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NEUES ESSEN No. 1

In diesem Buch geht es um Wesentliches: Eine ursprüngliche, erfinderische, hochgesunde, ertragreiche und zukunftweisende Anbauweise von Agrarprodukten, die weit über Bio- und Demeter-Standards hinausgeht und zudem spannend ist wie ein Abenteuerroman, der gleichzeitig in der tiefen Vergangenheit, der prickelnden Gegenwart und dem Unbekannten künftiger Zeiten spielt. ISBN: 978-3-033-02144-0 EAN: 7640110517802 Verlag: NaturKraftWerke® Edition

In diesem Buch geht es um Wesentliches: Eine ursprüngliche, erfinderische, hochgesunde, ertragreiche und zukunftweisende Anbauweise von Agrarprodukten, die weit über Bio- und Demeter-Standards hinausgeht und zudem spannend ist wie ein Abenteuerroman, der gleichzeitig in der tiefen Vergangenheit, der prickelnden Gegenwart und dem Unbekannten künftiger Zeiten spielt. ISBN: 978-3-033-02144-0 EAN: 7640110517802
Verlag: NaturKraftWerke® Edition

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EDITION

NaturKraftWerke ®


NEUES

ESSEN

No1

ERNTE

GUT

GESPRÄCH

MIT

EINEM

LANDWIRT


VORWORT

ULRIKE GONDER 9

IM GESPRÄCH

ANTONIUS CONTE

MIT UWE WÜST &

DIRK APPEL 15

WARENKUNDE

DIRK APPEL 185

REZEPTE

ERICA BÄNZIGER 201

ANHANG 215


ULRIKE GONDER

Ernährungswissenschaftlerin

Hünstetten (D)


VORWORT

ULRIKE GONDER

9


LÄSSIG UND

INNOVATIV:

SO MACHT

NACHHALTIGKEIT

FREUDE

Dass wir nachhaltiger wirtschaften, auch landwirtschaften müssen, ist unstrittig. Über

das Wie gibt es schon mehr Streit. Die einen setzen auf Gentechnik, Mikrobeneiweiss

und höhere Effizienz, andere wollen uns zu allererst den Fleischgenuss vermiesen.

Doch keiner lässt sich gerne vorschreiben, was ihm zu schmecken hat, und moralinsaure

Verzichtsszenarien werden die Welt nicht retten.

Mit einem einfachen «Zurück zur Natur» ist es ebenfalls nicht getan. Auch Biobetriebe

benötigen ein cleveres und fachlich ausgezeichnetes Management. Wie so etwas

aussehen kann, zeigen Uwe Wüst und Dirk Appel auf einem im Nordosten Baden-

Württembergs gelegenen Demeter-Hof. Doch dies ist kein «normaler» Hof, hier wird

komplett anders gedacht, gehandelt, gebastelt, geackert und gemacht. Der Besucher

fühlt sich in eine andere Welt versetzt: kein Stress, keine Hektik, keine Ställe, keine

umgeknickten Getreidehalme. Die Tiere sind ganzjährig draussen und die Äcker werden

weder gepflügt noch gedüngt. Das ist günstig fürs Klima, denn brachliegende und

gepflügte Böden geben Unmengen an Treibhausgasen ab. Die Ausscheidungen der

Tiere bezeichnen Wüst und Appel dagegen als «kleinen Furz». Allein das müsste umgehend

zu einer Revolution im Ackerbau führen.

10


Auch ohne Dünger ermüden Wüsts Äcker nicht, es wachsen seltene Pflanzen und alte

Arten auf den von ihm stets mit Hingabe beobachteten Böden. Beständig tüftelt er

an neuen Maschinen und am Saatgut, sucht passende Abnehmer für seine qualitativ

hochwertigen Produkte, Appel begleitet und berät ihn wissenschaftlich. Die Erfolge

geben dem anfangs etwas schräg anmutenden Projekt recht: Wir sehen hier keine

alternativen Sektierer, sondern Originale mit eigenem Kopf, Ideen und Durchhaltevermögen,

die – und das ist besonders erfreulich – hochwertige, schmackhafte Lebensmittel

erzeugen. Diese einzigartige Kombination aus Traditionsbewusstsein und

Innovationsfreunde, aus Lässigkeit und konsequentem Denken und Handeln hat mich

gleich fasziniert. Und ich muss zugeben, dass auch ein wenig Schadenfreude aufkam

gegenüber jenen, die stets nur unken und zweifeln: Als ich erfuhr, dass auf den Äckern

zwar jede Pflanze «nur» um die 50 Prozent der konventionellen Erträge einbringt, dass

durch die Mischkultur auf einem Acker jedoch drei Ernten gleichzeitig wachsen.

Im zweiten Bodenschutzbericht der Bundesregierung steht, dass weltweit bereits

die Hälfte aller Kulturböden geschädigt ist. Die Herausforderungen, vor denen die

Menschheit steht, sind gewaltig. Um sie zu bewältigen, brauchen wir clevere Ideen,

technische Innovationen, gesunde Böden, Pflanzen und Tiere, weltweit kooperierende

Top-Wissenschaftler und Landwirte, mehr Produktivität, Fantasie und Zuversicht.

Wir brauchen mehr Wüsts und Appels, mehr Querdenker und Gegen-den-Strom-

Schwimmer, die einen Traum wahr werden lassen könnten: genug Lebensmittel für

alle in Top-Qualität und nachhaltig erzeugt.

Ich wünsche diesem Buch nicht nur viele Leser, sondern auch, dass diese genauso viel

Freude beim Lesen empfinden wie ich. Den Ideen und dem Konzept von Uwe Wüst

und Dirk Appel wünsche ich, dass sie auf offene Ohren und kreative Mitdenker stossen,

damit das, was sie angefangen haben, wächst und gedeiht!

11


ANTONIUS CONTE

Künstler und Unternehmer

Gründer und Geschäftsleiter

NaturKraftWerke®

– Elementare Lebensmittel

Aathal-Seegräben (CH)

UWE WÜST

Landwirt

Königheim-Brehmen (D)

DIRK APPEL

Landwirtschaftlicher/

wissenschaftlicher Mitarbeiter

Hof Uwe Wüst

Königheim-Brehmen (D)


IM

GESPRÄCH

ANTONIUS CONTE

MIT

UWE WÜST &

DIRK APPEL

15


IM

SOMMER 2008

FUHR ICH

ERSTMALS NACH

Königheim-Brehmen

auf den Hof der Familie

Wüst. Noch kannten

wir uns nicht und ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete; ich wollte eigentlich

nur Bilder von einer Pflanze machen, von Leindotter (Camelina sativa). Als ich

dann aber über die Felder streifte, packte mich eine extreme Begeisterung und ich

wurde regelrecht hineingezogen in die 150-Hektar-Performance dieser Landwirtschaft.

Schon bei diesem ersten Besuch ahnte ich, dass ich hier eine Antwort auf den

Dokumentarfilm «We feed the World» finden oder einen echten Beitrag in der ver-

16


logenen Diskussion um genmanipuliertes Saatgut, das die Ernährungssicherheit der

Zukunft sichern sollte, leisten könnte. Auf jeden Fall wurde mir die Aussergewöhnlichkeit

dieser Unternehmung mehr und mehr bewusst, ich war eingehüllt in das Gefühl,

mich mitten in Deutschland auf einer exotischen und abenteuerlichen Safari zu

befinden. Ich fotografierte tagelang und durchstreifte mehrmals die vielen Felder, bis

alle Speicherkarten gefüllt waren und ich 2300 Bilder geschossen hatte. Das Anschauen

der Bilder, später zu Hause, versetzte mich in eine Art Meditation. Und dabei fiel

mir immer deutlicher auf, dass auf keinem dieser Fotografien etwas schwach, krank

oder kränklich, kümmerlich, geknickt, gebückt, geschwächt, gehemmt, unterdrückt,

zurückgesetzt oder sonst wie lebensunfreundlich beeinträchtigt aussah. Dabei werden

diese Mischfruchtkulturen nicht gepflügt oder gedüngt, die Gewächse weder gespritzt

noch technisch oder chemisch behandelt. Diese Bilder erschienen mir als ein Beleg

für die uneingeschränkte hohe Fruchtbarkeit der defensiv bewirtschafteten Erde.

Daraufhin wollte ich mehr wissen und besuchte den Hof erneut, diesmal mit einem

Diktiergerät bewaffnet. Ich hatte vor, Uwe Wüst und Dirk Appel zu interviewen.

So fuhr ich im frühen Herbst, kurz nach der Ernte, wieder dahin. Selten oder nie ist

in so einem Betrieb Ruhe, und so begann das Gespräch auch auf dem Weg in die

Maschinenhalle, begleitet vom Knirschen der Kiesel. Lange Zeit sagte niemand etwas,

dann fragte Uwe: «Verstehst du was davon?» – «Wovon»? – «Ja, vom Landbau

eben». Diese Frage überraschte mich, da mir bis dahin nicht bewusst gewesen ist, dass

ich keine Ahnung haben könnte. Obwohl ich als Trademarker und Verarbeiter in den

letzten Jahren auch eine Art «Fachmann» für Lebensmittel geworden bin, bestand

meine Kompetenz bestenfalls aus angelesenem Halbwissen. Tatsächlich: Eigentlich

wusste ich kaum etwas über Landbau. Ich gestand Uwe, ich hätte so wenig Ahnung

von der Sache, dass mir nicht einmal eine gute Frage einfalle. Vielleicht sei es besser,

wenn er sich die Fragen selber stelle. Keine Antwort. Wir stemmten das große Rolltor

auf und gingen in die Maschinenhalle. Trotz meiner eingestandenen Unkenntnis

wagte ich nun meine erste Frage. Wir bewegten uns dabei zwischen den ruhenden

Maschinen und tranken einen Schluck sehr starken mexikanischen Schnaps. Vögel

flogen über unseren Köpfen zwischen den Balken herum, von draußen hörte man den

17


Antonius Conte: Wenn alles geerntet

ist, fängt das Jahr gleich wieder an, oder?

Uwe Wüst: Viele Leute meinen, die Ernte sei stressig. Sie ist jedoch völlig entspannend:

Es macht Spass und bringt Freude. Richtig los geht’s nach der Ernte mit den

16-Stunden-Tagen.

Warum machst du eigentlich Mischkultur?

Damit ist doch in jeder Hinsicht ein extremer Aufwand verbunden.

UW: In der hier umgesetzten Landwirtschaft versuchen wir, Pflanzen auf der Mutter

Erde anzubauen, die im natürlichen Zustand wild ist. Alles natürlich Wilde – und was

die Jäger und Sammler gegessen haben – können wir genauso essen. Aber das will

heute kein Mensch mehr. Irgendwann hat sich eine neue Kultur eingeschlichen, vielleicht

durch die Kuh. Ich weiss nicht, wer daran schuld war, das spielt auch keine Rolle.

Wer Getreide auf der Erde anbaut oder Früchte kultiviert, sollte das so naturnah

wie möglich machen. Wild kann die Erde immer sein. Ich denke so: Da wächst etwas,

dann stirbt es, dann wächst etwas anderes und stirbt wieder.

Die moderne Landwirtschaft wie die Landwirtschaft, die die Menschheit schon seit

Langem betreibt, kommt mir als brutaler Raubbau vor. Das war übrigens auch schon

in der Bandkeramikerzeit 1 so: Es ging los mit Brandrodungen, und wenn nichts mehr

gewachsen ist, sind die Menschen weitergezogen, weil es noch genügend Land gab.

Der Boden hat sich regeneriert und wenn nach Jahrzehnten wieder jemand gekommen

ist, konnte wieder etwas angebaut werden. So geht es heute nicht mehr. Wir

müssen lernen, einen Landbau zu betreiben, der insofern nachhaltig ist, als da immer

wieder etwas wächst. Das setzt einen ordentlichen Umgang mit dem Boden und den

Pflanzen voraus.

Es fällt auf, dass du überhaupt nicht düngst!

UW: Wir düngen nicht. Ich habe den Mist von den Rindern, was im Prinzip ein

Haufen Stroh ist. Die zwei Rinderherden weiden ganzjährig frei; wir haben keinen

Stall auf dem Hof. Die Rinder haben im Winter vier Standweiden, wo sie gefüttert

18


werden. Es gibt Liegeflächen und Futterplätze für die Tiere, und da sammelt sich

allerhand an, unter anderem auch Mist. Stroh und Grasreste zum Beispiel fahre ich

nicht aufs Getreidefeld, sondern zur Zwischenfrucht 2 . Es wird jetzt um diese Jahreszeit

(im Sommer) ungefähr ausgebracht. Dann kommt eine Zwischenfrucht drauf,

die nicht geerntet wird.

Ist Zwischenfrucht so etwas wie Klee?

UW: Nein, nicht Klee, sondern ein «geordnetes Durcheinander» mit ganz vielen verschiedenen

Pflanzen, die ich selber sammle und züchte.

Dein Saatgut machst du also selber?

UW: Genau. Das fängt damit an, dass ich die Samen irgendwoher heraussammle, in

Wiesen, Randstreifen oder bestehenden Kulturen. Sobald ich eine witzige Pflanze finde,

nehme ich sie in die Zucht. Dieses Jahr hab ich ca. 20 verschiedene Sorten, die

wir mit einem Kleindrescher 3 gedroschen haben. Anschliessend ist Nina zu Heidi ge-

1 Bandkeramikerzeit. Die Bandkeramiker sind benannt nach

ihrer Technik, Tongefässe ohne rotierende Töpferscheibe herzustellen,

indem Tonstreifen spiralförmig aufgebaut und die Stösse

anschliessend verstrichen werden. Die Bandkeramikerzeit beginnt

in Mitteleuropa um 5500 v. Chr., als dort die Menschen sesshaft

wurden und mit Ackerbau und Viehzucht begannen. Man lebte in

so genannten Langhäusern, den Vorläufern der Fachwerkhäuser,

deren Dächer mit Reed oder Stroh gedeckt waren und die Wände

mit Lehm beworfenem Flechtwerk ausgefacht waren.

An Tieren hielten die Bandkeramiker den Hund, der schon im

Mesolithikum domestiziert wurde, Rind, Schwein, Schaf und Ziege.

Die Tiere hielten durch Verbiss die Umgebung der Siedlungen

busch- und baumfrei, dass Ackerbau betrieben werden konnte.

An Kulturpflanzen kannte man Einkorn, Emmer, Lein, Linse,

Erbse und Hanf, später auch Blau- bzw. Schlafmohn, der aus dem

heutigen Griechenland stammt. Die Bandkeramikerzeit wurde

von der Bronzezeit abgelöst (ab ca. 2500–2000 v. Chr.).

2 Zwischenfrucht. Ackerfrucht, die nicht zu Erntezwecken angebaut

wird. Zwischenfrüchte können z.B. Leguminosen (Erbsen,

Bohnen, Klee, Luzernen- und Lupinenarten) sein, um der

Folgefrucht Nährstoffe zur Verfügung zu stellen. Zwischenfrüchte

werden auch eingesetzt, um den Boden zu regenerieren (Aushungern

von Schädlingen oder Krankheiten), um in Wasserschutzgebieten

Stickstoff zu binden, damit er über Winter nicht

ins Grundwasser gelangt, oder einfach um den Boden lebend zu

verbauen. Eine Zwischenfrucht wird, nachdem sie ihre Aufgabe

erledigt hat, meist umgebrochen und dann die entsprechende

Hauptfrucht eingesät. Um die Zwischenfrucht zu töten, gibt es

verschiedene Möglichkeiten, die von den Umständen, Pflanzenarten

und Zeitpunkten abhängen. In der konventionellen Landwirtschaft

werden Zwischenfrüchte untergepflügt (Umbruch)

oder mit Herbiziden weggespritzt und anschliessend die Hauptfrucht

gesät. Im ökologischen Landbau wird auch häufig untergepflügt,

aber auch geschält (mit dem Stoppelhobel) oder einfach

umgewalzt, wenn dies die Zwischenfrucht zulässt (z.B. Roggen

im Mai). Frostempfindliche Zwischenfrüchte wie Senf frieren

im Winter auf natürliche Weise ab. Wieder andere können direkt

eingesät werden und die Hauptfrucht überwächst dann die

Zwischenfrucht. Wichtig ist, dass die folgende Hauptfrucht nicht

durch so genannten Durchwuchs (siehe auch Fussnote 56 «Durch -

wuchs» auf Seite 155) beeinträchtigt wird.

19


fahren, einer Züchterin mit einer kleinen Standdreschmaschine 4 . Sie hat den Samen

gedroschen, Mengen von einem bis zehn Kilo, und das gibt schon ein kleines Beet. Das

kann ich dann beobachten, ob es brauchbar ist und weitervermehrt werden könn te.

Wenn nicht, kommt es ins Tierfutter. So lief das beispielsweise bei Einkorn 5 , Buchweizen

und Grünroggen 6 , die jetzt fester Bestandteil in der Kulturführung sind.

Wie lange experimentierst du schon?

UW: Solche Experimente habe ich schon als Kind gemacht, mit Kichererbsen, Mungbohnen

und allem, was man im Bio-Laden kriegt. Ich kaufte ein Tütchen davon, säte

aus und schaute, wie es wächst. Dabei stellten wir uns Fragen, ob und wie man das ernten

könnte, wie es reif wird. Es gibt Pflanzen, die bei uns überhaupt nicht gut wachsen,

wie zum Beispiel Soja. Es könnte mit anderen Anbaumethoden eventuell gehen, aber

man müsste es mit viel Energie hier zu etablieren versuchen. Von sich aus kommt hier

keine Soja. Eine Linse wiederum, die fühlt sich sofort wohl und mit dem Einkorn war es

ebenso: Einmal ausgesät und gleich haben wir einen riesigen Ertrag gehabt. Im zweiten

Jahr gab es schon einen kleinen Acker. Der Leinsamen ist auch so entstanden und letzt-

3 / 4 Technische Ausdrücke des Mähdreschers: Kleindrescher,

Standdreschmaschine etc. Zu Beginn der mechanisierten Landwirtschaft

wurde das von Hand oder mit der Mähmaschine geschnittene

Getreide zu Garben gebunden und zu Hause mit grossen

Dreschmaschinen gedroschen. Grössere Betriebe hatten fest eingebaute

Maschinen. Zu kleineren Höfen und Nebenerwerbsbauern

kam die fahrbare Dreschmaschine zum Lohndreschen. Diese Praxis

kennen ältere Menschen heute noch aus eigenem Erleben. Mähdrescher

sind eine Kombination aus Mähmaschine und Dreschmaschine

und gibt es etwa seit 1950. Anfangs wurden sie mit einem Schlepper

gezogen, heute gibt es praktisch nur noch selbst fahrende. Ein

Balkenmesser an der Vorderkante des Tisches schneidet die Halme

ab und die Haspel schafft sie auf den Tisch. Die Einzugschnecke

führt das Dreschgut über den Schrägförderer der Dreschtrommel

bzw. dem Dreschkorb zu, wo das Korn ausgedroschen wird. Durch

entsprechende Einstellungen an Schüttler, Gebläse und Sieben werden

die Körner von Stroh und Spelzen getrennt. Das Stroh läuft

weiter durch die Maschine und wird gehäckselt oder lang auf die

gemähte Fläche verbracht. Die Körner sammeln sich am tiefsten

Punkt des Mähdreschers und werden mit der Kornschnecke in den

Korntank transportiert. Von dort wird die Ernte in Säcke oder auf

Anhänger verladen. Anfangs haben Mähdrescher das Stroh wahlweise

auch zu Ballen gepresst. Da die Technik anfällig ist und heute

meist grössere Ballen verlangt werden als früher, wird es heute in

einem eigenen Arbeitsgang mit Spezialmaschinen gepresst.

Mähdrescher sind grosse und schwere Maschinen, die dem Boden

sehr zusetzen. Deshalb macht man sich heute wieder Gedanken

darüber, mit Standdreschmaschinen zu arbeiten. Bei kleineren

und welligen Ernteflächen bieten sich Kleinmähdrescher an, die

auch wendiger sind. Sie sind leichter und haben eine kleinere

Arbeitsbreite. In der Getreidezucht werden so genannte Parzellenmähdrescher

eingesetzt. Es sind komplizierte kleine Mähdrescher,

die sehr genau dreschen und nach jeder Parzelle sauber

geblasen und gereinigt werden können, damit es nicht zu Vermischungen

kommt.

Noch kleinere Partien werden in kleinen Standmaschinen von

Hand gedroschen. So können sogar einzelne Ähren gedroschen

werden. Das Arbeitsprinzip ist überall gleich.

20


lich alle Kulturpflanzen, die wir hier anbauen. Der Einkorn war eigentlich meine erste

grosse Sache, die ich jetzt immer noch habe. Der Buchweizen ist so entstanden und der

Leinsamen. Das ging alles relativ einfach. Dann der Dinkel, von dem es hier regionale

Sorten gibt. Da habe ich grössere Partien spezieller Hofsorten von anderen Landwirten

bekommen. Die habe ich mir angeschaut, ob sie mir gefallen. Ich habe sie vermischt

und in Reinsaat 7 ausgesät. Aus diesen Dinkelsorten habe ich dann vereinzelte, wie den

begrannten Dinkel und den Roten Dinkel 8 , herausgefunden. Dafür muss ich jedesmal

recherchieren und Einzelpflanzen zu den Züchtern geben. Die suchen dann mit ihrem

Wissen nach der Herkunft und dem Ursprung einer bestimmten Sorte. Mittlerweile gibt

es eine ganz schöne, bekannte Dinkelsorte, die weiss ist und extrem lange Grannen hat;

auf die setze ich viel. Sie ist wahrscheinlich irgendwie und irgendwo vermischt worden

5 Einkorn. Einkorn (Triticum monococcum) gilt als Vorläufer

von Weizen und Dinkel. Einkorn zeichnet sich dadurch aus, dass

nur jeweils ein Korn auf der Ährenspindel sitzt. Es ist sehr robust

und zuverlässig im Anbau, bringt jedoch eher geringe Erträge.

Das Triticum monococcum stammt vermutlich aus dem kleinasiatischen

Raum (Türkei und Kaukasus) und wurde nach heute

verfügbaren Erkenntnissen bereits von den Bandkeramikern (ca.

8000 v. Chr.) angebaut. Ernährungsphysiologisch ist Einkorn sehr

wertvoll (hoher Gehalt an Karotin und Zink), aber nicht ganz einfach

zu verbacken. Einkorn wird von so genannten Weizenallergikern

meist gut vertragen.

wenig bekannt, da Grünroggen als Konsumware nicht üblich ist.

Es ist aber anzunehmen, dass er sehr mineralstoffreich ist, da der

Mehlkörper kleiner als bei Zuchtroggen ist. Roggen ist überhaupt

ein sehr interessantes Gras, da es in wilden Formen mehrjährig

ist. Früher hat man in Russland Roggenfelder dauerhaft angelegt

und über mehrere Jahre immer wieder gedroschen. Die alten

Wurzelstöcke wurden immer mächtiger und ertragreicher. In moderne

landwirtschaftliche Konzepte passt das nicht hinein, so hat

man dem Roggen die Ausdauer weggezüchtet.

6 Grünroggen. Grünroggen (Secale multicaule), auch Waldstauden-

oder Futterroggen, ist ein ausdauernder (perennierender)

(Wild-)Roggen, der landwirtschaftlich als Begrünung, Futter- und

neuerdings als Energiepflanze genutzt wird. Ausserdem säen ihn

Jäger gerne als Wildfutterwiese, da er vom Wild zweimal genutzt

werden kann (im ersten Jahr als Gras, im zweiten Jahr als Getreide)

und er sehr anspruchslos und insbesondere extrem winterhart

ist. Wir haben ihn gedroschen und gereinigt und einfach mal

zu Sauerteigbrot verbacken. Das Ergebnis ist ein sehr rustikales,

haltbares Schwarzbrot. Auf einem auswärtigen Hoffest kam es

sehr gut an. Seither bieten wir Grünroggen auch als Konsumware

an, obwohl er vergleichsweise ertragsschwach ist. Das Stroh ist

sehr lang (bis über 2 m) und wird deshalb gerne von Imkern zum

Flechten von Bienenkörben und Strohbeuten verwendet. Dazu

taugt nur Roggenstroh, da die Bienen anderes Stroh fressen und

die Körbe schnell «abgenutzt» wären. Über die Inhaltsstoffe ist uns

7 Reinsaat. Reinsaat ist das Gegenteil von Mischsaat und führt zu

einer Monokultur mit den entsprechenden Problemen.

8 Roter Dinkel. Es gibt zwei farbliche Grundtypen von Dinkel,

nämlich den roten und den weissen. Rote Dinkelsorten variieren

von Orange bis zu Bräunlich, weisse Sorten von blassem Gelb bis

Violett. Auch bei anderen Getreidearten gibt es verschiedene

Farbschläge. Es ist wenig bekannt, welch wunderschöne Getreidesorten

es gibt!

9 sich auskreuzen. (siehe auch Fussnote 46, Seite 145: «Hybridsaatgut»):

In der F3-Generation (Nachbau) tauchen wieder die

Eltern mit ihren Eigenschaften auf. Von Auskreuzen spricht man

auch, wenn transgene Organismen (GVO) ihre Eigenschaften auf

verwandte Wildpflanzen z.B. durch Pollenflug übertragen (vgl.

transgener Raps).

21


und hat sich so gehalten. So findet man einzelne Sorten, die dann gezüchtet werden. Es

gibt viel zu wenig Züchter, die sich darum kümmern. Es ist jedoch interessant, denn die

Pflanzen verändern sich dauernd. Das ist ein Phänomen: Manches kreuzt sich aus 9 und

wird dann offenbar weiter vererbt. Im nächsten Jahr sieht sie wieder anders aus.

Wie lange machst du das schon auf diesem Hof?

UW: Knapp zehn Jahre, hier bin ich seit 1999 und gelernt habe ich 1979 –84.

Ackerbau ist heutzutage sehr industriell geworden.

UW: Ja, es gibt ein paar wenige Parameter, nach denen das Getreide angepflanzt und

vermarktet wird.

Da spielt immer diese verfängliche Logik mit: Zum Beispiel

Ertragsmengen-Erwartungen oder Aufwands-Verminderung bei

Ernte und Verarbeitung.

UW: Alles muss maschinengerecht sein. Das geht bei den alten Sorten nicht. Die zu

reinigen ist ein Himmelfahrtskommando.

Wenn ein konventioneller Bauer einen Acker

von dir mit diesen vielen Disteln und Beikräutern sieht:

10 Rübse. Die Rübse (Brassica rapa) ist eine ein- oder zweijährige

Kohlpflanze, ähnlich dem Raps, mit ölhaltigen Samen. Da die

Rübse züchterisch nicht so intensiv bearbeitet ist wie Raps, hat

das Öl einen recht hohen Gehalt an Erucasäure und wird daher

nur als technisches Öl genutzt. Früher war Rübsenöl als Schmiermittel

und Lampenöl im Binnenland so wichtig wie Tran in den

Küstenlandstrichen. Auch die essbare Wasserrübe (Teltoweroder

Mairübe) zählt botanisch zu den Rübsen.

11 Brassica. Brassica (Kohl) ist eine Gattung der weitläufigen

Familie der Brassicaceae (Kreuzblütler, manchmal auf die Blüte

bezogen auch Cruziferen genannt). Viele krautige Nutzpflanzen

zählen dazu wie Kohl- und Senfarten, Raps, Rübse, Leindotter

usw. Die Artengrenzen sind hier auch gegenüber Wildarten sehr

fliessend, weshalb gentechnisch veränderte Kreuzblütler (GVO-

Raps) eine sehr grosse Gefahr darstellen.

12 Erucasäure. Erucasäure ist eine einfach ungesättigte Fettsäure,

die im Öl von Kreutzblütlern (Kohl, Raps, Senf) vorkommt.

Ernährungsphysiologisch ist Erucasäure bedenklich, da sie sich

am Herzmuskel von Säugetieren und Mensch ablagert und dessen

Funktion beeinträchtigt. Es war deshalb Ziel, den Erucasäure-Gehalt

in Kultursorten für Speisezwecke zu reduzieren, was

insbesondere bei Raps und Senf gut gelungen ist. In Südasien

werden traditionell erucasäurehaltige Speiseöle zum Kochen

verwendet. Da die Erucasäure bei hohen Temperaturen zerstört

wird, werden in diesen Küchen Bratöle bis zum Rauchpunkt

erhitzt. Der kritische Gehalt an Erucasäure ist nicht genau bekannt;

tatsächlich gesundheitliche Schäden konnten bisher nicht

exakt beschrieben werden. Trotzdem ist der Erucasäure-Gehalt

in Speiseölen und -fetten gesetzlich auf maximal 5 Prozent begrenzt.

Für technische Zwecke hat der Gehalt an Erucasäure

keine negativen Auswirkungen.

22


Wird er da nicht denken, dass es «unmöglich» ist, diesen zu

bewirtschaften und ein unbezahlbarer Aufwand?

UW: Du brauchst dementsprechend einen Mähdrescher und Geduld. Wenn man

spritzt, braucht man genauso Geld und Zeit.

Die Maschinen baust du dir selber um?

UW: Immer wieder, die werden hier immer weiterentwickelt. Die letzten vier Wochen

habe ich fast nur gebastelt, geflext, geschraubt, geschweisst.

Ist die Rübse 10 eine Art von Raps?

Dirk Appel: Nein, das ist eine Art Brassica 11 , ein Kreuzblütler. Es handelt sich um eine

sehr alte Ölpflanze, die für Speisezwecke noch nicht geeignet ist. Die herzschädliche

Erucasäure 12 ist bei ihr noch drin. Im Mittelalter und über viele Jahrhunderte, vor allem

im Binnenland, ist sie als technisches Öl verwendet worden. Sie entspricht in ihrer Bedeutung

im Prinzip dem Walöl an der Küste.

UW: Die Pflanze ist wahrscheinlich auch daran schuld, dass hier alles industrialisiert

wurde. Das Öl hat sehr viel ermöglicht. Es fing damit an, dass man mit den Öllampen

die Nacht zum Tag gemacht hat; das Öl dafür war Rübsenöl.

Der Leindotter hat doch auch eine bewegte Geschichte!

DA: Vor noch nicht allzu langer Zeit betrachtete man Leindotter ja als Acker unkraut.

Er ist bekämpft worden.

UW: Kulturpflanzen haben Kulturbegleiter. Wenn man Leindotter mal drin hat,

ist er ganz schwer zu bekämpfen. Im Getreide war es fast undenkbar, den wegzubekommen

und so wurde er eben genutzt. Es gibt zum Beispiel diese Spinnenfeger,

die wie kleine Besen sind. Früher wurden diese aus Leindotterzweigen hergestellt.

Heutzutage sind sie aus Kunststoff. Es gab die Bürstenbinder noch bis in den Zweiten

Weltkrieg. Sie waren in der Regel behinderte Menschen vom Dorf, die sich

aber trotzdem selbstständig um ihr Leben kümmerten. Sie haben Körbe und Besen

gemacht, die dann gegen Essen oder Klamotten getauscht wurden. Das Öl wurde

gepresst. Ich weiss nicht, ob es in Brehmen jemals eine Ölmühle gab, aber in den

23


Nachbardörfern gab es welche. Überall dort, wo es konstant fliessende Gewässer

hatte, gab es die Ölmühlen. Natürlich gab es an diesen Orten auch Sägewerke, aber

Getreide- und Ölmühlen waren ebenso weit verbreitet. Das waren mehr oder weniger

kleine, armselige Anlagen, wo man die Saat kiloweise hingebracht hat, um

daraus frisches Öl zu pressen.

DA: Früher hatte man von seiner Ölsaat einen halben Sack daheim in der Ecke stehen

gehabt und dann ein «Kännle» voll gemacht und das frisch verbraucht. Wenn man den

ganzen Sack auf einmal gepresst hätte, wäre das Öl ranzig geworden. Insofern brauchten

die Leute solche Ölmühlen in ihrer Nähe. Heute gibt es natürlich ausgeklügelte Techniken,

die dieses Vorgehen überflüssig machen.

Wann wächst der Raps bzw. die Rübse?

DA: Es gibt die Winterrübse und es gibt die Sommerrübse. Die Winterrübse ist ähnlich

wie der Raps.

24


25


28


25 o. Vermehrung von Dinkel (vorne)

und Schwarzer Emmer

25 u. Gerstengemenge

26 Gemenge aus Leindotter, Wicken u.v.a.m.

28 o. Lein

28 u. Gerstenbestand

29 o. Schwarzer Hafer

29


30


31


34


30 o. Dinkelgemenge

30 u. Dinkelgemenge

31 o. Schwarzer Emmer

31 u. Wunderweizen

32 Bunte Begrünung der Schweineweide

34 o. Bunte Begrünung der Schweineweide

34 u. Weizenmischung zur Selektion

(Uwe bekam einen Sack, voll mit gemischtem seltenem

Saatgut, das wir versuchen, in seine ursprünglichen Sorten zu

selektieren. (s. weitere Bilder: Seiten 76, 78, 86, 164 oben)

35 o. Weizen, Luzerne und Disteln

35


WIR SIND

IMMER NOCH

IN DER

Maschinenhalle. In einer hellen Ecke neben dem Eingang

befindet sich eine imposante Werkstatt. Alles ist

übersichtlich eingeteilt und alles ist da, was es braucht,

um Maschinen zu reparieren, zu erweitern oder sogar zu bauen. Zwischen Haufen von

Samen und Pflanzenstengeln, die Uwe jeweils extra für die Vögel liegen lässt, liegen

Eisenteile, Maschinenkomponenten, gebogene und geschmiedete Elemente, die später

einer Sämaschine eingebaut werden sollen.

37


Was ist das für ein Gerät? Oder ist es ein Kunstobjekt?

