Die Pforte der Reue (Leseprobe)

shemsorg

Köln 2015


Die Pforte der Reue

Original: Ben Pişmanım

info@erolmedien.de

ISBN: 978-3-95707-010-4

Autor: Siraceddin Önlüer

Übersetzung: Ali Ihsan Weiger/Salih Yılmaz

Redaktion: Salih Yılmaz

Lektorat: Ali Ihsan Weiger

Religiöses Lektorat: Rıdvan Sönmez /Harun Reşit Şahin

Quellenrecherche: Hasan Karadoğan/Hüseyin Karadoğan

Erstauflage 2015

Druck: Neuauflage

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Die Pforte der Reue

Siraceddin Önlüer

Übersetzung:

Ali Ihsan Weiger/Salih Yilmaz


Inhaltsverzeichnis

Anmerkung............................................................................................. 7

Vorwort................................................................................................... 9

Ibrahim Bin Edhem (rah.): Vom König der Menschen zum König der Herzen ........ 13

Die Straße nach Mekka................................................................................ 21

Sechs Dinge.................................................................................................. 25

Fudayl Bin Iyad (rah.): Vom Wegelagerer zum Wegweiser............................. 29

Bischr el-Hafi (rah.): Vom Lebemann zum Gottesmann.................................................39

Habib el-Adschemi (rah.): Vom Geldverleiher zum Gottesfreund................. 45

Abdullah Bin Mubarak (rah.): Vom Frauenliebhaber zum Gottesliebhaber ......... 53

Dawud et-Ta’iyy (rah.): Der Weg in die Freiheit........................................... 57

Ma’ruf el-Kerkhi (rah.): Der Konvertit.......................................................... 61

Schaqiq el-Belkhi (rah.): Der Weisheit verborgenen Pfade............................ 69

Malik Bin Dinar (rah.): Das himmlische Kind.............................................. 75

Schah Bin Schudscha el-Kermaniyy (rah.): Der Ritt durch die Wüste .......... 81

Mensur Bin Ammar (rah.): Vier Dirhem für vier Du‘as (Bittgebete) ............ 85

Ibrahim el-Khawwas (rah.): Der Korbmacher............................................... 91

Die Herausforderung.................................................................................... 95

Ahmed el-Dschami (rah.): Wissen, von woher man es nicht erwartet........... 97

Anhang: Die Tewbeh........................................................................... 103

Der gekaufte Satz........................................................................................ 111

Hidayeh: Die größte Gunst des Erhabenen Allah........................................ 113

Von der Hure zur ehrbaren Frau................................................................. 121

Der Pilger, dem nicht vergeben wurde........................................................ 125

Nasuhs Reuebekenntnis.............................................................................. 131

Der Pferdedieb........................................................................................... 137

Anhang: Die Ridschal el-Ghayb.......................................................... 141

Überzeugungsarbeit.................................................................................... 149

Der Rest obliegt Dir!.................................................................................. 151

Der betrunkene Nachbar............................................................................ 153

Der Heiratsantrag....................................................................................... 157

Zwei gravierende Mängel............................................................................ 161

Das Zittern der Gottesfurcht...................................................................... 165

Amin!......................................................................................................... 169

Der etwas andere Fluch.............................................................................. 173

Mit Milde zum Ziel.................................................................................... 175


Kehre heim in Frieden!............................................................................... 179

Bitte um Vergebung!................................................................................... 181

Anhang: Die Isti’aneh: Sich jemanden zum Beistand nehmen............ 185

Der Erhabene Allah schläft nie…............................................................... 195

Das offene Tor..............................................................................................................................199

Der Fang seines Lebens............................................................................... 201

Wer reumütig zu Uns zurückkehrt, wird herzlich aufgenommen................ 205

Das Sündenregister..................................................................................... 207

Des Einbrechers Lohn................................................................................ 211

Ein Akt der Menschlichkeit........................................................................ 213

Das Paradies des Ungläubigen..................................................................... 215

Der Freibrief............................................................................................... 217

Die reumütige Verführerin.......................................................................... 223

Ein Weinen und Wimmern........................................................................ 225

Der Erblindete............................................................................................ 231

Der Leugner............................................................................................... 233

Der verbotene Blick.................................................................................... 237

Das Versprechen......................................................................................... 239


