Die gesamte Ausgabe als PDF herunterladen - meins magazin

wp1111263.wp146.webpack.hosteurope.de

Die gesamte Ausgabe als PDF herunterladen - meins magazin

FeinSinn zaubert

I'm a Nerd, but that's OK!

Ein Semester in Bordeaux

Die Jagd nach neuen Planeten

Heft 19 ǀ Ausgabe 10/09 ǀ www.meins-magazin.de


meins

2 Inhaltliches

EchtZeit

FernSicht

ErkenntnisReich

FeinSinn

06 Die meins-WG mal ganz woanders

08 Befremdung, Toleranz und orangefarbene Gewänder

12 I'm a Nerd, but that's OK

14 Inception

15 Me Too

16 Trödeln – eine geheime Geldquelle

18 Über den Bachelorstudiengang Romanistik

20 Fotostrecke Skulpturenpark Köln

32 Istanbul – Ein Spaziergang durch Beyoğlu

34 Ein Semester in Bordeaux

34 Majiang und Mosquitos

38 Die Jagd nach neuen Planeten

40 Augen auf, beim Online-Kauf

40 Erdmännchen schlagen unüberhörbar Alarm

41 Landkinder haben weniger Heuschnupfen

44 Wenn du glaubst, du bist verrückt, wirst du

immer einen finden der verrückter ist

46 Telepathie

48 Wikipedia-Zauber

49 Playlist

50 Impressum

Inhalt

{

Hallo lieber Leser,

dieses meins-Heft zaubert ein bisschen. Nicht nur, um Euch, wie bei FernSicht, ver-

schwinden und in Istanbul, Bordeaux und China wieder auftauchen zu lassen.

Nein, wir zaubern Euch auch ein bisschen mehr Geld in die Geldbörse. Wie das geht,

könnt ihr auf Seite 16 lesen - das Trödeln ist das sehr beliebt.

Außerdem könnt ihr, apropos Geld, lesen, wie man günstigen Urlaub macht: die meins-

WG fliegt für wenig Geld nach Spanien.

Wenn ihr mal etwas anderes in Köln sehen wollt, lest Euch den Artikel über den Hare-

Krishna Tempel durch (S.8). Außerdem gibt es direkt danach etwas über Hipster zu er-

fahren. Die zaubern übrigens immer wieder neue Modetrends hervor - um dann meist

dafür ausgelacht zu werden.

ErkenntnisReich zaubert Euch neue Planeten herbei. Unter anderem einen, der von

Forschern der Uni Köln entdeckt wurde. Außerdem erfahrt ihr in den drei Kurzen eini-

ges wissenswertes rund um Heuschnupfen, Erdmännchen und Online Einkauf.

FeinSinn zaubert natürlich wie immer am meisten - den Kreativität ist doch nichts

anderes als Zauberei. Dazu gibt es wie immer Kurzgeschichten, Playlists und Gedichte.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch,

Simeon Buß

(stellvertr. Chefredakteur)

{

Editorial 3


EchtZeit


Bekanntlich geht ja alles irgendwann

einmal zu Ende, die Wurst

sogar an zwei Seiten. Manchmal

kann einen diese Erkenntnis

furchtbar traurig stimmen,

manchmal findet man es schade

und manchmal, ja manchmal

wartet man auf das Ende, bevor

alles eigentlich richtig

begonnen hat.

Dass zur letzten Kategorie definitiv das

vergangene Semester gehört, das steht

für die Meins-WG außer Frage. Gut, die

Meinungen gehen darüber auseinander,

wer von den Mitbewohnern wirklich Ferien

verdient hat und für wen sie lediglich eine

noch ereignislosere Variante der Vorlesungszeit

sind. Aber in einem Punkt stimmen

alle überein: Es wird Zeit für zweieinhalb

Monate akademischer Abstinenz. Schon

das gesamte Semester über haben unsere

Meinsler ausführliche Ferienplanungen

unternommen und zumindest in der Theorie

müsste ihr Tagespensum vor Hobbys und

Freizeitaktivitäten nur so bersten.

Eine nette Sache, diese Theorie, wenn ihr

Bruder, die Praxis, nicht häufig so ein Arsch-

Weitsinn EchtZeit

loch wäre. Dieser Praxis, oder auch Realität,

hat es die Meins-WG nämlich zu verdanken,

dass ihre Pläne nicht ganz so reibungslos

verlaufen, wie ursprünglich geplant. Um genau

zu sein, ist es sogar die Schuld der Uni,

denn die lässt die Studenten auch während

der Ferien dank Klausuren und Hausarbeiten

nicht ganz alleine. Wie ernst man

diese Ferienstolpersteine jetzt aber nehmen

muss, darüber wird in der WG durchaus

diskutiert. Eine solche Diskussion kann in

etwa so aussehen:

Akt 1

Ein Zimmer auf dessen Boden mehr Müll,

Klamotten und Flaschen liegen als Laminat.

Zwei unserer Meinsler hängen auf der

Couch und ziehen sich irgendwas im Fernsehen

rein. Auftritt Meinsler Nr. 3.

Meinsler 3: Ey Leute, habt ihr eigentlich

schon irgendnen Urlaub geplant?

Meinsler 1: Hmm, nä. Vielleicht n

Wochenende nach Holland oder so.

Hab keine Kohle.

Meinslerin: Wenn du die beiden

Hausarbeiten und die Klausuren für mich

schreibst, dann komme ich gerne mit.

mal ganz woanders

Meinsler 3: Ach kommt schon. Ich hab nen

super günstigen Flug gefunden. Hin und

Zurück für 43 Euro pro Nase. Nach Spanien.

Wird cool.

Klausuren kann man auch wiederholen und

jetzt tu nicht so, als wenn du nicht noch 3

Jahre Zeit hättest für die Hausarbeiten.

Meinsler 1: Ich hab trotzdem keine

Kohle. Hotel oder Ferienwohnung kostet

doch auch.

Meinsler 3: Wir müssen ja noch nix buchen.

Wir nehmen Rucksäcke mit und gucken,

wohin es uns verschlägt. Sieht man eh mehr

vom Land. Und wir könnten unser Spanisch

mal wieder aufbessern.

Meinslerin: Wo hast du nur immer so tolle

Ideen her …

Meinsler 1: Hm, na gut...ich bin dabei.

Meinslerin: Was? Ne, ich lauf doch nicht

quer durch Spanien. Das is viel zu heiß da

unten, um mit nem Rucksack unterwegs zu

sein. Und überhaupt …

Meinsler 1/3: Du bist dabei? Cool.

Zwei Wochen Spanien also. Ohne Hotel,

kein All-Inclusive Büffet und keine Schirmchendrinks.

Nicht ganz das, was sich

mancher Meinsler zunächst unter einem

gelungenen Urlaub vorgestellt hat, aber

man muss ja auch mal neue Erfahrungen

machen. Vom Geld sparen ganz abgesehen.

Schnell wird den Meinslern klar, dass so ein

Urlaub trotzdem mehr Planung in Anspruch

nimmt, als gedacht. Der billige Flug ist

schnell gebucht, aber danach müssen

Reiserouten und Hostels gesucht werden

und überhaupt braucht man ja ein paar

Infos über die Gegend. Gut, dass es dafür

inzwischen das Internet gibt, denn irgendwelche

Reiseführer sind zu teuer und bieten

immer nur dieselben Tipps an, wie man in

der jeweiligen Landessprache zu verstehen

gibt, dass man Durchfall hat.

Irgendwann ist es dann auch soweit. Die

Rucksäcke sind gepackt und die Reiseziele

raus gesucht. Endlich Urlaub, geil! Ab in

die Bahn, ab zum Flughafen und ab in den

Flieger. Ab nach Spanien.

Hm …

Oder vielleicht auch erst einmal ab an den

Arsch der Welt, um überhaupt das Flugzeug

zu finden. Manche Airlines sind billig,

nehmen es aber auch mit der Angabe ihres

Abflugorts nicht ganz so genau.

„Alter, das hier soll noch Düsseldorf sein?!

Wir sind bestimmt schon siebzig Kilometer

zu weit! Ich sehe hier keinen verdammten

Terminal, aber dafür jede Menge Kühe.“

„Mann, es heißt ja auch Düsseldorf-Weeze,

das liegt nun mal ein bisschen außerhalb.

Dafür war's billig. Und jetzt halt die Klappe

und fahr da vorne rechts. Ich glaub in einer

Stunde sind wir da ...“

Sieben Stunden später kommen unsere

Meinsler dann tatsächlich in Spanien an.

Natürlich auch dort nicht am Ort ihrer

eigentlichen Wahl, sondern einhundert

Kilometer davon entfernt. Aber immerhin

war es billig. Und irgendwie hat es etwas

abenteuerliches. Jedenfalls für Großstädter,

die es gewohnt sind in zehn Minuten von A

nach B zu gelangen.

Im Idealfall sollen Reisen ja auch immer

bilden und tatsächlich hat die Meins-WG

schon eine neue Lektion gelernt: Die Sache

mit der Vernetzung der Welt hat echt gut

geklappt. Keine lästigen Wochen- und Monatsreisen

mehr von Land zu Land. Es hat

sogar so gut geklappt, dass man vor lauter

Vernetzung doch wieder gefühlte Wochen

braucht, um an seinen Zielort zu kommen.

Aber egal, warum stressen? Immerhin sind

unsere Meinsler endlich angekommen in der

Sonne. Zwar, wie bereits erwähnt, eine ganze

Ecke von ihrem eigentlichen Ziel entfernt,

aber genau deswegen haben sie auch keine

zu genauen Pläne gemacht. Jetzt stellt sich

nur die Frage, wie man aus dem Nirgend-

wo raus kommt, in dem einen der Flieger

abgeworfen hat. Ein Mietwagen kostet und

auch zu Fuß gehen stellt sich nach ein paar

Kilometern in der prallen Sonne als gar nicht

mal so gute Idee heraus. Nach zwei Stunden

zu Fuß auf dem heißen Asphalt hat die

WG die Nase voll vom Laufen (es war nicht

die Meinslerin, die zuerst angefangen hat zu

nörgeln) und macht erst einmal Halt. Vielleicht

nimmt sie ja ein netter Autofahrer mit,

wenn sie sich schon selbst kein Auto mieten

können. Also steht einer unserer Meinsler

mit dummem Grinsen und ausgestrecktem

Daumen am Straßenrand und versucht auf

diese Weise irgendwie Mitleid mit drei abgerissenen

Gestalten zu erheischen. Scheinbar

sehen sie aber noch nicht verzweifelt genug

aus, denn kein einziger Autofahrer kann sich

erweichen für unsere Jungs anzuhalten.

Das merken die Meinsler auch nach einer

Stunde stehen, grinsen und warten. Und ihr

nächster Gedanke ist der einzig logische:

Wofür schleppen wir eigentlich eine Frau mit

uns herum?

Kurz darauf kommt dem weiblichen Teil

der WG also die ehrenvolle Aufgabe zu, an

der Straße zu stehen und gleichzeitig nett

und verzweifelt auszusehen. Dabei hilft ihr

vielleicht auch der Ärger über ihre beiden

männlichen Mitbewohner, die sich derweil

ihrerseits in einem Gebüsch wirklich unsichtbar

gemacht haben.

Ein Trick, der echt gut funktioniert, denn

kurz darauf sitzen sie auf der Ladefläche

eines Kleinlasters, dessen Fahrer zunächst

gar nicht so begeistert war über die männlichen

Mitfahrer aus dem Gebüsch.

Jetzt redet er aber fröhlich und in unverständlichem

Spanisch-Kauderwelsch auf die

Meinslerin ein, die es sich auf dem Beifahrersitz

bequem gemacht hat, während sich

die Jungs mitsamt ihren Rucksäcken und

dem Bauschutt auf der Ladefläche arrangieren

müssen. Ihr Fluchen kann die Meinslerin

leider über den spanischen Wortschwall und

die genauso spanische Pop-Schmieren-Musik

aus dem Radio nicht hören. Eigentlich

doch ein ganz guter Urlaubsanfang.

Später werden in diesem Urlaub noch

diverse Fälle von Autopannen, Kakerlaken

und Badezimmern, Handydieben und

vermeintlich giftigen Tieren vorkommen.

Ach ja und zwischendurch werden sich

die Meinsler auch noch wünschen, sie

hätten den teuren Reiseführer mit den zehn

verschiedenen Bezeichnungen für Durchfall

gekauft. Aber das alles gehört in die Welt

der Anekdoten und als die Drei an einem

ihrer letzten Abende am Wasser sitzen und

sich die Urlaubsfotos nicht zum ersten Mal

durch gucken, hätten sie nicht übel Lust,

den Flieger ohne sie starten zu lassen.

Keine spanische Landstraße könnte einem

so viel Zeit stehlen, wie eine Hausarbeit.

Felix Schledde

EchtZeit


Befremdung, Toleranz und orangefarbene Gewänder:

Als ich an der Haltestelle Kalk-Post aussteige,

weiß ich: jetzt gibt es kein Zurück

mehr. Aber ich hatte es mir ja selbst ausgesucht.

Mit meinem grün-grau gestreiften

Longsleeve und meiner khakifarbenen Hose

mache ich mich auf den Weg zum Sonntagsfest

im Kölner Hare-Krishna-Tempel

in der Taunusstraße. Extra hatte ich darauf

geachtet, dass meine Kleidung nicht zu

materialistisch aussieht, was grotesk ist,

denn Kleidung ist per definitionem materiell.

Wenigstens keine auffälligen Labels, nichts

Körperbetontes; bei meiner Tasche hatte ich

es nicht ganz geschafft: ziemlich selbstbewusst

ziert sie eine metallische Plakette mit

dem Namen einer recht teuren italienischen

Marke. Ich habe nur die eine, also musste

ich sie wohl nehmen.

