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Typisch Posener

978-3-86859-593-2

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KATRIN VOERMANEK<br />

<strong>Typisch</strong> <strong>Posener</strong>


<br />

<strong>Typisch</strong> <strong>Posener</strong> 7<br />

Häusergeschichten 19<br />

Haus Cramer 29<br />

„Ich verliebte mich, als ich<br />

auf das Haus zuging …“<br />

Haus Mohrbutter 35<br />

„Kann man hier noch<br />

Schaden verhindern?“<br />

Liebermann-Villa 43<br />

„Einspruch im Namen<br />

der Kultur“<br />

Diakonissenkrankenhaus / 47<br />

Kunstquartier Bethanien<br />

„Baukritik muss sein!“<br />

Rudolf-Virchow-Krankenhaus 57<br />

„… dann werden wir uns<br />

eben weiter streiten.“<br />

Universum-Kino / 71<br />

Schaubühne am Lehniner Platz<br />

„… denn es ist am Ende<br />

nicht alles gut.“<br />

Kino Babylon 81<br />

„Da is Musike drin.“


West und Ost, Alt und Neu 92<br />

Neue Nationalgalerie 99<br />

„… um es einmal hart zu sagen,<br />

eine Krambude.“<br />

ICC 111<br />

„Einen Staubsauger haben wir bisher<br />

nicht für Architektur gehalten.“<br />

Wie Julius <strong>Posener</strong> 121<br />

Architekturkritiker wurde<br />

Epilog – Architekturkritik als Instrument 140<br />

Anhang 142


6 <br />

Julius <strong>Posener</strong> an seinem Schreibtisch, circa 1985


7<br />

<strong>Typisch</strong> <strong>Posener</strong><br />

Julius <strong>Posener</strong> hat Häuser gerettet, Preise bekommen, und an<br />

der Berliner Rehwiese ist ein kleiner Platz nach ihm benannt.<br />

In seinem Arbeitszimmer saßen Leguane, sein Großneffe ist der<br />

renommierte Koch Yotam Ottolenghi. Er hat ein ganzes Leben lang<br />

publiziert, gelehrt und sich engagiert. Menschen, die Julius <strong>Posener</strong><br />

persönlich erlebt haben, bekommen einen verklärten Gesichtsausdruck,<br />

wenn sie von ihm sprechen. Seine Texte lesen sich anders<br />

als andere. Braucht es mehr Gründe, um sich an diesen besonderen<br />

Menschen zu erinnern oder ihn kennenlernen zu wollen?<br />

Heimliche Erinnerungen heißen die vermutlich 1957 in Malaysia verfassten<br />

Memoiren Julius <strong>Posener</strong>s, in denen er die ersten knapp 50<br />

Jahre seines Lebens Revue passieren lässt. Sie erschienen 2004,<br />

acht Jahre nach dem Tod des Doyens der deutschen Architekturkritik,<br />

wie er allenthalben genannt wird. Herausgegeben hat sie sein<br />

Sohn, der Publizist Alan <strong>Posener</strong>. Das Manuskript war lange unentdeckt<br />

geblieben, gelagert in einer Orangenkiste. So hatte Julius<br />

<strong>Posener</strong> es seinem Sohn erst kurz vor seinem Tod zu lesen gegeben.<br />

Im Kapitel „Wie man keine Doktorarbeit schreibt“ berichtete er, ein<br />

Promotionsvorhaben begonnen, aber nie wirklich ernsthaft betrieben<br />

und schließlich aufgegeben zu haben. Auch dieses Buch basiert<br />

auf den Recherchen für eine Dissertation. Nun ist es ein Lesebuch<br />

geworden – und das macht Sinn: Julius <strong>Posener</strong>s wohl schönste<br />

Hinterlassenschaft ist seine Sprache. Er ist immer viel mehr ein<br />

Erzähler als ein Wissenschaftler gewesen, und so ist sein Schaffen<br />

in einer Textsammlung gut aufgehoben. Zu vieles tat „J. P.“, wie<br />

er seine Briefe zu unterschreiben pflegte, aus dem Bauch heraus.<br />

Zu wenig lag ihm an einem stringenten theoretischen Überbau, an<br />

validierbaren Thesen, an der Konsistenz seiner Bewertungen, was<br />

ihm selbst bewusst war und was ihm manche seiner Zeitgenossen<br />

durchaus vorwarfen. Vieles, was er als Architekturkritiker, Lehrer


14<br />

Publikum, einem im Sich-Entziehen geübten Justizsenator oder<br />

wem sonst entgegenstellt.“ 8<br />

Wenn J. P. Architektur beschrieb, dann erzählte er von sich und<br />

seinen Begegnungen mit Häusern, von seinen Erinnerungen und<br />

Assoziationen. Er drückte mit klaren und verständlichen Worten aus,<br />

wie die Architektur auf ihn wirkte, was ihm gefiel und was nicht.<br />

<strong>Posener</strong> richtete direkte Fragen an seine Leser und trat in seinen<br />

Texten unter Verwendung eines Autoren-Ichs, das er auch in einen<br />

Pluralis Majestatis verpackte, in Erscheinung. Dabei schrieb er aber<br />

nicht hoheitlich-abgehoben, sondern so, dass man sich als Leser in<br />

das Wir aufgenommen fühlt und der Eindruck entsteht, man schaue<br />

sich das Beschriebene gerade gemeinsam mit ihm an.<br />

Analogien und Verweise<br />

Im biografischen Teil am Ende dieses Buches ist nachzulesen, wie<br />

Julius <strong>Posener</strong> und seine beiden Brüder in ihrem großbürgerlichen<br />

und musischen Elternhaus eine umfassende Bildung erfuhren. Dies<br />

schimmert unaufdringlich durch all seine Texte hindurch, sei es im<br />

beiläufig eingestreuten Goethe-Zitat, in einer Analogie, die er zwischen<br />

einem Gebäude und einer musikalischen Komposition herstellte,<br />

oder wenn er Mendelsohn mit dem jungen Beethoven verglich.<br />

Bildung ist die wesentliche Quelle, aus der sich seine Artikel<br />

und Vorlesungen speisen. Sie hat es ihm ermöglicht, Architektur<br />

stets in einem breiteren Kontext zu betrachten und ihren Stellenwert<br />

in Kategorien außerhalb der Welt des Bauens einzuordnen. <strong>Posener</strong><br />

