MigraTouriSpace

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-697-7

Raummigration

und Tourismus

Stefanie Bürkle

Migrating Spaces

and Tourism


Allen Gesprächspartner*innen unserer Reisen in Korea und

Berlin gilt mein herzlicher Dank für ihre Mitwirkung und Unterstützung

bei diesem Projekt. Ihre Migrations- und Lebensgeschichten

sind in ihren Häusern und Geschäften manifestiert.

Dieses Buch handelt von ihnen und den koreanischen Tourist*innen

in Dogil Maeul in Korea und von den Kund*innen,

Besucher*innen und Tourist*innen im Dong Xuan Center in

Berlin, die mit uns ihre Erlebnisse teilten.

/

My heartfelt thanks go to all the interviewees during our journeys

in Korea and Berlin for their participation and support in

this project. The stories of their migration and lives are manifest

in their homes and businesses. This book is about these

interviewees and the Korean tourists in Dogil Maeul, Korea,

and about the customers, visitors and tourists at the Dong Xuan

Center, Berlin, who shared their experiences with us.

Projektbeteiligte:

Künstlerische und wissenschaftliche Leitung / artistic and

research director: Stefanie Bürkle, Fachgebiet Bildende

Kunst, Institut für Architektur (IfA), Technische Universität

(TU) Berlin

Künstlerische Mitarbeit, Projektkoordination,

Video, Schnitt, Interviews / artistic assistant, project

coordination, video, editing, interviews: Janin Walter,

Fachgebiet Bildende Kunst, IfA, TU Berlin

Wissenschaftliche Mitarbeit, Bildbearbeitung, Video,

Interviews / scientific assistant, image editing, video,

interviews: Ilkin Akpinar, IfA, TU Berlin

Wissenschaftliche Mitarbeit, Interviews / scientific

assistant, interviews: Berit Hummel, IfA, TU Berlin

Studentische Mitarbeit / student assistant: Tae Woon Hur,

Aaron Lang, Gabriel Banks

Projektbüro / project office: Carmen Preuß, IfA, TU Berlin

Studierende in Seminaren WS 2017 + WS 2019 /

students in tutorials: Filip Bencina, Giorgia Coluccia, Sermin

Devecioglu, Jingjing Du, Theo Griffon, Hanna Heldmann, Tae

Woong Hur, Sarah Klemisch, Martina Lustina, Katharina Lux,

Jöran Mandik, Tim Suthoff, Marina Sylla


Inhalt / Content

9 Mit Kunst forschen / Doing Research with Art

Ein Vorwort von / A Preface by Martina Löw

11 Bilderserien / Visual Essays

von / by Stefanie Bürkle

13 Verheimaten

Bilderserie / Visual Essay

33 MigraTouriSpace – Raum migration und Tourismus /

MigraTouriSpace – Migrating Spaces and Tourism

von / by Stefanie Bürkle

49 Transtopia

Bilderserie / Visual Essay

64 Das vietnamesische Dong Xuan Center in Berlin-Lichtenberg /

The Vietnamese Dong Xuan Center in Berlin-Lichtenberg

von / by Stefanie Bürkle, Janin Walter

104 Das Deutsche Dorf Dogil Maeul in der südkoreanischen Provinz Namhae /

Dogil Maeul – The German Village in Namhae County, South Korea

von / by Stefanie Bürkle, Janin Walter

117 Types and Translations

Bilderserie / Visual Essay

154 Über den Ursprung der künstlerischen Methoden aus Sicht der Kunst /

On the Origin of Artistic Methods from the Perspective of the Arts

von / by Stefanie Bürkle, Thomas Sakschewski

165 Künstlerische Methoden: Konkrete Beispiele der Kunst- und Forschungsprojekte

Migration von Räumen und MigraTouriSpace / Artistic Methods: Concrete

Examples from the Art and Research Projects Migrating Spaces and

MigraTouriSpace

von / by Stefanie Bürkle


175 Stadtlandrand

Bilderserie / Visual Essay

193 Refiguring Spaces

Bilderserie / Visual Essay

217 Literaturverzeichnis / Bibliography

219 Abbildungsverzeichnis / List of Figures

221 Autor*innen und Mitarbeiter*innen / Authors and collaborators

223 Impressum / Imprint


Mit Kunst forschen.

Ein Vorwort

Martina Löw

Die Ausstellung MigraTouriSpaceentstand als künstlerische

Forschung im Rahmen des Sonderforschungsbereichs (SFB)

1265 Re-Figuration von Räumen. In diesem SFB erforschen

rund 60 Wissenschaftler*innen die Veränderungen der sozialräumlichen

Ordnungen, die seit den späten 1960er-Jahren zu

beobachten sind. Wir sehen, dass sich insbesondere mit der

Intensivierung transnationaler Formen des Wirtschaftens,

mit Umbrüchen in der globalen politischen Geografie und mit

der Entwicklung und Verbreitung digitaler Kommunikationstechnologien

die Welt auf eine Weise gewandelt hat, die nicht

einfach als Globalisierung zu verstehen ist. Vielmehr zeigen

sich konfliktreiche Wandlungsprozesse, die – so die zentrale

Annahme – besonders deutlich zu erkennen sind, wenn man

sie als Refiguration von Räumen erfasst.

In den bisherigen Untersuchungen des SFB zeigt sich, dass

Raumkonstitution heute erstens zunehmend polykontextural

erfolgt, dass also im Handeln immer häufiger und immer

mehr Raumanordnungen zugleich wirksam werden. Zweitens

zeigt sich an vielen Einzelfallstudien, dass die Polykontexturalisierung

in einem engen Bedingungszusammenhang mit

der Mediatisierung kommunikativen Handelns durch digitale

Kommunikationstechnologien steht, was Menschen sowohl

ermöglicht als auch zwingt, gleichzeitig in verschiedenen Maßstabsebenen

sowie virtuell und face to facezu agieren. Vermittelt

durch die digitale Mediatisierung des Handelns und die

Zirkulation von Menschen, Dingen und Technologien kommt

es, so die dritte Einsicht, zu einer Translokalisierung, das heißt

zu einer Koppelung verschiedener Orte, wodurch die je konkreten

Orte an Relevanz gewinnen. 1

Stefanie Bürkle und ihr interdisziplinäres Team untersuchten

im Rahmen des SFB das Thema der Raummigration. Die künstlerischen

Forschungsschwerpunkte des Kunstprojektes

fokussierten dazu die Translokalisierung von Orten durch

Migra tionsprozesse, die Polykontexturalität der Raumerfahrungen

1 Wer mehr über die Forschungsergebnisse des SFB wissen möchte, dem

empfehlen wir den Sammelband Löw et al. 2021.

Doing Research with Art.

A Preface

9

Martina Löw

The exhibition MigraTouriSpace started

off as artistic research within the framework

of the Collaborative Research Centre

(CRC) 1265 Re-figuration of Spaces.

This CRC brings together around 60

researchers from different disciplines to

investigate the changes in socio- spatial

structures since the late 1960s. With the

intensification of transnational forms of

economic activity, upheavals in global

political geography and the development

and proliferation of digital communication

technologies, we have been witnessing

transformations worldwide that cannot

simply be understood in terms of globalisation.

Rather, the central premise of this

project is that conflict-ridden processes

of change are evident – and that these are

particularly apparent when they are perceived

as a refiguration of spaces.

Research conducted by the CRC to date

has shown that, firstly, spatial constitutions

today are increasingly polycontextural,

i.e., that more and more spatial

arrangements are having an effect simultaneously

in action contexts. Moreover,

many individual case studies show that

polycontexturalisation is strongly conditional

on the mediatising of communicative

action through digital communication

technologies. This both enables and

forces people to act simultaneously on

different spatial scales, as well as virtually

and face-to-face. Thirdly, digital mediatising

of actions and the increasing circulation

of people, things and technologies

leads to translocalisation effects, i.e., to

an interconnectedness of different places,

whereby the specific places gain in relevance.

1

As part of the CRC, the artist Stefanie

Bürkle and her interdisciplinary team

investigated the topic of migrating spaces.

The artistic research priorities of their

project focused on the translocalisation

1 For those interested in the CRC’s research results

to date, we refer to the volume edited by Löw et al.,

2021.


und des Raumwissens sowie die medial erzeugten Idealbilder

und Raumimaginationen des Urbanen durch Migration und

Tourismus. Ziel des Kunstprojektes war die künstlerische Visualisierung

der (unter anderem durch Mobilität erzeugten) Refiguration

von Räumen.

