NordstadtMagazin3_okt-2017

godesign

NordMag Nummer 3 - die Herbstausgabe des Dortmunder Nordstadtmagazin

#03 | Oktober 2017

TATORT TORTY'S

AUS FÜR STUDIO X

NORDSTADTGESCHICHTE(N)

ADVENT AM BORSIGPLATZ

MIT DEN AUGEN DER ANDEREN

DEM LACK SEIN MUSEUM

MARKTTAG

№3

Foto: Leopold Achilles


Editorial & Impressum

„NORD.MAG – Das Nordstadt-Magazin“ ist keine Werbebeilage,

sondern eine Publikation mit journalistischem Anspruch. Sie wird

redaktionell von den Nordstadtbloggern gestaltet, die im nunmehr

im fünften Jahr online aus der und über die Nordstadt berichten.

Fernab des nachrichtlichen Klein-Klein will das „NORD. MAG“

mit großen Reportagen, Portraits und Geschichte(n) informieren.

Es will mit einem modernen Heimatdesign das urbane Lebensgefühl

vermitteln und mit Fairness die gesamte Bandbreite

der Themen in der Nordstadt deutlich machen. Es geht um die

Visualisierung der Vielfalt. Daher auch die Auswahl des Titelbildes

vom Nordmarkt – es zeigt den Aufbau des Wochenmarktes in den

frühen Morgenstunden.

Herausgeber (V.i.S.d.P.): Nordstadt Plus e.V.,

Christian Schmitt, Bornstraße 136, 44145 Dortmund.

Kontakt zum Verein: info@nordstadtplus.de

Redaktion/Produktion: Susanne Schulte und Alexander Völkel

www.nordstadtblogger.de

Kontakt zur Redaktion: info@nordstadtblogger.de

Layout: godesign, Gode Klingemann, www.gode-sign.de

zehn23 – studio für gestaltung, Heike Kollakowski, www.zehn23.de

Druck: Lensing Druck GmbH & Co KG, Auflage: 84.100 Exemplare.

NORD.MAG soll vier Mal im Jahr erscheinen.

Werbung: Wollen Sie werben? E-Mail: anzeigen@nordstadtplus.de

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Tat rt

Torty's

...und alle haben

ein Motiv

Der Anfängerkurs hat noch nicht begonnen und

Constantin Menke bekommt schon Lob von allen

Seiten für seine Torte. Die Begeisterung der Kursteilnehmerinnen

gilt den Fotos seiner Regenbogentorte,

die er am Tag zuvor in der Küche seiner

Tante gebacken und verziert hat. Der Jugendliche

ist bescheiden: „Na ja, so hundertprozentig ist

# 03| Oktober 2017 3


ja nicht geworden“, sagt er und meint die Zuckerhülle,

den farbigen Fondantmantel, dem man ansehen

kann - wenn man will -, dass das Backwerk handgemacht

ist. Und weil man das nicht mehr sehen soll,

ist der 15jährige an diesem Sonntagmorgen um 10

Uhr in der Dortmunder Nordstadt im Torty’s, dem

Laden, in dem alles verkauft wird, was TortenkünstlerInnen

haben möchten. Auch Tipps und Tricks.

Hier werden echte Torten zum

Verzieren verwendet

Zum Verzehr empfohlen

Aus dem Sauerland ist Ulrike Sträter zur Münsterstraße angereist. Sie

hatte im Internet nach einem Kurs gesucht, in dem sie lernen kann,

Motivtorten selbst zu machen und sich für Dortmund entschieden,

weil hier echte Torten verziert werden und keine Dummys. „Was soll

ich mit einer Styropor-Torte? Die können wir ja hinterher zuhause

nicht essen.“ So war sie eine Stunde aus Werdohl unterwegs, um Stunden

später – so der Plan – mit einem Kunstwerk wieder ins Lennetal

zu fahren.

Der Kuchen kommt vom Bäcker

Wie aufs Stichwort stellt Demet Cimen die erste, bereits mit Himbeer-

Quarkcreme gefüllte Biskuittorte vor Ulrike Sträter auf den Tisch,

holt die weiteren drei aus dem Kühlschrank. Vier Menschen zeigt die

gelernte Altenpflegerin nun, wie man vorgeht, um aus dem nackten

Kuchen einen bunten Festtagstisch-Mittelpunkt zu machen. „Wir bekommen

den Biskuit vom Bäcker, wir dürfen hier aus hygienischen

Gründen nicht selber backen“, sagt sie und gibt gleich den

ersten Hinweis: „Wenn ihr ihn selber macht, besser schon

einen Tag vorher, bei mehrstöckigen Torten sogar zwei bis

drei Tage vor dem Verzieren.“

Die Torte dreht sich auf dem Teller

Die in der Wunschfarbe selbst eingefärbte

Fondantdecke muß vorsichtig

auf die Torte gelegt werden.

Demet Cimen hat auch die Buttercreme bereits angerührt,

die nun erst am Rand, immer von unten nach oben, anschließend

auf dem Deckel von außen nach innen mit einem

Spachtel gleichmäßig verteilt wird. Linda Schenker

ist begeistert von ihrem Ergebnis. Die Zwölfjährige erzählt:

„Ich habe bislang immer alles in die Mitte gepackt und von

dort aus verstrichen. Das wurde nie gleichmäßig.“ Jetzt

kann sie während der regelmäßigen Backnachmittage mit

ihren Freundinnen diesen gleich etwas beibringen. Damit

beim Einstreichen nicht alle um ihre Torte und damit um

den Tisch kreisen, kreisen die Torten auf dem Tisch – jede auf einem

drehbaren Holzteller.

Auch wenn das Grün vom Original

abweicht: Sie schmeckte doch.

Ausrollpuder und Palmfett

Während die erste Buttercremeschicht auf der Torte im Kühlschrank

fest wird – mindestens eine Viertelstunde, besser ist eine Stunde –,

zeigt Demet Cimen weiteres Handwerkzeug und weitere Zutaten:

Fondant-Roller und -Glätter, Rosencutter und Marzipanmesser,

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Ausrollpuder und Härtemittel, Knetfett und Kleber. Ist dann auch die

zweite Buttercremeschicht auf der Torte, die die erste, die Krümelschicht,

gut abdeckt und auch im Kühlschrank fest werden

muss, kneten die KursteilnehmerInnen ihre

Wunschfarbe ins weiße Fondant. Beim Kneten

hilft die Bäckerstärke auf dem Tisch, damit nichts

kleben bleibt, in der Hand das Palmfett, damit das

Fondant nicht zwischen den Finger hängt. Linda

Schenker mag den Vintage-Stil: „Ich mache eine

graue Torte mit rosa Blüten.“ Ulrike Sträter hat

sich für einen schwarze Fondant-Hülle mit gelber

Dekoration entschieden und Constantin Menke

macht aus der Torte einen Pokemon, den gelbgesichtigen

Pikachu.

