Schwarzweisse Heiratswünsche im Juristen-Dschungel - Golf Dornseif

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Schwarzweisse Heiratswünsche im Juristen-Dschungel - Golf Dornseif

Schwarzweisse Heiratswünsche im Juristen-Dschungel

Wie Kirche und Reich Kolonialmoral predigten

von Golf Dornseif

Um 1900 wurde die Frage der Mischehen zwischen weissen Männern und eingeborenen Mädchen

(unterschiedlicher Hautfarben und Rassen) immer brisanter in den deutschen Schutzgebieten und

Kolonien. 1903 gab es in DSWA ungefähr 700 weisse Frauen, durchweg verheiratet mit Europäern.

Von 1898 bis 1909 organisierte und finanzierte die Deutsche Kolonialgesellschaft zu Berlin die

Übersiedlung von 806 Personen nach Deutsch-Südwestafrika, davon 166 Ehefrauen, 122

Heiratswillige (Frauen) und 212 weibliche "Dienstboten", die nach dem Landgang rasch passenden

Anschluss fanden.

Als die beiden ersten grösseren "Transporte heiratswilliger Damen" kurz vor Weihnachten 1898 in

DSWA eintrafen, sprach man im Schutzgebiet amüsiert von der "Weihnachtskiste" frei Haus und

jubilierte. Nach und nach kam es aber auch zu Annäherungen zwischen weissen Männern und nichtweissen

Frauen mit dem Wunsch zur Legalisierung in Form einer standesamtlich fundierten und

kirchlich gesegneten Eheschliessung gut bürgerlicher Natur.

Die offizielle Statistik in den Denkschriften für die deutschen Schutzgebiete weist für 1907/1908 genau

166 Ehebündnisse zwischen nicht eingeborenen Männern und eingeborenen Frauen aus.

34 in Deutsch-Neuguinea, 90 in Deutsch-Samoa und 42 in Deutsch-Südwestafrika. Jedoch waren

sogenannte Reichsangehörige kaum betroffen, weil die Männer jeweils als "Ausländer" von der

Bürokratie registriert wurden (in den meisten Fällen). DSWA zählte 20 Eheschliessungen zwischen

Reichsangehörigen und eingeborenen Frauen.

NAMIB CHAMELEON

1905 beantragten zwei Soldaten der Schutztruppe kurz vor Ablauf ihrer Dienstzeit beim Distrikt-Chef

von Rehoboth, einem Offizier, die Erlaubnis zur standesamtlichen Heirat mit Mädchen des Baster-

Volks. Eine Entscheidung grundsätzlicher Art sollte der Gouverneur fällen, was in Windhoek als lästig

empfunden wurde. Also reichte man den Fall auf dem Dienstweg an das Auswärtige Amt

(Kolonialabteilung) nach Berlin weiter. Dort erregte die Angelegenheit einiges Unbehagen, und die

Akte ging zurück nach Windhoek "zur gefälligen Direktentscheidung vor Ort ..."

CHAMELEO NAMAQUENSIS


Rechtsordnung nach zweierlei Mass

Die Rechtsverhältnisse der Bevölkerung in den deutschen Kolonien und Schutzgebieten wurden

seinerzeit durch das Schutzgebiet-Gesetz nach rassischen Merkmalen geordnet, und man teilte ein in

"Eingeborene" sowie "Nicht-Eingeborene" (mit getrennter Rechtspraxis). Ein Eingeborener war – nach

deutscher Auffassung – eine Person, die nicht zu den Weissen oder Angehörigen europäischzivilisierter

Staaten zählte oder die nicht aus politischen Gründen ... mit solchen Personen gleich

behandelt werden musste im Fall einer besonderen gesetzlichen Regelung ...

Diese verschachtelte Ausdrucksweise hatte ohne Zweifel massive aussenpolitische Gründe: Auf

Wunsch Kaiser Wilhelms II. durften zum Beispiel Japaner laut Anordnung vom 9.November 1900 nicht

als Eingeborene behandelt werden, ebensowenig die (indischen) Parsen der Zoroaster-Religion und

christliche (indische) Bewohner Goas sowie Syrer. In der Schutzgebiet-Region Deutsch-Samoa waren

die Chinesen ebenfalls "Weisse ehrenhalber". Anordnungen oder Bestimmungen darüber, wer als

Mischling zu gelten hat, existierten jedoch nicht.

Erstaunlicherweise regten ausgerechnet viele Missionare in den Pionierjahren der deutschen Schutzherrschaft

über Südwestafrika an, Rassenmischehen "zur Verbreitung des Christentums, zur

Förderung des Deutschtums und zur Hebung tiefer stehender Volksstämme" ... durch allerlei

Massnahmen zu erleichtern.

Hans Tecklenburg, stellvertretender Gouverneur von DSWA, verschickte am 23. September 1905 eine

Weisung an sämtliche Standesämter innerhalb des Schutzgebietes, dass ab sofort keine

standesamtlichen Trauungen mehr zwischen Weissen und Nicht-Weissen vorgenommen werden

sollten bis zur Entscheidung in Berlin "wegen erheblicher Zweifel an der Zulässigkeit solcher

Trauungen ... und weil neben den rechtlichen, politischen und sozialen Folgen ... solche

Eheschliessungen als durchaus unerwünscht erachtet werden".

Am 17. März 1906 entschloss sich Gouverneur Gustav Adolf Graf von Götzen (1901 bis 1906) in

Deutsch-Ostafrika zu einer gleichartigen Massnahme.

Zara Schmelen selig (1793 - 1831)

In der historischen Aufarbeitung von Eheschliessungen zwischen Weissen und Schwarzen auf

afrikanischem Boden ist kaum bekannt, dass sich nicht nur Buren aus der Kap-Region zu kirchlichen

Trauungen mit eingeborenen Mädchen entschlossen sondern auch europäische protestantische

Missionare (fast immer gegen den Willen ihrer Vorgesetzten). Die Motive beider sozialer Schichten

waren unterschiedlich:

Die sogenannten Treckburen (Wanderherdenbesitzer) des 17. und 18. Jahrhunderts hatten selten

Gelegenheit, ein weisses Burenmädchen kennen zu lernen und fanden die kirchlich fundierte

Verbindung mit fleissigen Hottentottinen sowohl wirtschaftlich als auch sexuell reizvoll, obwohl viele

Glaubensbrüder darüber die Nasen rümpften. In der Abgeschiedenheit jener Epoche spielte

gesellschaftliche Anerkennung keine wesentliche Rolle während des Existenzkampfs.