Ein ganzes Stück muss ich auf

der Taunusstraße noch zurücklegen. Ich

komme vorbei an einem marokkanischen

Café, einer leer stehenden Shisha-Lounge,

einem arabischen Teeladen, einer kölschen

Kneipe und zahlreichen türkischen Geschäften.

Zwar hat die Hare-Krishna-Bewegung

mit dem Islam wenig zu tun, aber ich

wundere mich nicht, dass sich der Tempel

ausgerechnet hier befindet. Auf der anderen

Straßenseite sehe ich vor einem Haus, das

aussieht wie jedes andere, mehrere Inder in

feierlichen Gewändern: ich bin angekommen.

Ich wechsele die Straßenseite, gehe

auf die Gruppe zu, doch sie nehmen mich

nicht wahr. Etwas abseits von ihnen steht

eine westlich aussehende Frau. Sie hat

schulterlange hellbraune Haare mit ein paar

grauen Strähnen, sie trägt helle, farblose

Kleidung, ein Armband aus Holzperlen und

eine dazu passende Kette. Wie sie da steht

und mit den Händen etwas nervös an ihrer

dünnen handgefertigten Stofftasche spielt,

merke ich: sie ist auch neu. Ich spreche sie

an und sie stellt sich mir als Angelika vor, sie

möchte einfach mal hier vorbeischauen, um

sich ein Bild zu machen. Manche Klischees

werden halt erfüllt.

An dem Haus, vor dem wir stehen,

dem Kölner Tempel, der „Gauradesh“

EchtZeit

genannt wird, prangt ein großes Logo von

ISKCON, der International Society for Krishna

Consciousness. Dies ist der offizielle

Name der Hare-Krishna-Bewegung, die

1966 mit der Gründung des ersten Tempels

in New York begann und zunächst in Nordamerika,

aber schnell auf der ganzen Welt

bekannt wurde. Die Organisation ist zwar

neu, stützt sich aber auf eine Philosophie,

die Jahrtausende alt ist. Das wichtigste

Schriftstück, die Bhagavad-Gita, ist bereits

einige Jahrhunderte vor Christus entstanden;

die zugrundeliegende Philosophie der

Veden ist aber noch sehr viel älter. Nicht

nur für ISKCON hat die Bhagavad-Gita

eine hohe Relevanz: von allen hinduistischen

Glaubensrichtungen wird sie als

eine der wichtigsten Schriften betrachtet;

als philosophisches Werk findet sie auch in

der westlichen Welt Beachtung. Einer der

Grundsätze und damit das hohe Ziel der

Hare-Krishna-Anhänger ist die Entsagung

allen Materialismus und die Selbsterkenntnis

der Seele sowie deren Verbindung zu

Gott (Krishna).

Angelikas und mein Ziel ist

es erstmal, ins Gebäude zu gelangen.

So schwer ist das nicht, die Tür ist auf.

Wir gehen rein, ich schaue mich um, will

irgendwas in der Hand haben, nehme mir

einen der Flyer des „Gauradesh“-Tempels,

die auf einer Ablage liegen. Plötzlich kommt

Keshava, der Tempelpräsident, auf mich zu.

Mit Keshava hatte ich vorher Mailkontakt,

er wusste, dass ich komme und dass ich

diesen Artikel schreiben werde. Als ich mich

vorstelle, leuchten seine Augen: „Ach du

bist Dennis“, sagt er, legt zur Begrüßung

die Hand an meinen Oberarm. Er erklärt mir,

wann das Fest beginnt, wo ich hingehen

soll. Plötzlich fühle ich mich wohl. Ein Mann

in einem orangefarbenen Gewand kommt zu

uns. „Das ist Rupa“, sagt Keshava. „Hallo“,

sage ich. „Hare Krishna“, sagt Rupa. Dann

kommt noch einer, etwas jünger als ich, in

weißem Gewand. „Hare Krisha“, sage ich,

es fühlt sich komisch an. „Hare Krishna,

Dennis. Wir kennen uns schon!“ Es ist Jan.

Wegen ihm bin ich überhaupt hier. Vor drei

mein Tag bei den Hare-Krishnas

Monaten trafen wir uns in der Weimarer

Fußgängerzone, er verkaufte dort Bücher.

Vedische Literatur. Ich hatte Zeit, blieb

stehen, wir kamen ins Gespräch. Ich hatte

die Idee, den Kölner Tempel zu besuchen

und darüber zu schreiben, wir tauschten

Kontaktdaten aus und jetzt stehe ich wieder

vor ihm. Jan führt mich die Treppe hinauf

zum Tempelraum.

Ich ziehe meine Schuhe aus und

betrete den schönen Parkettboden, auf dem

Sitzkissen liegen. Der Duft von Räucherstäbchen

ist in der Luft. An dem einen Ende

des Raumes ist ein Altar aufgebaut. Mit frischen

Blumen geschmückt stehen auf dem

Altar zwei Figuren, Deities (von engl. deity:

Gottheit), die aussehen wie festlich gekleidete

hinduistische Tänzerinnen. Am anderen

Ende des Raumes sitzt eine ziemlich gut

getroffene, sehr detailliert ausgearbeitete

Statue von Prabhupada, dem Gründer von

ISKCON.

Der damals 69 Jahre alte Inder

setze den Startschuss für eine Bewegung,

die in der im Umbruch befindlichen amerikanischen

Gesellschaft zu einer Modeerscheinung

wurde, aber schnell auch Europa

erreichte: schon 1969 wurde in Hamburg

der erste ISKCON-Tempel eröffnet. Die

Hare-Krishna-Anhänger tauchten plötzlich

tanzend und singend in den Fußgängerzonen

auf; in der Popkultur waren sie präsent:

allen voran arbeiteten die Beatles Ideen

der Krishna-Philosophie in ihre Songs

ein. Aber nicht nur textlich, auch konkret

musikalisch findet sich beispielsweise das

Hare-Krishna—Mantra in den Backing

Vocals zu „My sweet Lord“ wieder. Kein

Wunder, denn George Harrison, Beatles-

Gitarrist, war ein Devotee, ein Eingeweihter

in den Glauben Krishnas. Doch schon in

den 1970er Jahren machte die Bewegung

extrem negative Schlagzeilen. Waffenbesitz,

Gehirnwäsche, Drogenhandel, Ausbeutung

wurde den Mitgliedern vorgeworfen. 1974

wurde das deutsche Krishna-Zentrum im

Taunus durchsucht, es wurden Waffen

sichergestellt. Ein großer Missbrauchsskan-

dal an Krishna-Privatschulen in den USA

kam in den 90ern ans Licht. Das Bild, das

sich die Öffentlichkeit von ISKCON machte,

verschlechterte sich drastisch, der Aufschwung

der Anfangsjahre war vorüber. Lebensphilosophie?

Religionsgemeinschaft?

Wirtschaftsunternehmen? Sekte? Destruktiver

Kult? Doch auch heute noch, 2010, ist

die Bewegung aktiv, das kann ich gerade

bezeugen.

Ich setze mich auf eines der

Sitzkissen und warte mit etwa zehn anderen

Menschen auf den Beginn der Zeremonie.

Bis jetzt ist der Großteil der Anwesenden,

gerade mal ein Dutzend, offensichtlich

indischer Herkunft, doch das soll nicht so

bleiben. Keshava betritt den Raum, begrüßt

mit seiner wirklich charismatischen Art alle

Gäste. Für die wenigen, die zum ersten Mal

gekommen sind, erklärt er kurz den Ablauf

des Festes und schon geht es los.

Den ersten Teil bildet das Chanten

(=Singen) des Hare-Krishna-Mantras.

Keshava singt, begleitet von Jan an einer

Mridanga, einer speziellen indischen

Trommel, den immergleichen Vers in jeweils

unterschiedlicher Melodik und Rhythmik.

Anschließend wiederholen wir alle seinen

Gesang. Da ist er, der Mantra-Gesang, eines

der Markenzeichen der Bewegung, das in

der Kritik steht, bewusstseinsverändernde

Funktion zu haben. Gehirnwäsche, so das

große, böse Wort. Immer wieder beginnt

Keshava den Vers, immer wieder wiederholen

wir ihn. Ich warte darauf, dass mir

langweilig wird. Aber mir wird gar nicht langweilig.

Der Mantra-Gesang steigert sich in

Lautstärke, Tonhöhe und Tempo: die Musik,

die diesen Raum erfüllt, ist dynamisch,

mitreißend, fast ekstatisch. Dann fängt

Keshava die Spannung ab, singt das Mantra

wieder tiefer, leiser, langsamer. Jan passt

sich an, wir passen uns an. Währenddessen

füllt sich der Raum. Sehr unterschiedliche

Menschen kommen zum Fest: junge Menschen,

alte Menschen, Deutsche, Ausländer,

einige Frauen in bunten Gewändern,

andere unauffälliger, ein Jugendlicher mit

einer knielangen Schwimmhose und einem

ausgewaschenen T-Shirt, ein Inder in einem

langen hellbraunen Gewand, ein Deutscher

mit schulterlangen Haaren und einem Stirnband.

Eines aber haben alle gemeinsam:

sie betreten den Raum und knien sich auf

den Boden, küssen ihn, halten inne, stehen

wieder auf, begrüßen andere Festgäste,

freuen sich über den Gesang, strahlen,

und setzen sich auf die Sitzkissen. Bin ich

in Köln? Wieder steigert sich der Gesang,

es wird wieder laut, hoch, mitreißend. Ein

paar Anläufe nimmt Keshava noch und erst

nach einer knappen Stunde ist der Gesang

vorbei.

Was mich am meisten wundert –

und weshalb ich mich trotz aller Fremdheit

hier irgendwie wohlfühle – ist die Ungezwungenheit

und Selbstverständlichkeit

mit der diese Zeremonie bisher abläuft.

Keshava geht ans Mikrofon und kündigt

den anschließenden Gastredner an. Dieser

geht nach vorn, setzt sich in seinem weißen

Gewand neben den Altar und begrüßt die

mittlerweile mehr als fünfzig Gäste. Der

Raum ist voll. Nikhilananda heißt der Mann,

der da vor uns sitzt. Er beginnt zu predigen

von dem, was ihn in den letzten Wochen

inspiriert habe. Ich kann nicht ganz folgen,

sein Vokabular ist ungewöhnlich. Was ich

verstehe, ist, dass es ihm grundsätzlich

darum geht, die Missstände der materiellen

Welt aufzuzeigen und stattdessen die Liebe

regieren zu lassen. Er hat natürlich einen

guten Aufhänger in diesem Zusammenhang:

Die Ratha yatra [eine festliche Parade, in

der die ISKCON-Anhänger durch die Stadt

ziehen] ist die eigentliche Loveparade.“ Man

habe ja wieder einmal gesehen, dass das

Verhalten der materiellen Menschen zum

Verderben führen kann. Er lacht sehr viel,

nickt beständig mit dem Kopf, um seine

Aussagen zu unterstreichen. Ich kann mir

nicht helfen, ich mag ihn nicht. In einem anderen

Zusammenhang rutscht ihm das Wort

„Neger“ heraus. Er merkt, dass das irgendwie

unpassend war; er fügt hinzu: „Wie sagt

man auf Deutsch? Schwarze? Darf man das

so sagen?“. Ich rätsele, welche Sprache

seine Muttersprache sein mag. Er hat einen

ziemlich deutlichen amerikanischen Akzent.

Aber seine Sprachmelodie erinnert an Dieter

Bohlen. Später erfahre ich: er ist Hamburger

und seit langer Zeit viel als Prediger

unterwegs – auch im Ausland, wo er meist

Englisch spricht. Plötzlich fällt das Wort

„Verrückter“, auch diesmal verbessert er

sich: „Oder, Moment, ich sollte wohl besser

sagen…’mentally challenged’, ein Psychopath,

schizophren“, und ich frage mich,

ob die Menschen um mich herum auch

merken, welche Begriffe da gerade in einen

Topf geworfen wurden und wie grundlegend

sich ihre Bedeutungen tatsächlich unterscheiden.

Dieser Mann war direkter Schüler

Prabhupadas, dem Gründer ISKCONs.

Nachdem Nikhilananda fertig gesprochen

hat – er hat seine Zeit überzogen,

EchtZeit


denn in Köln fühle er sich immer so inspiriert

– ist der dritte Teil des Sonntagsfestes an

der Reihe: eine Altarzeremonie mit Gesang

und Tanz. Keshava und Jan sind wieder

für die Musik verantwortlich. Diesmal aber

sind alle Sitzkissen weggeräumt, wir stehen

im Raum. Die Männer auf der linken, die

Frauen auf der rechten Seite. Wie eben beginnt

der Gesang verhalten, er steigert sich

aber immer mehr. Einige haben Schellen in

der Hand, die sie rhythmisch gegeneinander

schlagen, fast alle im Raum singen, viele

bewegen sich. Immer mehr tanzen, hüpfen.

Ein Mann in einem braunen Gewand kommt

fröhlich auf mich zu, fordert mich auf, richtig

mitzumachen. Ich tanze, hüpfe nun auch,

ein bisschen Spaß macht es zwar schon.

Ich bin aber nicht ganz hier im Raum,

ich gucke auch von außen auf das, was

gerade geschieht. Verkleidete Menschen

tanzen und singen zu Musik, vorne am Altar

vollführt eine Frau in rosafarbenem Gewand

mir unbekannte Rituale mit Blumen. Ich

sage mir, Karneval ist doch eigentlich nichts

anderes. Aber es ist mir bekannter. Und ich

bin mir auch nicht so sicher, dass Karneval

nichts anderes ist. Das Fremdheitsgefühl,

das ich nach der ersten Begegnung mit

Keshava weitgehend abgelegt hatte, wächst

wieder. Die, die vorne in der ersten Reihe

tanzen, direkt vor dem Altar, sind wirklich

ekstatisch. Schweiß läuft ihnen das Gesicht

herunter. Eine Polonaise bildet sich. Ich

bin mitten drin. Ein kleiner Junge, vielleicht

vier Jahre alt, ist hinter mir. Er hält sich an

meiner Hose fest. Als die Polonaise sich

auflöst, verlasse ich den Raum, gehe zur

Toilette. Im Flur steht Nikhilananda. Ich frage

mich, warum er nicht mittanzt. Müsste er

nicht der Enthusiastischste von allen sein?

