25 Jahre Literaturhaus Salzburg

verenaschweiger

25 Jahre Literaturhaus Salzburg


25 Jahre

Literaturhaus

Salzburg

Herausgeber: Tomas Friedmann

Geschichte: Martina Pohn

Gastautor: Karl-Markus Gauß

Texte: Peter Baier-Kreiner, Tomas

Friedmann, Peter Fuschelberger,

Christa Gürtler, Christine Haidegger,

Petra Nagenkögel, Peter Reutterer und

Barbara Stasta

EDITION EIZENBERGERHOF


Inhalt

Wo das Leben

zur Sprache kommt 4

Haus der Abenteuer 6

Die Geschichte

des Eizenbergerhofs

ab 1600 9

Die meistgestellte

Frage 11

Der Eizenbergerhof

und seine Besitzer 14

Die Literatureinrichtungen

und

ihre Geschichte/n 43

Der Trägerverein

Salzburger Literaturhaus

Eizenbergerhof 44

Junges Literaturhaus 46

Salzburg und seine

Vorstädte im 17. und

18. Jahrhundert 17

Der Namensgeber

Balthasar Eitzenberger 21

Der Eizenbergerhof

in der Mozartzeit 26

erostepost 48

Grazer Autorinnen

Autorenversammlung/

Salzburg 50

Salzburger Literaturforum

Leselampe

& SALZ 52

19. und 20. Jahrhundert:

Glück im Unglück 29

prolit & Edition

Eizenbergerhof 54

Restaurierung und

Kunst am Bau 34

Salzburger

AutorInnenGruppe 56

3


Wo das Leben zur Sprache kommt

Vorwort

Das Buch ist ein unglaublich beständiges Kulturprodukt,

das sich seit Erfindung des Buchdrucks

durch Johannes Gutenberg vor über

500 Jahren kaum verändert hat: Buchstaben, Zeichen,

Bilder auf mehr oder weniger Seiten Papier in unterschiedlicher

Größe, Stärke und Gestaltung, geschützt

durch einen Umschlag vorne und hinten, zum Umblättern

variabel nutzbar. Selbst das E-Book funktioniert

nach dem gleichen Prinzip – und auch das Hörbuch setzt

für das Verständnis eine Lesefähigkeit zum „Übersetzen“

voraus.

Ob in Romanen oder Gedichten, in Utopien oder Dystopien,

in Krimis oder Sachbüchern – es geht immer

um Menschen, bei denen schließlich Worte starten und

landen. Das Literaturhaus bringt sie vor Ort zusammen.

Und das feiern wir, dankbar den Autorinnen und Autoren,

den Förderern und unserem interessierten Publikum,

seit 25 Jahren – auch mit diesem Buch.

Tomas Friedmann

Literaturhaus-Leiter

Die Attraktivität, ja, für manche Gefahr des radikal

treuen Mediums liegt im Inhalt. So ist die Geschichte

des Buches immer auch eine kultur-politische, weil

allen Sprachen nicht nur Phantasie und Poesie, sondern

stets eine kritische und subversive Kraft innewohnt. Das

fasziniert mich: die – abseits ökonomischer Grenzen –

Art und Unendlichkeit der Kommunikationsmöglichkeiten

zwischen Sender (Autor, Sprecher, Produzent) und

Empfänger (Leser, Hörer, Rezipient). Doch selbst wenn

im Internet-Zeitalter noch immer Mächtige angstvoll

Schriftsteller, Journalisten und Verleger bedrohen –

Literatur lässt sich nicht einsperren, bleibt unkontrollierbar,

unmessbar, frei.

Im Literaturhaus Salzburg arbeiten seit

1991 sechs autonome Literatureinrichtungen

unter einem Dach: erostepost,

Grazer Autorinnen Autorenversammlung/

Salzburg, Salzburger Literaturforum

Leselampe & SALZ, prolit & Edition

Eizenbergerhof, Salzburger AutorInnen-

Gruppe und der Trägerverein Salzburger

Literaturhaus Eizenbergerhof mit dem

Jungen Literaturhaus.

4 5


Haus der Abenteuer

Karl-Markus Gauß

Kaum dass ich lesen gelernt hatte, schaute ich

schon das erste Mal im Literaturhaus vorbei.

Als ich die zweite Klasse der Volksschule Mülln

besuchte, erkor mich ein Bub, der in der Strubergasse

wohnte, zu seinem Freund. Mehrfach hatte er mich

schon aufgefordert, ihn zu besuchen, um „hinterm

Haus“ mit ihm und seinen Gefährten zu spielen. Mein

Revier aber war der Aiglhof, einen halben Kilometer

südwärts, jene Siedlung kleiner Leute, die zu Beginn des

Zweiten Weltkriegs für die Zuzügler aus Südtirol errichtet

worden war und eine wohlgeordnete Welt für sich

bildete. Lehen, das war für ein Aiglhofer Kind wie mich

das raue Leben zwischen Wohnblöcken und Gstätten,

auf denen sich die wilden Kerle trafen, um miteinander

zu raufen oder einträchtig Zigaretten zu rauchen: ein

abenteuerliches Reich voll unbeaufsichtigter Kinder.

Eines Tages war es soweit, dass ich meinen Kameraden,

der in der Schule oft getadelt wurde, für die fehlenden

Bleistifte oder den reichlich vorhandenen Schmutz auf

seinen Hosen und Schuhen, zuhause besuchte. Er wohnte

in einem düsteren Klotz von Haus, dessen Tor in die

Höllenfinsternis zu führen schien, und hinter dem Gebäude

war der Boden schwarz, denn im Nachbarschuppen

befand sich eine Kohlenhandlung. Gleich waren

etliche ältere Kinder um mich, und sie führten mich zur

Böschung, die vor der Trasse der Eisenbahnschienen lag,

auf denen alle paar Minuten schwer beladene Güterzüge

vorbeirumpelten. Um nicht als Muttersöhnchen zu

gelten, musste ich die Mutprobe bestehen, nämlich zu

den Schienen hinaufzusteigen und eine Schillingmünze

auf das Gleis zu legen. Als eine einzelne Lokomotive

ohne Waggons darüber gerollt war, war sie hauchdünn

gepresst; lange habe ich sie mir als Trophäe aufbewahrt.

Irgendwann am Nachmittag rief eine Frau nach meinem

Freund, der mich in sein abweisendes, beängstigendes

Haus mitnahm. Es war finster, viel Gerümpel stand auf

den Gängen, und hinter jeder Tür schien eine ganze

Familie zu hausen, so viele Stimmen, streitende und

lachende, waren zu hören. Die Frau, die uns gerufen

hatte, war die Mutter meines

Kameraden, und als ich ihr artig

die Hand reichte, wie ich das in

meinem Viertel gelernt hatte,

lachte sie verwundert auf. Aber

sie deutete auf den Tisch, auf dem

ein Teller stand mit vier Scheiben

Schwarzbrot, dick mit gelber

Butter bestrichen. Ich verließ den

Eizenbergerhof, von dem ich erst

viele Jahre später erfuhr, dass er

6 7


Haus der Abenteuer

so hieß und nicht immer ein halbverfallenes Haus mit

winzigen Sozialwohnungen gewesen war, in dem erhebenden

Gefühl, ein Abenteuer erlebt, eine fremde Welt

entdeckt und mich in ihr behauptet zu haben.

Es vergingen dreißig Jahre, bis ich wieder in den Eizenbergerhof

kam. Er war gerade gründlich renoviert worden

und in alter Pracht als Literaturhaus neu erstanden. Ich

ging durch die Räume, die ich einst so düster gefunden

hatte, staunte über den Marmorboden und die Holzdecken,

die ich als Kind nicht bemerkt hatte, und dachte

mir, dass es schön sei, in sein Haus der Abenteuer zurückzukehren,

um dort künftig zu den Abenteuern der

Sprache und Dichtung aufzubrechen.

Die Geschichte

des Eizenbergerhofs

ab 1600

Karl-Markus Gauß

8 9


Die meistgestellte Frage

Nach der Renovierung zog 1991 in die Räumlichkeiten

des ältesten Gebäudes im dicht besiedelten

Salzburger Stadtteil Lehen das neu gegründete

Literaturhaus Eizenbergerhof ein, das seit September 1996

Literaturhaus Salzburg heißt. Im Laufe der Jahre wurde

aus dem Geheimtipp am Zentrumsrand ein beliebter

Treffpunkt für Literaturinteressierte aus Nah und Fern. Das

engagierte Programm wird von insgesamt sechs Literatureinrichtungen

im Haus erarbeitet. Neben dem Trägerverein

(mit dem Jungen Literaturhaus), der sich auch um

das gesamte Haus kümmert, sind das: Literaturforum

Leselampe, die Salzburger AutorInnenGruppe, erostepost,

prolit und die Grazer Autorinnen und Autorenversammlung

in Salzburg. Der Erfolg lässt sich durchaus in Zahlen

darstellen, so konnten in den ersten 25 Jahren mehr als

300.000 Besucherinnen und Besucher bei über fünftausend

Veranstaltungen für Literatur begeistert werden.

In der inspirierenden Atmosphäre des Literaturhauses wird

gelesen und geschrieben, zugehört und diskutiert, gelacht

und getanzt. Kein Zufall, dass wir als Motto – erdacht vom

Autor Manfred Koch – gewählt haben: Wo das Leben zur

Sprache kommt.

Bei all den Auseinandersetzungen um Texte, Sprachen,

Inhalte – die meist gestellte Frage in all den Jahren lautet:

Was war dieses prächtige Literaturhaus einst? Um eine

11


Zur Geschichte des Eizenbergerhofs

Vorwort zur Geschichte von Tomas Friedmann

Antwort haben wir uns immer wieder bemüht, basierend

auf spärlichen Informationen des Bundesdenkmalamts

und des Salzburger Stadtarchivs, doch die Antworten waren

dem Publikum und uns nicht ausreichend. So wurde

die Salzburger Kunsthistorikerin Martina Pohn beauftragt,

eine kurze Geschichte des Hauses zu schreiben. Ihre Recherche

– eine punktuelle Betrachtung, die kein vollständiges

Bild zur Hauschronik liefern will – brachte erstaunliche

Fakten zutage, die belegen, wie wertvoll die Geschichte

des Hauses ist. Dabei konzentrierte sich die junge Wissenschafterin

auf die Periode um 1600, als sich das Landgut im

Besitz Balthasar Eitzenbergers befand, die anschließende

„Mozartzeit“ sowie die Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Außerdem wollte sie die Vergangenheit des Anwesens

in Bezug auf stadtgeschichtliche Zusammenhänge

betrachten und die wechselvolle Geschichte vom Wirtshaus

über Militärgebäude, Lagerstätte und Wohnhaus bis zum

Literaturhaus beleuchten.