Anmerkung

Es ist guter Brauch der Muslime, dem Gesandten Muhammed (s.a.w.s.), den Propheten

und den Prophetengefährten Hochachtung und Liebe entgegenzubringen,

indem wir sie mit unseren Segenswünschen und Bittgebeten beschenken. Schon die

Prophetengefährten pflegten den Brauch, den Propheten Muhammed (s.a.w.s.) mit

Segenswünschen zu beschenken. Dieser Brauch wurde vom Erhabenen Allah im

Edlen Quran folgendermaßen vorgegeben:

„Wahrlich sprechen Allah und Seine Engel Segenswünsche auf den Propheten

(Muhammed). O ihr die ihr glaubt! So sprecht (auch) ihr auf ihn

Segenswünsche und wünscht ihm Frieden!“ 1

Auch die Segenswünsche auf die Prophetengefährten gehen auf einen Quranvers zurück:

Die Vorangehenden, die ersten der Auswanderer und der Helfer und jene,

die ihnen auf die beste Art gefolgt sind – mit ihnen ist Allah wohlzufrieden!“ 2

Der Lobpreis, sowie die Segenswünsche und Bittgebete, die wir in diesem

Buch verwenden lauten folgendermaßen:

Wenn der Name des Propheten Muhammed (s.a.w.s.) erwähnt wird verwenden

wir, bevorzugt den Ausspruch: „Salla Allahu aleyhi we sellem“ („Allahs Segen

und Friede sei auf ihm“). Diesen Ausspruch kürzen wir mit folgendem Symbol ab:

(s.a.w.s.)Wenn der Name eines Propheten oder eines Engels erwähnt wird, verwenden

wir bevorzugt den Ausspruch: „Aleyhi Selam“ („Friede sei mit ihm“). Diesen

Ausspruch kürzen wir mit folgendem Symbol ab: (a.s.) Wenn der Name eines Prophetengefährten

bzw. einer Prophetengefährtin erwähnt wird, verwenden wir bevorzugt

den Ausdruck: „Radiya Allahu Anhu“ bzw. „Radiya Allahu Anha“ („Allah

möge mit ihm/ihr zufrieden sein“). Diesen Ausspruch kürzen wir mit folgendem

Symbol ab: (rah.) Wenn man schon dem Gesandten Muhammed (s.a.w.s.), den

Propheten, Gefährten, Engeln und Gottesfreunden Hochachtung in dieser Form

zuteil werden lässt, so ist es eine Selbstverständlichkeit dass wir Dem Erhabenen Allah

eine noch größere Hochachtung und Ehrerbietung entgegenbringen indem wir

Ihn lobpreisen. Wenn der Name des Erhabenen Allah erwähnt wird, verwenden wir

bevorzugt den Ausspruch: „Dschelle Dschelaluhu“ („Gewaltig ist Seine Majestät“).

Diesen Ausspruch kürzen wir mit folgendem Symbol ab: (dd)

1 33. Sure: El-Ehsab, Vers 56.

2 9. Sure: Et-Tewbeh, Vers 100.


Vorwort

„Und wenn sie zu dir gekommen wären, nachdem sie sich selbst

Unrecht zugefügt haben und dann Allah um Vergebung gebeten hätten

und der Gesandte für sie um Vergebung gebeten hätte, dann hätten

sie Allah gewiss Allvergebend, Barmherzig vorgefunden.“

(4. Sure: En-Nisa, Vers 64)

Die Sündhaftigkeit gehört zum Wesen aller Menschen 1 . Jeder Mensch

bürdet sich Sünden auf und macht sich damit vor seinem Schöpfer

schuldig. Von dieser Sündenlast kann er sich nur dadurch wieder befreien,

indem er den Erhabenen Allah aufrichtig um die Vergebung all

seiner Sünden bittet und sich vornimmt, diese Sünden nie wieder zu

begehen. Diese reuevolle Hinwendung zu Et-Tewwab (der die Reue Annehmende),

El- Ghafur (der Allvergebende) und Er-Rahman (der Allerbarmer)

ist der erste Schritt des Menschen auf dem göttlichen Pfad und

gleichzeitig auch sein erster Schritt auf dem Weg zu seiner Befreiung

von den Anhaftungen an die irdische Welt.

