgefordert

sein werden – über allem steht ein großartiger und zeitloser

Zuspruch Gottes an seine Gemeinde: „So seid ihr nun nicht

mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen

und Gottes Hausgenossen“ (Epheser 2,19).

Bei all den Querelen, Missverständnissen und Verletzungen,

die man auch in der eigenen Gemeinde erlebt, wird uns hier

etwas Großartiges zugesprochen: Wir sind Mitbürger der Heiligen.

Gottes Hausgenossen! Was für ein Geschenk! Das kann

man sich nicht oft genug zusagen lassen. Es ist, als träte Jesus

selbst in unsere Mitte und sagte: „Egal, was ihr seht – hört zu,

was in Wahrheit gilt: Diese, meine Kirche ist heilig!“

Wie kann das stimmen, wo es doch so viel Zerbruch und

Zerrüttung bei uns gibt? Die Kirche ist heilig, weil die Menschen,

die zur Gemeinschaft der Glaubenden gehören, auch

zu Gott gehören und dadurch geheiligt sind. Keiner wird heilig

aus eigenem Verdienst oder dadurch, dass ihm dies durch

ein Gremium zugesprochen wird. Durch die Zugehörigkeit

zu Christus wird uns dies als Geschenk zuteil. Unverdient!

Aus Gnade! Dies gilt es immer wieder neu zu entdecken: Heilige

bei Jesus sind Heilige gnadenhalber und nicht Heilige

ehrenhalber!

Die PrOVOkatiON: heilige UNrUhe stifteN

Nun möchte ich dennoch etwas heilige Unruhe stiften!

Wenn die Gemeinde heilig ist, dann muss es doch auch

Räume oder Menschen geben, die der Gemeinde gegenüber

stehen. Vielleicht sind das ja diejenigen, die wir – wenn wir

ehrlich sind – gar nicht so gern in unseren heiligen Versammlungen

antreffen möchten? Die Ungepflegten, die Ungebildeten,

die Unruhestifter, die Unvermögenden...?

Wieder hilft uns der Epheserbrief weiter: „So seid ihr nun

nicht mehr Gäste und Fremdlinge“. Hier wird uns etwas Wichtiges

gesagt: Vor der Konversion zum christlichen Glauben

waren auch wir – die jetzigen Gemeindemitglieder – Fremdlinge

und Gäste!

Gästen und Fremdlingen kommt in der Heiligen Schrift eine

besondere Rolle zu. Die Kultur der Gastfreundschaft hat sich

bis heute im Orient als ein besonderes Gut erhalten. Zur Zeit

des Alten und Neuen Testaments war man als Reisender auf

diese Gastfreundschaft der Menschen vor Ort angewiesen,

um die langen Strecken überhaupt zurücklegen zu können.

26 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG : April – Juni 2011 27

Lesedauer

5 – 10 min


Heilige gemeinde im unHeiligen umfeld?

Halten wir deshalb an dieser Stelle einen Moment inne

und rufen uns verschiedene Aussagen zur Gastfreundschaft

gegenüber Fremden in Erinnerung:

„Seid gastfrei untereinander ohne Murren.“

(1.Petrus 4,9)

„Ein Bischof soll sein ... gastfrei, ...“ (Titus 1,7f)

„Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt

mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr

habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr

habt mich beherbergt...“ (Matthäus 25,35)

„Gastfrei zu sein vergesset nicht; denn dadurch

haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

(Hebräer 13,2)

Das Volk Israel wird von Gott immer wieder daran erinnert,

dass es die Fremden nicht benachteiligen soll (vgl. 2.Mose

12,49): „Die Fremdlinge sollst du nicht unterdrücken; denn

ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge

in Ägyptenland gewesen seid“ (2.Mose 23,9). Das dürfen

wir niemals vergessen! Im Katholizismus gehört die Gastfreundschaft

zu einem der sieben Werke der Barmherzigkeit.

In der Orthodoxie hat sich über die Jahrhunderte im Bereich

der Fremdenliebe (philoxenia) ein eigener liturgischer und

künstlerischer Schwerpunkt entwickelt. Ich meine: Hier ist

ökumenisches Lernen angesagt! Auch wir waren einmal

Fremdlinge und haben aus Gnade zur heiligen Gemeinde

gefunden. Dürfen wir das anderen vorenthalten?

Das lerNfelD:

aUsbrUch aUs DeN kircheNmaUerN

Es passiert sehr viel Gutes in unseren Gemeinden und

Gemeinschaften. Dennoch müssen wir einen Aufbruch

wagen – vielleicht sogar einen Ausbruch? Anfang der 90er

Jahre formulierte es Peter Stuhlmacher sehr herausfordernd:

„Wer von der Bibel und ihren Aussagen über die Kirche her

Sein und Weg unserer Kirche(n) bedenkt, kann gar nicht

anders, als eine tiefe Kluft festzustellen zwischen dem, was

wir heute in der Bundesrepublik »kirchliches Leben« nennen,

und den Maßstäben, die Jesus und die Apostel an das Leben

der Gemeinde legen. Zwischen den Haus- und Missionsgemeinden

der neutestamentlichen Zeit und unserer (noch

immer) wohlverfassten Großkirche klaffen Welten.“

Wenn die Fremdlinge und Gäste nicht mehr zu uns kommen,

dann müssen wir uns auf den Weg zu ihnen machen.