Das Kunstprojekt hat über drei Jahre hinweg eine eigene Forschung

in Form von Fallstudien durchgeführt und ist so den

Spuren der Refiguration von Räumen gefolgt. Auf eindrucksvolle

Weise ist es durch diese künstlerische Bestandsaufnahme

gelungen, anhand der untersuchten Raumpraktiken

und visuellen Raumanordnungen räumliche Veränderungen in

der Spätmoderne zu erheben. Die Arbeiten zeigen, wie Materialität,

also die sinnlich wahrnehmbaren und erfahrbaren Qualitäten

der Räume, Imaginationen von Welt verschieben.

Mit Kunst forschen – so lässt sich vielleicht Stefanie Bürkles

vielfältiger künstlerischer Ansatz am besten erfassen. Die

Künstlerin, Stadtforscherin und Kuratorin initiiert eigene Kunstund

Forschungsprojekte, mit denen sie urbane Themen wie

»Künstliche Welten«, »Fassade – Architektur« und »Mi gra tion

von Raum« mit unterschiedlichen Medien wie Malerei, Fotografie

und Video bearbeitet.

Ihre Projekte, wie Placemaking, Migrating Spacesund Atelier

+ Labor, integrieren nicht nur künstlerische und wissenschaftliche

Methoden, sondern veranschaulichen in ihrer

spezifischen Form Zusammenhänge zwischen Kunst und

Wissenschaft. Mit MigraTouriSpace, als Fortsetzung ihrer

bisherigen Arbeiten, gelingt es Stefanie Bürkle, eine kritische

Auseinandersetzung mit den konventionellen Wahrnehmungen

von Räumen zu realisieren und neue Lesarten

räumlicher Neuordnung zu erzeugen.

Stefanie Bürkle und ihr Team haben im SFB Re-Figuration

von Räumeneng mit Geograf*innen, Soziolog*innen, Architekt*innen,

Planer*innen und Kommunikationswissenschaftler*innen

im Verbund kooperiert. Die gemeinsamen

Diskussionen, die vielfältigen Befunde und die methodischen

Experimente sind in die künstlerische Arbeit eingeflossen und

werden so – über das Format der Ausstellung beziehungsweise

des Katalogs – der Öffentlichkeit präsentiert. Das Projekt

MigraTouriSpace zielt auf die Vermittlung der Arbeit

des SFB und dessen Ergebnisse durch eine Kunstausstellung,

die die Öffentlichkeit jenseits der beteiligten akademischen

Fächer und der Wissenschaft sowohl durch Besuch wie

auch entsprechende mediale Resonanzen anspricht. Es stellt

zugleich selbstständig eine dem Gegenstand des SFB gewidmete

künstlerische Forschung dar. Jede der Fallstudien untersucht

Räume, die durch Überschneidung und gegenseitige

Überlagerung der Phänomene Migration und Tourismus entstanden

sind. Stefanie Bürkle und ihr Team analysieren die sich

daraus ergebenden Raumbezüge. In eigenständigen Neuanordnungen

von Bildräumen verschränken und überschneiden

sich in der Ausstellung diese Projektionen (Re-Bilder) des abstrakten

Begriffs der Refiguration von Räumen und erschaffen

visuell erlebbare neue künstlerische Raumbezüge.

10

of places through migration processes,

the polycontexturality of spatial experiences

and spatial knowledge, as well as

the ideal images and imaginations of urban

spaces generated by media, that are produced

through migration and tourism. The

project aimed at visualising the refiguration

of spaces (a refiguration produced,

among other things, as a result of mobility)

through artistic means and methods.

Over a period of three years, the art project

conducted its own form of research

through case studies revealing the traces

of the refiguration of spaces. The team’s

artistic survey and exploration of spatial

practices and visual arrangements

give a fascinating glimpse into the spatial

changes characterising late modernity.

The works in the exhibition highlight

how the materiality of spaces, i.e., their

sensually perceptible and tangible qualities,

are gradually shifting imaginations of

the world.

Doing research with art is perhaps the

best way to describe Stefanie Bürkle’s

multifaceted artistic approach. The

artist, urban researcher and curator initiates

her own work and research projects

addressing urban themes such as »Artificial

Worlds«, »Façade – Architecture« and

»Migrating Spaces« using different media,

including painting, photography and video.

Her projects Placemaking, Migrating

Spacesand Atelier + Labornot only integrate

artistic and scientific methods; they

also illustrate, in their unique form, connections

between art and science. Migra-

TouriSpace, a formidable continuation

of Stefanie Bürkle’s previous work, critically

examines conventional perceptions

of space and creates new interpretations

of spatial re-orderings and arrangements.

In the research centre Re-figuration of

Spaces, Stefanie Bürkle and her team

closely cooperated with geographers,

sociologists, architects, urban planners

and scholars in communication studies.

The team’s discussions, joint findings and

methodological experiments were incorporated

into the project’s artistic work

and are now being presented to the public

via the format of an exhibition and catalogue.

The MigraTouriSpace project’s

aim of communicating the findings of the

research centre through an art exhibition

is intended to address academic disciplines

beyond those of its own researchers,

as well as a wider audience beyond the

academy, inviting both public views and

media echoes.

At the same time, however, the project is

an independent manifestation of artistic

research dedicated to the research centre’s

subject matter. Each individual case

study examines spaces created through

an overlapping and mutual superimposition

of the social phenomena of migration

and tourism, the multiple spatial relationships

of which Stefanie Bürkle and

her team have analysed in their unique

way. In the exhibition, the projections (»reimages«)

of the quite abstract concept of

refiguration of spacesinterlace and overlap

in standalone rearrangements of image

spaces, creating exciting visual experiences

of new spatial relations through art.


Bilderserien / Visual Essays

Stefanie Bürkle

In den hier gezeigten Serien (Verheimaten, Transtopia, Types

and Translations, Stadtlandrand, Refiguring Spaces) wird

eine Auswahl meiner Fotografien zu einem fortlaufenden Bilderband

angeordnet. Die Abwesenheit von Bildunterschriften

ermöglicht eine Beschäftigung mit den Bildern, die über eine

rein inhaltliche Zuordnung hinausgeht, und macht die Betrachter*innen

selbst zu Reisenden zwischen den Orten. Indem einzelne

Motive Bezug zum nächsten oder vorhergehenden Bild

aufnehmen, entstehen – über die Bilder hinweg – neue kompositorische

und inhaltliche Verbindungen. Objekte und Perspektiven

verweben die Bilder zu einer neuen visuellen Textur.

Anschlüsse und Übergänge stehen im Fokus der Betrachtung.

Einzelbilder werden unterbrochen und finden erst beim

Umblättern auf der nächsten Seite ihre Fortsetzung. Meine

Fotografien erfassen oft räumliche Randsituationen, die einen

Blick hinter die Kulissen vorgeblicher Räume werfen und so

neue Raumvorstellungen eröffnen. Die komplexe räumliche

Überlagerung von Tourismus und Migration und deren Polykontexturalität

in den Bilderserien werden visuell lesbar.

/

In the series that are shown here (Verheimaten, Transtopia,

Types and Translations, Stadtlandrand, Refiguring Spaces), a

selection of my photographs is arranged into a continuous row

of images. The absence of captions shifts viewers beyond a

mapping of the images that is purely tied to content and transforms

them instead into travellers between these locations.

As individual motifs establish references to the next or previous

image, new connections emerge – across and beyond

the images – on the level of composition and content. Objects

and perspectives work to weave the images into a new visual

texture: viewing becomes focused on connections and transitions.

Individual images are at times interrupted, continued

only when the page is turned. My photographs often capture

marginal spatial situations that provide a glimpse behind the

scenes of feigned spaces, thus opening up new ideas of space.

The series of images makes visually legible the complex spatial

overlapping of tourism and migration along with the polycontextuality

of both.

11


MigraTouriSpace – Raummigration

und Tourismus

Stefanie Bürkle

»Let’s just say I am a certain kind of tourist. A tourist that’s on a […] permanent vacation.«

(Allie Parker im FilmPermanent Vacation 1 )

Ein junger Mann driftet ziellos durch die verfallenen Straßen

der Lower East Side in New York Ende der 1970er-Jahre, er

durchstreift Grundstücke und erinnert sich an Räume, als

wären sie Menschen, die ihm begegnen. Jim Jarmusch konstru

iert in den Bildräumen seines ersten Films das Lebensgefühl

des Fremdseins. Ein Gegenbild zu den touristischen

Glanzbildern, in denen sich das »wirkliche«, das andere, pulsierende

Leben der Stadt abspielt. Allie ist ein Wanderer in

diesem nie endenden Dauerurlaub, wie alle Reisenden, die

sich fremd fühlen in den verlassenen Räumen des Industriezeitalters

und den Peripherien der (Post-)Moderne.