UW: Das ist der Hügelpflug 13 . Ehrlich gesagt, wissen wir aber nicht bestimmt, wie

das Ding wirklich heisst. Es gibt keinen offiziellen Namen dafür. Eigentlich ist es

ein Keltischer respektive Römischer Pflug 14 . Vom Römischen Pflug weiss man mehr

als vom Keltischen. Das ist ein Gerät, wie es in Spanien noch bis vor kurzer Zeit

eingesetzt wurde. Der Römische Pflug wird heute noch von ganz wenigen Landwirten

eingesetzt. Ein mittlerweile in Deutschland lebender Spanier – Julian – hat eine

sehr interessante Erfahrung gemacht mit seinem Vater. Dieser war einer der ersten

wirklich intensiven Landwirte nach dem Krieg. In dieser Zeit wurden die Böden

mit aller Macht heruntergewirtschaftet. Ihm ist das aufgefallen und er hat sich dann

umgehend mit der traditionellen spanischen Landwirtschaft beschäftigt. Aufgrund

der Fehler seines Vaters ist er auf dieses Gerät gekommen und arbeitet seit ca. zehn

13 Hügelpflug. Der Hügel- oder Häufelpflug ist in verschiedenen

Ausführungen im Kartoffelanbau, in der Spargelkultur usw.

durchaus gebräuchlich. Im übrigen Ackerbau eher selten, hat er

aber trotzdem eine gewisse Kultur. Im Prinzip wird der Boden

nur flach geschält und zu Dämmen zusammengezogen. Die Täler

werden mit einem einfachen Hakenpflug (ähnlich dem antiken

Römischen oder Keltischen Pflug) gelockert, ohne zu wenden.

14 Keltischer Pflug, Römischer Pflug. Der Keltische bzw. Römische

Pflug wurde ab etwa 500 v. Chr. verwendet und ist die

Fortentwicklung des einfachen Hakenpflugs (ab ca. 3000 v. Chr.).

Er ritzt den Boden lediglich und bestand zunächst aus einer entsprechenden

Astgabel, später bronze- und schliesslich eisen- bzw.

stahlbewehrt. Asymmetrische Wendepflüge mit Streichblech, die

den Boden umdrehen, kamen erst ab etwa 350 n. Chr. auf. All

diese Pflüge beziehungsweise deren Einsatzergebnisse sind mit

denen heutiger Pflüge überhaupt nicht vergleichbar, da wegen

der bis ins 20. Jahrhundert eingeschränkten Zugkraft nur sehr

flach gearbeitet werden konnte. Pflugtiefen bis 50 cm (heutige

«Tiefenlockerungen» gehen teilweise noch weiter in den Boden)

waren nicht zu realisieren, entsprechend traten auch keine dramatischen

Schäden an der Krume auf. Die heutige Pflügerei ist

wie ein Teufelskreis, indem immer schwerere Maschinen immer

tiefere Verdichtungen bewirken, die immer noch tieferes Pflügen

«erforderlich» machen.

15 «Hügeln» als Methode. Die angesprochene Hügelkultur arbeitet

auf 60 cm Breite und etwa 20–25 cm Höhe. Im Tal erfolgt eine

relativ tiefe Lockerung durch eine Hakenschare. Die Dämme bzw.

Hügel werden mit streichblechartig angeordneten Drähten aufgeschoben.

Es kann gleichzeitig ins Tal oder auf den Hügel oder in

beides gesät werden, wobei im Tal vermehrte Feuchtigkeit und Beschattung,

auf dem Hügel vermehrte Belichtung erreicht wird. Dadurch

ergeben sich viele Gestaltungsmöglichkeiten in der Kulturführung.

Da verhältnismässig wenig Erdreich bewegt wird, reichen

leichte Schlepper für die Bodenbearbeitung aus: es wird Kraftstoff

gespart, es kann zügig gefahren werden (hohe Flächenleistung)

und die Bodenverdichtung hält sich in Grenzen. Nacharbeiten wie

Beikrautregulierung, Nachsaat oder Zwischenfruchtumbruch erfolgen

mit dem gleichen Basiswerkzeug und in der gleichen Spur.

Wie bei allen Minimalbodenbearbeitungssystemen müssen die

Werkzeuge präzise arbeiten und gut ausgerichtet sein und an den

Fahrer sind besonders in hügeligen Regionen besondere Anforderungen

gestellt.

16 Sägrubber. Direktsämaschine, die lediglich flach schneidet

bzw. schält und gleichzeitig sät, ohne den Boden zu wenden.

Sägrubber sind häufig bei nichtwendenden Bodenbearbeitungsmassnahmen

im Einsatz, auch beispielsweise im konventionellen

Intensivmaisanbau oder in Anbausystemen, bei denen nicht jedes

Jahr gepflügt wird.

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Jahren daran und damit. Er ist Deutschland-Fan und mag hier Land und Mentalität.

Also ist er mit der Familie nach Deutschland gekommen und tüftelt an einem sehr

ähnlichen Gedankengut herum wie ich. Ich muss ihm zugestehen, dass er mit seiner

Bodenbearbeitung viel weiter ist als ich, nicht zuletzt durch sein spezielles Wissen,

das er aus Spanien mitgebracht hat. Ohne die Erfahrungen der Spanier wäre er aber

noch lange nicht so weit. Ich habe 2002 das erste Mal auf Hügel 15 angesät mit dem

Sägrubber 16 . Es ist dann aber sehr schwierig, die Kulturen zu pflegen. Nur die Spanier

konnten auf Hügeln anbauen, doch jetzt geht es bei uns mehr oder weniger auch

mit dieser speziellen Technik. Wir wollen diese Anbaumethode hier etablieren: Im

flachen Land, in steinfreier Erde oder im Sandboden klappt es schon ganz gut, zum

Beispiel mit Möhren und Gemüse. Wir wollen es bei unseren Bodenverhältnissen

auch mit Getreide versuchen; das müsste eigentlich klappen.

Du setzt immer etwas auf den Hügel und etwas anderes ins Tal?

UW: Genau. Man kann entweder nur auf den Hügel oder nur ins Tal säen. Es ist immer

die Frage, wie man das pflegt. Das war hier das grosse Problem: Du konntest nicht

striegeln und vernünftig säen. Ich muss sagen, wir sind hier ziemlich schnell unterwegs,

weil Julian das schon so lange macht und eben die Erfahrung aus Spanien hat. Wir

haben jetzt innerhalb von vier Wochen mit ihm als Coach wahnsinnig viel gelernt. Wir

haben nächtelang geschweisst, probiert, wieder umgeschmissen usw. Es ist ganz wichtig,

mit dem Boden zu arbeiten. Der Boden ist lebendig; darauf baut sich meine Idee

auf. Nur aufgrund seiner Lebendigkeit bringt er die Pflanze zum Leben und deswegen

wächst etwas und nicht, weil wir düngen oder pflügen.

In der modernen konventionellen Landwirtschaft wird alles mechanisch gemacht.

Dem Boden wird kein Handlungsspielraum mehr gelassen. Er wird aufgebrochen, umgepflügt

oder rumgegrubbert oder was es alles gibt.

DA: Man geht gedanklich rein technisch an die Sache ran. Wenn irgendein Unkraut

wächst, dann spritzt man es weg.

UW: Es geht aber vorher schon mit dem Boden los: Die machen den mit den ganzen

Maschinen auf. So wird der Boden verfestigt usw. Dies ist in der Natur nicht normal; es

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wird abgesetzt. Der Boden setzt sich normal von selbst ab, wenn man es nicht maschinell

macht. Dann kommt die Saatmaschine und nicht wie früher der Sämann.

DA: Heute hat man auch die ganze Leistung zur Verfügung. Wenn die irgendeine Option

im Kopf haben, schicken sie schnell mal 500 PS drüber.

UW: Das ist in Wirklichkeit keine Leistung, sondern Behinderung.

DA: Es gibt im Prinzip und im Gegensatz zu früher keine Begrenzung. Langsam

zeichnet sich ab, dass der begrenzende Faktor der Sprit und die damit verbundenen

Kosten wird.

UW: Die Leistung ist das, was der Boden bringt. Aus der Leistung des Bodens können

wir irgendwann ernten. Wir müssen den Boden machen lassen und dazu muss ein Zustand

geschaffen werden, damit er es auch tut und seine Sache gern macht. Das geht

auf dem Hügel besser, weil er so viel selbstständiger arbeitet. Er kann es nicht leiden,

wenn du ihn platt machst, festwalzt und Brocken machst. Dann braucht er wieder Zeit,

um sich zu rekultivieren und irgendwann kommen dann das Kraut und Unkraut.

In der landwirtschaftlichen Kultur muss es sehr schnell gehen. Da muss der Boden

schon auch Leistung bringen und sich sehr anstrengen. Das kann er auch, wenn man

ihn lässt und ich glaube, er macht das gern. Das setzt natürlich voraus, dass man ihn bei

Nässe zum Beispiel nicht zu sehr verdichtet, weil er dann nichts mehr können wird. Du

bringst selber auch Leistung, wenn ich dir etwas zum Essen und zum Schlafen gebe.

Wenn ich dich den ganzen Tag nur haue, bringst du natürlich keine Leistung, höchstens

Widerstand. Das ist mit dem Boden nicht anders.

Mit dem Hügel ist es sehr auffällig: Wenn ich einen Hügel anlege und ich säe darauf

oder daneben, dann sortiert sich das von selbst. Die grossen Brocken zerfallen in

kleine Erdteilchen; nichts wird verdichtet. Das ist das Problem, wenn du eine Gerätschaft

mit sehr grosser Schare hast. So wird die Erde erst verdichtet und dann glatt

gestrichen; sie kann nicht mehr atmen, das Wasser kommt nicht rein und kann nicht

abfliessen.

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41 Hakenpflug mit Häufler (abgewandeltes System Turiel)

42 o. Direktsaat mit dem Hügelpflug

42 u. Werkzeugsätze für den Hügelpflug

43 o. Hügelpflug eingerichtet zur Direktsaat in die Talsohle

43 u. Halbwüchsige Schweine («Hofmischung»)

44 o. Belegte Schweineweide

44 u. Abgesenkter Reifendruck

zur Bodenschonung (kein Platten!)

45 o. Rinder auf der Weide

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IN DER

HALLE STEHT

EIN TIER-

transportanhänger mit einem Schwäbisch-

Hällischen Schwein drin, das nach einem

idyllischen Leben in Freiheit gelassen seinem

Ende entgegensieht. Es soll zu einem Bio-Metzger gebracht werden, sechzig Kilometer

vom Hof entfernt. Uwe meint, dass er das Schwein nur von jemandem schlachten

lasse, der das anständig und respektvoll erledige, und den industriellen Betrieben

traue er nicht. Also lasse es sich nicht vermeiden, den weiten Weg auf sich zu nehmen,

obwohl es nicht ökologisch sei. Für mich als vegetarisch orientiertem und urbanisiertem

Individuum ist das Thema fremd und sogar unsympathisch, aber ich will mich den

Zyklen und Gebräuchen dieser Landwirtschaft mit allem Drum und Dran jetzt nicht

verschließen. Wir hängen den Anhänger an einen klapprigen Personenwagen, steigen

ein und fahren los. Dirk sitzt am Steuer, ich daneben und Uwe hinten. Das Auto fährt

an, das Gespräch geht weiter.

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Bei dir sieht man keine Scharen.

UW: Ich war schon immer ein Gegner grosser Scharen. Das war ein Problem mit meinem

Sägrubber, der viel zu grosse Säscharen hatte. Ich war nicht darauf gekommen,

dass es mit so etwas Einfachem auch geht.

Was ist jetzt an Stelle des Pfluges?

UW: Diese Schar läuft in die Erde und macht die Arbeit. Diese Häufler machen mehr

oder weniger den Hügel. Das ist die ganze Bodenbearbeitung, und wir haben die

dünnsten Drähte, die sonst keiner hat. Alle haben nur die dicken. Ich wollte ganz

dünne. Der Boden muss von selbst da hin, wo er hin muss. Entweder er will oder er

will nicht, und wenn er nicht will, dann soll er grad da bleiben, wo er ist. Die dünnen

Drähte haben nur wenig Kontakt mit der Erde, und das ist die ganze Show.

Nun kommt jemand zu euch und fragt ganz naiv:

Was macht ihr hier eigentlich? Was kriegt der als Antwort?

UW: Wir sind Bauern und wir bringen Körner in die Erde. Diese Körner wachsen, und

wir kommen mit dem Mähdrescher und ernten. Und die Ernte bekommt jemand, der

etwas Tolles daraus macht. Genau das machen wir und möglichst ohne den Boden zu

belasten. Das soll der Boden von sich aus machen. Ich bin fest davon überzeugt, dass

er das kann. Sonst würde es ihn schon lange nicht mehr geben. Dies ist auch meine

grösste Befürchtung, wenn die Menschen dies in die Hand nehmen wollen. Ich bin sehr

skeptisch, dass wir morgen noch etwas Vernünftiges zu essen bzw. zum Fahren haben.

Wieso machen es nicht mehr Leute wie ihr hier? Wie könnte man

eure Art von Landwirtschaft darstellen, wenn jemand

kommt und es auch so machen möchte? Ich meine nicht nur das mit den Hügeln,

sondern grundsätzlich die Mischkultur und all eure Experimente.

DA: Wir sind überzeugt, dass in der Landwirtschaft irgendwann ein falscher Weg eingeschlagen

worden ist. Dabei ist vieles an Wissen und Können verloren gegangen. Heute

wird gar nicht mehr hinterfragt, ob nicht der falsche Weg eingeschlagen wurde. Das

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setzt sich immer weiter fort, und es tauchen Probleme auf, die wieder mit Gewalt in den

Griff zu kriegen versucht werden. Wir wollen hier ein Gedankengut pflegen, das schon

seit Urzeiten existiert hat, es zumindest als Möglichkeit betrachten. Unsere Triebkraft ist

der Gedanke, Lösungen und Antworten auf die zum Teil historisch bedingten Fehlentscheidungen

und Fehlleistungen früherer Generationen – und deren Auswirkung auf die

heutigen Konventionen – zu finden.

UW: Man muss viel dabei denken, immer wieder probieren und noch unbekannte

Dinge umzusetzen versuchen. Die meisten Bauern trauen sich nicht mehr, sich auf die

Erde zu verlassen. Sie verlassen sich auf das Lagerhaus und auf synthetische Mittel,

die in der Regel gegen etwas und nicht für etwas helfen. Sie arbeiten nach Rezepturen,

die sie einmal gelernt haben. Das funktioniert etwa so: Es werden ohne vertiefende

Beobachtungen drei oder vier Parameter angewendet und sonst wird nichts gedacht;

fertig. Die Arbeit mit der Natur bedingt eine permanente Beobachtung. Man beobachtet

und handelt oder lässt es bleiben. Der Berthold ist ein sehr gutes Beispiel dafür,

und ist deshalb auch ein sehr guter Bio-Bauer. Er ist früher, als konventioneller Bauer,

immer herumgefahren und hat geguckt und geguckt, konnte sich nie entscheiden und

hat dann doch nicht gespritzt. Eigentlich war er ein konventioneller Bauer, der aber

nicht zum Spritzmittel griff. Er hatte dann immer das Problem, wo er mit der Giftbrühe

in seiner Spritze hin soll, da er sie ja nicht aufs Feld gebracht hat. Man kann das

Zeugs nicht irgendwo hinkippen. Er hat es dann in Tonnenfässern gesammelt und fürs

nächste Jahr aufgehoben. Aber dann passierte dasselbe wieder. Er hat wieder geguckt

und geguckt und schliesslich wollte er doch nicht spritzen. Die modernen Landwirte,

die gucken vielleicht auch, aber die gu cken auf den Terminkalender oder so was, nur

nicht auf den Boden – und fahren dann los.

Mir ist auch aufgefallen, dass du den Boden auffällig

intensiv beobachtest, überall und selbst auf dem Mähdrescher.

UW: Natürlich. Da wächst ja auch das Getreide und nicht in der Luft. In Holland

wächst es in irgendwelchen Hütten, aber bei uns wächst es auf dem Boden.

DA: Das ist ein Handwerk wie bei einem Schreiner, der sich sein Holzstück auch an­

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guckt, damit er weiss, wo er die Säge am besten anlegen muss. Bei einer Spanplatte ist es

ziemlich egal, wie ich sie schneide. So ist es auch in der Landwirtschaft.

UW: Wir haben die vier Elemente; wir haben das Feuer, das Wasser, die Erde und die

Luft. Ich habe als Bauer weder Einfluss auf das Wasser, das Feuer noch auf die Luft,

ausser vielleicht mit meinen Abgasen. Aber am Boden kann ich arbeiten. Ich kann

ihn mir anschauen und Entscheidungen treffen. Aber ich kann definitiv nicht Regen

machen oder die Sonne scheinen lassen.

DA: Der andere Punkt ist der Mut zur Fläche. Wir bearbeiten eine Fläche und nicht nur

Randstreifen oder Versuchsparzellen.

Mir fällt auch auf, dass hier alles gross ist. Man sieht

Entschlossenheit und vermutet gewagte Entscheidungen, die ein

grosses Risiko beinhalten. Ob es dann was wird oder nicht…

UW: So lange sich die Erde dreht.

DA: Richtig fürchterliche Einbrüche habe ich hier noch nie erlebt. Es gibt Sachen, die

mehr versprechen und andere lässt man sein, weil es zu teuer ist, auf Grund der Spritkosten

oder weil es mit dem Boden nicht funktioniert. Ich finde, man kann durchaus ein

bisschen mutiger sein.

UW: Das fehlt schon in der konventionellen Landwirtschaft: Die rechnen und sind geizig

und meinen, es reiche von vorn bis hinten nicht. Ich verstehe das nicht. Geld haben

wir hierzulande und damit die Möglichkeiten für Investitionen oder zum Schweissen

usw. In Afrika ist es anders.

DA: Mit dem Verzicht auf chemisch-synthetisches Spritzen spart man sehr viel Geld

und schafft sich dadurch Freiräume. Wenn man sich auf die grossen Gebärden nicht

einlässt, mit Schleppern, die schnell mal 200 bis 300 Tausend Euros kosten… Man

fragt sich in der Tat manchmal, mit welchen Körnern die Bauern das bezahlen wollen.

Sie müssen dann die Zinsen zahlen und so stehen sie unter einem grossen Leistungsdruck.

Und deshalb ist es eine Katastrophe, wenn sie mal eine Handvoll weniger Körner

vom Acker holen.

UW: So gesehen ist der heutige konventionelle Bauer auch gar nicht so geizig. Sie be-

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zahlen den Sprit, der ganz schön teuer geworden ist. Ich wäre da geizig. Die Landwirtschaft

ist ja eigentlich etwas Autarkes. Es ist ein Organismus.

DA: Nah an der Urproduktion, aus sich selber heraus.

Landwirtschaft ist also die Urproduktion. Ohne Landwirtschaft

gibt es nichts mehr zum Essen. Es gibt doch die Idee, dass man auch im

Labor Essen herstellen kann ...

DA: Die moderne Landwirtschaft ist zum Ressourcenverschwender geworden. Wenn

gesagt wird, dass die Ökos ca. ein Drittel weniger von der Fläche holen – was zumindest

nicht generell gilt – dann muss man aber auch den Aufwand der konventionellen

Landwirtschaft gegenrechnen! Für das, was da an Stickstoff, Spritzmittel und Kraftstoff

draufgeschmissen wird, ist es ja das Mindeste, dass ein paar Körner mehr heraus kommen.

wenn die nicht mehr runterholen würden als wir, wäre das ja fürchterlich.

UW: Da muss ja auch viel weggeschmissen werden. Wenn ich mein Getreide in den

Handel gebe, in einen Kanal, ist es mir wichtig, dass damit ordentlich umgegangen

wird und nichts weggeworfen wird.

Ich habe über 2000 Bilder gemacht von deinen Feldern, quasi im

Rausch und aus Begeisterung. Hinterher stellte ich fest, dass

auf keinem dieser Bilder etwas Krankes ersichtlich wird; nichts Eingefallenes,

Verpilztes oder Verkümmertes. Es ist alles prächtig und prall. Ich hab

angefangen, interessierte Leute darauf hinzuweisen und das hat

alle echt platt gemacht.

UW: Die Natur macht das halt so!

Wenn ich das in meinem Garten mache, wobei ich alles viel lockerer

nehme, sieht es nicht so aus. Der konventionelle Landwirt hat doch auch etwas

Angst vor der Natur: Parasiten, Käfer, Blattläuse, Unwetter, Verwilderung.

UW: Vor der Normalität hat er Angst.

Euch gelingt das einfach auch. Gibt es ein spezielles

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System und inwiefern ist es wirklich andersartig?

DA: Ich denke, wir profitieren von einem Gesundheitstrend: Da werden viele Vorstellungen

verbreitet und verfolgt. Auch die Gesundheit ist eine Sache, die vom Boden aus

kommt, und wenn ich dem Boden seine Freiräume lasse und ihn vor allem nicht drangsaliere

und einenge, dann wird er auch mit Drucksituationen fertig. Es ist ein Fehler zu

meinen, ihm alles abnehmen zu müssen. Wenn zum Beispiel ein Pilzdruck 17 kommt,

wird er gleich mit Mittelchen davon befreit. Hierdurch verliert er seine Fertigkeit. In der

konventionellen Landwirtschaft gibt es auch ganz merkwürdige Erscheinungen, z.B. die

Kleemüdigkeit 18 , von der kein Mensch weiss, was da los ist. Fusariendruck 19 und Ähnliches.

Man sagt dann, das Getreide sei krank … Es kommt keiner drauf, dass es dem Boden

schlecht gehen könnte als Ursache. Ich finde es spannend, dass man bei Infektionen

bzw. bei möglichen Infektionen den Boden sehr intensiv beobachten und Hinweise lesen

kann, was da wirklich vor sich geht.

17 Pilzdruck. Siehe Fussnote 19: «Fusarien / Fusariendruck» und

Fussnote 53, Seite 153: «Steinbrand, Brandbefall»

18 Kleemüdigkeit / -krebs. Kleemüdigkeit von Böden gilt als Folge

von Kleekrebs (Sclerotinia trifoliorum), einer Pilzerkrankung, die

fast alle Hülsenfrüchte (Leguminosen) bekommen können, aber

hauptsächlich bei zu enger Fruchtfolge bei Rotkleebeständen auftaucht.

Rotklee wird in viehbetonten, vor allem konventionellen

Betrieben als «schneller Stickstofflieferant» genutzt. Luzernenbestände

mit 5-jähriger Fruchtfolge sind beispielsweise wesentlich

weniger gefährdet. Auch andere Kleearten sind nicht so anfällig,

bringen aber auch nicht so viel Stickstoff in die Tiere. Man

kann Kleemüdigkeit als Bodenkrankheit auffassen.

19 Fusarien / Fusariendruck. Fusarien ist ein Sammelbegriff für

völlig verschiedenartige Schimmelpilze, die in der Landwirtschaft

insbesondere Pflanzenbestände sehr beeinträchtigen können.

Neben Wurzel- und Stängelfäule stellen Giftstoffe ein grosses

Problem dar, welche die Ernte ungeniessbar oder sogar gesundheitsschädlich

für Mensch und Tier machen können. Oft treten

die Fusarien schon als Auflaufkrankheit in Erscheinung. Konventionelles

Saatgut ist häufig schon mit mehr oder weniger giftigen

Chemikalien gebeizt. Im ökologischen Landbau verwendet

man pflanzliche Extrakte oder Tees. Fusarien können als Bodenkrankheit

aufgefasst werden, wenn beispielsweise kein ausreichender

Fruchtwechsel stattfindet. Andere Fusarien keimen erst

in der Blüte und werden vom Wind übertragen. Ob Fusarien keimen,

hängt von vielen Faktoren ab, unter anderen von der Umgebungsfeuchte

und der Temperatur, aber auch von der Resistenz

oder Toleranz der Wirtspflanze.

Von Fusariendruck spricht man, wenn viele Sporen vorhanden

sind und die Witterung entsprechende Keimbedingungen schafft.

Oft sind Fusarien auf Wirtspflanzen oder Wirtspflanzengruppen

spezialisiert, können aber auch unterschiedliche Pflanzengruppen

angreifen. In den 1980er Jahren setzten die USA Fusarium oxysporum

als «Agent Green» in Südamerika gegen Koka- und Marihuanaplantagen

ein. Die dortigen Regierungen verboten bald

den Einsatz, da ganze Ökosysteme beeinträchtigt wurden. In der

ehemaligen Sowjetunion wurden Fusarien auch als biologische

Kampfstoffe erprobt.

20 Leindotter. Leindotter (Camelina sativa) ist eine sehr alte

Nutzpflanze (Öl) und gehört zu den Brassicaceae (Kohlpflanzen,

Kreuzblütler). Vor allem in Leinbeständen wurde er zu einem gefürchteten

Unkraut.

Heute wird Leindotter im ökologischen Landbau als Gemengepartner

neu entdeckt, da er anspruchslos ist, wenig Konkurrenz

macht und vor allem auswuchsgefährdete Leguminosen stützt.

Später lässt er sich problemlos herausreinigen und ergibt wertvolles

Speiseöl oder technisches Öl.

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UW: Da wird immer gleich eingegriffen. Aber das ist doch ganz normal. Es geht dem

Menschen auch so bei einer Krankheit oder wenn er sich nicht wohl fühlt, wenn das

Wetter mal nichts taugt oder wenn man sich übernimmt oder schlechtes Essen gekriegt

hat. Das ist bei uns wie auf dem Acker. Es ist nicht immer alles schön und gut.

Die Pflanze ist ein Lebewesen: Sie ist erkältet, hat Husten oder ihr ist schlecht und

da muss sie durch. Im konventionellen Landbau werden solche Gedanken und Beobachtungen

nicht geduldet. Es wird immer gleich synthetisch behandelt. Das heisst,

die Pflanze kann sich gar nicht gesund halten. Sie muss samt der Krankheit recht und

schlecht bis zur Ernte kommen.

DA: Oft ist es auch von der Sorte abhängig. Hochleistungssorten müssen in einem Zug

durchwachsen, sonst haben sie ein Problem. Bei uns, gerade bei Frühjahrstrockenheit,

haben wir schon die Beobachtung gemacht, dass beispielsweise Einkorn, wenn es im

April besonders heiss wird, stehen bleibt und gar nichts mehr macht. Er steht dann eine

Woche lang, wenn es nicht regnet, zwei Wochen lang, drei Wochen lang und wenn es

dann regnet, wächst er weiter. Eine moderne Sommergerste verträgt vielleicht noch gut

eine Woche ohne Regen, aber mit zwei Wochen wird es kritisch und bei drei Wochen

kannst du sie – wenn überhaupt – nur noch in die Biogasanlage schmeissen.

Was ist flächenmässig am prominentesten?

UW: Alles ist prominent (lacht). Leider Gottes ist der Dinkel dominant.

Wieso leider Gottes?

UW: Das ist im Moment ein Modegetreide, und ich mag das einfach nicht.

Der Leindotter 20 ist fast überall mit drin.

Schon länger oder erst seit Kurzem?

UW: Er ist seit Längerem drin. Damit hab ich ursprünglich angefangen.

Was hast du früher mit den Samen gemacht?

UW: Aufgehoben, ausgesät oder verschenkt. Dann gab es eine Mühle in Bayern, die

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haben diesen Rohstoff zu Treibstoff gepresst und zu Maschinenöl. Mittlerweile gibt es

aus den Leindottersamen Speiseöl, ein Produkt, das mir sehr sympathisch ist.

Und dann gibt es ganz viele Weizensorten, Emmer, Einkorn, Buchweizen, Leinsamen,

Schwarzer Emmer, Schwarzer Hafer, Schwarze Gerste. Es ist auch eine schwarze Weizensorte

dabei. Die Körner sind natürlich nicht schwarz, sehen aus wie Weizen, aber

der Spelz und die Grannen sind schwarz.

Ist beim Emmer das Korn auch schwarz?

UW: Schwarze Körner gibt es eigentlich nicht. Das Aussenhäutchen ist schwarz, der

Mehlkörper eher gelb oder braun, aber nicht schwarz. Manche sind vielleicht etwas

orange, gold oder ocker. Einkorn ist stark gelb. Der Roggen geht ins Graugrünliche

21 Freidreschen. Die Getreidekörner sind auf der Ähre mit

mehr oder weniger fest verbundenen Schalenhäutchen bedeckt,

den so genannten Spelzen. Vor dem Konsum müssen diese entfernt

werden (Gerbung). Bei Gerste und Reis sind die Spelzen

meist so fest an den Körnern, dass sie sogar geschält bzw. geschliffen

werden müssen; bei Gerste spricht man dann von Graupen.

Dabei gehen wertvolle Teile der Schale verloren. Beim

Mälzen von Getreide, z.B. in der Bierbrauerei, sind die Spelzen

eher erwünscht, da sie den Prozess fördern. Aufbereitetes Spelzgetreide

ist erheblich teurer, da das Gerben einen zusätzlichen

Arbeitsgang darstellt. So wurde Getreide dahingehend gezüchtet,

dass die Spelzen schon beim Dreschen mit dem Stroh abfallen;

diese Sorten nennt man freidreschend.

Daneben gibt es auch so genanntes Nacktgetreide, welches

gar keine Spelzen hat, d.h. die Körner sitzen «nackt» auf der

Ähre. Meist sind Nacktgetreide jedoch empfindlich gegenüber

Auflaufkrankheiten (Pilzerkrankungen während des Keimprozesses),

da ihnen die schützenden Spelzen fehlen. Typische

Spelzgetreide sind neben der Gerste vor allem Dinkel, Hafer,

Einkorn, Emmer und Reis. Weizen und Roggen sind fast durchwegs

freidreschend. Hochwertige nackte Hafer- und Gerstensorten

für Speisezwecke sind sehr gefragt, da Spelzsorten schwer

und mit Qualitätsverlusten aufzuarbeiten sind. Hinsichtlich der

Qualität an sich jedoch scheinen Spelzgetreide tendenziell höherwertig

als nackte Sorten zu sein.

22 Graupen. Graupen sind geschliffene Gerstenkörner – seltener

auch Weizen – und kommen unter dem Namen Roll- oder

Kochgerste in den Handel. Die feinste Form sind die kleineren

Perlgraupen. Da Gerste (nicht die Nacktgerste) ein sehr «hartnäckiges»

Spelzgetreide ist, wird sie zu Speisezwecken geschliffen.

Dabei verliert sie die wertvollen äusseren Schichten (Vitamine

und Mineralstoffe), die Graupen sind aber schneller gar.

Graupen sind küchentechnisch mit Grütze verwandt, die aus

allen einheimischen Getreidearten hergestellt wird. Allerdings

wird das Getreide lediglich gehackt bzw. gebrochen, wodurch

es schneller gart als das ganze Korn. Auch die «Rote Grütze»

war ursprünglich ein mit roten Früchten gesüsster Getreidebrei.

Heute wird auch dünnes Beerenmus alleine als Rote Grütze bezeichnet.

Ebenso gehören das türkische Bulghur und der nordafrikanische

bzw. arabische Couscous zu diesen Getreideaufbereitungen.

Dies sind thermisch behandelte Getreidekörner, die

wieder getrocknet und anschliessend gebrochen wurden. Die

thermische Behandlung hat drei Vorteile: nach dem Trocknen

fallen sogar die fest verbundenen Spelzen der Gerste leicht ab;

die wertvollen Inhaltsstoffe bleiben vollständig erhalten, können

sogar teilweise von den Spelzen in den Mehlkörper eingetragen

werden (Parboiled-Verfahren) und das Produkt ist noch

einfacher zu garen (bei Couscous genügt kurzes Dämpfen).

Schliesslich ist noch der Reis anzuführen, der ganz ähnlich aufbereitet

werden muss. Auch der Reis ist ein Spelzgetreide. Meist

kommt er entspelzt, aber mit Silberhäutchen als so genannter

Cargo- oder Braunreis nach Europa. Der verbreitete Weisse

Reis wird geschliffen bzw. poliert und verliert dabei ebenfalls

weitgehend seine wertvollen Inhaltsstoffe. Der Parboiled Reis

wird wie Bulghur und Couscous thermisch behandelt, so dass ein

Grossteil der Schalenstoffe in den Mehlkörper eingeht. Die Körner

sind entspelzt bzw. das Silberhäutchen ist entfernt worden

und die Reiskörner sind leicht bräunlich. Parboiled Reis gart

wesentlich schneller als Weisser Reis.

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wie ein Grünkern. Der Schwarzhafer wird aber auch weiss, wenn man ihn schält.

Schade eigentlich, ich hätte gerne schwarze Körner.

UW: Das ist beim Raps ja genauso: Er ist schwarz oder die Wicken sind schwarz, Linsen

haben wir auch in jeder Farbe und wenn man sie schält, sind sie hell oder rosa. Bei

Linsen geht’s bis ins Rot.

DA: Dann gibt es noch ein Kriterium, nämlich die Sache mit dem Freidreschen 21 . Interessant

ist das bei Spelz-Getreide und bei der Gerste. Wird die Gerste nicht als Braugerste,

sondern als Speisegerste verwendet, ist das Problem der Spelz, der ziemlich fest

verwachsen ist mit dem Korn. Um eine Speisequalität zu erhalten, muss er geschliffen

werden, ähnlich wie beim Reis und den Graupen 22 , die sind geschliffen. Dabei ist tragisch,

dass man die wertvollsten Bestandteile wegschleift. Deshalb ist das Interesse gross,

freidreschende Gerste zu kriegen.

Was heisst freidreschen?

DA: Das Korn kommt quasi nackt aus der Dresche. Die Spelzen sind weg, ohne geschliffen

bzw. gegerbt worden zu sein. Der Dinkel muss ja gegerbt werden und wird nicht geschliffen.

So ist alles sehr kompakt beieinander. Das merkst du, wenn du eine Gerste auseinander

nimmst; du kommst nicht an den Kern ran. Da ist immer noch eine Spelzschicht

darüber. Ohne Schleifen bringst du die nicht weg. Es gibt schon ein paar Sorten, die

freidreschend sind, aber diese Sorten sind anfälliger auf Pilzerkrankungen. Da sind die

«nackten» Sorten tendenziell empfindlicher. In diesem Bereich gibt es noch jede Menge

zu tun oder zu erforschen, was noch in Restbeständen auf alten Bauernhöfen herumliegt.

Ihr seid unermüdlich immer am Suchen!

UW: Wir haben jetzt eine alte hessische Landsorte. Angeblich sieht sie wie ein alter

italienischer Nudelweizen aus. Zweifarbig begrannt mit relativ kurzer Ähre: Er wird

heute als unbrauchbar qualifiziert. Getreide muss aus konventioneller Sicht lange Ähren

und viele Körner haben, was gleichbedeutend ist mit viel Mehl und Geld.

DA: Viel Stickstoff ist auch wichtig. Fussfester Boden, dass man viel Stickstoff drauf

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hauen kann.

UW: Die alten Sorten werden krank, wenn man ihnen Stickstoff gibt.

Was heisst das konkret?

DA: Diese alten Sorten fallen um oder kriegen Pilze, wenn man ihnen Stickstoff gibt.

