Refitting Suburbia

JovisVerlag
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ISBN 978-3-86859-344-0

Johann Jessen / Frank Roost (Hrsg.)

REFITTING SUBURBIA

Erneuerung der Stadt des 20. Jahrhunderts

in Deutschland und den USA

3


Inhalt

Seite

Editorial: Refitting Suburbia – Umbau der

Siedlungsstrukturen des 20. Jahrhunderts

Johann Jessen und Frank Roost

7

Suburbane Räume unter Anpassungsdruck –

Ein deutsch-amerikanischer Vergleich

Stefan Siedentop

23

Neue Herausforderungen für Metropolregionen

in den USA: Der suburbanen Armut begegnen

Elizabeth Kneebone

43

Modernisierung der Moderne –

Umbau der Wirtschaftswunderstadt

Johann Jessen

59

Refitting Edge Cities – Suburbane

Dienstleistungsstandorte in Deutschland

und den USA im Wandel

Frank Roost

75

4


Seite

Umgestaltung von Suburbia: Ein amerikanischer

oder ein globaler Trend?

Ellen Dunham-Jones

95

Die Wiedererfindung der Stadt in der Suburbia

Oliver Bormann, Michael Koch und Maresa Schumacher

113

München: Strategien für Stadtquartiere der

1950er- bis 70er-Jahre

Stephan Reiß-Schmidt

131

„Erst reden, dann handeln“ – Die Greater Toronto

Suburban Working Group und der (Um-)Bau der

städtischen Peripherie in Kanadas boomender Metropole

Roger Keil und Sean Hertel

151

Zuwendung zur Peripherie – Strategien der

Innenentwicklung in einer wachsenden Stadt

am Beispiel Frankfurt/Main

Dieter von Lüpke

173

Bildnachweis

Die Autoren

190

191

5


6

Kabelsketal, Saalekreis


Editorial: Refitting Suburbia

Umbau der Siedlungsstrukturen des 20. Jahrhunderts

Johann Jessen und Frank Roost

Insbesondere in Nordamerika und auch in

Europa wenden sich Stadtplanung und Städtebau

den ausgedehnten Stadtgebieten der

Peripherie zu, die vor allem in der zweiten

Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zeichen des

dynamischen Bevölkerungswachstums, steigenden

gesellschaftlichen Wohlstands und

nicht zuletzt der Vollmotorisierung entstanden

sind. Hierzu gehören die Einfamilienhaus-

und Gewerbegebiete an der Peripherie

ebenso wie die sie erschließende und stützende

Infrastruktur von der Stadtautobahn über

das Kraftwerk bis zum Shoppingcenter. Ihnen

gemeinsam ist, dass sie meist ohne gestalterischen

Anspruch geplant und gebaut wurden

und in den letzten Jahrzehnten von der

Kommunalpolitik und Stadtplanung wenig

beachtet blieben. Da diese peripheren Gebiete

über 70 Jahre hinweg entstanden und weitergebaut

worden sind, repräsentieren sie heute

allein schon quantitativ sehr große Teile des

Siedlungsbestands. Trotzdem befanden sie

sich bisher gleichsam im Windschatten der

Stadtentwicklung – selbst wenn dort in manchen

Teilgebieten eine unbeachtete Dynamik

virulent war.

Diese Bestände an die heutigen Erfordernisse

anzupassen gehört vor allem in den Großstadtregionen

mittlerweile zu den wichtigsten städtebaulichen

und planerischen Aufgaben überhaupt.

Denn gerade sie sind mit den heutigen

Vorstellungen einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung,

einer Stadt der kurzen Wege, der

Nutzungsmischung, der Flächen- und Energieeffizienz

nur wenig kompatibel. Für wachsende

Stadtregionen bilden sie zudem die

letzten noch nicht erschlossenen Reserven der

Nachverdichtung und Innentwicklung. Allerdings

haben Anpassung und Umbau dieser

Strukturen gerade erst begonnen. Und noch

ist nicht überall die Notwendigkeit erkannt,

sich diesen Gebieten zuzuwenden.

Dieser Band möchte mit den Analysen aus der

Stadtforschung und Berichten über mögliche

Strategien im Umgang mit Suburbia dazu

beitragen, die Fachdiskussion zu diesem Themenfeld

anzustoßen und zu qualifizieren. Es

erschien uns wichtig, die nordamerikanische

Perspektive einzubeziehen, da man sich dort

schon seit einigen Jahren wissenschaftlich

und planungspraktisch mit der städtebaulichen

Qualifizierung von Suburbia befasst.

Dabei ist klar: Wegen der offenkundigen Unterschiede

der Siedlungsstrukturen und Planungssysteme

in den USA und Deutschland

können Konzepte selbstverständlich nicht

umstandslos wechselseitig übertragen werden.

Daher geht es hier weniger um einen

direkten Vergleich zwischen den beiden Ländern,

als vielmehr darum, der Entwicklung in

Deutschland ein Beispiel gegenüberzustellen,

in der die in Suburbia bestehenden Herausforderungen

besonders groß, aber auch die

Debatte über die Probleme und die entsprechende

Suche nach Lösungsansätzen weiter

fortgeschritten sind.

Europäische Stadtplanung hat schon immer

über den Atlantik geschaut, so dass der

transatlantische Diskurs den Prozess der modernen

Stadtentwicklung seit den Anfängen

der Disziplin begleitet. Die Fragen, die ihn

jeweils leiteten, ähnelten sich: Ist die Stadtentwicklung

in den USA der europäischen

voraus – im Guten wie im Schlechten? Erlaubt

der Blick auf die urbane Gegenwart in

Nordamerika einen Blick in die urbane Zukunft

Europas? Bietet dieser Blick ein Hoffnungsbild

oder eher Schreckensbild? Über

die Jahrzehnte ist die Antwort darauf jeweils

unterschiedlich ausgefallen. Mal wurde die

Amerikanisierung der europäischen Stadt als

Zukunftsversprechen gedeutet, in den letzten

Jahrzehnten galt dies dagegen eher als Drohung.

Dieser Diskurs hat sich stets auf beides

7


America‘s suburbs are „… so inefficiently developed as

to rob America of economic vitality. Six emerging trends

will change this: rising energy costs, lagging employment,

falling incomes, shifting wealth, tighter home financing,

and changing housing, neighborhood and community

preferences. …. In future American suburbs need

to achieve a certain level of urbanity to be successful”

(Nelson 2013: 393 f.).