Selbst ein Ausstieg aus dem urbanen Alltag zu fernen Zielen –

im Falle von Allie ist das eine Reise nach Paris, zu der er am

Ende des Films aufbricht – impliziert die hohe Wahrscheinlichkeit,

dass auch das ersehnte exotische Paradies am Ende nur

Normalität ist.

»Wie dauernder Urlaub halt«, sagt Willi lakonisch über seinen

Lebensabend mit Blick aufs Meer in Südkorea. 2 Dort hat er

sich mit seiner koreanischen Ehefrau in Dogil Maeul (dt.: deutsches

Dorf) ein Einfamilienhaus mit rotem Ziegeldach und

weißem Putz gebaut. Sie hatten sich in Deutschland kennengelernt,

wohin sie in den 1970er-Jahren als Migrantin, eine

1 Permanent Vacation, USA 1980. Regie und Drehbuch: Jim Jarmusch.

2 Endstation der Sehnsüchte – Ein deutsches Dorf in Südkorea, Deutschland

2008/09. Regie und Drehbuchkonzept: Sung-Hyung Cho.

33

MigraTouriSpace – Migrating

Spaces and Tourism

Stefanie Bürkle

»Let’s just say I am a certain kind of tourist. A tourist that’s on a […] permanent vacation.«

(Allie Parker in the film Permanent Vacation 1 )

A young man wanders aimlessly through

the dilapidated streets of New York’s

Lower East Side at the end of the 1970s,

roaming through properties and remembering

spaces as if they were people

he meets. In the image spaces of his

first film, Jim Jarmusch constructs the

feeling of being a stranger. An antithesis

to the glossy tourist images in which the

»real« – the other, pulsating – life of the

city takes place. Allie is a wanderer in this

never-ending, permanent holiday, like all

travellers who feel foreign in the abandoned

spaces of the industrial age and the

peripheries of (post-)modernity.

Even dropping out of everyday urban life to

distant destinations – in Allie’s case, a trip

to Paris to which he sets off at the end of

the film – implies the high probability that

the longed-for exotic paradise, too, is anything

but normality.

»It’s like a permanent holiday,« Willi

says laconically about his twilight years,

which he is spending overlooking the

sea in South Korea, 2 where he and his

Korean wife have built a detached house

1 Permanent Vacation, USA 1980. Director and

screenplay: Jim Jarmusch.

2 Endstation der Sehnsüchte – Ein deutsches Dorf

in Südkorea(Destination of longings – a German

village in South Korea), Germany 2008/09. Director

and script concept: Sung-Hyung Cho.


36


37


46


47


GERMAN DEMOCRATIC REPUBLIC

BILATERAL

›Declaration on the Consolidation of Peace and

Security in Europe‹

In the context of the Cold War, the Warsaw Treaty countries and the USA broke off

alliances. In 1966, the government of East Gemany decided to support Vietnam in

solidarity with its struggle against the USA.

›Moritzburger‹

1955

first Students

1958

EAST GERMANY

35 Engineers

64

In 1969, there were

already about 400 students

from South Vietnam living

in what was then West

Germany.

FRG

9 491

1

1

9 49

4

9 1

9 19 4 9 19

9491 9 4

1 9 49

1949

9491

1 949

Köthen

Leipzig

Berlin

Rostock

Magdeburg

9 491 Weimar

9 Karl-Marx-Stadt

9

4

194

9

1949

1949 1949

Before the end of the Vietnam War (1975), a total

of 2055 South Vietnamese migrants lived in West

Germany. Most of them worked in the fields of

medicine and natural sciences.

GDR

Dresden

Moritzburg

1966-

68

›Second Wave‹

1980-

84

1987-

89

4260 Interns

From 1987 to 1989, the ca.

30,000 migrants were

predominantly unskilled workers.

They mostly received neither a

vocational qualification nor

language classes.

From 1980 to 1984, the ca. 40,000

migrants were predominantly skilled

workers and they received further

vocational qualification and language

classes.

=

WEST GERMANY

= 50 People

After the end of the Vietnam War

about half a million people fled to Europe on boats.

Many of them were rescued by merchant ships or by

ships like Cap Anamur. By 1978/79, about 38,000

Vietnamese were taken in by West Germany.

TIMELINE

1955 ›MORITZBURGER‹ 1958 EDUCATION AND TRAINING 1966 TREATY 1

A group of 348 students aged 10 to

14 travel to Moritzburg near Dresden

in the GDR for school and vocational

training.

The first 35 citizens of North Vietnam

travel to the GDR for education and

training.

Agreement for the education and training of

220 students and graduates.

The agreement expires in 72/73 with the

final year of study.


TREATIES

DEMOCRATIC REPUBLIC VIETNAM

NORTH VIETNAM

Dem. Rep. Vietnam

220 Students and Graduates

Hanoi

Students and graduates enter the country by special trains via the Soviet

Union and China.

›Building and protecting the

homeland‹

The contract workers committed themselves to give

12% of their salary to the Vietnamese government.

1954 1954

Rotation Principle

A rotation principle was used,

according to which the contract

workers were to remain in the

country for a maximum of three

years. About half remained in

Germany.

Republic

of

Vietnam

Saigon

65

1989-

After German reunification, many of the migrants returned to Vietnam.

However, there are a high number of unreported cases of illegal

immigration to Germany.

SOUTH VIETNAM

1966 VOCATIONAL QUALIFICATION 1967 TREATY 2 1980 TREATY 3

1990-

Training and further education of 2500 Vietnamese citizens

in companies of the GDR. The trainees from North Vietnam

include workers, technicians and engineers. The professional

qualification takes place for the duration of two to three

years. Prerequisite: six-month language course.

Agreement on the

admission of 180

additional students

Prerequisite: One year of

German lessons

The program, declared as a ›Solidarity Agreement‹,

was implemented in two periods (1980–1984

and 1987–1989). The aim was to co mpensate

for the migration of workers to West Germany.

A total of 70,000 contract workers were recruited.

The situation is still

unclear and there is no

official migration

agreement between

Germany and Vietnam.


Interdependenzverhältnisse –

Rochade

Die Gründung des vietnamesischen Großhandelszentrums

Dong Xuan Center hatte Auswirkungen auf die unmittelbare

Umgebung. Die touristische Attraktivität des DXC, die günstigen

Mieten und interessanten Architekturen aus unterschiedlichen

Zeiten zogen weitere programmatische Anlagerungen

nach sich: 2007 gründeten ein amerikanischer und ein französischer

Investor im 1909 erbauten Margarinewerk Berolina die

Kunstfabrik HB55, ein Zentrum für künstlerische und kunstgewerbliche

Werkstätten (vgl. www.hb55.de, zuletzt aufgerufen

am 11.12.2020).

Der ehemalige Beratungsunternehmer und Kunstsammler

Axel Haubrok erwarb gemeinsam mit seiner Frau Barbara

2012 die sogenannte Fahrbereitschaft, ein in den 1950er-

Jahren errichtetes Garagengelände für den Fuhrpark des

Zentralkomitees der SED in der DDR. Die Haubrok Foundation

entwickelt und betreibt das Gewerbegelände als Kreativhof

für Ausstellungen, Künstler*innen, Dienstleister*innen

und Gewerbetreibende. Der Architekt Arno Brandlhuber entwarf

weitere Ateliergebäude im Auftrag der Haubrok Foundation

auf demselben Hof und erwarb gleichzeitig mit Georg

Dietz, Nikolai von Rosen und Christopher Roth die beiden

zuvor als Silo- und Umlaufturm genutzten Betontürme des

VEB Elektrokohle Lichtenberg, um sie im gemeinsamen Projekt

San Gimignano Lichtenbergunter seiner Regie zu Werkstätten

umzubauen. Und 2014 mietete sich die Firma Karibuni

in Räume der Herzbergstraße ein, um Co-Working-Spaces,

verbunden mit Werkstätten, zu realisieren.