Das ist ein Problem bei der ganzen Saatgutzüchtung. Zumindest in Deutschland ist

dies ein Problem: zertifiziertes Saatgut 23 muss vom Bundessortenamt 24 anerkannt werden

und die Sortenprüfung bestehen. Und ein Kriterium dieser Prüfung ist, dass die

Sorte verschiedene Stickstoffgaben überleben muss auf dem Acker. Dies ist mehr oder

weniger schwierig bei den Bio- bzw. Ökosorten, die speziell für nährstoffarme Ökoproduktionen

gedacht sind. Wenn sie zu viel Stickstoff kriegen, um durch die Prüfung

zu kommen, dann werden sie krank und fallen um. Und darum ist es sehr schwierig,

dafür eine Zertifizierung zu kriegen. Es gibt jedoch viele supergute, nicht zertifizierte

Sorten, die für den Ökoanbau geeignet sind, aber umgekehrt sind die Landwirte nicht

mutig genug, auf dieses Z (Symbol für zertifiziertes Saatgut) zu verzichten.

Der Verzicht auf das Z impliziert spätere Verkaufshindernisse?

DA: Das kommt drauf an, ob man es in irgendwelche anonymen Löcher 25 reinkippen

will, dann vielleicht schon.

UW: Wir suchen die Verarbeiter, die unsere Qualität auch ohne Z schätzen und

deswegen schaue ich nicht unbedingt darauf, nur solche Sorten zu haben, sondern

23 & 24 zertifiziertes Saatgut / Bundessortenamt BSA. Das in

Hannover ansässige Bundessortenamt (BSA) untersteht dem

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

(BMfELV). Das BSA ist insbesondere für die

Zulassung von Pflanzensorten als handelbares Saatgut zuständig.

Nur Sorten, die ein standardisiertes Prüfverfahren durchlaufen

haben, dürfen als Saatgut im Rahmen des Saatgutverkehrsgesetzes

und des Sortenschutzgesetzes gehandelt werden. Kriterien

für eine Sorte in diesem Sinne sind 1. Unterscheidbarkeit, 2.

Homogenität, 3. Beständigkeit, 4. Neuartigkeit und 5. Bezeichnung

(Namen). Der Sortenschutz gilt normalerweise für 25 Jahre

(bei Gehölzen 35 Jahre).

Bis 1900 gab es keine geregelte Sortenzucht und -pflege. Der

Bauer war gleichzeitig Züchter. Ab 1920 gab es «geprüftes Saatgut»

und 1934 entstand mit der ‹Verordnung über das Saatgut›

das Berufsbild des Züchters; gleichzeitig verschwanden über 90

Prozent der bis dahin angebauten Sorten. 1953 trat das ‹Deutsche

Saatgutgesetz› in Kraft. In den 1960er Jahren entstand das

‹Internationale Züchterrecht›, das mittlerweile alle WTO-Staaten

(World Trade Organization) umsetzen. Ab 1994 werden Sortenschutz

und -patentierung über das Agreement on Trade-Related

Aspects of Intellectual Property Rights (TRIPs) geregelt. 1999

wurde das EU-Patentamt errichtet und seit 2007 begann die Patentierung

von der Zucht konventioneller Pflanzen und Tiere.

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Sorten aus der Zeit, als es diesen Unfug von zertifiziertem Saatgut noch nicht gab.

Es handelt sich um Sorten, die züchterisch nicht bearbeitet worden sind wie beispielsweise

Einkorn oder Nacktgerste oder auch diese alte Hessische Landsorte,

italienischer Nudelweizen, Emmer, Hugo Erbe-Weizen 26 , Dippes-Weizen 27 oder

Imperialgerste und viele mehr. Der Anbau solcher Sorten ist hauptsächlich im beginnenden

19. Jahrhundert eingestellt worden. Der Dippes-Weizen ist erst in den

1880er Jahren gestorben und seit da ist sein Weizen züchterisch durch niemanden

mehr entwickelt worden.

DA: Hugo Erbe hat bis lange nach dem Krieg gearbeitet. Er ist für sein Backferment bekannt,

das er entwickelt bzw. wiederentdeckt hat. Er hat über wenige Generationen aus

Wildgräsern Weizensorten gezüchtet, die heute auch noch in einem begrenztem Umfang

zur Verfügung stehen. Daher sind das heute wieder relativ neue Sorten, die noch nicht

nach modernen Kriterien gezüchtet worden sind und das macht sie spannend. Bei der

Imperialgerste war um 1910 Feierabend: Mit dem Einzug von Stickstoff in die modern-

25 Anonyme Löcher. Gemeint sind die Ablieferstellen der Lagerhäuser

für Ackerfrüchte. Es geht dabei darum, dass Landwirte

ohne eigene Lagermöglichkeiten gezwungen sind, ihre Ernte dort

zu dem angebotenen Preis abzugeben, wenn die Ware nicht verderben

soll.

Ausserdem wird der Abnahmepreis durch einige wenige, rasch

bestimmbare «Qualitätskriterien» und Fremdbesatz (Unkrautsamen,

Durchwuchs-Samen) bestimmt. Sortenqualitäten spielen

keine Rolle. So trägt diese Praxis (neben der Sortenzulassung)

ganz erheblich zum Artenschwund bei Nutzpflanzen bei, da nur

zuverlässige und ertragreiche Sorten für den normalen Landwirt

interessant sind. Das Endprodukt auf dem Markt wird dadurch

zunehmend uniform und sorten- oder regionalbedingte Unterschiede

sind nicht mehr erkennbar.

fielen sie mehr und mehr aus dem Flächenanbau. Einige wenige

Züchter arbeiteten an den Sorten weiter.

Heute werden die besonderen Qualitäten wieder zunehmend geschätzt

und im Rahmen der Pflege von Biodiversität und Regionalvermarktung

werden Erbe-Weizen und deren Weiterentwicklungen

vermehrt angebaut.

Erbe-Weizen-Sorten sind begrannt, langstrohig und insgesamt

auffällig (z.B. die goldene Farbe der Sorte «Goldkorn»). Es

sind eher Weichweizentypen, d.h. mit weichen wasserlöslichen

Klebern, die nicht backstrassentauglich sind und den heutigen

«Qualitätsanforderungen» nicht unbedingt entsprechen. Sie haben

einen sehr guten Geschmack und sind handwerklich oder in

der häuslichen Küche gut zu verarbeiten. Im Anbau sind sie anspruchslos

und mögen keine hohen Stickstoffgaben.

26 Hugo Erbe (1895–1965), Erbe-Weizen. Nach Hugo Erbe ist

auch ein Backferment aus Erbsenmehl, Honig und Salz benannt.

Erbe begann in den 1930er Jahren aus Wildgräsern völlig neuartige

Getreidesorten zu züchten. In den 1960er Jahren waren diese

im biologisch-dynamischen Landbau durchaus vertreten. Sie

zeichneten sich durch Ertragsstärke, hohe Qualität und Beständigkeit

aus. Mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck und

der Uniformierung der Qualitätskriterien in der Landwirtschaft

27 Gustav Adolf Dippe (1807–1890), Dippes-Weizen. Dippe war

Pflanzenzüchter und hat sich vor allem durch Zuckerrübenzucht

hervorgetan, ist aber auch in der Getreidezucht kein Unbekannter.

Die Dippe-Saatzucht war als Familienunternehmen ab Mitte

des 19. Jahrhunderts sehr erfolgreich und existierte noch in der

DDR. Heute gehört die ehemalige Dippe-Saatzucht als Firma

Hilleshög zur Syngenta-Seeds GmbH und ist einer der bedeutendsten

Zuckerrübensaatzüchter.

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konventionelle Landwirtschaft hat man damit aufgehört. Hier in der Region – Hohenlohe,

Odenwald, Taubertal, Bauland – kam der Stickstoff später und die Gerste wurde

relativ lange angebaut. Nach dem Ersten Weltkrieg ging’s dann los mit der landwirtschaftlichen

Umstellung. Da gab es unter anderem eine Stickstoff-Phase: Die hatten all

die Bombenfabriken und konnten sich das Pulver nicht mehr um die Ohren schiessen.

Der Stickstoff musste irgendwohin verräumt werden und dann haben sie ihn einfach

auf die Äcker geschmissen. Der Zweite Weltkrieg war dann mehr eine Pestizid-Phase.

Damals gab es all die Chemikalien und die mussten auch irgendwohin. So hat man sich

überlegt, wie man das auf die Äcker bringt.

Die Kriege hatten also einen so starken Einfluss auf die

Entwicklung der modernen Landwirtschaft?

28 Agent Orange (A.O.), Monsanto. A.O. ist der militärische

Code-Name eines Mischherbizids zur Entlaubung von Pflanzen

mit der CAS-Nr. 39277-47-9 (CAS = chemical abstract service,

internationaler Bezeichnungsstandard für Chemikalien). Agent

– engl. hier: Wirkstoff; orange: weil in orange markierten Fässern

gelagert; es gab auch Wirkstoffe, die anders gekennzeichnet

wurden und entsprechend z.B. agent blue hiessen. Es wurde im

Vietnam-Krieg von den US-Streitkräften in grossem Stil eingesetzt,

zunächst um Schutzstreifen um Militärbasen übersichtlich

zu halten, später auch, um gezielt Wälder zu entlauben und Agrarflächen

systematisch zu verseuchen. Neben den ohnehin sehr

giftigen Wirkstoffen enthielt A.O. auch stets sehr beständige und

hochgiftige «Verunreinigungen» (Dioxine), die in der Folge für

Fehlbildungen und Vergiftungen auch der Zivilbevölkerung verantwortlich

waren.

Firmen wie Monsanto, Dow Chemical und Spolana lieferten das

Mittel an die US-Streitkräfte und erwirtschafteten damit hohe

Gewinne. Auch die deutsche Firma Boehringer/Ingelheim lieferte

Ende der 1960er Jahre A.O.-Komponenten an Dow Chemical.

Dow Chemical und Monsanto gewannen durch diese Geschäfte

massgeblich die wirtschaftliche Potenz, um heute den weltweiten

Agrarchemie- und Saatgutmarkt zu kontrollieren bzw. die kapitalintensive

«Grüne Gentechnik» zu forcieren.

29 Hochstämme, Streuobstwiesen, Obstbau. Die Kulturobstbäume

sind normalerweise zweiteilig und bestehen aus der Unterlage

(Wurzel) und dem Edelklon (Krone), manchmal auch mit einer

so genannten Zwischenveredelung. Die Unterlage bestimmt die

Wüchsigkeit des Obstbaumes, also die Stammhöhe und die Grösse

der Krone, die Veredelung bestimmt die Obstsorte (Klon). Dieses

Verfahren ist im Prinzip schon so alt wie die Kultivierung von Obst

überhaupt. Allerdings sind die Unterlagen in den letzten 50 Jahren

immer «schwächer» geworden mit dem Effekt, dass die Bäume tendenziell

niedriger wurden, schneller in die Ertragsphase kommen

und schneller altern. Dies sind Faktoren, die einer industrieartigen

Obstproduktion dienlich sind: die Bäume lassen sich rationeller

pflegen und beernten, die Obstanlagen sind betriebswirtschaftlich

leichter zu kalkulieren und die Sorten können schneller den

«Marktbedürfnissen» angepasst werden. Dadurch sind alte Obstsorten

verschwunden oder sehr selten geworden. Empfindliche

Hochleistungssorten wurden in Monokulturen zur maschinellen

Pflege angelegt, Schädlinge spielen insofern keine Rolle, als die

Industrie gegen alles entsprechende Chemikalien anbietet. Mittlerweile

gibt es fast nur noch Einheitsware und dieser Trend wurde

viele Jahre lang auch politisch unterstützt. Mittlerweile hat man

bemerkt, dass die alten, dauerhaften und im Grunde pflegeleichten

Streuobstwiesen viel mehr Aufgaben hatten als nur Obst zu liefern.

Inzwischen pflegen viele Initiativen alte Sorten auch wegen ihrem

ökologischen Wert und legen Streuobstwiesen mit alten Sorten auf

Hochstämmen an. Ganze Artenketten aus Wiesenpflanzen, Insekten,

Vögeln und Kleinsäugern hängen an den Streuobstwiesen und

wirken weit in andere Lebensbereiche hinein.

In den enger werdenden Märkten und bei steigenden Rohstoffpreisen

werden die genügsamen Streuobstbestände auch wirtschaftlich

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DA: Ja und natürlich auch der Generationenwechsel. Monsanto ist durch Agent Orange

28 entstanden. Monsanto war anfangs der 60er Jahre eine kleine Firma. Durch den

Vietnam-Krieg haben sie das Kapital zusammengekriegt und bis heute haben sie so viel

Kapital schaffen können, dass sie jetzt mächtig in der Gen-Technologie mitmischen.

UW: Die alten Bauern haben sich auf die Neuerungen nicht eingelassen. Die haben

traditionell vor sich hin gewirtschaftet, wahrscheinlich auch durch die Realteilung:

kleine Bauerngüter und wenig Geld. Da hatte der Opa noch das Sagen und es lief

nichts mit Dünger und so. Entweder hatten sie die finanziellen Möglichkeiten nicht

gehabt oder es war wirtschaftlich kein Faktor. In der hier auf dem Land vertretenen

Grundeinstellung war auch kein Interesse vorhanden, mit so neumodischem Zeugs zu

arbeiten. Nach dem Krieg hat es dann nochmals zehn bis fünfzehn Jahre gedauert, bis

der wirkliche Generationenwechsel kam. Da hat es erst richtig «Bumm» gemacht. Die

Leute im Alter meines Vaters haben dann rigoros umgestellt.

DA: Die sind ja auch intensiv bearbeitet worden von der Heimvolksschule und der

Industrie. In den 50er Jahren gab es grosse Programme in Baden-Württemberg, wo

Intensivobstbau gefördert wurde, indem man für die Rodung von Hochstämmen 29 in

Streuobstwiesen und für Anlegen von Monokulturen gutes Geld bekam. Das war der

Ursprung des intensiven Obstanbaus in Baden-Württemberg. Heute schicken sie ehrenamtliche

Naturschützer aus, um die Streuobstbestände wieder hoch zu kriegen. Es

ist immer das gleiche Spiel: Die Grossen machen ihr Geld, indem unheimlich viel ka­

30 Mulcher. Maschinen mit schnell rotierenden Schlagwerkzeugen

(Schlegeln) an einer Welle und sehr hohem Kraftbedarf.

Mulcher werden eingesetzt, wenn das Mähgut auf der Fläche

bleiben und schnell verrotten soll. Dazu wird es in Stücke zerkleinert.

Da keine Klingen arbeiten, zerstören Steine und Äste

die Werkzeuge nicht. Sie werden zum Beispiel zur «Pflege» von

Wiesen, die nicht gemäht werden (dürfen), zum Schlegeln von

Gründünger, zum «Mähen» von Strassenrändern und auch – mit

hochgestellter Maschine – um Hecken «zurückzuschneiden» benutzt.

Die Arbeitsleistung der Maschinen ist hoch. Neben dem

hohen Kraftbedarf, was sich im Energieverbrauch äussert, ist

der unsaubere Schnitt zu bemängeln. Gemulchte Wiesenflächen

wachsen schlecht nach (was zunächst ja auch erwünscht ist) und

geschlegelte Hecken erholen sich schlecht von dieser «Pflege»,

da die zerspleissten Schnittstellen nicht verheilen und lange für

Erreger offen bleiben. Da die Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit

fahren, haben Insekten, Bodenbrüter und Säugetiere (Hasen,

Rehkitze usw.) kaum reale Fluchtchancen. Aus ökologischer

Sicht ist Mulchen als «Pflegemassnahme» abzulehnen, da es eher

Zerstörung und Energieverschwendung ist.

31 BUND, der. «Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland»,

ein wichtiger überregionaler Umweltverband in Deutschland.

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putt gemacht wird und die Naturschutzfreaks kriegen später das Pflanzmaterial und

dürfen renaturieren. Momentan geht es mit den Hecken so. Die Hecken werden von

den Landwirten mit den Maschinen niedergemacht, weil sie dafür Deckungsbeiträge

einfahren können. Sie werden von der Gemeinde engagiert und fahren dann mit ihren

hochgestellten Mulchgeräten 30 an der Hecke entlang und hauen alles kurz und klein.

Ich rechne mal damit, dass in spätestens zehn bis fünfzehn Jahren die Hecken eingehen,

weil sie das nicht vertragen. Die brauchen einen sauberen Schnitt. Wenn schon,

dann einen schonenden Schnitt, aber sicher nicht dieses Abfräsen. In ein paar Jahren

möchte man wieder was Neues: Dann schickt man BUND 31 und wie sie alle heissen

raus. Sie kriegen vom Minister ein Bäumchen mit Handschlag überreicht und dies

dürfen sie dann ehrenamtlich pflanzen. So wird die nächste Runde eingeläutet.

Ihr habt 2006 den 1. Preis «Förderpreis Naturschutzhöfe» erhalten.

Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, euch anzumelden?

UW: Wir waren gerade in der Kaffeepause, als jemand davon erzählt hat, oder es

stand in der Zeitung, die auch überall herumliegt. Ich kann mich erinnern, wie ich

gesagt habe: «Wenn wir da mitmachen, dann gehen wir aufs Treppchen. Sonst lassen

wir es gleich sein. Das wäre Blödsinn und Heissluft.» Wir wollen nicht einfach halbwegs

ordentlich Landbau betreiben und mit unseren Ideen rumhängen, Getreide anpflanzen

und Bienen-, Baum- und Heckenpflege machen, sondern wir wollen das auch

sinnvoll vermitteln.

Salopp ausgedrückt, kann man es so sagen: Dirk hat die Sau für den Wettbewerb dressiert,

und dann haben wir sie vorgestellt und sie hat beeindruckt.

Und wie lief das ab?

UW: Das ging los mit einer Ausschreibung. Sie wollten den Betriebsspiegel, wer da alles

arbeitet, welche Kulturen wir anpflanzen, auf welchen Flächen, in welcher Region.

Sie wollten wissen, was hier typisch sei und ob es hierhin passe, ob wir Fische auf dem

Trockenen züchten oder so etwas, weil es dafür wahrscheinlich auch irgendeinen Preis

gibt. Dirk hat dann alles zusammengetragen, was hier auf dem Hof läuft.

DA: Das Spannende war, dass dieser Preis nicht auf Öko-Landbau beschränkt war.

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Dies sahen wir als Herausforderung an, denn es gibt auch den Seehofer-Preis, mit dem

der beste Öko-Hof ausgezeichnet wird auf der Grünen Woche in Berlin. Das war etwas

Neues, denn so war diese Hürde nicht eingebaut, sondern alle wurden gleich behandelt.

Aufgrund der eingereichten Papiere wurde eine Vorauswahl getroffen, und die Jury ist

zwei- oder dreimal gekommen, um sich alles genau anzuschauen.

UW: Ursprünglich gab es vier- oder fünfhundert Kandidaten und die Frage war, wie

viele Bauern überhaupt Interesse an so etwas haben. 240 Betriebe bundesweit kamen

dann in die erste Ausscheidung. Die wurden nochmals angeschrieben und man musste

wiederum alles detailliert einreichen. Dann war eine Kommission unterwegs und

die haben sich alles angeguckt. Am Anfang waren das nur etwa drei Leute. Die haben

sich alle Höfe angeschaut und haben dann etwa zwanzig bis dreissig Kandidaten für

die engere Auswahl ausgesucht. Die sind hier rummarschiert und ich hab ihnen alles

gezeigt. Sie hatten relativ wenig Zeit, waren aber nicht unwissend. Sie haben genau

und überall geguckt, aber doch eher oberflächlich.

Nachdem wir in die engere Auswahl gekommen waren, kam der Fotograf. Bilder

wurden nur von den Höfen gemacht, die in der engeren Auswahl waren. Dann kam

eine grosse Kommission: Leute vom Bauernverband, das Ministerium, die Frankfurter

Rundschau, die Presse usw. Die haben sich mehr Zeit genommen und sind mit

dem Anhänger mit Tisch und Tee drauf draussen herumgefahren und haben so alles

Mögliche abgeklappert, sind über Felder marschiert und haben alles angeschaut, was

im Getreide wächst. Es war spannend, weil ich auch nicht alle Pflanzen kenne, die

da wachsen. Es war witzig, denn da kamen Leute, die Biologie studiert hatten und

entdeckten Pflanzen, die sie auch nicht kannten. Dann kamen diese Fragen: «Was

ist das, passt das hierher?» oder «Ist das nicht schon ausgestorben?» Da wurde es

richtig interessant. Sie haben viele Pflanzen entdeckt, die ihrer Meinung nach in der

Landwirtschaft gar nicht mehr vorkommen. Für uns war klar, dass wir ziemlich weit

vorne mitmischen.

Es gab dann Verzögerungen, weil der Preis zum ersten Mal ausgeschrieben war und

sie noch den Modus geändert haben. Ursprünglich war gedacht, dass es einen ersten,

zweiten und dritten Platz sowie neun Anerkennungen zu vergeben gibt. Dann

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haben sie gemerkt, dass es mit dem ersten, zweiten und dritten Platz schlecht bzw.

schwer ist, weil man eben nicht vergleichen kann. Sie haben sich letzten Endes dazu

entschlossen, sozusagen drei erste Preise in grossen Bereichen zu vergeben, und da

war dann eben auch Sonderkultur dabei und Weinbau. Es war ein Weidebetrieb

dabei, der praktisch nur Tiere gehalten hat und einer, der Getreide anbaut. Das

waren dann die drei gleichwertigen Prämierungen in unterschiedlichen Branchen.

Alle Preise wurden mit grossem Pomp in Bonn im Amt für Naturschutz durch den

Bundesminis ter für Umweltschutz, Sigmar Gabriel, verliehen. Es gab ein grosses

Buffet usw. Es war schon lustig, sich das mal anzugucken.

Und was habt ihr da bekommen?

Eine Art Dokument, eine Urkunde?

UW: Ja, eine Urkunde. Einen Blumenstrauss haben wir auch gekriegt.

Musstest du eine Dankensrede halten?

UW: Nein, aber es war ganz nett. Wir sind dann mit Sigmar Gabriel rumgestanden. Er

hatte nicht viel Zeit. Wir konnten ein paar Worte austauschen und ich denke, dass er

mal hierher zu Besuch kommen wird. Wir haben ihn eingeladen und vielleicht findet

er mal die Zeit, dass er sich das hier live angucken kann.

DA: Dieser erste Preis war auch eine Art Initialzündung. Vorher bist du irgendein Verrückter,

den niemand so recht ernst nimmt und dem vom Landwirtschaftsbeamten gesagt

werden muss, wo die Grenzen sind. Mit dem Preis wird man plötzlich eine Hausnummer.

Es rufen Leute an und wollen sehen, wie das bei uns läuft. Man kann sich

auch ein bisschen mehr leisten und erlauben. Deshalb ist es vorteilhaft, wenn man den

renommierten Preis bekommt. Es ist schade, dass es so sein muss, aber es hat schon Gewicht.

Es hat einen Ruck durch unsere ganze Geschichte gebracht: Wir sind mit der Uni

Kassel ins Gespräch gekommen und sind immer wieder mal bei Tagungen dabei und

reden vor Studenten. Es kommen jetzt von Kassel oder Hohenheim Studenten hierher,

um zum Beispiel ein Praktikum zu machen.

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64 Rispenhirsenbestand

66 Schwarzer Emmer

68 Weizenbestand

70 Leinbestand

72 vorne Roggenmischbestand, hinten Imperialgerste

75 Leindotter-Hafer-Gemenge

76 Weizenmischbestand (vgl. S. 34 unten)

78 Weizenmischbestand (vgl. S. 34 unten)

80 Wickenbestand

82 Bunte Begrünung

84 Leindotter und Braunhirse

86 Weizenmischbestand (vgl. S. 34 unten)

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NUN

FAHREN

WIR VON DER

AUTOBAHN

runter und kurven durch die Dörfer. Links und

rechts der Strasse hat es frisch umgebrochene

Felder. Auf Uwes Feldern weiden zur gleichen

Zeit die zwei Viehherden die Stoppeln ab, geben ihre Wiederkäuerwärme dem Boden,

verbinden ihren Stoffwechsel mit dem der Erde. Eine Art tierisches Glück ist sichtbar,

die Viecher haben Appetit auf dieses lebendige Futter und fühlen sich erkennbar

wohl in diesem Wohnzimmer der Natur. Im Gegensatz dazu wirken die dunkelbraunen

Felder hier verlassen, feindselig, kalt und depressiv. Ich kann mich nicht erinnern,

dass Van Gogh, Monet oder Pissarro Schwarzbrachen gemalt haben. Und überhaupt:

Zu Beginn der Moderne waren die Felder ein wichtiges Thema für bedeutende Maler.

Waren sie nur ein dankbares Motiv oder mehr? Ein Feld symbolisiert das Brot,

das Kern des Lebens oder zumindest unseres gesellschaftlich organisierten Lebens

ist. Wenn ich die Bilder von Monet oder Van Gogh oder die Felder von Uwe mit dem

vergleiche, was heutzutage mehrheitlich in der Landwirtschaft praktiziert und von der

etablierten Wissenschaft angeführt wird, staune ich über riesige Diskrepanzen. Van

Gogh würde sich wohl eher in seine Fantasie flüchten als sein Malzeug vor einem heutigen

Acker mit seiner leblosen Gleichförmigkeit auszupacken.

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UW: Mit dem Hügeln hab ich jetzt eine Möglichkeit, gestalterisch viel mehr zu machen.

In der konventionelleren Landwirtschaft ackert man und legt die Felder irgendwie

an. Es ist eine gewisse Ordnung vorgegeben. Es ist nicht leicht, mit den dreieinhalb

bis fünfzehn Metern breiten Geräten umzugehen. Und so sieht es dann auf dem Land

aus: Die Felder sind eingeteilt in Fahrgassen, der Technik untergeordnet, damit zum

Beispiel eine fünfzehn Meter breite Spritze durchpasst. Ich lege meine Felder so an,

dass es der natürlichen Ordnung entgegenkommt, auch mit den Bäumen, Hecken und

der Standortwahl der Pflanzen. Das ist die zentrale Fragestellung in der Mischkultur:

Wie mache ich einen sinnvollen Verbund mit einem Getreide, einer Leguminosenpflanze

oder einem Klee zum Beispiel oder mit zwei verschiedenen Getreidesorten.

Dazu muss die Technik stimmen, damit man eine solche Anordnung gewinnbringend

ermöglichen kann. In der Permakultur 32 nehme ich vier Tüten mit in den Garten und

stecke von Hand eine Zwiebel, da eine Bohne, da setze ich eine Erdbeere – so geht es

leicht. Auf einem Acker muss man das technisch lösen, aber trotzdem den natürlichen

Gegebenheiten anpassen und nicht maschinellen Voraussetzungen. Genau da haben

wir viele Erkenntnisse und Möglichkeiten gefunden, die in der konventionellen Landwirtschaft

fehlen.

Früher gab es doch immer Probleme mit den Vögeln, die in

den Feldern grosse Schäden verursacht haben.

UW: Das Problem gibt es immer noch. Ich kenne das von anderen Bauern, bei denen

Schäden durch Vögel auftreten, aber auch durch Mäuse und andere Schädlinge. Ich

weiss auch nicht wirklich, was man dagegen machen kann: Wenn ein Schädling kommt

– egal, ob es sich um einen Käfer, eine Blattlaus, einen Vogel oder die Maus handelt

–, ist es wichtig, dass das natürliche Gleichgewicht im Einklang ist mit den Kräften

aus der Erde und dem Bauern, der darauf arbeitet. Das Geistige trägt auch zu dieser

Balance bei. Ich denke, dass die Schäden durch irgendetwas hervorgerufen werden

können. Letztes Jahr war extrem, da gab es weit verbreitet viele Probleme mit Mäusen.

Ich kenne auch viele andere Betriebe, die grosse Probleme mit den Vögeln haben,

die die Saat immer wieder fressen und deshalb ständig nachgesät werden muss. Das

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kommt hier nicht vor. Ich lasse auf dem Feld immer etwas für die Vögel stehen.

Entweder hast du Glück oder du bist Gottes Liebling …

UW: Nein! Der liebe Gott hat doch alle lieb!

DA: Ein Bekannter von der Heimvolksschule hat mal über die Obstbäume äusserst treffend

gesagt: «Wenn man meint, dass man praktisch das ganze Jahr nicht zu seinen Obstbäumen

hinausgeht und sich nicht mit ihnen unterhält oder auseinandersetzt und wenn

man sich dann einbildet, dass da kein anderer das Obst holt, der öfter kommt, dann ist

man ein bisschen naiv».

In welcher Rolle stehst du hier im Betrieb?

DA: Ich bin die «Rechte Hand für alles» und insbesondere mache ich die Präparate-

Arbeit 33 . Ich bin ein Stück weit das Sprachrohr nach aussen, vor allem wenn es um Bereiche

geht wie den Uni-Studenten oder wenn es eine klare Systematik darzustellen gilt.

Ich bin der Ansprechpartner für Leute, die eher das analytische Denken brauchen. Uwe

32 Permakultur. Ein Anbausystem mit ständig belebter und grüner

Fläche. Es wird nur noch mit Direktsaat gearbeitet. Permakultur

stellt an den Boden und den Bewirtschafter hohe Anforderungen.

Der Boden muss weitgehend intakt sein und der Bewirtschafter

muss sehr umsichtig handeln. Dann aber bringt die Permakultur

hohe Erträge bei wenig Arbeit und Energieeinsatz.

33 Präparate. (Wesen, Zusammensetzung, Aufwand, Anwendung).

Die biologisch-dynamischen Präparate versuchen die Sensibilität

für den Boden und alle anderen Hoforgane aufzugreifen, indem

sie ein Informationssystem zwischen den Wesensgliedern zu

realisieren versuchen. Der anwendende Landwirt kann aktiv die

Hoforgane ansprechen, wie dies der Arzt oder Heilpraktiker mit

homöopathischen Mitteln bei den Körperorganen des Patienten

versucht. Allerdings sind die Präparate keine Heilmittel, die nur

bei «Krankheit» eingesetzt werden. Die Lebendigkeit der Hoforgane

wird so ernst genommen, dass ein geistiger Austausch als

möglich und notwendig betrachtet wird. Den Hoforganen wird die

Möglichkeit der «Rücksprache» zugestanden und so ein Dialog eröffnet.

Die Substanzen spielen dabei eine untergeordnete Rolle.

Es ist wie beim Briefe schreiben: zwar braucht man Papier und

Tinte, aber die eigentliche Botschaft liegt nicht in den Substanzen,

sondern in dem, was sie geistig tragen. Die Präparatearbeit geht

insoweit über die reine Beobachtung hinaus, als sie ein aktiver

Vorgang ist; und sie bleibt «unterhalb» der Handlungsebene, weil

insofern kein direkter, ergebnisorientierter Zweck damit verbunden

ist.

Interessanterweise trifft sich das Prinzip der Präparatearbeit mit

Erkenntnissen der theoretischen Physik, insbesondere wenn es um

das Verhalten und das Wesen von Elementarteilchen geht. Das Präparatewesen

will auch nicht in Konkurrenz mit naturwissenschaftlichen

Erkenntnissen treten, sondern diese ergänzen, indem mit Tatsachen

umgegangen wird, die zweifelsohne geistiger Natur sind und

deshalb gar nicht naturwissenschaftlich beschrieben werden können,

weil hier Geistigkeit und Lebendigkeit gar nicht definiert sind.

Das Präparatewesen ist – wie eine Sprache – ein offenes System,

in dem es zwar Regeln gibt, aber sowohl die Regeln als auch die

Ausdruckmöglichkeiten einem ständigen Wandel bzw. einer ständigen

Entwicklung unterworfen sind. Es ist auf jeden Fall falsch, von

einer Art «Düngung» zu reden; diese Vorstellung geht an der Präparatearbeit

völlig vorbei, es sei denn, man meinte Kunstdünger im

ursprünglichsten Sinne des Wortes. Im Demeter-Verband sind die

Mitglieder zur regelmässigen Anwendung der von Rudolf Steiner

im Landwirtschaftlichen Kurs (1924) empfohlenen acht Grundpräparate

verpflichtet. Darin erschöpft sich die biologisch-dynamische

Präparatearbeit aber bei weitem nicht: es wurden weitere Präparate

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kann entsprechend besser mit Landwirten umgehen. Ich habe das Gefühl, dass wir uns

gut ergänzen.

Welche Prozesse kommen in Gang, wenn ihr auf neue Ideen kommt?

DA: Wenn wir beim Kaffee oder beim Bier zusammenhocken und dann gehen einem

verrückte Gedanken durch den Kopf, sagen wir uns: «Dieses und jenes müsste doch

eigentlich funktionieren.» Dann probieren wir aus und sammeln Informationen. Das

Recherchieren gehört auch zu meinen Aufgaben. Auch wenn es zum Beispiel darum

geht, Saatgut zu besorgen und die Informationen über Quellen zu kriegen.

92


93


96


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93 o. «Präparateturm» mit Rührkesseln

93 u. Präparatespritze

94 Sämaschine für Gemengesaat

96 o. Direktsämaschine «Eigenbau»

96 u. Montagewerkstatt

97 o. Werkzeugschmiede

97 u. Werkzeugschmiede

98 o. Alles findet Verwendung

99 o. Getreideannahme («Gosse»)

99 u. Trocknungssilos mit Warmluftgebläse

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Holperwege. Es dauert über eine Stunde, bis wir beim

«guten Metzger» sind. Es ist ein Familienbetrieb, der

Junior kommt aus dem Haus, er macht einen vertrauenswürdigen Eindruck, ist seiner

Sache sicher. Er wirkt nicht wie ein Mörder, sondern wie der seriöse und warmherzige

Vollstrecker einer Notwendigkeit. Wäre ich ein Schwein, ich wäre vermutlich einverstanden,

in den Händen dieses Mannes zu enden. Ich könnte in ihm die natürliche

Konsequenz meiner Hingabe an ein erfülltes Schweineleben sehen. Ich würde mich

noch bei Uwe bedanken für das üppige und anarchistische Leben unter freiem Himmel

inmitten lustiger Artgenossen, für das wirklich einmalig gute Essen (Wir bekamen

unter anderem die Sämereien von den Feldern, alles, was übrig blieb beim Dreschen

vom Getreide, von den Hülsenfrüchten und Ölsaaten, aber auch die Samen von allen

Beikräutern wie Brennnesseln, Wegerich, Wicken und Disteln) und dass er für mich

diesen anständigen Metzger ausgewählt hat. Es beginnt bereits zu dämmern, als wir

uns von dem Schwein und seinem Metzger verabschieden und weiterfahren. Wir wol-

LAND-

STRASSEN,

DÖRFER,

101


UW: Wenn das Feld brach liegt, kommt es zu Gärungsprozessen, bei denen Kohlenstoff

freigesetzt wird, der normalerweise über die Wurzelverbauung organisch gebunden

ist. Die Wurzelverbauung wird in der konventionellen Landwirtschaft unterbewertet:

Es wird primär über den mineralischen Dünger Fruchtbarkeit hergestellt oder

gewährleistet. Das Bodenleben, das über die Wurzelbebauung erhalten wird und den

Humus bildet, spielt eine Nebenrolle. Die brauchen nicht den Boden an sich, sondern

Dünger, Wärme und Wasser. Es ist gewaltig, was ein Hektar konventionell gehaltener

und unbedeckter Fläche übers Jahr an Kohlendioxid ausgast.