22

Highway I-405, Los Angeles


Suburbane Räume unter Anpassungsdruck –

Ein deutsch-amerikanischer Vergleich

Stefan Siedentop

In den USA mehren sich in jüngster Vergangenheit

Stimmen, die eine umfassende baulich-räumliche

Transformation suburbaner

Räume als Reaktion auf bereits eingetretene

oder in der Zukunft erwartete soziodemografische,

ökonomische und klimatische Veränderungen

anmahnen. Suburbia – so der Tenor

diesbezüglicher Einschätzungen – bedarf einer

nachholenden Urbanisierung, um wahrgenommene

Defizite wie die Autoabhängigkeit

der Mobilität, die geringe Energieeffizienz

der Gebäudesubstanz, Monostrukturen der

Wohnungs- und Immobilienmärkte oder infrastrukturelle

Angebotsmängel zu überwinden

(Nelson 2013; Ewing et al. 2008; Heiman

2007). Mit dem Konzept des retrofitting verbindet

sich ein solcher Gestaltungsanspruch

(Dunham-Jones 2009; Dixon/Eames 2014,

Tachieva 2010; Schönig 2014; siehe auch Dunham-Jones

in diesem Band), der zweifelsohne

nicht auf suburbane Gebiete verengt ist, dort

aber besondere Herausforderungen für die

Planung hervorhebt.

Hier eröffnet sich eine interessante Parallele

zu europäischen und deutschen Stadtentwicklungsdiskursen,

denn auch in Deutschland

wurde seit den 2000er-Jahren verstärkt

über die baulich-räumlichen Perspektiven

suburbaner Siedlungsbestände diskutiert.

Angestoßen unter anderem durch Thomas

Sieverts‘ „Zwischenstadt“ (Sieverts 1997)

und die Arbeiten des Ladenburger Kollegs

zur „Zwischenstadt“ (Bölling/Sieverts 2004)

entzündete sich eine breite Debatte über die

Möglichkeiten und Wege zur Qualifizierung

suburbaner Siedlungs- und Landschaftsräume

(siehe auch BMVBS 2013; Krisch 2014;

Sieverts 2004; Hesse/Schmitz 1998). Angemahnt

wurde eine intensivere, vor allem aber

eine unbefangene und vorurteilsfreie Auseinandersetzung

mit diesem, sich einer eindeutigen

Einordnung in Kategorien wie Stadt,

Vorstadt und Land entziehenden, Typus von

Raum (Sieverts 2004: 14; siehe auch Kaltenbrunner

2004).

Die zunehmende Kritik an einer vermeintlich

einseitigen Orientierung der Raum- und

Stadtforschung am Ideal der Europäischen

Stadt blieb nicht ohne Wirkung. In den letzten

Jahren haben sich vermehrt wissenschaftliche

Arbeiten mit Themen suburbaner

Raumentwicklung auseinandergesetzt (ein

Überblick über den Diskussionsstand findet

sich in BMVBS 2013). Besondere Aufmerksamkeit

galt dabei dem Umgang mit den

für Suburbia typischen Formen von hybriden

Kulturlandschaften (Schenk et al. 2012;

BBSR/BfN 2011; Kühn/Danielzyk 2006), der

suburbanen Mobilität (Hesse 2001; Geier et

al. 2001; Siedentop et al. 2006) sowie wohnungswirtschaftlichen

Themen, insbesondere

in Bezug auf suburbane Ein- und Zweifamilienhausbestände

(Berndgen-Kaiser et al.

2014; Wüstenrot Stiftung 2012; Häußermann

2007; Hesse/Scheiner 2007; Fina et al. 2009; de

Temple 2006; Marique/Reiter 2014).

Der auf beiden Seiten des Atlantiks geführte

Diskurs über die Zukunft suburbaner Siedlungs-

und Landschaftsräume hat bislang

noch wenig wechselseitige Referenz erfahren.

Ein diesbezüglicher Austausch erscheint aber

angesichts der in den USA und Deutschland

vergleichbaren Herausforderungen instruktiv.

So werden ähnliche Symptome der baulichen

Erneuerungsbedürftigkeit konstatiert

und vergleichbare Veränderungen der Wohnpräferenzen

und der Infrastrukturnachfrage

infolge von demografischer Alterung und

soziokultureller Pluralisierung vermutet.

In beiden Ländern wird mit Recht darauf

hingewiesen, dass mit Blick auf die kleinteiligen

Eigentümerstrukturen und institutionell

fragmentierten Planungskompetenzen

23


Der engere suburbane Raum realisierte dagegen

deutlich höhere Wachstumsraten. Insgesamt

werden somit insbesondere seit den

2000er-Jahren stark gegenläufige demografische

Trends in den US-amerikanischen und

deutschen Stadtregionen angetroffen. Während

die US-Regionen durch eine nach außen

ansteigende, vereinzelt auch durch eine U-

förmige Bevölkerungsdynamik (mit höheren

Wachstumsraten im Kern sowie in den äußeren

suburbanen Räumen) geprägt ist, ist es in

Deutschland genau andersherum. Wie oben

erwähnt, spricht derzeit auf beiden Seiten des

Atlantiks wenig für eine Veränderung dieser

globalen Trends. Den enormen Wachstumserwartungen

durch internationale Migration

in den USA steht in Deutschland eine eher

stagnierende oder gar rückläufige Bevölkerungsentwicklung

gegenüber. Die aktuell hohen

Außenwanderungsgewinne werden die

steigenden Sterbeüberschüsse und die stabile

Abwanderungsneigung jüngerer Bevölkerungsgruppen

insbesondere im weiteren suburbanen

Raum nicht kompensieren können.

uAlterung und Internationalisierung

Nicht nur in Bezug auf die Veränderung der

Gesamtbevölkerung, auch bei altersdifferenzierter

Betrachtung lassen sich gravierende

Entwicklungsdivergenzen zwischen nordamerikanischen

und deutschen Stadtregionen

feststellen. Zwar ist die Alterung der Bevölkerung

ein universeller Trend, aber Ausmaß

und Intensität dieser Entwicklung sind deutlich

unterscheidbar. Eine höhere Fertilität

und ein hohes Maß an internationaler Zuwanderung

lässt den Alterungsprozess der

amerikanischen Bevölkerung weniger dyna-

Altenquotienten in den US-amerikanischen Stadtregionen

0-5 km 5-10 km 10-20 km 20-30 km 30-40 km 40-50 km Region

Atlanta 0,08 0,16 0,13 0,13 0,13 0,13 0,13

Denver 0,13 0,16 0,18 0,12 0,13 0,14 0,15

Philadelphia 0,15 0,17 0,24 0,24 0,22 0,21 0,21

Portland 0,14 0,17 0,18 0,18 0,20 0,20 0,17

Boston 0,12 0,17 0,24 0,23 0,19 0,22 0,20

Altenquotienten in den US-amerikanischen Stadtregionen im Jahr 2010 (eigene Berechnungen auf Grundlage von

Daten von Geolytics)

Altenquotienten in den deutschen Stadtregionen

Altenquotienten in den deutschen Stadtregionen im Jahr 2010 (eigene Berechnungen auf Grundlage von Daten der

Statistischen Landesämter)