Diese kulturellen Anlagerungen, die veränderte Besucherklientel

sowie die wachsende Attraktivität des Ortes durch

die Präsenz in den sozialen Medien und auf Webseiten führten

wiederum zu einigen baulichen Veränderungen im DXC. Seit

2019 plant das Architekturbüro plus4930 für die Dong Xuan

GmbH Erweiterungen:

»Wir sind zu einem Zeitpunkt in die Zusammenarbeit mit dem

Dong Xuan Center eingestiegen, als die Hallen bereits existiert

haben, als es schon Pläne gab, die Hallen nach hinten zu erweitern

[…]. Die Hallen sind praktisch ohne architektonischen

Masterplan oder architektonischen Anspruch erstellt worden,

einfach Zweckbauten, was ja auch den Charme dieses Centers

ausmacht. Zu dem Zeitpunkt, wo es dann darum ging, ein

denkmalgeschütztes Gebäude umzubauen, ist dann eben

auch etwas bewusster geworden, dass es notwendig ist, ein

Architekturbüro einzuschalten. Zu dem Zeitpunkt sind wir mit

eingestiegen und haben dann bereits existierende grobe Planungen

für dieses Haus übernommen.« (Florian Geddert, 42

Jahre, Inhaber plus4930)

Momentan wird auf den Fundamenten des ehemaligen Kulturhauses

des VEB Elektrokohle Lichtenberg eine »moderne

Begegnungsstätte« (Florian Geddert, Interview 2020)

errichtet, bestehende Hallen werden durch goldene Kopfbauten

erweitert, um so ein ansprechendes Aussehen zu

erhalten. Am Rande des Grundstückes sollen Wohn- und

Geschäftshäuser entstehen. Der Besitzer und Geschäftsführer

des DXC hat aber noch weitere Pläne, er möchte ein Parkhaus

hinter dem Hotel und eine Nudelfabrik auf dem Gelände bauen,

Wohnhäuser an der Landsberger Allee und gegenüber des

DXC ein Hochhaus mit 20 Stockwerken (vgl. Strauß 2019: 9)

78

Hall 18 also differs from the other halls

because of the tidy, almost empty aisle,

the glass fronts facing the aisle and the

high ceiling. It appears more spacious.

The new hall had to comply with the regulations

of the new fire protection ordinance,

a jeans dealer told us. That is why

no goods are allowed to be on display in

the aisles. In addition, the shops are much

more modern and luxurious compared to

those in the old halls.

This development, in turn, influenced the

appearance of new shops in the »old« halls.

Shop owners who had a shop or office in

these halls were inspired to renovate their

premises. These recursive developments

on the microlevel have also had an effect

on the mesolevel of the neighbourhood,

which can be described as a switch-over.

Interdependence relations –

Switch-over

The establishment of the Vietnamese

wholesale centre Dong Xuan Center had

an impact on the immediate surrounding

area. The tourist attractiveness of the DXC,

the cheap rents and interesting architecture

from different periods entailed further

programmatic accumulations: in 2007, an

American and a French investor founded

Kunstfabrik HB55, a »centre for arts and

crafts workshops« in the Margarinewerk

Berolina, a margarine factory built in

1909 (see www.hb55.de, last accessed

11.12.2020).

In 2012, former consultant and art collector

Axel Haubrok and his wife Barbara

acquired the Fahrbereitschaft, a garage

site built in the 1950s for the car pool of the

SED Central Committee in the GDR. The

Haubrok Foundation is developing and

operating the commercial site as a creative

yard for exhibitions, artists, service providers

and tradespeople. Architect Arno

Brandlhuber designed additional studio

buildings on behalf of the Haubrok Foundation

on the same grounds and, together

with Georg Dietz, Nikolai von Rosen and

Christopher Roth, acquired the two concrete

towers of the former VEB Elektrokohle

Lichtenberg, previously used as silo

and circulation towers, in order to convert

them into workshops under his direction

in the joint project San Gimignano

Lichten berg. In 2014, the Karibuni company

rented premises on Herzbergstraße

to set up co-working spaces with connected

workshops.

These cultural accumulations, the

changing clientele of visitors and the

growing attractiveness of the venue

through its presence on social media and

websites have in turn brought about several

structural changes to the DXC. Since

2019, the architectural firm plus4930 has

been planning extensions on behalf of the

Dong Xuan GmbH:

»We started working with the Dong Xuan

Center at a time when the halls already

existed, when there were already plans

to extend the halls at the back […]. The

halls were built practically without an

architectural master plan or architectural

ambitions, simply as functional buildings,

which actually makes up the charm of this


79


BILATERAL

WESTGERMANYSOUTHKOREA

RELATIONS

Following the end of the destructive Korean war,

West Germany contributes in excess of DM 75 million

in development aid to South Korea.

1953

1961

West Germany reports a health-care crisis

in hospitals, as well as a strong lack of

available work force in the coal mining industry.

1963

EAST GERMANY

FIRST GROUP

WEST GERMANY

247 miners arrive.

1949

1949

1963

Berlin

91949 1949 1949 1

The Ruhr

Dessau

18 nurses arrive.

Cologne

Bonn

1965

FIRST GROUP

104

Frankfurt

Mainz

49 1949 1949 1949 1949 1949 1949 1949 1949 1949 1949 1949

Despite initial plans to leave

after three years, more than half

of the Korean nurses remain

in West Germany.

An official, equivalent agreement for the

employment of Korean nurses – mainly

in the care system – between the South

Korean and West German governments

isn’t concluded till the 26 of July 1971.

1971

SECOND AGREEMENT

Today, a significant portion of former Korean guest

workers calls the Rhein-Ruhr region their home. They

form the largest Korean community in Germany.

=

= 50 Workers

TIMELINE

1862

First steps

Max August Scipio von Brandt,

who from 1862 is Germany’s first

consul to Japan, makes a first

diplomatic attempt to reach

Korea and establish trade

relations.

1883

Beginning of diplomatic

1905 Japanese influence

relations

Min Yong-mok and Carl Eduard

Zappe’s signing of the trade, shipping

and friendship agreement on the

26 November 1883 is the starting

point for diplomatic relations

between the two nations.

Following the protectorate agreement

between Japan and Korea, Germany’s

diplomatic ties to Korea are cut in

1905. The jurisdiction of the German

minister resident are transferred to

the legation in Tokyo.


1963 GUESTWORKERAGREEMENT

1977

1963

Under Park Chung-Hee’s military dictatorship,

South Korea’s struggling economy reports

a 30% unemployment rate.

NORTH KOREA

North Korea and East Germany also start building diplomatic as well as economic

ties after separation from their respective halves. An example for this is Konrad

Püschel’s involvement in the recostruction of Hamhŭng after the Korean War, which

is a testimony to East German Bauhaus’ role in the spread of a socialist

internationalism through architecture and urban planning.

1955

1962

1963

FIRST AGREEMENT

Between the 7 th and the 12 th of December, the governments

of West Germany and South Korea sign on a guest worker

agreement concerning the temporary employment of Korean

miners in West German coal mines.

Hamhŭng

1953 1953 1953 1953 195

SOUTH KOREA

Seoul

105

A total of around

8,000 miners and 10,000 nurses come

to West Germany.

Gwangju

Busan

Namhae-gun

1963

1977

An agreement is reached between the South Korean and West

German governments, concerning the prolongation of temporary

residency permits for the South Korean workers.

1977

In 1999 the local authoroties of Namhae province

decide to construct a German village (Dogil Maeul)

for former guest workers.

1947

1991

Cold War: divisions and conflicts 50s Economic growth

During the Cold war, both nations find themselves in an intermediary position between the

Soviet and American blocks. Rising tensions between these two cause Germany to split into

two states in 1949: a communist East and a capitalist West. In Korea, these tensions spark a

three year long war between the the two blocks for control of the area. At the end of this

destructive conflict, in 1953, Korea is also divided into a communist North and a capitalist

South.

By the end of the 50s the West

German economic miracle is in full

swing. At this time South Korea is

struggling with the economic

consequences of the war and the

ensuing military dictatorship.


Spaziert man an einem Montagnachmittag entlang der

Hauptstraße in Dogil Maeul, könnte der Eindruck entstehen,

irgendwo in Deutschland zu sein. Der Weg führt an weißen

Einfamilienhäusern mit roten Satteldächern vorbei. Das Einzige,

was irritiert, sind die Schilder an den Gebäuden, die

verheißungsvolle Namen tragen: Mainzer Haus, Beethoven

Haus, Haus Mosel, Heidi Heim, Berliner Schloss oder Hamburg

Haus; darüber hinaus überall Schilder mit dem Hinweis

»WLAN 5G«. Die Straßen sind leer, eine Bäckerei, eine Fleischerei

oder ein Tante-Emma-Laden fehlen. Keine Menschenseele

ist zu sehen. Ein Kirchturm verspricht einen

lebendigen Marktplatz. Dort angekommen, findet man absolute

Leere. Der Kirchturm entpuppt sich als ein Restaurant.