Wenn der Boden nicht bedeckt ist, ist er eine CO2-Maschine?

DA: Richtig. Im Vergleich dazu ist der CO2-Ausstoss der Bodenbearbeitungsmaschinen

nur Peanuts. In einem Vortrag hat Hartmut Grassl 34 , der am Max-Planck-Institut für

Klimatologie arbeitet und damals in der Kommission für den Weltklimabericht war,

sehr eindringlich, genau und spannend über diesen Punkt in der Landwirtschaft referiert.

Er hat da richtiggehend «heilige Kühe geschlachtet». Er ist auch schon an verschiedenen

Bauernveranstaltungen rausgeschmissen worden, wenn er gesagt hat, was Sache

ist und dass der Landwirt auch Natur- und Klimaschützer ist oder sein sollte.

In der konventionellen Landwirtschaft wie auch in der biologischen wird

also das Zeitfenster so gestaltet, dass in vier Wochen im Sommer

alles geerntet wird und dann die Erde «nackt» daliegt, oder? Und dann gast

sie CO2 ab, solange keine Frucht drauf ist.

DA: Die Schwarzbrache im Sommer ist noch viel schlimmer als im Winter, weil da mehr

Leben im Boden ist. Die Zersetzungsprozesse starten viel schneller als im Winter. Aber

auch im Winter sollte man das Feld nicht unbedeckt lassen. Es ist immer besser, wenn die

gesamte Fläche begrünt oder irgendwie verbaut ist. Verbaut ist noch besser als begrünt.

Was heisst verbaut? Wenn Wurzeln drin sind?

DA: Ja. Aber im Sommer zersetzt sich das schnell, was man auch in jedem Komposthaufen

merkt, und im Winter zwischen November und April ist nicht allzu viel los, weil

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die organischen Prozesse durch die Temperatur heruntergefahren sind.

UW: In der konventionellen Landwirtschaft lernt man, dass die Wurzeln, die im Boden

sind, enterdet 35 werden sollen. So habe auch ich es gelernt und so haben es auch

die anderen gelernt, was von deren Standpunkt aus auch einleuchtend ist.

Das verstehe ich jetzt nicht.

UW: Die Wurzeln verbauen die Erde und in der Erde können sie wachsen. Bei allem,

was man als Unkraut bezeichnet, ist Erde aussen rum. Du brichst den Boden zwar um,

aber die Pflanze wächst auch kopfüber – oder wie auch immer – weiter und ist dann

schädlich.

Sie ist schädlich?

DA: Nein, aber es wird so betrachtet. Die Pflanze mit der Wurzel kann ja weiterwachsen.

Also geht man hin und enterdet sie, so dass sie keinen Bodenanschluss mehr hat. In

der Folge stirbt sie ab.

UW: Wenn man Unkrautdruck hat und zum Beispiel Klee umbricht, dann muss man

das auf eine bestimmte Art machen. Sonst wächst die Pflanze immer weiter. Wenn

Klee drauf ist und ich will hinterher etwas anderes anpflanzen, dann muss der Klee

vom Feld weg. Erst dann kann ich etwas anderes kultivieren, weil Klee keine anderen

Pflanzen neben sich dulden würde. Also muss man eine Methode dazu finden. Der

Boden kann das aus und durch sich selbst, man muss diesen Prozess nicht unbedingt

mechanisch umsetzen. Ohne technisch-mechanische Hilfe ist es viel schonender, und

34 Hartmut Grassl (*1940) ist ein engagierter deutscher Klimaforscher,

der bereits in den 1980er Jahren eindringlich vor dem

Klimawandel warnte. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter am

Meteorologischen Institut Mainz und in Hamburg und war auf

Reisen mit dem berühmten Forschungsschiff ‹Meteor›. 1981 wurde

er Professor in Kiel, 1984 Direktor am GKSS in Hamburg.

1988 erhielt er eine Professur an der Universität Hamburg und

wurde gleichzeitig Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie

in Hamburg bis zu seiner Emeritierung 2005. Er leitete

mehrere Jahre das Weltklimaforschungsprogramm der World

Meteorological Organization in Genf, die mehrere Weltklimaberichte

erarbeitete, und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und

Ehrenprofessuren auf der ganzen Welt.

35 enterden. Beim Umbruch oder bei der mechanischen Unkrautbekämpfung

muss die Wurzel der Zielpflanze (Unkraut) möglichst

vollständig von der umgebenden Erde befreit und oben auf den

Boden abgelegt werden. Behält die Pflanze über ihre Wurzeln den

so genannten Bodenschluss, so wirkt die Behandlung wie Pikieren,

«Umtopfen» oder Schröpfen (wenn nur der Trieb entfernt wird und

die Wurzel völlig unversehrt bleibt). Dies führt bei vielen Pflanzen

sogar zu einer Wachstumsförderung und verstärkter Bestockung.

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daran muss man arbeiten. Das gängige Kriterium bei der mechanischen Unkrautbekämpfung

ist, dass man die Wurzel enterdet. Wenn man sie nicht enterdet, ist das im

Extremfall wie ein Umtopfen oder ein Pikieren. Das muss der Boden bei mir über

kurz oder lang selber machen, und er kann das auch. Wenn du ihn mit aller Gewalt zur

Schwarzbrache machst und dann klein bröselst, ist die Ausgasung um ein Vielfaches

intensiver.

Schwarzbrache heisst, wenn der Boden völlig nackt ist?

UW: Ja, es ist obszön, wie ohne Klamotten auf der Strasse gehen. Es ist aber nicht nur

obszön, sondern auch klimaschädlich. Der Humus ist eigentlich die grösste Kohlenstoffreserve

der Erde.

Welche Rolle spielt der Humus für die Erde?

DA: Das ganze Gerede um die Bio-Energie ist reine Augenwischerei. Es wird ja immer

vorgegaukelt, dass nachwachsende Rohstoffe einen geschlossenen Kreislauf bilden.

Letzten Endes läuft es darauf hinaus, dass man die Humusschicht verheizt, weil das

Erdöl und die Kohle langsam und absehbar zu Ende gehen. Wobei wir schon seit Urzeiten

dabei sind, die Humusschicht zu verbrauchen. Jede ackerbauliche Tätigkeit ist ein

Verheizen von Humus. Einzig der Wald baut tatsächlich den Humus auf.

Doch der Wald will in Ruhe gelassen werden. Wird er gerodet, ist das immer Raubbau.

Es gibt verschiedene Grade von Raubbau. Ich kann ein Stück Land oder Wald innerhalb

von wenigen Jahren bis aufs Zahnfleisch herunterwirtschaften oder ich kann damit

vernünftig umgehen. Aber nie wird es möglich sein, durch konsequente Agrarkultur

so viel Humus aufzubauen, wie eigentlich nötig wäre. Das schafft nur der Wald und

deshalb ist er auch so ungeheuer wichtig für uns. Heute denkt man ein Stück Wald nur

noch in Kubikmeter Holz und das ist völlig verfehlt. Bei uns ist der Wald ganz eng ins

Konzept integriert.

UW: Um beim Thema Boden zu bleiben oder bei der Bodenbearbeitung: Es gibt natürlich

Massnahmen, die wirklich bodenzerstörend sind und es gibt Massnahmen, die

bodenaufbauend sind. Davon bin ich nicht nur überzeugt, das hab ich schon mit eige-

104


nen Augen gesehen. Die Erde wird wahrscheinlich nicht dicker werden, wenn man

richtig Landbau betreibt. Der Humus muss so sein, wie das Wasser im Fluss. Er wird

verbraucht, und dann wird er wieder neu hergestellt und aufgebaut, zum Beispiel

durch Wurzelausscheidungen der Pflanzen und durch das ganze Bodenleben und die

Mikroorganismen im Boden. Der ist ja lebendig! All dies muss in einem halbwegs vernünftigen

Rhythmus geschehen.

Der Boden regeneriert sich also selber?

UW: Ja. Er könnte es oder er ist dazu in der Lage, wenn man ihn lässt. Ich weiss

noch, – das habe ich auch sehr lange Zeit geglaubt –, dass Landschaftsstrukturen wie

zum Beispiel die Streuobstwiese 36 die artenreichsten seien in unserer Gegend. Das

stimmt aber nicht und ist sogar falsch. Der grösste Artenreichtum herrscht im Wald.

Auch bei uns.

Es gibt extrem unterschiedliche Wälder…

DA: Man muss schon unterscheiden. Zwischen einer Fichtenmonokultur und einem einigermassen

gesunden Wald liegen Welten. Es gibt auch eine Art Streuobstmonokultur;

so etwas meine ich natürlich nicht. Früher galt im ökologischem Bereich, dass offene

Auenlandschaften anzustreben seien oder Streuobstwiesen, weil dann auch die Schmetterlinge

unterwegs sind und die Vögel, vom Rotschwänzchen über den Pirol bis zum

Steinkauz. Aber das ist auch nur ein Raster. Es mag sein, dass der Anteil von höheren

Tieren, also Wirbeltieren, in Streuobstwiesen höher ist. Aber wenn man tatsächlich genau

hinschaut, was die Lebensprozesse aufbaut, dann ist es der Humus, das Edaphon,

also letztlich die Mikroorganismen.

Was hast du gesagt: Edaphon 37 ?

UW: Das ist die Summe aller Bodenorganismen. Das Wort ist vom Griechischen abgeleitet

und heisst sinngemäss «was die Erde macht» oder «was die Erde bildet». Das

sind Mikroorganismen, die man zum grössten Teil mit blossem Auge gar nicht sehen

kann. Und in einem Waldboden ist der Artenreichtum im Vergleich mit allen anderen

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Böden mit Abstand am grössten. Im Wald herrschen paradiesische Verhältnisse, wenn

ich es in einem biblischen Bild auszudrücken versuche. Da geht alles von selber. Und

mit der Schlange und dem Apfel hat sich der Mensch aus dieser Situation herausbegeben.

Nun muss er es selber machen, quasi mit schwachen Krücken auf dem Acker die

Kulturen pflegen. Es geht nicht mehr automatisch wie im Paradies, sondern ist mit viel

Mühsal verbunden. Und es wird kein Wald entstehen, weil der Mensch das Paradies in

seiner ursprünglichen Form nicht machen kann, sonst könntest du die ganze Geschichte

in der Pfeife rauchen. Das Paradies ist etwas anderes, als was wir hier machen. Die

Kultur, die ganze Arbeit hat mit Mühsal zu tun, aber es kann schlussendlich funktionieren.

Und daran müssen wir arbeiten. Wir müssen nicht unbedingt Waldverhältnisse

schaffen, und ich glaube auch nicht, dass wir dazu in der Lage wären.

DA: Waldverhältnisse zu schaffen wäre theoretisch möglich, aber dann verlören wir

alles, was wir Kultur nennen. Wald ist wild, ist Natur pur und in dem Sinne Paradies.

Dann müssten wir uns von verschiedenen Dingen verabschieden, die wir hoch schätzen

in unserer Kultur. Eine Lebensversicherung zum Beispiel gibt es im Wald nicht.

Vom Kulturwald zum Urwald, da gibt es verschiedene Abstufungen …

36 Streuobstwiese. Siehe Fussnote 30, Seite 58: «Hochstämme,

Streu obstwiesen, Obstbau»

37 Edaphon, das. Der Begriff «Edaphon» geht auf den Mikrobiologen

und Botaniker Raoul Heinrich Francé (1874–1943) zurück

und fasst sämtliche Bodenlebewesen zusammen, die kleiner als 2

mm sind plus die Würmer.

Es besteht etwa zu 40% aus Bakterien, 40% Algen und Pilzen,

12% Regenwürmern und 8% Makro- und Mikroorganismen (wie

Nematoden, Milben, Collembolen usw.).

Das Edaphon baut in hochkomplexen Stufenprozessen abgestorbenes

organisches Material zurück («Mineralisation») oder bereitet

es für andere Lebensprozesse auf. Eine wichtige Erkenntnis

des Bodenforschers Francé ist, dass dabei die Ebene der Belebtheit

nicht verlassen wird; d. h. der weithin gebräuchliche Begriff

der «Mineralisation» für den Abbau organischen Materials ist

nicht korrekt. Ist die tatsächliche Mineralisation erst einmal erreicht,

so ist es sehr langwierig bis unmöglich, wieder in die Lebendigkeit

zu finden.

38 Verbuschung. Die Verbuschung ist eine Sukzessionsstufe einer

ehemals kultivierten Fläche hin zum Wald. Wiesen und Äcker bedürfen

z.B. in Mitteleuropa der menschlichen Nutzung bzw. Pflege,

um die Entwicklung zum Wald zu unterbinden (Kulturlandschaft).

Überlässt man eine Wiese oder einen Acker sich selbst, so spricht

man zunächst von der Brache, welche dann verbuscht, indem immer

mehr Sträucher und Pionierbäume wie Birken (auf eher trockenen

Flächen) oder Erlen, Weiden und Pappeln (an Gewässern)

aufgehen. Ist ein dichteres Blätterdach aufgebaut, verschwindet

das Gras und macht Platz für Waldbäume, die die Pionierbäume

ablösen. Dies ist nur ein sehr grobes Bild der Sukzession, deren

Ausprägung und Geschwindigkeit stark von den regionalen Verhältnissen

abhängig ist. Es braucht Jahrhunderte, bis aus einem

Acker ein echter Urwald entstanden ist. Die Zielausprägung ist

ebenfalls schwierig vorherzusagen: Hätte man bisher nördlich der

Alpen als Sukzessionsziel den Buchen-Eichen-Wald angenommen,

dürfte es angesichts der Klimaerwärmung eher in Richtung

Marronen-Nussbaum-Wald gehen. Was heute die Eichen-Buchen-

Wälder in Mitteleuropa sind, waren vor den Eiszeiten ausgedehnte

106


DA: Sagen wir es mal so: Es ist die Bewegung, in der sich alles entwickelt, wenn sich der

Mensch verabschiedet. Es dauert mehr oder weniger lang. Wenn du einen Acker liegen

lässt, ist der Wald sein innewohnendes Ziel, respektive sein Prinzip.

UW: Es ist jedoch von Region zu Region verschieden, und es hängt auch mit dem

Klima zusammen.

DA: Man verliert in dieser Betrachtung die zeitliche Dimension. Es dauert halt. Das

Endziel ist immer Wald. Es fängt meistens mit Verbuschungen 38 an, und dann wird der

Buschwald abgelöst. Je nach Standort kommen dann zum Beispiel Erlen oder Birken

und irgendwann ist wieder die Eiche oder Buche da. In Zukunft vielleicht eher Marronen,

wenn es wärmer wird. Aber das Bestreben ist und bleibt Wald.

UW: Wir als Menschen, als Bauern – da wird’s jetzt sehr biodynamisch – übernehmen

eine Funktion, mit Willenskraft an die Landschaft heranzutreten. Man übernimmt damit

auch sehr viel Verantwortung.

Agrikultur ist also zu einem wesentlichen Anteil Gestaltungswille?

DA: Ja, das hat alles mit Willenskraft zu tun. Die Natur selber würde es ganz anders

ma ch en. Es ist schwierig, dort eine Kraft festzustellen, die eine Richtung hat. Es erscheint

uns mindestens auf den ersten Blick alles chaotisch. Und es wird auch niemals

Rücksicht genommen auf den Menschen. Landschaft wird nur durch die Tätigkeit des

Bauern gestaltet.

Vorhin haben wir diese Feldteilung erwähnt.

Das ist ja erst seit Napoleon so, oder?

UW: Die Realteilung 39 ? Ja.

Früher hat das Land dem Adel gehört, und der Adel war quasi

das «Blaue Auge» Gottes. Darum sagt man auch, die haben «blaues» Blut.

Der Adel hat den Bauern und dem gemeinen Volk das Land zur

Verfügung gestellt. Und Land war alles. Land und Felder waren früher

nicht so abgegrenzt wie heute. Das Vieh wurde in den Wald

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getrieben und hat dort alles kurz und klein gefressen.

DA: Der Wald war früher das «Unbekannte». Da gab es noch Anger und die Wildnis

war immer feindlich. Die Natur als etwas zu betrachten, das gehütet und gehegt

werden muss, ist an sich eine moderne Sichtweise. Zumindest im abendländischen

Raum, da hatte man traditionell noch lange einen Hag rund um die Ortschaft herum

angelegt und alle, die darüber hinausgegangen sind und dort klar gekommen sind, die

abends eben nicht wieder ins Dorf hinter den Hag zurückgekommen sind, das waren

Helden und Berserker.

UW: Das hängt auch mit dem Glauben und der Religion zusammen. Die sind ja aus

dem Paradies raus und haben sich dann nicht mehr getraut hineinzugehen. Gerade

in der christlichen Religion ist es spannend: Die Christen hatten Angst vor Gott. Sie

haben sogar Geld bezahlt, damit sie nicht in die Hölle kommen 40 . Praktisch niemand

ist freiwillig in den Wald gegangen, da er eben als feindlich betrachtet wurde. Man hat

vielleicht noch ein Stück Wald für das Brennholz gehabt, aber dann war irgendwann

Schluss. Alles Weitere war nicht geheuer wie beim Meer auch.

Welchen Einfluss hatten die

napoleonischen Reformen auf die Landwirtschaft?

UW: Die vorhandenen Strukturen wurden brutal geschwächt, würde ich mal sagen. Es

war danach sehr mühselig, Strukturen aufzubauen, mit denen man Macht oder Einfluss

auf den Handel ausüben konnte.

DA: Vorher war es so, dass der älteste Sohn den Hof übernommen hat, und diese

Tradition hat sich abseits der napoleonischen Einflusszone gehalten, etwa in Bayern

oder Norddeutschland. Es hat sich ein gewisser Landadel gebildet und etabliert. In

Süd-Westdeutschland etwa sind die Parzellen immer kleiner geworden. Ansonsten

war es so, dass immer der Zweitgeborene oder die anderen Nachgeborenen für ihr

Weiterkommen abseits des Elternhofes schauen mussten. So kam es regelmässig zu

Auswanderungswellen, beispielsweise nach Amerika.

Eine weitere interessante Betrachtung aus den Agrar- und Forstwissenschaften ist die

Rache der Zweitgeborenen. Sie haben versucht, als landwirtschaftliche Berater Ein­

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fluss auf die Erstgeborenen zu nehmen über die Hintertreppe. Und in Süd- und Süd-

Westdeutschland sind dadurch die Parzellen immer kleiner geworden und heute sind

wir so weit, dass ein Landwirt hier im Süd-Westen normalerweise zu zwei Dritteln auf

Pachtgelände arbeitet. Zwei Drittel eigenes Land wie hier auf unserem Hof ist eher

39 Realteilung. Die Realteilung sieht vor, dass im Erbfall die gesamte

Erbmasse (real) auf alle Erbberechtigten gleichmässig verteilt

wird. Diesem Prinzip steht das Anerbenrecht gegenüber, wo

der Hof von der übrigen Erbmasse getrennt behandelt wird und

geschlossen als Einheit an einen Erbberechtigten weitergegeben

wird (z.B. den Erstgeborenen, Stammhalter usw.). Der Anerbe

muss zum Beispiel in Baden und Hessen aktiv vom Erblasser bestimmt

werden, sonst greift die Realteilung. Das Anerbenrecht

ist germanischen Ursprungs und zollt dem Hof als Institution

Rechnung, dem der Mensch als Organ dient und dem er sich insofern

unterzuordnen hat. Das ist auch ein Grund, weshalb das

Anerbenrecht im nördlichen Deutschland und Europa, aber auch

in Niederbayern verbreitet ist (Feudalherrschaft). Die Realteilung

ist historisch gesehen moderner und respektiert Freiheit

und Gleichberechtigung des einzelnen Menschen und ordnet die

Sache an sich unter. Sie entstand aus dem Römischen Recht und

kommt daher insbesondere im Süden und Südwesten (entlang

dem Limes) zum Ausdruck, wo der römische Einfluss viel stärker

war als im germanischen Kernland.

Um die Hintergründe etwas besser zu verstehen, bleibt zu beachten,

dass in Süddeutschland die christliche Missionierung der

Germanen sich früher und flächendeckender vollzog, weil die

Missionare (insbesondere Bonifatius) auf die von den Römern

hinterlassene Infrastruktur bauen konnten. So wurden weite

Teile Süd-, Südwest- und Westdeutschlands Kirchenbesitz (Erzbistümer,

Stiftungen usw.), die in der Folge als Lehen an Kleinfürsten

und Klöster vergeben wurden und in Fronarbeit (Leibeigenschaft)

bewirtschaftet wurden. Freie Bauern waren hier sehr

selten.

Deshalb wurden die Bauernkriege (um 1500) in Süddeutschland

angestossen, als die Lasten an Klerus und Adel von den Bauern

einfach nicht mehr aufgebracht werden konnten. Die Bauernführer

entwickelten die ersten Chartas für Menschenrechte (vgl. Die

Zwölf Memminger Artikel), die für spätere Demokratiebewegungen

(Französische Revolution, Gründung der USA) zur Vorlage

wurden. So prägte sich ein selbstbewusstes Menschenbild in der

«Südwestkultur» Deutschlands, die heute noch unter anderem

in der Realteilung nachwirkt. Mit Napoleon Bonaparte, der den

grössten Einfluss auf Deutschland (wie die Römer) entlang des

Rheins und in der «Südwestachse» (zwischen Preussen und dem

Habsburger Reich) hatte, erreichte auf dem Reichsdeputationshauptschluss

1803 für diesen Bereich eine weitgehende Säkularisierung.

Der grösste Teil der kirchlichen und klösterlichen Besitztümer

wurden privatisiert. Dabei hat sich besonders Sigismund

Freiherr von Reitzenstein als Staatsminister von Baden hervorgetan.

Damit war die eigenständige (Wirtschafts-)Macht der Kirchen

gebrochen und Napoleon konnte mehr oder weniger walten

wie er wollte. Obendrein huldigte das gemeine Volk (zunächst)

seiner «Gerechtigkeit». Über die Realteilung zersplitterten sich

die Flächen rasch und es entstand ein Heer «wirtschaftlicher

Einzelkämpfer». Ökologisch war der Zustand ein Segen, insofern

sich Hecken und Brachflächen, die sich ihrer Grösse wegen

nicht zur Bewirtschaftung lohnten, etablieren konnten und so die

auch heute noch reiche landschaftliche Strukturierung des deutschen

Südwestens ermöglichte. Das Festhalten an der Realteilung

machte und macht die seither regelmässig durchgeführten Flurbereinigungen

genauso schnell wieder obsolet.

Die grösser gebliebenen Betriebe des Nordens arbeiteten zwar

viel wirtschaftlicher, entliessen aber immer wieder viele land- und

mittellose Nachgeborene, die sich dort verdingen mussten, wo es

Arbeit gab. Viele dieser Menschen wanderten aus. Der südwestdeutsche

Nebenerwerbslandwirt fühlt sich noch heute als selbstständiger

Unternehmer, auch wenn er nur einen «Handtuchacker»

bewirtschaftet und im Grunde Arbeitnehmer ist. Deshalb

ist er tendenziell liberal-konservativ und proletarischem oder

gar sozialistischem Gedankengut schwer zugänglich. Die grundsätzliche

Eigenständigkeit hielt die Menschen aber doch eher im

Lande als in Norddeutschland und beschleunigte die Industrialisierung

in Süddeutschland. Man bekommt so ein Bild, wie tief

die Bauernkultur die Lebensumstände – wie zu allen Zeiten und

immer noch – prägt.

40 Ablassbrief. Mit Ablassbriefen konnte man sich im Mittelalter

von Sünden freikaufen, indem ein Betrag an die katholische

Kirche abgeführt wurde. Der so genannte Ablassbrief bestätigte

diesen Handel. Die reformatorische Bewegung um Martin Luther

wandte sich u. a. gegen diese Praxis und zog damit den Unmut

des Klerus auf sich, für den der Ablasshandel ein einträgliches

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die Ausnahme.

Würdest du hier auch noch mehr Fläche kriegen?

UW: Wenn ich wollte, vielleicht schon. Wenn Land verkauft wird, wird mir das ab und

zu angeboten. Deshalb ist es möglich, ja. Darauf will ich jedoch keinen Einfluss nehmen,

das entsteht von selber. Einfluss kann ich nehmen mit meinen Maschinen und

mit meinen Böden, aber nicht mit Landkauf oder Pachten.

Könnte man eine Klimakatastrophe wesentlich abmildern, wenn

man konsequent bodenbedeckende Landwirtschaft betreiben würde?

DA: Auf jeden Fall. Die Landwirtschaft ist eine richtig grosse Nummer. Sie ist ein wesentlicher

Faktor.

UW: Durch den entsprechenden Umgang mit dem Boden könnte man am Klima einiges

verändern. Das ist wohl so.

DA: Die Landwirtschaft ist ein vergleichbarer Faktor für den Klimawandel wie der

Strassenverkehr. Die Formel, dass die Landwirtschaft tendenziell durch Begrünungsoder

andere Massnahmen eher gegen den Klimawandel arbeitet, stimmt definitiv nicht

in jedem Fall.

UW: Das ist so wie beim Auto und dem Strassenverkehr: Da wird viel zu verschwenderisch

gearbeitet. Weil noch Potential da ist, kann man mit grossen Sprüchen leben.

Aber langfristig kann sich die Menschheit das nicht leisten. Da kann man in der Landwirtschaft

wie im Strassenverkehr einsparen. Beim Strassenverkehr begreifen es die

Menschen langsam, dass es machbar ist; aber es tut sich vorläufig trotzdem nichts!

Vor allem beim Verbraucher tut sich noch viel zu wenig.

UW: Der Verbraucher kann sich das noch leisten.

DA: Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass die Politik gestalterisch eingreifen könnte.

So wie man auch die ganzen Jahre gestalterisch eingegriffen hat, dass es zu der massiven

Kapitalakkumulation in der Welt gekommen ist. Stichwort «Globalisierung». Das sind

alles Folgen davon, dass bestimmte Wirtschaftsmethoden erlaubt sind oder gefördert

werden. Andere sind untergraben worden. Man merkt es auch in der Landwirtschaft:

Ohne grossartige Auszeichnungen giltst du schnell als Verrückter und man nimmt dich

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nicht ernst. Das wirkt auf die Masse. Wenn dann ein Vertreter von Monsanto kommt,

hat er sofort unglaubliche Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Politik und wird in

seiner Sache ernst genommen, weil da diffuse Ängste mitspielen. Man merkt das zum

Beispiel in der Gen-Debatte: Wir können wirklich fundiert und mit harten Argumenten

unseren Standpunkt vortragen und werden dann mit «Wenns» und «Abers» überhäuft,

ohne in der Sache ernst genommen zu werden. In dieser Richtung gibt es politisches

Potential, wie das Verbraucherverhalten gesteuert werden kann. Man kann fördern und

bewerben, dass es toll ist, zum Beispiel ein 500 PS-Auto in der Garage stehen zu haben.

Wenn das jeder predigt und die Politiker auch über ihre 500 PS-Autos reden, dann will

es der Kleine auch. Wenn man dieses Ideal demontiert, wird der kleine Mann es auch

früher oder später nicht mehr als wichtig empfinden. In der Marktwirtschaft beruft man

sich gern auf das Argument «Das wird nicht nachgefragt!». Aber man muss ja auch die

Möglichkeit haben, Alternativen nachzufragen, also zu kaufen. Natürlich fahre ich nur

wegen einem Bio-Joghurt nicht in die nächst grössere Stadt, weil es ihn im Ort einfach

nicht gibt, und kaufe den konventionellen. Das wäre ja verrückt! Dann zu kommen und

zu sagen «Das wird ja nicht gekauft!», ist ein bisschen schwach von der Argumentation

her. Genau so läuft es mit vielen Dingen, weil sie einfach nicht im Angebot sind.

UW: Das Ding ist, es geht hier rein ums Geld. Uns ist wichtig, dass ganz normale Leute

in den Hofladen kommen. Wir könnten unser Fleisch und Getreide anderswo verkau-

41 Slowfood-Bewegung, die. Die Slowfood-Bewegung wurde 1986

von Carlo Petrini in Italien als gemeinnütziger Verein zunächst

zur Pflege regionaler Küchen gegründet. Slowfood zählt mittlerweile

ca. 85.000 Mitglieder in über 130 Ländern. Im Zentrum

stehen die Schlagworte Genuss, Qualität und Zeit. In der Folge

kamen Begriffe wie (Ess-)Kultur, Biodiversität sowie Kritik an

genveränderten Organismen (GVO) in der Landwirtschaft und

der Agrarchemie hinzu.

Heute engagiert sich Slowfood auch aktiv am Erhalt alter Nutzpflanzen

und -tierrassen und der Pflege regionaler Spezialitäten.

Slowfood veranstaltet und beteiligt sich an Fachmessen, organisiert

Fortbildungen und sucht die Zusammenarbeit mit Organisationen,

die ähnliche oder ergänzende Ziele verfolgen, zum Beispiel

dem Terra Madre-Netzwerk unter der Schirmherrschaft des

Britischen Kronprinzen Charles. Bemerkenswert ist die Gründung

der ersten (privaten) Universität für gastronomische Wissenschaften

in Pollenzo bzw. Colorno (Italien) und der Akademie für Kulinaristik

in Bad Mergentheim (Deutschland).

42 Arche Noah. Der Verein Arche Noah wurde 1990 in Niederösterreich

gegründet, um alte Kultursorten (Gemüse, Obst und

Ackerfrüchte) zu erhalten, zu pflegen und zu betreuen. Mit diesem

Ziel sind viele Erhaltungszüchterinnen und -züchter unter

Arche Noah organisiert, die den Erhaltungsstand mittlerweile

in dem jährlich erscheinenden Arche Noah Sortenhandbuch dokumentieren.

Arche Noah betreibt verschiedene Schau- und Erhaltungsgärten.

Weitere Aktivitäten sind Fortbildung, Öffentlichkeitsarbeit,

Verkostungen und vieles mehr.

111


fen – bei Slowfood 41 zum Beispiel – für wesentlich bessere Preise. Am Schluss kriegen

aber diejenigen Leute die Top-Ware, die letztendlich am meisten dafür verantwortlich

sind, dass es 500 PS-Autos gibt. Und das wollen wir nicht.

Wo bringt ihr denn das Schwein hin?

UW: Normalerweise nicht so weit. Unser alter Metzger ist gestorben. Das Problem

ist, dass die Metzger aussterben. Als ich mit der Landwirtschaft begann, habe ich mit

Tieren gearbeitet, die auf der «Roten Liste» standen, also vom Aussterben bedroht

waren. Es gibt jetzt auch bei der Bevölkerung ein starkes Interesse daran, solche Rassen

zu erhalten. Rudolf Bühler von der schwäbischen Erzeugergemeinschaft hat bei

uns viel dazu beigetragen, dass das Thema öffentlich diskutiert wird. Arche Noah 42

auch. Mittlerweilen beobachte ich, dass man jetzt die Metzger auf die «Rote Liste»

setzen kann. Dieses Handwerk stirbt aus, darum fahren wir jetzt so weit; es ist eine

Übergangslösung.

[…]

DA: Es gibt Konsequenzen, die aus einem persönlichen Verhalten erwachsen. Ich bin

überzeugt – und deshalb zerbreche ich mir auch nicht den Kopf über Vegetarismus –,

dass mit einem vernünftigen Verhältnis und einer direkten Ergriffenheit der Fleischkonsum

auf ein vertretbares Mass zurückgeht. Das läuft aktuell so schräg, weil die Leute

sich überhaupt nicht mehr um die damit verbundenen Fakten wie zum Beispiel den Tod

scheren müssen. Ich habe schon viele Leute kennen gelernt, die mit dem Schlachten

nichts zu tun haben wollen, aber keine Mahlzeit ohne Fleisch verpassen und am liebsten

ein Schnitzel essen, das rechts und links vom Tellerrand herunterhängt.

Ich habe früh damit angefangen, bevor ich in dieser Gegend wohnte, bei einem Bauern

zu Weihnachten eine Gans zu holen. Ich habe dann viel Wert darauf gelegt, die Gans

selber zu schlachten. Ich wollte diesen emotionalen Zustand erleben und damit klar

kommen. Wichtig war mir auch, dass die Kinder dabei waren und das auch mitkriegten.

Wenn man das richtig mit ihnen aufarbeitet, geht es, ohne dramatisch zu werden.

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Ich bin auf Widerstände von zum Beispiel den Grosseltern gestossen, die gesagt haben:

«Das kann man nicht mit den Kindern machen!» Und dies ausgerechnet von den

Grosseltern, die jeden Sonntag zwei – wenn’s drauf ankommt, sogar drei – Rollbraten

in der Röhre liegen haben und wo dann richtig zugeschlagen wird. Mit meinem Sohn

Vinzent war ich im Kindergartenalter in Karlsruhe im Schlachthof, was wir gedanklich

und emotional sehr intensiv bearbeiteten und für ihn letztlich eine Erfahrung war,

von der er heute noch zehrt. Er ist zwar nicht Vegetarier geworden, doch zumindest

weiss er, wo diese Sachen herkommen und trägt es im Bewusstsein. Ich glaube, das

würde diesen exzessiven Fleischkonsum, der ja auch für den Klimawandel verantwortlich

ist, von der Verbraucherseite her abdämpfen. Politisch und wirtschaftlich besteht

da aber kein Interesse. Die Konzerne verdienen nur damit, was umgesetzt wird. Und

das heisst: mehr, mehr, mehr.

