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Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad

ISBN 978-3-86859-705-9

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Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad

Eine Wohnung mit Optionen

Verena von Beckerath und

Barbara Schönig (Hg.)


apple

Inhalt

Grußwort 4

Einleitung 8

Verena von Beckerath und Barbara Schönig

Prolog

Zwischen Wohlfühlwohnen und Wohnungskampf: 12

Ein Essay über Wohnungsfragen und Wohnungsforschung

im transdisziplinären Raum

Barbara Schönig

Die Wohnung als Ausstellung: 20

Von gebauten und produzierten Räumen

Verena von Beckerath

Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad: Ein Modell für das Wohnen

in der Zukunft in Weimar

Einführung in das inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekt 28

Carsten Praum und Barbara Schönig

Die Asbachsiedlung in Weimar: Eine Kurzvorstellung 36

Carsten Praum und Barbara Schönig

Das Wohnsiedlungsprojekt am Asbach: Stadtbauhistorische 42

und wohnungspolitische Einordung

Caroline Kauert

Projektphase 1: Die Lehre in der Wohnung –

Planerische und entwerferische Perspektiven auf das Wohnen

Ein experimentelles Planungs- und Entwurfsprojekt 66

Carsten Praum

Die Arbeiten der Studierenden 76

Jessica Christoph und Carsten Praum

Von den Arbeiten der Studierenden zu drei Varianten für 88

Umbau, Vergabe und Nutzung der Wohnung

Jessica Christoph und Carsten Praum

Projektphase 2: Der Umbau und die Vergabe der Wohnung –

Vom experimentellen Lehrprojekt zum bewohnten Ort

Gespräch mit Verena von Beckerath und Barbara Schönig 114

Das Modell einer Wohnung mit Optionen 122

Verena von Beckerath, Jessica Christoph, Carsten Praum und

Barbara Schönig

2


Umbau der Wohnung 126

Jessica Christoph

Vergabe der Wohnung 162

Carsten Praum und Barbara Schönig

Projektphase 3: Das Leben in der Wohnung –

Flexibilisierung und Vergemeinschaftung des Wohnens

Flexibilisierung und Vergemeinschaftung des Wohnens: 194

Wissenschaftliche Begleitforschung zur Aneignung

der Wohnung mit Optionen

Carsten Praum

Perspektiven

Epilog

Das Langzeit-Wohnexperiment: Über die Anfänge von #3ZKDB 276

und die Frage nach dem Warum

Maret Montavon und Susanna Viehmann

#3ZKDB: Annäherung an ein immobilienwirtschaftliches Fazit 280

aus Sicht des beteiligten kommunalen Wohnungsunternehmens

Udo Carstens

Aneignung und angemessene Anverwandlung 284

Bernd Rudolf

Raum und Licht 288

Andrew Alberts

Was wünscht sich eigentlich die Hausgemeinschaft? 290

Oliver Elser

Wohnung mit Optionen: Ein solidarischer Lernort 292

Kerstin Faber

Soziale und bauliche Transformation im Einklang 296

Tobias Haag

Türen, Schränke und so weiter: Versuch eines Fazits 298

Verena von Beckerath

Prozess – Raum – Diskurs: Ertrag und Erkenntnis von Wohnungs- 306

forschung im transdisziplinären Raum

Barbara Schönig

Abbildungen 314

Autor*innen 318

Dank 322

3


apple

Einleitung

Verena von Beckerath und Barbara Schönig

8


9

Das inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekt Drei Zimmer, Küche,

Diele, Bad formulierte und verhandelte in den Jahren 2017 bis 2021

Fragen an das Wohnen in der Zukunft. Dies erfolgte am Beispiel der

nutzungsbezogenen und baulich-räumlichen Transformation einer bestehenden

Wohnung in einem denkmalgeschützten Gebäudeensemble

aus den 1920er Jahren in der Asbachstraße in Weimar, die forschend

begleitet und dokumentiert wurde. Um sich mit dem gleichermaßen

weiten wie komplexen Themenfeld des Wohnens in der Zukunft produktiv

auseinandersetzen zu können, wurden drei wesentliche Begriffspaare in

den Vordergrund gerückt:

1. Nutzung und Aneignung: Welche Potenziale können im baulichen

Bestand gefunden und weiterentwickelt werden, um eine individuelle

Aneignung vor dem Hintergrund unterschiedlicher Nutzungen zu

ermöglichen?

2. Individuum und Gemeinschaft: Welche räumlichen Zusammenhänge

in der Wohnung, im Haus und im Quartier erlauben ein angebrachtes

Maß an privatem Rückzug und nachbarschaftlicher Einbindung?

3. Wohnung und Stadt: Wie kann das Wohnen in der Zukunft mit

stadtentwicklungspolitischen Fragen an bestehende Quartiere zusammengedacht

werden und gleichzeitig die Aushandlung der Themen „Bezahlbarkeit“,

„Flächenverbrauch“ und „Nutzungsmischung“ beinhalten?

Vor diesem Hintergrund begann das Projekt im Herbst 2017 mit

einem experimentellen Planungs- und Entwurfsprojekt, an dem 13 Studierende

aus den Bachelor- und Masterstudiengängen Architektur und

Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar teilnahmen. Im Zuge dieser

Lehrveranstaltung wandelte sich die leer stehende Wohnung zunächst

für ein Semester in einen Arbeits-, Diskussions- und Ausstellungsraum.

Aufbauend auf den Arbeiten der Studierenden wurde im Anschluss im

Jahr 2018 ein Modell für den Umbau, die Vergabe und die Nutzung einer

Wohnung mit Optionen entwickelt. Mit wenigen, aber grundlegenden

Interventionen erhielt die Wohnung einen flexiblen und nutzungsoffenen

Grundriss sowie weitere Eigenschaften, die unterschiedliche Formen des

Wohnens und Arbeitens erlauben und sich zugleich an die Nachbarschaft

richten. Die zukünftigen Bewohner*innen wurden im Frühjahr 2019 im

Rahmen eines konzeptgebundenen Vergabeverfahrens ausgewählt, innerhalb

dessen Ideen für eigene Aktivitäten eingebracht werden konnten,

und zogen im Herbst 2019 in die inzwischen umgebaute Wohnung ein.

Damit begann eine zweijährige Phase der Nutzung, welche die Bewohner*innen

nach Maßgabe ihres Konzepts nicht nur zum Wohnen, sondern

auch für gemeinschaftliche Aktivitäten nutzen wollten. Mit dem Bezug

der Wohnung setzte auch die wissenschaftliche Begleitforschung ein, mit

der die Nutzung und Aneignung der Wohnung im Rahmen einer Längsschnittstudie

untersucht wurde. Vor dem Hintergrund des Modells einer

Wohnung mit Optionen standen hierbei Fragen nach der Flexibilisierung

und der Vergemeinschaftung des Wohnens im Vordergrund.

Das Projekt Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad beruhte auf einer

Kooperation zwischen der Bauhaus-Universität Weimar, der Fördergeberin

Thüringer Aufbaubank und dem kommunalen Wohnungsunternehmen

Weimarer Wohnstätte GmbH, in dessen Bestand den Fragen

an das Wohnen in der Zukunft nachgegangen werden konnte. Es stand

unter der Schirmherrschaft des Thüringer Ministeriums für Infrastruktur

und Landwirtschaft. Seitens der Bauhaus-Universität Weimar waren

Barbara Schönig, Professur Stadtplanung, und Verena von Beckerath,

Professur Entwerfen und Wohnungsbau, beteiligt. Max Welch Guerra,


Professur Raumplanung und Raumforschung, sowie Bernd Rudolf, Professur

Bauformenlehre, wirkten an der Konzeption und in der ersten

Projektphase mit. Das Projekt wurde zudem von unterschiedlichen

Gastbeiträgen begleitet.