Die ausgesandten Missionare hatten vielfältige und andersartige Probleme zu bewältigen. Erstens

fehlten ihnen Kenntnisse der Eingeborenensprachen zur erfolgreichen Glaubensverbreitung, zweitens

gab es keine weissen Ehe-Kandidatinnen mit europäischem Bildungsniveau und zuletzt schreckten

Missionsgesellschaften in London oder Wuppertal vor jeder Variante von "Intimität mit Wilden"

irgendwo auf dem Globus zurück.

Über das kurze Leben der Missionars-Ehefrau Zara Schmelen, einer schwarzen Missionsgehilfin und

Sprachpionierin im südlichen Afrika, berichtet die Wissenschaftlerin Ursula Trüper in ihrer in Buchform

vorliegenden Forschungsarbeit DIE HOTTENTOTTIN (Rüdiger Köppe Verlag, Köln 2000) erstmalig

ebenso gründlich wie umfassend auf 200 Seiten:

Johann Hinrich Schmelen, am 5. Januar 1778 als Sohn eines Kleinbauern im Dorf Kassebruch nahe

Bremen geboren, war das achte von zehn Kindern, lernte das Schmiedehandwerk und sah sich

unversehens in der misslichen Lage eines Wehrdienstverweigerers als 1805 das Kurfürstentum

Hannover an Napoleon fiel und lebensgefährliche Rekrutierung drohte. Er floh nach London, freundete

sich mit dem Prediger Steinkopf der deutschen Exilgemeinde an und geriet in den Kreis der

sogenannten Erweckungsbewegung jener Jahre.

Durch den Missionar Kicherer gab es "drei bekehrte Hottentotten" aus Südafrika zu sehen, die auf

Londoner Missionsveranstaltungen vorgeführt wurden. Das weckte wiederum den Wunsch, ebenfalls

Missionar zu werden, Die einflussreiche Londoner Missionsgesellschaft schickte Schmelen zurück

nach Berlin, wo der junge Mann vier Jahre das Jänickesche Missionsinstitut zur Ausbildung

absolvierte. So paukte er – völlig sinnlos – Lateinisch und Griechisch, auch etwas Englisch, aber die

Eingeborenensprachen blieben ihm fremd. Rechnen, Schreiben und Mathematik standen gleichfalls

auf dem missionarischen Lehrplan ... und das war alles zur Vorbereitung auf den schwarzen

Kontinent.

Im September 1811 ging Johann mit anderen frisch gebackenen Missionaren in Kapstadt an Land. Im

April 1814 brach Schmelen zu einer Expedition nach Gross-Namaland auf, heute Namibia, drohte dort

von Löwen und räuberischen Eingeborenen überfallen zu werden. Erst vier Jahre später schrieb

Schmelen nach London über alle Begebenheiten und kommentierte umständlich die Motive seiner

Eheschliessung mit einer schwarzen christlichen Hottentottin.

Der junge Missionar war spontan vom Dienst bei der London Missionary Society "beurlaubt" worden

Man unterstellte Schmelen sowie einigen weiteren Missionaren, die schwarze Frauen geheiratet

hatten, dass sie "im Zustand der Sünde" lebten und keineswegs rechtmässig kirchlich getraut worden

seien.


Schmelens Brief, verfasst in Bethanien am 16.November 1818, ist ein denkwürdiges Dokument der

Missionsgeschichte und zeitgenössischen Moral geworden. Hier einige Auszüge (Original in

englischer Sprache):

"Zara, die jetzt meine Frau ist ... sollte ursprünglich auf dem Kutschbock meines Wagens sitzen beim

Wagenführer, aber der Ochse meines Übersetzers lahmte plötzlich und konnte nicht geritten werden

und der Mann musste deshalb auf dem Kutschbock Platz nehmen und Zara war gezwungen innerhalb

meines Planwagens unterzukommen ...

Wegen der kalten Jahreszeit mussten wir den Wagen geschlossen halten. Zara und ich waren die

einzigen Personen drinnen ... und ich bemerkte jetzt die Gefahr, in der ich mit einer weiblichen

Abhängigen war, jedoch konnte ich sie nicht hinausschicken oder gar in der Wildnis zurücklassen ...

Ich war in der grössten Verlegenheit, mit einer einzelnen Frau im Wagen zu sein, nicht um des

Sündigens willen, sondern um jeglichen Verdacht eines schwatzhaften Volkes (von Eingeborenen) zu

vermeiden, dessen Charakter ich so gut kenne ... Was auch immer ich planen würde, ich würde dem

Verdacht (der Sünde) nicht entkommen und so beschloss ich Zara einen Heiratsantrag zu machen

und zu ehelichen ...

Da Zara meine Versammlungen besuchte, hatte ich sie schon früher gesehen und als demütiges und

frommes Gemeinde-Mitglied betrachtet...

Ausschnitt vom

kolorierten Titeleinband

des im Jahr 2000

veröffentlichten Buchs

DIE HOTTENTOTTIN

(Ursula Trüper, Rüdiger

Köppe Verlag, Köln) mit

einer verschwommenen

Abbildung des Ehepaars

Johann und Zara

Schmelen auf ihrer

Missionsstation

Komaggas.

Ich glaube jetzt wirklich, dass ich eine bessere Lebenspartnerin in meiner jetzigen Lebenssituation

nicht hätte finden können. Meine sündigen Neigungen einen Augenblick beiseite gesetzt, wage ich vor

Gott zu erklären, dass ich ebenso weit entfernt bin mit ihr oder einer anderen Frau in Afrika eine

Sünde zu begehen wie die Heiligen vor dem Thron Gottes ... Da ich keinen Fehler in meiner Heirat

sehen konnte, hielt ich es nicht für notwendig das Ihnen gegenüber zu erläutern ... Ich werde weiterhin

Missionar bleiben!

Um Christi willen

H. SCHMELEN

Das kurze Leben einer Unbekannten

Am 6. Februar 1814 taufte Schmelen seine ersten Gemeindemitglieder im südlichen Afrika, darunter –

wahrscheinlich – eine Frau namens Zara Hendrichs. Zwischen April und Juni 1814 unternahm

Schmelen eine mühselige Erkundungsreise ins Innere des heutigen Staates Namibia, liess sich in

Klipfontein nieder und nannte seinen Sitz BETHANIEN.