Zum Beispiel Currywurst: Obwohl man weiss, wie ungesund das ist

– und dies ist auch kommuniziert in den Medien mit all den Transfetten

drin etc. – geht der Konsum nicht zurück. Im Gegenteil: Es

werden 800 Millionen Currywürste im Jahr produziert und auch

gegessen. Die Umsätze steigen weiter an.

DA: Gerade die Currywurst ist vom Kulinarischen her eine Barbarei. Das hängt auch

mit der Werbung zusammen, denn es schmeckt den Leuten wahrscheinlich gar nicht

wirklich. Bei dem Song «Gib mir mal ne Flasche Bier und eine Currywurst ...» mit der

Stimme von Alt-Bundeskanzler Schröder untergelegt, da wollen die Leute einfach dabei

sein, das ist Identität und sie essen halt Currywurst. Und das hat nichts mit der Wurst

zu tun, sie wollen einfach dabei sein. Mit dem McDonald’s ist es genauso: Ich war noch

nicht oft im McDonald’s, aber ich muss immer wieder staunen, wenn ich daran vorbeikomme:

Die Leute hocken immer wie abwesend da drinnen und essen. Das ist das

typische Bild. Der amerikanische Maler Edward Hopper hat Bilder gemalt, mit diesen

leeren Räumen in Fastfoodbuden an den Highways. Im McDonald’s herrscht immer

diese Stimmung. Alles ist steril und steril beleuchtet und die Leute würgen ihre Big Mac‘s

rein, ohne dabei zu sein. Das finde ich erschütternd.

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UW: Es gibt Metzger, die können mit Vieh nicht umgehen, für die ist das einfach ein

Stück irgendwas. Sie sehen nicht, dass es Lebewesen sind. Ich fahre so weit bis hierher

mit der Sau, weil dieser Metzger ein netter Mensch ist, der einen sensiblen und würdigen

Umgang mit den Tieren hat. Ich habe kein Problem, wenn es irgendwie weh tut.

Das Leben tut manchmal weh, aber man sollte eine gewisse Achtung davor bewahren.

DA: Das ist das Einzige, was ich letzten Endes einbringen kann. Ich weiss nicht, wie das

Leben von einem Schwein oder von einem Rind ist. Es ist eine Mutmassung. Ich gehe

davon aus, dass eine ruhige Sau weniger Probleme hat als eine, die die Wände hochgeht

oder rumschreit und zittert. Insofern ist die Achtung vor der Kreatur das, was ich

einbringen kann, und das ist eine Verpflichtung. Wenn jemand berufsmässig in einem

Schlachthof arbeitet, muss er sich abreagieren können nach diesem Ausmass an Blut

und Töten. Das erzeugt Stress. Eine einzelne Person schafft das vielleicht, aber nicht ein

ganzes System, das sich die Massenschlachtung mit der Begründung von Wirtschaftlichkeit

erlaubt. Da sind wir wieder an so einem Punkt, wo man sagen kann: Das ist in der

Anlage sozialpolitisch total verfehlt, meiner Meinung nach.

UW: Es gibt Leute, die es können und die werden gekündigt und irgendwelche, die es

billig machen, die werden angestellt und müssen es halt machen.

DA: Und dann ist egal, wie diese Menschen psychisch ausgestattet sind. Und wenn die

sich dann unmöglich und respektlos verhalten oder verhalten müssen, gilt das sozusagen

als Kollateralschaden.

UW: Was wichtig ist: Die Tiere müssen auch ein wertvolles Leben haben. Zuerst ein

katastrophales Leben und dann ein biologischer Tod, das bringt es auch nicht wirklich.

Der schöne Tod alleine gleicht das nicht aus.

Die Tiere sind so kurzlebig?

UW: Normalerweise entspricht die Lebenserwartung bei allen Wirbeltieren der vierfachen

Zeit der Verknöcherung. Die Verknöcherung beim Schwein dauert drei Jahre,

dann ist es ausgewachsen. Es könnte also etwa zwölf Jahre alt werden.

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115 o. «Bodendoktoren» bei der Arbeit

115 u. Gute Gare! Wie sieht der «ideale» Boden aus?

116 o. Zufutter (Braunhirsestoppel) für die

Rinder im Spätherbst und Winter

117 o. Begrüssung auf «Kuhisch»

117 u. Lycos (English Longhorn-Bulle) und Pensionskuh beim Fressen

118 o. Schwarze Gerste, Leindotter und Beikraut

118 u. Mischfruchternte

119 o. Uwe in den Rübsen

119 u. Älterer Kuhfladen: Der ideale Wirtschaftsdünger!

120 Mahnmal: Ressourcen schonen!

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121 Raffael, der Poitou-Esel

122 o. Hinterwälder-Kuh mit Kalb

122 u. «Longhorns», Hinterwälder und Mischlinge

123 o. Lycos, der sanfte «Longhorn»-Bulle

124 Rinder auf der Winterweide

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126 o. Umweiden

126 u. Trieb durchs Dorf

127 o. Bienenkasten

128 o. Deutsches Weideschwein (Rückzüchtung)

128 u. Bayrische Landgänse (vom Aussterben bedroht)

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128


MITTLER-

WEILE IST ES

DUNKEL

geworden. Die Fahrt über die Dörfer endet in einem

skurrilen Gasthof, der in mir Erinnerungen an die 70er

Jahre wachruft. Der Beginn der Postmoderne mit der

kontinuierlichen Zersetzung herkömmlicher Lebensformen. Die Hoffnung, dass sich

bald freie und vernünftige Gesellschaften auf der Welt ausbreiten, bestimmte damals

viele Lebensentwürfe. Auch starteten die Ökobewegung, die Friedensbewegung und

die Grünen; unbürgerliche und spirituelle Gruppierungen schafften es mit der Darstellung

neuer Formen des Zusammenlebens bis in die prominenten Medien; es gab

bedeutende Künstler, die erfolgreich die Seelenlosigkeit der Gesellschaft und der

Kunst reklamierten und einen gigantischen Raum von Neuartigkeit, Befreiung und

Schönheit schufen. Auf der anderen Seite rüsteten starke Kräfte ein System auf, das

wir heute als die totale Marketinggesellschaft erleben, Ergebnis eines übergreifenden

Missbrauchs von menschlichen Grundbedürfnissen, Wünschen und Ängsten für eine

gnadenlose Profitmaschinerie. Eine Art von Wirtschafts- und Wissenschaftsfaschismus,

der sich auf der ganzen Welt ausgebreitet hat wie eine pandemische Infektionskrankheit,

gegen die es keine Medizin gibt. In dem Lokal hängt tatsächlich ein uraltes

Poster mit Frank Zappa drauf, und der Wirt ist wahrscheinlich ein alter, fossiler Hippie.

Es wird munter geraucht, obwohl das Rauchen in den Kneipen gerade in ganz

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Mein Ziel – ein bisschen hochgegriffen – ist es, eine Antwort auf den Film

«We Feed the World» zu finden. Das ist ein nüchterner Dokumentarfilm ohne

moralische Aussage. Der Film hat aber viele Fragen ausgelöst, die

niemand beantwortet. Ich möchte einen Beitrag zu einer Antwort leisten

oder Möglichkeiten darstellen, wie man es anders machen kann.

Welche Alternativen haben wir?

UW: Die Schweine in unseren Ställen fressen den Kindern in Brasilien mehr oder

weniger das Getreide vom Teller. Bei uns wird gleichzeitig die Hälfte des Fleisches

weggeschmissen. Und die Rinder auf unseren Tellern werden in Argentinien gezüchtet,

wo eigentlich Gemüsepflanzen und Früchte wachsen würden. Unsere Kühe hier

fressen Gras und machen daraus Fleisch. Meine Kühe sind der lebende Beweis dafür.

Die bekommen sonst nichts.

DA: Man muss auf jeden Fall kommunizieren, dass nicht zu wenig Nahrungsmittel auf

der Welt produziert werden, sondern dass es ausschliesslich an den Machtverhältnissen

liegt. Darum gibt es Hunger. Das ist keine Substanzfrage, sondern eine Geistesfrage.

UW: Ich glaube nicht, dass es ums Essen geht, sondern es geht nur ums Geld.

Wenn wir zum Beispiel im ZDF bei Maybritt Illner wären und

da stehen ein Genforscher und der Landwirtschaftsminister Seehofer und

es heisst: «Wir müssen das Saatgut optimieren». Was sagst du da?

DA: So kurz, wie die das sagen, kann man antworten: «Das stimmt nicht». Es gibt gewisse

Dinge, die kann man in fünf Minuten nicht erklären. Und in einem Medium wie dem

Fernsehen ist echte Aufklärung nicht möglich. Im Fernsehen findet nur ein Abtausch

von Schlagworten statt. Das ist reine Medienmache. Es hat damit zu tun, dass einem

Horst Seehofer oder einem Monsanto-Mensch viel mehr Vertrauen entgegengebracht

wird. Sie sind in der Lage, Vertrauen zu fingieren, indem sie auf dieses und jenes Institut

verweisen. Es gibt ebenso viele Untersuchungen, die genauso wissenschaftlich belegen,

dass man die ganze Landwirtschaft auf der Welt in Bio umwandeln könnte und wir auf

dem gleichen Produktionsniveau bleiben würden. Es würde keine Hand voll weniger

Nahrungsmittel produziert. Und fest steht auch, dass Monsanto daran verdient und ein

130


deklariertes Ziel hat: Zusammen mit Nestlé den Weltnahrungsmittelmarkt zu kontrollieren.

Da geht es nicht darum, die Menschen satt zu machen, sondern einzig darum,

Macht auszuüben und Geld zu verdienen. Es ist eine grosse Unverschämtheit, dass die

so tun, als hätten sie eine humane Mission.

Das ist tatsächlich so: Nestlé investiert sehr viel in

Hochschulen und erntet damit die Aura der Wissenschaftlichkeit.

UW: Wenn ich merke, dass von meinem Getreide etwas in deren Kanäle fliesst, dann

mache ich sofort den Riegel zu. Ganz egal, ob es Demeter oder Bioland ist. Wenn ich

merke, dass die zusammenarbeiten, dann kriegen sie nichts. Genauso wäre es auch bei

dir: Wenn ich wüsste, da fliesst etwas über irgendwelche Hintertürchen, die nehmen

dein Öl und verkaufen das dann, um ihr Gewissen zu beruhigen, würde ich sagen:

«Hey, Antonius, abhaken, das schmeissen wir jetzt lieber weg.» Da kenne ich nichts!

Im Demeter-Bereich gibt es auch Leute, die arbeiten genauso wie ein Denree 43 . Da

brauchen wir keine Namen zu nennen. Es ist Blödsinn, was da abläuft. Da guck ich,

dass die von meiner Ware nichts bekommen, egal, ob da ein Demeter-Schild oder irgendwas

drüber hängt.

DA: Die Politiker haben wenig bis gar keinen Durchblick, was wir auch in der Gen-Initiative

gemerkt haben. Wir hatten den baden-württembergischen Landwirtschaftsminister

im Rathaus in Grünsfeld vor grosser versammelter Mannschaft. Der hat auf mich

einen recht blauäugigen und kenntnislosen Eindruck gemacht.

Er gilt als gesellschaftlich Aufgeklärter, der sich darauf beruft, dass zu wissenschaftlichen

Zwecken Untersuchungen gemacht werden und es dazu diese Versuchsfelder in

Baden-Württemberg braucht. Es gäbe Forschungsbedarf, hat er grosspurig dargestellt.

Auf die Frage, ob er die Sponsorenliste von den Forschungseinrichtungen kenne, hat er

43 Dennree. Dennree ist ein renommiertes Logistik-Unternehmen

für Naturkost und hauptsächlich in Deutschland, Luxemburg

und Österreich tätig (vgl. auch: Alnatura, Naturata, Tegut).

Wie bei allen derartigen Verteilungsunternehmen in der Biobranche

ist eine Balance zwischen ethischen Ansprüchen und

den so genannten Marktzwängen nicht einfach zu finden. Dies

wird mehr und mehr Gegenstand der öffentlichen Diskussion

und ist ein sensibles und sehr komplexes Thema. Künftig ist eine

deutliche Verschiebung hin zu direkter und regionaler Vermarktung

zu erwarten.

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mehr oder weniger nichts mehr gesagt. Dann haben wir ihm von der Liste abgelesen,

wer dabei ist: Pioneer, Monsanto, BASF. Und dann kam dieser Reflex von ihm, dass da

sicher noch andere Firmen dabei seien. Er könne das jetzt aus dem Stand nicht sagen.

Dann wird vielleicht eine Kommission beauftragt… In dem Stil geht es ab. Die haben

null Durchblick und trotzdem unheimlichen Vorschuss in der Öffentlichkeit. Das wird

nicht hinterfragt, und deshalb läuft es so.

Was ist eigentlich das Ziel oder der Wunsch deiner Arbeit?

DA: Mein Wunsch ist eigentlich banal: Wirtschaftlich so weit zu kommen, dass wir unsere

Arbeit frei machen können. Bei Uwe sieht es ähnlich aus, denn wirtschaftlich kochen

wir schon auf sehr niedriger Flamme.

Heisst das auch, dass ihr wenig verdient?

DA: Es geht nicht darum, viel auf die Seite schaffen zu können. Es ist so, dass wir

mit sehr viel Idealismus dabei sind und viel Vorschuss in die ganze Geschichte einbringen.

Wir haben die Hoffnung, dass sich das irgendwann so einpendelt, dass wir

unsere Arbeit richtig frei machen können. Wir machen uns viele Gedanken darüber,

ob wir uns dieses oder jenes leisten können oder nicht, auch mit arbeitsmässigen Investitionen.

Für wirklich notwendige Investitionen ist genug Geld da, aber wenn mir

heute das Auto unter dem Hintern wegbricht, dann hätte ich ein echtes Problem. Ich

würde das dann schon irgendwie auf die Reihe kriegen, aber das ist für mich kein optimaler

Zustand. Was die Arbeit angeht, kann ich mir kaum etwas Besseres vorstellen.

Wenn ich draussen auf dem Acker bin oder bei der Arbeit mit den Präparaten, dann ist

mir das alles ziemlich egal. Aber wenn man mit so Sachen zu tun hat, wie zum Beispiel

das Schwein in eine entfernte Metzgerei zu bringen, bricht es schon über einen herein:

Es ist einfach traurig, dass man dazu einen PKW braucht.

Früher hat man die Schweine durchs Dorf getrieben

oder der Metzger kam nach Hause.

DA: Dasselbe gilt auch für das Getreide, das wir zu Erdmann Hauser fahren.

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Noch schlimmer ist es, zu uns in die Schweiz zu liefern!

DA: Ja, genau.

Das ist die Moderne …

DA: Ja, aber was ich damit sagen will: Es braucht Betriebsmittel und zumindest mir stehen

diese nicht so ohne weiteres zur Verfügung. Da gibt es noch ein Missverhältnis. Jetzt

kann ich es anders herum anschauen und sagen: «Okay, diesen Betrieb gibt es schon seit

1999. Seit 2003 ist er von Demeter anerkannt, also läuft es richtig biologisch-dynamisch

ab.» Wenn ich mir angucke, was wir in vier bis fünf Jahren auf dem Hof gemacht haben

und wie wir vorankommen, macht mich das zufrieden. Es gibt Demeter-Betriebe, die

schon dreissig Jahre alt sind, immer noch auf ihrer Milchproduktion herumtümpeln und

sich nur Gedanken machen, wie viel Cent sie für den Liter kriegen. Ich sehe dann, dass

es eine Frage der Zeit ist. Das weckt dann auch wieder die Bereitschaft.

Ihr macht eigentlich etwas, was sonst niemand macht. Ich zumindest

sehe diese Art der Feldbewirtschaftung zum ersten Mal.

Auch bei Demeter-Betrieben habe ich so etwas Ähnliches noch nie gesehen.

DA: Die Pflügerei ist auch bei Demeter eine heilige Handlung. Die haben grosse Schwierigkeiten,

auf den Pflug zu verzichten und das Merk würdige ist, dass da Argumentationsebenen

durcheinander gebracht werden. Es wird in Bezug auf die Pflügerei auf die

Bibel verwiesen, was auch gar nicht von der Hand zu weisen ist. Nur frage ich mich:

Was hat das biblische Pflügen mit Holzpflug und Pferd mit der modernen Pflügerei zu

tun, die mit einem 300 PS-Traktor und einem Gerät dreissig bis vierzig Zentimeter tief

den Boden aufreisst. Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen, rein vom

mechanischen Ablauf her.

Ist es denkbar, dass ihr eine Art Schule machen werdet, da ihr ja

enorm viel forscht und experimentiert. Führt ihr Buch über Misserfolge

und Erfolge, damit sich euer Modell verbreiten kann?

DA: Wir können einem anderen Landwirt nicht so ohne weiteres sagen, was oder wie

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er es am besten machen soll. Jeder muss das letztendlich für sich selbst entscheiden. Das

nehmen wir bei uns auf dem Hof sehr ernst. Deshalb bin ich auch eher zurückhaltend,

weil ich immer noch am Hineinwachsen bin in den Hof und seine Verhältnisse, mich auf

einem Entwicklungsweg befinde. Uwe hat den Vorteil, dass er von Kind auf die Gegend

kennt und er schon mit seinem Vater unterwegs war und seinem Opa, der auch sehr

wichtig für ihn war. Das sind Erfahrungen, die mir fehlen. Du kannst nicht von einer

Uni oder Fachhochschule kommen in einen beliebigen Landstrich und – kaum das erste

Mal dort – den ansässigen Landwirten sagen wollen, was Sache ist. Du kennst die langjährigen

Witterungsverhältnisse nicht, du kennst die Bodenverhältnisse nicht usw. Das

sind alles Sachen, die man sich recht mühselig erarbeiten muss. Da ist Erfahrung nötig.

Du kannst da wenig gedanklich oder abstrakt vorwegnehmen. Man wächst hinein und

insofern versuche ich eine Art Wissensschmiede zu praktizieren, indem wir Praktikanten

auf den Hof holen. Jeder ist willkommen und kann sich das angucken. Aber letzten

Endes können das alles nur Anstösse sein. Dieses Wissen auf einem anderen Hof umzusetzen,

ist nochmals ein kreativer Akt und diese Kreativität in der Landwirtschaft ist

durch nichts zu ersetzen.

Ich habe den Eindruck, dass in der heutigen Landwirtschaft von Betriebsleitern Angst

verbreitet wird und das verursacht die Zaghaftigkeit hinsichtlich dieses Kreativitätspotentials.

Sie suchen nach Rezepten mit Garantien, die sie anwenden können. Sie wollen

am liebsten eine zehnjährige Fruchtfolge, mit der sie wetterunabhängig sind und

genau wissen, was wann kommt und in welchen Verhältnissen und Zyklen. Wenn wir

zu den Leuten sagen, feste Fruchtfolgen gäbe es bei uns gar nicht, dann gucken sie uns

zuerst einmal konsterniert an.

Was bedeutet eine zehnjährige Fruchtfolge?

UW: Es bedeutet, dass man eine Fruchtfolge im Zeitraum von zehn Jahren gestaltet.

Das bezieht sich aber nicht auf die einzelnen Glieder in den einzelnen Jahren. Weil

bei drei- oder viergliedriger Fruchtfolge wiederholt sich das Gleiche immer wieder.

Typisch ist zum Beispiel: Gerste–Raps–Weizen, Gerste–Raps–Weizen, Gerste–Raps–

Weizen. Bei der viergliedrigen Folge kommt dann noch ein Mais dazu.

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DA: Es scheint so, als hätten die konditionierten Betriebsleiter und Agraringenieure

Angst davor, sich einzugestehen, dass es keine festen Formen und Programme gibt, dass

es nur Anregungen gibt, und einfach mal den Mut aufbringen, ein bisschen wilder umzugehen

mit dem Ganzen und etwas zu wagen.

UW: Das kann man lernen.

Da könnt ihr Vorbild sein. Wir von NaturKraftWerke möchten

weitervermitteln, welche Alternativen es im Landbau und der Erzeugung von

lebendiger Nahrung gibt, Alternativen zu den konventionellen und technischen

Bestrebungen, die bis in wenigen Jahren per Satellit arbeiten werden:

Der Bauer kann dann zu Hause bleiben und etwas anderes machen, während

der Traktor alleine über den Acker fährt. Auch der Nährstoffbedarf des

Bodens wird automatisch ermittelt und die Düngermischung

exakt dem Bedarf des Bodens angepasst.

UW: Das wird so nicht gehen.

Wieso nicht?

UW: Weil dem der liebe Gott in die Suppe spucken wird … ganz brutal.

Aber die ganze Forstwirtschaft läuft doch schon per Satellit?

DA: Die haben auch schon Probleme damit. Wenn nämlich in ihren Zukunftsbaum,

den sie per Satellit ausgewählt haben, plötzlich ein Borkenkäfer reinkommt und dann

abstirbt, dann kriegen die eine Lücke, wo keine Lücke sein sollte. Da fängt das nämlich

44 Harvester. H. sind schwere, leistungsstarke Waldschlepper mit

Greifarmen. In Wirtschaftsforsten werden sie beim Durchforsten

und bei der Stangenholzernte eingesetzt. Sie sind geländegängig

bis in mässige Steillagen und fast bei allen Bodenverhältnissen

manövrierbar. Eine Zukunftsvision unter Forstwirtschaftlern besteht

allen Ernstes darin, diese Fahrzeuge GPS-gesteuert in den

Wald zu schicken, um eingescannte Zukunftsbäume nach und

nach bis zur Erntereife frei zu stellen. Die Schäden, die diese

Maschinen anrichten, sind gewaltig, insbesondere hinsichtlich

Bodenverdichtung und dem Zerwühlen der empfindlichen Humusschicht,

aber auch Rinden- und Wurzelschäden, selbst an

den Zukunftsbäumen. Im Bergischen Land (östlich des Ruhrgebietes)

berichtete ein befreundeter Forstbediensteter, dass man

dort vom Harvester-Einsatz abgerückt sei. Hintergrund sind

die untragbaren Schäden am Waldboden, die sich dort auf die

zahlreichen Talsperren zur Trinkwassergewinnung auswirken.

Die Maschinen werden nur noch verwendet, um minderwertige

Fichtenmonokulturen kostengünstig abzuwickeln. In wertvollen

Mischwäldern, die das Wasser filtern und speichern, dürfen sie

nicht mehr eingesetzt werden.

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schon an. Oder wenn die ihren Harvester 44 in ihren Zukunftsbaum schrammen und er

plötzlich wurzelkrank wird … das geht notwendig in die Hose, weil das so nicht in den

Griff zu kriegen ist. Und wenn das mit den GPS-gesteuerten Schleppern so weit sein

wird, dann werden wir erleben, dass so ein Schlepper plötzlich im Wohnzimmer eines

Einfamilienhauses steht.

Auf jeden Fall wird ein Teil der Menschheit auf dieses

Modell zusteuern, wird Hoffnungen darauf haben und mitmachen;

egal, ob es gut ist oder schlecht.

UW: Willst du dich im Lebendigen bewegen oder geht es darum, dass da irgendein

Bulldozer läuft und irgendwelches Getreide produziert wird? Das kann man in irgendwelchen

Labors halten, in irgendwelchen Hallen, da braucht man keine Felder mehr

dazu.

DA: Wenn der Sprit ausgeht, ist sowieso schnell Feierabend mit diesen ganzen Sachen

und der Zeitpunkt wird kommen.

UW: Wenn jemand Interesse hat, mit der Lebendigkeit zu arbeiten, dann muss auch

eine Art der Übertragbarkeit möglich sein. Das bedeutet, dass meine aktuelle Arbeit

auch jemand anderes machen kann oder dass ich jemandem mein Tun und Wissen lehren

kann. Er muss nicht denselben Bulldozer fahren oder dieselbe Maschine, er muss

den Boden verstehen können und vor allem seinen Boden. Insofern kann man es übertragen,

denn es geht darum, dass er mit seinem Boden arbeitet und nicht mit seinen

Maschinen. Es geht nur um den Boden und dementsprechend müssen auch die Maschinen

langfristig ausgelegt sein. Ausserdem sollte klar sein, dass man einen Maschinenpark

nicht über PS erklärt. Es muss immer um die Frage gehen: «Was spielt sich im

Boden ab?» Ich brauche dann ein Gerät oder Gerätschaften, die meine Idee umsetzen

können und die auf jedem Boden einsetzbar sind. Daran kann man mit Sicherheit

arbeiten. So etwas macht man heute nicht, weil heute verkrümelt wird, rückverfestigt,

und da gibt es diese ganze Palette komischer Begriffe wie «Saatbeet herstellen».

Das sind Dinge, die der Boden selber machen kann, und das muss man ihn auch tun

lassen. Dieses Wissen, glaube ich, ist übertragbar. Da braucht man auch nicht viel

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Werkzeug dazu. Der Boden arbeitet auch ohne Werkzeuge. Daran versuche ich zu

arbeiten. Der Stoppelhobel, der Ringschneider oder die Fräse: Die sind gefährlich.

Das ist ein Handwerk für sich, das nicht jeder kann. Entweder lassen sie es dann wieder

sein oder sie machen es nicht gut. Viele Menschen, die sich dafür interessieren,

sind regelrecht überfordert. Es kann ja auch nicht jeder Rennfahrer werden, obwohl er

gerne möchte. Er kann vielleicht Auto fahren, aber dafür kriegt er noch keinen Pokal.

Ich glaube aber, dass sich jeder mit dem Boden beschäftigen und ihn befragen und

bearbeiten kann. Dahin muss die Technik gehen. Sie muss nicht viele PS haben. Es

muss auch nicht unbedingt ein Gaul sein, der nur Gras frisst. Es kann durchaus etwas

Skurriles sein, mit dem man fährt. Vielleicht sitzt jemand zuhause im Hof und fährt die

Maschine mit einer Fernsteuerung und kann seinen Geräten beim Arbeiten zugucken.

Aber einfach daheim vorm Fernsehen sitzen, das haut nicht hin.

Das funktioniert auch nicht in den Schweineställen. Den Schweinen kannst du füttern,

was du willst, das ist denen egal. Du musst einen Bezug zu den Tieren haben und den

kriegst du nicht übers Telefon oder irgendein Ding. Man muss zu den Tieren hingehen,

was mühselig sein kann. Ich denke, das habe ich den Leuten rüberzubringen

versucht: dass sie sich bemühen. Selbst bemühen und die Kraft reinbringen in ihr Tun.

Dann wird es funktionieren. Da bin ich fest davon überzeugt. Das ist heute alles völlig

verlernt. Es wird alles nur noch theoretisch abgehandelt. Irgendwelche Lehrer erzählen

irgendwelchen Quatsch, irgendwelche Rezepturen und dann wird es geglaubt, gemacht

und fertig. Mit dem Boden oder mit den Tieren muss man arbeiten und sich mit

der eigentlichen Sache beschäftigen. Das macht Spass und führt auch zum Erfolg, da

bin ich ganz sicher.

Es ist sehr persönlich, du hast dein Schicksal mit im Spiel!

UW: Man kann ja nicht einfach eine Maschine kaufen und dann funktioniert es. Man

muss zuerst einmal mit der Maschine umgehen lernen. Genauso wenig kannst du dir

ein Formel-1-Auto kaufen und dann im Zirkus antreten. Das wird auch in den Schulen

nicht gelernt. Die beschäftigen sich nicht mit dem Eigentlichen, nur mit dem ganzen

«Drumherum». Und mit dem «Drumherum» wird Geld verdient. Und das Eigentliche

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ist der Boden, das Leben, die Natur, die permanent nachliefert wie ein Fluss: Da fliesst

Wasser und man kann raus schöpfen und raus schöpfen. Es fliesst und fliesst. Egal, wie

viel du raus schöpfst, es fliesst immer weiter. So kann die Landwirtschaft funktionieren.

Ich weiss nicht, ob man das duldet und zulässt; wahrscheinlich nicht. Die wollen

Geld verdienen. In dieser Welt geht es nur ums Geldverdienen – egal wie. Und das

machen manche auch relativ erfolgreich.

DA: Aber es soll auch die Möglichkeit vorhanden sein, dass ein anderer Weg gepflegt

werden kann und man sich als Landwirt frei entscheiden kann. Es ist vielleicht angesagt,

dass man in Zukunft auf eine GPS-Landschaft zusteuert. Trotzdem sind wir in einer

freien Welt oder sollten zumindest in einer möglichst freien Welt sein. Dann muss es

auch möglich sein, sich für einen experimentelleren Weg entscheiden zu können. Damit

das real möglich wird, müssen auch das Wissen und die Erfahrungen gepflegt werden.

Es gab noch vor den Weltkriegen oder vor noch längerer Zeit ungemein viel Wissen, das

in der Zwischenzeit verloren gegangen ist. Da sind wir daran, teilweise mühselig wieder

zurückzuholen und zurückzuerkämpfen, was früher selbstverständlich war. Möglicherweise

würde uns ein Landwirt aus dem 19. Jahrhundert den Vogel zeigen und sagen:

«Hey, seid ihr bekloppt, ihr erfindet das Rad zum zweiten Mal». Es ist schon so viel

Wissen weggebrochen und es muss ja jetzt nicht ganz alles verschwinden. Obwohl vieles

darauf angelegt ist. Vermutlich ist da ein Zusammenhang mit vielen Ängsten, mit der

ganzen Gentechnik zum Beispiel.

Welche Ängste sind das?

DA: Zum Beispiel bestimmte Sakrilegien, dass man den Anschluss zur Weltelite verliert.

Obwohl viele gar nicht wissen, woum es eigentlich geht. Da rennt einfach alles hinterher,

meist von Ängsten getrieben. Angst ist aber immer ein sehr schlechter Ratgeber.

UW: Die Bauern haben das Vertrauen in ihren Boden verloren. Deswegen wird mit

Gewalt gearbeitet.

DA: Sie haben Angst vor dem Wetter, vor dem Unkraut, vor den Insekten und überhaupt

vor allem. Es herrscht ein permanenter Kriegszustand und von den Ergebnissen

daraus soll man dann die Menschen ernähren und die sollen noch bei klarem Verstand

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leiben?

UW: Landwirtschaft hat viel mit Vertrauen zu tun: Glaube, Hoffnung und Liebe. Das

ist an sich schon toll: Es macht Spass und es ist schön, sich auf etwas verlassen zu können

und nicht in permanenter Ungewissheit zu leben.

Von welcher Art Ungewissheit sprichst du in diesem Zusammenhang?

UW: Vielleicht nicht Ungewissheit allgemein. Es ist gewiss, dass da irgendetwas

wächst, weil die Erde lebendig ist. Von meinem Boden weiss ich, dass er lebt. Da kann

kommen, was will, es wird etwas wachsen und wir werden ernten. Ich weiss noch nicht

was, wie viel und was es kostet, aber da spielen so viele Faktoren mit, auf die ich sowieso

keinen Einfluss habe.

Wenn du experimentierst, hast du oft auch Ergebnisse, die nicht so

sind, wie du sie erwartest. Wurdest du auch schon enttäuscht?

UW: Von meinen Feldern oder meinem Vieh? Nein! Ich bin immer wieder überrascht,

wie das alles zustande kommt. Ich finde es absolut faszinierend und staune, wie das

alles geht.

Viele Bauern leben in einem Zustand ständiger Bedrohung.

Wie sieht das bei euch aus?

UW: Ein Landwirt wird doch nicht von seinem Acker bedroht oder von seinen Beständen!

Er ist höchsten bedroht vom Finanzamt, von der Versicherung, vom Landmaschinenhändler,

vom Veterinär oder von den ständigen Rechnungen, die er sich

einhandelt. Der Acker bedroht nicht, er ist die Quelle!

Schädlinge, Unwetter etc: Ich denke an solche Phänomene.

Das wird ja auch nicht einfacher, vor allem jetzt mit möglichen oder

drohenden klimatischen Veränderungen.

UW: Auf unseren Feldern gibt es keine Schädlinge. Und letztes Jahr war ich in der

Frühjahrstrockenheit regelrecht fasziniert von folgendem Ereignis: Das konventionelle

Getreide hat Ähren geschoben, während mein Getreide reglos dastand und sich die

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Welt anschaute und was weiss ich gemacht hat. Urlaub vielleicht? Keine Ahnung. Es

hat auf jeden Fall keine Ähren geschoben. Ich wunderte mich, was jetzt wohl passieren

würde. Drei Wochen nach den konventionellen Flächen ging es dann auch bei mir los

mit dem Ährenschieben, kurz bevor es zu regnen begann. Für mich war es ein betörendes

Ereignis: Richtig schöne, volle Ähren wuchsen von selbst heran, ohne Dünger

und ohne alles. Wenn ich da vorher in irgendeiner Form Einfluss zu nehmen versucht

hätte: Ich habe keine Ahnung, was dann passiert wäre. Ich will es auch überhaupt gar

nicht wissen.

DA: Die Erwartungen, das ist eine Geschichte für sich. Ich kann einem Getreideacker

vorgeben, wie viel Ertrag oder Körner er zu erbringen hat und wenn es weniger ist, entspricht

er nicht den Erwartungen. Zu viel gibt es ja sowieso nie. Ein Begriff wie «Ertragserwartung»

hängt von so vielen Faktoren ab, dass er eigentlich nie zu hundert Prozent

erfüllt sein kann. Darauf ein Konstrukt aufzubauen, was jetzt eine Vollernte sein soll;

das sind alles nur Spielereien, die letzten Endes dazu dienen, ein Marktgeschehen zu bestimmen.

Es ist nicht zu beschreiben, was auf dem Acker draussen tatsächlich losgeht...

Wenn die Landwirte mit theoretischen Konstrukten wie Ertragserwartungen in Tonnen

pro Fläche dermassen mit dem Rücken an die Wand getrieben werden, ist eigentlich jede

Ernte eine Missernte. Wenn man sich auf diesen Zirkus nicht einlässt – oder zumindest

keine Überstrapazierung mitmacht – dann ist im Gegensatz dazu jede Ernte eine reichliche

Ernte.

UW: Ich schaue mir in erster Linie den Boden an und bin immer froh, wenn der Boden

unter meinem Tun nicht leiden muss und ich das Gefühl habe, dem Boden geht es

gut. Die letzten zehn Jahre beobachtete ich meinen Boden nach verschiedenen Parametern,

die sich aus unserem Tun ergeben haben. Wir konnten anhand verschiedener

Bodenuntersuchungen feststellen, dass sich der Boden von Jahr zu Jahr besser auf das

einstellt, was wir mit ihm zu tun gedenken. Wir werden immer mehr zum «Team» und

es wächst immer etwas.

