Endstation Prenzlauer Berg? - orlandodesign.de

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LSD

DAS STADTMAGAZIN FÜR DEN HELMHOLTZKIEZ / PRENZLAUER BERG

3 /2005 Mai /Juni Euro 1,80

Endstation Prenzlauer Berg?

Wohnst du nur oder bleibst du schon?

Foto: Heike Struhlik


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EDITORIAL

Locals for Locals

Ich kam im Dezember 1989 in den Prenzlauer Berg und hoffte dem westdeutschen

Leben zu entfliehen. Während der Wendezeit schien alles möglich zu

sein, nur nicht das, was folgte. Ich lebte in den besetzten Häusern der Lettestrasse

7 und der Dunckerstrasse 15. Wir genossen den Sommer 1990 auf den

Dächern unserer Häuser. Ossis und Wessis liebten sich, hatten Sex - auch auf

dem Dach. Dann holte uns die Wiedervereinigung ein und die neuen, alten

Hausbesitzer versiegelten die Dachluken. Es könnte jemand abstürzen, sagten

sie. Die Reparatur der Teerpappe wird Geld kosten, dachten sie. Mehrmals

brannte in jener Zeit der Dachstuhl der Dunckerstrasse 15. Rauchsäulen standen

über dem Prenzlauer Berg. Man nannte dies eine „heiße Räumung“. Wir

begriffen langsam, dass sich das Leben hier rasant verändern würde. Damals

trafen Systeme aufeinander, inzwischen beschädigen Spekulanten & Schickeria

den guten Ruf. Früher trat man oft in Hundedreck, heute stolpert man über

Laufräder und Kinderwägen. Es hätte schlimmer kommen können. Trotz allem

oder gerade deswegen - sind wir glücklich im Prenzlauer Berg ? Für einige von

uns wird er vielleicht die Endstation sein, der Ort, an dem man bleiben will. Warum

leben und lieben wir gerade hier ? Warum gibt es Europas höchste Babyquote

im Prenzlauer Berg ? Wie kommt es, dass es jetzt dieses merkwürdige

LSD-Magazin gibt, das ökonomisch auf wackligen Beinen steht ?

„Angenehm altmodisch“ oder „Nachdenklich und langsam“, beschrieben einige

Mütter unser letztes Heft. „Richtig scheiße“, sagte mein Nachbar Klaus, der

Wanderer (siehe Story Seite 20). Kritik ist gut, auch destruktive. Solche Kritik ist

ehrlich – sozusagen voll in die Fresse. Auch mein Nachbar lebt hier, mittlerweile

seit dreizehn Jahren. Nehmen wir ihn also ernst, auch wenn er sich nicht mit

spitzer Feder in feingeistiger Rhetorik übt und ihm die Lust fehlte, sich konstruktiv

zu äußern. Er ist authentisch und deshalb schreiben wir über ihn, deshalb

gibt es LSD. Jeder von uns ist jemand; jeder hat seine Geschichte über die es

sich lohnt zu berichten. Es geht um Haltung und darum, das zu bewahren was

der Prenzlauer Berg, vor und nach der Wende immer war und ist: Angenehm

anders und manchmal voll in die Fresse……….

Respekt

Jürgen Oxenknecht


Andreas Lenzmann

Kompressionist

Nachrichten aus dem alten “Neuen Berlin”

Nachdem die Dummheit unbeherrschbar

erscheint, bleiben lediglich die Dummen

um beherrscht zu werden.

Walburgas Sommernachtstraum

Den Namen Walpurgisnacht verdanken wir Walburga, Nichte des Heiligen Bonifazius

und eine der ersten christlichen Missionarinnen im alten Germanien. Nachdem

sie über 100 Jahre nach ihrem Tod einem Bischof im Traum erschienen war

und sich über die schlechte Lage ihres Grabes beschwert hatte, wurde sie an einem

1. Mai heilig gesprochen.

Die Feier der Nacht, das ausschweifende Beltane-Fest, ist viel älter und es ist seltsam,

dass das wildeste, sinnlichste und berauschendste der Jahresfeste, das

Fest der Lebensfülle und der Fruchtbarkeitsriten, nach einer christlichen Missionarin

benannt ist.

In den vorchristlichen Kulturen markierte der 1. Mai den Übergang von der kalten

zur warmen Hälfte des Jahres.

Thomas Zerbst

Starke Mütter

Der Prenzlauer Berg hat Europas höchste

Babyquote. Kinderwägen und Dreiräder verstopfen

die Bürgersteige. Wer sind diese

Mütter ? Was tun sie, wenn ihre Kinder

Abends schlafen ?

Anat Fritz: „Ich hatte plötzlich die Idee Mützen

zu häkeln. Damit habe ich ein Ventil für

meinen kreativen Ausdruck geschaffen. Unter

dem Label AUMi entstehen nun diverse

Kreationen in verschiedenen Formen und

Farben. Ich verkaufe sie für 30,- € je Stück

und habe mittlerweile mehr Anfragen, als ich

bewältigen kann.“

Foto: JoX


INHALT

Politnews Seite 6

Fakten aus dem Prenzlauer Berg

Liskes Spaziergänge Seite 7

Deutscher unter Deutschen

Gesichter Seite 9-11

Heute gibt es Reis ... Seite 9

In Deutschland laufen alle ihrer Nase nach ... Seite 10

Unterwegs Seite 12

Wohnst du nur oder bleibst du schon ? - Umzugsfotos

Diskussion Seite 14

Endstation Prenzlauer Berg ?

1989 - als alles begann.. Seite 16-19

Anarchie, Aufbruch, Anachronismus

Helden Seite 20

3000 Kilometer zu Fuß quer duch Europa

Baby Berg Boomers Seite 22-25

Kolle 37 - die Stadt als Spiellandschaft ... Seite 22-23

Neue europäische Regelung ... Seite 24

Tipps und Termine für Kids ... Seite 25

Zeitreise Seite 26

Errinerungen an ein Automobil

Suchen Finden Helfen Seite 28

Das LSD-Spiel

Brot & Spiele Seite 30

Fußball-Ballett auf dem Prenzlauer Berg

Mode vom P-Berg Seite 32

Winter ade! Endlich frei! Mode von www.lillililli.de

Freiraum Seite 34

Cui Bono ? Natürlich dem Rechtsstaat.

Lies mich Seite 35

Berliner Mietshaus - eine Buchvorstellung

Domblick Seite 36

Kölner Fernsichten

Ein Tag Seite 37

Bäcker - Fotostory

9

16

26

Essen bei Chau Van

“Bei mir ist der Gast noch König aber

der Wirt ist Kaiser.”

Strassenkunst oder doch nur Schrott -

eine Zeitreise


POLITNEWS

Fakten, Fakten, Fakten……….

POLITNEWS aus dem PRENZLAUER BERG

Neue Sozialstadträtin im Amt

Die BVV hat am 23. März die Diplompädagogin

Lioba Zürn-Kasztantowicz zur Bezirksstadträtin für

Gesundheit und Soziales gewählt. Die 52jährige

SPD-Politikerin, die seit 1995 im Pankower Ortsteil

Blankenburg lebt und bislang als Jugendhelferin in

Friedrichshain-Kreuzberg tätig war, erwarten komplizierte

Aufgaben. Unter ihrem Vorgänger Johannes

Lehmann kam es im Sozialamt zu umfangreichen

Falschbuchungen, durch die ein finanzieller

Schaden von vier Millionen entstanden ist. Zudem

waren Anfang des Jahres im Sozialamt ca. 30.000

noch nicht abschließend bearbeitete Akten entdeckt

worden. In der BVV bezeichnete es Zürn-

Kastztantowizc als ihre wichtigste Aufgabe, die

gravierenden Mängel zielstrebig zu beseitigen und

das Vertrauen der Öffentlichkeit und der BVV zurückzugewinnen,

die von Lehmann über das Ausmaß

der Missstände wiederholt falsch informiert

worden waren.

Erster Spatenstich für »Prenzlauer Gärten«

Für Berlins derzeit größtes Wohnungsbauvorhaben

ist am 5. April auf dem ehemaligen Brauereiareal

zwischen Greifswalder Straße und der Straße

Am Friedrichshain im Sanierungsgebiet Bötzowstraße

der erste Spatenstich erfolgt. Auf dem

20.000 m² großen Grundstück will die Prenzlauer

Gärten Grundbesitz AG rund 38 Millionen Euro in

den Bau von zwei Apartmenthäusern und einer aus

60 Einfamilienhäusern bestehenden Reihenhaussiedlung

nach britischem Vorbild investieren. Der

Investor verpflichtete sich darüber hinaus im alten

Brauereigebäude eine Jugendfreizeitstätte einzurichten,

die der Bezirk anmieten wird.

Gedenktafel für Käthe Kollwitz

Das Bezirksamt ehrt die Grafikerin und Bildhauerin

Käthe Kollwitz mit einer Gedenktafel, die am

22. April, ihrem 60. Todestag, am ehemaligen

Wohnhaus des Ehepaars Kollwitz in der heutigen

Kollwitzstraße 56A enthüllt wird. Von 1891 bis 1943

lebte die Künstlerin mit ihrem Mann, dem Arzt Dr.

Karl Kollwitz, in dem Haus am Kollwitzplatz, das im

Krieg zerstört und in den neunziger Jahren durch

einen Neubau ersetzt worden war. Die Kosten

6 LSD

übernimmt die Wohnungsbaugesellschaft Gewobag,

der das Gebäude gehört.

Rückzug in Raten

Nach der Entscheidung der Senatsverwaltung

für Stadtentwicklung, die beiden in unserem Bezirk

gelegenen Quartiersmanagementgebiete Helmholtzplatz

und Falkplatz 2007 aufzuheben, bereiten

die QM-Teams der S.T.E.R.N. GmbH jetzt ihren

sukzessiven Rückzug vor. In einem bis Jahresmitte

abzustimmenden Aktionsplan soll die schrittweise

Übertragung von Aufgaben des Quartiersmanagements

an das Bezirksamt und an bewohnergetragene

Strukturen geregelt werden.

Überprüft werden soll dabei auch der geplante Einsatz

der für die Jahre 2005 bis 2007 bereits bewilligten

QM-Mittel. Gefördert werden soll nur Projekte,

die nachweislich zur Verstetigung bislang

erzielter Ergebnisse beitragen. Für das Helmholtzplatz-Gebiet

stehen bis 2007 noch 4,7 und

für das Falkplatz-Gebiet noch 1,2 Millionen Euro

zur Verfügung. Auch der Aktionsfonds -für beide

Gebiete je 15.000 Euro- wird in diesem Jahr letztmalig

vom Senat finanziert. Das QM-Büro in der

Senefelderstraße 6 hat ab sofort nur noch donnerstags

von 16 bis 19 Uhr geöffnet (Tel.

74778221).

BVV unterstützt Elterninitiative

Die BVV Pankow hat sich jetzt des Anliegens

einer Eltern- und Anwohnerinitiative zur Erhöhung

der Verkehrssicherheit für Kinder im Bereich des

Speilplatzes in der Gethsemanestraße angenommen.