Man findet BETHANIEN als Auto-Tourist nördlich von Goageb über die Teerstrasse B-4 und

Schotterstrasse C-14, etwa 30 km nördlich von Goageb. Wer Lüderitz oder Keetmanshoop besucht,

kann Abstecher nach BETHANIEN machen und sich das kleine Museum mit den übrig gebliebenen

Missionsgebäuden anschauen. Der verwahrloste Platz schaut trostlos aus, weil von einer

Denkmalpflege keine Rede mehr ist.

Die erste Tochter Anna Schmelen (später verheiratete Hartwell) kam am 18.November 1815 zur Welt,

und am 4.August 1817 gebar Zara ihr zweites Kind, Johanna Schmelen (später Kleinschmidt). 1819

ist das nächste Kind registriert als Friederika Schmelen (später Bam). Im gleichen Jahr werden die

"Freistellungen" von Missionaren mit schwarzen Ehefrauen aufgehoben. 1821 kam Nikolaas

Schmelen zur Welt.

Als 1822 Zara Schmelen allein im Haus war, weil ihr Ehemann zu längeren Reisen verpflichtet schien,

gab es zur gleichen Zeit zahlreiche Diebstähle von Schafen, die der Missionarsfamilie gehörten, und

Auseinandersetzungen mit einem Häuptling (Chief Kaggaps). Zara wurde von zwei Eingeborenen-

Frauen (Mutter und Tochter) niedergeschlagen und verletzt, sodass man vorsichtshalber zum Oranje

Fluss umsiedelte.

1823 teilt Schmelen mit, dass er (und seine Frau) begonnen hätten Teile der Bibel in die Sprache der

Nama zu übersetzen, eine unfassbar komplizierte Aufgabe: "Manchmal muss meine Frau das Wort

immer und immer wieder sagen, bevor ich den richtigen Ausdruck treffen kann ... " – Ein Jahr später

reist Familie Schmelen nach Kapstadt, um das erste Manuskript der Kapstädtischen Bibelgesellschaft

vorzulegen.

Dazu Schmelen: "Ich bemühte mich zuerst herauszufinden, wie viele unterschiedliche Klicks die Nama

in ihrer Sprache haben und welcher Teil des Mundes bei der Aussprache tätig wird. So nahm ich

einen Spiegel – meine Frau und ich sassen davor – damit sie genau zeigen und mir später sagen

konnte, wo und wie die Klick-Laute geformt werden". Aber wie sollten die Klicklaute als Buchstaben für

den Bleisatz präzise gegossen werden und welcher Schriftgiesser beherrschte diese Kunst?

Im Juni 1814 liess sich Missionar Johann Hinrich Schmelen

mit seiner eingeborenen Ehefrau Zara und einer Gruppe

Gefolgsleute in Bethanien (jetzt Namibia) nieder, um dort eine

Station zu gründen. Zara Schmelen versuchte eine

Hutmacher-Ausbildungsstätte für die einheimischen Kinder ins

Leben zu rufen.

Töchter Anna, Hanna und Friederika blieben in Kapstadt zurück, zehn, sieben und vier Jahre alt, und

sollten in der Familie des Missionars Miles europäisch erzogen werden. "Und später will ich sie in der

Schule beschäftigen und dort das Nama-Lesen statt des Holländisch-Lesens einführen!" – Schmelens

Missionskollege, der Brite Moffat, urteilte umgekehrt: "Es wäre kein grosser Verlust, wenn diese

Hottentottensprache vernichtet würde, obwohl es bei dem zerstreuten Zustand dieser Bevölkerung

nicht wahrscheinlich ist, dass wir das bald erleben werden ..."


Ende 1830 reisten Zara und Johann Hinrich Schmelen mit den Töchtern wieder nach Kapstadt, um die

übersetzten Bibeltexte in der Nama-Sprache endlich drucken zu lassen. Als die letzten Korrekturen

abgeschlossen waren, sagte Zara: "Nun ist mein Werk auf Erden getan, nun kann ich heimgehen".

Zara war unrettbar an Tuberkulose erkrankt, und Schmelen wollte mit ihr nach Komaggas

zurückkehren, doch der Planwagen brachte die Familie nur eine Tagesreise weit bis zu Botmas Hof,

einer alten Missionsherberge nicht weit von Tulbagh. "Dort schlief sie ein, sanft und müde ..."

Missionar Gustav Adolf Zahn von der Rheinischen Missionsgesellschaft notierte zu den Umständen:

"Sie hatte die Auszehrung (Tuberkulose) schon vier Jahre, beherrschte Nama und Niederländisch. Sie

sagte bei ihrem Übersetzungswerk stets, wenn dies fertig ist, so sterbe ich, dann habe ich Feierabend

und so ist es auch geschehen. So war denn ihre Lebenszeit in 35 Jahren schon beendigt..." (Am

5.April 1831).

Es mutet seltsam an, dass über die Situation beim Tod von Zara unterschiedliche Aufzeichnungen

überliefert wurden, denn Schmelen gibt in seinem Bericht für die Londoner Missionszeitschrift an,

dass Zara am 3.April aus Kapstadt in Kamaggas eingetroffen und nach drei Tagen schwerer Atemnot

im Kreis der Familie verstorben sei. Tochter Hanna wiederum schrieb in ihrem Lebenslauf: "Mutter ist

am 2.April 1831 auf Botmas Hof (Plaats) selig entschlafen ..."

Schmelens Schilderung vom Tod seiner Frau lässt sich – in ihrer quasi "Umdeutung" aus heutiger

Sicht – mit dem streng pietistischen Weltbild des Missionars erklären, denn das "gottselige Ende eines

guten Christen" durfte keinesfalls in einer schäbigen Herberge dokumentiert werden, musste also

"schön gefärbt" sein (für die Nachwelt). Vermutlich hat die Redaktion der Missions-Publikation

ebenfalls Wert auf eine "erbauliche Präsentation" der letzten Atemzüge gelegt, was uns heutzutage

zynisch erscheinen mag.

1989 brachte die Post

in Namibia eine

Sonderbriefmarke mit

dem Portrait Johann

Hinrich Schmelens

heraus, geboren 1777

und verstorben 1848.