Wenn ein Mensch diesen Weg erst einmal eingeschlagen hat, dann

liegt es an ihm, inwieweit er sich an die Regeln des Erhabenen Allah

hält und sich von den verbotenen und zweifelhaften Dingen fernhält.

Umso mehr er dies tut, umso mehr schüttelt er die Fesseln jener Begehrlichkeiten

ab, die sein Herz an die irdische Welt binden und ihm so

den Weg zu seinem Schöpfer versperren.

Je mehr er sich auf diesem Weg bemüht, desto schneller wird er die

Triebhaftigkeit und Aufsässigkeit seiner aufsässigen Triebseele überwinden

und diese zu einem folgsamen Diener des Erhabenen Allah machen.

Dieser Wandel seiner Triebseele führt zu einem kompletten Wandel des

ganzen Menschen: Er entwickelt sich von einem gewöhnlichen Sünder, der

nur seinen Trieben folgt zu einem Weliyy (Gottesfreund), der dem Pfad des

Erhabenen Allah und so gleichzeitig auch seiner Bestimmung folgt.

1 Nur die Propheten sind hiervon ausgenommen. Ihnen verlieh der Erhabene Allah die besondere Eigenschaft

der „Ismeh“, die sie davor schützte Sünden zu begehen.

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Die Weliyy sind es, die ihrem eigentlichen Daseinszweck folgen und

so ihren Schöpfer zufriedenstellen. Ihr Erkennungsmerkmal ist, dass sie

einen an den Erhabenen Allah erinnern, wenn man sie sieht. Sie bringen

ihrem Herrn größtmögliche Wertschätzung entgegen und werden deshalb

von ihren Mitmenschen wertgeschätzt. Da sie ihrem Schöpfer gegenüber

jederzeit loyal sind, stellt Dieser die ganze Welt in ihren Dienst.

Schon die kleinste Unaufmerksamkeit bereuen sie auf der Stelle und so

sind die Reumütigsten der Reumütigen, die ihren Mitmenschen als Vorbild

vorangehen und diese ihrerseits an die Pforte der Reue führen.

Das vorliegende Büchlein befasst sich mit dem Wesen der Reue und

dem Segen der Reumütigkeit. Anhand vieler kurzer Erzählungen und

kleiner Anekdoten aus dem Leben der frühen Muslime will es den Hoffnungslosen

Hoffnung spenden und ihnen zeigen, dass es nie zu spät ist,

sich dem Erhabenen Allah zuzuwenden. Denn viele der großen Gottesfreunde

waren nicht von jeher jene vorbildlichen Muslime, als die

wir sie heute kennen, sondern erreichten irgendwann einmal in ihrem

Leben einen Punkt, an dem sie sich von dem Weg der Sündhaftigkeit

verabschiedeten und den Weg der Gottesfurcht einschlugen.

Zum besseren Verständnis der Lebensgeschichten dieser gesegneten

Personen haben wir manchmal einige Erläuterungen eingefügt, die zeigen,

dass diese sich jederzeit auf dem Boden der Gebote des Erhabenen

Allah und der Sunneh Seines Propheten (s.a.w.s.) bewegten, auch wenn

uns ihr Handeln manchmal etwas seltsam erscheint.

Doch ist es denn nicht eher so, dass wir es sind, die seltsame Dinge

tun, in unserer Gottvergessenheit und Hinwendung zur irdischen Welt

und nicht jene, die ihr ganzes Leben in der Hinwendung zum Erhabenen

Allah verbrachten?

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Ibrahim Bin Edhem (rah.): Vom König der Menschen

zum König der Herzen

Ibrahim Bin Edhem (rah.) lebte im 8. Jahrhundert n. Chr. in der

Stadt Belkh im Norden des heutigen Afghanistan. Er wird den Tabi‘un,

also der Nachfolgegeneration der Prophetengefährten, zugerechnet.

Sehr berühmt ist die Geschichte seiner Herkunft. Diese beschreibt ihn

als Spross eines Fürstengeschlechts, dessen Herrschaftsgebiet sich auf

die Gegend um die Stadt Belkh herum erstreckte.

Nachdem Ibrahim Bin Edhem (rah.) die Nachfolge seines Vaters in

der Herrschaft seines Landes angetreten hatte, genoss er erst einmal

sein Leben in vollen Zügen: Er kleidete sich in prunkvolle Gewänder,

ließ sich von seinem Hofstaat bedienen und verbrachte seine Zeit am

liebsten damit, auf die Jagd zu gehen.