Auf dem Platz davor stehen zwei lebensgroße

Kunststoffattrappen eines bayerischen

Paares in Lederhosen und Dirndl.

Dort, wo normalerweise die Gesichter

sind, sind zwei Löcher, in die das eigene

Gesicht gesteckt werden kann, um Fotos

zu machen. In der Ferne zwei Koreanerinnen,

die vor dem Kirchturm Selfies

machen. Man kann nur erahnen, wie voll

es hier am Wochenende ist …

Im Forschungsprojekt Raummigration

und Tourismusgingen wir der Frage nach,

wie und wodurch Räume migrieren, und

durch welche spezifischen Kräfte sie sich

verändern.

Historischer Ausgangspunkt der Entwicklung

von Dogil Maeul ist der klassisch

kapitalistische und globale Austausch der Arbeitskräfte gegen

Entwicklungsgeld. Nach Ende des Koreakrieges und der Teilung

des Landes gewährte die Bundesrepublik Deutschland

Südkorea bis 1961 eine Entwicklungshilfe über 75 Millionen

D-Mark (vgl. Hyun 2018: 20). Darüber hinaus sollte Südkorea

1963 durch das Anwerbeabkommen »Programm zur vorübergehenden

Beschäftigung südkoreanischer Bergarbeiter«

mit der Qualifizierung von südkoreanischen Vertragsarbeiter*innen

im Bergbau unterstützt werden. Die westdeutsche

Bergbauindustrie suchte zu diesem Zeitpunkt händeringend

nach Arbeitskräften, und so kamen ca. 8000 Bergleute aus

Korea vornehmlich ins Ruhrgebiet. Ebenso herrschte Ende der

1960er-Jahre in der BRD ein Pflegenotstand. In den Kranken-

108

Walking along the main street in Dogil

Maeul on a Monday afternoon, one could

get the impression of being somewhere in

Germany. The walk leads past white singlefamily

houses with red gable roofs. The

only confusing thing are the signs on the

buildings with auspicious names: Mainzer

Haus, Beethoven Haus, Haus Mosel,

Heidi Heim, Berliner Schloss or Hamburg

Haus. In addition, there are signs everywhere

saying »WLAN 5G«. The streets

are empty; bakeries, butchers and corner

shops are missing. Not a soul is to be seen.

A church steeple promises a lively market

square. But once there, one finds the place

absolutely deserted. The church steeple

turns out to be a restaurant. On the square

in front of it are two life-size plastic dummies

of a Bavarian couple in lederhosen

and dirndl. Instead of the faces there are

two holes, through which people can stick

their own face and have their photo taken.

In the distance, two Korean women are

taking selfies in front of the church tower.

One can only imagine how crowded this

place is at the weekends …

In the Migrating Spaces and Tourism

research project, we explored the question

of how and in what way spaces migrate,

and we analysed the specific forces that

cause them to change.

The historical starting point of Dogil

Maeul’s development is the classic capitalist

and global exchange of labour for

development funds. After the end of the

Korean War and the division of the country,

the Federal Republic of Germany granted

South Korea development aid of DM 75

million until 1961 (see Hyun 2018: 20). In

addition, South Korea received support in

1963 through the recruitment agreement

»Programme for the Temporary Employment

of South Korean Miners« with the

qualification of South Korean contract

workers in mining companies. At the time,


häusern der Bundesrepublik fehlten ca. 30.000 Pfleger*innen,

woraufhin ca. 12.000 Krankenschwestern aus Südkorea rekrutiert

wurden (vgl. Roth/Hyun 2019). Genauso wie im Fall der

vietnamesischen Gastarbeiter*innen in der DDR war ein Rotationsprinzip

geplant, nach dem alle Vertragsarbeiter*innen

nach drei Jahren wieder zurückkehren sollten. Nicht alle taten

dies. Die einen heirateten deutsche Männer oder Frauen und

konnten so in der Bundesrepublik bleiben, die anderen heirateten

Landsleute und konnten durch die 1977 ausgehandelte

Vereinbarung ihren Aufenthalt in der Bundesrepublik verlängern.

Sowohl die Kredite und die Entwicklungshilfe aus

dem Ausland als auch die Überweisungen der Arbeitsmigrant*innen

an ihre Familien in der Heimat unterstützten Korea

bis in die 1980er-Jahre und ermöglichten

in der Folge eine rasante Entwicklung

vom Agrar- zum Industrieland.

Wesentlich für die Entwicklung in Dogil

Maeul sind zwei Faktoren: Einerseits entsprang

aus dem traditionellen konfuzianischen

Gemeinschaftsgedanken die Idee,

den ehemaligen Gastarbeiter*innen, die

die Industrialisierung in Korea erst möglich

gemacht hatten, die Rückkehr mit

dem Angebot von günstigen Grundstücken

zu erleichtern. Andererseits verfolgte

die Kreisverwaltung Namhae das

Ziel, die Implementierung des »Anderen«

für einen wirtschaftlichen Aufschwung

der Region Namhae zu nutzen und so

die Region für den Tourismus attraktiv

zu machen. Durch die Veränderung der Arbeitswelt und die

Schulgesetzänderung 2010 wurde der Samstag zum freien

Tag und kurze Wochenendreisen wurden möglich. Als Ausdruck

der Postmoderne entsteht nun auch in Korea eine Freizeit-

und Tourismusgesellschaft.

Darüber hinaus bricht die junge Generation mit koreanischen

Traditionen wie dem gemeinsamen Wohnen mit der gesamten

Familie. Durch Medien und Reisen in die westliche Welt beeinflusst,

entsteht der Wunsch, mit dem*der Partner*in allein zu

wohnen, kinderlos zu bleiben, um Geld für Reisen zu sparen.

»Wir wohnen in einer Eigentumswohnung und wollen keine

Kinder. Stattdessen wollen wir schön wohnen und viel reisen.

Unseren Eltern passt das nicht und jedes Mal, wenn wir uns

the West German mining industry was

desperately looking for workers, which

is why about 8,000 miners from Korea

moved mainly to the Ruhr area. There

was also a nursing shortage in the Federal

Republic at the end of the 1960s, with

West German hospitals lacking about

30,000 nurses. About 12,000 nurses

were therefore recruited from South

Korea (see Roth/Hyun 2019). As was the

case with Vietnamese guest workers in

the GDR, a rotation principle was planned,

meaning that all contract workers were to

return home after three years. Not all of

them did, though. Some married German

men or women and were thus able to stay

in West Germany; others married compatriots

and were able to extend their stay

in West Germany by virtue of the agreement

negotiated in 1977. Both the loans

and development aid from abroad and the

remittances from migrant workers to their

families at home supported Korea until the

1980s and thus helped enable the country’s

rapid development from an agricultural

to an industrial country.

Two factors are essential for the development

in Dogil Maeul. On the one hand, the

traditional Confucian sense of community

gave rise to the idea of making it easier for

the former guest workers, who had made

industrialisation in Korea possible in the

first place, to return home by offering them

low-priced plots of land. On the other hand,

the Namhae County council pursued the

goal of using the implementation of the

109

»otherness« for an economic upswing in

the Namhae region, thus making the area

attractive for tourism. Due to the change

in the world of work and the amendment of

the school law in 2010, Saturday became

a day off and short weekend trips became

possible. As an expression of postmodernism,

a leisure and tourism society is

now also emerging in Korea.


154


Über den Ursprung der

künstlerischen Methoden aus

Sicht der Kunst

Stefanie Bürkle und Thomas Sakschewski

Was versteht man im Kontext wissenschaftlicher Forschung

unter künstlerischen Methoden? Wie lässt sich die hohe

Attraktivität des Interdisziplinären und das zunehmende Interesse

vonseiten der Sozial-, Geistes-, aber auch der Naturwissenschaften

an den Methoden des künstlerischen Arbeitens

erklären? Wird der Kunst eine neue Rolle innerhalb des Selbstverständnisses

von Wissenschaft zugewiesen oder handelt es

sich um ein Interesse am Versprechen des Kreativen? Wird

also die Idee, dass im Grunde jeder Mensch ein*e Künstler*in

sei, wieder aufgenommen, mit der Joseph Beuys bereits im

November 1985 (vgl. Beuys 1985) eher die Kunstwelt als die

Gesellschaft erschütterte? Für ihn waren Sprache und Kommunikation

eines jeden Menschen die Mittel um die »soziale

Skulptur« der Gesellschaft zu erreichen. Oder wird gar die

Wirksamkeit von Methoden quantitativer Sozialforschung

bezweifelt? Die zunehmende Komplexität von Daten, deren

Aufbereitung und Interpretation sind hier wohl von Bedeutung.