Nach dem Tod seiner Frau veröffentlichte Schmelen keine weiteren Übersetzungen in der

Namasprache, weil ihm offensichtlich alle Fachkenntnisse hierzu fehlten. 1833 ging Schmelen eine

zweite Ehe ein, diesmal mit der jungen Frau Elisabeth Bam, die in Kapstadt eine Nähschule unterhielt

und zu den Farbigen (Coloured People) zählte. Der Vater war Spediteur, die Brüder arbeiteten als

Schreiner und Schneider. Jan und Christian zogen mit auf die Missionsstation Kamaggas 120 km

südlich vom Oranje. Jan Bam avancierte zum ersten farbigen Missionar, den die Rheinische

Missionsgesellschaft ordinierte. Am 26.Juni 1848 starb Schmelen auf Komaggas und Elisabeth

überlebte ihn nur um einige Monate. Es gibt keine Gedenkstätte für Kamaggas. (Nähe N-7

Fernstrasse, Ort Springbok).


Ein Skandal zieht Kreise

John Phillp, Missions-Superintendent der LMS in Kapstadt, 1820 dazu berufen, setzte sich energisch

für mehr Rechte der farbigen Bevölkerung in der Kap-Kolonie ein, missbilligte aber andererseits Ehen

zwischen weissen Missionaren und Hottentottinen (Khoikhoi).

1809 kritisierte der Londoner Missionar Carl August Pacalt aus Kapstadt seine Vorgesetzten in

Grossbritannien wegen deren Praxis, auch ledige Missionare auszusenden: "Eine Hottentottin zur

Frau zu nehmen, ist ein grosser Skandal unter all den Leuten hier und selbst unter den Farbigen". Am

12.Dezember 1808 schrieb der Londoner Missionar Johann Gottfried Ulbricht aus Bethelsdorp an die

Zentrale in Europa: "Die Brüder werden inzwischen erfahren haben, dass ich mich verheiratet habe

mit einer unserer Hottentotten-Schwestern, Elisabeth Windvogel. Ich glaube fest, dass sie dem Herrn

gehört und hoffe, dass die Brüder (in London) nichts gegen diese Ehe haben. Ich bedauere es

überhaupt nicht ..."

George Thom, LMS-Missionar und zeitweise Superintendent in Kapstadt, berichtete am 16.Februar

1814 nach London: "Drei Missionare haben Hottentotten-Frauen, was ihren Charakter erniedrigte in

den Augen der Kapstädter (weissen) Bevölkerung sowie der ganzen Kolonie, Es kann nicht erwartet

werden, dass die Manieren und die Kleidung einer Hottentottin einem Missionar gesellschaftlich

nutzen , denn er kann sie niemals in irgendeine Familie einführen und vorstellen .... "

"Dr. Theodosius van der Kemps (LMS-Superintendent Kapstadt) Ehe mit einem sechzehnjährigen

Sklavenmädchen war ausserordentlich schändlich (Kemp hatte aus seinem Privatvermögen sieben

Sklaven freigekauft und dann eines der schwarzen Mädchen geheiratet, was Bewunderung wegen

dieser Mildtätigkeit auslöste und zugleich Verachtung wegen der Rassenmischung). LMS-Missionar

Michael Wimmer meldete 1824 nach London: "Ich habe mich an einem neuen Platz nahe

Silverfountain niedergelassen nach dem Tod meiner ersten Ehefrau. Dieser Ort gehört dem Baster

(Bastard) Gert Buikes. Vor zwei Wochen habe ich eine Beziehung mit Margaretha Buikes befestigt,

einer Tochter von David Gert Buikes, einem der neuen Bekehrten, Um mit ihr getraut zu werden,

werde ich sie nach Kapstadt bringen".

Diskriminierung eines Lektors

In Deutsch-Ostafrika existierten intime Beziehungen zwischen europäischen Männern und

afrikanischen Frauen zunächst in Form der jederzeit lösbaren und von der europäischen Kolonial-

Oberschicht diskret geduldeten Konkubinate. Allerdings gab es im Vergleich zur afrikanischen

Bevölkerung von etwa sieben Millionen Menschen nur relativ wenige Europäer: Im Jahr 1901 zählte

man 1243 (zu 90 Prozent Männer).

Plötzlich kam es jedoch zu einem Skandal, der weite Kreise zog sowohl in der Kolonie als auch in

Berlin. Der hoch gebildete ostafrikanische Wissenschaftler Mtoro Bakari schilderte sein groteskes

Schicksal in einem Schreiben an den Direktor der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin

folgendermassen:

"Euer Exzellenz bitte ich ganz gehorsamst, den folgenden Darlegungen Gehör schenken und mich

aus meiner unverschuldeten Not retten zu wollen, Ich, Mtoro Bakari, gebürtig aus Dunda bei

Bagamoyo in Deutsch-Ostafrika, bin vom Juni 1900 an als Lektor am Orientalischen Seminar (in

Berlin) angestellt gewesen und habe bis 1904 dort ungehindert unterrichten können. Dann wollte ich

mich mit einem deutschen Mädchen in Berlin verheiraten, Geheimrat Vortisch im Auswärtigen Amt

besorgte mir aus Afrika die nötigen Papiere und am 29. Oktober 1904 habe ich vor dem Standesamt

in Charlottenburg die Ehe mit Bertha, geborene Hilske, geschlossen ...

Seit dieser Zeit wurden mir seitens der Zuhörer (Studierenden) des Herrn Professor Velten ständig

Schwierigkeiten bereitet. Die Ungehörigkeiten, die sich die Studierenden gegen mich zuschulden

kommen liessen, wurden schliesslich so stark, dass von einem ordnungsgemässen Studium nicht

mehr die Rede sein konnte und ich mich im Sommer gezwungen sah den Herrn Direktor zu bitten,

dass mir entweder die Erlaubnis erteilt würde schon jetzt – also ein halbes Jahr vor Ablauf meines

Vertrages – in meine Heimat zurück zu kehren, oder dass er mich gegen die Ungehörigkeiten der

Studierenden schützte ...


Ich bekam daraufhin die Erlaubnis zu reisen und die Kaiserliche Regierung bezahlte meine Rückreise.