Gemäss Schultheorie dürfte ich schon lange keinen Mähdrescher mehr brauchen müssen,

weil auf meinen Feldern nichts wachsen würde. Kein Dünger, keine tiefen Bodenbearbeitungen,

Humusabbau ohne Ende… Tatsache ist, dass ich vor zwei Jahren einen

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neuen Mähdrescher kaufen musste. Genau das Gegenteil: Der Boden baut sich auf,

er stellt sich ein und ist so, dass ich mit ihm arbeiten kann – oder der Boden mit mir.

Das Wichtigste ist mir, dass die Grundlage zum Arbeiten oder zum Sein nicht verloren

geht. Ich würde mich sorgen, wenn sich das Wachstum aus dem Boden von Jahr zu

Jahr vermindern würde… So bin ich froh, wenn keine Krankheiten oder Schädlinge

auftreten, wenn etwas wächst und der Boden bleibt.

Der Boden bleibt – was heisst das?

UW: Ich kann nächstes Jahr wieder etwas machen. Keine Erosion, viele Regenwürmer.

Die Bodenaggregate, also der Zustand des Bodens, verändern sich. Er wird nicht

schlechter, sondern der Boden baut sich tendenziell eher auf. Wie schnell das gehen

sollte oder ob das bei mir zu langsam ist, weiss ich nicht. Aber er ist für mein Verständnis

in einer Veränderung hin zum Positiven.

DA: Das ist auch ein Thema, die Geduld.Wir denken, dass wir dem Boden auch Zeit

geben müssen, wenn er über so viele Jahre hinweg geplagt worden ist. Wenn der Boden

dreissig Jahre lang gedüngt und gespritzt wurde, um das Maximum aus ihm herauszuholen,

dann ist er drauf wie ein «Junkie». Wenn ich ihn auf Entzug setze, dann muss

ich ihm die Gelegenheit geben, ausflippen zu dürfen. Sei es, indem er mit Unkräutern

reagiert oder nicht gleich den Ertragserwartungen entspricht.

UW: Die Ertragserwartung ist ja relativ. Heute ist sie abhängig von irgendwelchen

seltsam gezüchteten Sorten. Wir brauchen zuerst einmal vernünftige Pflanzensorten,

damit man überhaupt von einer Ertragserwartung sprechen kann. Da sind wir noch

sehr weit davon entfernt.

Bei den züchterischen Massnahmen bei uns auf dem Hof, was der Dirk da vermehrt,

kann ich offen und ehrlich sagen: Das bringt nichts zusammen. Ich könnte einige Hektar

aussäen, aber das geht langsam. Das ist logisch, denn er hat eine Ähre oder zwei

oder zwanzig und dann geht es von einem halben Kilo auf ein Kilo und so weiter.

Aber wenn sich eine Sorte einmal angepasst hat an eine Region und den Boden und

der Boden sich halbwegs fit fühlt, dann könnte man vielleicht von Ertragserwartung

sprechen. Das ist wie bei einem gut trainierten Fahrradfahrer, dem ich sage: «Hey,

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wenn alles gut läuft und es nicht regnet, dann schaffst du das gemäss Marschtabelle in

der Zeit». Aber soweit sind wir noch nicht. Das dauert einfach und geht nicht von jetzt

auf gleich. Aber wir sind am Trainieren, am Basteln und es macht den Anschein, dass

es vorwärts geht.

DA: Und wir wollen das Dopen vermeiden, obwohl man das immer machen könnte.

Eine Stickstoffspritze – und dann hast du ein paar Körner mehr.

Heute wird oft vermutet, dass Nahrungsmittel an Krankheitsursachen

beteiligt sein können und auch, dass mit ausgewählten Nahrungsmitteln

Krankheiten eingedämmt werden beziehungsweise für eine robuste Gesundheit

sorgen können. Schlussendlich hat der Konsument den grössten Nutzen

von eurer qualitativ hervorragenden Arbeit.

UW: Das ist mir ziemlich egal. Mein Interesse liegt darin – weil ich mit dem Boden

arbeite – einen gesunden Boden zu haben, damit er mir eine Frucht bringt, an der ich

Spass und Freude habe und die mir auch schmeckt. Da freue ich mich darüber. Was

der Konsument daraus macht oder davon hält, muss er selbst wissen. Der kann das

kaufen, und ich freue mich, wenn jemand daran Freude hat.

Selbst wenn man die überzeugende Bilanz von Nährstoffen und Energie

ausser Acht lässt: Euer Landbau ist schon etwas ganz Besonderes

im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft oder auch im Vergleich zur

Bio-Monokultur. Nicht unbedingt exotisch, aber doch sehr speziell.

UW: Natürlich. In den letzten Jahren gab es den Werbeslogan «Geiz ist geil», und ich

sage mir: «Leben ist geil». Ich will daran Spass und Freude haben und ich freue mich

darüber, ein gutes Bier aufzumachen und es schmeckt gut. Ob es gesund ist oder nicht,

ist ein anderes Paar Schuhe. Ich freue mich auch, wenn sich jemand aus meinem Getreide

ein Brot backt. Oder Nudeln, Pfannkuchen und Linsen kocht.

Wir waren in Bonn bei der Preisverleihung, da war ein topfiter Koch, der hat in Rekordzeit

eine Platte aufgetischt. Er hat ein Wahnsinnsessen gebaut und ich hatte das

Gefühl, dass er auch Spass an den Produkten hatte. Er hat sich das angeguckt und sich

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darüber gefreut. Dann hat er ein Essen daraus gemacht und die Leute waren – gerade

auch vom Fleisch – und vor allem vom Linsensalat völlig fasziniert. Erstens kannten

sie das nicht, zweitens sah es cool aus und hat drittens auch noch witzig geschmeckt.

Das muss genügen. Wenn es auch noch gesund ist, dann ist das eine tolle Sache.

Gesundheit hin oder her: Es handelt sich in mehrfacher Hinsicht um

eine Kulturleistung, wenn man so etwas macht. Unter anderem eben auch in

volksgesundheitlicher Hinsicht.

DA: Bei unserer Art von Erzeugnissen kann ich nur zustimmen. Dem Erzeuger ist es

egal, was der Konsument im Endeffekt daraus macht. Das muss der Konsument entscheiden.

Der Erzeuger ist insofern an sein Erzeugnis gebunden, dass er nur die Qualitäten

erzeugen kann, die sein System, sein Boden und sein Hoforganismus hergeben.

Unsere Produkte unterscheiden sich im Vergleich zu konventioneller Ware, dass es dem

Verbraucher gut tut, wenn die Anonymität durchbrochen wird. Das heisst, der Konsument

kennt die Herkunft des Produkts und wenn er einen Bezug zur Herkunft und

den Erzeugern – in dem Fall zu uns – aufbauen kann, spielt das bei der Qualitätserfahrung

eine entscheidende Rolle. Bei konventionellen Produkten herrscht eine weitgehende

Anonymität. Der konventionelle Bauer oder Erzeuger kippt sein Zeug in

irgendein Loch rein, kriegt Geld dafür und damit ist der Fall erledigt und er sieht das

Zeug in der Form nie wieder. Genauso ist es auch für den Konsumenten: Der greift

in irgendein Regal in irgendeinem Supermarkt, und ihn interessiert überhaupt nicht,

woher das Produkt kommt oder wo und wie zum Beispiel ein Brot gebacken worden

ist. Es interessiert ihn vornehmlich, ob es eine rote oder grüne Verpackung hat, ob das

Ding süss oder salzig ist und was es kostet. Für so etwas sind unsere Erzeugnisse nicht

geeignet. Ich will das gar nicht beurteilen, das muss jeder für sich entscheiden.

UW: Mir ist nicht egal, was der Verbraucher mit meinen Erzeugnissen macht – überhaupt

nicht. Ich würde sehr bedauern, wenn jemand ein Produkt wegwirft. Dann hätte

ich das Gefühl «Oh, da hab ich etwas falsch gemacht». Mir ist es schon sehr wichtig,

dass aus unserem Getreide ein Produkt entsteht. Deswegen mache ich auch sehr gerne

etwas für Kindernahrung. Die nehmen dann so eine Dose und ich freue mich riesig,

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wenn es gut schmeckt und die sich darüber freuen. Das ist toll, aber nicht, weil es gesund

ist oder weil es «cool» aussieht, sondern es muss aus sich heraus einfach toll sein.

Jeder – gerade auch ein Kind – kann sich vorstellen, was er will. Auch wenn es zum

Beispiel an der Verpackung liegt, die trägt viel dazu bei. Kinder lesen, was auf der

Dose steht und dann schmeckt das auch noch gut. Ihnen ist es egal, ob es gesund oder

ungesund ist. Dass es gesund ist, das ist für mich selbstverständlich und die Voraussetzung.

DA: Die Qualität ist eine vielschichtige Sache, die heutzutage auf viel zu wenig Parameter

reduziert wird. Qualität ist ein Prozess. Ob ein Apfel qualitativ gut oder schlecht ist,

entscheidet sich nicht darin, wie viel Zucker- und Eiweisswerte usw. er liefert, sondern

darin, ob er meinem Körper gut tut. Ob ich ihn schön finde, schon wenn ich ihn in die

Hand nehme und ob er sich gut anfühlt, ob er eine schöne Farbe hat, wenn ich reinbeisse,

ob er gut schmeckt und dass ich keinen Durchfall kriege, wenn ich ihn runterschlucke.

Das ist ein ganzer Prozess, den ich nicht an Zucker- oder Vitamingehalt festmachen

kann. Natürlich wird heute auf dem Markt ein Qualitätskatalog aufgestellt, beim Getreide

so und so viel Eiweiss, Kohlenhydrat usw., aber das ist kein direkter Ausdruck

von Qualität. Qualität lässt sich nicht messen, Qualität ist eine Prozesserfahrung. Wir

tendieren dazu, messbare Parameter zu nehmen, die offensichtlich in einer Korrelation

zu einer Prozesserfahrung stehen. Und dann machen wir den Fehler, dass wir diese

Parameter mit Qualität gleichsetzen. Das ist nicht Qualität: Es ist höchstens ein Korrelat.

Hier taucht dann das Problem auf, dass plötzlich, obwohl wir einen qualitativ super

hochwertigen Weizen haben mit super Eiweisswerten und Klebergehalt, er plötzlich von

Menschen nicht vertragen wird. Das heisst, er hat eine schlechte Qualität. Was ist da los?

Eigentlich muss man erst einmal Ordnung schaffen, aufräumen und sagen: Okay, Qualität

habe ich hier und da habe ich Messdaten, die nicht unbedingt miteinander harmonieren

müssen. Da besteht ein Bruch. Ich kann nicht zu den Leuten sagen: «Hey du, bei

dir tickt etwas nicht richtig, wenn du den tollen Weizen nicht verträgst!» Im Gegenteil:

An den Kriterien und Parametern stimmt etwas nicht. Sie erzeugen nicht die Qualität,

die ein Mensch braucht. Das nächste Problem: Ein Apfel, den ich toll finde und der mir

gut tut, der für mich qualitativ hochstehend ist, hat für jemanden gerade neben mir mög­

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licherweise eine mangelhafte Qualität.

UW: Bei Äpfeln gibt es eine grosse Vielfalt. Bei Getreide ist das ganz anders. Ich weiss

nicht, wie viele zertifizierte Sorten momentan auf dem Markt sind, die jährlich angebaut

werden. Es sind sehr wenige. Dafür braucht es wahrscheinlich keine zwei Hände,

um die abzuzählen. Daraus entstehen aber tausenderlei verschiedene Produkte, die

sich durch die Verpackung unterscheiden oder durch den Namen oder durch das Produkt,

das sie darstellen. Ich will den Schuh in dieser Beziehung komplett umkrempeln.

Und zwar lautet meine Devise: Man kann Getreide nicht über einen Kamm scheren.

Es gibt sehr viele verschiedene Sorten und die unterscheiden sich alle voneinander.

Und dann kommen wir irgendwann an den Punkt, dass wir die vielen verschiedenen

Sorten unterscheiden können und erkennen, ob wir sie schön oder nicht schön und

gut finden. Der eine verträgt das eine besser und der andere das andere, der eine will

Bohnen essen, der andere Leberwurst. Ich bin überzeugt, dass man nicht sagen kann,

jemand kann keinen Weizen essen. Wenn wir fünf- oder zehntausend verschiedene

Weizensorten hätten, würde sich das ganz schnell ändern. Das liegt doch auf der Hand,

weil heute alles der gleiche «Scheiss» ist.

DA: Hier gibt es eine besorgniserregende Tendenz: Wir hatten ein Erzeugertreffen, an

dem auch handwerkliche Bäcker dabei waren. Einer dieser Bäcker konstatierte – und

die anderen haben dem zugestimmt – dass es beim anhaltendem Trend in der Sortenzüchtung

in nicht allzu ferner Zukunft kaum noch möglich sein wird, diese Getreidesorten

eigenständig handwerklich zu Brot zu verarbeiten.

Was heisst das?

DA: Das heisst, dass heutzutage die Qualitätsmerkmale von Getreidesorten so speziell

sind, dass sie in bestimmten Verhältnissen untereinander gemischt werden müssen, damit

45 Hybridsaatgut. Hybriden sind genetische Mischlinge, die

nicht samenfest und deshalb nicht nachbautauglich sind. Es

werden also durch verschiedene Elternsorten Eigenschaften

in die Tochtergeneration (F1) gebracht, die sich bei erneuter

Aussaat (F2-Generation) wieder in die Elternsorten aufspalten

(auskreuzen). Weil die Elternsorten nicht anbautauglich sind,

muss das Saatgut immer wieder neu gezüchtet und vom Landwirt

erworben werden; es entsteht eine Abhängigkeit vom Saatguthersteller.

Der biologisch-dynamische Landbau lehnt Hybridsaatgut

grundsätzlich ab, da auch die «inneren» Qualitäten

leiden, was mit so genannten bildschaffenden Analysemethoden

dargestellt werden kann.

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sie überhaupt noch backfähig sind. Es gibt also einen Weizen, der nur noch Kohlenhydrate

bringt, und eine andere Sorte mit schlechten Kohlenhydratewerten hat dafür einen

super Kleber. Wenn ich die zusammenrühre, kriege ich ein Brot hin, aber mit einem einzelnen

Mehl läuft nichts mehr. Eine Stufe weiter getrieben bedeutet das Hybridsaatgut 45 .

Wenn ich das Hybridsaatgut nachbaue, dann kreuzt sich das auf. Ich bekomme die

Eltern, die einzeln nichts taugen und nur in ihrer Tochtergeneration etwas Vernünftiges

ergeben. Das ist eine Tendenz, der wir entgegenarbeiten wollen durch unsere Sortenpflege.

Es gibt Gott sei Dank noch traditionsbewusste, handwerkliche Bäcker.

Aber so viele wird es nicht mehr geben?

DA: Ja, das meiste wird auf Backstrassen industriell verarbeitet.

Die Industrie arbeitet doch heute schon daran,

dass das Handwerk ausstirbt!

UW: Ich arbeite dagegen, solange wir noch Vielfältigkeit auf dem Tisch haben wollen.

Heute ist das Handwerk noch bekannt. Wir sind nicht am Weltende. Wenn du Nudeln

machen willst, brauchst du normalerweise einen anderen Weizen, als wenn du einen

Hefeteig machen möchtest. Die Industrie arbeitet daran, dass es nur noch ein Getreide

gibt, aus dem du Nudeln als auch Brot oder Kuchen machen kannst. Aber ich denke,

dass ich für einen Kuchen einen anderen Weizen brauche als für Nudeln.

Da gibt es diese neuen Trends: Kochshows mit Jamie Oliver,

Tim Mälzer, Sarah Wiener und andere, einige werben

zaghaft oder klar für Bio… Ich finde, das Bekenntnis zur Rohstoffqualität

könnte etwas strikter sein, das hätte eine gute Wirkung.

UW: Bei mir im Hofverkauf läuft es so – und das ist mir ein grosses Anliegen: Man

kann den Leuten nicht zehn Kilogramm Fleisch verkaufen, weil sie damit nicht umgehen

können. Aber sie können es ja lernen! Bald ist Weihnachten und dann soll sich die

Frau vom Mann ein Kochbuch wünschen. Von mir aus Jamie Oliver, das passt schon.

Das gibt es ja nicht, dass die Leute nicht mehr kochen können! Also habe ich mit den

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Leuten gesprochen und den jungen Hausfrauen ein Paket mit ganz verschiedenen und

ihnen komplett unbekannten Fleischsorten mitgegeben. Sie haben zu kochen begonnen

und damit zu arbeiten. Sie servierten die Resultate ihrer Familie und nun kaufen

sie das immer wieder. Genauso beim Getreide: Am Anfang haben sie sich nicht getraut,

damit etwas zu machen oder Linsen zu kochen. Jetzt machen sie Linsensalat und

Linsensuppe, Linseneintopf und so weiter. Das kann man alles lernen. Ich denke, es

liegt auch in meiner Verpflichtung, es den Leuten anzubieten. Ich kann nicht davon

ausgehen, dass die Leute alles selber wissen.

DA: Die letzen Tage vor den Ferien, da haben wir ein Schulprojekt gemacht, mit Fünftklässlern.

Die haben mit verschiedenen Getreidesorten Waffeln gebacken. Das war insofern

spannend und interessant, dass die betreuenden Lehrer immer nach einem Rezept

gefragt haben, als sie den Teig zubereiten sollten. Ich habe gesagt: «Na ja, du brauchst

Mehl, ein paar Eier, ein bisschen Fett und ein Waffeleisen». Die haben verschiedene Getreidesorten

gemahlen, daraus Waffeln gebacken und waren so begeistert, dass sie beim

kommenden Schulfest unbedingt Waffeln backen wollten. Das haben wir dann auch

gemacht. Wir hatten drei Stände mit verschiedenen Getreidesorten: Dinkel, Weizen und

Einkorn, je separat, damit sie das auch schmecken und den Leuten verklickern konnten,

dass das eben verschiedene Getreidesorten sind. Der Einstieg war, dass sich die Lehrer

darüber unterhalten haben, wie viel Eier, Mehl und Milch man in die Schüssel gibt und

wie man das zusammenrührt. Die Kinder haben schon die Eier reingehauen und gerührt,

die Lehrer haben immer noch diskutiert, wie viel Gramm und so, da haben die Schüler

schon die ersten Waffeln gebacken. Das Tollste war: Der Start war etwa um fünfzehn

Uhr und um sechzehn Uhr war alles ausverkauft oder selber gegessen. Dann ist der eine

noch mal los und hat Stoff nachgeholt. Dann haben wir nochmals gebacken und bis um

siebzehn Uhr war wiederum alles komplett ausverkauft und die Kinder waren völlig begeistert.

Und diese Begeisterungsfähigkeit war ein grandioser Moment; dieses Tun und

das Wachsen im Tun. Ich denke, dass man diesen Punkt nur erreicht, wenn man auch

den notwendigen Stoff dazu liefert. Das geht eben nicht mit einem Industrieweizen. Das

ist viel zu langweilig. Genauso war es bei einer Kartoffelaktion. Die Leute brauchen,

je nachdem, eine halbe Stunde, bis sie «auftauen», aber dann sind sie voll drin. Dann

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wird gegraben und geschafft, zum Beispiel Mädchen mit Rüschenröckchen, von denen

man meint, dass sie sich keinen Finger dreckig machen wollen. Es gibt schon einige, die

sind enorm verkorkst, aber erfahrungsgemäss – bei Dritt- und Viertklässlern vor allem

– werden nach einer gewissen Zeit irgendwelche Urtriebe geweckt. Genau da muss man

ansetzen und sie dort abholen, dann läuft es.

UW: Letztes Jahr beim Schulfest habe ich gegen den Willen der Eltern und Lehrer

mit den Kindern Kartoffeln gekocht. Die glaubten, dass ihre Kinder keine Kartoffeln

essen ohne irgendetwas dazu. Dann haben die Kinder Kartoffeln gekocht, kleine Kartoffeln

rausgesucht und gedämpft. Die wurden dann auf Zahnstocher aufgepickst mit

Fähnchen obendrauf. Sie haben unsere Kartoffeln gegessen wie Süssigkeiten. Sie sind

auf dem Hof mit den Kartoffeln rumgerannt und haben gegessen. Die Eltern konnten

sich nicht vorstellen, dass ihre Kinder Kartoffeln ohne Ketchup oder irgend so was

essen. Die waren aber lecker. Wenn du einem Kind eine Kartoffel andrehen willst, die

nicht schmeckt, dann wird das Kind sie nicht essen. Und wenn du einem Kind sagst,

«Das schmeckt nicht» oder «Das isst du nicht», dann haut das ebenfalls nicht hin. Aber

wenn du sie selber probieren lässt und es ist gut, dann essen sie das. Die haben die

Kartoffeln wie Schokolade gegessen und immer noch mehr geholt.

DA: Vor allem, weil sie das auch selber machen können. Das ist wichtig.

UW: Wenn du irgendwo hingehst und eine Kartoffel kaufst, dann fehlt dir erstens

der Bezug zu der Kartoffel und dann schmeckt sie auch nicht gut. Das gibt es, dass

bei manchen Kartoffeln der Geschmack nicht richtig kommt, weil sie noch ein bisschen

erdig sind. Aber wenn es gut schmeckt, dann ist das überhaupt kein Problem. Da

haben Kinder Kartoffeln gegessen und gesagt: «Ich habe noch nie so eine Kartoffel

gegessen».

DA: Das heisst doch: Da ist ein Potential, auch von der Konsumentenseite her. Der Verbraucher

muss die Möglichkeit haben, vernünftig auswählen zu können. Wenn es heisst,

dass der Konsument im Supermarkt immer das Billigste kaufe, dann trifft das für den

Supermarkt zu. Das ist dort die Haltung und die kenne ich von mir selbst. Wenn ich mich

in einen Supermarkt verirre, dann sage ich mir, hier werde ich sowieso verarscht. Und

die Verarschung geht ums Geld und dann gucke ich eben, dass ich so wenig wie möglich

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verarscht werde und nehme das Billigste. Wenn ich aber in einen Hofladen komme oder

in einen Bioladen, bin ich gleich in einem Vertrauensverhältnis zum Produkt und zu den

Leuten. Da findet eine Begegnung zwischen Produkt und Mensch statt. Mir sagt die Erfahrung,

sowohl als Konsument als auch als Anbieter, dass der Preis dann zweitrangig

wird – entgegen allen marktwirtschaftlichen Gesetzen.

UW: Ganz wichtig ist die Qualität – Bioladen oder Hofladen hin oder her: festkochend,

weichkochend. Am Anfang hiess es, man müsse wissen, welche Art Kartoffeln

das seien: ob Salatkartoffeln oder zum Weichkochen usw. Dann hab ich gesagt: «Das

sind Kartoffeln, die die Schüler angebaut haben und das ist ein heilloses Durcheinander,

keine Ahnung. Ich habe sie probiert und sie sind lecker. Die kosten so und

so viel, fertig und basta». Die haben alle die Nase hochgezogen, die Kartoffeln aber

trotzdem gekauft. Das war dann wie beim Dealer: Die waren angefixt und sind wiedergekommen,

weil die Kartoffeln gut waren. Niemand wusste, welche Qualität die

Kartoffeln genau hatten und ich hab bei den Leuten zurückgefragt: «Sind die jetzt festoder

weichkochend und was macht ihr damit?» Sie haben Kartoffelbrei gekocht, Bratkartoffeln,

Kartoffelsalat, Pommes usw. Und die Kartoffeln sind gut. Unser Problem

ist eher, dass die Kartoffeln innerhalb kürzester Zeit alle sind. Ich muss einen ganzen

Haufen Leute abwimmeln und sagen, dass wir keine mehr verkaufen, weil wir keine

mehr haben. Die Qualität der Kartoffel spricht eben für sich. Sie ist ewig haltbar. Wir

haben sogar das Problem, dass die Leute die Pflanzkartoffeln essen.

Und beim Getreide: Die Reinigung mache ich gewissenhaft – so gut es mit unserer

Technik geht – aber auf Grund der Mischkultur, die ich fahre, sind da auch allerhand

Sachen dabei. Ich kriege auch immer Reklamationen. «Ja, da waren Wicken drin oder

da sind Erbsen drin» usw. Aber da mache ich mir keinen Kopf. Dann wird es wieder

46 Kornrade. Die Kornrade (Agrostemma githago) ist ein einjähriges

Nelkengewächs und war früher eine verbreitete Getreidebegleitpflanze

(vor allem in Roggen) und wird gerne von Insekten

besucht (wie alle Nelkengewächse besonders von Faltern).

Durch unzureichende Reinigung des Saatguts wurde sie immer

wieder mit ausgesät. Wegen der Giftigkeit des Samens war sie im

Speise- und Futtergetreide recht gefürchtet; andere behaupten

aber, dass ein geringer Besatz der Gesundheit sogar zuträglich

sei. Durch moderne Reinigungsmethoden stellt sie kein Problem

mehr dar, ist im Gegenteil – auch wegen der intensiven Unkrautbekämpfung

– sehr selten geworden und geschützt (Rote Liste).

Es gibt Initiativen, die Kornraden züchten, um sie beispielsweise

in Randstreifenprojekten auszusäen. In Deutschland war die

Kornrade Blume des Jahres 2003.

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gereinigt und dann kommt eine andere Reklamation. Dann bringen sie’s wieder und

dann wird’s nochmals durchgereinigt. Wir haben von den Müllern und Auszubildenden

von Verarbeitern wie Erdmann Hauser schon Leute hier gehabt, damit die sehen,

wie das bei uns überhaupt läuft. Denen habe ich gesagt: Du kannst das so lange reinigen,

bis keine Wicke mehr drin ist, aber das geht auch immer einher mit Verlusten.

Bei jedem Reinigungsdurchgang geht auch von der eigentlichen Frucht mit weg. Und

wenn dann hinten dran der Müller steht und sagt «Ich brauche jedes Korn», dann sag

ich: «Also, jetzt ist es gut, die Wicke geht nicht raus, die lässt man drin». Die Qualität

des Mehls ist ja trotz allem überzeugend.

Sind Wicken giftig?

UW: Nein, Quatsch. Die haben nur Bitterstoffe. Die muss man halt abkochen oder

irgendetwas machen. Wicke ist ein altes Lebensmittel von ganz früher. Die hat man

früher gegessen, sie war auf jeden Fall auf dem Speiseplan.

DA: Was heute als ungeniessbar gilt, hat man zum Beispiel mehrmals gebrüht. Bohnen

sind genauso giftig. Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass ein gewisser Besatz von

Kornrade 46 – die gilt auch als ziemlich giftig – für die Verdauung und die Gesundheit

förderlich sei. Das heisst nicht, dass man die Kornrade esslöffelweise verspeisen soll. Mir

kommt das mit diesem Reinigen vom Getreide ein bisschen so vor, wie wenn man im Klo

oder im Bad mit Salzsäure anrückt, um alles keimfrei zu haben und dann wundert man

sich, wenn die ganze Familie krank wird.

UW: Diese Haltung hat erst durch die Monokultur – in der Form, wie wir sie heute

haben – Einzug gehalten. Früher war es undenkbar, ein Getreide in einem absoluten

Sortenreinheitsgrad zu bekommen. Im Vergleich zu früher gibt es in den grossen Hofsilos

nur Getreide und sonst nichts – nicht einmal eine Maus kommt rein oder ein

Vogel – und das schimmelt da vor sich hin. Du brauchst keinen Käse mehr zu essen,

weil der dann schon im Brot mit drin ist. Ich will damit sagen, das gab es früher überhaupt

nicht. In meiner Kindheit gab es die Lagerhäuser mit den Schüttböden 47 . Es

hatte richtig grosse Haufen, und da sind wir mit dreckigen Schuhen oder barfuss rein

gehüpft. Das haben alle gegessen, was wir da rausgeschaufelt haben. Dafür gab es

150


eine Bluna 48 oder ein Sinalco für jedes Loch, das wir leergefegt haben. Da kannte man

die hohen Getreidesilos noch nicht. Auch wenn Getreide eingelagert wurde, das von

der Feuchtigkeit her nicht ganz einwandfrei war, was auch heute noch vorkommt, ist

trotzdem nichts passiert. Es konnte nicht schimmeln, weil es luftig gehalten wurde; es

bildete sich kein Milieu für Schimmel oder Bakterien. Da ist man auch nicht Gefahr

gelaufen, dass das Getreide mit Pilzen belastet war. Und heute kommt es in riesig

grosse Blechtürme und mittendrin ist eine Fuhre, die nicht ganz hasenrein ist und dann

hast du ein Problem. Das wird aber mit vermahlen, denn das wegzukippen, kann sich

niemand leisten.

Wird das nicht getestet?

UW: Das endet dann mit irgendwelchen Rückrufen, aber da ist das Brot schon lange

gegessen. Das ist wie mit dem Döner Kebap. Wenn die merken, dass das Fleisch

schlecht ist, ist der Kebab schon längst verzehrt. Die starten Rückrufaktionen von

Zeug, das es nicht mehr gibt. Es wird auch viel weggeschmissen. Aber das Zeug ist

sortenrein. Da findest du nichts, wahrscheinlich nicht mal einen Mäusedreck.

Man hat auch früher gereinigt. Da hatte Mäusekot nichts zu suchen drin, Stroh musste

47 Schüttboden. Einfaches Lager für Schüttgut wie Getreide,

meist in einem höheren Geschoss (Unterlüftung) unter besonderer

Berücksichtigung der trockenen Einlagerung. Ein Schüttboden

hat normalerweise eine oder mehre Bodenluken, über die

das Schüttgut nach unten weitergegeben werden kann, beispielsweise

in einen Wagen oder in eine Mühle. Schüttböden sind als

Dauerlager für Getreide problematisch, da sie gerne von Mäusen,

Ratten und Vögeln heimgesucht werden. Für Mühlen sind

sie recht praktisch und täglicher menschlicher Umtrieb hält die

Diebe fern.

48 Bluna, die. Deutsche Kult-Limonade aus den 1950er Jahren

aus dem Hause Blumhoffer Nachfolger, woher auch Afri-Cola

stammt. 1994 hat die Überkinger-Teinacher-Mineralbrunnen AG

die Markenrechte gekauft.

49 Durchsatz. Unter Durchsatz versteht man gewöhnlich den Materialdurchlauf

in einem Arbeitsprozess pro Zeit. Bei Prozessen,

in denen keine wesentliche (z.B. chemische) Veränderung des

Materials hervorgerufen wird, kann der Durchsatz ein brauchbares

Mass für die Produktivität darstellen, z.B. bei Reinigungsprozessen

wie Sieben oder Sortieren und beim Mahlen oder

Schreddern. Entscheidend für die Produktivität ist allein, wie viel

Kilogramm oder Tonnen pro Zeit bearbeitet werden. Bei «Veredelungsprozessen»

ist die Produktivitätsbewertung ausschliesslich

nach Durchsatz oft schwierig.

50 Kümmerkorn. Unvollständig ausgebildete Körner in der

Ähre, häufig auch nicht keimfähig. Kümmerkorn ist das Ergebnis

schlechter Wuchsbedingungen wie Trockenheit, Lichtmangel,

Nährstoffmangel usw. Auf einer Ähre können sich auch einzelne

oder abschnittsweise Kümmerkörner bilden, wenn beispielsweise

Trockenheit in wichtige Entwicklungsphasen fällt oder Einzelblüten

wegen Regens nicht ausreichend befruchtet werden können.

Auch beim Obst gibt es Kümmerfrüchte, die nicht ausreichend

befruchtet wurden. Diese fallen im Sommer meist ab.

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aus, Steine, Dreck, Staub usw. Da wurde intensiv gereinigt, damit auch nichts passiert.

Die waren auch ziemlich genau. Wenn man eine alte Getreidereinigung nimmt,

die es in Lagerhäusern gab und auch auf den Bauernhöfen, die arbeiten relativ akkurat,

eigentlich besser als die modernen, weil die nicht den hohen Durchsatz 49 haben.

Da ist es fast unmöglich, einen Stein durchlaufen zu lassen oder Stroh, das fliesst echt

gut weg. Aber es war in der Mischkultur oder durch die Verunkrautung alles Mögliche

mitgewachsen. Das war alles biologisch und je nach Bauer waren da auch immer

andere Körner mit dabei, also Fremdbesatz durch anderes Getreide oder Wicken und

andere Acker unkräuter. Sie konnten das nicht so leicht rausreinigen und wenn sie es

so intensiv gereinigt hätten, wäre das auch immer mit Verlusten an Getreide einhergegangen.

Das konnte sich niemand leisten, und da war die Toleranzgrenze noch ganz

anders angelegt als heute.

Wenn ein moderner Müller eine Handvoll Getreide sieht mit einem anderen Korn

drin, dann bekommt es eine Aberkennung, obwohl das für das Lebensmittel eher ein

Vorteil ist. Und das Zeug ist ja nicht giftig. Das spielt sich in einem Prozentbereich ab,

den ich als Fremdbesatz auszähle. Das mache ich hin und wieder aus Eigeninteresse

von Hand: Ich nehme von einer Charge eine Handvoll heraus in einen kleinen Eimer,

nehme es mit an den Tisch und dann zählen wir aus: Grosse Körner, kleine Körner

usw. Das ist von Jahr zu Jahr verschieden: Es gibt Jahre, da sind die Körner alle fast

gleich gross, dann gibt es andere Jahre, da sind ganz grosse Körner dabei, aber auch

ganz mickrige. Oder dann gibt es viele Kümmerkörner 50 , die fliegen bei der Reinigung

eh weg. Die bläst der Wind weg. Und wenn ich den Fremdbesatz auszähle, dann komme

ich nicht mal auf zwei Prozent. Normalerweise ist es sogar unter einem Prozent bis

nicht mehr messbar in Prozent. Und damit kannst du keinen krank machen oder sogar

umbringen. Das ist wie mit Mutterkörnern 51 : Die sind ja nicht so giftig, dass Menschen

davon sterben oder krank werden würden.

DA: Dieser Wirkstoff im Mutterkorn wirkt extrem gefässverengend. Deshalb ist früher

das Mutterkorn medizinisch verwendet worden, zum Beispiel zum Hemmen von Blutungen

nach der Geburt. Es gibt eine kritische Dosis, wo es dann gefährlich wird. Früher

war ein gewisser Besatz, wenn man es mal umdreht, rein vom Gesundheitlichen her

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völlig akzeptabel. Gar keine Frage.

