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M O N U M E N T

DENNIS BURMEISTER & SASCHA LANGE

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M O N U M E N T

DENNIS BURMEISTER & SASCHA LANGE

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5

VORWORT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

BASILDON . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8

SPEAK AND SPELL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34

A BROKEN FRAME . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

CONSTRUCTION TIME AGAIN . . . . . . . . . 70

SOME GREAT REWARD . . . . . . . . . . . . . . . . 94

THE SINGLES 81– 85 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120

INTERVIEW MIT GÖTZ ALSMANN . . . . . . . . 136

BLACK CELEBRATION . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140

INTERVIEW MIT HANS DERER . . . . . . . . . . . . 164

MUSIC FOR THE MASSES . . . . . . . . . . . . . . 166

INTERVIEW MIT HARALD BULLERJAHN . . . . 196

VIOLATOR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200

INTERVIEW MIT ERIK VAN KASSEN . . . . . . . 222

SONGS OF FAITH AND DEVOTION . . . 226

ULTRA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246

EXCITER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274

PLAYING THE ANGEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294

SOUNDS OF THE UNIVERSE . . . . . . . . . . . 312

INTERVIEW MIT ANNE HAFFMANS . . . . . . . 336

DELTA MACHINE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342

FANKULTUR IN OST UND WEST

BEHIND THE WALL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 354

INTERVIEW MIT OLAF ZIMMERMANN . . . . 384

INFOSERVICE & BONG-MAGAZIN . . . . . . . 388

SWISS FANCLUB & BMA . . . . . . . . . . . . . . . . . 394

INTERVIEW MIT ANDREA KRUMBEIN . . . . . 398

INTERVIEW MIT KAY SCHWARZBACH . . . . 400

BOOTLEGS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404

FANKULTUR 1990 BIS HEUTE . . . . . . . . . . . . . 406

INTERVIEW MIT ELVIS RASHIDI . . . . . . . . . . . 408

INTERVIEW MIT SVEN PLAGGEMEIER . . . . . 410

ANHANG

Inhalt

SÄMTLICHE TOURDATEN . . . . . . . . . . . . . . . . . 412

QUELLENVERZEICHNIS . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423

DANKSAGUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424

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7 Vorwort

A BOOK FOR THE MASSES

Seit mehr als 33 Jahren begeistern Depeche Mode Millionen von

Menschen und haben doch nie Musik für die Massen gemacht.

Der kaugummisüße Synthie-Pop von Speak & Spell, das metallisch

scheppernde Some Great Reward-Album, das unglaubliche Music

For The Masses, der weltweite Riesenhit Violator, das digital-minimalistische

Exciter oder aktuell Delta Machine – Depeche Mode

sind nie irgendwelchen Charttrends hinterhergelaufen, haben sich

nicht durch Kritiker von ihrem Weg abbringen lassen. Und gerade

deshalb hatten und haben sie umso mehr Erfolg bei ihrer riesigen

Fangemeinde. Man kann es also kaum anders sagen: Depeche Mode

sind ein Phänomen.

Mute-Labelmanagerin Anne Haffmanns wusste von Dennis

Burmeisters Sammlung. Seit 25 Jahren sucht er aus aller Welt Promomaterial,

Tonträger, Merchandisingprodukte, Zeitungsartikel,

Tourposter und sogar goldene Schallplatten zusammen. Zu seiner

Sammlung zählen auch Raritäten wie das erste Promotape von

1980, mit dem sich Depeche Mode damals noch erfolglos bei Plattenfirmen

beworben hatten. Anne Haffmans empfahl Dennis, doch

irgendwann ein Buch darüber herauszubringen. Aber wo sollte man

bei den unzähligen Sammlerstücken anfangen?

Der Zufall wollte es, dass wir uns 2008 ausgerechnet im Büro

von Mute Records in Berlin zum ersten Mal begegneten. Dennis als

Grafik-Designer und Sammler, ich, Sascha, als Buchautor und Historiker

für Jugendkultur. Aber vor allem waren wir zwei langjährige

Depeche-Mode-Fans. Aufgewachsen in den Achtzigern, Dennis im

mecklenburgischen Malchin, ich in Leipzig. Schnell kamen wir ins

Gespräch, und plötzlich schien die Buchidee nicht mehr unmöglich.

Fünf Jahre später liegt Depeche Mode: MONUMENT vor. Ziel

war es, eine umfassende Werkschau der Band zu erstellen. Dieses

Buch bietet erstmals die Möglichkeit, die drei Jahrzehnte Musikgeschichte

und eine bis ins Detail ausgefeilte Einheit von Musik und

Gestaltung nachzuvollziehen.

Die Geschichte von Depeche Mode ist auch immer die von ihrer

sehr aktiven Fancommunity, die den Style und das Artwork der Band

aufnehmen und weitertragen. Deshalb ist hier erstmalig umfassend

die Geschichte der Fankultur in West und Ost, von Fanclubs, Fanzines,

Fanpartys in einem sehr persönlichen Kapitel dokumentiert.

Maßgebend für Depeche Mode: MONUMENT war der Veröffentlichungskatalog

von Mute Records in Großbritannien, dem

Mutterland von Band und Label, der sich als komplette Diskografie

über das gesamte Buch erstreckt. Darüber hinaus haben wir (west-)

deutsche Releases, Promosingles und ungewöhnliche Veröffentlichungen

aus aller Welt abgebildet. Und wir sind sehr stolz, viele

unveröffentlichte Fotos u. a. aus den Archiven von Tim Williams,

Alan Wilder, Herbert R. Kollisch, Daryl Bamonte zeigen zu dürfen.

Wir bedanken uns an dieser Stelle nochmals herzlich für die Unterstützung

von Mute Records, ehemaligen Intercord-Mitarbeitern,

zahlreichen Fotografen, Fans, Sammlern und Freunden.

Wir wünschen eine schöne Zeitreise, viel Spaß beim Schwelgen

in Erinnerungen, beim Wieder- und beim Neuentdecken.