Dabei scheinen die künstlerischen Methoden eine Residualfunktion

einzunehmen und all das zu dürfen, was Wissenschaft

eben nicht darf. Das kann in einer zunehmend digital

und visuell geprägten Umwelt erklären, warum sich in Teilen

der Sozialwissenschaften ein Trend hin zum Qualitativen

abzeichnet. Das Qualitative ist aber auch immer subjektiv: im

Erleben der Forschenden und im Narrativ der Beforschten.

Nach dem spatial turnin den Sozialwissenschaften wird Raum

nicht mehr vornehmlich als gesellschaftlicher Raum, sondern

auch als physischer Raum verstanden, der in der Forschung

auch visuell präsent wird. Der iconic, pictorialoder visual turn

(vgl. Burda/Maar 2004; Mitchell 2008; Bredekamp 2004)

spiegelt sich in Breite und Ausdifferenzierung der bildwissenschaftlichen

und soziologischen Publikationen und findet

Anwendung in der Pädagogik, dem Design, den Film- oder

On the Origin of Artistic

Methods from the Perspective

of the Arts

155

Stefanie Bürkle and Thomas Sakschewski

What is meant by artistic methods in the

context of scientific research? How can

the high attractiveness of interdisciplinary

work and the increasing interest on the

part of social sciences and the humanities,

as well as the natural sciences, in artistic

working methods be explained? Are the

arts being assigned a new role within the

self-conception of science or is this an

interest in the promise of creativity? In

other words, is the idea being revived that

basically everyone is an artist – a notion

with which Joseph Beuys shook the art

world, though less so society, back in

November 1985 (see Beuys 1985). For

him, the language and communication of

each and every human being were means

to achieve the »social sculpture« of society.

Or is there even doubt about the effectiveness

of quantitative social research

methods? The increasing complexity of

data, its processing and interpretation, are

probably relevant in this regard. Artistic

methods seem to take on a residual function

and to be allowed to do everything

that science simply isn’t. In an increasingly

digital and visual environment, this

may explain why there is a trend towards

qualitative methods in some of the social

sciences. However, qualitative methods

are also always subjective: in the experience

of the researcher and in the narrative

of what is researched.

Following the spatial turn in social sciences,

space is no longer understood primarily

as social space but also as physical

space, which also becomes visually

present in research. The iconic, pictorial

or visual turn (see Burda/Maar 2004;

Mitchell 2004; Bredekamp 2004) is

reflected in the breadth and differenti-


Im Folgenden wird versucht, Klarheit in die unterschiedlichen

Interferenzen und wechselseitigen Zuschreibungen von Kunst

und Wissenschaft über den Prozess (vgl. Bürkle 2019: 5–7)

und die Bedeutung von künstlerischen Methoden aus künstlerischer

Sicht zu bringen. Einige bestehende Definitionen von

kunstbasierten und künstlerischen Methoden werden kontextualisiert.

Kunstbasierte Methoden

Die Soziologin und Autorin Patricia Leavy begreift kunstbasierte

Methoden als »transdisciplinary approach to knowledge

building that combines the tenets of the creative arts in

research contexts« (Leavy 2019b: 4). Diese sehr weit gefasste

Definition referiert auf künstlerische Grundlagen, ohne diese

weiter zu hinterfragen. Der Begriff der creative artsumfasst

jede Art von künstlerischem Ausdruck inklusive Gestaltungen

und kunsthandwerklichen Anwendungen. Die Begriffsdefinition

geht damit über den anwendungsorientierten Ansatz von

Shaun McNiff hinaus, der kunstbasierte Methoden »as a process

of inquiry whereby the researcher, alone or with others,

engages the making of art as primary mode of inquiry« (McNiff

2014: 259) begreift. Bei McNiff steht der kunsttherapeutische

Ansatz im Vordergrund, wohingegen Leavy darunter eine große

Bandbreite von methodischen Ansätzen und auch Begriffen

fasst, wie arts-based inquiry, arts-based social research,

performative inquiry, practice-based researchoder aesthetic

research practice(vgl. Chilton/Leavy 2014). Sie subsu mmiert

damit unter dem Regenschirmbegriff der kunstbasierten

Methoden alle auf Basis eines künstlerischen Verständnisses

ausgeformten, in Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Psychotherapie

und Anthropologie Anwendung findenden ganzheitlichen

Untersuchungsansätze. Kein Bezug findet sich hier

zu künstlerischen Methoden innerhalb der bildenden Kunst.

Sind im Sinne einer Residualdefinition die künstlerischen

Methoden innerhalb der Wissenschaften all diejenigen Instrumente,

die nicht präzise beschrieben werden (vgl. McNiff

2019: 31) können?

Kunst und Kreativität werden in einem Zusammenhang, synonym

verwandt. Kreativität wird zumeist nicht im Wortsinn des

Schöpfens verwandt, sondern als Gestalten: »to give form to

loose ideas apparently not interconnected, and frame that into

possible connections« (Camargo-Borges 2019: 92). Kreativität

erfüllt hier Vermittlungsaufgaben und ist eben kein

Instrument der Analyse. Es muss also gefragt werden, ob

künstlerische Forschung wirklich durch subjektive, semiotische

Prozesse und diskursive Sprachen sowie durch Virtuosität,

Geistesblitz, Intuition, Körperlichkeit oder Zweckfreiheit

gekennzeichnet ist (vgl. Bippus 2009: 10) oder ob eine kunstbasierte

Forschungsmethode das Subjekt des Kunstschaffenden

beziehungsweise das Objekt eines Werkes im Sinne

der bereits erwähnten Heidegger’schen Definition verlangt.

Eine berechtigte Frage ist also, ob kunstbasierte Forschung

überall dort zu finden sind, wo Künstler*innen zugegen sind;

oder ob künstlerische Objekte hergestellt werden. Eine Definition

in dieser Form wäre nur dann hilfreich, wenn die tenets

of the creative artseingegrenzt werden, denn Grundlage ist

ihr primärer Eigennutz, also die Zweckfreiheit, von der weiter

oben gesprochen wurde.

162

ofspatial-aesthetic and social relations in

the sense of various media forms of notation

such as sketches, mental maps, photographs

and films or videos. If, over many

years and projects, this becomes a comprehensible

and repeatable system of

artistic approach and apprehension, one

can speak of an artistic method.

In the following, an attempt is made to

bring clarity to the different interferences

and mutual attributions of arts and science

via the process (see Bürkle 2019: 5–7)

and meaning of artistic methods from an

artistic point of view. Some existing definitions

of arts-based and artistic methods

are contextualised.

Arts-based methods

Sociologist and author Patricia Leavy

conceives of arts-based methods as a

»transdisciplinary approach to knowledge

building that combines the tenets

of the creative arts in research contexts«

(Leavy 2019b: 4). This very broad definition

refers to artistic foundations without

questioning them further. The term creative

arts encompasses all forms of artistic

expression, including design and crafts

applications. The definition of the term

thus exceeds the application- oriented

approach of Shaun McNiff, who understands

arts-based methods »as a process

of inquiry whereby the researcher,

alone or with others, engages the making

of art as primary mode of inquiry« (McNiff

2014: 259). McNiff focuses on the arttherapeutic

approach, whereas Leavy

includes a wide range of methodological

approaches and terms such as arts-based

inquiry, arts-based social research, performative

inquiry, practice-based research or

aesthetic research practice (see Chilton/

Leavy 2014). She thus subsumes, under

the umbrella term of arts-based methods,

all holistic analytical approaches developed

on the basis of an artistic understanding

and applied in sociology, psychology,

education, psychotherapy and

anthropology. There is no reference to

artistic methods within the visual arts. Are

artistic methods within the sciences to be

understood, in the sense of a residual definition,

as all tools that cannot be precisely

described (see McNiff 2019: 31)?