UW: Das ist wie der Floh auf dem Hund, die Maus auf dem Feld oder der Kartoffelkäfer

in den Kartoffeln: Bis zu einem erträglichen Grad ist das normal und gehört dazu.

Irgendwann wird es lästig bis unerträglich. So gab es früher und gibt es heute noch Bestände,

die einen starken Mutterkornbesatz haben oder Brandbefall. Steinbrand 52 ist

ein Pilz, der giftig ist. Das geht bis zum Totalausfall, wo man dann alles wegschmeissen

muss, man kann das nicht mal mehr als Viehfutter verwenden.

51 Mutterkorn. Mutterkorn (Claviceps purpurea) ist ein Schadpilz

vor allem fremdbestäubender Getreidearten (Roggen). Die

Sporen dringen in die Blüte ein, die statt dem Samenkorn einen

Pilzkörper ausbildet. Deshalb sind fremdbestäubende Arten gefährdeter

als selbstbestäubende; auch eine lange Blühperiode,

die meist mit Regen verbunden ist, begünstigt eine Infektion,

schnelle Blüte mit viel Pollen vermindert die Infektionsrate.

Deshalb werden in Hybridroggen gerne spezielle, pollenreiche

Vaterlinien eingekreuzt. Die Alkaloide des Mutterkorns sind

vielfältig und von komplexer Wirkung. Dosen von 5–10 g können

für Erwachsene bereits tödlich sein. Insbesondere das Ergometrin

fördert Wehen und wurde als Mittel zum Schwangerschaftsabbruch

oder zum Einleiten der Geburt eingesetzt. Andere Inhaltsstoffe

stoppen Blutungen nach der Geburt. Wahrscheinlich

leitet sich daher auch der Name «Mutterkorn» ab. Die gefässverengende

Wirkung führt zu Durchblutungsstörungen der Gliedmassen,

die sich dann dunkel verfärben und sogar absterben

können, was im Mittelalter häufig mit dem Aussatz verwechselt

wurde. Ausserdem enthält Mutterkorn psychoaktive und halluzinogene

Substanzen wie die Lysergsäure, die ebenso Bestandteil

der synthetischen Droge LSD ist. Mutterkorn ist seit Jahrtausenden

als Rauschmittel bekannt.

52 Steinbrand, Brandbefall. Steinbrand (Tilletia caries), auch

Schmier- oder Stinkbrand, ist eine Pilzerkrankung, die hauptsächlich

bei Weizen und bei Dinkel auftritt. Die Körner verfärben sich

dunkel und werden zu so genannten Brandbutten, die auf Druck

zerfallen und ihre Sporen entlassen. Die Ernte hat deutlichen

Fischgeruch, wird ungeniessbar und sogar gefährlich. Die Übertragung

erfolgt über infiziertes Saatgut und Pilzdruck durch die

Vorfrucht. Weitere Branderkrankungen am Getreide sind Flugbrand,

der auch vom Wind übertragen wird: beim Weizen (Ustilago

tritici), bei der Gerste (U. nuda) und beim Hafer (U. avene);

Flugbrandbefall ist nicht ganz so dramatisch wie Steinbrand. Vorbeugemassnahmen

sind chemisches Beizen in der konventionellen

Landwirtschaft und Heisswasser- oder Senfmehlbeizen im Ökolandbau.

53 den «Acker verhageln». Ein Aphorismus für unvorhersehbare

Ereignisse, die eine Ernte beeinträchtigen oder ganz vernichten.

Dazu gehören beispielsweise Unwetter, Überschwemmungen,

Krankheiten, Schädlinge; diese Ereignisse – und überhaupt der

ganze Vegetationsverlauf eines Jahres – bestimmen die Ertragslage

wie Düngung oder Pflanzenschutz. Vor allem bei älteren Landwirten

gibt es noch diesen Respekt vor diesen «anderen» Kräften.

54 Feldbeerdigung. Fantasiebegriff. Es soll darauf angespielt werden,

dass ein Acker in der konventionellen Landwirtschaft als

reiner Substratträger aufgefasst wird, der den synthetischen Mineraldünger

für «Pflanzenapparate» zur Verfügung stellen muss

(bei der Treibhauskultur auf Steinwolle-Substrat ist dieses Prinzip

auf die Spitze getrieben). Der Boden verliert sowohl in der

Anschauung des Landwirts als auch konkret allmählich jede Lebendigkeit.

Der konkrete Verlust äussert sich z.B. darin, dass ein

Regenwurmbesatz von 0 (in Worten: Null) bis 30 Individuen pro

Quadratmeter Ackerboden konventionell als tragbar gelten. Es

rückt erst ganz langsam ins Bewusstsein der Akteure, dass damit

Erosion und Versteppung einhergehen. Die Agrar-Industrie hat

kein Interesse an gesunden Böden, da sie – wie auch die Pharma-

Indus trie – an der Krankheit und am Mangel verdient bzw. daraus

ihre Existenzberechtigung schöpft. Es ist leicht einzusehen,

dass ein so getöteter Acker nicht über Nacht in die Lebendigkeit

zurückgeführt werden kann – wenn es überhaupt in menschlich

überblickbaren Zeiträumen möglich ist. Manche Landwirte verlieren

ja schon bei «halb- oder vierteltoten» Äckern in der Umstellung

nach wenigen Jahren die Nerven und fangen wieder an

zu pflügen, zu düngen und zu spritzen, ungeachtet nachfolgender

Generationen, nur mit Blick auf kurzfristigen Erfolg.

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DA: Das sind Schimmelpilze, also auch das Mutterkorn.

UW: Es ist wie mit der Maus: Die darf da sein, aber natürlich nicht prominent. Es ist

wichtig, dass es im Einklang mit der Natur funktioniert. Es kommt immer wieder vor,

wenn auf dem Feld irgendetwas schief läuft oder – das muss nicht unbedingt ein Fehler

vom Bauern sein – irgendetwas nicht stimmt. Das Feld oder das Getreide fühlt sich

demnach nicht wohl, wird krank und stirbt. Es ist wie bei den Menschen: Die werden

teilweise auch krank und sterben. So etwas kann auch im Getreidefeld passieren.

Mit einem ganzen Feld?

UW: Ja klar.

DA: Mutterkorn ist ein Pilz, der fast nur beim Roggen vorkommt, weil der Roggen ein

Fremdbestäuber ist. Die anderen Getreidesorten sind Selbstbestäuber. Das Auffällige

ist, dass der Mitte Mai blühende Roggen bei einer Schlechtwetterperiode und Regen aussergewöhnlich

lang in Blüte stehen kann. In solchen Phasen ist die Infektionsrate recht

hoch. Das heisst, es kann dir den ganzen Acker verhageln 53 . Ist die Blüte im Sonnenschein

und innerhalb einer halben Woche durch, dann gibt es kein Problem.

UW: Das ist mir zu wissenschaftlich. Stell dir vor, es ist schlechtes Wetter und du gehst

mit nassen Haaren raus und fährst Motorrad; dann ist die Gefahr natürlich höher, dass

man krank wird. Da gebe ich dir völlig recht. Ob aber einer wirklich krank wird oder

nicht, da spielen noch ganz andere Faktoren eine Rolle. Deswegen finde ich die Wesenheiten

das Wichtige, die geistigen und die materiellen beziehungsweise irdischen;

das muss in Harmonie miteinander gehen, so dass man eben auch in schlechten Zeiten

darüber hinweg kommt. Das ist wichtig. Ich kann mir das nicht anders erklären.

DA: Es kann einem, wenn es sein muss, den ganzen Acker verhageln.

UW: Natürlich kommt das vor, auch bei mir. Ich will jetzt nicht meine Felder und

unser Tun davon ausschliessen. Nur würde ich mir darüber gar keinen Kopf machen.

Ich bin der festen Überzeugung: Wenn ein Feld krank ist und an dieser Krankheit

stirbt, dann ist es eben tot und weg, Ende der Geschichte 54 .

Ein ganzes Feld stirbt, nicht eine Ecke oder sonst ein Teil davon?

DA: Im Extremfall schon.

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UW: Es stirbt ja auch kein halber Mensch. Entweder ganz oder gar nicht.

Das ist dann irgendwie infektiös?

DA: Unter sehr ungünstigen Bedingungen schon. Vor 25 Jahren habe ich mal bei einer

Hybrid roggensaatzucht gearbeitet. Wenn das Jahr von der Blüte an blöd läuft, das ist

der kritische Moment in Bezug auf das Mutterkorn zum Beispiel, dann kann man schon

einen richtig üblen Besatz haben in einem Bestand. Ab wann es dann überhaupt nicht

mehr erntefähig ist, weiss ich nicht. Ich weiss auch nicht genau, wovon das abhängt und

wie oft das vorkommt. Bei uns habe ich noch nie einen solchen Totaleinbruch erlebt.

UW: Ich habe im Jahr 2001 einmal einen Brandbefall im Dinkel gehabt; das war Totalausfall

und das wirft man dann eben alles weg. Jetzt muss ich scharf nachdenken,

was ich mit dem Dinkel gemacht habe. Ich habe ihn auf die Schweineweide gesät,

glaube ich. Das endete dann in einer Art Bestattung. Ich habe mir noch nie Gedanken

gemacht, wie man Getreide richtig bestattet. Es war selten notwendig. Ganz am Anfang

habe ich gemeint, «Allez-hopp!», ich schmeiss das auf die Schweineweide und

vielleicht kann es dort wieder wachsen oder machen, was es will. Ich habe davor auch

keine Angst. Es gibt Menschen, die pflügen ihre Felder dreimal nacheinander, was

weiss ich wie tief, und bauen dann ewig keinen Weizen mehr hin. Das ist Humbug.

Daran glaube ich nicht. Ich würde gerade noch einmal einen Weizen oder Dinkel machen

und mit gutem Gewissen glauben, dass es wieder gesund werden kann. Ich würde

mich vielleicht ein bisschen intensiver darum kümmern, wie wenn man sich bei einem

kranken Kind ans Bett setzt. Dann machst du mal einen warmen Tee, das schon. Ich

kriege jedoch keine Angst, dass das gerade wieder passiert und setze es auch nicht auf

Entzug deswegen. Es kann wieder gesund werden. Das ist überhaupt kein Problem.

Da macht sich die moderne Landwirtschaft normalerweise regelrecht in die Hosen,

55 Roggendurchwuchs, Durchwuchs allgemein. Durchwuchs

ist ein unerwünschter Aufgang der Vorfrucht in einer Kultur.

Er entsteht aus Ernteresten, die beim Dreschen auf dem Acker

zurückbleiben und nicht konsequent unterdrückt werden. Auch

Zwischenfrucht, die in milden Wintern nicht zuverlässig abgefroren

ist, kann zu Durchwuchs führen. Im Extremfall kann der

Durchwuchs die geplante Kultur völlig überwachsen.

Roggen ist sehr anspruchslos und auch winterhart. Aus diesem

Grund kann es bei ihm besonders leicht zu Problemen mit Durchwuchs

kommen.

155


wenn so was passiert.

DA: Das hängt natürlich wieder mit wirtschaftlichem Erwartungs- und Leistungsdruck

zusammen wie zum Beispiel auch bei Fremdbesatz. Ich merke, dass Fremdbesatz überhaupt

kein Problem ist.

Was ist Fremdbesatz?

DA: Das ist eben, wenn ich einen Weizenacker habe und irgendeine Verunreinigung

oder Roggendurchwuchs 55 , Dinkel oder irgendetwas anderes mit drin ist. Heute ist es so,

dass du da «ratzfatz» Abzug kriegst. Du lieferst einen Weizen ab, in dem so und so viele

Körner pro Hand Roggen drin sind und dann wirst du runtergestuft. Es gibt weniger

Geld, obwohl der Weizen später in der Bäckerei wieder mit dem Roggen zusammen gemischt

wird. Es ist völlig widersinnig.

UW: Das ist zum Beispiel bei Grünkern ganz spannend: Es ist natürlich lästig, wenn

der Händler den Grünkern als reinen Grünkern anbieten will, dieser nun aber mit

Weizen, Roggen und Gerste vermischt ist. Da muss man bei jedem Kunden eine Erklärung

abgeben. Und das lässt er sich eben durch den Abzug bezahlen. Das verstehe

ich. Aber wenn es dann sowieso vermischt wird, dann ist das einfach idiotisch. Das ist

reine Geldmacherei.

Um den Reinigungsstandard etwas zu illustrieren. Ich kann mich an Szenen aus meiner

Kindheit erinnern: Wenn es bei uns Linsen gegeben hat, sind wir an diesem Tag

gemeinsam am Küchentisch gehockt und haben die ganz normalen und regulär eingekauften

Linsen aus dem Laden auf dem Tisch ausgebreitet. Dann hat man die Steinchen

und die Gerste usw. von Hand ausgesammelt. Das war normal. Und heute müssen

die rein sein, weil sonst der Händler Gefahr läuft, verklagt zu werden. Früher war

das überhaupt keine Diskussion, da hat jeder gewusst, dass da noch Steine usw. mit

drin sind. Die Linse wächst flach, da ist die Gefahr, dass da Steine mit reinkommen, relativ

gross. Damit hat man früher gelebt, aber heute müssen die picobello sauber sein.

Mir wäre lieber, wenn die Leute in zum Beispiel einem Bio-Laden damit konfrontiert

würden, dass da ein Zettel mit drauf ist und da steht, dass die Linsen nicht handverlesen

sind und die das noch selber machen müssen. Warum? Weil eine auf steinfreiem

Boden gewachsene Linse nichts taugt, das ist wie ein Wein auf flachem Land.

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DA: Das war früher auch ein kleines familiäres Ereignis und warum soll man solche Sachen

nicht pflegen? Und es macht einen Heidenspass, Linsen zu essen. Ein Leben ohne

Linsen ist möglich, aber sinnlos!

Über den Mähdrescher müsst ihr auch noch etwas sagen.

UW: Ich beginne im Juni und höre im Oktober auf, Mähdrescher zu fahren.

Wieso lässt du nicht jemanden sonst noch fahren?

UW: Lukas, den ältesten Sohn, lasse ich schon Mähdrescher fahren. Er will es lernen

und das finde ich auch schön. Es ist ein Ereignis und ich mache das gerne. Es macht

mir viel Spass.

Ich stell mir das ziemlich schwierig und knifflig vor: Du musst die

Höhe immer regulieren, zudem musst du völlig wach sein und kannst nicht

einfach nur durchfahren.

UW: Langsam. Da ist die Getreidezüchtung intensiv dran, dass man Getreide so

züchtet, dass man den Mähdrescher automatisch darüber laufen lassen kann. Da wird

alles vorgegeben und mittlerweile wird der Mähdrescher per Computer eingestellt.

Das geht mit den konventionellen Getreidesorten.

Lukas war auf einem Mähdreschlehrgang und hat sich da alles angehört, was die

erzählt haben; dann hat er bei mir fahren müssen, und es war für ihn wie in einer

56 Haspel. Siehe Fussnote 3/4, Seite 20: «Technische Ausdrücke

des Mähdreschers: Kleindrescher etc.»

57 Witzenhausen. In Witzenhausen (Nordhessen bei Kassel) ist

die landwirtschaftliche Fakultät der Universität Kassel untergebracht.

Neben den Universitäten Giessen und Hohenheim

(bei Stuttgart) ist Witzenhausen eine der bedeutendsten Agrarfakultäten

deutscher Universitäten. Witzenhausen zeichnet sich

durch sein Augenmerk auf den Ökolandbau gegenüber den anderen

Universitäten und Hochschulen aus. 2007/2008 machte

die erste biologisch-dynamische (Stiftungs-)Professur des niederländischen

Wissenschaftlers Ton Baars an einer öffentlichen

Hochschule Furore. Sie wurde auf Druck der Studentenschaft

eingerichtet, die endlich auch mehr über ökologischen und insbesondere

biologisch-dynamischen Landbau wissen wollten und

ist nach wie vor sehr umstritten. Im Zuge des Förderpreises Naturschutzhöfe

wurden wir dort bekannt und stehen nun in regelmässigem

Kontakt mit der dortigen Fakultät, bieten Praktika für

Studenten an und beteiligen uns an wissenschaftlichen Projekten.

58 Rauscheblatt-Weizen. Eine Weiterzüchtung von Erbe-Weizen

durch die Züchterin Heidi Franzke.

157


anderen Welt. Es hat überhaupt nichts von dem gestimmt, was die erzählt haben.

Das sind moderne Sorten und deren Ähren sind alle in der gleichen Höhe mit relativ

wenig Stroh – und alles die gleiche Sorte. Damit kommt ein moderner Mähdrescher

relativ gut zurecht. Man gibt die Höhe ein, dann lässt du ihn automatisch laufen.

Vom Feldanfang zum Feldende, hin und her – hin und her. Es ist einfach zu lernen

und jeder kann das.

Mit den alten Getreidesorten, die unterschiedlich hoch sind, mit verschiedenen Ähren

auf unterschiedlicher Höhe, wo dann in einer Mischkultur auch noch verschiedene

Pflanzen herumstehen, da wird es ziemlich anspruchsvoll. Man muss mehr

gu cken, mehr arbeiten und ein Gefühl dafür bekommen. Da verstell ich während

dem Fahren dauernd die Höhe, die Geschwindigkeit der Haspel 56 und auch die Entfernung

der Haspel hin und her. Man muss auch immer wieder darauf achten, wie

man das Dreschwerk – Dreschtrommel und Sieb – einstellt. Dafür kriegt man mit der

Zeit ein Gefühl. Man muss eben gucken und hören. Das ist spannend, ich mache das

gerne. Immergleiches Zeug zu dreschen ist irgendwie überflüssig und langweilig für

mich. Linsen oder Flachs zu dreschen, Buchweizen oder auch Hirse, das macht richtig

Spass. Das ist wie Segeln.

Da war ein Jungbauer aus dem Hohenlohischen hier, der in Witzenhausen 57 studiert.

Die dreschen dort Hochertragssorten und aufgrund des Standortes auch grosse

Mengen. Der war verdutzt, wie wenig auf unseren steinigen Böden wächst. Wir haben

einen Rauscheblattweizen 58 gedroschen auf einem für mich verhältnismässig guten

Standort. Da hat der mal gestaunt, etwas in der Art hat er noch nie gesehen, zum

59 Berthold. Berthold ist ein Nachbarlandwirt, mit dem Uwe

schon zur Schule ging. Er ist ein grosser Praktiker mit viel Wissen

und stets hilfsbereit. Mittlerweile ist er auch Bio-Bauer (was er im

Grunde schon immer war).

60 Schüttelsieb-Reinigung. Einfache Getreidereinigungsmethode,

bei der das Getreide über einen oder mehrere schräg angeordnete

Siebflächen läuft, die ständig oder rhythmisch gerüttelt werden.

Das Getreide wird in Fraktionen zerlegt, die durchfallen oder

über das Sieb laufen. Mit entsprechenden Siebgrössen, Lochformen

und Durchlaufgeschwindigkeiten kann man brauchbare

Reinigungsergebnisse erzielen.

61 Klettenlabkraut. K. (Galium aparine) ist ein verbreitetes Unkraut

mit auffällig quirlig stehenden Laubblättern. Durch winzige

Stachelborsten fühlt es sich rau und klebrig an und kann an Wirtspflanzen

hochranken und sie überwuchern. Bestände können eine

fest zusammenhängende Matte bilden, der kaum Herr zu werden

ist. Die Früchte sind kleine «Kletten», die leicht an Beinkleidern

und im Fell von Säugetieren hängenbleiben und so verbreitet wer-

158


Beispiel, wie viel Stroh ein Weizen haben kann. Das ist eine spannende Geschichte,

so ein Ding zu dreschen und man muss ständig gucken, sonst bleibt die Kis te stehen.

Ich habe einen sehr guten Lehrer gehabt. Früher hat es mich gelangweilt, für meinen

Vater zu dreschen, all das gleichmässige Zeug. Da bin ich über den Acker gerast

und gut, ich habe vom Dreschen damals auch nicht so viel verstanden. Einmal habe

ich dann für den Toni gedroschen, mit einem interessanten alten Mähdrescher. Toni

hatte wirklich eine Ahnung und drischt alles. Von ihm habe ich gelernt, wie man

richtig Mähdrescher fährt. Da habe ich Blut gerochen und es hat mir Spass gemacht.

Und seitdem juckt es mich immer, irgendwelche Dinge zu dreschen, die ich noch

nicht kenne. Zum Beispiel die Linsen, die sind immer wieder eine neue Herausforderung

und es geht jedes Jahr anders. Es ist nie gleich. Es macht mir schon Spass.

Der Berthold 59 macht das auch, also Zeug zu dreschen, das er noch nie gedroschen

hat. Mähdrescher einstellen, ausprobieren, was kommt in den Tank, was fliegt hinten

raus, wie muss ich fahren, langsam, schnell und so weiter, bis es irgendwie klappt.

Wenn du eine Mischkultur abschneidest, kommt dann alles in einen

Tank? Der Hafer, die Linse, der Senf, der Leindotter?

UW: Das kommt alles in einen Tank. Und das Stroh muss hinten raus, so viel wie geht.

Aber da ist dann auch das Grünzeug mit drin?

UW: Je nachdem welche Siebe ich einbaue, kann ich es versuchen rauszusieben. Ein

grosser Vorteil meines Mähdreschers ist, dass er sehr viele verschiedene Siebkombinationen

hat, viel mehr als beim heutigen Standard. Über die Siebkombination kann ich

einiges machen und dann habe ich noch viele Möglichkeiten mit dem Wind: Die Luft

bläst das Stroh und die leichten Teilchen weg. Da muss man aber brutal aufpassen,

weil sonst Sachen wie zum Beispiel der Leindotter auch hinten rausfliegen. Man muss

alles entsprechend einstellen und immer wieder gucken, das ist die Kunst.

Ich kann mich erinnern, dass ich als kleines Kind mit meinem Vater auf der Landwirtschaftsausstellung

war und da standen immer Mähdrescher rum mit zwei Sitzen

und ganz vielen Hebeln. Und erst vor wenigen Jahren hat mir jemand erzählt, dass

159


die Russen zu zweit dreschen. Der eine fährt die Maschine und der andere bedient

das Dreschwerk. Der konnte auch rechts raus oder durchlaufen, konnte auch auf die

Siebe oder auf den Tank schauen und hat den passend eingestellt. Das macht für mich

Sinn. Und die modernen Mähdrescher machen das mit dem Computer, sind dann aber

natürlich bei einer Mischkultur absolut überfordert. Das geht schon mit alten Weizensorten

los, die vom Korn her eine komische Form haben.

Wenn du nun den ganzen Acker im Tank hast,

sagen wir mal Hafer, Erbsen, Senf und Leindotter:

Wie geht es dann weiter?

UW: Das kommt dann in die Zwischenlagerung zur Nachtrocknung.

Wer trennt die verschiedenen Bestandteile

und wie geht das vor sich?

UW: Ich selber. Ich trenne das mit der Saatgutreinigung. Das ist eine Schüttelsiebreinigung

60 mit verschiedenen Sieben und einem Dreher. Dann habe ich drei oder vier

Fraktionen, die ich jede einzelne für sich nachreinigen kann. Wenn ich diese Fraktionen

nicht ordentlich voneinander getrennt bekomme, gebe ich das einem Bekannten,

der nochmals eine feinere Reinigungsanlage hat. Er reinigt das auf die vom Abnehmer

gewünschte Reinigungsstufe.

DA: Braunhirse ist auch sehr schwierig zu reinigen, weil es sehr viele Unkrautssorten

gibt, die eben gerade genauso gross sind wie die Braunhirse, wie zum Beispiel das

Klettenlabkraut 61 . So gibt es verschiedene Techniken. In Rosenberg gibt eine so genannte

Tischreinigung, bei der Tische in eine bestimmte Schräge gebracht werden.

Dann wird geschüttelt und dann sammeln sich in bestimmten Bereichen bestimmte

Grössen von Körnern an. Durch eine Öffnung läuft das dann aus. Bei Tischreinigungen

hast du aber einen relativ kleinen Durchsatz.

UW: Das sind alles alte Techniken von früher. Da stand in jedem besseren Kaff ein

Lagerhaus, und die haben das ganze Jahr über Getreide angenommen und es irgendwie

geputzt. Die brauchten auch das ganze Jahr über Arbeit. Nach der Reinigung

160


haben sie abgesackt, lose verkauft oder die Müller haben es geholt. Da wurde auch

nie etwas weggeworfen. Da lief dann eben Hühner-, Schweinefutter oder sonst was

raus. Das haben dann die Futtermischanlagen bekommen oder sie haben es direkt an

Schweinebetriebe verkauft.

Und heute gibt es nur noch ganz wenige Anlagen und die arbeiten alle mit Durchsatz,

wo es maschinell gehen muss – schnell und gross. Die geben sich mit solchen Kleinigkeiten

nicht ab. Das ist alles auf Reinsorten abgestimmt. Die können sie schnell und

im hohen Durchsatz durchjagen. Dieses ganze Gemenge aus Mischkulturen ist viel

zu aufwändig, dazu braucht es einen Haufen Leute und all die verschiedenen Silos,

wo dann alles hinlaufen kann. Deswegen setzen sie auch nur auf Monokulturen und

Reinsaaten, die sie durch ihre Maschinen jagen können. Da wird alles separat gemacht

und fertig. Das kennt man ja auch aus dem Garten. Das weiss jeder Mensch, der selbst

einen Garten hat. Es gibt Pflanzen, die wachsen sehr gerne miteinander und solche

62 Gemengepartner. Im Mischfruchtanbau (früher: Mengkornbau)

werden verschiedene Pflanzenarten gleichzeitig auf einem

Acker angebaut. Die Ernte wird anschliessend durch entsprechende

Reinigungskombinationen in die einzelnen Ackerfrüchte

getrennt und vermarktet. Der Gedanke des Mischfruchtanbaus

hat vor allem im Mittelmeerraum, aber auch in Ostasien (China,

Korea und Japan) und bei den amerikanischen Ureinwohnern

eine alte Tradition.

Die Gemengepartner müssen sorgfältig aufeinander abgestimmt

sein, da sich nicht alle Pflanzen mit allen vertragen. Ausserdem

müssen sie gleichzeitig reifen und insbesondere für Konsumzwecke

trennbar sein oder gemischt vermarktet werden können.

Wenn die Partner zusammenpassen, eröffnen sich ganz neue

Perspektiven im Pflanzenschutz und der Bodenpflege. Mischpopulationen

sind allgemein viel stabiler und «lebendiger» als

Monokulturen. Totalausfälle sind praktisch ausgeschlossen und

Untersuchungen – übrigens schon zu Beginn der Agrarwissenschaften

– haben gezeigt, dass im Gemenge die Erträge höher

sind als in der bereinigten Monokultur. Dies erklärt sich aus

der besseren Flächenausnutzung, da Pflanzen oft Wurzelausscheidungen

produzieren, die benachbarte Schwesterpflanzen

hemmen. Gemengepartner verfilzen sich im Wurzelbereich regelrecht,

nutzen daher die Fläche besser aus, unterdrücken unerwünschte

Begleitpflanzen nachhaltiger. Sie stützen sich gegenseitig

und wirken ebenso der Bodenerosion entgegen.

63 Leguminosen. Die Leguminosen sind eine grosse Pflanzengruppe,

darunter sehr viele wichtige Nutzpflanzen. Sie alle bilden Hülsen

aus, in denen sich die Samen befinden (deshalb auch «Hülsenfrüchte»).

Charakteristisch ist ihr hoher Eiweissgehalt (besonders

der Samen), der sie für die vegetarische Ernährung von zentraler

Bedeutung macht. Eine weitere Eigenschaft ist ihre Fähigkeit, an

den Wurzeln Luftstickstoff pflanzenverfügbar zu speichern – in

Symbiose mit den so genannten Knöllchenbakterien (Rhizobium).

Im ökologischen Landbau kann damit die Nutzpflanzenernährung

ohne synthetischen Dünger sichergestellt werden. Zu den Leguminosen

zählen alle Erbsen, Bohnen und Linsen, die Kleearten,

Wicken, Lupinen und Luzernen; sogar Bäume wie Robinie und

Akazie gehören zu diesen «Stickstoffsammlern».

64 Vereinigung Mischfruchtanbau. Die Interessengemeinschaft

Mischfruchtanbau (IG MFA) ist ein loser Zusammenschluss von

Landwirten, Wissenschaftlern und Unternehmern, die ab 1989 mit

Anbauversuchen begannen. Die eigentliche Gründung war erst

2002 unter der Schirmherrschaft des 1992 gegründeten privaten Instituts

für Energie und Umwelttechnik München (IEU). Mittlerweile

zählt die IG etwa 150 Teilnehmer. Es handelt sich um eine Art Informationsbörse

zum Thema, mit regelmässigen Veranstaltungen,

Feldbegehungen und Informationsschriften. Ziel ist ein Erfahrungsaustausch

in Anbau, Nutzung und Vermarktung, sowie Informationen

über nationale oder europaweite Fördermöglichkeiten.

161


Pflanzen, die können sich überhaupt nicht leiden, und die machen sich das Leben

schwer. In der Mischkultur hat man nun mal den Vorteil, dass die Gemengepartner 62

zusammensitzen, sich mögen und voneinander leben können. In einer guten Gemeinschaft

ist die Chance für gesunde Erträge weitaus höher als in einer Monokultur. Das

schafft natürlich auch eine Monokultur, wenn über das Jahr alles gut und glatt läuft.

Aber eine Mischkultur ist eigentlich immer im Vorteil, in schlechten wie auch in guten

Jahren. Früher hatte man gerade wegen der Ertragssicherheit mehr Mischkulturen.

Die Sicherheit ist eben höher, wenn man eine Mischung anbaut und in einem bestimmten

Jahr wachsen z.B. Leguminosen 63 besser. Dann hast du eben mehr Erbsen in der

Ernte. Und im anderen Jahr wächst das Getreide besser und dann ist wieder mehr

Getreide drin. Aber man hat wenigstens immer etwas! Wenn du jetzt ein ganzes Feld

hast mit nur Getreide und es war kein Jahr für Getreide, dann sieht die Ernte mies aus.

Und in der Mischkultur hast du fast immer irgendetwas.

Wir sind auch bei der Vereinigung «Initiative Mischfruchtanbau» 64 dabei, die jährlich

Werte bei den Betrieben sammeln. Alles wird ziemlich detailliert und genau

aufgeschrieben. Die kommen in der Mischkultur mittlerweile schon an Werte heran,

das darf man öffentlich gar nicht sagen, wo jeder Gemengepartner stärker ist als in

der Reinsaat. Da ist entscheidendes Potenzial vorhanden, wo man noch lernen muss,

wie damit richtig umzugehen ist. Die säen zum Beispiel Erbsen- und Gerstenbestände,

Erbsen- und Leindotterbestände oder Leinsaat und Bohnen auf einem Feld: Am

Schluss drischt jede Komponente so viel, wie sie normal in Reinsaat drischt. Das

heisst, dass sie den doppelten Ertrag auf einem Hektar haben. Das ist bei mir zum

Beispiel bei den Linsen genauso: Ich habe – soviel mir bekannt ist – überhaupt den

höchsten Linsenertrag weit und breit. Kein anderer Bauer drischt den Linsenertrag

wie ich: In der Mischkultur mit Leindotter, das passt halt. Da hab ich zufällig Komponenten

gefunden, die sich mögen.

DA: Gerade bei den Linsen kann es sein, dass die umfallen, wenn sie nichts zum Ranken

haben und dann dermassen flach liegen, dass zwar ein schönes Ertragspotential da wäre,

aber unter Umständen nicht eingebracht werden kann, weil die Frucht für die Maschine

zu weit unten liegt.

162


UW: Mit der Gerste ist es immer schwierig: Entweder wird die Gerste gut oder die

Linse wird gut. Dann musst du die Gerste so lange stehen lassen, bis die Linse reif

ist. Die Linse wird eben in der Gerste nicht so gut wie im Leindotter und die Gerste

fällt dann schon aus oder bricht ab, so dass du Ertragsverluste hast. Vielleicht hat

man zwei Komponenten, wovon keine wirklich viel taugt. Aber man hat natürlich

trotzdem von jedem etwas, was nicht schlecht ist und die ganzen letzten zehntausend

Jahre über ganz gut funktioniert hat. Ich denke aber, dass man an manchen Dingen

rumfeilen und neue Ordnungen etablieren kann. Wie gesagt, das mit dem Leindotter

funktioniert bislang zum Beispiel sehr gut. Es ist für mich jedoch nicht so wichtig,

dass ich Höchsterträge erziele. Das ist für mich ein glücklicher Zufall, dass etwas

funktioniert und ich freue mich. Es geht einfach durch die Reinigung und ich habe

jedes Jahr einen sicheren Ertrag. Das ist eigentlich eine schöne Sache. Da kann ich

nicht meckern.

Das stelle ich mir sehr schwierig vor: Drei oder vier

verschiedene Sachen, die zu unterschiedlichen Zeiten reif werden.

Wie hat man das unter Kontrolle?

UW: Es ist nicht ganz einfach, aber das ist auch gerade das Interessante. Man kann

sich damit beschäftigen und beobachten. Man denkt, etwas zu wissen und nächstes

Jahr ist das Wetter anders oder der Aussaatzeitpunkt war ein anderer, und dann hat

man eventuell schon wieder keinen Anhaltspunkt mehr. Also bleibt es interessant.

Das finde ich auch schön. Das wird dann durch die Kultur und die Früchte weitergetragen.

Dieses Faszinierende kann man später auch im Produkt wiederfinden, in

irgendeiner Form.

Ich sehe es zum Beispiel an den Kindern, die mit den Kartoffeln auf ihren Zahnstochern

durch die Gegend flitzen und sie verschlingen – oder an den Kindern, die ihre

komischen grünen Dosen dabei haben und Haferbrei machen. Normalen Haferbrei

aus irgendeiner Tüte isst kein Kind, das schmeckt auch überhaupt nicht. Unseren Hafer

essen die Kinder wirklich gerne, obwohl es eigentlich das Gleiche ist. Die Kinder

mögen den einen, den andern aber nicht. Ich kenne die Gründe nicht, denke aber, dass

163


164


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168


169


164 o. Weizenmischbestand (vgl. S. 34 unten)

164 u. Kontrollgang

165 o. Feldbegehung

165 u. Feldbegehung

166 Gerstenbestand mit Roggen-Dinkel-Randstreifen

168 o. Nach der Ernte: links Mischkultur, rechts konventionelle Öde!