Durch parkende Autos am Spielplatzrand

wird die Sicht von Kindern, die den Platz betreten

oder verlassen wollen, stark eingeschränkt. Auf

Empfehlung des Verkehrsausschusses hat die

BVV das Bezirksamt aufgefordert, die Gefahren

zügig zu beseitigen. Die Initiative schlägt vor, an

der der Gethsemanestraße zugewandten Seite

des Spielplatzes einen mit Pollern geschützten

Fußweg einzurichten. Das Konzept soll Ende April

im Verkehrsausschuss vorgestellt werden.

Hartmut Seefeld, VorOrt Redaktion


„Boah, gibt’s hier viele Cafés die schon

Ende Februar die Tische rausstellen! Und diese

Straßenmusiker überall! Und all die kleinen Galerien

erst, wow!“

Man kann ja über den Prenzlauer Berg viel Gutes

sagen. Dass er sich ernsthaft am Ideal einer

multikulturellen Gesellschaft beteiligt, gehört leider

nicht dazu. Das wurde mir aber auch erst bewusst,

als ich kürzlich vor den Obststiegen meines Vietnamesen

prüfend an einer Hundertschaft Avocados

herumfingerte. Nachdem sich die ersten fünfzig als

unreif erwiesen hatten, ich aber nicht gewillt war

aufzugeben, hatten sich meine sonstigen Sinne in

ein meditatives Nirwana begeben. Daher bemerkte

ich das Pärchen, das neben mir Kiwis begrabbelte

erst, als die beiden begannen, sich zu unterhalten.

„Sag mal, was meinst Du, wohnen die eigentlich

in ihrem Laden?“ Die Stimme gehörte einer circa

22jährigen magersüchtigen Piepsblondine.

GZSZ-Darstellerin vermutlich. Die leben ja neuer-

LISKES SPAZIERGÄNGE

Deutscher unter Deutschen

dings fast alle in meiner Straße. „Wer denn?“ fragte

der Kunststudent neben ihr zurück. Schwarze

Hornbrille, Dutt mit Bleistifthalterung, die Schläfenhaare

zu spitzen Hörnchen gesprayt. „Na, diese

Vietnamesen! Die müssen doch irgendwo wohnen.

Man sieht die immer nur in ihrem Laden.“ „Ei,

weiß isch do’ net. Vielleischt in Hälläsdoff.“ Der

Kunststudent kam wohl aus Hessen. „Glaub’ ich

nicht. Die wohnen bestimmt in ihrem Laden.“ Entschieden

griff sich Blondi zwei Kiwis aus der Kiste

und verschwand in das Geschäft. König Frisur

trottete hinterdrein, und ich blieb sprachlos zurück.

Nicht nur Kinder, auch GZSZ-Darstellerinnen stellen

manchmal verblüffende Fragen, dachte ich.

Und: Ja, wo wohnen sie denn nun wirklich, die

Vietnamesen? Wo gehen sie selber einkaufen? Wo

trinken sie Kaffee? Prüfend sah ich mich im Straßenbild

um. Ein paar schwarzgekleidete Musiker

hetzten auf dem Weg zur Probe vorbei. Die Grafikerin

aus meinem Haus machte mit ihrem

LSD

7


LISKES SPAZIERGÄNGE

Zwillingskinderwagen Jagd auf unachtsame Passanten.

Und vor dem Bioladen gegenüber lümmelten

ein paar Öko-Avantgardisten, um sich bei überteuertem

Grüntee über die Lidl-Tüten der vorbeischlurfenden

Hartz IV-Lebenskünstler zu mokieren.

Kein Türke, Araber oder Afrikaner weit und breit.

Kopftuchprozess und Asylrecht – Politdebatten einer

fernen, fremden Welt. Wohin ich auch blickte:

Bleichgesichter. Und der einzige Vietnamese

außerhalb des Gemüseladens verkaufte zwischen

den Kaisers-Mülltonnen russische West-Zigaretten.

Multi-Kulti sieht anders aus.

Es muss ja nicht gleich Kreuzberg oder der

Wedding sein, aber wie ich da so stand, erinnerte

ich mich an die Geschichte einer Potsdamer Bekannten.

Die war von einem Schwarzwald-Trip mit

den Worten heimgekehrt: „Da laufen ja selbst im

kleinsten Kaff überall Türken rum. Total irre!“ Ich

glaube ‚Türken’ war ihr Sammelbegriff für Menschen

mit irgendwie bräunlicher Haut,und sie meinte

es bestimmt nicht böse. Sie war eher fasziniert.

Denn tatsächlich gibt es ein solches Bild in ostdeutschen

Kleinstädten – zu denen ich an dieser

Stelle auch Potsdam zählen möchte – einfach

nicht. Das ist einer der Gründe warum ich dort nicht

wohnen könnte, warum ich mein Berlin liebe. Abermals

sah ich mich im um. War das überhaupt noch

Berlin hier? Selbst Zehlendorf hat ein bunteres

Straßenbild. Nicht was Frisuren betrifft natürlich,

aber in Sachen Hautfarbe. Die drei indischen Restaurants

in der Nebenstraße fielen mir ein. Inder

beim Einkaufen? Pustekuchen. Trippelten nicht bei

der täglichen Szene-Massenmodenschau auch zu-

8 LSD

weilen ein paar Schwarze die Showtreppe am U-

Bahnhof Eberswalder Straße hinab? Ja, aber die

hatten immer Instrumente dabei. Das war ihr Gemüseladen.

Nicht mal der bayrische Innenminister

hätte gegen diese Form von Multikultur etwas einzuwenden.

Tatsächlich: Ohne es zu merken, war

ich in einer ostdeutschen Kleinstadt gestrandet,

die zu allem Überfluss auch noch hauptsächlich

von Schwaben, Bayern, Hessen und anderen Germanen-Stämmen

aus dem Westen bevölkert wurde!

All das Metropolengetue, all die nie zuvor gehörten

Namen dieser DJ’s aus New York und Tokio

die von den kryptischen Plakaten mir unbekannter

Tanzclubs dräuten, waren nur Tünche. Ich war ein

Deutscher unter Deutschen. Es schauderte mich.

Meine Finger hörten auf, die Avocados zu betasten.

Blondi und König Frisur verließen den Laden.

„Gehst Du heut abend auch zu Dr. Kinio und Kazzo-Beat?“

fragte er. „Oh nein! Ist das heute? Ich

wollte eigentlich zu Sergeant Dickmaster,“ antwortete

sie, fiepste unvermittelt laut auf und wedelte

mit ihren bunt bepinselten Klauen in der Luft herum.

„Iiiiiiiih! Das ist schrecklich! Nie weiß ich wo ich

hingeh’n soll. Hier ist immer so viel gleichzeitig.

Und irgendwie ist das alles so .... kulti!“ Sie sagte

tatsächlich ‚kulti’ ...

Ich beschloss den Tag aufzugeben, nahm ein

paar Äpfel und griff mir drinnen noch eine Flasche

rheinhessischen Dornfelder. Die Vietnamesin und

ich wünschten uns ein schönes Wochenende. Ich

widerstand der Versuchung, sie nach ihrer Wohnung

zu fragen.

Text: Markus M. Liske, Illustrationen: Christian Hückstädt


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Wohnst du nur

oder bleibst du schon ?

12 LSD

Fotos von Denis Engel


DISKUSSION

Berlin, Berlin ick hab` Dir wieder –

Endstation Prenzlauer Berg?

Egal ob man erst ein Jahr hier wohnt oder zehn: Der Prenzlauer Berg übt auf die meisten seiner Bewohner

und Bewohnerinnen eine eigentümliche Anziehungskraft aus. Vieles scheint hier möglich, ein ganz besonderer

Kosmos im Herzen Berlins. Einige ziehen weg, raus ins Grüne meist, ganz viele jedoch bleiben und

können sich erstmal gar nicht vorstellen, woanders zu leben. Ob aus Schöneberg, Niederbayern oder aus

aller Herren Länder: Hängt unser Herz am Prenzelberg wie an einem Stückchen Heimat? LSD ist dieser Frage

nachgegangen und hat eine kleine Diskussion angestoßen…

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen waren:

Robert aus Niederbayern, seit 1996 (prenzelbergnah)

im Wedding; Ilona seit 15 Jahren in der Lychener

Straße; Marie seit 1930 in Berlin; Jasmin

aus der Türkei seit 1980 in Berlin, seit 5 Jahren im

Prenzlauer Berg; Thea aus Österreich, seit 10 Jahren

in Berlin, 7 Jahre in der Raumer Straße; Kathrin

aus England, seit 1998 im Kiez; Thomas Z.

Westberliner seit 5 Jahren hier; Susanne aus

Österreich, 7 Jahre in Berlin; Martin, ursprünglich

aus Tschechien, in der BRD aufgewachsen; viele

Jahre im Kiez; Thomas aus Ostberlin, 8 Jahre im

Prenzlauer Berg.

Robert: Land, Stadt, Stadtteil, eine Landschaft…

was ist Heimat überhaupt?

Ilona: Ich denke, man kann es so einfach nicht

definieren. Wo man sich wohlfühlt ist Heimat.

Robert: Heimat hat vielleicht mehr mit den Menschen,

die einen umgeben zu tun, dieses Zuhausegefühl,

die nächste Umgebung, die Straßen, das

blöde Wort „Atmosphäre“, wie die Leute miteinander

umgehen, wie sie reden, die Häuser, wie sie

aussehen… Bezogen auf den Prenzlauer Berg haben

wir uns gefragt, wie ist dieses Gefühl für Leute,

die schon 20 oder 30 Jahre oder noch länger

hier leben? Wie ist dieses Gefühl für sie in Anbetracht

der großen Veränderungen innerhalb des

Bezirkes. Ich will jetzt nicht unbedingt die Ost-

West Schiene in die Diskussion bringen und wie

die ganzen Schicki-Micki Leute hier eingefallen

sind…

Thomas: Wenn es aber doch so ist…

Robert: Die Frage ist, hat der Prenzlauer Berg

immer noch die Kraft von den Leuten, die hier heimisch

sind. Kann man hier selbst als

Zugezogener heimisch werden?

Marie: Ich denke schon dass die Alten, die hier

geblieben sind, sich noch heimisch fühlen…Viele

14 LSD

sind ja schon weggestorben. Wir waren ja ein Viertel,

das sehr überaltert war…es war furchtbar, nur

Alte auf den Plätzen. Die jungen Leute sind in der

DDR Zeit alle weggezogen in die Neubauten, nach

Marzahn, Hellersdorf…Da war mehr Komfort. Viele

Wohnungen hier hatten keine Bäder, Außentoiletten

und so…In der Göhrener Straße bin ich nun

die letzte Alte, die da schon immer haust…Naja,

weil ich aber schon immer ein Ausreisser war, habe

ich die halbe Welt gesehen und weiß auch wie`s

woanders aussieht.