Als ich per Schiff in Tanga ankam, erschien der Herr Bezirksamtmann an Bord und erklärte mir, dass

ich nicht an Land gehen dürfe. Auch in Daressalam erging es mir so bei der Obrigkeit im Hafen. Der

dortige Bezirksamtmann erläuterte, wenn ich das Land (die Kolonie) betreten würde, sollte ich 25

Stockhiebe bekommen ...

Als meine deutsche Ehefrau den Beamten fragte, was denn nun werden solle, antwortete der

Bezirksamtmann, die deutsche Regierung würde unsere Rückreise bezahlen und in Deutschland

könnte ich erneut am Orientalischen Seminar zu Berlin angestellt werden ..."

Wer schwarz heiratet, wird ausgewiesen ...

Schreiben vom 22. Februar 1906 des Missionskaufmanns Werner Thiel aus Tanga

(Deutsch-Ostafrika) an das Gouvernement, vertreten durch Gustav Adolf Graf von

Goetzen:

"Der Unterzeichnete will hiermit ganz ergebenst seinem

Wunsche Ausdruck geben, ein eingeborenes

Christenmädchen der hiesigen evangelischen Missionsstation

heiraten zu wollen und bittet um Ihre allergnädigste

Entscheidung, in welcher gesetzlichen Form dies geschehen

könnte, da das Kaiserliche Bezirksgericht sowie das

Kaiserliche Bezirksamt in Tanga dieser Frage nur mit grossen

Bedenken und der Möglichkeit einer Landesverweisung

entgegengekommen sind ..."

Antwort des deutschen Gouvernements vom 17. März 1906 als Folge der Eingabe:

"Auf die gefällige Anfrage vom 22. Februar 1906 teile ich

Ihnen ergebenst mit, dass zu meinem Bedauern Ihrer

beabsichtigten Eheschliessung mit einer Eingeborenen

erhebliche Bedenken entgegenstehen. Politische Gründe

sprechen dagegen, Ehen zwischen Europäern und

Eingeborenen zuzulassen ...

Die Standesämter werden deshalb ihre zum Abschluss der

Ehe nötige Mitwirkung zu versagen haben. Auch würde ein

Ehepaar, dessen einer Teil europäischer und anderer Teil

aber eingeborener Rasse ist, wenn es sich nach der

Eheschliessung im Schutzgebiet niederlässt, stets mit der

Möglichkeit einer Ausweisung zu rechnen haben..."

(Daraufhin verzichtete Missionskaufmann Werner Thiel auf weitere Pläne für eine Heirat)


Tatsächlich musste das schwarzweisse Ehepaar am 12. September 1905 (also am Tag der Ankunft in

Afrika) mit dem Reichspostdampfer KANZLER auf Befehl des Gouverneurs und auf Kosten der

Kolonialkasse zurückreisen und erlebte dann in Berlin eine weitere böse Überraschung, denn

niemand wollte den Lektor dort beschäftigen wie zuvor.

Eine Bittschrift an Kaiser Wilhelm II. blieb erfolglos trotz des Hinweises, dass es keine

Rechtsgrundlage für alle schikanösen Massnahmen gebe und dass das Deutsche Reich doch ein

Rechtsstaat sei. Darauf richtete der Wissenschaftler ein Schreiben an den Direktor der

Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes mit dem folgenden Argument:

"So bin ich, weil ich nach deutschem Gesetz eine rechtsgültige Ehe geschlossen habe, durch die

Organe der deutschen Regierung aus meiner Heimat Deutsch-Ostafrika verwiesen und hier in

Deutschland brotlos gemacht worden. Deshalb bitte ich, Euer Exzellenz wollten die Güte haben,

entweder mich mit meiner Ehefrau wieder in meine Heimat zurück zu befördern und mich dort wohnen

zu lassen oder mir hier in Berlin eine Anstellung zu verschaffen, in der ich ehrlich mein Brot verdienen

kann ..." (21.Dezember 1906).

(Anmerkung: Im Winter-Semester 19021903 unterrichtete Mtoro Bakari wöchentlich 17 Stunden

Swaheli und war auch als Ethnograph tätig, wie aus den Akten der Königlichen Friedrich Wilhelm

Universität hervorgeht, Seminar für Orientalische Sprachen).

Die Eheleute Bakari waren somit Opfer der Auffassung des Gouverneurs Graf von Götzen in Deutsch-

Ostafrika geworden, der in seiner Kolonie "aus politischen und moralischen Rücksichten" keine Heirat

zwischen einem Afrikaner und einer deutschen Frau offiziell duldete. Andererseits hatte die gleiche

deutsche Kolonialbehörde zur Vorbereitung der jetzt bekämpften Eheschliessung alle dafür

erforderlichen Dokumente bereitwillig ausgestellt und dem Standesamt in Berlin-Charlottenburg

übermittelt!

In der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes erkannte man inzwischen den Skandal, dessen

humanitäre Aspekte immer mehr Empörung auslösten und sich in der Presse spiegelten. 1909 gelang

es dem Ostafrikaner, mit Unterstützung der Behörde Honoraraufträge als Sprachlehrer zu bekommen

und 1909 eine feste Anstellung als Lektor am Kolonial-Institut zu Hamburg zu erhalten, wo er bis 1914

Swaheli unterrichtete. Es ist überliefert, dass Bakari bis in die zwanziger Jahre in Deutschland umher

reiste und Vorträge über Ostafrika hielt, um davon zu existieren.

Konsequenzen der Rassenmischehen

Der stellvertretende Gouverneur Tecklenburg (Windhoek) schrieb am 23. Oktober 1905 nach Berlin

unter anderem: "Die Konsequenzen der Rassenmischehe sind in hohem Grade bedenklich und

bergen eine grosse Gefahr in sich. Durch sie wird nicht nur die Reinerhaltung deutscher Rasse und

deutscher Gesinnung im Schutzgebiet DSWA, sondern auch die Machtstellung des weissen Mannes

gefährdet. Auch in Südafrika, wo der weisse Mann noch immer so sehr in der Minorität ist, muss er

sich der zahlenmässigen Übermacht des farbigen Elements gegenüber mit seiner Rasse behaupten.


Innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs (in Europa) konnten zur gleichen Zeit sogenannte

Rassenmischehen vor einem Standesbeamten überall rechtsgültig eingegangen werden, da weder

das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) noch das Personenstandsgesetz vom 6.Februar 1875 in der

Hautfarbe, Rasse oder Abstammung ein Ehehindernis sahen und sich die Form einer Ehe, die in

Deutschland geschlossen wurde, ausschliesslich nach den reichsdeutschen Vorschriften richtete.