30

0-5 km 5-10 km 10-20 km 20-30 km 30-40 km 40-50 km Region

Dresden 0,34 0,40 0,41 0,39 0,41 0,43 0,38

Frankfurt 0,25 0,31 0,32 0,30 0,31 0,31 0,30

Hamburg 0,29 0,41 0,38 0,34 0,31 0,31 0,31

München 0,23 0,30 0,33 0,28 0,28 0,31 0,29

Stuttgart 0,26 0,31 0,32 0,30 0,31 0,31 0,31


misch erscheinen als in Deutschland (siehe

für Deutschland: Münter 2014). Hinzu kommt

die in Deutschland etwas höhere Lebenserwartung

der Bevölkerung. In den USA wird

zudem bereits seit Langem auf eine dynamische

soziale Diversifizierung und Pluralisierung

der suburbanen Bevölkerung hingewiesen

(Brookings Institution 2010; Schönig 2014:

98 f.), eine Entwicklung, die grundsätzlich

auch in Deutschland nachweisbar ist (Menzl

2014), hier aber deutlich weniger intensiv

verläuft. Mit eigenen Daten kann an dieser

Stelle nur die Entwicklung der altersbezogenen

Komposition der Bevölkerung in den

Stadtregionen nachgezeichnet werden. Dabei

fallen erwartungsgemäß gravierende Unterschiede

im Ausmaß der Alterung ins Auge.

So fällt der Altenquotient (Quotient aus den

über 65-jährigen und der 18- bis 64-jährigen

Bevölkerung) der amerikanischen Regionen

um teilweise deutlich mehr als 0,1 Punkte

geringer aus als für die deutschen Regionen.

Veränderungen der Altenquotienten in den US-amerikanischen und deutschen Stadtregionen

Atlanta

Dresden

Boston

Frankfurt

Denver

Hamburg

Philadelphia

München

Portland

Stuttgart

Veränderungen der Altenquotienten in den US-amerikanischen und deutschen Stadtregionen zwischen 2000 und

2010; Werte von über 0 zeigen Alterung an, Werte von unter 0 Verjüngung; auf der X-Achse ist die Entfernung vom

Zentrum dargestellt (eigene Berechnung auf Grundlage von Daten der Statistischen Landesämter sowie von

Geolytics)

31


Dortmund-Kley

74


Refitting Edge Cities – Suburbane Dienstleistungsstandorte

in Deutschland und den USA im Wandel

Frank Roost

Der größte Teil der Arbeitsplätze und Einkaufsmöglichkeiten

im suburbanen Raum befindet

sich – sowohl in Deutschland als auch in

den USA – in Gewerbegebieten, die räumlich

sowohl von den älteren Ortskernen als auch

von den Wohnstandorten getrennt liegen. Anders

als in älteren urbanen Strukturen ist die

städtebauliche Form dieser Gewerbegebiete

aber einseitig von der Erschließung für den

Automobilverkehr geprägt, und die einzelnen

Bauten sind meist architektonisch anspruchslos

und kaum aufeinander bezogen. Das gilt

auch für Standorte mit einer herausragenden

Bedeutung für den Lebensalltag der Bewohner

wie Einzelhandelseinrichtungen und Freizeitangebote

sowie für hochwertigere Funktionen

wie Büro- oder Technologieparks. In der Suburbia

weisen daher auch dienstleistungsgeprägte

Standorte, die vom Umfang oder der

Bandbreite ihrer kommerziellen Angebote

durchaus einem städtischen (Neben-)Zentrum

entsprechen, nur wenig Orientierungsmöglichkeiten

für Fußgänger und kaum Aufenthaltsqualitäten

im öffentlichen Raum auf.

In jüngster Zeit gibt es aber sowohl in Deutschland

als auch in den USA Projekte, die darauf

abzielen, bisher reine Büro- oder Gewerbestandorte

nachzuverdichten und zu multifunktionalen

Quartieren mit verbesserten Aufenthaltsqualitäten

weiterzuentwickeln. So wird

in Frankfurt am Main die in den 1960er-Jahren

entwickelte Bürostadt Niederrad – die zwar

im Stadtgebiet liegt, mit ihrer Lage auf halbem

Wege zwischen Stadtzentrum und Flughafen

aber durchaus suburbanen Charakter aufweist

– derzeit massiv umgebaut. Der ehemals monofunktionale

Dienstleistungsstandort soll

zu einem multifunktionalen Stadtteil weiter

entwickelt werden, was auch durch die programmatische

Umbenennung in Lyoner Quartier

unterstrichen wird. Die Restrukturierung

umfasst Maßnahmen wie den Umbau einzelner

Bürogebäude zu Wohnhäusern und den

Abriss älterer freistehender Bürobauten zugunsten

neuer Strukturen, die eine Blockrandbebauung

bilden (Stadt Frankfurt am Main

2008). Eine besondere Aufmerksamkeit erfährt

zudem die bauliche Weiterentwicklung der

Erdgeschosszonen, die gemeinsam mit einer

Umgestaltung des öffentlichen Raums darauf

abzielt, die Aufenthaltsqualitäten in dem ehemals

überwiegend auf den Automobilverkehr

ausgerichteten Gebiet deutlich zu erhöhen

(siehe dazu auch den Beitrag von Dieter von

Lüpke in diesem Band).

Doch während solche Projekte in Deutschland

bisher noch Vorreitercharakter haben, gibt es

in den USA bereits zahlreiche Beispiele für

eine systematische Weiterentwicklung von

Büroparks und Einkaufszentren im Kontext

von umfassenden Refitting-Strategien für die

Vororte. Im Folgenden sollen daher solche

amerikanischen Konzepte zur stadträumlichen

Qualifizierung von suburbanen Dienstleistungsstandorten

und deutsche Beispiele

für den planerischen Umgang mit ähnlichen

Standorten einander gegenübergestellt werden.

Dabei wird zunächst dargelegt, welche

grundsätzlichen Aufgaben sich bei der stadträumlichen

Qualifizierung von suburbanen

Dienstleistungszentren in Deutschland und in

den USA gleichermaßen stellen. Im zweiten

Schritt wird dann am Beispiel der Metropolregionen

Rhein-Ruhr und Los Angeles herausgearbeitet,

welche Unterschiede die suburbanen

Siedlungsstrukturen in Deutschland und den

USA kennzeichnen und was diese Differenzen

für die jeweiligen Möglichkeiten, suburbane

Dienstleistungszentren stadträumlich zu qualifizieren,

bedeuten. Schließlich soll anhand

von Umbaumaßnahmen im Washingtoner

Vorort Tysons Corner und in der südkalifornischen

Stadt Irvine verdeutlicht werden, welche

Potenziale zur Nachverdichtung solche

75


Irvine, Kalifonien

94


Umgestaltung von Suburbia: Ein amerikanischer oder

ein globaler Trend?