Herzlich, Dennis Burmeister und Sascha Lange

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Basildon 8

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Basildon


Basildon Die Geburt einer Band 10

BASILDON

DIE GEBURT EINER BAND

Basildon ist langweilig. Etwa 50 Kilometer östlich vom Londoner

Stadtzentrum gelegen, ist in Basildon von der Coolness der pulsierenden

Weltmetropole nichts zu spüren. Eine langweilige Neubausiedlung

voller unzähliger kleiner Reihenhäuser, errichtet im

Nachkriegsengland auf der grünen Wiese für 80 000 Ein wohner.

Als Teenager in den späten siebziger Jahren kann man sich hier

nur betrinken, prügeln oder eine Band gründen. Und genau hier

beginnt die unglaubliche Geschichte von Depeche Mode.

Dave Gahan, Andy Fletcher, Martin Gore und Vince Clarke,

die Gründungsmitglieder der Band, wachsen in bescheidenen,

aber nicht prekären Verhältnissen in Basildon auf. Vincent »Vince«

John Martin, geboren am 3. Juli 1960 in South Woodford, wird

seinen Nachnamen erst in der Anfangszeit von Depeche Mode in

Clarke ändern, angeblich, damit das Arbeitsamt nichts von seiner

Band erführe. Vince, die treibende Kraft bei der Entstehung der

Band, ist seit Kindertagen bei der Pfadfindergruppe Boys’ Brigade

der St. Paul’s Methodistenkirche von Basildon und lernt dort

Andrew »Andy« Fletcher, geboren am 8. Juli 1961 in Nottingham,

kennen. Während der Schulzeit nimmt Vince Geigenunterricht,

wechselt aber später zur Gitarre. Zu dieser Zeit dominiert noch

der Siebzigersound von Simon & Garfunkel, T. Rex, Pink Floyd

und David Bowie die Radios und Plattenregale.

Mit der Zeit gehen Vince und Andy nicht mehr zur Boys’

Brigade, sondern besuchen die Treffen der Jugendgruppe ihrer

Kirchengemeinde. Dorthin kommt auch gelegentlich der schüchtern

wirkende Martin Lee Gore, geboren am 23. Juni 1961 in

London, ein Schulfreund von Andy. Martin ist gut an der Gitarre,

ein großer Fan der Sparks und Talking Heads und gründet 1977

schließlich seine erste Band, ein Duo namens Norman & The

Worms. Vince formiert im selben Jahr in seinem Kirchenumfeld

ebenfalls ein Duo namens Nathan, beeinflusst von der Musik

Simon & Garfunkels. Zum Freundeskreis der künftigen Depeche-

Mode-Mitglieder gehört auch Alison Moyet, die später mit Vince

Clarke das Duo Yazoo gründen wird. Alison geht, wie Martin und

Fletch, auf die Nicholas School und belegt sogar einige Kurse mit

ihnen zusammen.

Zu dieser Zeit träumen viele Jugendliche in Großbritannien

von einer eigenen Band und einem Auftritt bei Top Of The Pops,

der vor dem MTV-Zeitalter populärsten Musikshow im britischen

Fernsehen. Wer dort auftreten darf, hat es geschafft – so

die weitläufige Meinung. 1977 bricht in Großbritannien der Punk

aus, eine Seuche, eine Revolution. Wie ein Virus infiziert er die

Gehirne zahlloser Teenager. Auf einmal ist es ganz einfach, eine

Band zu gründen. Kein jahrelanger Musikunterricht, kein Notenlesen

mehr. Mit nur zwei (Hand-)Griffen kann man einen Song

auf der Gitarre spielen. Do-It-Yourself ist das Einzige, was man

über Punk wissen muss. Aber Punk beschränkt sich nicht nur auf

schnelle, aggressive Musik.

Als Joy Division aus Manchester 1979 ihr Debütalbum

Unknown Pleasures und ein Jahr später Closer veröffentlichen,

gründen sie damit, ohne es zu wissen, ein ganz neues Genre.

Andere Bands folgen. Langsame melancholische Gitarrenriffs in

Verbindung mit Synthesizern scheinen einer ganzen Generation

von Jugendlichen direkt aus dem Herzen zu sprechen – New

Wave ist geboren. Auch der Synthie-Minimalismus des 1978er

Albums Die Mensch-Maschine der westdeutschen Elektroband

Kraftwerk erlangt in der Punk- und New-Wave-Generation Kultstatus.

Durch die technische Weiterentwicklung elektronischer Musik -

instrumente sind nun neben der klassischen Rockband besetzung

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11

BASILDON, RAILWAY STATION Bonjour Tristesse …

aus Gitarre, Bass und Schlagzeug ganz neue Kombinationen

möglich. Waren Drumcomputer und Synthesizer noch wenige

Jahre zuvor für Teenager der Arbeiterklasse unbezahlbar, können

sich inzwischen immer mehr junge Musiker diese »Instrumente«

leisten. Futuristisch anmutende Maschinen, die auch zur Ausrüstung

von Han Solos Millennium Falcon gehören könnten, läuten

ein neues Zeitalter ein – 1982 spricht das Magazin Der Spiegel

im Zusammenhang mit den zahlreichen neuen elektronischen

Bands aus Großbritannien auch von »Popmusik für die Star-

Wars-Generation«. Die oftmals noch monophonen Synthesizer

geben jeweils nur einen Ton von sich, so dass man zum Spielen

nicht mehr als einen Finger braucht. Somit muss man sich nicht

einmal mehr mit Akkorden auskennen, um Sounds und Melodien

zu kreieren. Eines der radikalsten Beispiele für neue elektronische

Musik aus der Zukunft ist zu dieser Zeit die westdeutsche

Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft, kurz DAF, mit ihrer

LP Die Kleinen und Die Bösen.

Basildon ist langweilig. Und gerade deshalb verbreiten sich die

Do-It-Yourself-Genres Punk und New Wave dort rasant. Die 79er

Cure-Platte Three Imaginary Boys beeindruckt Vince Clarke sehr,

und er hat Lust, auch etwas in dieser Richtung zu machen. Sein

Nathan-Gitarren-Duo ist bereits wieder Geschichte. Das nächste

kurzlebige Gitarren-Bandprojekt ist No Romance In China, das

er mit zwei Kumpels betreibt. Vince und Andy treffen sich in dieser

Zeit nicht mehr in der Kirchengemeinde, sondern gehen mit

Martin Gore und Vince’s Kumpel Robert Marlow ins Kulturzentrum

von Basildon, um dort über ihre neuesten Lieb lingsplatten zu

Die Geburt einer Band Basildon

sprechen: OMD, Fad Gadget, The Human League, The Normal

und Kraftwerk. Martin interessiert sich in dieser Zeit sehr für

deutsche Kultur und Sprache, auch weil er an einem Schüleraustausch

mit Erfde in Schleswig-Holstein teilnimmt. Besonders begeistert

ihn die westdeutsche Elektropunk-Musik szene mit Bands

wie DAF, Palais Schaumburg und Der Plan.

Doch Musik bleibt zunächst ein Hobby. Im Sommer 1979

schließt Martin die Schule ab und arbeitet für die NatWest Bank

in London. Andy Fletcher ist seit seinem Abschluss ebenfalls in

London bei der Sun-Life-Versicherung angestellt.

Vince sucht sich erst gar keinen festen Job. Das klassische Arbeitsleben

langweilt ihn genauso wie Basildon. Vince will Musik

machen, und zwar richtig, nicht nur nach Feierabend. Doch bisher

waren seine ersten Bands eher kurzlebig und so gründet er

mit seinem Kumpel Andy Anfang 1980 eine neue mit dem etwas

sperrigen Namen Composition Of Sound.

Ihr Sound soll genauso frisch und futuristisch klingen, wie die

neuen elektronischen Bands, die sie gerade hören. Aber Vince besitzt

nur eine Gitarre und Andy nur einen Bass. Also suchen sie

nach weiteren Bandmitgliedern. »Sie nahmen mich, weil ich einer

der wenigen Leute in Basildon war, die einen Synthesizer

besaßen«, erinnert sich Martin Gore, der zu dieser Zeit außerdem

mit Robert Marlow bei einer Band namens French Look spielt.

Zunächst proben sie in der kleinen Garage bei Vince zu Hause. Er

hat die Songs geschrieben, die Beats kommen aus einem billigen

Drumcomputer. In dieser Zeit geben sie bereits einige Wohnzimmerkonzerte

für Freunde.

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Basildon Die Geburt einer Band 12

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13

Die Geburt einer Band Basildon

PLAYGROUND BASILDON 16 Shepeshall (Martin Gore), 59 Mynchens (Vince Clarke), 101 Woolmergreen (Andy Fletcher), 56 Bonnygate (Dave Gahan)

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Basildon Die Geburt einer Band 14

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15

COMPOSITION OF SOUND

Am 30. Mai 1980 haben Composition Of Sound bei einer Party

im The Paddock, einem Gemeindezentrum in Basildon, ihren

ersten Auftritt vor »echtem« Publikum. Vince ist zwar der

Sänger, überzeugt aber nicht wirklich als Frontmann, da er eher

schüchtern hinter seinem Instrument steht. »Wir brauchten jemanden,

damit wir interessant aussahen«, lautet rückblickend

seine Einschätzung. Als mehrere Leute in einem der Proberäume

der Woodlands-Schule David Bowies Heroes singen, fällt ihnen

ein Typ auf, der auch zu ihrem erweiterten Bekanntenkreis gehört:

David »Dave« Gahan, geboren am 9. Mai 1962 in Chigwell,

ist ein »junger Wilder« aus einem anderen Teil von Basildon und

zeitweise Teil der lokalen Soul-Boy-Szene. »Ich habe einige Male

mit ein paar Bands geprobt«, erzählt Dave später dem Magazin

Uncut. »Bin aber nie aufgetreten, war nur nach der Schule auf

den Proben. Sie hießen The Vermin. In dem Teil von Basildon

waren die richtig berühmt. In unsern Köpfen waren wir schon

auf dem Weg, die nächsten Sex Pistols zu werden.«

Und er ist zeitweise der Soundmann von French Look. Andy

erinnert sich: »Dave sah besser aus als wir und er hatte tausende

Kontakte. Wir hingegen hatten keine Kontakte. Und er sang wirklich

sehr gut.« Kurzentschlossen fragt Vince ihn, ob er Lust hätte,

ihr neuer Sänger zu sein, und am 14. Juni 1980 treten Composition

Of Sound beim Konzert im Garderobenraum der St. Nicholas

School in Basildon das erste Mal zu viert auf.

Poster für das Konzert am 14. Juli 1980 in der Nicholas School in Basildon,

designt von Rodney Martin, dem Bruder von Vince Clarke

Composition Of Sound Basildon

Poster für das Konzert am 21. Juli 1980 im Top Alex in Southend-on-Sea, designt von

Rodney Martin, dem Bruder von Vince Clarke

Der neue Sänger macht sich schnell Gedanken um das Image der

Band. Für Mode und Design hat Dave schon lange ein Faible,

daher auch seine begonnene Ausbildung am Technical College in

Southend-on-Sea. Besonders der sperrige Bandname schreit nach

Veränderung. Nach einigen Gigs überzeugt Dave die anderen zu

einem neuen und griffigeren Namen, zu dem ihn eine französische

Modezeitung inspiriert hat, die irgendwann vor ihm lag:

DEPECHE MODE.

Nicht nur der Name wird geändert, auch der Sound soll cooler

werden. Wochenlang schlägt sich Vince mit miesen Gelegenheitsjobs

rum, um sich endlich einen eigenen Synthesizer kaufen zu

können. Und auch Andy besorgt sich einen. Gitarren haben ausgedient.

Aber sie geben sich nicht damit zufrieden, sich gegenseitig

auf die Schulter zu klopfen und stolz zu sagen, man sei eine Band.

Das Wichtigste ist nun, sich bekannt zu machen. Und das geht

naturgemäß am besten, indem man möglichst viele Konzerte gibt.

Ein entscheidender Moment kommt, als der Clubbesitzer

Gary Turner ihnen anbietet, regelmäßig im Crocs in Rayleigh, elf

Kilometer östlich von Basildon, zu spielen. Und so treten sie im

August 1980 dort gleich mehrmals auf. Fast 500 Leute passen in

den Club und an den Samstagabenden ist der Laden nicht selten

komplett voll. Viele im Publikum sind Teil der gerade angesagten

New-Romantics-Szene, die sich durch extravagante Klamotten

und Frisuren sowie stark geschminkte Gesichter definiert, der

Rest sind Kumpels aus Basildon und Studenten des Technical

College, welches Dave besucht.

Langsam entwickelt sich eine erste kleine Fanszene um die

Band, die auch zu Konzerten nach London mitreist. Vince Clarke

verschafft ihnen dort den ersten Gig in einem Pub im East End

namens Bridgehouse. Obwohl sich nur wenige Leute zu ihrem

Konzert dorthin verirren, bietet ihnen der Ladenbesitzer weitere

Auftritte an. Neben Songs, die Vince geschrieben hat, gehören

auch einige Coverversionen zu ihrem Repertoire, z. B. Price Of

Love von den Everly Brothers. Es läuft ziemlich gut für Depeche

Mode. Und in diesen Tagen kommen ständig Platten von neuen

Bands auf den Markt. Vor allem von elektronischen Bands.

Warum sollten sie nicht auch dazu gehören?

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Basildon Dreaming Of A Single 16

DREAMING OF A SINGLE

»Ein Demotape«, drängt Vince Clarke, denn nur damit würden sie

an bessere Konzerte kommen. Und so nehmen sie im Studio der

Lower Wapping Conker Company im nahegelegenen Barking mit

einer Vierspurmaschine und primitivem Equipment die Songs Ice

Machine, Photographic und Radio News auf. Die Kassette lassen sie

vom Tape Copying Services in London vervielfältigen. Als Kontakt

schreibt Vince handschriftlich seine elterliche Wohnadresse

auf die Innenseite der Kassettenhülle.

Poster zum Konzert am 16. Oktober 1980 in London, Bridgehouse

In der Hoffnung auf einen Plattendeal klappern Vince und Dave

damit auch verschiedene Majorlabels in London ab. Zu dieser

Zeit schickt man seine Demos nicht einfach hin, sondern geht

persönlich zu den Artists- & Repertoire-Managern (kurz A&R)

und hört sich das Tape gemeinsam an – wenn die gerade darauf

Lust haben. Aber keiner interessiert sich für Depeche Mode. Ihre

letzte Adresse ist das Indielabel Rough Trade mit dem kleinen

Shop in Notting Hill. Dessen Inhaber Richard Scott hört sich das

Tape zwar an, findet aber, dass dies nichts für Rough Trade sei. Er

verweist sie an Daniel Miller von Mute Records, der ebenfalls im

Laden ist. Doch der hat gerade ein technisches Problem mit der

ersten Fad Gadget-LP und winkt nur ab.

Bis hierhin gleicht die Bandgeschichte von Depeche Mode der

unzähliger anderer Bands – junge Musiker mit einem ambitionierten

Demotape und kein Plattendeal in Sicht. Also besinnt man

sich zunächst auf weitere Konzerte. Im November 1980 spielen

DEMOTAPE

Das erste Demotape der Band galt lange als verschollen, tauchte dann aber im Februar

2011 in einem großen Online-Auktionshaus auf und wechselte am Ende für ca.

2.000 Britische Pfund den Besitzer. Ein zweites Exemplar aus dem Besitz von Terry

Murphy, dem Inhaber des legendären Bridge House Pub in Canning Town, wurde

nur wenig später ebenfalls versteigert und erzielte sogar einen noch höheren Preis,

der bei ca. 2.800 Britischen Pfund lag.

Depeche Mode als Vorband von Fad Gadget in Canning Town.

Daniel Miller ist auch vor Ort. Nachdem er Depeche Mode an

diesem Abend erstmalig live gesehen hat, ändert er seine Meinung

grundlegend. Es vergehen nur wenige Tage, als sie schon von

Daniel gefragt werden, ob sie für Mute eine Single produzieren

möchten. »Wir waren damals große Fans von Mute«, erklärt

Martin später, »und von ihm spontan ein Angebot für eine Single

zu bekommen, war unglaublich.«

Zeitgleich ist der damals 17-jährige Manager von Soft Cell,

Steve »Stevo« Pearce, auf Depeche Mode aufmerksam geworden

und bittet die Band, einen Song für seinen Futurists-Sampler beizusteuern,

den er auf seinem Label Some Bizzare veröffentlichen

will. »Futurists« ist kurzzeitig ein Sammelbegriff für einige der

neuen elektronischen Bands, setzt sich jedoch nicht durch.

Auch DJ Stevo, der nebenbei zahlreiche Konzerte mit aufstrebenden

Künstlern organisiert, möchte Depeche Mode unter

Vertrag nehmen und lockt mit Supportauftritten für Ultravox

und einem Deal für mehrere Alben. Depeche Mode bleiben zurückhaltend

und wollen sich nicht gleich langfristig verpflichten,

sondern erstmal nur eine Single machen. Für das Some Bizzare-

Album sagen sie aber ihren Song Photographic zu, den Daniel

Miller zusammen mit der Band Ende 1980 im Tape One Studio

produziert. Am 30. Januar 1981 steht die Compilation mit dem

ersten Song von Depeche Mode auf Vinyl in den Läden.

Die Jungs sind immer noch vier normale Jugendliche aus Basildon.

Aber von Langeweile ist keine Spur mehr, denn sie können es kaum

erwarten, ihre erste eigene Single in den Händen zu halten.

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17

SOME BIZZARE ALBUM LP • SOME BIZARRE BZLP 1 • UK

Die Some Bizzare-Version von Photographic war lange Zeit nur auf diesem Album zu

finden, wurde aber am 26. Oktober 1998 mit dem Depeche-Mode-Reissue von The

Singles 81– 85 wiederveröffentlicht.

SOME BIZZARE Album PROMO Poster • UK

Dreaming Of A Single Basildon

TWENTY BIZARRE NIGHTS

Parallel zur Veröffentlichung des Some Bizzare-Albums am 30. Januar 1981 kündigte Stevo Pearce in einer Pressemitteilung Twenty Bizarre Nights für den Februar 1981 an,

bei denen einige der auf dem Album enthaltenen Bands Konzerte gaben.

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Basildon Mute Records 18

MUTE RECORDS

Do-It-Yourself ist das Gebot der Stunde – für Songs, Produktion,

Artwork und Label. Daniel Miller ist seit Jahren ein großer Fan

westdeutscher Elektronik- und Krautrockbands und braucht ein

Label für sein eigenes Ein-Mann-Elektropunk-Musikprojekt The

Normal. Der DIY-Gedanke der Punkbewegung überzeugt Miller

sofort, denn er hat keine Ambitionen, ein kommerzielles Label

anzufragen, da die ihm nur in seine Musik reingeredet hätten. Also

gründet der damals 27-jährige 1978 Mute Records. Ohne die

leiseste Ahnung, wie ein Label eigentlich funktioniert.

Die Debüt-Single von The Normal T. V. O. D. / Warm Leatherette

erscheint am 1. Mai 1978 und verkauft sich etwa 30 000 Mal –

für ein Indielabel ein großer Erfolg, und sie bringt Daniel Miller

viel Anerkennung, wenn auch nur jenseits der Charts und Mainstreampresse.

Die Silicon Teens, Daniel Millers zweites Projekt, stehen für die

Idee, Coverversionen alter Rock-’n’-Roll-Oldies mit Synthesizern

zu instrumentieren – und sind eine subtile Mogelpackung. Die

auf Platten und Flyern gedruckten sowie in Interviews genannten

Musiker der »Band«, bestehend aus den Mitgliedern Darryl

(Gesang), Jacki (Synthesizer), Paul (E-Beat) und Diane (Synthesizer),

existieren überhaupt nicht. Gesang sowie Musik kommen

alleine von Miller, welcher wie schon beim Vorgängerprojekt The

Normal alles selbst einspielt.

Zu Mute kommen aber auch »echte« Bands hinzu, wie Fad Gadget

und zeitweise die westdeutsche Band DAF (Deutsch-Amerikanische-Freundschaft).

Selbst Soft Cell sind kurzzeitig für Mute

im Gespräch. »An einem Punkt musste ich mich entscheiden,

ob ich Soft Cell oder Depeche Mode unter Vertrag nehme«,

erinnert sich Daniel Miller später. Er entscheidet sich für Depeche

Mode, Soft Cell gehen zu Some Bizzare und Phonogram. Daniel

produziert aber 1981 noch deren erste Single Memorabilia.

Mute wird zu einer Plattenfirma, die ähnlich wie die Musik, die

dort vertrieben wird, beispielhaft ist für die damalige Entwicklung

des Postpunk: Independent. Diese Unabhängigkeit bezieht sich

sowohl auf künstlerische als auf wirtschaftliche Entscheidungen.

Daniel Miller arbeitet nur mit Bands zusammen, die ihm auch

selbst musikalisch zusagen, und er ist niemandem Rechenschaft

schuldig. Auf der anderen Seite behalten die Bands die Kontrolle

über ihr kreatives Schaffen. Und das ermöglicht etwas, das nicht

nur für ein Indielabel unbezahlbar ist: Authentizität. Nicht Zielgruppen

und Verkaufszahlen bestimmen das Programm, sondern

die Musik. Das klingt unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten

vielleicht naiv, aber nicht nur im Falle von Mute Records

funktioniert es.

Und gerade weil die Bands der Indielabels oftmals authen tischer

sind als Produkte der Majorlabels, finden sie größere Akzeptanz,

und ihre Platten werden gekauft, wenn auch erst mal nur von

einem Nischenpublikum.

SILICON TEENS • MEMPHIS TENNESSEE

Promoposter für die Veröffentlichung der ersten Silicon Teens 7" Memphis Tennessee

auf Mute

Zunächst betreibt Daniel sein Label von zu Hause aus, findet in

Rough Trade aber kurz darauf einen ersten Vertriebspartner.

1976 als Plattenladen angefangen, kommen bei Rough Trade

bald ein kleines Label und ein Lager für den Versand hinzu, wo

Mute am Anfang seine Veröffentlichungen einlagern darf. So startet

Daniel sein kleines Ein-Mann-Unternehmen und niemand

ahnt, dass Mute weltweit zu einem der erfolgreichsten und beständigsten

Independent-Labels avancieren würde.

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19

Mute Records Basildon

DER ERSTE ROUGH TRADE SHOP in der Londoner Talbot Road 130 wurde 1976 gegründet. Der legendäre Plattenladen erfreut sich noch heute großer Beliebtheit.

THE NORMAL • T.V.O.D. 7" • MUTE • MUTE001 • UK SILICON TEENS • MEMPHIS TENNESSEE 7" • MUTE • MUTE003 • UK

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Basildon Dreaming Of Me 20

DREAMING OF ME

Jetzt geht es nicht mehr nur um ein Demotape, sondern um eine

Vinylsingle für Plattenläden, Clubs, Radio- und vielleicht sogar

Fernsehsender. Für ihre erste Mute-Veröffentlichung einigen sich

Depeche Mode und Daniel aus dem Live-Repertoire der Band

auf Dreaming Of Me, ein Song mit süßer, fließender Melodie und

gutem Drive. In dem kleinen Londoner Blackwing Studio nehmen

sie ihn zusammen mit Ice Machine als B-Seite auf. Daniel

übernimmt dafür den Part des Produzenten, da er sich durch die

Homerecordingarbeiten für seine eigenen Musikprojekte The

Normal und Silicon Teens mit den Aufnahmeabläufen bereits etwas

auskennt. Wird es die Single überhaupt schaffen, im Radio

gespielt zu werden?

Bei all diesen ersten Schritten greifen Depeche Mode auf die Unterstützung

ihres Basildoner Freundeskreises zurück. Nicht nur

dass sie die Band zu ihren Konzerten begleiten. Die Zeichnung

auf dem Single-Cover von Dreaming Of Me stammt von Mark

Crick, einem damaligen Freund von Martin Gore, der später Fotograf

und Buchautor wird. Sie wohnen in derselben Straße und

gehen beide auf die Nicolas School. In dieser Zeit stößt auch der

erste Roadie aus ihrem Freundeskreis zur Band – Daryl Bamonte,

der jüngere Bruder von Perry Bamonte, späterer Gitarrist von The

Cure. Daryl sollte bis Mitte der neunziger Jahre für Depeche Mode

arbeiten und zu einem engen Freund der Band werden.

Dreaming Of Me erscheint am 20. Februar 1981 in Großbritannien,

etwa zeitgleich mit der sehr politischen Debütsingle von

Heaven 17 (We Don’t Need This) Fascist Groove Thang. Kurz zuvor

Die erste Pressemitteilung von Mute zum Release der Single im UK. Diese Schreiben

wurden den Singles beigelegt und an Radiomoderatoren und DJs verschickt, um sie

mit Releaseinformationen zu versorgen.

hat die New-Romantics-Ikone Visage mit Fade To Grey die Top

Ten der britischen Charts erreicht. Überraschend kurz nach Erscheinen

wird Dreaming Of Me schon im Radio gespielt und klettert

in den Singlecharts bis Platz 57. Das ist noch keine Sensation,

aber ein sehr guter Start, denn keine der Mute-Veröffentlichungen

hat es bis dahin in die Hitparade geschafft. Die Stimmung in der

Band ist euphorisch. Martin erinnert sich: »Wir fühlten, wenn

wir uns ein bisschen mehr auf die Band konzentrieren würden,

könnten wir vielleicht unsere Jobs aufgeben, und es wirklich

schaffen.«

HANDSHAKE WITH DANIEL MILLER

Gesucht: Junge Synthie-Band. Die britischen Plattenfirmen sehen

mit Bands wie Visage, Spandau Ballet oder Soft Cell einen Trend

kommen, und plötzlich sind die jungen Vertreter elektronischer

Musik heißer begehrt denn je. Auch für Depeche Mode kommen

jetzt vielfältige Angebote: Roger Ames, A&R-Manager bei

Phonogram, kontaktiert die Band und bietet ihnen einen Plattenvertrag

inklusive großzügigem Vorschuss. Andere Majorlabels zeigen

ebenfalls Interesse. Mit derartigen finanziellen Verlockungen

kann Daniel Miller nicht konkurrieren.

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DREAMING OF ME 7" • MUTE • MUTE 013 • UK

Die Erstauflage der UK-Single von Dreaming Of Me enthält auf der Rückseite des

Covers den Hinweis »Distributet by Rough Trade«, während auf späteren Pressungen

neben Rough Trade auch Spartan als Distributor aufgeführt wird.

DREAMING OF ME 7" • INTERCORD • INT 197.206 • GER

In Westdeutschland wurde Dreaming Of Me nicht als Single veröffentlicht.

Einige Exemplare wurden von der Intercord zu Promotionzwecken an Medien und

DJs verschickt. Bei der Single handelte es sich allerdings um die englische Pressung,

welche einen Sticker mit der von Intercord vergebenen Katalognummer 197.206 auf

der Coverrückseite hat.

Erwähnt wird diese Single in der Intercord-Presseinfo zur Veröffentlichung von

Speak & Spell in Deutschland.

Handshake with Daniel Miller Basildon

Poster mit dem Motiv der Dreaming Of Me-Single für das Konzert in der Londoner

Southbank Poly am 1. Mai 1981. Die Illustration stammt von Mark Crick, einem

Freund von Martin Gore.

Aber Rod Buckle, Mitinhaber der Plattenfirma Sonet und Kooperationspartner

von Mute Records, und auch Mutes Radiopromoter

Neil Ferris empfehlen der Band bei Daniel zu bleiben,

da er sich besser um sie kümmern werde. Die Band entscheidet

sich für Daniel und Mute – weil sie ihm vertraut und zutraut, Depeche

Mode zusammen mit ihnen zu entwickeln und nicht nur

einen kurzen Majorhype zu erleben. »Warum sollten wir nicht

dazu imstande sein? Die anderen Plattenlabel waren recht altmodisch

und poporientiert, aber wir arbeiteten völlig anders«,

erinnert sich Daniel Miller. Per Handschlag besiegeln sie eine

50/50-Gewinnbeteiligung für Großbritannien.

Der Deal verpflichtet Mute Records außerdem, in anderen

Ländern Lizenznehmer zu finden. Zusätzlich hat Rod Buckle von

Sonet einen kleinen Vorschuss organisiert und in Westdeutschland

die Plattenfirma Intercord aus Stuttgart als Lizenznehmer für

Mute-Künstler gewonnen. Von da an veröffentlicht Intercord alle

Depeche-Mode-Platten in der Bundesrepublik bis 1998.

Erst wenn man die Bands betrachtet, die zeitgleich bei einem

Major unterschrieben, aber schon bald darauf in der Versenkung

verschwanden, wird deutlich, wie richtig doch die Entscheidung

war, bei Mute und Daniel Miller zu bleiben.

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Basildon New Life 22

NEW LIFE

Beflügelt vom Erfolg der ersten Single folgt am 13. Juni New Life.

Erstmalig wird auch eine Maxisingle des Songs produziert. Und

New Life bringt die langersehnte Einladung zu Top Of The Pops.

Anschließend klettert die Single auf Platz 11 in den UK-Charts.

Der Song wird ein Hit, und es folgen Angebote von verschiedenen

europäischen TV-Sendern für Playbackauftritte in Fernsehshows.

Der nächste Schritt war somit klar: Es musste ein Album folgen.

BLACKWING STUDIOS

Daniel Miller stieß bereits auf der Suche nach einem Studio für

die Arbeit an dem Album seines zweiten Musikprojektes Silicon

Teens auf das Blackwing. Der Betreiber Eric Radcliffe und sein

Tonassistent John Fryer zeigen sich offen für Daniels Arbeitsweise

und neue elektronische Musik, was damals in der rockorientierten

Studiolandschaft äußerst selten ist. Das Blackwing Studio verfügt

außerdem über einen großen Kontrollraum, in welchem man die

Synthesizer gleich mit aufbauen kann. Das Studio liegt in einer

kleinen Nebenstraße im Herzen Londons und ist in einer ehemaligen

Kirche untergebracht, die von der deutschen Luftwaffe

bei ihren Bombenangriffen 1941 teilweise zerstört worden war.

Aus Kostengründen kann Gründer Eric Radcliffe 1980 das Studio

zunächst nur mit einer Acht-Spur-Maschine ausstatten. Niemand, TOP OF THE POPS 1981 Auftritt mit New Life

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Radcliffe vermutlich am allerwenigsten, ahnt, dass das Blackwing

in den Folgejahren zur legendären Geburtsstätte zahlreicher

Mute-Alben werden und auch bei anderen Indielabels wie 4AD

und Creation Records sehr gefragt sein würde. Neben Depeche

Mode arbeiten dort in den folgenden Jahrzehnten Bands wie

Dead Can Dance, My Bloody Valentine und Nine Inch Nails.

Für die Aufnahmen zum ersten Depeche-Mode-Album bringt

Daniel seinen analogen Arp-2600-Synthesizer und Sequenzer mit

ins Studio, wodurch das spärliche Equipment der Band für die

Aufnahmen deutlich erweitert wird. Da Vince keinen Job hat,

verbringt er mit Daniel den ganzen Tag im Blackwing, der Rest

der Band kann erst nach der Arbeit dazustoßen.

Aufgrund der begrenzten Anzahl von nur acht Spuren der Aufnahmemaschine

spielen sie die Songs weitgehend live ein. »Ich

wollte, so gut wie ich es konnte, die Atmosphäre der Songs

einfangen, wie ich sie auch live gesehen hatte. Wir wollten einen

guten Elektronik-Popsound, aber nichts kopieren«, erklärt

Daniel Miller. Doch der eigentliche Prüfstein kommt erst nach

dem Abmischen. Dazu verlassen sie das Studio, setzen sich in Eric

Radcliffes Auto und schieben eine Kassette hinein. Wenn sich die

Songs auf einem Tape und in einem alten Autoradio gut anhören,

würden sie auf jeder Musikanlage gut klingen.

Blackwing Studios Basildon

Hinweis an der All Hallows Church, früher Blackwing Studio, 2012

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Basildon New Life 24

NEW LIFE 7" • MUTE • 7MUTE014 • UK

Mit der Maxi- oder 12"-Single wurde ab Mitte der siebziger Jahre ein weiteres Vinyl-

Format auf den Markt gebracht. Durch die im Vergleich zu herkömmlichen Singles

und LPs wesentlich breitere Rille einer 12" wurde eine wesentlich bessere Wiedergabequalität

ermöglicht: höhere Grundlautstärke, deutlich besserer Dynamikumfang,

also sattere Bässe und Höhen. Die höhere Grundlautstärke sorgt außerdem für ein

besseres Signal-Rausch-Verhältnis, so dass bei höherer Abspiellautstärke, also in

Diskotheken, die Klangqualität immens verbessert wurde. Die erste Maxisingle, die

anfangs nur eine identische Auf nahme der 7"-Single enthielt, wurde im Handel bald

als Super Sound Single angeboten. Die weltweite Etablierung dieser 12"-Single war

im Wesentlichen auf den Bedarf von langen, tanzbaren, sogenannten Disko-

Versionen, heute nur noch Remix genannt, zurückzuführen. Mit der New Life 12"

NEW LIFE 12" • MUTE • 12MUTE014 • UK

veröffentlichten auch Depeche Mode erstmals Remixe ihrer Songs. Spätere Promo-12"

mit Remixen der Band legten den Grundstein für den Erfolg vor allem auf

US-amerikanischen Tanzflächen.

Die Grafik auf dem Sleeve der New Life-12" im UK basiert auf der Fotografie eines

weinenden Babys, welches bereits 1968 das Deckblatt des wissenschaftlichen

Mind-Alive-Magazins schmückte.

Die englische Rocklegende Black Sabbath nutzten das gleiche Motiv später für das

Cover ihres 83er Album-Release’ Born Again.

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New Life Basildon

Das englische Musikmagazin Sounds veröffentlichte am 27. Juni 1981 die erste große Titelstory über Depeche Mode im UK. Das Coverfoto stammte

von Virginia Turbett, einer bekannten Rock- und Popfotografin. Aufgenommen wurde das Bild im Kirchhof des Blackwing Studios in London.

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Basildon New Life 26

MERCHANDISE 1981 Notenheft zu New Life von Music Sales Ltd London

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NEW LIFE 7" • INTERCORD • INT 111.800 • GER

Das Sleevedesign von Simon Rice blieb vorerst nur der englischen 12" vorbehalten.

Alle anderen Lizenznehmer veröffentlichten die 12" weltweit mit dem Motiv der 7"

und der darauf enthaltenen Fotografie von Rodney Martin.

Eine Verwendung fand das bei Fans als »Baby Sleeve« bekannte 12"-Cover erst wieder

mit der Veröffentlichung von Maxi-CDs ab Mitte der Achtziger. Auch die namentliche

Bezeichnung des Rio Mixes für die auf der B-Seite der 12" enthaltenen Remix-

Version von Shout! erfuhr man vorerst nur auf dem englischen Cover.

In Deutschland verschickte man zur Promotion die handelsübliche 7", versehen mit

einem »Not For Sale«-Sticker.

NEW LIFE 12" • INTERCORD • INT 126.800 • GER

New Life Basildon

Pressetext über die neue Band bei Intercord von Manfred Gillig-Degrave

(oben) sowie die Pressemitteilung der Intercord zur Veröffent lichung von

New Life in Deutschland vom 4. August 1981

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Basildon Erstes Fotoshooting mit Tim Williams 28

ERSTES FOTOSHOOTING MIT TIM WILLIAMS

Im Juni 1981 wird der Fotograf Tim Williams, ein Depeche-

Mode-Fan der ersten Stunde, von Vince Clarke gefragt, ob dieser

nicht einige Fotos der Band machen könne. Der von Vince Clarkes

damaliger Freundin Deb Danahay neu gegründete Information

Service, der die rasant wachsende Depeche-Mode-Fangemeinde in

Zukunft regelmäßig über alle Bandaktivitäten informieren soll,

bekommt immer öfter Fanpost mit Autogrammwünschen.

So fand am 21. Juni 1981 ein Fotoshooting in Basildon statt,

in dessen Rahmen die Motive für die ersten drei offiziellen Autogrammkarten

entsteht. Die Karten werden auf Anfrage über den

Information Service verschickt und als Merchandise auf den Konzerten

verkauft.

FASHION & FAME

Neben der Musik, den Artworks der Platten und den Liveperformances

ist der Kleidungsstil einer Band das Mittel, um zu zeigen,

auf welcher Seite sie stehen, welches Image sie pflegen. Depeche

Mode präsentieren sich 1981 sowohl in dunklen Anzügen, weißen

Hemden und Schlips, fast wie Swingkids aus den Vierzigern, als

Dieses Bild entstand vor dem Elternhaus von Vince Clarke. Das Auto, auf dessen

Motorhaube die Band ganz lässig posiert, gehörte dem Vater von Deb Danahay,

Vince Clarkes damaliger Freundin und Gründerin des Depeche Mode Information

Service, dem ersten Quasi-Fanclub der Band. 500 Autogrammkarten mit diesem

Motiv wurden gedruckt.