hat ein Gebäude nie als singuläres Ereignis irgendwo am Straßenrand<br />

wahrgenommen. Für ihn gehörten immer die Nachbarschaft<br />

und die Stadt einschließlich (lokal-)politischer oder wirtschaftlicher<br />

Rahmenbedingungen als Bezugsgrößen dazu – wenn nötig auch die<br />

gesamte Baugeschichte und die anderen schönen Künste. Nikolaus<br />

Kuhnert und Anh-Linh Ngo, die Herausgeber der Zeitschrift Arch+,<br />

hoben seine Fähigkeit hervor, Architektur in politische und kulturelle<br />

Zusammenhänge einzuordnen, was seine „Architekturgeschichte<br />

zu Gesellschaftsgeschichte“ mache. 9<br />

Emotionalität<br />

Was <strong>Posener</strong>s Texte ebenfalls von anderen unterscheidet, ist Emotionalität.<br />

Um Gebäude zu beschreiben, pflegte er keinen harten und<br />

kantigen Stil. Es war schon früh ein sanfter Klang, der seine Sprache


<strong>Typisch</strong> <strong>Posener</strong><br />

15<br />

auszeichnete. Als J. P. den Text „Stuhl oder Sitzmaschine“ schrieb,<br />

war er gerade einmal 28 Jahre alt, hier ein kurzer Auszug:<br />

„Wenn man sich nicht scheut, die Freude einmal zu analysieren,<br />

die man in einer guten, menschlichen Umgebung empfindet,<br />

so wird man schnell merken, dass es nicht das Komplizierte<br />

ist, das befriedigt, nicht das Raffinierte, auch nicht das restlos<br />

Durchkonstruierte. Was man begrüßt, was einen warm werden<br />

lässt, ist vielmehr das Zwanglose im Umgang von Mensch und<br />

Ding, das Zutrauliche, Ruhige dieses Umganges. Es ist die<br />

Sicherheit mit der die Sachen an ihrem Platz stehen, die Klarheit,<br />

mit der sie ihren einfachen Zweck erfüllen und aus drücken,<br />

die Würde und Heiterkeit, die ihnen eigen ist, weil sie am<br />

engsten zu uns gehören, die helle, menschliche Gegenwart.“ 10<br />

Dieser Mut zu emotionaler Wortwahl setzt auch den Ton in späteren<br />

Texten, in denen Häuser mal „liebenswert“, „großmütig“ und<br />

„gelassen“ sind, aber auch „schrecklich“ oder „glitschig“. Sie „erregen“<br />

J. P., er „liebt“ sie, ist von ihnen „begeistert“ oder gar „verzaubert“.<br />

Humor<br />

Architekturkritik ist oft eine humorlose Angelegenheit. Nicht so bei<br />

Julius <strong>Posener</strong>. Mit seiner Art zu sprechen und zu schreiben hat er<br />

auch deswegen viele Menschen erreicht, weil er seinen Sinn für<br />

Humor einzusetzen wusste – von leiser Ironie bis zum krachenden<br />

Scherz. So nahm er in einem Gespräch mit Manfred Sack den Architekten<br />

Hugo Häring auf den Arm:<br />

„Julius <strong>Posener</strong>: Das ist nicht genau das, was Hugo Häring<br />

gemeint hatte, der ja der entschiedenste Funktionalist gewesen<br />

ist.<br />

Manfred Sack: Der ja eine der eigenwilligsten Koryphäen des<br />

Neuen Bauens, mehr wohl: des ‚organhaften‘ Bauens in den<br />

Zwanziger Jahren war.<br />

Julius <strong>Posener</strong>: Häring hat gesagt, dass sich, wenn man die<br />

rein praktische Aufgabe genau genug durchdenke, die Form von<br />

selbst ergebe. Dass er nie so gearbeitet hat, ist etwas anderes.<br />

Wenn man das berühmte Gut Garkau am Pönitzer See, nördlich


18<br />

Auszug aus einem Original-Manuskript von Julius <strong>Posener</strong>, 1987


19<br />

Häusergeschichten<br />

Die Häusergeschichten speisen sich aus verschiedenen Quellen:<br />

den Büchern von und über Julius <strong>Posener</strong>, den Archiven<br />

der Medien, in denen er publizierte, vor allem aber aus seinem<br />

im Baukunstarchiv der Akademie der Künste in Berlin verwalteten<br />

Nachlass. Die Arbeit mit diesem Material öffnet den Blick in eine<br />

Welt des Schreibens und Publizierens, die es heute nicht mehr gibt.<br />

Es war eine Zeit ohne Laptop und Drucker, Scanner und Kopierer,<br />

Smartphone und soziale Medien. Ein Großteil des Archivbestands<br />

sind auf einer mechanischen Schreibmaschine getippte Manuskripte,<br />

oftmals im Durchschlag. Wer das nicht mehr kennt: Wenn<br />

man früher einen Brief verfasste und diesen wegschickte, war dies<br />

das Original. Man hatte auf keiner Festplatte und in keiner Cloud<br />

eine Kopie dessen, was man geschrieben hatte. Deswegen stellte<br />

man vor der Erfindung von Kopierern und Scannern einen Durchschlag<br />

zum Verbleib in den eigenen Unterlagen her, in der Regel<br />

mithilfe von sogenanntem Durchschlag- oder Kohlepapier. Dieses<br />

legte man zwischen das Original und ein zweites, oftmals dünneres<br />

Papier, und durch eine spezielle Beschichtung wurde der von Hand<br />

geschriebene oder der getippte Inhalt auf das zweite Blatt übertragen.<br />

In <strong>Posener</strong>s Nachlass finden sich zehntausende Manuskripte und<br />