Die vorliegende Publikation dokumentiert das inter- und transdisziplinäre

Forschungsprojekt Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad. Vorgestellt

werden einerseits die unterschiedlichen Phasen des Projektes und ihre

Erträge hinsichtlich der Konzeption und Nutzung der Wohnung sowie

der diese reflektierenden Begleitforschung. Andererseits gibt die Dokumentation

Einblick in die Perspektiven der Beteiligten aus unterschiedlichen

Disziplinen und aus verschiedenen Feldern der Praxis und der

Wissenschaft. Dabei offenbart sich die Vielfalt und Divergenz möglicher

Sichtweisen auf das Projekt, ohne deren Akzeptanz transdisziplinäres

Forschen und der hiermit verbundene Erkenntnisgewinn nicht möglich

wären. Diese Vielfalt drückt sich auch in den unterschiedlichen Formen der

Dokumentation, Kommentierung und Reflexion aus: Der Band kombiniert

Texte unterschiedlicher Formate (Essays, ein Gespräch, ein Tagebuch,

wissenschaftliche Analysen und Kommentare) mit Bildelementen und

Fotografie. Nebeneinander stehen Beiträge von einzelnen, zwei oder

mehreren Autor*innen. In diesem Sinne dokumentiert das nun vorliegende

Buch auch die Komplexität, die der Beschäftigung mit dem Wohnen in

der Zukunft zugrunde liegt.

Inhaltlich wird die Dokumentation der trans- und interdisziplinären

Forschung innerhalb von Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad durch je zwei

Essays der Herausgeberinnen gerahmt, die die Forschungsfragen und

-erträge im Kontext von Wohnungs- und Architekturforschung eingangs

situieren und im Fazit reflektieren.

Die Dokumentation des Projektes und der Begleitforschung

beginnt mit einer Einführung in die besonderen Merkmale und Herausforderungen

inter- und transdisziplinärer Forschungsprojekte, die

zu den Inhalten und Ansätzen von Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad

ins Verhältnis gesetzt werden (Carsten Praum und Barbara Schönig).

Hieran schließt die Vorstellung und Einordnung des Ortes und der

Bebauung in der Asbachstraße in die historische und gegenwärtige

Entwicklung der Stadt Weimar an (Carsten Praum und Barbara Schönig

sowie Caroline Kauert).

In drei Kapiteln werden sodann die drei Phasen des Projektes

(Lehre, Umbau und Vergabe sowie Leben in der Wohnung) vorgestellt

und reflektiert. Jessica Christoph und Carsten Praum stellen zunächst das

Konzept und den Ablauf des experimentellen Planungs- und Entwurfsprojektes

in der ersten Projektphase (Herbst 2017 bis Frühjahr 2018) vor,

um anschließend näher auf die Arbeiten der Studierenden und auf die

darauf aufbauenden drei Varianten für Umbau, Vergabe und Nutzung

der Wohnung einzugehen, die erste Schritte hin zu einem Modell für das

Wohnen in der Zukunft darstellten. Das Kapitel zur zweiten Projektphase

(Frühjahr 2018 bis Herbst 2019) dokumentiert sowohl den Umbau (Jessica

Christoph) als auch die Vergabe der Wohnung (Carsten Praum und

Barbara Schönig). Eingeleitet wird das Kapitel mit dem Abdruck eines

Gesprächs aus dem Frühsommer 2018, in dem Verena von Beckerath

und Barbara Schönig sowohl auf das Projekt zurück- wie gleichermaßen

auf seinen weiteren Verlauf vorausschauen. Hier schließt ein Kapitel

zur dritten Phase des Projektes an, die von Herbst 2019 bis Herbst 2021

andauerte und sich der Nutzung und dem Leben in der umgebauten

Wohnung widmete. Dieses Kapitel dokumentiert die Erträge der wissen-

10

Einleitung


schaftlichen Begleitforschung zur Aneignung der Wohnung, der eine

theoretisch-konzeptuelle Annäherung an die Flexibilisierung und an

die Vergemeinschaftung des Wohnens zugrunde liegt (Carsten Praum).

Bereichert wird die Publikation Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad: Eine

Wohnung mit Optionen durch Beiträge von weiteren Projektbeteiligten

und den Kooperationspartner*innen, die aus ihren jeweiligen Perspektiven

und vor dem Hintergrund ihrer Rollen innerhalb des Projektes auf

die rund fünfjährige Entwicklung und Zusammenarbeit blicken. Dabei

berichten Maret Montavon und Susanna Viehmann von der Thüringer

Aufbaubank von den Voraussetzungen und Anfängen des Langzeit-

Wohnexperiments. Udo Carstens von der Weimarer Wohnstätte unternimmt

eine Annäherung an ein immobilienwirtschaftliches Fazit; Bernd

Rudolf, Professur Bauformenlehre an der Bauhaus-Universität Weimar,

stellt Überlegungen zur Aneignung und angemessenen Anverwandlung

an. Der Architekt und Architekturfotograf Andrew Alberts, der in unterschiedlichen

Rollen durchgehend am Projekt teilhatte, setzt sich mit dem

Verhältnis von Raum und Licht auseinander, während der im Rahmen des

Lehrprojektes als Gastkritiker eingeladene Kurator Oliver Elser nach den

Wünschen der Hausgemeinschaft fragt. Kerstin Faber, Projektleiterin der

Internationalen Bauausstellung Thüringen, die ebenfalls als Gastkritikerin

und zudem als Mentorin der Bewohner*innen agierte, interpretiert die

Wohnung mit Optionen als einen solidarischen Lernort und Tobias Haag,

ebenfalls Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung Thüringen

und Juror im Rahmen des konzeptgebundenen Vergabeverfahrens, stellt

Reflexionen zum Einklang von sozialer und baulicher Transformation an.

Die vorliegende Publikation enthält fünf Bildserien von Andrew

Alberts, der das Projekt und insbesondere die Wohnung und ihre Transformation

über den gesamten Verlauf hinweg fotografisch begleitet und

dokumentiert hat.

11

Verena von Beckerath und

Barbara Schönig


einmal prägten. Es sind ehemals bewohnte und später musealisierte Gebäude,

die, beginnend am Ende des 19. Jahrhunderts, für die Öffentlichkeit

zugänglich gemacht wurden. Etwas anders verhielt es sich mit den

Wohnräumen im Nietzsche-Archiv. Elisabeth Förster-Nietzsche erwarb die

Villa Silberblick, in der Nietzsches bis zu seinem Tod im Jahr 1902 gelebt

hatte, und beauftragte, dem Rat von Harry Graf Kessler folgend, Henry

van de Velde mit der Umgestaltung der Wohnräume im Erdgeschoss. Die

Wohnung wurde zur Ausstellung.

