Katharina Serafimova - Lusenti Partners

lusentipartners

Katharina Serafimova - Lusenti Partners

Roundtable

Nachhaltigkeit

SponSoRen

TeilnehmeR

1 Daniel Bruderer Head of Product Sales

Global Change Investing,

Vontobel Asset Management

2 Katharina Serafimova Head of Finance

Sector Engagement, WWF Schweiz

3 Dr. David n. Bresch Head Sustainability

& Political Risk Management, Swiss Re

4 Dr. René nicolodi Head of Sustainable

Investment, Zürcher Kantonalbank

5 Dr. Graziano lusenti Managing Partner,

Lusenti Partners LLC

6 michael lennert Financial Times Ltd,

Moderator, Chefredaktor spn

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Dezember 2011 / Januar 2012 spn 17

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Roundtable Nachhaltigkeit

18 spn Dezember 2011 / Januar 2012

spn: Wir sprechen heute über Nachhaltigkeit. Helfen

Sie uns zuerst bei der Begriffsklärung: Was verstehen

Sie unter nachhaltig Investieren?

Katharina Serafimova: Es gibt keine allgemeingültige

Definition für Nachhaltigkeit. Der WWF interessiert

sich in erster Linie für die Umweltwirkung, die mit

nachhaltigen Investments sowie Finanzierungen erreicht

werden kann. Unsere Ziele sind der Erhalt der

Biodiversität und das Verringern unseres ökologischen

Fussabdrucks. Wichtige Themen im Bereich der Finanzwirtschaft

sind Investments in nachhaltige Rohstoffe

und der Bereich rund um den Klimawandel, ferner

auch der Umgang mit Wasser.

Daniel Bruderer: Für uns gehen Stabilität, wirtschaftlicher

Erfolg und Verantwortung Hand in Hand. Wenn

wir Unternehmen analysieren, dann schauen wir nicht

nur auf kurzfristige Kennzahlen, sondern verfolgen

eine ganzheitliche Sicht. Immaterielle Vermögenswerte

wie die Qualität des Unternehmens, soziales wie

auch geistiges Kapital sowie umweltfreundliches Verhalten

eines Unternehmens sind wichtige Faktoren,

die neben den finanziellen Aspekten bei einer Analyse

zu berücksichtigen sind.

Dr. René nicolodi: Wie Nachhaltigkeit per se definiert

wird und wie Nachhaltigkeit im Anlagebereich dann

umgesetzt wird, ist auf zwei Ebenen zu betrachten. Die

Zürcher Kantonalbank orientiert sich strategisch am

Dreisäulenkonzept, das eine langfristige Berücksichtigung

von Umweltverantwortung, sozialer Verantwortung

und Wirtschaftlichkeit in Verbindung bringt. Bei

der konkreten Umsetzung im Anlagebereich setzen

„wir berücksichtigen nachhaltigkeit

bei allen unseren

aktivitäten.” Dr. David Bresch

wir den Fokus auf relevante Umweltaspekte,

Sozialthemen und Corporate

Governance sowie die Wirtschaftlichkeit.

Schlussendlich ist eine einheitliche

Definition für Nachhaltigkeit nicht

zwingend; im Anlagebereich ist die

Transparenz gegenüber den Kunden viel

wichtiger.

Dr. Graziano lusenti: Es gibt kein einheitliches

Bild auf Seiten der Anleger;

jede Pensionskasse hat eine etwas andere

Einstellung und einen anderen Fokus.

Das ist auch die Herausforderung für

uns Berater – zu erkennen, was die Verantwortlichen

von Pensionskassen wollen

und wie sie es dann umsetzen möchten.

Für unsere Kunden sind neben der

umweltfreundlichen und wirtschaftlichen

Effizienz die sozialen Aspekte sehr

wichtig. Stichworte sind Menschenrechte

und Ethik. Wichtig ist auch die Corporate

Governance. Die Stiftungsorgane

der Kassen wollen mitbestimmen, was in

den Firmen passiert, in denen sie investiert sind.

Dr. David Bresch: Wir berücksichtigen Nachhaltigkeit

bei allen unseren Aktivitäten. Als global tätiger Rückversicherer

nehmen wir auch viele längerfristige Risiken

auf unsere Bücher. Nachhaltigkeit heisst hier also,

langfristige Risiken gut zu identifizieren und dafür

adäquate Preise zu verlangen. Wir müssen unseren

Zahlungsverpflichtungen aufgrund der eingegangenen

Verträge auch in ferner Zukunft nachkommen.

Wir haben deshalb nicht das primäre Ziel, kurzfristig

den rein monetären Wert zu optimieren. Zentral ist für

uns die langfristige Zahlungsfähigkeit. Diese Dimension

entspricht unserem Begriff von Nachhaltigkeit, die

sowohl die Umwelt als auch soziale Faktoren berücksichtigt.

Dazu haben wir ein Rahmenwerk entwickelt,

wo wir diese verschiedenen Dimensionen messen und

entscheiden, was wir tun oder lassen.

spn: Sie haben die Expertise dafür?

Bresch: Ja, und zum grössten Teil in unserem Haus.

Das ist eine Notwendigkeit.

spn: Herr Bruderer, Sie haben von Ganzheitlichkeit

gesprochen. Das tönt gut, aber wie setzen Sie

dies um?

Bruderer: Wir verfolgen einen integrierten Ansatz. Bei

uns sind es derzeit zwölf Mitarbeiter, welche die Unternehmensanalysen

durchführen. Die Daten von Drittanbietern

nutzen wir zwar als Basis, aber damit ist die

Arbeit nicht getan. Wer kennt den Markt besser als die

Sektoranalysten? Sie führen bei uns sowohl die Finanz-

als auch die Nachhaltigkeitsanalyse durch.