EchtZeit

Nach meinem Toilettengang betrete ich

wieder den Raum. Die Stimmung ist etwas

weniger euphorisch als vorhin. Zum Ende

des Tanzes kommt Nikhilananda dann doch

noch in den Raum und tanzt mit.

Der Akt ist vorbei, das Festessen,

genannt „prasadam“, geheiligtes Essen,

steht nun auf dem Plan. Die Sitzkissen

werden wieder auf dem Boden verteilt, aber

sofort kommt Rupa zu mir. Es war vereinbart,

dass ich noch mit Keshava spreche,

über das Leben ganz konkret hier im Kölner

Tempel. Keshava hatte nun stattdessen

Rupa gebeten, das Gespräch zu führen.

Nicht mit den anderen also im Tempelraum,

sondern im Erdgeschoss an einem richtigen

Tisch essen wir. Wir sitzen in den Räumen

eines ehemaligen Restaurants und jetzigen

Catering-Service, den ISKCON betreibt und

der Kindergärten unterschiedlicher Trägerschaft

mit Essen versorgt. Jan kommt dazu,

es ist eine nette Runde. Das Essen ist fantastisch.

Rein vegetarisch, das versteht sich

von selbst, denn die Hare-Krishna-Anhänger

verzichten auf alles, was dem Körper nicht

gut tut: Fleisch und jede Art von Drogen,

auch Alkohol, Nikotin, sogar Koffein stehen

auf der Liste der verbotenen Substanzen.

„Der Körper ist das Haus unserer Seele,

deswegen sollten wir ihn nicht vergiften“,

erklärt Jan später. Wir essen ein Bohnen-

Ingwer-Gericht, Reis mit Erbsen und

Koriander, Gemüse ummantelt mit Teig, eine

Joghurt-Gurke-Sauce, eine süße Grießnachspeise

mit Trauben und Walnüssen. „Man

nennt uns auch ‚kitchen religion’“, sagt Jan.

Wie ist der erst 19jährige zu

ISKCON gekommen? „Ich war in Bayern

auf einer Institution, die nennt sich Gymnasium“,

erklärt er zynisch, aber nicht

unsympathisch, „da gab es einen Unterricht,

der nannte sich Biologie und da gab

es ein Thema, das nannte sich Evolution.“

Die Evolutionstheorie habe er schon immer

als lückenhaft und nicht nachvollziehbar

empfunden. „Wenn du in den Wald gehst

und eine Uhr findest, dann wirst du nicht

bezweifeln, dass jemand sie hergestellt hat,

oder?“ „Nein“, sage ich, gespannt. „Wir

stimmen alle darin überein, dass Dinge nicht

einfach so da sind. Wir sind überzeugt,

dass jemand sie gemacht hat. Warum sollte

also diese perfekt funktionierende Welt

einfach so entstanden sein? Irgendeine Art

von höherer Intelligenz muss sie erschaffen

haben.“ Ihm sei klar geworden, dass die Gesellschaft,

das „System“, ihn krank machte.

Also hat er nach Alternativen gesucht. „Ich

habe erst einige Esoterikgruppen besucht,

aber das war nicht das Wahre.“ Der Plan,

nach Indien in ein Kloster zu gehen, reifte.

Doch dann stolperte Jan über Bücher von

Armin Risi, der in Zürich in einem ISKCON-

Tempel lebte. Seine Bücher schienen im

faktisch, logisch, intelligent; er fand in ihnen

das, wonach er suchte. Also machte er sich

auf den Weg in die Schweiz und zog mit

Ende 17 in eben diesen Tempel. Die besondere

Stimmung in der Villa auf einem Hügel

mitten in der Stadt habe ihn sehr beeindruckt.

Jetzt lebt Jan im Leipziger Tempel.

Er ist Novize und wartet darauf, dass sein

Tempelpräsident befindet, dass er bereit

ist, Mönch zu werden. Es gebe dafür keine

Prüfung; durch die Beobachtung seines

Verhaltens werde der Präsident irgendwann

seine Entscheidung treffen. Dann wird Jan

sein weißes gegen ein orangefarbenes,

safran-gefärbtes Gewand eintauschen, so

wie Rupa. Die Farbe zeigt: ich entsage mich

Allem – in Indien werden Leichen mit safrangefärbten

Tüchern eingewickelt.

Jans Erzählungen von seinem Alltag

zeigen, wie weit „Entsagung“, wie er es

selbst nennt, schon jetzt geht. Meistens ist

er gar nicht im Tempel, sondern unterwegs:

seine Hauptaufgabe ist es, Bücher zu verteilen

und die vedische Literatur, die Philosophie

der Hare-Krishna-Bewegung bekannter

zu machen. So fährt er mit einem Van von

Stadt zu Stadt, schläft in ihm und lebt in

ihm. Wir gehen vor die Tür, er zeigt mir den

Wagen. Ich bin sehr beeindruckt, hier gibt

es wirklich nur das Nötigste. Bücherkisten,

darauf Holzplatten und dünne Isomatten, ein

paar Schubladen, eine winzige Kochplatte

und eine ebenso winzige Spüle. Außen, am

hinteren Teil des Wagens, ist ein Schlauch

mit einem Duschkopf befestigt. „Das ist

unsere Dusche. Wir stehen ja sehr früh auf

[4.30 Uhr], also stören wir auch keinen.

Außerdem duschen wir nicht nackt, wir

haben immer noch ein Tuch an.“ Zu seiner

Mutter, bei der er aufgewachsen ist, hat Jan

noch immer guten Kontakt, sie hat ihn sogar

besucht, in Zürich und auch in Leipzig.

„Und? Kommt sie damit klar, dass ihr Sohn

ein Hare-Krishna ist?“ – „Am Anfang war es

schwer. Aber jetzt sieht sie, dass es mir gut

geht und das ist für sie das Wichtigste.“

So ganz habe ich die Struktur, die

Aufgabenverteilung innerhalb des Tempels

nicht verstanden. Rupa erklärt es mir. „Es

gibt den Tempelpräsidenten, der in eigener

Verantwortung den Tempel leitet, allerdings

unter bestimmten Richtlinien. Ein einheitliches

Erscheinungsbild, eine einheitliche

Organisationsstruktur ist das Ziel.“ So muss

auch das wöchentliche Sonntagsfest organisiert

werden und zum Beispiel die jährlich

stattfindende Ratha Yatra, der festliche

Umzug durch die Kölner Innenstadt, den Nikhilananda

als die „eigentliche Loveparade“

bezeichnete und bei der die Hare-Krishnas

tanzend, singend und mit bunten Kostümen

die Toleranz der Fußgänger auf den

Prüfstand stellen. Das nächste Mal am 11.

September. „Im Tempel leben dann Mönche

wie ich“, fährt Rupa fort. „Ich zum Beispiel

übernehme viele Hausmeister-Tätigkeiten,

koche aber auch oft, betreue Gäste und

halte Vorlesungen, verteile Bücher.“ Darüber

hinaus gibt es Haushälter, die verschiedene

Aufgaben im Tempel übernehmen und

Gemeindemitglieder, die häufig Familie und

Beruf haben. Sie unterstützen den Tempel

finanziell und helfen bei Festen. Als ich

nun in den Raum stelle, dass das doch ein

hierarchisches System sei, erwidert Rupa

sofort sehr bestimmt, dass es gewiss hierarchische

Züge gebe, aber dass es sich dabei

eben nicht um die Art von Hierarchie handle,

die es in der materiellen Welt gibt. Es sei

keine Machtstruktur „im eigentlichen Sinne“,

denn niemand in der Organisation habe die

Macht, einen anderen zu etwas zu zwingen,

das dieser absolut nicht will. Es gehe dabei

viel um „love and trust“, um Liebe und

Vertrauen, auch zum Beispiel im Umgang

mit Spenden. Genau in diesem Moment,

wie bestellt, bringt einer der Festgäste eine

kleine Schüssel mit einer überschaubaren

Menge an Geld, die die Mitglieder gerade

für das Fest und insbesondere das Essen

gespendet hatten. Wir alle am Tisch lachen

über sein Timing.

Jan und besonders Rupa liegt

sehr viel daran, dass ich ihre Philosophie

verstehe. Immer wieder kommen sie auf die

philosophischen Grundgedanken zurück,

denn das sei es ja, weshalb sie hier sind.

Ähnlich wie Jan konnte auch Rupa den

Materialismus in der Gesellschaft nicht mehr

ertragen. Er sei katholisch groß geworden,

habe aber nie eine echte Beziehung

zur christlichen Gemeinschaft aufbauen

können. „Das Christentum ist für mich keine

spirituelle, sondern eine soziale Institution.“

Der dortige Dualismus, Gut und Böse, sei

ihm außerdem schon immer fremd gewesen.

„Das Christentum kann nicht erklären,

warum es das Böse auf der Welt gibt,

obwohl Gott ja allmächtig ist und das Gute

will“, sagt er, „also braucht es den Gegenpart:

die Hölle.“ Das Christentum, sagt er,

sei eigentlich viel radikaler als die Hare-

Krishna-Philosophie. Aber kein Christ lebe

diese Philosophie im eigentlichen Sinne.

„Fast alle Menschen definieren sich nur über

ihren Körper, ihre Wünsche sind materieller

Natur.“ Das ist die Oberflächlichkeit,

die Rupa so weit wie möglich zu meiden

versucht. Mit Definition über den Körper

meint er dabei allerdings längst nicht nur die

Fixiertheit auf eine perfekte, fettminimierte

Hollywood-Figur, sonnengebräunte Haut

und Markenkleidung – auch Wünsche wie

„Ich will ein guter Sänger/Ingenieur/Schreiner/etc.

werden“ seien insofern materiell, als

dass sie sich auf eine Rolle beziehen, die

der Körper erfüllt. „Das sind Hirngespinste,

sentimentale Träumereien. Genau das also,

was uns immer vorgeworfen wird!“ Der

Körper sei schließlich stets im Wandel. „Mit

7 Jahren sagt jemand ‚ich’ und meint damit

seinen Körper. Mit 18 sagt er immer noch

‚ich’ und meint immer noch seinen Körper.“

Dabei sind die Zellen aber nicht mehr die

gleichen, sie sind eine Kopie der vorherigen.

Im Tod müsse jedes Lebewesen seinen

Körper sogar ganz loslassen. „Deshalb

konzentrieren wir uns auf das Konstante

und das, was uns wirklich ausmacht: unsere

Seele. Wir versuchen, sie zu erkennen. Sie

ist alles, was nach dem Tod bleibt.“

Aber warum diese Gemeinschaft,

warum diese Kleidung, warum braucht man

ISKCON, um diese Philosophie zu leben?

„ISKCON gibt uns eine Art Dach, gibt

uns die Möglichkeit, Spiritualität zu leben

in dieser westlichen Welt, die so wenig

spirituell ist.“ Er betont dabei genau dieses

Wort: Gemeinschaft. Ein Wort, das etwas

so Positives meint, im Zusammenhang mit

Sekten aber immer einen bedrohlichen Unterton

hat. Den Begriff „Sekte“ habe ich im

Gespräch wie im Artikel bislang vermieden.

Jan ist es, der ihn beiläufig ins Spiel bringt.

Als ich darauf eingehe und nachfrage, ob

ISKCON denn nun als „Sekte“ bezeichnet

werden kann, weist mich Rupa scharf zurück.

„Wir sind Vertreter einer Jahrtausende

alten Tradition.“ In der Tat gibt es weltweit

renommierte Religionswissenschaftler, die

den Bezug zur Tradition der Veden bestätigen.

Aber es gibt auch die Gegenstimmen:

die „Elterninitiative Sekten e.V.“ mit Sitz in

Leverkusen zum Beispiel, die ISKCON als

„destruktiven Kult“ bezeichnet und erschütternde

Erfahrungsberichte ehemaliger Devotees

auf ihrer Internetseite veröffentlicht.

Das alles spielt für mich in diesem

Moment eine untergeordnete Rolle. Ich fühle

mich akzeptiert von den Menschen, in deren

Gegenwart ich nun seit sechs Stunden bin,

gut zwei Stunden schon sitze ich alleine mit

Jan und Rupa zusammen. Wir machen noch

ein Foto, gehen dafür in den Tempelraum,

der wieder leer ist und aufgeräumt. Wir stellen

uns vor die Statue Prabhupadas, ich bin

erstaunt, dass wir davor ein Foto machen

dürfen. Der Ort kommt mir dafür irgendwie

zu heilig vor. Als wir die Treppe hinunter

gehen und die Verabschiedung naht, frage

ich mich, wo Keshava eigentlich ist. Seit

Ende der Tanzzeremonie vor mehr als zwei

Stunden habe ich ihn nicht mehr gesehen.

Ich gehe an zwei jungen Männer vorbei, die

in gewöhnlicher Straßenkleidung im Flur

stehen und schnappe nur einen Gesprächsfetzen

auf: „…weißt du, mich Krishna völlig

hinzugeben“, sagt einer. Ich verabschiede

mich von Jan und Rupa, bedanke mich für

das schöne, intensive, anregende Gespräch.

Wir geben uns die Hand und Jan

sagt „Tschüss“.

Da bin ich wieder allein auf der

Taunusstraße, es dämmert allmählich.

Mein Kopf ist vollgestopft mit Gedanken

und vielen, vielen Bildern. Ich fühle mich

inspiriert, würden Jan und Rupa vermutlich

sagen. Ich will noch nicht sofort nach

Hause, setze mich in eine arabisch geführte

Pizzeria, bestelle einen Milchkaffee und hole

mein Notizbuch aus der Tasche. Der Kaffee

schmeckt gut, aber mein Notizbuch kommt

mir unnötig teuer und unnötig schön vor.