Nach seiner Krönung waren schon viele fromme Männer an seinen

Hof gekommen, um ihn auf die Gefahren seines Luxuslebens hinzuweisen.

Doch obwohl sie ihn alle eindringlich darum gebeten hatten,

sich von der irdischen Welt abzuwenden und sich stattdessen lieber auf

das Jenseits vorzubereiten, schoss er ihre Warnungen in den Wind und

lebte weiterhin aufs Geradewohl in den Tag hinein. Er dachte gar nicht

daran, auf die Annehmlichkeiten seines fürstlichen Lebens zu verzichten

und sich in aller Bescheidenheit dem Erhabenen Allah zuzuwenden.

Aber die Wege des Erhabenen Allah sind unergründlich und Er leitet

recht, wen Er will und wie Er will. Und so geschah es denn auch mit

Ibrahim Bin Edhem (rah.). Die Geschichte seiner Rechtleitung trug

sich folgendermaßen zu:

Eines Tages saß Ibrahim Bin Edhem (rah.) auf seinem Thron in seinem

Palast und da wurde er ganz plötzlich von großer Müdigkeit übermannt

und er schlief ein. Auf einmal wurde er von einem seltsamen

Gepolter geweckt, das von seinem Dach zu kommen schien. Da rief er

nach oben zum Dache hin: „Wer ist da?“

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Da schallte es von dort zurück: „Ich habe mein Kamel verloren und

suche es nun!“

Da rief Ibrahim (rah.): „O du Dummkopf! Wie kommst du denn darauf,

ein Kamel ausgerechnet auf einem Dach zu suchen?“

Da erwiderte ihm die Stimme: „O du Achtloser! Und wie kommst du

denn darauf, den Erhabenen Allah ausgerechnet auf einem Thron zu suchen,

sitzend auf seidenen Kissen?“

Die Worte des Mannes auf dem Dach stimmten Ibrahim (rah.)

nachdenklich. Er dachte sich: „Wie Recht der Mann doch hat! Welch gottvergessenes

Leben habe ich doch bis dahin geführt! So kann ich auf keinen

Fall weitermachen! Denn sonst stünde ich ja in der Stunde meines Todes

mit ganz leeren Händen vor meinem Herrn da und würde dies sicherlich

bitterlich bereuen….“

Je länger er über darüber nachdachte, desto mehr wurde sein Herz

von Furcht ergriffen. Am Abend hatten die Worte des Mannes vom

Dach ihre volle Wirkung entfaltet und es begann in seinem Herzen so

stark das Feuer der Reue zu lodern, dass er die darauffolgende Nacht

kein Auge zutun konnte.

Als sich am nächsten Morgen – wie jeden Morgen – die Amtsträger

seines Fürstentums vor ihm in seinem Thronsaal versammelten, saß er

lustlos und geistesabwesend auf seinem Thron.

Da gab es auf einmal Tumulte vor den Pforten des Thronsaals und

plötzlich kam unter dem heftigen Protest einiger Bediensteter eine hühnenhafte

Gestalt durch die Pforten des Thronsaals herein. Der Mann

ließ sich von niemandem aufhalten, ging zielstrebig auf den Thron Ibrahims

(rah.) zu und baute sich direkt vor diesem auf.

Empört fragte ihn Ibrahim (rah.): „Was willst du?“

Da antwortete ihm der Mann: „Ich habe vor, in dieser Herberge abzusteigen!“

Da entgegnete ihm Ibrahim (rah.): „Kerl! Bist du denn noch ganz bei

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Sinnen? Dies ist hier keine Herberge, dies ist mein Palast!“