Briefe, die über ihren Inhalt hinaus auch etwas über die Umstände<br />

vermitteln, unter denen sie entstanden sind. Manche sind auf<br />

Schreibmaschinen mit englischer Tastatur getippt, was an den fehlenden<br />

Umlauten und dem doppelten S zu erkennen ist, das unser<br />

Schriftzeichen ß ersetzte. (Für dieses Buch wurde die Schreibweise<br />

in allen Zitaten allerdings an die neue deutsche Rechtschreibung<br />

angepasst.) Manche Manuskriptseiten weisen die typischen Löcher<br />

auf, die mechanische Schreibmaschinen ins Papier schlugen,<br />

zum Beispiel beim i-Punkt, wenn man sie in Eile, mit zu großem


28<br />

Haus Cramer im wiederhergestellten Zustand, 1979<br />

Das Haus mit abgestützten Giebelwänden, 1967


29<br />

Haus Cramer<br />

„Ich verliebte mich, als ich<br />

auf das Haus zuging …“<br />

Es gibt ein Haus in Berlin, das in seiner persönlichen Bedeutung<br />

für Julius <strong>Posener</strong> alle anderen überragt. Es war im architektonischen<br />

Sinne seine erste große Liebe und Sinnbild einer Idylle, die<br />

er selbst verloren hatte. Die Rede ist vom Haus Cramer von Hermann<br />

Muthesius, fertiggestellt 1913 in Dahlem an der Ecke der Straßen<br />

Pacelliallee und Im Dol. Muthesius hatte es für den jüdischen<br />

Kaufmann Hans Cramer und dessen Familie auf einem über 4000<br />

Quadratmeter großen Grundstück gebaut. Ein imposantes Haus mit<br />

Bruchstein-Fassaden und hoch aufragenden, sanft gewellten Giebeln.<br />

Mehrere Pergolen verweben es mit dem weitläufigen Garten.<br />

Es gilt als beispielhafte Umsetzung der Muthesius’schen Ideale vom<br />

Wohnen, die der Architekt aus der Analyse englischer Landhäuser<br />

abgeleitet hatte. Julius <strong>Posener</strong> sah dieses Haus als junger Student,<br />

und es war eine eindrückliche Begegnung, die er in seinen Heimlichen<br />

Erinnerungen beschrieb:<br />

„Eines Tages nahm ich an einer Exkursion teil, die einer unserer<br />

Dozenten an der TH organisiert hatte. Wir fuhren hinaus nach<br />

Dahlem und besichtigten dort nur zwei Häuser. Das erste der<br />

beiden war von Hermann Muthesius entworfen worden, dem<br />

Mann, der im Jahr meiner Geburt den englischen Landhausstil<br />

in Deutschland eingeführt hatte. Ich hatte noch nie eine Arbeit<br />

von ihm gesehen, und das Haus Cramer, auf das wir jetzt<br />

zugingen, zählte nicht zu seinen besten. Doch in dem Augenblick,<br />

in als wir uns dem Eingang in der Bruchsteinmauer aus<br />

grobem, grauem Kalkstein näherten, stand für mich bereits<br />

fest, dass ich es ‚himmlisch’ fand. Die Erfahrung entsprach etwa<br />

der plötzlichen Verliebtheit eines Heranwachsenden und war<br />

ebenso wenig eindeutig fassbar. Am nächsten Tag ist der junge<br />

Mensch häufig nicht mehr in der Lage, die Augenfarbe seiner


34<br />

Haus Mohrbutter, 1968


35<br />

Haus Mohrbutter<br />

„Kann man hier noch<br />

Schaden verhindern?“<br />

„3.11.1983<br />

Lieber Herr Engel,<br />

vor dem Haus Mohrbutter, Schlickweg 6 in Zehlendorf, Architekt<br />

Hermann Muthesius (1912) lagern niedersächsische Dachpfannen<br />

für eine Neueindeckung. Sie sind graubraun im Ton und<br />

in der Form von den grauen Pfannen, welche ursprünglich auf<br />

dem Dach lagen – und noch liegen – stark unterschieden. Das<br />

Haus ist durch seine Lage auf dem spitzwinkligen Eckgrundstück<br />

an der Klopstockstraße eine Landmarke in der Schlachtenseegegend,<br />

und es wird nach der Eindeckung mit den niedersächsischen<br />

Pfannen ziemlich anders aussehen als bisher.<br />

Steht das Haus unter Schutz?<br />

Kann man hier noch Schaden verhindern?<br />

Mit bestem Gruß,<br />

Ihr Julius <strong>Posener</strong>“ 1<br />

Beim Lesen dieses Briefes tauchen sofort Bilder vor dem inneren<br />

Auge auf: Wie Julius <strong>Posener</strong> bei einem Spaziergang durch<br />

die Nachbarschaft am Schlachtensee im Vorgarten von Haus Mohrbutter<br />

zufällig die aufgestapelten Dachziegel entdeckt, wie er die<br />

Gefahr für das Muthesius-Haus erkennt, nach Hause eilt, um sich<br />

an die Schreibmaschine zu setzen und sogleich dem damaligen Landeskonservator<br />

Helmut Engel zu schreiben. Wie schnell wäre das<br />

heutzutage mit einem Smartphone und einem Instagram- Account<br />

erledigt?<br />

Schon auf den ersten Blick unterscheidet sich das Haus Mohrbutter<br />

von früheren Muthesius-Landhäusern. Der Architekt baute<br />

es 1912/13 für den Künstler Alfred Mohrbutter als Wohnhaus mit<br />

Ateliergebäude. Der Entwurf des Hauses fällt in eine interessante<br />

Umbruchphase in Muthesius’ Schaffen, nachdem dieser vom


42<br />

Die verlassene Liebermann-Villa, 1971


43<br />

Liebermann-Villa<br />

„Einspruch im Namen<br />

der Kultur“<br />

Die Villa des Malers Max Liebermann am Ufer des Wannsees ist<br />

seit 2006 ein Museum. Bereits zwei Jahre zuvor konnte sie zeitweise<br />

besichtigt werden. Die Zeitung Die Welt schrieb damals: „30<br />

Jahre mussten vergehen, bis aus einer Idee des Architekturkritikers<br />

Julius <strong>Posener</strong> Wirklichkeit wurde.“ 1 Auch um dieses Haus hat sich<br />