Ich fühle mich materiell. Die Philosophie,

sich über seine Seele zu definieren. Das hat

doch was, das stimmt schon, denke ich. Ich

bin verwirrt. Schon morgen werde ich mein

Notizbuch wieder weniger unnötig schön

finden. Ich weiß nicht, ob mich das beruhigt

oder beunruhigt.

Text und Bilder: Dennis Große-Plankermann

EchtZeit


I’m a Nerd, but that’s OK

Es ist zur gängigen Modeerscheinung

westlicher Medien geworden

über Hipster zu schreiben.

Überall ließt man unter dem

Stichworten Hornbrille, Jutebeutel

oder Animal Collective von

einer Gruppe mehr oder weniger

junger Leute mit einem nahezu

krampfhaften Drang zum

ironisch Gebrochenen. Dabei

geht es größtenteils eigentlich

nur darum zu zeigen wie wenig

Menschen mit extrem engen Hosen

eigentlich darstellen. Leider

besitzt ein Artikel in diese Richtung

meist den Tiefgang eines

Mario Barth Auftritts. Kennste?

Sicher, man kann ewig über des Kaisers

neue Kleider schreiben - jedoch weiß der

verständige Leser bereits nach einem Artikel,

dass der gute Mann wohl einfach nur

nackt ist.

Insgeheim wussten das die Meisten wohl

ohnehin schon.

Der Trend „Hipster“ selbst scheint sein

Haltbarkeitsdatum längst überschritten zu

haben.

Dies ist leicht zu erkennen, blickt man allein

hinter die Kulissen der Hausmarke des

modernen Szenemenschen, „American

Apparel“, zeichnet sich ein katastrophales

Bild. Neben diversen Klagen aufgrund sexueller

Belästigung und einem Rechtsstreit

mit Woody Allen musste das Unternehmen

im letzten Jahr 1500 Arbeiter entlassen, die

ohne Arbeitserlaubnis in den USA illegal beschäftigt

wurden. Dazu kommen sinkende

Verkaufszahlen, Probleme in der Buchhaltung

und dementsprechend ein Aktienkurs

auf Talfahrt.

Das was übrig bleibt findet sich vollständig

bei H&M und Mumford & Sons. Fein

säuberlich portionierte Happen jugendlicher

Subkultur für 14, 95 Euro das Stück. Kein

12 EchtZeit

schlechter Schnitt für eine Generation der

stets nur angedachten Ideen. Einer Generation

voll von verschwendetem Potenzial.

Rückblickend betrachtet wurde man wohl

schlichtweg Opfer der Möglichkeiten. Statt

Qualität galt Quantität. Man musste möglichst

viel und am Besten noch gleichzeitig

machen, schließlich gab es viel zu viel zu

verpassen. Warum auf einer Party bleiben,

während man zwei andere verpasste,

warum ein Buch lesen wenn in der gleichen

Zeit 30 Wikipedia-Einträge zu schaffen

waren?

Denn nach außen zählte nur die Oberfläche,

das kennen oder das nicht kennen,

fernab vom tatsächlichen Wissen. Die

Handlung an sich wurde zum angestrebten

Zweck, während das Ergebnis sich als

nebensächlich darstellte. Das dadurch nie

Nachhaltigkeit entstehen konnte liegt auf

der Hand. Insofern scheint es auch nicht

verwunderlich dass dieses von Anfang an

schlecht konstruierte Gebilde nun langsam

Stück für Stück in sich zusammenfällt um

Platz für etwas Neues zu schaffen. Oder

vielleicht sogar Platz für etwas Altes. Denn

wenn Hipster in all der Zeit eine gute Sache

bewirkt haben, dann ist es die Kultivierung

des Internets und die Idealisierung des

gemeinen Nerds.

Erst vor kurzem habe ich in einem alten

Playboy von 1996 einen Beitrag über

die „Digitalen Deppen“ gelesen. In dem

Artikel amüsiert Petra Reski sich über die

Lächerlichkeit eines Netzes, das zu 90 %

von Männern bevölkert wird, spottet über

die Trivialität von Chatrunden und hält das

Internet in Wahrheit lediglich für eine simple

Bezugsstelle für schlechte Pornografie.

Vergleicht man diese Einschätzungen mit

dem heutigen Bild des Web 2.0, kommt

man nicht umhin die radikalen Änderungen

zu bemerken. Vor allem im Bereich der 10-

24 Jährigen wird das Internet heutzutage

fast zu gleichen Teilen von Männern und

Frauen bevölkert, durch Dienste wie Twitter,

Facebook oder StudiVZ werden völlig neue

Ebenen der bedeutungslosen Kommunika-

tion erklommen und besonders pornografische

Inhalte finden allgemein eine immer

größere Anerkennung.

Wer wenn nicht Hipster haben an diesem

Imagewandel maßgeblich beigetragen. Man

denke einfach an die zahlreichen Musik-,

Mode- und Fotografieblogs, tumblr, Last.fm

oder die künstliche Aufplusterung in sozialen

Netzwerken. Dazu kommt der Konsum

moderner, geeklastiger US und UK Serien

wie „O.C. California“, „Big Bang Theory“,

„the IT Crowd“, „Spaced“ oder „How I met

your mother“, der maßgeblich zu deren

Erfolg beiträgt. Auch fallen die optischen

Parallelen zum Nerd schnell ins Auge.

Große Brille, enge Kleidung an einem dürren

Körper, blasse Haut und ein unmöglicher

Haarschnitt? Der typische Nerd wird quasi

so geboren!

Der Szenemensch von Heute wird sicherlich

schnell wieder in Vergessenheit geraten,

doch dafür traue ich seinen Erben noch

Großes zu. Betrachtet man allein die letzten

Präsidentschaftswahlen in Amerika und den

ersten Nerd im weißen Haus, erhält man

schon einen Ausblick darauf, was die Internetcommunity

noch alles erreichen kann.

Wer weiß, vielleicht schlüpft am Ende aus

dem Kokon engsitzender Textilien noch ein

wunderschöner Schmetterling

Philip Schweers

Hipster ist die Bezeichnung für eine

„Subkultur“, die ihren Weg aus Berlin

in die Großstädte Deutschlands

fand. Eigenschaften eines typischen

Hipsters umschließen: Jede Party

mitzunehmen, möglichst wenig Emotionen

zu zeigen und mehr Facebook

Freunde zu haben als Woody Allen.

Außerdem muss zu jedem Thema

dieser Welt der jeweilige Senfs hinzuzugeben

sein. Damit dies nicht zu

anspruchsvoll ist, wird in Hipsterkreisen

meist nur über Parties, Musik und

Kleidung gesprochen. Apropos Kleidung:

nötige Accessoires, die Hipster

ausmachen: Hornbrille, Jutetasche,

hautenge Markenhose, markant

schief geschnittene Frisuren.

Wer Pauschalisierungen findet, darf

sie behalten.

EchtZeit 13


Inception Me Too

Dass Christopher Nolan intelligente und unterhaltsame

Filme macht, ist spätestens seit

den Filmen „The Prestige“ und „The Dark

Knight“ nichts neues. Mit seinem neuen

Werk „Inception“ übertrifft er sich allerdings

selbst und liefert das Kinohighlight des

Jahres.

Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) ist ein

begnadeter Dieb, genauer gesagt, ein

Spezialist auf dem Gebiet der Extraktion. Er

hat sich auf das höchste Gut in der Welt der

Industriespionage spezialisiert: Informationen.

Während der Traumphase, wenn der

Verstand am verwundbarsten ist, stiehlt

er aus dem Unterbewusstsein wertvolle

Geheimnisse. Die Kehrseite seiner Tätigkeit,

er hat alles verloren was er liebt und

er wird auf der ganzen Welt gesucht. Ein

letzter Auftrag, der ihm sein heißersehntes

altes Leben wieder geben könnte, verlangt

allerdings das fast Unmögliche. Cobb und

sein Speziallistenteam sollen diesmal keinen

Diebstahl, sondern genau das Gegenteil

vollführen: das Einpflanzen - die Inception -

einer Idee.

In diesem, laut Regisseur/ Autor / Produzent

Christopher Nolan, Gegenwarts- Sci- Fi-

Action- Thriller taucht man in die Tiefen des

Unterbewusstseins ein und sieht Träume

Wirklichkeit werden. Der Großteil des Films

handelt in dieser beeindruckend inszenierten

Traumwelt in der das Unmögliche

Hintergrundbild: "CINEMA" von LILITHIA auf www.deviantart.com

14 EchtZeit

versucht wird. Fast zehn Jahre arbeitete

Nolan am Konzept für „Inception“. Das

Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.

Er schöpft aus den vollen der Kinokunst und

zeigt noch nie gesehene Bilder, die Gänsehaut

garantieren. Durch das Eintauchen

in immer tiefere Traumdimensionen, knüpft

Nolan ein komplexes Netz aus Handlungssträngen,

das uns als Zuschauern die volle

Aufmerksamkeit abverlangt. Allerdings lohnt

es sich mal auf die Pinkelpause zu verzichten.

Denn anders als andere Filme, in denen

die Traum Thematik oft als Freifahrtschein

für ein ausuferndes Verwirrspiel der Zuschauer

genutzt wird, überzeugt „Inception“

mit nachvollziehbarer Struktur und Logik

der bizarren Traumrealitäten. Als Begleiter

stellt Nolan uns die Figur der Ariadne (Ellen

Page) - die Architektin - zur Seite. Auch sie

ist neu und muss sich erst zurechtfinden in

dieser verwirrend faszinierenden Nolanschen

Traumwelt und steht - wie der Name

schon verrät - für den roten Faden der uns

durch dieses Labyrinth führt. Die geforderte

Aufmerksamkeit wird zudem mit faszinierenden

Bildern voller architektonischer

wie perspektivischer Unmöglichkeiten und

optischer Täuschungen, die an die Werke

von M.C.Escher ( die unendliche Treppe )

erinnern, belohnt.

Während des Traums halten wir ihn für real.

Erst wenn wir aufwachen, merken wir, dass

er recht seltsam war. - erklärt uns Meister-

dieb Dom Cobb in „Inception“. Diesem

grundlegenden Realitätsanspruch, den

Träume so an sich haben, löste Christopher

Nolan wohl auch deshalb so bravourös, weil

er es sich und seinem Team auch nicht ganz

so einfach machte. Trotz des „Avatar“ –

Zeitalters, versuchte er Computereffekte auf

ein Minimum zu reduzieren. Dass nicht zu

viel in die Trickkiste gegriffen wurde, merkt

man dem Film auch an. Anstelle, wurden

aufwendige und vor allem hydraulische Sets

gebaut. Darunter ein Hotelkorridor der sich

um 360° drehen konnte und in dem Schauspieler

Joseph Gordon - Levitt auch selbst –

nach wochenlangem Training – seine Szene

und seinen Stunt spielte. Um möglichst viel

an Originalschauplätzen drehen zu können,

wurde auch viel gereist. Da „Inception“ uns

nicht nur in die Traumwelt entführt, sondern

fast einmal um die ganze Welt, fanden die

Dreharbeiten in sechs Ländern und vier

Kontinenten statt. Nolans Hang zu unbequemer

aber lohnender Authentizität trägt

zum realistischen Ambiente seines Films

über Träume bei.

„Inception“ ist ein Meisterwerk geworden,

dass Christopher Nolan in den Regie Olymp

katapultiert. Ein Leuchtfeuer des gegenwärtigen

Kinos, das neue Maßstäbe setzt. Ein

Film, den man nicht verpassen darf, weil er

uns als Zuschauer wieder daran erinnert,

warum es das Kino überhaupt gibt.

Sabina Filipovic

Ein absolut sehenswerter kleiner Film mit

großer Wirkung

Daniel ist 34 Jahre alt, hat sein Studium mit

Auszeichnung abgeschlossen und beginnt

einen neuen Job. Zwischen ihm und

seiner Kollegin Laura entwickelt sich eine

enge Freundschaft aus der die große Liebe

wird. Der einzige Haken an der Sache ist,

dass er ein Chromosom zu viel hat. Daniel

ist mit dem Down - Syndrom auf die Welt

gekommen.

Diese ungewöhnliche Liebesgeschichte

ist für die spanischen Regisseure Álvaro

Pastor und Antonio Naharro, der erste

abendfüllende Kinospielfilm. Pastor und

Naharro schaffen es mit Feingefühl und

Respekt die schwierige Thematik von Liebe

und Sexualität bei Menschen mit Down –

Syndrom ehrlich und mit viel Leichtigkeit

darzustellen. Ein Film mit einer schlichten

Erzählweise und einer klaren Inszenierung,

bei der viel mit der Schulterkamera und mit

natürlichen Lichtquellen gedreht wurde.

Die alltäglichen Vorurteile und Ressentiments

die Daniel begegnen, treten durch

das Lachen und die Unbeschwertheit des

liebenswürdigen und ungleichen Paars in

den Hintergrund. Vor allem wegen seiner

grandiosen Darsteller Pablo Pineda (Daniel),

der tatsächlich als erster Europäer mit Down

– Syndrom einen Hochschulabschluss

erlangte, und Almodovar – Schauspielerin

Lola Dueñas (Laura) ist „Me Too“ eine bewegende

Romanze geworden die ins Mitten ins

Herz trifft. Bei den Filmfestivals in San Sebastian

erhielten beide Darsteller 2009 die

„Silberne Muschel“ als Beste Schauspieler

und in Rotterdam wurde „Me Too“ 2010

Sabina Filipovic

EchtZeit 15


Man kennt es ja: Wir Studenten

sind oft knapp bei Kasse! Voral-

lem jetzt im Zeitalter der Studien-

gebühren. Da reicht oft ein Job

nicht mehr aus. Ein bisschen legal

erworbenes Taschengeld käme im

Prinzip jedem von uns gelegen,

oder? Und wenn man dieses legal

erworbene Taschengeld auch noch

mit einer netten häuslichen Ent-

rümplung verbinden kann, wäre

es für uns Studierende fast wie ein

Sechser im Lotto.