Die von der Londoner Firma Walkerprint gedruckten Autogrammkarten stehen bei Sammlern hoch im Kurs. Von dieser Karte wurden insgesamt 1 000 Exemplare gedruckt.

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Depeche Mode im Juni 1981, fotografiert auf einer Böschung am Vange Hill Drive in Basildon. 500 Autogrammkarten mit diesem Motiv wurden gedruckt.

auch in Lederoutfits, wie sie zu dieser Zeit in Schwulenclubs angesagt

sind. Unentschlossen wechselt die Band hin und her, ohne

dass ihr Kleidungsstil eine wirkliche Einheit mit ihrer Musik bildet.

Dieses Markenzeichen würden sie erst viel später entwickeln.

Aber mit diesem Style-Mix sind sie nicht alleine. Auch zahlreiche

andere Bands wie z. B. Soft Cell prä sentieren sich in solchen Klamotten.

Die britische Musikpresse, damals dominiert von New Musical

Express, Sounds und Melody Maker, macht aus Depeche Mode nach

der Veröffentlichung der ersten Single ein Teeniepop-Phänomen.

Möglicherweise liegt es daran, dass Dreaming Of Me keine Moll-

Töne hat und die Band auf ihren Fotos zu optimistisch in die

Zukunft blickt – im Gegensatz zu anderen New-Wave- und New-

Romantics-Bands, denen man wahlweise Weltschmerz oder Arroganz

im Gesicht ablesen kann. »Die Menschen nahmen uns nicht

so ernst wie zum Beispiel Heaven 17 oder The Human League

oder ähnliche Bands, was sehr deprimierend war«, erinnert sich

Mutes Radiopromoter Neil Ferris.

Mit der Single New Life bessert es sich zwar etwas, aber es ist nicht

einfach für die Band, zu erklären, dass sich die Charttauglichkeit

Fashion & Fame Basildon

ihrer Musik, die Ernsthaftigkeit und die Independent-Attitüde

nicht ausschließen. »Depeche Mode sind zu jung, als dass sie so

melancholisch sein könnten wie Kraftwerk, und ihre Unterhosen

sind viel zu sauber für die Verzweiflung von DAF. Allerhöchstens

– wenn die drei Synthies bei »I Take Pictures« kurz stottern

und dann aussetzen – wirken sie wie Kinder, die Matchboxautos

überein anderstapeln«, schreibt der NME im August 1981.

Der westdeutsche Musikexpress glaubt hingegen, dass Depeche

Mode lediglich ein Produkt von Daniel Miller ist, und urteilt

daher mit launigen Worten: »Unkomplizierter Ultra-Synthi-Glamour-Pop

von vier hübschen Buben, die Produzenten-As Daniel

Miller (Fad Gadget, Silicon Teens) in seiner Elektro-Werkstatt

zu einem kommerziellen Kraftpaket zusammen geschweißt hat.

Das Motto: Jede Single ein Hit!« Obgleich die Band – anders als

in Großbritannien – in der Bundesrepublik zu dieser Zeit nur

ein Geheimtipp ist, wählen die Leser der westdeutschen Sounds

Depeche Mode Ende 1981 unter der Rubrik Newcomer/International

bereits auf Platz 4. Vor ihnen liegen nur noch Au Pairs

und Bow Wow Wow, die gleich darauf wieder von der Bildfläche

verschwinden sollten – und Heaven 17.

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Basildon Depeche Mode Live 30

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Depeche Mode live im Bridgehouse

Pub in Barking, East

London am 29. Juli 1981.

Dieses Konzert fand wenige

Wochen nach dem Top-Of-The-

Pops-Auftritt statt und wurde

geheim gehalten, um einen

Massenauflauf zu vermeiden.

In der Konzertanzeige im NME.

stand daher auch »Modepeche:

Dreaming of a new life« anstelle

des Bandnamens.


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Depeche Mode Live Basildon


Basildon Just Can’t Get Enough 32

JUST CAN’T GET ENOUGH

Noch bevor das Debütalbum veröffentlicht wird, erscheint Anfang

September bereits die dritte Single Just Can’t Get Enough,

welche bis auf Platz 8 der britischen Charts klettert. Wieder gelingt

ihnen ein Auftritt bei Top Of The Pops. Und nach langem

Zögern scheint die Zeit jetzt reif: Sie kündigen ihre Jobs, um sich

ganz aufs Musikmachen zu konzentrieren. Jetzt gibt es so schnell

kein Zurück mehr.

TOP OF THE POPS

Depeche Mode mit Just Can’t Get Enough bei Top Of The Pops.

Die Produktion der BBC war eine der erfolgreichsten Musiksendungen der achtziger

Jahre. Aufgrund sinkender Zuschauerzahlen wurde sie am 20. Juni 2006 nach über

42 Jahren abgesetzt.

JUST CAN’T GET ENOUGH • PRESSEINFO

zum Release von Just Can’t Get Enough im UK. Mit ausführlichen Informationen zur

Band oder dem auf den Singles enthaltenen Material hielt man sich nach wie vor

zurück.

JUST CAN’T GET ENOUGH 7" • MUTE • 7MUTE016 • UK JUST CAN’T GET ENOUGH 12" • MUTE • 12MUTE016 • UK

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Die Freude über das Titelbild, welches mit dem NME am 22. August 1981 erschien

und vom holländischen Fotografen Anton Corbijn stammt, der bereits für Bands wie

Joy Division und U2 tätig war, hielt sich vor allem bei Frontmann Dave Gahan in

Grenzen, schließlich ist dieser nur als verschwommene und grobkörnige Silhouette

erkennbar. Dieses neue und in der Fotografie unübliche Stilmittel machte Anton Corbijn

in den kommenden Jahren weltberühmt.

Just Can’t Get Enough Basildon

MERCHANDISE 1981 Notenheft von Music Sales Ltd London

JUST CAN’T GET ENOUGH 7" • RCA • SPBO-7292 • ESP • PROMO JUST CAN’T GET ENOUGH 7" • FERMATA • 88.506 • BRA • PROMO

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