Da erwiderte ihm der Mann: „Wem gehörte dieses Haus denn vor dir?“

Ibrahim (rah.) antwortete ihm: „Meinem Vater!“

Der Mann fragte weiter: „Und vor diesem?“

Ibrahim (rah.) antwortete: „Meinem Großvater!“

Der Mann fragte weiter: „Und vor ihm?“

Ibrahim (rah.) antwortet: „Einem gewissen Soundso!“

Da fragte ihn der Mann: „Und wo sind die nun alle abgeblieben?“

Er antwortete ihm: „Sie starben und gingen dahin!“

Da sprach der Mann: „Ist denn ein Haus keine Herberge, wenn die Leute darin

aus- und eingehen, wie es eben auch in diesem Haus der Fall zu sein scheint?“

Nachdem er diese Worte gesprochen hatte, verschwand der Mann

genauso plötzlich, wie er gekommen war. Da sagte einer der Anwesenden

zu Ibrahim (rah.): „Dies war Khidr 2 (a.s.)!“

Ibrahim (rah.) stimmte die Geschichte mit Khidr (a.s.) sehr traurig. Dies

war der zweite Schlag für ihn in kürzester Zeit: Erst raubte ihm die Geschichte

mit dem Mann auf dem Dach den Schlaf und nun erinnerte ihn Khidr (a.s.)

auch noch daran, dass er genauso sterblich war, wie seine Vorfahren auch.

Sein Leben schien ihm auf einmal sinnlos und leer und er hatte überhaupt

keine Freude mehr an seinem prunkvolle Palastleben. Deshalb

entschloss er sich, auf die Jagd zu gehen; vielleicht konnte er ja dort

etwas Ablenkung finden…

So ritt er also mit seinem Gefolge in die Wüste hinaus. Doch auch

dies konnte ihm keine rechte Freude bereiten, denn seine schweren Gedanken

ließen sich auch jetzt einfach nicht vertreiben.

So ritt er ziel- und planlos durch die Gegend und haderte mit seinem Schicksal:

Nicht einmal bei seiner geliebten Jagd konnte er mehr zur Ruhe finden!

2 Khidr (a.s.) ist entweder ein Prophet oder ein Gottesfreund. Da er stets grün gekleidet ist, nennt man ihn

Khidr oder Khadir, was so viel bedeutet, wie „der Grüne“. Es heißt, dass Khidr (a.s.) – mit der Erlaubnis

des Erhabenen Allah – vom Wasser des ewigen Lebens getrunken hat und deshalb nicht stirbt. Da er vom

Erhabenen Allah viele Einblicke in die verborgene Welt erhalten hat, verfügt er über große Weisheit.

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Er war so gedankenverloren, dass er gar nicht merkte, dass er schon

längst den Anschluss an sein Gefolge verloren hatte und nun ganz allein

auf seinem Pferd in der Einöde unterwegs war. Doch plötzlich riss ihn

eine Stimme aus seinen Gedanken. Sie schien ihm ganz nah und rief

laut und deutlich: „Wach auf!“

Er blickte sich um, doch er konnte nirgendwo eine Menschenseele

erblicken. So dachte er sich, dass er sich dies nur eingebildet hatte und

ritt weiter. Doch kaum hatte er sich dies gedacht, hörte er die Stimme

auch schon ein weiteres Mal rufen: „Wach auf!“

Auch diesmal war weit und breit niemand zu sehen und so ignorierte

er die Stimme abermals. Gleich darauf schon rief es ein drittes Mal:

„Wach auf, o Ibrahim!“

Ibrahim (rah.) beschloss, einfach weiterzureiten. Die schlaflose Nacht

hatten ihn wohl doch stärker mitgenommen als er dachte…

Aber gleich darauf ertönte die Stimme ein viertes Mal. Diesmal rief

sie: „Wach auf, bevor du auferweckt wirst!“

Als Ibrahim (rah.) verwirrt um sich blickte, sah er auf einmal eine

Gazelle vor sich im Wüstensand stehen. Ihr Anblick riss ihn aus seiner

Verwirrung heraus und weckte seinen Jagdtrieb. Sofort gab er seinem

Pferd die Sporen, um das prächtige Tier einzuholen. Doch die Gazelle

blieb urplötzlich vor ihm stehen und rief ihm folgende Worte zu, die

ihr der Erhabene Allah eingegeben hatte: „Ich wurde geschickt, um dich

zu jagen und nicht, um von dir gejagt zu werden! Du wirst mich nicht

kriegen können!“

Unmittelbar danach hörte er eine Stimme aus seinem Sattel heraus

rufen: „O Ibrahim! Hierfür wurdest du nicht erschaffen! Hierfür wurdest

du nicht in diese Welt geschickt!“

Jetzt wurde es ihm wirklich Angst und Bange! Er ließ von der Gazelle

ab und wusste gar nicht mehr, wie ihm geschah. Schon ertönte dieselbe

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Stimme auf einmal aus der Brustasche seines Umhangs hervor: „Hierfür