Thea: Aber die Heimat ist für Dich hier in Berlin?

Marie: Ursprünglich wollte ich gar nicht bleiben.

Aber dann war ja die Mauer, was sollte ich machen

außer hier bleiben? Abgehauen bin ich immer wieder,

bis dann die Kinder kamen, da wurde ich dann

sesshafter. Jetzt bleibe ich, das Reisefieber ist vorbei.

Ich habe mir ein kleines Paradies in meinem

Haus geschaffen, mit meinem Garten unten fühle

ich mich wohl.

Robert: Das heißt, Du hast keine sentimentalen

Gefühle, von wegen vor 20 Jahren war alles

irgendwie besser…

Marie: Um Gottes willen, es muß sich doch verändern!

Wie gut, dass so viele junge Leute gekommen

sind. Die Gespräche der Alten drehten sich

doch nur um Krankheiten, mir tut`s da weh, mich

zwickt`s dort…Nein, die Entwicklung war schon

gut. Es war ja alles so dreckig hier, das Göhrener

Eck völlig verwahrlost. Ich kenne die Häuser ja

noch, als sie ganz neu erbaut waren, Anfang des

letzten Jahrhunderts, da sahen sie aus wie heute.

Nein, die Entwicklung gefällt mir.

Thea: Jasmin, Deine Familie kommt ursprünglich

aus der Türkei, Du hast lange in Schöneberg gelebt

und bist seit fünf Jahren hier im Bezirk. Kannst

Du uns beschreiben, was für Dich im Prenzelberg

Heimat ist?

Jasmin: Eigentlich alles, die Sprache, die Men-


schen, wo ich lebe, d.h. die Möglichkeiten, die mir

der Ort anbietet, wo ich lebe, alleine aber auch mit

Freunden. Dass es meinem Kind hier gut geht...

Thea: Nenn´ uns doch mal drei Gründe, warum

es Dir hier total gut geht und vielleicht zwei warum

nicht…

Jasmin: Erstens weil der Mensch, den ich liebe

hier lebt; zweitens die Arbeitsmöglichkeiten, die

Selbstständigkeit habe ich hier geschafft und

schließlich, dass es meinem Kind hier auch sehr

gut geht…

Thea: Dann bist Du hier zuhause?

Jasmin: Ja.

Robert: Könntest Du Dir auch vorstellen hier alt

zu werden, oder gibt es vielleicht andere Perspektiven

für Dich? Anders herum gefragt: Könnte der

Prenzlauer Berg eine „Durchgangsstation“ sein?

Jasmin: Naja, jeder der ein Kind hat wünscht

sich bestimmt, dass es in der Natur groß wird.

Thea: Du würdest also schon mal irgendwann

wegziehen?

Jasmin: Schwierig, wenn das Kind zur Schule

geht, dann ist es auch nicht mehr so einfach hinund

herzuziehen…Ich wünsche mir schon, meinem

Sohn auch eine andere Welt zu zeigen, Berge

und Meer. Und das nicht nur für zwei Wochen,

sondern für eine längere Zeit…

Thea: Kathrin, Du hast zwei Kinder, drei und vier

Jahre, alle hier geboren. Du wohnst seit sieben

Jahren hier und kommst ursprünglich aus England.

Dein Mann, auch Engländer ist seit fast zehn

Jahren hier. Was hat Euch hierhin „verschlagen“?

Kathrin: Ja, wir haben beide Deutsch in Berlin

studiert. Waren zwischenzeitlich ein Jahr in Augsburg,

kamen wieder zurück und plötzlich sind

neun Jahre vergangen…Dabei war der Wechsel

Augsburg-Berlin nicht leicht. Berlin empfand ich

als grau, dreckig, überall Hundekacke…Ich bin

dann ein Jahr um die Welt gereist und danach war

Illustration: Olaf Domroese, tshunx@web.de

das Ankommen in Berlin auch wesentlich einfacher.

Wir diskutieren eigentlich immer hin und her,

ob wir zurückgehen nach England, fragen uns

aber auch, ob wir es da wirklich besser haben

würden. An sich haben wir hier eine sehr gute Lebensqualität.

Bei einem Wechsel käme es darauf

an, wo man dann wohnen würde, je nach Beruf

usw.. Wir müssten nach London gehen, das wäre

auch nicht unbedingt viel besser…

Thea: Man hat auch das Gefühl, dass man das

gar nicht so selbst entscheidet. Wenn man hier einen

Job hat usw. dann bleibt man halt hier.

Kathrin: Ja, wie Jasmin schon sagte, sobald die

Kinder neue Freunde haben, hast du auch neue

Freundedein Kreis bildet sich durch die Kita,

durch die Arbeit. Mit den Kindern, das macht

schon sehr viel aus. Hier sind die einfach sehr gut

aufgehoben. Weil wir noch Kitakinder haben, können

wir außerdem immer noch ans Meer nach

Hause, nach England.

Thea: England ist also schon immer noch „nach

Hause“…

Kathrin: Ja. Für die Kinder ist jedoch mit „we´re

going home“ Berlin gemeint… Das ist halt so; wird

immer so sein, denke ich.

Thea: Aber Du fühlst dich hier zuhause…

Kathrin: Ja, doch. Berlin hat auch eine Sonderstellung

innerhalb Deutschlands, man kann es

nicht vergleichen… es ist nicht typisch deutsch

oder so. Ich könnte mir inzwischen auch nicht vorstellen,

in einer anderen deutschen Stadt zu leben.

Thea: Könntest Du hier alt werden?

Kathrin: Nein, ich möchte schon mein Haus mit

Gärtchen…Die Frage ist halt, gehen wir dann nicht

gleich nach England zurück. Das ist alles noch unklar.


LSD 15


1989 ALS ALLES BEGANN...

Anarchie, Aufbruch,

Anachronismus

Die freie Kneipenszene begann in den Wendezeiten

Text: Jürgen Oxenknecht, Fotos: T. West, JoX

Robert und Andre arbeiteten viel im Winter

89/90, trotzdem blieb Wochen später kaum Geld

übrig. Das erste unabhängige Café der Wendezeit

im Prenzlauer Berg musste im Frühjahr 1990 vorübergehend

schließen. „Mein Geschäftspartner fotografierte

sehr viel“, sagt Andre. Später tauchten

diese Fotos in seiner Stasiakte auf. Robert verschwand

spurlos im April. Es war eine von vielen

Enttäuschungen nach dem Zusammenbruch der

DDR. Viele Menschen verloren ein Stück ihrer Heimat.

Gibt es noch Cafés, in denen man spürt, dass

der Prenzlauer Berg früher zur Hauptstadt der DDR

gehörte ?

Stubbenkammerstrasse 6

Ein Abend im April 2005, Donnerstag, 22 Uhr.

Die Stubbenkammer Straße im Prenzlauer Berg ist

überfüllt von parkenden Autos. Im fahlen Licht der

Straßenlaternen spaziert eine müde drein blickende

Frau an einem von Kletterpflanzen bewachsenem,

unsaniertem Haus entlang. Im Erdgeschoss dieses

Altbaus mit der Hausnummer 6 beleuchtet das im

Schaufenster installierte Aquarium des Cafe Bumerang

den Bürgersteig. Ein Gast öffnet die braune

Stahltür, tritt heraus und torkelt nachhause. Im Bumerang

läuft wie so oft eine CD der DOORS. Es

singt Jim Morrison. Er scheiterte an seinen Illusionen,

ähnlich wie die DDR. Beiden fehlte am Ende

die Kraft weiter zu leben.

Im Cafe sitzen nur wenige Gäste. Links neben

der Theke führt ein dunkler Gang zum hinteren

Raum. Dort spielt André Kriegel, der Inhaber des

Bumerang, Billard. Während er sich über die Kugeln

beugt, sagt er zu Jens, ohne ihn anzuschauen:

„Mach Dir Dein Bier bitte alleine und störe mich

nicht beim Spielen.“ Jens kehrt zur Theke zurück

16 LSD

und zapft sich ein Bier. Viele bedienen sich hier

selbst – man kennt sich.

Gewinner der Wende

Jens ist fast täglich hier, da er über dem Bumerang

wohnt. Seine langen Haare hat er zu einem

Zopf zusammengebunden. 1994 kam er zum Studium

nach Berlin und brach es nach dem Vordiplom

ab. Jetzt betreibt er selbstständig eine mobile

Mittelalterbäckerei. Zu DDR Zeiten arbeitete er

als Landwirt in der Niederlausitz.. „Andrés Persönlichkeit

zeichnet das Bumerang aus, er ist ein professioneller

Dilettant“, sagt er. Jens genießt, dass

er hier seine Ruhe hat, obwohl er dem Wirt des

Umsatzes wegen mehr Gäste gönnen würde.

„Hier triffst Du Menschen aus allen sozialen

Schichten. Studenten, Hausfrauen, Doktoren, was

Du willst. Ist schon irgendwie ein kultureller Mittelpunkt.

Ja, kann man schon sagen.“. Die Geschäfte

von Jens laufen gut. „Ich fühle mich als Gewinner

der Wende“, sagt er um dann nachdenklich

einzuwenden: „Aber im Osten wäre ich auch

glücklich geworden.“ Er bestellt ein Bier bei André,

der keine Lust mehr auf Billard hat. Er hat das letzte

Spiel verloren. Das passiert dem Chef selten.

VEB Elektro Kohle Lichtenberg

André Kriegel, ein großer, schlaksiger Typ, hat

kurze schwarze Locken, die zunehmend lichter

werden. Seit 1990 führt er das Cafe Bumerang.

Ursprünglich kam er aus Nauen, doch 1985 zog er

in den Prenzlauer Berg, da er bei VEB Elektro Kohle

Lichtenberg als Werkzeugmacher zu arbeiten

begann. Er verdiente für Ostverhältnisse sehr gut.

„1.200 Mark erhielt ich monatlich. Ich war dafür


Viele bedienen sich hier selbst – man kennt sich.

verantwortlich, westliche Maschinen im Betrieb aufzubauen“,

sagt er, „doch im September 1989 sollte

ich in Polen wegen eines Streiks der Arbeiter

Montagearbeiten ausführen. Ich weigerte mich und

wäre wegen Arbeitsverweigerung vor Gericht gekommen.

Deshalb habe ich gekündigt und war

zum zweiten Mal in der DDR ohne Job.“ Er wollte

darauf im Tierpark Friedrichsfelde im Reptilienhaus

arbeiten, doch die Stasi ließ es nicht zu. André galt

als politisch subversiv. Ende der Achtziger Jahre

saß er mehrmals in Untersuchungshaft, weil er den

Dienst in der Nationalen Volksarmee verweigerte.

„Wehrkraftzersetzung nannte man das damals“,

sagt André lächelnd. Amnesty International bezahlte

sein Gerichtsverfahren.

Heimweh nach Berlin

Die Stahltür des Cafés öffnet sich, ein weiterer

Gast kommt herein und gesellt sich zu André an die

Theke. Es ist Thorsten, den hier alle Fischi nennen.

„Das Bumerang ist eines der letzten Cafes aus der

Wendezeit. Drumherum gibt es nur Geldschup-

pen“, erzählt Thorsten, von Beruf Physiotherapeut,

Fotograf und Spieleerfinder. Er wohnte wegen seiner

dreijährigen Tochter eine Zeitlang in Baden

Württemberg. „Das ’schaffe, schaffe Häusle baue’

ging mir auf die Nerven.“ Er verdiente im Süden

Deutschlands 40 Prozent mehr als in Berlin, doch

nach einem Jahr hatte er Heimweh nach seinem

Kiez. „Das Bumerang hat einen familiären Charakter.

Es ist eine Zufluchtsstätte für Romantiker und

Nostalgiker. Hier treffe ich plötzlich alte Bekannte,

die ich jahrelang nicht gesehen habe. Gäbe es das

Bumerang nicht, wüsste ich nicht, wo ich noch

hingehen sollte.“

Cafe ZK

Im Januar 1990 nannte sich das Cafe Bumerang

noch Cafe ZK. „Alle dachten es bedeutete

Zentralkomitee, nee – ZUM KOTZEN war die Situation

in der DDR“, sagt André. „Wir waren Anarchisten

und wollten den spießigen Stasiapparat

loswerden.“ Das Cafe ZK existierte schon vor dem

Cafe Schliemann und dem Cafe Westphal,

LSD 17


1989 ALS ALLES BEGANN...

die ihm erst Wochen später folgten. Im Hausdurchgang

hatten sie die Tür der linken Erdgeschosswohnung

aufgebrochen. Dahinter trafen sich Ossis,

die mit dem alten System abgeschlossen hatten.

Keiner rechnete damit, dass nur kurze Zeit später

der Westen alles was sie kannten einnebeln würde.

Die Räume des Cafes beherbergten in den siebziger

Jahren eine Fleischerei. Einige Zwischenwände

hatten die Betreiber mit dem Vorschlaghammer geöffnet.

Überall standen zerborstene Sessel und Sofas

aus DDR Produktion. Die Luft roch streng nach

KARO Zigaretten, einer Marke, die Jugendliche aus

dem Westen stolz in der Heimat ihren Freunden

präsentierten. Sie war härter als eine ROTH HÄND-

LE. So schmeckte der Osten. „Es war ein nichtkommerzielles

Infocafe“, sagt André lachend, „von

den Wessis haben wir 1:1 abkassiert, harte Devisen

eben“.

Der zweite Anlauf

Nachdem das Café ZK im Juni 1990 zugemacht

hatte, eröffnete André im Dezember 1990 in

den selben Räumen ein neues Café. Er nannte es

Bumerang. „Ich wollte mit dem Namen ausdrücken,

dass wir wieder da sind und einen zweiten Anlauf

nehmen.“ Mitte der Neunziger Jahre liefen die

Geschäfte sehr gut. Es waren immer noch die

Nachwendejahre. Der Westen war bislang nur zum

Teil im Helmholtzkiez angekommen. Alles war in

Bewegung und immer noch neu und aufregend.

Penner und Punks mit ihren Hunden gehörten zum

Straßenbild. „Ich habe damals mit dem verdienten

Geld zeitweilig die Hamburger Hafenstrasse und

weitere linke Projekte unterstützt“, sagt André. „Damals

war ich Idealist.“ Doch es wurde schwieriger.

Alte Bewohner zogen weg und das Ausgehklientel

des Prenzlauer Berges glich immer mehr dem der

bayerischen Hauptstadt. „Rund um den Kollwitzplatz

wohnen Besserverdienende, auf dem Helmholtzplatz

tummeln sich studierte Mütter mit ihren

Kindern, deren Männer im Medienbereich anschaffen

und die Kastanienallee verkommt zum Ball der

Eitelkeiten“, sagt André teilnahmslos, „meine frühere

Kundschaft kann sich das Leben im Kiez kaum

noch leisten. Viele gründeten eine Familie und mussten

wegen der hohen Mieten in angrenzende Bezirke

umziehen.“

Der Unfall

18 LSD

Im Sommer 2000 krachte es. Die Umsätze wa-

ren schlecht und seine Liebesbeziehung zerbrach.

André floh nach Kreta. Er hatte vor, niemals nach

Berlin zurück zu kehren, doch auf der Insel traf er

eine deutsche Touristin. Sie flogen gemeinsam

Richtung Indien. Nach einem halben Jahr vermisste

er seinen Sohn Paul. Deshalb kam er wieder

nach Hause.

Das Bumerang war während seiner Abwesenheit

abgewirtschaftet worden. Er kämpfte gegen

die Schulden an und stürzte im Juli 2001 beim

Sportklettern ab. Das kostete ihn vier Wochen

André Kriegel - seit über 15 Jahren Wirt im

Cafe Bumerang

Krankenhaus und vier Wochen Reha-Klinik. Danach

musste er mit Krücken hinter der Theke stehen.

Aus den Armen und Beinen hingen Schläuche,

die das Wundwasser der zurückliegenden

Operationen abtransportierten. Er kämpfte um das

Überleben seines Ladens, um seine finanzielle Existenz

.

Das Bumerang existiert seit 15 Jahren. Viel

Geld wurde hier nie verdient. Das Mobiliar hat der

Wirt in den Jahren nach und nach zusammengetragen.

Auf den Tischen stehen Kerzen, die sich im

Aquarium der Fensterfront spiegeln. Die RAF-Plakate

aus Nachwendezeiten sind verschwunden.

Nur das Schwarzweiß-Poster von Erich Honecker

mit Kapitänsmütze erinnert an frühere Zeiten. Ende


1989 hofften viele, dass sich etwas Entscheidendes

ändern würde.

Der Mikrokosmos

Während der Prenzlauer Berg sich seit der

Wende völlig verändert hat, scheint im Bumerang

die Zeit still zu stehen. „Ich liebe und hasse das Bumerang“,

sagt Katrin, von Beruf Baumpflegerin und

studierte Kunstpädagogin. „Diese Straße ist mein

Zuhause und im Sommer trifft sich die Nachbarschaft

an den Biertischen des Bumerang. Es ist wie

ein Dorf“. Sie kam 1996 aus Westberlin in den

Helmholtzkiez, zurück will sie nicht mehr. Als sie vor

zwei Jahren für ihren Studienabschluss lernte, reduzierte

sie ihre Besuche. „Ich stellte plötzlich fest,

dass mir der Mikrokosmos des Bumerang zu klein

geworden war.“, sagt sie, „Was ich aber immer

noch einzigartig finde ist, dass es wahrscheinlich

die einzige Kneipe Berlins ist, in der sich der Gast

manchmal entschuldigen muss, wenn er ein Bier

bestellt.“ „Hier ist der Gast noch König, doch der

Wirt ist Kaiser“, pflegt André zu sagen. Kommt jemand

Neues in seine Räume, taxiert er ihn manchmal

danach, ob er Wessi oder Ossi sei. „Die Wessis

sind einfach cleverer, als wir“, gibt er zu, „sie

verkaufen sich besser, nehmen sich was sie brauchen

und fragen nicht lange, ob es OK ist. Im

Osten war der Zusammenhalt stärker. Wir brauchten

einander mehr und Geld hatte eine geringere

Bedeutung.“

Das Leben war ein Traum

Manchmal sehnt sich André „seine“ DDR zurück.

Nicht weil damals alles besser war, sondern

weil die Regeln, gegen die er kämpfte, übersichtlicher

waren. Nun kämpft jeder für sich, um Geld,

Erfolg, sozialen Status oder einfach nur um das

nackte Überleben. „Keine Existenzprobleme haben

– ist das nicht Freiheit?“, fragt sich André. „Wir

träumten vom Sozialismus, jetzt leben wir im real

existierenden Kapitalismus. Jeder Idiot, der Geld

oder Macht hat, gilt als erfolgreich. Ist das der Maßstab

dafür, ob wir glücklich und sinnvoll leben?“ Jochen,

der neben ihm sitzt, nickt zustimmend. Er ist

einer der wenigen, die seit 15 Jahren das Bumerang

besuchen. „Ich wurde in Westdeutschland geboren

und war immer auf der Jagd nach dem

Außergewöhnlichen, da mich das Normale seit jeher

anwiderte. Im Dezember 89 zog ich als Hausbesetzer

in den Prenzlauer Berg und genoss den

1989 ALS ALLES BEGANN...

Zwischenraum, die Zeit in der der Osten aufhörte

zu existieren und der Westen hier noch nicht angekommen

war. Damals bekam ich eine Vorstellung

davon, wie es sich anfühlt, wenn sich Strukturen

auflösen. Das Leben war ein Traum. Alles schien

möglich. Ich glaube, ich war damals glücklich.“ Jochen

kommt oft ins Bumerang, um sich der alten

Zeiten zu erinnern. „Ich lernte auch Stasi-Mitarbeiter

kennen und stellte fest, dass sie den West-Kar-

rieristen charakterlich ähnelten. Scheiße schwimmt

immer oben, das war und ist im Osten nicht anders

als im Westen.“, sagt er mit einem diebischen

Lächeln im Gesicht. Er versuchte zeitweilig in Cuba

zu finden, was er in Berlin vermisst. „Wenn Castro

stirbt bin ich sofort in Havanna – dort wird es

dann erneut zeitlose Zwischenräume geben. Ich

liebe es, wenn zwei Systeme aufeinander treffen.

In solchen Momenten zählt nur der Augenblick, da

jeder Plan am nächsten Tag von der sich rasant

verändernden Realität über den Haufen geworfen

wird.“

Wendekultur

Es ist 2.00 Uhr nachts. Manchmal bereut André

ein wenig, dass er früher Geld aus seinen Einnahmen

an soziale Projekte gespendet hat. Dank erhielt

er dafür nur selten. „Ich habe aus sehr vielen

Fehlern lernen müssen. Oft wurde ich getäuscht.

In der Zukunft will ich nur noch drei bis vier Tage

pro Woche hinter dem Tresen stehen.“ Sein Idealismus

der Wendezeit scheint verflogen. Im Kapitalismus

will er trotzdem nicht ankommen. Er genießt

es, in seinem Laden ein Stück Wendekultur konserviert

zu haben. „Ich werde das Bumerang sicherlich

noch weitere zehn Jahre führen, das bin

ich meinem Kiez schuldig.“ Er greift nach den Gläsern

und schenkt Bier ein. Seine Gäste haben

Durst - wie damals in den Wendezeiten………

LSD 19


HELDEN

3.000 Kilometer

zu Fuß quer durch Europa

Vom Prenzlauer Berg bis Santiago de Compostela

Klaus (53) sitzt lässig in seinem Sessel und nippt

an einer Tasse Kaffee. „Ich möchte wissen, wohin

die sinnliche Erfahrung des Gehens führen kann

und neue Eindrücke gewinnen“, sagt er. Sein Blick

schweift über die vielen Bücher, die verstreut auf

dem Tisch liegen. Er las sie in den Wintermonaten.