Art and creativity are used synonymously

in one context. Creativity is usually not

used in the literal sense of creating but

as shaping, »to give form to loose ideas

apparently not interconnected, and

frame that into possible connections«

(Camargo -Borges 2019: 92). Here, creativity

fulfils mediation tasks and is certainly

not an analytical tool. It must therefore

be asked whether artistic research

really is characterised by subjective,

semiotic processes and discursive languages

and by virtuosity, flash of genius,

intuition, physicality or purposelessness

(see Bippus 2009: 10) or whether an artsbased

research method requires the subject

of the artist or the object of a work in

the sense of the Heideggerian definition

mentioned above. Hence, a legitimate

question is whether arts-based research

can be found wherever an artist is present;

or whether artistic objects are created. A

definition in this form would only be helpful


Methodische Differenzierung von Kunst und Forschung

Deutlich abzugrenzen ist kunstbasierte Forschung von einer

Forschung über Kunst als soziales Feld (vgl. Moser 2013) oder

als sozialer Raum (vgl. Möntmann 2017), da hier das soziale

Phänomen Kunst Gegenstand der Forschung ist. Untersuchungsschwerpunkte

sind hierbei die Mechanismen und

Akteur*innen, die in dem Untersuchungsfeld wirken. Bei den

Untersuchungen werden bild- beziehungsweise kulturwissenschaftliche

Methoden zur Analyse des sozialen Raums oder mit

leitfadengestützten Interviews klassische Methoden der qualitativen

Sozialempirie zur Beschreibung des sozialen Feldes

verwandt. Weniger einfach ist die Abgrenzung zu den visuellen

Methoden vorzunehmen, da kunstbasierte Methoden sich

zumeist visueller Praktiken – wie der Nutzung existierender

Bilder der Massenmedien oder von Bildern, die im Rahmen

der Untersuchung entstehen – bedienen. Beides sind visuelle

Forschungsmethoden (vgl. Rose 2016b: 15). Zwischen kunstbasierten

und visuellen Methoden kann daher nicht prinzipiell,

sondern nur im Einzelfall unterschieden werden, wenn kunstbasierte

Methoden sich der Ausdrucksform des Tanzes oder

der darstellenden Künste bedienen und diese nicht unter Nutzung

visueller Methoden wie Videografie untersuchen.

Holm, Sahlström und Zilliacus sprechen sogar von einer artsbased

visual research, worunter sie jede Art der Bildnutzung

zur Datenerhebung, -interpretation und -vermittlung

begreifen (vgl. Holm/Sahlström/Zilliacus 2019: 312). Einzugrenzen

ist diese sehr weit gefasste Definition zur Verbindung

von visuellen und kunstbasierten Methoden dort, wo Kunst

lediglich der nachträglichen Vermittlung von Forschungsergebnissen

dient. In diesen Fällen wird Kunst als Illustratorin

zur Dienstleisterin der Forschung und ist nicht Methode, sondern

Gestaltungsform.

Zu unterscheiden ist kunstbasierte Forschung aber auch von

handlungsorientierten sozialen Projekten von Künstler*innen

oder in Kooperation mit Künstler*innen, bei denen die kooperative

Erstellung von Werken, performativen Stücken oder

Räumen im Vordergrund steht. Anders als bei Susan Finley mit

ihrer kritischen Position einer kunstbasierten Forschung, sind

kunstbasierte Methoden nicht zwingend als eine soziale Praxis

für einen gesellschaftlichen Wandel zu begreifen. Oder wie

Finley definiert: »research that is deliberately transformative

and inspires us to reflection, rewards our attention with introspection,

and moves us to ethical, political action necessary

to initiate positive change in our social interactions« (Finley

2014: 531). Auch wenn Forschung soziale Realität beschreibt,

reflektiert, an ihr teilhat (participates) und diese zur Aufführung

bringt (enacts) (vgl. Law/Urry 2004), muss diese nicht

zwingend einen gesellschaftlichen Wandel im Blick haben,

sondern kann auch ganz individuelle Perspektiven berücksichtigen.

Hier müsste jedoch das Begriffspaar der kunstbasierten

Forschung entkoppelt werden, denn ein Großteil der sich als

Forschung verstehenden Kunstprojekte sind eher künstlerische

Aktionen, die manches Mal partizipativ und ein anderes

Mal sehr individuell agieren. Zeitgenössische bildende Kunst

ist schließlich nicht auf eine Leinwand oder einen Steinblock

begrenzt. Sie »begnügen sich nicht mit dem, was ihnen an

Handlungs- und Äußerungsformen seitens einer weiterhin verbreiteten

Auffassung über künstlerische Praxis zugetraut wird.

Sie […] übernehmen weite Teile der kritischen Reflexion, sind in

if the tenets of the creative arts are narrowed

down, because the basis is their

primary self-interest, i.e., the purposelessness

mentioned above.

Methodological differentiation of arts

and research

Arts-based research must be clearly distinguished

from research on art as a social

field (see Moser 2013) or as a social space

(see Möntmann 2017), as the object of

research here is the social phenomenon

of art. The research focus is on the mechanisms

and actors that operate in the

research field. In these studies, methods

of image and cultural sciences are used

to analyse the social space, or classic

methods of qualitative social empiricism

are used to describe the social field with

guided interviews. Drawing a distinction

from visual methods is less simple, since

arts-based methods mostly resort to visual

practices – such as the use of existing

images in the mass media or images that

emerge in the course of the research. Both

are visual research methods (see Rose

2016b: 15). A distinction between artsbased

and visual methods can therefore not

be made in principle but only in individual

cases, when arts-based methods make

use of the expressive form of dance or the

performing arts and do not examine these

using visual methods such as videography.

Holm, Sahlström and Zilliacus even speak

of arts-based visual research, by which

they mean any kind of image use for data

collection, data interpretation and data

communication (see Holm/Sahlström/Zilliacus

2019: 312). This very broad definition

must be narrowed down to combine

visual and arts-based methods when art

merely serves to subsequently communicate

research results. In these cases, the

arts in the function of an illustrator become

service providers for research and are not

a method but a form of design.

Another distinction must be made between

arts-based research and action-oriented

social projects by artists or in cooperation

with artists, in which the cooperative

163

creation of works, performative pieces

or spaces is the primary concern. Unlike

Susan Finley with her critical stance of

arts-based research, arts-based methods

are not necessarily to be understood as a

social practice for social change. Or as

Finley defines it: »research that is deliberately

transformative and inspires us

to reflection, rewards our attention with

introspection, and moves us to ethical,

political action necessary to initiate positive

change in our social interactions«

(Finley 2014: 531). Even though research

describes, reflects, participates in and

enacts social reality (see Law/Urry 2004),

it does not necessarily have to have an eye

on social change; it can also take entirely

individual perspectives into account. Here,

however, the two terms of arts-based

research would have to be dissociated,

because a large part of the art projects

that see themselves as research are rather

artistic actions taking an approach that

is at times participatory and other times

quite individualised. Contemporary visual

arts, after all, are not limited to canvas or a

block of stone. They »are not content with


Topologische Matrix, Bild-Atlas und Mapping

Um eine systematisierte Datenerfassung und eine vergleichende

Übersicht über ausgewähltes Bildmaterial, Aussagen

und Textinformationen zu ermöglichen, wurde eine mehrdimensionale

topologische Matrix entwickelt, die geeignet ist,

verschiedene Quellen in relativer Verortung zu räumlichen

Lagebeziehungen von Themenkomplexen zusammenzufügen.

Sie bietet als Informationsarchitektur und Darstellungsform

räumlicher Daten die Grundlage für eine integrative, wissenschaftliche

und künstlerische Aufarbeitung der im Vorfeld

ausgewerteten Daten und Ergebnisse. Innerhalb des Forschungsprojektes

stellen die topologische Matrix und der Bild-

Atlas die Schnittstellen zwischen der Recherche-, Reise- und

Auswertungsphase dar, denn sie schaffen Relationen – über

biografische und räumliche Bezüge hinaus. Die Topologische

Matrix selbst ist ein Wissensraum und entspricht dem

Modell einer Visual Grounded Theory, wie dies der Soziologe

Krzysztof Tomasz Konecki erläutert: »The multislice imagining

is a grammar of visual narrations analysis that accents the follow

ing stages: a) an act of creating pictures and images (analysis

of context of creation); b) participation in demonstrating/

communicating visual images; c) the visual product, its content

and stylistic structure; d) the reception of an ›image‹ and visual

aspects of presenting/representing something« (Konecki

2011: 131). Hier beschreibt Konecki das Ergebnis einer Verdichtung

der Bildsprachen, die durch die Prozessorientierung

entsteht. Die aus dieser topologischen Matrix und dem Bild-

Atlas später im Ausstellungskontext entstehende multimediale

Kunst installation in einem begehbaren Raum offeriert eine

Vielschichtigkeit an Bezügen, die sowohl eine Teilhabe evoziert

als auch einen individuellen Zugang schafft. Sie ist somit

selbst Bild und kreiert als Erlebnis wiederum Bilder.

