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Im Lande der Bibel 1/2018

Zur Hoffnung berufen? Erinnerungskultur in Israel und Palästina

AUS DEM JERUSALEMSVEREIN

AUS DEM JERUSALEMSVEREIN Die Kirche stärken Bischof Ibrahim Azar über Strategien für die Zukunft muslimische Jugendliche noch jüdische Hardliner sollen sich provoziert fühlen. Als sich der Zug jedoch der Erlöserkirche nähert, ist von Zurückhaltung keine Rede mehr. Glockengeläut, Trommelwirbel, Trompetenund Dudelsackklänge – eine beeindruckende und ohrenbetäubende Kulisse baut sich auf. Viele arabische Ladenbesitzer haben ihre Geschäfte wieder geschlossen und sich unter die wartenden Gemeindeglieder gemischt. Dort vor der Kirche – die Pfarrer und Bischöfe haben in der benachbarten Propstei nun ihre gottesdienstlichen Gewänder angelegt – brausen die ersten „Barhoum, Barhoum“- Rufe auf. „Barhoum“ – das ist die Koseform des Vornamens Ibrahim. Und unter diesem Namen kennen sie Sani Ibrahim Azar hier alle. Zu den vielen bewegenden Momenten des Gottesdienstes gehörte der Augenblick, in dem Ibrahim Azar den Bischofsring – traditionell ein Geschenk des Berliner Missionswerkes – aus den Händen von Direktor Roland Herpich und Bischof Markus Dröge entgegennimmt. Jeder der Umstehenden will ihn umarmen, ihm Glück wünschen, ihm die Hand reichen, bevor der Gottesdienst beginnt. Und Ibrahim Azar? Er geht nun im hellen Ornat am Schluss des Zuges, bescheiden schreitet er durch das Spalier der Trommler und Trompeter und Fotografen. Man sieht ihm an, wie unangenehm es ihm ist, dass so viel Aufhebens um seine Person gemacht wird. Aber gern ergreift er die angebotenen Hände, umarmt hier und da noch jemanden in der Menschenmenge. Bis ihn Munib Younan, sein Vorgänger im Amt, in die Kirche förmlich hineinzieht. 30 Jahre lang war Ibrahim Azar Pfarrer an der Erlöserkirche. Die Menschen hier schätzen und lieben ihn; die Christen ebenso wie die Muslime rundherum. Auch als Bischof werde er immer Pfarrer und Seelsorger bleiben, Die Förderung von Bildung und Schularbeit sind zentrale Anliegen des neuen Bischofs. „Gemeinsam leben und lernen – das ist für uns ein wichtiges Erbe der Missionsarbeit“, sagte Ibrahim Azar am Tag nach seiner Amtseinführung in einer Rede an die internationalen Gäste. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL) unterhält drei Schulen, an denen sowohl christliche als auch muslimische Kinder unterrichtet werden. „Wenn man gemeinsam spielt und lernt, entwickelt man Verständnis für den anderen und für seine andere Sicht der Dinge.“ Das fördere Toleranz und Dialogbereitschaft. „Wie aber können wir auch die israelischen Kinder in diesen Prozess einbeziehen?“ Das sei eine der anstehenden Herausforderungen, so Azar. Wichtigste Aufgabe der lutherischen Kirche im Heiligen Land sei nun, gemeinsam mit den Schulen und der Synode eine Strategie für die Zukunft zu entwickeln, aus der die Kirche gestärkt hervorgehe. „Aufgrund der politischen Situation – Besatzung, Mauer, Siedlungsbau, Checkpoints – gestaltet sich das Gemeindeleben sehr schwierig.“ Da Jerusalem von der Westbank getrennt sei, sei es schwierig, etwa die Gemeinden von Bethlehem oder Beit Jala zu erreichen. Und erst recht die Gemeinde in Jordanien. Umso wichtiger seien Besuche, Gespräche, Begegnungen. Bischof Azar sprach einen weiteren Punkt an: „Es ist für uns Christen hier schwer, Wohnung oder Arbeit zu finden. Deswegen arbeiten wir schon lange an einem Housing-Projekt auf dem Ölberg in Jerusalem: Hier sollen 84 Wohnungen für Christen entstehen, vor allem für junge Leute. Die EKD hat uns 15.000 Quadratmeter zur Verfügung gestellt. Wir warten aber seit 15 Jahren auf eine Genehmigung, um dort bauen zu können. Es sind noch viele bürokratische Hürden zu überwinden.” Blick vom Ölberg: In der Nähe sollen neue Wohnungen für christliche Palästinenser entstehen. Noch wartet die Kirche auf die Baugenehmigung. Auch werde der Einfluss von radikalen muslimischen wie auch jüdischen Gruppen immer größer – und das Leben im Land immer schwieriger. „Wir als Kirche versuchen, den Menschen Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln.“ Die ELCJHL müsse das spirituelle Leben in den Gemeinden ebenso wie die diakonische Arbeit stärken. Jutta Klimmt 30 | IM LANDE DER BIBEL 01/2018 IM LANDE DER BIBEL 01/2018 | 31