Mit dem Haus Am Horn entstand 1923 ein Musterhaus des wenige

Jahre zuvor in Weimar gegründeten Bauhauses. Das Versuchs-Wohnhaus

wurde zur ersten öffentlichen Bauhausausstellung von Georg Muche

entworfen und von der Architekturabteilung des Bauhauses unter der

Bauleitung von Adolf Meyer und Walter March realisiert. Der Ausbau

und die Inneneinrichtung erfolgten unter Mitwirkung der Industrie, der

Firma Adolf Sommerfeld in Berlin und der Werkstätten des Staatlichen

Bauhauses. Auch wenn der gezielten Beteiligung und dem Zusammenwirken

von Schule, Handwerk und Industrie im Sinne der Ausstellung eine

große Bedeutung zukam, lohnt es, den Grundriss des Hauses genauer

zu betrachten. Die Aufteilung der Innenräume stellte den Versuch dar,

eine grundlegende Form für das zeitgemäße Wohnen zu finden, wobei

bewusst eine schematische Anlage des Grundrisses gewählt wurde. Dieser

ist um einen zentralen Wohnraum gegliedert, wodurch die Beziehung

der Räume untereinander an Bedeutung gewinnt. Die Zimmer waren

mit Bezug zu ihrer Nutzung mit Einbaumöbeln versehen und die Beleuchtung

der Räume mit durch Mattierung und Verspiegelung verfeinerte

Soffittenlampen ersetzte individuelle Lampen. Georg Muche hatte das

Ideal eines Wohnhauses im Sinn, das aus den kulturellen, sozialen, ökonomischen

und hygienischen Forderungen der Zeit entstehen sollte. Er

beschrieb in Weiterführung dessen das „kooperative Wohnhaus, in dem

jede Person und jede Familie die Anzahl und die Art der Räume (leer oder

eingerichtet, mit oder ohne Küche) mieten kann, die sie braucht, in dem

die Verwaltung und Bewirtschaftung entsprechend den Wünschen der

Bewohner durch eine besonders dafür ausgebildete Gruppe von Arbeitskräften

betrieben wird“ (Muche 1923: 17). Drei Jahre danach entwickelte

Hannes Meyer, der später an das Dessauer Bauhaus berufen und dessen

Direktor werden sollte, das Prinzip von Kollektivität vor dem Hintergrund

der Genossenschaft weiter und fand mit Co-op. Interieur, der Fotografie

einer bühnenhaften Zimmerecke mit wenigen, aber elementaren Gegenständen,

ein Bild für das Wohnen und Zusammenleben in der neuen Welt

(vgl. Meyer 1926).

Einige Jahre später entwarf Lilly Reich neben einer Aufstellung von

Materialien ein Erdgeschosshaus und zwei Wohnungen im Rahmen der

von Ludwig Mies van der Rohe verantworteten Ausstellung Die Wohnung

unserer Zeit in Halle II der Deutschen Bauausstellung 1931. Bereits 1927

hatte sie mit Mies van der Rohe in Stuttgart die Werkbundausstellung Die

Wohnung organisiert, aus der die Weißenhof-Siedlung hervorgegangen

war. Die Ausstellung Die Wohnung unserer Zeit befasste sich hauptsächlich

mit der Gestaltung verschiedener Formen der Kleinwohnung, denn

die wirtschaftliche und soziale Lage hatte diese zum Kernthema der

Wohnungsfrage werden lassen. Das Boardinghaus, eine dreigeschossige

Struktur mit Gemeinschaftsräumen im Erdgeschoss und neun Wohnungen

in den Obergeschossen, enthielt neben einer Wohnung mit Wohn- und

Schlafzimmer eine 36 qm große Einraumwohnung mit einem ausklappbaren

Kochschrank, einem Bad, einer Ankleide, einem Bett, das tagsüber

Musterhaus des Bauhauses in

Weimar, Georg Muche, Weimar,

1923

Blick gegen den Küchenschrank

der 36 qm Einraumwohnung,

Appartement in einem Boardinghaus,

Lilly Reich, 1931

22

Die Wohnung als Ausstellung:

Von gebauten und produzierten Räumen


Blick auf die geöffneten Flügeltüren

des Badezimmers, Musterwohnung

für die Ausstellung

Das neue Heim, Lux Guyer,

Kunstgewerbemuseum Zürich,

1926

House of the Future, Alison

und Peter Smithson, Ideal Home

Exhibition, London, 1956

zur Chaiselongue werden konnte, einer Bücherwand und einem Arbeitsund

Essbereich von Lilly Reich (vgl. Lotz 1931; Hilberseimer 1931). Auch die

Schweizer Architektin Lux Guyer hatte sich mit einer Musterwohnung für

die Ausstellung Das neue Heim im Kunstgewerbemuseum Zürich im Jahr

1926 mit der Erneuerung des Wohnens vor dem Hintergrund der bürgerlichen

Wohnkultur und deren Weiterentwicklung für alleinstehende und

berufstätige Frauen auseinandergesetzt (vgl. Meyer 1926). Die Räume der

Mietwohnung waren weniger in sich abgeschlossene Einheiten, sondern

vielmehr Nischen innerhalb des Gesamtwohnraums. Das geräumige Bad

lag zwischen zwei Schlafzimmern und war mit diesen über Doppeltüren

verbunden. Im geöffneten Zustand verbargen die Türen Waschbecken

und Badewanne und das Bad wurde zum hellen Durchgang.

Mit ihrem Forschungsprojekt vacancy – no vacancy. Ein performatives

Haus der Zukunft, in dessen Rahmen 2019 ein bewohnbares Mock-up

auf dem Dach des Gebäudes des Departments für Architektur auf dem

ETH-Campus am Hönggerberg errichtet wurde, knüpft Elli Mosayebi in

Kooperation mit dem ETH Wohnforum an die Arbeiten von Lilly Reich und

Lux Guyer an. Die Kleinwohnung kommentiert die wachsende Anzahl von

Singlehaushalten in der Stadt und im Kanton Zürich und begegnet dem

heutigen Pluralismus von Lebensentwürfen mit der Vorstellung eines

„performativen Raumes“ (Mosayebi 2019), der von Podesten, Nischen,

Stauräumen und beweglichen Elementen, darunter eine Drehtür und

ein Drehschrank, begleitet wird. Der Prototyp erlaubt die individuelle

Aneignung und testet gleichzeitig die Veränderungsbereitschaft der

temporären Bewohner*innen.

Etwas anders verhielt es sich mit dem legendären House of the Future,

das Alison und Peter Smithson im Auftrag der englischen Zeitschrift

Daily Mail für die Ideal Home Exhibition 1956 in London realisierten und

das für das Jahr 1981 konzipiert war. Es handelte sich um ein Haus mit

einem innen liegenden Garten, das von den Besucher*innen der Ausstellung

wie in einer Peepshow über einzelne Öffnungen eingesehen und

von einer Zuschauertribüne aus der Vogelperspektive betrachtet werden

konnte. Das Haus war von Schauspieler*innen bewohnt, deren Kostüme

und Handlungen mit den futuristischen Details und technischen Errungenschaften

der Wohnräume korrespondierten. „Das Haus zirkulierte nicht

nur durch Magazine und Tageszeitungen, sondern auch im Fernsehen

und in Wochenschauen. Und, am bemerkenswertesten, das H.O.F. war

selbst eine veritable Medienmaschine“ (Colomina 2010: 16).

Das wechselseitige Verhältnis von Wohnung und Ausstellung findet

sich auch in der Kunst. Im Sommer 1991 fand in einer Wohnung in St.

Gallen die von Hans Ulrich Obrist, der zu dieser Zeit Politik und Ökonomie

an der Universität St. Gallen studierte, kuratierte Küchenausstellung

World Soup statt. „Die Funktionsfähigkeit der Küche wird aufrechterhalten.

Gleichzeitig stellt sich die Frage von Autonomie und Funktion der

Exponate in einem Kontext, der nicht für Ausstellungen vorgesehen ist.

Ausgangspunkt ist der Wunsch, eine Ausstellung an einem unspektakulären

Ort zu machen“ (Obrist 1993). Die Ausstellung, an der die Künstler

Christian Boltanski, Frédéric Bruly Bouabré, Hans-Peter Feldmann, Paul

Armand Gette, C.O. Paeffgen, Roman Signer, Richard Wentworth und

Peter Fischli / David Weiss teilnahmen, wurde zwar nur von wenigen

Personen tatsächlich besucht, aber von der Kunstszene durchaus beachtet.

Ein späterer Kommentar von Hans Ulrich Obrist schlägt vor, dass

es sich nicht einfach um eine Kunstausstellung in einer Küche handelte,

sondern es der Raum dazwischen war, der zur Kunst wurde (vgl. Obrist

23

Verena von Beckerath


außen nicht wahrnehmbar (vgl. Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv

Weimar, Thüringisches Finanzministerium, Nr. 3835). Lehrmann

verzichtete auf Vielfalt in der äußeren Form und richtete die weitgehend

homogene Fassade nach einem in sich wiederkehrenden Rhythmus mit

typisierten Gestaltungselementen aus, hinter der die Heterogenität der

Bewohnerschaft verborgen bleiben sollte. Zwar folgten die Wohnungsgrundrisse

von Zwei-, Drei- und Vierzimmerwohnungen einem sich wiederholenden

und klaren Gestaltungsprinzip, doch die unterschiedlichen

Wohnungsgrößen waren von außen nicht ablesbar, da die einheitliche

Verteilung der Fenster im Vordergrund stand. Um die Einheitlichkeit zu

gewährleisten, verzichtete der Architekt allerdings auf eine durchgängig

optimale Belichtung der Räume.