wurdest du nicht erschaffen! Hierfür wurdest du nicht in diese Welt geschickt!“

Dies alles konnte ja nun wirklich kein Zufall mehr sein. Dies

konnte nur eine Botschaft des Erhabenen Allah an ihn sein! Sein

Herr schickte ihm bestimmt schon die anderen beiden Botschaften,

die ihn hier heraus in die Wüste getrieben hatten und nun wollte Er

ihm bestimmt mitteilen, dass er sich von seinem bisherigen Leben

in Gottvergessenheit und Weltverliebtheit abwenden und seinem

Schöpfer zuwenden solle.

Während er zu dieser Erkenntnis gelangte, wurde sein ganzer Körper

von dem Gefühl aufrichtiger Reue erfasst. Der Vorhang lüftete sich

vor seinem geistigen Auge und er sah sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen:

Sein ganzes Leben war eine einzige Aneinanderreihung von

Unachtsamkeit und Gottvergessenheit gewesen. Welch sinnloses Leben

er doch die ganze Zeit über geführt hatte!

Auf der Stelle beschloss er, sein Leben von Grund auf zu ändern. Von

nun an wollte er alles besser machen. Fortan wollte er nichts mehr mit

seinem alten prunkvollen Leben zu schaffen haben!

Deshalb sprang er von seinem Pferd herab, jagte dieses davon und

ging zu Fuß weiter. Diese Tat verschaffte seiner Seele eine unglaubliche

Erleichterung und Zufriedenheit. So konnte es weitergehen!

Als er auf diese Weise erleichtert durch die Wüste schritt, traf er auf einen

seiner Bediensteten, der damit beauftragt war, seine Schafe hüten. Da beschloss

er, diesem all seine Schafe zu schenken. Und als er dann auch noch

sah, dass der Hirte einen schlichten filzenen Umhang und eine einfache

wollene Kopfbedeckung trug, da tauschte er mit diesem seinen königlichen

Umhang gegen den Filzmantel und seine Krone gegen die Wollhaube aus.

Anschließend lief er solange orientierungslos in der Wüste umher,

bis er schließlich in eine Stadt namens Merw-i Rudh kam. Just als er

dort die Brücke über den gleichnamigen Fluss überqueren wollte, sah

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er, wie ein Mann von der Brücke fiel und da rief er vor Schreck mit

lauter Stimme: „O Allah! Rette ihn!“

Und da errettete der Erhabene Allah den Mann sogleich, indem er

ihn solange in der Luft schweben ließ, bis ihn einige der Bewohner der

Stadt zurück auf die Brücke gezogen hatten.

Anschließend zog er nach Nisabur weiter und hauste dort neun Jahre

lang in einer Höhle vor den Toren der Stadt. Dort widmete er sich ganz

der Ibadeh 3 . Jeden Donnerstag machte er sich fortan dazu auf, in die

Berge zu gehen und ein Bündel Brennholz zu sammeln. Dieses verkaufte

er dann am Freitag auf dem Markt und lebte die ganze Woche über

von dem Erlös aus dem Verkauf.

Was dort in dieser Höhle genau mit Ibrahim (rah.) geschah, weiß nur

der Erhabene Allah. Sicher aber ist, dass er seither unter den Menschen

als ein frommer und gottesfürchtiger Weliyy 4 bekannt war, dessen Du‘as

(Bittgebete) erhört wurden und dessen Worte vor Weisheit strotzten. 5

Alle Könige seiner Zeit

gerieten in Vergessenheit.

Ibrahim Bin Edhem aber

war einer jener Leute,

die Allah lieben.

Deshalb ist er uns bis heute

in Erinnerung geblieben!

3 „Ibadeh“ ist „der Gottesdienst“. Dies sind alle Arten der Anbetung des Erhabenen Allah, egal, ob diese

verpflichtend oder freiwillig sind.

4 „Weliyy“ bedeutet wörtlich „der Nahe“. In diesem Büchlein wird damit „der Gottesfreund“ bezeichnet.

5 Vgl. Zehebi, Siyer A’lami’n-Nubela, 7/390; Ibn Kudame el-makdisi, Kitabu’t-Tevvabin, S. 124; Attar, Tezkiretu’l-Evliya

(Süleyman Uludag), S. 143.

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