Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten - DBSH LV Niedersachsen

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Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten - DBSH LV Niedersachsen

Landesrundbrief

Niedersachsen / Hamburg / Bremen

& Schleswig-Holstein 01/10

Schwerpunkt

Soziale Arbeit

mit psychisch Erkrankten

Themen u.a.:

Hilfs- und Wohnangebote für psychische Kranke ▪ Stationäre Jugendhilfe mit psychisch kran-

ken Kindern ▪ „Was soll ich tun?“ - Vom Umgang mit Ohnmachtsgefühlen ▪ Doppeldiagnose

Psychose und Sucht ▪ Zum Alltag einer Heimeinrichtung in Südafrika

© Cmon - Fotolia.com


Inhalt:

„Von der Raupe zum Schmetterling“

KOKON - ein Wohnangebot für Menschen mit psychischer

Erkrankung und ihre Kinder 3

Soziale Arbeit mit psychisch kranken Menschen 5

Man muss sich mögen!

Das PiB-Patenschaftsprogramm 9

Ambulant betreutes Wohnen

Ein Wegweiser 11

Intensives „Sich Kümmern“ rund um die Uhr

Stationäre Jugendhilfe mit psychisch kranken

Kindern und Jugendlichen 12

Vom Umgang mit Ohnmachtsgefühlen

„Was soll ich tun?“ - Handeln und Verstehen 14

Netzwerkbildung

Arbeitskreis „Kinder psychisch kranker Eltern“ 15

Doppeldiagnose Psychose und Sucht

Sozialtherapie im Krelinger Reha-Zentrum 16

Protokolle des nds. Landesverbandes

ELV/Landesmitgliederversammlung 21

Südafrika - Spuren der Apartheid

Im Alltag einer Heimeinrichtung 23

Gerechtigkeit

Verdienst und Verdienen Sozialer Arbeit 25

DBSH Bremen aktuell 26

Beitrittserklärung 27

Liebe Kolleginnen

und Kollegen,

in Deutschland leiden ca. 8 Millionen

Menschen unter behandlungsbedürftigen

psychischen Störungen. In

dieser Ausgabe des Landesrundbriefes

für Niedersachsen, Bremen,

Hamburg und Schleswig-Holstein

möchten wir Ihnen unterschiedliche

Ansätze von sozialer Arbeit mit psychisch Erkrankten näherbringen.

Frau Garnet Helen Bräunig berichtet in ihrem Artikel "Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten"

über ihre Erfahrungen, die sie als Krankenschwester, aber auch als Sozialpädagogin

in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen gemacht hat. Insbesondere

geht sie hierbei auf den gängigen Umgang mit Psychopharmaka ein, der leider nur zu oft

eine wirkliche Therapie der psychischen Störung des Patienten/Klienten durch seine

bloße Ruhigstellung mittels Psychopharmaka erschwerte, verhinderte und schlimmstenfalls

ersetzt.

In diesem Landesrundbrief ist es uns ferner gelungen, spezielle Angebote der sozialen

Arbeit mit seelisch Erkrankten darzustellen. So berichtet Hartmut Lauter in seinem Artikel

„Doppeldiagnose Psychose und Sucht“ über die Arbeit mit Menschen, die auf der einen

Seite unter einer psychischen Erkrankung, auf der anderen Seite auch unter einer

Suchterkrankung leiden. Frau Jana Görndt berichtet aus ihrer Arbeit in einer stationären

Jugendhilfeeinrichtung für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche. Die „PiB–

Pflegekinder in Bremen GmbH“ hat vor etwa fünf Jahren ein Patenschaftsprogramm für

Kinder psychisch kranker Eltern ins Leben gerufen, über das Frau Gudrun Bollwahn in

diesem Heft berichtet. Frau Manuela Schellworth beschreibt ferner das ambulant Betreute

Wohnen für Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Immer wieder kommt es in der

Arbeit mit unserer Klientel zu Situationen,

in denen wir uns überfordert

oder sogar ohnmächtig fühlen. In

dem Artikel „Vom Umgang mit

Ohnmachtsgefühlen“ bietet Frau

Annette Gleßner einen verstehenden

Zugang zu solchen Situationen

als Grundlage für ein verantwortungsbewusstes

Handeln an.

Neben diesen Schwerpunktthemen

finden sich in diesem Heft noch ein

Artikel von Frau Friederike Lorenz

über ihre Arbeit in einem Kinderheim

in Südafrika sowie die Protokolle

der zurückliegenden Sitzungen

des erweiterten nds. Landesvorstandes

sowie der nds. Landesmitgliederversammlung.

Ich wünsche Ihnen viel Freude mit

den vielfältigen Artikel und möchte

mich ganz herzlich bei allen bedanken,

die an diesem Rundbrief in

vielfältiger Art und Weise mitgewirkt

haben.

Frank Mattioli-Danker

1.Vorsitzender DBSH-Niedersachsen

Herausgeber

Deutscher Berufsverband

für Soziale Arbeit e.V.

Landesverband Niedersachsen

c/o Frank Mattioli-Danker

Handy: 0173 / 74 84 682

Email: mattida@aol.com

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Impressum

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Landesgeschäftsstelle

Harald Martens

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Tel.: 05164 / 8 00 371

Telefonisch erreichbar von montags bis

freitags in der Zeit von14.00 – 17.00 Uhr

Redaktion

Frank Mattioli-Danker (V.i.S.d.P.)

und der Landesvorstand

Gestaltung

Harald Martens

Tom Brodhuhn

Druck

Gemeindebriefdruckerei,

29393 Groß Oesingen

Auflage: 1.500

Der Landesrundbrief erscheint drei-

bis viermal jährlich, der Bezugspreis

ist im Mitgliedsbeitrag enthalten.

Die namentlich gekennzeichneten

Artikel geben nicht unbedingt die

Meinung der Redaktion wieder.

Der Landesrundbrief im Internet:

www.dbsh-niedersachsen.de

Thema der nächsten Ausgabe:

ErzieherIn in der

Kindertagesstätte

Redaktionsschluß: 30.05.10

Seite 2 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

„Von der Raupe zum Schmetterling“

KOKON - ein Wohnangebot für Menschen mit psychischer Erkrankung

und ihre Kinder ● Brigitte Kreiner

© Jean-Claude Drillon - Fotolia.com

Ausgangspunkt von KOKON war, die Versorgungslücke für

psychisch kranke Erwachsene zu schließen, die mit ihren Kindern

trotz ihrer Erkrankung zusammen leben möchten. Diese Lücke

sollte durch das Kooperationsprojekt KOKON der Bremer

Werkgemeinschaft (BWG) und der Caritas-Erziehungshilfe gGmbH

geschlossen werden. Unter einem Dach finden sowohl das

Betreute Wohnen für psychisch erkrankte Elternteile als auch die

Sozialpädagogische Familienhilfe statt.

Der Name KOKON weist einerseits auf den geschützten Rahmen

zur Entwicklung und Entfaltung hin, andererseits markiert er einen

lebendigen dynamischen Veränderungsprozess, dessen Ziel die

Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der BewohnerInnen ist. Der

Wohngemeinschaftscharakter spielt in dem Projekt eine wichtige

Rolle. Die BewohnerInnen können von ihren jeweiligen

Erfahrungen (Erziehung der Kinder, Umgang mit Krisen etc.)

lernen, nach Wunsch zusammen den Alltag teilen (Haushalt,

Kinderbetreuung) und sich auf diese Weise gegenseitig

unterstützen.

Ziel des Wohnprojektes KOKON ist es, den BewohnerInnen Halt

und Struktur in psychischen Krisen zu bieten, den Kindern

Entwicklungschancen zu sichern, mögliche Beziehungsabbrüche

zu vermeiden und beim Aufbau einer tragfähigen Beziehung

zwischen Eltern und Kindern zu helfen. Langfristig zielt das

Hilfsangebot darauf hin, die Mütter und Väter zu unterstützen,

außerhalb stationärer Einrichtungen zusammen mit ihren Kindern

leben zu können.

Für KOKON gibt es zwei Zugangswege: zum Einen können

betroffene Eltern sich an das Jugendamt wenden, wo der Bedarf

für Sozialpädagogische Familienhilfe nach § 31 SGB VIII und in

diesem Rahmen ein zusätzlicher Bedarf nach intensiverer

Betreuung festgestellt wird.

Das „Wohnangebot für Menschen mit psychischer

Erkrankung und ihre Kinder – KOKON“

hat im Frühjahr 2007 zum ersten Mal seine

Türen geöffnet für eine psychisch kranke Mutter

und ihren zweijährigen Sohn. Sie war infolge

einer drogeninduzierten psychotischen

Episode über einen längeren Zeitraum nicht

mehr in der Lage, ihren Sohn adäquat zu versorgen.

Um eine Fremdplatzierung des Kindes

zu verhindern, nahm die Mutter das gemeinsame

Wohnangebot sehr gerne an. Ihre

Krise dauerte ca. ein halbes Jahr, dann konnte

sie – deutlich stabilisiert – in ihre alte

Wohnform zurückziehen.

Die zuständige CasemanagerIn setzt sich dann mit dem KOKON-

Koordinationsteam in Verbindung und veranlasst die weiteren

Schritte.

Zum Zweiten kann eine Mutter/ein Vater über den sozialpsychiatrischen

Dienst, die behandelnde Nervenärztin, das Fachpersonal

der behandelnden Klinik u. a. auf das Wohnprojekt KOKON als

mögliche Betreuungsform hingewiesen werden und einen Antrag

auf diese Form des betreuten Wohnens bei der Bremer Werkgemeinschaft

stellen. Nach dem Erstellen einer Diagnose kann im

Rahmen von SGB XII § 53 Abs. 4 ff sowie SGB II ein Antrag auf

die Betreuung durch KOKON gestellt werden.

Zu den Bedingungen für die Aufnahme in das KOKON-Projekt

gehört neben der Diagnose einer psychischen Erkrankung und

des festgestellten Bedarfs an Familienhilfe ebenfalls die Kündigung

der bisherigen Wohnung. Die Mietkosten für das Appartement

im KOKON werden bei Hartz-IV-Bezug (Arbeitslosengeld,

Sozialhilfe und Grundsicherung) von der BAgIS bzw. dem Sozialamt

übernommen.

Bei der Zielgruppe für die KOKON - Nutzung handelte es sich

bislang überwiegend um

� junge (werdende) psychisch kranke Mütter, die bei den

Eltern, beim Freund oder in eher prekären

Wohnverhältnissen lebten und direkt nach einem stationären

Aufenthalt in der Psychiatrie noch während ihrer

Schwangerschaft oder direkt nach der Entbindung ihres

Kindes in das Wohnprojekt KOKON überwechselten oder um

� Familien, bei denen das Kind bzw. die Kinder infolge einer

akuten psychischen Krise der Mutter oder des Vaters kurz

oder selten auch längerfristig fremdplatziert wurde/n und die

Einrichtung KOKON als Klärungsmöglichkeit für eine

Rückführung genutzt werden konnte.

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 3


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Vorstellbar sind aber noch sehr viel mehr Situationen, in denen

eine kurz- oder auch langfristige Aufnahme im KOKON-Projekt

sinnvoll und notwendig erscheint. Der Verweildauer im KOKON ist

dabei keine Grenze gesetzt, von drei Monaten bis zu drei Jahren

oder mehr wäre - je nach Bedarf - alles möglich.

Die Unterstützung und Begleitung durch die Sozialpädagogische

Familienhilfe erfolgt im KOKON mit dem Ziel, den Eltern trotz

psychischer Erkrankung die Beziehung zum Kind zu ermöglichen

sowie eine Fremdplatzierung und den damit verbundenen Beziehungsabbruch

für das Kind zu vermeiden. Schwerpunkt der Arbeit

ist daher die Unterstützung beim Aufbau und bei der Aufrechterhaltung

einer vertrauensvollen, der Entwicklung des Kindes wie

des Elternteils förderlichen Beziehung. Folgende Aspekte sind

dabei von zentraler Bedeutung:

� Sicherstellung des Wohles des Kindes

� Unterstützung bei der Wahrnehmung der elterlichen

Pflichten

� Sensibilisierung der Eltern für die Bedürfnisse des Kindes

� Verselbständigung der Erwachsenen in den Bereichen

Lebenspraxis, Gesundheit und Hygiene, Kultur und Freizeit

� berufliche Rehabilitation

� Früherkennung und Umgang mit Krisen.

Die eingesetzten Methoden in der Arbeit sind vielfältig und erstrecken

sich über das Lernen am Modell, die Familienkonferenz, das

Video-Home-Training hin zu reflektierenden Gesprächen, praktischer

und ressourcenorientierter Erziehungsberatung,

Biografiearbeit u.v.m. Auch die Einbindung in Gruppenangebote

(Gesprächsgruppe für psychisch belastete Mütter, Elterntraining,

Kochkurs, Kindergruppe für Kinder aus psychisch belasteten

Familien etc.) ist gerade im Sinne der Enttabuisierung von psychischen

Erkrankungen ebenfalls ein fester Bestandteil der Arbeit mit

der Familie.

Die 19jährige Frau M. wurde das erste Mal auffällig bei einem

Krankenhausaufenthalt. Sie machte auf das Personal dort einen derart

desolaten Eindruck, dass dieses sofort das zuständige Behandlungszentrum

sowie - Frau M. war zu dem Zeitpunkt im 4. Monat schwanger - das

Amt für Soziale Dienste in Kenntnis setzte. Zu dieser Zeit lebte Frau M. auf

dem Land nahe Bremen in einer sehr karg möblierten Wohngemeinschaft.

Sie bewegte sich in einem Milieu, in dem nicht nur der massive Konsum

von Alkohol und anderen Drogen, sondern auch lautstarke und z. T.

aggressive Auseinandersetzungen zum Alltag gehörten. Ihr Freund

forderte von ihr die Abtreibung, drohte mit Trennung und versuchte sie so

unter Druck zu setzen. Frau M. wollte aber trotz anfänglicher Ängste gerne

ihr Baby bekommen und begann zusehends, sich von diesem Milieu

zurückzuziehen. Da Frau M. neben ihrer psychisch extrem labilen

Verfassung infolge einer Persönlichkeitsstörung noch zusätzlich unter

Absencen litt, die wegen unregelmäßiger Medikamenteneinnahme nicht

richtig behandelt werden konnten, wurde mit ihrer Kenntnis das

Familiengericht dazugezogen und ihr kurz vor Geburt des Kindes das

Sorgerecht entzogen. Es gab für sie zwei Möglichkeiten: der Aufenthalt in

der Wohngemeinschaft KOKON oder die Fremdunterbringung ihres Babys

sofort nach der Geburt.

Im Krankenhaus zeigte sich, dass Frau M. einen guten Kontakt zu ihrem

Baby aufbauen konnte und überwiegend in der Lage war, dessen

Bedürfnisse wahrzunehmen und zu beantworten.

Im neuen Zuhause KOKON empfand Frau M. den schützenden Charakter

der Einrichtung anfänglich als sehr wohltuend; sie war daher weiterhin in

der Lage, ihre Tochter unter kundiger Anleitung der Nachsorge-Hebamme,

der Familienhebamme, der Kinderärztin, der Familienpädagogin u. a.

relativ gut zu versorgen. Für sich selbst konnte sie die psychosoziale

Betreuung durch die Fachkräfte der Bremer Werkgemeinschaft gut nutzen.

Der Wohngemeinschaftsaspekt kam ihr sehr zugute, da die zweite

Bewohnerin größere Kinder hatte und sie so von deren Erfahrung

profitieren konnte. In den wöchentlichen WG-Besprechungen wurden alle

anfallenden Belange (Abwasch- und Putzplan, Konflikte wegen

verschwundenem Haushaltsgeld, Auseinandersetzungen über unter-

schiedliche Lärmgrenzen u. ä.) angesprochen und versucht zu klären. Der

Freund von Frau M. konnte seine Schwellenangst überwinden und wurde

als verantwortungsvoller Vater gerne in der Einrichtung gesehen und

willkommen geheißen. Trotz dieser relativ guten Entwicklung gab es

weiterhin Auflagen vom Jugendamt (Übernachtung nur im KOKON-Projekt,

kein Kontakt zum alten Umfeld und damit auch zu Alkohol, Drogen und

Gewalt, keine Betreuung des Kindes durch unbekannte Dritte etc.), die

Frau M. mit fortschreitender Stabilisierung als zunehmend einengend

empfand.

Im Kontakt mit ihrer kleinen Tochter fühlte sie sich zwar zusehends sicherer

und wirkte ihr gegenüber überwiegend gelassen, ruhig und liebevoll,

gleichzeitig fühlte sie sich aber auch hier durch die Fülle von Terminen

bezüglich ihrer Tochter und letztendlich durch die Verantwortung ihr gegenüber

stark überfordert.

Die Entscheidung, ihre Tochter in eine Pflegefamilie zu geben - und das

heißt, die eigene Überforderung und die eigenen Grenzen zu sehen und

zu akzeptieren - kam von daher nicht überraschend und konnte von allen

Beteiligten des Hilfesystems sehr wertgeschätzt und gewürdigt werden.

Frau M. zeigte mit diesem Schritt einen überaus verantwortlichen Umgang

ihrer damaligen Lebenssituation und vor allem ihrer Tochter gegenüber.

Da sie durch das KOKON-Projekt den Raum zur Verfügung hatte, diese

Entscheidung zwar schweren Herzens, aber selbstverantwortlich zu fällen,

gelang es ihr und ihrem Freund, einen liebevollen Abschied von ihrer

Tochter zu gestalten: die Eltern machten Fotos von sich und ihrer Tochter,

schrieben eine Liste für die neuen Betreuungspersonen, um wichtige

Dinge (Einnahme von Medikamenten, bestimmte Befindlichkeiten und

Vorlieben ihrer Tochter etc.) mitzuteilen und konnten so ihre Tochter den

neuen "Eltern" der Übergangspflege relativ beruhigt anvertrauen.

In den meisten Fällen gelingt es den Müttern, sich im

KOKON soweit zu stabilisieren, dass sie mit ihren Kindern

in ihr altes Wohnumfeld zurückziehen können.

Zur Zeit wird KOKON von zwei Familien bewohnt, einer

jungen Mutter mit Säugling und einer Mutter mit drei Kindern

im Alter von zwölf, zehn und zwei Jahren. Beide bilden

jeweils die oben erwähnten Zielgruppen ab: Die Mutter

mit Baby kam wegen ihrer Angststörung noch während

ihrer Schwangerschaft nach einem Klinikaufenthalt in das

KOKON-Projekt; bei der anderen Familie handelt es sich

um eine Rückführung mit dem Ziel der Stabilisierung der

psychisch erkrankten Mutter und dem - erneuten - Aufbau

einer tragfähigen Beziehung zwischen ihr und ihren Kindern.

In jedem Fall konnte KOKON bisher den nötigen Schutzraum

für die Bewohnerinnen bieten und sie in psychischen

Krisen auffangen und begleiten. Dazu tragen neben der

intensiven Betreuung durch das Team des Betreuten Wohnens

und der Sozialpädagogischen Familienhilfe sowie der

Rufbereitschaft zu jeder Tages- und Nachtzeit auch die

Bewohnerinnen der Wohngemeinschaft KOKON einen

wesentlichen Teil bei: sie unterstützen sich gegenseitig im

Alltag und können so ganz nebenbei wichtige soziale Kompetenzen

entfalten.

Autorin Brigitte Kreiner ist

Diplompsychologin und arbeitet

seit 7 Jahren als Familienpädagogin

in den Ambulanten Hilfen

zur Erziehung der Caritas-

Erziehungshilfe gGmbH überwiegend

mit psychisch kranken

Müttern. Seit zwei Jahren ist sie

die Koordinatorin für KOKON.

Seite 4 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Soziale Arbeit mit psychisch kranken Menschen

„Die dramatischen Veränderungen der Gesellschaft

mit ihren weitreichenden sozialen und psychischen

Anforderungen und Belastungen, die für viele

Menschen Unsicherheit und Orientierungslosigkeit

bedeuten, schlagen sich in vielfältigen und

schwerwiegenden Gesundheitsproblemen nieder. Wer

nicht über die notwendigen konstitutionellen,

sozialen, psychischen und materiellen Ressourcen

verfügt, die Herausforderungen der Modernisierung

`gesund` zu bewältigen, ist ohne professionelle Hilfe

den Zufällen seiner Lebenssituation und der sozialen

Wandlungen ausgeliefert.“ 1

Zunahme psychischer Erkrankungen

Entsprechend bilden in der beruflichen Praxis der Sozialen Arbeit

zunehmend seelisch stark gefährdete, chronisch kranke und

mehrfach belastete Menschen den Schwerpunkt des Klientels,

das dringender denn je eine spezialisierte psycho-soziale Behandlung

in Form einer gesundheitsspezifischen Fachsozialarbeit

benötigt. Psychische Erkrankungen und Behinderungen gehören

zu den vordringlichen Gesundheitsproblemen der Bevölkerung.

Der Anteil psychisch kranker Menschen nimmt in den Industrienationen

stetig zu. So hat sich in Deutschland seit 1985 der Anteil

psychischer Erkrankungen an den Frühberentungen auf 29,2%

nahezu verdreifacht. Nahezu jeder zehnte Bürger leidet im Laufe

eines Jahres unter psychisch bedingten Störungen. 32,1% (= 15,6

Mio.) der Bevölkerung im Alter von 18 - 65 Jahren, d.h. im erwerbsfähigen

Alter, leiden subjektiv an psychischen Störungen

und sind von störungsspezifischen psychosozialen Einschränkungen

betroffen. 17,5% der Kinder und Jugendlichen (bis 18 Jahre)

leiden an psychischen Störungen, und ca. 23% der über 65jährigen

weisen behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen

auf. Das Lebenszeitrisiko, psychisch zu erkranken, liegt insgesamt

bei 42,6%. 18% aller Arztbesuche (ohne Fachärzte für

Psychiatrie und Psychotherapie) gehen auf psychische Störungen

zurück. Ökonomisch von Bedeutung ist, dass 41% aller Arbeits-

Unfähigkeits-Tage der letzten 4 Wochen auf psychische Störungen

zurückgehen. 2

Aufgaben der Sozialen Arbeit

Obwohl sich weniger als ein Drittel der psychisch Erkrankten an

einen Fachdienst wendet oder eine angemessene medikamentöse

bzw. psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nimmt, ist

die Notwendigkeit einer gesundheitsspezifischen Fachsozialarbeit

enorm gestiegen, liegt doch der Gegenstand der Klinischen

Sozialarbeit in der „Behandlung psychosozialer Störungen und

körperlicher Beeinträchtigungen mit dem Ziel der Heilung, Linderung

und Besserung“ 3 , wobei die Behandlung aus einer Vielzahl

von psycho-sozialen Interventionsmöglichkeiten besteht, aus der

man nicht einfach die richtige Intervention wie ein Medikament

auswählen und verordnen kann, sondern mittels wissenschaftlich

fundierter Methoden notwendige Veränderungen der psychosozialen

Lebenslage und Lebensweise anstrebt, die nur unter

1 Helmut Pauls: Klinische Sozialarbeit. Grundlagen und Methoden psycho-sozialer

Behandlung. Juventa Verlag Weinheim und München 2004, S. 11

2 Ernst von Kardorff / Heike Ohlbrecht: Die Bedeutung der Arbeit für psychisch

kranke Menschen im gesellschaftlichen Wandel – soziologische Anmerkungen zur

beruflichen Rehabilitation. Erschienen in: Heilpädagogik online im Juni 2006

3 Stimmer: Fachlexikon der Sozialen Arbeit

Einbeziehung der Betroffenen, ihrer Bezugspersonen, ihrem

sozialen Netzwerk und den beteiligten Institutionen und Professionen

erreicht werden können.

Das erklärte Ziel der psycho-sozialen Arbeit mit psychisch kranken

Menschen ist deren soziale Integration in ihrem natürlichen

Umfeld. Die Auswirkungen der psychischen Störung auf alle

Lebensbereiche (Arbeit, Wohnen, Familie, Beziehungen, Freizeit)

sollen durch sozial-integrative Maßnahmen aufgefangen und

damit sozialer Abstieg, Verarmung und Isolation verhindert werden.

Hierbei ist es wichtig, diagnostisch die Ursachen der psychischen

Krise auf allen Manifestationsebenen (bio-psycho-sozial)

abzuklären und bei Interventionen zu berücksichtigen. Denn nur

bei Anwendung des multikausalen bio-psycho-sozialen Behandlungsansatzes

können alle zusammenwirkenden Faktoren der

psychischen Störung und nicht nur das Symptom erfasst werden.

Medikalisierung der Gesellschaft

In der Praxis stößt die Soziale Arbeit mit psychisch kranken

Menschen jedoch trotz Sensibilisierung für deren Probleme und

Reformpsychiatrie auf eine fortschreitende Medikalisierung der

Gesellschaft, die auf die „Herrschaft der technologisch bestimmten

Lebensbedingungen“ zurückzuführen ist, „die auch das

Gesundheitswesen kennzeichnet“ und „die Technisierung der

Medizin in den Vordergrund der Gesundheitsbehandlung…schiebt“.

4 Dies findet ihren Ausdruck in der Medizinalisierung

abweichenden Verhaltens und in zu häufig verordneten und

zu hoch dosierten Psychopharmaka 5 , deren Nebenwirkungen

nicht selten ein Ausmaß annehmen, dass sich die Frage stellt, ob

es sich noch um ein durch die Krankheit ausgelöstes Symptom

oder um ein Symptom als Nebenwirkung eines eingesetzten

Medikaments handelt. Der Glaube an Medikamente als einzige

Behandlungsmöglichkeit von psychischen Erkrankungen ist in

unserer Zeit so ausgeprägt, dass Psychopharmaka einen festen

Bestandteil jeder psychiatrischen Behandlung darstellen.

Dabei möchte niemand ernsthaft bestreiten, dass eine pharmakologische

Behandlung durchaus ein sinnvoller Bestandteil der

psychiatrischen Behandlung sein kann, wenn mit psychologischer

oder sozialer Einwirkung zu wenig oder nichts erreicht wird, und

dass sie von vielen psychisch erkrankten Menschen als hilfreich

erlebt wird. Allerdings stechen schon bei oberflächlicher Betrachtung

die unterschiedlichen Interessen von Pharmakonsumenten

und -herstellern ins Auge und geben Anlass zum Nachdenken.

Während für die Nutzer von Psychopharmaka Lebensqualität und

–zufriedenheit im Mittelpunkt stehen, prüfen die im Auftrag der

Pharmahersteller durchgeführten Arzneimittelstudien ausschließlich

Kriterien wie Symptom-, Rückfall- und Nebenwirkungsminderung,

wobei der Zusammenhang zwischen psychischer Erkrankung

und psychosozialen Einflussfaktoren völlig vernachlässigt

wird. Und bei näherem Hinsehen geben bekannt gewordene

Psychopharmakaschäden wie die von dem Hamburger Psychiater

und Psychotherapeuten Volkmar Aderhold publizierte

neuroleptikabedingte hohe Sterblichkeitsrate großen Anlass zur

Sorge und lassen nicht nur die Antipsychiatrie eine Neubewertung

der pharmakologischen Behandlung in der Psychiatrie fordern.

4 Helmut Pauls: Klinische Sozialarbeit. Grundlagen und Methoden psycho-sozialer

Behandlung. Juventa Verlag Weinheim und München 2004, S. 11

5 Psychopharmaka: = die Psyche beeinflußende Medikamente. Sie finden üblicherweise

als Beruhigungsmittel, Medikamente gegen Depressionen oder psychische

Erkrankungen Anwendung. Man setzt solche Medikamente manchmal aber auch zur

Schmerztherapie ein, weil sie z.T. auch eine günstige Wirkung auf die Schmerzwahrnehmung

haben.

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 5


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Schädigende Nebenwirkungen von Neuroleptika 1

In ihrer Studie listen die Psychiater und Psychotherapeuten

Volkmar Aderhold und Stefan Weinmann neben der erhöhten

Mortalität zahlreiche andere schwerwiegende schädigende Nebenwirkungen

der Neuroleptika 2 auf:

� plötzlicher Herztod

� metabolische (Stoffwechsel-)Syndrome

� zerebro- (Blutgefäße und Blutversorgung des Gehirns

betreffende) und kardiovaskuläre (Herz und Gefäßsysteme

betreffende) Folgeerkrankungen

� erhöhte Diabetesrate

� pulmonale (Lungen-)Embolie

� Demenzen

� frontale Neurodegeneration (Nervenzelltod im Stirnlappen

des Gehirns, der Motorik und Kognition kontrolliert)

� 3 bis 6fach erhöhte Rückfallquote durch Absetzpsychosen

� Neuroleptika-induziertes Defizitsyndrom

Angesichts dieser furchteinflößenden Aufzählung der schädigenden

Nebenwirkungen von Neuroleptika stellt sich

zwangsläufig die Frage, warum Psychiater diese dennoch

verabreichen, zumal die Antipsychiatrie schon seit den

80iger Jahren das Leiden unter psychiatrischer Behandlung

ins öffentliche Bewusstsein zu rücken versucht, und warum

es angesichts des riesigen Verwendungsbereiches von

Neuroleptika kaum angemessene Veröffentlichungen über

ihre Wirkungen und Auswirkungen gibt. Erst die Veröffentlichung

seines Buches „Der chemische Knebel 3 “, das zum

größten Teil auf eigenen, unveröffentlichten Untersuchungen

von Psychiatern und Psychopharmaka-Herstellern

beruht, durch den Schwarzwälder Diplompädagogen Peter

Lehmann, der in den 70iger Jahren selbst psychiatrisch

behandelt wurde und seitdem antipsychiatrische Positionen

vertritt, rechnet umfassend mit der herrschenden Psychiatrie

ab. Von Asthma bis Schizophrenie, von Bettnässen bis

Neurose, von Juckreiz bis Depression gibt es kaum eine

Diagnose, die nicht den Einsatz von Neuroleptika nach sich

ziehen kann. Die Verordnungspraxis zeichnet sich durch

eine zu hohe Dosierung und eine zu leichtfertige Verordnung

aus. Die Verschreibungsrate von Atypika 4 hat in den

letzten Jahren derart zugenommen, dass zeitweise bis zu

6% der Bevölkerung unter Neuroleptika standen und stehen.

Im Zeitraum von 2000 bis 2006 steigerte sich die

Verordnung von Atypika an Kinder und Jugendliche (!) um

400%, während die Verordnungsrate von Typika 5 konstant

blieb. Insgesamt hat die Verordnungsrate von Neuroleptika

von 2006 bis 2007 um 14% zugenommen.

1 Volkmar Aderhold / Stefan Weinmann: Thesen zur Anwendung Neuroleptika. März

2009

2 Als Neuroleptikum (etwa „Nervendämpfungsmittel“) wird ein Medikament bezeichnet,

das als psychotrope Substanz eine antipsychotische, sedierende und psychomotorische

Wirkung besitzt und vor allem zur Behandlung von Psychosen eingesetzt

wird.

3 Peter Lehmann: Der chemische Knebel. Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen.

Erstausgabe 1986

4 Atypische Neuroleptika (syn. atypische Antipsychotika, oder kurz Atypika) sind

Arzneimittel, die in der Psychiatrie zur Behandlung von Psychosen eingesetzt

werden. Sie unterscheiden sich von den typischen Neuroleptika im Allgemeinen

dadurch, dass sie die „typischen“ Nebenwirkungen der zugehörigen Arzneistoffe

signifikant seltener aufweisen.

5 Typische Neuroleptika: nebenwirkungsreiche Neuroleptika der ersten Generation

Moderne pharmakologisch-

therapeutische Erfordernisse 6

Laut der amerikanischen Neurowissenschaftlerin Nancy

Andreasen müssen „diese Medikamente … mit der niedrigsten

möglichen Dosierung angewandt werden, was heute häufig nicht

passiert.“ Auch andere PsychiaterInnen wie z. B. B. Lieberman

konstatieren, dass für alle Medikamente die erwünschte Dosis die

niedrigste Dosierung sei, mit der man Vorteile erreiche. Es entspräche

also den modernen pharmakologischen therapeutischen

Erfordernissen,

� Neuroleptika nur minimal einzusetzen,

� nur die Akutbehandlungsdosis zu verordnen,

� möglichst neuroleptikafrei zu behandeln,

� die Neuroleptikaeinnahme langsam zu reduzieren und abzusetzen,

� Polypharmazie 7 bzw. Kombinationsbehandlungen nur unter strenger

Kontrolle der kardialen und metabolischen Nebenwirkungen durchzuführen

und wenn möglich ganz zu vermeiden,

� bei Medikamentenumstellungen regelmäßige Kontrolluntersuchungen

gemäß den S3-Leitlinien 8 der DGPPN 9 durchzuführen.

Versorgungsrealität

psychisch kranker Menschen 10

Zwar sind die Vorgaben bei der Neuroleptika-Verordnung heute

deutlich strenger als zuvor, aber die Versorgungsrealität psychisch

kranker Menschen spricht nach wie vor eine deutliche

Sprache. Sie ist gekennzeichnet von

� unzureichenden psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgungsangeboten,

� unzureichenden Entgeltsystemen mit der Folge der Verschiebung

von Kosten in den öffentlichen Sektor und in Bereiche, in denen wenig

Behandlung und weitgehend Versorgung erfolgt (z. B. Heime,

Werkstätten für behinderte Menschen etc.),

� Personalabbau,

� pathologische Behandlungsmilieus und kurzen Liegezeiten (20-30-

Betten-Stationen zur Akutbehandlung erzwingen Überdosierungen),

� Biologisierung der Versorgung für schwere psychische Erkrankungen,

� Fokus auf medikamentöser Compliance 11 mit Psychoedukation bei

seit Jahren gleich bleibend hoher Non-Compliance von 60-70% über

18 Monaten,

� 2-3 Nervenarztkontakten von 10 Minuten pro Quartal (55-72

€/Quartal).

6 Volkmar Aderhold / Stefan Weinmann: Thesen zur Anwendung Neuroleptika. März

2009, S. 2

7 Eine allgemein anerkannte Definition der Polypharmazie gibt es nicht. Die Breite

reicht von zwei und mehr pharmakologischen Substanzen an 240 und mehr Tagen

im Jahr bis hin zu fünf und mehr bzw. auch zur Einnahme verschiedener „High risk“-

Medikamente.

8 Leitlinien sind systematisch entwickelte, wissenschaftlich begründete und

praxisorientierte Entscheidungshilfen für die angemessene ärztliche Vorgehensweise

bei speziellen gesundheitlichen Problemen. Nach AWMF werden aufsteigend

drei derartige Stufen definiert: S1: Expertengruppe S2: Formale evidence-Recherche

(S2e) oder Formale Konsensfindung (S2k) S3: Leitlinie mit allen Elementen systematischer

Entwicklung

9 DGPPN: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde

10 Volkmar Aderhold / Stefan Weinmann: Thesen zur Anwendung Neuroleptika. März

2009, S. 2

11 In der Medizin spricht man von der Compliance des Patienten als Oberbegriff für

das kooperative Verhalten des Patienten im Rahmen der Therapie. Der Begriff kann

als Therapietreue übersetzt werden. Eine gute Compliance entspricht dem konsequenten

Befolgen der ärztlichen Ratschläge. Weiter gefasst versteht man hierunter

die Bereitschaft des Patienten und seines gesamten relevanten Umfelds, sich gegen

die Erkrankung zur Wehr zu setzen.

Seite 6 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


Diese Mißstände verwandeln die Versorgungsrealität psychisch

kranker Menschen in eine Drehtür mit ansteigendem Tempo,

deren Folgen der Anstieg der Zwangseinweisungen und Zwangsbehandlungen

und der Anstieg der gesetzlichen Betreuungen mit

dem aktuell bisher teuersten Versorgungssystem sind. Die Schizophrenie

ist die teuerste psychische Erkrankung unseres

Gesundheitssystems. Und was kommt davon bei dem Patienten

an? Die Behandlungsrealität der meisten Patienten ist schlecht.

„Mängel in der psychosozialen Versorgung und psychotherapeutischen

Behandlung, Fehlinformation durch die Pharmaindustrie,

Mängel und Fehler der Leitlinien und biologistische Krankheitskonzepte

führen zu einem zu häufigen und zu hoch dosiertem Einsatz

von Neuroleptika. Dies bedingt eine zusätzliche Chronifizierung

und Frühsterblichkeit von Patienten. Wirksame psychotherapeutische

Behandlungsformen werden den Patienten vorenthalten bzw.

sind mit den derzeitigen Versorgungs- und Vergütungsstrukturen

schwer zu realisieren.“ 1

Durch Atypika verursachte Kosten und Profite 2

Im deutschen Gesundheitswesen fallen jedes Jahr ca. 2,7 Mrd. €

als zusätzliche Kosten für Atypika an. Die Folgekosten, die für die

Behandlung der neuroleptikabedingten kardiovaskulären und

diabetischen Schädigungen von PatientInnen entstehen, sind

bisher von niemandem hochgerechnet worden, dürften jedoch

einen Großteil der Krankenhauskosten verursachen. Warum wird

der übermässigen, PatientInnen und Gesundheitswesen belastenden

Atypikaverordnung nicht Einhalt geboten?

Wer profitiert eigentlich von der gegenwärtigen Struktur des

Gesundheitssystems?

� 40% des Umsatzes der Pharmaindustrie werden durch

Neuroleptika eingefahren,

� Das Geschäft mit Neuroleptika bescherte der Pharmaindustrie

im Jahre 2001 eine Rendite von 18,5%,

� Die PsychiaterInnen werden von der Pharmaindustrie für

die Verordnung von Neuroleptika mit 4-6stelligen Summen

pro Jahr honoriert,

� Jeder Arzt verdient jährlich ca. 8.000 bis 13.000 € durch die

Verordnung von Neuroleptika,

� Den Kliniken in privater Trägerschaft beschert die Verordnung

von Neuroleptika eine Rendite von bis zu 20%,

� Die somatische Versorgung wird teilweise durch

Neuroleptikaverordnung querfinanziert,

� Komplementären Trägern beschert die

Neuroleptikaverordnung Belegung, Ausbau und Immobilienerwerb,

� 90% der Medikamentenstudien sind industrieabhängig und

erklären zu ebenfalls 90% das Präparat ihres Sponsors anderen

Medikamenten und Therapieformen gegenüber für

überlegen.

Von ausserwissenschaftlichen Interessen

geleitete Forschung und Therapie 3

Wie man sieht, ist der Handel mit Neuroleptika ein lukratives

Geschäft. Die (Pharma-) Industrieabhängigkeit der Psychiatrie ist

verantwortlich für die weitreichende Täuschung der Fachöffent-

1 Volkmar Aderhold / Stefan Weinmann: Thesen zur Anwendung Neuroleptika. März

2009, S. 3

2 Ebda., S. 4-5

3 Ebda., S. 5

Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

lichkeit über die Behandlungseffekte und Nebenwirkungen der

Atypika durch interessengeleitete, teilweise manipulative Forschungsdesigns,

irreführende Publikationen und Marketing. Die

zurückliegende Periode der Erforschung und Vermarktung neuer

Antipsychotika und die zu geringe Berücksichtigung und Erforschung

schädlicher Kurz- und Langzeitwirkungen hat die Psychiatrie

in ihrer Glaubwürdigkeit beschädigt. Wie viele andere invasive

Behandlungsmethoden hat sich die Höher- und Hochdosierung

von Neuroleptika nachträglich als falsch und schädigend erwiesen.

Ihre Folgen sind:

� erhöhte Frühsterblichkeit,

� Chronifizierung der psychischen Erkrankung,

� Verstärkung der Drehtürpsychiatrie,

� (Re)Traumatisierung durch die Behandlung mit Neuroleptika.

Da viele PsychiaterInnen am Marketing der Atypika verdient

haben, haben sie sich nur zu bereitwillig an der ungerechtfertigten

Biologisierung der psychiatrischen Forschungs- und Behandlungsparadigmen,

an der Überbewertung der Pharmakotherapie

und an der manipulativen Täuschung ihrer PatientInnen beteiligt.

Ein verengter Fokus auf die Sympomverringerung in der Akutphase

und ein geringer bis fehlender Fokus auf die psychotherapeutische

Verarbeitung der psychotischen Krise durch die PatientInnen

ist bis heute gängige Praxis in der psychiatrischen Behandlung.

Solange die Psychiatrie sich nicht aus dieser Industrieabhängigkeit

löst, diskreditiert sie sich selbst und kann nicht als wahrhaft

wissenschaftlich bezeichnet werden.

Psychotherapeutische Erfordernisse 4

Der Berliner Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Stefan

Weinmann und der Schweizer Arzt und Psychotherapeut Marc

Rufer sind zwei weitere von vielen Experten und Betroffenen, die

gängige Paradigmen der Psychiatrie in Frage stellen und ebenso

wie die Recovery-Bewegung und die skandinavischen Modelle zur

bedürfnisorientierten Behandlung von psychischen Erkrankungen

die stärkere Einbeziehung der Familie und des sozialen Bezugsfeldes

des erkrankten Menschen in die Therapie fordern. Zur

Vermeidung von Hospitalisierung sollte die Akutbehandlung zu

Hause erfolgen und von Anfang an und kontinuierlich therapeutische

Arbeit unter Einbeziehung der Familien und des sozialen

Kontextes geleistet werden. Wichtig sind:

� psychotherapeutische Kompetenz

� Individualpsychotherapie

� Beziehungskontinuität über 5 Jahre

� Traumatherapie, da 50% aller PatientInnen mit Schizophrenie

sexuell oder physisch traumatisiert sind

� reizschützende, traumasensible und psychosebegleitende

Milieus

� direkter Lebensfeldbezug

� frühestmögliche Integration in Ausbildung und Beruf

Psychosoziale Erfordernisse in der Sozialen Arbeit

mit psychisch kranken Menschen 5

In der personenbezogenen psychosozialen Betreuung psychisch

kranker Menschen (PPM) begegnet man sehr häufig KlientInnen,

die sich schon seit Jahren in neurologischer und/oder psychotherapeutischer

Behandlung befinden. Sie leben nicht selten sozial

völlig zurückgezogen und weitgehend aus dem Arbeitsleben

exkludiert – unfähig zur Selbstversorgung und Autonomie und seit

Jahren abhängig von Psychopharmaka.

4 Ebda., S. 2

5 Ebda., S. 2

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 7


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Ebenso häufig trifft man in der PPM auf SozialarbeiterInnen, die die

verbreitete Biologisierung der Behandlungsparadigmen und die

Überbewertung der Pharmakologie in die psychosoziale Betreuung der

ihnen anvertrauten KlientInnen übernommen haben.

Entgegen ihrem professionellen Anspruch, die Ursachen der psychischen

Krise ihres Klienten auf allen Manifestationsebenen (bio-psycho-sozial)

abzuklären und bei Interventionen dem multikausalen bio-psycho-sozialen

Behandlungsansatz zu folgen, um eben nicht nur das Symptom zu

erfassen und zu bekämpfen, vertreten sie die Auffassung, dass die

unbedingte Voraussetzung ihrer eigenen erfolgreichen sozial-integrativen

Maßnahmen die medikamentöse Compliance des Klienten sei. Dessen

eventuelle Bestrebungen, sich endlich aus seiner Medikamentenabhängigkeit

zu befreien und wieder die Kontrolle über sein Leben zu erlangen,

wobei er die Notwendigkeit, „endlich wieder einen klaren Kopf zu haben“,

oftmals überdeutlich erkennt, werden nicht selten und in bester Absicht

von seinem sozialpädagogischen Betreuer zu verhindern versucht, da

dieser darin fehlende Krankheitseinsicht, die mangelnde Bereitschaft, sich

der notwendigen Behandlung zu unterziehen, und sogar einen akuten

psychotischen Schub, der einer sofortigen stationären (Zwangs-)

Einweisung bedarf, vermutet.

In Unkenntnis über die Notwendigkeit der Reduktion der

Neuroleptikaeinnahme und einer neuroleptikafreien Behandlung, die bei

40% der schizophrenen KlientInnen und einem bei anderen psychotischen

Störungen noch weit höherem Anteil der Betroffenen nicht nur möglich,

sondern angesichts der verheerenden Nebenwirkungen von Neuroleptika

auch nötig ist, betrachten viele mit psychisch Kranken arbeitende

SozialarbeiterInnen den Einsatz von Neuroleptika nicht als Ergänzung,

sondern geradezu als Bedingung für den gewünschten Erfolg ihrer psychosozialen

Arbeit, nämlich die negativen Auswirkungen der psychischen

Störung des Klienten auf seine Lebensbereiche abzumildern und

aufzufangen und ihn in seinem sozialen Umfeld zu integrieren. Dadurch

treiben sie ihren Klienten nicht nur tiefer in die Medikamentenabhängigkeit,

sondern befördern regelrecht die Chronifizierung seiner psychischen

Erkrankung und machen ihn zum Opfer der Drehtürpsychiatrie.

Mit psychisch Kranken arbeitende SozialarbeiterInnen verzichten viel zu

häufig darauf, dem verbreiteten biologisierten psychiatrischen

Behandlungsparadigma die sozialen Erklärungsansätze ihrer Profession

entgegenzusetzen und opfern damit ihre sozialwissenschaftliche

Kompetenz dem immer noch vorherrschenden Glauben an die Allmacht

der Halbgötter in Weiss, deren Neuroleptikaverordnung sie allen Ernstes

für hilfreicher für die soziale Integration ihres Klienten halten als dessen

eigene aktive und selbstbestimmte Mitwirkung unter Einbeziehung seiner

Angehörigen und seines sozialen Umfeldes. Liegt es womöglich daran,

dass sie vor lauter Medikamentengläubigkeit dem psychisch kranken

Klienten die notwendigen Ressourcen für seine Genesung und

Reintegration schon gar nicht mehr zutrauen? Oder befördern sie gar mit

der Biologisierung der Devianz des Klienten die Akutpsychiatrie, weil ihnen

die Geduld für dessen erforderliche Langzeitbegleitung mangels

umfassender Information über Psychopharmaka, mangels psychotherapeutischer

Kompetenz und wegen ihrer Tendenz zur Selbstabwertung, die

der Hannoveraner Psychologe und Psychotherapeut Dr. Gregor

Terbuyken 1 beanstandet, fehlt? Dieser moniert, dass sich das Dasein

vieler SozialarbeiterInnen in der Psychiatrie in ihren Anpassungsleistungen

an die Institutionen erschöpfe, und betitelte es als „professionelle

1 Gregor Terbuyken: Verstehen und Begleiten. In: Soziale Arbeit 2/1997

Chamäleonexistenz“. Der Sozialarbeiter unterwerfe sich medizinischen

Standards und übernehme ärztliche oder psychotherapeutische Rollen im

psychiatrischen Arbeitsfeld.

Aber nur als selbstbewusste Profession spielt die Soziale Arbeit in der

psychosozialen Betreuung psychisch kranker Menschen eine ihrem Auftrag

angemessene Rolle, die sich nicht darauf beschränkt, als medizinische

Hilfskraft zu fungieren, sondern gleich mehrere Rollen umfasst:

Soziale Arbeit als lebensweltorientierte Profession

Soziale Arbeit als Anbieter soziotherapeutischer Leistungen

Soziale Arbeit zur Sicherstellung der Teilhabe an gesellschaftlichen

Ressourcen und der Bewältigung von Lebenskrisen.

Die Dortmunder Sozialarbeiterin und –therapeutin Waltraud Himmelmann 2

nennt dies den „Generalistischen Ansatz“ Sozialer Arbeit im psychiatrischen

Arbeitsfeld, der sich auf eine arbeitsfeldunspezifische Herangehensweise

beruft, die sich eben nicht in Anlehnung an das gängige psychiatrische

Paradigma in der Biologisierung der psychischen Problematik

des Klienten und der Medikalisierung seiner Behandlung erschöpft, sondern

vielmehr dessen alltags- und lebensumfeldspezifische Umstände,

dessen eigene Perspektive sowie dessen sozialen Kontext berücksichtigt,

um eben nicht nur mittels Psychopharmakagabe das Symptom zu bekämpfen,

sondern um Zusammenhänge entweder in die Behandlungsplanung

aufzunehmen oder durch Beratung und Behandlung zu ändern. Dazu

müssen alle zusammenwirkenden Faktoren der psychischen Störung und

nicht nur das Symptom erfasst werden, womit wir wieder beim multikausalen

bio-psycho-sozialen Behandlungsansatz wären.

Weiterhin konstatiert Waltraud Himmelmann, dass die Umsetzung des

Generalistischen Ansatzes Sozialer Arbeit im psychiatrischen Arbeitsfeld

nur bei fortlaufendem Updating der arbeitsfeldspezifischen Kenntnisse

möglich ist. Nur bei berufslebenslangem Lernen zur Erweiterung der

Kenntnisse zur Beratungskompetenz sowie der Hilfswissenschaften kann

Soziale Arbeit im psychiatrischen Arbeitsfeld ihren Auftrag, „soziale Problemlagen

bestimmter Personengruppen zu vermeiden, zu lindern oder zu

lösen“ 3 , gerecht werden. Und dazu gehört auch oder gerade, über den

Tellerrand der ausserwissenschaftlich und (pharma-)industriell gelenkten

Forschung und Therapie hinauszublicken und sich umfassende Kenntnisse

über Psychopharmaka und ihre Kurz- und Langzeitwirkungen anzueignen.

Dann schafft es auch ein sozialpädagogisches Chamäleon, der

Allmacht eines Halbgottes in Weiss und der von ihm verordneten Psychopharmaka

eine umfassende, wissenschaftlich überprüfbare Soziotherapie

entgegenzusetzen und den Klienten zu ermutigen, seine psychischen

Probleme und sein Leben möglichst neuroleptikafrei zu bewältigen. Anstelle

von Psychopharmaka können so profane Dinge wie Joggen, Meditation,

Wahrnehmungsübungen oder ein Haustier zur Verbesserung der psychischen

Gesundheit beitragen. Es ist die Aufgabe des Sozialarbeiters, den

Klienten auf diese Möglichkeiten hinzuweisen. Auch die Anwendung einer

speziellen Gesprächsführung und von bestimmten Methoden zur Verhaltensänderung

zeigen häufig sehr gute Erfolge. Neuroleptika sind allenfalls

befristet, niedrigdosiert und selektiv zur Ergänzung der psychosozialen

Behandlung zu verabreichen, wenn diese allein nicht ausreicht. Ansonsten

sind sie schlichtweg tabu!

Autorin: Garnet Bräunig

Sozialpädagogin & Krankenschwester / DBSH-Mitglied im Landesverband Hamburg

2 R. Wilczek, M. Stöber, B. Klösel, W. Himmelmann, A. Frohn und U. Freisen:

Qualitätskonzept für die Sozialarbeit in den psychiatrischen Kliniken. Hrsg.: DBSH,

Berlin 2002

3 Grundsatzprogramm des DBSH zum Arbeitsauftrag Sozialer Arbeit

Seite 8 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Einblicke in den Alltag des PiB-Patenschaftsprogramms ● Gudrun Bollwahn

Seit fünf Jahren stabilisiert und stärkt das PiB-Patenschaftsprogramm Kinder psychisch

kranker Eltern in Bremen: Mit einer Patenschaft unbeschwerte Momente schenken - was

in der Werbung so verlockend einfach klingt, hat es im Arbeitsalltag in sich. Gudrun

Bollwahn, Sozialpädagogin bei der „PiB – Pflegekinder in Bremen gGmbH“ und seit Beginn

des Programms „Patenschaften für Kinder psychisch kranker Eltern“ vor fünf Jahren

dabei, kennt die Höhen und Tiefen des Präventionsangebots. Es soll vor allem den

Kindern Entlastung und Stabilisierung bringen. Doch ganz einfach ist das nicht. Bis heute

hängt die Grußkarte ihrer ersten Klientin über Bollwahns Schreibtisch. „Ich weiß, ich war

ganz schwierig“, steht darauf. Und: „Fröhliche Weihnachten“.

Solche Gesten von psychisch angeschlagenen Müttern

und zugleich die sichtbare Stabilisierung der

Kinder in Patenfamilien - das Lachen und das neu

gewonnene Zutrauen der Kinder – sind das Zuckerbrot

im Arbeitsalltag von Gudrun Bollwahn. Die „unbeschwerten

Momente“ eben, für die die Sozialpädagogin

viel Beharrlichkeit und Fingerspitzengefühl

investiert. Denn die Patenschaften funktionieren nur,

wenn Mutter und Kind die Patenfamilie mögen - und

umgekehrt. „Die Einsicht in die eigene Krankheit ist

ja schon eine Leistung“, sagt Gudrun Bollwahn.

© Marcel Mooij - Fotolia.com

Menschen schwer – auch gesunden. Außerdem

müssten die Mütter, meist allein erziehende Frauen

mit eigenen schwierigen Kindheitserinnerungen, ihr

Kind an ein bis zwei Wochenenden im Monat und

mindestens einmal wöchentlich zur Patenfamilie

gehen lassen. Auch über Nacht. „Da tauchen Verlustängste

und Konkurrenzgefühle auf, mit denen alle

Beteiligten fair umgehen müssen“, sagt die Pädagogin.

Umso mehr schätzt sie die Leistung der kranken

Mütter, sich trotz Krisen, Depressionen und Angstzuständen

auf eine Kooperation mit PiB einzulassen.

Grenzen von Belastbarkeit einzugestehen, falle vielen

.

In Bremen wird das PiB-Patenschaftsprogramm, empfohlen von Kliniken und Ärzten, vom Jugendamt und von

Sozialarbeitern. Doch das Misstrauen der kranken Frauen, die viel Erfahrung mit Sozialarbeit und Psychiatrie

mitbringen, schwinde erst, wenn sie die Grundlage der PiB-Arbeit selbst erleben könnten. „Wir akzeptieren deren

Leben! Ohne diese Akzeptanz, die auch Patenfamilien mitbringen müssen, gelingt die Patenschaft nicht“,

sagt Bollwahn. „Und auch mit diesem Grundverständnis haben wir nicht nur Erfolge.“

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 9


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Oft sei die Krankheit ein ganz eigener und schwer kalkulierbarer Faktor – übrigens auch für Patenfamilien, die

sich mit gutem Willen auf ein Experiment einlassen, das die Großen und die Kleinen am Ende enttäuscht zurücklassen

kann.

Auch solche Tiefschläge sind in Bollwahns Arbeitszimmer auf Postkarten dokumentiert. „Wir haben uns in den

Ferien erholt und frisch aufgetankt. Sie können uns wieder anrufen“, schrieb beispielsweise eine Familie, die

den schmerzhaften Abbruch der Patenschaft durch eine Mutter erst verarbeiten musste. Zwischen dem Kind der

Familie und dem Patenkind hatte sich eine Beziehung entwickelt – die enttäuscht wurde. „Aus der Pädagogik

können wir uns nicht alles erklären“, sagt die Sozialpädagogin Gudrun Bollwahn. „Ein Psychiater weiß da sicher

mehr.“ Sie selbst hat mit kranken Müttern gesprochen, die offen sagen, dass die Patenschaft dem Kind gut tut –

dass sie selber jedoch die Situation nicht ertragen können.

Am schwierigsten fällt es der Bremer Sozialpädagogin

dann, mit anzusehen wie ein Abbruch dem Kind

Unterstützung entzieht, wie nur Paten sie bieten: Da

dürfen Kinder Kind sein – und müssen nicht die Verantwortung

für kranke Eltern übernehmen. Da gibt es

keine belastenden Geheimnisse über Krankheit und

die Familie – sondern alle wissen Bescheid. Und da

gibt es regelmäßig Essen, Zuneigung und die notwendigen

Regeln, wie es in einem Haushalt, wo

Krankheit regiert, so nicht garantiert ist. „Diese Verlässlichkeit

und Kontinuität stärkt die Kinder für ihr

Leben. Das ist der Sinn des Programms“, sagt Bollwahn.

Wer im Leben früher schon positive Erfahrungen von

Fürsorge und Zusammenhalt gemacht hat, kann als

kranker Mensch eher Hilfe annehmen, beobachtet

Bollwahn. „Und wenn die Mütter ihr Kind bei Paten

gut aufgehoben wissen, fällt ihnen der nächste Klinikaufenthalt

leichter.“ Doch auch die Patenfamilie gewinne

neue Einsichten und Erfahrungen. „Manche

Paten melden zurück, dass ihre eigenen Kinder umsichtiger

werden. Bei anderen genießen die Kinder

den neuen Kontakt als neue Freundschaft.“

Anders als ursprünglich erwartet, ist für das Gelingen einer Patenschaft weniger bedeutsam, ob sie nahe am

Wohnort des Kindes angeboten wird. Zwar erleichtert das dem Kind Übergänge – nehme Müttern aber auch die

Anonymität, die sie manchmal brauchen. Eine wichtige Erkenntnis für PiB sei zudem gewesen, dass ein fester

Ablaufplan für Patenschaften kaum funktioniere, sagt Bollwahn. Im Interesse der Kinder und aller Beteiligten

brauche es für das Gelingen einer Patenschaft viele individuelle, mit Einfühlung gestaltete Kontakte. Das bestätigt

auch eine jüngste Evaluation des Programms.

Hochgerechnet 2.000 Bremer Kinder leben übers

Jahr damit, dass ihre Eltern wegen einer psychischen

Erkrankung in eine Klinik müssen – und

für die Erziehung vorübergehend ausfallen.

Das PiB-Patenschaftsprogramm bietet betroffenen

Kindern und Eltern Entlastung. Seit 2004

gab es 231 Anfragen nach einer Patenschaft

durch Kranke oder ihre UnterstützerInnen, 38

Vermittlungen und 83 fortgeschrittene Anbahnungen,

die im Prozess abgebrochen wurden.

Insgesamt wurden 1188 Beratungskontakte gezählt.

Weitere Informationen finden Sie unter

www.pib-bremen.de. Auskunft erteilt Gudrun

Bollwahn, PiB, Tel.: 0421-95 88 20 - 43.

PiB

Pflegekinder

in Bremen gGmbH

Information, Vermittlung und Begleitung von

Tagespflege, Vollzeitpflege und Patenschaften

Bahnhofstraße 28 – 31

28195 Bremen

Tel. Zentrale: 0421-95 88 20-0

Tel. Durchwahl: 0421-95 88 20-43

Fax: 0421-95 88 20-45

Seite 10 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Ambulant betreutes Wohnen - Ein Wegweiser

Eine Eingliederungshilfemaßnahme ● Manuela Schellworth

Wer kann diese Hilfe in Anspruch nehmen?

Menschen, die von einer seelischen Behinderung betroffen

oder bedroht sind, die von Dauer oder mindestens 6 Monate

anhält und die somit zum Personenkreis gemäß §§ 53,

54 SGB XII gehören. Folgende Erkrankungen können zu

einer solchen seelischen Behinderung führen:

� Körperlich nicht begründbare Psychosen

� Seelischen Störungen als Folge von Krankheiten oder

Verletzungen des Gehirns, von Anfallsleiden oder von

anderen Krankheiten oder körperlichen Beeinträchtigungen

� Suchtkrankheiten

� Neurosen und Persönlichkeitsstörungen

� Essstörungen und autistische Erkrankungen zählen

mittlerweile auch dazu.

Weitere Kriterien sind:

� Das Angebot wird freiwillig in Anspruch genommen

� Es sollte die Fähigkeit vorhanden sein, mit dieser

Unterstützungsform allein in einer Wohnung leben zu

können, in einer WG oder mit Partner/Partnerin, als

Familie oder bei den Eltern

� Der Wohnsitz muss in der Stadt oder Region Hannover

ansässig sein oder werden.

Wie bekommt man ABW und wer kann es verordnen?

Das Aufsuchen eines Psychiaters oder einer Sozialpsychiatrischen

Beratungsstelle ist von Nöten. Diese müssen eine

psychiatrische Diagnose stellen und die Empfehlung für o.

g. Eingliederungshilfeform geben. D.h., es muss offensichtlich

sein, dass der Patient/Patientin ihr Leben bzw. ihren

Alltag ohne diese Form der Eingliederungshilfe nicht bewerkstelligen

kann und somit vom gesellschaftlichen Leben

ausgeschlossen zu werden droht und/oder sich die Krankheit

und für die betroffene Person störenden Verhaltensauffälligkeiten

manifestieren und Krankenhausaufenthalte

vorprogrammiert sind.

Psychiatrische Krankenhäuser und gesetzliche Betreuer

sowie jede/r Betroffene selbst kann einen Antrag auf Eingliederungshilfe

stellen.

Betroffene wenden sich an Werte e.V., weil sie von uns

gehört oder gelesen haben, durch Empfehlung oder weil

der Name so „gut und passend“ klingt. Wir laden zu einem

unverbindlichen Infogespräch ein (bei uns im Büro oder

als Hausbesuch oder in einem Café). Dort erfragen wir

� die individuelle Situation, den Grund der Anfrage und

welche Ziele mit unserer Hilfe erreicht werden sollen

� den finanziellen Hintergrund, die psychiatrische Karriere

/ Arzt und welche Schritte schon zu Erlangung der

Hilfe gegangen wurden und

� stellen unserer Arbeit und unser Team vor und bieten

Hilfestellung bei der Beantragung an.

Folgende Schritte müssen/können eingeleitet werden:

� Termin mit Psychiater zum Ausfüllen einer Fachärztlichen

Stellungnahme

� Termin mit uns zum Ausfüllen des Sozialhilfeantrages

für die Kostenübernahme und Anschreiben für die Hilfebeantragung

bei der Region Hannover, Fachbereich

Gemeindepsychiatrie

� Einladung zur Hilfekonferenz beim zuständigen sozialpsychiatrischen

Dienst. Der/die Betroffene kann eine

Person seines/ihres Vertrauens dazu mitnehmen.

� Die Hilfe wird empfohlen. Ziele, Stärken und Schwächen,

Zeit und Dauer der Hilfe werden in einem Hilfeplanprotokoll

festgehalten und an den zuständigen Kostenträger

geschickt (Kopie gehen an den Adressaten

und bei Wunsch an den Anbieter).

Wie arbeiten wir:

Wir bieten eine individuelle sozialpädagogische Begleitung.

Die Hilfe wird geleistet durch

� Hausbesuche, ausserhäusige Kontakte oder Bürokontakte

an Werktagen

� mehrere Kontakte in kritischen Phasen bzw. auch

Hilfen am Wochenende – unabhängig von unserer

Leistungsvereinbarung individuell zugeschnitten.

Die Dauer der Hilfe richtet sich nach dem persönlichen

Bedarf und wird 1-2x im Jahr von der Hilfekonferenz und

dem Kostenträger überprüft. Die Betreuungsinhalte orientieren

sich am Einzelfall und können beispielsweise sein:

� Begleitung zu Ämtern, Hilfen bei Antragstellungen

� Systemische Beratung und Begleitung bei Inanspruchnahme

sozialer, therapeutischer und medizinischer Hilfen

� Unterstützung bei der Wohnungs-, Körper- und Kleiderpflege,

bei Ernährungsfragen

� Hilfe bei der Wohnraumbeschaffung

� Vermittlung von weiterführenden Hilfen

� Beratung im Umgang mit Finanzen

� Krisen- und Konfliktintervention

� Einbeziehung von Familienangehörige, Freunden (nach

Wunsch), Kontaktaufbau und –pflege

� Nutzung der sozialräumlichen Ressourcen.

Rechtliche Grundlagen

Eingliederungshilfe für Erwachsene mit psychischen Erkrankungen

im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnen

gemäß §§ 53,54 SGB XII.

Autorin:

Manuela Schellworth

Dipl.-Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin, Sozialmanagement

stellvertr. päd. Leitung „Werte e.V. – Verein für soziale Dienste“, Hannover

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 11


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Intensives „Sich Kümmern“ rund um die Uhr

Arbeit in der stationären Jugendhilfe mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen ● Jana Görndt

In der Jugendhilfeeinrichtung „Mühlenhof

Eilte“ finden seit dem Jahr 1994 Kinder

und Jugendliche mit psychischen Störungen

und starken Verhaltensauffälligkeiten,

mitten in der Natur ein neues, überschaubares

Zuhause. Bei uns leben sieben zu

Betreuende zwischen sechs und 18 Jahren

aus verschiedenen Landkreisen. Die Unterbringung

findet meist nach dem § 35a

SGB VIII statt. Die Diagnosen, mit denen

die Kinder und Jugendlichen zu uns kom-

men sind vielfältig: AD(H)S, Autismus,

dissoziative Störung, Entwicklungsverzögerungen

(z.B. Legasthenie), Bindungsstörung,

(leichte) geistige Behinderung, sozial-emotionale

Störungen mit Impulsivität,

Enuresis, Borderline-Symptome. Der Umgang

mit den durch diese Störungen entstehenden

Problemen wie Schulverweigerung,

Diebstähle, Zündeln, hohe Aggressivität,

sexuelle Übergriffe, Abhauen und so

weiter, sind unser tägliches Geschäft.

Die Herausforderungen bei der Arbeit mit diesen Kindern und Jugendlichen sind facettenreich:

� Hauptaufgabe für das Team ist, Strategien zu entwickeln, um die oft extremen Verhaltensweisen aushalten

zu können. Erst wenn wir Wertschätzung und Respekt spürbar werden lassen und uns wirklich um das Kind

kümmern, schaffen wir die Grundlage für das Einhalten unserer Regeln und Strukturen. Oftmals sind die

Störungen so massiv, das Misstrauen gegenüber Erwachsenen so groß, dass allein das „nicht abhauen“ ein

Erfolg ist.

� Durch die „Grenzgänge“ unserer Klientel ist immer wieder die Zusammenarbeit mit Polizei und Psychiatrien

gefragt. Diese ist durch unterschiedliche Interessenlagen, Ausbildungen und Schwerpunktsetzungen nicht

immer einfach. Therapieplätze zu finden ist langwierig. Eine adäquate medikamentöse Behandlung zu erreichen

ist nicht selten geprägt von Fehleinschätzungen und Rückschlägen.

� Soweit die Kinder und Jugendlichen beschulbar sind besuchen sie verschiedene Förderschulen im Umkreis.

Oft sind die Lehrer mit unserer Klientel überfordert, wir müssen bei uns beschulen, Schulbegleitungen organisieren

und um die Finanzierung kämpfen sowie für jedes Kind intensiv um Kooperation der Schule werben.

Eng gestrickte, hoch strukturierte Angebote mit gutem Betreuungsschlüssel, die für unsere Klientel

notwendig sind, um Schulpflichterfüllung geschweige denn Wege in die Ausbildung zu meistern, sind Mangelware

bzw. nicht vorhanden.

� Die Elternarbeit ist bei uns davon geprägt, die Akzeptanz innerhalb der Familie zu fördern, dass der bessere

Platz für ihr Kind außerhalb ihres engeren Systems ist. Eine Rückführung ist meistens nicht förderlich für

das Kindeswohl, ohne die Mitarbeit der Eltern/Sorgeberechtigten fruchten aber unsere Interventionen nichts.

Die Balance zwischen Unterstützung der Eltern in Erziehungsfragen („Was machen Sie beim Tagesbesuch?

Wie reagieren Sie auf Regelbrüche?“) und andererseits der klaren Stärkung der Interessen des Kindes/Jugendlichen,

dessen Abnabelung und Verselbstständigung bedarf großen Fingerspitzengefühls.

Trotz dieser fordernden Kombination an Widrigkeiten

und meist extremen Verhaltensauffälligkeiten der

Kinder, die dadurch bislang nirgendwo anders einen

Platz für sich fanden, können wir aus verschiedenen

Gründen erfolgreich arbeiten:

Die Lage des Mühlenhofes, außerhalb vom Dorf Eilte,

mit dazugehörigem 40000qm Gelände mit Wald und

teilweise am Ufer der Aller gelegenen Wiesen, ermöglicht

erlebnispädagogisches Arbeiten (Kanutouren,

Lagerfeuer, Baumhütten bauen). Die jungen Menschen

können sich austoben, ohne sofort Ärger mit

Nachbarn zu bekommen. Sie ecken schon an so

vielen Stellen in ihrem Leben an, fallen auf, müssen

sich zusammennehmen, so dass sie hier positive

Momente erleben. Auch bei uns müssen sich die uns

anvertrauten Kinder und Jugendlichen zwar an Regeln

halten, aber die Toleranzschwelle ist höher, als

in anderen Bereichen der Gesellschaft. Wenn jemand

aggressiv wird, lernt derjenige, das Haus zu verlassen,

gegen Bäume zu treten oder in den Wald zu

brüllen. Unser Briefkasten muss regelmäßig „leiden“,

wird dann aber eigenhändig erneut eingegraben. Als

nächstes wird mit dem/der Betroffenen das Ziel vereinbart,

sich so weit zu kontrollieren, am Boxsack

seine Wut abzulassen und dann wieder das Gespräch

zu suchen. Durch die Abgeschiedenheit des Mühlenhofes

sind potentielle Reize wie Geschäfte, „anheizende“

Kumpel, Bahnhöfe etc. schwerer zu erreichen.

Seite 12 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Das Umfeld erleichtert auch das Umsetzen weiterer pädagogischer Ziele: Die Kinder und Jugendlichen

müssen die Dinge des Alltags, mit unserer Anleitung, selbst verrichten. Sie müssen unsere Katze Mickey und die

Ponys Pica und Bella versorgen, beim Baumfällen helfen, das Holz hacken und herein tragen zum Kamin, damit

es warm ist. Auch die Pflege des großen Grundstücks (Rasenmähertrecker fahren, Beete jäten, Instandhaltung

der Weiden), Tischdienst, Badreinigung, Kochen und Backen am Wochenende, Autos sauber machen und alles

andere, was in und ums Haus anfällt gehört dazu, wenn sie in unserer „Mikrogesellschaft Mühlenhof“ teilhaben

wollen.

Dafür gibt es klare Regeln und Strukturen. Beispiele: Mittagessen gibt es um 13 Uhr, bis 14:30 ist Mittagsruhe,

dann holen die in der Übergabe festgelegten Ansprechpartner ihre Kinder aus dem Zimmer. Um 15 Uhr gibt es

eine Kaffeezeit, ab 18 Uhr gehen nacheinander alle duschen, um 19 Uhr gibt es Abendbrot, um 21 Uhr ist Zimmerruhe.

Die Hausregeln sind eindeutig: Wer den Gruppenraum oder die Küche ohne Erlaubnis betritt, bekommt

Verbot für diese Räume und muss dadurch auf schöne Aktivitäten in ihnen verzichten. Wer den Flur ohne Hausschuhe

betritt muss diesen fegen und wischen. Wer anderen Gewalt antut, kann nicht am gemeinsamen Essen

teilnehmen oder Privilegien genießen (wie Fernsehen, Playstation spielen), sondern kann sich langweilen oder

etwas für die Gemeinschaft arbeiten. So werden Verlässlichkeit und Routinen gegeben sowie Gesetze der Gesellschaft

und die Konsequenzen ihrer Übertretung im Kleinen geübt.

Damit die Kinder und Jugendlichen sich auf die Regeln

der „Mikrogesellschaft Mühlenhof“ einlassen

können, bedarf dieses Klientel zusätzlich zu den

günstigen Umgebungsfaktoren ein hohes Maß an

professioneller Betreuung, sowie Fachlichkeit, Engagement

und Geduld der Mitarbeiter. Hierfür ist ein

Team von 4 Erzieherinnen und Erziehern und einer

Sozialpädagogin rund um die Uhr verantwortlich. Sie

werden unterstützt von drei Nachtbereitschaften, einer

Hauswirtschafterin, einem Hausmeister mit landwirtschaftlicher

Ausbildung und mehreren pädagogisch

geschulten Aushilfen. So können wir meistens eine

1:1 Betreuung gewährleisten, die diese Kinder benöti-

gen. Ich selbst habe die Leitung des Mühlenhofes

Anfang 2008 übernommen, bin die Tochter der beiden

Gründer, die mich weiterhin beraten, und habe eine

Ausbildung als Diplom-Psychologin und Verhaltenstherapeutin.

Ich bin täglich für die Kinder und Jugendlichen

sowie die Mitarbeiter ansprechbar. Kontinuierlich

machen wir Fortbildungen (z.B. zum Thema „Deeskalation

und Selbstverteidigung“), Fall- und Teamsupervision

sowie Einrichtungssupervision durch die

Kinder- und Jugendpsychiatrie. Nur so können wir

unser fachliches Know-how ständig verbessern, unser

Handeln überprüfen und emotionale Betroffenheit

bearbeiten.

Für diese intensive Arbeit Mitarbeiter zu finden, für die es selten Anerkennung gibt, die Erfolge oft

niedrigschwellig sind (keine Straftaten, keine Psychiatrieaufenthalte, Schulpflicht erfüllen) und ein großes persönliches

Engagement sowie extreme psychische Belastungsfähigkeit fordert, ist schwierig. Trotz aller Widrigkeiten

macht aber gerade dieses Arbeiten außerhalb des „Normalen“, mit ständigen Grenzgängen und Finden individueller

Nischen für die Kinder und Jugendlichen den Reiz und die Freude an dieser Tätigkeit aus.

Dieser Artikel kann nur einen kleinen

Einblick in die Dimensionen

unserer Arbeit geben und viele

Probleme nur anreißen. Wenn

hierzu Fragen entstehen, Diskussion

angeregt wird oder Mitstreiter

motiviert werden können, bin ich an

Rückmeldungen interessiert.

Autorin:

Jana Görndt

www.muehlenhof-eilte.de

kontakt@muehlenhof-eilte.de

Telefon 05164/2763

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 13


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Vom Umgang mit Ohnmachtsgefühlen

„Was soll ich tun?“ - Handeln und Verstehen ● Annette Gleßner

In meiner Tätigkeit als Dozentin an der Saxion Hogeschol

(Fachhochschule für Sozialpädagogik) in Enschede , NL,

begegnen mir Studenten, die Situationen aus ihrer Praxis

schildern, in denen sie sich als ohnmächtig und überfordert

erlebt haben. Die häufig gestellte Frage lautet dann: „Was

hätte ich tun können, - was soll ich tun?“

Diese Frage ist zugleich Indiz für ein Missverständnis. In

Ohnmachtssituationen geht es zunächst nicht um das

Handeln, sondern um das Verstehen. Nur der verstehende

Zugang zur Situation bildet die ausreichende Grundlage für

ein verantwortungsbewusstes Handeln.

Eine Beispielsituation:

Herr K., 29 Jahre alt, ca. 195 cm groß und normal gebaut, lebt in

einer 2- Zimmer – Wohnung und wird aufgrund seiner psychiatrischen

Erkrankung (Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis)

seitens des Ambulant Betreuten Wohnens für psychisch

erkrankte Erwachsene begleitet. Der zuständige Mitarbeiter führt

regelmäßige Hausbesuche durch. Der Klient nimmt seine Medikamente

oral und in Selbstverwaltung zu sich. In letzter Zeit hat

sich das Zustandsbild des Klienten verschlechtert, er ist z.B.

weniger in der Lage, seine Wohnung zu verlassen, zeigt geringen

Antrieb, lässt sich jedoch nicht auf eine stationäre Krisenintervention

ein.

Der Mitarbeiter übergibt die Betreuung an seine Kollegin, da sein

Jahresurlaub kurz bevorsteht. Er informiert sie über den aktuellen

Stand, sieht zurzeit noch keine Möglichkeit, Herrn K, von einer

stationären Behandlung zu überzeugen und bittet die Kollegin

daher, sich bei regelmäßigen Hausbesuchen ein Bild der aktuellen

Lage zu machen. Der Klient ist der Kollegin bekannt, jedoch

liegt der letzte Kontakt ca. 1 Jahr zurück.

Beim ersten Hausbesuch öffnet Herr K. im Morgenmantel die Tür

und bittet Frau X in seine Wohnung. Die Wohnung ist unaufgeräumt,

jedoch nicht verwahrlost. Herr K. wirkt im Gespräch leicht

abwesend, ist nur bedingt erreichbar. Vorgeschlagene Aktionen

außerhalb der Wohnung lehnt er ab. Nach ca. 30 Minuten beendet

Frau X das Gespräch und will die Wohnung verlassen.

Herr K. baut sich vor der Wohnungstür auf und schaut Frau X

eindringlich an:

„ Und was machen Sie,

wenn ich Sie jetzt nicht gehen lasse?“

Frau X spürt die von Herrn K. ausgehende Bedrohung körperlich.

Sie erinnert sich an die Krankengeschichte, nach der er mehrfach

gegenüber seiner Mutter gewalttätig geworden ist. Sie ist sich in

diesem Moment nicht sicher, ob Herr K. noch differenzieren kann,

wer vor ihm steht. Angesichts der empfundenen Hilflosigkeit und

Ohnmacht antwortet Frau X: „ Dann kann ich gar nichts machen. „

Diese Antwort, die das Machtverhältnis in dieser Situation ungeschönt

beschreibt, bewirkt bei Herrn K., dass er aus seiner

Gedankenwelt auftaucht und antwortet: „ Das war auch nur ein

Scherz.“

Er öffnet die Tür zum Flur und Frau X geht hinaus. Wieder im

Auto sitzend wird ihr erst das Ausmaß der Gefahr bewusst, der

sie ausgesetzt war. Einen Tag später wird Herr K. in stationäre

Behandlung eingewiesen.

Welche Ebenen von Ohnmacht wurden in dieser Situation

deutlich?

Die interpersonelle Ebene

Frau X kannte Herrn K. von früher als sehr sympathischen jungen

Mann, hatte ihm aber nie in einer akuten psychotischen Phase

erlebt. Entsprechend irritiert war sie durch die plötzliche Verschärfung

der Gefährdungslage. Sie blieb im Kontakt authentisch und

setzte so auf die Beziehungsebene.

Grundlage ihrer Haltung war die „unbedingte Wertschätzung“ im

Sinne von „eine Person schätzen, ungeachtet der verschiedenen

Bewertungen, die man selbst ihren Verhaltensweisen gegenüber

hat" (Rogers, 1959, S.35)

Diese radikale Form der Wertschätzung drückte sich in der Akzeptanz

der körperlichen Unterlegenheit und des Ausgeliefertseins

aus.

Die strukturelle Ebene

Frau X arbeitete in Vertretung. Eine Übergabe hatte zwar stattgefunden,

jedoch ist eine gemeinsam vorgenommene Einschätzung

der Gefährdungslage unterblieben. Frau X. war sich nicht bewusst,

wieweit Herr K. bereits in sein psychotisches Erleben

verstrickt war. Gerade die Schnittstelle der Vertretungssituation

bedarf einer gründlichen Vorbereitung. Ungeachtet dessen bleibt

mit Margret Dörr festzustellen: „ Professionelles Handeln hat es …

mit komplexen, nicht standardisierbaren Problemstellungen zu

tun, die nur in Kooperation (Koproduktion) mit den Betroffenen

bearbeitet werden können. Es ist immer ein `Handeln mit Risiko´„

(Dörr, 2005, S.93)

Die persönliche Ebene

Bei gleichzeitiger Zugewandtheit war Frau X sich der Gefährdung

in dieser Situation durchaus bewusst. Sie war langjährig tätig in

der Psychiatrie und wusste, dass es galt, jegliche Eskalation und

jeglichen Machtkampf zu vermeiden. Sie benannte Herrn K.

gegenüber die Situation deshalb klar und deutlich, jedoch nicht

aggressiv oder anklagend. Dörr spricht in diesem Zusammenhang

von „ affektiver Kompetenz „ als „ insbesondere zur Bewältigung

von Belastungssituationen mit den Adressaten erforderliche

Fähigkeit „ Affektive Kompetenz umschreibt die Fähigkeit, „ sich

auf individuelle Problemlagen einzulassen „ und selbstreflexiv mit

( Gegen-) Übertragungsreaktionen umgehen zu können. ( Dörr,

2005 S. 99 + 100 )

Ohnmachtsgefühle sind ein wichtiger diagnostischer Indikator,

spiegeln sie doch auch eine Facette des Innenlebens des Gegenübers.

Es gilt sie ernst zu nehmen, auf keinen Fall zu ignorieren,

sie stattdessen als Anlass zu nehmen, inne zuhalten. Dem Wiedergewinnen

der Handlungsfähigkeit geht das Verstehen der

Situation voraus. Wie das obige Beispiel zeigt, kann explizites

Nicht – Handeln das einzig angezeigte Handeln sein.

Literaturhinweise

Dörr, Margret ( 2005 ): Soziale Arbeit in der Psychiatrie, München, Basel

UTB

Rogers, C.R. (1959 dt. 1991): Eine Theorie der Psychotherapie der

Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen, Köln GwG

Autorin:

Annette Gleßner

Supervisorin und Dozentin an der Saxion Hogeschol, Enschede NL

Kleiner Send 2, 48477 Hörstel

Seite 14 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


Netzwerkbildung

Kinder psychisch kranker

Eltern in Bremen

● Birgit Kramer & Monika Meyer

Der Arbeitskreis (AK) „Kinder psychisch kranker

Eltern“ hat sich im Jahr 2000 nach einem Fachtag in

Bremen gebildet. Vierteljährlich kommen hier

regelmäßig ca. 15 Vertreter/innen aus den Bereichen

Kinder- und Jugendhilfe, Kinder- und Jugendpsychiatrie,

Erwachsenenpsychiatrie und Gesundheitswesen

zum professionellen Austausch zusammen.

Im September 08 wurden im AK die „Handlungsempfehlungen zur

Netzwerkbildung für Kinder psychisch kranker Eltern“ von Trägern

der Gemeindepsychiatrie und der Jugendhilfe der Stadt Duisburg

vorgestellt (Informationen hierzu im Internet unter: www.psagduisburg.de).

Der AK entschloss sich, auf Basis der Erfahrungen in Duisburg die

Netzwerkbildung für die Zielgruppe Kinder von psychisch kranken

Eltern in Bremen konkret umzusetzen. Damit verbunden ist die

Hoffnung, dass die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit

zwischen Kinder- und Jugendhilfe und der Psychiatrie abgebaut

werden und sich im Sinne des Kindesschutzes eine Kooperation der

Fachkräfte entwickelt, in der die Bedürfnisse der Kinder psychisch

kranker Eltern und die Bedarfe der Erwachsenen angemessen

berücksichtigt werden.

Es wurde aus dem AK heraus eine Steuerungsgruppe mit vier

Fachkräften aus unterschiedlichen Einrichtungen gebildet. Diese

haben die Aufgabe, den Prozess der Netzwerkbildung anzuschieben

und eng zu begleiten. Ebenso ist es notwendig, dass

Öffentlichkeit hergestellt wird und die Fachkräfte aus der

Steuerungsgruppe zunächst als Ansprechpartner/innen für weitere,

interessierte Einrichtungen zur Verfügung stehen.

Bei der Auftaktveranstaltung im Februar 09 waren zusätzlich zu den

o.g. Institutionen Vertreter/innen des Amtes für Soziale Dienste

anwesend. Um die betroffenen Kinder und deren Eltern konstruktiv

und nachhaltig zu unterstützen, wurde als wesentliche Zielsetzung

des Netzwerks benannt:

� die Zusammenarbeit der Systeme „Kinder- und Jugendhilfe“,

„Kinder- und Jugendpsychiatrie“ und „Erwachsenenpsychiatrie“

(ambulant und stationär) zu optimieren,

� Verbindlichkeiten zu schaffen,

� neue Angebote für die Zielgruppe Kinder psychisch kranker

Eltern einzurichten,

� die Frage der Verantwortlichkeit zu klären, damit weitere

notwendige Hilfsangebote für die Familien installiert werden

können

� und Ansprechpartner/innen in den Netzwerkinstitutionen zu

benennen.

Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Das Netzwerk versteht sich als offenes System. Interessierte

Einrichtungen ordnen sich auf den Netzwerktreffen den

einzelnen Arbeitsgruppen zu. Neue Netzwerkmitglieder sind

jederzeit herzlich willkommen.

Im Juni und November 09 fanden Folgetreffen statt, auf

denen die jeweiligen Ergebnisse der Arbeitsgruppen vorgestellt

und weitere Arbeitsschritte verabredet wurden. Folgende

Ergebnisse konnten in den vier Arbeitsgruppen

schon erzielt werden:

1. Öffentlichkeitsarbeit/Online-Vernetzung

Die Gruppe berichtet halbjährlich über den Verlauf der Netzwerkbildung

in dem Faltblatt „Neues vom Netzwerk“. Eine Onlinevernetzung

wurde bereits umgesetzt: Auf der Web-Seite

www.familiennetz-bremen.de können am Netzwerk interessierte

Fachkräfte sich für das interne Forum „Kinder psychisch kranker

Eltern“ anmelden und den Informationsaustausch aktiv mitgestalten.

2. Aufbau von Kindergruppen

In dieser Gruppe haben Vertreter/innen unterschiedlicher Institutionen

ein Konzeptes für fachlich organisierte Kindergruppen entwickelt

(Zugang zur Kindergruppe, Kontakt zu den Eltern, fachliche

Standards, Anforderungen an das Personal, Datenschutz...). In

Kooperation mit dem Amt für Soziale Dienste wurde die befristete

Finanzierung für eine erste Kindergruppe organisiert.

3. Regionale Recherche über vorhandene Angebote in Bremen

Die Gruppe ist bei ihren Recherchen auf viel Interesse gestoßen.

Die Sozialraumkoordinator/innen des Amtes für Soziale Dienste

konnten für die weitere Entwicklung des Netzwerkes gewonnen

werden. In der Region Bremen-Nord wird demnächst der Kontakt

mit den ansässigen Kinderärzt/innen zur Regelung einer verbesserten

Zusammenarbeit hergestellt.

4. Entwicklung von Kommunikationsstrukturen, Erarbeitung

von Kooperationsverträgen, Anwerben neuer Netzwerkmitglieder

Die Gruppe hat einen Entwurf für einen Kooperationsvertrag

erarbeitet. Vertreter/innen des Netzwerks haben das Netzwerk und

die dort vertretenden Einrichtungen in den vier regionalen psychiatrischen

Behandlungszentren in Bremen vorgestellt.

Die Planung für 2010 sieht vor, Kommunikationsstrukturen

und konkrete Verfahrensregelungen zwischen den Netzwerkpartner/innen

zu gestalten und den Kooperationsvertrag

mit Leben zu füllen. Schon jetzt zeigt sich, dass die

Kommunikation zwischen den Bereichen Kinder- und Jugendhilfe

und Gesundheitswesen sich verbessert, es

schneller zu gemeinsamen Helferkonferenzen kommt und

die Fachlichkeit der verschiedenen Institutionen gezielter

eingesetzt und angefragt wird.

Autorinnen:

Birgit Kramer

Diplom-Pädagogin, Fachberatung in der Sozialpädagogischen Familienhilfe

Monika Meyer

Dipl. Sozialpädagogin, Ressourcen- und lösungsorientierte Sozialtherapeutin

(für die Steuerungsgruppe „Netzwerkbildung für Kinder psychisch kranker

Eltern in Bremen“)

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 15


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Doppeldiagnose Psychose und Sucht

Sozialtherapie mit Perspektiven im Krelinger Reha-Zentrum (Walsrode) ● Hartmut Lauter

Es wird zu Recht darauf hingewiesen, dass Menschen,

die an einer psychischen Störung und gleichzeitig an

substanzgebundenem Suchtverhalten leiden, bislang

nicht zureichend versorgt werden. Auch der Übergang

von persönlich stabilisierenden, medizinischen und

therapeutischen Maßnahmen zu Leistungen der

Teilhabe am Arbeitsleben gelingt diesen Menschen oft

nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten. Sie

gelten als „Systemsprenger“ und sind insofern Beleg

für Defizite im Versorgungssystem.

Wenn wir davon ausgehen, dass unter schizophrenen Patienten der

Alkoholismus mindestens 3-mal häufiger und andere Substanzen

mindestens 6-mal häufiger im Vergleich zu einer Durchschnittspopulation

vorkommen (Gouzoulis-Mayfrank, 2007), wird deutlich,

dass die komorbiden Patienten keinesfalls eine Randgruppe

darstellen.

Als wir vor einigen Jahren in unserer stationären Sozialtherapie für

Menschen mit seelischen Behinderungen/Erkrankungen vor die

Herausforderung gestellt wurden, mit Rehabilitanden zu arbeiten,

die neben der seelischen Erkrankung einen Suchthintergrund und

auch weitere Störungen aufwiesen, lag dies nicht unbedingt in

unserer Planung. Die Menschen fragten um Hilfe nach, wir wollten

sie nicht abweisen, und so erfolgte eine Mitbetreuung im Rahmen

unseres vorhandenen Konzeptes. Inzwischen liegt ein indikatives

Konzept vor, das die besonderen Herausforderungen berücksichtigt,

vor die uns dieses Klientel stellt.

Wir verfügen in unserer Einrichtung zwar über langjährige

Erfahrungen sowohl in der Entwöhnungsbehandlung Drogenabhängiger

als auch in der Sozialtherapie von Menschen mit seelischen

Erkrankungen; doch in der Umsetzung dieses Konzeptes, das eine

Behandlung beider Symptomgruppen gleichzeitig vorsieht, ist

unsere Praxiserfahrung noch ausbaufähig.

Wir verstehen uns als ein Teilangebot einer Versorgungskette und

wollen vorrangig sozialtherapeutisch und (im Anschluss daran)

beruflich rehabilitierend die Arbeit der Fachkrankenhäuser

weiterführen. Die Aufnahmen erfolgen überwiegend überregional

aber auch aus unserer Region.

Unsere Hilfe ist aufgrund der komplexen Störungen der Betroffenen,

längerfristig angelegt, und die Therapiezeiten werden individuell

festgelegt.

Die Einrichtung gilt vom Leistungstyp her als Wohneinrichtung mit

heiminterner Tagestruktur, und die Finanzierung erfolgt i.d.R. nach

dem SGB XII (Sozialhilfe), in Einzelfällen auch nach dem SGB VIII

(Jugendhilfe).

Doppeldiagnose – das Verständnis

Unter Doppeldiagnose wird in der Psychiatrie ein Spezialfall

von Komorbidität verstanden, der das zeitliche Zusammentreffen

eines Missbrauchs bzw. einer Abhängigkeit von einer

oder mehreren psychotropen Substanzen und einer anderen

psychischen Störung (z. B. Schizophrenie, Depression)

beschreibt. (Evans & Sullivan 1990).

Wir gehen mit Gouzoulis-Mayfrank (2007) einerseits davon

aus, dass das Suchtverhalten eine Reaktion bzw. einen

ungünstigen Coping-Versuch auf direkte Symptome oder

Auswirkungen der psychotischen Erkrankung darstellt

(Selbstmedikationshypothese/Affektregulationsmodell). Das

zweite Modell der Komorbidität besagt, dass durch den

Konsum psychotroper Substanzen Psychosen induziert

werden (Psychoseinduktion). Schließlich ist es vorstellbar,

dass bei einzelnen Patienten eine Kombination aus den

Mechanismen beider Modelle vorliegen kann.

Personenkreis (unserer Einrichtung)

Bei den psychischen Erkrankungen handelt es sich in der

Regel um (schizophrene) Psychosen und Persönlichkeitsstörungen.

Bei den Suchtstörungen handelt es sich um nicht (mehr)

klinisch zu behandelnde Abhängigkeiten (in der Regel

Polytoxikomanien), die wir als Suchthintergrund bezeichnen.

Die psychische Beeinträchtigung steht im Vordergrund.

Der sozialtherapeutische Ansatz

Die sozialtherapeutische Hilfe für Menschen mit der Doppeldiagnose

Psychose und Sucht erfordert ein Konzept, in

dem stützende und begleitende Vorgehensweisen (wie in

der Versorgung psychisch Kranker) mit einem auf Eigenverantwortlichkeit

und Konfrontation abzielenden therapeutischen

Setting (wie in der Suchttherapie) verzahnt sind.

Wir sehen das komplexe Störungsbild Psychose / Sucht

in einem Zusammenhang mit

� einer ausgeprägten Ich-Schwäche, regressiven Tendenzen

und Störungen in der Beziehungsfähigkeit,

� Entwicklungsverzögerungen, daraus folgender misslingender

Alltagsbewältigung und Schwierigkeiten im Umgang

mit der eigenen Emotionalität

� Defiziten im Sinn- und Werteerleben.

Vor diesem Hintergrund impliziert unser Konzept folgende

Schwerpunkte:

� Die therapeutische Gemeinschaft mit ihren besonderen

Chancen und Herausforderungen und deren

Einordnung in das einrichtungsinterne Netzwerk der

Hilfe mit den verschiedenen, unseren rehabilitativen

Ansatz unterstützenden Modulen.

� Die persönliche/therapeutische Beziehung, bei

der den Rehabilitanden Akzeptanz, Wertschätzung und

persönliche Wärme und Verstehen entgegen gebracht

werden, in der aber auch das Orientierende, ggf. auch

Grenzen und Regeln setzende Gegenüber erlebbar

wird.

� Wir geben explizit Gelegenheit zu Diskussionen

und persönlichen Gesprächen über Fragen nach Lebenssinn,

über das, was wertvoll sein soll und das,

was das Leben erfüllend machen kann.

Seite 16 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


Die therapeutische Gemeinschaft

Die Umsetzung des Konzeptes erfolgt

im Rahmen der therapeutischen Gemeinschaft

von Hof Birkengrund mit 14

Bewohnerplätzen zuzüglich einer

Außenwohngruppe für das Realitätstraining

mit 3 Plätzen.

Diese Teileinrichtung, ein ehemals

landwirtschaftliches Anwesen, befindet

sich etwas abseits der Wohnbebauung,

von Wald und Wiesen umgeben,

zwischen den Ortschaften Krelingen

und Hodenhagen.

Diese Lage hat sich als hilfreich herausgestellt,

um den Bewohnern den

Zugang zu Rauschmitteln zu erschweren

und auch um Konflikte mit angrenzend

Wohnenden zu vermeiden.

Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

In diesem Setting gelten klare Ordnungen

und erkennbare Grenzen als

Hilfe zur Selbststeuerung. Die Abläufe

sind durch den überschaubar strukturierten

Tages- und Wochenplan gut

einsehbar vorgegeben. Das

Aufeinanderachthaben, die gegenseitige

Unterstützung, das Erleben von

Schutz und Herausforderung, das

Sich-Identifizieren mit gemeinsamen

Zielen und Anliegen hat einen wichtigen

Stellenwert. Die für die Gemeinschaft

zu leistenden Arbeiten wie

Kochen, Waschen, Säubern der Räume,

Renovierung, Reparaturen, Gartenarbeit

sowie projektorientierte

Auftragsarbeiten lassen sich in übersichtliche

Verantwortungsbereiche

gliedern.

Krelinger Reha-Zentrum - Netzwerk der Hilfe

(Schaubild aus dem Prospekt der Einrichtung)

Der personenzentrierte Ansatz (der die

individuellen Bedarfe des Einzelnen

betont) und das Zusammenleben in

einer therapeutischen Gemeinschaft

(in der die sozialen Bezüge und Verpflichtungen

einen hohen Stellenwert

haben) stellt für uns keinen Widerspruch

dar. Auch hier verwirklicht sich

unser ganzheitlicher Hilfeansatz.

Hof Birkengrund ist Teil der stationären

sozialtherapeutischen Einrichtung

für Menschen mit seelischen Erkrankungen/Behinderungen,

und diese

gehört wiederum zum Krelinger Reha-

Zentrum.

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 17


Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Es werden Männer (Aufnahmealter: 18

bis 35 Jahre) mit Komorbidität Psychose/Sucht

ausschließlich auf Hof

Birkengrund aufgenommen. Es werden

hier allerdings auch solche Bewerber

aufgenommen, bei denen

lediglich eine seelische Erkrankung/Behinderung

(ohne Komorbidität)

vorliegt.

Mit diesem Netzwerk sind wesentliche

Voraussetzungen geschaffen, so dass

die Nutzer im Rahmen der Hilfe-

/Reha-Planung individuell auf ihre

Bedarfe abgestimmte Leistungen aus

einer Hand erhalten können.

Dies bedeutet z.B., dass Rehabilitanden,

die bereits die Angebote der

Überbetrieblichen Ausbildungsstätte

(ÜBA) nutzen, bei psychischen Krisen

oder Suchtrückfällen, ggf. anteilig

Kompetenz und Leistungen der Sozialtherapie

in Anspruch nehmen. Bei

Bedarf kann auch das Wohnangebot

der Sozialtherapie (mit verstärkter

Beteuungsdichte) genutzt werden, was

dazu helfen kann, dass eine Unterbre-

Was für uns bedeutsam ist - unsere Essentials

chung der berufsfördernden Maßnahme

vermieden wird.

Bewohner der sozialtherapeutischen

Einrichtung machen Praktika in den

Ausbildungsbereichen der ÜBA

und finden so fließende Übergänge in

die Anschlussmaßnahme.

Wir sorgen dafür, dass Leistungen

anderer Anbieter bzw. anderer Netzwerke

unseren Rehabilitanden nach

ihren Bedarfen zugänglich gemacht

werden.

� Wir wollen den Menschen, dessen Würde oft wenig geachtet wird und der sich selbst auch nur wenig achtet,

mit diakonischer Wertschätzung wahrnehmen.

� Die Arbeit mit psychisch kranken Menschen ist Beziehungsarbeit, und Behandlungstechnik ist nicht primär

gefordert. Nicht im Üben von professioneller Distanz ist ein Arbeitsbündnis erreichbar, sondern auf der Beziehungsebene.

Der Bezugsmitarbeiter bietet sich an als „gutes Objekt“ mit für den Rehabilitanden herausfordernden

Anteilen, so dass die Beziehung als Hilfe dient, gute und böse Erfahrungen hinzunehmen und zu integrieren.

� Wir nehmen immer wieder das Sinnthema in den Focus unseres Arbeitens. Victor Frankl (Begründer der

Logotherapie) hat den Menschen beschrieben als körperliches und psychisches Wesen mit entsprechend zu

berücksichtigen Bedürfnissen. Er definierte ihn aber auch als geistiges Wesen, dem es um Sinn und Werte

geht. Wichtig für sein Leben sind demnach personale Werte wie Liebe, Glaube, innerer Halt, für andere einstehen,

Wahrheit und Gerechtigkeit. Dies „in kleiner Münze“ umzusetzen und damit für den Lebensalltag

nutzbar zu machen, liegt in unserem therapeutischen Auftrag. Dies beginnt schon damit, dass Mühsames im

Therapiealltag wie z.B. das morgendliche Aufstehen, das Säubern der Räume, Unkraut Jäten, Fegen des Hofes

und immer wiederkehrende Tätigkeiten auf ihren Wert befragt werden (dürfen) und eine Zuordnung erfahren

sollen.

Aber nicht nur Alltägliches fordert seine Sinn- und Wertbestimmung ein. Augustin, der große Philosoph des Altertums,

sieht den Menschen als Wesen mit einer unstillbaren Sehnsucht nach Leben, fast im Sinne von Sucht, und

stellt – aufgrund eigener existentieller Erfahrungen – fest, dass diese Erde ein Ort des Mangels ist und seine

Sehnsüchte nicht erfüllen kann. Augustin liebte das Leben maßlos, und deshalb konnte es ihm nicht genügen. Er

war frustriert durch das Wenige (Safranski 2001, S. 49). Daraus folgte für ihn über Umwege, dass seine Suchbewegung

über das christliche Evangelium hin zu Gott, den Schöpfer, führte. Und hier fand er den übergreifenden

Sinnzusammenhang, erfülltes Leben, und eine Perspektive über die kurze Spanne menschlichen Lebens hinaus.

Von diesen Gedanken ist auch unsere Arbeit geprägt, und unsere Erfahrung zeigt, dass Menschen mit Suchterfahrung

oft unbefangen Zugänge zu dieser Thematik finden und sich davon ansprechen lassen. In der Auseinandersetzung

mit Sinn- und Wertefragen im Rahmen von Gruppen- und Einzelgesprächen sehen wir einen wichtigen

Baustein unseres Angebotes.

Für die Aufnahme in unsere Einrichtung bestehen jedoch keine religiösen oder weltanschaulichen Vorbedingungen.

In dieser Hinsicht ist uns jeder Bewerber willkommen.

Seite 18 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


Einzelleistungen

Bei Doppeldiagnose-Patienten handelt es sich in

Bezug auf Symptomatik und Krankheitsursachen

um eine eher heterogene Patientengruppe, wo

neben der psychischen und Suchterkrankung

Persönlichkeitsstörungen, eine ADHS-

Problematik, Borderline-Symptome etc. vorliegen

können.

Dies bedeutet, dass standardisierte Therapieprogramme

nur dann Wirkung entfalten können,

wenn gleichzeitig ein auf die individuellen Bedürfnisse

der Betroffenen abgestimmtes Vorgehen

erfolgt. Dies hat zur Voraussetzung, dass ein

differenziertes Angebot an Einzelmaßnahmen

vorgehalten und – im Rahmen der Hilfeplanung -

sinnvoll zugeordnet werden kann.

Zu unseren Angeboten gehören neben den einzeltherapeutischen

Gesprächen u.a. eine

psychoedukative Gruppe Psychose und Sucht

sowie eine Indikationsgruppe Sucht, ein soziales

Kompetenztraining und ein PC-gestützes Lernprogramm.

Breiten Raum nehmen Arbeitstherapie

und Selbstversorgertraining im relativ dicht durchstrukturierten

Tages- und Wochenpan ein. Sportliche

Aktivitäten sollen die allgemeine Fitness fördern,

und das therapeutische Reiten betont den

Körper-Seele-Zusammenhang.

Es finden in unserer Einrichtung regelmäßig

Angehörigenseminare statt, und Trialog-

Gespräche werden immer wieder angestrebt.

Wir stellen die allgemein- und fachärztliche Betreuung

und die Medikamentenversorgung sicher

und bieten Begleitung bei Arztterminen an.

Die Anbindung der Einrichtung an das psychiatrische

Versorgungssystem unseres regionalen

Klinikums - mit psychiatrischer Abteilung, Tagesklinik

und Institutsambulanz – garantiert patientenorientierte

medizinische Maßnahmen mit hoher

Behandlungs- und Beziehungskontinuität.

Soziale Arbeit mit psychisch Erkrankten

Die Perspektiven

Bewerber für unsere sozialtherapeutische Hilfe

kommen häufig deshalb zu uns, weil sie die hier

angebotene Perspektive der Teilhabe am Arbeitsleben

nutzen wollen.

Diese Chance vor Augen, werden hierdurch gerade

in Zeiten des Motivationsabfalls Durchhaltekräfte

mobilisiert, wenngleich es auch immer wieder

dadurch zu Motivationsproblemen führt, dass

dieser Gedanke das Therapieanliegen überlagert.

Nach Beendigung des Aufenthaltes auf Hof Birkengrund

kommen zwar auch eine Aufnahme

einer Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt,

die Vermittlung in ambulante, teilstationäre oder

stationäre Maßnahmen in Betracht. Doch berufsvorbereitende

Lehrgänge, Ausbildung und Umschulung

im Rahmen unserer ÜBA, und die spezielle

Förderung und Begleitung von Teilnehmern

mit Suchthintergrund im Internat wird als attraktive

Perspektive sehr gern in Anspruch genommen.

Gelingende Eingliederung wird von den Betroffenen

dann zu Recht als großer Erfolg erlebt,

wenngleich nicht immer alle gewünschten Ziele

erreichbar sind.

Wir stellen aber fest, dass eine relativ lange, intensiv

genutzte Gesamtverweilzeit (Sozialtherapie:

1-2 Jahre; Berufsvorbereitung/Ausbildung: 3-

4 Jahre) die Chancen für die soziale und die berufliche

Teilhabe wesentlich verbessert.

Eine geringe Zahl von Ausbildungsabbrüchen und

ein hoher Anteil an Absolventen und deren Eingliederung

auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

sehen wir als Bestätigung für den hier eingeschlagenen

Weg.

Autor:

Hartmut Lauter

Diplom-Sozialarbeiter / Suchttherapeut

Krelinger Reha-Zentrum

29664 Walsrode

Tel.: 05167/979-137

Literatur:

Gouzoulis-Mayfrank: Komorbidität Psychose und Sucht, Steinkopff 2007

Frankl, V.: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, Serie Piper 2009

Safranski: Das Böse oder das Drama der Freiheit, Fischer 2001

Quellen:

Kerbe 1/2006 und 2/2009

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 19


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Ein starkes Team braucht

Eure Unterstützung

Der DBSH ist einerseits Fachverband zugleich

aber auch gewerkschaftliche bzw.

arbeitsrechtliche Vertretung unserer Berufsgruppe.

Auch in den kommenden Tarifverhandlungen

sitzt der DBSH somit als Mitgliedsgewerkschaft

des dbb für unsere

Mitglieder gestaltend mit am Verhandlungstisch.

Auf der Ebene der Landestarifkommissionen

besteht in verschiedenen Bundesländern ein

kontinuierlicher Bedarf an Mitgliedern, die

vor allem an arbeitsrechtlicher Beratung und

Vertretung interessiert sind, so auch in

Niedersachsen.

Wir freuen uns sehr darüber, im Landesverband

Niedersachsen eine aktive Tarifkommission

zu haben, die konkret zu entsprechenden

Belangen von Mitgliedern und

Noch-Nicht-Mitgliedern Stellung beziehen,

Informationen geben und beraten kann. Für

die überaus reizvolle Arbeit in der Landestarifkommission

brauchen wir aber noch Verstärkung.

An gewerkschaftlichen und tarifrechtlichen

Fragen interessierte Kolleginnen

und Kollegen, die sich eine Mitarbeit in

diesem Gremium vorstellen können, sollten

sich deshalb bei uns melden. Es erwartet

Euch eine interessante Herausforderung

und eine bundesweite Vernetzung mit der

Bundestarifkommission, mit dem Landesvorstand

Niedersachsen und mit der dbb-

Tarif-union.

Ansprechpartner sind die derzeitigen Mitglieder

der Kommission (siehe Homepage

DBSH Niedersachsen). Ihr könnt Euch aber

auch gerne bei mir melden:

Harald Martens

Postbruch 4

29693 Hodenhagen

Tel.: 05164 / 800 371

Seite 20 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


www.dbsh-niedersachsen.de Landesverband Niedersachsen

Protokoll des Erweiterten Landesvorstands vom 14. November 2009

Ort: Hannover

Zeit: 10:00 – 11:00 Uhr

anwesend: siehe unten (Protokoll der LMV)

Tagesordnung:

1. Begrüßung

2. Genehmigung der Tagesordnung

3. Genehmigung des Protokolls der letzten Sitzung

4. Beschluss des Haushaltplans 2010

TOP 1: Begrüßung

Frank Mattioli-Danker begrüßt alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer und erläutert, dass dies die letzte Sitzung des

ELV ist, da nach der neuen Ordnung diese Organisationsform nicht mehr vorhanden sein wird.

TOP 2: Genehmigung der Tagesordnung

Die obige Tagesordnung wird einstimmig genehmigt und die Beschlussfähigkeit und die ordnungsgemäße Einladung

werden festgestellt.

TOP 3: Genehmigung des Protokolls der letzten Sitzung

Das Protokoll der Sitzung vom 06.06.2009 wird einstimmig genehmigt.

TOP 4: Beschluss des Haushaltsplans 2010

Harald Martens stellt den Haushaltsplan 2010 vor. Es wird einstimmig genehmigt, dass dieser Entwurf der Landesmitgliederversammlung

vorgelegt wird.

gez. Frank Mattioli-Danker

Protokollant und Landesvorsitzender

Protokoll der Landesmitgliederversammlung vom 14. November 2009

Ort: Hannover

Zeit: 11.00 Uhr – 14:30 Uhr

anwesend: Anke Berkemeyer (ab TOP 10), Elke Bindbeutel, Christian Biringer, Claudia Brörmann, Olaf Bürke, Sibylle

Kleiner, Harald Martens, Frank Mattioli-Danker (Protokollant), Erika Rautenberg, Bärbel Springer (bis

TOP 10)

Tagesordnung:

1. Begrüßung

2. Wahl einer Versammlungsleiterin/Versammlungsleiter

3. Wahl einer Protokollführerin/Protokollführer

4. Genehmigung der Tagesordnung

5. Genehmigung des letzten Protokolls

6. Berichte aus dem Landesvorstand

a. Vorstandsarbeit

b. Kassenbericht

c. Kassenprüfungsbericht

d. Aussprache

7. Entlastung des Vorstandes

8. Neuwahl einer Beisitzern/Beisitzer

9. Berichte von der Bundesebene

a. Erweiterter Bundesvorstand

b. Geschäftsführender Vorstand

c. Aussprache

10. Berichte aus

a. den Bezirksverbänden

b. der Bundes- und Landestarifkommissionen

c. der Bundesausbildungskommission

d. dem Landesfrauenrat

e. Aussprache

11. Evtl. Anträge an die Landesmitgliederversammlung

12. Haushaltsdebatte 2009 und Haushaltsplanentwurf 2010

13. Verschiedenes / Aktuelle Themen

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 21


Landesverband Niedersachsen www.dbsh-niedersachsen.de

TOP 1: Begrüßung

Der Landesvorsitzende, Frank Mattioli-Danker begrüßt alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer und stellt die ordnungsgemäße Einladung und die Beschlussfähigkeit

fest.

TOP 2 + 3: Wahl einer Versammlungsleiterin/Versammlungsleiter und Protokollantin/Protokollant

Claudia Brörmann wird als Versammlungsleiterin und Frank Mattioli-Danker als Protokollant einstimmig gewählt.

TOP 4: Genehmigung der Tagesordnung

Die obige Tagesordnung wird einstimmig mit folgenden Ergänzungen genehmigt:

TOP 8: Wahl der Kassenprüferin/Kassenprüfer

TOP 11: Verabschiedung der neuen Landesordnung

TOP 5: Genehmigung des letzten Protokolls

Das Protokoll der Landesmitgliederversammlung 2008 wurde auf der Homepage des Landesverbandes und zusammengefasst im Landesrundbrief 03/08

veröffentlicht und wird mit 8 Ja-Stimmen und einer Enthaltung genehmigt.

TOP 6: Berichte aus dem Landesvorstand

a) Vorstandsarbeit

Frank Mattioli-Danker berichtet über die Inhalte der Vorstandssitzungen in 2009. Das neue Layout der Landesrundbriefe ist sehr oft gelobt worden und die

inhaltlichen Themen wurden positiv gewürdigt. Die Honorarzahlung für die Erstellung von Artikeln im Landesrundbrief hat auch dazu beigetragen, dass der

Umfang des Heftes quantitativ gewachsen ist.

Die neue Landesordnung wurde erarbeitet, da diese aufgrund der neuen Bundessatzung notwendig wurde. Die Öffentlichkeitsarbeit an den Hochschulen

hat sich intensiviert und gehört zum festen Bestandteil der Vorstandsarbeit. Ebenso wurde die Vertretung in der Landesarmutskonferenz regelmäßig wahrgenommen.

Durch die Bemühungen von Karl-Heinz Rieke hat der Landesverband jetzt auch Stimmrecht im Landeshauptvorstand des dbb Niedersachen.

b) Kassenbericht

Harald Martens stellt den Abschluss 2008 vor und berichtet, dass die Planung für 2008 eingehalten wurde.

c) Kassenprüfung

Elke Bindbeutel und Erika Rautenberg berichten als Kassenprüferinnen von der Kassenprüfung 2008, die sie in 2009 stichprobenweise durchführten. Sie

empfehlen der LMV die Entlastung des Vorstandes zu beschließen.

TOP 7: Entlastung des Vorstandes

Einstimmig wird dem Vorstand Entlastung für 2008 erteilt.

TOP 8: Neuwahl einer Beisitzern/Beisitzer / Wahl der Kassenprüfer

Nach einer kurzen Vorstellung wird Petra Hartleben-Baildon einstimmig als weitere Beisitzerin im Landesvorstand gewählt.

Ebenfalls werden Elke Bindbeutel und Erika Rautenberg einstimmig als Kassenprüferinnen gewählt.

TOP 9: Berichte von der Bundesebene

a) Erweiterter Bundesvorstand

Claudia Brörmann berichtet über die Themen der erweiterten Bundesvorstandssitzungen (EBV). Die neuen Ordnungen, die durch die neue Satzung notwendig

wurden, waren ein wesentlicher Bestandteil der Sitzung.

Erfreulicherweise gibt es auf der Bundesebene einen Mitgliederzuwachs, der auch in Niedersachsen zu verzeichnen ist.

Informationen über die Tarifverhandlungen und die neuen Eingruppierungen in den S-Klassen sind ebenfalls Bestandteil der EBV-Sitzung gewesen.

In der nächsten Sitzung Ende November 2009 soll eine neue Ehrenordnung verabschiedet werden und ein Datenschutzbeauftragter soll gewählt werden.

Die Landesmitgliederversammlung empfiehlt, dass eine externe Suche für diese Position favorisiert werden soll und auch der Nachweis der Qualifikationen

der Bewerber eingefordert werden sollte.

Ferner wird über die Funktionsträgerschulungen, dem Geschäftsbericht aus 2008 von der Bundesebene, dem Berufskongress in Köln, die durchgeführten

Streiks und die erschienen Schlüsselkompetenz berichtet.

b) Geschäftsführender Vorstand

Frank Mattioli-Danker berichtet zusätzlich noch über die personellen Veränderungen auf der Bundesebene. Frau Redemann ist die neue Verwaltungskraft in

der Geschäftsstelle in Berlin und evtl. wird Volker Schneider nach seinem Bundestagsmandat zurückkehren.

TOP 10: Berichte aus

a) den Bezirksverbänden

Frank Mattioli-Danker berichtet, dass grundsätzlich kaum noch Bezirksverbände aktiv sind. Eine Unterstützung vom Landesvorstand soll für einen neuen

Aufbau ermöglicht werden.

b) der Bundes- und Landestarifkommissionen

Harald Martens berichtet von der Beteiligung der LTK an der Maikundgebung in Hannover. Außerdem hat sich die LTK auf zwei Mitglieder reduziert, die

aber beide beim dbb Gewerkschaftstag waren. Wesentliche Themen waren im letzten Jahr die Umwandlung der Verträge vom BAT zum TvöD und die

neuen S-Eingruppierungen.

c) der Bundesausbildungskommission

Frank Mattioli-Danker berichtet, dass die Treffen zukünftig immer am Rande der BMV sein sollen, da man so Fahrkosten spart und auch eine größere

Teilnahme an der BMV ermöglichen kann.

Die Gutachtertätigkeit bei Akkreditierungsverfahren hat zugenommen und somit kann der DBSH an den Hochschulen mehr Einfluss nehmen.

d) dem Landesfrauenrat

Claudia Brörmann berichtet von den Aktivitäten des Landesfrauenrates bezüglich des Betreuungsgeldes, Vorsorgeuntersuchungen, psycho-soziale Anforderungen

im TvöD und Frauengeschichte.

TOP 11: Verabschiedung der neuen Landesordnung

Frank Mattioli-Danker legt die empfohlene Landesordnung für Niedersachsen und erläutert die einzelnen Positionen. Die Ordnung wird mit 7 Ja-Stimmen

und 2 Enthaltungen angenommen.

TOP 12: Haushaltsdebatte 2009 und Haushaltsplanentwurf 2010

Harald Martens stellt den derzeitigen Haushalt 2009 und den Entwurf für 2010 vor und erläutert die einzelnen Positionen.

Der Haushaltsplan für 2010 wird einstimmig angenommen und somit Grundlage für die weitere Arbeit des Landesverbandes.

TOP 13: Verschiedenes / Aktuelle Themen

Um 14.30 Uhr wird die Sitzung mit Dank an alle Teilnehmer von Frank Mattioli-Danker beendet.

gez. Frank Mattioli-Danker gez. Claudia Brörmann

Protokollant stellv. Landesvorsitzende

Seite 22 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


© Katrin Linke - Fotolia.com

Meine Praxisstelle 1 , das Kinderhuis Durbanville

(Afrikaans für Children´s Home) liegt in einem

Vorort von Kapstadt, in dem in der einen Hälfte

ausschließlich schwarze und in der anderen fast

nur weiße SüdafrikanerInnen leben. Das weitläufige

Heimgelände ist von einem zwei Meter hohen

Eisengitter umzäunt und über zwei Tore betretbar,

die per Kamera von der Rezeption aus überwacht

und nur von dort aus geöffnet werden können.

Diese Sicherheitsvorkehrungen werden mit der

hohen Kriminalitätsrate Südafrikas begründet und

sind nichts Ungewöhnliches: viele der

Einfamilienhäuser in den überwiegend von Weißen

bewohnten Vierteln sind derartig gesichert.

Einige Kilometer entfernt von Durbanville beginnt

Khayelitsha, das Township, in dem die meisten der

im Children´s Home tätigen Coloureds 2 und

Schwarzen wohnen. Während das Management

des Heims sowie die Stellen der Sozialarbeiterinnen

mit weißen SüdafrikanerInnen besetzt sind,

besteht das gemischtgeschlechtliche Team der

direkt mit den Kindern und Jugendlichen

arbeitenden Childcareworker überwiegend aus

Coloureds. Die Reinigungskräfte und das

Küchenpersonal sind ausschließlich schwarze

Frauen.

Es scheint, als würde die Trennung nach

Hautfarben gegenwärtig nicht mehr durch

Gesetze sondern durch Geld- und

Bildungsbarrieren legitimiert.

Das Children´s Home feierte im Jahr 2008 sein

125jähriges Bestehen. Auf den im Jahresbericht

abgebildeten Photos sind bis zu den Ende der

1990er Jahre aufgenommenen Bildern nur weiße

Kinder zu sehen, Gründe für diese einseitige

Zusammensetzung der Kinder werden nicht

genannt (vgl. Annual Report 2007/08).

Die aus dieser Beobachtung resultierende

Vermutung einer Ausgrenzung von nicht-weißen

Kindern, wurde inoffiziell durch die Childcareworker

3 bestätigt: Das Children´s Home war bis

1996 ausschließlich für weiße Kinder und

Jugendliche geöffnet.

1 Im Rahmen des Projektpraktikums des Studiengangs

Soziale Arbeit

2 Der in Südafrika gängige, englische Begriff „Coloureds“

wird verwendet, da der deutsche Ausdruck „Farbige“ nicht

die gleiche Bedeutung hat und als rassistisch empfunden

wird.

3 Da die Berufsbezeichnung Childcareworker aufgrund der

fehlenden pädagogischen Ausbildung nicht mit dem der

Erzieherin gleichzusetzen ist, wird der englische Begriff

verwendet.

Eine Aufarbeitung oder Stellungnahme zu

diesem Kapitel der Einrichtungsgeschichte

konnte ich nicht finden.

Heutzutage sind in jedem der zehn Häuser

auf dem Gelände 12-16 Kinder und Jugendliche

im Alter von 2-18 Jahren untergebracht.

Die allen BewohnerInnen gemeinsame

Sprache ist Englisch. Während

die Sozialarbeiterinnen in der Regel auf

Afrikaans kommunizieren, beherrschen die

Childcareworker und die schwarzen und

coloured Jugendlichen zumeist mindestens

eine Stammessprache wie z.B. Xhosa. Die

Betreuung wird in jedem Haus im Schichtdienst

durch zwei Childcareworker geleistet,

die mit jeweils einer/einem internationalen

VolontärIn zusammen arbeiten.

Zudem ist für jede/n HeimbewohnerIn eine

externe Sozialarbeiterin im Jugendamt und

eine interne Sozialarbeiterin als Bezugsbetreuerin

im Children´s Home, zuständig.

Ein Blick auf die Apartheidsgeschichte 4

verdeutlicht, welche Erfahrungen alle

südafrikanischen MitarbeiterInnen der

Einrichtung gemeinsam haben. Der Konflikt

durch die Trennung der Bevölkerung

nach Hautfarben reicht bis in die Anfänge

der Kolonialisierung Südafrikas im 18.

Jahrhundert zurück. Zum Höhepunkt der

Unterdrückung der nicht-weißen Bevölkerung

kam es durch den Wahlsieg der Na-

tional Party 1948 und durch die während

der darauf folgenden vier Jahrzehnte

erlassenen, die Schwarzen und Coloureds

massiv diskriminierenden Gesetze. In der

Apartheid standen die schwarzen Menschen,

die mit 70% die größte Bevölkerungsgruppe

waren und sind, ganz unten

in der Hierarchie. Je heller die Hautfarbe

als desto wertvoller wurde der Mensch

betrachtet. Diese Haltung hatten zahlreiche

Jugendliche des Children´s Home offenbar

internalisiert: viele von ihnen legten Wert

darauf, dass sie Coloureds seien und nicht

schwarz.

Das Ende des rassistischen Machtsystems

wurde maßgeblich durch den

Widerstand des unter der National Party

verbotenen African National Congress

(ANC) bewirkt.

4 Apartheid ist ein Ausdruck aus der Burensprache

Afrikaans und bedeutet „Trennung“.

Der Blick über den Tellerrand…

SÜDAFRIKA

Spuren der Apartheid im Alltag einer Heimeinrichtung

Soziale Arbeit wird unmittelbar durch die Politik des Landes beeinflusst, in dem

sie praktiziert wird. Dementsprechend reizvoll ist es, einen Teil Realität der Sozialen

Arbeit in der südafrikanischen Gesellschaft, die grundlegend von politischen

Umbrüchen geprägt wurde, als Praktikantin vor Ort mitzubekommen.

Dieser erreichte, mit großen persönlichen Opfern,

schließlich eine internationale Solidarität,

die eine Isolierung der südafrikanischen Regierung

durch zahlreiche Länder bewirkte. Anfang

der 1990er Jahre führte dieser Druck zur Zulassung

des ANC als legale Partei und zur Einführung

einer demokratischen Regierungsform

(vgl. Marx 2004: 325). Nelson Mandela wurde

1994 der erste schwarze Präsident Südafrikas.

Deutlich wurde der uneingeschränkte Respekt,

der ihm von der schwarzen und coloured Bevölkerung

entgegen gebracht wird.

So sprachen die Kinder des Heims liebevoll von

„Madiba“ (Mandelas Stammesname) und die Erwachsenen

äußerten die Befürchtung, dass nach

Mandelas Tod eine bedeutsame Orientierung

verloren gehen wird, da er ausnahmslos geachtet

würde und dadurch immer wieder konstruktiv

eingreifen könne. Den auf Mandela folgenden

Präsidenten werde hingegen eine Tabuisierung der

HIV/AIDS-Problematik und eine von persönlichen

Interessen gesteuerte Regierungsweise vorgeworfen.

Die Verdrängung der Krankheit, mit der in

Südafrika in einzelnen Regionen bis zu 28% der

Bevölkerung infiziert sind (vgl. WHO 2008), war

auch im Heimalltag spürbar.

AIDS war kein Gesprächsthema, über die Anzahl

der infizierten Kinder kursierten nur in Zweiergesprächen

Gerüchte, die sich zwischen der Annahme,

dass niemand infiziert sei und der Angabe von

5 infizierten Kindern bewegten.

Gründe für die stationäre Unterbringung der Kinder

und Jugendlichen sind nahezu ausschließlich

sexueller Missbrauch sowie Suchtkrankheiten der

Eltern. In der Regel haben die BewohnerInnen

lebende Eltern zu denen Kontakt gehalten wird, da

die Rückführung in die Herkunftsfamilie ein gewünschtes

Ziel ist. Die Besuchsregelungen sind

deutlich freier geregelt als z.B. in der Jugendwohngruppe,

in der ich in der BRD als Erzieherin tätig

bin: Viele der BewohnerInnen fuhren jedes Wochenende

alleine nach Hause, auch, wenn sie

zuvor aufgrund von Missbrauch oder Gewalt aus

der Familie genommen worden sind.

Erfahrungsräume außerhalb des Heimes existieren

für die Jugendlichen nur durch ihren Schulbesuch

und im Rahmen ihrer Besuche zu Hause. Mit der

Sicherheitslage begründet wird ihnen das Verlassen

des Heimgeländes ansonsten verboten. Eine

individuelle Freizeitgestaltung, beispielsweise durch

den Besuch eines Sportvereins, ist den Bewohner-

Innen des Heimes infolgedessen unbekannt.

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 23


Der Blick über den Tellerrand…

Die der Heimarbeit zugrunde liegenden

südafrikanischen Rechtsvorschriften beruhen auf

dem Child´s Act. Dieser ist die seit 1997

verfassungsrechtlich garantierte Grundlage aller

südafrikanischen Einrichtungen der Jugendhilfe, in

der unter anderem das Recht des Kindes auf eine

gewaltfreie Erziehung ausgedrückt wird (vgl.

Constitutional Court of South Africa 2009 ). Rechte

für alle Minderjährigen, unabhängig von ihrer

Hautfarbe, sind in Südafrika eine sehr junge

Errungenschaft, und, wie auch die Arbeitnehmerrechte,

erst seit dem Ende der Apartheid eine

staatliche Aufgabe.

Meinen Informationen zufolge sind die Definition

des Kindeswohls, das staatliche Wächteramt, die

Inobhutnahme sowie die einzuhaltenden Fristen bis

zum richterlichen Beschluss ähnlich wie in der BRD

geregelt. Differenzen zwischen den deutschen und

den südafrikanischen Regelungen schlagen sich

vornehmlich in der Finanzierung und in der

Nachbetreuung der Jugendlichen, sowie in der

Rolle der im Heim tätigen Sozialarbeiterinnen

nieder.

So erhält das Heim laut der Social Work Managerin

nur für die behinderten Kinder einen Zuschuss,

sowie einen geringen Beitrag für die BewohnerInnen,

die regelmäßig die Schule besuchen. Hier

entsteht häufig ein Problem, denn der Schulbesuch

ist in Südafrika sehr teuer und da die Schulen für

Heimkinder kein Geld verlangen dürfen, gestaltet

sich die Schulplatzsuche entsprechend schwierig.

Den Anspruch auf eine finanzielle Unterstützung

nach dem Verlassen der Einrichtung haben die

Jugendlichen nur, wenn sie eine Arbeitsstelle

vorweisen können. Eine Zuständigkeit für die

Jugendlichen nach ihrer Volljährigkeit ist nicht

vorgesehen. Die Konsequenz aus diesen

Regelungen ist, dass viele ehemalige

HeimbewohnerInnen direkt nach ihrem 18.

Geburtstag in die Familie zurückkehren müssen,

die sie einst aufgrund einer massiven

Kindeswohlgefährdung verlassen haben.

Eine große Differenz zu stationären Jugendhilfeeinrichtungen

in der BRD besteht darin, dass die

zuständigen Sozialarbeiterinnen des Children´s

Home nicht im Gruppendienst tätig sind, und ihre

KlientInnen somit nur zu den verabredeten Einzel-

oder Hilfeplangesprächen sehen. Aus meiner

Hospitation bei mehreren Hilfeplangesprächen,

dem Austausch mit der Social Work Managerin und

aus den Inhalten des Studiums schloss ich, dass

die südafrikanische Soziale Arbeit in der Theorie

auf einem sehr hohen Standard ist. Gleichzeitig

waren im Alltagsgeschehen des Heims der Einsatz

von entwürdigenden Strafen wie die Kinder mit dem

Gesicht zur Wand unter dem Tisch auf dem Boden

sitzen lassen oder sie eine halbe Stunde auf einem

Bein stehen lassen zu beobachten. Angesichts

solcher Praktiken, die sich nicht mit kulturellen

Unterschieden rechtfertigen lassen, drängt sich die

Frage auf, wieso das offensichtliche pädagogische

Fachwissen der Sozialarbeiterinnen nicht im

Alltagsgeschehen zwischen den BetreuerInnen und

den BewohnerInnen ankommt und umgesetzt wird.

Eine mögliche Antwort liefern die den

BetreuerInnen zugeschriebene Rolle sowie

ihre Arbeitsbedingungen. Im Rahmen

eines leitfadengestützten Interviews befragte

ich eine der Childcareworker (M.)

nach ihrer Biographie, ihren Erfahrungen

mit der Apartheid sowie ihren Arbeitsbedingungen.

Besonders ausführlich antwortete

M. auf die Fragen nach ihren Arbeitsbedingungen

und dem südafrikanischen

Sozialsystem. Sie schilderte ihre langen

Arbeitszeiten von 6.00 bis 22.00 Uhr bei

einer 5 Tage-Woche, die fehlende Pausenregelung

und die daraus resultierende

ständige Übermüdung. Ihr Urlaub würde

vom Management zugeteilt werden. Aufgrund

von Krankheit nicht zur Arbeit zu

kommen sei unüblich. Einen Betriebsrat

oder eine andere Form der Selbstorganisation

der Childcareworker gäbe es nicht.

Keine/r der Childcareworker habe eine

mehrjährige pädagogische Ausbildung.

Einigen sei eine mehrmonatige pädagogische

Weiterbildung finanziert worden,

diese sei aber keine Einstellungsbedingung.

Ihr monatliches Gehalt gab M. mit

3500 Rand an, das entsprach im September

2008 etwa 330 Euro. Die Sozialarbeiterinnen,

deren Arbeitszeiten von Montag bis

Freitag von 9.00-16.00 Uhr gingen, erhielten

nach ihrer Angabe etwa 12.000 Rand

(ca. 1100 Euro). Bezüglich ihrer Absicherungen

erzählte sie, dass die

Childcareworker knapp über der Einkommensgrenze

von 2000 Rand liegen, unter

der sie Kindergeld erhalten würden. Sie

sei, wie alle übrigen Childcareworker auch,

nicht krankenversichert. Von ihrem Lohn

müsse sie ihre zwei Söhne im Kleinkindalter

sowie ihren arbeitslosen Mann

miternähren.

Eine weitere Frage war, wie sie, die ich nur

in ihrer Stammessprache Xhosa oder auf

Englisch sprechen hörte, mit den stets

Afrikaans sprechenden Sozialarbeiterinnen

kommuniziere. M. erzählte, dass das

Vorstellungsgespräch im Children´s Home

von den Sozialarbeiterinnen auf Afrikaans

geführt worden sei, was sich für sie, die vor

ihrer Tätigkeit in der Einrichtung kaum

Afrikaans konnte, entsprechend schwierig

gestaltete.

Auf die Frage, ob sie Kritikpunkte an der

Einrichtung hätte, erwiderte sie, dass sie

diese Frage nicht beantworten wolle, da

sie Angst um ihre Arbeitsstelle habe. Auf

die abschließende Frage, ob sie noch

etwas hinzufügen wolle, sagte M., dass

sie, die Childcareworker, nichts Negatives

äußern können, da sie auf ihre Arbeit

angewiesen sind. Die Volontäre könnten

das aber, auf sie würde das Management

hören, weil sie von außen kämen und

meistens Weiße seien. Die Tatsache, dass

M. keine direkte Kritik an ihrer Situation als

Angestellte äußerte, sondern in der reinen

Beschreibung ihrer Arbeitsbedingungen blieb,

interpretiere ich als Widerspiegelung der Einrichtungsstrukturen,

in denen die Childcareworker am

unteren Ende der Erwachsenenhierarchie stehen.

Diese Struktur spiegelt sich sowohl in der geringen

Entlohnung als auch in der Haltung der Sozialarbeiterinnen

beim Vorstellungsgespräch wider, in

dessen Rahmen nicht auf die gemeinsame Sprache

Englisch zurückgegriffen, sondern die Sprache der

Vorgesetzten vorausgesetzt wurde. Meine Interpretation

ihrer Beschreibung des Arbeitsalltags geht

dahin, dass die Arbeitsbedingungen der

Childcareworker aufgrund der fehlenden Erholungsphasen

und der geringen Wertschätzung in

hohem Maße belastend sind. Eine mögliche

Schlussfolgerung ist, dass diese Form der strukturellen

Gewalt einen Einfluss auf die Erziehungspraktiken

in den Häusern hat, in der Form, dass

die Childcareworker den autoritären Führungsstil,

den sie in der Beziehung zu ihren Vorgesetzten

erfahren, an die Kinder weitergeben.

Die BRD und Südafrika lassen sich aufgrund ihrer

sehr verschiedenen geschichtlichen Verläufe in den

letzten Jahrzehnten und der unterschiedlichen

wirtschaftlichen Situation nicht vergleichen. Viele

der in der südafrikanischen Heimeinrichtung beobachteten

strukturellen Gegebenheiten können

jedoch beim ehrlichen Hingucken in abgeschwächter

Form auch im Heimbereich der BRD wieder

gefunden werden. Folglich lässt sich die Kritik an

den Strukturen des Children´s Home bis zu einer

kritischen Reflexion meiner eigenen Arbeit in einer

Bremer Heimeinrichtung herunter brechen. Die

Auseinandersetzung mit den in der südafrikanischen

Praxisstelle beobachteten Mustern stellte

somit einen wertvollen Anstoß für die Reflexion

meiner eigenen Rolle als Fachkraft in einer Institution

dar.

In mehreren Gesprächen zeigten sich

Childcareworker sehr interessiert an den Arbeitsbedingungen

im Heimbereich der BRD. Aktuell wird

die Arbeit der Childcareworker durch Volontäre,

überwiegend aus Europa, unterstützt. Diese, in der

Regel unausgebildeten, Freiwilligen arbeiten mit

den südafrikanischen BetreuerInnen gleichgestellt

zusammen. Es stellt sich die Frage, ob für die

Childcareworker selber nicht ein internationaler

Fachkräfteaustausch mit SozialarbeiterInnen und

Erzieherinnen aus stationären Jugendhilfeeinrichtungen

anderer Länder bereichernder wäre. Im

Rahmen eines solchen Austausches würden sie als

ExpertInnen für ihre Arbeit gewürdigt und könnten

sich im Dialog mit Fachkräften fortbilden. Gerade in

Anbetracht der jahrzehntelangen Isolierung Südafrikas

durch die Apartheid, könnte es eine Stärkung

der Childcareworker sein, Professionellen der

internationalen Jugendhilfe zu begegnen und mit-

und voneinander zu lernen.

Autorin: Friederike Lorenz

Kontakt florenz@web.de

Literatur

Children´s Home Durbanville (Hrsg.): Annual report 2007/8- 125 years of

care, Broschüre (ohne AutorInnen)

Homepage des Constitutional Court of South Africa (Hrsg.): Sub-Menu-your

rights;URL:http://www.constitutionalcourt.org.za/site/yourrights/knowyourright

s-childrensrights.htm, Stand: 01.06.2009

Marx, Christoph (Hrsg.): Geschichte Afrikas- von 1800 bis zur Gegenwart.

UTB Ferdinand Schöningh, Paderborn 2004

UNAIDS (Hrsg.): 2008 Report on the global AIDS epidemic, July 2008

Seite 24 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


www.dbsh-bremen.de Landesverband Bremen

Gerechtigkeit

Verdienst und Verdienen Sozialer Arbeit - viele Fragezeichen, eine Antwort ● Michael Böwer

Wenn wir aktuell auf die Tarifverhandlungen, den 2009 erzielten

Tarifkompromiss mit den öffentlichen Arbeitgebern und auf das schauen,

was in unseren Händen davon bleibt – wenn wir sehen, wie viele von uns

Fachkräften längst weit unterhalb Tarif bezahlt werden – wenn wir sehen,

dass es unserer Politik immer nur auf neue Forderungen an die ‚Draußen‘

und den ach so lähmenden Sozialstaat anzukommen scheint – wenn wir es

hören und schon nicht mehr hören können: Die „Effektivität“ der Kinder- und

Jugendhilfe soll überprüft, individuelle ‚Bildungsprämien‘ sollen vergeben,

Hochbegabte besser gefördert werden (so der schwarzgelbe

Koalitionsvertrag) - und vor (je)der Wahl hieß es noch, man wolle sich

gegen Kinderarmut engagieren, für mehr Personal in Jugendämtern sein

und, ja, es brauche eine bessere Bildungsausstattung! Ach ja, stimmt – da

war doch mal so eine Pisa-Studie… Na gut, die Besserverdienenden

spüren es schon jetzt, die Familien haben ‚satte‘ 20 Euro mehr Kindergeld

(aber Hartz IV-`ler lange noch nicht) und Steuersenkungen 201x werden

„den Steuerbürger“ sicher dann erst recht entlasten - alles dass wird zu

mehr, so heißt es doch tatsächlich, Gerechtigkeit führen!

Und wir in der Sozialen Arbeit? Einige von uns 3oo.ooo SozialberuflerInnen

bundesweit haben sich an den Streiks für bessere Bezahlung

beteiligt. Den ErzieherInnen sei Dank, dass es überhaupt zu einigen Euro

mehr gekommen ist; für manche! Zu den ‚Gewinnern‘ zählen die bislang

ungleich Bezahlten in den Kitas - und die, die in den Jugendämtern

Entscheidungen in Kindeswohlbelangen fällen, werden demnächst (zu

Recht, keine Frage) höher entlohnt, als bisher. Aber sind 2,5 olivgrüne

Scheine mehr genug? Und, mehr noch: Wie ist es mit den Kolleginnen und

Kollegen ‚da draußen‘– z.B. in der ambulanten Erziehungshilfe, die selbst in

Garantenpflichten eingebunden sind und die ihren Kopf genauso hinhalten

müssen, wenn, wie zuletzt in Hamburg, ein Kind in ihrer, unserer Obhut zu

Tode kommt? Wie ist es mit unseren Kollegen im Pflegekinderdienst, in der

Jugendsozialarbeit, im stationären Bereich, in der Beratungsstelle, im

Streetwork? Wird Soziale Arbeit als Ganze adäquat bezahlt? Lassen wir

uns - ähnlich wie Lokführerinnen und Zugbegleiter, Pilotinnen und Stewards

- aufteilen, in die, die den Zug zu lenken (bzw. den Fall zu ‚casemanagen‘)

und für die, wie es in derzeit Berlin die Runde macht, leider allzu hohen

„Fallstückkosten“ einzustehen haben und in die, die für die ‚basisbezogene

Dienstleistung‘ verantwortlich sind, d.h. die, die die „Fallstücke“ betreuen!

Nein, uns selbst wird man ein gewolltes ‚Oben/Unten‘ nicht unterstellen

können, oder? Wer hier mit dem Kopf schüttelt, sei direkt gefragt: Wie ist

die eigene Bereitschaft, für unsere Anliegen auf die Straße zu gehen? Als

Angehörige/r einer Berufsgruppe und nicht nur als Mitarbeiter jener

Einrichtung, die als nächste vom Rotstift bedroht ist? Wo ist unsere eigene

Solidarität mit uns selbst? Ist das schon Egoismus oder kann vielleicht nur

der, der sicheren Boden unter den Füßen hat, anderen auf denselben

helfen?

Jedoch, welche Sicherheit brauchen wir, welchem neuen ‚Hype‘ sind wir

willig auf der Spur? Wollen auch wir auf jedem Bahnhof Polizei mit MP im

Anschlag und in jeder Schule einen amoklaufpräventiven Sozialarbeiter?

Was ist unsere Vision? Eine Aufwertung für uns alle?

Mehr Tarifentlohnung in der Sozialen Arbeit? Keine Mini-Jobs mehr und

keine entgeltfreien Praxissemester? Festverträge und Studieren für alle -

und keine Dumpinglohnträger mehr, die für 20 Euro die Stunde ohne Urlaubsanspruch

beschäftigen? Oder Systeme, wie in NRW, die nach Streichung

des Berufsanerkennungsjahres am Ende von nun drei Jahren Studium

alle Neueinsteiger im ASD erst einmal steuerfinanziert in Coachings

derselben Hochschule stecken, da ihnen, angeblich, Gesprächsführung und

Grundlagen des KJHG beigebracht werden müssen?! Wo setzen wir an?

Die Antwort ist einfach; so einfach, dass sie bedrohlich klingt: Bei uns

selbst! Bei uns, wo man schlichtweg jedem Trend hinterher läuft, wo man

zu allem ja und ‚yes, we can (it billiger)‘ ruft, wo auch gern umsonst gearbeitet

wird, nur um Beratung anbieten zu können!

Und doch: Was für eine Anforderung! Denn wer zu dogmatisch wird,

dem ist schnell der Blick verstellt. Es geht wohl mehr um ein ‚Dazwischen‘!

Wie sagten doch unlängst die Mit-Verlierer der einmal großen Volkspartei,

Nahles und Gabriel, die nun Phönixen gleich, ihren ins Abseits geratenen

Verein neu beflügeln sollen: Es gehe nicht nur ums ‚Führen‘, sondern auch

ums ‚Sammeln‘. Ihr Ruf ist der nach mehr Dialog – jedoch: sie sind in einem

System groß geworden, dass das ‚Sammeln‘ verlernte. Seien wir ehrlich:

Wie sieht es bei uns selber aus? Haben wir an unseren (Hoch)Schulen, in

unseren Trägern, in unserem Verband, unter unseren Anstellungsträgern

Vorbilder, die uns stärken und die uns zeigen, wie man Bündnisse schafft?

Oder sind medial-omnipräsente Kirchenchefinnen bzw. paritätische Ge-

schäftsführer jene Leuchttürme, die wir mehr denn je brauchen? Oder

geht’s doch ums ‚Dunkelfeld‘: Wie kann es sein, dass auch große Kirchen

auf Zeitarbeit statt Festanstellung setzen? Dass es so sein darf, dass ein

Arbeitgeber, der wegen 1,30 Euro Pfandbons engagierte Mitarbeiterinnen

vor die Tür setzt, die es zufällig zuvor wagten, zur Bildung eines Betriebsrats

aufzurufen oder die (im Maultaschen-Fall) Gesicht zeigten in dienstanweisender

Wegwerfgesellschaft. Da ist es gut, dass sich manche Eigenwerbung

(„Lidl lohnt sich“) selbst entlarvt. Vielleicht aber sind ‚S-Bahn-Killer‘

einfach ‚schöner‘, weil auflagensteigernd in Szene zu setzen, als das

verdienstvolle Tun jener Fachkräfte in all ihrem Mühen und ihrer Begrenztheit

anzuerkennen, die sie angeblich in ‚Kuschelpädagogik‘ einlullten (so

die ‚Zeitung‘ mit den vier schlichten Buchstaben). Eben waren die Ackermänner

noch Skandal, schon gibt es wieder Boni. Wann, liebe Leserinnen

und Leser, entdecken wir unser ‚Supertalent‘ und machen ‚Competition‘ –

schlicht für uns, für jene, für die wir arbeiten: Für die Gesellschaft?! Wir

brauchen, so einfach ist es, Investitionen ins pädagogische Personal, nicht

in Gehwegplatten auf dem Pausenhof. Hohes Ansehen, dass wir haben

(siehe ‚Demoscope‘-Studie) muss sich lohnen, denn wer nicht zahlt, wer

nicht ausstattet, wer nicht ausbaut: Der schadet der Gesellschaft! Das ist

Un-Gerechtigkeit, die keine Gesellschaft sich wünschen wird!

Der Autor: Michael Böwer

Jg. 1972, verheiratet, ein Kind, ist Diplom-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge

und Diplom-Pädagoge. Nach rund zehn Jahren in der ambulanten Erziehungshilfe

jetzt Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung und Doktorand

an der Universität Hildesheim. Landesvorsitzender im DBSH Bremen.

Kontakt: boewer@dbsh.de oder Web: www.dbsh-bremen.de

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10 Seite 25


DBSH Bremen aktuell www.dbsh-bremen.de

AnsprechpartnerInnen

im DBSH Landesverband Bremen

Landesvorstand

1. Vorsitzender

Michael Böwer

Email: lv-bremen@dbsh.de bzw. boewer@dbsh.de

Tel. 0421 - 2401350, Mobil: 0176 - 53513351

Stv. Vorsitzende

Simone Kröner

E-Mail: kroener@dbsh.de

Finanzreferent

Clemens Gödeke

E-Mail: goedeke@dbsh.de

Weitere Vorstandsmitglieder

Christiane Schellong

E-Mail: schellong@dbsh.de

Helmut Kurth

E-Mail: kurth@dbsh.de

Holger Kühl

E-Mail: kuehl@dbsh.de

Ellen Gutschmidt (auch Bremer Frauenausschuss)

E-Mail: gutschmidt@dbsh.de

Gute Ideen für 2010:

Wir begrüßen als neues

Mitglied:

Friederike Lorenz, Bremen

Marie Seedorf, Bremen

Anita Böwer, Stuhr

Wir freuen uns auf das Gespräch mit Ihnen!

In der Vorstandsklausur am 15.01.10 standen die fachlichen

Schwerpunkte für uns im Jahr 2010 auf dem Programm.

Zwei Arbeitsgruppen wurden gebildet, um Angebote

unsererseits zum Feld Schulsozialarbeit und Schule

sowie zu den Wegen selbstständiger Tätigkeit angesichts

verschlechterter Arbeitsbedingungen zu prüfen und zu

entwickeln. Ferner soll uns das Thema Tarif und Überleitung

in die neue Gehaltsgruppen beschäftigen. Die Website

wird auf Web 2.0 umgestellt – incl. RSS-Feed, mit dem

neue Infos von uns direkt zu Ihnen kommen. Auch an eine

uns anregende Aktivität ist gedacht. Sie als Mitglied sind

herzlich eingeladen, sich bei uns einzubringen.

Birgit Warnke, Bremen

Thomas Lehneke, Bremen

DBSH Bremen auf der Praxismesse:

Foto: (c)Henry@flickr.com;

Creative Commons 2.0 Lizenz

vor Antritt der Fortbildung zu stellen.

Zuschüsse zu

Fortbildungen:

Die Soziale Arbeit lebt von Fachkräften,

die ihr professionelles

Handeln immer neu an der Wirklichkeit

und einer wissenschaftlich

fundierten Basis ausrichten. Daher

unterstützt der Landesverband

Bremen seine Mitglieder bei Fortbildungen

mit einem Zuschuss

von bis zu 50 Euro! Ein Antrag ist

Verabschiedung und Wünsche:

Am 02.12.09

stellte sich der

DBSH einem

breiten Publikum

auf der Praxismesse

der Hochschule

Bremen

vor. Dem folgten

zwei weitere

Veranstaltungen

dort: Angesichts

des Bildungsstreiks

stellten

wir die Position

den DBSH als

Fachgewerkschaft

vor und

diskutierten mit

dem 7. Semester

über Professionalität

und Anforderungen

an

AbsolventInnen.

Der Landesverband

Bremen

verabschiedete

Anfang Dezember

im Rahmen

einer kleinen

vorweihnachtlichen

Feier ihre

ehemaligen

Vorstandsmitglieder

Herrn Siebers und Frau Klump, die lange Jahre

im Vorstand tätig gewesen waren. In raumfüllender

Runde saßen die Mitglieder bei Plätzchen und Stollen

zusammen und hörten besinnliche Geschichten sowie

Geschichten zum Schmunzeln, wurden auf einen Rückblick

über das letzte Vierteljahrhundert DBSH-Bremen

mitgenommen und hielten ihre Wünsche für das DBSH-

Jahr-Bremen auf Weihnachtskugeln fest.

Seite 26 DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10


Beitrittserklärung

________________________________________________

Familienname

________________________________________________

Vorname

________________________________________________

Straße Nr.

________________________________________________

PLZ/Ort

________________________________________________

Geburtsdatum Tel. privat

________________________________________________

Arbeitgeber

________________________________________________

Tel. dienstl. E-Mail

________________________________________________

ausgeübte Tätigkeit

Ich bin

(Status)

��vollzeitbeschäftigt ��teilzeitbeschäftigt


��angestellt ��im Erziehungsurlaub


��verbeamtet ��in der Ausbildung bis

Monat/Jahr


��selbständig ��BerufspraktikantIn bis

Monat/Jahr

��im Ruhestand ��arbeitslos

Beschäftigt bei

(Einstellungsträger)


��Bund/Länder ��Sonstiger Träger


��Kommune ��Ev. Kirche (inkl. Diakonie)


��Wohlfahrtsverband ��Kath. Kirche (inkl. Caritas)

Staatliche Anerkennung ___________________ Monat/Jahr

Beschluss der Gründungsversammlung vom 24. 7. 1993 zur Beitragsstruktur und

Höhe des Mitgliedsbeitrages. Die Bemessungsgrundlage des monatlichen

Mitgliedsbeitrages für Mitglieder mit Erwerbseinkommen ist das monatliche

Bruttoeinkommen*). Die Bemessungsgrundlage des monatlichen Mitgliedsbeitrages

für Mitglieder ohne Erwerbseinkommen, arbeitslose Mitglieder, BezieherInnen

von Erziehungsgeld, StudentInnen ist das tatsächliche Monatseinkommen.

Selbsteinstufungshinweise:

Für jedes auf Ihrer Steuerkarte eingetragene Kind können 80,00 Euro vom

Bruttolohn abgezogen werden. Die verbleibende Summe ist maßgeblich für Ihre

persönliche Beitragseinstufung. Bezieher und Bezieherinnen von Renten

undPensionseinkommen können sich zwei Stufen niedriger einstufen als Berufstätige

oder im erwerbstätigen Alter befindliche Mitglieder gleichen Einkommens.

Nimmt das Mitglied eine Selbsteinstufung nicht vor, oder ist aus sonstigen

Gründen die Beitragsstufe nicht zu ermitteln, ist bei der Berechnung des Beitrags

mindestens die Beitragsstufe 08 zugrunde zu legen. Der Nachweis der Berechtigung

der Einstufung in einer niedrigeren Beitragsstufe ist auf Verlangen gegenüber

der Bundesgeschäftsstelle zu führen.

Wichtige Hinweise:

Im Falle der unrichtigen Selbsteinstufung entfällt der Anspruch auf Rechtsberatung

und Rechtsvertretung durch den Verband. Die richtige Einstufung liegt in

der Verantwortung des einzelnen Verbandsmitglieds. Bitte berücksichtigen Sie

auch die aktuellen Tarifabschlüsse! Zahlen Sie bitte Ihre Beiträge satzungsgemäß

im Einzugsverfahren oder per Dauerauftrag. Sie erleichtern der Geschäftsstelle

die Arbeit, schaffen so Raum für andere Aktivitäten und ersparen sich

Überweisungsgebühren!

*) Das Bruttoeinkommen umfasst: Grundgehalt – Ortszuschlag – allgemeine

Stellenzulage – Heimzulage – Schichtzulage

Friedrich-Ebert-Straße 30 · 45127 Essen

Tel. (0201) 82078-0 · Fax (0201) 8 20 78 40

http://www.dbsh.de · E-Mail: info@dbsh.de

Ich erkläre meinen Beitritt zum DBSH ab ______ Monat/Jahr

Ich stufe mich ein in Beitragsstufe ____________________

Mit meiner Unterschrift erkenne ich die Satzung des DBSH

und die berufsethischen Prinzipien an. Änderungen meiner

obigen Angaben werde ich der Bundesgeschäftsstelle mitteilen.

Mit einer EDV-Erfassung dieser Daten bin ich einverstanden.

________________________________________________

Datum Unterschrift

Einzugsermächtigung

Ich ermächtige den DBSH, meinen Mitgliedsbeitrag


��vierteljährlich ��halbjährlich ��jährlich

stets widerruflich, von dem genannten Konto abzubuchen.

________________________________________________

Geldinstitut in

________________________________________________

Kontonummer Bankleitzahl

Mit einer EDV-Erfassung meiner oben genannten Kontodaten bin ich einverstanden.

________________________________________________

Datum Unterschrift Kontoinhaber

DBSH-Beitragstabelle

Stufe Bruttoeinkommen

bis

06

07

08

09

10

11

12

13

14

Beitrag

pro

Monat

1750,00 € 8,00 €

2000,00 € 10,00 €

2250,00 € 11,00 €

2500,00 € 12,00 €

2750,00 € 13,00 €

Stufe Bruttoeinkommen

bis

Einstufung in die Beitragsstufen

01-05 nur nach entsprechendem

jährlich zu führenden Nachweis

Bankverbindung: Bank für Sozialwirtschaft, Essen,

BLZ 370 205 00,

Beitragskonto-Nr.: 8 213 201

Beitrag

pro

Monat

3000,00 € 15,00 € 01 500,00 € 3,00 €

3250,00 € 16,00 € 02 750,00 € 4,00 €

3500,00 € 17,00 € 03 1000,00 € 5,00 €

3750,00 € 18,00 € 04 1250,00 € 6,00 €

15 4000,00 € 20,00 € 05 1500,00 € 7,00 €

Oder ganz einfach online beitreten: www.dbsh.de/html/beitrittserkl.html


Ihre AnsprechpartnerInnen in den DBSH-Landesverbänden

Landesverband Niedersachsen

Vorsitzender

Frank Mattioli-Danker

Handy: 0173 / 74 84 682

Email: mattida@aol.com

Finanzreferent

Harald Martens

Postbruch 4

29693 Hodenhagen

Tel.: 05164 / 8 00 371

Email: H_und_H.Martens@t-online.de

Geschäftsstelle des nds. Landesverbandes

Harald Martens

Postbruch 4

29693 Hodenhagen

Tel.: 05164 / 8 00 371

Email: H_und_H.Martens@t-online.de

Telefonisch erreichbar von montags bis freitags

in der Zeit von14.00 – 17.00 Uhr

Nähere Informationen zu Arbeitsgruppen, Kommissionen und

Projekten etc. erhalten Sie bei Ihren Ansprechpartnern des

DBSH-Landesverbandes Niedersachsen oder unter www.dbshniedersachsen.de

Landesverband Bremen

Vorsitzender

Michael Böwer

Diplom-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge, Diplom-Pädagoge

Beauftragter für Arbeits-, Tarif- und BeamtInnenrecht (komm.)

Email: boewer@dbsh.de

Internet: www.dbsh-bremen.de

Moselallee 109, 28816 Stuhr

Tel. 0421 / 2 401 350

Mobil: 0176 / 53 513 351

Weitere Informationen, Termine und Aktuelles Sie

auf unserer Website www.dbsh-bremen.de

Landesverband Hamburg

Vorsitzender

Frank Hail

Saselbergweg 74, 22395 Hamburg

Tel. (dienstl.): 04532 / 20 86 15

Roland Schmitz

Sandfoort 56

22415 Hamburg

Tel. (dienstl.): 040 / 428 04 – 21 32

Fax (dienstl.): 040 / 428 04 – 29 36

Schatzmeister

Klaus Behrens

Neuengammer Hinterdeich 243 a

21037 Hamburg

Mail-Adresse des Landesverbandes Hamburg: lvhh@gmx.de

Weitere Informationen aus dem Landesverband finden Sie

auf der Seite www.dbsh-hamburg.de

Der LV HH trifft sich jeden zweiten Mittwoch im Monat um 17.30

Uhr in der Weinstube "Da Luigi", Hellbrookstr. 59, Hamburg-

Barmbek (Nähe S/U-Bhf. Barmbek, Bus 7 und 117 Haltestelle

Hellbrookstrasse).

Der DBSH-Stammtisch findet jeden vierten Mittwoch im Monat

um 19 Uhr im "Big Easy" in der Fuhlsbütteler Str. 113 in Hamburg-Barmbek

statt (Nähe S/U-Bhf. Barmbek).

Landesverband Schleswig-Holstein

Vorsitzender

Dirk Relling

Up’n Knust 30

23619 Rehhorst

p. Tel.: 0 45 33 / 55 93

Email D.Relling@t-online.de

Email: lv-schleswig-holstein@dbsh.de

Für den Landesrundbrief

Catharina Lietdke

DBSH-Landesrundbrief Niedersachsen/Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein 01/10

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