Architektonisch weist die Wohnbebauung mit ihrem Walmdach,

den farblich aufeinander abgestimmten Fassaden und den Sprossenfenstern,

die abschnittsweise im Dachgeschoss mit Fensterläden versehen

wurden, zwar auf eine traditionelle Formensprache hin. In ihrer Serialität

mit typisierten, aber vielfältigen Wohnungsgrundrissen etablierte die

Siedlung am Asbach in Weimar jedoch erstmals die traditionelle Moderne

im Wohnungsbau. Darüber hinaus vereint die Wohnsiedlung neue Ansprüche

an Architektur und Wohnkomfort mit der Wohnumfeldgestaltung.

Lehrmann gelang es, eine Verbindung zwischen Städtebau und Grünraum

herzustellen, wobei er die Durchdringung beider Elemente an der Idee der

Gartenstadt orientierte. Zwischen den Wohnzeilen entstand ein grüner

und vom Verkehr freigehaltener Freiraum. Diese Art von Grünraum im

Wohnbereich, der zum direkten Wohnumfeld der Bewohner*innen gehört

und zur gemeinsamen Nutzung und Erholung dient, stellte im Gegensatz

zu den kleinen Gärten der Privatbauten aus der Kaiserzeit ebenso

ein Novum dar. Dieses Beispiel des modernen Wohnsiedlungsbaus im

traditionellen Architekturstil, das mittels rationalisierter Bauproduktion

damals schon bezahlbare Wohnungen zur Verfügung stellte, ist ein bedeutendes

Zeugnis des Reformwohnungsbaus der Weimarer Republik

und Ausdruck damaliger wohnungspolitischer Strategien.

Noch heute befindet sich die Wohnbebauung in der Asbachstraße

unweit des Stadtzentrums und des Weimarhallenparks in bester innenstädtischer

Lage. Die Siedlung ist fußläufig an soziale Infrastrukturen

und Nahversorgung angeschlossen: Kindertagesstätten, Schulen, Einzelhandelsgeschäfte,

mehrere Bäckereien, Fleischereien, Gastronomiebetriebe,

Sport- und Kultureinrichtungen sowie öffentlicher Nahverkehr

decken die täglichen Bedürfnisse. Der Asbach-Grünzug in unmittelbarer

Nachbarschaft mit Parkanlage, Schwimmbad sowie einem Sportstadion

(Wimaria-Stadion) bieten Raum für Erholung und Sport. Die Altstadt

Weimars ist gut zu Fuß erreichbar und auch der Bahnhof ist nur wenige

Gehminuten entfernt.

Während aller nachfolgenden gesellschaftlichen Epochen blieb

die Stadt Eigentümerin der Wohnungen. Bereits während der DDR-Zeit

wurden einige Wohnungen von der Kommunalen Wohnungsverwaltung

teilmodernisiert. Nach dem Fall der Mauer gingen die Wohnungen an

das städtische Tochterunternehmen Weimarer Wohnstätte GmbH über,

die die Wohnsiedlung am Asbach 1996 bis 1997 denkmalgerecht sanierte

und das direkte Wohnumfeld aufwertete.

Auch gegenwärtig liegt in diesem innerstädtischen Straßenzug ein

wertvolles Potenzial für die Wohnungsversorgung, denn geringe Mieten

garantieren bezahlbaren Wohnraum auch für einkommensschwächere

Bevölkerungsgruppen in einer innerstädtischen Wohnlage, die vielfach

46

Das Wohnsiedlungsprojekt am Asbach: Stadtbauhistorische und

wohnungspolitische Einordnung


Der Wert der Wohnsiedlung am

Asbach zeigt sich heute sowohl

in ihrer städtebaulichen Qualität

und hochwertigen Materialästhetik

als auch mit Blick auf

ihren Beitrag zur Wohnungsversorgung

eines breiten

Spektrums sozialer Gruppen.

Weimar 2022

vornehmlich besserverdienenden Einkommensgruppen vorbehalten

bleibt. Damit leistet die Wohnsiedlung in ihrer Qualität und als Teil des

Bestands des kommunalen Wohnungsunternehmens einen Beitrag gegen

sozialräumliche Polarisierung und Segregation in Weimar. Sie trägt solchermaßen

auch dazu bei, Teilhabe ihrer Bewohner*innen am kulturellen

und gesellschaftlichen Leben der Stadt zu ermöglichen und die Qualität

der Siedlung für ein breites Spektrum an Einkommensgruppen zugänglich

zu machen.

apple

Quellen

apple

Literatur

Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar: Acten des

Finanz-Departements des Großh. Staatsministeriums, betreffend:

Die Erbauung von Wohnungen für staatliche Beamte in Weimar (1920,

1921, 1922 – 1927), Nr. 968

Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Thüringisches

Finanzministerium, Nr. 3835, Bl. 13r

Günther, Gitta: Weimar-Chronik. Stadtgeschichte in Daten. Weimar

1990

Michalski, Gundula / Steiner, Walter: Die Weimarhalle. Bau- und Wirkungsgeschichte.

Weimar 1994

Lehrmann, August: Weimar. Neue Stadtbaukunst. Berlin 1928

Stadtarchiv Weimar: Archivalien-Signatur: 7-77-45, Blatt 1, Entwurf

Bebauung des Blocks Ecke- Herbst u. Asbachstraße in Weimar, S. 31

47

Caroline Kauert


78

Die Arbeiten der Studierenden


Wohnraum ist keine Ware, sondern ein Grundbedürfnis

Eine theoretische Auseinandersetzung und eine empirische Bestandsaufnahme

des allgemeinen und des konkreten wohnungspolitischen

Jolande Kirschbaum und Lukas Lindemann

Kontextes ließen Jolande Kirschbaum und Lukas Lindemann konstatieren,

dass Wohnraum gegenwärtig den Charakter einer Ware besitzt, die auf dem Wohnungsmarkt

gehandelt wird. Dies trifft bis zu einem gewissen Grad auch auf kommunale Wohnungsunternehmen zu.

Unter der Voraussetzung, dass Wohnen ein menschliches Grundbedürfnis ist, entwickelten sie sodann die

These, dass Wohnraum keine Ware sein darf. Vor diesem Hintergrund erarbeiteten die Studierenden ein

Konzept der Dekommodifizierung, die eine gemeinnützige Wohnraumbewirtschaftung zur Folge hätte.

Exemplarisch auf die Weimarer Wohnstätte GmbH bezogen, würde dieser Ansatz zu einer Umstrukturierung

des kommunalen Wohnungsunternehmens führen. Die Mieten könnten auf die entsprechenden

Kostenmieten reduziert werden, wobei die Studierenden ein sogenanntes Name-Your-Own-Price-

Prinzip vorschlagen, demzufolge freiwillig über die Kostenmiete hinaus entrichtete Beiträge für gemeinnützige

Ziele des kommunalen Wohnungsunternehmens verwendet werden sollen. Zusätzlich

soll das Mitbestimmungsrecht der Mieter*innen ausgeweitet werden. Der Ausstellungsbeitrag setzte

sich aus einer großformatigen Wandillustration des wohnungspolitischen Kontextes der Wohnung in

Weimar und einer erläuternden Handreichung zusammen. Außerdem wurde der Beitrag durch Diskussionsformate

ergänzt.

79

Jessica Christoph und

Carsten Praum


84

Die Arbeiten der Studierenden


Der andere Raum – Raum zum Verschwinden

Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit

Selina Müller und Jakob Walter

den gesellschaftlichen Verhältnissen, unter denen Wohnen stattfindet.