Na klar, gemeint ist das Trödeln,

oder besser gesagt der Flohmarkt.

Meins-magazin hat für euch einen

Tag lang den BWLer Besim auf

dem Flohmarkt begleitet und eine

geheime Geldquelle entdeckt.

EchtZeit

Trödeln - eine geheime Geldquelle

Sonntagmorgen, 06:30Uhr: Besims Wecker

klingelt. Der Frühe Vogel fängt den Wurm.

Deswegen steht der FH-Student lieber

etwas eher auf, um bereits um 07:15Uhr

vor den Toren der Alten Feuerwache, nähe

Ebertplatz, zu stehen. „Um 08:00Uhr wird

zwar erst das Tor geöffnet, aber bis dahin

hat sich hinter mir eine lange Schlange

gebildet, um die besten Plätze abzustauben.

Wer einen guten Platz hat, verkauft auch

mehr.“

08:00Uhr: Ein Gedränge hat sich vor der

Alten Feuerwache entwickelt. Nicht nur ein

menschlicher Auflauf, auch Autos stehen

Schlange, um auf das Gelände fahren zu

können. Jeder „Nicht-Trödler“, der die

anliegende Straße befahren will, sollte

lieber einen anderen Weg wählen, denn

hier ist derzeit jeder versuchte Durchgang

vergebens. Sobald die Tore öffnen stürmen

die Trödler auf die Fläche, besetzen den

erwünschten Platz und bauen schnellstmöglich

auf. „Die eingefleischtesten Kunden

stehen schon beim Aufbau auf der Matte

und wühlen sogar in noch nicht ausgepackten

Sachen rum“, so Besim. Das frühe

Aufstehen wird belohnt, seinen erwünschten

Platz bekommt er nämlich.

Während des Aufbaus erklärt Besim mir, wie

man sich eigentlich anmelden muss, um

auf dem Flohmarkt verkaufen zu können:

„Zunächst schaut man unter www.altefeuerwachekoeln.de

nach, wann der nächste

Flohmarkt stattfindet. Am Montag zwischen

17Uhr und 19Uhr vor dem Flohmarktsonntag

ist dann immer die telefonische

Anmeldung oder online zwischen 18Uhr

und 19Uhr. Wenn dann am Dienstag die

Standgebühr bezahlt wurde, ist die Anmeldung

verbindlich. Jeder gemietete Meter

kostet 8Euro. Fairnesshalber und wegen

der hohen Nachfrage darf ein Stand sich

höchstens auf 4 Meter belaufen. Außerdem

gibt es zwei Bereiche. Mietet man den roten

Bereich darf man, wie ich, schon um 8Uhr

aufbauen, bei dem weißen Bereich erst um

9Uhr. Spätentens um 18Uhr aber muss alles

wieder geräumt sein.“

Derweilen stöbern die frühen Besucher

tatsächlich in noch nicht ausgepackten Taschen,

um gute Ware zu erbeuten. Besims

Nachbarin Angelique hat sich noch nicht

ganz daran gewöhnt und möchte lieber erst

alles aufbauen, bevor verkauft wird. „Da

verliert man sehr schnell den Überblick und

merkt auch nicht gleich, ob was fehlt“, so

die hauptberufliche Erzieherin. Das Aufbauen

der eigens mitgebrachten Tische und

Klamottenständer benötigt schließlich die

Aufmerksamkeit der Verkäufer.

„Egal ob CDs, Klamotten, Schuhe, Schulbücher,

Bilder, Elektroware oder alte Handys

– auf dem Flohmarkt kann man praktisch alles

verkaufen“, schwärmt Besim, „wichtig ist

nur, dass es kein Müll ist, sondern wirklich

schöne, brauchbare Dinge. Wer her kommt

und abgetragene Shirts für 5Euro loswerden

will, ist hier falsch. Die Menschen kaufen

keinen Müll und schon gar nicht für 5Euro.

Da bekommt man bei diversen Billigdiscountern

neue Shirts für den Preis.“

Der Tag bewegt sich gen Mittag und bei

Besim läuft das Geschäft prächtig. Rund

200Euro hat er schon eingenommen. „Jetzt

wird es nicht mehr so gut laufen. Schließlich

hab ich unter anderem eine Digital Kamera

und eine teure Uhr verkauft“, befürchtet er,

„da kommt schnell mal 200Euro zusammen“.

Auch andere Verkäufer scheinen

einen guten Handel zu machen. „Solange

das Wetter mitspielt, sind die Kunden bester

Laune und kaufen folglich mehr“, weiß

Angelique. Eigentlich kommt die freund-

liche Verkäuferin aus der Südstadt, doch

sie bietet ihre Sachen stets auf der Alten

Feuerwache an. „Die familiäre Atmosphäre

und die Menschen hier gefallen mir. Ich sehe

das Verkaufen nicht als Arbeit, sondern als

Vergnügen an“, sagt die 27Jährige.

Informatikstudentin Lena kauft gerne auf

dem Flohmarkt ein. Am liebsten kauft sie

Halstücher. „So ein Halstuch bekommt man

in normalen Geschäften für 7-10 Euro. Hier

sehe ich meistens sehr ausgefallene Tücher,

die weit unter diesem Preis liegen. Aber vor

allem mag ich den Flair des Flohmarkts. Im

Geschäft ist alles festgesetzt, hier hat man

nicht nur relativ günstige Preise, sondern

kann diese auch noch weiter runter handeln.

Das macht Spaß“, erklärt Lena.

Gegen 17Uhr beginnen die Verkäufer aufzuräumen,

da kaum mehr Kunden kommen.

Mit knapp 350Euro ist Besim sehr zufrieden

mit diesem für ihn besonders sonnigen

Sonntag. „Das hat sich wirklich gelohnt. Die

Sachen wären andernfalls verwahrlost und

so haben sie noch irgendwo Verwendung

gefunden und ich bin um einiges reicher“,

lacht er ein wenig erschöpft. Für meinsmagazin

Leser gibt der 26Jährige mir noch

einen Tipp mit auf den Weg: „Wer nichts zu

verkaufen hat und gerne kocht und backt,

kann vielleicht selbstgemachte Kuchen und

Snacks für Flohmarktbesucher und -verkäufer

anbieten.“ Auch so ein Stand existiert an

der Alten Feuerwache, aber warum sollte

man keine Konkurrenz machen dürfen…?

Text und Bilder: Veronika Czerniewicz

EchtZeit


Ein altes Fach in neuem Gewand

Über den Bachelorstudiengang Romanistik

Ich werde häufig gefragt, was sich hinter

dem Studienfach Romanistik verbirgt und in

der Tat könnte ich auch einfacher formulieren,

was ich studiere, nämlich Französisch

und Spanisch. Diese Angabe klingt jedoch

nicht ganz so altehrwürdig und geheimnisvoll,

daher gebe ich meist dem Überbegriff

den Vorzug. Doch auch die Frage, was man

denn genau studiert, wenn man (diese)

zwei Sprachen studiert, wird mir bisweilen

gestellt. Meist in der Verbindung „auf

Lehramt?“.

Nein, nicht auf Lehramt, nicht mehr auf

Magister, sondern auf Bachelor. Selbst im

traditionsbewussten Fach Romanistik kann

man sich nicht mehr gegen die neue Spezies

der B.A.’s wehren, die sich im Philosophikum

der Universität zu Köln immer weiter

verbreiten. Doch was macht das Bachelorfach

Romanistik in Köln aus?

Zunächst handelt es sich dabei um einen

Zwei-Fach-Bachelor, was bedeutet, dass es

möglich ist, lediglich eine der romanischen

Sprachen (Französisch, Spanisch, Italienisch,

Portugiesisch) mit einem weiteren

Fach der Philosophischen Fakultät zu

verbinden. Man kann jedoch auch zwei romanische

Sprachen studieren, worüber man

nicht selten verständnislose Blicke erntet.

Das Studium gliedert sich in Sprachpraxis,

Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft

und Landeskunde. Erst- und letztgenannte

Module werden in der jeweils studierten

Sprache von Muttersprachlern aus den

entsprechenden Ländern unterrichtet. Zu

Studienbeginn werden B1-Kenntnisse der

jeweiligen Sprache vorausgesetzt, was allerdings

nicht bedeutet, dass man ohne solche

nicht trotzdem anfangen könnte Romanistik

zu studieren, man muss sich lediglich auf

eine Verlängerung des Studiums durch

Propädeutika gefasst machen (und die Regelstudienzeit

darf man als B.A.-Student ja

nie aus den Augen verlieren…). Die Sprachkurse,

zu denen auch Übersetzungskurse

gehören, verbessern die Sprachkenntnisse

18 EchtZeit

zwar, können einen Auslandsaufenthalt

jedoch nicht ersetzen, welcher in Köln

übrigens nicht obligatorisch ist, sondern nur

dringend angeraten wird.

Alle Module münden in einer Bachelorprüfung

und –arbeit, von denen im Moment die

ersten durchgeführt bzw. verfasst werden,

daher hapert es auch noch manchmal

mit der Organisation - Probleme mit dem

universitären Netzwerk und Lieblingsthema

Klips exklusive. Die Tatsache, dass man als

Bachelorstudent alle Veranstaltungen mit

Lehramtstudenten teilt, führt leider dazu,

dass man als solcher hin und wieder übergangen

wird, man Informationen über das

eigene Studium verzweifelt suchen muss

und schließlich immer wieder auf das recht

kurz gehaltene Modulhandbuch zurückgreifen

muss.

Wer über diese formellen Schwierigkeiten

jedoch hinwegsieht, darf sich darauf freuen,

sich mit inhaltlichen Fragen zu beschäftigen

wie: inwiefern hängt unser Denken mit

unserer Sprache zusammen und bedeutet

eine andere Sprache zu beherrschen auch,

sich in fremde Denkmuster hineinzudenken?

Auf literaturwissenschaftlicher Ebene kann

man sich z.B. mit den Romanen Marcel

Prousts beschäftigen, mit der existenzialistischen

Philosophie Jean-Paul Sartres, der

Romantik, dem Realismus, der Antike. Oder

aber mit der Lyrik im goldenen Zeitalter

oder den politischen Gedichten zur Zeit des

spanischen Bürgerkriegs.

Einer Frage wird man selbstverständlich

nicht entgehen können, einer, die mindestens

jedem Geisteswissenschaftler, wenn

nicht jedem, der nicht Medizin, Jura oder

auf Lehramt studiert, früher oder später,

aber eigentlich permanent blüht: Und was

willst du damit machen?

Tja, die leidige alte Frage und die perfekte

Antwort habe ich zwischen „Mal sehen“,

„alles und nichts“ oder dem Versuch

penibler Aufzählung aller sich mir bietenden

Möglichkeiten noch nicht gefunden.

Tatsächlich gibt es vielfältige Möglichkeiten

im Kulturbereich, bei internationalen Organisationen,

im Lektorat und so weiter und

so fort. Letztendlich kann wohl keiner, der

sich noch im Studium befindet, sicher sagen

wohin es ihn verschlägt, aber ist das nicht

auch etwas Schönes?

Die Möglichkeit der Spezialisierung durch

einen Master ist ebenfalls gegeben: so kann

man im Nachhinein doch noch „nachgeben“

und einen Master of Education ablegen

(jedoch noch nicht in Köln), um doch noch

in den so häufig abgewiesenen Lehrerberuf

einzusteigen (aber das nach all der Mühe

bei der Rechtfertigung des eigenen Studienfachs,

nicht auf Lehramt?).

Außerdem gibt es den wohlklingenden

Masterstudiengang Literaturübersetzen in

Düsseldorf und zahlreiche andere weiterführende

Übersetzer- und Dolmetscherstudiengänge.

Was den Master angeht, gibt es auch noch

einen weiteren Bonus zu nennen: bleibt man

beim Fach Romanistik an der Uni Köln, gibt

es hier keine Zulassungsbeschränkungen,

Eignungstests, Grenznoten oder andere

Filtermaßnahmen, vor denen es einem als

Bachelorstudent graut, und man kann sich

ohne jeglichen Stress weiterhin mit Voltaire,

Dante, Góngora und Camus befassen und

nebenher den schönen Abschluss Master of

Arts erlangen.

Leyla Bektas

?EchtZeit 19


Fotostrecke Skulpturenpark Köln

René Becker


René Becker


René Becker


René Becker


René Becker


FernSicht

Bild: Leyla Bektas


Istanbul – Ein Spaziergang

durch Beyoğlu

32 FernSicht

In seinem Nobelpreisgekürten

Buch Istanbul (2003) schreibt

Orhan Pamuk, dass lediglich

die Leute, die außerhalb von

Istanbul leben, das Innere

Istanbuls ausnahmslos loben

und die Stadt als durchweg

schön beschreiben und

darstellen können.

Dieses Schicksal wird wohl jedem zuteil, der

einen kurzen Trip in diese Stadt unternimmt,

so auch mir, sogar im doppelten Sinne. Zum

einen lebe ich nicht in Istanbul und zum

anderen wohne ich in den paar Tagen nicht

in der Innenstadt, sondern eine Stunde von

ihr entfernt. Nähert man sich ihr von der

Peripherie über die Schnellstraße, so reihen

sich ärmlich anmutende Viertel an neu

gebaute Hochhäuser und an Bauflächen.

Die Außenbezirke Istanbuls weisen kaum

Grün oder freien Platz auf, hier wird Beton

an Beton gereiht, Tendenz steigend. Die

Innenstadt mit Vierteln wie Ortaköy oder

Taksim hingegen steht in Widerspruch

zu dieser Flächennutzung: hier und dort

verfallene, nicht mehr bewohnbare, alte

Holzhäuser, denen man ihre ehemalige

Anmut und Schönheit noch anmerkt und

welchen man eher eine Restauration

wünschen würde, als den Außenbezirken

einen weiteren gleich aussehenden Neubau.