<strong>Posener</strong> also verdient gemacht, wenn auch mit viel Zeitverzug.<br />

Der jüdische Maler Max Liebermann, 1847 in Berlin geboren und<br />

1935 auch dort verstorben, hatte sich 1910 in der heutigen Colomierstraße<br />

3 vom Architekten Paul O. A. Baumgarten einen Landsitz<br />

bauen lassen. Dort verbrachte er mit der Familie den Sommer,<br />

während er im Winter meist in seinem Palais am Pariser Platz lebte.<br />

Der Garten der Villa ist in vielen Bildern des Malers verewigt – die<br />

Max-Liebermann-Gesellschaft zählt mehr als 200 Gemälde, die<br />

unterschiedlichste Stimmungen und wechselnde Bepflanzungen<br />

auf dem 7000 Quadratmeter großen Seegrundstück zeigen.<br />

Über die bewegte Geschichte des Hauses nach dem Tod des Malers<br />

ist auf der Webseite des Trägervereins des heutigen Museums zu<br />

lesen: „1940 wurde Martha Liebermann von den Nationalsozialisten<br />

gezwungen, das Grundstück an die Deutsche Reichspost zu verkaufen,<br />

die in der Villa ein Schulungslager für ihre weibliche Gefolgschaft<br />

einrichtete. Gegen Ende des Krieges diente das Haus als Lazarett.<br />

Nach 1945 wurde die Liebermann-Villa gemeinsam mit der benachbarten<br />

Villa Hamspohn zur chirurgischen Abteilung des Städtischen<br />

Krankenhauses Wannsee. Das ehemalige Atelier Max Liebermanns<br />

fungierte als Operationssaal.“ 2 1951 erhielt die Familie das Haus<br />

zurück und verkaufte es einige Jahre später an das Land Berlin.<br />

1971 kommt Julius <strong>Posener</strong> ins Spiel. Unter der launigen Überschrift<br />

„Liebermann und die Froschmänner“ veröffentlichte er einen Text<br />

im Tagesspiegel. 3 Der Garten des Sommerhauses, das zwischenzeitlich<br />

leer gestanden hatte, war zu jenem Zeitpunkt nach seinem


46<br />

Kunstquartier Bethanien, 1989<br />

Entwurf für eine Wohnbebauung hinter dem<br />

Bethanien von Sigrid Kressmann-Zschach,<br />

DIE WELT, 19.3.1969, S. 18


47<br />

Diakonissenkrankenhaus /<br />

Kunstquartier Bethanien<br />

„Baukritik muss sein !“<br />

Rund um das heutige Kunstquartier Bethanien in Berlin-Kreuzberg<br />

rankt sich eine <strong>Posener</strong>-Legende, die bei den Recherchen<br />

für diese Häusergeschichte eine Entzauberung erfahren hat. Auf<br />

einer Gedenkveranstaltung des Berliner Werkbunds für J. P. in der<br />

Akademie der Künste am Hanseatenweg hatte Ulrich Conrads von<br />

einer <strong>Posener</strong>’schen Heldentat im Jahr 1967 berichtet. Damals war<br />

gerade bekannt geworden, dass dem Diakonissenkrankenhaus am<br />

Mariannenplatz Gefahr durch Abriss drohte:<br />

„Julius <strong>Posener</strong> und ich haben uns verschworen und gesagt, das<br />

kann nicht passieren, dass dieses Gebäude hier verschwindet. Wir<br />

haben uns im Werkbund Verstärkung geholt und versucht, diese<br />

Sache zu retten. Wir haben mit Scharf [dem damaligen Berliner Landesbischof]<br />

und mit vielen Menschen gesprochen. Ich weiß nicht<br />

mehr, wer auf die Idee gekommen ist, zu sagen, dann müssen wir<br />

nach Bonn gehen ins Parlament. Und das haben wir auch gemacht.<br />

Wir haben dem Parlament geschrieben, und – oh Wunder – die<br />

gesamtdeutsche Kommission des Bundestags hat sich der Sache<br />

angenommen und ist unserer Einladung gefolgt. […] Sie reisten an<br />

und wurden von keinem anderen als Julius <strong>Posener</strong> durch dieses<br />

Gebäude geführt. Und diese Führung kann man sich eigentlich nur<br />

so vorstellen, wie man Warzen bespricht. Ganz ungeheuer überzeugend,<br />

mit dieser unaufgeregten und dennoch akzentuierten, kräftigen<br />

Betonung dessen, worauf es ankam. Die Kommission fuhr<br />

nach Bonn zurück und hat dem Senat auferlegt, der Architektin,<br />

die inzwischen den Abbruch der Seitenflügel bereits beim Landesdenkmalpfleger<br />

durchgebracht hatte und die hier geplant hatte, das<br />

Gelände mit bis zu 16-geschossigen Wohntürmen zu bebauen, das<br />

Projekt wieder zu entreißen, den Schwestern die fünf Millionen<br />

Altersgeld zu geben und dieses Gebäude zu übernehmen. So kann<br />

man sagen, dass es Julius <strong>Posener</strong> war, der dieses Haus gerettet


56<br />

Rudolf-Virchow-Krankenhaus, 1988, im Vordergrund noch erhaltene Pavillons von Ludwig Hoffmann


57<br />

Rudolf-Virchow-Krankenhaus<br />

„… dann werden wir uns<br />

eben weiter streiten.“<br />

Der Kampf gegen die Zerstörung von Bauten des Rudolf-<br />

Virchow-Krankenhauses (RVK), zu Beginn des 20. Jahrhunderts<br />

von Ludwig Hoffmann erbaut, hielt Julius <strong>Posener</strong> über mehrere<br />