Dabei wurde vor allem betrachtet, wie sich das Verhältnis

von Privatheit und Öffentlichkeit im historischen Kontext wandelte. Anhand der Projektwohnung in

der Asbachstraße überprüften die Studierenden sodann die These, dass auch eine eigentlich private

Wohnung keinen absoluten Rückzugsraum für Individuen darstellen kann. Vor diesem Hintergrund

entwickelten sie einen sogenannten „anderen Raum“, der es jedem Menschen ermöglichen soll, aus

der Gesellschaft herauszutreten und sich völlig zurückziehen zu können. Für diesen Raum erarbeiteten

Selina Müller und Jakob Walter ein Vergabeverfahren, das seine kostenfreie Nutzung anonym und

temporär ermöglicht. Das Konzept zielte darauf ab, den Diskurs über das Wohnen und seine gesellschaftlichen

Voraussetzungen durch individuell-praktische Erfahrungen in einem Raum als gebautem

Gedankenexperiment zu erweitern. Der Ausstellungsbeitrag bestand aus einer zentral beleuchteten

und zusammengeklappten Tafel mit Texten und Abbildungen, die um eine Klingel und um Sitzgelegenheit

ergänzt wurden. Dieses Arrangement diente der performativen Öffnung der Tafel durch die

Studierenden und bot die Möglichkeit zum anschließenden Gespräch.

85

Jessica Christoph und

Carsten Praum


apple

Das Modell einer Wohnung mit Optionen

Verena von Beckerath, Jessica Christoph, Carsten Praum

und Barbara Schönig

122


123

Im Rahmen der zweiten Phase des inter- und transdisziplinären Forschungsprojektes

Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad entwickelte das Projektteam

der Bauhaus-Universität Weimar ein Konzept für den Umbau, die

Vergabe und die Nutzung der Wohnung in der Asbachstraße, die dadurch

zukünftig nicht nur andere Formen des Wohnens erlaubt, sondern auch

nachbarschaftliche Aktivitäten ermöglicht.

Bereits während des experimentellen Planungs- und Entwurfsprojektes

im Wintersemester 2017/18 diskutierten die Projektbeteiligten

über eine Vielzahl verschiedener Anforderungen, die in Zukunft an Wohnräume

gestellt werden: Dienen sie wirklich ausschließlich dem Wohnen?

Was benötigen Menschen in einer Gesellschaft, die eher alt als jung sein

wird, in der Menschen eher allein als in Familienhaushalten leben, in der

Großeltern nur selten vor Ort sind und Haushalte immer häufiger lediglich

aus einem Erwachsenen mit Kind bestehen? Wo kommen Bewohner*innen

eines Hauses aus unterschiedlichen Kulturen jenseits des Treppenhauses

ins Gespräch und wie finden sie die Chance, trotz berufsbedingter Mobilität

in einer Nachbarschaft anzukommen und aufgenommen zu werden?

Der demografische Wandel, aber auch die Auflösung des tradierten

Familienmodells und die Transformationsprozesse auf dem Arbeitsmarkt

sorgen nicht zuletzt in größeren Städten dafür, dass hinsichtlich des Wohnens

in der Zukunft sowohl stärker über das Verhältnis von Wohnen und

Arbeiten als auch über gemeinschaftliche Räume für nachbarschaftliche

Aktivitäten nachgedacht werden muss als bisher.

Hiermit wurden Fragen aufgeworfen, die beim Neubau von Wohnraum

bereits seit einiger Zeit umfassend reflektiert werden, gerade in

großstädtischen Projekten und insbesondere auch im gemeinschaftlichen

Wohnungsbau. Die meisten Menschen aber leben in Wohnungen

im Bestand, zumeist in Gebäuden, deren Errichtung die funktionale

Trennung von Wohn- und Arbeitsort voraussetzte und abgeschlossene

Wohnräume für die Kernfamilie bieten sollte. Es handelt sich hierbei um

Wohnungsbestände, in denen die Wohnräume nur wenige Spielräume

für erweiterte Formen des Wohnens zulassen und Räume für gemeinschaftliche

Aktivitäten häufig gar nicht zur Verfügung stehen. Oftmals

betrifft dies zudem Bestände, die so gut zu funktionieren scheinen, dass

sie selten die hinreichende Aufmerksamkeit erlangen, die nötig wäre, um

ihre Qualitäten und die dazugehörigen Freiräume weiterzuentwickeln

und systematisch anzupassen.

Hier setzt die zweite Projektphase an, in der ein Modell entwickelt

wurde, das zur Flexibilisierung und zur Vergemeinschaftung des Wohnens

beitragen soll – ein Modell für eine Wohnung mit Optionen. So entstand

beim Umbau mit wenigen, aber grundlegenden Interventionen ein flexibler

und nutzungsoffener Grundriss, durch den im Zusammenspiel mit

weiteren baulich-räumlichen Eigenschaften sowohl das Verhältnis unterschiedlicher

(Wohn-)Nutzungen als auch von Privatheit und Öffentlichkeit

innerhalb der Wohnung neu gedacht werden kann. Die zukünftigen

Bewohner*innen wurden im Rahmen eines konzeptgebundenen Vergabeverfahrens

ausgewählt, im Zuge dessen sie Ideen für verschiedene

Formen der Nutzung einbringen konnten.

Die Bewohner*innen waren also unter anderem dazu angehalten,

die Wohnung gemäß einem eigenen Konzept für die Hausgemeinschaft

und die Nachbarschaft zu öffnen. Sie sollten die Wohnung dazu nutzen,

eigene Angebote an die Nachbar*innen oder einen weiteren Personenkreis

zu richten, konnten sie ihnen aber auch als gemeinschaftlichen

Raum oder für eigene Projekte zur Verfügung stellen. Um ein solches


130

Umbau der Wohnung


die Nachbarschaft engagieren und hierfür temporär ihre Wohnräume

öffnen. Fünf Nutzungsszenarien visualisieren mit je einem Grundriss,

einem kurzen Text und einer Referenz die Wohnung mit Optionen. Die

Grundrisse zeigen anhand exemplarischer Möblierungen auf, wie das

räumliche Potenzial und eine mögliche Adressbildung durch verschiedene

Erschließungsformen die Nutzung provozieren und umgekehrt. Ein

Szenario zeigt, wie Gastgeber*innen die Küche und ein Esszimmer für

nachbarschaftliche Aktivitäten zeitweise nutzen. Die Räume können vom

Garten und Treppenhaus her erschlossen werden, eine von der Wohnnutzung

unabhängige WC-Nutzung ist möglich. Ein weiteres Szenario

zeigt beispielhaft eine Werkstattnutzung in einem der Räume zur Straße.

Ein Erzählcafé erstreckt sich über das mit einer Doppeltür verbundene

Raumpaar zur Straße. Ein Szenario erläutert, wie die gesamte Wohnung

zu einem Ausstellungsraum werden und zugleich Raum zum Lagern in

der Diele entstehen könnte. Auch ein oder mehrere Räume eines Hausmeisters

oder Kümmerers können beispielweise vom gemeinschaftlichen

Freiraum erschlossen werden. Im weiteren Projektverlauf könnten zudem

übergeordnete Ideen für einen zusammenhängenden Freiraum über

Eigentumsgrenzen hinweg entwickelt werden.

14. Juli 2018

9. September 2018

12. Dezember 2018

13. Dezember 2018

Die Ergebnisse des Lehrprojektes werden auf der universitären Jahresschau

im Sommer 2018 mit einer zentralen Installation im Foyer des

Hauptgebäudes präsentiert. Ebenso werden Studierende in einem Rundfunkbeitrag

unter anderem zu alternativen Lernkonzepten befragt, was

konzeptionell, organisatorisch und in der Umsetzung begleitet wird.