Europäische Frauen, die im Verdacht standen, Beziehungen zu afrikanischen Männern zu

unterhalten, wurden umgehend aus den Kolonien und Schutzgebieten ausgewiesen (während

Europäer männlichen Geschlechts mit Kontakten zu eingeborenen Frauen keinerlei Nachteile oder

Repressalien fürchten mussten). Überliefert ist der Fall Else Kallenbach (Deutsch-Ostafrika) mit

Ausweisungsbefehl vom 6. Januar 1912. In der alten Heimat forderte ein Staatsanwalt Fuchs sogar

öffentlich, schuldige Männer (Afrikaner) mit Kastration zu strafen ...

(Anmerkung: In den französischen Kolonien billigte man Eheschliessungen ohne Einschränkungen

und in den britischen Kolonien verhielt es sich genau so, abgesehen von gesellschaftlichen

Diskriminierungen. Die spanischen Kolonialherren hatten gleichfalls keine Einwände).

Komplizierter wurde die Rechtslage bei Ehewünschen, Ehescheidungen und Erbangelegenheiten in

den deutschen Kolonien und Schutzgebieten, wenn Mischlinge wie die Rehoboth Baster darin

verwickelt waren. Die zuständigen kolonialdeutschen Amtsjuristen kannten kein Pardon und keinen

Ermessensspielraum wie das Beispiel der Ehescheidung des Frachtfahrers Kaspar Friedrich Leinhos

und seiner Frau Ada Maria demonstriert, einer Tochter des in Kanada geborenen Friedrick Thomas

Green und des "Herero-Weibes Kaipukire".

Bezirksgericht Windhoek, Urteil vom 26.September 1907: "Ob eine Person Eingeborener oder

Angehöriger der weissen Rasse ist, ist eine Tatfrage und keine Frage, die anhand von Rechtssätzen

zu beantworten wäre. Unter Eingeborenen will das Gesetz nach Ansicht des Gerichts die

Blutsangehörigen der in den deutschen Schutzgebieten oder benachbarten Gebieten eingesessenen

oder sesshaft gewesenen Halbkultur- oder Naturvölker verstanden haben, indem es andere Teile der

nicht weissen Bevölkerung als Angehörige fremder farbiger Stämme bezeichnet ...

Eingeborene sind sämtliche Blutsangehörige eines Naturvolks, auch die Abkömmlinge von

eingeborenen Frauen, die sie von Männern der weissen Rasse empfangen haben, selbst wenn

mehrere Geschlechter hindurch nur eine Mischung mit weissen Männern stattgefunden haben sollte."

Herr Baumann wird angeschwärzt

In dem strafrechtlichen Berufungsurteil gegen den Diplom-Ingenieur Hermann Ludwig Baumann vom

12.März 1913 zog das Obergericht Windhoek vernichtende Konsequenzen aus seiner Grundhaltung:

"Die Frage der Zugehörigkeit zu den Eingeborenen kann nur nach der allgemeinen

Verkehrsanschauung beurteilt werden, wie sie sich im Lauf der Zeit entwickelt hat. Man versteht

darunter sämtliche Blutsangehörige der in den Kolonien sesshaften oder eingesessen gewesenen

Natur- oder Halbkulturvölker und ihre Nachkommen ...

In DSWA wird die Nation der Baster (Bastarde) dazu gerechnet. Blutsangehörige dieser Stämme

bleiben die Abkömmlinge von Eingeborenen, die aus der Geschlechtsverbindung mit Angehörigen der

weissen Rasse hervorgegangen sind, als Folge der Blutsverwandtschaft. Es muss deshalb jeder,

dessen Stammbaum väter- oder mütterlicherseits auf einen Eingeborenen zurückgeführt werden kann

– also auch jeder Mischling – als Eingeborener betrachtet und behandelt werden ...

Auf den Grad der Blutsverwandtschaft mit dem Eingeborenen kommt es nicht an. Der Angeklagte als

Urenkel einer Eingeborenen ist deshalb als ein Eingeborener anzusehen und muss – so hart ihn dies

nach seinem Bildungsweg und seiner bisherigen Lebensstellung treffen mag – als Eingeborener

hiermit der Eingeborenen-Gerichtsbarkeit unterstellt werden ..."

Mit Berufungsurteil vom 26.Januar 1911 dehnte das Obergericht Windhoek den Grad der

sogenannten Blutmischung ebenfalls sehr weit aus, als es um die Strafsache gegen den Kaufmann

Willy Krabbenhöft ging. Im Urteil ist nachzulesen, dass "auch die Abstammung von einer Afrikanerin


im vierten Grad (Urgrossmutter) bei im übrigen europäischen Vorfahren genügt, um den Angeklagten

auf den niederen rechtlichen Status eines Eingeborenen umzustufen ..."

Das Bezirksgericht Keetmanshoop entschied in einer Klage des DSWA-Fiskus gegen acht Erben des

verstorbenen Farmers Hill, dass es keine Rolle spielt, ob "ein Mischling auf der Kulturstufe der

Eingeborenen steht oder sich in Bezug auf Kenntnisse, Fähigkeiten und Bildung mit jedem Weissen

messen kann ..."

Kuriositäten der Rassen-Auslegung

Betrachtet man die offizielle und unterschwellige Einstellung zu Rassenfragen im Deutschen

Reich und in den Schutzgebieten sowie Kolonien von ungefähr 1880 bis 1945, so ergeben

sich verblüffende Parallelen und Widersprüche je nach Epoche und Regime.

Dr. Heinrich Göring, erfahrener Jurist und Reichskommissar für Deutsch-Südwestafrika von

1885 bis 1889, respektiert und verehrt von der schwarzen Bevölkerung wegen seines stets

gerechten und verständnisvollen Auftretens, hatte keinerlei Bedenken das reichsdeutsche

Gesetz betreffend "Eheschliessung und Beurkundung des Personenstands vom 4,Mai 1870"

... auch im Schutzgebiet anzuwenden (ohne jede rassische Diskriminierung), fand jedoch in

Berlin kein Gehör.