168 u. Mischbestand mit Senf

169 o. Rotkleevermehrung

169 u. Feldbegehung im Blühstreifen, Dinkelbestand im Hintergrund

170 o. Kleine Dreschpause

171 o. Leinsaat

171 u. Randstreifen mit Wilder Möhre, Wegwarte, Flockenblume

170


171


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172 Leinbestand

174 Schwarzer Emmer

176 Leeren des Mähdreschertanks

178 o. Leeren des Mähdreschertanks

178 u. ...und weiter!

179 o. Haferernte

182 Nachts drischt sich’s gut!

179


SCHON

WEIT NACH

MITTERNACHT,

der Wirt ist etwas nervös geworden

und will uns, bereits

seit einiger Zeit seine letzten

Gäste, wohl loswerden. Wir verlassen die 70er-Jahre-Wolke und fahren durchs nächtliche

Bauland – so heißt die Gegend hier tatsächlich – zum Hof zurück; alles über die

Dörfer. Alleine und ohne Navi wäre ich hier in der Dunkelheit heillos verloren wie

irgendwo in Afrika nach einem Flugzeugabsturz im Urwald. Dirk kurvt sicher durch

die leeren Käffer, Wälder und Landstriche. Das Aufnahmegerät habe ich schon in

der Kneipe abgestellt. Wir machen ein paar Witze und erzählen uns Geschichten, der

Fokus auf diese herzerwärmende Landwirtschaft löst sich auf. Ich bin schon verkatert…

nicht etwa vom Bier, sondern von dem sechsstündigen Gespräch, den neuen,

aufregenden Inhalten, die sofort Einfluss auf meine Weltsicht nehmen und wie guter

Wein durch meinen Kreislauf und meine Adern pochen, mein Gewebe infiltrieren, die

Zellen aufladen und eine innere Umgebung gestalten, der ich nicht mehr entweichen

kann. Ich werde es weitererzählen, das mit dem CO2 und auch sonst alles, ich nehme

einen süssen, tiefen Begeisterungsrausch wahr. Es gibt diese verrückten, gut gelaunten

Leute, diese Felder und die Früchte davon, das Brot, das Fleisch, die Linsen und die

Ölsaaten. Es ist ganz real, praktisch, vernünftig und aussichtsreich und es ist ebenso

180


KLEINE

WARENKUNDE

DIRK APPEL

185


EINKORN

(Triticum monococcum) ist eine der ältesten domestizierten

Getreidearten. Der Name rührt von dem

einzelnen Korn auf der Ährenspindel. Einkorn stammt vom wilden Weizen (Triticum

boeoticum Boiss.) ab, der im Gegensatz zu Einkorn eine brüchigere Ährchengabel

(Rachis) hat. Einkorn galt lange als Vorläufer von Emmer, Dinkel und Weizen, bis

nachgewiesen wurde, dass letztere vom Wilden Emmer abstammen. Einkorn stammt

vermutlich aus Mesopotamien und Osttürkei (heutiges Kurdistan).

Einkorn eignet sich für Feingebäck, Brotmischungen und zum Flocken. außerdem ergibt

es markantes Bier und Kornbrand.

Einkorn ist noch nicht signifikant in Sommer- und Winterformen selektiert und wie

auch der Emmer wenig wissenschaftlich beschrieben und bearbeitet.

EMMER

oder auch Zweikorn (Triticum dicoccon) gilt als Vorläufer

von Wei zen und Dinkel, der ebenfalls schon seit der Steinzeit

von Kleinasien bis nach China kultiviert wird. Er fällt durch seine lang begrannten,

meist zweiblütigen Ährchen auf, wird aber in Europa kaum noch angebaut. Der winterharte

schwarze Emmer besitzt durch seine schwarze Farbe einen natürlichen UV-

Schutz, so dass er wenig zu UV-bedingten Mutationen neigt und deshalb das beständigste

Getreide überhaupt sein dürfte. Daneben gibt es auch weißen Sommeremmer

und rötliche Typen.

Emmer wird zu sehr feinem Bier verbraut. Im alten Ägypten war Emmer das Getreide

schlechthin, aus dem Brot, Feingebäck und Bier hergestellt wurde.

Emmer und besonders Einkorn zeichnen sich durch für Getreide äusserst hohe Gehalte

an Betakarotin und Zink aus. Ersteres verleiht dem Backwerk eine appetitliche

gelbe Farbe. Die Backeigenschaften sind nicht schlecht, aber sehr speziell und etwas

gewöhnungsbedürftig. Beide Getreidearten werden auch von so genannten Weizenallergikern

meist gut vertragen.

Im Anbau sind Einkorn und Emmer sehr anspruchslos und widerstandsfähig gegenüber

Trockenheit und Pilzerkrankungen. Das Ertragsniveau ist einerseits niedrig an-

186


GERSTE

derseits aber sehr zuverlässig.

gehört zu den frühen Kulturpflanzen des Menschen und

wurde bereits ab dem fünften Jahrtausend v. Chr. angebaut. Im alten Griechenland

wurde sie sogar als wichtigstes Getreide angesehen. Homer nennt in der Odyssee die

Gerste «das Mark des Mannes».

Die Nutzung der Gerste gliedert sich in verschiedene Bereiche. In vielen Entwicklungsländern

mit extremem Klima dient sie noch als Brotgetreide für Fladenbrot.

Ein anderes Gerstenerzeugnis sind Graupen und Grütze für Breie und Suppen. Zur

Herstellung von Graupen werden Gerstenkörner auf Mahlsteinen, die mit einer

Schmirgelmasse belegt sind, von den Spelzen befreit. Die weitere Bearbeitung durch

Schleifen und Polieren führt zu einer runden Form des Korns, wobei Frucht- und Samenschale

nahezu vollständig entfernt werden. Zur Herstellung von Perlgraupen werden

Graupen vor dem Schleifvorgang in zwei bis vier Stücke geteilt und danach poliert.

Die grössten Graupen, Rollgerste, werden vorwiegend als Suppeneinlage verwendet.

Leider wird der Nährwert von Graupen durch die mechanischen Bearbeitungsvorgänge

erheblich verringert.

Ein weiterer Bereich betrifft die Verarbeitung als Braugerste. Die Gerstenkörner liefern

nach Ankeimen und Trocknen auf der Darre das Malz als Grundlage der Bierbrauerei.

Ausserdem wird Gerste zur Erzeugung von Kornbranntwein und Whisky

verwendet. Gerste enthält kaum Klebereiweiss und ist deshalb zum Backen weniger

HAFER

geeignet.

In der Vergangenheit gehörte Hafer in Form von Hafergrütze

zu den am meisten verzehrten Lebensmitteln. Nachdem die Brotgetreidepreise sanken

und die Menschen mehr Brot assen, verlor er an Bedeutung.

Hafer gehört zu den Süssgräsern und reift in Rispen. Mehr als dreissig verschiedene

Haferarten sind verbreitet. Der wichtigste Vertreter ist jedoch der Saathafer oder Gemeiner

Hafer. Zu den Hauptanbaugebieten zählen die feucht-kühl gemässigten Breiten

Europas und Nordamerikas sowie Australien und Neuseeland.

Ein Grossteil der Haferernte wird zur Fütterung von Pferden und Geflügel verwen-

187


det. Nur ein kleiner Teil dient der menschlichen Ernährung. Da Hafer nur einen

geringen Glutengehalt besitzt, eignet er sich weniger zur Brotherstellung, sondern

wird vielmehr zu Hafererzeugnissen wie Haferflocken, -grütze, -mehl, -kleie oder

-knusperprodukten verarbeitet. Grossblättrige Haferflocken werden u.a. als Frühstücksgetreide

verzehrt und sind aus Müslimischungen kaum wegzudenken. Kleinblättrige

Haferflocken eigenen sich aufgrund ihrer feineren Struktur auch gut zur

Bereitung von Gebäck und Aufläufen.

Hafer ist ein Getreide, das sich in der Zusammensetzung seiner Nährstoffe in einigen

Punkten von anderen Getreidearten abhebt. So ist der Gehalt an Eisen und Magnesium

sehr hoch und bei den Vitaminen der Anteil an Vitamin K und Biotin. Daneben

ROGGEN

Kohlenhydrat, das Schleim bildet.

weist Hafer einen hohen Fettgehalt auf, der sich durch

die günstige Zusammensetzung der Fettsäuren auszeichnet.

Auch zur Behandlung von Magen-Darm-Erkrankungen

eignet sich Hafer, denn er enthält Lichenin, ein

Seit etwa 700 v. Chr. wird Roggen in Mitteleuropa angebaut. Roggen stammt vom

anatolischen Wildroggen ab, der in der Steinzeit als Unkraut der Gerstenfelder nach

Westen kam.

Roggen wird hauptsächlich in den kühl-gemässigten Gebieten Nordeuropas angebaut.

Neben Deutschland haben auch Polen und Russland grössere Anbauflächen. Im

Gegensatz zu anderen Getreidearten gedeiht Roggen auch unter ungünstigen Standortverhältnissen

wie leichten Böden, rauen Lagen oder Gegenden mit vorsommerlicher

Trockenheit.

LINSEN

Ein Grossteil des erzeugten Roggens wird als Viehfutter

verwendet. In der menschlichen Ernährung wird Roggen

hauptsächlich bei der Erzeugung von Brot genutzt. Weitere

Verwendungsmöglichkeiten sind das ganze Roggenkorn

als Beilage wie Reis zubereitet, oder Roggenflocken, die wie Haferflocken zum

Beispiel in einem Müsli verzehrt werden können.

188


Grab-Beigaben aus grauer Vorzeit erbrachten den Beweis: «Lens culinaris» und andere

Hülsenfrüchte aus der Familie der Leguminosen oder Schmetterlingsblütler gehören

zu den ältesten Kulturpflanzen, die Ackerbauern schon vor 8000 bis 10.000 Jahren

auf ihren Feldern ernten konnten. Im alten Ägypten und in Rom gehörten sie zu den

Grundnahrungsmitteln.

Am besten gedeihen Linsen in warmem und trockenem Klima, d.h. nur an wenigen

Standorten in Deutschland – unsere Haupt-Importländer sind Kanada, die USA und

die Türkei. Die rautenförmigen Hülsen liefern ein bis drei kreisrunde abgeflachte

(meist) grüne Samen, die bei der Lagerung braun werden. Diese Farbveränderung beeinträchtigt

aber den Geschmack und die Kochfähigkeit nur unwesentlich: Selbst nach

vier bis fünf Jahren Lagerung lassen sich Linsen noch in zwei Stunden weich kochen

–wobei sie immer erst nach dem Garen (in möglichst kalkarmem Wasser) gesalzen

werden dürfen, sonst kochen sie nicht weich!

Nach ihrem Durchmesser werden Linsen eingeteilt in

Riesenlinsen (>7 mm)

Grosse oder Tellerlinsen (6–7 mm)

Mittellinsen (4–6 mm).

Noch kleiner sind rote Linsen, die in der Türkei und Indien, aber auch in Südfrankreich

angebaut werden. Sie kommen geschält in den Handel, kochen schnell zu

Brei und ändern dabei ihre Farbe von Orangerot zu Gelb. Linsen und auch die anderen

Hülsenfrüchte kommen in grossen Mengen auch als vorgekochte Konserven

in den Handel. Auch wenn für den Handel die Riesenlinsen am wertvollsten sind

– geschmacklich sind die kleinen ihnen deutlich überlegen: Der (prozentual) höhere

Schalenanteil bringt mehr an linsentypischen Aromastoffen!

Im Vergleich mit anderen Hülsenfrüchten enthalten 100 g Linsen zwar «nur» 10,6 g

Ballaststoffe, aber stolze 52 g Kohlenhydrate, nur 1,4 g Fett, aber beachtliche 23,5 g

Eiweiss und sind damit sehr nahrhaft. Die biologische Wertigkeit ihrer pflanzlichen

189


Proteine lässt sich durch eine Kombination mit Getreideprodukten deutlich steigern,

beispielsweise in Form von Linsen mit Spätzle (für Nicht-Schwaben tut es natürlich

auch eine Scheibe Brot!) Zusätzlich liefern Linsen reichlich Kalium, Magnesium und

Phosphat – auch ihr Eisengehalt von 6,9 mg kann sich sehen lassen.

Trotz dieser beeindruckenden Inhaltsstoffe war der Verzehr an Hülsenfrüchten allgemein

und damit auch an Linsen zwischenzeitlich durch «verfeinerte Essgewohnheiten»

zurückgegangen – Omas Linseneintopf mit Mehlschwitze, Speck und fetter

Wurst lag auch wirklich (zu) lange schwer im Magen … und sorgte oft für reichlich

«Wind»! Inzwischen erleben wir erfreulicherweise wieder eine (kleine) Renaissance:

Linsen & Co sind – mit fettarmen Rezepten – in die gesundheitsbewusste Küche

zurückgekehrt.

In immer mehr Haushalten gibt es auch so genannte Keimboxen oder -gläser: Auch

aus Linsen lassen sich damit ganz einfach und schnell Keimlinge oder Sprossen ziehen,

die besonders im Winter z.B. als Salat(-Beilage) eine wertvolle Bereicherung des

Speiseplans darstellen. Beim Keimprozess steigt der Gehalt verschiedener Vitamine

deutlich an: Linsenkeime enthalten deshalb reichlich Vitamin C, B1, B2, Niacin und

Vita min E. Im Gegensatz dazu reduziert der Keimvorgang den Gehalt an blähenden

Substanzen und auch die Phytinsäure in Hülsenfrüchten. Während die Keimlinge von

Sojabohnen, Erbsen und Kichererbsen vor dem Verzehr blanchiert werden sollten,

um die hitzelabilen Trypsin-Inhibitoren und Hämaglutinine zu inaktivieren, können

Linsen-Sprossen auch roh gegessen werden.

Wegen anderer Inhaltsstoffe, nämlich den harnsäurebildenden Purinen, sollten Linsen

und andere Hülsenfrüchte von Patienten mit der Veranlagung zu Gicht gemieden werden.

Dagegen sorgt ihr niedriger glykämischer Index nur für eine mässige Ausschüttung

von Insulin – aus diesem Grund dürfen auch Diabetiker ab und zu eine normale

Portion Linsen essen – trotz des hohen Kohlenhydratgehaltes.

190


191


192


193


191 o. Schwarzer Hafer

191 u. Schwarzer Emmer mit rotem Ausreisser

192 o. Dinkel

192 u. Weizen in der so genannten Milchreife

193 o. Schwarze Gerste

193 u. (Weisser) Emmer

194 Schwarzer Emmer

196 o. Dinkel

197 o. Wicken und Senf

197 u. Luzerne und Senf

198 o. Leindotter, noch grün

198 u. Braunhirse

199 o. Reifer Leindotter

199 u. Wunderweizen

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198


199


ERICA BÄNZIGER

Dipl. Ernährungsberaterin

Kochbuchautorin

Verscio /TI


REZEPTE

ERICA BÄNZIGER

201


SCHWARZER

HAFER

POWERBALLS

MIT DÖRRMANGOS

150 g Schwarzer Hafer, fein geschrotet

100 g Akazienblütenhonig

100 g Mandeln, sehr fein gemahlen, oder Haselnüsse

50 g Fair Trade Bio-Mangos

1 Prise Vanillepulver

1 Bio-Zitrone, abgeriebene Schale

Kokosflocken zum Wenden der Powerballs

Evtl. farbige Pralinepapiere

Mangos in Wasser ca. 30–60 Minuten einweichen, abgiessen.

Einweichwasser trinken.

Den Haferfeinschrot in einer Pfanne ohne Fett leicht darren, das bedeutet, den

Schrot so lange unter Rühren rösten, bis er duftet. Dann in eine Schüssel

oder noch besser in einen Cutter geben und mit den restlichen Zutaten zu einer

homo genen Masse verkneten. Aus der Masse mit Hilfe eines kleinen Glacelöffels

Bällchen formen und diese mit Kokosflocken ummanteln.

Varianten: Statt Mangos Dörraprikosen oder Datteln verwenden.

202


SCHWARZER

HAFER

- LAUCH MEDAILLONS

100 g Schwarzer Hafer

3 dl Gemüsebrühe

160 g Lauch, fein geschnitten

1/2 TL Thymian, fein gehackt, frisch oder getrocknet

1 Knoblauchzehe

1 EL Olivenöl extra vergine

Kräutersalz

1 Prise mittelscharfes Curry

Olivenöl oder Kokosfett zum Braten

Den Hafer mittelfein schroten. Haferschrot in der trockenen

Pfanne ohne Fett ca. 5 Minuten darren.

Thymian dazugeben und mit Gemüsebrühe auffüllen. Unter Rühren

10 Minuten leise kochen. Auf der ausgeschalteten Herdplatte

30 Minuten nachquellen lassen.

Den Lauch in sehr feine Streifen schneiden, Lauchstreifen in Olivenöl

andünsten und mit einer Prise Curry würzen. Mit etwas Brühe

ablöschen und einige Minuten dünsten.

Den Lauch mit dem Haferschrot mischen und salzen. Aus der Masse Medaillons

formen und diese in Olivenöl von beiden Seiten goldbraun braten.

203


GERSTEN

KUCHEN

MIT

BIRNEN

1 Springform von 24 cm

150 g Schwarze Gerste, gekocht

5 Freilandeier

3,5 dl Rahm

1,5 dl Milch

175 g Akazienblütenhonig

100 g Dinkelmehl, fein gemahlen

6 grosse, reife Birnen

Eier, Honig, Milch und Rahm verrühren.

Birnen schälen und das Kerngehäuse entfernen. Längs in Scheiben schneiden.

Springform einfetten und mit Mehl bestäuben, die gekochte Gerste darin verteilen

und die Birnenscheiben kreisförmig darauf anordnen. Mit der Masse

übergiessen und bei 220° Grad ca. 1 Stunde backen. 10 Minuten auskühlen lassen

und vorsichtig lösen.

204


WALDSTAUDENKORN

PLÄTZCHEN

MIT MEERRETTICH

UND

MAJORAN

1 Zwiebel, fein gehackt

1 EL Olivenöl extra vergine

200 g Waldstaudenkorn, sehr fein geschrotet

4 dl Gemüsebrühe

1 Karotte, fein gerieben

1 TL Meerrettich, fein gerieben

Meersalz

Frischer Majoran, fein gehackt, ca. 1 TL

Zwiebeln in Olivenöl andünsten. Waldstaudenkorn dazugeben und kurz

mitdünsten, dann mit der Brühe ablöschen und ca. 10 Minuten unter Rühren

kochen. Auf der ausgeschaltenen Herdplatte 30 Minuten zugedeckt quellen lassen.

Schrot mit den Karotten, Meerrettich und Majoran mischen, mit Salz abschmecken.

Mit Hilfe eines Guetzliausstechers direkt auf ein mit Backtrennpapier

ausgelegtes Blech Plätzchen/Burger formen. Im Ofen bei 180° Grad ca. 20 Minuten

backen. Nach 10 Minuten die Burger wenden. Dazu passt Meerrettichschaum

oder ein Meerrettichquark bzw. eine Mischung aus Demeter Quark und

Sauerrahm, geriebenem Meerrettich und einer Prise Meersalz.

205


SCHWARZER

HAFER

KOKOSBÄLLCHEN

150 g Schwarzer Hafer, geschrotet

1 EL Olivenöl extra vergine oder Sesamöl

1 kleine Zwiebel

1 TL getrockneter Thymian

je 1 MSP Curry mild und scharf

etwas Kurkuma für die Farbe

3 dl Gemüsebrühe

1 EL gehackte, glatte Petersilie

30–50 g Kokosflocken zum Binden und Wenden

Pfanne erhitzen, Zwiebelwürfel darin andünsten, den Haferschrot dazugeben

und mit Thymian und Curry würzen. Kurkuma dazugeben und alles ca. 3–5 Minuten

rösten. Mit heisser Gemüsebrühe auffüllen und 5 Minuten unter Rühren kochen.

Haferschrot mit geschlossenem Deckel auf der ausgeschalteten Herdplatte 30 Minuten

ausquellen lassen. Petersilie dazugeben und einen Teil der Kokosflocken.

Aus der Masse mit Hilfe eines kleinen Glacelöffels Kugeln formen.

Diese in den restlichen Kokosflocken wenden und in Olivenöl oder Sesamöl

knusprig braten.

Dazu passt z.B. ein Mango Chutney oder sehr delikat ist auch ein Gemüse-

Curry mit Kokosmilch.

206


WALDSTAUDENKORN

AUBERGINEN-FRIKADELLEN

100 g mittelgrober Waldstaudenkornschrot

2 dl Wasser / Gemüsebrühe

2 EL Olivenöl extra vergine

100 g Auberginen, klein gewürfelt

50 g roter Peperoni, fein gewürfelt

50 g Zwiebeln, fein gehackt

Kräutermeersalz

Pfeffer aus der Mühle

Thymian

2 frische Salbeiblätter, fein gehackt

1 TL fein gehackter Rosmarin

Olivenöl extra vergine zum Braten

Waldstaudenkornschrot mit Gemüsebrühe, Thymian und Rosmarin

aufkochen und 10 Minuten kochen. Auf der ausgeschalteten Herdplatte 60 Minuten

nachquellen lassen. Salzen. Auberginen, Peperoni und Zwiebelwürfel in einer

Bratpfanne im Olivenöl während ca. 8–10 Minuten weich dünsten. Schrot mit dem

Gemüse mischen und zu Frikadellen formen. Diese in Olivenöl von beiden

Seiten je rund 5 Minuten braten.

Knoblauch-Dip:

200 g saurer Halbrahm

2 Knoblauchzehen, gepresst

Meersalz, gehackte Petersilie

Alles mischen und zu den Bratlingen servieren.

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SCHWARZE

GERSTE

TOMATEN-BRATLING

150 g Schwarze Gerste, mittelfein geschrotet

3 dl Gemüsebrühe

50 g gedörrte Tomaten

1 Knoblauchzehe, gepresst

1 EL gehackte, glatte Petersilie

1 TL getrockneter oder frischer Thymian, fein gehackt

Kräutermeersalz

Den Schrot in der trockenen Pfanne darren, dann mit der Gemüsebouillon

ablöschen, ca. 8 Minuten unter Rühren kochen. Zugedeckt 30 Minuten auf der

ausgeschalteten Herdplatte ausquellen lassen.

Die Dörrtomaten 3 Stunden vorher in kaltem Wasser einweichen, dann gut

ausdrücken und mit einem Messer fein hacken. Mit der Petersilie und der Gerste

mischen und aus der Masse Burger formen. Burger in Sesam oder in Olivenöl

extra vergine langsam von beiden Seiten braten und mit einer Thymiansauce

oder Zitronensauce servieren. Dazu zum Beispiel gedämpften

Brokkoli reichen.

208


SOMMERLICHER SALAT AUS

SCHWARZER GERSTE

MIT TOMATEN UND

MOZZARELLA

100 g Schwarze Gerste

1 Schalotte, fein gehackt

1 kleine junge Zucchini

16 Cherry Tomaten, halbiert

1 Mozzarella, evtl. di Bufalo 150 g, klein gewürfelt

10 Blätter Basilikum, fein geschnitten

Sauce:

2 EL Olivenöl extra vergine

1 EL Haselnussöl, kaltgepresst

1 EL Rahm

1/2 TL Senf

2 EL Rosenblütenessig oder Apfelessig

Meersalz

Pfeffer aus der Mühle

Die Gerste über Nacht einweichen. Mit 4 dl Wasser und einem Lorbeerblatt während

ca. 60 Minuten ohne Salz weich garen. Kurz vor Ende der Garzeit salzen. Die Gerste

abschütten, auskühlen lassen.

Die Tomaten, Zucchini, Schalotten und den Mozzarella zur Gerste geben und mit

der Sauce mischen. Mit frischem Basilikum verfeinern und servieren.

Im Sommer eine erfrischende Mahlzeit.

209


SÜSSER

SCHWARZER

HAFER

MIT NÜSSEN UND

GRANATAPFELKERNEN

100 g Schwarzer Hafer

2 EL Vollrohrzucker

40 g geschälte Mandeln

40 g Baumnusskerne

50 g Zartbitter-Schokolade

250 ml Rotwein mit 1 EL Zucker auf die Hälfte einkochen lassen

1 grosse Prise Zimt

Granatapfelkerne von 1/2–1 Granatapfel

Minzenblättchen zum Garnieren

Hafer für 2 Stunden in kaltem Wasser einweichen. Danach in 3 dl Wasser mit

Zucker während ca. 30 Minuten gar kochen. Hafer abgiessen und auskühlen lassen.

Mandeln und Baumnüsse grob hacken und ohne Fett in einer Pfanne

leicht rösten. Schokolade reiben oder fein würfeln. Hafer mit dem eingekochten

Wein, Nüssen, Schokolade und Zimt mischen. In Schälchen abfüllen, mit den

Granatapfelkernen bestreuen und mit Minze dekorieren.

Tipp: Granatapfel halbieren und die Hälften mit der Schnittfläche auf die Hand

legen und von oben mit einem Löffel die Kerne über einer Schüssel ausklopfen.

Granatapfelkerne sind sehr gesund, sie enthalten viele Antioxidanzien.

Das Rezept stammt aus Sizilien, dort verwendet man dafür Weizen.

Variante: Statt mit Hafer mit schwarzer Gerste zubereiten.

210


SCHWARZE

GERSTEN

SUPPE MIT BASILIKUM

UND ZUCCHINI

120 g Schwarze Gerste, mittelfein geschrotet

1 bis 2 kleine junge Zucchini, mittelfein gerieben

1 Lorbeerblatt

1dl Rahm

1 Bund Basilikum

25 ml Olivenöl

Den Gerstenschrot mit einer gehackten Zwiebel in 2 EL Olivenöl anrösten.

1 Lorbeerblatt dazugeben und mit 6–7 dl Gemüsebrühe auffüllen, während

20 Minuten köcheln, dann die geriebenen Zucchini dazugeben und

weitere 8–10 Minuten kochen.

1 grosses Bund Basilikum mit Olivenöl fein mixen. Lorbeerblatt entfernen

und zusammen mit dem Rahm zur Suppe geben. Alles einmal aufkochen und

die Suppe mit frisch gemahlenem Pfeffer abschmecken und servieren.

Evtl. mit Rahmtupf und einem frischen Blatt Basilikum garnieren.

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ANHANG

215


HOFDATEN

Experimenteller Landbau

im Gemischtbetrieb

ARBEITSKRÄFTE

Betriebsleiterehepaar

1 Lehrling

1 FÖJ-Angestellter (Freies Ökologisches Jahr:

In Deutschland für junge Leute eine

Alternative zum Wehr- bzw. Zivildienst)

1 Präparator

1 Angestellter (Sohn Lukas)

STANDORT

Höhenlage

360 m N.N.

Durchschn. Jahresniederschläge 700 mm

Durchschn. Bodenpunkte 20–40

Bodenart

schwer, steinig, tonig

BETRIEBSFLÄCHE

Landwirtschaftl. genutzte Fläche

Ackerfläche

Dauergrünland

Wald

150 ha

110 ha

35 ha

5 ha

FRUCHTFOLGE

Keine Starre, oft durchmischt mit

Zwischenfrucht oder Kleevermehrung

216


TIERHALTUNG

Kühe

20 Hinterwälder, 10 English Longhorn,

25 Kreuzungstiere

Schweine 1 Wollsau, 2 Weideschweine,

19 Kreuzungstiere (v.a. Schwäbisch-Hällische)

Esel

1 Poitou-Esel

Hunde 2 Grossspitze

Hühner 40

Gänse, Bienen

Aufstallung

Fütterung

Keinerlei Stallungen vorhanden, komplette Freilandhaltung

Schweine: Grünfutter, Silage, hofeigenes Schrot

Rinder: Grünfutter, Heu, Silage

Geflügel: Hofeigenes Körnerfutter, Grünfutter

KONTAKTDATEN

Demeter- und Naturschutzhof Wüst, ‹Krautfürnix›

Esselbrunner-Strasse 4

D-97953 Königheim-Brehmen

Ansprechpartner: Uwe Wüst

dukunstmichmal@aol.com

VERKAUFSZEITEN

September bis Juni, donnerstags von 19–21h und freitags von 9–13h

Anbauverband: Demeter

WEGBESCHREIBUNG

Über die A81: Ausfahrt ‹Ahorn›, Richtung ‹Hardheim› abbiegen.

Im nächsten Dorf, ‹Buch›, scharf rechts abbiegen (Brehmen ist ausgeschildert)

Über die B27: Ausfahrt ‹Königheim/Gissigheim›, durch Gissigheim durch,

217


GESPRÄCHSPARTNER

Die Gespräche haben

im Sommer und Herbst 2008

während Feld begehungen,

Hofbesichtigungen und Auslieferungsfahrten

in und um

Königheim-Brehmen

(Baden-Württemberg, D)

stattgefunden.

218


ANTONIUS CONTE (o.r.)

Künstler und Unternehmer

Gründer und Geschäftsleiter

NaturKraftWerke® – Elementare Lebensmittel

1954 geboren in der Schweiz

1970–1974 Zeichner-Lehre, Ausbildung in Kunstgeschichte,

visuelle Kommunikation, Zeichnen, klassische Musik

1974–1977 autodidaktische Prozesse

1978–1986 verschiedene Tätigkeiten in der Schweiz, in Italien, Amerika

und Deutschland als Briefträger, Hilfskrankenpfleger,

Holzfäller, Maler und Lackierer, Gipser, Fensterputzer, Kellner.

Später: Dekorations- und Schriftenmaler, Bauhandwerker, Freiberufler

und Unternehmer für Planung und Gestaltung von Innenräumen

und Häusern

1983–1998 Wohnsitz in Berlin

1986–1991 Werkstatt am Südstern/Kreuzberg

1990 Mitgründung und künstlerische Leitung der Galerie T&A

in Berlin-Mitte; Gründung eines Kunstvereins auf der Insel Rügen,

Mecklenburg-Vorpommern; Organisation

von internationalen Symposien.

1991–1994 Werkstatt in Hennigsdorf bei Berlin

1992–2000 Entwicklungen mit Pflanzen und Bäumen,

Behütung von 6 ha Wald, Berglase, Insel Rügen

1994–1996 Heilpraktikerausbildung

in Berlin als biographisches Kunstprojekt

1996 Gründung von NaturKraftWerke® im Rahmen

der Arbeit Kunst=Brot=Kunst=Brot

1995–2000 Werkstatt in ehemaliger russischer Kaserne

in Töpchin, Brandenburg

219


Seit 2002 Werkstatt in Messkirch-Schnerkingen, Baden-Württemberg

UWE WüST (u.l.)

Landwirt

1963 geboren in Hardheim

1978 Hauptschulabschluss in Königheim

1978–1983 Landwirtschaftliche Ausbildung und Arbeit

1983–1986 Betriebshelfer und Arbeit beim Häuserbau

1986–1987 Afrika-Aufenthalt

1987 «Müslikutscher» (Auslieferer im Naturkosthandel)

1987–1989 Landschaftsgärtner und Betriebshelfer

1989–1992 USA-Aufenthalt

1992–1997 Kurierdienst (Luftfracht)

1997–2000 Spielplatzbau und schwierige Baumfällungen

seit 1999 experimenteller Landbau in Königheim-Brehmen

seit 2003 Demeterbetrieb und Bewirtschaftung des elterlichen Betriebes

2006 ausgezeichnet mit dem Förderpreis Naturschutzhöfe,

Demo-Betrieb im Rahmen des Bundesprogramms

Ökologischer Landbau (BÖL)

DIRK APPEL (u.r.)

Landwirtschaftlicher/

wissenschaftlicher Mitarbeiter

1961 geboren in Heidelberg

1981 allgemeine Hochschulreife an der

Handelslehranstalt Wiesloch (Wirtschaftsgymnasium)

1981–1982 Mexiko-Aufenthalt

ab 1982 Studium der Philosophie und Völkerkunde

220


an den Universitäten Tübingen und Heidelberg

1993–1996 Planung und Bau eines Lehmhauses in Uissigheim

ab 1998 Malerei und Seminare über Malerei,

Kultur und Philosophie und selbstständig in der Biobaubranche

2000–2002 Leitung eines Malereiprojektes an der Riemenschneider

Realschule Tauberbischofsheim

2001–2002 Lehrauftrag für Bildende Kunst am

Matthias-Grünewald-Gymnasium Tauberbischofsheim

April 2002 China-Aufenthalt

seit 2003 nur noch Auftragsarbeiten;

Arbeit in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft

(Demeter-Hof Wüst, Königheim/Brehmen);

Öffentlichkeitsarbeit (Seminare, Vorträge usw.), Schulprojekte,

Sorten- u. Artenschutz und innovative landwirtschaftliche Konzepte

2006 ausgezeichnet mit dem Förderpreis Naturschutzhöfe,

Demo-Betrieb im Rahmen des Bundesprogramms

Ökologischer Landbau (BÖL)

seit 2008 Bundesdelegierter beim Demeter e.V. für Baden-Württemberg;

Dozent an der internationalen biologisch-dynamischen

Präparatezentrale in Künzelsau/Mäusdorf;

Dozent beim biologischen Beratungsdienst des

Weinbauinstituts (WBI) Freiburg/Breisgau, gefördert durch

Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE);

Mitarbeit an agrarwissenschaftlichen Projekten der Uni Kassel

und des Julius-Kühn-Instituts Braunschweig (JKI)

221


HERAUSGEBER

NaturKraftWerke®,

Antonius Conte

KONZEPT

Antonius Conte, Tinu Balmer

REDAKTION

Antonius Conte

TEXTE

Antonius Conte

Uwe Wüst, Dirk Appel

Ulrike Gonder, Erica Bänziger

TRANSKRIPTION

Tatjana Kalinovic

LEKTORAT

Christoph Meier

KORREKTORAT

Doreen Fröhlich

SATZ, GESTALTUNG

Tinu Balmer

BILDER

Antonius Conte

BILDBEARBEITUNG

Tina Hanser

PRODUKTION

© 2009, NaturKraftWerke ®

3. Auflage, März 2014

NaturKraftWerke®

Elementare Lebensmittel

www.naturkraftwerke.ch

www.mischfruchtanbau.com

DANK

An Jutta und Uwe Wüst

und Dirk Appel

Gedruckt auf 100% Recycling Papier,

ausgezeichnet mit

dem Blauen Umweltengel

222

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