Jahre hin weg in Atem. In der Debatte, die in der Stadt ab 1986<br />

hohe Wellen schlug, zog er alle Register, nutzte strategisch die ihm<br />

zur Verfügung stehenden Medien und Foren, von der Tageszeitung<br />

bis zum Rundfunk, vom Denkmalbeirat bis zum Werkbund, sowie<br />

mehrere öffentliche Auftritte, darunter eine Ausstellungseröffnung,<br />

das Schinkelfest und eine Preisverleihung, um zur Rettung aufzurufen.<br />

Er korrespondierte intensiv mit Kollegen der Presse, die er zu<br />

einem gemeinschaftlichen Vorgehen gegen den Abriss animierte.<br />

Gerade diese Kommunikation hinter den Kulissen ist wegen ihrer<br />

Unverblümtheit interessant – obwohl alle Mühe am Ende vergebens<br />

war.<br />

Ludwig Hoffmann war von 1896 bis 1924 Stadtbaurat von Berlin.<br />

Zu jener Zeit galt man in diesem Amt noch als „der erste Architekt<br />

seiner Stadt“, wie es der Journalist Günther Kühne in der Radiosendung<br />

„Kunst auf Eins“ im RIAS treffend umschrieb. 1 Anders als<br />

wir es heute kennen, verwaltete man das Bauen nicht, man baute<br />

vor allem selbst. Hoffmann war es in seinem Amt persönlich vorbehalten,<br />

gemeinsam mit dem berühmten Arzt Rudolf Virchow die<br />

Pläne für ein großes Krankenhausareal im Bezirk Wedding zu entwickeln<br />

und diese dann ab 1899 auch umzusetzen. Virchow verstarb<br />

kurz vor der Fertigstellung der Anlage. Seine Witwe schrieb nach<br />

der Eröffnung im Jahr 1906 einen Brief an Hoffmann, aus dem Günther<br />

Kühne zitierte. Sie sei von der Besichtigung „tief bewegten und<br />

dankerfüllten Herzens“ zurückgekehrt, in dem Bewusstsein, dass<br />

dieses Krankenhaus „das herrlichste Denkmal“ bleiben werde,<br />

das dem Verstorbenen jemals habe gesetzt werden können. Kaiser<br />

Wilhelm II. soll sogar gegenüber Hoffmann bekannt haben: „Was


70<br />

Schaubühne am Lehniner Platz, 1982<br />

Der zu großen Teilen zerstörte Mendelsohn-Bau, 1979,<br />

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.2.1979, S. 21


71<br />

Universum-Kino /<br />

Schaubühne am Lehniner Platz<br />

„… denn es ist am Ende<br />

nicht alles gut.“<br />

Berlin gehörte im Europäischen Jahr des Denkmalschutzes 1975<br />

mit mehreren Sanierungsgebieten zu den fünf Beispiel städten<br />

der BRD. Umso wütender machte es Julius <strong>Posener</strong>, als ihm just in<br />

jenem Jahr ein Dokument in die Hände fiel, auf dem ein Grundstück<br />

am Kurfürstendamm zum Verkauf angeboten wurde. Dem Tagesspiegel<br />

sandte er daraufhin folgendes Manuskript zu:<br />

„Vor mir liegt ein interessantes Angebot. Die Firma Prox<br />

Immobilie bietet ein Grundstück ‚in exklusiver Citylage‘ zum<br />

Verkauf an. ‚Das unbelastete Grundstück ist mit einem abrissreifen<br />

Althaus bebaut. Kaufpreis 5 Millionen.‘ Das abrissreife<br />

Althaus ist das Kino am Lehniner Platz, Erich Mendelsohns<br />

‚Universum‘.<br />

In der Liste Berliner Baudenkmäler ist Mendelsohns Kino nicht<br />

enthalten. Ein paar recht fragwürdige Gebäude stehen drin.<br />

Mendelsohns Kino nicht. Die Liste bedarf der Überholung. Das<br />

weiß auch der Landeskonservator. Anfrage: Kann man den<br />

Mendelsohn-Bau unter Denkmalschutz stellen? ‚Theoretisch<br />

ja‘, ist die Antwort: Die Stadt kann jedes Gebäude in ihre Obhut<br />

nehmen, welches sie für ‚denkmalswert‘ erachtet. Aber da<br />

ist der Kaufpreis von 5 Millionen. Macht der Besitzer Schwierigkeiten<br />

– und das wird er: er will ja abreißen –, so müsste<br />

die Stadt bereit sein, ihm das Haus abzukaufen. Ob sie dazu<br />

imstande ist, kann ich nicht beurteilen. Ebenso wenig maße ich<br />

mir an zu beurteilen, ob gewisse, sehr kostspielige Bauunternehmen<br />

der jüngsten Zeit – Flughafen, Kongresszentrum – das<br />

sind, was man gesunde Investitionen nennt. Nur dies: Für<br />

Bauvorhaben, von denen sich die Stadt etwas verspricht, steht<br />

Geld zur Verfügung (weit über eine Milliarde Mark). Aber fünf<br />

Millionen lediglich dafür auszugeben, ein Meisterwerk der


80<br />

Kino Babylon, 1991<br />

Originalzustand des großen Saals nach Poelzig, 1929


81<br />

Kino Babylon<br />

„Da is Musike drin.“<br />

Alle bisherigen Häusergeschichten haben sich in Julius <strong>Posener</strong>s<br />

Heimat Westberlin zugetragen. Doch gibt es ein Projekt, das<br />

ihn gleich nach der Maueröffnung in den Ostteil der Stadt führte.<br />

Dort engagierte er sich ab 1990 für einen Bau von Hans Poelzig, seinem<br />

hochgeschätzten Lehrer an der Technischen Hochschule Berlin.<br />

Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten war J. P. bemüht, den<br />