Es mutet wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte an, dass viele Jahre später (im Dritten

Reich) der Sohn des Reichskommissars, der spätere Preussische Innenminister Hermann

Göring, auf Bitten seiner zweiten Ehefrau, der ehemaligen Schauspielerin Emmy Sonnemann,

verfolgte Juden aus Künstlerkreisen in historisch verbürgten Fällen vor der Verhaftung und

Einweisung in ein Konzentrationslager bewahrte mit der Redewendung "Wer hier Jude ist oder

nicht, das bestimme immer noch ich allein!"

Während Kaiser Wilhelm II. bis 1918 nach Belieben nicht-weisse Personen (in seinen

Kolonien und auch anderswo) aus Überlegungen der politischen Zweckmässigkeit ebenfalls

"rassisch umgruppierte" (zur Vermeidung diplomatischer Verwicklungen mit befreundeten

Staaten), setzte Adolf Hitler diese seltsame Tradition verblüffend ähnlich fort.

Weder im Kaiserreich noch im Dritten Reich durften Japaner rassisch diskriminiert werden,

ebenso wenig etwa Inder, was schwieriger zu verstehen ist, weil Inder in der Rassen-Ideologie

zwar zu den Ariern zählten – als höher wertige Rasse – andererseits aber vielfach so

dunkelhäutig sind wie Afrikaner ... und Afrikaner sind Schwarze bzw. Coloureds.

In Deutsch-Ostafrika ordnete man "aus politisch-religiösen Gründen" an, dass die der Religion

der Zoroaster angehörenden Parsen sowie die "christlichen Goanesen und Syrer" bevorzugt

als "Nicht-Eingeborene" und wie Weisse behandelt werden mussten. Die Basls bildete eine

Verordnung vom 9.November 1900 aus Berlin, eine sogenannte Gleichstellungsverordnung,

jeweils ergänzt durch Verordnungen vom 3.Oktober 1904 (Goanesen und Parsen) und vom

10.Juni 1910 (Syrer). Und am 6. Januar 1912 ordnete der Gouverneur von Deutsch-Samoa

plötzlich an, dass auch die Chinesen als Nichteingeborene zu respektieren seien.

Die zuvor erwähnten "politisch-religiösen Motive" zur Gleichbehandlung mit Weissen schienen

einem speziellen Wunsch von Kaiser Wilhelm II. zu entsprechen, der seinerzeit oft mit

bizarren religiösen Wertevorstellungen seine Umgebung überraschte und keinen Widerspruch

duldete. Zuverlässige Hintergrund-Informationen sind historisch nicht verfügbar.


Dubioser Onkel in Görlitzer Mädchenschule

Die Konstruktion der Amtsjuristen, hier ein blutbezogenes Unterscheidungsmerkmal zwischen

Eingeborenen und Nicht-Eingeborenen zu zementieren, führte unter anderem dazu, dass ein Mitglied

des Deutschen Reichstags, Ökonomierat Hoesch, in seiner Eigenschaft als "Präsident der Deutschen

Gesellschaft für Züchtungskunde" dem Reichskolonialamt mit Schreiben vom 21. April 1913 seine

Ansicht über das Urteil im Fall Baumann übermittelte:

"Der bestrafte Baumann (Obergericht Windhoek) ist auf Grund seiner Ahnentafel als sieben Achtel

weisser Rasse anzusprechen. Ein solcher Blutmischungsgrad gilt in der Regel – tierzüchterisch

gesprochen – als Übertritt in die reine Rasse. Bei geordnetem Standesamtsregister würde aber noch

nach der Erkenntnis des Obergerichts selbst ein 15/16 Blut oder sogar ein 31/32 Blut und auch noch

unendlich viel weiter gehende Blutverdünnung stets als nicht der weissen Rasse angehörig zu

bezeichnen sein ..."

Und der Bezirksamtmann von Karibib sah sich unter Hinweis auf das Urteil des Obergerichts vom 12.

März 1913 nicht in der Lage, die Eheschliessung zwischen dem Kaufmann Fritz Ewaldt und Mathilde

Kleinschmidt antragsgemäss vorzunehmen, weil die Urgrossmutter der Braut eine Afrikanerin

gewesen war.

Bald nach dieser Entscheidung sprach sich herum, dass ein Onkel der zur Eingeborenen umgestuften

Braut ... Rektor (!!!) einer Mädchenschule in Görlitz gewesen war (ohne Folgen für die deutsche

Rassenreinheit). Dieser (Mischlings-) Mann hatte im Deutschen Reich sogar Schulleiter werden

können, obwohl er dem sogenannten Eingeborenen-Ursprung um eine Generation näher stand als die

Verlobte Frau Kleinschmidt im Schutzgebiet!

Gouverneur Dr. Theodor Seitz (1910 bis 1915) wies ausdrücklich darauf hin, dass es zwar in

Deutschland angehen mag, juristisch zwischen Schwarzen und Weissen nicht zu unterscheiden, nicht

jedoch in den Schutzgebieten und Kolonien. Eine Begründung für den überdaus seltsamen

südwestafrikanischen Sonderweg gab er nicht ab.

Das musste früher oder später zu internationalen diplomatischen Verwicklungen und Protesten führen.

Theoretisch gab es in DSWA drei Kategorien von Bewohnern:

1. Nicht eingeborene Angehörige des Deutschen Reichs oder europäisch zivilisierter Staaten sowie

ihnen unter Umständen gleichgestellte Personen, die dem Recht der Nicht-Eingeborenen unterlagen.

(Beispiel: Japaner mussten als "Weisse ehrenhalber" respektiert werden, auch christliche Inder)


2. Eingeborene und die ihnen gleichgestellten Personen, für die das Recht der Eingeborenen

angewendet wurde. (Anmerkung: durchweg auch Mischlinge wie die Rehoboth Baster).

3. Angehörige des Deutschen Reichs oder europäisch-zivilisierter Staaten, die wegen ihrer

Abstammung von Eingeborenen gleich welchen Verwandtschaftsgrads rechtlich wie Eingeborene zu

behandeln waren. (siehe: Mischlinge wie Punkt 2).

Weil oft ausländische Staatsangehörige durch diese Rechtsauffassungen in den deutschen Kolonien

und Schutzgebieten betroffen waren, kam es zu Protesten fremder Mächte in Berlin und das

Reichskolonialamt reagierte jeweils schnell mit sogenannten Ausnahme-Entscheidungen, um

Grossbritannien, Frankreich, Portugal usw. nicht zu verärgern. Gouverneur Seitz folgte solchen

Anweisungen mit grossem Widerstreben in Windhoek, musste aber zähneknirschend Vollzug melden.