Dank der richtigen Werkzeuge sieht jede Rose auch aus

wie eine Rose

Sind stolz auf ihre Motivtorten:

v.l. Linda Schenker,

Constantin Menke, Ulrike Sträter

mit ihrer Lehrerin Demet Cimen.

Man glaubt's kaum: Diese Rose

ist aus Zucker und in 10 Minuten

selbstgemacht.

„Bloß nicht streichen, sondern nur andrücken

und vorher die Falten ausstreichen.“ Demet Cimen

verhindert in letzter Sekunde, dass die

Fondanthüllen über dem Biskuit reißen. Mit

Hilfe des Rollers hatten alle ihre gefärbten Zuckermassen

gleichmäßig ausgerollt, mit Hilfe

von Demet Cimen den Fondant über den Biskuit

gelegt. Ist alles gut angedrückt und geglättet,

die Überreste akkurat abgeschnitten,

geht’s an die Dekoration. Rosen formen

– keine Zauberei: Rosencutter, Die Chefin im Torty’s ist Mouna Haddouch.

so heißt die Ausstechform, Ball-Tool Die Hobby-Bäckerin eröffnete den Laden

der Kugelstift, der die Blätter auf einer

weichen, flexiblen Unterlage in Angebot eine Marktlücke füllen konnte:

vor gut zwei Jahren, weil sie mit ihrem

Form bringt, Lebensmittelkleber der Kleber, der die Rose in Als die Dortmunderin selbst begann, sich

Form und auf der Torte hält. Unter der kundigen Anleitung von für Fondant-Torten zu begeistern, konnte

Demet Cimen entstehen vorzeigbare Torten. Doch was, wenn sie Zutaten und Gerätschaften nur im

am heimischen Küchentisch mal was daneben geht? „Wir geben

Tipps per Telefon und hatten einmal eine Kundin im La-

Laden kaufen. Also dachte sie: Mache ich

Internet bestellen, aber nicht in einem

den, die gleich mit ihrer Torte hier ankam und wir ihr helfen doch einen auf.

konnten.“

Das Geschäft läuft so gut, dass sie überlegt,

einen weiteren Laden im Ruhrgebiet

zu eröffnen, um näher an die KundInnen

zu kommen. Zu ihren Kursen kommen die

In fünf Stunden verziert, in einer halben verzehrt

von weit her.

Vier Stunden sollte der AnfängerInnen-Kurs dauern, jetzt sind

fast fünf rum. Während Linda Schenkers Eltern und Constantin

Menkes Tante sich bereits draußen vor dem Schaufenster

die Nasen platt drücken, wird drinnen immer noch geformt

und ausgestochen, mit Glanz gesprüht und die Blüten geklebt.

Als der letzte Handgriff getan ist, die Tür aufgeschlossen, kennt

die Begeisterung keine Grenzen. Doch Torten sind zum Essen

da, nicht nur zum Begucken. Linda Schenker nimmt sie gleich

mit zum Kaffeetrinken bei der Oma, Constantin Menke will

sie erst am nächsten Tag anschneiden. „Wir haben ja noch die

Regenbogen-Torte von gestern.“

Text: Susanne Schulte | Fotos: Leopold Achilles

Bei ihr lernen sie, wie aus einem Biskuit-

Boden eine Motiv-Torte entsteht, wie Cupcakes

außergewöhnlich aussehen und wie

man kleine Skulpturen aus Fondant und

Marzipan formt. Vier bis fünf Stunden

Zeit muss mitbringen, wer in dem Laden

an der Münsterstraße 117 seine Fingerfertigkeit

und die Torte verfeinern will.

Torty’s – Der Backzubehör Shop

Münsterstraße 117

44145 Dortmund

0231/223 88 234

www.tortys-shop.de

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Abschied vom

Schmuddel-Image

„Studio X“

Das „Studio X“ am Burgtor, das wohl bekannteste Dortmunder Sexkino, ist seit geraumer Zeit geschlossen: Der Betreiber hat

Insolvenz angemeldet. Doch ein neues Kino – vor allem in der Schmuddel-Variante - soll nach Willen des Gebäudeeigentümers

nicht mehr einziehen. Ihm schwebt ein großer städtebaulicher Wurf vor, der auch zwei städtische Grundstücke mit einschließt.

Conrad Dreier ist Eigentümer der Immobilie. Sein Vater hat nach

dem Zweiten Weltkrieg das Trümmergrundstück gekauft und dort

eine große Immobilie gebaut, in der das Decla-Kino neu eröffnet

wurde, und auch ein Restaurant und mehrere Wohnung Platz fanden.

Die ursprünglichen Decla-Lichtspiele waren 1912 im umgebauten

Apollo-Theater entstanden. Doch dieses Kino und die Nachbargebäude

wurden im Verlauf des Zweiten Weltkriegs total zerstört.

Dreier war nicht der einzige Bauherr auf dem weitläufigen Grundstück:

Weitere Gebäude standen in unmittelbarer Nachbarschaft,

dazu gehörte südlich das als Diskothek „Time“ genutzte Gebäude –

mittlerweile eine städtische Grünfläche. Nördlich der Dreier-Immobilie

stand das deutlich kleinere Kino „Lux Intim“. Heute ist dort ein

im Umbau befindliches türkisches Restaurant.

Städtebauliche Aufwertung

Conrad Dreier schwebt noch keine konkrete Neunutzung vor. Klar

ist nur, dass er bereit ist, Geld in die Hand zu nehmen und zu investieren.

Auch einen Abriss und einen Neubau, zum Beispiel eines

Wohn- und Geschäftshauses, kann er sich vorstellen. Gleiches gilt

für die Nutzung der Fläche für einen weiteren Kindergarten.

Doch spruchreif ist das noch alles nicht. „Wir sind in Gesprächen

mit der Stadt“, so Dreier. Denn erhaltenswert findet er den jetzigen

Gebäudekomplex nicht. „Es ist kein schöner Anblick - fast schon

unangenehm“, räumt der Eigentümer ein. Denn das Grundstück - je

nach Blickwinkel – stellt das Eingangstor zur City beziehungsweise

zur Nordstadt dar.

schon das Nordtheater betrieben, welches jedoch dem Neubau

der Bornstraße weichen musste. Das von Dreier erbaute und von

dem Ehepaar betriebene Decla-Kino war ein Schmuckstück: 998

Plätze und die größte Leinwand Dortmunds.

In den 1960ern platzte der Traum: Ursula Trost wurde krank,

lag monatelang im Krankenhaus. Zudem ging die Ehe in die Brüche.

Josef Böddeker behielt das Kino, sie kümmerte sich um das

Balkan-Restaurant im selben Haus. Doch letztendlich durchkreuzte

die Gesundheit die Träume. Beides - weder Restaurant

noch Kino - waren letztendlich zu halten. Ihr Decla-Kino-Kapitel

schloss sich. 1967 wurde es vom neuen Mieter als „Europa-Palast“

neu eröffnet - mit noch größerer Leinwand, aber einem Viertel

weniger Plätzen.