Rück-Umbau des 1928/29 errichteten Babylon-Kinos am heutigen<br />

Rosa-Luxemburg-Platz in seinen Originalzustand zu erwirken. Einer<br />

Versuchsanordnung gleich, ging es in diesem Fall um die Frage,<br />

was im Denkmalschutz als richtig oder falsch zu bewerten sei, ob<br />

im Konfliktfall die Zeitgeschichte Vorrang vor der Ästhetik haben<br />

solle oder umgekehrt, die Ästhetik vor der Zeitgeschichte. Auch<br />

beim Babylon bildeten sich zwei Lager: Die einen wollten authentische<br />

historische Schichten bewahren, die sich in dem mehrfach<br />

umgebauten Haus ablesen ließen. Die anderen, unter ihnen Julius<br />

<strong>Posener</strong>, wollten einen verlorenen „originalen“ Bauzustand wiederherstellen,<br />

dem sie einen höheren Wert beimaßen als allen späteren<br />

Überformungen. Der letztlich gefundene Kompromiss – vorne<br />

Poelzig, hinten Ostmoderne mit Goldrand – hätte <strong>Posener</strong> garantiert<br />

nicht gefallen.<br />

Das Kino ist in eine fünfgeschossige Blockrandbebauung integriert<br />

und war Teil eines städtebaulichen Plans von Hans Poelzig<br />

für dieses Areal, das früher Bülow-Platz hieß und damals wie heute<br />

von Oskar Kaufmanns 1915 erbauter Volksbühne beherrscht wird.<br />

Deren bauliche Rahmung war 1925 Gegenstand eines Wettbewerbs.<br />

Der Jury gehörte unter anderen auch Hermann Muthesius<br />

an, es gewann der Architekt Johann Emil Schaudt. Aber noch bevor<br />

es zur Umsetzung des Siegerentwurfs hätte kommen können,<br />

trat Martin Wagner das Amt des Berliner Stadtbaurats an, der die<br />

Ergebnisse des alten Verfahrens überholt fand und sich nicht an sie


92<br />

West und Ost,<br />

Alt und Neu<br />

West und Ost<br />

Außer den Plänen für das Kino Babylon erregten im Osten<br />

Berlins auch der geplante Umbau der Neuen Wache unter<br />

den Linden und der bereits zu Beginn der 1990er Jahre diskutierte<br />

Wiederaufbau des Stadtschlosses das Interesse <strong>Posener</strong>s,<br />

genauer gesagt, provozierten seine Kritik. Auch der Prozess des<br />

Zusammenwachsens der Stadt ließ ihn nicht kalt, unter anderem<br />

äußerte er sich kritisch zu den großen Bauvorhaben am Potsdamer<br />

Platz:<br />

„Ich weiß nur, wer nicht entscheiden soll: Daimler-Benz und<br />

Sony. Man stelle sich das vor: Man kommt an eines der drei<br />

wich tigsten Eingangstore des historischen Berlin, und wem<br />

begegnet man? Einem Auto- und einem Videorekorderkonzern.“ 1<br />

In einem Leserbrief an den Tagesspiegel nannte er den Potsdamer<br />

Platz einmal „Daimler-Sony-Platz“ und fragte: „Wie lange wird es<br />

noch dauern, bis Berlin Benzin heißen wird?“ 2<br />

Zu jener Zeit war J. P. schon fast 90 und zunehmend gesundheitlich<br />

beeinträchtigt, das muss man sich klar machen. Die allgemeine<br />

Euphorie und Goldgräberstimmung, die über Berlin und den so<br />

unverhofft anstehenden Bauaufgaben lagen, passten nicht zu seiner<br />

Bedächtigkeit. Oder er passte nicht mehr in diese Zeit. Er publizierte<br />

immer weniger, seine Themen, die Vororte und ihre Landhäuser,<br />

gerieten aus dem Blickfeld, weil es plötzlich darum ging, die Mitte<br />

der Stadt neu zu erfinden. Das Insel-Dasein Westberlins gehörte der<br />

Vergangenheit an, <strong>Posener</strong>s Alleinstellung als mahnende Stimme<br />

für das bauliche Erbe auch.<br />

Als es um die Neue Wache ging, bezeichnete <strong>Posener</strong> das Vorgehen<br />

des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, als anmaßend.


93<br />

Der Pavillon Unter den Linden, 1818 von Karl Friedrich Schinkel als<br />

Wachgebäude errichtet, 1931 von Heinrich Tessenow zum Ehrenmal<br />

umgestaltet, war nach den Zerstörungen durch den Krieg zu DRR-<br />

Zeiten wieder aufgebaut worden, allerdings im Innenraum verändert.<br />

Für <strong>Posener</strong> wäre jetzt, nach dem Fall der Mauer, nur eine Wiederherstellung<br />

des Tessenow-Entwurfs in Frage gekommen, mit zwei<br />

Leuchtern und einem auf einem Sockel liegenden Metallkranz. Dass<br />

für die neue zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland<br />

stattdessen eine im Maßstab deutlich veränderte Pieta von Käthe<br />

Kollwitz aufgestellt wurde, fand er der Aufgabe des Ortes thematisch<br />

nicht angemessen. Außerdem tue man der „innigen Skulptur“<br />

der Künstlerin durch die vielfache Vergrößerung Gewalt an. 3<br />

Ein wiederaufgebautes Stadtschloss, leicht schräg in die Achse der<br />

„Linden“ gestellt, hielt er städtebaulich für einen Gewinn. Aber<br />

inhaltlich hatte er große Bedenken, wie er in einem Brief gegenüber<br />

einem Mitarbeiter der Akademie der Künste bekannte:<br />

„Ich meine, der Neubau des Schlosses an der alten Stelle<br />

werde peinlich wirken – und peinlich bleiben: Es wird nicht<br />

so altern, wie das ursprüngliche Schloss gealtert ist. […]<br />

Bedeutend scheint mir zu sein, dass das Schloss seit 1918 leer<br />

wirkte. Es war zu nichts mehr da, und das spürte man, sobald<br />

man eintrat. Das wird bei dem Neubau schlimmer sein. […]<br />

Für jede geplante Nutzung wird das Schloss zu groß sein, zu<br />

anspruchsvoll. Es ist, fürchte ich, in seiner endgültigen Form,<br />

die auch ich erst nach der Abdankung des letzten Herrschers<br />

gesehen habe, – und da wirkte es leer, – nicht wieder zum<br />

Leben zu bringen.“ 4<br />

Wie es aussieht, könnte er auch hier recht behalten.<br />

Alt und Neu<br />

Julius <strong>Posener</strong>s Herz schlug für das Alte. Nicht erst nach dem Mauerfall,<br />

schon früher betrachtete er viele Neubauten eher skeptisch.<br />

Als er in jungen Jahren begann, für die L’Architecture d’Aujourd’hui<br />

zu schreiben, habe die Avantgarde in ihm keinen Propagandisten<br />

gehabt, schrieb Manfred Sack 1983 in der ZEIT. 5 <strong>Posener</strong> habe ihm<br />