Ellen Dunham-Jones

Zu einem Zeitpunkt, da auf der ganzen Welt

Zuwanderung in die Städte die Vororte anwachsen

lässt, sieht sich ein Großteil der nordamerikanischen

suburbs – der Vororte – mit

Niedergang und Leerstand konfrontiert. Die

Landschaft ist überzogen mit leer stehenden

Einkaufszentren und Fachmärkten, veralteten

Büroparks, aufgegebenen Industriekomplexen,

kränkelnden Einkaufsstraßen, öden

Reihenhaussiedlungen, Schneisen von verwahrlosten

Grundstücken und vielen Hektar

ungenutzter Parkplätze. Für den größten Teil

der letzten 60 Jahre waren diese Grundstücksarten

Ausdruck eines modernen, konsumorientierten

Lebensstils – eines Lebensstils, den

eine wachsende globale Mittelschicht weiterhin

anstrebt. Obwohl die unbeabsichtigten

Wirkungen dieser Landschaft und dieses

Lebensstils zu ihrem Niedergang in den

USA und Kanada beigetragen haben, bieten

diese gescheiterten Grundstücke zunehmend

Chancen für eine radikale Umgestaltung

von Suburbia. Meine Untersuchung mit June

Williamson zeigt, dass zunehmend vielfältige

neue Ansätze zur Umgestaltung der autoabhängigen

und sozial segregierten suburbanen

Landschaften in gesündere, nachhaltigere

Orte verfolgt werden. Können die amerikanischen

Erfahrungen lehrreich für die Suburbanisierung

in anderen Ländern sein?

Obgleich Vororte in aller Welt sehr unterschiedlich

aussehen, stehen viele doch vor

der gleichen Herausforderung, nämlich die

verfallenden Gebäude und Infrastrukturen

aus den Nachkriegs-Boomjahren zu sanieren.

Andere dagegen befinden sich mitten in einem

neuen Bauboom, und informelle Siedlungen,

cyber suburbs und neue Villenviertel

werden an der Peripherie aus dem Boden gestampft.

Selbst innerhalb Nordamerikas weisen

die meisten Großstadtregionen sowohl

boomende als auch absteigende Gegenden

auf. Kanadische Städte und Vororte sind dabei

deutlich dichter bebaut und verfügen über

mehr Mischnutzung und öffentliche Verkehrsmittel

als ihre amerikanischen Entsprechungen.

Dennoch werden in den Vororten

beider Länder ältere Bestandsgrundstücke

wieder neu genutzt, umgebaut und zu Grünflächen

umgewidmet. Ist diese Umgestaltung

von Suburbia ein amerikanischer oder ein

globaler Trend?

Umfassende Untersuchungen wären zur

Beantwortung dieser Frage nötig. Wie verbreitet

und wirksam sind die kleinräumigen

Interventionen in den südamerikanischen

Favelas? Wie sehr orientieren sich die neuen

Vororte in Asien an dem amerikanischen Stereotyp,

was wird angepasst, was verbessert?

Und wie erfolgreich sind die amerikanischen

Vertreter des New Urbanism darin, den chinesischen

Superblock umzugestalten? Wie

wird in osteuropäischen Vororten mit den

bröckelnden Wohngebäuden der Sowjet-Ära

umgegangen? All diese Fragen können hier

nicht beantwortet werden; es werden im Folgenden

Trends und Strategien des Umbaus

in Amerika vorgestellt, in der Hoffnung, dass

einige der Lektionen übertragbar sind.

uUnbeabsichtigte Folgen der

Suburbanisierung

Zu Beginn ist es wichtig zu betonen, dass

das Modell suburbaner Entwicklung nicht

in allen Teilen Nordamerikas zu Problemen

führt. Es gibt immer noch jede Menge

vielgeliebter durchgrünter Vororte, die gut

gepflegt werden und wo die Grundstückswerte

ansteigen. Dies sind eher die streetcar

suburbs, die kernstadtnahen, mit Straßenbahn

oder Hauptstrecken-Zügen leicht

erreichbaren Vororte aus dem späten 19. und

frühen 20. Jahrhundert. Dort findet man häufig

eine Mischung aus großzügigen viktori-

95


te der schon häufiger verwendete Begriff der

Transformation beim Verständnis der Veränderungen

der Städte weiterhelfen. „Trans“

bedeutet „durch“, setzt also den Fokus nicht

auf das Ziel (Bild) sondern auf den Prozess:

auf das Durchlaufen von sich wandelnden

Zuständen, auf ein stetiges Neuformieren.

u

Fit?

It fits like a glove – es passt wie ein Handschuh!?

Fitting als perfekte Stadt-Konfektionierung?

Für wen denn? Gäbe es eine Idealstadt,

eine konfektionierte Stadt, müsste es

auch einen idealen Stadtbewohner geben, um

gültige Standards ableiten zu können. Jedem

Bewohnerstandard seine Standardstadt? Angesichts

sich ausdifferenzierender Lebensstile

und Lebensentwürfe in unseren pluralistischen

Gesellschaften ist dieser Gedanke wohl

absurder denn je. Natürlich erleichtert jede

urbane Standardisierung und Regelhaftigkeit

die konzeptionelle Arbeit. Honorarordnungen

müssen ein Stückweit davon ausgehen,

tun es aber mehr als es heute noch planerisch

produktiv ist. Aber Gesellschaft lässt sich

nicht standardisieren, sie wandelt sich stetig.

So auch die Stadt. Und zwar gewollt oder ungewollt,

gestaltet oder ungestaltet, gesteuert

oder ungesteuert. Die Frage ist nicht, ob Wandel

stattfindet, sondern wie. Soll der Prozess

begleitet werden, soll die Stadt gestaltet werden,

so ist situative, prozessuale und konzeptionelle

Maßarbeit notwendig.

u

Sub!

Der Präfix „sub“ steht in der Regel für „unter“.

Suburbia also: die Unter-Stadt, die darunter

liegende Stadt oder gar niedrige Stadt?

Oder: gar nicht Stadt, sondern suboptimales

Siedlungskonglomerat im Dunstkreis der

Städte? Woher speist sich Kritik an Suburbia?

Aus dem Unbehagen bildungsbürgerlicher

Stadtästheten gegenüber den Zumutungen

räumlich-visueller Erfahrungen in Suburbia:

hässlich, gleichförmig, antiurban scheint sie

das geschulte Auge zu beleidigen. Suburbia:

ein veritables Leid-Bild also?

Natürlich stellt die Demografie der riesigen

Einfamilienhausgebiete die Planenden und

die Politik in den Kommunen vor große Herausforderungen.

Suburbia ist das Abbild

einer Gesellschaft der freien Wahl und individuellen

Verwirklichung. Gleichwohl sind

hier Orte entstanden, die ihre gemeinschaftlichen

und gesellschaftlichen Meriten haben.

Also ist und bleibt es ein richtiges Leben im

falschen?

Jedenfalls ist die häufig einseitige und generelle

Ablehnung dieser – komplementären

– urbanen Wirklichkeiten unserer Städte wenig

zielführend. Damit werden die dahinter

stehenden Lebensentwürfe vorschnell diffamiert.

Zudem kann das derzeitige Wachstum

zahlreicher Kernstädte als Renaissance der

Städte gefeiert werden, aber eine flächendeckende

Landflucht aus Suburbia ist kaum zu

belegen.

u

(Sub)Urbia_nität?!