Bresch: Wir machen das sehr ähnlich. Es braucht die Experten

für langfristige Nachhaltigkeitshemen, aber auch

die Spezialisten, die solche Themen in spezifischen Sektoren

berücksichtigen. Das für Nachhaltigkeitsrisiken

zuständige Team gestaltet das Rahmenwerk und stellt


sicher, dass die richtigen Dimensionen einfliessen.

Für schwierige Fälle wird es jeweils

beigezogen.

Serafimova: Wir begrüssen den ganzheitlichen

Ansatz. Wir wollen die Integration

der Nachhaltigkeit ins normale Mainstream

Business voranbringen, also beim

üblichen Research und der normalen Risikoprüfung.

Es geht darum, den Standard in

der Gesamtbranche anzuheben. Der Umweltbereich

interessiert uns natürlich besonders.

Hier können wir als Umweltorganisation

auch Mehrwert bringen.

Bruderer: Vergessen wir aber nicht die Performance,

die ist für unsere Investoren sehr

wichtig.

lusenti: Im Idealfall sollte es künftig so

sein, dass Nachhaltigkeit ein ganz normaler

Ansatz ist, um optimal und

Performance-orientiert zu investieren. Ist

das nicht so, wäre dies ein schlechtes Zeichen.

Das würde nämlich bedeuten, dass

sich nachhaltige Investments als Entwicklung

im Elfenbeinturm offenbaren und

nicht im Sinne von Mainstream. Ich hoffe

sehr auf die Entwicklung in Richtung Mainstream.

nicolodi: Das hoffe ich langfristig auch.

Aber Mainstream wird im Anlagebereich,

was ich messen, bewerten, in Modelle einbauen und so

in einem traditionellen Anlageprozesse internalisieren

kann. Für einige Aspekte der Nachhaltigkeit ist das

möglich, für andere, aus Nachhaltigkeitssicht sehr

wichtige Themen eher weniger.

spn: Zum Beispiel?

nicolodi: Nehmen Sie die Corporate Governance. Es

herrscht ein breiter Konsens, dass sie eine finanzielle

Relevanz hat. Für andere Nachhaltigkeitsaspekte

zeigen Studien zur finanziellen Bedeutung noch kein

einheitliches Bild, obwohl wir davon ausgehen, dass

aus Risiko- oder Renditesicht eine Relevanz gegeben ist.

Serafimova: Es gibt dazu auch Beispiele aus dem Bereich

„climate change“. Man ist sich einig, dass wir auf

eine Wirtschaft hinsteuern, die weniger CO2 verbrauchen

wird. Dazu braucht es Regulierungen und eine

Entwicklung weg von energieintensiven Branchen hin

zu klimafreundlichen Lösungen. Gleichwohl ist es eine

Frage der Zeitperspektive: Sind die Anlagestrategien

von heute schon für die Zukunft gerüstet?

nicolodi: Es stellt sich die Frage, wie es mit der Integration

der Nachhaltigkeit im traditionellen Anlagebereich

konkret vorangeht. Bei der Zürcher Kantonalbank

beschäftigen sich sieben Analysten sektorspezifisch

mit der Nachhaltigkeitsanalyse von Unternehmen

und Schuldnern. Sie berücksichtigen dabei auch

langfristig ökonomische Treiber. Die kurzfristigen Anlageentscheide

trifft der Portfolio Manager unter Be-

Katharina Serafimova ist Head of Finance

Sector Engagement beim WWF Schweiz. Die

grösste Schweizer Umweltschutzorganisation

will Nachhaltigkeit bei Finanzierungs-

und Investment-Entscheiden voranbringen

und als Mainstream Business etablieren. In

erster Linie geht es um die Hebelwirkung,

die durch Finanzintermediäre und Investoren

im Hinblick auf deren Umweltwirkung

erreicht werden kann. Durch ihre internationale

Präsenz und langjährige Erfahrungen

mit Nachhaltigkeitsstandards entlang der

Handelsketten biete die Umweltorganisation

einen Mehrwert für Akteure der Finanzbranche.

rücksichtigung der Ergebnisse aus der

Nachhaltigkeitsanalyse. Im Spannungsfeld

von kurzfristigen Marktbewegungen

und Quartalszahlen ist es für Finanzanalysten

und Portfolio Manager

tatsächlich aber nicht immer einfach,

Nachhaltigkeitsaspekte systematisch zu

berücksichtigen und daraus Risiken und

Chancen im Anlageentscheid abzuleiten.

Bresch: Auf der Versicherungsseite beschäftigt

sich der Underwriter – derjenige,

der Risiken zeichnet – im Kerngeschäft

mit der Risikobeurteilung, und da

fliessen mehrere Dimensionen mit ein.

Wer beispielsweise Bergbauprojekte versichert,

kümmert sich darum, wie gut

diese geführt werden. Er fragt sich auch,

wie sorgfältig dort gearbeitet wird. Wer

dies holistisch betrachtet, also Nachhaltigkeitskriterien

miteinbezieht, hat

häufig einen messbaren Vorteil. Das ist

bei uns auch auf der Anlageseite so. Wir

führen ein Nachhaltigkeitsportfolio, das

wir aus strategischen Gründen vorantreiben.

Für den Grossteil unseres Anlageuniversums

gilt, dass die Assets den

Principles for Responsible Investment

(PRI) entsprechen. Damit ist ein Rahmen

geschaffen, in dem sich unsere Analysten

bewegen müssen.

Bruderer: Es gibt nicht viele Analysten, die beides können

– Nachhaltigkeits- und Finanzanalyse. Wer beide

Kompetenzen mitbringt, wird in Zukunft seinen

Marktwert steigern. Bei uns haben wir Berichte kreiert,

in denen Nachhaltigkeits- und Finanzanalysten gemeinsam

die einzelnen Sektoren auf ihre Chancen und

Risiken beleuchtet haben. Mit diesen Berichten haben

„wir wollen die integration der

nachhaltigkeit ins normale mainstream

business voranbringen.” Katharina Serafimova

wir sektorspezifische Minimumstandards eingeführt.