Die Projektpartner*innen beraten Fragen des Mietvertrags, der Vergabe,

der Kommunikation und der Architektur. Vor dem Hintergrund, dass die

Weimarer Wohnstätte die Wohnung während und nach dem Projektzeitraum

regulär vermietet und dass die Thüringer Aufbaubank für die Dauer

der wissenschaftlichen Begleitforschung einen Teil der Miete übernimmt,

wird das im Dossier vorgestellte Vorgehen positiv aufgenommen. Dem

architektonischen Konzept folgend soll die Wohnung durch wenige Eingriffe

umgebaut werden, so dass sie unterschiedliche Nutzungsszenarien

neben dem Wohnen unter Einbeziehung des Freiraums ermöglicht. In

diesem Zusammenhang ist ein aktualisierter Arbeits- und Zeitplan für die

Detailplanung und den Umbau der Wohnung zu erstellen, der mit dem

Arbeits- und Zeitplan für das konzeptgebundene Vergabeverfahren zu

synchronisieren ist.

Während einer Beratung zu einer überarbeiteten Fassung des Entwurfs

bei der Weimarer Wohnstätte wird auf die Anforderungen hinsichtlich

einer genauen Planung sowie einer Zeitplanung und den Bauablauf verwiesen.

Offene Fragen gibt es hinsichtlich Baubeschreibung, qualitativer

Beschreibung aller Ausbauteile und Oberflächen sowie vermaßter Planzeichnungen

für Abriss, Neu- und Ausbau und Zuarbeit zur sanierungsrechtlichen

Genehmigung. Nach der Kostenübernahmeerklärung durch

die Thüringer Aufbaubank sollen Baufirmen zur Umsetzung des Projektes

gesucht und die Aufträge beschränkt vergeben werden.

Bei einer Wohnungsbegehung wird ein exaktes Aufmaß für die Planung

vorgenommen. Dabei wird auch der aktuelle Zustand festgestellt. In allen

Räumen fehlen die Boden-, Decken- und Wandbeläge, das heißt Fliesen,

PVC-Bodenbeläge und Tapeten sowie die bauzeitlichen Sockelleisten,

131

Jessica Christoph


2. Ablauf

2.1 Multimediale Ausschreibung

2.1.1 Website

Konzeptgebundene Vergabeverfahren führen dann zu den gewünschten

Ergebnissen, wenn sie transparent und nachvollziehbar aufgezogen

werden (vgl. BBSR 2020: 113). Für die Vergabe der Wohnung diente eine

Website als Kernelement der multimedialen Ausschreibung, mit der vielfältige

Informationen übermittelt und über die Bewerbungen eingereicht

werden konnten.

Die Website zur Ausschreibung

einer Wohnung mit Optionen

Dabei wies die Startseite einen für Wohnungsanzeigen typischen Steckbrief

der Wohnung auf, die sich insbesondere durch ihre zentrale Lage,

den modernisierten Zustand und nicht zuletzt durch die Kaltmiete in Höhe

von 0 Euro auszeichnete. Auf der im Februar 2019 veröffentlichten Website

wurden darüber hinaus das inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekt

Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad, das Modell einer Wohnung mit Optionen,

die Nachbarschaft, das Haus und die Wohnung vorgestellt; außerdem

bot ein Bewerbungsformular interessierten Besucher*innen der Website

sechs Wochen lang die Möglichkeit, ein Konzept für die Nutzung der

Wohnung einzureichen.

Um möglichst viele Bewerber*innen zum Mitmachen zu motivieren,

sollten konzeptgebundene Vergabeverfahren nicht nur transparent und

nachvollziehbar, sondern vor allem auch niedrigschwellig und dabei

dennoch qualitätssichernd ausgestaltet sein: „Grundsätzlich sollen so

wenige Anforderungen wie möglich und so viele und anspruchsvolle wie

unbedingt nötig gestellt werden.“ (Ebd.: 115) Vor diesem Hintergrund

wurde im Rahmen des Bewerbungsformulars neben absolut notwendigen

Informationen zur Person beziehungsweise zum Haushalt zunächst die

Motivation abgefragt, was also die Bewerber*innen persönlich motivierte,

am Projekt teilzunehmen, und welche Schritte in ihrem persönlichen oder

beruflichen Werdegang Bezüge zum Modell der Wohnung mit Optionen

aufwiesen. Mit Blick auf die inhaltliche Ebene des einzureichenden Konzepts

für die Nutzung der Wohnung mussten die Bewerber*innen angeben,

durch welche Angebote sie ihre private Wohnung zeitweise zu einem

164

Vergabe der Wohnung


gemeinschaftlichen Raum für nachbarschaftliche Aktivitäten machen

wollen, wer sich davon angesprochen fühlen soll und was sie sich davon

erhofften beziehungsweise was sich die Nachbarschaft davon erhoffen

könnte. Außerdem wurden die Bewerber*innen hinsichtlich der organisatorischen

Ebene gefragt, an wie vielen Tagen in der Woche oder im Monat

und zu welchen Zeiten sie nachbarschaftliche Aktivitäten ermöglichen

können oder wollen, welche Räume sie dafür benötigen und wie sie mit

der Hausgemeinschaft und der Nachbarschaft in Kontakt treten wollen.

Mit diesem standardisierten Bewerbungsformular wurde nicht zuletzt

bezweckt, vergleichbare Bewerbungen zu erhalten (vgl. ebd.).

Schließlich gab die Website Auskunft über die Formalia, nach

denen die Wohnung voraussichtlich ab September 2019 von einer oder

mehreren Personen bewohnt und gemäß dem eingereichten Konzept

genutzt werden sollte. Diese Formalia umfassten die Ausgestaltung des

Mietvertrages und die Höhe der Wohnkosten, legten vor allem aber auch

die Besonderheiten der potenziellen Teilnahme am Projekt offen, die

von der Bereitschaft zur Gemeinschaftsnutzung über die Notwendigkeit

der Öffentlichkeitsarbeit bis zur Beteiligung an der wissenschaftlichen

Begleitforschung reichten (vgl. ebd.: 116).

2.1.2 Plakate und Flyer

Um auf das konzeptgebundene Vergabeverfahren zur Wohnung mit

Optionen aufmerksam zu machen, wurden ergänzend Plakate und Flyer

erstellt, die vor allem dazu dienten, auf die Website zur Ausschreibung zu

verweisen. Dabei entsprachen sie dem Layout der Website und wiesen

ebenfalls den für Wohnungsanzeigen typischen Steckbrief auf, was den

Wiedererkennungswert steigern sollte.

Die Plakate zur Ausschreibung

einer Wohnung mit Optionen

Während in Weimar an ausgewählten Orten plakatiert wurde, zielte die

Verteilung von rund 20.000 Flyern in Erfurt, Gera, Gotha, Jena und Weimar

durch ein Dienstleistungsunternehmen auf Breitenwirksamkeit und erfolg-

165

Carsten Praum und

Barbara Schönig


das ‚große‘ Treffen mit der Hausgemeinschaft an. Wir haben uns lange

nicht in einem solchen Rahmen gesehen und auch keine Rückmeldung

auf unsere Einladung erhalten. Äpfel aus dem Kleingarten in Apolda

wurden zu Kuchen verarbeitet. Und dann? Fast wie zu erwarten kam nur

Nachbarin 4. Nachbarin 1 und Nachbar 2 waren noch im Urlaub, Nachbarin

3 hatte keine Lust. Trotz der kleinen Runde war es wieder einmal

sehr schön und Nachbarin 4 hat den Austausch spürbar aufgesogen und

genossen.“ (MR: 09.09.2020) Da Nachbarin 3 den Bewohner*innen trotz

ihrer eigenen Abwesenheit Küchenutensilien für den Kuchen im gemeinschaftlich

nutzbaren Garten ausgeliehen hatte, kam es unmittelbar im

Nachgang zu einer Folgeaktivität, in der NM schließlich auch Nachbarin 3

in einem Gespräch zu zweit von ihren beruflichen Veränderungen und

ihrem bevorstehenden Auszug berichtete. In diesem Zusammenhang

skizzierte NM außerdem, welche räumlichen Kapazitäten sich dadurch

in der Wohnung ergeben würden: „Nachbarin 3 war sehr interessiert

daran und fand es eine gute Idee, einzelne Räume zukünftig vermehrt

an einzelne Nutzer zu vergeben. Sie selbst könnte bestimmt ein Zimmer

zum Malen gebrauchen, und sie könnte sich auch vorstellen, das bei uns

in der Wohnung zu machen.“ (NM: 09.09.2020)