Überliefert ist zum Beispiel eine Vorsprache des britischen Botschafters in Berlin bzw. eine Anfrage

vom 11.Oktober 1912 beim Auswärtigen Amt. Thema war die Diskriminierung der vormals britischen

Staatsangehörigen Agnes Schubert, geborene Bowe aus rassischen Gründen im Schutzgebiet.

Gouverneur Seitz verweigerte zunächst den Gehorsam gegenüber der vorgesetzten Behörde und

ersuchte um eine Entscheidung des Reichskanzlers, musste schliesslich aber doch nachgeben. Es

existierte eine Regierungserklärung aus Berlin, in der ausdrücklich festgelegt war, dass "farbige

Angehörige" fremder Staaten nicht als Eingeborene behandelt werden durften ...

Weder Land noch Grossvieh oder Schnaps

Im allgemeinen weigerten sich die Standesbeamten in den Kolonien und Schutzgebieten des

Kaiserreichs, die aus einer rechtmässigen Ehe (zwischen Weissen und Nicht-Weissen) stammenden

Kinder in das Register für die Nicht-Eingeborenen (Geburten) einzutragen. Bei strenger Auslegung

dieser Rechtspraxis waren diese Kinder wegen ihrer Abstammung von einer eingeborenen Mutter

gleichfalls als Eingeborene anzusehen und somit rechtlich wie Eingeborene zu behandeln.

Der Vater konnte seinen Kindern (aus der Rassenmischehe) weder Grundbesitz noch Grossvieh

schenken oder vererben ... und es war ihm auch untersagt den engsten Familienangehörigen

alkoholische Getränke einzuschenken. Kreditgeschäfte mit den Kindern blieben gleichfalls verboten.

Hielt sich eine solche Familie zu Besuch in Swakopmund auf, durften die Mischlingskinder nicht (wie

der weisse deutsche Vater) den für Weisse reservierten Bürgersteig benutzen und mussten auf den

Fahrweg ausweichen ... (Paragraf 1, Verordnung des Bezirksamtmanns Swakopmund vom 18.Januar

1911 laut Amtsblatt)

Im Reichstag interessierten sich die Abgeordneten immer häufiger für das Mischehenproblem in den

Kolonien und die bestehende Unsicherheit in der Rechtsordnung. Sowohl die Fraktion der

Sozialdemokraten als auch die katholische Zentrumspartei verfassten am 8.Mai 1912 eine Resolution

für den Bundesrat mit dem Ersuchen "zur Einbringung eines Gesetzentwurfs, welcher die Gültigkeit

der Ehen zwischen den Weissen und Eingeborenen in allen deutschen Schutzgebieten und Kolonien

sicherstellt ..."

Die jeweiligen Gouverneure reagierten schroff ablehnend, die Theologen der beiden grossen

christlichen Konfessionen wollten weder ja noch nein sagen und flüchteten in abenteuerliche

Ausreden, um sich nicht festlegen zu müssen, denn in der Bibel gibt es keine Rassenprobleme zur

Orientierung nachzulesen. Der Windhoeker Präfekt Klaegle bemühte das Kanonische Recht zur

Ablehnung von Mischehen am 26.August 1912 und zog als Begründung das aufschiebende

Ehehindernis ecclesiae vetitum heran, das auf der "Befürchtung eines schweren Ärgernisses oder

Unheils aus der zu schliessenden Ehe" beruht! Mit anderen Worten: katholische Geistliche durften

keine "Mischpaare" trauen.

In einer Kommissionssitzung des Deutschen Reichstags vom 20. März 1912 empfahl Staatssekretär

Solf ernsthaft, dass man ... vielleicht durch eine Trennung der bürgerlichen von der kirchlichen

Eheschliessung Lösungsmöglichkeiten finden könne. Es sei nicht nötig, dass man an eine kirchlich

geschlossene Ehe alle üblichen Konsequenzen der bürgerlichen Heirat knüpfe (Erbrecht,

Versorgungsansprüche usw.).


Der protestantische Klerus fern der alten Heimat wollte zweigleisig fahren: Aus religiösen Gründen

könne man eine kirchliche Trauung von Misch-Paaren zwar nicht verweigern, doch sei es andererseits

angebracht solche Heiratspläne verwaltungsrechtlich so weit wie möglich zu erschweren. Eine

freimütige Billigung von Mischehen konnte sich keine (weisse) Konfession leisten, weil sonst die

Farmer und Siedler mit wütenden Kirchenaustritten reagiert hätten (wie man fürchtete).

Schliesslich war von Gouverneur Dr. Seitz zu vernehmen, dass man vielleicht "gebildete Nicht-

Weisse" von Fall zu Fall zu "Nicht-Schwarzen" umgruppieren könne, um ihnen Mischehen zu

ermöglichen als eine vorteilhafte Ausnahmeregelung zum Nutzen des Deutschen Reichs ... Der Staat

verleiht dann die Eigenschaften eines Weissen an würdige Personen!

Bald brach der Erste Weltkrieg aus und es gab andere Probleme zu lösen. 25 Jahre später erinnerte

sich das "Kolonialpolitische Amt der NSDAP" und beschloss auf dem Papier eine neue

Rassenordnung zur Rückeroberung der Kolonien. Noch 1940 arbeiteten die Optimisten in Berlin an

Entwürfen zu einem "Kolonialblutschutzgesetz" ... für später nach dem Endsieg.

Quellen:

+++++++

Harald Sippel: Im Interesse des Deutschtums und der weissen Rasse

(Jahrbuch für afrikanisches Recht, 9/1995)

Ursula Trüper: Die Hottentottin

(Köppe Verlag, Köln 2000)

Bundesarchiv Potsdam / Reichskolonialverwaltung

K. Münstermann: Rechtsstellung des deutschen Kaisers in den deutschen Schutzgebieten

(Jena 1911)

G.Braun: Zur Frage der Rechtsgültigkeit der Mischehen in den deutschen Schutzgebieten

(Greifswald 1912)

Stenographische Berichte, Verhandlungen im Deutschen Reichstag von 1898 bis 1900

Kolonialfachpresse, Dissertationen, Archive

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