gegenüber bekannt: „Ich war schon sehr reaktionär“. Auch in Berlin<br />

fiel er nicht als Fürsprecher des Neuen auf. Kaum zu glauben,


98<br />

Neue Nationalgalerie, 1970


99<br />

Neue Nationalgalerie<br />

„… um es einmal hart zu sagen,<br />

eine Krambude.“<br />

Im September 1968 eröffnete an der Potsdamer Straße die Neue<br />

Nationalgalerie und die Architekturwelt feierte die Heimkehr Ludwig<br />

Mies van der Rohes nach Berlin. 1962 hatte der 1938 in die USA<br />

ausgewanderte Architekt den Direktauftrag der Stiftung Preußischer<br />

Kulturbesitz für das Museum erhalten, der Baubeginn erfolgte 1965.<br />

Für 2020 ist die Wiedereröffnung des Hauses nach denkmalgerechter<br />

Sanierung durch das Büro David Chipperfield Architects angekündigt.<br />

Das Gebäude hat längst den Status einer Ikone, es gilt als Meilenstein<br />

des Museumbaus. Wer kennt und schätzt sie nicht, die „heilige<br />

Halle“, ihre wunderbaren Raumerlebnisse, ihr schwebendes<br />

Dach? Zahllose Ausstellungen haben hier stattgefunden, von Piet<br />

Mondrian bis Otto Piene, von Alberto Giacometti bis Jeff Koons,<br />

von Oswald Mathias Ungers bis Rem Koolhaas. Unvergessen die<br />

Besucherschlangen, die sich 2004 anlässlich des MoMA-Gastspiels<br />

um das Gebäude wickelten. 2015 verabschiedete die Gruppe Kraftwerk<br />

den Bau mit einer Serie von Konzerten in die Sanierungspause.<br />

Aus heutiger Sicht sakrosankt und über fast jede Kritik erhaben,<br />

brachte der Bau in seiner Entstehungszeit manchen Kritiker heftig<br />

ins Schlingern. Wie sollte man sich positionieren? Nun hatte man<br />

endlich einen Mies in Berlin, noch dazu einen so beeindruckenden.<br />

Die Besucher strömten in Scharen. Wer wollte da gleich wieder in<br />

die Suppe spucken? Gleichzeitig war es nie ein Geheimnis, dass<br />

Mies den Entwurf in wesentlichen Merkmalen nicht eigens für Berlin<br />

entwickelt hatte. Er griff auf einen ungebauten Vorschlag für den<br />

Rum-Hersteller Bacardi in Santiago de Cuba zurück, den er zuvor<br />

schon für das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt abgewandelt<br />

hatte. Und es war klar, dass der Bau für seinen eigentlichen Zweck,<br />

das Ausstellen von Kunst, keine allzu guten Bedingungen bot.


110<br />

ICC, 1980


111<br />

ICC<br />

„Einen Staubsauger<br />

haben wir bisher nicht für<br />

Architektur gehalten.“<br />

„‚Was halten Sie‘, fragt ich den Fahrer<br />

– Er steuert verschlossenen Gesichts –<br />

‚Vom Kongresszentrum dort, dem neuen?‘<br />

Er sagt lakonisch: ‚Nichts‘.<br />

O Fahrer, Du magst einst bereuen<br />

Dein karges verneinendes Wort.<br />

Am Kongresszentrum dort, dem neuen<br />

Da bauen sie munter fort.<br />

Sie bauen, so sagt man, die Zukunft.<br />

Man sagt das vielleicht etwas schnell.<br />

Denn unfertig wie’s ist, ist’s Vergangenheit schon:<br />

Es ist nicht einmal sensationell.“ 1<br />

Wen wird jetzt noch wundern, dass Julius <strong>Posener</strong> mit dem<br />

zwischen 1975 und 1979 erbauten Internationalen Con -<br />

gress Centrum (ICC) von Ralf Schüler und Ursulina Schüler- Witte<br />

nichts anfangen konnte. Für ihn war es keine Sensation. Mehr<br />

noch, an anderer Stelle schrieb er, er habe es gefürchtet und sogar<br />

gehasst. Es sei keine besondere Architektur, so sein hartes Urteil,<br />

allenfalls ein Designobjekt, ein aufwendiger Apparat ohne Sinn. In<br />

diesem Bau sei alles Räumliche durch Organisation ersetzt worden,<br />

was Jaques-Tati- Fantasien in ihm auslöste. Als Besucher<br />

bewege man sich nicht durch das Haus, sondern werde „prozessiert“.<br />

Vor allem aber hielt <strong>Posener</strong> das ICC für den Ausdruck eines<br />

politischen Willens – und zwar eines aus seiner Sicht völlig verfehlten<br />

Willens.<br />

„Das ICC ist eine genau und gut konstruierte Maschine für<br />

einen Zweck, den ich nur als politischen Zweck begreifen kann:<br />

Symbol einer Berlin-Politik, welche sich, dessen bin ich sicher,


120<br />

Familie <strong>Posener</strong> und Bedienstete vor dem Haus in der Karlstraße (heute Baseler Straße), circa 1908


121<br />

Wie Julius <strong>Posener</strong><br />

Architekturkritiker wurde<br />

arum Julius <strong>Posener</strong> nach seiner Rückkehr nach Berlin im<br />

W Jahr 1961 seinen Kampf für das bauliche Erbe aufnahm und<br />

warum er schrieb, wie er schrieb, lässt sich zu großen Teilen aus seiner<br />

Biografie ableiten, vor allem aus den prägenden ersten Berliner<br />

Jahren bis 1933.<br />

Eine glückliche Kindheit im Berliner Südwesten<br />

Julius <strong>Posener</strong> wurde am 4. November 1904 in Berlin geboren. In<br />

seinen Lebenserinnerungen Fast so alt wie das Jahrhundert 1 gab<br />

er als Adresse seines Geburtshauses „Potsdamer Straße 118 b“ an.<br />

Das Haus existiert heute nicht mehr, es gehörte damals der Familie<br />

mütterlicherseits. Großvater Julius Oppenheim, nach dem der<br />

Enkel auch benannt ist, hatte ein größeres Vermögen durch Immobiliengeschäfte<br />