Urbanität ist gebunden an Dichte und Intensität

von (Be-)Nutzungen und Begegnungen,

spürbare Parallelität von unterschiedlichen

Lebensweisen und Kommunikationsangeboten.

Diese erlebbare Dichte und Intensität ist

auf physischen und inzwischen auch auf virtuellen

Erreichbarkeiten gegründet.

Qualifizierungsstrategien müssen die infrastrukturellen

und physischen Erreichbarkeitsverhältnisse

mitbedenken und die Bedeutung

der virtuellen mitreflektieren. Auf die automobilgestützte

Stadtflucht folgt eine internetgestützte

und in Ansätzen auch ÖPNV-gestützte

Reurbanisierung. Die Stadt-Landschaft

befindet sich in permanenter Transformation.

Inwieweit es eine Metamorphose ist,

die in jeweils abgrenzbare Entwicklungszustände

mündet, wäre noch zu erforschen.

Urbanität als Lebensform hat sich von den

Städten emanzipiert und hat sich längst auch

in das städtische Hinterland eingenistet, also

auch in sogenannten ländlichen Gebieten.

114


Netze Schollen Themen

Empathischer Zutritt: Die suburbane Gemengelage Winterthur-Teuchelweiher wird bezüglich ihrer Eigenart befragt,

nicht im Sinne einer „Mängelliste“, sondern als Fundus lokaler Potenziale.

Auch hat das steigende ökologische Bewusstsein

unter anderem zu einer verstärkten Orientierung

am Regionalen und Lokalen geführt.

Sinkende oder gefährdete Kaufkraft

und die steigende Auswahl an Share-Angeboten

fördern einen Sinneswandel in Bezug

auf Besitz und Eigentum.

Zur heutigen Vorstellung von Urbanität gehört

gerade auch vor dem Hintergrund dieser

Entwicklungen die Nähe zur Landschaft.

Deshalb muss die Landschaft heute als integrativer

Teil unserer Siedlungsrealität verstanden

werden – nicht nur der kulturell und

öko-romantisierte Aspekt der Landschaft (als

heile Welt der bäuerlichen Landwirtschaft),

sondern auch die gesellschaftlichen, sozioökonomischen

und ökologischen Aspekte

der (Stadt-)Landschaft. Dies sollte geschehen,

ohne ihre ästhetischen Qualitäten darüber zu

vergessen oder zu vernachlässigen, aber vielleicht

mit einer wachsenden Fähigkeit, die

Landschaft urbanistisch neu zu codieren und

aktuellere Referenzbilder dafür zu finden beziehungsweise

zu entwickeln.

uAnnäherung 2: Die Zukunft der Stadt liegt

in Suburbia

Die folgende Positionierung erfolgt seit etwa

15 Jahren vor dem Hintergrund zahlreicher

theoretischer wie praktischer Auseinandersetzungen

unseres Teams mit den Fragen,

115


SAUM

Verhältnis S–L

S L

Kontaktbereiche

Aussen Landschaft

Innen Siedlung

Infrastruktur

MIV/ÖV Radialverkehr

LV radial + tangential

Nutzungen, zoniert

S Öffentliche Einrichtungen,

spezifische Wohnformen,

Sport, Gewerbe, Ver-/Entsorgung

L intensive Nutzungen:

Gemeinschaftsgärten,

Naherholung, Energie

Versorgungskapazität

Energie Selbstversorgung (Neubau),

zentralisiere Lokalversorgung

Saum/Kern (Bestand,

anteilig)

Nahrung Anteilige Grundversorgung

Obst-/Gemüse für Saum

und Kern

KERN –

Siedlung

Verhältnis S–L

S L

Kontaktbereiche

Aussen Mix (Saum)

Infrastruktur

Radial-/Netzverkehr

Nutzungen, zoniert

Versorgungskapazität

S Alle

Energie Wärmenetz, Solarthermie

L intensive Nutzungen: urbane

Plätze, Parks, Gär-

Nahrung Kaum. Bezug aus Saum und

oder anderes

ten, Solarenergie

Region

BAND –

offen/

geschlossen

Verhältnis S–L

S

L

Kontaktbereiche

Aussen Landschaft

Innen Landschaft

Infrastruktur

MIV/ÖV Linearer Verkehr

LV Lineare, separate

Routen

Nutzungen, zoniert

S Alle

L intensive Nutzungen:

Gemeinschaftsgärten,

Naherholung, Energie,

Obstwiesen, Landwirtschaft

Versorgungskapazität

Energie Selbstversorgung (Neubau),

organisierte Lokalversorgung

(Bestand, anteilig)

Nahrung Selbstversorgung Grundbedarf

Obst-/Gemüse, anteilige

Grundversorgung Region

KERN –

Landschaft

Verhältnis S–L

S

L

Kontaktbereiche

Aussen Mix (Band)

Infrastruktur

Minimierter Radialverkehr

Nutzungen, zoniert

S Einrichtungen in Bezug zu

Landschaftsnutzung

L intensive Nutzungen:

Energie, Landwirtschaft,

Viehhaltung, Naherholung

Versorgungskapazität

Energie Selbstversorgung, Versorgung

Rand

Nahrung Selbstversorgung, anteilige

Versorgung Rand (evtl.

Region)

SOLITÄRE

in der

Landschaft

Verhältnis S–L

S

L

Kontaktbereiche

Aussen Landschaft

Infrastruktur

Minimierte netzartige

Erschliessung, Sharing-/

Clusterkonzepte

Nutzungen, zoniert

S Sondernutzungen: Wohnen/Arbeiten/Naherholung/Einrichtungen

mit

Bezug zu Landschaftsnutzung

L Intensiv/Extensiv, alle

Versorgungskapazität

Energie Selbstversorgung

Nahrung Versorgung Region, Selbstversorgung

Metropolitanraum Zürich als Metro Garden City

Programme. Sie begründen eher experimentelle

Förderungspolitiken als gesamthafte

Förderprogramme. Und für Fachleute geht es

vermehrt um die Kompetenz, sich im Netzwerk

der Akteure situativ produktiv und

kreativ zu verhalten. Die Fähigkeit zu strategischem

muddling through ist gefragt, dessen

Ergebnis als strategisches Flickwerk im

besten Sinne räumliche Qualifizierungsprozesse

voranbringt. Theorie ist Theorie und

Praxis ist Praxis. Beides beeinflusst sich: deduktiv,

induktiv, abduktiv – und manchmal

126


Szenario Saum

Szenario Band

Szenario Solitär

leider auch gar nicht. Aktuelle Forschungen

versuchen wissenschaftliche Erkenntnisse zu

räumlichen Qualifizierungsstrategien im Reflex

auf das Beziehungsgeflecht vor Ort Einfluss

nehmender Akteure zu erarbeiten.

Eine zentrale Botschaft ist: Nicht allgemeine

normative konzeptionelle Vorgaben, sondern

die spezifische Problemlage, die entsprechenden

subjektiven Deutungen von Chancen

und Potenzialen und besondere Verständigungs-

und Aushandlungsprozesse bestimmen

maßgeblich die strukturellen Lösungen

(Nationales Forschungsprogramm 65: 2014).

Das Instrument der Testplanungen erhält für

diese situative Lösungssuche immer mehr

Bedeutung. Damit sind die Verbände herausgefordert,

in den Honorarordnungen diese

informellen Planungsleistungen gegenüber

den formellen besser zu stellen. Das trifft insbesondere

auch für Suburbia zu, wenn hier

neue, grenzüberschreitende Kooperationen

konzeptionell unterstützt werden sollen.

u

Future Landscapes

Und es sind interdisziplinäre Kooperationen

gefragt, die, wenn es um die Zukunft von Suburbia

gehen soll, besonders auch die Perspektiven

der Landwirtschaft miteinbeziehen

müssen. Flächenmäßig machen die ruralen

und die semiurbanen Räume den allergrößten

Teil der Fläche der Bundesrepublik Deutschland

aus. Eine leider zu wenig beachtete

Studie im Auftrag des Bundesinstituts für

Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) beschäftigte

sich unter dem Titel „Future Landscapes“

mit der Zukunft der Kulturlandschaft.

Vor dem Hintergrund absehbarer technologischer

Entwicklungen und der Herausforderung

ressourcensparender Entwicklungen

wurde darin szenarienhaft im Hinblick auf

verschiedene konzeptionelle Zutritte ein sehr

anregendes Spektrum unterschiedlicher thematischer

Landschaften ausgebreitet: Unter

anderem die Regionslandschaft, Energieproduktionslandschaft,

Zwischenlandschaft, Umbaulandschaft,

Ersatzlandschaft, Clusterlandschaft,

Patchworklandschaft und Transitlandschaft

(Bundesministerium für Bauwesen und

Raumordnung 2005).

uSituative Bürokratie: Laborräume

Die Projekte, die die IBA Hamburg unter dem

thematischen Dach der Metrozone anschob

und realisierte, sind ganz unterschiedliche

architektonische und städtebauliche Versuche,

diesen Randlagen und Übergangsräumen

neues städtisches Leben einzuhauchen

oder es dort weiter zu qualifizieren, indem sie

neue Möglichkeitsräume anbieten. Durchaus

auch mitgetragen von Investoren, die es als

127


Rathaus von Mississauga, Ontario

sissauga westlich des Flughafens auf. Dieses

sichtbarste unter den neuen Retortenzentren

im Regionalgefüge Torontos überragt den seit

Jahrzehnten ausufernden Einfamilienhaussiedlungsbrei,

der inzwischen alleine in Mississauga

für 750.000 Menschen ein Zuhause

geworden ist. Allerdings handelt es sich bei

152

Supermarkt in Toronto, Ontario

dieser Vorstadtbevölkerung

von einer Dreiviertelmillion

keineswegs um die stereotype

weiße Mittelklasse,

die man laut traditioneller

Geschichtsschreibung und

üblicher Darstellung in der

Populärkultur hinter den

schmucken Hecken und Zäunen

von Suburbia vermutet.

Etwa die Hälfte der Bewohner

von Mississauga gehören

einer visible minority an,

sind also nach kanadischer

Volkszählungsterminologie

Menschen dunkler Hautfarbe.

Etwa die Hälfte der Menschen

in der Stadt sprechen

andere Muttersprachen als

Englisch. Dies sind natürlich

nicht notwendigerweise dieselben

wie die der sichtbaren

Minderheiten, auch wenn es

da zweifelsohne statistische

Überschneidungen gibt. Auch entspricht

Mississauga nicht dem suburbanen Bild der

reinen Schlafstadt. Vielmehr gibt es dort weit

mehr als 400.000 Arbeitsplätze. Die kulturelle

Vielfalt Mississaugas ist vielschichtig und widersprüchlich,

entzieht sich einfachem Verständnis.

So leben beispielsweise in der Stadt

hunderte, vielleicht sogar tausende, zumeist

pakistanische Frauen mit ihren Kindern in sogenannten

begumpura. Mit diesem Ausdruck in

Urdu (wörtlich: wo die Frauen wohnen) werden

„Ehefrauenkolonien“ bezeichnet, etwa

insgesamt ein halbes Dutzend Quartiere in

der Stadt. Die Ehemänner und Väter dieser

Familien arbeiten zumeist im Mittleren Osten

und sind selten anwesend (Aulakh 2011).

uDie globale Vorstadt

Wir können hier von einer Ausweitung globaler

suburbaner Lebensformen sprechen, in

der sich die explodierende Metropole neue,

oft hybride Formen städtischen Alltags schafft.

Es handelt sich allerdings nicht nur um eine


demografische Diversifizierung. Sicherlich

trägt die massenhafte Vervorstädterung weiterhin

zu einer Normierung einiger Lebensformen

bei, doch lassen sich insgesamt vielfältige

kulturelle, ökonomische und soziale

Parzellierungen feststellen. Die Auffächerung

des vorstädtischen Lebens wirft auch neue

Fragen der Governance auf. Während in den

vorhergegangenen Jahrzehnten großflächige

Gebietsreformen und institutionelle Vereinheitlichungen

stattgefunden haben, um die

kommunalen und regionalen Regelungsprozesse

zu rationalisieren, so ergeben sich

jetzt zunehmend neue Problemlagen, die

die herkömmlichen Gegebenheiten

herausfordern.

Wenn wir gemeinhin annehmen,

dass das 21. Jahrhundert

von einer urbanen Revolution

gekennzeichnet ist, so lässt

sich konstatieren, dass unter

den Bedingungen gegenwärtiger

Trends in Technologie,

Kapitalakkumulation, Bodenentwicklung

und Governance

der erwartete Urbanisierungsschub

vor allem ein Suburbanisierungsschub

sein wird.

Das schließt die Postsuburbanisierung

von bestehenden

Vorstädten ein, also auch den

Umbau der bisherigen suburbanen

Gebilde. Es gibt inzwischen zahllose,

jedoch typifizierbare globale Formen der

Suburbanisierung, die insgesamt zu einem

weltweiten Phänomen beitragen (Keil 2013).