Todesstoß durch Pantoffel-Kinos

Doch mit dem Pantoffel-Kino, dem Erfolgszug des Fernsehens,

in den 1970er Jahren schlossen viele Filmtheater. So auch der

„Europa-Palast“. Große Säle rechneten sich nicht mehr; selbst

Sexfilme retten das große Haus nicht mehr. Daher wurde das

große Kino in vier kleine Kinosäle aufgeteilt. 1978 eröffnete das

„Studio X“ als Pornokino. 2005 hörte der Pächter, der zeitweise

auch das benachbarte kleinere Kino „Lux Intim“ betrieb, auf.

Nach umfangreichen Investitionen - unter anderem in den

Brandschutz - eröffnete ein neuer Mieter das „Studio X“ erneut.

Doch nach elf Jahren endet dieses Kapitel der Dortmunder Kino-

Geschichte - nun mit einer Insolvenz. Damit könnte endgültig

das Kino-Kapitel geschlossen sein. Wie es stattdessen weiter geht,

ist offen. Dieses Drehbuch ist noch nicht geschrieben.

Daher schwebt ihm eine städtebauliche Aufwertung vor – inklusive

der beiden städtischen Grundstücke. Die Grünfläche südlich an der

Kreuzung Leopold- und Münsterstraße und der Parkplatz mit der

Umweltmessstation nördlich an der Heiligegartenstraße umrahmen

den Gebäudekomplex

von Dreier.

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Ursula Trost und Josef

Böddeker eröffneten

dort in den 1950er

Jahren das Decla-Kino

neu. Sie hatten zuvor

Stadt begrüßt Initiative

Klassischer Innenausbau der 50er Jahre: der Decla-Kino-Saal

„Die Stadt begrüßt, dass der Immobilienbesitzer in dieser Sache

aktiv ist und erste Gespräche haben bereits stattgefunden. Auch

weiterhin ist die Stadt Dortmund daran interessiert, diese Gespräche

fortzuführen“, betont Stadtsprecher Maximilian Löchter.

Der Bereich, in dem sich das Grundstück befindet, gehört mit

zum städtebaulichen Ideenwettbewerb „Umfeld Hauptbahnhof

Nord“. „Daher können belastbare Aussagen zu einer möglichen

Planung erst Anfang nächsten Jahres getätigt werden“, so Löchter.

Text | Fotos: Alex Völkel


ist Geschichte

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Nordstadt-

Geschichte(n)

DAS KAUFHAUS

AM STEINPLATZ

Anders als heute lag der Steinplatz in früheren Zeiten an einer

verkehrsreichen Kreuzung und war umgeben von bekannten

Lokalen und Vergnügungsstätten. Ab dem 21. November 1898

konnte der Platz einen weiteren Frequenzbringer vorweisen:

Unter der Adresse „Steinplatz Nr. 1“ eröffnete an diesem Tag das

Textilkaufhaus Meyer & Günther. Die zu diesem Anlass veröffentlichten

Zeitungsinserate deuteten allein ihres Umfangs wegen

schon auf Großes hin. Am Eröffnungstag spielte die in Dortmund

damals sehr bekannte Kapelle Giesenkirchen vor dem Kaufhaus

und lockte tausende Neugierige an.

Das Kaufhaus Meyer & Günther entwickelte sich rasch und sehr

erfolgreich. Bereits wenige Jahre nach der Eröffnung wurde die

erste Erweiterung des Geschäftshauses in Angriff genommen und

durch einen Anbau nach Norden abgeschlossen. Ab November

1901 bestand die Schaufensterfront aus acht großen Fenstern.

Ein wirklich großer Umbau – Ausdruck des bisherigen Geschäftserfolges ebenso wie optimistischer Zukunftserwartungen – erfolgte ab

Herbst 1911. Das Unternehmen hatte Grundstücke an der Zimmer- und Leopoldstraße erworben und dort mit einem Neubau begonnen.

Im Oktober 1912 erfolgte der Umzug vom Alt- in den Neubau. Dann wurde das alte Gebäude abgerissen und der Neubau konnte vervollständigt

werden. Entstanden war ein vierstöckiger moderner Kaufpalast mit mehreren Eingängen, hohem Satteldach und Lichthöfen. Seine

Frontlänge betrug 95 Meter, und 25 Schaufenster lockten die Kundschaft. Die Eröffnung des neuen Hauses mit seiner 7.000 Quadratmeter

großen Verkaufsfläche fand am 29. September 1913 statt. Der Umbau sollte sich rechnen. Das große Textilkaufhaus am Steinplatz war ein

bedeutender Konkurrent der Häuser am Westen- und Ostenhellweg und zog auch Kundschaft aus anderen Dortmunder Vierteln und der

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Umgebung in den nördlichen Stadtteil. Mitte der 1920er Jahre betrug der Jahresumsatz stolze fünf Millionen

Mark. Das Ende des Erfolges kam in den frühen 1930er Jahren. Der Grund dafür lag in den neuen

politischen Verhältnissen. Denn die Inhaber von Meyer & Günther waren Juden und ab 1933 der nationalsozialistischen

Verfolgung ausgesetzt.

Bei der wohlhabenden Familie Bernhard Meyer setzten die nationalsozialistischen Verfolgungs- und

Unterdrückungsmaßnahmen schon sehr früh ein. Frau Meyer starb deswegen 1935 in einer Nervenheilanstalt.

Bei dem 1936 erfolgten Tod von Bernhard Meyer ist unklar, ob er Selbstmord begangen hat oder

ob er an den Folgen seiner zuvor erlittenen Haft starb.

Schon 1933 war das Kaufhaus Meyer & Günther formal an den Kaufmann Kurt Drahota übergegangen.

Die Umstände und Bedingungen des Verkaufs sind heute weitestgehend unklar. Vorübergehend firmierte

Drahota unter „Dortmunder Textil Kaufhaus vorm. Meyer & Günther“, doch schon bald war nur noch von

„Drahota“ die Rede (obwohl der Vorname Kurt noch in das Logo eingebunden war).

Das Kaufhaus wurde im Verlauf des Zweiten Weltkrieges ausgebombt und nach Kriegsende in vereinfachter

Form aufgebaut. Die Geschäfte liefen wieder an. Auch wurde die „Textil-Import und Großhandel

Drahota und Geismann KG“ ins Leben gerufen, um im lukrativen Großhandelsbereich tätig sein

zu können.

Im September 1957 zog nach völliger Umgestaltung das Kaufhaus Kogge in das Drahota-Gebäude ein.

Der Chef des in Westdeutschland bedeutenden Unternehmens hoffte, dass der Steinplatz durch städtebauliche

Maßnahmen wieder eine hervorragende Stellung im Gesamtbild der Stadt einnehmen würde.