Wenn alte Formate und Angebotspaletten nicht mehr recht

passen, dann müssen wir kreativ – schöpferisch – über neue

Wege zu den Menschen nachdenken.

Karl-Ernst Nipkow hat zu Recht festgestellt: „Der sonntägliche

Gemeindegottesdienst ist nur noch die Versammlung

einer Minderheit“. Damit möchte ich keineswegs den Wert

unserer Gottesdienste bestreiten. Dennoch sind wir aufgefordert,

den Sendungsauftrag Jesu an seine Gemeinde neu für

unsere Gemeinde und für unseren Ort durchzubuchstabieren.

Wie können wir den Menschen wirklich in ihrer Lebenswelt

begegnen (1.Korinther 9,22)? Doch sicher nur da, wo wir uns

mutig auf den Weg zu den Menschen machen. Dabei gibt

es keine schnellen Lösungen und auch keine pauschalen

Antworten. Aber es braucht Menschen, die sich neu vom

Geist Gottes herausfordern und beauftragen lassen und sich

dabei nicht überfordern. Es geht um Konzentration auf das

Wesentliche! Und das sind immer die Menschen – Gottes

geliebte Geschöpfe.

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an alle freunde des abh zum gemeindeseminar

seelsOrge UND Die mächte

Seelsorge erschöpft sich nicht in empathischem Zuhören und

helfender Lebensberatung. Vielmehr stellt sie immer auch ein

Kampf- und Machtgeschehen dar. Als solches greift sie hinein

in die Bereiche von Bindungen, Ängsten und Dämonen. Unser

Seminar versucht auf dem Hintergrund des Neuen Testaments

sowie ausgewählter Beispiele aus der Geschichte der Seelsorge

dieser besonderen Problematik nachzugehen. Ein Thema wird

dabei die Frage nach der Unterscheidung der Geister sein. Ebenso

wird uns das Verhältnis von psychischen, göttlichen und widergöttlichen

Phänomenen beschäftigen.

zeit: 12.04. bis 19.07.2011

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10403

Albrecht-Bengel-Haus

Ludwig-Krapf-Str. 5

72072 Tübingen

E n t g e l t b e z a h l t

Ende des Jahres gehen unsere Hauseltern in den Ruhestand.

wir sUcheN zUm 1. sePtember 2011

haUselterN/

eiNe haUsmUtter

für Das beNgelhaUs

(aNstellUNg alleiNe ODer zUsammeN 100%)

Wir wünschen uns Persönlichkeiten,

die das geistliche Leben im Bengelhaus mitprägen

und ein Herz für Studierende haben

die selbständig hauswirtschaftliche Tätigkeiten durchführen

(Zimmerbelegung, Mitarbeit bei internen Veranstaltungen wie

z.B. dem „Turmtreff“, Leitung des Reinigungsteams, Kochen

und Bewirtung bei verschiedenen Anlässen u.v.m.)

die haustechnische Arbeiten (Reparaturen, Überwachung der

technischen Anlagen, Pflege der Außenanlagen) ausführen

die Grundkenntnissen am PC mitbringen

für die flexible Arbeitszeiten kein Problem sind

die gerne im Bengelhaus mitleben möchten

(Dienstwohnung vorhanden)

die einen Führerschein und PKW besitzen

die Mitglieder der Evangelischen Landeskirche sind

Wir bieten Ihnen

eine vielseitige, abwechslungsreiche und

verantwortungsvolle Aufgabe

Mitleben in einer christlichen Hausgemeinschaft

eine Dienstwohnung im Bengelhaus

Vergütung nach TVÖD

Wir freuen uns auf Ihre schriftliche Bewerbung.

Bitte senden Sie Ihre Unterlagen an:

Albrecht-Bengel-Haus, Dr. Rolf Sons,

Ludwig Krapf Str. 5, 72072 Tübingen-Derendingen

(Tel 07071/7005-0)

www.bengelhaus.de

SCHNUPPERTAGE

IM ABH

23. und 24. JUNI 2011

Interesse am Theologiestudium?

Ist das Theologiestudium etwas für mich?

Was läuft an der Universität?

Wozu ist Studienbegleitung und Gemeinschaft im

Albrecht-Bengel-Haus gut?

DIESE (UND VIELE ANDERE) FRAGEN

BEANTWORTEN WIR – IN „BENGEL-HAUS LIVE“!

Wann? Am 23. JUNI (Anreise bis 18.00 Uhr) und

24. JUNI 2011 (Abreise 14.30 Uhr)

Wo? Im Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen

Was? Info-Abend – Uni-Besuch – Stadt-Rundgang

Wie? Schlafsack und Iso-Matte mitbringen;

Unterbringung + Verpflegung bezahlt das ABH

Weitere Infos? www.bengelhaus.de.

Wohin mit der Anmeldung?

bis spätestens 17. Juni 2011 an:

ALBRECHT

BENGELHAUS

Albrecht-Bengel-Haus e.V.

Ludwig-Krapf-Str. 5, 72072 Tübingen

Tel 07071/7005-0 / Fax 7005-40

info@bengelhaus.de

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