Diese Kriterien muss ein Unternehmen erfüllen, damit

es ins Anlageuniversum kommt. Darüber hinaus treffen

sich unsere Analysten wöchentlich mit dem Sustainability

Research Team, um kontroverse Themen oder

aber auch einzelne Anlageideen zu diskutieren. Unsere

Sektoranalysten sind nicht mehr mit klassischen Aktienanalysten

vergleichbar.

spn: Herr Lusenti, interessieren sich Pensionskassen

vermehrt für nachhaltiges Investieren?

lusenti: Wir haben vor zwei Jahren einen Survey bei

Pensionskassen zum Thema Nachhaltigkeit durchgeführt.

Zusammengefasst: Ganz allgemein ist in der

Schweiz ein deutliches Interesse für dieses Thema vorhanden.

Es besteht auch die Bereitschaft, nach Nachhaltigkeitskriterien

anzulegen. Diese ist bei öffentlich-

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Roundtable Nachhaltigkeit

rechtlichen Kassen grösser als bei privatrechtlichen

Vorsorgeeinrichtungen. Und

das Interesse ist – für uns eher erstaunlich

– in der Romandie grösser als in der

Deutschschweiz. Dabei ist ja die Sensibilität

für Umweltfragen in der Deutschschweiz

– meines Erachtens – allgemein

grösser als in der Romandie. In der Westschweiz

hat das politische Umfeld diese

Fragen mehr gepuscht. Ein weiterer Grund

ist das Mitwirken der Gatekeeper. Der Enthusiasmus

der Consultants für Nachhaltigkeit

war bis anhin in der Schweiz nicht

so gross. Es kann auch gut sein, dass viele

Pensionskassenverantwortliche im letzten

Jahrzehnt mit Markt- und Finanzkrisen

überlastet waren und das Thema Nachhaltigkeit

etwas vernachlässigten. Gerade die

letzten Krisen ab 2008 werden aber dazu

führen, dass vermehrt in reale, handfeste

Werte investiert wird – man will weniger

finanziellen Hokuspokus, mehr Konkretes.

Nachhaltige Anlagen werden von diesem

Trend profitieren.

spn: Herr Nicolodi, warum lassen sich

Consultants in der Deutschschweiz

schwer von Nachhaltigkeit überzeugen?

nicolodi: Es war bislang nicht einfach, mit

Consultants über das Thema zu sprechen

oder sie dafür zu begeistern. Es besteht eine

gewisse Skepsis gegenüber nachhaltigen

Anlagen, die extrafinanzielle Aspekte hoch gewichten,

deren Wirkung als Renditetreiber unklar ist. Da ist

auch eine gewisse Grundlagenarbeit notwendig, die

gemeinsam mit Consultants Erkenntnisse bringen

könnte. Ausserdem: In anderen europäischen Ländern

ist der politische Wille und Druck von NGOs bezüglich

Nachhaltigkeit bei Pensionskassen grösser als in der

Schweiz. Auch deshalb sind Consultants vermutlich

zurückhaltender. Die Quote nachhaltiger Anlagen in

der Schweiz ist eine der tiefsten in Europa.

„nach einer definition von eurosif

werden nachhaltige investments in

‚core‘ und ‚broad‘ aufgeteilt.“

Daniel Bruderer

spn: Es ist noch viel Überzeugungsarbeit nötig?

nicolodi: Wir suchen regelmässig den Kontakt zu Consultants

und zu den Pensionskassenverbänden, um gemeinsame

Bedürfnisse abzuklären und Know-how zu

vermitteln. Wir versuchen Pensionskassen auch aufzuzeigen,

wie sich Nachhaltigkeit schrittweise in den Anlageprozess

integrieren lässt. Die Zürcher Kantonalbank

und die Pensionskasse der Bank haben beispielsweise

die Principles for Responsible Investment der

Vereinten Nationen (UNPRI) unterzeichnet; in diesem

Sinne wollen wir auch Pensionskassen für das Thema

sensibilisieren und unterstützen.

20 spn Dezember 2011 / Januar 2012

Daniel Bruderer ist Head of Product Sales

Global Change Investing bei Vontobel Asset

Management. Die Global-Change-Investing-

Boutique verfolgt einen integrierten Ansatz,

bei dem es darum geht, den eigenen Performance-Anspruch

mit der kritischen Beurteilung

einer verantwortungsvollen Unternehmensführung

zu verbinden. Im Anlageprozess

werden die Kapitalrenditen und Bewertungen

der Unternehmen diszipliniert

analysiert und gemeinsam mit Nachhaltigkeitskriterien

in die Anlageentscheidung

einbezogen. Die Daten von Drittanbietern

könne man zwar als Basis brauchen, damit

sei die Arbeit aber nicht getan.

Serafimova: Auch der WWF hat den Ball

aufgenommen. Wir führen kommendes

Jahr zum zweiten Mal den Zertifikatskurs

für Sustainable Finance Leaders

durch. Ziel ist es, Entscheidungsträger

aus der Finanzbranche auf Nachhaltigkeit

zu schulen. Wir spüren ein zunehmendes

Interesse institutioneller Investoren,

die sich mit Fragen zur Nachhaltigkeit

an uns wenden. Ein zentrales

Thema sind Rohstoffe und dabei vor allem

Soft Commodities. Der WWF engagiert

sich entlang der Handelsketten

und hat beispielsweise mit dem FSC-Label

für die Waldbewirtschaftung Standards

mitentwickelt. Diese Erfahrungen

und Erkenntnisse müssen wir für Investoren

„übersetzen“.

lusenti: Für den Durchbruch braucht es

mehrere Driver. Meistens ist es ein Stiftungsrat,

der für seine Kasse mehr Nachhaltigkeit

will. Es kann auch der Arbeitgeber,

die Gewerkschaft oder die Politik

sein – oder externe Anbieter und Stakeholder.