erworben. <strong>Posener</strong> konnte das Haus und dessen<br />

Umbau durch den Architekten Bruno Schmitz aus späterer Anschauung<br />

zwar recht detailliert beschreiben, doch geprägt hat ihn diese<br />

innerstädtische Berliner Umgebung kaum. Er war nur ein Jahr alt,<br />

als die Familie nach Lichterfelde-West umzog. Schon 1905 begann<br />

also, wenn auch noch unbewusst, die enge Bindung <strong>Posener</strong>s an<br />

den Vorort als lebenslange Heimat.<br />

Sein 1862 geborener Vater Moritz <strong>Posener</strong> war Maler, seine 1872<br />

geborene Mutter Gertrud <strong>Posener</strong> brachte ein ererbtes Familienvermögen<br />

mit in die Ehe, was der Familie ein großbürgerliches<br />

und unbeschwertes Leben im grünen Südwesten Berlins ermöglichte.<br />

J. P. hatte zwei Brüder, Karl und Ludwig, der eine war zwei,<br />

der andere sechs Jahre älter als er. Zunächst wohnte die Familie<br />

in der Holbeinstraße in Lichterfelde in einem Haus, mit dem Julius<br />

<strong>Posener</strong> wenig positive Erinnerungen verband: „düster und weitläufig“<br />

sei es gewesen. Missbilligende Erwähnung fanden in seiner<br />

Beschreibung unter anderem ein großer modriger Garten, riesige


140<br />

Epilog – Architekturkritik<br />

als Instrument<br />

Julius <strong>Posener</strong>s Begriff von Architekturkritik war weit gefasst. Nie<br />

zielte sie darauf ab, geneigte Zeitungsleser zum Frühstück oder<br />

am Sonntagnachmittag auf dem Sofa mit schönen Formulierungen<br />

zu erbauen. Seine Architekturkritik war für den Alltag gemacht. Sie<br />

fand nicht nur im Feuilleton, sondern auch im Lokalteil und der Leserbriefspalte<br />

statt. Und nicht nur in der Zeitung und in Büchern, sondern<br />

auch im Rundfunk und im Fernsehen, im Hörsaal, auf Podien<br />

und bei Stadtspaziergängen. Sie war informativ und beschreibend,<br />

aber selten ohne Appell. <strong>Posener</strong> benutzte Architekturkritik, um<br />

etwas zu erreichen, als Publizist und zugleich als Hochschullehrer<br />

und Vertreter wichtiger Institutionen in seinen zweiten Berliner Jahren.<br />

In <strong>Posener</strong>s Nachlass finden sich Stellen, in denen er einen<br />

Brief als „Instrument“ bezeichnet oder von einem Buch, zu dem<br />

er beigetragen hat, explizit als positiv gemeintes „Werk der Propaganda“<br />

spricht. Er wusste stets, was er durch das Geschriebene<br />

erreichen wollte, auch wenn am Ende nicht alle seine Initiativen und<br />

Kampagnen zum gewünschten Erfolg führten.<br />

„Ach, so einen wie ihn bräuchten wir heute wieder!“, sagten viele<br />

meiner Gesprächspartner bei der Recherche zu diesem Buch.<br />

Warum? Was hatte <strong>Posener</strong>, was unsere gegenwärtige Architekturkritik<br />

vermissen lässt?<br />

Da ist zum einen die Vielfalt der „Werkzeuge“, die er benutzte.<br />

Es sind die zahlreichen Bühnen, auf denen er gleichzeitig spielte:<br />

Lehre, Journalismus, öffentliche Ämter. Es ist die Tatsache, dass er<br />

sich als Autor nicht im Verborgenen hielt, sondern als Person sichtbar<br />

machte und sich mutig aus der Deckung seiner Schreibstube<br />

herausbegab. Dann ist da dieses niemals demonstrativ zur Schau<br />

gestellte Bildungsfundament, auf dem seine Argumente standen.<br />

Und es ist nicht zuletzt die Schönheit seiner Sprache. Der Blick<br />

zurück auf so viele, aus unterschiedlichen Zeiten stammende und


141<br />

für verschiedene Zielgruppen verfasste Beiträge belegt, was Julius<br />

<strong>Posener</strong> auszeichnete – seine erzählerische und „bekennende“<br />

Art der Architekturkritik, seine weniger auf Details als vielmehr die<br />

Wirkung eines Baus bezogene Betrachtungsweise, seine bewusst<br />

nicht abgeklärt formulierten, auch Veränderungen unterlegenen,<br />

ganz persönlichen Urteile, die er immer wieder wagte. Er zeigte in<br />

seinen Texten und Vorträgen Mut zur Begeisterung, zu subjektiver<br />

Bewertung und einfachen, klaren Worten. Er gab seinen Lesern und<br />

Zuhörern Hinweise, worauf sie achten sollten, versuchte ihnen die<br />

Augen zu öffnen und ihren Blick auf das Wesentliche zu lenken. Eine<br />

mäkelige Grundhaltung, verschwurbelte Formulierungen oder abgehobene<br />

Verweise sind in seinen Texten nicht zu finden.<br />

Wenn es etwas gibt, was wir heute von <strong>Posener</strong> lernen können,<br />

dann dies: Architektur ist immer ein Politikum. Architekturkritik ist<br />

keine Randsportart im vielleicht ohnehin aussterbenden gedruckten<br />

Zeitungsfeuilleton. Sie gehört in viel mehr Medien, zurück ins Radio,<br />

in Podcasts und andere schnelle Social-Media-Kanäle. Sie ist nichts,<br />

was nur für einen kleinen, elitären Leserkreis gemacht sein darf,<br />

oder, noch größere Verschwendung, nur die schreibende Kollegenschaft<br />

beeindrucken will. Im Geiste Julius <strong>Posener</strong>s ist sie öffentliches<br />

Engagement und Aktivismus – ein kraftvolles Instrument, das<br />

den Lauf der Dinge verändern kann. Architekturkritik wirkt!

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