170

in Turkey. This method of cognitive mapping

was what first provided the basis for

the concrete spatial narrative related by

interviewees. Here, mapping as a graphic

expression takes on a supporting role in

conveying the interviewees’ subjective

spatial knowledge; it allows the interviewer

to ask more concrete and specific questions

regarding the articulation of implicit

spatial and planning knowledge.

Topological matrix, pictorial atlas and

mapping

To enable a systematised collection of

data along with a comparative overview

of selected images, statements and textual

information, the project developed a

multi-dimensional topological matrix that

made it possible to bring together various

sources relative to spatial-locational relationships

of thematic complexes. As an

informational architecture and a way of

presenting spatial data, this matrix provides

the basis for an integrative, methodically

rigorous and artistic processing of the

project’s data and pre-evaluated results.

Within the research project, the topological

matrix and the pictorial atlas represent

the interfaces between the phases of

research, field work and analysis. These

elements establish relations – beyond

biographical and spatial references. The

topological matrix itself is a knowledge

space and corresponds to the model of a

visual grounded theory, as explained by

sociologist Krzysztof Tomasz Konecki:

»The multislice imagining is a grammar

of visual narrations analysis that accents

the following stages: a) an act of creating

pictures and images (analysis of context

of creation); b) participation in demonstrating/communicating

visual images; c)

the visual product, its content and stylistic

structure; d) the reception of an ›image‹

and visual aspects of presenting/representing

something« (Konecki 2011: 131).

Here, Konecki describes the result of an

agglomeration of visual languages that

arises from process orientation. The multimedia

art installation that subsequently

emerges in a walk-in space from, as part of

the exhibition, from this topological matrix

and the pictorial atlas offers a multiplicity

of references that both evokes participation

and creates an individual approach. It

is thus itself an image and, as an experience,

also creates images.


Innerhalb des Bild-Atlas zeichnen sich visuell Querschnittsthemen

ab, die, beide Fallstudien miteinander verflechtend, zu

übergeordneten Bilderserien wie Verheimaten (s. S. 13), Refiguring

Spaces (s. S. 193), Stadtlandrand(s. S. 175) und Types and

Translations(s. S. 117) führen. In der Serie Transtopia(s. S. 49)

werden beide Orte nicht nur bildräumlich, sondern auch zeiträumlich

miteinander in Beziehung gesetzt. Fotografien aus

früheren Kunstprojekten wie Placemaking(vgl. Bürkle 2009)

fließen in die Auswahl der Serie ein, sie werden mit Bildern aus

dem Dong Xuan Center (aufgenommen in einem Zeitraum von

15 Jahren) und aus Vietnam und Berlin in Kontext gesetzt.

Die insgesamt vier Mappings zu den beiden Fallstudien haben

sich über die Projektdauer von drei Jahren prozessual entwickelt.

Die Rolle innerhalb des Projektes wandelte sich von

einer anfänglichen notationsartigen Sammlung direkt aus der

Forschung gewonnener text- und bildbezogener Informationen

(Text und Bild) und recherchierten Sekundärdaten bis

hin zu einem Analyseinstrument. Auf Basis der verschiedenen

Arbeitsfassungen wurden sie in Teamarbeit grafisch so generiert,

dass in der vorliegenden Publikation eine visuelle Lesbarkeit

von Meso- und Makroebenen der Fallstudien gegeben ist.

Die Ausstellung als kuratierter Wissensraum

Die Ausstellung zum aktuellen Projekt wird unter dem Titel

MigraTouriSpace – Raummigration und Tourismus2021 in

Berlin im Collaboratorium (CLB) im Aufbau Haus am Moritzplatz

stattfinden und danach (2022) in Korea zu sehen sein.

Daher sind hier leider noch keine Ausstellungsdokumentationen,

dafür aber Modellfotos abgebildet, die das Ausstellungskonzept

der begehbaren Videoinstallation zeigen.

Eine zentrale Rolle spielt eine Mehrkanal-Videoinstallation, die

in Film-, Interview- und Videosequenzen Bild- und Wahrnehmungsraum

so zusammenfügt, dass die künstlerische Untersuchung

zu den Schnittstellen von Raummigration und Tourismus

im koreanischen Dogil Maeul und im Dong

Xuan Center, Berlin, als begehbarer Bildraum

für die Ausstellungsbesucher*innen

erlebbar wird.

Die Ausstellung des Vorgängerprojektes,

Migration von Räumen – Identität von

Architektur im Kontext türkischer Remigration,

wurde 2016 sowohl in Berlin, im

Haus der Kulturen der Welt, gezeigt als

auch – unter dem Titel Migrating Spaces–

im SALT, einer Kulturinstitution für zeitgenössische

Kunst in Istanbul. Auch

Within the pictorial atlas, transverse topics

emerge visually. By interweaving the two

case studies, these topics result in overarching

series of images, such as Verheimaten

(see p. 13), Refiguring Spaces (see

p. 193), Stadtlandrand (see p. 175), and

Types and Translations (see p. 117). The

series Transtopia(see p. 49) establishes

interrelations between the locations of

the two case studies in terms of both the

image space and the space of time. Photographs

from earlier art projects such as

Placemaking(see Bürkle 2009), included

in the selection for the series, are placed in

context with images from the Dong Xuan

Center (taken over a period of 15 years),

from Vietnam and from Berlin.

The total of four mappings for the two

case studies developed processually

over the project duration of three years.

Their role within the project changed from

an initial notation-like collection of text

and image-related information obtained

directly from the research and researched

secondary data to an analytical tool.

Based on the different working versions,

they were graphically generated in teamwork

so that meso- and macro levels

within the case studies became visually

legible.

The exhibition as a curated knowledge

space

The exhibition presenting this current

project will be shown, in 2021, in Berlin at

the Collaboratorium (CLB) in the Aufbau

Haus at Moritzplatz under the title Migra-

TouriSpace – Migrating Spaces and

Tourism, and subsequently (2022) in

Korea. This is why it is unfortunately not

possible to include documentation of the

exhibition in this volume. It does, however,

contain model photos showing the

exhibition concept of the walk-in video

installation.

171

A central role will be played in the exhibition

by a multichannel video installation

which uses interview and video sequences

to combine image space and perception

space. This combination will create

a walk-in image space allowing visitors

to the exhibition to experience the project’s

artistic research into the interfaces

between migrating spaces and tourism in

the Korean village of Dogil Maeul and at

the Dong Xuan Center, Berlin.

The exhibition of the predecessor project,

Migrating Spaces – Architecture and

Identity in the context of Turkish Remigration,

was shown in 2016 in Berlin,

at Haus der Kulturen der Welt, and in

Istanbul, at SALT, a cultural institution for

contemporary art. Here, too, the focus

was on a multichannel video work. In a

20-minute loop, visitors could immerse

themselves in the microcosm of the German-Turkish

houses it depicted and the

narratives of the builder-owners, to then

relate these houses and their narratives

to the videography of urban and rural

spaces in Turkey.


190


191


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Impressum / Imprint

© 2021 by jovis Verlag GmbH

Das Copyright für die Texte liegt bei den Autor*innen.

Das Copyright für die Abbildungen liegt bei den Fotograf*innen/Inhaber*innen

der Bildrechte.

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Texts by kind permission of the authors.

Pictures by kind permission of the photographers/

holders of the picture rights.

Alle Rechte vorbehalten.

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All rights reserved.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://

dnb.d-nb.de abrufbar.

/

Bibliographic information published by the Deutsche

Nationalbibliothek

The Deutsche Nationalbibliothek lists this publication in the

Deutsche Nationalbibliografie;

detailed bibliographic data are available on the Internet at

http://dnb.d-nb.de

Alle Abbildungen / all images: © Stefanie Bürkle /

VG Bild-Kunst Bonn 2021

Umschlagmotiv / Cover:

Loi Chao tu Friedrichshain, Kirschblüte Tet-Fest, Dong Xuan

Center, Berlin, Deutschland / Germany, Foto / photo: Stefanie

Bürkle 2003

MigraTouriSpace, Kirschblüte in Dogil Maeul, Südkorea /

South Korea, Foto / photo: Stefanie Bürkle 2019

Übersetzung / Translation:

Bianca Murphy, Hamburg

Lektorat (Deutsch) / Copy editing (German):

Miriam Seifert-Waibel, Hamburg

Lektorat (Englisch) / Copy editing (English):

Michael Thomas Taylor, Berlin

Gestaltung und Satz / Design and setting:

Floyd E. Schulze, Berlin

Lithografie / Lithography:

Bild1Druck, Berlin

Druck und Bindung / Printing and binding:

Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG, Calbe

jovis Verlag GmbH

Lützowstraße 33

10785 Berlin

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