Solange es diese Driver nicht

gibt, passiert eigentlich wenig. Dazu

kommt, dass die Umsetzung von Anlagen

nach nachhaltigen Kriterien teilweise

noch zu abstrakt ist. Wer beispielsweise

in Commodities anlegt, will einen

Beitrag leisten für eine bessere Nutzung

der Umwelt – oder dieser mindestens

nicht schaden. Vielen nachhaltigen Anlageprodukten

fehlt noch der Bezug zur realen Welt: Sie sind Marketing-getrieben

und es hapert bei der effektiven Umsetzung.

Ein weiterer, aus unserer Sicht sehr wichtiger

Punkt: Mit nachhaltigen Anlagen entstehen für Pensionskassen

eine zusätzliche Komplexität bei der Umsetzung

und indirekt möglicherweise auch etwas mehr

Kosten. Das muss man objektiverweise sagen und auch

akzeptieren.

Bruderer: Das sehe ich anders. Dass nachhaltige Anlagen

mehr kosten als traditionelle Investments, ist heute

vom Tisch. Da besteht eine falsche Wahrnehmung.

Was es baucht, ist ein Effort von uns Anbietern, den

Pensionskassen das Thema näherzubringen.

spn: Konkret wie?

Bruderer: Jeder Investor hat unterschiedliche Interessen.

Nach einer gängigen Definition von Eurosif werden

nachhaltige Investments in „Core“ und in „Broad“

aufgeteilt: Zu Core zählen Ansätze wie Negativ- und

Positiv-Screening, der Best-in-Class-Ansatz oder der

Themenansatz. Unter „Broad“ werden Strategien wie

Integration von ESG-Kriterien, Engagement und aktive

Aktionärspolitik zusammengefasst. Gemäss Eurosif

lag das Volumen nachhaltiger Anlagen in Europa per

Ende 2009 bei 5 Billionen Euro, davon entfielen rund

2,8 Billionen Euro auf den integrierten Ansatz. Wir haben

uns für den integrierten Ansatz entschieden, da

wir mit den ESG-Kriterien Nachhaltigkeitsüberlegungen

in unseren Anlageprozess miteinbeziehen, ohne


auf Rendite verzichten zu müssen. Die Strategien lassen

sich auch beliebig kombinieren. Da ist es jedem Investor

selbst überlassen, welche nachhaltige Strategie

am besten zu seiner Anlagephilosophie passt.

Bresch: Ich will ebenfalls eine Lanze brechen für den

integrierten Ansatz. Das passt auch zu unserem Modell,

weil wir die Risiken ja nicht nur im Anlagebereich

beurteilen, sondern auch in unserem Kerngeschäft,

der Rückversicherung. Da ergeben sich Synergien und

der Aufwand lohnt sich – man stelle sich nur mal vor,

was ein Reputationsschaden kosten kann. Diese Kosten

wären für uns viel höher als der personelle Aufwand

für unser integriertes System. Und wenn wir berücksichtigen,

was wir risikoadjustiert an Sicherheit gewinnen,

weil wir nicht in längerfristig problematische Bereiche

investiert sind oder diese versichern, dann sind

wir allemal im positiven Bereich.

nicolodi: Wenn sich Pensionskassen für einen integrierten

Ansatz entscheiden, steht die Risikosicht im

Vordergrund. Dies ist sinnvoll, denn sie haben eine

langfristige treuhänderische Verantwortung gegenüber

ihren Versicherten, die gesetzlich hauptsächlich

finanzieller Natur ist. Sollte eine Pensionskasse in diesem

Rahmen beachten, dass für die Versicherten die

Gesellschaft auch in 20 und 30 Jahren noch lebenswert

ist? Diese Frage beantworten wir klar mit Ja. So gesehen

kann Nachhaltigkeit bei Pensionskassen einen mehrfachen

Nutzen bringen, wenn sie in der Anlagestrategie

richtig verankert ist.

spn: Frau Serafimova, will der WWF aktiv mitreden

in Unternehmen?

Serafimova: Der WWF arbeitet mit Unternehmen aus

unterschiedlichen Branchen. Bei nachhaltigen Investments

ist das sogenannte Engagement ein wichtiger

Ansatz unter mehreren. Es hat beispielsweise zu mehr

Transparenz von Unternehmen gegenüber Investoren

geführt. Das ist zentral, um qualifizierte Entscheide zu

treffen. Letztlich zählt aber nicht nur der Dialog mit

dem Unternehmen, sondern welche Investitionen oder

Finanzierungen effektiv getätigt wurden.

nicolodi: Engagement ist für institutionelle Anleger

und Pensionskassen eines der wesentlichsten Instrumente,

um überhaupt etwas zu bewegen. Aufgrund der

vorgegebenen Asset Allocation sind grosskapitalisierte

Indextitel im Portfolio der meisten Pensionskassen. Engagement

bedeutet da die Wahrnehmung der Stimmrechte

oder das Einbringen von Traktanden an Generalversammlungen.

Am wichtigsten ist aber der Dialog

mit den Unternehmen über wesentliche strategische

Ausrichtungen zum Thema Nachhaltigkeit. Wir versuchen

das bei der Zürcher Kantonalbank systematisch

umzusetzen. Mit allen Firmen, die in unseren nachhaltigen

Anlageuniversen enthalten sind, führen wir Gespräche.

Das ist ein wesentlicher Hebel, um Nachhaltigkeit

voranzutreiben. Ein gutes Beispiel ist die Berichterstattung,

da man nur Unternehmen bewerten

kann, von denen man gute Informationen hat. Vor

zehn bis 15 Jahren hatte man kaum Infos zu relevanten

Nachhaltigkeitsthemen, so beispielsweise zur Corporate

Governance. Das hat sich in den letzten Jahren

„wir schliessen firmen aus, die sich

bezüglich nachhaltigkeitsbewertung

nicht gut entwickelt haben.” Dr. René nicolodi

deutlich verbessert. Heute bestehen Standards zur

Nachhaltigkeitsberichterstattung an zahlreichen Börsen.

Diesen Prozess haben auch die Anleger im Dialog

mit den Unternehmen vorangetrieben.

Bruderer: Match-entscheidend ist der Dialog mit Unternehmen.

Es gibt aber viele Investoren, die nehmen

zwar die Daten, führen aber keinen Dialog. Das finde

ich fahrlässig. Andererseits gibt es Firmen, die von sich

aus uns gegenüber darlegen, wie sie ihre gesellschaftliche

Verantwortung wahrnehmen. Das ist auch ein

Wettbewerbsvorteil für die Firma: Nehmen Sie zwei Firmen

mit dem gleichen Angebot und die eine ist nachhaltiger

– die kriegt die Aufträge.

spn: Wie erkennen Sie, dass es sich

bei den Fimenpräsentationen nicht

bloss um einen cleveren Marketing

Gag handelt?

Bruderer: Wir führen einen aktiven Dialog

mit Unternehmen und verlassen uns

nicht auf öffentlich zugängliche Daten.

Wir verifizieren die Unterlagen und führen

eigene Recherchen zum Unternehmen

durch. Natürlich gibt es keine

100-prozentige Garantie. Es ist unser Anspruch,

eine solide Finanz- und Nachhaltigkeitsanalyse

durchzuführen.

spn: Haben Sie auch schon Firmen

ausgeschlossen?

nicolodi: Die Firmen werden regelmässig

überprüft, insbesondere hinsichtlich

aktueller Reputationsrisiken.

Wir schliessen Firmen aus, die sich bezüglich

Nachhaltigkeitsbewertung

nicht gut entwickelt haben, ein gravierendes

Problem aufweisen oder wiederholt

enttäuscht haben.

Bresch: Wir schliessen auch Unternehmen

aus, doch wir müssen dies konsistent

tun. Dazu haben wir ein Rahmenwerk

für die verschiedenen Bereiche

vom Bergbau über Rüstungsgüter bis zu

Öl- und Gasförderung. Da gibt es jeweils

Ausschlusskriterien und auch eine Ausschlussliste.

So versichern wir beispielsweise

keine Firmen, die Personenminen

herstellen. Wir versuchen transparent

zu sein und engagieren uns wo möglich

und nötig in einem Dialog auf klarer Basis.

Gibt es keine messbare Entwicklung,

setzen wir einen Haltepunkt, drohen

mit Ausschluss – und vollziehen diesen

bei mangelndem Fortschritt durchaus.

Dr. Graziano Lusenti ist Managing

Partner bei der Beratungsfirma

Lusenti Partners. Was bei

seinen Kunden stark im Vordergrund

stehe, sei der umweltfreundliche,

aber auch der soziale

Aspekt. Im Fokus stünden dabei

Menschenrechte und Ethik,

aber auch die Corporate Governance.

Die Stiftungsorgane der

Kassen wollen nach Lusentis Erfahrungen

mitbestimmen, was

in den Firmen passiert, in denen

sie investiert sind. Immobilien

eignen sich für ihn besonders,

um praktisch und effektiv einen

positiven Beitrag in der Schweiz

zu leisten. Insgesamt hielten

sich Schweizer Pensionskassen

bei nachhaltigen Anlagen aber

noch zurück, insbesondere in

der Deutschschweiz.

Dezember 2011 / Januar 2012 spn 21


Roundtable Nachhaltigkeit

22 spn Dezember 2011 / Januar 2012

lusenti: Wir haben das Problem, wie wir Nachhaltigkeit

nach finanziellen und nicht finanziellen Kriterien

messen. Da bestehen noch grössere Mängel. Darum ist

es auch so schwierig, Pensionskassen mit harten Fakten

zu überzeugen. Sowohl das Zahlenmaterial als

auch die angewendete Methodik sind eher soft.

nicolodi: Bezüglich der Aussagekraft gebe ich Herrn

Lusenti Recht. Da kann die Branche noch mit

Grundlagenarbeit überzeugen. Aber auch vorhandene

überzeugende Studien, und solche gibt es immer

wieder, konnten in der Schweiz bei Pensionskassen

bisher keinen eigentlichen Boom auslösen. Welche

Ziele verfolgt ein Investor, der nachhaltig anlegen

möchte? Welche Bedeutung hat das jährliche Renditeziel

im Vergleich zu einer konventionellen Benchmark?

Wie weit darf Nachhaltigkeit die traditionelle

Benchmark beeinflussen und damit das Risiko von

Renditeschwankungen erhöhen? Streubombenhersteller

kann man ausschliessen, das wirkt sich nicht aus.

Wenn man aber nach der Ölkatastrophe im Golf von

Mexiko über den Öl- und Gassektor nachdenkt, betrifft

dies 11 Prozent der Kapitalisierung des Weltaktienmarktes.

lusenti: Viele Pensionskassen wären wahrscheinlich

bereit, etwas weniger Performance zu erwirtschaften,

wenn dafür ein Mehr an Nachhaltigkeit entsteht. Nur

muss man dieses Mehr auch erfassen und messen können.

Und das können wir zurzeit leider noch nicht. Die

Stiftung Ethos legt bei Aktien Schweiz nachhaltig an

und hat eine Zeit lang weniger Performance erwirtschaftet,

weil sie einen Titel – den Saatguthersteller

Syngenta, so scheint mir – nicht berücksichtigt hatte.

Das muss man erklären. Wir haben einen Kunden, der

in Commodities anlegt und sich fragt, ob dies zu Preissteigerungen

bei Grundnährmitteln und dadurch zu

Hunger in der Dritten Welt führt. Der Kunde schliesst

nun von den vier Commodity-Bereichen das Agro-Business

aus. Wir können hier weder wissenschaftlich noch

„grundsätzlich geht es um ein

zusammenspiel unterschiedlicher

welten.“ Dr. Graziano Lusenti

wirtschaftlich begründen, ob dieses Vorgehen sinnvoll

ist oder nicht. Es fehlen die harten Fakten.

Serafimova: Ich will da nachdoppeln. Es gibt Studien

zur Performance, aber kaum Studien, die der Frage

nachgehen, ob unsere Welt nachhaltiger wird, wenn

wir nachhaltig anlegen. Hier braucht es harte Fakten,

um darzulegen, dass wir mit nachhaltigen Anlagen unsere

Ziele erreichen.

Bresch: Um Nachhaltigkeit zu messen, müsste man

zumindest die bekannten Externalitäten internalisieren.

Das versuchen wir auf der Risikoseite zu tun.

Bruderer: Hypothetisch könnte ich ein Datenset der

letzten 15 Jahre nehmen und versuchen, das Nachhaltigkeitsalpha

herauszufiltern. Manche Anbieter behaupten,

hier zu Ergebnissen gekommen zu sein.

Schlussendlich trifft der Portfolio Manager die Entscheide

– und da berücksichtigt er nicht nur das Resultat

der Nachhaltigkeitsanalyse, sondern auch das Kurspotenzial

einer Unternehmung und Faktoren wie Stil,

Grösse, Anlageregion etc. Dies sind alles Faktoren, welche

einen wesentlichen Einfluss auf die Performance

haben können. Deshalb haben wir uns ein übergreifendes

Outperformance-Ziel gesetzt.

Bresch: Und wir müssen berücksichtigen, dass solche

Studien die Welt immer im Rückspiegel betrachten.

Wenn man wirklich daran glaubt, dass eine Energiewende

stattfinden muss, dann kann ich nicht die Performance

der letzten zehn Jahre anschauen. Diese Information

ist praktisch wertlos. Will ich strategisch in

Richtung erneuerbare Energien gehen, muss ich nach

vorne schauen.

Serafimova: Wir brauchen Instrumente, um zu beurteilen:

Ist ein Unternehmen strategisch vorbereitet auf

die Zukunft oder nicht?

Bruderer: Aber starke makroökonomische Einflüsse

lassen sich kurz- bis mittelfristig nicht ausblenden.

Nehmen Sie die Schuldenkrise 2008. Egal ob Sie nachhaltig

anlegten oder nicht, Sie wurden abgestraft.

nicolodi: Wir beurteilen unsere nachhaltigen Produkte

relativ zu ihren jeweiligen nachhaltigen Anlageuniversen

als Ausgangslage und relativ zu den traditionellen

Benchmarks. Damit haben wir ein besseres Bild,

welchen Peformanceeffekt Nachhaltigkeit hat. Gleichzeitig

haben wir mit der ETH Zürich eine dreijährige

Studie durchgeführt, um auf der Grundlage eines Multifaktorenmodells

die Performance nachhaltiger Anlageuniversen

zu analysieren. Die Ergebnisse werden wir

Ende Jahr präsentieren.

lusenti: Grundsätzlich geht es um ein Zusammenspiel

unterschiedlicher Welten – der Welt der Nachhaltigkeit,

wo es darum geht, die Umwelt in verschiedener

Hinsicht wirklich zu verbessern, und der Finanzwelt,

der es um Profitmaximierung geht. Zynisch ausgedrückt:

Die Asset Manager interessieren sich vor allem

dafür, möglichst viele Assets under Management zu

haben, weil dies ihren Einnahmestrom bestimmt.

Wenn ein Nachhaltigkeitslabel noch mehr Assets


ingt, um sobesser. Und wenn es die Marge erhöht, ist

es noch viel besser! Es ist schwierig, diese Welten zusammenzubringen.

Ich finde es wichtig, dass unabhängige

Organisationen wie der WWF hier näher hinschauen

und prüfen. Nachhaltigkeit ist trendy und

eben deswegen muss man Acht geben, dass sie nicht zu

einem Verkaufs- oder Marketing Gimmick degradiert

wird.

Serafimova: Entscheidend ist die Wirkung von nachhaltigen

Anlagen auf die reale Welt. Sonst verliert dieser

Ansatz seine Glaubwürdigkeit.

Bruderer: Es gibt in der Schweiz nur wenige seriöse Anbieter

von nachhaltigen Anlageprodukten. Auch

grössere Anbieter hatten mal eine breite Palette, die

mittlerweile eingeschränkt wurde beziehungsweise

nicht ausgebaut wird.

nicolodi: Ein Kriterium ist die Unterzeichnung der

Prinzipien für verantwortungsbewusstes Anlegen der

Vereinten Nationen; diese Verpflichtung ist nicht

ohne. Wenn institutionelle Investoren Nachhaltigkeit

langfristig erfolgreich umsetzen wollen, muss das Thema

strategisch integriert sein. Ansonsten ist es ein Marketing

Gag.

spn: Sind Ereignisse wie die Finanzkrise oder die

Atomkatastrophe von Fukushima auch Treiber

für mehr nachhaltige Anlagen?

nicolodi: Die von Ihnen erwähnten Ereignisse führen

dazu, dass langfristig denkende Stiftungsräte sich vermehrt

diesen Fragen stellen. Wir verzeichnen eine

leicht höhere Nachfrage von Pensionskassen.

lusenti: Wir sollten uns die Relationen vor

Augen führen. Im internationalen Vergleich

ist das Gesamtvermögen der zweiten

Säule zwar gross, aber die einzelnen

Schweizer Pensionskassen sind klein, weil

unser System weit weniger konzentriert ist

als in den Niederlanden, in Grossbritannien

oder in den USA; die grössten unter ihnen

verwalten rund 30 Milliarden Franken.

Es fehlt an den nötigen Ressourcen, um die

ganze Problematik der Nachhaltigkeit im

grossen Stil anzupacken. Auch das ist eine

Erklärung, warum Pensionskassen in der

Schweiz in Sachen Nachhaltigkeit eher zurückhaltend

sind. Es kommen also nur verhältnismässig

einfache Lösungen in Frage,

sowohl bei den Produkten als auch bei den

zusätzlichen Dienstleistungen zur Verbesserung

der Schlagkraft.

spn: Herr Bresch, sind Sie mit der Performance

Ihrer nachhaltigen Anlagen

zufrieden?

Bresch: In unserem Nachhaltigkeitsportfolio

haben wir 400 Millionen Franken investiert.

Insgesamt legen wir aber 150 Milliarden

an. Aufgrund der Grösse ist das Nachhaltigkeitsportfolio

nicht der Treiber unse-

„entscheidend ist die wirkung auf

die reale welt.” Katharina Serafimova

Dr. René Nicolodi ist Head of Sustainable Investment

bei der Zürcher Kantonalbank

ZKB. Bei der konkreten Umsetzung nachhaltiger

Anlagen beachtet das eigene Nachhaltigkeitsresearch

die Faktoren im Umwelt-,

Sozial- und Corporate-Governance-

Bereich sowie die Wirtschaftlichkeit. Wichtig

sei vor allem Transparenz gegenüber den

Kunden in Bezug auf die Umsetzung von

Nachhaltigkeit im Anlagebereich.

rer Performance. Rein finanziell betrachtet, ist es noch

keine grosse Geschichte – aber auch keine schlechte.

Fakt ist aber, dass wir dank unseres Engagements für

Nachhaltigkeit Mitarbeitende finden konnten, die

sonst nicht bei uns wären. So gesehen rechnet sich das

allemal. Bei Neuanstellungen sind Themen wie Nachhaltigkeit

des Unternehmens heute mitentscheidend.

spn: Lassen sich Nachhaltigkeitskriterien bei allen

Anlageklassen implementieren?

nicolodi: Bei Aktien und Obligationen ist das unproblematisch.

Dort kann ich beispielsweise nach dem Bestin-Class-Ansatz

die nachhaltigsten Vertreter in jedem

Sektor auswählen und die am wenigsten nachhaltigen

nicht berücksichtigen. Für den Bereich Private Equity

gibt es spezialisierte Cleantech Investments. Komplizierter

wird es für Rohstoffe. Schlussendlich ist es dort

eine ethische Frage, die man sich stellen muss. Nach

unserer Meinung kann man heute nicht in Rohstoffe

investieren, ohne in Konflikt mit Nachhaltigkeitsanforderungen

zu kommen. Das heisst aber nicht, dass

Investoren per se auf Rohstoffe verzichten müssen. Zunächst

kann man in Anlageklassen anlegen, wo glaubwürdige

und bewährte Konzepte bestehen.

Bresch: Ich gebe dazu ein Beispiel. Gewinnung des

Rohstoffs Öl aus Ölsand ist eine umstrittene Methode.

Davor können wir unsere Augen nicht verschliessen,

aber als Rückversicherer auch nicht einfach aussteigen.

Wir stehen mit zu vielen Firmen in Geschäftsverbindung,

die in irgendeiner Form mit

Ölsänden zu tun haben. Wir können

aber den Best-in-Class-Ansatz fahren.

Das tun wir auch. Ich persönlich hätte

das Öl lieber nicht aus diesen Quellen,

aber der Abbau findet statt. Best-in-Class

ist da viel besser als wegschauen.

lusenti: Best-in-class ist gut, auch Diskussionen

hinter den Kulissen in der

Form eines „Engagements“, wenn sie etwas

fruchten.

nicolodi: Wir setzen Nachhaltigkeit

über die gesamte Asset Allocation um. Es

bestehen aber Spannungsfelder. Die

Rohstoffe habe ich bereits erwähnt.

Kann ich in Hedgefonds nachhaltig investieren,

ja oder nein? Wir behaupten,

es ist schwierig oder geht nicht. Als Pensionskasse

muss ich verstehen, wo ich

den Ansatz Nachhaltigkeit umsetzen

kann und wo es heute noch nicht möglich

ist.

lusenti: Wichtig ist für Pensionskassen,

dass sie schrittweise und pragmatisch

vorgehen. Zu theoretisch funktioniert

nicht.

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Roundtable Nachhaltigkeit

Bruderer: Ich frage mich auch, wie nachhaltig

sind nachhaltige Benchmarks? Diese

werden oft als Proxy herangezogen, ohne

die zugrunde liegenden Daten zu hinterfragen.

Es fällt auf, dass Daten-Provider

zum Teil diametral unterschiedliche Einschätzungen

für gleiche Titel abgeben.

nicolodi: Ja, das ist so. Ich kann Ihnen aber

auch für jeden SMI-Titel einen Analysten

mit einer jeweils unterschiedlichen Bewertung

für den Titel nennen.

lusenti: Die Qualität von Nachhaltigkeitsbenchmarks

kann man in Frage stellen.

Diese Einstellung haben auch viele Pensionskassen:

Sie wollen Nachhaltigkeit, aber

verwenden weiterhin den MSCI World oder

den SPI als Benchmark. Das ist zwar nicht

ganz korrekt, aber irgendwie die überzeugendere

Lösung.

nicolodi: Unsere Produkte haben traditionelle

Benchmarks. Man muss den Investoren

auch transparent darlegen, dass mit einem

Best-in-Class-Ansatz das aktive Risiko

im Vergleich mit einer traditionellen

Benchmark in der Regel erhöht wird. Das

kann sich phasenweise positiv oder negativ

auswirken. Wer hingegen eine sehr Benchmark-nahe

Rendite möchte, der braucht allenfalls andere

Ansätze. Das müssen Investoren verstehen und

langfristig akzeptieren, wenn sie nachhaltige Anlagestrategien

prüfen.

Bresch: Das am wenigsten Nachhaltige für eine Kasse

wäre, wenn sie einen Schlingerkurs beschreitet. Also

lieber sorgfältig und weniger ambitiös starten und dabeibleiben,

statt sich zu weit nach vorne zu wagen und

die halbe Mannschaft zu verlieren, weil sie nicht mehr

daran glaubt. Der Aufbau unserer Nachhaltigkeitsportfolios

ist auch von der Krise überschattet. Wir haben

das Volumen zwar beibehalten, aber auch nicht aggressiv

ausgebaut. Uns hat es geholfen, den Stein nicht zu

weit zu werfen, dafür längerfristig dabeizubleiben.

lusenti: Schritt für Schritt ist besser als der grosse

Wurf. Ich würde mit den Aktien anfangen, dann auf

Obligationen ausweiten. Der Best-in-Class“-Ansatz hat

sich hier am besten bewährt. Immobilien dürfen auf

keinen Fall vergessen werden, es sind sogar die Anlagen,

die sich für nachhaltiges Wirtschaften besonders

gut eignen: Pensionskassen, die selbst das Immobilien-

PorteFOLIO verwalten, verfügen dort über den meisten

Spielraum, um konkrete Massnahmen umsetzen zu

können! In der Tat sind Immobilienanlagen für schweizerische

Kassen der effizienteste und direkteste Weg,

um in der Schweiz einen positiven Effekt auf die Umwelt

zu erzielen. Das ist ein sehr wichtiges Thema, vor

allem bei öffentlich-rechtlichen Kassen. Es braucht ein

ganzheitliches, praxisorientiertes Konzept.

Serafimova: Das Stichwort Immobilien greife ich gerne

auf. Da besteht ein grosses Potenzial und Nachholbedarf.

Es gibt strukturelle, finanzielle und organisatori-

24 spn Dezember 2011 / Januar 2012

Dr. David N. Bresch ist Head Sustainability &

Political Risk Management beim Rückversicherer

Swiss Re. Das am wenigsten Nachhaltige

für eine Pensionskasse wäre seiner

Ansicht nach, wenn sie einen Schlingerkurs

beschreite. Bezüglich der Nachhaltigkeitsstrategie

heisst das: Lieber sorgfältig vorbereitet

und weniger ambitiös starten und dabeibleiben.

Um Nachhaltigkeit zu messen,

müsse man zumindest die bekannten Externalitäten

internalisieren. Rückversicherung

muss im Kern nachhaltig sein.

sche Stolpersteine, etwa sind Investitionen

in Energieeffizienz häufig fragmentiert

und daher mit höheren

Transaktionskosten verbunden. Aufgrund

solcher Hindernisse, wird bei der

Energieeffizienz nicht mehr investiert.

Dabei wären nachhaltige Investitionen

in Immobilien ganz im Sinne der institutionellen

Anleger.

Bresch: Swiss Re hat eine nachhaltige

Gebäudestrategie beschlossen und seither

bauen wir nur noch nach dem

Minergie-Standard. Welches Energie-Label

das beste ist, darüber kann man lange

streiten. Wichtig ist es, dabeizubleiben

und mit der Zeit zu lernen. Bei jeder

Renovation, die wir tätigen, fliesst

diesein. Und es rechnet sich: Die Amortisationszyklen

sind kürzer, als wir dachten.

Nehmen Sie den Ölpreis, wo Experten

von 30 Dollar als Obergrenze ausgingen.

Heute sind wir bei über 100 Dollar.

nicolodi: Bei der ZKB entsprechen 20

Prozent der Gebäudeparks dem Minergie-Standard.

Dieser Anteil soll schrittweise

ausgebaut werden. Aber neue Investment-Projekte

sind rar und bei Renovationen

ist es schlussendlich immer

auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit.

spn: Wohin wird die Nachhaltigkeitreise gehen?

nicolodi: Die Professionalisierung bei nachhaltigen

Anlagen wird zunehmen, wir werden über aussagekräftigere

Daten verfügen und das Know-How und Wissen

wird sich weiter erhöhen. Nachhaltigkeit wird

schrittweise zum Mainstream, und das auf ganz anderem

Niveau, als es heute der Fall ist.

Bresch: Nehmen wir die Energiewende. Ist sie für die

Schweizer Volkswirtschaft zu packen, und zwar so,

dass wir auch exportmässig Geld verdienen? Da sind

wir daran, die Chancen und Risiken des Wandels zu

verstehen – und die passenden Produkte anzubieten.

lusenti: Der Anteil an nachhaltigen Anlagen wird steigen,

auch wenn es zurzeit schwierig ist und die Märkte

nicht mitspielen. Ausschlaggebend sind einzelne Driver

mit Überzeugungskaft. Sie müssen zeigen, dass der

Nutzen finanziell, gesamtwirtschaftlich und langfristig

besteht.

Bruderer: Nachhaltigkeit wird zum Mainstream. Dabei

wird es nicht eine Anlagelösung geben, die für alle

Investoren funktioniert. Ich empfehle den institutionellen

Investoren, die verschiedenen Ansätze genau

unter die Lupe zu nehmen. Nachhaltige Kriterien werden

zunehmend auf mehr Asset-Klassen angewendet

werden und auch in den Emerging Markets eine grössere

Rolle spielen.

spn: Sehr geehrte Damen und Herren, vielen Dank

für die angeregte Diskussion. ■

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