Die kanadische Suburbanisierung stellt dabei

einen Sonderfall dar, insofern sie Eigenheiten

der nordamerikanischen oder besser

angloamerikanischen Traditionen mit denen

verknüpft, die wir aus Europa kennen. Kurz

und vereinfacht gesagt, sind hier sowohl die

klassischen Einfamilienhaussiedlungen als

auch die Großwohnsiedlungen am Stadtrand

anzutreffen. Hinzu kommt eben die anderswo

unerreichte Diversität der vorstädtischen

Trends, die vor allem von einer massiven Immigration

aus nichteuropäischen Herkunftsländern

geprägt ist.

uStädte im Wartezustand

Aus dieser Melange entstehen „Städte im

Wartezustand“ im gesamten metropolitanen

Gebiet Torontos. Damit lassen sich jene Gebiete

beschreiben, die auf den ersten Blick als

suburban erscheinen, jedoch bei genauerem

Hinsehen alle Anzeichen einer umfassenden

Verstädterung tragen. Dort entstehen ständig

neue Formen, und Bestehendes wird umgebaut

und mit neuen Inhalten gefüllt. Diese

Shoppingcenter und Wohnhochhäuser

in Mississauga, Ontario

neuen und sich dynamisch wandelnden sozialräumlichen

Gebilde lassen sich entlang

der Hauptverkehrsadern Highway 427 und

Highway 7 im Nordwesten und Norden

Torontos beobachten: Insbesondere Mississauga,

Brampton, Vaughan und Markham

sind stark diversifizierte, rasch wachsende

Kommunen. Es gibt diese Vielfalt auch in

anderen kanadischen Metropolen, vor allem

in Richmond, Surrey und Burnaby, südlich

von Vancouver und in Longueuil jenseits des

St. Lorenzstroms in Montreal. Doch die sogenannten

ethnoburbs von Toronto stellen in

Bezug auf Masse und Vielfalt etwas Besonde-

153


Frankfurt-Niederrad

172


Zuwendung zur Peripherie – Strategien der

Innenentwicklung in einer wachsenden Stadt am Beispiel

Frankfurt / Main

Dieter von Lüpke

Stadtplanerisches Engagement der Peripherie,

den Vororten, den Stadtteilen oder der

„Zwischenstadt“ zu widmen, ist auch in früheren

Jahren schon in Einzelfällen gefordert

worden, wurde aber bisher eher als Nebentätigkeit

bewertet. Weite Teile dieser städtischen

Randgebiete galten als intakt und

schienen keiner stadtplanerischen Intervention

zu bedürfen.

In Frankfurt am Main wurde die stadtplanerische

Agenda in den letzten 25 Jahren wesentlich

durch die städtebauliche Neuordnung

zentraler Standorte, wie an den Ufern

des Mains (Deutschherrnviertel, Westhafen,

Theodor-Stern-Kai, südliches Ostend) oder

im Bankenviertel, in Bockenheim Süd, auf einem

ehemaligen Eisenbahngelände (Europaviertel)

sowie im Bereich des Rebstockparks,

bestimmt. Daneben wurden große Neubaugebiete

auf der grünen Wiese vorbereitet.

Dazu zählten der Stadtteil Am Riedberg, das

Gewerbegebiet Am Martinszehnten oder die

Erweiterung des Stadtteils Preungesheim

nach Osten. Eine Auseinandersetzung mit

peripheren Standorten konzentrierte sich

wesentlich auf die Konversion ehemals militärisch

genutzter Areale, die überwiegend in

den 1990er-Jahren des letzten Jahrhunderts

frei und in einem dynamischen Prozess neuen

Nutzungen – vor allem der Wohnnutzung –

zugeführt wurden.

Darüber hinaus ging es punktuell auch um

Großsiedlungen, die in der Nachkriegszeit bis

zur Mitte der 1970er-Jahre des letzten Jahrhunderts

realisiert wurden. Der Schwund an

Wertschätzung, die Veränderung ihrer Bevölkerungsstruktur

sowie ihre hochbauliche und

städtebauliche Beschaffenheit, die eine gute

Nachbarschaft und den Aufbau gewerblicher

Existenzen erschweren, machten dort partielle

Interventionen unter anderem im Stadterneuerungsprogramm

Soziale Stadt erforderlich.

Dieser Beitrag will die Hinwendung zur Peripherie

als eine Aufgabe darstellen, die wesentlich

von den Ansprüchen einer wachsenden

Stadt getrieben wird. Sie unterscheidet

sich in ihrer Dimension von früheren Aktivitäten

in der Peripherie, insofern sie die Stadtteile

nicht nur unter dem Ziel betrachtet, sozialen

Frieden in schwierigen Nachbarschaften

herzustellen.

uFrankfurt am Main wächst – und diskutiert

Wanderungsgewinne und ein natürliches Bevölkerungswachstum

verhelfen der Stadt seit

mehreren Jahren zu einem überraschenden

und dynamischen Wachstum der Einwohnerzahlen.

Auch nach Korrektur der Einwohnerzahlen

auf Grund der letzten Volkszählung

waren Ende 2013 bereits circa 721.000

Einwohner mit Haupt- und Nebenwohnsitz

in Frankfurt am Main gemeldet – und damit

etwa 56.000 Einwohner mehr als sechs Jahre

zuvor (Stadt Frankfurt am Main o.J.a). Die

im Jahr 2010 von der Stadt erarbeitete Prognose,

wonach die Einwohnerzahl bis 2030 auf

etwa 724.000 steigen könne (Stadt Frankfurt

am Main – Bürgeramt, Statistik und Wahlen

2010), erwies sich somit als zu vorsichtig.

Obwohl die Quote der durchschnittlichen

Wohnfläche pro Kopf in Frankfurt am Main

im Vergleich zu anderen deutschen Wohnflächen

bereits niedrig ist, schrumpft diese, trotz

Rekordzahlen bei der Genehmigung und bei

der Fertigstellung neuer Wohnungen, weiter.

Nach Angaben des Magistrats der Stadt

im „Wohnbauland-Entwicklungsprogramm

2015“ sank die Wohnfläche pro Kopf im Jahre

2013 auf 36 Quadratmeter, während dagegen

die Zahl der Personen pro Wohnung 2013 auf

173


1990er-Jahren forcierte Bearbeitung von Bebauungsplänen

wesentlich Einfluss, indem in

der Folge die genannten Quoten sinken. Man

könnte geneigt sein, den Schluss zu ziehen,

dass mit Fortdauer der Wohnungsbautätigkeit

im Bestand die Aufnahmefähigkeit dieser

Bereiche sinkt und die Quote des Wohnungsbaus

dort tendenziell gegen Null geht.

Eine solche Entwicklung ist dennoch unwahrscheinlich,

weil mit der Realisierung von

Nachverdichtungsvorhaben langfristig auch

die Akzeptanz höherer Baudichten größer

wird: Gewöhnungsprozesse verändern Wertmaßstäbe.

Umgekehrt setzen aber die mangelnde

Wertschätzung peripherer Stadtquartiere

und die in den gründerzeitlich geprägten

Stadtquartieren vorhandene Baudichte einer

dynamischen Nachverdichtung Grenzen.

Unter Berücksichtigung der empirischen Untersuchung

und der skizzierten Einflussfaktoren

wurde im Frankfurter Stadtplanungsamt

für eine Vorausschau die vorsichtige Annahme

getroffen, dass in Zukunft circa 25 Prozent

aller Wohneinheiten im Bestand realisiert

werden können.

uImmobilienwirtschaftliche Einflussfaktoren

Gebäude zeichnen sich unmittelbar nach ihrer

Fertigstellung durch hohe Mieten und Kaufpreise

aus. In einem Alterungsprozess verlieren

sie zunächst im Vergleich zu Neubauten

an Wert, weil sie mit dem sich verändernden

Neubaustandard nicht Schritt halten können,

da sie einem „moralischen Verschleiß“ unterliegen,

beziehungsweise weil ihr Erscheinungsbild

dem Wandel der gestalterischen

Ansprüche und der Architekturmoden nicht

standhält. Hinzu kommt häufig, dass die Bestände

nicht laufend instandgesetzt und modernisiert

werden. Nach Ablauf von 40 bis 50

Jahren wird in der Folge oft eine grundlegende

Sanierung innen und außen notwendig.

Dies löst dann die Frage aus, ob anstelle einer

tiefgreifenden Sanierung Abbruch und Ersatz

durch Neubauten das Mittel der Wahl sind,

um Betriebskosten zu sparen, Vorteile im Betriebsablauf

zu erreichen, die Ausnutzung

176


des Baugrundstücks zu verbessern, oder aber

um eine wirtschaftlichere Nutzungsart einfacher

realisieren zu können. Erfolgt die Entscheidung

zugunsten einer durchgreifenden

Sanierung des Bestandsgebäudes, steigt die

Werthaltigkeit sprunghaft.

Eine Auswertung des Frankfurter Mietspiegels

2012 belegt diese Zyklen für Wohngebäude.

Betrachtet man die Basis-Nettomieten

(ohne Betriebskosten) für Wohnungen unter

Ausklammerung des Einflusses unterschiedlicher

Ausstattungsmerkmale, so zeigt sich

für alle Wohnungsgrößen, dass die in den

Jahren 1958 bis 1968 fertiggestellten Wohnungen

immer die niedrigsten Mietpreise

aufweisen und dass sowohl jüngere als auch

ältere Wohnungsjahrgänge höhere Mieten

verlangen. Wie die Tabelle

„Abhängigkeit der Nettowohnungsmieten

vom Baualter

der Gebäude“ verdeutlicht,

wurde eine in diesem

Zeitraum (1958 bis 1968)

fertiggestellte Wohnung mit

100 Quadratmetern Wohnfläche

im Durchschnitt für

5,41 Euro pro Quadratmeter

vermietet. Eine gleich große

Neubauwohnung, die in den

Jahren 2002 bis 2009 fertiggestellt

wurde, besaß im Durch-

schnitt einen um 52,9 Prozent höheren Nettomietpreis.

Eine vor 1918 fertiggestellte Altbauwohnung

wurde dagegen ebenfalls teurer

vermietet: Sie war um 9,2 Prozent, oder aber

um sogar 34,4 Prozent teurer, wenn es sich um

eine Wohnung in einem renovierten Altbau

mit Stilfassade, historischen Ausstattungselementen

und Echtholzparkett handelte.

Die vor circa 45 bis 55 Jahren realisierte Wohnungsbausubstanz

steht so in vielen Fällen

vor der grundlegenden Entscheidung zwischen

Sanierung und Ersatz durch Neubau;

dies auch deshalb, weil die asketische Architekturhaltung

der Ära des Bauhauses und

der Aufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg

noch auf ihre Entdeckung und die Zuwendung

einkommensstarker Schichten wartet.

Zugleich liegt auf der Hand, dass Entscheidungen

zum Umgang mit der in die Jahre

gekommenen Wohnungsbausubstanz gravierende

soziale Folgen haben können: Das

relativ niedrige Mietpreisniveau dieser

Altersjahrgänge des Wohnbestands verbindet

sich naturgemäß oft mit einer Bewohnerschaft,

die aufgrund ihrer Einkommensverhältnisse

auf eben dieses Mietpreisniveau

angewiesen ist.

Abhängigkeit der Netto-Wohnungsmieten vom Baualter der Gebäude

Wohnfläche

pro Wohnung

in qm

Baualter

1958 bis 1968

(€ pro qm

Wohnfläche)

Netto-Wohnungsmieten

Baualter

2002 bis 2009

(in % der

Netto-Miete)

Baualter bis 1918

(in % der Netto-Miete)

allgemein

„Stilaltbau“

50 7,80 + 35,3 % + 6,4 % + 23,8 %

75 6,21 + 45,9 % + 8,0 % + 29,9 %

100 5,41 + 52,9 % + 9,2 % + 34,4 %

125 4,93 + 58,2 % + 10,1 % + 37,7 %

Wohnungsbau zwischen 1958 und 1968 sowie

in den unmittelbar davor und danach liegenden

Perioden liegt zu einem erheblichen Teil

in der Peripherie – außerhalb der gründerzeitlich

geprägten, dicht bebauten Innenstadtrandgebiete

mit Altbauten und eklektizistisch

anmutenden Neubauten. Stadtplanerische

Überlegungen für die Stadtrandgebiete müssen

daher die erwähnten Chancen, aber auch

die Risiken in sozialer Hinsicht, verantwortungsvoll

berücksichtigen.

uAlternative Strategien der Wohnbaulandentwicklung

Veränderungen werden in allen Politikbereichen

kritisch gesehen. Die Bewahrung des

vertrauten Status quo gilt im Allgemeinen als

erstrebenswert. Anders als in den langen Jahren

des Aufbaus eines kriegszerstörten Lan-

177


Die Autoren

Oliver Bormann

Architekt, Partner des Planungsbüros yellow z,

Berlin/Zürich

Ellen Dunham-Jones

Professor of Architecture and Urban Design am

Georgia Institute of Technology, Atlanta

Sean Hertel

Urban Planning Consultant, Toronto

Johann Jessen

Professor am Fachgebiet Grundlagen der Ortsund

Regionalplanung der Universität Stuttgart

Roger Keil

Professor, York Chair in Global Sub/Urban

Studies an der York University, Toronto

Elizabeth Kneebone

Fellow im Brookings Institution Metropolitan

Policy Program, Washington D.C.

Michael Koch

Professor für Städtebau und Quartiersentwicklung

an der HafenCity Universität Hamburg,

Partner des Planungsbüros yellow z, Berlin/

Zürich

Dieter von Lüpke

2003 bis 2014 Leiter des Stadtplanungsamts der

Stadt Frankfurt am Main

Stephan Reiß-Schmidt

Stadtdirektor, Leiter der Hauptabteilung

Stadtentwicklungsplanung im Referat für

Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt

München

Frank Roost

Leiter der Forschungsgruppe Metropolitane

Räume am ILS – Institut für Landes- und

Stadtentwicklungsforschung in Dortmund, ab

Herbst 2015 Professor für Stadt- und Regionalplanung

an der Universität Kassel

Stefan Siedentop

Wissenschaftlicher Direktor des ILS – Institut

für Landes- und Stadtentwicklungsforschung

in Dortmund und Professor für Stadtentwicklung

an der TU Dortmund

Maresa Schumacher

Architektin, Partnerin des Planungsbüros

yellow z, Berlin/Zürich

191

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