Mit dem Aufkommen der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden

Beschränkungen erlangte das Thema „Nachbarschaftshilfe“

Mitte März 2020 schlagartig eine neue Bedeutung. Allerorten wurden

Angebote zur Unterstützung hilfsbedürftiger und isolierter Menschen ins

Leben gerufen, die nicht selten aus Einkaufs- und Besorgungsdiensten

bestanden. Dabei standen vielfach ältere Menschen im Zentrum der Aufmerksamkeit,

weswegen auch NM und MR aus der Ferne, sie befanden

sich damals zu Besuch bei Freund*innen, in der Messenger-Dienst-Gruppe

zur Unterstützung zum Beispiel von Nachbarin 4 aufriefen, was eine

kontroverse Diskussion unter den Mitgliedern der Hausgemeinschaft

auslöste: „Daraufhin wurde direkt angemerkt, dass es im Haus auch viele

alleinerziehende Mütter gibt, die trotz der Schließung der Einrichtungen

ihrer Kinder arbeiten müssen.“ (MR: 18.03.2020) Nachbarin 3 verweist in

diesem Zusammenhang nicht zuletzt darauf, dass es die eingeforderten

Unterstützungsnetzwerke bereits gegeben habe: „Es ist schon vorher

so gewesen, dass man ab und zu einer älteren Dame einen Einkauf mit

heraufträgt und auch auf der Treppe den ein oder anderen Plausch hält.

Das ist keine innovative Errungenschaft von ,Drei Zimmer, Küche, Diele,

Bad‘.“ (01.10.2021) Nichtsdestotrotz fanden auch die Bewohner*innen

und Nachbarin 3 gleich zu Beginn der Corona-Pandemie wieder zusammen.

So brachte MR in Erfahrung, dass im Rahmen einer Initiative von

Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar alte Computer kostenfrei

aufgerüstet werden konnten und vermittelte den entsprechenden Kontakt

an Nachbarin 3: „Von dem Projekt habe ich mir auch erhofft, dass die

Bauhaus-Universität in anderen Stadtteilen und Milieus sichtbarer und

greifbarer wird, etwas aus dem leicht elitären Anschein herauskommt. Hier

fand ich es toll, als MR das auch umsetzte, indem er in der ersten ganz

heißen Corona-Phase, in der alle Kinder im Homeschooling waren und

viele einfach keine ausreichende Technik zur Verfügung hatten, tatsächlich

eine Nachricht per Messenger-Dienst herumschickte, dass sich einige

Studenten der Bauhaus-Universität mit der Initiative Maschinenraum auf

die Fahne geschrieben haben, Laptops für Kinder aufzubereiten, deren

Eltern sich das ansonsten eben nicht leisten können. Das ist wirklich ein

starkes Projekt mit großer Wirkung.“ (Nachbarin 3: 01.10.2021) Insgesamt

wurde die Messenger-Dienst-Gruppe mit dem Aufkommen der Corona-

234

Flexibilisierung und Vergemeinschaftung des Wohnens: Wissenschaftliche

Begleitforschung zur Aneignung der Wohnung mit Optionen


Pandemie noch stärker genutzt. Aber auch darüber hinaus etablierte

sich die Nachbarschaftshilfe in dieser zweiten Phase der Aneignung der

Wohnung zusehends. So stellten NM und MR im Hausflur zum Beispiel

Zeitungen und Honig beziehungsweise Bärlauchsalz in kleinen Gläsern

für die gesamte Hausgemeinschaft zur Verfügung, wobei insbesondere

Letztere großen Anklang fanden: „Das Salz war in drei Sekunden weg.“

(MR: 15.09.2020) Und NM weiter: „So langsam wird das mit Corona zu

einer ‚Begleitung‘, man gewöhnt sich immer mehr an die Situation und

die Angst wird weniger. Auch die anderen Personen sind wieder eher bereit

für ein längeres Gespräch im Treppenhaus oder an der Eingangstür.

Die Sehnsucht nach Normalität ist spürbar. Durch diese kleineren Maßnahmen

im Garten oder im Treppenhaus versuchen wir, den Kontakt zu

den Mitgliedern der Hausgemeinschaft nicht zu verlieren, und vielleicht

auch den anderen Inspiration zu geben, um in dieser außergewöhnliche

Situation trotzdem aktiv und kreativ zu sein.“ (15.04.2020) Zudem wurden

unter anderem Kartoffelpressen verliehen, und während längerer Abwesenheiten

konnten aufgrund des gewachsenen Vertrauens vor allem

in Richtung von Nachbarin 1 und Nachbar 2 Vereinbarungen getroffen

und Briefkastenschlüssel übergeben werden, sodass eine Kontrolle der

eingehenden Post möglich war.

Nachbarschaft und darüber hinaus

Wie weiter oben bereits ausgeführt, planten NM und MR, im November

und Dezember 2020 an Nikolaus ein Wohnzimmerkonzert zu veranstalten,

das die erste größere Veranstaltung auch für die Nachbar*innen aus

der Asbachstraße 26–30 hätte sein sollen. Diese Veranstaltung musste

krankheitsbedingt abgesagt werden und wurde auch in den darauffolgenden

Wochen nicht nachgeholt. Dies mag zunächst durch den vergleichsweise

hohen Organisationsaufwand zu erklären gewesen sein; mit

dem Aufkommen der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden

Beschränkungen wurde die Durchführung derartiger Veranstaltungen

mit entsprechend vielen Personen zumindest in der Wohnung allerdings

tatsächlich dauerhaft unmöglich gemacht. Ähnliches gilt für zwei Formate,

die bereits seit dem Einzug von NM und MR in Zusammenarbeit

mit studentischen Initiativen der Bauhaus-Universität Weimar entwickelt

wurden und ab dem Frühjahr 2020 hätten stattfinden sollen. Hierbei

handelt es sich zum einen um die urbanistische Initiative der Kamingespräche,

die eine ihrer Gesprächsrunden zu Raum und Gesellschaft

in der Wohnung hätten durchführen wollen, um dabei gemeinsam mit

den Bewohner*innen, der Hausgemeinschaft, der Nachbarschaft und

mit Vertreter*innen des Projektes über das Wohnen in der Zukunft zu

diskutieren. Zum anderen handelt es sich um die studentische Initiative

Horizonte, die Vorträge organisiert und eine Publikationsreihe zum Architekturdiskurs

herausgibt. In Zusammenarbeit mit dieser Initiative hätte

eine alternative Stadtführung konzipiert werden sollen, indem während

mehrerer von der Wohnung ausgehender Veranstaltungen persönliche

Geschichten der Bewohner*innen, der Hausgemeinschaft und der Nachbarschaft

gesammelt und schlussendlich gemeinsam aufbereitet worden

wären. „Hier wird sich auch eine gute Option bieten, die Aktivitäten auf

die Straße auszudehnen.“ (MR: 18.12.2019) Beide Formate mussten aufgrund

der Corona-Pandemie zunächst abgesagt werden; und auch wenn

man sich vor dem Hintergrund der Lockerungen der Beschränkungen

im Sommer 2020 nicht zuletzt für die Konzeption der alternativen Stadt-

235

Carsten Praum


führung durchaus auch Ersatzveranstaltungen außerhalb der Wohnung

hätte vorstellen können, wurden beide Format nicht weiterverfolgt. Dies

ist auf beiden Seiten der Planenden womöglich als Ausdruck fehlender

Kapazitäten und Muße während der weiter oben bereits zitierten „Sommer-Corona-Müdigkeit“

(MR: 29.03.2021) zu verstehen.

Die nachbarschaftliche Dimension des Modells einer Wohnung

mit Optionen wurde durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie also

fortlaufend und substanziell herausgefordert, weswegen den Bewohner*innen

relativ schnell klar erschien, dass sie eine Anpassung ihres

ursprünglichen Konzepts vornehmen müssen.

Zeitpunkt Ort Beteiligte Initiative Medium Folgeaktivitäten

Aktivität 118: (NEU) Coronabedingte

Alternativnutzung:

Raum für Tanztraining

2020: KW 18 bis

2021: Mai

Zimmer 1 Nutzerin 1

NM/MR, Nutzerin

1

Messenger-

Dienst-Gruppe

„Sharing is

Caring Weimar“

-

Vor diesem Hintergrund stießen NM und MR bereits im April 2020 in

einer Messenger-Dienst-Gruppe passenderweise auf ein Raumgesuch

für Tanztraining, woraus die erste Aktivität im Bereich „(NEU) Coronabedingte

Alternativnutzung“ resultierte: „Über die Messenger-Dienst-

Gruppe ‚Sharing is Caring Weimar‘ antworteten wir auf ein Raumgesuch

von 10 Quadratmetern für Tanztraining. Vor dem Hintergrund, dass wir

zu Corona-Zeiten sowieso keine Workshops oder ähnliches anbieten

können/dürfen/wollen und dass 80 Quadratmeter plus Kleingarten

für zwei Personen eigentlich viel zu viel Raum sind, dachten wir diesen

Raum im Sinne des Projektes auch Externen zugänglich machen zu

können.“ (MR: 15.09.2020) Bei der Suchenden handelte es sich um

Nutzerin 1, die als Künstlerin Poledance-Elemente in ihre Performances

integriert. Für entsprechende Tanztrainings konnte sie bis zur Corona-Pandemie

einen Arbeitsraum an der Bauhaus-Universität Weimar

nutzen, was ihr aufgrund der Beschränkungen ab Mitte März 2020

jedoch nicht mehr möglich war. Mit den Bewohner*innen traf Nutzerin 1

daraufhin eine vertragliche Vereinbarung, der zufolge sie nach vorheriger

Ankündigung tagsüber theoretisch täglich in Zimmer 1 trainieren

konnte, wobei die ursprüngliche zeitliche Begrenzung bis 18:00 Uhr in

der Realität keinesfalls so streng gehandhabt wurde: „Da waren die

beiden maximal flexibel, wofür ich ihnen sehr dankbar war.“ (Nutzerin

1: 23.08.2021) Schlussendlich trainierte Nutzerin 1 ein bis zwei Mal

pro Woche in der Wohnung, zu der sie einen eigenen Schlüssel erhielt.

Außerdem schaffte sie sich aufgrund der absehbar lang anhaltenden

Corona-Beschränkungen eine eigene und massive Poledance-Stange

an, die sie im entsprechenden Zimmer dauerhaft aufstellen konnte.

Entsprechend positiv fällt das Gesamtfazit von Nutzerin 1 aus: „Trainieren

konnte ich da ganz wunderbar. Also es gab genügend Platz,

um mich aufzuwärmen. Und dass ich das WLAN und das Badezimmer

mitbenutzen konnte, war super. Man bekommt beim Training immer

so schwitzige, rutschige Hände, da ist das mit dem Badezimmer total

wichtig.“ (23.08.2021) Und auch MR gelangt hinsichtlich der ersten Vergabe

eines einzelnen Raumes an eine einzelne Nutzerin zu einer rundum

positiven Einschätzung: „Im Prinzip kann sie das Zimmer die ganze

Woche frei zwischen 8:00 und 18:00 Uhr nutzen. Eine neue Erfahrung,

236

Flexibilisierung und Vergemeinschaftung des Wohnens: Wissenschaftliche

Begleitforschung zur Aneignung der Wohnung mit Optionen


wenn jemand anderes einen Schlüssel hat und einfach so in die eigene

Wohnung kommen kann. Zwar mit Ankündigung, aber immerhin erst

einmal ungewohnt. Trotzdem klappt es soweit wunderbar, wir stören uns

nicht gegenseitig und ab und zu ist auch noch kurz Zeit für ein Gespräch

auf der Türschwelle.“ (06.05.2020)

Phase 3

Hausgemeinschaft

Hinsichtlich der Aneignung der Wohnung durch die Hausgemeinschaft

kann trotz der erneut umfassenden Beschränkungen von sozialen Kontakten

in der dritten Phase zumindest weiterhin von einem regen Gebrauch

der Möglichkeiten der Nachbarschaftshilfe gesprochen werden. Dabei

wurde in den Monaten Oktober 2020 bis April 2021, wie in vielen anderen

Hausgemeinschaften auch, eine auffallend hohe Anzahl an Paketen

angenommen und weitergegeben. Darüber hinaus wurden zwischen

den Mitgliedern der Hausgemeinschaft aber zum Beispiel auch Verlängerungskabel

verliehen, Computerprogramme installiert, Starthilfen

gegeben, Wohnungsschlüssel übergeben und Bienenwachskerzen verschenkt.

Dabei diente die Messenger-Dienst-Gruppe noch immer häufig

als Ausgangspunkt, wurde aber durchaus auch durch direkte Anfragen

an der Haustür ergänzt. Wie in den vorangegangenen Monaten entwickelten

sich aus der Nachbarschaftshilfe mitunter Nachfolgeaktivitäten,

die in der dritten und besonders stark von den Corona-Beschränkungen

geprägten Phase vor allem aus distanzierten oder digitalen Gesprächen

im Hausflur oder in einem Messenger-Dienst bestanden.

Nachbarschaft und darüber hinaus

Die Aneignung der Wohnung durch die Nachbarschaft und darüber

hinaus war in der dritten Phase weiterhin vor allem durch die Vergabe

von Zimmer 1 an Nutzerin 1 für ihr Tanztraining geprägt. Dabei nutzte

sie die Trainingsmöglichkeit nicht durchgehend, aber doch immer wieder

und über den Winter mehrere Monate am Stück. Die Poledance-Stange

konnte Nutzerin 1 währenddessen durchgehend in Zimmer 1 stehen lassen,

was sie rückblickend sehr zu schätzen wusste: „Ansonsten war ich sehr

froh, dass die Stange die ganze Zeit in der Wohnung bleiben konnte. Weil

das immer nur wenige Wochen waren, in denen mal wieder irgendeine

Nutzung irgendwo anders möglich wurde. Und dann war ich wieder auf

die Stange in der Wohnung angewiesen.“ (23.08.2021) Diese seit April

2020 andauernde coronabedingte Alternativnutzung kann zugleich auch

als Blaupause verstanden werden für ein Konzept, das NM und MR im

Jahr 2020 noch gemeinsam ausgearbeitet hatten und demzufolge die

Vergabe einzelner Räume an einzelne Nutzer*innen zukünftig stärker im

Fokus stehen sollte.

Doch zunächst zu einer weiteren Aneignung der Wohnung durch

die Nachbarschaft und darüber hinaus, die nach dem Auszug von NM

in dem Versuch bestand, Zimmer 1 zusätzlich als Pendlerzimmer zu vergeben.

Bei der Pendlerin und Nutzerin 2 handelte es sich um eine ehemalige

Kommilitonin von MR, die im Wintersemester 2020/21 in zwei

verschiedenen Städten studierte, weswegen sie sich lediglich für zwei

bis drei Tage die Woche oder mitunter gar nicht in Weimar befinden

würde. Dieser Umstand erschien MR als eine „ideale Ergänzung“ zur

Nutzung von Zimmer 1 als Raum für Tanztraining. „Aber selbst das hat

237

Carsten Praum


273


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Carsten Praum und Barbara Schönig

Carsten Praum

Andrew Alberts

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Copa-Ipa, Büro für Gestaltung

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

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