Seit vielen Jahren fahre ich nun

nach Istanbul, aber wirklich

kennen tue ich diese Stadt nicht.

Kann man sie in ihrer Vielfalt und Größe

überhaupt erfassen? Dieses Jahr orientiere

ich mich geographisch ein wenig, das

lässt sie mir näher erscheinen. Von den

letzten Jahren habe ich Eindrücke im Kopf

behalten, es gefällt mir, diese Bilder im Kopf

nun auch auf einer Stadtkarte einordnen

zu können. Diese Berechenbarkeit macht

mir die Stadt nicht langweilig, sondern

vertrauter.

Wir starten am Taksimplatz, laufen durch

den alten Stadtkern um Beyoğlu, einstiges

Wohnviertel ethnischer Minderheiten.

Dieser Stadtteil besteht zu einem Großteil

aus der Istiklâl Caddesi, der Straße der

Unabhängigkeit, einer breiten, langen und

belebten Einkaufsstraße, durch die sich

eine Bummelbahn mit einem Waggon ihren

Weg bahnt, und über der auch im Juli eine

weihnachtlich anmutende Beleuchtung

funkelt. Auf dieser Straße laufen

verschleierte neben knapp bekleideten

Frauen. Ich empfinde es als komfortabel,

wegen meines Rockes, der nicht einmal

kurz ist, nicht viele fixierende Männerblicke

auf mir zu spüren, wie ich es beispielsweise

in Ankara erlebe. Würde ich hier in

Beyoğlu wohnen, würde ich mir morgens

wahrscheinlich keine moralischen Gedanken

darüber machen, was ich anziehe und das

tragen wonach mir ist – das bin ich gewohnt

und das weiß ich hier zu schätzen.

Schön sind die kleinen Gassen um die große

Istiklâl Straße herum: der Fischmarkt (Balık

Pazarı), die Ciçek Pasajı und die Sofyalı

Sokak. Hier lässt es sich angenehm im

Schatten flanieren, Restaurants und Cafés

pflastern den Weg, häufig in Verbindung mit

Live-Musik. Folgt man der Istiklâl Caddesi

und passiert das schwedische Konsulat auf

der Linken, wird die große Einkaufsstraße

zu einer absteigenden Gasse mit einigen

Kreativ-/Second-Hand-Geschäften und

unzähligen Musikinstrumenten-Läden.

An jeder Ecke gibt es preiswerten, frisch

gepressten Saft zu kaufen. Wir nähern uns

dem Galata-Turm, unter dem Alt und Jung

den Schatten genießt. Durch enge Gassen

laufen wir auf das Goldene Horn zu, in

Galata am Ufer kann man sich noch einen

Fisch auf die Hand nehmen, bevor man auf

der Brücke von Fischrestaurantbesitzern

geworben wird.

Das Wasser ist hier so nah und

blau, dass ich nicht umhin

kann, diese Stadt als schön zu

beschreiben, wohl wissend, dass

dies nur ein Teil des Ganzen

ist und sicherlich einer der

angenehmeren.

Kurze Zeit später bin ich auch wieder

entnervt, als wir uns durch einen Tunnel

unseren Weg auf die andere Seite

erkämpfen, in der Hitze und umgeben von

Körpergerüchen und Leuten, die selbst

in diesem Gedränge noch ein Geschäft

machen wollen. Die Stadt strengt mich an

und doch fasziniert sie mich. Ich werde die

nächsten Jahre wiederkommen.

Text und Bilder: Leyla Bektas

FernSicht 33


Ein Semester in Bordeaux

I. Noch in Köln / August 2010

In weniger als einem Monat ist

es nun soweit. Seit einem Jahr

schon denke ich schon so: in

einem Jahr, in sechs, in zwei

Monaten bin ich in Bordeaux.

Immer dieser Countdown, mit immer

weniger Monaten und Tagen vor mir, aber

näher bringt es mir die Sache nicht. Ich bin

jetzt, 24 Tage vor Abreise, nicht schlauer

als vor 100 Tagen und werde es auch nicht

sein, wenn ich schon im Zug sitze. Ich male

mir heute die gleichen Szenarien aus wie

vor ein paar Monaten, meine nächtlichen

Träume spielen sich vielleicht etwas

häufiger in Bordeaux ab, aber die fiktiven

Geschehnisse haben eigentlich nichts

mit Bordeaux, sondern eher mit meiner

jeweiligen Verfassung zu tun.

Majiang und Mosquitos

Mein Auslandssemester in Südchina.

Peter und Daniel fliegen in vier

Wochen nach China. Das ist

ja eigentlich schon fast nichts

besonderes mehr, zumal die

Volksrepublik als aufsteigende

Wirtschaftsmacht, sowohl

gefeiert als auch gefürchtet,

immer mehr ausländische

Studierende ins Land lockt, die

das Land und die Sprache lernen

wollen. Denn ist Chinesisch

nicht nur die weltweit meist

gesprochene Muttersprache

sondern eben auch mehr

und mehr der Schlüssel zum

Geschäftserfolg auf asiatischem

Raum.

FernSicht

Und das wissen die Chinesischen

Universitäten auch zu schätzen, bieten

maßgeschneiderte Sprachkurse mit

Ausländerwohnheimen für besseren

Wohnkomfort und vielen anderen

Annehmlichkeiten. Doch was, wenn man

wie Peter, Daniel oder ich selbst Chinesisch

als Hauptfach studiert und die unverfälschte

Chinaerfahrung sucht?

Erst Shanghai, dann Guangzhou, von

dort aus noch zwei Stunden mit dem

Bus nach Zhuhai, das wird die Route von

Peter und Daniel und war auch meine

vor fast genau einem Jahr. In Zhuhai

werden sie ankommen vor dem längsten

Unterrichtsgebäude Südasiens: ein langer

weißer Kasten auf Stelzen, eingekeilt

zwischen zwei dunkelgrünen Hügeln,

hunderte von Unterrichtsräumen fassend,

das Jiao Xue Lou des Außencampus Zhuhai

der Sun Yatsen-Universität. Dort werden

Man denkt über die Zukunft

nach. Ich tue es, vielleicht noch

mehr, als ich über Vergangenes

sinniere, zumindest im Moment.

Was wird sie mir bringen? Qué será? Es

ist schwierig, etwas darüber zu sagen,

denn es führt einen immer wieder zum

Ausgangspunkt zurück, man landet immer

wieder bei Null und schließlich erzählen

einem alle das Gleiche: „du wirst schon

sehen, wie es wird. Es macht keinen Sinn,

groß darüber nachzudenken. Lass es auf

dich zukommen.“. Was Besseres kann

ich mir auch nicht sagen. Lass es auf

dich zukommen. Geht das überhaupt?

Ist das nicht hohe Kunst? Überhaupt –

nicht darüber nachdenken, ein Ding der

Unmöglichkeit? An irgendwas muss ich

doch denken.

Aber Schluss mit den pseudo-

beide ein Jahr studieren, so wie nur wenige

Studenten der Universität zu Köln vor ihnen.

Zhuhai ist fast schon ein

Geheimtipp - wenn man

ein etwas abenteuerliches

Auslandsstudium sucht.

Als ich vor über einem Jahr das erste Mal

zum Beratungsgespräch im Akademischen

Auslandsamt saß, fragte mich die

Mitarbeiterin, ob ich mich in China auch

für Guangdong - die in Deutschland auch

als Kanton bekannte Provinz interessieren

würde. Erst musste ich etwas stutzen - ich

wollte ja Chinesisch studieren und diese

Gegend ist als Sonderwirtschaftszone

auch dafür bekannt mit seiner eigenen acht

tönige Sprache "Guangdong Hua" sämtliche

Ausländer auf kommunikatives Grundeis

laufen zulassen, wenn sie hier ihr "Nihao!"

an den Kantonesen zu bringen versuchen.

Vielleicht gerade deshalb entschied ich mich

den Sprung ins subtropische Wasser zu

wagen, denn wo sonst würde ich vielleicht

noch ein "echtes" Stückchen China

mitbekommen.

Doch was für eine Portion meine

philosophischen Fragestellungen. So

tiefgründig und einzigartig ist ein Erasmus-

Aufenthalt im Nachbarland nun wirklich

nicht. Als Erasmus-Student ist man schon

lange kein Exot mehr. Im Gegenteil –

wer heutzutage diese Gelegenheit an

sich vorbeiziehen lässt, muss schon

triftige Gründe vorweisen können. Ist ja

fast wie Pauschalurlaub, wie Mallorca,

eigentlich geht man gar nicht weg. Der

Organisationsaufwand ist gering, die

Bewerbung für einen Nebenjob wäre

umfangreicher. Ein paar Emails von der

Uni, aber klappen tut es sowieso immer

irgendwie, so heißt es.

Bin ich aufgeregt? Es hält sich in Grenzen,

zu viele Dinge, die man hier noch regeln

muss, keine Zeit sich allzu verrückt zu

machen, wie es sonst meine Spezialität

ist. Klar, schon ein paar Sachen, die das

Potenzial hätten, mir Panik zu machen…

zum Beispiel die noch nicht vorhandene

Wohnung. Doch auch das haben etliche

Kommilitonin Elena und ich uns aufgeladen

hatten, wurde uns wohl erst bei unserer

Ankunft bewusst.

Plumsklos, Bananenstauden,

Taifune - kein südasiatisches

Dschungelklischee blieb uns

vorenthalten.

Ob nachts eine Riesenspinne aus der

Klimanlage krabelte oder morgens sich ein

Kakerlake auf der Schulter räkelte, die Natur

macht selbst vor unserer klimatisierten

"Luxuswohnung" mit zwei Schlafzimmern

und Küche mit Kühlschrank nicht halt.

Magenverstimmungen, daumengroße

Mosquito-stiche, Kaffeeentzug -

rückblickend kommt einem vieles

nicht mehr so schlimm vor. Mit nur 30

ausländischen Studenten, einer Überzahl

davon Koreanern, ließ es sich schnell auch

chinesische Freunde finden, die einem

nicht nur beim Mittagessen halfen die

Sprachkenntnisse aufzupolieren, sondern

uns in das chinesische Studentenleben

ließen. Obwohl man uns auf hundert Metern

schon als Laowais ausmachen konnte,

gerne mal auch an der Bushaltestelle

Erasmus-Studenten schon vor mir erlebt,

ist längst kein Abenteuer mehr, man mietet

sich in ein Hostel ein und sucht vor Ort,

hat immer geklappt, wird also auch bei mir

schon klappen. Diese ganze Angelegenheit

ist wirklich nicht so spektakulär.

Und dann gehe ich auch noch

nach Frankreich, näher geht es

kaum und klassischer wäre nur

Spanien.

Etliche Male dort gewesen, habe es lieben

gelernt und verstehe nicht die Abneigung,

die einige gegenüber dem Land und seinen

Einwohnern hegen. Vielleicht wird das

meine Mission: Vorurteile aufdecken! Auch

nicht sehr kreativ…orientiere ich mich an

den Berichten zurückgekehrter „Erasmuser“

werde ich in einem Monat ohnehin vor

lauter Wein und Partys nicht mehr wissen

wo die Uni ist, geschweige denn eine

auf die Echtheit unserer hellen Haut,

Haare und Augenfarben überprüft oder

ausgefragt wurden, verschwanden die

Berührungsängste völlig. Ob morgens

Milchtee und Bratnudeln zu frühstücken,

abends zum Straßengrill zu schlendern oder

Majiang zu zocken, selbst das Handeln um

Gemüse geht nur auf Chinesisch und wird

somit einfach Teil des Studiums, jeder Tritt

vor die Tür eine neue Unterrichtsstunde,

parallel in Chinesisch und Kantonesisch,

versteht sich. Auch wenn das eigentliche

Lernen einen erst den richtigen Geschmack

vom chinesischen "Studentenleben" verlieh:

Seitenweise Vokabelübungen und Aufsätze

schreiben, Texte auswendig zu Lernen

und Reden aus dem Stehgreif halten,

Anstandsunterricht und Kalligraphie -

schnell wurde uns klar, warum

chinesische Studenten so oft

Instantnudeln essen und jede

freie Minute zum Schlafen

nutzen.

Der Unterricht begann meist um 8 Uhr,

doch Mittagspausen inklusive Mittagsschlaf

werden eisern eingehalten, abends

komparatistische Studie über französische

und deutsche Verhaltensweisen anfertigen.

Dabei ist das schon eine super Sache,

Erasmus, wenn man einmal darüber

hinwegsieht, dass es so normal ist.

Eigentlich ist es gerade eine super Sache,

dass es so normal ist. Ich finde es ganz

wunderbar, dass einem auf dem Weg ins

Ausland keine Steine in den Weg gelegt

werden. Es ist toll, dass es keine Frage des

Geldes, sondern der Motivation ist. Egal,

was mich nun erwartet, was…ja, auf mich

zukommt (aber kommt es überhaupt auf

mich zu, bewege ich mich nicht darauf zu?),

diese Dinge bleiben sicher, genau wie etwas

anderes sicher bleibt: Ich freue mich! Denn

so normal es auch sein mag, mit Erasmus

ins europäische Ausland zu gehen, so ist

es für die Allgemeinheit vielleicht nichts

Besonderes, aber für den Einzelnen, und

somit auch für mich, wird es das auf jeden

Fall sein.

Leyla Bektas

noch etwas Sport, all das aber auf dem

abgeschotteten Campus, den man

höchstens zum Einkaufen oder Essen gehen

verlässt. Vor den Toren warten auch bereits

die Fliegenden Händler mit Imbissbuden,

frischem Obst und Postlieferungen, die

über Privatversand laufen. In die Disco

gehen die wenigsten, denn um 11 Uhr

schließen die Campustore, allein wer wie wir

"Ausländer" in einer Privatwohnung lebt, hat

Narrenfreiheit und geht auch in die örtliche

Bar. Ein wenig erinnert das Leben ans

Internat, auch die Sicherheitseinweisungen

und das soziale Verhalten, erst recht

zwischen den Geschlechtern. Händchen

Halten in der Öffentlichkeit ja, für weiteres

lassen die getrennten Wohnheime keinen

Freiraum. Das wirkt auf den ersten Blick

vielleicht weltfremd, aber dann sind wir es,

die unsere Einstellung auflockern und diese

scheinbare Verklemmung im Vergleich zum

aufdringlichen Balzverhalten in den Bars

schon recht entspannt finden.