Veranstaltungsabläufe oder zählen oftmals berühmte

Gäste des Gastbetriebes auf. Zuletzt interviewte die Historikerin

einen Zeitzeugen, der in jenem Haus, in dem bereits

seine Großeltern gelebt hatten, 1940 geboren ist und hier

bis Anfang des 21. Jahrhunderts wohnte. Aus all diesen

zusammen getragenen Fakten setzt sich die folgende kleine

Dokumentation zusammen.

Eigentümerwechsel und Verkäufe bieten der Forschung

aufschlussreiche Anhaltspunkte und Informationen zum

Baubestand sowie zur finanziellen Situation der Besitzer,

ebenso geben Inventarisierungen nach dem Tod eines

Besitzers Interpretationsgrundlagen. Des Weiteren sind

Berichte zeitgenössischer Persönlichkeiten, wie etwa von

Leopold Mozart, zu verwerten. Diese informieren über

12


Der Eizenbergerhof

und seine Besitzer

Die Geschichte des Literaturhauses von Martina Pohn

1

Im Folgenden wird das Literaturhaus

als Eizenbergerhof bezeichnet. Die etwas

abgewandelte Schreibweise des Namens

seines ersten Besitzers, Balthasar Eitzenberger,

ergibt sich durch jene gängige in

historischen Urkunden.

Das Literaturhaus ist manchen Salzburgern unter

vielen unterschiedlichen Namen bekannt. Diese

wurden ihm aufgrund der oftmals wechselnden

Besitzer verliehen: Eizenberger-, Mühlbacher-, Maß- oder

Massenhof sind die weithin bekanntesten. Der Erbauer

des historisch bedeutenden Landgutes ist jedoch bis dato

unbekannt.

Wer waren die Eigentümer?

Um 1600 wird das Gut erstmals urkundlich als Besitz des

Wolf Aigenstueler genannt, der ebenso Wirt des Gasthofes

Zum Mohren in der Judengasse 9 in der Salzburger

Altstadt war. Besagter Wolf Aigenstueler war Schwiegervater

der Witwe Catharina Aigenstueler. Balthasar

1

Eitzen berger scheint erstmals 1622 in einem Urbar, dem

Verzeichnis der Besitzrechte einer Grundherrschaft, als

Eigentümer des Anwesens auf. 1671 war Probst Bernhard

von Zeno als Besitzer des Gutshofes eingetragen. Die

Häuser und Liegenschaften in der Judengasse 9 sowie in

Mülln gehen jedoch im Jahre 1710 wieder in den Besitzstand

von Franz Eitzenberger, Sohn des Balthasar Eitzenberger,

über.

Folgend bewirtschafteten das Gut sowie den Mohrenwirt

in der Altstadt zwei Generationen der Familie Mühl-

bacher: Durch die Einheirat in die Familie Eitzenberger

wurde Johann Balthasar Mühlbacher 2 – in städtischen

Urkunden eingetragen als Wirtssohn von Mülln – zum

Eigentümer des Gutes. Ab 1762 übernahmen sein Sohn

Johann Sigbert und dessen Gattin Marianne Mühl bacher

die Liegenschaft. Das Ehepaar häufte jedoch große Schulden

an. Somit überschrieben die Eheleute das Grundeigentum

in Mülln am 15. September 1794 an ihren Oberkellner

Peter Paul Weickl und dessen Braut Kres zentia

Perghofer 3 . Das Anwesen blieb im weitesten Sinne im

Besitz der Familie, da Kreszentia Perghofer eine Cousine

von Johann und Anna Mühlbacher war.

Der Historiker und Publizist Hans Spatzenegger berichtet

in seiner Publikation Gasthaus zum Mohren über den Kaufvertrag,

der schon am 10. August 1794 abgeschlossen wurde.

Er enthielt Haus und Hof, „das Weinlager, die Schankgerechtigkeit,

das Silbergeschmeide und die Hausfahrnis,

um 39.131 Gulden. Die übernommenen Schulden waren

mit 39.101 Gulden und 14 Kreuzer gleich hoch.“ 4

In den Besitz der Familie Maß gelangte die gesamte Liegenschaft

am 27. November 1804. Johann Maß und seine

Verlobte Theres Gattermayr hinterließen den Hof ihrem

Sohn Franz Maß, der ihn bis in das Jahr 1858 bewirtschaftete.

5 Von 1860 bis 1888 waren die Eigentümer des Guts-

2 Sein Name findet sich in den Schriftstücken

der Archive ebenso als Müllpacher

oder Millpacher geschrieben.

3 Die genauen Geburts- und Sterbedaten

des Paares konnten eruiert werden: Peter

Paul Weickl wurde am 29. April 1762 geboren

und verstarb am 24. Mai 1833, seine

Ehefrau kam am 1. Februar 1760 zur Welt,

sie starb am 1. Juni 1803.

4 Ein österreichischer Gulden entspricht

etwa 6 Euro, der damalige Kaufpreis einem

aktuellen Geldwert von ca. 235.000

Euro. Das Umrechnen alter Währungen

ist jedoch als heikel und teilweise fraglich

zu betrachten, da sich das Leben und

die Verhältnisse stark verändert haben.

Wurden in früheren Zeiten 60 bis 70% des

Geldes für Essen und nur 10 bis 20 % für

das Wohnen ausgegeben, so hat sich diese

Relation heute fast umgekehrt. Ebenso

beachtet werden müssen die vielen Naturalbezüge

der damaligen Zeit.

5

Die Anschrift des Eizenbergerhofes lautete

damals Lehen 28. Im 19. Jahrhundert

wurde die Adresse zunächst auf Gaswerkgasse

13, danach auf Wallner gasse 8

abgeändert. Der Verlauf der Straße

führte zu dieser Zeit hinter dem Gebäude

entlang der Bahnstrecke Wien-Salzburg-

München, die 1860 eröffnet wurde.

14 15


Der Eizenbergerhof und seine Besitzer

Salzburg und seine Vorstädte

im 17. und 18. Jahrhundert

Zimmeraufteilung des Militärs im Ersten

Weltkrieg

hofes Mathias und Caroline Fellner, bis zu seinem Tod

1898 betreute deren Sohn Ferdinand Fellner Haus und

Grundstück. Seine Witwe Ottilie Brucker bewirtschaftete

das Anwesen, mit der neuen Anschrift Wallnergasse 8,

noch drei Jahre, bis 1901.

Mit den neuen Eigentümern ab 1904, Georg und Magdalena

Höck, lässt sich durch Besitzungspläne und Übernahmeverträge

des Maßenhofes wieder ein genaueres

Bild des Zustandes des Gebäudes sowie der gesamten

Realität zeichnen. Ab dem Jahresende 1904 bis 1914 war

die Stadtgemeinde Salzburg Eigentümer der Immobilie

und übergab diese während des Ersten Weltkriegs an

das Militärkommando Innsbruck als Quartier für dessen

berittene Truppen. 1918 übernahm die Stadtgemeinde

die Liegenschaft wieder als Wohnimmobilie, die sie ab

1991 dem Literaturhaus zur Verfügung stellte und dafür

mit dem Verein 1994 einen unbefristeten Mietvertrag

abschloss. 2008 wurden alle stadteigenen Immobilien,

darunter der Eizenbergerhof, der Stadt Salzburg Immobilien

GmbH (SIG) überschrieben, die sich zu 100 Prozent

im Eigentum der Stadt Salzburg befindet. Hauptmieter

blieb der Trägerverein Salzburger Literaturhaus Eizenbergerhof,

der den fünf Literatureinrichtungen Büroräume

untervermietet.

Noch heute ist in einigen Winkeln der Salzburger

Altstadt die Stimmung vergangener Zeiten zu

spüren. Die engen Gassen, die hohen Bürgerhäuser

und die weiten Plätze des ehemals fürsterz bischöflichen

Viertels liefern Eindrücke des Stadt-Ambientes aus

dem 17. und 18. Jahrhundert. Damals war die Altstadt ein

eng umschlossener, befestigter Bereich, begrenzt durch

die Salzach, den Mönchs- sowie Festungsberg und die

Vorstädte Nonntal und Mülln.

Stadt und Land bildeten starke Kontraste zueinander.

Die Dichte der Bürgerstadt 6 und die Monumentalität der

Sakral- sowie fürstlichen Bauten standen der Weite des

Vorlandes gegenüber. So bildeten die einzigen beiden

Vorstädte Salzburgs – Nonntal und Mülln – beliebte

Rückzugs- und Ausflugsorte, manchen Städter zog es zur

Sommerfrische auf das Land. Viele der Meierhöfe in den

städtischen Vororten waren im Besitz wohlhabender Bürger.

Die Bewirtschaftung ihrer Landgüter brachte reiche

Erträge für die städtischen Haushalte ein.

Heute haben die Vorstädte fast zur Gänze ihren alten

Charakter verloren. Wenig blieb von der Idylle mit

Äckern, Wiesen, Obstgärten, Landsitzen und kleinen

Schlössern. Ein paar solcher Gebäude und Anwesen, darunter

der Eizenbergerhof, sind jedoch erhalten.

6

Die Bevölkerungszahl im kleinen Stadtgebiet

betrug Ende des 18. Jahrhunderts

laut Volkszählung 16.837 Personen, das

entsprach einer Verdoppelung seit 1550.

16 17


Salzburg und seine Vorstädte im 17. und 18. Jahrhundert

Plan der Stadt Salzburg 1789 mit dem

Mühlbacherhof (heute Literaturhaus)

Detail Sattler-Panorama (Salzburg

Museum)

Das weltweit einzigartige Rundpanorama

ist ein 25,5 Meter langes und 4,9 Meter

hohes Ölgemälde des Landschaftsmalers

Johann Michael Sattler. Es zeigt die Stadt

Salzburg und sein Umland im Jahr 1825

von der Festung Hohensalzburg.

18 19


Der Namensgeber

Balthasar Eitzenberger

Der Eizenbergerhof stellte für seine Besitzer über

Jahrhunderte hinweg einen ökonomisch und

landwirtschaftlich wichtigen Bestandteil des

Gesamtvermögens dar.

Im 17. und 18. Jahrhundert besaßen viele Salzburger

Geschäftsleute, die in der Innenstadt Gasthäuser unterhielten,

Gutshöfe an der Stadtperipherie. Auf den ländlichen

Anwesen betrieben sie Gemüseanbau und Viehzucht

oder züchteten – wie im Falle Eitzenbergers – Forellen im

hauseigenen Teich. Diese Gaumenfreuden wurden in den

städtischen Betrieben verwertet.

Der schwäbische Publizist und Aufklärer Lorenz Hübner 7

verfasste in den 1790er Jahren ein wichtiges Werk der

Salzburger Stadt- und Geschichtsforschung: die mehrbändige

Beschreibung der hochfürstlich-erzbischöflichen

Haupt- und Residenzstadt Salzburg und ihrer Gegenden,

verbunden mit ihrer ältesten Geschichte. Darin findet

sich auch eine knappe Darstellung des Eizenbergerhofes:

7 Erzbischof Hieronymus Graf Colloredo

– ein Sympathisant der Lehren der

Aufklärung – berief Lorenz Hübner 1783

nach Salzburg, wo dieser sich als erster

Chef redakteur der „Oberdeutschen

Staats zeitung“ etablierte, die bis 1799 in

Salzburg erschien und über die Landesgrenzen

hinaus von Bedeutung war.

„Der Müllbacher oder Eitzenberger-Hof, links, etwas entfernt

von der Strasse. Den ersten Nahmen hat er von seinem

gegenwärtigen, den zweyten von seinem ehemaligen

Besitzer. Hier ist ein Haus mit einem großen Sahle, wo der

Besitzer, ein Weingastgeb, zuweilen Bälle und Gastmahle

21


Der Namensgeber Balthasar Eitzenberger

Salzburg im Dreißigjährigen Krieg

halten läßt. Ein Garten, und ein spiegelheller, nicht sehr

großer Forellenteich gehören auch hierher.“

Balthasar Eitzenberger ist wohl der bekannteste Besitzer

des heutigen Literaturhauses. Durch die Heirat mit der

älteren Witwe Catharina Aigenstueler, am 7. August 1622

in der Franziskanerkirche, übernahm er deren Besitz:

das Haus in der Judengasse 9 – den Mohrenwirt – sowie

diverse Liegenschaften, u.a. das Anwesen in der Vorstadt

Mülln.

Wenig weiß man über den wirtschaftlich gut gestellten

und in Salzburg äußerst beliebten Gastwirt. 1647 etwa

gibt Eitzenberger – in der Seelenbeschreibung in der

Ertzbischofflichen Haubt Statt und Pfahr Saltzburg, so auf

Genedige abgangene Hochfürstlich Consistorialische Decreta,

sowohl durch die Geistliche als weltliche Obrigkeit alda,

im Monat September dises schwebendten 1647igsten Jahrs

– sein Alter von 49 Jahren an. Durch diese Information

kann sein Geburtsjahr 1598 errechnet werden. Genauere

Daten, etwa der Tag der Geburt oder seine Herkunft, sind

bis heute nicht bekannt. In den verschiedensten Transkriptionen

findet sich sein Name in Salzburger Urkunden,

so unter anderem als Ei(t)zenberger, Eyzenberger, Eitzenperger

oder Aitzenberger.

Die wirtschaftliche Lage der damaligen Zeit war äußerst

schwierig und unsicher. Seit 1618 wütete der Dreißigjährige

Krieg in ganz Europa. Instabile Gesetzesregelungen

im Fürsterzbischöflichen Salzburg erschwerten Gewerbetreibenden

das Leben. So verordnete am 25. Juli 1621

der Fürsterzbischof Paris Graf von Lodron eine neue

Gastgewerberegelung, die besagte, dass Hochzeiten von

Ratsherren und Handelsleuten nur 48 Personen, jene von

gemeinen Bürgern oder Bauern nur 36 Gäste ausmachen

durften. Tanzen war auf drei und das gesellige Beisammensein

auf zwei Stunden begrenzt. Taufen durften fortan

nur mehr von sechs bis zehn Frauen gefeiert werden,

denen es ausschließlich erlaubt war, ein Getränk sowie

eine kalte Speise zu konsumieren. An einem Leichenschmaus

durften zwölf Personen teilnehmen, nicht mehr

als vier unterschiedliche Gerichte angeboten werden.

Diese Regelungen erschwerten offenkundig allen Gastwirten

Salzburgs ihre Arbeit und stürzten viele von ihnen

in die Verschuldung oder den finanziellen Ruin.

Auch der Besitz der Witwe Aigenstueler war mit Schulden

belastet. Vermutlich brachte Balthasar Eitzenberger

ein ansehnliches Vermögen mit in die Ehe, denn schon

im Jahre 1622 scheint die Liegenschaft als schuldenfrei

in den Salzburger Urkunden auf. Durch die Tilgung der

Schulden boten sich Eitzenberger wirtschaftliche Vortei-

Fürsterzbischof Paris Graf von Lodron

22 23


Der Namensgeber Balthasar Eitzenberger

Der letzte Mohrenwirt

le, vor allem durch die Immobilie des Mohrenwirtes in

der Innenstadt. 1650 findet sich im Grundbuch der Stadt

Salzburg der Eintrag zum damaligen Besitzstand: „Ain

Behausung und Hofstatt in der Judengasse, zwischen der

Feyrtagischen und Rundinelischen Behausung [gemeint

sind die Häuser Judengasse 7 – 11] alhie gelegen, so frey

lediges Aigen und aller Purten frey ist. Diße Behausung hat

bishero Balthasar Eizenberger innen, und zwar cheinen

brief darumben aufzuweisen, allein hat er nachdeme er

sich zu seiner vorigen hausfrau Catharina Lechnerin verehlicht

die schulden abzalt und also an sich gebracht. Der

Lastenbrief auf den Simon Aigenstueler Bürger und Gastgeb

alhie lautendt ist datirt den 20. Martii Anno 1615.“

1710 Franz Eitzenberger zukommt. Der Sohn von Balthasar

Eitzenberger ist der letzte Mohrenwirt mit Namen

Eitzenberger. Über sein Wirken und seine Tätigkeiten ist

nichts Näheres bekannt.

8

Im Jahr 1653 wurde in Salzburg eine

„Bettelleutordnung“ erlassen, d.h.

der Hausbettel wurde abgestellt, um

ansteckende Krankheiten zu bekämpfen.

Die Almosen wurden eingesammelt und

wöchentlich nach der Donnerstagsprozession

durch die Stadträte verteilt. Einer

dieser „Almosenherren“ (eine Art Sozialstadtrat)

war Balthasar Eitzenberger.

Eitzenberger war ein tüchtiger Geschäftsmann und Unternehmer.

1638 pachtete er die Städtische Trinkstube,

damals die erste Fremdenherberge der Stadt. 1649 findet

man Balthasar Eitzenberger als Stadtrat in den Urkunden

eingetragen. 8

Catharina Eitzenbergers Beerdigung wurde in den Urkunden

am 1. Dezember 1645 vermerkt. Die Beisetzung

Eitzenbergers am Petersfriedhof ist mit dem Jahr 1663

eingetragen. Wie erwähnt, übernimmt ab 1671 für 39

Jahre Probst Bernhard von Zeno die Bewirtschaftung des

Anwesens sowie des Hauses Judengasse 9, bis der Besitz

Der Mohrenwirt (Aufnahme vom Rudolfskai um 1950)

24 25


Der Eizenbergerhof

in der Mozartzeit

Ein Fest mit Folgen

Leopold Mozart

Holzkassettendecke im 2. Stock

Das Anwesen in Mülln bot einen weiteren topografischen

Vorteil: Im Sommer wurde es zu

einer Buschenschank umfunktioniert, in der

sich die noble Stadtgesellschaft, außerhalb der beengenden

Bürgerstadt, zu geselligen Zusammenkünften im

Freien traf.

Leopold Mozart (1719 – 1787) berichtete in verschiedenen

Briefpassagen von Zusammenkünften „beym Eizenberger“.

Teilweise kann nicht eindeutig geklärt werden, ob

er sich auf die Gastwirtschaft „Zum Mohrenkopf“ oder

aber auf den Gutshof außerhalb der Stadt bezogen hatte.

In seinen Briefen belegt der Komponist, dass sich das gesellschaftliche

Leben der Salzburger „beym Eizenberger“

abspielte. Viele Musik- und Tanzabende wurden hier veranstaltet.

So kann durchaus angenommen werden, dass

sich das eine oder andere Mal die heitere Runde auch in

der Buschenschank in Mülln traf.

Am 26. September 1777 schrieb Vater Mozart an seinen

Sohn Wolfgang Amadeus Mozart wie folgt:

„Vergangenen Freytag hat Hr. Kolb den fremden Kaufleuten

eine grosse Musik gegeben (…). Er geigte Dein

Concert, und Nachtmusik, und dann hiess es, da die

Musik so sehr belobt wurde und ein erstaunlicher Lerm

und geklatsch war, das ist die Composition eines guten

Freundes der nicht mehr hier ist, dann schrie alles:

schade daß wir ihn verloren haben! Das war beym

Eizenberger im Saal. auf die letzte wurde alles besoffen;

sie trugen einander auf den achseln in Pricession herum,

und stossten an den in der Mitte hängenden Luster oder

grossen Hängeleuchter, zerbrachen die mittere Schaale

und andere Stücke, so daß man das zerbrochene wieder

muß von Venedig ergenzen lassen, folglich die Stücke

nach Venedig schicken.“

Diese Briefpassage bekundet zum einen den öffentlichen

Protest der Entlassung von Wolfgang Ama deus

Mozart (1756 – 1791) durch Erzbischof Hieronymus Graf

Colloredo 9 , zum anderen berichtet Leopold Mozart

von der prachtvollen Ausstattung der Gaststuben des

Eizenberger hofes. Nicht eindeutig geklärt werden kann,

ob sich diese Begebenheit im Müllner Eizenbergerhof,

dem heutigen Literaturhaus, oder im Haus Judengasse 9

in der Innenstadt abspielte.

In den Sommermonaten veranstaltete der Mohrenwirt

wohl des Öfteren ein Bölzelschießen. 10 Da Erzbischof

Hierony mus Graf Colloredo jegliche Unterhaltung – das

Tanzen, Musizieren und Spielen – an Sonn- und Feiertagen

bis vier Uhr nachmittags in Privat-, Gast- und

9 Salzburg war seit dem 14. Jahrhundert

ein souveräner Kirchenstaat im Heiligen

Römischen Reich Deutscher Nation und

fiel erst nach Mozarts Tod an die Habsburger

und das Kaiserreich Österreich.

Herrscher von Salzburg waren die Fürsterzbischöfe,

seit 1772 eben Colloredo,

der im selben Jahr Wolfgang Amadeus

Mozart zum besoldeten Konzertmeister

der Salzburger Hofkapelle ernannte. Da

Mozart allerdings seine Reisetätigkeit

nicht einschränkte, kam es zum Streit mit

dem sparsamen Herrscher, der Mozart das

Reisen verboten hatte. Nach erfolglosen

Bitten um Urlaub endete das Verhältnis

1777 mit Abschied und Entlassung. Nach

dem Tod seiner Mutter in Paris 1778 begab

sich der 22jährige Mozart widerwillig

zurück nach Salzburg und erhielt die

vakante Stelle des Hoforganisten. Das Engagement

ging zwanzig Monate gut, das

Verhältnis zum Erzbischof blieb jedoch

gespannt, da ihm dieser wieder einträgliche

Konzertmitwirkungen verbat. Nach

einer Reise zur Uraufführung seiner Oper

„Idomeneo“ nach München kam es zum

endgültigen Bruch zwischen Colloredo

und Mozart, der gegen den Willen seines

Vaters nach Wien zog.

10 Hierbei wurde mit sogenannten Windoder

Bölzelbüchsen, einer historischen

Version des Luftdruckgewehrs, auf 18

mal 18 Zentimeter große Holz- oder

Papierscheiben aus einer Distanz von acht

bis zehn Metern geschossen, die oftmals

mit bunten Motiven und frechen Texten

bemalt waren.

26 27


Der Eizenbergerhof in der Mozartzeit

19. und 20. Jahrhundert:

Glück im Unglück

Abbildung „Mozart und Bäsle“ auf einer

Zielscheibe zum Bölzelschießen

Kaffee häusern untersagt hatte, verbrachte die wohlhabende

Gesellschaft ihre Freizeit in den Schießständen

der Vorstädte. Nach diesem Vergnügen zog es die Salzburger

zum Sonntagsbraten in die Gaststätten und zum

anschließenden Kartenspielen. Leopold und Wolfgang

Amadeus Mozart berichten über hundert Mal von solchen

Bölzelschussveranstaltungen. Zweimal, 1771 und 1779,

wurden diese auch im „Müllner Eyzenberger“ abgehalten,

schildert Leopold Mozart.

Im Brief vom 11. Juni 1778 schreibt Vater Mozart über

Hochzeitsgesellschaften, die ebenfalls „beym Eizenberger“

abgehalten wurden, unter anderem jene des Stadtrates

Nikolaus Anton Nicolodoni und der Maria Anna

Gschwendtner.

Die vielen Veranstaltungen, die am Gutshof in Mülln

stattfanden, weckten die Missgunst anderer Gastwirte.

So beschuldigte beispielsweise der Krimplstätter-Wirt

Rochus Hofer den Weingastgeb Johann Sigbert Mühlbacher

sowie den Bärenwirt der Ausweitung ihrer „Gerechtsame“

– ein bis ins 19. Jahrhundert gebräuchliches

Wort für die „Gerechtigkeit“, mit der man etwas tat, besaß

oder nutzte (hier wohl Konzession bzw. Lizenz) – und des

unerlaubten Weinausschankes.

Der Eizenbergerhof liegt heute in Lehen, dem

bevölkerungsmäßig dichtesten Teil Salzburgs.

Das Wort Lehen leitet sich wohl von „Loh“ bzw.

„Löhen“ ab, einer alten Bezeichnung für sumpfige Wiesen.

Bis in das 19. Jahrhundert war der Stadtteil – großteils

Überschwemmungsgebiet der Flüsse Salzach und Glan –

schwach besiedelt. 1860 wurden die Bahnlinie von Salzburg

nach München und die Eisenbahnbrücke eröffnet,

fortan trennte der Bahndamm den Eizenbergerhof von

Mülln. 1874 kam es zu ersten Bautätigkeiten im Bereich der

heutigen Gaswerkgasse. 1902 wurde eine Hauptverkehrsader

der Stadt, die Ignaz-Harrer-Straße, angelegt und die

Lehener Brücke (einst Erzherzog-Ludwig-Viktor-Brücke)

eröffnet, 1906 die systematische Asphaltierung von Straßen

in Angriff genommen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts

setzte auch die Verbauung mit Wohn- und Geschäftshäusern

im Stil der Spätgründerzeit ein, davon gibt es nur

noch wenige Objekte. Zwischen 1924 und 1930 begann der

soziale Wohnbau zwischen den Kirchtürmen von Mülln,

Maxglan und Liefering das Stadtteilbild zu prägen. 11

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Eizenbergerhof

– nahe der Salzach im Süden von Lehen –

Eigentum der Familie Maß, weshalb das Anwesen bis in

das 20. Jahrhundert ebenso den Namen Maß- oder

Massenhof trug.

11 Nach dem Ersten Weltkrieg war die

Bevölkerung Salzburgs weiter gewachsen.

1934 gab es bereits 40.000 Bewohner

im noch kleinen Stadtgebiet, mit den

Eingemeindungen ab Mitte der 1930er

Jahre stieg die Einwohnerzahl sprunghaft

auf 77.000 an. Heute leben rund

150.000 Menschen in der viertgrößten

Stadt Österreichs (und über 300.000 in

der Region). Jeder zehnte Salzburger

wohnt im Stadtteil Lehen, der eine relativ

hohe Zahl an Migranten aufweist und von

sozialen Wohnbauten geprägt ist.

28 29


19. und 20. Jahrhundert: Glück im Unglück Die Salzburger Bücherverbrennung

Als am 22. Februar 1904 Georg und Magdalena Höck die

Weltkrieg (1914 – 1918) überließ die Stadt Haus und Grund

Immobilie um 68.000 Kronen erwarben, wurden Unter-

dem Innsbrucker Militärkommando als Quartier für

lagen, Baubestandsaufnahmen und Pläne in einem Akt

dessen berittene Truppen. Ab 1918 wurde die Liegenschaft

der Stadtgemeinde angelegt. Der Besitzungsplan, auf-

wieder von der Stadt als Wohnimmobilie genutzt.

geteilt in verschiedene Parzellen, gibt Information über

Ausmaße des gesamten Gutes. Die Liegenschaft Georg

Auch Salzburg war in den 1920er Jahren vom verlore-

Höcks umfasste 30.219 m² ohne die Straßenzüge. Auf dem

nen Weltkrieg gezeichnet, in der Landeshauptstadt kam

Blick über Mülln auf die Stadtteile Lehen

(mit dem Eizenbergerhof) und Liefering

Grundstück befanden sich neben dem Hof ein Stall für

insgesamt zwölf Rinder und ein Obstgarten.

es gegen Kriegsende durch eine hungrige Volksmenge

zu Unruhen und Plünderungen, die Wirtschaft erholte

sich nur langsam. Ein Zusammenschluss mit Deutsch-

Zu dieser Zeit wurden die Räumlichkeiten des Eizenbergerhofs

zu Wohnungen adaptiert, in jedem Geschoß

land wurde von vielen als einzige Überlebenschance des

kleinen Restösterreich betrachtet. 13 Der Einmarsch der

Salzburger Bücherverbrennung 1938

12 Die Hausbewohner sind in dem Akt der

Stadtgemeinde angeführt: J. Schlager,

Rupert Maier, Matthias Fellner, Anton

Schmidbauer, Johann Kowar sowie das

Ehepaar Höck. Die Mieten betrugen

zwischen 124 und 483 Kronen. Die Wiesen

und Ackergründe um die Wallnergasse

pachtete Franz Danter um 340 Kronen

monatlich.

waren zwei Parteien untergebracht. 12

Jetzt erregte auch das schöne Innere des Hauses Aufmerksamkeit.

Am 22. März 1904 verfasste der damalige Leiter

des Salzburger Museums Carolino Augusteum (heute Salzburg

Museum), Dr. Alexander Petter, ein Gutachten über

den Zustand der frühbarocken Kassettendecke aus Holz –

und zeichnete sie als kunsthistorisch wertvoll aus.

Gegen Ende des Jahres 1904 erwarb die Stadtgemeinde

Salzburg die Immobilie und verpachtete sie. Ein Akt des

Salzburger Stadtarchivs vom 14. November 1908 protokolliert

den Pachtvertrag des Massenhofes von Anton

Wurmsdobler, einem Holzhändler aus Lehen. Im Ersten

deutschen NS-Truppen am 12. März 1938 wurde von den

Salzburgern mit großem Jubel begrüßt, viele hofften

auf Arbeit. 14 Am 30. April 1938 fand am Salzburger Residenzplatz

die einzige inszenierte Bücherverbrennung

auf österreichischem Boden statt, die sich gegen Bücher

jüdischer Schriftsteller und vor allem gegen katholische

Autoren und gegen Politiker des Ständestaates richtete. 15

Während der Reichskristallnacht im November wurden

auch in Salzburg jüdische Geschäfte verwüstet und die

Einrichtung der Synagoge zerstört.

Zeitzeugen geben über die Geschichte des Eizenbergerhofs

im 20. Jahrhundert Auskunft. So erinnert sich Karl

Larcher, 1940 in einem kleinen Raum des zweiten Stock-

13 Am 29. Mai 1921 wurde in Salzburg eine

inoffizielle Volksabstimmung über den

Anschluss an Deutschland durchgeführt,

sie ergab 98.986 Pro-Stimmen, nur 889

Personen stimmten dagegen.

14 Die Volksabstimmung am 10. April 1938

brachte 157.595 Stimmen für und nur 463

Stimmen gegen den „Anschluss“ an Nazi-

Deutschland.

15 Der austrofaschistische Ständestaat von

1934 bis 1938 war ein antiliberaler Staat,

der sich als Gegner des NS-Deutschland

verstand, es aber kopierte. Begründer war

Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der

beim Juliputsch 1934 durch österreichische

Nationalsozialisten ermordet wurde.

Nachfolger als „Führer“ des Ständestaates

wurde Bundeskanzler Kurt Schuschnigg,

der 1938 unter dem politischen und militärischen

Druck des NS-Regimes seinen

Rücktritt erklärte und den Weg für den

„Anschluss“ freimachte.

30 31


Der Zweite Weltkrieg

Salzburg nach dem Zweiten Weltkrieg

Salzburg nach dem Zweiten Weltkrieg

(US-Fliegeraufnahme)

16 Von 16. Oktober 1944 bis 1. Mai 1945

erlebte Salzburg 15 amerikanische

Luftangriffe aus großer Höhe, weil man

die Flugabwehr fürchtete. Dadurch verfehlten

zahlreiche Bomben den Bahnhof

als strategisches Ziel, sie fielen auch auf

andere Stadtgebiete. Über 500 Menschen

starben, rund 40 Prozent der städtischen

Gebäude wurden beschädigt, darunter

der Dom und Mozarts Wohnhaus. Die

Beseitigung aller Schäden und der Wiederaufbau

dauerten rund 15 Jahre.

Noch heute werden bei Bauarbeiten

Blindgänger gefunden.

werkes geboren und über 60 Jahre Bewohner des Hauses,

an die Zeit während und unmittelbar nach dem Zweiten

Weltkrieg (1939 – 1945). Auf dem Grundstück habe damals

die Kohlenhandlung Kirchgassner Lagerräume besessen,

außerdem seien eine VW-Werkstätte sowie eine Scheune,

ein Heustadel und eine Waschküche gegenüber dem

Hauseingang platziert gewesen. Die damalige Wallnergasse

sei hinter dem Anwesen verlaufen, der Bahnstrecke

entlang, die Verbindung zur Strubergasse samt Einfahrt

zum Haus Nr. 23 erst später errichtet worden. Den Eizenbergerhof

bewohnten laut Erinnerung des ehemaligen

Kaminschleifers neun Parteien mit insgesamt 27 Kindern

– ein Leben auf engstem Raum.

Es war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Bis Oktober

1944 gab es in Salzburg oft Luftalarm, dem allerdings

keine Angriffe folgten. Die meisten Bürger hofften, dass

die Mozart- und Festspielstadt verschont bleiben würde.

Der erste, für viele überraschende Bombenangriff forderte

dann 245 Tote, man zählte viele Verletzte, Gebäude

wurden zerstört oder beschädigt, tausende Menschen

verloren ihre Wohnungen. 16 Im Gedächtnis blieb Herrn

Larcher das Bombardement vom 28. April 1945: „Glücklicherweise

schlug die Bombe einige hundert Meter neben

dem Wohnhaus ein, die Bewohner blieben unverletzt

und der Eizenbergerhof unbeschädigt.“ Eine andere Erinnerung

des ehemaligen Hausbewohners ist jene an einen

Nachmittag im Frühjahr 1945, als die Bewohnerinnen des

Hauses weiße Leintücher aus den Fenstern hängten. Ein

Zug hielt direkt vor dem Eizenbergerhof an, und amerikanische

Soldaten verteilten Schokolade und Lebensmittel

an die Kinder.

Bilder:

• Lehen, Lehener Brücke (Fliegeraufnahme)

• Bombardierung Salzburgs

• Stolperstein in Lehen

• US-Soldaten im Café Tomaselli

• Wohnbaracken-Flüchtlinge,

Lehen 1953

32


Restaurierung

und Kunst am Bau

Zu Renovierung und Umbau von Martina Pohn

17 Die Kosten für die Renovierung beliefen

sich insgesamt auf 13 Millionen Schilling

(945.000 Euro).

Die heutige Bibliothek im

1. Stock vor der Renovierung

I

genutzt, Wasser und Toiletten gab es nur am Gang. Das

n der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfiel

der Eizenbergerhof zunehmend. Bis 1988

wurde das Gebäude als Substandard-Wohnhaus

oberste Stockwerk diente zuletzt als Büro und Werkstätte

für die Restauratoren Conrad Dorn und Ursula Mair, im

Erdgeschoß wohnte die Familie Larcher mit Kindern und

Katzen.

Bereits ab 1986 begannen Überlegungen, den Eizenbergerhof

zu einem öffentlich zugänglichen Ort umzubauen.

Im Mai 1987 wurde ein Nutzungskonzept vorgelegt, das

die Immobilie als Kreativzentrum für den Stadtteil Lehen

vorsah. Im April 1989 wurde entschieden, die Immobilie

als Literaturhaus sowie als Sitz einiger Dritte-Welt-Gruppen

zu nutzen; die Entscheidung fiel dann ausschließlich

zugunsten der Literatur. Die Stadt gab den Auftrag, das

denkmalgeschützte Haus entsprechend zu renovieren. 17

Von 1988 bis zum Jahresende 1990 wurden Restaurierungsarbeiten

an dem zweistöckigen Gebäude durchgeführt.

Schon die Bauverhandlungen legten offen, dass die

Anliegen des Bundesdenkmalamtes und der Baubehörde

schwer zu vereinbaren waren. Probleme bereiteten vor

allem die Installation von Toilettenanlagen sowie der

Einbau eines behindertengerechten Liftes. Hierfür wurde

der bereits bestehende Abort-Erker erweitert und somit

Platz für Nebenräume geschaffen.

Die originalen Barocktüren und ihre kunstvollen Beschläge

mussten – bis auf drei der alten Holztüren im zweiten

Stock – genormten Brandschutztüren weichen. Zwischendecken

und Zwischenwände, die bei der Adaptierung zum

Wohnhaus Anfang des 20. Jahrhunderts in den über vier

Meter hohen Räumen eingezogen worden waren, wurden

entfernt. Dadurch konnte im obersten Geschoß das

originale Raumgefüge wieder hergestellt werden. Im Flur

des ersten Stockwerks wurde eine Säule aus Naturstein

aus der Zeit um 1600 freigelegt, sie ziert diesen Bereich

noch heute. Die Gänge und der Eingangsbereich sind

kreuzgratgewölbt und teilweise noch mit den originalen

Adneter Marmor-Platten ausgelegt. Die hölzerne Treppe

in das erste Obergeschoss wurde während der Renovierungsarbeiten

zu einem Treppenaufgang aus Marmor

umgebaut.

Kreuzgratgewölbe im Eingangsbereich

34 35


Restaurierung und Kunst am Bau

Der zweimal übersiedelte Brunnen

Größten Wert legte das Bundesdenkmalamt auf die

Restaurierung der frühbarocken Kassettendecken. Der

Öl farbenanstrich aus dem 19. Jahrhundert wurde abgebeizt

und der Perlstab, der die Decken und Kassetten

rahmte, an einigen Stellen ergänzt. Abschließend wurde

die Decke leicht gebeizt und matt gewachst.

Die Fassade erhielt eine einheitliche Gestaltung. An

einigen Fenstern wurden Natursteingewände freigelegt.

Da sie jedoch zu viele Fehlstellen aufwiesen, wurde von

Ausbesserungsarbeiten abgesehen. Die Denkmalpflege

entschied sich für einheitliche, zweiflügelige Pfostenstockfenster.

Der Rieselputz aus dem späten 19. Jahrhundert

blieb erhalten. Die schlichte Fassade schmücken ein

tiefes Rundbogenportal sowie ein darüber angebrachter

Pferdekopf aus Marmor. Das abgebrochene Horn wurde

2015 erneuert. Dieser Kopf eines Einhorns schmückte

einst als Wasserspeier einen Wandbrunnen des Salzburger

Barockbildhauers Andreas Götzinger. Zwischen 1695

und 1700 fertigte er im Auftrag des Erzbischofs Johann

Ernst Graf von Thun und Hohenstein zwei identische

Brunnen, deren Wasserspeier das Wappentier der Familie

Thun – das Einhorn als Zeichen des fürstlichen Edelmutes

– darstellen sollten. Beide Wandbrunnen wurden im

großen Hof des fürsterzbischöflichen Marstalles aufgestellt.

Im Zuge der Umbauarbeiten des ehemaligen

Hofstalles in den 1920er Jahren – unter der Leitung des

Architekten Clemens Holzmeister – wurden beide Brunnen

in den Eingangsbereich des Festspielhauses transferiert.

Ein NS-Bombenanschlag am 17. Mai 1934 zerstörte

den rechten Wandbrunnen jedoch fast vollständig. Allein

der Einhorn-Wasserspeier blieb intakt. Auf Betreiben des

Denkmalpflegers Conrad Dorn wurde dieser als „Türwächter“

an der Fassade des Eizenbergerhofes angebracht.

Kaum bekannt ist den meisten Besuchern des Literaturhauses

wohl, dass – bis zu seiner Verlegung in die Plainstraße

nebst der St. Elisabeth-Kirche Ende der 1980er

Jahre – ein Brunnen der Salzburger Künstlerin Hilde

Heger den Vorgarten des Eizenbergerhofs zierte. 18

Der Fischputtobrunnen, der im Zuge der Renovierung des

Hauses abgetragen wurde, war eine Auftragsarbeit des

Salzburger Stadtvereines und wurde ursprünglich 1954

anstelle eines Nutzbrunnens aus Gusseisen am Hildmannplatz

vor dem Neutor montiert. Als in den 1970er

Jahren die Mönchsberg-Garagen angelegt wurden, musste

der Brunnen den neuen Straßenzügen weichen und

wurde 1976 vor dem Eizenbergerhof platziert, wo er fast

15 Jahre stand. Der Brunnen besteht aus Konglo merat,

die Plastik ist aus Bronze. Die Brunnenszene wirkt lebendig

und heiter.

18 Viele Plastiken der 1899 in St. Johann

im Pongau geborenen und 1998 in

Salzburg gestorbenen Künstlerin bereichern

das Salzburger Stadtbild. Eine der

bekanntesten Brunnenanlagen ist der

Papagenobrunnen in der Pfeiffergasse.

36 37


Der neue H.C. Artmann-Platz

Heute wird in Lehen gewiss be dauert, dass der Wasserbrunnen

nicht mehr vor dem Literaturhaus steht – am

H.C. Artmann-Platz, wie der Ort offiziell von der Stadt

Salzburg im Frühjahr 2003 auf Vorschlag des Vereins

Salzburger Literaturhaus Eizenbergerhof benannt wurde.

19 2014 wurde hier erneut Geschichte geschrieben: Die

lang geplante Neugestaltung des Vorplatzes – bis dahin

kaum beachtet – wurde in Angriff genommen. Gemeinsam

mit der Dichter-Witwe und Autorin Rosa Artmann-

Pock wurde der umgestaltete Platz am 12. Juni 2015 feierlich

eröffnet – mit drei Sitzmöbeln aus den Initialen H, C

und A. Es entstand ein öffentlicher Platz, der Besuchern

des Literaturhauses wie Nachbarn des Stadtwerke-Areals

Raum zum Verweilen bietet und sich der urbanen Umgebung

des Stadtviertels anpasst.

Literaturhaus-Bar einst, ab 2009 hc-café

(gewidmet H.C. Artmann)

19 Der Dichter H.C. Artmann (1921-2000)

hatte über zwanzig Jahre in Salzburg

gelebt und das „schönste Literaturhaus“,

so der Büchnerpreisträger, mit seiner

Lesung im Herbst 1991 eröffnet. In

Erinnerung an den Schriftsteller wird seit

2008 gemeinsam mit der Stadt Salzburg

das H.C. Artmann-Stipendium vergeben.

Den wenigsten Salzburgerinnen und Salzburgern ist der

historische Wert des Eizenbergerhofes bewusst, obwohl

schon einst berühmte und vornehme Gäste, wie die

Familie Mozart, in seinen prachtvollen Räumlichkeiten

zahlreiche Feste feierten. Durch die Widmung als Haus

für Literaturen aus Österreich und aller Welt wurde es

der Öffentlichkeit wieder geschenkt und lädt heute zum

Besuch und zur Auseinandersetzung ein.

Martina Pohn

38


Vor der Renovierung des

Eizenbergerhofs waren die

frühbarocken Holzkassettendecken

durch eingezogene

Zwischendecken verborgen.


Die Literatureinrichtungen

und ihre Geschichte /n

43

Foto: Wolfgang H. Wögerer


Der Trägerverein

Salzburger Literaturhaus Eizenbergerhof

Das Literaturhaus-Team: v.l.n.r. Verena

Schweiger, Peter Fuschelberger, Tomas

Friedmann, Waltraud Hochradl, Brigitte

Promberger und Amra Alagic

Seit 1991 fanden im Literaturhaus

Salzburg rund 5.000 Veranstaltungen

mit über 300.000 Besuchern statt, gut

die Hälfte wurde vom Trägerverein

organisiert, der sich um die Infrastruktur

und Werbung kümmert und zu dem das

Junge Literaturhaus gehört. Viele bedeutende

österreichische und europäische

Schriftsteller sind regelmäßig zu Gast.

Besonders beachtet sind u.a. das Festival

„Europa der Muttersprachen“ (seit 1995)

und das Krimifest (seit 2009) sowie Ausstellungen,

Poesie-Nächte, die jährliche

liteRADtour, die Büchertankstelle und

(internationale) Netzwerk-Projekte.

J

Haus ist wirklich erstklassig, Ihre Arbeit sehr engagiert!

a, Andrej Kurkow hat recht, nickt der ukrainische

Botschafter aus Wien bei seinem Salzburg-

Besuch und schüttelt stattlich meine Hand, Ihr

Die Anerkennung freut – und erinnert mich sofort an den

mitternächtlichen Spaziergang durch Salzburg mit dem

stets willkommenen, ironischen Schriftsteller aus Kiew,

der nach eigenen Angaben heute nicht mehr elf, sondern

nur mehr sieben Sprachen spricht. Mit dabei seine

Kollegin Maria Matios aus der Bukowina, die ihr poetischpolitisches

Roman-Debüt in einem österreichischen

Verlag publiziert hat. Sie ist zum ersten Mal bei uns – und

weil zwischen später Zug-Ankunft, Lese-Abend, Hotel-

Schlaf und früher Zug-Weiterfahrt keine Zeit untertags

bleibt, zeige ich ihr und Andrej, der schon zweimal im

Literaturhaus war, die Trakl-Stadt bei Nacht und Nebel.

Zu später Stunde sind die Gassen und Plätze leer, nur der

Würstelstand ist belebt. Bei unserem nächsten Treffen

auf der Buchmesse werde ich hören, dass es sein bestes

Mitternachtsessen war, das er nie vergessen wird ...

Hunderte Geschichten lassen sich aus den vergangenen

25 Jahren erzählen: Von einem Dichter, der irrtümlich

einen verkehrten Hotel-Schlüssel nahm und so tief im

falschen Bett schlief, dass er das Klopfen seines ausgesperrten

Übersetzers nicht hörte. Von der einst bekannten

Autorin, die sich nicht nur zwölf leere Taschen tragen

ließ, sondern um eine Öl-Massage bat. Von der zufälligen

Begegnung eines persischen Dichters mit heftigen

Zahnschmerzen und seinem behandelnden iranischen

Arzt und Leser im Salzburger Landeskrankenhaus. Viele

solcher Anekdoten spielen nachts, vor und nach einer

Veranstaltung, einige auch während dieser; so z. B. die

Geschichte von dem Autor mit Lampenfieber, der sich

kurz vor der Lesung heimlich betrank und, dadurch

leseunfähig geworden, schlafend seine eigene Buchpräsentation

versäumte ... Oder der berühmte, inzwischen

verstorbene Schauspieler, der trotz heftigen Winkens

seiner Assistentin in der ersten Reihe nicht erkannte, dass

er statt des ersten Gedichts die Lyrik-Titel aller Gedichte

hintereinander deklamierte.

Alle Geschichten, die hier vorgelesenen und erzählten

Texte, die Gedanken und Gespräche, das Lachen und das

Schweigen hört und spürt man im 400 Jahre alten Eizenbergerhof.

So wurde aus dem historischen Ort mit wechselhafter

Geschichte nach der Renovierung und Adaptierung

Anfang der 1990er Jahre zuerst ein Geheimtipp für Leserinnen

und Leser und schließlich das attraktive Literaturhaus

Salzburg, wo das Leben zur Sprache kommt.

Tomas Friedmann

Nach Oslo und London beim dritten Netzwerktreffen

europäischer Literaturhäuser

2015 in Port Cultural Cetate, eingeladen

vom rumänischen Autor und Bürgerrechtler

Mircea Dinescu (re.), der 1996 beim

Festival „Europa der Muttersprachen“ im

Literaturhaus Salzburg zu Gast war.

44 45


Junges Literaturhaus

Das bunte Programm

Mehr als 4.000 Kinder und Jugendliche

sind alljährlich in das Programm des

Jungen Literaturhauses miteingebunden.

Circa 20 Veranstaltungen und Projekte

organisiert das Junge LH jedes Jahr außerhalb

der Stadt Salzburg.

Felix und Felix lesen vor großem Publikum

aus ihren eigenen Geschichten, die in

Schreibwerkstätten mit professionellen

AutorInnen entstanden sind.

ine Mutter ruft mich an und fragt, was da am

Vormittag im Literaturhaus losgewesen sei,

noch nie sei ihr neunjähriger Sohn so begeis-

E

tert von der Schule nach Hause gekommen. Eine Lehrerin

mailt uns Reaktionen ihrer SchülerInnen nach

einem Literaturhaus-Besuch: „Cool war, dass wir vom

Literaturhaus zwei neue Bücher für die Schulbibliothek

bekommen haben, in die uns der Autor gleich etwas

hineingezeichnet hat.” Und der 13-jährige Leo postet:

„Das Buch wurde so interessant vorgestellt, dass ich es

mir dann auch gleich gekauft habe.“ Rückmeldungen

dieser Art beflügeln und helfen mir bei der Konzeption

des Programms für das Junge Literaturhaus, das auch

immer wieder von jungen Menschen selbst (mit)gestaltet

wird. Durch regelmäßige Begegnungen mit AutorInnen

aus dem In- und Ausland, in Schulprojekten, in Kreativwerkstätten

und weiteren Formaten bieten wir Menschen

von 5 bis 25 die Möglichkeit, sich aktiv mit Texten in all

ihren künstlerischen und medialen Erscheinungsformen

auseinanderzusetzen, über ihre Entstehung zu hören,

das Schreiben (fernab von Schulnoten) selbst zu erleben

und über den Beruf „Schriftsteller” zu reflektieren.

Das Junge Literaturhaus ist im eigenen Haus ebenso gut

vernetzt wie mit Partnern in Stadt und Land Salzburg,

und bei vielen Aktivitäten arbeite ich eng mit PädagogInnen

zusammen. Auch die LehrerInnen-Beratung in

Sachen Lesen und (kreativem) Schreiben gewinnt zunehmend

an Relevanz. Mehrmals im Jahr fahre ich mit einer

Schriftstellerin, einem Autor, „ins Land hinein”, damit

auch SchülerInnen außerhalb der Stadt Salzburg möglichst

unkompliziert an dieser wichtigen und direkten Art

der Literaturvermittlung teilhaben können. Im Jungen

Literaturhaus kommt das Leben erfrischend lebendig zur

Sprache, nicht nur in deutscher.

Das vielfältige Programm lebt durch die Phantasie, die

Neugier, die „literarische Intuition“ der jungen Menschen

und durch die Empathie und Kunst der eingeladenen

AutorInnen. Diese bringen zwar manchmal sehr ernste

Geschichten mit, doch oft wird auch herzlich gelacht,

z. B. wenn Frank Schmeißer vom armen dreizehnjährigen

Eduard vorliest, der als „weißes Schaf“ in seiner Familie

ständig Ärger hat, weil er gern und freiwillig zur Schule

geht und nicht wie der Rest der Familienmitglieder ein

Taschendieb, ein Hochstapler oder ein Betrüger werden

will. Oder etwa wenn Andrea Karimé erzählt, wie Onkel

Mustafa den Mond vor dem Ertrinken gerettet hat.

Peter Fuschelberger

Ich möchte mich recht herzlich für euer

Engagement bedanken und für das

Organisieren einer so motivierenden

Schreibwerkstatt. Meine Tochter ist hellauf

begeistert. (eine Mutter)

Wie erfrischend ist es doch, im Zug auf

den Plakaten anstelle von Werbung „Junge

Lyrik” lesen zu können. (ein Fahrgast

in Reaktion auf die Literaturhaus-Plakat-

Serie poetrain)

Ich möchte euch noch einmal sagen,

wie toll unsere SchülerInnen die Lesung

letzten Freitag fanden. Die meisten von

ihnen waren echt begeistert und wollten

das Buch sofort mit nach Hause nehmen

und lesen. (eine NMS-Lehrerin)

How can you live in all this beauty?

(Morton Rhue, US-amerikanischer

Jugendschriftsteller beim Spaziergang

durch Salzburg)

Sofort nach der Veranstaltung mit Beate

Dölling wollten alle ihre Bücher lesen.

(eine Lehrerin aus dem Pinzgau)

Danke für die so hervorragend organisierte

Lesereise.

(Autorin Beate Dölling)

46 47


erostepost

Das Salz in der Literatursuppe!

erostepost aktuell: Lisa-Viktoria

Niederberger, Peter Baier-Kreiner und

Kurt Wölflingseder


… vielleicht sollten wir versuchen, das inhaltliche

spektrum, das erostepost ausmacht, herauszuarbeiten

… davon erzählen, dass da auch

mal teenager auf der bühne sitzen oder lustige, schräge

untersbergmenschen mit dem publikum gemeinsam

keltengesänge anstimmen, dass aber trotzdem auch genug

raum ist für „normale literatur“ ... ich glaub nämlich

schon, dass diese mischung etwas ist, was uns von den

anderen gruppierungen unterscheidet … dass das erostepost

ist!“

Sprach, vielmehr schrieb Lisa, seit Kurzem das junge

schrieben und ist erstmals mit 2.000 Euro dotiert.

erostepost, das war wohl nur zu Beginn eine „Männerliteraturgruppe“,

mittlerweile ist sie (Oder er? Der erostepost?

Oder es? Das erostepost? … Was ist das überhaupt

für ein Name? … Wie ist der entstanden?) zu einer fixen

Anlaufstelle für viele Nachwuchs-Schriftsteller/innen

geworden, ob in der Zeitschrift, im Rahmen des Formates

„Lesen lassen“ (vormals Readers Round Table) oder in

eingeführten Reihen wie „Dichtes Lesen“ oder „Wir lesen

uns die Münder wund“.

erostepost: der/die/das; Literaturgruppe,

Mitbegründerin des Literaturhauses

Salzburg; ins Leben gerufen 1987 von Dirk

Ofner und Kurt Wölflingseder, ab 2009

geführt von Kurt Wölflingseder und Peter

Baier-Kreiner, seit 2015 unter Mitarbeit

von Lisa-Viktoria Niederberger; Veranstalter

von Lesungen, Perfor mances,

Lesewettbewerben; gleichnamige

Zeitschrift, zweimal jährlich, jeweils mit

einem gattungs- und themenfreien Heft

und einer Ausgabe zum Literaturpreis;

und das Öl im Literaturgetriebe.

Gesicht bei erostepost. Dem ist wenig hinzuzufügen. Dass

erostepost, 1987 von Dirk Ofner und Kurt Wölflingseder

gegründet, mittlerweile auch schon eine der ältesten

Literatureinrichtungen Salzburgs ist, klingt da schon viel

langweiliger. Muss aber auch gesagt werden.

erostepost, das sind auch neue Namen: Nach dem frühen

Tod von Dirk Ofner im November 2008 wurde die Gesellschaft

in einen gemeinnützigen Verein umgewandelt;

seit 2009 führt Peter Baier-Kreiner gemeinsam mit Kurt

Wölflingseder die Geschäfte, dem aktuellen Vorstand

gehört u.a. die bekannte Salzburger Autorin Margarita

erostepost einst: Die Gründungsväter Dirk

Ofner und Kurt Wölflingseder

erostepost, das war zu Beginn ein Literaturstammtisch

mit dem Ziel, eine Öffentlichkeit zu schaffen für junge

deutschsprachige Autor/inn/en aller Nationen; sie sollten

veröffentlicht und zu Lesungen eingeladen werden! Eine

gewisse Kathrin Röggla war da dabei in der Anfangsphase,

ein gewisser Josef Haslinger gewann 1989 den ersten

erostepost-Literaturpreis; ihm sollten es später u.a. ein

SAID oder eine Bettina Balàka gleichtun. Im erostepost-

Fuchs an; als zusätzliche Mitarbeiterin ist die junge Salzburger

Schriftstellerin Lisa-Viktoria Niederberger mit im

Boot – siehe oben.

Und von mir darauf angesprochen, ob erostepost immer

noch das Salz in der Literatursuppe sei, sagt Kurt

Wölflingseder: Vielleicht sind wir das Chili im Curry! Oder

war es das Currypulver im Chili? …

Blickfang in bunt: Cover der Ausgabe 5 der

erostepost

Jubiläumsjahr 2017 wird der Preis zum 22. Mal ausge-

Peter Baier-Kreiner

48 49


Grazer Autorinnen Autorenversammlung

GAV / Salzburg

1972

versuchten in Graz einige Autorinnen und

Autoren auf Initiative von Ernst Jandl,

eine Reorganisation des Österreichischen

P.E.N.-Zentrums zu erreichen. Konkreter Anlass war, dass

der damalige Präsident des P.E.N. aus Protest gegen die

Verleihung des Literaturnobelpreises an Heinrich Böll

Das Büro der Salzburger GAV wird seit fast 20 Jahren von

der Salzburger Schriftstellerin Christine Haidegger geleitet,

die zusammen mit Helene Hofmann 1990 den „Eizenbergerhof“

entdeckt und als Literaturhaus mitbegründet

hat.

seine Funktion zurücklegte.

Neben Manuskriptberatungen gibt es jährliche Veranstaltungsreihen

wie „Lyrik im März“ und Einladungen an

Christine Haidegger

Vor allem die jüngere Generation der Avantgarde wollte

ein autonomes Zentrum, das sich den neuen Sprach- und

Literaturformen gegenüber aufgeschlossener zeigen

sollte. 38 Literaten trafen sich daher 1973 in Graz im

Forum Stadtpark und verbanden sich zur Grazer Autorenversammlung.

Gründungsmitglieder waren u. a. Ernst

Jandl, Friederike Mayröcker, H.C. Artman, Elfriede

Jelinek und Peter Handke.

KollegInnen für „Aus der Povinz“ sowie im Dezember das

X-mas-Event schlechthin: „... und dann zünden wir den

Christbaum an“ – ein Abend, für den die Autoren Fritz

Popp, Rudolf Habringer und Eberhard Haidegger seit

vielen Jahren stets neue satirische Texte zum Weihnachtsfest

liefern – hat Kultstatus gewonnen und findet immer

an zwei aufeinanderfolgenden Tagen statt.

Alle Jahre wieder: Kultlesung „... und

dann zünden wir den Christbaum an“

Ein Höhepunkt war 2012 das 40-Jahr-Jubiläum der GAV

Inzwischen ist das Hauptbüro in Wien, und mit über 700

Mitgliedern ist die GAV Österreichs größter literarischer

Verein. Seit einigen Jahren gibt es auch Zweigstellen

in allen Bundesländern mit autonomen Budgets und

Programmen, die vom Wiener Büro ideell und finanziell

unterstützt werden. Reger Austausch untereinander ist

in Salzburg, zu dem wir unsere bekannten Mitglieder

Josef Haslinger (etliche Jahre GAV-Geschäftsführer) und

Kathrin Röggla mit ihren Texten einluden und bei dem

Andreas Renoldner sein Buch über „Die ersten 40 Jahre

der GAV vorstellte.

die Regel, die jährliche Generalversammlung bringt am

Vorabend Lesungen neuer Mitglieder und bietet Raum

für Diskussionen zu literarischen und politischen Fragen.

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Salzburger Literaturforum Leselampe

SALZ – Zeitschrift für Literatur

Christa Gürtler

Barbara Stasta

Magdalena Stieb

Das Salzburger Literaturforum Leselampe widmet

sich seit 1968 mit AutorInnenlesungen der

intensiven Auseinandersetzung mit deutsch-

und fremdsprachiger Gegenwartsliteratur und organisiert

unter dem Motto „Literatur im Gespräch“ ein vielseitiges

Programm, bei dem die lebendige Begegnung und kritische

Auseinandersetzung mit Gegenwartsliteratur und

die Literaturvermittlung für verschiedene Zielgruppen im

Mittelpunkt stehen. Das Veranstaltungsprogramm umfasst

über 40 Termine pro Jahr, darunter auch mehrtägige

Projekte.

In den fast fünf Jahrzehnten des Bestehens waren mehr

als 600 AutorInnen zu Gast, von Friedrich Achleitner

bis Joseph Zoderer, von Ilse Aichinger bis Dane Zajc,

bekannte und etablierte SchriftstellerInnen wie Ingeborg

Bachmann, Elias Canetti, Günter Grass und Christa

Wolf ebenso wie junge und unbekannte Talente. Und so

manch Salzburger Dichter wagte im Schein der Leselampe

seinen ersten Auftritt – wie Wolf Haas, lange bevor sein

erstes Buch veröffentlicht wurde.

Die Einrichtung wurde im Umfeld des Instituts für Germanistik

der Universität Salzburg gegründet. Mit der

Eröffnung des Literaturhauses Salzburg 1991 bezog die

Leselampe als Mieter ihr Büro, bespielt mit allen anderen

Literaturgruppen das Literaturhaus und versucht ihr

eigenständiges Profil zu behalten und zu stärken.

Seit 1975 zählt die Herausgabe der Zeitschrift SALZ zu

den Aufgaben der Leselampe. Die Literaturzeitschrift

erscheint 4x im Jahr mit Texten von international renommierten

AutorInnen und jungen Talenten in Erstveröffentlichungen.

Die Ausgabe mit dem Titel „Nahaufnahmen“

präsentiert jährlich die neueste Literatur von

Salzburger AutorInnen und dokumentiert das literarische

Leben von Stadt und Land Salzburg mit Beiträgen verschiedener

LiteraturpreisträgerInnen und StipendiatInnen.

Seit langem besteht die Zusammenarbeit mit den

Rauriser Literaturtagen, ein SALZ erscheint mit Beiträgen

aller nach Rauris eingeladenen AutorInnen. Weitere Ausgaben

sind verschiedenen literarischen Feldern gewidmet:

Literaturlandschaften (u. a. Salzkammergut, Südtirol,

einzelne Bundesländer), Salzburger AutorInnen im

Porträt (z.B. Christine Haidegger, Franz Innerhofer, Peter

Handke) und Themen, Fragestellungen, Motiven („Literatur

zum Essen“, „Aufgehoben und verwahrt. Das Literaturarchiv

Salzburg“, „Salzburger Dialektliteratur“). Ein

Salzburger Künstler, eine Künstlerin gestaltet das Cover

und vier Seiten des Innenteils.

Christa Gürtler und Barbara Stasta

Die Leselampe wurde als erster Salzburger

Literaturverein 1968 gegründet und

veranstaltet seither Lesungen, Diskussionen,

Literaturfrühstücke, Poetikvorlesungen,

Schreibwerkstätten, ein literarisches

Quartett, das Forum Literaturwissenschaft,

einen Filmclub, Literaturfahrten,

betreut das Salzburger Literatur Netz

(www.literaturnetz.at) sowie das Netzkulturprojekt

Ingeborg (salzburg.pingeb.

org) und gibt die Literaturzeitschrift SALZ

heraus.

SALZ-Redaktionsteam: Christa Gürtler,

Sarah Kraushaar, Fritz Popp, Ines Schütz,

Barbara Stasta, Magdalena Stieb, Anton

Thuswaldner, Hans Weichselbaum

52 53


prolit

Edition Eizenbergerhof

Bücher der Edition Eizenbergerhof

W

ir verstehen Literatur als Medium, das uns die

Welt größer machen kann, das Erfahrungs- und

Wahrnehmungsräume erschließen kann, die

noch nicht vermessen sind. Literatur, so glauben wir,

erweitert unsere Vorstellungskraft, sie fordert unsere

Fähigkeit zur Neugier, zum Staunen und zur Empathie.

Sie stellt simultane Lebensvielfalt vor, parallele Welten,

in denen das Mögliche wirklich werden kann. So erlaubt

auch jede Lesung vielfältige Momente des Entdeckens.

Und sie schafft Raum – einen Raum für Begegnungen mit

AutorInnen, mit Wörtern und Sätzen und schließlich mit

uns selbst. Einen Raum, in dem Zuhören und Berührtwerden,

Denken und Phantasie sich verbinden.

Die Vermittlung und Begegnung zwischen AutorInnen,

Texten und Publikum steht entsprechend im Mittelpunkt

der Veranstaltungstätigkeit von prolit. Besonders wichtig

sind uns die Literaturen Mittel- und (Süd-)Osteuropas,

die wir in ihrer Vielstimmigkeit, ihren sprachlichen

Spielarten, ihren Bildern erkunden wollen und in ihrer

Fähigkeit, uns immer wieder neue Seiten von „Welt“ zu

zeigen, überraschende und ungeahnte Zugänge zum

Erfahren des „Anderen“, das letztlich immer auch Fragen

des „Eigenen“ berührt.

Im Rahmen unseres Mittel- und Osteuropaschwerpunktes

konnten wir AutorInnen wie Imre Kertesz, Herta Müller,

György Dragomán, Laszlo Darvasi, Drago Jancar, Bora

Cosic, Olga Tokarczuk, Oksana Sabuschko, Serhij Zahdan

und viele andere als Gäste begrüßen.

Offenheit, Neugier und der Versuch, im Medium der Sprache

„andere“ Räume zugänglich zu machen, prägen auch

die Projekte der Edition Eizenbergerhof. Ihr vor rangiges

Anliegen ist es, literarische mit sozial-integrativen Initiativen

zu verbinden. In diesem Rahmen gestaltet die

Edition Eizenbergerhof Stadtteilbücher, die Einblicke in

vielfältigste Salzburger Alltagsgeschichten bieten; sie

lässt an den Wahrnehmungswelten von jugendlichen

Strafgefangenen teilnehmen oder in Texten und Bildern

minderjähriger Flüchtlinge die Potentiale und Erfahrungen

von Asylsuchenden nachvollziehen.

Der Verein prolit wurde 1988 gegründet,

seit 1992 trägt er als einer der Veranstalter

im Literaturhaus zum vielfältigen

Programm des Hauses bei. Zusätzlich zu

seiner Veranstaltungstätigkeit betreut

prolit die Edition Eizenbergerhof, in

dieser sind bisher 39 Bücher und 3 CDs

erschienen. Die ansprechend gestaltete

Homepage des Vereins bietet Informationen

zum aktuellen Lesungsprogramm

sowie Zugang zu einem Veranstaltungsarchiv

mit Autorenfotos und einigen

ausgewählten Videoausschnitten vergangener

Lesungen: www.prolit.at

Petra Nagenkögel

54 55


Salzburger AutorInnenGruppe

SAG

Seit 2007: SAG-Obmann Peter Reutterer

und Stellvertreterin Gerlinde Weinmüller

Ewald Ehtreiber

ch ziehe als junger, kaum publizierter Autor

durch die Straßen, um in der schönen Stadt das

Wort zu erheben. Literatur ist kein Honig lecken,

I

heute so wenig wie in den späten Achtziger jahren. Anlässlich

eines Literaturfestes im Künstlerhaus bin ich auf

eine engagierte Gruppierung aufmerksam geworden.

Die Salzburger AutorInnenGruppe traf sich provisorisch

in der Kaigasse, vielleicht nicht weit von jenem Ort, wo

Gerold Foidl von Hunger geschwächt niederbrach. Seine

überparteiliche Ehrlichkeit wurde zur Maxime des 1981

gegründeten Vereins, er selbst – bereits sterbenskrank

– Obmann. Wer literarisch-ambitionierte Solidarität

unter Gleichgesinnten suchte, war unter AutorInnen wie

Christine und Eberhard Haidegger, Inge Glaser, Manfred

Koch, Ludwig Laher, Fritz Popp, Kurt Rebol, O. P. Zier etc.

willkommen. Anregungen, die selten honigsüß schmeckten,

brachten literarisches Vorwärtskommen, manchen,

wie Kathrin Röggla, eine literarische Karriere.

Das erhobene Wort machte sich politisch wirksam auf

den Weg. 1987 – Geschichtsverdrängung beherrschte

Österreich – veranstaltete die SAG die erste Gedenkveranstaltung

zur Bücherverbrennung in Salzburg. Bloß die

Bücherverbrennung zu verdammen genüge nicht, hatte

Erich Fried unter strömendem Regen gerufen. Erfolgreich

drängte der initiative Verein darauf, nach nationalsozialistischen

Autoren benannte Straßen umzubenennen.

Eine feste Wohnstatt für Gedichte und Geschichten

brauchte es. Christine Haidegger, der langjährigen

Obfrau, und ihren Mitstreitern gelang es 1991, die Stadtpolitik

von der Notwendigkeit eines Salzburger Literaturhauses

zu überzeugen. Dort konnten neue AutorInnen,

von der SAG behaust, erfahren, dass Literatur kein Honiglecken,

aber existenziell notwendig ist.

Auch 2016 ist es in dieser oft von Arroganz paralysierten

Stadt bedeutsam, die Stimme für unaufgeregt Literarisches

zu erheben. Während die der Ökonomie untergeordnete

Bildungspolitik Literatur demontiert, findet die

SAG immer wieder neue Schienen (wie z.B. bei der Kaffeehauslesung

oder in der Apotheke), Poetisches wie Reflexives

zu Wort kommen zu lassen. Für dieses variantenreiche

Veranstaltungsprogramm zeichnen nicht nur der

Vorstand des letzten Jahrzehnts (Weinmüller, Reutterer,

Löchli, Hollaus, Merkel, Zier, Popp), sondern auch ein

diskussionsfreudiges Plenum und ein verlässlicher Ewald

Ehtreiber verantwortlich.

Peter Reutterer

Die Salzburger AutorInnenGruppe

wurde 1981 als Interessenvertretung

der in Salzburg beheimateten Literaten

gegründet. Ziel und Zweck des Vereins

ist die ideelle und materielle Förderung

der literarischen Basis in Stadt und Land

(derzeit rund 70 Mitglieder). Neben

zahlreichen literarischen Projekten im

öffentlichen Raum und Publikationen

liegen die Schwerpunkte der Arbeit auf

Autorenberatung und Organisation von

Veranstaltungen sowie auf internen

Schreibwettbewerben. Außerdem werden

seit 1990 JungautorInnen durch Projektreihen

gefördert.

Gerold Foidl (links), erster Obmann der

SAG (hier 1981 mit Erich Fried)

56 57


Literaturhaus Salzburg

Strubergasse 23 / H.C. Artmann-Platz

A-5020 Salzburg, Österreich

Quellen und Literatur

zur Geschichte des Hauses

Impressum

Trägerverein Literaturhaus (mit dem Jungen

Literaturhaus)

• seit 1993, jährlich ca. 140 Veranstaltungen,

Kooperationen, Projekte: deutschsprachige und

internationale Literatur, Ausstellungen, Festivals,

Kinder & Jugend, H.C. Artmann-Stipendium

sowie Infrastruktur, Radio Literaturhaus etc.

Telefon + 43 662 422 411

info@literaturhaus-salzburg.at

www.literaturhaus-salzburg.at

Salzburger Literaturforum Leselampe & SALZ

• seit 1968, jährlich ca. 50 Veranstaltungen:

Lesungen, Literaturfrühstücke, Poetikvorlesungen,

Schreibwerkstätten, Forum Literaturwissenschaft,

Filmclub, Literaturfahrten sowie

Herausgabe der Literaturzeitschrift SALZ

Telefon +43 662 422 781

leselampe@literaturhaus-salzburg.at

www.leselampe-salz.at

prolit & Edition Eizenbergerhof

• seit 1988, jährlich ca. 25 Veranstaltungen mit

Schwerpunkt auf (süd)osteuropäischer Literatur,

Schreibwerkstätten in verschiedenen sozialen

Feldern, Herausgabe der Edition Eizenberhof

Telefon +43 662 422 412

prolit@literaturhaus-salzburg.at

www.prolit.at

Salzburger AutorInnenGruppe

• seit 1981, jährlich ca. 25 Veranstaltungen sowie

Interessensvertretung Salzburger AutorInnen,

Lesungen der Mitglieder, AutorInnenberatung,

Publikationen, Jugendförderung etc.

Telefon +43 662 439 580

sag@literaturhaus-salzburg.at

erostepost

• seit 1987, jährlich ca. 15 Veranstaltungen,

Wettlesen, Literaturpreis sowie Herausgabe der

Literaturzeitschrift erostepost, vor allem Förderung

junger und unbekannter Autor/inn/en

Telefon +43 662 439 589

erostepost@literaturhaus-salzburg.at

www.erostepost.at

GAV / Salzburg

• seit 1987, jährlich ca. 10 Veranstaltungen,

Regionalvertretung der Grazer Autorinnen

Autorenversammlung, Förderung der Mitglieder,

Buchvorstellungen, kulturpolitische Themen

Telefon +43 662 439 580

gav@literaturhaus-salzburg.at

AStS, Neuere städtische Akten, Kauf und Verkauf

des Massenhofes (Eitzenbergerhof), 1904 – 1908,

Sign. 3100.0231.

Dehio Salzburg. Die Kunstdenkmäler Österreichs.

Salzburg. Stadt und Land, Wien 1986.

G. Ammerer (Red.), R. Angermüller (Red.),

Salzburger Mozart-Lexikon, Bad Honnef 2005.

F. Czerwenka, Salzburg-Lehen. Eitzenbergerhof.

Instandsetzung und Adaptierung, in: ÖZKD,

Heft 3 – 4, 1990, S. 209 – 211.

F. Fuhrmann, H. Klein, Salzburg zur Zeit

Mozarts. Führer durch die Gedächtnisausstellung

zum 200. Geburtsjahr W. A. Mozarts,

Salzburg 1956.

L. Hübner, Beschreibungen der Residenzstadt

Salzburg, Bd. 1, Salzburg 1792.

M. Lindenau, Hilde Heger, Salzburg 1991, Phil.

Dipl. [masch.].

R. Messner, Salzburg im Vormärz. Historischtopographische

Darstellung der Stadt Salzburg

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L. Schiedermair (Hrsg.), Die Briefe Leopold

Mozarts, Bd. 1–2, München Leipzig 1914.

H. Spatzenegger, Gasthaus zum Mohren. Eine

Chronik des Hauses Judengasse 9, Salzburg 1972.

G. Stadler, Geschichtliches zu Bauernhäusern

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Kulturgut der Heimat 12, Salzburg 1986.

F. Zaisberger, Ausgewählte Gebäude und Haustypen.

Edelsitze, Sommervillen und Landgüter

der Mozartzeit, in: Historischer Atlas der Stadt

Salzburg III, 4, Schriftenreihe des Archivs der

Stadt Salzburg 11, Salzburg 1999.

F. V. Zillner, Geschichte der Stadt Salzburg, Bd. 1,

Salzburg 1885.

Ausstellungskatalog:

Hilde Heger. Plastiken, Keramiken, Aquarelle,

26. Feb. – 27. Apr. 1984, Salzburg 1984.

EDITION EIZENBERGERHOF - 43

www.prolit.at

Printed in Austria

ISBN: 3-901243-42-9

Texte von Peter Baier-Kreiner, Tomas Friedmann,

Peter Fuschelberger, Karl-Markus Gauß, Christa

Gürtler, Christine Haidegger, Petra Nagenkögel,

Martina Pohn, Peter Reutterer und Barbara

Stasta

Herausgeber: Tomas Friedmann

Gestaltung: Hans Heribert Dankl

Fotos: Joachim Bergauer, Tomas Friedmann,

Waltraud Hochradl, Matthias Kabel, Kurt Kaindl,

Lisa-Alessandra Kutzelnig, Fritz Lorber, Herman

Seidl, Schweighofer & Zoehrer

Trotz intensiver Recherche konnten

nicht sämtliche Rechteinhaber der

Fotos ausfindig gemacht werden,

bei berechtigten Ansprüchen wird

um Kontaktaufnahme gebeten.

Druck: Offset 5020

© Verein Salzburger Literaturhaus

Eizenbergerhof, Salzburg 2016

Wir danken für die Unterstützung:

www.rupertusbuch.at

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Kennen sie die höchsten gebirge?

Ich glaube, dass es die sehnsüchte

der menschen sind ...

H.C. Artmann


EDITION EIZENBERGERHOF - 43

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