An den Wänden seiner Altbauwohnung in der Kollwitzstrasse

hängen gerahmte Fotos der letzten

Wanderung, die er gemeinsam mit seiner Freundin

bewältigte. Diesmal geht er allein. Klaus steht vor

der bisher größten Aufgabe seines Lebens. Am 10.

April wird er den Prenzlauer Berg verlassen – zu

Fuß. Sein Ziel heißt Fisterra, nahe der Stadt Santiago

de Compostela. Dort endet der Jakobsweg (siehe

Infokasten). „Ich denke, dass ich siebzehn Wochen

für die 3.000 Kilometer benötigen werde“, betont

er. 25 Kilometer, sechs bis acht Stunden will er

durchschnittlich jeden Tag wandern. Sein Budget

für diese Reise beläuft sich auf täglich 33 Euro. Einen

Schlafsack nimmt er mit, ein Zelt nicht. „Ab

und zu werde ich draußen übernachten müssen.

Es gibt an den europäischen Wanderwegen einige

Pensionen, die nicht sehr teuer sind“, fügt Klaus

hinzu. Vor ihm liegt eine Wanderkarte von Europa.

Mit dem Finger zeigt er auf den Jakobsweg, den er

im Sommer 2004 schon einmal gegangen war. Damals

hatte er die Idee, in diesem Jahr eine größere

Herausforderung zu suchen.

Tokio

Klaus kam 1969 nach West-Berlin. „Damals

feierte ich viele Partys“, schmunzelt er. Er machte

das Abitur und studierte später Maschinenbau und

Pädagogik, er wollte Berufsschullehrer werden.

Das Geld für das Studium erjobbte er sich als Taxifahrer.

Anfang der Achtziger Jahre lebte er für drei

Jahre in Tokio. Dort erlangte er den schwarzen

20 LSD

Gürtel in Karate. In dieser Zeit bereiste er Südkorea,

Taiwan, Thailand, Malaysia und die Philippinnen.

„Eigentlich hatte ich vor, ein Urlaubssemester in

Japan zu verbringen. Ich hatte Glück und fand

schnell Arbeit als Deutschlehrer und Übersetzer.

Ich blieb, lernte Japanisch und plötzlich waren einige

Jahre vergangen.“ Klaus beherrschte 800 japanische

Schriftzeichen. „Leider habe ich wegen

fehlender Sprachpraxis vieles vergessen“, bedauert

er. Als Klaus 1983 nach Berlin zurückkam, hatte

ihn mittlerweile die Technische Universität

zwangsexmatrikuliert. So begann er als LKW-Fahrer

zu arbeiten. „Ich fuhr zuerst in viele osteuropäische

Länder und später jede Woche 5.000 Kilometer

nach Kalabrien in Italien und zurück.“

Wegen berufstypischer Bandscheibenprobleme

ließ er sich 1989 zum Grundstücks- und Hausverwalter

umschulen. 1992 landete er im Öffentlichen

Dienst. Wegen der Scheidung von seiner Frau benötigte

er eine neue Wohnung. „Ich suchte in ganz

Berlin und fand eine zweieinhalb Zimmer Wohnung

in einem Haus in der Kollwitzstrasse, dass erst

1988 zu DDR-Zeiten renoviert worden war. Heute

ist es fast das schäbigste Haus in der ganzen

Strasse“, lacht Klaus.

Kein TV, kein Radio, keine Zeitung, kein Handy

Ende 2003 ließ er seinen Arbeitsvertrag auflösen

und kassierte eine Abfindung. „Ich hatte keine

Lust mehr auf Schreibtischarbeit, obwohl ich vernünftig

bezahlt wurde.“ Wie schon so oft in seiner

Vergangenheit will er es noch einmal wissen. „Viele

Menschen reden immer davon, was sie gerne

tun würden, wenn sie Zeit hätten.“ Klaus redet

nicht, er handelt.

Siebzehn Wochen lang wird er alles hinter sich


lassen. Er verzichtet auf jeglichen Luxus, jegliche

Informationen – kein TV, kein Radio, keine Zeitung,

kein Handy. „Ich werde mich auf das Wesentliche

beschränken: Laufen, essen, schlafen und nachdenken.

Langes Gehen versetzt einen in einen

gleichförmigen Geisteszustand“, sagt er. „Außerdem

behauptet mein Arzt, dass so eine Wanderung

sehr gesund sei.“ Er ahnt, dass das Ende seiner

Wanderung sehr banal sein wird. Er weiß noch

nicht, was er nach dieser Reise beginnen wird. Pläne

hat er nicht. Wie so oft, bevor er sich auf die Suche

begeben hat. „Das Leben ist ein Abenteuer, jeder

ist seine eigene Selbsterfahrungsgruppe“,

schmunzelt Klaus. Von seiner Angst, an dieser großen

Aufgabe zu scheitern, spricht er selten.

„Ängste sind dazu da überwunden zu werden“,

fügt er lächelnd hinzu. Er ist davon überzeugt, immer

irgendwo anzukommen. Der Weg ist das Ziel.

Klaus weiß das, schließlich lebte er früher in Japan.

Hit the road Klaus !

A. Zelig

HELDEN

Wanderroute:

Wanderroute: Prenzlauer Berg – Halle – Erfurt –

Fulda – Saarburg – Luxemburg – Paris – St. Etienne

– Toulouse – Pamplona – Burgos – Leon – Santiago

de Compostela

Jakobsweg:

Der Jakobsweg ist eine Pilgerstrasse der Wallfahrer

im Mittelalter. Er gehört zum UNESCO Weltkulturerbe

und führt auf mehreren Routen von

Mittelfrankreich über die Pyrenäen an das Grab

des Apostels Jakobus d. Ä. in Santiago de Compostela.

Entlang des Weges errichtete man neben

Herbergen und Hospitälern monumentale Kirchen.

LSD 21


BABY BERG BOOMERS

KOLLE 37

Die Stadt als Spiellandschaft

22 LSD

Es ist ein sonniger Tag auf dem Bau- und

Abenteuerspielplatz an der Kollwitzstrasse. Die

Luft duftet nach Frühling. Wir laufen über den

Platz, schauen uns die selbstgebauten Hütten an

und besuchen die Meerschweinchen in ihrem

Gehege.

Im Kolle 37 können Kinder und Jugendliche mit

Erde und Lehm bauen, Kompost anlegen und im

Sommer nach Lust und Laune mit Wasser planschen.

Wir betrachten die Feuerstelle, die die

Kinder vor allem im Sommer häufig nutzen. Eine

Seltenheit – wo sonst kann man mitten im

Prenzlauer Berg noch ein Lagerfeuer anzünden?

Im Spiel-Haus begrüßt uns Martyn Sorge, einer

der Leiter und Initiatoren des Projektes. Martyn ist

ein Urgestein des Prenzlauer Berges, einer der

dieses Projekt mit aufgebaut hat. Wir wollen mehr

über die Geschichte des Platzes erfahren und fragen

Martyn, wie alles angefangen hat.

Er erzählt uns, dass lange vor der Wende, im

Jahre 1979, in mehreren Städten der DDR so

genannte Spielwagen entstanden, die mit

Spielaktionen und Bauspielfesten auf Schulhöfen,

Straßen und Spielplätzen auf sich aufmerksam

machten. Anliegen der Spielwagengruppen war

es, die Stadt als Spiellandschaft zu entdecken. So

veranstalteten sie Feste, Zirkusse und Theater,

wobei der Kreativität und Improvisation viel Raum

gelassen wurde. Da die Aktionen zeitlich begrenzt

waren und entstandene Bauwerke immer wieder

abgerissen werden mussten, entstand jedoch bald

der Wunsch nach einem festen Platz, der sich aber

erst nach der Wende mit öffentlicher Förderung auf

über 1000m² an der Kollwitzstrasse realisieren ließ.

Seitdem ist viel geschehen: Heute reichen die

Angebote des Platzes, die sich an Kinder und

Jugendliche zwischen 6 und 16 Jahren richten,

von Hütten- und Lehmbau über Korbflechten,

Filzen und Weben bis hin zu Tischlern und

Schmieden. Auf die eigene Schmiedewerkstatt ist

Martyn besonders stolz. Darüber hinaus gibt es ein


Musikprojekt und einen Sandspielplatz mit

Wasserpumpe, der im Sommer besonders für die

Kleinen der ideale Aufenthaltsort ist.

Das Kolle 37 ist jedoch mehr als nur eine normale

Freizeiteinrichtung. Zunächst als solche

konzipiert, zeigte sich bald, dass die Situation vieler

Jugendlicher aus schwierigen Verhältnissen

eine Erweiterung notwendig machte. So entwickelten

sich verschiedene Angebote, wie zum

Beispiel Hilfen bei familiären oder Schulproblemen,

soziale Gruppenarbeiten als Betreuungsform

für Stammkinder des Platzes, ein

pädagogischer Mittagstisch und ein Modellprojekt

zum Schutz vor sexuellen Übergriffen. Die

Grundprinzipien des Platzes wie Offenheit, kompetente

Betreuung und der gleichberechtigte

Umgang mit den Jugendlichen werden sehr ernst

genommen. Der Platz kooperiert als Teil des

Netzwerks Spiel/Kultur mit zahlreichen sozialen

Einrichtungen und trägt somit wesentlich zum

Gemeinwesen bei.

Achtung – Kids und Eltern!

BABY BERG BOOMERS

Im August gibt es eine zehntägige

Gruppenfahrt nach Slowenien zu einem internationalen

Spiel- und Begegnungstreffen der

European Play Association. Jugendliche im Alter

von ca. 14 bis 16 Jahren können daran teilnehmen.

Es sind noch freie Plätze frei.

Der Kolle 37 wird fünfzehn Jahre alt! Deshalb findet

ab dem 9. Mai 2005 ein vierwöchiges

Hüttenbaufestival statt. Die schönste, größte,

schrägste und phantasievollste Hütte erhält beim

großen Geburtstagsfest am 11. Juni einen Preis.

Kontakt:

Abenteuerlicher Bauspielplatz Kolle 37

Netzwerk Spiel/Kultur Prenzlauer Berg e. V.

Kollwitzstrasse 35, 10435 Berlin

Telefon: 4428122 Öffnungszeiten: 13.00 – 19.00 Uhr

www.kolle37.de Text: Thomas Zerbst, Fotos: mrs hippi

LSD 23


BABY BERG BOOMERS

Neue europäische Regelung

zum Schutz von Kindern

Es ist Sonntagabend, kurz vor sieben Uhr. Philippa ist noch immer nicht zu Hause. Vor einer Stunde

hätte sie - müde und zufrieden - vom Wochenendbesuch bei ihrem Vater zurück sein müssen. Ein

Albtraum für Philippas Mutter. Endlich klingelt das Telefon. Philippas Vater ist am Apparat. Er hat sie

nach Wien zu seinen Eltern gebracht. Dort will er in Zukunft wieder leben. Philippa soll bei ihm bleiben.

Er will sich endgültig von der Mutter trennen und das Sorgerecht für Philippa in Wien beantragen.

Philippas Mutter will das Sorgerecht in Berlin erstreiten. Beginnt nun ein Wettstreit deutscher

und österrreichischer Gerichtsurteile um das Sorgerecht? Nicht mehr:

Dank einer neuen Verordnung des EU-Ministerrates

stehen die Rechte von Trennungs- und Scheidungskindern

in der Europäischen Union jetzt auf

einem festeren Fundament.

Kein Wettstreit der Gerichtsurteile

Seit dem 1. März 2005 werden Gerichtsentscheidungen

zur elterlichen Sorge und zum Umgang

in allen Mitgliedsstaaten der EU (mit Ausnahme

Dänemarks) anerkannt.

Die neuen Bestimmungen sollen das Problem

der Kindesentführung durch einen Elternteil lösen.

War bislang ein Elternteil versucht, das Kind zu entführen

und eine Entscheidung zum Sorgerecht eines

Gerichts seines Mitgliedsstaates herbeizuführen,

so ist dies seit dem 1. März nicht mehr Erfolg

versprechend. Zuständig für die Entscheidung über

Sorge und Umgang ist das Gericht des Landes, in

dem das Kind seinen Lebensmittelpunkt hat.

Die Zeit läuft

Das Gericht des Staates, in den das Kind entführt

wurde, muß innerhalb von sechs Wochen die

Rückgabe des Kindes anordnen, sofern das Wohl

des Kindes im Herkunftsland nicht gefährdet ist.

Die endgültige Entscheidung über die elterliche

Verantwortung trifft jedoch in jedem Fall das zuständige

Gericht des Herkunftslandes. Das Kind

und der nicht entführende Elternteil haben ein

Recht auf Anhörung. Und, wichtig: Die zentralen

Behörden sollen systematisch zusammenarbeiten

und versuchen, durch

Mediation oder andere Verfahren zu einer

Einigung zwischen den Eltern

beizutragen.

24

LSD

Schutz für alle Kinder

Bislang galten die Regelungen lediglich für solche

Entscheidungen über die elterliche Verantwortung,

die im Rahmen eines Ehescheidungsverfahrens

ergingen. Nun sind auch Kinder geschützt,

deren Eltern noch, nicht mehr oder gar nicht miteinander

verheiratet sind.

Philippa hat dem Richter erzählt, dass sie zu

ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach Berlin

zurück möchte. Ihr Lebensmittelpunkt ist in Berlin:

hier ist sie aufgewachsen, hier geht sie zur Schule

und hier leben ihre Freunde. Zwar sind ihre Eltern

nicht miteinander verheiratet, aber sie haben das

gemeinsame Sorgerecht, und somit wird der Richter

die neue Verordnung anwenden und ihre Rükkkehr

nach Deutschland anordnen. Wie es weitergeht,

wird das Familiengericht in Berlin entscheiden.

Recht auf Kontakt zu beiden Eltern

Die neue Verordnung soll jedoch nicht nur Entführungen

verhindern. Sie gewährleistet auch,

dass Kinder nach der Trennung Kontakt zu beiden

Eltern halten können. Der umgangsberechtigte Elternteil

kann nun die Entscheidung zum Umgang

in seinem Mitgliedsstaat vollstrecken lassen, als

wäre sie dort ergangen. Ein gesondertes Verfahren

zur Erklärung der Vollstreckbarkeit ist nicht mehr

erforderlich. Dieses Verfahren war in der Vergangenheit

mitunter langwierig.

Die EU-Kommission will weitere unterschiedliche

nationale Rechtsvorschriften im Familienrecht

und im Erbrecht angleichen. Das LSD-Magazin

wird berichten.

Text : Alexandra Gosemärker, Rechtsanwältin in Berlin,

www.ra-gosemaerker.de.


Hockey spielen

und schön viel turnen für Kinder

ab 3 Jahre, Do. von 16 – 17

Uhr, Sporthalle Sredzkistr.8,

gegenüber der Kulturbrauerei,

obere Halle, Infos unter Tel.

4451250, www.rotationhockey.de

Im „Mach mit Museum“

gibt es noch bis zum 10. Juli eine

Ausstellung für Kinder ab 5

Jahren rund um das Thema Paradies:

Filme, Bilder, Erzählecken,

Garten Eden für Krabbelkinder

u.v.m.; Gruppen (Voranmeldung

unter Tel. 74778200)

Di. bis Fr. von 8.30 bis 18 Uhr,

Einzelbesucher Mi.- Fr. von 9 -

18 Uhr und Sa., So., Feiertags

von 10 - 18 Uhr, SenefelderStr. 6

www.machmitmuseum.de

Ziegen streicheln,

Häschen füttern, Tiere pflegen

auf der Jugendfarm Moritzhof.

Für Kinder von 6 bis 16 Jahren

gibt’s außerdem Kurse in Töpfern,

Spinnen, Filzen, Backen…Die

Farm ist in der Nähe

Tipps und Termine für Kids

Wie gut, daß im Prenzlauer Berg immer was los ist für Kinder! Langeweile

kommt eigentlich fast nie auf, denn überall gibt’s super Sachen zu entdecken.

des Gleimtunnels, Schwedter

Str. 90, Öffnungszeiten: Mo. –

Fr. von 11.30 – 18 Uhr, Sa. von

13 – 18 Uhr; Tel. 44024220

Family-Kletter-Days:

jeden 2. und 4. Freitag im Monat

können Familien (2 Erwachsene

und bis zu 4 Kinder) für 28 €

den ganzen Tag klettern. Ort:

Magic Mountain, Böttger Straße

20 – 26, Nähe Gesundbrunnen;

offen: Mo. – Fr. von 12 - 24 Uhr;

Do. ab 10 Uhr; Sa., So., Feiertag

von 11 - 22 Uhr, Infos unter

www.magicmountain.de

Großes Musikschulfest

im Eliashof: am So., 5. Juni von

14 – 16 Uhr: Musikinstrumente

ausprobieren, beim Kindertanz

reinschnuppern, tolle Aufführungen

sehen: z.B. die Premiere

„Die Moritat vom Kopfsalat“, eine

Produktion der Kinder vom

Bühnenkarussell…

Es gibt eine Menge zu entdekken

für die ganze Familie!

Ort: Senefelder Str. 6, der Eintritt

ist natürlich frei.

foto: mrs hippi

Clown PatchoMo

spielt das Entchen: Clownspiel

mit Papierpuppen für Kinder von

3 – 7 Jahre. Die Kinder im Publikum

helfen dem Entchen, wenn

der Fuchs sich

ranschleicht…Ort: Schaubude,

Greifswalder Straße 81-84, am

31.5. um 10 Uhr, am 4. und 5.6.

um jeweils 15 Uhr; Infos unter

Tel. 4234314

www.schaubude-berlin.de

„Volles Recht auf Spunk

und Spiel“, eine von Astrid Lindgren

inspirierte Mitmachausstellung

ab dem 25.5. im Kindermuseum

Labyrinth. Spielt Pippis

Lieblingsspiel „nicht den Boden

berühren“ u.v.m. Ort: Osloer

Straße 12, Öffnungszeiten: Di. –

Sa von 13-18 Uhr, So. von 11-

18 Uhr, Infos unter Tel.

49308901 und www.labyrinthkindermusem.de

Text: Constanze Labrana

LSD 25


ZEITREISE

Strassenkunst oder

doch nur Schrott

26 LSD

Fotos von T.West

Prenzlauer Allee

Danziger Strasse


Danzigerstrasse

Diesterweg

Eberswalder Strasse

LSD 27


LSD - Spiel suchen finden helfen

„Ich hatte mal einen blau-rot-gelben

Strickpulli, den mein damaliger Freund

in die Waschmaschine geschmissen

hatte. Leider ist er dabei geschrumpft.

Jetzt trauere ich ihm schon seit acht

Jahren hinterher, da er schön an den

Körper getrickt war. Ich möchte ihn

einfach wieder haben. Wer hat Zeit

mir, unter Anleitung, den Pulli ein zewites

Mal zu stricken?”

Spielort: Schliemannstrasse

28 LSD

Spielanleitung

Jeder Spieler hat einen Wunsch.

Seine Kontaktdaten bleiben

ungenannt. Der angegebene

Spielort zeigt an, wo sich der

jeweilige Spieler häufig aufhält.

Ziel des Spiels ist es sich im

Kiez zu treffen. Derjenige der

einen Wunsch erfüllt,

wird zum Spieler

und darf sich in der

nächsten Runde

( Ausgabe)

etwas

wünschen

„Ich möchte mich von meinem schönen rosa Sofa, der Frima Ligne Roset, trennen. Es ist

ein elefantenförmiges Original aus den Achtziger Jahren. Für 200 Euro gehört es dir!”

Spielort: Im Schaufenster von meinem Atelier ist eine Handglocke


„Ich wünsche mir, daß jemand meine Pumpdusche abmontiert,

die alte Waschmaschine runter trägt und zum Abladeschrottplatz

der BSR schafft. Dafür wird je nach

Wunsch kulinarisch verköstigt.”

Spielort: Waschsalon Eco in der Danzigerstrasse

„Ich wünsche mir eine kundige

Hand, die mir meine seit drei Jahren

untätige Dunstabzugshaube an die

Rehgipswand montiert.”

Spielort: blaue Bank vorm

Kaaswinckel

„Ich möchte gerne einmal Batman kennen lernen.”

Spielort: Abenteuerspielplatz Kolle 37

Idee + Gestaltung: mrs hippi


BROT & SPIELE

Anfang April im Prenzlauer Berg, die zaghaft

warmen Tage schlagen noch in abendliche Kühlschrankatmosphäre

um. Ich habe mich zum fast

zweistündigen Rumstehen an einem zugigen Fußballplatz

in der Dunckerstraße verabredet und bin

eindeutig dem aufgesetzten, in diesem Falle angezogenen

Frühlingsoptimismus erlegen. Einfach zu

dünn angezogen. Egal, schließlich müssen die

Spieler sogar in kurzen Hosen antreten. Wie sich

kurz drauf herausstellt, spielen die Gäste aus Karlshorst

freiwillig in kurzärmligen Trikots. Darin sehen

sie zwar vor dem Anstoß gänsehäutig aus, zeigen

damit aber eine wettertrotzende Entschlossenheit.

Etwa 100 Menschen haben sich auf dem Tesch-

Platz eingefunden. Die meisten Männer schmeißen

bei diesen Temperaturen einfach den Allesbrenner

an und heizen mit Bier und Würstchen.

Auf dem Platz spielt die 1. Mannschaft des SG

Rotation Prenzlauer Berg gegen den FC Karlshorst

in der Kreisliga A gegen den Abstieg. „Setz dir

durch, Paule!“ und „Meter machen, Roland, Meter

machen!“, hallt`s vom Spielfeldrand. Das beschreibt

ziemlich treffend, das technisch nicht unbeschlagene,

aber vor allem rustikale Spiel, das auf dem

Prenzlauer Berg gepflegt wird. Keine schlimmen

Fouls, aber es geht ganz schön zur Sache. Der

Schiedsrichter wird immerhin nur von außerhalb

des Spielfeldes beschimpft. Rotation spielt in der

achten Liga und damit am Abgrund zum letzten

Drittel des deutschen Fußballs, es gibt noch 4 Li-

30 LSD

BROT & SPIELE

Fußball-Ballett auf

dem Prenzlauer Berg

von Oskar Krzykowski

gen darunter. Repräsentativer als hier kann deutscher

Fußball nicht sein.

Es ist Mittwochabend. Wegen der häufigen Absagen

ganzer Spieltage während des langen Winters,

ist ein Nachholspiel angesetzt. Der Tesch-

Sportplatz auf dem ehemaligen Trümmergrundstück

an der Dunckerstraße ist von drei Seiten eng

von Gebäuden eingefasst. Einerseits von einer beeindruckenden

100 Meter langen, blau-weiß verkleideten

Brandschutzmauer, die Gegengrade von

einem angeschnittenen Schulgebäude, die Kurve

besteht aus Wohnhäusern. Ein dichter Zaun versperrt

den Blick auf diese einzigartige Sportinstallation

an der Dunckerstraße.

Eine krude urbane Arena, aber eine große Bühne

an diesem Abend.

Die meisten Zuschauer scheinen sich zu kennen,

haben sich wegen der Winterpause länger

nicht gesehen. Der Umgangston ist volkstümlich

berlinerisch, es wird sich herzlich angeschnauzt.

Zur Begrüßung etwa: „Jab`s die Jacke ooch in

deener Jröße?“, darauf: „Jet`s noch?“ und beide

lachen sich an. Oder ein untersetzter Mann haut

während des Spiels den ehrenamtlichen Linienrichter

in zivil an: „Jehma zum Frisör!“ Der lockenköpfige

Mann an der Linie schaut kurz irritiert, lächelt

und rennt mit der Fahne in der Hand die

Spielfeldbegrenzung entlang.

Wenn sich auf dem Spielfeld was tut, zum Beispiel

mal einer der zu vielen langen Bälle aussichts


eich unter Kontrolle gebracht wird, ist das hundertköpfige

Publikum sofort mit vielstimmiger Anfeuerung

da; inklusive dreier im Mezzosopran kreischender

und offensichtlich fußballverständiger

Gören. Alle wissen dass heute ein Sieg her muss,

um nicht das Nervenflattern im Abstiegskampf zu

kriegen. Aber genau das haben schon der Torwart

und der linke Verteidiger von Rotation gegen Ende

der ersten Halbzeit. Aus einem leichten Ball wird ein

schweres Missverständnis, ein Karlshorster ist der

lachende und jubelnde Dritte.

Dann ist Halbzeit und alle können sich wieder

aufs Frieren konzentrieren. In der zweiten Spielhälfte

ist Rotation sehr bemüht, aber es passiert nichts

Entscheidendes bis ein umstrittener Freistoß vor

dem Karlshorster Strafraum gegeben wird. Es folgt,

wie bei den Profis, ein langes Maueraufstellritual

und anschließend noch ein Pläuschchen mit dem

Schiri. Schließlich laufen drei Rotatoren auf den ruhenden

Ball los, zwei von ihnen rennen drüber hinweg,

der dritte schießt mit links den Ball flach und

scharf links an der Mauer vorbei ins kurze Eck -

verwirrend, überraschend, schön. Der Schütze

schreit es heraus, die Zuschauer jubeln und die

Stimmen hallen zwischen den hohen nahen Mauern

hin und her, verursachen sogar ein Echo. Die

Akustik ist phantastisch, man stelle sich hier bloß

einen hundertköpfigen Fanchor vor… Dieser Platz

hat das Zeug zu einem echten Fußballtempel!

Zehn Minuten später haben wir ernsthaft Angst

um unsere Gesundheit. Wir sind einfach noch nicht

soweit, für den Klassenerhalt von Rotation alles zu

geben.

Von diesem Ausflug in das theatrale Fußballgeschehen

des Prenzlauer Bergs beseelt, laufen wir

die Dunckerstraße entlang. Nach einer ganzen Weile

holt uns von hinten eine kleine Druckwelle, ein

sanfter Bass ein, mehr ein Oberton als ein Lärm

aus der Ferne. Es ist klar, auf dem Platz ist ein Tor

für Rotation gefallen. Wow, der Platz ist ganz zufällig

wie eine Verstärkerbox für Fußballakustik angelegt.

Es müssten einfach nur zehn Mal so viele Leute

hingehen, dann wäre die Akustik spektakulär.

Dieses Spiel hat Rotation 2:1 gewonnen. Sie haben`s

gebogen, diese Mannschaft hat Charakter in

ihren sachlichen schwarz-weißen Trikots.

Sie und der Ort hätten es verdient, dass ein

paar Prenzlberger mehr für diese authentischen Ereignisse

hier vorbeischauen. Mit zwanzig stimmgewaltigen

Mitstreitern macht man hier jedem englischen

Stadion klanglich Konkurrenz. Der Rotationstrainer

arbeitet jedenfalls schon an einer

Erweiterung des Unterhaltungsprogramms. „Sascha

machma`n bisschen Ballet!“ schreit er, während

seine Mannschaft im Karlshorster Strafraum

einem Eckball entgegenfiebert. Und Sascha macht

die Hüften locker, tänzelt auf den Fußspitzen vor

und zurück, schüttelt dabei sein schwarzes Höschen.

Es folgt ein Szenenapplaus und es werden

Haltungsnoten zwischen 5,1 und 5,3 diskutiert.

Ballet oder Samba, egal Hauptsache Fußball. Der

Platz hat Groove!

Die nächsten Heimspiele an der Dunckerstraße:

Samstag, 07.05.,

14.00 h Rotation : FC Grunewald

Samstag, 21.05.,

14.00 h Rotation : Mahlsdorf Waldesruh

Samstag, 04.06.,

14.00 h Rotation : FV Wannsee

Fotos: mrs hippi

LSD 31


MODE

Endlich frei !

model: angela von www.deebeephunky.de

make-up: miriam von www.maggie-b.de


mode: www.lillililli.de foto: mrs hippi


FREIRAUM

CUI BONO ?

von Andreas Lenzmann

K & K Konsolenz für Kultur und Kommunikation

Mitteleuropa, Deutschland, Berlin, Prenzlauer

Berg – früher Abend. Das allseits beliebte

Lokal war spärlich gefüllt, als drei unbekannte

Schwarzafrikaner eintraten. Ohne

sich vorzustellen orderten sie Tee und gingen

in den hinteren Raum, der bis auf eine

Tischrunde unbesetzt war. Etwas später

kam ein durchschnittlich wirkendes Pärchen

hinzu und sieht ... was? Staatsgeheimnis.

Cui bono? Natürlich dem Rechtsstaat.

Das KOK & KUK (Kommunikation ohne Kommerz

& Kunst und Kultur), welches in der Straße

von Troja befindlich, war dem Allgedanken der integrativen

Assimilation an den teuer erkauften Mainstream

zuwiderlaufend. Weshalb dieses des öfteren

von Musterbeispielen der integrativen Assimilation

in Uniform zum Zwecke der Demonstration der

Vorteile der integrativen Assimilation, welche mit

Anwesenheitspflicht verbunden, heimgesucht wurde.

Obschon dies disintegrative Folgen für die Gäste,

ob familiär oder beruflich, zeitigte (ein Gast verlor

seinen Arbeitsplatz, da er die interessante Vorführung

erst gegen vier Uhr früh verlassen durfte,

weswegen er am nächsten Tag verschlief und gekündigt

wurde), musste dies im Sinne des Größeren,

des Volksganzen in Kauf genommen werden.

So trennt man Spreu von Weizen zur integrativen

Assimilation.

Cui bono? Natürlich dem Rechtsstaat.

So war auch an jenem Abend wieder eine Überraschungsschau,

die Uniformen betraten die Gaststätte

um ihre Integrität zu beweisen, welches am

leichtesten mittels Anschauung zu bewerkstelligen

ist. Antagonismen eignen sich hierfür ausgezeichnet,

wie schon Hegel den Dreischluss als non plus

ultra postulierte: Norden-weiss-clean, Südenschwarz-deadly

dust =(schwarz+weiss) Weiß – vulgo

integer. Alles zum Schutze der in den gefährlichen

Gebieten hausenden YUPs (Young Urban

People).

Cui bono? Natürlich dem Rechtsstaat.

34 LSD

Unerwarteterweise trafen die Uniformen auf

Menschen, deren Hautfarbe zwar weiß war, welche

aber durch ihre penetrante Menschlichkeit ihre

Zukunft zu schwärzen drohten. Bis spät in die

Nacht wurde mit Engelsgeduldigkeit seitens der

Uniformen versucht Überzeugungsarbeit zu leisten

– umsonst. Die Oberuniform bekam den monolithischen

Tunnelblick. Nur noch bunte Schwarze,

oder doch nur Schwarze umkreiste sie, schwindelnd

schloss sie die Augen und dann das Lokal.

Cui bono? Natürlich dem Rechtsstaat.

Die Uniformen machen per se die Welt bis in

die paläontologischen Äonen leichter fasslich, niemanden

wundert mehr, dass Dinosaurier mit nussschalengroßen

Gehirnen auskamen oder es die

Lemminge zur Klippe drängt. Das einzig bedenkliche

war der Vergleich, welcher sich mit Kafkas

kleiner Fabel von der Katze mit der Maus aufdrängte

(unfähig zur Richtungsänderung wird die

Uniformmaus von der Wirklichkeitskatze verschlungen),

dies war so bedenklich, dass sogar

die Uniformen es zu bedenken begannen, worauf

sie versuchten, sich frei nach Brecht nicht ein neues

Volk, sondern eine neue Wirklichkeit zu erwählen,

welche die Qualität von wirbellosen Pantoffeltierchen

besaß, worin sich sogar Mäuse überlegen

einrichten können. Vorraussetzend hierfür war

allerdings eine gewisse Biegsamkeit der Mäuserückgrate,

jener Grate, die aus Integrationsparagraphen

gebildet worden waren, welche die Uniformen

vor dem Absturz in die Zerrissenheit der

schwarzen Individualitätshölle zu bewahren trachteten,

um die Assimilation an die Pantoffeltierchen

zu erleichtern. Sie glaubten an die eine Zelle, welche

den Staat der Uniformen bildete, so sehr, dass

sie vor dieser monotheistisch zu Kreuze krochen.

Cui bono? Natürlich dem Rechtsstaat.

Doch zurück zum Lokus, dem Tanz der Uniformen.

Sorgfältig einstudierte Belehrungstiraden

wechselten mit aufwendigen Lichtspielen, samt

Möbelparketttango. Das Ergebnis: Der Oberuniform

schwindelte, Desintegrationsvorwurfsüber


prüfung ohne Erfolg, hier wurde keine Gegenwelt

erschaffen, hier wurde Bier getrunken und geplaudert

wie anderswo, hie wie anderswo hörten die

Menschen Hans Söllner und gingen zur Arbeit,

wenn die Uniformen es nicht verhinderten, the same

Procedere as every year. In ihrer Freizeit entledigten

sie sich zwar der Uniformen, im Café, privat,

so wie in jenem. Doch gemäß der Akkumulation

der Uniform musste dieses Relikt des unökonomisch

Asozialen, wie der Name des Cafés es auch

treffend verheißt, der neuen Mitte weichen (getreu

dem Johst´schen Motto aus Schlageter: ‚Wenn ich

Kultur höre entsichere ich meinen Browning.’), welche

sich zwischen Kreuz und Nelke im Nichts verwusch.

Cui bono? Natürlich dem Rechtsstaat.

Nach der integralen Überprüfung, welche sich

wegen oben erwähnter Verstocktheit des Inhaltes

des trojanischen Pferdes inmitten der kapitalen

Stadt aufzwängte, wurde trotz römischer Gründlichkeit

nicht einmal ein Kochlöffel gefunden, geschweige

den zwei Nebeneingänge, wodurch jederzeit

freier Durchzug hätte hergestellt werden

können, welcher die flattrigen Uniformen weggeweht

hätte, noch ein Keller, welcher mit Konspiration

der Demiurge gefüllt hätte sein können, geriet

in ihr integrales Gesichtsfeld, wodurch sich ihre vermeintliche

Hermeneutik als ein mehrfach ausgebessertes

Uniformschnittmuster erwies, wodurch

sie dem barocken carpe diem ansichtig wurden.

Was sie zu Beschränkungen veranlasste, damit

sich die Uniformen nicht gegenseitig aufrieben und

verschlissen. Windstille-Starre zwecks Langlebigkeit

wurde Pflicht, das Korsett Teil der Uniform und

vieles mehr – davon demnächst.

Cui bono? Natürlich dem Rechtsstaat.

Das berichtet ihr treuer Augenzeuge, welcher

anwesend doch nicht kontrolliert wurde. Er hätte

hunderte Antigloben um den Leib geklebt haben

und sie ungehindert in der Pantoffelstierwelt als

Spaltpilzmyzel wuchern lassen können. Doch

nichts dergleichen trug ich, bloß meine Wahrheit im

Kopf in die Welt, welcher ich sie hiermit überantworte.

Wem das nützt? Natürlich dem Rechtsstaat!

K & K veranstaltet jeden Donnerstag, 21 h

Lesungen im Cafe Schliemann

Die

Dechiffrierung

des Alltags

eine Buchbesprechung von P. Mack

Neunzehnhundertundachtzig.

Berlin, Hauptstadt der DDR. Die verschlampte

Honecker-Diktatur im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens.

Der Arbeiter- und Bauernstaat so marode

und in Agonie liegend wie ganze Straßenzüge und

Bezirke. Ein Haus im Prenzlauer Berg. Wie viele andere

auch: Altbau, baufällig, eine Kastanie im

Hinterhof, gleichsam pars pro toto für die ganze

Republik.

Irina Liebmann klingelt, pocht an die Türen eines

Mietshauses und zeichnet auf, was die Bewohner,

die durchweg anonymisiert sind und also Liselotte

F., Mario M. oder Angela S. heißen, ihr treppauf,

treppab berichten.

Die meisten geben bereitwillig Auskunft, einige

sind widerständig: sie haben -vermeintlich- nichts

zu sagen. Ein ausgefeiltes und durchdachtes Frageschema

gibt es nicht, die Autorin kommentiert

äußerst sparsam, bleibt stets diskret.

Jeder teilt ihr mit, was er mag, was ihn umtreibt

und beschäftigt. Schnörkellose Lebensgeschichten.

Die älteren Mieter erzählen noch vom Kriege,

andere wiederum sprechen über die Arbeit, die

Kinder. Über Wünsche, Hoffnungen, Erfahrungen,

Beziehungen. Über Krankheiten, Alltäglichkeiten,

Absurditäten. Eben Leben. Pur und unverfälscht.

Politisches kommt beiläufig daher, es war auch

nicht die Absicht der Autorin, die DDR zu entlarven,

sondern zu verstehen, was Leben heißt. Dennoch

bemängelte die Obrigkeit, das Leben in der DDR

sei grau und bedrückend dargestellt, es mangele

am Optimismus.

So entsteht ein exemplarischer Mikrokosmos

deutscher Realität, Liebmann hat mit dieser gleichsam

kleinformatigen soziologischen Feldforschung

ein kostbares Werk von sprödem Charme geschaffen,

das Bestand haben wird und das man auch

deshalb gerne liest, weil es der perfekte Gegenentwurf

zur Daily Soap und zur Telenovela ist.

Irina Liebmann, Berliner Mietshaus. Berliner Taschenbuch

Verlag, 218 Seiten, € 8,90 (ISBN 3-8333-0242-9)

LSD 35


Domblick

Aus der Ferne betrachtet, sieht man manchmal

mehr. Der Kölner Autor kennt den Kiez

seit 15 Jahren, wohnt aber nach wie vor mit

Aussicht auf den Dom.

Hier neben meinem Schreibtisch auf dem Bücherbord

liegen einige bunt bekleckste Betonbrösel

„Made in DDR“. Ja, ich gestehe es: In den Wirren

jener 12 schicksalhaften Monate der deutschen

Geschichte zwischen November 1989 und 1990

war ich Mauerspecht!

Am 11.11.1989 (Beginn der Karnevalsession in

Köln!) war es, als ich auf der bemalten Seite der

Mauer staunend durch das erste handgemachte

Loch auf ein Stück Stoppelwiese schaute,

das den Namen Potsdamer Platz trug. In

dem Bewusstsein, womöglich einer

historischen Stunde beizuwohnen,

ließ ich die Mauerbrösel vorsorglich

in meine Jackentasche gleiten.

Seitdem kehre ich mindestens

zweimal im Jahr hierher zurück.

Selbstverständlich nicht zum Potsdamer

Platz. (Wer wohnt da

schon?!) Der Prenzlauer Berg ist meine

zweite Heimat geworden und da

macht man sich im Laufe der Jahre so seine

Gedanken ...

1. „Funkenmariechen im Prenzlberg“

Ein echter Einwohner des Prenzlauer Bergs

wohnt nicht „auf“, sondern „im“ oder bestenfalls

„am“ Prenzlauer Berg; soviel wusste ich, als ich

kürzlich zurecht gewiesen wurde, dass der echte

Prenzlberger niemals Prenzlberg sagt, sondern immer

Prenzlauer!

Fragt sich, wie sich ausgerechnet hier, im Herzen

Preußens, alpenländisches Idiom etablieren

konnte? „Prenzlberg“ klingt in der Tat viel authentischer,

wenn man es mit diesem gedehnten Wiener

„e“ näselt, also etwa: „Präeenzlberg“. Und da Immigrationsbewegungen

größeren Ausmaßes innerhalb

der letzten 60 Jahre als Ursache ausscheiden,

bleibt nur eine logische Antwort: In den Jahren zwischen

den Kriegen hat es wohl mehr als einen erfolg-

und talentlosen österreichischen Kunstmaler

aus der Alpenregion an die Spree getrieben. Wahrscheinlich

zog ein endloser Treck kleinwüchsiger

Männer mit gestutztem Oberlippenbart und Staffe-

36 LSD

lei unterm Arm von Süden herauf. Neben ihnen ein

Ochsenkarren mit ihren Habseligkeiten, von stämmigen

Blondinen im Dirndl gezogen, die alle auffallende

Ähnlichkeit mit Eva Braun aufwiesen.

Welcher Art auch immer die Wanderungsbewegungen

waren, die den „Präeenzlberg“ auf den

Prenzlauer Berg brachten, fest steht: Noch heute

enttarnt sich der Ortsfremde durch die Verwendung

desselben. Und natürlich weisen die vermeintlichen

Ureinwohner ihn nur zu gerne auf seinen

Fauxpas hin. Diejenigen, die eben erst den

Aufstieg zum „Ureinwohner“ geschafft haben, sind

am Schlimmsten. Die wahre Herkunft dieser

Prenzlauer Berger entpuppt sich bei genauerem

Hinhören ziemlich schnell: Senftenberg oder Reit

im Winkel.

Der echte Ureinwohner, der Gebürtige,

legt daher meist großen Wert auf

die Feststellung, es gebe Unterschiede,

die selbst dem Lernwilligsten

auf immer verschlossen bleiben.

Das ist in Berlin nicht anders

als in Köln. Vermutlich ist diese

stolze Distinktion der wahrhaft Gebürtigen

auch dadurch erklärbar,

dass sie an der Spree wie am Rhein

in der Minderheit sind. Minderheiten,

besonders die ethnischen, stärken ihr

Selbstbewusstsein nun mal gerne dadurch, dass

sie alles, was auch nur ansatzweise als identitätsstiftend

durchgeht, exzessiv zelebrieren.

Bleibt die Frage: Gibt es wirklich einen grundlegenden

Unterschied? Trägt der Mensch vom

Prenzlauer Berg etwas im Herzen, dass der

Prenzlberger niemals finden wird?

Was den Kölner/die Kölnerin angeht, fällt die

Antwort leicht: Jedes Kölner Mädchen möchte einmal

im Leben Funkemariechen sein – und jeder

Kölner möchte einmal im Leben mit einem echten

Funkemariechen exzessiv ... ! Derlei Herzenswünsche

sind für den Auswärtigen kaum nachvollziehbar.

Das liegt daran, dass diese in einer frühen Zeit

des sexuellen Erwachens geboren werden; und

hat man die nicht in Köln verbracht – na ja!

Gerne erkläre ich das Funkemariechen-Phänomen

noch einmal genauer. Bis dahin mögen mir

die im Prenzlauer Berg gebürtigen Berliner aber

bitte mal verraten: Was unterscheidet sie tief im

Herzen vom ganzen Rest?

Max Peters


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Jürgen Oxenknecht, Robert Standfest, Katharin Karouaschan.

freie Mitarbeiter: H. Seefeld, M.Liske, J.Burggraf, C. Labrana

(Familie+Kinder), A. Gosemärker (Recht), P. Mack, T. Zerbst, A. Zelig,

A. Lenzmann, O. Krzykowski (Brot&Spiele), M. Peters.

Gestaltung: Katharin Karouaschan, Barbi Mlczoch, Julia Braun.

Cover: struhlikat@web.de; das Cover können Sie käuflich erwerben.

Herausgeber: Barbi Mlczoch, Katharin Karouaschan

Anschrift: LSD Lychener/Schliemann/Duncker Stadtmagazin für den

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Bildredaktion: Barbi Mlczoch, T: 44050308,

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Druck: Druckhaus Galrev, Lychenerstrasse 73, 10437 Berlin

Das Magazin erscheint alle 8 Wochen,

Auflage 1000 Exemplare.

Gefördert durch:


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