Das Leben in China läuft nun mal nach einer

anderen Uhr, aber das habe ich erst nach

meiner Rückkehr wirklich verstanden.

Maximiliane Koschyk

FernSicht


ErkenntnisReich

Foto: René Becker


Foto: www.corot.de

Die Jagd nach

neuen Planeten

Kölner Forscher suchen im Licht der Sterne

von Christine Willen

Sag mir, wie viel Sternlein stehen? Wer in

den Nachthimmel schaut, mag über diese

Frage schon einmal philosophiert haben.

Für die Kölner Forscher vom rheinischen

Institut für Umweltforschung ist diese

Antwort kein Problem: „Die Anzahl hängt

vom Blickwinkel und den technischen

Möglichkeiten ab“, weiß Dr. Martin Pätzold.

„Wenn wir mit bloßem Auge in den

sternenklaren Nachthimmel schauen, dann

sehen wir etwa 5000 Sterne am Firmament.“

Am 27. 12. 2006 schoss ein Satellit namens

„CoRoT“ in eine Umlaufbahn der Erde.

Dieser Satellit ist ein Weltraumspäher.

Er soll im Universum nach den Planeten

außerhalb unseres Sonnensystems suchen.

„CoRoT ist ein hochauflösendes Teleskop,

es beobachtet ungefähr 12 000 Sterne in

einem bestimmten Sternenfeld“, erläutert

38 ErkenntnisReich

Pätzold. Je nach Stand der Technik werden

Astronomen in der Zukunft immer weiter

entfernt liegende Sterne sehen können.

Allein in unserer Galaxie, der Milchstraße,

gibt es 400 Milliarden Sterne, von denen

etwa 15 % unserer Sonne ähneln. Für

die Kölner Forscher ist es allerdings viele

interessanter mit Hilfe der Sterne neue

Planeten zu entdecken. Und zwar diejenigen

Planeten, die außerhalb unserer Sonne

kreisen. Die Kölner Forscher rund um Herrn

Pätzold sind an einer Weltraummission der

französischen Raumfahrtagentur CNES

beteiligt. CoRoT steht für Convection,

Rotation und planetare Transits. „Wir haben

eine spezielle Software entwickelt, mit

der wir die Daten von CoRoT auswerten

können.“, erzählt Pätzold.

CoRoT funktioniert wie eine

Digitalkamera.

Das Weltraumteleskop macht alle 10

Minuten ein Bild von einem bestimmten

Sternenfeld und das durchgehend bis

zu 150 Tage lang. Daraus ergibt sich

der so genannte Strahlungsfluss eines

Sternes über die Zeit. Mit Hilfe von

Hochleistungsrechnern im Rechenzentrum

der Universität Köln wird der Strahlungsfluss

auf Schwankungen hin untersucht.

„Wenn diese Schwankungen, sich

durch ein kurzzeitiges und periodisch

wiederkehrendes Absinken der

Lichtintensität auszeichnen, dann können

wir ziemlich sicher davon ausgehen, dass

dafür ein Körper verantwortlich ist, der die

Sternscheibe bedeckt. Dieses Phänomen

kennen wir auch von unserer Sonne, zum

Beispiel als im Jahr 2004 der Planet Venus

vor der Sonnenscheibe herwanderte.“,

weiß Pätzold. Das ist die so genannte

Transit-Methode mit der man Planeten

entdecken kann: ein Begleiter läuft an der

Sternenscheibe vorbei.

„Planeten und Planetensystem

sind üblich im Weltraum – nur

eben schwer zu finden“, weiß

Pätzold.

Die Endeckung neuer Planeten ist aber eher

ein Zufallsprodukt. Genau in der Ebene

zwischen Stern und Teleskop muss die

Umlaufbahn eines neuen Planeten verlaufen,

um sichtbar zu sein. Da aber noch viele

andere Umlaufbahnen möglich sind, werden

mit dieser Methode Schätzungsweise nur

5 % der extrasolaren Planeten entdeckt.

Foto: Christine Willen

Foto: www.corot.de

„Dann ist immer noch nicht geklärt, ob

dieser Begleiter ein erdähnlicher oder

ein gasförmiger Planet ist oder sogar zu

den extrem selten beobachteten braunen

Zwergen gehört. Mit der Transit-Methode

können wir die Umlaufbahn und die Größe

des Begleiters feststellen.“, erläutert

Pätzold. Dann übernehmen Astronomen

die weiteren Untersuchungen und schauen

sich den besagten Stern und sein Begleiter

noch mal genauer an. Von der Erde aus

kann man feststellen, aus welchem Material

der Begleiter besteht und welche Dichte

er hat. „Bei einer Dichte von 3000-5000

Kilogramm pro Kubikmeter, handelt es sich

um einen erdähnlichen Planeten. Bei einer

Dichte von 1000 Kilogramm pro Kubikmeter

ist es ein gasförmiger Planet, wie etwa

der Jupiter oder der Saturn aus unserem

Sonnensystem.“, erläutert Pätzold.

Die braunen

Zwerge stellen ein

besonderes Mysterium

dar.

Braune Zwerge können

die Forscher nur schwer

zuordnen. Sind es Sterne

oder Planeten? „Auf

jeden Fall sind braune

Zwerge, viel zu groß um

als Planet durchzugehen

aber eben auch viel zu klein, um als Sonne

deklariert zu werden, da sie kein Licht

abstrahlen. Braune Zwerge sind so etwas

wie die Verlierer aus dem All“, erzählt

Pätzold augenzwinkernd. Bisher wurden

in dem Projekt 15 Begleiter entdeckt.

Einer davon ist der Erde ähnlich, zwölf

sind gasförmig und zwei sind den braunen

Zwergen zuzuordnen. Das Projekt läuft

noch bis 2013. Bis dahin rechnen die Kölner

Forscher noch mindestens 100 weitere

Planeten mit Hilfe des Weltraumteleskops

CoRoT zu entdecken. „Jetzt befindet sich

das Teleskop in etwa 900 Kilometer über der

Erde. Wenn das Projekt vorbei ist, wird das

Teleskop abgeschaltet und in eine weiter

draußen liegende, stabile Umlaufbahn

geschossen.“, weiß Pätzold. Stabile

Umlaufbahn, das heißt für mindestens

4000 Jahre stabil. Eine andere Möglichkeit

Satelliten zu entsorgen, wäre sie in der

Erdatmosphäre verglühen zu lassen.

Wer gibt den neuen Planeten

einen Namen?

Wäre es nicht schön, einen neuen Planeten

seinen Namen geben zu können? Im

Fall von Planeten ist das leider nicht

möglich. Nur bei Kometen können die

Entdecker den Namen geben. Trotzdem

sind sich die Experten rund um CoRoT

bei der Namensgebung noch nicht bis

ins Detail einig. Hier stellen die Braunen

Zwerge einmal mehr einen Sonderfall dar.

Normalerweise heißt ein neu entdecktes

Objekt immer „CoRoT, plus eine Zahl,

plus ein kleiner Buchstabe“. Die Zahl steht

für den Stern und der kleine Buchstabe

für seinen Planeten. So ist zum Beispiel

„CoRoT-8b“, ein relativ kleiner Planet, der

etwa 30 % kleiner ist als Saturn. Wie will

man nun die braunen Zwerge nennen, wo

sie doch weder Sonne noch Planet sind?

Vermutlich wird man sich darauf einigen,

dass braune Zwerge Großbuchstaben

tragen statt des üblichen Kleinbuchstaben

am Ende des Namens.

ErkenntnisReich 39


Augen auf, beim Online-Kauf

Internet-Kunden gehen verhältnismäßig naiv mit ihren persönlichen Daten um

In der Theorie sind sich alle Internet-Kunden einig: 95 % geben an, großen Wert auf den Schutz ihrer Privatsphäre zu legen. Ein Experiment

mit Studierenden der TU Berlin offenbarte nun ein völlig anderes Kaufverhalten. Die Teilnehmer der Studie konnten über die Amazon-Plattform

eine DVD bei zwei verschiedenen Online-Anbietern erwerben. Einer von den beiden Anbietern erfragte neben den kaufrelevanten Informationen

zusätzlich noch das Geburtsdatum und das Einkommen des Käufers. In dem ersten Experiment war die DVD bei beiden Anbietern gleich teuer.

In diesem Fall entschieden sich etwa gleich viele Probanten für den einen oder anderen Anbieter. Ohne irgendeinen Vorteil davon zu haben,

gaben etwa die Hälfte der Probanten ihre persönlichen Daten preis. War die DVD bei dem Anbieter mit den zusätzlichen Datenangaben um

nur einen Euro günstiger, so entschieden sich sogar 90 % der Käufer für die günstigere DVD. Das Ergebnis zeigt, das in der Praxis gar nicht

so sehr auf Datenschutz geachtet wird. Es bestehe wenig Bereitschaft, die Kaufbedingungen der Anbieter genau zu vergleichen, selbst wenn

diese Bedingungen völlig transparent dargestellt würden. Christine Willen

40 ErkenntnisReich

Erdmännchen schlagen unüberhörbar Alarm

Nicht-linerare Lautphänomene erhöhen die Aufmerksamkeit bei Gefahren

Nicht-linerare Lautphänomene, das sind Lautäußerungen bei der eine Stimmmembran doppelt so schnell schwingt, wie die andere. Hört

sich kompliziert an? Ist es aber gar nicht. Nicht-linerare Lautphänomene sind vergleichbar mit Babygeschrei oder einem Ausruf aus Furcht.

Verhaltensbiologen der Universität Zürich haben jetzt den nicht-linearen sing sang der Erdmännchen in der Kalahari in Südafrika untersucht.

Und zwar kommen diese Lautphänomene genau dann vor, wenn sie sich gegenseitig vor Raubtieren warnen. Nicht-lineare Lautphänomene

steigern die Aufmerksamkeit, da sie schlichtweg überraschender, unvorhersehbarer und damit schwieriger zu überhören seien. Überhören

konnten die Erdmännchen auch nicht die Tonbandaufnahmen von Marta Manser und Simon Townsend von der Universität Zürich. Die

beiden Verhaltensbiologen spielten den Erdmännchen Warnrufe vor, waren diese Nicht-linear, dann retteten sich die Erdmännchen eher in

ihr Schutzloch und brauchten länger, bis sie wieder auf Nahrungssuche gingen. Somit wurde zum ersten Mal bewiesen, dass nicht-lineare

Lautphänomene bei Tieren eine wichtige Funktion erfüllen. Damit nicht genug: weitere Forschungen sollen darauf abzielen, anhand der

Erdmännchen, die menschlichen schrägen Lautphänomene besser zu verstehen. Uuuiiiaaah, was für eine Untersuchung! Christine Willen

Landkinder haben weniger Heuschnupfen

Ausgerechnet ein Stoff aus Pflanzen verhindert die übersteigerte Immunantwort

Auf dem Bauernhof groß zu werden kann vor Allergien schützen. Forscher der Ruhr-Universität Bochum haben den Staub aus Viehställen

untersucht, um herauszufinden ob sich dort der Schlüssel zu diesem Phänomen befindet. „Die Suche nach der schützenden Substanz war

wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, sagt Dr. Marcus Peters. Stallstaub besteht hauptsächlich aus pflanzlichen Bestandteilen. Davon

mit etwa 10 % aus einem großen Zuckermolekül, dass so genannte Arabinogalaktan. Dieser Zucker kommt zum Beispiel in der Futterpflanze

Wiesenfuchsschwanz vor. Zuckermoleküle spielen eine wichtige Rolle für das Erkennen von Bakterien durch das Immunsystem. So testeten

die Forscher an Laborratten, ob sich eine Immunantwort in Anwesenheit von Arabinogalaktan veränderte. Mit dem Ergebnis, dass die

Immunantwort zwar etwas gedämpft war, aber die Abwehr von Krankheitserregern an sich trotzdem funktionierte. Es wurde lediglich eine

übersteigerte Immunantwort verhindert, wie es etwa bei Allergien der Fall ist. So schützt ausgerechnet das Gras-Bestanteil vor Heuschnupfen.

„In kleinen Konzentrationen können die Pollen des Wiesenfuchsschwanzes Allergien auslösen, in großen Dosen und sehr früh im Leben aber

auch verhindern. Nichts anderes als eine Dosissteigerung ist ja auch die Strategie bei der Hyposensibilisierung.“, weiß Peters. Christine Willen

ErkenntnisReich 41


FeinSinn

Foto: René Becker


Es regnete schon den ganzen Tag.

Zudem war es nebelig. Hermann

stand mitten unter einem Regenrohr.

Besser gesagt, unter einem Loch in

einem Regenrohr. Das Wasser lief sein

Gesicht hinab, unter seinen Kleidern

hindurch direkt in seine Schuhe. Es war

als ob er mit Regenwasser duschte.

Ein schöner, dicker Strahl, der direkt

auf seinen Kopf klatschte. Er selbst

zählte die Sekunden, seit er angefangen

hatte zu frieren. Menschen die tief

gebückt unter ihren Regenschirmen

vorbeigingen, betrachteten ihn mit

argwöhnischen Blicken. Einige waren

gekommen, hatten ihn gefragt, ob alles

in Ordnung sei. Er hatte nur genickt,

gegrinst und gewunken. Er konnte

von Geburt aus nicht sprechen. Das

wussten sie natürlich nicht, waren

sich veralbert vorgekommen und ihres

Weges gegangen. Er hatte mit den

Schultern gezuckt, genickt, gegrinst und

gewunken.