Diese Erwartungen wurden nicht erfüllt, und die Umsätze blieben hinter den Erwartungen zurück. 1962

schloss Kogge, das zuletzt 68 Mitarbeiter beschäftigt hatte, seine Pforten. Millionen sollten investiert

werden, um hier den „Kaufhof Nord“ zu eröffnen – ein Haus, das sich ebenfalls nicht durchsetzen konnte.

Im Rahmen der Stadtsanierung Nord wurde das Geschäftshaus abgerissen und der gesamte Steinplatz

umgestaltet, so dass heute nur noch der Eisengießerbrunnen und die Einmündung der Zimmerstraße

als Anhaltspunkte auf den ehemaligen Standort des Kaufhauses Meyer & Günther dienen können.

Text | Bildmaterial: Klaus Winter

Mehr Infos zum Kaufhaus am Steinplatz http://nordstadtblogger.de/category/nordstadt-geschichte/

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MARKTTAG

EINKAUFEN AUF DEM NORDMARKT:

DER WOCHENMARKT FÜR DIE NORDSTADT

UND GANZ DORTMUND

Wenn dienstags und freitags auf dem Nordmarkt Markttag ist,

scheint Zeit nur ein weiteres gesellschaftliches Konstrukt zu

sein: Es ist acht Uhr und während einige HändlerInnen bereits

seit einer Stunde ihre Ware verkaufen, beginnen andere erst mit

dem Aufbau. Das klingt in vielen auf Pünktlichkeit bedachten

Ohren zunächst befremdlich. Doch vielleicht ist es genau diese

Entspanntheit, die den Markt so erfolgreich macht.

Place to be statt No-Go-Area

Von Medien über die Stadtgrenzen hinaus als No-Go-Area betitelt

– so ist die Nordstadt, und mit ihr auch der Nordmarkt, im

Allgemeinen bekannt. Aber wie man so oder so ähnlich schon

immer gesagt hat: Es war (und ist) nicht alles schlecht. Das gilt

auch für den Norden Dortmunds, denn hier tut sich was.

Künftig dreimal in der Woche:

Neben zahlreichen kreativen Köpfen, die hier leben und arbeiten,

sowie einem nicht zu unterschätzenden kulturellen und kulinarischen

Angebot, lockt vor allem der Wochenmarkt Menschen

in die Nordstadt. Dienstags und freitags bieten HändlerInnen

von 7 bis 13 Uhr eine bunte Vielfalt an Lebensmitteln, aber auch

Haushaltswaren und Textilien an.

Auch die Art und Weise, wie der Markt aufgebaut ist, trägt zur

Beliebtheit bei. Die Stände sind straßenseitig aufgebaut, sodass

BesucherInnen bei einem Rundgang einen Überblick über alle

angebotenen Produkte erhalten.

In der Nordstadt leben viele Familien – und das sieht man an

Markttagen. Eltern kommen hier mit ihren Kindern hin. Während

sie einkaufen, spielen die Kinder unbeschwert auf dem

Spielplatz, zahlreiche Bänke laden bei gutem Wetter zum Entspannen

ein. Auch Kaffee gibt es hier: Am Nordmarkt-Kiosk der

Diakonie, der als zentrale Anlauf- und Beratungsstelle genutzt

wird, werden wir freundlich begrüßt.

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AG

Heimat- und Urlaubsgefühle zwischen Ekmek und Stoffballen

Eine bunte Mischung

Der Wochenmarkt auf dem Nordmarkt ist bunt. Zwischen

frischem Obst und knackigem Gemüse findet man bunte Stoffe

oder Teegläser, wie es sie normalerweise im Dönerladen des

Vertrauens gibt. Jemand verkauft Fleisch, eine andere Frau bietet

Eier an. An einem ganz anderen Stand finde ich Waschmittel,

Gabeln und bunte Bekleidung.

Nach mehreren Runden, in denen man jedes Mal etwas Neues

entdeckt, lachen die HändlerInnen schon und fragen, ob man

denn nun endlich etwas gefunden habe. Dass der Wochenmarkt

auf dem Nordmarkt bunt ist, zeigen auch die Menschen, die hier

sind. Große Familien und Frauen mit Kopftüchern treffen auf

Studierende, die hier einen günstigen Wocheneinkauf tätigen.

Während man auf dem Wochenmarkt umherläuft, liegt ein lautes

Rauschen in der Luft. Ein Stimmenwirrwarr aus unzähligen

Sprachen vermischt sich mit dem Straßenlärm. Menschen schreien

sich an, Autos fahren ununterbrochen durch die Straßen, die

an den Nordmarkt angrenzen. Leise ist es hier eigentlich nie.

Stadt erkennt Potential

Insgesamt sind die Wochenmärkte in Dortmund nicht von Erfolg

gekrönt. Nur drei der zahlreichen Märkte sind gewinnbringend.

Alle anderen Wochenmärkte sorgen für Verluste – auf den wenigen

Marktplätzen herrscht zum Teil gähnende Leere.

Nicht so auf dem Nordmarkt: Den Erfolg möchte die Stadt

Dortmund ausnutzen – ein dritter Markttag soll her. Doch einige

HändlerInnen sehen das kritisch: „Ein dritter Tag wäre für den

Markt fatal“, erzählt ein Markthändler, der seit 40 Jahren auf

dem Nordmarkt Obst und Gemüse verkauft. In seinen Augen

würde ein weiterer Tag letztendlich dazu führen, dass viele

HändlerInnen ihre KundInnen verlieren würden.

Durch einen dritten Markttag sollen die Einnahmen durch

Standgebühren weiter steigen – so sollen dann auch die defizitären

Märkte weiter bestehen bleiben. Doch so ganz scheint

die Rechnung nicht aufzugehen. Die HändlerInnen sorgen sich

um ihre Existenz und befürchten, dass sie auf Dauer Verluste

erleiden müssen.

# 03| Oktober 2017 11


Bereits die Erhöhung der Standgebühren ist für viele Händler-

Innen eine große Hürde. Inzwischen kostet ein Quadratmeter

Standfläche 1,68 Euro – noch höhere Gebühren waren sogar im

Gespräch. Auch hier sagen die HändlerInnen, dass es zu einem

Rückgang der Anfragen gekommen sei, immer weniger Händler-

Innen hätten einen Standplatz auf dem Wochenmarkt in der

Nordstadt beantragt.

Die Lage bringt für die HändlerInnen ihre eigenen

Probleme mit sich

Grundsätzlich bringt der Wochenmarkt

mit seiner Lage in der Nordstadt

für die HändlerInnen ganz

eigene Probleme mit sich. „Man

merkt auf jeden Fall, wenn es Ende

des Monats ist“, berichtet eine Händlerin,

die sowohl auf dem Nordmarkt,

als auch auf dem Hansaplatz

Eier verkauft, „dann wird es hier

richtig leer.“

Verwunderlich ist das nicht. Die

Nordstadt zieht mit ihren niedrigen

Mieten auch viele finanziell schlechter

gestellte Menschen an. Und da

ist Ende des Monats nicht selten kein Geld mehr übrig. Viele

könnten es sich somit auch nicht erlauben, an einem zusätzlichen

Tag ihr Geld auf dem Wochenmarkt auszugeben.

Auch unter den HändlerInnen ist die Stimmung nicht immer gut.

„Das Niveau ist gesunken“, beschwert sich ein Händler, bei dem

ich Obst kaufe. Damit sind vor allem jene HändlerInnen gemeint,

deren Stände eher unsortierten Grabbeltischen ähneln. Diese

Stände fallen inmitten des bunten Treibens kaum auf, doch sie

sind da. Doch auch hier stehen KundInnen und suchen sich

Sachen aus, unterhalten sich mit

den HändlerInnen in unterschiedlichen

Sprachen.

Wochenmarkt ist wichtig

Wer den Wochenmarkt auf dem

Hansaplatz kennt, wird tatsächlich

drastische Unterschiede erkennen.

Der Markt in der Innenstadt ist ein

grüner Markt, dort gibt es ausschließlich

Lebensmittel und keine

Textilien oder Haushaltswaren. Zu

finden sind dort auch Stände, an

denen Menschen sich auf einen

Kaffee, ein belegtes Brötchen oder

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ein Stück Kuchen treffen, sie unterhalten sich darüber,

wie ihre Woche so war.

Vor allem stehen dort viele Menschen, die sich in

der Innenstadt den Luxus eines Einkaufes auf dem

Wochenmarkt gönnen. Im Gegensatz dazu ist der Wochenmarkt

auf dem Nordmarkt kein Luxus - er gehört

zum Alltag dazu und ist eine echte Alternative zum

Supermarkt.

Damit das weiterhin so bleiben kann, ist es wichtig,

dass die Stadt Dortmund sinnvolle Initiativen ergreift,

um die Dortmunder Märkte zu erhalten. Derzeit sind

die Märkte in der Nordstadt und in der Innenstadt

noch gut besucht – das kann nur so bleiben, wenn

auch auf die Meinungen der HändlerInnen Rücksicht

genommen wird.

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Standort Service Plus steht für ein abfallwirtschaftliches,

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und dient der Optimierung der Abfallsituation

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Text: Mira Kossakowski

Fotos: Leopold Achilles

3. MARKTTAG

75 Marktstände

Dienstags und freitags ist Markttag in der

Nordstadt. Rund 75 Marktstände gibt es.

Er hat nur eine geringe Händlerfluktuation.

Die überwiegende Mehrheit der Bewerbungen

zielt auf eine Teilnahme mit einem

Textilstand. Hier sind je nach Textilart auch

Wartezeiten über mehrere Jahre möglich.

Diesen Händlern werden aber in der Regel

und im Rahmen einer Rotation Tagesplätze

zur Verfügung gestellt.

Von der Händlerschaft des Nordmarktes

gibt es keine einheitliche Meinungsbildung

für einen dritten Markttag. Händler, die gerne

samstags den Markt beschicken würden,

haben hierbei den privaten Markt an der

Bornstraße als starken Konkurrent nicht

berücksichtigt.

Der Donnerstag ist daher der Favorit. Allerdings

gab es auch Wünsche, den Markt erst

in den Nachmittagsstunden durchzuführen.

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Foto: Melanie Huber

Ein Spaziergang durch die Nordstadt:

MIT DEN AUGEN DER ANDEREN

Falak B. (28) aus Aleppo lebt mit ihrer Familie seit 2014 in der Dortmunder Nordstadt.

Ihr Alltag spielt sich in unmittelbarer Nähe des Nordmarkts ab. Bei einem Spaziergang durch die Nordstadt gibt sie der

Autorin Melanie Huber Einblick in ihr Leben.

Falaks Blick auf die Dortmunder Nordstadt ist ein pragmatischer:

„Ich habe hier noch keine Probleme gehabt. Und wo es mir nicht

gefällt, da gehe ich auch nicht hin.“ Sie meint den Nordmarkt, den

sie nur an Markttagen aufsucht. Denn: Obst und Gemüse sind

hier frisch – und die Gurken so, wie die 28-Jährige sie kennt und

mag. „Nicht so dick und wässrig wie im Supermarkt.“

Zusammen mit ihrem Sohn Yousef stehen wir vor einem Obstund

Gemüsestand am oberen Ende des Platzes. Um uns herum

herrscht ein ungestümes Wuseln und Drängen. Ein jeder hat ein

Anliegen, es vermischen sich Sprachen und Gerüche. Dass Falak

die Ecke normalerweise meidet, hat Gründe, die auch mit ihrem

zweijährigen Sohn zusammenhängen: „Der Spielplatz ist nicht

geeignet für Yousef, er ist noch zu klein für die Geräte.“ Zum Spielen

geht es deswegen in den Fredenbaum- oder den Westfalenpark.

Für Falak zieht der Nordmarkt zu viele Trinker an. Trinker

und Drogenabhängige. Ihr fällt immer wieder auf: „Hier nimmt

keiner Rücksicht auf den anderen.“ Sie argumentiert ruhig, ihre

Besorgnis ist jedoch zu spüren. Auch Yousef merkt das. Er ist ein

aufgeweckter Junge, der seine schwangere Mutter aufmerksam

im Blick behält. Sobald Falak ihre Handtasche abstellt, ist er zur

Stelle, hält die Tasche, wacht über sie. Erst als wir den Markt in

Richtung Clausthaler Straße verlassen, entspannen sich beide.

Obwohl Falak die Lebendigkeit einer Großstadt liebt, waren es für

heute dann doch zu viele Menschen. „Aber hier bekommt man

alles“, erklärt Falak. „Essen, Kleidung, Küchensachen. Auch Kopftücher

– schöne sind nämlich so schwer zu finden.“

Für unseren Spaziergang durch Falaks Viertel haben wir uns

einen heißen Tag ausgesucht. Die Mittagssonne brennt auf die

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Häuserwände, macht sie glänzend. Yousef und ich tragen kurze

Hosen und Shirts. Falak trägt geschlossene Schuhe, lange Jeans,

eine langärmelige Bluse und ein Kopftuch. „Ist dir nicht warm?“,

frage ich und frage voller Neugier. Falak lacht. Ihre Augen strahlen,

sie sagt: „Wenn man an etwas glaubt, dann macht man es

gerne.“ Falak ist Kurdin und gläubige Muslima. Sie sagt, sie habe

das für sich entschieden, aber sie sagt auch: „Jeder entscheidet

für sich. Egal, an was man glaubt.“ Es sind Sätze, die mich beeindrucken.

Ich höre ihr gerne zu, ihre Sprache ist angenehm und

klar. Falak hat vor Kurzem ihre C1-Sprachprüfung abgelegt.

In Aleppo hat sie arabische Sprache und Literatur auf Lehramt

studiert, sie konnte nur sechs Monate in ihrem Beruf arbeiten,

bevor sie fliehen musste. Wenn sie ihr zweites Kind bekommen

hat, möchte sie auch wieder arbeiten. Im Bereich Soziale Arbeit

vielleicht, dafür würde sie auch wieder studieren.

Schwierig: die Sprache, die Gewohnheiten und vor

allem: die Bürokratie

Seit 2014 leben sie und ihr Mann in Deutschland. Syrien

verließen sie 2012. Ihr Weg führte sie über den Libanon, die

Türkei, Bulgarien. Zwei Jahre, die sie mir später anhand von

Fotos darzustellen versucht – ich fühle die Härte der Bilder, die

Anstrengungen der Flucht, verstehe sie aber nicht. Sie zeigt mir

ein Video, das ihre Schwester, die noch in Syrien lebt, aufgenommen

hat: Eine komplett zerstörte Straße im Zentrum von Aleppo,

bröckelnde Mauern, Eisenstäbe, lose Gegenstände auf dem

Boden. Grau ist eine dominierende Farbe. Plötzlich sagt Falak:

„Schau. Das ist meine Wohnung. Das ist mein Notizblock, meine

Kassetten, meine Bücher. Und das war meine Küche.“ Ich sehe

kaputte Dinge, ich sehe keine Küche. Und dann kommt Yousef

auf mich zu mit einer Seifenblasendose in der Hand und strahlt,

will spielen…

An der Clausthaler Straße Ecke Bergmannstraße bleiben wir

abrupt stehen. Yousef hat etwas entdeckt. Aufgeregt zeigt er mit

dem Finger zum Horizont in Richtung Burgholzstraße. Kurz

darauf beginnt er auf der Stelle zu laufen, seine kleinen Füße

trampeln schnell. Als er merkt, dass es nicht weiter geht, dreht er

sich halb nach hinten, schaut zu seiner Mutter auf. Falak lacht:

„Er denkt, wir müssen zur Bahn laufen. Denn manchmal müssen

wir uns beeilen, um die U-Bahn noch zu bekommen.“ Von Weitem

ist die Haltestelle Lortzingstraße zu sehen, und auch, dass

eine Bahn in Richtung Stadtmitte einfährt. Yusuf hat sie gehört,

noch bevor sie zu sehen war. „Er liebt das“, erzählt seine Mutter.

„Straßenbahnen, Autos, Motorräder. Ich wünsche mir für ihn,

dass er sich das behält. Und vielleicht wird er einmal Ingenieur.“

Gesprochen wird auf Kurdisch, Arabisch, Deutsch.

„Das ist immer gemischt“

Die Bahn fährt los, Yousef hat sich satt gesehen, es geht weiter.

Die Bergmannstraße Ecke Alsenstraße mag Falak gerne. Es ist

ruhig, da stehen Bäume, Einkaufsmöglichkeiten sind um die

Ecke und eine Moschee gibt es auch – Vorstadtidyll. Yousef läuft,

will alles sehen, alles zeigen. Falak erzählt von ihrer ersten Zeit

in Deutschland. Wie erleichtert sie und ihr Mann waren, hier

angekommen zu sein, wie schwierig es aber auch war: die Sprache,

die Gewohnheiten und vor allem: die Bürokratie. Die Caritas

half ihr und deutsche Freunde, die sie dort kennen gelernt hatte.

Auch für ihre Nachbarn, die aus Syrien, der Türkei und anderen

Nationen kommen, ist sie dankbar: „Sie sind so hilfsbereit. Das

ist schön.“

Wir sind ein ganzes Stück vorangekommen, wir gehen an der

Mallinckrodtstraße vorbei und biegen in die Bornstraße ein –

gut, um Essen zu gehen, bemerkt Falak. Unterwegs treffen wir

Bekannte von Falak. Die Begrüßungen sind herzlich, gesprochen

wird auf Kurdisch, Arabisch, Deutsch. „Das ist immer gemischt“,

erklärt Falak. „Ganz normal, dass sich arabische Wörter ins Kurdische

schleichen. Mein Mann kann auch etwas Türkisch – und

Yousef lernt drei Sprachen.“

Wir sind an ihrer Wohnung angekommen. Es ist ruhig, der Wind

geht leicht. Ich frage, ob es Falak hier gefällt. Sie sagt: „Ich mag

die Nordstadt.“ Nur wegen ihrer Kinder habe sie Bedenken. Sie

möchte die beste Ausbildung, die beste Zukunft für Yousef und

das noch ungeborene Kind. Und die sieht sie hier in der Nordstadt

noch nicht. Ob sie sich unsicher fühlt in der Nordstadt,

will ich wissen. Es war das erste, das man mir sagte, als ich im

Juli nach Dortmund zog: „Geh nachts nicht durch die Nordstadt.

Vor allem nicht allein.“ Falak nickt. Das habe man ihr auch

gesagt: „Aber das waren vor allem Deutsche.“ Sie fühle sich hier

sicher. „In jedem Stadtteil gibt es Probleme – aber dafür gibt es

ja auch die Polizei.“ Falak vertraut auf das deutsche System. Auf

Ordnung und dann doch: auf die Bürokratie. „Das ist hier klar

geregelt, und das ist gut.“

Melanie Huber berichtet für „stadt.land.text“ vier Monate lang

aus Dortmund über die Kulturregion Ruhrgebiet. Ihre Texte sind auf

dem Blog stadt-land-text.de zu lesen.

„al-madina asch-schamaliye" - „nördliche Stadt“

# 03| Oktober 2017 15


ADVENTSKALENDER

BORSIGPLATZ

ÖFFNET TÜRCHEN

In die zweite Runde geht die Weihnachtsmetzgerei. Auch die

Stadtbahnlinie U44 wird erneut bespielt. Es gibt eine schwarzgelbe

Nikolausfeier und das Hoeschmuseum lädt zur Familienführung.

Mehr wird an dieser Stelle noch nicht verraten.

Adventskalender erfreuen sich

großer Beliebtheit. Zumeist sind

darin 24 süße Leckereien. Nicht so

beim Adventskalender Borsigplatz: Hinter den Türchen finden

sich 24 Veranstaltungen. Zum fünften Mal erscheint dieser

besondere Kalender in einer Auflage von 2000 Stück, bei dem

sich nicht nur Türchen, sondern auch ganz reale Türen und Tore

öffnen. Viele Institutionen, Gruppen und Vereine machen mit.

Neue Weihnachtsbeleuchtung

Am 1. Dezember wird zudem die neue Adventsbeleuchtung

eingeschaltet. Rund 20.000 Euro haben Wohnungswirtschaft,

Stadtbezirksmarketing und Sparkasse in die neue „mitwachsende"

Baumbeleuchtung investiert, mit der alle 29 Platanen im

Inneren des Kreisverkehr illuminiert werden.

Wenn die Veranstaltungen beginnen, hat einer seine Arbeit

längst getan: Tobias Marx. Er hat zum fünften Mal das Titelbild

für den Kalender gestaltet. Der Geschäftsführer des Nordstadt-

Büros des Ordnungsamtes kehrt thematisch auf den Borsigplatz

zurück. Der Kalender bildet ein Kontrastprogramm zu seinem

Beruf: Die Problemhäuser, mit denen er sonst zu tun hat, schaffen

es nicht auf die Kalender. Im Mittelpunkt stehen die schönen

Seiten: Borsigplatz, Hoeschpark, Freibad Stockheide und Hoeschmuseum

hat er in winterlicher Atmosphäre gezeichnet.

Wiedererkennung ist wichtig

Für den Kalender müssen es Orte mit Wiedererkennungswert

sein. Doch er nimmt sich immer auch die künstlerische Freiheit,

die Motive anzupassen. „Ich versuche immer, witzige, amüsante

und bunte Szenen zu gestalten“, berichtet Marx.

Zum ersten Mal macht der Hoeschpark-Verein Appetit auf die

Vorweihnachtszeit. Gleich am 2. Dezember öffnen die Mitglieder

die Kühlschrank-Tür, holen die Würstchen hervor und packen

sie auf den Grill. Und wie sich das gehört, wird diese kulinarische

Einladung für den Hoeschpark ausgesprochen.

Vor der DoBo-Villa, dem ehemaligen Sportlertreff, freuen sich

die Hoeschpark-FreundInnen ab 18 Uhr auf viele Gäste, die die

schweinefleischfreien Würstchen mit ihnen essen wollen.

Claudia Schmälter, Wirtin der DoBo-Villa, reicht dazu heiße

Getränke. Die Einladung zum Adventsgrillen ist eine gute Gelegenheit,

um sich über die Zukunft des Parks und des Freibads

zu informieren und gemeinsam Ideen zu sammeln. Weil es eine

Einladung ist, muss der Gast für Speis' und Trank nichts zahlen.

Tobias Marx gestaltet die Kalendermotive – Foto: Alex Völkel

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Foto: Dietmar Wäsche

Auch die BVB-Trainer hat er in die bisherigen Bilder hinein gemogelt.

Klopp und Tuchel hat er in früheren Kalendern verewigt.

„Mit dem neuen Trainer tue ich mich noch etwas schwer.“

Er sorgt für Lokalkolorit und Lacher, wenn er den „Kleinsten

Weihnachtsbaum nördlich des Bahnhofs“ als Anspielung auf

die größte Tanne in der City malt sowie einen Verkaufsstand

für „Dönerstollen“ ins Bild einbaut. Auch Polizei und Ordnungsamt

finden sich in den Bildern: „Aber ich habe mich nie selbst

ins Bild gemalt, auch wenn dies häufig unterstellt wird“, betont

Marx. Stattdessen sieht man die Polizei auf Verbrecherjagd:

„Meistens sind sie auf dem Dach auf der Jagd.“ Aber auch andere

KollegInnen, zum Beispiel die Müllmänner der EDG, schaffen es

ins Bild.

Gesichter - vor allem wiedererkennbare - sind nicht so seine

starke Seite. Porträtmaler würde Marx nie: „Mit Personen tue ich

mich schwer. Portraits kann ich so gar nicht. Ich bleibe bei meinen

Leisten“ Zum Glück müsse er ja auch nicht mit Malen sein

Geld verdienen. Noch besteht keine Gefahr, dass er als Amtsrat

beim Ordnungsamt nichts mehr zu tun haben könne:

Irgendwas ist ja immer“, sagt Marx.

Positive Entwicklungen

Doch er sieht die positive Entwicklungen - gerade auch bei den

Problemhäusern. 110 waren es auf seiner Liste. Aktuell sind es

„nur“ noch 70. Der Trend zum Positiven halte an. Den Bildern ist

die Wertschätzung des Quartiers und der Menschen anzusehen.

Die Buntheit und die Altbauten machen für Marx den Reiz des

Quartiers aus.

„Den Hoeschpark aber auch den Platz als solchen mag ich.“ Dennoch

wird es für ihn immer schwerer, Motive zu finden. Denn

die Zahl der wiedererkennbaren Plätze, Gebäude und Orte im

Borsigplatzquartier sind überschaubar. „Es gibt aber auch andere

reizvolle Ecken in der Nordstadt, die ich gerne zeichnen würde“,

verrät Marx.

Doch jetzt konzentriert er sich erst mal auf sein zweites Borsigplatz-Motiv,

damit ihm dies auch so gut gelingt wie das erste

vor fünf Jahren. Die Leute sollen den Kalender weiter auch als

Sammler-Objekt sehen. Es soll Leute geben, die den Kalender als

Nordstadt-Souvenir begreifen: Sie besorgen sich immer gleich

zwei: einen als Sammlerstück und einen zum Türen-Öffnen.

Text: Alex Völkel

# 03| Oktober 2017 17


EIN VIELSCHICHTIGES ZENTRUM FÜR EINEN GLÄNZENDEN WERKSTOFF

DEM LACK SEIN MUSEUM

Wenn ein Museum als das „Deutsche“ firmiert, geht es um die

nationale Bedeutung, eine Einmaligkeit oder auch um das erste

seiner Art. Davon gibt es in Dortmund einige. Das Deutsche Fußballmuseum

ist natürlich das bekannteste. Ebenfalls beliebt: Die

seit 1993 bestehende Deutsche Arbeitsschutzausstellung (DASA)

sowie das Deutsche Kochbuchmuseum - 1988 gegründet. Aber

kennen Sie das Deutsche Industrielack-Museum schon?

Es wurde vor mehr als sechs Jahren von einer kleinen Gruppe

Ehrenamtlicher gegründet. Die kleine Einrichtung in der Nordstadt

macht sich, zumindest in der Branche, einen Namen. Um

das zu unterstreichen, trägt das erste Industrielack-Museum seit

kurzem das „Deutsche“ im Namen. Ein Blick hinein kann sich

lohnen, für Fachleute wie für Laien.

Das noch im Aufbau befindliche Museum im Hafen ist eine Stätte,

die BesucherInnen den Industrielack in allen Facetten näher

bringen möchte. Ferner kann es Fachleuten, Azubis und SchülerInnen

als Ort der Recherche und Forschung dienen. Darüber

hinaus möchten die Macher ihrer umfangreichen Sammlung

einen repräsentativen Rahmen geben.

Ort des Museum ist über der Firma „Kaddi Lack“

Die wenigsten Aktiven haben dabei vorher mit Industrielack beruflich

zu tun. Auch nicht Kurator Volker Bach: Er hatte zwar früher

nichts mit Lack am Hut, wohl aber mit Ausstellungstechnik.

Als ehrenamtlicher Kustode ist er der Mann der ersten Stunde.

Der fachgerechte Um- und Ausbau der Räume und die Präsentation

der Exponate basiert auf seiner beruflichen Erfahrung. Die

auf wissenschaftlichen Standards beruhende Dokumentation

sämtlicher Artefakte ist eine seiner Hauptaufgaben.

Museumsleiter Thomas Grüner hingegen ist Lack-Experte: Seit

seiner Berufsausbildung ist er fasziniert von den Werkstoffen

Lack und Farbe. Konsequent lebt er seine Passion als Inhaber der

Manufaktur für Industrielacke namens „Kaddi Lack“ in Dortmund.

Die Gründung des Museums auf seinem Firmengelände war der

nächste Schritt, um ein museales Info-Angebot zu schaffen:

Wissenswertes über Industrielack in all seinen Facetten. Von

alchemistisch anmutenden Rezepten der Vergangenheit bis hin

zur modernen Produktionstechnik.

Viele hatten mit Lack nichts am Hut

Doch ohne den Laien in Sachen Lack, Volker Bach, hätte es das

Museum nie gegeben. „Er hat mich davon überzeugt, dass ich ein

Museum will“, sagt Grüner. „Er kann Leute begeistern.“ Langsam

und stetig wächst der Verein.

So sind auch andere Aktive wie Heinz Petermeier dazu gekommen.

Man kennt sich aus dem Chor - jetzt ist der gelernte Kaufmann

Vereinskassierer. Auch Hans-Jörg Marin ist über freundschaftliche

Kontakte dazu gestoßen: „Es ist spannend, wie sich

das Museum entwickelt. Es gibt viele Stolpersteine und Herausforderungen.

Das reizt mich.“

Ebenfalls ein Fachmann ist Gerhard B. Pausch. Der Messtechnik-

Spezialist hat eine umfangreiche Geräte-Sammlung, die in einem

weiteren Bauabschnitt ausgestellt werden soll. Für sie suchte er

ein Zuhause. Auch von seinen Branchenkontakten kann der

kleine Verein profitieren.

35 Mitglieder hat er derzeit - doch nicht jedes Mitglied kann mitarbeiten,

weil sie teilweise in ganz Deutschland verstreut sind.

Überraschend: Nur ein Drittel ist aus der Branche.

Zukunftsträchtige Branche

Ihr Ziel ist ein gemeinsames: Sie wollen einen Ort schaffen, der

die Aufmerksamkeit auf eine kleine, aber zukunftsträchtige

Branche lenkt. Denn LacklaborantInnen sind gefragt. Daher will

sich das Museum auch an SchülerInnen richten.

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„Wer nicht studieren möchte, sich aber für Naturwissenschaften

interessiert, kann als Lacklaborant einen zukunftssicheren

und gut bezahlten Beruf finden“, betont

Museumsleiter Thomas Grüner. In der Region gibt es viele

Firmen, die diese Laboranten händeringend suchen. Das

gilt auch für IngenieurInnen aus diesem Bereich. Um im

Fachjargon zu bleiben: „Es gibt keine matten, sondern

glänzende und vielschichtige Berufsaussichten“, betont

Grüner.

Wer zum Thema forschen möchte, findet im Museum viel

zu lesen. „Wir haben eine umfangreiche Bibliothek“, wirbt

Grüner. Schritt um Schritt wächst das kleine Museum.

Es spricht sich herum, vor allem in der Branche. Es gibt

schon einige Kooperationen.

Das macht sich auch bei den zur Verfügung gestellten

Exponaten bemerkbar: So sind beispielsweise in der

Ausstellung zwei Steinschlagprüfgeräte zu sehen. Eins

war zuvor in einem BMW-Werk im Einsatz. Der Autobauer

hätte das Gerät gerne in sein Museum übernommen.

Allerdings hat die Eigentümerin, die Firma Chemetall,

dem BMW-Museum eine Absage erteilt und das Exponat

dem Deutschen Industrielack-Museum in Dortmund zur

Verfügung gestellt.

Vermittlung der Faszination

Wer jetzt glaubt, dass das Museum nur etwas für Experten

ist, sieht sich getäuscht. Denn Bach und Grüner verstehen

es, während der Führungen die Faszination des Werkstoffs

zu vermitteln. Eine Branche, in der Deutschland

Weltmarktführer ist. Ohne Industrielacke würde das

Automobil, des Deutschen liebstes Kind, nicht so glänzen.

Ohne Lack würde es auch keine Windkraftanlagen geben:

Regentropfen treffen mit bis zu 350 Stundenkilometern

auf die Rotorblätter. „Steter Tropfen höhlt den Stein“,

erinnert Bach an ein Sprichwort. Damit dies nicht passiert

und die Rotoren keinen Schaden nehmen, benötigt es

hochwertigste Industrielacke. Nur zwei von vielen Beispielen,

mit denen das Museum auf die Faszination Lack

aufmerksam machen will.

Daher rettet der Verein nun auch die britische Telefonzelle

vor der Vergessenheit: Das Geschenk der englischen Partnerstadt

stand über Jahrzehnte auf dem Platz von Leeds.

Vor mehr als elf Jahren wurde sie im Zuge des Umbaus auf

einen Betriebshof gestellt, rostete vor sich hin und geriet

in Vergessenheit. Nun soll sie in der Drehbrückenstraße

eine neue Heimat bekommen - inklusive einer Restaurierung

und einer neuen roten Lackierung. Denn abblätternder

Lack - das wäre den Ehrenamtlichen doch ziemlich

peinlich.

Text und Foto: Alex Völkel

Deutsches Industrielack-Museum

Drehbrückenstraße 13 | 44147 Dortmund

T: 0231 - 1 77 00 88 | info@industrielack-museum.de

www.industrielack-museum.de

Abbildung zeigt Sonderausstattung.

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Franz Rüschkamp GmbH & Co. KG

# 03| Oktober 2017 19


GESUCHT!

„Engel der Nordstadt“

Wer kennt sie nicht: Die guten Seelen von nebenan, die

sich selbstlos um Menschen in der Nachbarschaft kümmern.

Oder Ehrenamtliche, die sich in Vereinen für das

Wohl anderer engagieren. Gerade in der Nordstadt sind

viele dieser Menschen aktiv.

Auch 2017 werden wieder Menschen gesucht, die für ihr

soziales Engagement in der Nordstadt ausgezeichnet werden

sollen. Es umfasst z.B. nachbarschaftliche Unterstützung

im Alltag, Förderung von Kindern und Jugendlichen

durch Sport und Bildungsangebote oder Aktivitäten, die

ein positives Image der Nordstadt bewirken. Jedes einzelne

Engagement ist dabei ein Gewinn für den Stadtteil und

seine Bewohnerschaft. Dieses herauszuarbeiten und zu

würdigen ist Anliegen der Auszeichnung mit dem „Engel

der Nordstadt“.

Das Quartiersmanagement Nordstadt nimmt bis zum 27.

November Vorschläge entgegen. Übrigens: Die Nordstadtblogger

sind damit 2014 ausgezeichnet worden.

Infos und Kontakt: www.nordstadt-qm.de

Foto: Oliver Schaper

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