Aus dem gleichen Grund, eben weil

er nicht sprechen konnte, stand er

hier. Er hatte sich in seiner Jugend oft

Experimente ausgedacht, um sich von

seiner Sprachlosigkeit abzulenken.

Dinge selbst herauszufinden, war immer

eine Leidenschaft von ihm gewesen.

Sie kompensierte das nicht vorhandene

Vermögen zu Sprechen. Deshalb stand

er hier und zählte die Sekunden, die

er aushielt unter dem kalten Strahl zu

stehen und zu frieren. Wenn es ihm zu

kalt werden würde, würde er gehen.

Die Sekunden, die er gezählt hätte, tief

in seinem Kopf verwurzelt nach Hause

tragen und sie aufschreiben. In das Buch

in dem er all die Dinge festhielt, die er

selbst rausgefunden hatte.

Es war ein großes, dickes Buch mit dem

Titel: „Die Experimente des Hermann

FeinSinn

Wassernau“. Als Untertitel hatte er

festgehalten: „Ich muss wohl verrückt

gewesen sein, doch das sollten sie mir

verzeihen.“

Er wusste nicht für wen er das Buch

schrieb. Er hatte einfach damit

angefangen. Doch er wusste, dass

wahrscheinlich niemand ihn je wirklich

verstehen würde. Genauso, wie er

niemandem je wirklich etwas sagen

können würde.

„Fünfhundereinundachzig,

fünfhundertzweiundachzig,

fünfhundertdreiungachzig.“

Das Wasser lief immer noch in Strömen,

doch noch war Hermann nicht kalt

genug. Ja, er hielt sich wirklich für

verrückt. Ein wenig jedenfalls. Aber er

hatte Spaß daran.

„Fünfhundertvierundachzig,

fünfhunderfünfundachzig,

fünfhundersechsundachzig.“

Während er so vor sich hinzählte, grinste,

nickte und winkte, bemerkte er einen

Mann mit Hut, der auf ihn zu kam.

„Fünfhundertsiebenundachzig,

fünfhundertachtundachzig,

fünfhundertneunundachzig.“

Der andere trat jetzt neben ihn,

verbeugte sich, grinste, nickte, zuckte

mit den Schultern und winkte ihm zu.

Dann gab er ihm die Hand. Lachte kurz

auf und begann sich auszuziehen.

„Fünfhunder...“ Hermann sah dem

Fremden verwundert zu. Dieser zog sich

aus, bis auf die nackte Haut, stellte sich

in den Regen und begann zu tanzen. Den

Hut vor sich auf den Boden gestellt, wie

es die Straßenmusiker taten. Langsam

lief das schwarze Kleidungsstück mit

Wasser voll. Der Mann machte sich aber

allen Anscheins nach nichts daraus,

sondern tanzte ausgelassen. Hermann

grinste ihm zu. Es regnete zwar, doch er

fühlte sich verstanden. Ein Schimmer der

Sonne brach durch die Wolken. Hermann

fiel auf, dass er vergessen hatte, wo er

aufgehört hatte zu zählen. Doch er fror

eh nicht mehr. Der Mann nahm den mit

Wasser gefüllten Hut in die Hand, und

setzte ihn sich auf. Das Wasser lief ihn

Strömen an seinem nackten Körper

entlang. Er lachte auf, klaubte seine

anderen nassen Sachen auf, und lief

davon. Hermann nickte. Dann ging auch

er davon.

Wenn du glaubst,

du bist verrückt,

wirst du immer

einen finden, der

verrückter ist.

FeinSinn

Christopher Dröge { Bild von sxc.hu (bertvthul)

Simeon Buß | Bild von Evelyn Laoun


Telepathie

Sehr geehrte Frau Kannengießer,

Wir bedanken uns herzlich für ihre

Bewerbung um einen Studienplatz an

der Kunsthochschule Berlin-Weißensee

für das Wintersemester 06/07.

Leider müssen wir ihnen mitteilen,

dass…

Lena lässt den Brief sinken. Weiter

braucht sie nicht zu lesen. Den Rest

kennt sie bereits aus dem halben

Dutzend anderer Ablehnungsschreiben,

die sie in der untersten Schublade ihres

Schreibtisches aufbewahrt. Trotzdem

dauert es eine Weile, bis sich ihr

Herzschlag wieder beruhigt.

Das war’s dann wohl. Als sie an der

Mappe gearbeitet hatte, hatte sie

beschlossen, dass es ihr letzter Versuch

sein würde. Wenn sie sie auch diesmal

ablehnten, würde sie diesen schal

gewordenen Traum zu Grabe tragen und

sich etwas Neues überlegen.

Damals hat das sehr einfach und

vernünftig geklungen. Aber jetzt, da sie

es schwarz auf weiß hat, fällt ihr einfach

nichts „Neues“ ein.

Seit sieben Semestern studiert sie

nun schon Kunstgeschichte, was sie

nach den ersten Ablehnungen für eine

passable Notlösung gehalten hat. Aber in

den vergangenen Jahren hat sie ständig

diese flüsternde Stimme im Hinterkopf

gehabt: Das ist es nicht. Das ist nicht

das, was du mit deinem Leben anfangen

willst. Deswegen hat sie es noch einmal

wissen wollen.

Noch nicht einmal Mitte zwanzig und

schon gescheitert. Sie denkt an die

naiven Vorstellungen die sie früher

gehabt hat; irgendwie kommt ihr die

Küche auf einmal kälter vor. Sie ließ den

Blick noch einmal über das Schreiben

wandern.

„Bitte betrachten sie dies nicht als

46 FeinSinn

eine Abwertung ihrer künstlerischen

Fähigkeiten…“

Wütend knüllt sie den Brief zusammen

und feuerte ihn in Richtung des

Papierkorbs. Nicht als Abwertung. Der

reine Hohn.

Sie schnappte sich das Telefon und

wählte Stefans Nummer. Ihre Hausarbeit

über die Fluxus-Bewegung wird wohl

warten müssen. Heute Abend braucht

sie ein wenig Ablenkung.

Sie treffen sich in ihrer Stammkneipe,

einer kleinen Bar, in der sie alte

Soulsachen und Funk aus den

Siebzigern spielen.

„Trink doch nicht so schnell“ meint

Stefan, als sie ihr zweites Bier in einem

Zug zur Hälfte hinunterkippt.

„Ich trink heute so schnell und so viel ich

will“ murrt Lena.

Stefan schweigt einen Moment, bevor

er einen neuen Versuch startet sie

aufzumuntern.

„Versuch es doch nächstes Jahr einfach

noch mal. Diese Gutachter sind doch

genauso subjektiv wie du und ich. Dieses

Mal hattest du halt Pech, nächstes Mal

vielleicht Glück.“

Lena schüttelt den Kopf. „Nein, ich

muss mir das aus dem Kopf schlagen.

Irgendwann muss man einfach der

Realität ins Auge sehen. Ich kann doch

nicht ewig meinen Träumen hinterher

hängen.“

Stefan zuckt die Achseln. „Warum

eigentlich nicht? Wenigstens hast du

dann noch Ziele im Leben; ist doch egal,

wie unrealistisch sie sind. Immerhin

wagt man dann etwas, anstatt einfach

aufzugeben.“

Lena lässt sich das durch den Kopf

gehen. „Tja… so gesehen… irgendwie

hast du schon recht. Aber soll ich

jetzt darauf vertrauen, dass ich beim

nächsten Mal zufällig an den einen

Prüfer gerate, der meine Sachen für gut

genug hält, nachdem ich vorher schon

hundertmal abgelehnt wurde? Ich glaube

einfach nicht an Zufall.“

„Na ja, ich auch nicht. Ich glaube nur,

dass du die verdammt beste verkannte

Künstlerin in diesem Land bist.“ Er steht

auf und küsst sie im Vorbeigehen auf die

Wange. „ich geh mal auf Klo.“

Zwei Stunden später kommt Lena von

der Toilette wieder, wobei sie etwas

erschrocken bemerkt, dass sie anfängt

zu schwanken.

„Ich glaube, ich hab langsam genug.

Lass uns gleich mal gehen“ sagt sie, als

sie sich setzte.

Stefan nickt geistesabwesend, starrt

derweil auf das Display seines Handys.

„Ja, okay. Lass uns nur kurz warten, ich

will wissen, was Jan will, vielleicht ist er

ja irgendwo in der Nähe.“

„Häh? Hat er dich gerade angerufen?“

Stefan schüttelt den Kopf. „Nein, aber

er wird mir gleich eine SMS schreiben.

Ich hatte gerade einen Fall von

Gedankenübertragung; hab irgendwie

gedacht, ich könnte mich ja mal bei ihm

melden und jedes Mal, wenn ich das tue,

ruft kurze Zeit später er bei mir an.“

Lena glaubt sich verhört zu haben: „Du

willst mir also weismachen, dass du zwar

nicht an Zufälle glaubst, aber dafür an

Telepathie? Du spinnst doch.“

„Klar glaub ich daran. Passiert dir das

nie? Ich hab das ständig.“ In diesem

Moment gibt Stefans Telefon ein schrilles

Piepen von sich. Triumphierend zeigte er

ihr das Display.

„Siehst du? SMS von Jan, wie ich gesagt

habe.“

Lena muss lachen und schüttelt

ungläubig den Kopf. „Okay, wie hast du

das gemacht?“

Stefan grinst und tippt sich an die Stirn.

Das Rattern der S-Bahn versetzt sie

beide in einen dämmrigen Zustand und

den größten Teil der Heimfahrt verbringen

sie schweigend. Lena hängt ihren

Gedanken nach.

Gerade passieren sie den Bahnhof, der

Lena immer im Gedächtnis bleiben wird,

denn vor Jahren hat sie hier eine sehr

kalte Nacht verbracht. Das war an dem

Tag gewesen, als ihre Eltern sich getrennt

hatten; zuhause hatte sie es einfach nicht

mehr ausgehalten. Eine andere Illusion,

die zerbrochen ist. Inzwischen ist es

mehr als ein Jahr her, dass sie das letzte

Mal mit ihrem Vater gesprochen hat.

Vielleicht hat Stefan ja recht. Vielleicht

sollte man manchmal besser auf seine

Träume und Illusionen aufpassen, damit

man weitermacht und nicht aufgibt. Aber

vielleicht ist es manchmal auch besser,

sich von ihnen zu verabschieden, damit

man offen für Neues sein kann.

Sie denkt an die Telefonnummer ihres

Vaters, die in ihrer Schublade unter dem

Stapel mit den Ablehnungsschreiben

liegt. Sie beschließt, am nächsten Tag bei

ihm anzurufen. Warum auch nicht?

Das Klingeln ihres Handys reißt sie aus

ihren Überlegungen. Sie traut ihren

Augen nicht, als sie die Nummer des

Anrufers auf dem Display sieht.

FeinSinn 47

Christopher Dröge { Bild von sxc.hu)


Wikipedia-Zauber

FeinSinn hat sich in dieser Ausgabe besonders den Rätsel-Freunden angenommen und hofft, dass Ihr uns die

richtigen Lösungen der Wikipedia-Gedichte herzaubert. Die Lösung des Rätsels drucken wir natürlich in der

nächsten Ausgabe.

Ein kleiner Tipp: Die Reihenfolge der Wörter aus den Artikeln wurde jeweils beibehalten.

Und nun: Viel Spass beim Rätseln!

Bezogene Bedeutungen

(ohne Plural) Menschen

Grundstrukturen zu gebrauchen

Bedeutet das Wort

Oder mittels anderer

fest definiertes verfügen

Instrument einer Absicht

Zudem (beim Menschen)

Medium des Denkens

gehalten von konstruierten

unterschieden

Disziplin

zum Teil

aber auch Inhalt

wie

???

Überwiegend Macht

reservierte

früher den einen

verschiedenen Gebrauch

jedoch heute

(europazentrisch und)

umstritten

Menschheit, des Lebens

Sich Natur ausgeweitet

Gennant

???

48 FeinSinn

Abfolge im Gegensatz

Richtung ist Wahrnehmung

Vierdimensionale Rolle

nur in einem einzigen Punkt (bezeichnet)

dem Wesen der Themen

berührt

bei allen bewegten Körpern

Entwicklung

Betrachtet als Wertgegenstand

Bedeutet die Form

???

Playlist

Crystal Castles - Magic Spells

The Tango Magicians – The Third Process

Queen - A Kind Of Magic

The Jimi Hendrix Experience - Spanish Castle Magic

Explosions in the Sky - Magic Hours

Nina Simone - I Put A Spell On You

Portishead - Magic doors

Here We Go Magic - Collector

Magic Man – Monster

Ladytron - Light & Magic

Jarvis Cocker – Black Magic

The Magic Magicians – I'm On Your Side

Klimek – Movies Is Magic

Magic Kids – Superball

Moritz Heumer { Bild von sxc.hu Iris Sygulla { Bild von sxc.hu

FeinSinn 49


Impressum

Herausgeber: Verein zur Förderung studentischen Journalismus Köln e.V.

www.vfsjk.de

ViSdP Niels Walker

Chefredaktion: Niels Walker (stellv. Simeon Buß)

Art Direction: Sebastian Herscheid

Bildredaktion: Sebastian Herscheid

Redaktion/Lektorat: Leyla Bektas, Simeon Buß, Christopher Dröge, Sabina Filipovic,

Dennis Große-Plankermann, Moritz Heumer, Maximiliane Koschyk,

Christiane Mehling, Felix Schledde, PhilippSchweers, Christine Willen

Gestaltung/Layout: Sven Albrecht, Sara Copray, Elisa Hapke, Sebastian Herscheid

Fotografie: René Becker, Leyla Bektas, Veronika Czernievicz, Dennis Große-Plankermann,

Eva Helm, Denise Hoffmeister, Evelyn Laoun, Christine Willen

Website: www.meins-magazin.de

Erscheinungsweise: monatlich

50 Impressum

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine