Vollversion (6.59 MB) - Forschungsjournal Soziale Bewegungen

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Vollversion (6.59 MB) - Forschungsjournal Soziale Bewegungen

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEIT 4 1096 B '.' .Hl

Editorial:

Eine Bilanz der Umweltbewegung: Kontinuität oder Transformation? 3

Tagungsankiindigung: Masse-Macht-Emotionen 9

Essay

Richard Saage

Utopie und Umwelt

Die Ökologieproblematik im Brennpunkt utopischer Antizipation 10

Dieter Rucht

Wirkungen von Umweltbewegungen

Von den Schwierigkeiten einer Bilanz 15

Christian Lahusen

'Interest Group Politics'?

Eine ländervergleichende Studie zur verbandlichen Arbeit

sozialer Bewegungsorganisationen 28

Christian Krüger

Greenpeace

Politik der symbolischen Konfrontation 39

Willy Viehöver

Die „moralische Ökonomie" des Umweltprotestes im Nachkriegsjapan 48

Margit Leuthold

Zehn Jahre Umweltberatung in Österreich 57

Gabriela B. Christmann

Zur ökologischen Moral im Wandel der Zeiten 66

Pulsschlag

Michael Hasse

Linke Literatur Mess '96 76

Barbara Koelges

'Frauen gemeinsam sind stark'!

Beziehungen zwischen dem Deutschen Frauenrat

und der neuen Frauenbewegung 77

Inga Niermann

Oko- und Sozial-Sponsoring.

Neue Chancen für gemeinnützige Organisationen? 84


• i FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Michael Heuer

Kampage gegen sexuellen Mißbrauch von Kindern 89

Boris Scharlowski

Brauchen wir eine neue Informationsarbeit?

Das Beispiel der Alternativhandelsorganisation BanaFair 94

Dirk Hoffmann

Habitat II - Gipfel der 'Partnerschaften'

Zur Rolle der NGOs bei der 2. Weltsiedlungskonferenz der UN 99

Ulrich Brand/Achim Brunnengräber

Zweite Internationale Konferenz der ISTR im Mexiko-Stadt 102

Norbert Reichling

Nadelstiche gegen Restauration und Kontrollwahn

Die Humanistische Union 105

Sabine Frankenberger

(I)NTACT- Eine Selbstdarstellung 108

Treibgut

Material, Hinweise, Notizen, Termine 112

Bewegungsliteratur

Rezensionen

Bernhard Saumweber

Rechte Ökologie (Oliver Geden) 116

Kathrin Töns

Ausgegrenzt und eingemeindet

Die neue Frauenbewegung im Blick der Sozialwissenschaften (Regina Dackweiler) 118

Ruud Koopmans

The Politics of Social Protest (J. Craig Jenkins/Bert Klandermans (Eds.)) 121

Michael Hasse

Die Lebenswelt der Pädophilen (Rainer Hoffmann) 124

Christine Tillner

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (Norbert Franck) 125

Dieter Rucht

Dynamik der Kommunikationsgesellschaft (Richard Münch) 126

Annotationen 130

Aktuelle Bibliographie 132

Abstracts 137


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEI I -1, 19%

Welche Wirkungen haben soziale Bewegungen?

Auf diese Frage gibt es keine einfachen

Antworten. Die Frauenbewegung hat sicherlich

nicht nur im Sprachgebrauch deutliche

Spuren hinterlassen. Fragen nach Gleichbehandlung

und Quote gehören trotz eines nur

graduellen Wandels der Realitäten heute zum

Alltag in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Die Anti-Atomkraftbewegung ist zwar ihrem

Ziel, der Abschaltung aller AKW, bisher nicht

sehr viel näher gekommen. Aber keiner der

Beteuerungen der Atomlobby, Atomkraftwerke

seien sicher, wird nach Tschnerobyl noch

vorbehaltlos Glauben geschenkt. Die Umweltbewegung

war in der Beeinflussung der

öffentlichen Meinung vielleicht am erfolgreichsten.

Die Einführung von Katalysator,

Entschwefelungsanlagen, Trennmüll und

vielem mehr ist letztlich ihrem Engagement

zu verdanken

Die Bilanzierung von Wirkungen sozialer

Bewegungen ist schwer zu bewerkstelligen.

Zum einen sind soziale Bewegungen - wie

auch die Politikfelder, in denen sie tätig sind

- schwer eingrenzbar. Weltweite Problemzusammenhänge

entziehen sich einer rein

nationalen Bewertung und selbst im nationalen

Rahmen treffen wir auf Probleme der

Datenlage. Zum anderen müssen vermittelnde

Faktoren und Ebenen von Wirkungszusammenhängen

berücksichtigt werden: etwa

die Ebenen individueller Einstellungen, der

öffentlichen Meinung, des institutionellen

Wandels und der materiellen Politikfolgen

(für die Umweltbewegung siehe den Beitrag

von Dieter Rucht in diesem Heft).

Insgesamt ist feststellbar, daß der Institutionalisierungsgrad

der Protestthemen und

Protestbewegungen merklich zugenommen

hat. Nicht nur die Parteien, sondern auch die

Unternehmen haben sich auf die Protestkultur

eingestellt und sind sensibel geworden,

wenn auch nicht ohne Eigeninteresse: Immerhin

geht es um eine neue Klientel, die es

gesondert anzusprechen und zu bedienen

gilt, will man sie für sich gewinnen. Überdies

haben zwanzig Jahre Protesterfahrung nicht

nur Frustrierung, sondern auch Qualifizierung

mit sich gebracht, so daß viele Aktivisten

in Bewegungsorganisationen und verwandten

Verbänden ihren 'Job' sehr viel

professioneller abwickeln als früher. Von

daher stellt sich nicht nur gesamtgesellschaftlich,

sondern auch für die neuen sozialen

Bewegungen die Frage einer Zwischenbilanz:

Sind die neuen sozialen Bewegungen

heute noch immer die von damals, oder

haben sie sich verändert? Kontinuität oder

Transformation? Am Beispiel der Umweltbewegung

wollen wir nach Wirkungen der

neuen sozialen Bewegungen und ihrem Formwandel

im Spannungsfeld von Kontinuität

und Transformation fragen.

Globalisierungsdebatten und Standortfragen,

Massenarbeitslosigkeit und soziale

Probleme haben in der öffentlichen Meinung

der 90er Jahre ökologische Themen von den

Spitzenplätzen verdrängt. Doch dürfte eine

nachhaltige ökologische Sensibilisierung

der öffentlichen Meinung in den entwickelten

Industriegesellschaften (zur japanischen

Umweltbewegung siehe Willy Viehöver in

diesem Heft) wie auch einer internationalen

Öffentlichkeit (siehe die UNO-Konferenz in

Rio 1992) bei einer Bilanzierung zu den

wichtigsten Erfolgen der Umweltbewegungen

zählen. Hat sich mit der Etablierung eines

ökologischen Deutungsrahmens öffentlicher

Problembeschreibung die Mobilisierungskraft

der Ökologiebewegung erschöpft oder

gar erledigt?'

In der Bundesrepublik sprechen eine anhaltend

hohe Zahl von Protestereignissen und

die dabei beobachtbare Prominenz von


m FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Umweltthemen dagegen (Rucht 1997). Mit

der Fähigkeit zur Mobilisierung für ökologischen

Protest ist auch weiterhin zu rechnen.

Dies ist freilich kein Grund für die Annahme

stabiler Kontinuitätslinien der Umweltbewegung.

Man kann durchaus die heftigen Auseinandersetzungen

um die Castor-Transporte

von radioaktivem Müll als Beleg für mobilisierungsfähige

regionale Bewegungsnetzwerke

und die Kontinuität der Anti-Atom-

Bewegung ansehen (Ehmke 1996). Doch gibt

nicht zuletzt die kontroverse Diskussion über

die medial äußerst erfolgreich inszenierte

Brent Spar-Kampagne von Greenpeace

zahlreiche Hinweise auf wichtige Transformationsprozesse,

von denen die Umweltbewegung

insgesamt betroffen ist (zu Greenpeace

siehe Roth 1996 sowie den Beitrag

von Christian Krüger in diesem Heft).

Insbesondere Probleme einer Stellvertreterpolitik

im Bewegungssektor, von denen auch

Greenpeace betroffen ist, stellen sich für die

Umweltbewegung. Der Einfluß der Umweltverbände

wie auch der Partei Die Grünen

wurde von Beobachtern für die Umweltbewegung

schon in den 80er Jahren als hoch

eingeschätzt (Rucht 1991). Zwischen den

Hauptströmungen der Umweltbewegung -

Dieter Rucht nennt hier den traditionellen

Naturschutz, den pragmatischen Umweltschutz

und die politische Ökologie - und

den Umweltverbänden gab und gibt es enge

Austauschbeziehungen.

Das Zusammenspiel einer zunehmenden

Themendifferenzierung und thematischen

Arbeitsteilung, einer Abhängigkeit von

wissenschaftlicher Expertise 2

wie professioneller

Medienarbeit sowie nicht zuletzt der

Bedeutungsanstieg der internationalen

Politikarena, der eine bewegungsinterne

Gewichtsverlagerung hin zu multinationalen

Bewegungsorganisationen fördert, verstär­

ken den Einfluß der Umweltverbände. Gegenüber

den losen Netzwerken autonomer

Gruppen können die professionell geführten

großen Mitgliederorganisationen mittlerweile

als dominierend beschrieben werden. 3

Zugleich hat die pragmatische Strömung

ihren Einfluß ausgebaut. Gründe dafür

erschließen sich durch eine Analyse des

Institutionalisierungsprozesses der Umweltbewegung.

Der Institutionalisierungsprozeß kann verschieden

gedeutet werden: Er kann als Verstetigung

von Bewegungspolitik als politischem

Faktor (Roth 1994) oder aber als

Anpassungsprozeß „von Organisations- und

Aktionsformen an Institutionen des politischen

Systems" verstanden werden. Christian

Lahusens in diesem Heft vorgestellte

ländervergleichende Analyse der Umweltverbände

in westlichen Demokratien gibt

Hinweise auf einen paradoxen Effekt der

Institutionalisierung der Umweltbewegung:

Die Umweltverbände verdanken ihr politisches

Gewicht zwar ihrer Fähigkeit, als

Bewegungsorganisationen Protest zu mobilisieren

und die politische Öffentlichkeit zu

beeinflussen. Sie orientieren sich aber zunehmend

an den Anforderungen eines korporativen

Verbandshandelns, die diese Fähigkeit

zu unterminieren drohen. 4

Das vorliegende Themenheft bietet vorläufige

Ergebnisse, Problemskizzen und Fragestellungen

zur Frage nach „Kontinuität oder

Transformation der Umweltbewegung ", bei

der es sich um die Fragestellung einer Tagung

des DVPW-Arbeitskreises „Soziale

Bewegungen" handelt, die Ende September

in Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk

für Demokratie und Umweltschutz in Berlin

stattfand. Allen Beteiligten sei an dieser

Stelle für ihre Mitwirkung gedankt. Der

Ertrag dieser Tagung findet sich in diesem


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 | ' :, §j

Themenheft wieder. Dabei stellt sich das

Ergebnis sehr heterogen dar. Wir hoffen

jedoch, mit ihm weitere Untersuchungen

anzuregen und laden zu Beiträgen ein, die

sich mit den hier aufgeworfenen Fragestellungen

befassen.

So beschäftigt sich Dieter Rucht mit den Wirkungen

und Erfolgen von Umweltbewegungen,

die sich empirisch freilich kaum ermitteln

lassen, zumindest momentan. Einerseits ist

unbestreitbar, daß das Umweltbewußtsein in

der Bevölkerung auf der Einstellungsebene,

aber auch im massenmedialen Diskurs, wenngleich

von Land zu Land verschieden, deutlich

gestiegen ist. Auch die Anzahl der Aktivisten

und Sympathisanten der Umweltbewegungen

ist beträchtlich. Andererseits fällt das Umweltverhalten

der Bevölkerung deutlich zurück.

Zudem hat sich an der Zerstörung der natürlichen

Umwelt grundsätzlich nichts geändert,

selbst wenn es Probleme bei der überprüfbaren

Ermittlung der realen Verhältnisse gibt. Vor

diesem Hintergrund unternimmt Rucht den

Versuch, ein „Ermittlungsverfahren" zu entwickeln,

mit dem es gelingen könnte, präzisere

Aussagen über die Wirkungsbilanz der Umweltbewegungen

im Ländervergleich zu treffen.

Ein wesentlicher Faktor der Transformation

der Umweltbewegungen sind die Institutionalisierung

und Professionalisierung von Bewegungsorganisationen.

Christian Lahusen versteht

unter Institutionalisierung die organisationelle

Etablierung im politischen Feld, während

Professionalisierung die fachliche Qualifizierung

der entsprechenden Organisationsmitglieder

bedeutet. Diese Entwicklung kann

als ein Trend zur Ausbildung eigenständiger

Bewegungsinstitutionen und Beteiligungsformen

oder aber als Anpassung an Organisations-

und Aktionsformen bestehender Institutionen

innerhalb des jeweiligen politischen

Systems verstanden werden. In einer ländervergleichenden

Studie (BRD, Frankreich,

Großbritannien und USA) zur verbandlichen

Arbeit der Umweltbewegung geht Lahusen der

Frage nach, wieweit sich Institutionalisierung

und Professionalisierung auf die strategische

Ausrichtung der Umweltverbände auswirken.

Das Ergebnis der Untersuchung lautet, daß

sowohl die Institutionalisierung als auch die

Professionalisierung der verbandlichen Arbeit

der Umweltbewegung im Sinne der Anpassungshypothese

bemerkenswerte Fortschritte

gemacht haben. Es besteht hier das Risiko der

Abkopplung von der für Bewegungsorganisation

kennzeichnenden Mobilisierungsfähigkeit

in Mitglieder- und Aktionsnetzwerken und

politischer Öffentlichkeit.

Mit der Protestpolitik von Greenpeace setzt

sich Christian Krüger aus Sicht eines Insiders

auseinander. Greenpeace legt es vorrangig auf

symbolische Konfrontation an. Im Mittelpunkt

der Planung steht die Aktion, die auf spektakuläre

und skandalträchtige Weise auf Umweltprobleme

aufmerksam zu machen sucht. Ziel

ist es, die massenmediale Öffentlichkeit zu

erreichen, um wiederum über deren kurzfristige

Beeinflussung langfristige Veränderungen

in Politik und Wirtschaft anzustreben. Dies

macht gerade der Fall Brent Spar deutlich (auch

wenn Greenpeace dabei wegen falscher Giftmengenangaben

an öffentlicher Glaubwürdigkeit

eingebüßt hat). Brent Spar hat die heikle

Frage aufgeworfen, ob der Aktionismus von

Greenpeace noch zeitgemäß ist und stattdessen

Kooperation und Lobbying als strategische

Alternativen angesagt sind. Ein strategischer

Umbruch ist absehbar, freilich ohne daß

eine Entscheidung über die weitere Zukunft

von Greenpeace schon gefallen wäre.

Willy Viehöver beschäftigt sich in seinem

Beitrag mit dem Umweltprotest im Nachkriegsjapan.

Dessen Anfänge lagen in verheerenden


Umweltskandalen. Sie bargen beträchtliche

Gesundheitsrisiken, wie die Namen Yokkaichi

Asthma, Minamata-Krankheit oder Toyama

itai-itai Krankheit deutlich machen. Bemerkenswert

am japanischen Umweltprotest ist

vor allem die Entstehungs- und Entwicklungslogik.

Protest erscheint in Japan erst dann als

legitim, wenn hinreichend viele Leute von dem

Problem, das dem Protest zugrunde liegt, direkt

betroffen sind. Ein Beispiel hierfür sind

tödliche Quecksilbervergiftungen und anschließende

Mißbildungen bei Neugeborenen

im Falle der Minamata Krankheit. Kommt es

jedoch zu Protest, äußert sich dieser zumeist

gewalttätig. Eine weitere Besonderheit besteht

darin, daß die Verantwortlichen sich öffentlich

für das Unrecht, das sie den Betroffenen angetan

haben, entschuldigen müssen. Worauf es

ankommt, ist die sichtbare Einhaltung des kulturellen

Kodex, weniger die finanzielle Begleichung

gesundheitlicher Schäden. Demgegenüber

erscheint es nachgerade als Transformation

des Protests, daß es die Japaner im

Verlauf dieser Protestdynamik gelernt haben,

außer Gewalt auch Recht als Ressource in Anspruch

zu nehmen, um Unrecht geltend zu

machen und Rechte einzuklagen.

Margit Leuthold berichtet über die Umweltberatung

in Österreich, die in diesem Jahr ihr

zehnjähriges Bestehen feiert. Aufgrund des

langjährigen Widerstands gegen das Atomkraftwerk

in Zwentendorf und aus akutem

Anlaß - Tschernobyl - wurde durch die damalige

Parteienkonstellation in Österreich ein

Projekt initiiert, das gleichermaßen auf die

ökologische Problematik wie auf die prekäre

Arbeitsmarktsituation reagiert. 1986 beginnen

fünf Frauen und Männer erstmals in Österreich,

eine Umweltberatung für Haushalte und

Unternehmen aufzubauen. Dabei war die Arbeit

zu Anfang noch vorwiegend von Enthusiasmus

getragen. Mittlerweile haben die erforderliche

Qualifizierung und die strategische

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4. 1996

Orientierung an den Gelegenheitsstrukturen

des politischen Systems Österreich jedoch

merklich zugenommen, so daß die Umweltberatung

Österreich Uber vielversprechende

Überlebenschancen im Verteilungskampf um

öffentliche und private Mittel verfügt.

Gabriela Christmann rekonstruiert in ihrem

Beitrag die ökologische Moral im Wandel der

Zeit. Ausgehend von Jean-Jacques Rousseaus

Roman .Julie oder Die neue Heloi'se", der zentrale

Kategorien der ökologischen Moral der

Moderne entwickelt hat, schlägt Christmann

einen Bogen bis zur heutigen Ökologiebewegung,

die sie an einem lokalen Bewegungssegment

empirisch untersucht hat. Die zentralen

Kategorien der ökologischen Moral sind Christmann

zufolge die Idee eines drohenden Weltuntergangs,

der zurückgeht auf Verschwendungssucht

und kulturelle Hybris der Menschen.

Eine Lösung für dieses Problem bestehe

deshalb im Verzicht auf Luxus, in einer asketischen

Lebensweise und vor allem in einer ganzheitlichen

Denkweise der ökologischen Zusammenhänge

zwischen Gesellschaft und Natur.

Dabei besteht das Mittel zur Problemlösung

in der ProselytenWerbung, d.h. in der

Bekehrung der 'Ungläubigen', um sie auf den

rechten Weg zu führen und dadurch den Weltuntergang

zu verhindern. Das war zur Zeit

Rousseaus so, und so verhält es sich auch heute

noch.

Passend zu unserem Themenschwerpunkt beschäftigt

sich Richard Saage in einem Essay

mit der Frage, ob es heutzutage noch Bedarf an

Utopien gibt. Für viele Stimmen hat das Prinzip

Realität nach dem Zusammenbruch der sozialistischen

Gesellschaftsordnung im Sowjetreich

über das Prinzip Utopie obsiegt. Saage

hält dagegen, daß der verbreitete Abgesang

auf das utopische Denken nur für Utopien

gelte, die einem geschlossenen System gleichen

und nicht lernfähig sind. Angesichts der


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Strukturprobleme der modernen Gesellschaft,

zu denen vor allem die Ökologieproblematik

gehört - und dies auf lange Sicht -, sei jedoch

davon auszugehen, daß das utopische Denken

auch weiterhin von großer Bedeutung sein

wird, wenn auch mit veränderter Problemstellung.

„Denn was wäre für die Bewältigung der

Problemlagen des 21. Jahrhunderts gewonnen,

wenn mit der Forderung Hans Jonas' ernst

gemacht würde, auf utopische Szenarien überhaupt

zu verzichten?"

Die Rubriken werden mit dem Beitrag 'Frauen

gemeinsam sind stark' eröffnet. Darin untersucht

Barbara Koelges die Beziehungen zwischen

dem Deutschen Frauenrat und der Neuen

Frauenbewegung. Basierend auf den Ergebnissen

einer eigenen empirischen Untersuchung

stellt sie fest, daß die starre Zweiteilung

in die 'laute' Neue Frauenbewegung und den

'leisen' Verband aufbricht. So entsteht aufgrund

der teilweisen Institutionalisierung der

Neuen Frauenbewegung ein konkurrierendes

Verhältnis, dem der Frauenrat mit einiger Skepsis

begegnet. Der Verband hat sich mit seinen

Forderungen und Aktionen zunehmend der

Neuen Frauenbewegung angenähert. Allerdings

scheint das autonome Spektrum der Frauenbewegung

in diesem Prozeß an Einfluß und

Bedeutung zu verlieren.

Den Boom im Bereich des Öko- und Sozial-

Sponsoring nimmt Inga Niermann zum Anlaß,

um neue Chancen für gemeinnützige Organisationen

zu problematisieren. Der neue

Flirt mit der Wirtschaft, so argumentiert sie,

wird durch den Druck von Finanzierungsschwierigkeiten

(stagnierende Wirtschaft, sinkendes

Spendenaufkommen) dominiert, der

auch zum Ausverkauf des sozialen Gewissens

zwingt. Nachdem sie einige Organisationen

untersucht hat, kommt sie zu dem Schluß, daß

die neuen Abhängigkeiten durch einseitige Nutzungsinteressen

der Sponsoren geprägt sind,

die zudem kaum dauerhaft kalkulierbare Ressourcen

und wenig partnerschaftliche Organisation

bieten.

Michael Heuer bilanziert die Kampagne gegen

sexuellen Mißbrauch von Kindern, die

Inhalte und Ergebnisse des verabschiedeten

Aktionsplans der Stockholmer Konferenz und

deren (inter)nationale Umsetzungsschritte.

Dabei hebt er positiv hervor, daß - entgegen

früheren Erfahrungen - eine relativ schnelle

Einigung stattgefunden hat, die bspw. auf die

engere Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen

Gemeinschaft zielt. Hinter manchen

Erwartungen bleiben die Ergebnisse jedoch

zurück, da lediglich Mindeststandards festgesetzt

wurden und der Armutsaspekt sowie die

Verbindungslinien zur Prostitution von Minderjährigen

unberücksichtigt bleiben.

Boris Scharlowski beschreibt Ansätze für eine

'neue Informationsarbeit' am Beispiel der Alternativhandelsorganisation

BanaFair. Dabei

geht es ihm weniger um die unterschiedlichen

Strategien der Verkaufsförderung als vielmehr

um die Möglichkeiten einer grundsätzlich verstärkten

Sensibilisierung der Medien und damit

der breiten Öffentlichkeit für die Dritte

Welt-Problematik. - Dirk Hoffmann analysiert

in seinem Kongreßbericht die Rolle der

NGOs bei Habitat II; Ulrich Brand/Achim

Brunnengräber berichten über die Zweite

Konferenz der Internationalen Dritte Sektor-

Forschung in Mexiko-Stadt. Norbert Reichling

stellt die Humanistische Union vor und

Sabine Frankenberger den Verein (I)NTACT.

Kai-Uwe Hellmann/Ansgar Klein, Berlin


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Anmerkungen

entierung und eine Abnahme von Konfliktorientierung

hin. Diese Entwicklung auf Seiten von Wirt­

1

Dies ist die These von Klaus Eder: „...the age of schaftsunternehmen und Staat ist durchaus als Er­

environmentalism, the collective mobilization for a folg der Ökologiebewegung zu verstehen. Seitens

cause, is over. The age of postenvironmentalism der Umweltbewegung ist sie zugleich Ausdruck der

begins where ecology is established as a master Dominanz eines korporativen Politikstils der Um­

frame that can be referred to by all actors, thus lay ing

the ground for a further developement of the public

weltverbände in der Umweltbewegung.

space..." (Eder 1994:17)

2

Die Umweltforschung hat sich im Gefolge der

Literatur

Umweltbewegung in der Bundesrepublik einiger­

Eder, Klaus 1994: From Identity Mobilization to

maßen etablieren können. Es findet sich hier mittler­

Identity Politcs. The Institutionalization of Enviroweile

ein ausdifferenziertes Feld von Instituten,

mental Discourse, Manuskript, Soziologischer Welt­

wenngleich diese von der Reduzierung öffentlicher

kongress Bielefeld 1994, Research Comittee 16,

Mittel derzeitmassivbetroffen sind. Zu nennen sind:

Session Nr. 8.

Das von der SPD in NRW geförderte Wuppertaler

Ehmke, Wolfgang 1996: Das war eine Chance - in

Institut für Klima, Umwelt und Energie (seit 1991)

Gorleben gab es keine Zäune. Zehn Thesen zur

mit 200 Mitarbeitern und einem Jahresetat von der­

Geschichte und zu den Geschichten im „Castorkonzeit

15 Mio. DM; Das Öko-Institut in Freiburg,

flikt", Frankfurter Rundschau vom 22. Mai, 20.

Darmstadt und Berlin mit 70 Mitarbeitern (halbtags)

Kaczor, Markus 1989: Institutionen in der Umwelt­

und einem Etat von 9,6 Mio. DM; das Institut für

politik - Erfolg der Ökologiebewegung. In: For­

Umweltfragen in Berlin, Sachsen-Anhalt undMeckschungsjournal

NSB, Jg. 2, Heft 3-4,47-62.

lenburg mit 10-12 Mitarbeitern bei einem Etat von 1

Peter, Claudia 1996:Der Kampf der Öko-Häuptlin­

Mio.DM; das KölnerKatalyse-Institutmit 10Mitarge.

Die Sparwut der öffentlichen Haushalte bedroht

beitern bei einem Etat von ca. 1 Mio. DM (Katalyse

die Umweltforschung in Deutschland. In: Frankfur­

ist zusammen mit demlnstitut für ökologische Wirtter

Rundschau vom 18. Juni, 6.

schaftsforschung Berlin, dem Öko-Institut und dem

Politische Ökologie 1993: Themenheft „Wohin -

Frankfurter Institut für Sozialökologie im For­

aber wie? Positionen und Perspektiven der Umweltschungsverbund

„Ökoforum" zusammengeschlosbewegung",

11. Jg., Heft 31, Mai/Juni.

sen, der insgesamt der Strömung der politischen

Roth, Roland 1994: Demokratie von unten. Neue

Ökologie zugerechnet werden kann); das Umwelt­

soziale Bewegungen auf dem Wege zur politischen

forschungsinstitut am WissenschaftszentrumBerlin

Institution, Köln.

für Sozialforschung, das Heidelberger Institut für

Energie und Umweltforschung mit 30 Mitarbeitern

Roth, Roland 1996: Greenpeace - eine neue Form

bei 3-4 Mio. DM Etat. - Der Etat für Forschung im

menschenrechdich-demokratischangemessenenglo-

Umweltbereich ist nach Berichten des Umweltbunbalen

Populismus? In: Kommittee für Grundrechte +

desamtes von 207 Mio. DM 1993 auf ca60Mio. DM

Demokratie (Hg.): Jahrbuch 1995/96, Sensbachtal

1996 gekürzt worden (alle Angaben nach Peter

(imErscheinen).

1996).

Rucht, Dieter 1991: VonderBewegungzurlnstitu-

1

tion? Organisationsstrukturen der Ökologiebewe­

Markus Kaczor hat bereits 1989 die These vertregung.

In: Roland Roth/Dieter Rucht (Hrsg.): Neue

ten: „An die Stelle der Ökologiebewegung sind

sozialeBewegungen in derBundesrepublik Deutsch­

heute, neben anderen formalen Organisationen, die

land, Bonn, 334-358.

Umweltverbände getreten." (Kaczor 1989:60).

4

Rucht, Dieter 1997: Soziale Bewegungen als demo­

Die von Karl-Werner Brand auf der Tagung des

kratische Produktivkraft. In: Ansgar Klein/Rainer

Arbeitskreises Soziale Bewegungen der DVPW

Schmalz-Bruns (Hrsg.): Politische Beteiligung und

vorgestellten Ergebnisse eines Forschungsprojektes

Bürgerengagement in Deutschland- Möglichkeiten

zur Entwicklung des Ökologischen Diskurses wei­

und Grenzen (im Erscheinen).

sen auf eine zunehmendeBedeutung von Dialogori


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Masse - Macht - Emotionen

Eine gemeinsame Tagung des Arbeitskreises „Soziale Bewegungen" in der

DVPW, der Ad-hoc-Gruppe „Geschichte der Politikwissenschaft und der

Politischen Theorie" in der DVPW und der

Forschungsgruppe „NeueSoziale Bewegungen"

am 14.-16. März 1997 in der Gustav-Heinemann-Akademie Freudenberg

Freitag, den 14.3.97 19.00 - 21.00

Helmut König (Aachen):

Wiederkehr des Massethemas?

Kommentar: Heiko Geiling (Hannover)

Samstag, den 15.3.97 9.00 - 12.00 Uhr

Volker Heins (Frankfurt):

Politik, Emotion und Rationalität

bei Max Weber

Kommentar: Thomas Noetzel (Marburg)

Hans J. Lietzmann (München):

Die Emotionalität der Massen in

Faschismus- und Totalitarismustheorien

Kommentar: Theresa Wobbe (Berlin)

Samstag, den 15.3.97 14.00 -18.00 Uhr

Hubertus Buchstein (Berlin):

Emotionen und Masse in der

Politikwissenschaft der 50er und 60er Jahre

Kommentar: Thomas Saretzki (Hamburg)

Birgit Sauer (Wien):

Zur Thematisierung von Emotionalität in der

Geschichte von Feminismus und

Frauenforschung

Kommentar: Andrea Maihofer (Frankfurt)

Samstag, den 15.3.97 19.30 - 21.00 Uhr

N.N.: Nation, Emotion, Identität

Kommentar: Rudolf Speth (Berlin)

Sonntag, den 16.3.97 9.00 - 12.00 Uhr

Sighard Neckel (Berlin):

Politische Thematisierung

kollektiver Gefühle: Die Wut

Bert Klandermans (Amsterdam):

Sozialpsychologie und Bewegungsforschung

Claudia Ritter (Berlin):

Bewegungsforschung ohne Emotionen?

Kritisches zur Theorielage

Abschlußkommentar: Dieter Rucht (Berlin)

Anmeldung und nähere Information bei:

Dr. Frank Nullmeier, Universität Hamburg,

Institut für Politische Wissenschaft,

Allende-Platz 1,

20146 Hamburg

oder Tel.: 040/4200149

oder E-Mail:

nullmeier@sozwi.sozialwiss.uni-hamburg.de


10 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Richard Saage

Utopie und Umwelt

Die Ökologieproblematik im Brennpunkt utopischer Antizipation

Von keinem Ereignis hat der Utopie-Diskurs

seit Ende der 80er Jahre stärkere Anstöße erhalten

als vom Zusammenbruch des Realsozialismus

in Europa. Zwar sah der Marxismus-

Leninismus seine entscheidende Legitimationsressource

in der Behauptung, er könne mit wissenschaftlicher

Präzision den Gang der Geschichte

prognostizieren. Eben weil er über dieses

Wissen verfüge, müsse die Diktatur der

Kommunistischen Partei selbst über die Klasse,

in deren Namen sie die Herrschaft ausübe,

so lange dauern, bis das „richtige" Bewußtsein

zum Allgemeingut der Gesamtgesellschaft

geworden sei. Doch ebenso sicher ist, daß es

innnerhalb des internationalen Marxismus keine

Strömung gab, die sich über das Marx-Engelssche

Utopieverbot dezidierter hinwegsetzte

als die ältere Generation der Bolschewiki vor

ihrer Entmachtung durch Stalin Ende der 20er

Jahre. Ein starker Beleg für diese These sind

die beiden utopischen Romane von A. Bogdanow

Der rote Planet (1907) und Ingenieur

Menni (1912). Sie zeigen, daß das bolschewistische

Modernisierungsprojekt durch quantitative

Daten und geschichtsphilosophischen

Fortschrittsglauben allein weder den Massen

noch den bolschewistischen Akteuren selbst

plausibel zu machen war: Sowohl nach der gescheiterten

Revolution in Rußland von 1905

als auch nach dem mißlungenen Experiment

des Kriegskommunismus in Sowjet-Rußland

1921 spielte der Rekurs auf utopische Bilder

des kommunistischen Endzustands und der zu

ihm hinführenden Transformationsphase eine

wichtige Rolle bei der Entwicklung neuer

Handlungsperspektiven. Niemand scheint diese

Zusammenhänge besser durchschaut zu haben

als Lenin selbst. Auf seine Anregungen

hin soll Bogdanow den „Ingenieur Menni" geschrieben

haben.

Doch was verleiht den Mars-Utopien Bogdanows

ihr spezifisch bolschewistisches Profil?

Ich möchte folgende Aspekte seines utopischen

Konstrukts nennen, die den Rahmen des

älteren, auf Piaton und Morus zurückgehenden

Utopie-Diskurses sprengen:

(1) Die Absage an den Besitzindividualismus

zieht sich seit Piaton durch die Geschichte

des utopischen Denkens wie ein roter Faden;

er ist das verbindende Prinzip, das seine archistischen

(herrschaftsbezogenen) und anarchistischen

(herrschaftsfreien) Varianten zusammenhält.

Auch Bogdanow steht in dieser

Denktradition, aber er radikalisiert sie in einer

Weise, wie man sie im vorindustriellen

Kontext höchstens noch in Campanellas Sonnenstaat

findet. In dem Maße, wie der auf

Privateigentum gegründete Individualismus

zum „Vampir" und historisch obsolet geworden

ist, steht der Kollektivismus als das neue

Prinzip auf der historischen Tagesordnung.

(2) Bogdanow gehört zu den ersten Utopisten

des 20. Jahrhunderts, die - über eine eu-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 E&sMl

genische Planung im Sinne Piatons hinausgehend

- eine konkrete Neuerschaffung des

Menschen mit Hilfe der modernen Naturwissenschaften

ins Auge faßten. Der „neue

Mensch" ist nicht nur Produkt gezielter Erziehung,

sondern auch der Anwendung naturwissenschaftlicher

Methoden auf den

menschlichen Organismus in einer in sich geschlossenen

und reibungslos funktionierenden

wissenschaftlich-technischen Zivilisation,

die die Defizite der Menschen in den vorhergehenden

Gesellschaftsformationen restlos

beseitigt.

(3) Neu am bolschewistischen Utopie-Diskurs

ist ferner, daß die Instrumentalisierung der

Natur durch den Menschen selbst das Credo

Bacons, es komme darauf an, die menschliche

Herrschaft über die Natur „bis an die

Grenze des überhaupt Möglichen" voranzutreiben,

in den Schatten stellt. Soweit ich sehen

kann, ist Bogdanow der erste Utopist, der

die Auseinandersetzung des Menschen mit der

Natur als eine Schlacht auf Leben und Tod

interpretiert. In dieser quasi militärischen

Konfrontation kann die Menschheit nur überleben,

wenn sie die Naturkräfte permanent mit

den Mitteln der Wissenschaft und Technik angreift.

Spätestens nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus

in Europa wissen wir, daß diese

Utopie gescheitert ist. Auch wenn nicht

bestritten werden kann, daß der Niedergang

der Herrschaftsordnung des sowjetischen

Typs auch von innen- und außenpolitischen

Umständen, die in jedem Land innerhalb des

ehemaligen Ostblocks gesondert zu untersuchen

wären, mit ausgelöst wurde, spricht alles

dafür, daß er auch mit den Strukturdefekten

der bolschewistischen Utopie selbst zu

tun hat. Zu Recht kann Joachim Fest darauf

hinweisen, daß die kommunistischen Diktaturen

in Europa zentrale Bedingungen durch­

setzten, die ihnen zur Verwirklichung ihrer

Utopie notwendig erschienen: Sie reichten

von der Abschaffung des privaten Eigentums

an den Produktions- und Arbeitsmitteln über

die Gleichheit als gesellschaftliches Strukturprinzip

auf Kosten der individuellen Freiheit

bis hin zur Planungsdiktatur, dem Erziehungsmonopol

und der sozio-politischen Alleinherrschaft

einer selbsternannten Elite. Nimmt

man die rücksichtslose Ausbeutung der Natur

im Prozeß der nachgeholten Industrialisierung

seit Ende der 20er Jahre in der Sowjet-Union

sowie die systematische Abschottung

nach außen hinzu, so waren alle wesentlichen

Strukturmerkmale der autoritären Sozialutopie

seit Piaton und Morus verwirklicht.

Dennoch brach dieses Modell nach 70 Jahren

in sich zusammen, ohne daß es eines gewaltsamen

Anstoßes von außen bedurft hätte.

Welche Schlüsse sind aus dieser Feststellung

zu ziehen? Ist das Ende der autoritären,

geschlossenen Systemutopie identisch mit

dem Ende des utopischen Denkens überhaupt?

Lehrt das Beispiel des gescheiterten kommunistischen

Experiments in Europa, daß wir für

die Lösung der im 21. Jahrhundert anstehenden

Herausforderungen nicht nur keine politischen

Utopien benötigen, sondern daß der

Rekurs auf sie gerade alle Wege aus den Krisen

der Zukunft verbaut?

Joachim Fest spricht für viele, wenn er immer

wieder die Verabschiedung des utopischen

Denkens als eine unausweichliche Konsequenz

des Zusammenbruchs der kommunistischen

Herrschaftssysteme behauptet. So sei

die Absage an große Ziele und geschichtliche

Aufgaben eine der auffälligsten Begleitumstände

der revolutions ähnlichen Prozesse

in Osteuropa gewesen. Wer nämlich Modernität

wolle, so Fest, komme um den Verzicht

auf politische Utopien nicht herum. Einen

dritten Weg „irgendwo im Niemandsland zwischen

System-Utopie und offener Gesell-


12 rrrnsniUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

schaft" gebe es nicht. „Die einfache Wahrheit

lautet, daß die modernen Sozialstaaten

der offenen Gesellschaft, mit allen Abstrichen

und Unzulänglichkeiten, dieser dritte Weg

sind. Anders, womöglich makelloser, sind solche

Wege nicht zu haben".

Freilich ist diese Aussage nur dann plausibel,

wenn man - wie Fest - die politische Utopie

auf die geschlossene autoritäre Systemutopie

festlegt. Erst dann kann schlüssig argumentiert

werden, daß utopisches Denken immer

auch ein Feind der „offenen Gesellschaft"

(Popper) sein muß und als solches historisch

definitiv gescheitert ist. Indes hat der utopische

Diskurs als ganzer seit seiner Renaissance

in der frühen Neuzeit stets auch in Alternativen

gedacht. Er erwies sich als lernfähig, weil

er Selbstkritik übte. Den geschlossenen autoritären

Systemutopien in der Tradition eines

Morus und Campanella traten libertäre, die

Freiheit der einzelnen betonende Ansätze gegenüber

(Rabelais, de Foigny, de Lahontan, Diderot,

Morris u.a.). Die „schwarzen" Utopien

bei Samjatin, Huxley und Orwell haben selbstkritisch

die Hegemonie der geschlossenen Systemutopien

gebrochen. Vor allem aber ist seit

Anfang der 60er Jahre in den sogenannten

„postmateriellen Utopien" von Skinner, Huxley,

Callenbach und Le Guin, aber vor allem

auch innerhalb der Frauen- und Ökologiebewegung

der 70er und 80er Jahre eine Erneuerung

des Utopiediskurses verwirklicht worden,

der genau mit dem Defiziten bricht, die Fest

der politischen Utopie vorwirft. Der utopische

Diskurs der Gegenwart läßt zudem Elemente

erkennen, die sich als zukunftsfähig erweisen

könnten, weil sie die Defizite der klassischen,

autoritären Linie der utopischen Tradition vermeiden

und sich zugleich auf die zentralen


FORSCHUNGS JOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 13

Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, gipfelnd

in der Frauen-und Ökologiefrage, eingestellt

haben. Vor allem ist er sich der Gefahr

des Umschlags in das Gegenteil des positiv

Intendierten bewußt geworden: Diese Ebene

der kritischen Selbstreflexion verbindet sich

mit einem Geltungsanspruch, der nicht mehr

geschichtskonstitutiv, sondern regulativ gemeint

ist. Und doch stellt sich die Frage, wie

ein dergestalt erneuertes utopisches Denken,

das sich den statischen Systembauten der Vergangenheit

ebenso entzieht wie der Vereinnahmung

durch destruktive Tendenzen der Moderne,

praktisch werden kann.

Ich möchte auf diese Frage am Beispiel eines

der wohl bedeutendsten Handlungsfelder des

21. Jahrhunderts, nämlich des Verhältnisses

von szientifischer Umwelttheorie und utopischer

Konstruktion, eingehen. Doch zuvor ist

zu klären, wodurch sich diese beiden Ansätze

unterscheiden. An der Realität der wissenschaftlich-technischen

Zivilisation orientiert,

geht es der szientifischen Umwelttheorie darum,

Gesetze und Relationen zu entdecken, die

uns Einblicke in die Dynamik der Natur und

die Interaktion zwischen den Menschen und

ihrer Umwelt gewähren. Demgegenüber beschäftigt

sich das utopische Denken mit einer

zukünftigen Welt, die zwar nicht ist, aber sein

könnte. Im Gegensatz zur szientifischen Umwelttheorie

lassen sich politische Utopien nicht

von im Experiment reproduzierbaren Naturphänomenen,

sondern von einer deduktiven

Logik leiten. Ausgehend von einer Anzahl normativer

Prinzipien, besteht das Hauptziel des

utopischen Denkens darin, Formen der gesellschaftlichen

Organisation zu entwerfen, die mit

seinen Weiten übereinstimmen. Als sein wichtigstes

methodologisches Rüstzeug muß daher

nicht - wie in der szientifischen Umwelttheorie

- die in der Sprache der Mathematik auszudrückende

Naturbeobachtung, sondern die

Phantasie gelten. Mit ihrer Hilfe entwickelt es

eine visionäre Perspektive, die als Ausfluß der

Potentialität der Menschheit nur eingeschränkt

wird durch die Grenzen der menschlichen

Hoffnungen und Träume selbst.

In ihrem 1977 erschienenen Buch Environment

and Utopia haben Rudolf Moos und

Robert Brownstein den Versuch unternommen,

diese beiden verschiedenen Denkansätze

zu synthetisieren, um ein neues konzeptionelles

Muster zur Analyse der menschlichen

Umwelt zu entwickeln. Allerdings setzt

eine solche Synthese eine gemeinsame

Grundlage voraus, die die aufgezeigten Unterschiede

relativiert. Worin besteht sie? Moos

und Brownstein nennen vier Aspekte:

(1) Das utopische Denken war stets durch die

Bereitschaft gekennzeichnet, die bestehende

sozio-politische Realität zu transzendieren.

Dem entspricht die Einsicht der Umweltwissenschaft,

daß ein ökologischer Umbau der

Industriegesellschaft schon längst auf der politischen

Tagesordnung steht.

(2) Die Utopisten gingen immer von der Prämisse

aus, es komme darauf an, die gesellschaftlichen

Rahmenbedingungen bewußt

und gezielt so zu gestalten, daß in ihrem Rahmen

das gewünschte Verhalten möglich, befriedigend

und sinnvoll wird. Diese Annahme

teilt auch die Umweltwissenschaft: Ohne

Planung und fortlaufende soziale Rückkoppelung

für weitere Planungen ist eine gesicherte

soziale und ökologische Stabilität nicht

zu haben.

(3) Im Utopie-Diskurs spielte seit Piaton der

ganzheitliche, holistische Denkansatz eine

entscheidende Rolle. Auch wenn er in seiner

antiindividualistischen und autoritären Version

historisch überholt ist, hat die Umweltwissenschaft

erkannt, daß ohne ihn die Interdependenzen

zwischen den Ökosystemen


14 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, H~rT 4. 1906

ebensowenig erfaßt werden können wie die

Beziehungen innerhalb des Ökosystems.

(4) Das utopische Denken verstand sich von

Anfang an als eine normative Herausforderung

gegenüber dem Wertesystem der bestehenden

Gesellschaft. Ihm stellten sie die ethischen

und philosophischen Prämissen der

Gründung ihrer idealen Gemeinwesen gegenüber.

In gleicher Weise fordert die Umweltwissenschaft

eine neue Ethik, die sich am

Ausgleich mit der Natur orientiert, anstatt sie

dem Interesse der Schaffung unbegrenzten

quantitativen Reichtums zu unterwerfen.

Um nicht mißverstanden zu werden: Es geht

mir nicht darum, das Utopie und Umweltwissenschaft

versöhnende Modell von Moos und

Brownstein als verbindliche Perspektive für die

Lösung der Strukturprobleme des 21. Jahrhunderts

hinzustellen. Gezeigt werden sollte vielmehr

etwas ganz anderes: Wie einerseits die

szientifische Umwelttheorie ohne die Orientierung

an einem utopischen Entwurf umweltund

sozial verträglicher Zukunftsszenarien über

die Fortschreibung von bestehenden Entwicklungstrends

nicht hinauskäme, so verlöre die

Utopie ohne die positiven Erkenntnisse der

Umweltwissenschaft ihren Bezug zur Realität:

Sie bliebe bloßes Phantasieprodukt, das keine

ernsthafte Aufmerksamkeit verdiente. Sicher ist

aber auch, daß die Verkürzung der Antizipation

von Zukunft auf eine empirisch-quantitativ

verfahrende Prognostik ebenfalls eine Sackgasse

darstellt. Denn was wäre für die Bewältigung

der Problemlagen des 21. Jahrhunderts

gewonnen, wenn mit der Forderung Hans Jonas'

ernst gemacht würde, auf utopische Szenarien

überhaupt zu verzichten? Ein solches

Verdikt liefe nicht nur auf den Ausfall kommunikativer

Funktionen der Utopie hinaus,

„eine breite und differenzierte gesellschaftliche

Diskussion über die anstehenden Probleme,

über Wege zu ihrer Lösung, über hierfür

gerechtfertigte Opfer und hierzu notwendige

Anstrengungen in Gang zu setzen" (Burckart

Lutz). Darüber hinaus würde der Mensch, wie

schon Karl Mannheim betonte, „mit dem Aufgeben

der verschiedenen Gestalten der Utopie

den Willen zur Geschichte und damit den Blick

in die Geschichte" verlieren. Träte aber dieser

Fall ein, so müßte die Bewältigung der Probleme

des 21. Jahrhundert scheitern, noch bevor

auch nur der Versuch unternommen worden

wäre, ihnen durch konstruktive Antworten gewachsen

zu sein.

Richard Saage ist Professor für Politikwissenschaft

an der Martin-Luther-Universität in

Halle-Wittenberg.


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 15

Dieter Rucht

Wirkungen von Umweltbewegungen:

Von den Schwierigkeiten einer Bilanz

So wie die Arbeiterbewegung die „sociale

Frage" auf die Tagesordnung des 19. Jahrhunderts

gesetzt hat, so hat die Umweltbewegung

die „ökologische Frage" auf die Tagesordnung

der Gegenwart gesetzt. Während wir

rückblickend die Wirkungen der Arbeiterbewegung

halbwegs einschätzen können, so fällt

das für die Umweltbewegung nicht so leicht.

Zwar ist auch diese Bewegung Gegenstand

einer umfangreichen wissenschaftlichen Produktion,

doch mangelt es an Wirkungsbilanzen.

Dies gilt vor allem dann, wenn eine Wirkungsbilanz

von Umweltbewegungen (im Plural!)

versucht werden soll, bei der mehrere

Dimensionen und - möglichst vergleichend

- mehrere Länder in den Blick genommen

werden. Das ist hier nicht erreichbar. Im folgenden

geht es vor allem darum, einen Weg

zu diesem Ziel zu skizzieren und für die dabei

auftretenden Schwierigkeiten zu sensibilisieren.

1 Paradoxe Effekte der

Umweltbewegung

Als Umweltbewegung bezeichne ich das Netzwerk

nicht-staatlicher Gruppen und Organisationen,

die versuchen, der fortschreitenden

Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen

Lebensgrundlagen Einhalt zu gebieten, und

zu diesem Zweck gezielt auf gesellschaftliche

und politische Verhältnisse einwirken wollen.

In dieser Hinsicht hebt sich die Umweltbewegung

vom traditionellen, politisch ab­

stinenten Naturschutz ab, der bis in die späten

1960er Jahre vorherrschend war und sich

allein auf lokale bzw. sektorale Probleme

konzentrierte. Treibendes Motiv der inzwischen

weltweit vernetzten Umweltbewegung

ist dagegen die Wahrnehmung einer Gefährdung

oder gar Katastrophe globalen Maßstabs.

Auch wenn die Ansatzpunkte von Umweltgruppen

sehr konkret und punktuell sein

mögen, so verstehen sich diese Gruppen ganz

im Sinne des Slogans „think globally, act locally"

als Teil der globalen Umweltbewegung

(Rucht 1993).

Sieht man bei der Frage nach den Wirkungen

der Umweltbewegung zunächst von allen Differenzierungen

ab, so zeigt sich ein bemerkenswertes

Paradox: Einerseits hat die Umweltbewegung

erstaunliche Erfolge aufzuweisen.

Dies gilt im Hinblick auf (a) ihr Wachstum

und ihre Stabilisierung, (b) ihre Thematisierungsleistung

und Anerkennung und (c)

schließlich ihre institutionellen Effekte in Gestalt

staatlicher Umweltpolitik. Andererseits

steht die Umweltbewegung, die letztlich ja

den Zustand der natürlichen Umwelt verbessern

will, vor einer eindeutigen Negativbilanz.

Diese These soll kurz ausgeführt werden.

Zum ersten ist die Umweltbewegung, vor allem

gemessen an ihrer erst jungen Existenz,

nach der Zahl ihrer Aktivisten, Unterstützer,

Anhänger und Sympathisanten äußerst erfolg-


16 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

reich. Sie hat sich weltweit ausgebreitet und

dabei ihre Ressourcen beträchtlich erweitert.

In qualitativer Hinsicht ist sie vor allem durch

die Trends der Themendiversifizierung, der

Professionalisierung und Institutionalisierung

sowie der Internationalisierung ihrer Themen,

Kampagnen und Organisationen geprägt.

Noch erstaunlicher ist vielleicht der Erfolg

der Umweltbewegung als Agenda-Setter. Umweltprobleme

gehören zu den am meisten und

am kontinuierlichsten thematisierten politischen

Fragen der letzten Jahrzehnte. Zudem

ist das Umweltthema hochgradig positiv besetzt.

Keine wichtige gesellschaftliche Gruppe,

keine bedeutende politische Partei kann

es sich heute noch leisten, den Umweltschutz

frontal abzulehnen. Selbst bestimmte Branchen

und Konzerne, die in der Sache eher als

Gegner des Umweltschutzes auftreten, geben

sich rhetorisch als Umweltschützer. Auch auf

der Ebene individueller Einstellungen finden

Umweltschutz und Umweltbewegung ein erstaunliches

Maß an Wertschätzung und Zustimmung.

Schließlich ist der Umweltschutz

innerhalb der Staatsapparate vieler Länder institutionell

verankert worden. Dazu gehören

ein ausgefächertes Gesetzes- und Verordnungswesen,

Umweltministerien, Fachbehörden,

Umweltbeiräte, kommunale Umweltstellen

und Umweltberater, Umwelterziehung in

den Schulen usw.

Diese eindrucksvolle Erfolgsbilanz kontrastiert

jedoch mit der anscheinenden Wirkungslosigkeit

der Umweltbewegung in materieller

Hinsicht. Letzter und entscheidender Erfolgsmaßstab

der Bewegung ist der Zustand der

natürlichen Umwelt. Ungeachtet aller Meßprobleme

sowie statistischer Lücken und Tükken,

ungeachtet auch aller sachlichen und territorialen

Differenzierungen fällt diese Bilanz

negativ aus. Im Weltmaßstab hat sich der Zustand

der Umwelt in den letzten Jahrzehnten

massiv verschlechtert (Worldwatch 1992; Wis­

senschaftlicher Beirat 1996). Festzuhalten ist

vor allem

- die anhaltende Ausbeutung von natürlichen

Ressourcen und Rohstoffen,

- die Verringerung des Artenreichtums in Flora

und Fauna,

- die Verkleinerung natumaher Flächen (v.a.

durch das weltweite Bevölkerungswachstum,

Zersiedlung, Ausdehnung der Landwirtschaft,

Verkehrs- und Mrastruktureinrichtungen),

- die Versteppung, Verkarstung und Entwaldung

großer Flächen,

- die Zunahme der Schadstoffbelastung in

Gewässern, Luft, Boden und Nahrungsmitteln

und damit auch die Zunahme von auf

solchen Schadstoffen beruhenden Leiden

und Krankheiten.

Dieses düstere Bild muß mit Blick auf die

entwickeltsten Industrieländer der westlichen

Hemissphäre differenziert werden. Hier sind

einige gegenläufige Trends zumindest in Teilbereichen

festzustellen (vgl. Jänicke/Weidner

1995). Auch weltweit sind einige Verbesserungen

zu konstatieren, z.B. der Rückgang

der schiffahrtsbedingten Öleinleitung in die

Meere oder die Abnahme radioaktiver Strahlungen

als Folge von Atomwaffentests. Doch

diese Erfolge sind zu schwach und zu vereinzelt,

um das negative Gesamtbild entscheidend

ändern zu können.

Es bleibt somit das Paradox, daß die Umweltbewegung

hinsichtlich ihrer mittelbaren Ziele,

also den Zwischenetappen der öffentlichen

Anerkennung und Institutionalisierung von

Umweltpolitik, beeindruckende Erfolge aufzuweisen

hat, aber ihren letztlichen Zielen

nicht näherzukommen scheint.


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Von einem völligen Scheitern der Umweltbewegung

könnte allerdings nur dann gesprochen

werden, wenn die Umweltbewegung die

Alleinverantwortung für die Problemlösung

trüge. Hier besteht jedoch eine geteilte Verantwortung,

die vielen gesellschaftlichen Akteuren

und insbesondere den mit formellen

Entscheidungskompetenzen betrauten Regierungen

zukommt. Zudem ist der Begriff des

Scheiterns in mehrfacher Hinsicht zu relativieren.

Zum einen kommen längere Zeithorizonte

ins Spiel. Verschlechterungen der Umweltqualität

in der Gegenwart beruhen oft auf

weit in die Vergangenheit zurückreichenden

Ursachen. Auch mögen bereits getroffene Gegenmaßnahmen

erst in der Zukunft manifeste

Wirkung entfalten. Zum zweiten können

hinter stabilen Zuständen, ja selbst Verschlechterungen

von Umweltzuständen positive

Einflüsse von Umweltbewegungen in dem

Sinne stehen, daß trotz gestiegender Belastungen

(z.B. durch Bevölkerungswachstum oder

Produktivitätssteigerungen) Schlimmeres verhütet

wurde. Schließlich ist auf die bereits

angedeutete partielle Trendumkehr bezüglich

einiger Umweltprobleme in einigen Ländern

hinzuweisen, die ohne den Druck der Umweltbewegung

wohl kaum zustandegekommen

wäre. Damit soll nicht die globale Negativbilanz

schöngeredet, aber doch die Notwendigkeit

differenzierter Wirkungsanalysen

unterstrichen werden. Diese bilden eine zentrale

theoretische wie empirische Herausforderung.

2 Zu den Schwierigkeiten

einer Wirkungsbilanz

Analysen, in denen Policy-Entscheidungen

(und weitergehend deren Effekte auf Gesellschaft

und Natur) eindeutig dem Wirken bestimmter

Akteure zugeschrieben werden, existieren

noch am ehesten für zeitlich und sachlich

eng begrenzte Fälle, in denen die Rand­

bedingungen, der Kreis der beteiligten Akteure

und die Wirkungen von Interaktionen

halbwegs überschaubar sind. 1

Sobald jedoch

die Einflußfaktoren für komplexe Gegenstandsbereiche

untersucht werden sollen, türmen

sich Schwierigkeiten auf. Bezogen auf

den generellen Zustand der Umwelt in weltweitem

Maßstab ist es wohl aussichtslos, eine

Kausalanalyse zu versuchen. Zu viele Faktoren

und zu undurchsichtige Wirkungsketten

kommen ins Spiel. Dagegen könnte es eine

ländervergleichende Analyse von Umweltpolitiken

im Prinzip erlauben, bestimmte innerstaatliche

Wirkungsfaktoren, wenn nicht zu

messen, so doch in ihrer relativen Bedeutung

grob abzuschätzen. Allerdings ist dies nur für

Problembereiche möglich, die wesentlich oder

ausschließlich auf den nationalen Rahmen

begrenzt bleiben und innerhalb dieses Rahmens

verantwortet werden. Doch auch eine

derartige Analyse steht vor mindestens vier

Schwierigkeiten:

Zum ersten ergeben sich Restriktionen aus

der unzureichenden Datenlage. Derzeit existieren

nur sehr unvollständige und zumeist

nur wenige Länder umfassende Daten, die

eine Beurteilung der Stärke von Umweltbewegungen

und eine Messung möglicher Wirkungsdimensionen

erlauben. (Bezogen auf

letztere ist insbesondere auf Publikationen der

OECD zu verweisen.) Manche Faktoren sind

auch nur schwer meßbar, da man auf indirekte

Indikatoren bzw. grobe Schätzungen angewiesen

ist. Hinzu kommt zweitens, daß Umweltbewegungen,

wie soziale Bewegungen

schlechthin, keinen eindeutig abgrenzbaren

Akteur darstellen. Sie sind vielmehr ein Konglomerat

von informellen Gruppen, formellen

Organisationen und komplexen Netzwerken,

deren Aktivitäten kaum überschaubar

sind. Grenzziehungen werden zudem dadurch

erschwert, daß gerade in jüngster Zeit die Verflechtungen

von nicht-staatlichen und Staat-


18 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

liehen Umweltakteuren zugenommen haben.

Zum dritten agieren Umweltbewegungen in

einem Politikfeld, das eine Fülle einzelner thematischer

Brennpunkte umfaßt und Überschneidungen

mit angrenzenden Politikfeldern

aufweist (etwa mit den Bereichen Energie,

Verkehr, Landwirtschaft, Gesundheit). Ein

enger Blick auf das Feld institutioneller Umweltpolitik

wäre unangemessen. Schließlich

offenbaren sich auch im Feld der Umweltpolitik

all die prinzipiellen Schwierigkeiten einer

Kausalanalyse von komplexen Prozessen,

in denen eine Vielzahl von Randbedingungen,

Akteuren und vermittelnden Faktoren im

Spiel ist und anstelle linearer Wirkungsketten

mit Interaktionseffekten und Rückkoppelungen

zu rechnen ist. Beispielsweise kann

eine Öffnung von staatlichen Instanzen für

Belange des Umweltschutzes durch eigene

Einsicht, aber auch aufgrund des Drucks der

Umweltbewegung Zustandekommen und auf

die Bewegung wiederum einen verstärkenden

oder aber schwächenden Einfluß ausüben.

3 Auf dem Weg zu einer ländervergleichenden

Wirkungsbilanz

Im folgenden wird der Versuch unternommen,

die mögliche Richtung einer ländervergleichenden

Wirkungsbilanz anzugeben und auf

vorhandene wie auch fehlende Informationsbestände

zu verweisen. Im Zentrum steht die

Frage, ob und wie nationale Umweltbewegungen

auf die Umweltpolitik ihres Landes einwirken

und auf diesem Wege bestimmte Effekte

auf die Umwelt erzielen. Dabei beziehe

ich mich ausschließlich auf eine Gruppe westlicher

Industrieländer.

3.1 Theoretische Überlegungen

Es ist nicht davon auszugehen, daß die Umweltbewegungen

in erster Linie direkt, etwa

durch Lobbying, auf staatliche Umweltpoliti­

ken und über diese wiederum auf den Zustand

der Umwelt einwirken. Vielmehr sind

vermittelnde Faktoren am Werk, durch die die

Aufklärungs- und Mobilisierungsbemühungen

von Umweltbewegungen mehr oder weniger

druckvoll und effektiv in das System

staatlicher Umweltpolitik übersetzt werden.

Dies sind (1) öffentliche Meinung, (2) individuelle

Einstellungen und Verhaltensweisen

sowie (3) grüne Parteien bzw. deren Substitute

in Form ökologischer Flügel innerhalb

anderer Parteien. Von diesen Faktoren, so die

leitende Annahme, hängt es ab, ob staatliche

Umweltpolitik im Sinne der Umweltbewegung

ausfällt und ihren erklärten Zielen näherkommt.

Daß staatliche Politik sich öffentlicher Meinung

und individuellen Einstellungen nicht

oder nur unter bestimmten Umständen entziehen

kann, ist kein Spezifikum von Umweltpolitik,

sondern gilt ganz generell: Eine

Fülle von Belegen aus ganz unterschiedlichen

regionalen und sachlichen Kontexten zeigt,

daß politische Entscheidungsträger in liberalen

Demokratien im Prinzip auf öffentliche

Meinung reagieren, ja von ihr zuweilen in elementarer

Weise abhängig sind. Dies trifft allerdings

nur in dem Maße zu, wie öffentliche

Meinung, die ja in aller Regel aus einer Vielzahl

von zumeist widersprüchlichen Meinungen

besteht, eine konsonante und entschiedene

Stoßrichtung annimmt (Neidhardt 1994).

Am deutlichsten offenbart sich dies, wenn,

etwa im Falle eines Skandals, öffentliche Meinung

sich als „Aufschrei der Empörung" manifestiert

und Konsequenzen erzwingt. Daß

öffentliche Meinung jedoch auch in weniger

spektakulären Fällen eine Rolle für politische

Entscheidungsträger spielt, wird daran ersichtlich,

daß diese aufmerksam und kontinuierlich

bestimmte Massenmedien beobachten

und mittels eines eigenen Apparats der

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit öffentliche


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 19

Meinung zu beeinflussen suchen.

Die Bedeutung individueller Einstellungen

und Verhaltensweisen für das staatliche Entscheidungssystem

ist ebenfalls evident, stellt

man in Rechnung, daß staatliche Maßnahmen

aufgrund mangelnder bürgerschaftlicher Kooperationsbereitschaft

bzw. Unterstützung ins

Leere laufen oder blockiert werden können.

Vor allem aber müssen Parteien und Regierungen

individuelle Einstellungen und Verhaltensweisen

beachten, weil - vermittelt über

die politische Wahl - die Möglichkeit von

Machtausübung qua Ämterbesetzung letztlich

an die Zustimmung der Bürger gebunden

bleibt. Deshalb sind politische Entscheidungsträger

fortlaufend bemüht, durch Bevölkerungsumfragen

und weniger systematische

Sondierungen (Sprechstunden, Besuche von

Veranstaltungen in Wahlkreisen) Stimmungen

und bei heiklen Themen bzw. Entscheidungen

vorab Art und Umfang von möglichen

Resonanzen zu erkunden.

Die Bedeutung eines dritten

Faktors, das Vorhandensein

und die Stärke einer

bewegungsnahen Partei,

wird einsichtig, wenn

man in Rechnung stellt, wie

sensibel Parteien und politische

Entscheidungsträger

auf ihre Konkurrenten um

die Wählergunst reagieren

müssen. Sobald sich ein

bestimmtes Thema als hinreichend

attraktiv und tragfähig

erweist, um einer darauf

spezialisierten Partei zu

beachtlichen Wahlerfolgen

zu verhelfen, werden die

übrigen Parteien gut daran

tun, dieses Thema auch zu

beachten und ihm zumin­

Abbildung 1

dest symbolisch Referenz zu erweisen. Sofern

eine solche „Themenpartei" auch noch

in Parlamenten repräsentiert ist oder sogar

Ämter in der Exekutive besetzen kann, werden

Themen und Anliegen der entsprechenden

Bewegung über die bewegungsnahe Partei

in den politischen Entscheidungsprozeß

vermittelt.

Diese unterstellten Zusammenhänge lassen

sich in einem Einflußmodell zusammenfassen

(vgl. Abbildung 1), das in zweifacher Weise

zu ergänzen ist. Zum einen müssen Umweltprobleme

in das Modell eingeführt werden.

Denn es ist offenkundig, daß Umweltbewegungen

in Reaktion auf manifeste Umweltprobleme

entstehen, wenngleich keineswegs

vom Ausmaß der Probleme auf die Stärke von

Umweltbewegungen geschlossen werden

kann. Probleme werden als solche in einem

sozialen Konstruktionsprozeß erkannt und

hinsichtlich ihrer Bedrohlichkeit, Verursacher

und Lösungsmöglichkeiten gedeutet. Im Falle

von Umweltproblemen sind daran neben

Wirkungen von Umweltbewegungen

Umwelt­

bewegung

Lobbying

Öffentliche

Meinungen

Individuelle

Meinungen

l

Grüne Parteien

Umweltprobleme

(v.a. dargestellt durch Wissenschaft)

Staatliche

Umwelt­

politik


20 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4. 1996

der Umweltbewegung sehr stark die einschlägigen

Fachwissenschaften beteiligt. 2

Zum anderen

wird im Zuge staatlicher Umweltpolitik

der Zustand der Umwelt beeinflußt, der

wiederum den Ausgangspunkt neuer Deutungen

und eventuell auch Mobilisierungen der

Umweltbewegung bildet. Damit schließt sich

der zentrale Wirkungskreislauf, der in der Abbildung

durch die fett markierten Pfeile gekennzeichnet

ist.

Im Zentrum der Modellüberlegungen steht

somit eine dominante Kausalkette. Sie nimmt

von Umweltproblemen, welche von Umweltbewegungen

thematisiert werden, ihren Ausgang,

um über drei vermittelnde Faktoren auf

staatliche Umweltpolitik einzuwirken, welche

ihrerseits den Hauptfaktor 3

zur Veränderung

von Umweltproblemen bildet. Da kein enger

Zusammenhang zwischen dem objektiven

Ausmaß des Problems (hier Umweltprobleme)

und der Bewegungsmobilisierung (hier:

Umweltbewegung) zu vermuten ist, wie die

Bewegungsforschung immer wieder gezeigt

hat, können wir bei der Bewegungsmobilisierung

ansetzen. In Hypothesenform läßt

sich die der erwartete Zusammenhang folgendermaßen

formulieren: Je stärker der Druck

der Umweltbewegung, desto stärker fällt die

Unterstützung von Umweltanliegen durch öffentliche

Meinung, individuelle Einstellungen/

Verhaltensweisen und grüne Parteien (bzw.

deren Substitute) aus und desto eher wird

staatliche Umweltpolitik Maßnahmen zum

Schutz der Umwelt ergreifen, die den materiellen

Zustand der Umwelt positiv beeinflussen.

Daß diese Hypothese nicht ganz trivial

ist, wird daraus ersichtlich, daß der behauptete

Zusammenhang unter bestimmen Randbedingungen

empirisch weit komplexer, vielleicht

sogar gegenläufig ausfallen kann. Zum

ersten vermag öffentliche Meinung, wie bereits

oben angedeutet, den Druck sozialer Bewegungen

auch abzuschwächen oder gar zu

konterkarieren, sofern beispielsweise die Forderungen

als zu radikal erscheinen oder von

deren Erfüllung negative Folgewirkungen auf

andere zentrale Politikfelder befürchtet werden.

Zum zweiten ist denkbar, daß eine starke

grüne Partei bewegungsförmige Mobilisierung

untergräbt, weil viele potentielle Bewegungsanhänger

dadurch glauben, ihre Interessen

würden ohnehin wirksam vertreten.

Zum dritten ist nicht auszuschließen, daß

staatliche Umweltpolitik der Einsicht vieler

Bürger zeitlich und sachlich vorauseilt. So

ist daran zu erinnern, daß im Rahmen der Vereinten

Nationen bereits Anfang der 1970er

Jahre für einschneidende Maßnahmen zum

Schutze der Umwelt plädiert wurde, ohne daß

bereits in vielen Ländern vitale Umweltbewegungen

existiert hätten.

3.2 Operationalisierungsmöglichkeiten

und Datenlage

Zu den bereits benannten Problemen der Wirkungsanalyse

gesellt sich die Schwierigkeit,

den Druck von Umweltbewegungen und das

Ausmaß der Responsivität staatlicher Umweltpolitik

zu bestimmen. Die nachfolgenden

Vorschläge sind nicht schon im einzelnen daraufhin

kalkuliert, welche Daten verfügbar sind

bzw. welche Messsungen unter pragmatischen

Gesichtspunkte besonders einfach sind, sondern

markieren zunächst einen Anspruchshorizont.

3.2.1 Druck von Umweltbewegungen

Der von Umweltbewegungen ausgehende

Druck setzt sich aus dem Umfang und der

Intensität umweltbewegter Mobilisierung zusammen.

Beide Faktoren können im Prinzip

mit den Mitteln der Protestereignisforschung

gemessen werden. Hierbei kann bislang nur

auf eine breit angelegte vergleichende Erhebung

zurückgegriffen werden (Kriesi et al.


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

1992; 1995). Sie bezieht sich auf vier europäische

Länder. Gemessen an der Zahl derer,

die für den Umweltschutz zwischen 1975 bis

1989 protestiert haben, ergeben sich unter Berücksichtigung

der unterschiedlichen Einwohnerzahlen

folgende Relationen 4

: Schweiz 16,

Bundesrepublik 11, Niederlande 5 und Frankreich

2 (Kriesi et al. 1995: 22). Diese Erhebung

wurde später, wenngleich auf dünnerer

Datenbasis, um Großbritannien und Spanien

ergänzt (Koopmans 1996). Für den Zeitraum

von 1980 bis 1989 wurden unter Einbeziehung

der vier vorgenannten Länder folgende

Maßzahlen für die Umweltbewegungen ermittelt:

Deutschland 29, Schweiz 27, Niederlande

13, Spanien 8, Frankreich 5, Großbritannien

5.

Die erhobenen Daten erlauben zusätzlich auch

eine Messung des Radikalitätsgrades der Umweltproteste,

so daß zumindest für diese sechs

Länder die angestrebte Bestimmung des

Drucks von Umweltbewegungen prinzipiell

möglich wird. Ohne bereits die Daten zur Radikalität

von Umweltprotesten zu kennen, ist

doch zu vermuten, daß sich bei einer Kombination

von Maßzahlen für Mobilisierungsumfang

und Radikalität positionelle Verschiebungen

der nationalen Umweltbewegungen im

Vergleich zu obiger Rangordnung ergeben

werden. In Frankreich, der Bundesrepublik

und vielleicht auch Spanien dürften die Proteste

insgesamt radikaler als in den übrigen

untersuchten Ländern ausfallen. Demnach ist

anzunehmen, daß unter Einbeziehung des Faktors

Radikalität der Druck der Umweltbewegung

in der Bundesrepublik in Relation zur

Schweiz höher ausfällt, während Spanien und

Frankreich näher an die Niederlande heranrücken

und damit Großbritannien hinter sich

lassen.

Zusätzliche Hinweise liefern Eurobarometer-

Daten, nach denen die Anhängerschaft für die

Umweltbewegungen in fünf Ländern bestimmt

werden kann. Zieht man die vier verfügbaren

Umfragen zwischen 1982 und 1989

heran und berechnet die Mittelwerte für den

Anteil der Befragten, die sich als Aktivisten

oder potentielle Aktivisten der Umweltbewegung

bezeichnen (dazu Fuchs/Rucht 1994),

ergibt sich die Reihenfolge Niederlande

(34,4 %), Bundesrepublik Deutschland-West

(30,8 %), Großbritannien (22,1 %), Italien

(21,7%) und Frankreich (13,3 %). Für eine

größere Anzahl von Ländern läßt sich zudem

das Ausmaß der Wertschätzung bzw. Unterstützung

der Umweltbewegung anhand des

World Value-Survey ermitteln.

Schließlich kann ich auf persönliche Einschätzungen

zurückgreifen, beruhend auf der langjährigen

Beobachtung von Umweltbewegungen,

Gesprächen mit Vertretern von Umweltverbänden

verschiedener Länder und transnationaler

Umweltbüros in Brüssel sowie dem

Austausch mit Wissenschaftlern, die sich mit

Umweltbewegungen befassen. Auf dieser

Grundlage stufe ich den Druck, den die jeweiligen

Umweltbewegungen in ausgewählten

Ländern qua Protestmobilisierung entfalten,

in der in Tabelle 1 dokumentierten Weise

ein.

3.2.2 Öffentliche Meinung, individuelle

Einstellungen und grüne Parteien

Im Unterschied zum Ausmaß staatlicher Umweltpolitik

sind die drei vermittelnden Faktorengruppen

zwischen Umweltbewegungen

und staatlicher Umweltpolitik einfacher zu

erfassen.

1. Die öffentliche Meinung zu Umweltfragen

kann durch eine Inhaltsanalyse von Massenmedien

bestimmt werden. Zum Beispiel lassen

sich Anzahl und Richtung der Äußerungen

zum Umweltthema bzw. zur Umweltbe-


22 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

wegung ermitteln. Für den Ländervergleich

wäre dabei vor allem das relative Gewicht

des Umweltthemas (im Verhältnis zu konkurrierenden

Themen bzw. dem gesamten Themenvolumen),

das Maß an Besorgnis über

Umweltprobleme und der Anteil positiver

Aussagen zur Umweltbewegung zu beachten.

Eine solche Messung liegt nicht vor, so daß

ich ganz auf Impressionen angewiesen bin.

2. Die Bevölkerungsmeinung zum Umweltthema

(bzw. zur Umweltbewegung) wurde in relativ

vielen nationalen Erhebungen, aber auch

in einer Reihe ländervergleichender Erhebungen

ermittelt. Zur letzten Gruppe zählen (1)

verschiedene Eurobarometer-Umfragen in

den jeweiligen Mitgliedsländern der EG bzw.

EU, (2) weitere Erhebungen in den EU-Ländern

(Market and Opionion Research International/MORI,

1994; 12 Länder), (3) die bis­

herigen zwei Wellen des World Value-Survey

(um 1982 und um 1991 mit 43 bzw. 24 Ländern)

sowie (4) der Health of the Planet Survey

(1992, 24 Länder). Abhängig vom Zeitpunkt

der Befragung und den Frageformulierungen

ergeben sich dabei zum Teil erhebliche

Abweichungen zwischen den Positionen,

die für einzelne Länder ermittelt wurden. 5

Zieht man die Ergebnisse dieser Umfragen

zusammen, so ergeben sich die in Tabelle 1

vorgenommenen Klassifizierungen einzelner

Länder.

3. Der aussagekräftigste Indikator für die

Stärke von grünen Parteien sind wohl ihre

Anteile an Wählerstimmen. 6

Jedoch ergeben

sich u.U. starke Schwankungen von Wahl zu

Wahl, so daß am besten auf Durchschnittswerte

zurückgegriffen werden sollte. Noch

schwieriger wird es, brauchbare Indikatoren


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 23

für funktionale Substitute grüner Parteien innerhalb

des Parteiensystems zu finden. Eine

denkbare, aber in der Praxis schwer zu realisierende

Messung bestünde in der Abschätzung

der Stärke ökologisch orientierter Flügel

innerhalb der Parteien, wie sie etwa in

parteiinternen Abstimmungen zu bestimmten

Schlüsselfragen zum Ausdruck kommt. Ein

anderer, vielleicht noch problematischerer

Weg wäre eine Analyse des Stellenwerts von

Umweltschutzfragen in Parteiprogrammen.

Ich bleibe somit wiederum auf sehr pauschale

Einschätzungen angewiesen (vgl. Tabelle

1), wobei teilweise die komparative Literatur

zu grünen Parteien hilfreich ist. Die detaillierteste

Studie dazu lieferte Müller-Rommel

(1993), der auch durchschnittliche Wahlergebnisse

für grüne Parteien in 15 europäischen

Ländern ausweist (ebd., S. 129).

3.2.3 Der Umfang staatlicher

Umweltpolitik

Der Umfang staatlicher Umweltpolitik ist eine

komplexe Größe, zusammengesetzt u.a. aus

institutionellen Faktoren (z.B. die Einrichtung

von Agenturen und Beiräten), umweltpolitischen

Standards (etwa Festsetzungen von

Grenzwerten), der Überwachung und Sanktionierung

von Regelverletzungen, der politischen

Stärke des Umweltressorts im Falle

von Ressortkonflikten, den staatlichen oder

anderen Akteuren auferlegten Maßnahmen

zur Kompensation von Umweltschäden, aufklärerischen

und erzieherischen staatlichen

Bemühungen im Umweltbereich. Es ist unrealistisch,

all dies quantitativ und zudem ländervergleichend

erfassen zu wollen. In empirischen

Annäherungen wird sich die Forschung

bis auf weiteres mit relativ wenigen

Indikatoren für den Umfang staatlicher Umweltpolitik

bescheiden müssen. Sinnvolle und

im Prinzip auch greifbare Indikatoren sind

z.B. der Anteil von staatlichen Ausgaben für

Umweltschutz am gesamten Staatshaushalt,

die Rigidität von Grenzwertfestsetzungen

etwa im Bereich von Schadstoffemissionen

sowie die Bereitschaft, auf internationaler

Ebene Abmachungen einzugehen und im eigenen

Lande tatsächlich umzusetzen (dazu

Dietz/Kalof 1992).

Im Rahmen der Formulierung von Umweltpolitiken

der Europäischen Union haben sich

über eine Vielzahl von Einzelkonflikten hinweg

relativ stabile und konsistente Erfahrungswerte

herausgebildet, mit welcher Entschiedenheit

die jeweiligen Mitgliedsländer

um weltpolitische Interessen vertreten. Diese

Eindrücke wurden gelegentlich mit dem Bild

eines Konvois illustriert, in dem einige Länder

die Avantgarde, andere die Mittelgruppe

und einige die Schlußlichter bilden. Unter Einbeziehung

der drei jüngst hinzugekommenen

Länder kann man demnach folgende Zuordnungen

vornehmen: Zur Spitzengruppe zählen

die Niederlande, Dänemark, Schweden,

Finnland, Bundesrepublik, Österreich und Luxemburg.

Zur Mittelgruppe gehören Frankreich,

Italien, Großbritannien, Irland und Belgien.

Die Schlußlichter bilden Spanien, Portugal

und Griechenland.

3.2.4 Veränderungen der

Umweltqualität

Da die Umweltqualität stark von Belastungsfaktoren

wie Besiedelungsdichte, Wirtschaftsstruktur

und Industrialisierungsgrad sowie

akkumulierten Belastungen bzw. Versäumnissen

der Vergangenheit abhängt, sind Zustandsmessungen

nicht geeignet, die staatlichen Anstrengungen

und Wirkungen der Umweltpolitik

der letzten Jahre bzw. Jahrzehnte abzubilden.

Aussagekräftiger sind dagegen die

Veränderungen, die im wesentlichen als Ergebnis

umweltpolitischer Anstrengungen zu

bewerten sind. Instruktive Indikatoren in die-


24 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

sem Sinne sind zum Beispiel (1) die Zu- oder

Abnahme von Schadstoffen in Luft, Wasser

und Boden, (2) Veränderungen der Gesamtflächen

von Natur- bzw. Landschaftsschutzgebieten

und (3) Effekte von Energiesparmaßnahmen

insbesondere im staatseigenen Sektor.

Vor allem eine Arbeitsgruppe um Martin Jänicke

hat sich bemüht, Veränderungen der

Umweltqualität im Ländervergleich zu ermitteln

(Jänicke 1992, 1996; Jänicke/Weidner

1995). Bei der Zusammenfassung verschiedener

Indikatoren für Veränderungen der Umweltqualität

zwischen 1970 bis 1985 wurde,

Tabelle 1

Variablenausprägungen für ausgewählte Länder 8

Variable

Druck von

Umweltbewegungen

Öffentliche

Meinung

Individuelle

Einstellungen

bezogen auf eine Skala von Verbesserungen

bis hin zu Verschlechterungen, eine Rangordnung

für 22 Länder ermittelt, von denen ein

großer Teil in die Tabelle 1 aufgenommen

wurde. 7

4 Hinweise zu Wirkungsfaktoren

und Effekten

Abschließend sollen die bruchstückhaften Informationen

im Hinblick auf die oben diskutierten

Faktoren des Wirkungsmodells zusammengestellt

(vgl. Tabelle 1) und daraus Folgerungen

abgeleitet werden. Von einer Prüfung

des Modells kann aufgrund der unzu-

stark mittel schwach

GER, SUI, AUT,

NEL, DEN,

SWE, LUX, FIN,

USA

GER, NEL, SUI,

AUT, DEN,

SWE, FIN, LUX

Grüne Parteien BEL, GER,

NEL, LUX, SUI,

ITA, FRA, AUT

Umfang staatlicher

Umweltpolitik

Veränderungen der

Umweltqualität

FRA, BEL,

GBR, ITA, ESP,

IRL, CAN

GBR, USA,

BEL, CAN, ITA,

ESP, IRL

GRE, POR

FRA, GER, POR

DEN, LUX, NEL GER, AUT, ITA, GBR, BEL,

USA FRA, ESP, GRE, POR, IRL

FIN, CAN, SWE,

SUI

NEL, DEN,

SWE, FIN, GER,

AUT, LUX, SUI

NEL, LUX,

SWE, SUI, AUT,

DEN

SWE, GBR FIN, IRL, DEN,

ESP, GRE, POR,

USA, CAN

FRA, BEL,

GBR, USA, ITA

IRL, CAN

USA, GER, FIN,

BEL, FRA,

GBR, CAN

GRE, POR, ESP

ITA, POR, IRL,

ESP, GRE


FORSCHUNGS JOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 25

länglichen Datenlage und der in Einzelfällen

nur dürftig begründeten Zuordnungen vorerst

keine Rede sein.

1. In der Spalte mit starken und mit schwachen

Variablenausprägungen konzentriert sich

jeweils eine in großen Teilen identische Ländergruppe.

Zwischen den Variablen scheint

also im Sinne der formulierten Hypothese

eine deutliche positive Korrelation zu bestehen.

In Ländern, in denen Umweltbewegungen

starken Druck entfalten, sind zugleich am

ehesten positive individuelle und öffentliche

Meinungen zum Umweltschutz, umfangreiche

staatliche Maßnahmen und entsprechend positive

Veränderungen der Umweltqualität zu

erwarten. Allerdings scheint die Stärke grüner

Parteien nicht direkt vom Druck der Umweltbewegungen

und den Meinungen zum

Umweltschutz abzuhängen. Dies ist ein Hinweis

darauf, daß hier intervenierende Faktoren

wie die Gesamtkonstellation des Parteiensystems,

das Wahlrecht und die Responsivität

der übrigen Parteien für den Umweltschutz

zu Buche schlagen.

2 Abgesehen von dem inkonsistenten Muster

hinsichtlich grüner Parteien ergeben sich

in Einzelfällen weitere Abweichungen vom

generellen Korrelationsmuster. So übersetzt

sich beispielsweise in den USA, in Deutschland

und Finnland der starke Druck der Umweltbewegung

zwar noch (teilweise) auf intervenierende

Faktoren, aber er bewirkt nicht

im erwarteten Umfang Umweltqualität auf

Veränderungen. Das könnte auf starke politische

Gegenkräfte (wie z.B. in den USA) und/

oder auf besondere Belastungsfaktoren (z.B.

hohes Verkehrsaufkommen, Industriewachstum)

zurückzuführen sein.

3. Es ist auffällig, daß in der Spalte mit starken

Variablenausprägungen überwiegend die

ökonomisch führenden Länder, in der Spalte

mit schwachen Variablenausprägungen überwiegend

ökonomisch relativ schwache Länder

zu finden sind. Möglicherweise wirkt also

die ökonomische Stärke als eine entscheidende

Hintergrundvariable. Hierfür bieten sich

auch plausible Erklärungen an. In reichen

Ländern können über unmittelbare existentielle

Bedürfnisse hinausgehende Fragen der

Lebensqualität einen größeren Raum einnehmen,

besteht im allgemeinen ein höherer Informationsstand

über komplexe Wirkungszusammenhänge

(wie im Falle von Umweltproblemen)

und existieren größere ökonomische

und finanzielle Spielräume für Kompensationsmaßnahmen

zugunsten des Umweltschutzes.

Der hier vorgenommene Versuch einer Wirkungsbilanz

dürfte die Schwierigkeiten eines

solchen Unterfanges demonstriert, aber zugleich

hinsichtlich der substantiellen Ergebnisse

enttäuscht haben. Absehbare Verbesserungen

der Datenlage werden es erlauben,

künftige Arbeiten auf solideren Boden zu stellen.

Dieter Rucht ist Sozialwissenschaftler und arbeitet

am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung

in Berlin. Zur Zeit erfüllt er eine

Lehrstuhlvertretung für Soziologie unter besonderer

Berücksichtigung Nordamerikas an

der FU Berlin (Hans Joas).

Anmerkungen

' Spärlich sind die Versuche, den Einfluß sozialer

Bewegungen zu konzeptualisieren (vgl. Rucht

1992, Giugni 1994). Bezeichnenderweise wird eher

über das Problem von Wirkungsanalysen räsonniert,

wie es ein Titel zum Ausdruck bringt („Social

movements and political outcomes: Why both

ends fail to naeet", Zimmermann 1990) als daß

versucht wird, sich der Frage empirisch zu stellen.


26 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9. HEFT 4, 1996

Für Ausnahmen vgl. Gamson (1975), Piven/Cloward

(1977), Gurr (1980), Kitschelt (1986), Huberts

(1989), Rüdig (1990) und Midttun/Rucht

(1994).

2

Ebenso spielen hierbei die Massenmedien, Vertreter

der staatlichen Umweltpolitik und die unmittelbaren

Erfahrungen der Bevölkerung eine Rolle. Eine

zweite Ergänzung des Einflußmodells bilden sekundäre

Wirkungsketten. Beispielsweise sind

Wechselwirkungen zwischen öffentlichen und individuellen

Meinungen anzunehmen. Schließlich

wirkt staatliche Umweltpolitik nicht nur vermittelt

über die Behandlung von Umweltproblemen auf

die Umweltbewegung zurück, sondern kann diese

auch durch strategische Maßnahmen, etwa finanzielle

Hilfen, direkt beeinflussen.

3

Daneben ist auch auf die unabhängige Rolle von

sozialen Faktoren hinzuweisen, durch die Umweltprobleme

ohne Einbeziehung des Staates angegangen

werden können (Jänicke 1992: 87).

4

Es handelt sich hierbei jeweils um x-Tausend

mobilisierte Protestteilnehmer pro Million Einwohner.

5

Auf Grundlage verschiedener Eurobarometer-

Umfragen wurde dem Umweltschutz in den 1980er

Jahren ein hoher Rang in Dänemark, Luxemburg,

der Bundesrepublik, ein mittlerer Rang in Italien,

Griechenland, den Niederlanden, Spanien und Portugal

und ein niedriger Rang in Frankreich, Belgien,

Großbritannien und Irland eingeräumt. Grundlage

dieser groben Einstufung sind Mittelwerte von

zwei bzw. drei Umfragen (1983, 1987, 1989), deren

einzelne Ergebnisse bei Hofrichter/Reif (1990:

130) ausgewiesen sind. Auf Basis anderer Fragestellungen

ergeben sich teilweise jedoch etwas andere

Rangfolgen der Länder. Gemäß der MORI-

Umfrage existiert eine relativ hohe Problempriorität

des Umweltschutzes in Luxemburg, Deutschland,

den Niederlanden und Dänemark, eine mittlere

Ausprägung in Belgien, Irland, und Frankreich

sowie eine schwache Ausprägung in Portugal,

Italien, Großbritannien, Spanien und Griechenland.

Nach der zweiten Welle des World Value-

Survey ergab sich auf die Frage nach dem Einverständnis

für Steuererhöhungen zugunsten des Umweltschutzes

eine relativ hohe Zustimmung beispielsweise

in Norwegen, Dänemark, den Nieder­

landen, Großbritannien und den USA, eine mittlere

Zustimmung in der Bundesrepublik Deutschland

(Ost), Finnland, Spanien, Portugal, Italien und

Frankreich sowie eine geringe Zustimmung in der

Bundesrepublik Deutschland (West), Irland und Japan.

Nach dem Healt of the Planet Survey ist der

Anteil von Befragten, die Umweltprobleme „als

wichtiges bzw. sehr ernstes Problem in unserem

Land" ansehen, besonders hoch in der Bundesrepublik

(West) und Kanada, im mittleren Bereich in

Portugal, den USA, Japan und Norwegen sowie

im unteren Bereich in Großbritannien, Irland, den

Niederlanden, Dänemark und Finnland (vgl. Wissenschaftlicher

Beirat 1996).

6

Andere Indikatoren, etwa die Zahl von Parteimitgliedern

oder Rang und Umfang der durch die

Partei besetzten öffentlichen Ämter, könnten ebenfalls

herangezogen werden.

7

Die Reihenfolge: Japan, Niederlande, Luxem­

burg, Schweden, Schweiz, Österreich, Dänemark,

Norwegen, USA, Bundesrepublik Deutschland

(West), Finnland, Belgien, Frankreich, Großbritannien,

Kanada, Italien, Portugal, Irland, Jugoslawien,

Spanien, Griechenland und Türkei (Jänicke

1992).

* AUT: Österreich, BEL: Belgien, CAN: Canada,

DEN: Dänemark, ESP: Spanien, FIN: Finnland,

FRA: Frankreich, GBR: Großbritannien, GER:

Deutschland, GRE: Griechenland, ITA: Italien,

IRL: Irland, LUX: Luxemburg, NEL: Niederlande,

POR: Portugal, SUI: Schweiz, SWE: Schweden,

USA: Vereinigte Staaten von Amerika.

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28 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Christian Lahusen

Interest group politics'?

Eine ländervergleichende Studie zur verbandlichen Arbeit sozialer

Bewegungsorganisationen

1 Einleitung

In der Bewegungsforschung wurde wiederholt

unter den Stichworten der Institutionalisierung

und Professionalisierung über die

Konsolidierung und/oder Etablierung sozialer

Bewegungen diskutiert. Dabei lassen sich

zwei Annahmen herauslesen, die jeweils unterschiedliche

Diagnosen und Bewertungen

beinhalten. Auf der einen Seite werden soziale

Bewegungen als eine eigenständige Institution

der (politischen) Meinungsbildung

und Partizipation, der kollektiven Mitgestaltung

gesellschaftlicher Wirklichkeit angesehen

(Roth 1994; Eder 1994). Die Dauerhaftigkeit

dieses Interaktionszusammenhangs ist

dann in institutionentheoretischer Sicht nicht

nur auf die organisatorische Dimension von

Bewegungsorganisationen und -Sektoren zurückzuführen,

sondern zugleich auf die institutionelle

Dimension gemeinsamer Identitäten

und Diskurse, Masterframes und Deutungsmuster,

die eine symbolische, sinnstiftende

Orientierungs- und Integrationsfunktion

innehaben (Göhler 1994). Die Professionalisierung

sozialer Bewegungen würde dann

auf einen wissenssoziologischen Aspekt der

Generierung eigener Kompetenzen und Fertigkeiten,

Aufgabengebiete und Problemstellungen,

eines eigenen Ethos und Diskurses

professioneller Verantwortlichkeit hinweisen.

Auf der anderen Seite wird Institutionalisierung

als eine Anpassung von Organisations­

und Aktionsformen an Institutionen des politischen

System verstanden, etwa durch die

Hervorbringung 'intermediärer Instanzen' wie

politische Parteien oder Interessenverbände

(Kriesi 1996). Professionalisierung bezieht

sich auf die Strukturierung und Standardisierung

des eigenen Aktivismus entlang etablierter

Professionen, mit ihren Kompetenzen und

Qualifikationen, Fertigkeiten und Ethiken einerseits,

ihren personengebundener Karrieren

und Organisationellen Netzwerken andererseits.

Die Institutionalisierung von Bewegungsakteuren

in Form von Parteien oder Interessenverbänden

impliziert dabei zumeist

auch eine Einführung oder Anwendung 'professioneller'

Arbeitstechniken und Orientierungen,

wobei zweifelsohne soziale Bewegungen

als neuer Handlungskontext und Erfahrungsbereich

auch die Institutionen und

Professionen prägen, denen sie sich (strategisch)

anpassen. Verwandeln sich Umweltverbände

allerdings zu 'pressure' oder 'public

interest groups', so werden sie zumeist nicht

mehr dem Untersuchungsgegenstand der Bewegungsforschung

zugeschrieben (vgl. Eder

1989; Kriesi 1996).

Beide Annahmen müssen dabei nicht unbedingt

im Widerspruch zueinander stehen, da

sich die erste vornehmlich auf Bewegungen

bezieht, während sich letztere doch zumeist

an einzelnen Organisationen orientiert. In

beiden Fällen läßt sich jedoch nicht pauschal

urteilen, wieviel 'Eigenes' und wieviel 'Frem-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 29

des' diese Konsolidierungsprozesse beinhalten.

Der vorliegende Artikel widmet sich Umweltverbänden

und versucht zu klären, inwiefern

sie sich an den Funktionen (Allokation

von Ressourcen, konzertierte Abstimmung

tragfähiger Politiken und Sicherung gesellschaftlicher

Akzeptanz) und Arbeitsformen

(Lobbying, PR, Networking) von Interessenverbänden

strategisch ausrichten. Es läßt sich

dann klarer bestimmen, ob ihnen dieser Schuh

paßt und ob eine Bewegungskomponente als

konstitutives Element ihrer Arbeit und ihres

Selbstverständnisses (noch) auszumachen ist.

So geht es im folgenden weniger um eine Bewertung

der Entwicklungsdynamik der Ökologiebewegung

als vielmehr um einen augenfälligen

Aspekt, der sich am besten durch eine

nähere Beschäftigung mit Umweltverbänden,

ihren Organisations- und Aktionsformen, ihrer

Rolle und Position im Politikprozeß herausarbeiten

läßt, und dies am Beispiel der Luftreinhaitepolitik

im Ländervergleich von BRD,

Frankreich, Großbritannien und den USA.

2 Pol iti kprozesse und Verbandsarbeit

Entsprechend der theoretischen Debatte innerhalb

der sozialen Bewegungsforschung

lassen sich drei verschiedene Faktorensets

nennen, die diese Institutionalisierung und

Professionalisierung sozialer Bewegungen

vorantreiben. Erstens resultieren diese Tendenzen

aus der Entwicklungsdynamik der

Ressourcenmobilisierung selbst. Innerhalb

sozialer Bewegungsindustrien (Zald/McCarthy

1987) gilt ein kompetitiver Überlebenskampf.

Dabei entscheiden nicht nur die Inhalte

und Ziele über den Bestand bestimmter

Organisationen und dem Verfall anderer, denn,

so wird argumentiert, "organizational maintenance"

wird zu einem Selbstzweck und zu

einer Aufgabe rationaler Planung. Insofern

sind auch die richtigen Organisationsstrukturen,

Mobilisierungs- und Managementkom­

petenzen von Bedeutung, die eine 'rationalutilitaristische'

Grundlage der Professionalisierung

und Institutionalisierung sozialer Bewegungen

schaffen. Zweitens bedingen "politische

Gelegenheitsstrukturen" (Tarrow

1991) das Ausmaß und die Form der Institutionalisierung

und Professionalisierung sozialer

Bewegungen, denn sie stecken ab, welche

Formen der politischen Repräsentation und

Interessenvertretung, welche Organisationsund

Aktionsformen, welche professionellen

Fertigkeiten und Zirkel überhaupt realisierbar

und erfolgreich sind. Institutionalisierung

und Professionalisierung ist demnach eine

Frage der strategischen Anpassung an kompetitive

Märkte einerseits, an politische Gelegenheitsstrukturen

andererseits. Diese Strategien

werden drittens durch die Identitäten

und Diskurse der sozialen Bewegungen vermittelt,

wodurch 'realistische' Strategiediskussionen

stets unter dem Aspekt 'moralischer'

Legitimitätsdiskurse stattfinden. Formen und

Möglichkeiten der Institutionalisierung und

Professionalisierung sozialer Bewegungen

werden innerhalb dieser (spannungsreichen)

Faktoren festgelegt; denn was von Mobilisierungsgesichtspunkten

aus sinnvoll wäre,

muß nicht innerhalb der politischen Gelegenheitsstrukturen

möglich bzw. vom Standpunkt

der Bewegungsprogramme und -identitäten

denkbar oder wünschbar sein.

Umweltverbände orientieren sich an den

Funktionen und Arbeitsformen 'intermediärer

Instanzen' (strategisch) und passen sich

an diese an, wodurch eine bevorzugte Berücksichtigung

politischer Gelegenheitsstrukturen

unverzichtbar sein wird. Allerdings wird

die Institutionalisierungs- und Professionalisierungsannahme

nur bruckstückhaft erfaßt,

wenn in der üblichen Konzeptionierung von

Gelegenheits- oder Chancenstrukturen verfahren

wird. Gegen die allzu starke Ausrichtung

an Staatlichkeit (Tarrow 1996) läßt sich dann


30 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

nicht nur anführen, daß neben dem politischen

Kontext auch ein sozialer und kultureller

Kontext von entscheidender Bedeutung ist

(Rucht 1996). Vielmehr besitzt Politik eine

komplexe Binnenstruktur, die sich nur erfassen

läßt, wenn eine politologische und soziologische

Forschungsdebatte aufgenommen

und miteinander verschränkt wird.

Bezieht man Erkenntnisse der Policyforschung

ein (Windhoff-Heritier 1987), so kann

darauf hingewiesen werden, daß die Binnenstruktur

von Politik erst ganz zutage tritt,

wenn man nicht Strukturen des politischen

Systems, sondern Prozesse des 'policy-making'

in den Vordergrund schiebt. Politikprozesse

umschließen eine Reihe von Aufgabengebieten

und Zuständigkeiten, die im Sinne

der soziologischen Differenzierungsthematik

verschiedene gesellschaftliche Institutionen

und Professionen einbinden. Politikpozesse

integrieren (wissenschaftliche) Problemdefinition

und (massenmedial gestütztes) Agenda-setting,

(politische) Programmformulierung,

(technische) Normierung, (rechtliche)

Festschreibung und Validierung, (bürokratisch-technische)

Programmspezifizierung

und Implementation. Selbst im Falle einer

'rein politischen' Interessenvertretung und

-abstimmung eröffnen sich verschiedenste

Anforderungen an verbandliche Arbeit. Das

betrifft zuallererst die Erfolgsbedingungen

politischer Einflußnahme, die gerade auf einen

'vor-' und 'nach-'politischen Raum der

Problemdefinition und 'technischen' Beratung,

der Rechtssprechung und administrativen

Implementation verweisen - und auf die

sich Bewegungsakteure (neben einer explizit

politischen Interessenvertretung) gleichzeitig

strategisch einzustellen versuchen. Hierdurch

öffnet sich die Verbandsarbeit für die jeweiligen

symbolischen Geltungsansprüche nach

(technisch-wissenschaftlichen) Wahrheiten

und (politischen) Mehrheiten, (moralischen)

Imperativen und (ökonomischer) Verhältnismäßigkeit,

nach (administrativer) Effizienz

und Praktikabilität.

3 Der Ländervergleich

Die Policy- und Netzwerkanalyse bilden den

Startpunkt der Untersuchung, weil diese versuchen,

durch die Orientierung an Politikprozessen

die Fixierung auf institutionelle Politik

aufzugeben und die Verschränkung verschiedener

gesellschaftlicher Teilbereiche,

Interessen und Rationalitäten zu erschließen.

Die Netzwerkanalyse wird dabei in einen neoinstitutionalistischen

Ansatz eingebunden

(Powell/DiMaggio 1991), der die übliche Fixierung

auf interorganisationelle Tauschbeziehungen

und entsprechende Netzwerkstrukturen

aufgibt. Es wird argumentiert, daß den

Politikprozessen institutionelle Regeln und

Normen zugrunde liegen, daß Politik zudem

bestimmte professionelle Gemeinschaften systematisch

in ein System der professionellen

Arbeitsteilung einbindet, und daß Politik auf

spezifische politische Leitideen und ordnungsrechtliche

Prinzipien baut (Münch et al.

1996). Die Institutionalisierungsannahme verweist

nicht nur auf eine organisatorische Ausrichtung

der Verbände auf Strukturen und Entwicklungsdynamiken

der Politikprozesse,

sondern bezieht sich auf eine institutionelle

Ausrichtung auf politische Regeln, Normen

und ordnungspolitische Leitideen, die sinnstiftend

und handlungsorientierend sind.

Der Ländervergleich bemüht sich demnach

um die Charakterisierung nationaler Politiktypen

und -stile, innerhalb derer Umweltverbände

stets unabdingbarer positioniert werden,

je mehr sie sich darauf organisatorisch

und institutionell einstellen. Der komparativen

Perspektive ist dabei zweifelsohne eine

gewisse Überzeichnung eigen. Denn in jedem

Land etabliert sich ein neo-korporatistisches


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 31

'iron-triangle' zwischen Exekutive, Legislative

und Industrieverbänden, die durch die

Beteiligung entsprechender Professionen mit

wissenschaftlich-technischem Sachverstand

unterfüttert und durch formale Anhörungsund

Widerspruchsverfahren Prozeduren der

Legitimierung beinhalten, die oft im Widerspruch

mit Effektivitäts- und Effizienzerfordernissen

des administrativen Apparates stehen.

Der komparativen Intention entsprechend

soll jedoch darauf aufmerksam gemacht

werden, daß Institutionalisierungs- und

Professionalisierungstendenzen typische Formen

annehmen (so relativ die Unterschiede

auch im Hinblick auf die Gemeinsamkeiten

sein mögen), die sich in ihrer Entwicklungsdynamik

nur durch die spezifischen Strukturmerkmale

der nationalen Politikprozesse hervorheben

lassen. Schließlich sind die folgenden

Ausführungen, dem qualitativen Charakter

der Untersuchung entsprechend, als Interpretationen

und Deutungen der behandelten

Daten (Dokumente und Interviews) zu verstehen,

die noch explorativ und vorläufig sind.

3.1 Frankreich

In Frankreich ist Politik durch etatistische

Strukturmerkmale geprägt (Borgards 1996)«-

Damit ist zum einen gemeint, daß sich politische

Entscheidungsverfahren auf hierarchisch-zentralistische

Strukturen gründen,

wodurch Politik eine Sache des etatistischen

Gestaltungsauftrags, der besonderen Verantwortung,

Kompetenz und Legitimität der politischen

Entscheider wird. Gerade auch für

die Umweltpolitik gilt, daß nationale Politik

mehr ist als die Summe aller lokalen Politiken,

damit auch mehr leisten muß, als auf die

Summe aller lokalen Interessen und Forderungen

einzugehen. Denn nationales Interesse

und Allgemeinwohl können erst durch Extrapolation

durch die Staatsspitze und ihre

technokratischen Beratungseliten ermittelt

werden. Das heißt auch, daß Umweltpolitik

in größere Zusammenhänge (etwa Wirtschafts-

und Energiepolitik) positioniert werden

muß, Ministerien entsprechend der ernannten

Minister und ihrer jeweiligen Position

im Kabinett einen eigenen Raum für politische

Betätigung erhalten. Die Vielzahl von

Gesetzen und Erlassen, neuen Initiativen und

Projekten, die die französische Umweltpolitik

ausmachen, verdeutlicht, daß dieser Spielraum

von den Ministern als Entscheider auch

genutzt wird, was für die relative Eigenständigkeit

der nationalen Programmformulierung

spricht. Letztere bezieht sich - so wird auch

von Interviewpartnern argumentiert - weniger

auf die Implementationspraxis und politische

Realitäten vor Ort als auf die Staatsspitze

und ihre nationalen Eliten im allgemeinen,

auf die Profilierungsbestrebungen

politischer Persönlichkeiten im besonderen.

Die nationalen und regionalen Ebenen sind

jeweils trennscharf für die Politikformulierung

und Implementation zuständig, was eine

'doppelte Legalität' heraufbeschwört. Politikformulierung

wird nach Maßgabe nationaler

Agenden betrieben, während die einzelnen

Genehmigungsverfahren von konkreten Kräfteverhältnissen

und Verhandlungsprozessen

vor Ort abhängig sind. Allerdings ist auch die

Implementation nach zentralistisch-hierarchischen

Strukturen organisiert, da in den einzelnen

Regionen Präfekten als Repräsentanten

des Zentralstaates die Leitlinien der regionalen

Umweltpolitik prägen und als letztliche

Entscheider bei Genehmigungsverfahren

fungieren.

Die herausragende Position der 'decideur' auf

beiden Ebenen kollidiert zunächst mit dem

Konzertationsprinzip, da Entscheidungen

letztlich anhand etatistischer, administrativpolitischer

Agenden gefällt werden - auch oft

gegen Übereinkünfte mit beteiligten Verbän-


32 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

den. Dies führt zu parallelen, informellen Kontakten

und Verhandlungen auf der jeweils höheren

Ebene, so daß die doppelt hierarchische

Struktur eine horizontale Vernetzung von

Staat und Gesellschaft auf der Grundlage

technokratischer Eliten forciert, die die eigentlichen

Gremien der Konzertierung (bspw.

den Conseil Superieur des Installations Classes)

und der 'technischen, sachverständigen

Beratung' (bspw. der Agence de l'Environnement

et de la Maitrise de l'Energie) als

bloße Entscheidungshilfen funktionalisieren.

Diese Strukturen des Politikprozesses benachteiligen

Umweltverbände mehrfach (Borgards

1996). Auf der lokalen Ebene existieren (je

nach Umweltproblemen, ökologischer Sensibilität

und Mobilisierung) eine Reihe von Initiativen,

die bei konkreten Planungs- und

Genehmigungsverfahren durchaus erfolgreich

sein können. Auch nationale Verbände beteiligen

sich an diesen lokalen Verfahren, nicht

zuletzt durch öffentliche Mobilisierungen und

gerichtliche Klagen (bspw. Amis de la Terre).

Allerdings berichten Aktivisten, daß neben

vereinzelten lokalen Erfolgen eine generelle

Politikveränderung nicht zu erwirken ist, solange

bei konkreten Genehmigungen allzu oft

Ausnahmeregelungen erteilt und Sanktionen

ignoriert werden, Vollzugsdefizite also durch

einen fehlenden politischen Willen unberücksichtigt

bleiben.

Auf der nationalen Bühne treten wenige Verbände

auf (hier insb. France Nature-Environnement,

Amis de la Terre, auch Greenpeace

und Bulle Bleue), die z. T. formell in die

Konsulationsprozesse eingebunden werden,

auf die informellen Verhandlungen und Absprachen

jedoch kaum Einfluß ausüben können.

In die Formulierung und Implementation

der Umweltpolitik ist zudem das Industrieministerium

wesentlich deutlicher eingebunden,

als das in den anderen Länder der Fall

ist, wodurch die Umweltagenda eine generell

geringere Bedeutung erhält. Zudem wird die

Umweltbewegung von den meisten am Politikprozeß

beteiligten Akteuren als ein eher

lokales Phänomen angesehen, wodurch ihnen

oftmals implizit die Legitimation abgesprochen

wird, nationale Belange zu repräsentieren

und in ihrem Namen gesamtgesellschaftlich

zu mobilisieren.

In dieser Situation ist es bezeichnend, daß

die interviewten Verbände (Amis de la Terre,

Bulle Bleue) auf Distanz zu den grünen Parteien

und ihrem schlechten Image gehen. Sie

betonen vielmehr ihre Unabhängigkeit und

Überparteilichkeit, also den rein verbandlichen

Charakter ihrer Arbeit. Als sachverständige

Advokaten geht es ihnen vornehmlich

um eine ökologische Interessenvertretung gegenüber

Parteien und Parlament, Wissenschaft

und Öffentlichkeit.

3.2 Großbritannien

In Großbritannien können der Kompromiß -

und dem zugrunde liegend - eine komplexe

Konsultationspraxis als Strukturierungsprinzip

des Politikprozesses angesehen werden.

Zweifelsohne spielt das Department of the

Environment als 'Super-Ministerium' und die

nachgeordnete Umweltbehörde Her Majesty's

Inspectorate of Pollution eine zentrale Rolle

in der Politikformulierung und Implementation,

die durch eine Reihe von Foren der Konsultation

neo-korporative Verbindungen zu

den dominanten Industrieverbänden und -unternehmen

aufbauen (Kurth 1996). Dieses

Konsultationssystem schafft somit eine Verschränkung

von Staat und Gesellschaft, da es

eine 'freiwillige Selbstbeschränkung' des

staatlichen Gewaltmonopols verspricht und

dadurch auf ein ausgedehntes Netz von Verbänden

und Vereinigungen, gesellschaftlichen

Trägergruppen und Interessen zurückgreifen


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 33

kann. Dies hängt damit zusammen, daß eine

generalisierte Verrechtlichung von Politik in

Form von Verordnungen und Richtlinien,

Grenzwerten und technischen Normen in diesem

Land als unpraktikabel und sinnlos erscheint,

denn es würde ja gerade von den situativen

Bedingungen und konkreten Interessenkonstellationen

abstrahieren, in denen

Probleme auftreten und Lösungen anhängig

werden. Sich wandelnde Situationen und jeweils

partikulare Interessen können in einem

komplexen System gegenseitiger Konsultationen

jedoch fruchtbar zur Anwendung kommen,

wodurch der Kompromiß als Entscheidungsform

und die Praktikabilität als Entscheidungskriterium

zu entscheidenden Leitideen

der Politik werden. Politik orientiert sich

dann nicht an allgemeinen Wahrheiten und universellen

Regeln, sondern fragt nach den praxisrelevanten

Spezifika, die sich als gesichertes

Wissen und praktische Erfahrungen aktivieren

lassen. Die konkrete Kompromißfindung

praktikabler Lösungen wirkt dann integrativ

insofern, als die Teilnahme am Konsultationsprozeß

die Akteure zugleich auf den gemeinsamen

Entscheidungsfindungsprozeß und die

möglichen Ergebnisse sozial verpflichtet. Dieser

Politikstil ist, trotz größerer politischer und

institutioneller Veränderungen 1

, dennoch als

unterschwelliges Strukturmerkmal erhalten geblieben

(Kurth 1996; Richardson 1993).

Insofern, als Partizipationschancen nicht formell

eingeklagt werden können, sondern sozial

erwirkt werden müssen, konstituiert sich

Politik entlang eines komplexen, aber geschlossenen

Netzwerkes. Die älteren Naturschutzverbände

(bspw. Council for the Protection

of Rural England) sind bereits weitreichend

institutionell involviert, während die

neueren Verbände (Friends of the Earth und

Greenpeace) nur punktuell an den Konsultationen

beteiligt sind. Insbesondere bei Greenpeace

liegt das auch an der bewußten Orien­

tierung an Medienkampagnen und konfrontativen

Aktionen.

Das Chrakteristische an der verbandlichen Interessenvertretung

ist, daß die Versuche einer

Einflußnahme auch auf die Sicherung sozialen

Kapitals hinausläuft. Um als Gesprächspartner

involviert zu werden, kommt es nicht

nur auf das Macht- und Drohpotential sowie

auf die Legitimität der eigenen Forderungen

und Programme an, sondern auch auf die relevanten

Kenntnisse und Erfahrung, die gesellschaftliche

Anerkennung und die Reputation

der Verbände. Viele Beratungs- und Konstultationsgremien

bemühen sich nämlich um

eine Rekrutierung von 'eminent personalities',

gerade wenn es um die Einbindung gesellschaftlicher

Kreise geht. So rekrutieren oder

bringen Umweltverbände bewußt ihre eigene

Prominenz hervor (Grove-White 1994: 194).

Umweltverbände können dann ihrerseits einen

eigenen Bereich von Themen und Fertigkeiten

reservieren, der einen Zugang zum administrativen

Apparat eröffnet, zugleich aber auch zu

ganz eigenen Professionalisierungstendenzen

führt. So beginnen einzelne Verbände ihren

Namen und ihre anerkannte Expertise auch in

Form von unabhängigen 'Consultancies' im

Bereich der Umweltverträglichkeitsprüfungen

zu nutzen (Kurth 1996; Yearley 1992).

3.3 Bundesrepublik Deutschland

Für den deutschen Fall wird oft von einem

Konsensmodell gesprochen, das sich zumeist

an der konzertierten Abstimmung von Politiken

festmachen läßt. Der Staat versteht sich

zwar als Sachverwalter eines Gemeinwohls

im allgemeinen und das Umweltministerium

als Advokat der Umwelt im besonderen. Dennoch

bindet das Ministerium (und die nachgeordneten

Umweltbehörden) die betroffenen

Kreise systematisch in die Programmformulierung

und Implementation mit ein, wobei


34 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

unter betroffenen Kreisen zumeist die von der

staatlichen Regulierung betroffenen Kreise,

im Falle der stationären Quellen die Betreiber

und Unternehmen gemeint sind. Auf der

Basis dieser konzertierten Abstimmung etabliert

sich ein "Genehmigungskartell" (Stark

1996) mit deutlich neo-korporativen Merkmalen.

Insofern, als die deutsche Luftreinhaltung

verstärkt auf ordnungsrechtliche Instrumente

des "command & controll" setzt, wirken

diese neo-korporativen Strukturen als

eine Vermeidung von Vollzugsdefiziten, die

durch gerichtliche Klagen und betriebliche

Widerstände ausgelöst werden könnten.

Dieses Konsensmodell kann institutionell jedoch

nur bestehen, wenn es sich gegenüber

dem tagespolitischen Geschäft als auch gegen

den demokratischen Wettbewerb immunisiert

und sich statt dessen auf 'objektiven'

Sachverstand gründet. Die eigentlich zentralen

Aspekte der Luftreinhaltepolitik betreffen

nämlich nicht das Bundesimmissionsschutzgesetz,

das in seinen Zielen und Begrifflichkeiten

sehr allgemein bleibt, im übrigen

aber auf den Verwaltungsvorschriften und

-Verordnungen einerseits, auf den Stand der

Technik andererseits verweist. In diesen Bereichen

werden, sowohl bei der Politikformulierung

als auch bei der Implementation,

Fachbeamte (bspw. in den Ministerien und

beim Länderausschuß für Immissionschutz)

und Techniker (bspw. bei der 'Kommission

Reinhaltung der Luft' des Vereins Deutscher

Ingenieure und bei den Genehmigungsbehörden)

von zentraler Bedeutung. Dieser Sachverstand

wird also von spezifischen Professionen

verwaltet und erlaubt es, einen politikrelevanten

Konsens treuhänderisch zu formulieren,

der nicht nur die Politikpraxis durch

Gutachten und Vorschläge, professionelle Orientierungen

und Kontakte vorstrukturiert und

determiniert, sondern gleichsam diese Politikpraxis

auf das Prinzip einer sachlichen

Konsens- und Synthesefindung zu verpflichten

strebt.

Für die befragten Umweltverbände (BUND,

BBU und Greenpeace) wird demnach die Beteiligung

an dieser Konsensfindung zu einer

immer wichtigeren Option (Stark 1996). Dies

entspricht auch handelsüblichen Lobby-Techniken,

die in einer 'technischen' Beratung und

'sachlichen' Mitarbeit im 'vor-' und 'nach-'

politischen Raum ein entscheidendes Mittel der

Interessenvertretung sehen. Damit wird die Sicherung

des benötigten Sachverstands und eines

entsprechenden professionellen Habitus zu

einer zentralen Aufgabe verbandlicher Arbeit -

unabhängig davon, ob das vornehmlich intrinsisch

oder strategisch motiviert ist. Dies geschieht

entweder durch die Einholung von Gutachten

und Expertisen von unabhängigen und

angesehenen Forschungsinstituten (bspw. von

Greenpeace), durch die Einrichtung ständiger

Arbeitskreise (etwa am Beispiel von BUND)

und/oder die Mobilisierung und Koordinierung

von Mitgliedern (im Falle vom BBU), über die

diese professionelle Qualifizierung, Kontaktaufnahme

und institutionelle Einbindung dann laufen

kann. Immer wird hierdurch die eigene Interessenvertretung

auf einen sachlichen Geltungsanspruch

gegründet, sowohl was die Lobbying-Arbeit

als auch was die öffentlichen Kampagnen

betrifft. Es gilt, Politik und Verwaltung,

Betreiber und Öffentlichkeit mit Argumenten zu

überzeugen und die Politik dann auch auf eine

sachliche, damit politisch 'un-interessierte', objektive

Grundlage zu stellen.

3.4 Die Vereinigten Staaten

von Amerika

Für die USA wurde wiederholt von einem pluralistischen

Wettbewerb ausgegangen, der

sich auf alle Aspekte des Politikprozesses erstreckt

(Jauß 1996). Das gilt bereits für den

Staatsaufbau, wo das System der 'checks and


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 35

balances' zwischen Bund und Ländern einerseits,

zwischen Judikative, Exekutive und Legislative

andererseits eine Vielzahl ineinander

verschränkter Institutionen und Bühnen etabliert,

die sich bei der Problemdefinition, Programmformulierung

und Implementation gegenseitig

kontrollieren sollen. Charakteristisch

ist an diesem System auch die explizite Orientierung

an der Öffentlichkeit. Bei der Gesetzgebung,

Rechtsprechung und Genehmigungspraxis

soll die Transparenz von Entscheidungsverfahren

und -ergebnissen gerade dadurch gesichert

werden, daß gesellschaftlichen Akteuren

eine allgemeine Beteiligung formal garantiert

wird. Neben der Judikativen versteht die Legislative,

aber auch die Exekutive ihre Aufgabe in

der Wahrung dieser verbrieften Rechte. Das gilt

insbesondere für die Umweltbehörde Environmental

Protection Agency, die die Spezifizierung,

Umsetzung und Kontrolle der umweltpolitischen

Vorgaben innehat. Hat diese nämlich

einen politischen Gestaltungsauftrag, der präzise

und ehrgeizig formuliert ist, so muß sie in

ihrer Arbeit bei der Einholung, Bewertung und

Berücksichtigung aller Stellungnahmen, Einwendungen

und Forderungen vollends unparteiisch

vorgehen - ein Anspruch, der gerade

durch eine Reihe von Klagen formell kontrolliert

und durch eine Reihe von institutionellen

Verfahren eingelöst werden soll.

In dieser Hinsicht ergibt sich eine Strategie

politischen Handelns, die sich entgegengesetzt

zum deutschen Fall verhält. Dort wurde

der Kreis der beteiligten Akteure mit Hinweis

auf eine treuhänderische Konsensfindung eingeschränkt,

dieses Verfahren durch den sachverständigen

Diskurs legitimiert. Hier gründet

sich die politische Entscheidungsfindung

auf einer öffentlichen Partizipationsgarantie,

die nicht nur legitimatorische Funktionen innehält,

sondern auch Sachverstand mobilisieren

soll. Was in den anderen Ländern als Fixpunkte

politischer Entscheidungsfindung gilt,

verflüchtigt sich hier unter den Bedingungen

öffentlichen Wettbewerbs, sobald die konfligierenden

Stellungnahmen und Geltungsansprüche

innerhalb einzelner Professionen wie

auch zwischen diesen in den Politikprozeß

eingebracht werden. Der Wettbewerb untergräbt

dann gerade die Möglichkeiten einer

konsensuellen Politik, weil er die Interessenneutralität

professioneller Expertise in Frage

stellt. Andererseits verflüchtigt sich das gestalterische

Monopol des Staates, denn gesellschaftliche

Akteure haben die Chance, staatliche

Entscheidungen in Frage zu stellen oder

zu blockieren. So hat sich denn auch eine Praxis

informeller Konsultationen und Schlichtungen

parallel zu den obigen, formellen Entscheidungsverfahren

etabliert, um das Problem der

Ressourcenknappheit der Behörden sowie der

Blockierung der Entscheidungsfindung zu

überwinden (Jauß 1996). Die Verfahren der „regulated

negotiation" (bspw. Mediation) versuchen

diese informelle Praxis wieder institutionell

einzubinden und (legitimatorisch) zu kontrollieren

- die informellen Verhandlungen haben

sie als entlastendes (sub-) institutionelles

Element der Politik nicht ersetzen können.

Alle staatlichen und verbandlichen Akteure

haben den Umweltverbänden eine große Bedeutung

in der US-amerikanischen Luftreinhaltepolitik

zugesprochen - zumindest für die

70er und 80er Jahre, denn seit den 90er Jahren

dominiert auch in diesem Land eine Standort-

und Deregulierungsdebatte. Umweltverbände

vermochten korporatistische Strukturen

zu unterlaufen und die ehrgeizigen Zielsetzungen

der Politik mitzugestalten. Hier

muß allerdings auch die günstige, politische

Gelegenheitsstruktur und die zugrunde liegende

Öffentlichkeitsorientierung einerseits,

andererseits der pragmatische Aktionismus

der US-amerikanischen Politik genannt werden,

dem auch ein gewisses Prinzip des 'justdo-it'

entspricht. Allerdings bedeutete diese


36 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Stärkung der umweltpolitischen Agenda keinesfalls

einen 'Netto-Erfolg', da viele Ziele

unpraktikabel waren und andere Interessengruppen

diese Politik zugleich erfolgreich

(gerichtlich, politisch, wissenschaftlich) ausbremsen

konnten (Vogel 1986) - was für republikanische

Politiker Grund genug für einen

generellen Angriff auf staatliche Steuerungsversuche

war.

Politikdefizite werden demnach gerade durch

den pluralistischen Wettbewerb generiert, der

paradoxerweise dem Erfolg der Umweltbewegung

mit zuzuschreiben ist. Für die Verbandsarbeit

stellte diese Situation erhöhte Anforderungen,

die gerade in die Professionalisierung

der Aufgabengebiete und Arbeitsformen (Lobbying

und PR, Fund-raising und Mitgliederwerbung,

Projektmanagement und Geschäftsführung)

mündete (Lustig/Brunner 1996), was

zu einer gewissen Strukturierung und Standardisierung

des Verbandssystems zu führen

scheint.

Für viele der Addressaten traten Umweltverbände

immer stärker in den Chor der vielen

beteiligten Interessengruppen ein, die sich bei

formellen Anhörungen und informellem Lobbying

die Klinke in die Hand geben. Zugleich

führte die Institutionalisierung zu einer stetigen

Beteiligung an den informellen Verhandlungen

vor Ort, die nicht nur kompetitive Interessenkämpfe

entschärfte, sondern die verbandliche

Arbeit auch vereinfachte. Daneben

haben sich aber auch vielfältige Kontakte zwischen

Interessengruppen der Industrie und

Umweltbewegung ergeben, die 'unnötige' Konflikte

und Auseinandersetzungen zu vermeiden

suchen, punktuell kooperative Strategien

der Problemlösung konfrontativen Konflikten

vorziehen und die verbandliche Arbeit gleichzeitig

entlasten sollen.

4 Interessenvertretung und

kollektives Handeln

Die vorangegangenen Ausführungen legen

nahe, daß sich die beschriebenen Bewegungsorganisationen

im Politikprozeß der einzelnen

Länder (strategisch) positionieren, dadurch

aber entsprechende institutionelle Voraussetzungen

erfüllen müssen, die sie graduell

in das bestehende Verbandssystem einbinden

und damit in Richtung einer 'interest

group politics' bewegen. Die Professionalisierung

der Umweltverbände in den Aufgaben-

und Arbeitsbereichen des Lobbyings, der

Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, des Projektmanagements

und der Geschäftsführung

führen zugleich zu einer stetigen Strukturierung

und Standardisierung der verbandlichen

Arbeit von Bewegungsorganisationen, die

nicht zuletzt einen integrierten Arbeitsmarkt

schafft, durch den sich den 'Profis' verschiedenste

Verbände als mögliche Arbeitgeber eröffnen.

Die verbandliche Strukturierung sozialer Bewegungsorganisationen

erscheint allerdings

paradox, wenn die Entwicklung der Umweltpolitik

insgesamt berücksichtigt wird. Zum

einen wurde bereits darauf hingewiesen, daß

sich Partizipationschancen und Einflußmöglichkeiten

verschlechtern. Zum anderen sind

die Möglichkeiten einer politischen Steuerung

selbst rückläufig, insofern als staatliche Politiken

dereguliert, 'flexibilisiert' oder gar

durch Selbstverpflichtungen verhindert werden.

Hier scheint sich anzudeuten, daß die

beschriebene Institutionalisierung und Professionalisierung

(jenseits 'objektiver' Gelegenheitsstrukturen)

eine gewisse Eigendynamik

entwickeln, sobald bestimmte institutionelle

Orientierungspunkte und professionelle Gemeinschaften

in die Organisationelle Arbeit

der Umweltverbände eingebracht werden.


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 3/

Obgleich sich diese Tendenzen gerade vor

dem Hintergrund der untersuchten Politikprozesse

empirisch beobachten lassen, kann jedoch

keinesfalls davon gesprochen werden,

daß sie Strukturen und Entwicklungsmuster

der Ökologiebewegung im allgemeinen, der

behandelten Umweltverbände im besonderen

vollständig widerspiegeln. Erstens ist den Verbänden

die systematische Einbindung in die

Umweltpolitik verwehrt, und in jüngster Zeit

deutet sich sogar eine Verstärkung neo-korporativer

'iron-triangles' an. Die Funktionen

intermediärer Instanzen wollen und können

sie damit gar nicht ausüben. Zweitens sind

Umweltverbände für ihr Überleben auf politische

Mobilisierung angewiesen, wodurch

ein genuiner Bewegungsaspekt ihrer Arbeit

erhalten bleibt. Hiermit ist nicht so sehr die

Allokation von Ressourcen für die verbandliche

Arbeit gemeint, sondern die Aktivierung

und Koordinierung kollektiven Handelns, wie

sie sich in der öffentlichen Kampagnenarbeit

und den entsprechenden Mitglieder- und Aktionsnetzwerken

zeigt, auf die diese Organisationen

ihre Arbeit noch deutlich gründen.

Drittens bleiben politische Interessenvertretung

und die damit anvisierten Politiken nur

ein Instrument der Erreichung eines übergeordneten

Zieles, nämlich sozialen Wandels

insgesamt. Wissenschaftliche Erkenntnisse

und öffentliche Aufklärung, neue Produktionsformen

und Konsumgewohnheiten sind da

weitere, alternative Strategien der Problembewältigung

(Wapner 1995; Beck 1994). Soziale

Bewegungen im allgemeinen, einzelne

Bewegungsorganisationen im besonderen differenzieren

ihren Aktivismus deshalb auch

zunehmend zwischen institutioneller Politik

und zivilgesellschaftlicher Mobilisierung,

wissenschaftlicher (Gegen-)Expertise und

ökonomischer Rationalität. Protestzyklen und

Kampagnen fungieren dann zumeist als "multisektorielle

Mobilisierungsprozesse" (Dobry

1992), die Politik, Moral, Wissenschaft, Öko­

nomie und 'private' Lebenswelten miteinander

verschränken und dadurch anti-institutionelle

Irritations- und Lernpotentiale bergen,

die gesellschaftlichem Wandel zuträglich sind

(Friedland/Alford 1991). Allerdings bleibt abzuwarten,

inwiefern die verbandliche Redefinition

sozialer Bewegungsorganisationen

eine Funktionalisierung dieser anderen Arbeitsbereiche

für eine rein politische Interessenvertretung

zur Folge haben wird.

Christian Lahusen ist promovierter Soziologe

und arbeitet an einem laufenden Forschungsprojekt

von Prof. Richard Münch an

der Uni Düsseldorf über die Luftreinhaltepolitik

in der BRD, Frankreich, Großbritannien

und den USA mit.

Anmerkung

1

So hat die europäische Gesetzgebung (insb. seit

dem Environmental Protection Act von 1990, durch

die die europäischen Vorgaben ratizifiert und in

britisches Recht überführt wurden) die Umweltpolitik

auf formelle Verfahren und verbindliche Grenzwerte

ausgerichtet. Zugleich ist auch unter der

Thatcher-Administration offenkundig die Konsultationspraxis

im Namen eines autoritativen Gestaitungsmonopols

des Staates massenhaft aufgekündigt

worden.

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Christian Krüger

Greenpeace

Politik der symbolischen Konfrontation

Als Greenpeace auf die politische Bühne trat

- in Nordamerika Anfang der siebziger, in

Deutschland Anfang der achtziger Jahre -,

zeigte die Gruppe bereits ein sicheres Gespür

für die Wandlungen, denen im Zeitalter der

Medialisierung und Globalisierung die Bedingungen

oppositionellen Handelns unterliegen.

Die Greenpeace-Aktivisten spürten, daß

ihr Eingreifen überhaupt nur dann Wirkung

und Bedeutung haben konnte, wenn sie den

Konflikt mit Mächtigen in einer Form austragen

würden, die ihm Präsenz in den Massenmedien

sicherte, statt ihn in eigenen Medien

einem kleinen Kreis von Überzeugten zu

präsentieren. Greenpeace ist die erste Gruppe,

die - von außerhalb des etablierten Machtgefüges

operierend - ihre politische Strategie

von Anfang an ganz und gar darauf abgestellt

hat, in den Massenmedien präsent zu

sein und über diese Präsenz vermittelt die Organisationsziele

durchzusetzen.

Durch diese Orientierung unterscheidet sich

Greenpeace grundlegend von den sozialen

Protestbewegungen der siebziger und achtziger

Jahre, zu deren Teilerben die Organisation

in Deutschland gehört. Deren Tiefenwirkung

in der Gesellschaft und gerade auch hinsichtlich

des Umweltschutzes ist unverkennbar

- für eine auf die Massenmedien abgestimmte

Strategie aber hatten die Beteiligten

in ihrer großen Mehrheit, teils schon von ihrer

gänzlich anderen Ziel- und Motivlage her,

keinen Sinn. Dazu waren die einen zu sehr

an Selbstverwirklichung und Milieuaufbau

orientiert, die anderen auf die Probleme vor

Ort fixiert und den traditionellen Mitteln der

Bürgerbewegung verhaftet. Eine gar nicht so

kleine dritte Richtung aber, unter einer intellektuell-rationalistischen

Prämisse, war

grundsätzlich massenmedienkritisch und in

ihrer radikalen Kritik der sozialen Verhältnisse

politikunfähig.

Seit der Gründung hat Greenpeace sich zu

einer Politik der symbolischen Konfrontation

bekannt - als Mittel, die umweltpolitischen

Ziele und den zugrundeliegenden moralischen

Impuls gesellschaftlich wirksam werden zu

lassen. Wie auf diese Weise Politik gemacht

wird, hat Murray Edelman bereits in den sechziger

Jahren in seinem Buch Politik als Ritual

vorgetragen. Greenpeace ist also in dieser

Hinsicht nichts Besonderes. Was freilich die

Organisation vor anderen politischen Kräften

auszeichnet, ist, daß sie sich zur symbolischen

Politik offen bekennt, diese mit besonderem

Geschick einsetzt - und daß sie sich

der Form von unten her gegen etablierte, umweltzerstörerische

Mächte bedient.

1 Aktion

Unter organisationsstrategischem Aspekt ist

die Aktion eine Kommunikationsleistung ersten

Ranges. Die Aktion - nicht die Presseer-


40 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

klärung oder die wissenschaftliche Expertise

- ist das charakteristische Ausdrucksmittel

von Greenpeace und die von der Organisation

bevorzugte Weise, Öffentlichkeit herzustellen

- Öffentlichkeit für ein bestimmtes

Thema, aber natürlich auch für die Organisation

selbst. Die Aktion als Form ist nichts Neues:

ein ethisch begründeteter Akt des Widerstandes

gegen einen Eingriff, der in dazu passender

moralisierender Diktion, etwa als "Umweltfrevel",

eingeschätzt und benannt wird.

Dieses gesinnungsethische Moment ist auch

bei Greenpeace stark präsent - doch ist nicht

dieser Zug das Greenpeace-Spezifische, sondern

seine Einbindung in eine politische Strategie:

Die "Aktion" ist das Transportmittel,

mit dem ein Interessenkonflikt in den öffentlichen

Raum gebracht wird.

Die zur öffentlichen Praxis der Organisation

gehörige konzeptionelle Schrittfolge läßt sich

in drei Sätzen skizzieren: Wahrheit muß

scheinen, ja inszeniert werden, wenn man als

Akteur im öffentlichen Raum wahrgenommen

werden möchte und etwas bewegen will - sie

wird dadurch nicht weniger wahr, sondern

wirksam. Sozialer Druck ist nur via Medien

zu entwickeln - nicht durch eigene, sondern

allein über die Präsenz in den von den Massen

konsumierten. Die Konfrontation muß einem

Lehrstück ähnlich angelegt sein - und

so, daß die Medien schon aus Eigeninteresse

darüber berichten.

Unter dem Gesichtspunkt der Kommunikationsgestaltung

ist die Aktion wesentlich als

Installation eines lebenden Bildes zu verstehen.

Die Dramaturgie ist so genial wie einfach:

Objekt, Gegner, Aktionsträger (Greenpeace)

werden so arrangiert (realiter wohlgemerkt),

daß das Bild als Botschaft fungiert.

Wo einst das Schlagwort regierte, wurde das

Schlagbild piaziert, das, beweglich oder fixstehend,

die Sensationsierungsinteressen der

Medien bedient, ohne jedoch von diesen so

weit verfälscht werden zu können, daß die

gewünschte Botschaft dem Betrachter nicht

mehr begreiflich wäre.

Unter dem Gesichtspunkt der Konfliktgestaltung

lebt die Aktion von der Konfrontation

mit Machtinstanzen der Gesellschaft. Greenpeace

selbst neigt dazu, die soziale Dimension

des Konflikts im archaischen Bild David

gegen Goliath zu verstecken, was übrigens

der moralischen Weltsicht vieler Mitarbeiterinnen

durchaus entspricht und nicht bloß ein

geschickter Schachzug ist, mit dem politische

Motive kaschiert würden. Die Kampagnen

sind langfristig darauf angelegt, Entscheidungen

von einiger Tragweite in eine ökologisch

wünschenswerte Richtung zu forcieren - und

die werden in den Chefetagen großer Unternehmen

und in Institutionen mit politischer

Macht gefällt.

Unter dem Gesichtspunkt einer pragmatisch

gedachten Effizienz ergibt es keinen Sinn, die

Organisationstätigkeit als langwierigen Aufklärungsprozeß

anzulegen. Greenpeace ist

eine Organisation mit geringem, eher beiläufigem

und nicht ganz strategiekonformem erzieherischen

Anspruch. Soweit sie überhaupt

einen Avantgarde-Anspruch vor sich herträgt,

beruht dieser auf ihrem spezifischen Pragmatismus,

aus dem heraus Greenpeace sich selbst

und andere an Taten mißt. Greenpeace überläßt

den Beobachtern und Unterstützern die

Interpretation des Konflikts im Horizont ihres

jeweiligen Welt- und Gesellschaftsbildes,

wobei die David-Goliath-Konstellation den

moralischen Nenner bildet. Allerdings käme

die Organisation in einer Bilanz ihrer Tätigkeit

mittlerweile nicht mehr an dem Schluß

vorbei, daß sie als soziale Kraft wirkt.

Die Aktion ist eine beschränkte Form, Politik

zu betreiben, und sie lebt von der Kunst, auf


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 41

den Punkt zu bringen - also der Eingrenzung.

Großgeworden durch eine Form des politischen

Eingreifens, die sich in Deutschland

über eineinhalb Jahrzehnte und in wechselndem

Umfeld im Sinne der Organisationsziele

als tragfähig und effektiv erwiesen hat (das

sagt natürlich nichts über die Zukunft), hat

Greenpeace sich zu beidem immer bekannt:

zur Konzentration auf die ihr eigene Weise,

Politik zu machen, und zur Strategie des praktischen

Induktivismus.

2 Strategie

Die spektakuläre Konfliktgestaltung wird unter

einem wohlbegründeten Kalkül durchgeführt:

Die Konfrontation soll ein Umweltproblem

und die dazu gehörige Forderung in die

Öffentlichkeit tragen. Um soweit zu kommen,

ist die Symbolträchtigkeit des Einzelfalls entscheidend

- sehr viel weniger wichtig ist, ob

der Gegner, der sich das Contra allerdings

verdient haben muß, tatsächlich zum Einlenken

gebracht werden kann. Die Aktion dient

primär dazu, am Einzelfall die generelle Problematik

auf einem Feld des Umweltschutzes

in die Öffentlichkeit zu bringen.

Darin liegt eine Strategie und Logik, die im

Schlagbild nicht unbedingt aufscheint. So läßt

sich der Sinn der Brent-Spar-Kampagne am

besten verstehen, wenn man nicht die Ebene

der Aktion, sondern die der stets parallel betriebenen

Lobbyarbeit betrachtet. Die Besetzung

der Brent Spar stand im Kontext einer

Entwicklung des internationalen Meeresschutzes,

an der Greenpeace - zumindest an

einigen entscheidenden Weichenstellungen -

bereits seit 18 Jahren beteiligt war. Für die

Organisation war eine bedeutende Teilstrekke

auf dem Weg von der Problematisierung

des dumping im Meer (begonnen mit dem

Kampf gegen die Versenkung von Atommüll)

zu den land based sources mit einem Be­

schluß der zuständigen Gremien abgeschlossen,

die Versenkung von Offshore-Anlagen

zu verbieten. Was innerhalb von zwei Wochen

nach dem erfolgreichen Ende der öffentlich

geführten Kampagne von Nordseeschutzkonferenz

und OSPARCOM zunächst

in Form einer Empfehlung und eines Moratoriums

beschlossen wurde, läuft in der Tat auf

das Ende jeglichen legalen Müllversenkens

in den betreffenden Meeresregionen hinaus.

Kurioserweise ist Greenpeace vorgeworfen

worden, nicht gegen den Schadstoffeintrag

von Land zu kämpfen, der das weit größere

Problem darstelle. Bemerkenswert ist daran,

wie leicht aus einer problemorientierten Perspektive

der aktionsorientierte Ansatz der

symbolischen Konfrontation verworfen werden

kann, selbst wenn er begrüßenswerte Ergebnisse

liefert - was darauf deutet, daß die

Kritik Greenpeace als Projektionsfläche für

eigene Positionsbestimmungen ex negativo

nutzt und dabei das umweltpolitische Lösungspotential

der Organisation als eher störend

beiseiteschiebt. Bemerkenswert ist aber

auch, wie wenig Greenpeace dafür tut, den

aktionistischen Auftritt in eine längerfristige

öffentliche Kampagnenarbeit einzubinden,

ihre Positionen argumentativ und konzeptionell

zu vertreten. So werden bereits seit Jahren

Überlegungen unter dem Stichwort "Clean

Production" angestellt, in denen es um die

Überleitung einer an der Müllbeseitigung orientierten

Politik in eine Arbeit gegen die

Müll- bzw. Schadstoffproduktion an ihren

Wurzeln geht, ohne daß Greenpeace eine Debatte

eröffnet.

3 Beschränkung der Praxisfelder

Daß die Organisation sich nur den vermarktbaren,

nicht aber den gravierenden Problemen

widme (also Shell/Brent Spar ohne Esso

u.a. oder den Ölplattformen statt dem Wat-


42 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9. HEFT 4, 1996

tenmeer), ist öffentlich der zentrale Ansatzpunkt

für Kritik von ökologisch engagierter

Seite - neben der Kritik daran, daß das Spektakuläre

zu oft von jenem Thema ablenkt, das

es auf die öffentliche Tagesordnung bringen

soll.

Ähnlich liegt der Fall mit der Beschränkung

der Aktivität auf Umwelt-Themen. Gewiß, hin

und wieder sind von Grenpeace friedenspolitische

Stellungnahmen und gelegentlich auch

Proteste in Menschenrechtsfragen zu hören,

ohne daß diese erst dreifach ökologisch verpackt

wären. Insgesamt aber hat die Organisation

alle Herausforderungen zur thematischen

Ausweitung ihrer Aktivitäten zurückgewiesen.

Wem soziale Fragen wichtiger sind,

der wird z.B. die Disproportion der öffentlichen

Reaktionen auf Brent Spar und Nigeria

bedauern (wo Greenpeace übrigens eine Zeitlang

mit ungewöhnlich hohen humanistischen

Anteilen argumentierte). Wo es um Greenpeace

geht, wäre zu berücksichtigen, daß die Organisation

sich bereits zu einem Zeitpunkt als

Umweltgruppe (mit deutlich geringeren friedenspolitischen

Ambitionen) definierte, als

das Desinteresse an Themen der Sozialpolitik

und der internationalen Solidarität noch

nicht so groß war und linke Optionen bei einer

Vielzahl von Menschen hoch im Kurs standen,

die sich heute vorwiegend für Projekte

der Mittelstandssanierung interessieren. Ein

Lavieren nach der Konjunktur jedenfalls ist

der Organisation kaum vorzuwerfen - und

wenn, dann höchstens ein mit großer Weitsicht

betriebenes.

Thematische Ausgrenzungen und Beschränkungen

in politischen und ethischen Substanz-Fragen

sind stets moralisch prekär - das

wird auch ein denkender Greenpeacer nicht

bestreiten, der sie als nötig ansieht. Die Problematik

betrifft zu einem nicht geringen Teil

politisch-strategisches Handeln (als Form

überhaupt), das darin besteht, zugunsten einer

(tatsächlichen oder jedenfalls erwarteten)

größeren Wirkungsmacht vom Einzelfall zu

abstrahieren, also die Fähigkeit zur Kälte und

zur Distanz gegenüber dem Leid. Die andere

Frage, ob Greenpeace das auch durch das außerordentliche

Konzentrationsvermögen gewonnene

Prestige nicht sehr viel öfter nutzen

sollte, um als Umweltorganisation (nicht als

Allroundprotestgruppe) für Menschenrechte

und Friedenspolitik zu optieren, ist in der Organisation

selbst nicht unstrittig - der Verdacht,

allzuviel geschähe nur aus Opportunismus

nicht, wird durch die Enthaltsamkeit

von Greenpeace in diesen Fragen jedenfalls

genährt.

4 Soziale Basis

Die soziale Basis des Greenpeace-Modells ergibt

sich historisch gesehen aus dem Rückzug

des engagierten Typus aus der aktiven

Politik, seiner Selbstbescheidung mit indirekten

Formen des Eingreifens. Greenpeace-Förderer

sind zwar nicht vorwiegend ehemalige

Aktivisten der Anti-AKW-Bewegung oder politischer

Organisationen, und etliche mögen

durchaus in Initiativen vor Ort tätig sein. Auch

ist nicht ausgemacht, ob sich eine erneute Politisierungswelle

überhaupt zu Lasten von

Greenpeace auswirken würde. Dennoch: Hätte

sich durch das Auslaufen der sozialen Bewegungen

und die Krise des parteipolitischen

Engagements nicht eine Lücke aufgetan,

Greenpeace hätte wohl nur schwer einen Platz

für sich finden können.

Form und Umfang der Mobilisierung zu Brent

Spar lassen erkennen, wie sehr das Greenpeace-Modell

der politischen Partizipation

dem individuellen Bedürfnis nach öffentlicher

Aktivität gegenwärtig weithin gerecht

wird. Umweltpolitisches Engagement steht

heute unter dem Vorzeichen einer Bürger-Va-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 43

riante des Wir-wollen-alles: Der ökologisch

aufgeklärte Bürger der Neunziger will automobil

und umweltrücksichtsvoll sein. Er ist

sozial arriviert und setzt auf Karriere, will

vom Gestus des Rebellen und der Sorge ums

Allgemeine aber nicht lassen. Er hält sich für

politisch wachsam, scheut aber den Dauereinsatz

eines politischen Vereins- und Demonstrationslebens.

Einer der Gründe für die Breite

der Mobilisierung zu Brent Spar, das vielbelächelte

"Umweltschutz durch Tankstellenwechsel",

aber auch für den Erfolg des Greenpeace-Modells

überhaupt ist: Greenpeace ermöglicht

einem weitgezogenen Kreis von

Menschen eine institutionelle Form der Anteilnahme

an einem umweltpolitisch-oppositionellen

Engagement.

Greenpeace bezieht die soziale Funktion aus

der Differenz zwischen dem allgemeinen Umweltbewußtsein

und dem Mangel an direkten

Handlungsmöglichkeiten, aber auch an Handlungsbereitschaft

des Einzelnen und der Institutionen.

Wie immer der einzelne aktiv sein

mag - in seinem Beruf, in der Familie, im

Sportverein oder einer Bügerinitiative -, danach

fragt ihn Greenpeace nicht; das praktische

Bekenntnis zur Organisation via Zahlschein

(wenn er nicht gerade Waffenexporteur

oder Spitzenpolitiker ist und seine Spende

zurückgewiesen wird) verhilft ihm zur Partizipation

und Greenpeace zu den nötigen

Mitteln.

"Der Scheck als Stimmzettel", sagt der Greenpeace-Spendenwerber

dazu; Kritiker sprechen

von Ablaßhandel - das ist mehr als irreführend.

Zum einen, weil Greenpeace sich dadurch

auszeichnet, daß gar nichts versprochen

wird, nicht einmal eine bessere Zukunft.

Vor allem aber weil der Terminus suggeriert,

Gewissensentlastung sei etwas, was nur im

Greenpeace-Modell des politischen Handelns

gegeben sei. Gewiß, man kann aus politischen

Gründen lieber sehen, daß die Menschen

durch andere Formen denn Spenden aktiv

werden, am Arbeitplatz, im Wohnviertel oder

in den Parteien. Als Tausch ließen sich allerdings,

wie jede, auch solche Formen von Aktivität

beschreiben - als Tausch zwischen einer

Handlung und dem besseren Gefühl, das

sich dadurch im Handelnden einstellt. Viktor

Frankl hat ein solches Verhältnis - auf den

Gefühlshaushalt bezogen, nicht den politischen

Effekt - ungefähr so beschrieben: „Du

gibst mir Spende, ich gebe Dir Sinn!"

5 Legitimität

Die Rolle, die in diesem Gefüge Greenpeace

einnimmt, ist organisationsoffiziös ungeklärt;

wen oder was die Organisation repräsentiert

und ob sie überhaupt für etwas steht außer

sich selbst, ist eine seit Gründung vakante

Stelle. Nach der Praxis zu schließen (zu der

natürlich auch öffentliche Statements von

Greenpeace-Vertretern gehören) sind drei verschiedene

Selbstdefinitionen ungefähr gleich

stark im Schwange: Greenpeace tritt

a. als Agentur der Natur (neuerdings auch von

Allgemeinheitsinteressen),

b. als Repräsentant der Geldgeber und

c. als ein freier Zusammenschluß (also ein

freibleibendes Angebot) auf.

Profilbestimmend ist aber eher die Unentschiedenheit

oder ein All-das-und-noch-mehr

als eine der drei (zueinander recht widersprüchlichen)

Beschreibungen selbst: Mehr

Selbstdeklaration in dieser Frage, so scheint

es manchmal, hat Greenpeace nur nachfrageorientiert

im Angebot.

Ähnlich ging Greenpeace jahrelang mit allen

Facetten der Legitimationsfrage um, ausge-


44 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9. HEFT 4, 1996

nommen die juristische, der die Organisation

sich in Gerichtsverhandlungen notgedrungen

stellen mußte. Greenpeace war von der Rechtschaffenheit

und Rechtmäßigkeit ihres Tuns

überzeugt, wußte sich in Übereinstimmung

mit vielen Menschen - und das genügte ihr.

Zumal in Zeiten, da Bewegungen von unten

gegen etablierte Mächte das Gefühl hatten,

daß nicht sie sich vor denen da oben, sondern

daß die sich für ihr Walten legitimieren

müßten, ging man handlungsstrategischen

Grundsatzfragen aus dem Weg - und produzierte

dadurch eine Aura der Tathingebung

und Unnahbarkeit.

Von anderer Seite sind derlei Enthaltsamkeiten

freilich bemerkt und Greenpeace immer

wieder als Arroganz ausgelegt worden. Selbstgerechtigkeit

ist Greenpeace sicherlich eigen,

vor allem anderen aber eine Kommunikationshemmung,

geboren aus der Neigung, vorzugsweise

nur durch die Aktion zu sprechen.

Im Kontext eines Lernprozesses - auch hervorgerufen

durch öffentliche Prominenz und

den davon ausgehenden Sprechzwang - haben

diese Kanten sich abgeschliffen. Inzwischen

wissen Greenpeacerinnen, daß sie nicht

nur durch die Tat sprechen können - so wie

eben auch ein Fußballer heute weiß, daß er

nicht mehr nur mit den Füßen sprechen darf.

Greenpeace zählt daher nicht mehr zu den

Ausweisverweigerern und Großschweigern -

das zeigen einige Beiträge in dem 1996 erschienenen

Band Das Greenpeace-Buch. Aktionen

und Reflexionen.

Das wird jedoch wenig daran ändern, daß

Greenpeace Kritikern ebenso wie Bewunderern

als Projektionsfläche eigener Erwartungen

und Wünsche erhalten bleibt. Kritiken aus

fundamental-ökologischer, basisdemokratischer

oder aufklärungstheoretischer Sicht

können Greenpeace relativ leicht eine Defizitrechnung

gegenüber eigenen Politikansprü-

°Wmatkt

Gemnspiel:


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 45

chen aufmachen; umso mehr dann, wenn die

Identität der Organisation - und damit auch

ihre Möglichkeiten, sich in bestimmte Richtung

zu ändern - nicht wahrgenommen wird.

Legitimationskritik von dieser Seite ist vielfach

unfähig, die Stärken der Organisation

selbst nach den eigenen Maßstäben wahrzunehmen.

Sie kann sich jedoch als Korrektiv

verstehen, das auch bei Greenpeace-Mitarbeiterinnen

Beachtung findet. So kommt es schon

innerhalb der Organisation schlecht an, wenn

der Geschäftsführer Thilo Bode basisdemokratische

Forderungen mit dem Verweis abtut,

BMW-Arbeiter hätten auch keinen Einfluß

auf die Modellpolitik des Autokonzerns

- zumal sich die inneren Strukturen der Organisation

keineswegs treffend als undemokratisch

charakterisieren lassen. Die effizienzbetonende

Selbstdarstellung verdrängt jedoch

bisher eine ernsthafte Auseinandersetzung

mit der Demokratiefrage.

Die Kritik von konservativer Seite tritt bevorzugt

mit staatsmännischem Gestus auf; die

FAZ hat dafür nach Brent Spar einige Beispiele

abgedruckt. Verdächtig von dieser Warte

aus sind alle Gruppen, die von außerhalb

des etablierten sozialen Machtgefüges auf den

Plan treten und der Macht der staatlichen Stellen

und Konzerne von unten her eine Schranke

setzen. Greenpeace neigt dazu, sich in dieser

Debatte auf eine juristisch und sozialkonsensual

absichernde Position zurückzuziehen.

Eine Antwort, die im Gegenzug die Legitimität

von Kapitalinteressen anspricht, spart die

Organisation meist aus. In der Protestbewegung

gegen die Brent Spar-Versenkung war

sie - zwar diffus - stärker präsent als in der

Greenpeace-Argumentation.

6 Konfrontation und Kooperation

Greenpeace trifft seit Brent Spar verstärkt auf

eine PR-Variante des Umgangs mit der Legi­

timitätsfrage, die unter dem Stichwort "soziale

Akzeptanz" vorgeführt wird. Sie enthält

neben dem hergebrachten Element der Vertrauenswerbung

durch PR auch Dialogangebote,

wie sie u.a. von Shell unterbreitet wurden.

Für Greenpeace ist der Umgang mit Worten

seit jeher durch die Frage nach den Taten

geprägt. Insofern dürfte die Organisation die

geringsten Schwierigkeiten damit haben, daß

Unternehmen auf gesellschaftlichen Druck

zuerst ihre Public Relations als Praxisfeld ausbauen,

wenn diese (zumindest auf kurze

Sicht) wemger Abzüge vom Gewinn verursacht

als ökologisch und sozial verantwortliches

Handeln.

Jene Lösung, die unter den heutigen Bedingungen

zur Konfliktvermeidung für Unternehmen

wahrscheinlich die beste ist, hat ebenfalls

Shell angedeutet: die Einbeziehung von

Umweltschutzorganisationen schon im Vorfeld

unternehmerischer Entscheidungen, die

als eine Art Ökoberater auf eine ähnliche Weise

zu konsultieren wären, wie es mit Rechtsberatern

seit jeher geschieht. Für Konzerne

wäre ein solches Procedere - unter Ausschluß

der Öffentlichkeit - eine kostengünstigere

Variante als eine nachsorgende Konfliktbewältigung

einschließlich langwieriger Imagereparaturen.

Die Rolle, die in diesem Zusammenhang den

Umweltgruppen zugedacht ist, käme einer sozialtechnokratisch

orientierten Strömung bei

Greenpeace übrigens durchaus entgegen, die

sich lieber als Vorstand einer Offizial-NGO

für Umweltverträglichkeitsprüfungen aller Art

sähe denn als Angehörige einer Truppe aktionistischer

Quertreiber, die sich der Eingemeindung

und damit auch der Entschärfung

ihrer Strategie erfolgreich widersetzt. Schwer

vorzustellen allerdings, daß Greenpeace auf

diese Weise und ohne Spaltung überleben

könnte.


46 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Ob solcherart PR-Strategie zur "neuen Konstellation

des Politischen" gehört, von der Ulrich

Beck im Anschluß an Brent Spar sprach,

ist mehr als zweifelhaft. "Politik und Moral

erobern eine Priorität gegenüber der Expertenrationalität",

hatte Beck damals behauptet

(Wochenpost, 3.8.95). Gewiß, alles in allem

hat die Greenpeace-Aktion das Thema Meeresverschmutzung

ins Feld der öffentlichen

Aufmerksamkeit gerückt, und der Bürger ist

an seine Macht als Verbraucher erinnert worden.

Dennoch könnte das nachhaltigste Resultat

der Ereignisse um die Brent Spar ganz

woanders liegen - im Innovationsschub in

den Bereichen Marketing und PR. Beträchtlich

gestiegen scheint jedenfalls die Neigung

von Managern, sog. Imagekrisen und Konsumerkonflikte

durch das Einhalten von Umweltstandards,

aber auch durch den Einsatz

einer Marktforschung zu vermeiden, die Erwartungen

der Verbraucher hinsichtlich der

ethischen und politischen Correctness der

Unternehmen stärker einbezieht. Eine solche

Orientierung, tatsächlich ist es eine expertentechnokratische

Lösung, würde aller Voraussicht

nach zu ökologisch verbesserten Produktionsformen

führen - und die Ökologisierung

der Produktion eines Gutteils ihrer

humanistischen Dimension berauben.

7 Selbstbescheidung

Großgeworden in einer Epoche der ökologischen

Krise, bedingt durch das öffentliche

Mißtrauen in die Lösungskapazität etablierter

sozialer Mächte, aber auch infolge der Abnutzungserscheinungen

der traditionellen

Mittel politischen Protestes, hat Greenpeace

den Menschen für die Zukunft dennoch nie

etwas versprochen. Greenpeace-Verantwortliche

machen ihre Aktivität nicht davon abhängig,

daß sich die Dinge noch zum Besseren

wenden werden - und haben keine Scheu

auszusprechen, daß bisher noch jeder Einzel­

erfolg, z.B. der Verzicht auf FCKW und FKW

bei Kühlgeräten, stets eine so lange Durchsetzungszeit

in Anspruch genommen hat, daß

die ökologische Gesamtlage sich inzwischen

schon wieder verschlechtern konnte.

Wenn etwas Greenpeace ideologisch auszeichnet,

dann ist es der Kult der Tatkraft,

der gleichermaßen nach außen - als Abgrenzung

gegen Theorie- und Politikerfraktionen

der Umweltbewegung - wie nach innen - als

spezifische Art, Skepsis zu gestalten - gewendet

ist. "Taten statt Warten" (gemeint ist

vor allem: Taten statt Worte) heißt die öffentlichkeitswirksame

Maxime; daß Greenpeace

ihr gemäß agiert und aus einer Haltung heraus,

die der Aktionsleiter in Blochscher Diktion

einen "Optimismus des Herzens" nennt,

hat die Organisation von ihren Anfängen an

glaubhaft machen können.

Die Losung: "Besser der Optimismus der Tat

als der Pessimismus des Gedankens", sprach

ein Geflecht widersprüchlicher Empfindungen

an, etwa so: Es ist durchaus nicht so, daß

wir keine pessimistischen Gedanken hätten,

nur setzen wir eben den Optimismus dagegen,

der uns lieber ist; deshalb konzentrieren

wir uns (ohne damit zu verdrängen) auf die

Aktion. Daß ein solcher Ansatz gut mit einem

technokratischen Verständnis zusammengeht

- die erfolgreiche Paarung gehört freilich

in ein späteres Kapitel der Greenpeace-

Geschichte - ist für Analytiker politischer Prozesse

keine Überraschung.

Insbesondere die von Greenpeace gepflegte

Utopielosigkeit war ein Bruch mit der Kultur

der sozialen Bewegungen der Siebziger. Pohtik,

als Aktivität und als Ordnungsprinzip,

ist bei Greenpeace der ganzen Anlage nach

nicht dazu da, das Unabgegoltene des

menschlichen Glückanspruchs zur Lösung zu

bringen - nicht einmal mehr im Gewand der


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 4 a

Naturmystik tritt die Erlösungsperspektive

auf. Damit entwickelte Greenpeace sich konträr

zum Totalitätsanspruch des Politischen,

der seit 1968 für eineinhalb Jahrzehnte für

die Kultur der sozialen und auch der beginnenden

Ökobewegung bestimmend war, konträr

aber auch zu deren Heilsperspektive.

Die Kehrseite dieser Wendung ist nicht zu

übersehen: Ein geradezu sachlich zu nennendes

Verhältnis zur Natur zeichnet Greenpeace

aus, ein Hang zur Präsentation auf eine ökotechnokratische

Weise, so daß Lösungen jedes

Pathos der Befreiung, der Aufhebung von

Entfremdung oder auch kosmischer Harmonie

fehlt. Eher scheint diese Haltung einer

Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger zu

gleichen - mehr als Überleben ist nicht drin.

Hoffnungen knüpfen sich, wenn überhaupt,

im Privaten auf die Installation einer Solaranlage

auf dem Hausdach, im Sozialen auf

die Verringerung des C0 2-Ausstosses. Greenpeace,

so könnte man - mit Blick auf die Differenz

zu den sozialen Bewegungen - sagen,

hat die Politik säkularisiert, ja enterotisiert

und dadurch die Organisation im ideologischen

Mainstream etabliert - wenn die Aktion

nicht eine so zentrale Stelle in der Identität

und Praxis der Organisation einnähme. Auf

die Frage: Was lieben diese Leute eigentlich,

daß sie gerade das machen, was sie machen -

eine der gegenüber Akteuren des öffentlichen

Raumes grundlegendsten Fragen -, ist es z.B.

die öffentliche Selbstzurschaustellung, ihr Salär

oder die Natur, wäre die Aktion wohl die

ehest zu nennende Größe. Selbstverständlich:

Liebhaber der Macht, des Rampenlichts, des

Labors oder der Auen, all das gibt es natürlich

auch bei Greenpeace, aber nicht sie bestimmen

Image und Selbstbild, sondern die

Gestalter der Aktion - ihr Eros ist es, von

dem die Organisation nach außen und innen

lebt.

Auf die Zukunft gesehen ist die Frage nicht

sonderlich relevant, ob die Greenpeace-spezifische

Form des Eingreifens via Aktion sich

abnutzen wird. Sie ließe sich ohnehin nur spekulativ

beantworten. Anzusprechen wäre vielmehr

der Statuswandel des Politischen. Auf

die Bewegungsrichtung gesehen, hat Greenpeace

der Praxis ökologischer Kritik utopische,

sozialemanzipative, radikale Momente

genommen, aber auch viel Lebensfeindliches

und Elitäres. Greenpeace geht damit auf die

für jenen Teil der Gesellschaft vorherrschende

Orientierung ein, der sich, weil er Arbeit

hat, darüber sein Leben zu strukturieren gedrängt

sieht: Privathedonismus unter den Bedingungen

des Berufsmenschentums. Aus dieser

Perspektive ist Politik für den Einzelnen

eine Überlastung. Greenpeace hat pragmatisch

(wie auch anders) ein entlastendes Lösungsangebot

geschaffen, das Bestand haben

dürfte, solange sich diese "Konstellation des

Politischen" hält.

Christian Krüger war von 1991 bis 1993 als

Leiter des Medien-Bereichs bei Greenpeace

Deutschland tätig, ist Mitgründer des Hamburger

Büro für Publizistik und führt Projekte

zur Evaluierung und Konzeption der Öffentlichkeitsarbeit

von Greenpeace durch.


48 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Willy Viehöver

Die „moralische Ökonomie" des

Umweltprotestes im Nachkriegsjapan

1 Einleitung

Japan, so scheint es, verfügt nicht über jene

lange Tradition von Natur und Tierschutz, die

wir etwa in Deutschland, Großbritannien und

der Vereinigten Staaten kennen. Dennoch lassen

sich erste umweltbezogene Proteste bis

ins letzte Jahrhundert zurückverfolgen (Iijima

1979). Bürgerappelle, gewaltsame Proteste

und Gerichtsverfahren, welche Naturzerstörung

zum Gegenstand hatten, müssen wir

jedoch unter einem anderen Bezugsrahmen

als jenem des Naturschutzes zu verstehen suchen.

In den fünfziger, sechziger und frühen

siebziger Jahren gaben die Ideen der Gerechtigkeit

und des Paternalismus den Protesten

eher Rahmung (Gamson/Lasch 1983, Gamson/Modigliani

1989) als Vorstellungen von

der Natur als einem kollektiven Gut. Dies hat

sich in einigen Hinsichten geändert. Vorhandene

Literatur konzentriert sich wesentlich

auf die Protestzyklen der sechziger und siebziger

Jahre. Es gibt jedoch Anzeichen, daß

umweltbezogene Proteste in den späten achtziger

und frühen neunziger Jahre wieder an

Bedeutung gewonnen haben. Dennoch haben

internationale Umweltorganisationen wie

Greenpeace, WWF und Friends of the Earth

in Japan bisher kaum Fuß fassen können. In

welchen organisatorischen Netzwerken

(Emirbeyer/Goodwin 1994) gründet der Um­

weltprotest aber dann? Einige Stimmen glauben,

daß Verbraucherorganisationen zu einem

Teil jene Protestbewegungen abgelöst haben,

die ihr Fundament in den gewachsenen Gemeinschaften

hatten (Terada 1994, Iijima, persönliches

Interview, Tokio 7.2.1995). Diese

neueren Gruppierungen basieren zwar auf gemeinschaftlicher

Assoziation, verabschieden

aber keineswegs die Bedeutung gemeinschaftlicher

Bindungen.

Welche Unterschiede zwischen dem frühen

Protestzyklus, der sich von den fünfziger Jahren

bis zum Beginn der siebziger Jahre erstreckte,

und den jüngeren Umweltprotesten

können nun aufgezeigt werden? Unterschiede

lassen sich hinsichtlich der Rekrutierungsbasis,

der Organisation, der Netzwerkbeziehungen,

der Wertorientierungen, der Arenen,

Diskurse und der kulturellen und kommunikativen

Codes sowie der Chancenstrukturen

des Protests aufzeigen. In der hier gebotenen

Kürze können diese Punkte nur sehr generell

und ohne Anspruch auf Vollständigkeit

angesprochen werden. Die folgenden

Charakteristika des japanischen Umweltprotests

lassen sich aus ersten Überlegungen filtern.

Einige dieser Charakteristika stehen im

Gegensatz zu den vergleichbaren Entwicklungen

im Westen (Kriesi 1987, Brand 1990,

Eder 1993).


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 49

2 Sozialstruktur und Organisation

2.1 Moralische Ökonomie der

Unter- und Mittelschichten als

Rekrutierungsbasis des

japanischen Umweltprotests

Die Rekrutierungsbasis des Umweltprotestes

in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren,

beschränkt man den Blick auf die Nachkriegszeit,

unterscheidet sich vom westlichen

Bewegungstypus. Den Kern des Mobilisierungspotentials

bildeten ländliche Unterklassengemeinschaften.

Es gab freilich auch städtische

Nachbarschaftsgruppen, die erfolgreich

gegen lokale Behörden und deren Entscheidungen

protestierten. In den städtischen Gruppen

bildeten Frauen aus der Mittelklasse das

Rekrutierungspotential. Der Protest der Unterklassen

wäre aber ohne die alliierten

Rechtsanwälte, Ärzte und Lehrer kaum erfolgreich

gewesen. In den achtziger und neunziger

Jahren hat sich die Rekrutierungsbasis

stärker in die Urbanen Zentren verschoben.

Die Mitglieder von Verbraucher-Kooperativen,

Recycling-Gruppen und anderen Umweltgruppen

stammen eher aus den Mittelklassen

(Broadbent 1985, 1986, McKean 1981, Terada

1994).

2.1.1 Wertorientierungen

Bezüglich der Wertorientierungen wird die japanische

Umweltbewegung der sechziger und

siebziger Jahre mit paternalistischen und gemeinschaftlichen

Orientierungen eher in Verbindung

gebracht als mit postmaterialistischen

Werten. In der westlichen Welt wurden

die Umweltproteste in Relation zu postmaterialistischen

Werten und „neuer Politik" gesehen

(Inglehart 1979, Offe 1985, Kriesi

1987, Brand 1990, Eder 1993). Untersuchungen

zu den Wertorientierungen japanischer

Umweltprotestakteure unterstützen die Postmaterialismus-Erklärung

von Protest nicht.

Die Untersuchungen von Pierce et al. (1987)

haben ergeben, daß japanische Protestakteure

weder vorwiegend an postmaterialistischen

Werten orientiert waren, noch ein neues Politikparadigma

einklagten. Allerdings behaupten

sie, die aktivsten Teilnehmer seien wiederum

jene mit postmaterialistischer Werthaltung

gewesen. Anders als die eher „reaktiven"

Proteste (Tilly 1978) der frühen Umweltprotestbewegungen

(McKean 1981,

Broadbent 1985, 1986) schließen jüngere Proteste

und Aktionen Forderungen nach Naturschutz,

nachhaltiger Entwicklung, aber auch

nach Demokratisierung der Gesellschaft mit

ein. Um diese Unterschiede erklären zu können,

müssen kulturelle Faktoren wieder in Betracht

gezogen werden (Terada 1994). Auch

die Postmaterialismusthese mag hier wieder

an Erklärungskraft gewinnen.

2.1.2 Organisatorische Basis

Für Broadbent (1985, 1986, 1989a, 1989b)

ist der japanische Umweltprotest der fünfiziger,

sechziger und siebziger Jahre überhaupt

nicht durch kulturelle Faktoren erklärbar. Er

kommt zu dem Schluß, daß die lokalen Gemeinschaften

das entscheidende Protestpotential

stellten. Diese lokalen Gemeinschaften

setzten sich aber, wie die Fälle von

Yokkaichi Asthma, Minamata-Krankheit und

Töyama itai-itai Krankheit exemplarisch zeigen,

meist aus Bevölkerungsteilen der Unterschicht

zusammen. Gemeinschaftliche Strukturen

dominieren gegenüber freiwilligen Assoziationsverhältnissen.

Broadbent sieht in

den in Japan vorherrschenden paternalen

Strukturen, die mit der starken Bürokratie koexistieren,

den Grund für das Fehlen einer

landesweiten Umweltbewegung, die auf freiwilligen

Assoziationen basiert. Vielmehr

glaubt er die Mobilisierung der meist lokalen

Umweltprotestbewegungen durch die vertikale

Solidarität innerhalb der lokalen Gemein-


50 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

schaften erklären zu können. Er argumentiert,

daß die führenden Aktivisten (leader) ihre

Mitstreiter, anders als in Europa, nicht erst zu

überzeugen oder zu mobilisieren hatten. Die

Stärke der führenden Aktivisten ruhte auf ihrer

charismatischen Position in der Gemeinschaft.

Die Solidarität mit den führenden Aktivisten

ergibt sich quasi-mechanisch.

Die organisatorische Basis der jüngeren japanischen

Protestgruppen unterscheidet sich

deutlich von westlichen Protestgruppen. Dies

ist zum Teil durch das Fehlen einer Spendenkultur

zu erklären. Terada (1994) hat jüngst

auf die Bedeutung der Verbraucherorganisationen

für die Mobilisierung des Umweltprotestes

hingewiesen. Haben diese einen ähnlichen

sozial-strukturellen Hintergrund? Neben

den Verbraucherorganisationen sind das Nippon

Ecology Netzwerk, die Nature Conservation

Society of Japan, Friends of the Earth,

Greenpeace Japan und die Japan Federation

of Bar Associations entstanden. Nippon Ecology

Network und die Verbraucher-Kooperativen

sind wesentlich als profit-orientierte Organisationen

strukturiert, auch wenn sie nicht

darin aufgehen. Umweltaktivismus ist in die

organisatorische Struktur der Kooperativen

eingebettet. Im Falle des Nippon Ecology Networks

gründet die organisatorische Basis auf

der starken Betonung von Gemeinschaftswerten.

Anders als in den Protesten der fünfziger,

sechziger und siebziger Jahre setzen sich

die Verbrauchergruppen aber aus freiwilligen

Assoziationen zusammen. Sie bestehen aus

neu zusammengewachsenen Nachbarschaftsgruppen

(und Produzenten) und rekrutieren

sich nicht aus traditionalen, ländlichen Gemeinschaften.

Auf eine detaillierte Darstellung

dieser Akteure muß hier verzichtet werden.

Es kann nur angedeutet werden, welche

Effekte diese Akteure auf den japanischen

Umweltdiskurs hatten und welche Effekte die

Chancenstrukturen kollektiven Handelns ih­

rerseits auf die Strategien und Organisationsformen

der Protestakteure hatten.

Eine zentrale Annahme ist, daß sich die organisatorische

Form sowie teilweise auch die

sozial-strukturelle Basis des japanischen Umweltprotests

geändert hat, ohne sich allerdings

dadurch den westlichen Protesttypen

völlig anzugleichen. Die Protestakteure mußten

Lösungen für das free-rider Problem

(Axelrod 1984) unter schwierigen politischen,

kulturellen und ökonomischen Kontextbedingungen

finden. Diese mögen auch erklären,

weshalb internationale Umweltorganisationen

bislang erhebliche Schwierigkeiten hatten, in

Japan Fuß zu fassen.

Neben den Verbraucherorganisationen, dem

Nippon Ecology Netzwerk, Friends of the

Earth, Greenpeace und der Nature Conservation

Society of Japan NACS-J gibt es immer

noch eine Reihe von lokalen Protestgruppen,

die sich wesentlich auf ein Problem konzentrieren.

Dennoch mag das Urteil der Dominanz

des lokalen, auf traditionalen Gemeinschaften

basierenden Protestes nicht mehr gelten.

Es gibt im Gegenteil einen stärkeren

Trend zur Organisation von umweltbezogenen

Protesten und Diskursen. So bieten zum

Beispiel die Verbraucherorganisationen einen

organisatorischen Rahmen für die Mobilisierung

von Umweltprotesten. Die sozial-strukturelle

Basis des Mobilisierungspotentials hat

sich zudem in die Bereiche der städtischen

Mittelklassen verschoben. Immer noch fehlen

allerdings Institute, die - vergleichbar mit

dem Öko-Institut - die ökologischen Protestgruppierungen

mit Expertisen versorgen. Diese

Rolle wird in beschränktem Maße von der

Japanese Federation of Bar Associations, dem

NACS-J und von der CO-OP Federation selbst

übernommen. Interessant ist, daß viele der

neueren Umweltorganisationen sich im Bereich

des Profit-Sektors organisiert haben,


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 51

ohne allerdings darin aufzugehen. Dies mag

zumindest zum Teil im Fehlen einer Spendenkultur

begründet liegen. Damit haben sich

allerdings auch die Mobilisierungsbedingungen

von Protest geändert. Die Verbraucherorganisationen

und das Nippon Ecology Netzwerk

können als Beispiel dafür gelten, wie

Ressourcenmobilisierung mit Organisationsund

Protestzielen verbunden werden kann,

wenn eine Spendenkultur westlicher Prägung

fehlt.

Die Kooperation der Mitglieder der Verbraucherorganisationen

gründet nicht auf gewachsenen

Gemeinschaften, sondern auf freiwilliger

Assoziation. So bilden die Basisstruktur

der Co-op Federation und des Seikatsu Clubs

die „han-Gruppen". Ursprünglich waren diese

Gruppen als Verteiler-Gruppen gedacht, um

die Einkäufe von Co-op Mitgliedern zu organisieren.

In den achtziger und neunziger Jahren

wurden diese Nachbarschaftsgruppen, die

aus 5-12 Mitgliedern bestehen, zu Basisorganisationen

für Umweltaktivitäten. Der Zugang

zu den han-Gruppen beruht auf freiwilliger

Basis. Politische Aktivitäten, die über

die Verteilungsaktivitäten der Gruppen hinausgehen,

sind nicht obligatorisch. Obwohl

es sich um Assoziationsverhältnisse handelt,

ist die Bedeutung gemeinschaftlicher nachbarschaftlicher

Bindungen auch in den han-

Gruppen groß.

Die Verbraucherorganisationen schließen, so

Terada (1994, und Interviews Januar und Juli

1995), ein Fünftel der japanischen Haushalte

ein. Der Seikatsu Club organisiert z.B.

200 000 Mitglieder in der Tokio Metropolitan

Area. Die veränderten organisatorischen

und strukturellen Bedingungen haben auch

zu Strategieänderungen geführt. Immer noch

gehören Verhandlungen zum Handlungsrepertoire

der Protestakteure. Hinzu kommen Öffentlichkeitskampagnen,

Informations- und

Instruktionskampagnen. Auch gehören

Rechtsstreite nun zum konventionellen Handlungsrepertoire

der Umwelt- und Verbraucherorganisationen.

Der Seikatsu Club hat

sich zudem in den neunziger Jahren an den

Kommunalwahlen beteiligt und verfügte

1995 über etwa hundert Repräsentanten in

den Stadtparlamenten Tokios und Umgebung.

2.2 Soziale Netzwerke

Der Erfolg der Proteste in den sechziger und

siebziger Jahren beruhte auf der Bildung von

Netzwerken zwischen Mitgliedern traditionaler

Gemeinschaften und aktiven Rechtsanwälten

und deren Assoziationen. Starke

Netzwerkbeziehungen zwischen Bürgerprotestgruppen

und Regierungs- und Verwaltungsinstitutionen

haben sich kaum herausgebildet.

Wenn überhaupt, haben sie sich auf

lokaler Ebene im Rahmen informeller Verhandlungen

zwischen Bürgern, lokalen Verwaltungen,

Regierungen und den Betrieben

bilden können.

Einzig die japanischen Rechtsanwaltsvereinigungen

bildeten starke Netzwerkbeziehungen

zu Umweltgruppen aus. Allerdings stellt

der juristische Zweig in Japan traditionellerweise

den schwächsten Bereich des japanischen

Gefüges politischer Institutionen

dar.

In jüngster Zeit hat sich ebenfalls keine starke

Netzwerkstruktur der Umweltprotestgruppen

auf nationaler Ebene herausgebildet. Die

Japan Federation of Bar Associations bildet

einen starken Knoten im Netzwerk von umweltbezogenen

Protesten. Lediglich Verbraucherorganisationen

haben versucht, die lokale

Ebene zu überschreiten und Verbraucher

und Produzenten ins Gespräch und zur Zusammenarbeit

zu bringen.


52 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

3 Kulturund Kommunikation

3.1 Kommunikationsarenen

Umweltprotest in Japan ist wesentlich auf die

lokalen Arenen beschränkt geblieben. In den

sechziger waren es die vier berühmten

Rechtsstreite (um Yokkaichi Asthma, Kumamoto,

Niigata Krankheit und Itai-Itai Krankheit),

die die Umweltproblematik vorübergehend

auf die nationale Agenda brachten. Heute

arbeiten einige Gruppierungen auf nationaler

Ebene. Den Verbraucherorganisationen

gelang es, die nationale Ebene zu überschreiten.

Dennoch bleibt die lokale Ebene die zentrale

Ebene der Auseinandersetzungen über

Umweltprobleme.

3.2 Akteursstrategien

Auch die Akteursstrategien unterschieden sich

von europäischem Umweltprotest. Petitionen,

informelle Verhandlungen und Gewalt bildeten

das Handlungsrepertoire des frühen Protestzyklus.

Das Beschreiten des Rechtsweges

durch die japanischen Protestgruppen in den

sechziger und den siebziger Jahren ist aus

der Sicht der japanischen Kultur als unkonventioneller

Protest zu betrachten (Kidder/

Miyazawa 1993, Upham 1976, Matsuba 1994,

Notehelfer 1975). Der Rechtsweg stellte daher

ein neues Element im Handlungsrepertoire

des japanischen Umweltprotests dar. Nun

unterschied sich aber selbst die Bedeutung

des Rechtsstreits von amerikanischen und

deutschen Rechtstraditionen. Für die Bürgergruppen

war der Rechtsweg wesentlich ein

moralischer Kreuzzug, der auf die Wiederherstellung

der paternalistischen Ordnung

zielte. Vor dem Hintergrund ist der jüngere

Umweltprotest wesentlich proaktiver als seine

Vorgänger. Neben informellen Verhandlungen

stellen Rechtsstreite und repräsentative

Kampagnen das wesentliche Handlungsrepertoire

dar.

3.3 Die Umweltdiskurse

Der Umweltdiskurs in der Nachkriegszeit war

kein Diskurs über Naturschutz. Das symbolische

Repertoire, aus dem der Protest wesentlich

schöpfte, waren Vorstellungen von Gerechtigkeit

und sozialer Verantwortlichkeit,

die aus paternalistischen Wert- und Ordnungsmustern

stammen. Lediglich die Vereinigungen

der Anwälte gingen in gewissem Sinne

darüber hinaus, als sie das Umweltproblem

als Menschenrechtsproblem rahmten. Haben

sich Rahmungen und Umweltdiskurs seit den

siebziger Jahren geändert? Unterscheidet sich

der japanische vom westlichen Umweltdiskurs?

Vogel (1990) behauptet, daß Japan über

keine Tradition im Bereich des Natur- und

Tierschutzes verfügt. Der japanische Umweltdiskurs

war hingegen lange Zeit auf industrielle

Umweltverschmutzung und dadurch verursachte

menschliche Gesundheitsschäden

bezogen (Iijima 1979, Reich 1978, 1983a,

1983b, Upham 1976, Murota 1985). Auch der

Expertendiskurs betrachtete eine „gesunde

Umwelt" als Menschenrecht. Ein Eigenrecht

wurde der Natur nicht zugeschrieben (Interview

mit Vertretern der Japan Federation of

Bar Associations, Tokio 3.2.1995). Das Konzept

einer gesunden Umwelt als Menschenrecht

wurde hauptsächlich von der Japan Federation

of Bar Associations entwickelt. Auch

der Diskurs der Bürgerbewegungen konzentrierte

sich nicht auf Probleme des Naturschutzes

als solchem, sondern forderte eine

gerechte Verteilung der Lasten der Modernisierung

und klagte die soziale Verantwortlichkeit

von Regierung und Unternehmen ein. Die

lokalen Protestbewegungen und Betroffenen

forderten eine Wiederherstellung der traditionalen

moralischen Ökonomie. Sie beschrieben

die Umweltzerstörungen unter Rückgriff

auf Begriffe wie soziale Gerechtigkeit und

gemeinsames Erbe. Diese Begriffe blieben

aber eingebettet in den Mythos einer idealen


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 53

paternalistischen Ordnung. Die lokalen Gemeinschaften

waren bereit, die Lasten der

Modernisierung zu tragen, solange diese gerecht

verteilt waren (Notehelfer 1975, Upham

1976).

Neuere Befunde deuten allerdings auf einige

Änderungen im Diskurs über die Natur und

Umwelt hin. In den achtziger und neunziger

Jahren wird der Diskurs über die Umwelt mehr

und mehr von Gruppierungen aus den städtischen

Mittelklassen dominiert. Die Tbpiken

sind u.a gesundes Essen, organische Agrikultur,

Kontaminierung von Wasser und Boden.

Zwar stehen die Diskurse der Verbraucherbewegungen

und des Nippon Ecology Netzwerkes

in der Tradition der früheren Protestbewegungen

- auch die Minamata Krankheit war

eine Form der Vergiftung von Lebensgrundlagen;

allerdings nimmt ihr Diskurs neue ökologische

Paradigmen auf. Der jüngere Diskurs

über die Umwelt fordert nicht wie sein

Vorgänger eine Wiederherstellung des Status

quo ante, sondern eine Veränderung des Lebensstiles,

verbunden mit einer Demokratisierung

der Gesellschaft. Auch das Konzept

nachhaltiger Entwicklung fand Eingang in die

Forderungskataloge des Nippon Ecology

Netzwerkes, der Co-op Federation, des Seikatsu-Clubs

und des NACS-J (Interviews mit

Vertretern des Seikatsu Clubs, Co-op Federation,

Nippon Ecology Network, NACS-J:

31.1.95 bis 6.2.95)

Ein Grund für die Veränderung des japanischen

Umweltdiskurses ist der Einfluß des internationalen

Diskurses über globale Umweltprobleme

(Matsuba 1994). Die stärkere Organisiertheit

des japanischen Umweltprotests

und -diskurses hat zudem bewirkt, daß die

Gruppen nicht mehr als Ein-Problem-Bewegungen

auftreten. Eigentümlicherweise ist der

jüngere Umweltdiskurs weniger durch die japanischen

kulturellen Traditionen gekenn­

zeichnet als seine Vorgänger in den fünfziger,

sechziger und siebziger Jahren. Obwohl

der Shintoismus reich an Vorstellungen einer

harmonischen Beziehung von Mensch und

Natur ist, werden kaum Bezüge zu diesen Traditionen

hergestellt (Senda 1992, Odin 1991,

Murota 1985). Die Internationalisierung des

Umweltdiskurses hat auch die japanischen

Umweltorganisationen beeinflußt. Der Umweltdiskurs

der achtziger und neunziger Jahre

ist jedoch hauptsächlich durch westlich beeinflußte

Umweltschutzkonzeptionen geprägt.

4 Chancenstrukturen

4.1 Kulturelle Codes als

Chancenstrukturen

Entgegen gängiger Sichtweise ist die japanische

Kultur keineswegs eine Kultur ohne

Konflikt. Traditionale paternalistische Strukturen

sehen Situationen vor, in den kollektive

Gewalt und kollektiver Protest als legitime

Handlungen angesehen werden, jedoch

nur unter der Voraussetzung, daß die Betroffenen

lange Perioden des Leidens und der Ungerechtigkeit

erduldeten. In diesem Zusammenhang

sind auch die Gerechtigkeitsvorstellungen

zu verstehen, die die Umweltproteste

in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren

inspirierten. Die jüngeren Proteste in Japan

speisen sich hingegen aus westlichen

kulturellen Quellen. Dies bestätigt zwar neuerlich

die Offenheit der japanischen Kultur

(Terada 1994, Matsuba 1994, Odin 1991,

Senda 1992, Sugimura 1990), läßt aber doch

die Frage offen, warum sich der jüngere Umweltprotest

eher an christliche kulturelle

Wurzeln klammert, als auf die reichen Shinto-Traditionen

zurückzugreifen. Eine mögliche

Erklärung liegt darin, daß die Shinto-

Religion nach der Meiji-Restauration 1868

stets von rechten und konservativen politischen

Parteien und Strömungen vereinahmt

waren.


54 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

4.2 Soziale Chancenstrukturen

Betrachtet man neben diesen kulturellen Gelegenheitsstrukturen

die sozialen Chancenstrukturen

des Umweltprotestes, stößt man

zunächst auf dessen moralische Ökonomie.

Umweltzerstörung führte zu moralischen

Kreuzzügen durch Bürgergemeinschaften mit

reaktiven Forderungen. Rasches ökonomisches

Wirtschaftswachstum im Japan der

Nachkriegszeit, staatlich-administrativ gefördert,

begann die Subsistenzgrundlage und die

Gesundheit der ländlichen (und städtischen)

Bewohner zu gefährden. Es waren aber wesentlich

die ländlichen Bewohner, die protestierten.

Die moralische Ökonomie, die diese

traditionalen Gemeinschaften zusammenhielt,

stellte eigentümlicherweise sowohl einen Hinderungsgrund

als auch schließlich die zentrale

Legitimationsgrundlage des kollektiven

Handels dar. Nur, weil es gelang, die Umweltverschmutzungen

als Verstöße gegen paternalistische

Pflichten zu interpretieren, ließen

sich erst einige, dann viele zu kollektivem

Handeln gegen wirtschaftliche und kommunale

politische Autoritäten motivieren. Die

jüngeren Umweltproteste stützen sich auf Mittelklassenstrukturen.

Aber auch in den neugebildeten

assoziativen Strukturen scheint

eine moralische Ökonomie zu entstehen, die

Gemeinschaftswerten und gemeinschaftlicher

Praxis hohe Bedeutung zuweist. Ob sich hier

in Zukunft individualistische Vorstellungen

durchsetzen werden, bleibt abzuwarten.

4.3 Politische Chancenstrukturen

Die politischen Chancenstrukturen für politische

Partizipation sind in Japan traditionellerweise

gering (Foljanty-Jost 1983, 1988,

Imura 1994). Die Triangel zwischen konservativer

Regierung, Verwaltung - mit relativ

schwacher Environmental Agency - und Wirtschaft

(Keidandren) stellt kaum Möglichkei­

ten der partizipativen Einflußnahme durch

Umweltprotestgruppen und Organisationen

bereit. Die politischen und ökonomischen Krisen

der neunziger Jahre haben das Dreieck

der Macht nicht wesentlich geschwächt. Dies

war schon eher in den späten sechziger und

frühen siebziger Jahre der Fall, als zahlreiche

sozialistische Kandidaten in die lokalen

und regionalen Regierungen einzogen. Aber

auch diese Veränderungen schufen kaum formale

Partizipationschancen. Nimmt man die

Einrichtung von Verhandlungssystemen einmal

aus, haben sich keine intermediären

Strukturen ausgebildet. Die Verhandlungen

zwischen Bürger, Regierung, Administration

und Betrieben/Verbänden sind wesentlich informell.

Die besten Möglichkeiten der institutionellen

Einflußnahme ergeben sich über die Japanese

Federation of Bar Associations. Anwälte

waren schon in den sechziger Jahren

die bedeutendste Verbindungsstelle zwischen

Bürgerprotesten gegen Umweltzerstörung und

Institutionen. Auch die Gerichte entschieden

Ende der sechziger und eingangs der siebziger

Jahre oft zugunsten der betroffenen Bürger.

Vielleicht sind hier die politischen Chancenstrukturen

zu sehen, die die institutionellen

Effekte des Umweltprotestes der

sechziger und frühen siebziger Jahre begünstigten.

4.4 Ökonomische Chancenstrukturen

Das Fehlen einer Spendenkultur ist sicher ein

wesentlicher Grund für die Schwäche von nationalen

Umweltorganisationen. Beispiele wie

das Nippon Ecology Netzwerk und die Coop

Initiativen zeigen, daß sich der Umweltprotest

in Japan in den achtziger und neunziger

Jahren wesentlich im ökonomischen Feld

organisiert hat. Diese Initiativen ruhen aber

nicht in lediglich marktförmiger, sondern ge-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 55

meinschaftlicher Organisation und nachbarschaftlichen

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Willy Viehöver ist Doktorand am Europäischen

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FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 57

Margit Leuthold

10 Jahre Umweltberatung

in Österreich

1 Einleitung

Seit zehn Jahren existieren Umweltberatungsstellen

in Österreich. Im folgenden Beitrag

soll deshalb vor dem Hintergrund des Politischen

der Frage nachgegangen werden, wie

1986 eine kleine Gruppe umweltengagierter

junger Leute unter den politischen Gegebenheiten

in Österreich sich einen Ort als Umweltberaterinnen

definieren konnte. Dabei ist

von Interesse, auf welche Weise sich eine bewegungsförmige

Umweltorganisation in der

politischen Landschaft Österreichs orientiert.

Weiter soll aufgezeigt werden, wie sich die

anfangs bezogene Position der Umweltberaterinnen

im Laufe der Zeit verändert hat. Wie

sieht heute die Verortung der Organisation im

Politischen aus?

2 79S6-Umweltberatung -

sozialpolitisches Projekt und

umweltbewegte Utopie

1986, das Gründungsjahr der Umweltberatung,

war für die Umweltpolitik in Österreich

ein entscheidendes Jahr. 1

Nach dem Reaktorunfall

in Tschernobyl und den radioaktiven

Fallouts in Österreich verkündete der damalige

Bundeskanzler Fred Sinowatz das endgültige

Aus für das Atomkraftwerk in Zwentendorf.

Ein später, aber dennoch ein Sieg für

die Anti-Atomkraft-Bewegung. Die Umweltbewegung

in Österreich war Ende der 70er,

Anfang 80er Jahre durch eine Vielzahl von

Ein-Punkt-Bürgerinitiativen gekennzeichnet,

die sich eher dem traditionellen Naturschutz

verschrieben haben als einer politischen Ökologie

(Schwendter 1996). Die Umweltbewegung

konstituierte sich vor dem Hintergrund

des österreichischen Parteienstaates und Kammersystems.

2

Zur Erläuterung möchte ich auf die Auseinandersetzung

um das Atomkraftwerk in Zwentendorf

eingehen. 1978 endete ein Volksbegehren

entgegen der Erwartung der regierenden

SPÖ negativ für deren Projekt. Mit einem

Stimmenvorsprung von ca. 30.000 Stimmen

(50,5% : 49,5%) für die Gegner des

Atomkraftwerkes war dies eine knappe Entscheidung.

Die Kraftwerksgegner kamen aus

Umweltgruppen - neben lokalen und regionalen

Bürger- und Kulturinitiativen auch aus

Gruppen mit anarchistischer oder autonomer

Ausrichtung und aus Minderheitsfraktionen

der hegemonialen Parteien und Großorganisationen

(so z.B.: Sozialisten gegen Atomenergie,

Gewerkschafter gegen Atomenergie

oder Unternehmer gegen Atomenergie). Auch

katholische, konservativ-fundamentale Lebensschützerinnen

und nationalistische Gruppen

waren dabei, die um das genetische Erbgut

fürchteten (Schwendter 1996). Ganz sicher

haben auch ÖVP-Wählerinnen gegen die

Inbetriebnahme von Zwentendorf gestimmt,

um die damalige SPÖ-Allein-Regierung Krei-


58 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9. HEFT 4, 1996

sky III zu schwächen. 3

Die Umweltbewegung

in Österreich bewegte sich innerhalb eines

politischen Raumes, der von den beiden Großparteien

SPÖ und ÖVP abgesteckt war. Diese

wurden damals, wie man an Wahlergebnissen

ablesen kann, noch von ca. 90 Prozent der

Bevölkerung unterstützt.

Das von den Großparteien und diversen Kammern

geprägte Feld des Politischen wird 1986

etwas verschoben. Zum ersten Mal schaffte

ein grünes Wahlbündnis den Einzug in das

Parlament, zugleich gewann die FPÖ mit ihrem

neuen Parteiführer Haider einen beträchtlichen

Stimmenanteil hinzu. Nach dem Urteil

österreichischer Politikwissenschaftler hatten

zum ersten Mal populistische Parteien Erfolg

(vgl. Pelinka 1991). Auch wenn die politische

Konstellation in Österreich alles andere

als aufgebrochen wurde, da seitdem SPÖ und

ÖVP die Regierung bilden und auch heute

noch - trotz FPÖ, Grüne und Liberalem Forum

- an die 70 % der Wahlstimmen für sich

verbuchen können, kann doch gesagt werden,

daß die beiden Großparteien seit 1986 nicht

mehr denselben Rückhalt in der Bevölkerung

haben wie in den Jahren davor. Die politische

Landschaft hatte sich verändert.

So waren die ersten Umweltberatungsstellen

nicht das Produkt einer umweltpolitischen Initiative,

sondern einer sozialpolitischen Maßnahme

der experimentellen Arbeitsmarktpolitik

des Staates, der mit einer „Aktion 8000"

auf die akute Jugendarbeitslosigkeit reagierte.

1986 nahmen im niederösterreichischen

Waldviertel und Mostviertel zwei Gruppen

junger Umweltengagierter an einem zweijährigen

Arbeitsmarktprojekt „Umweltberatung

in Österreich" teil, das über ein Projektkonzept

„Umweltschutz schafft Arbeitsplätze" des

Umweltbüros im Bundesministeriums für Arbeit

und Soziales und über das Landesarbeitsamt

Niederösterreich finanziert wurde (vgl.

Schrefel u.a. 1990). Unterstützt vom zwei Jahre

zuvor gegründeten, der Umweltbewegung

nahestehenden Österreichischen Ökologie-

Institut, das die berufsbegleitende Ausbildung

der Teilnehmerinnen übernahm, begannen

fünf Männer und fünf Frauen ihre Beratungsarbeit

vor Ort.

Die Umweltberaterinnen wollten mit praktischer

Haushaltsberatung die Bevölkerung zu

einem vorsorgenden Umweltschutz im Alltagshandeln

animieren. Die Vorqualifikation

der Teilnehmerinnen war unterschiedlich und

reichte von einer Berufsausbildung als

Schreiner bis hin zum abgeschlossenen Studium

als Soziologin. Alle Teilnehmerinnen

waren von der atomaren Katastrophe von

Tschernobyl geprägt und verstanden ihre Arbeit

dahingehend, daß sie zu einer „umweltbewußteren

Einstellung in der Bevölkerung"

beitragen wollten (Binder/Teubenbacher

1996). Ihren Beitrag sahen sie in einer Aufklärungs-

und Beratungsarbeit unter dem Motto

„Vom Wissen zum Handeln": Wo kann etwas

besser gemacht werden? Wie kann selbstverantwortliches

(Umwelt-) Verhalten vermittelt

werden? Das waren die zentralen Fragen

der Umweltberaterinnen.

Im Zusammenhang mit ihrer Beratungstätigkeit

betonten die Umweltberaterinnen ihre

Unabhängigkeit, indem sie formulierten, daß

sie nicht politisch arbeiten wollten. Ihre Position

des Unpolitischen ist so zu interpretieren,

daß sie sich von der in Österreich

zwangsläufigen parteipolitischen Einflußnahme

auf die dort übliche Mischform von freien

und öffentlichen Trägern abgrenzen wollten.

Sich dem parteipolitischen Zugriff einer

der Großparteien zu entziehen, bedeutete indes

nicht, keinerlei politische Aktivität zu entwickeln.

4

Damit entsprechen die Umweltberaterinnen

dem Bild, das Anton Pelinka (1991:

234ff) von der Klientel der neuen sozialen


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Bewegungen in Österreich zeichnet: Vor allem

handelte es sich um jüngere, besser Gebildete

aus der Mittelstandsgeneration, die

nicht mehr in dem Maße für die traditionellen

Werte- und Politikbindungen etablierter

Parteien zu gewinnen waren und sich als Gegenelite

gegenüber den christlich-konservativen

oder sozialistischen Eliten der Großparteien

sahen. Sie interpretierten die ökonomische

Krise in einem engen Zusammenhang

mit der ökologischen Krise, vor allem aber

mit einer Entfremdung von einem naturnahen

Leben.

Weil die Umweltberaterinnen von dem Erfolg

eines direkten Beratungskontaktes überzeugt

waren, unternahmen sie in der ersten, euphorischen

Phase ihrer Tätigkeit auch Hausbesuche

in der Umgebung, wobei sie den Bewohnerinnen

beispielsweise die alternativen Möglichkeiten

„umweltfreundlichen" Putzens und

Waschens vorführten. Ein transportabler Putzkasten

zeugt noch heute von dieser Idee. Wie

auf dem ersten Logo der Umweltberatung

Waldviertel - eine Eule mit Telefonhörer am

Ohr - zu sehen ist, wollten die Umweltberaterinnen

über Telefonberatung das Ohr an der

Bevölkerung haben. Daß der/die Umweltberaterln

als Eule symbolisiert ist, läßt vermuten,

daß diese sich als weise Fachleute verstanden,

die ihr Wissen in klugen Ratschlägen

weitergeben wollten. Bei der jüngeren

ländlichen Bevölkerung, die mit dem Eigenheimbau

beschäftigt war, fanden Verbraucherinformationen

und solche über „umweltfreundliches"

Bauen, Solarenergie und Techniken

der Wärmedämmung großen Anklang.

Nach und nach kristallisierte sich ein konkretes

Beratungsangebot heraus. Die Beratung

privater Haushalte wurde durch eine Beratung

öffentlicher Haushalte - d.h. der Verwaltungen

kleinerer und mittlerer Gemeinden

- ergänzt. Diese Veränderungen erfolgten

59

nicht willkürlich, sondern wurden innerhalb

der Ausbildungseinheiten reflektiert. Die Umweltberaterinnen

lernten dort neben fachlichem

Know-how auch Beratungs- und Reflexionstechniken.

Nach Ablauf des Modellprojektes

sicherte das Land Niederösterreich über

einen Förderverein die Anstellungsfinanzierung

der Umweltberaterinnen. 5

Analog zu diesem Arbeitsmarktprojekt etablierten

sich bis 1992 insgesamt 12 weitere

Stellen mit über 60 Umweltberaterinnen in

insgesamt vier Bundesländern. 6

Je nach Konstellation

des politischen Umfeldes organisiert

sich die Struktur der Regionalstellen in

den Ländern unterschiedlich. So ist die Umweltberatung

in Niederösterreich in einem

komplizierten Vereinsnetz der Landesregierung

vorangestellt, in Wien in den Verband

Wiener Volksbildung integriert, in Oberösterreich

derzeit noch der Oberösterreichischen

Umweltakademie angehängt und in Tirol existiert

sie nach der Anschubfinanzierung als

eigenständiger Verein, der auf dem Beratungsmarkt

firmenähnlich auftritt.

3 1989- Umweltberatung auf dem

Weg zu einer intermediären

Organisation

Das umweltpolitische Feld wird bis 1989 von

den Umweltberaterinnen selbst nicht als solches

benannt. Die Umweltberaterinnen betonten

ihre Regionalität und sahen sich als „fehlendes

Glied in der Kette zwischen den mit

Umweltschutz befaßten Fachleuten und der

Bevölkerung" (Schwegelbauer/Tietel 1989).

Umweltpolitiker von ÖVP und SPÖ waren in

diesem Zusammenhang gleichermaßen mögliche

Kooperationspartner. 7

Da die Umweltberaterinnen

sich selbst mehr „Bewegungsfreiheit"

(Schrefel u.a. 1990: 105) im Umgang

mit den Anstellungsträgern wünschten,

schlossen sie sich 1989 zu einem Österreich-


60 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9. HEFT 4, 1996

weiten Verband zusammen. Eine gemeinsame

Geschäftsstelle zur Koordination der Umweltberatungsstellen

wurde in Wien eröffnet. Der

Verband sollte ein einheitliches Berufsbild

von Umweltberatung entwerfen und sich

selbst als „neue intermediäre Organisation" 8

vorstellen (Schrefel u.a. 1990: 99).

Mit der Verbandsgründung wurde nicht nur

eine Koordinierungsstelle eingerichtet, sondern

auch von 1990 bis 1992 eine Organisationsentwicklung

durchgeführt, die das Bild

einer intermediären Organisation mit einem

einheitlichen Erscheinungsbild, einem Corporate

Design entwarf (eine Sonne als Symbol

für die Umweltberatungstellen und der

Slogan Vom Wissen zum Handeln als Organisationsmotto).

Das Qualitätsprofil als intermediäre

Dienstleistungsorganisation sollte

ein gemeinsames Fortbildungsprogramm, ein

standardisiertes Beratungsangebot und ein allgemeines

Projektmanagement definieren. Einige

zum Teil stark subkulturell geprägte Beratungsstellen

wurden für eine ökonomischtragfähige

und umweltpolitisch relevante Beratungsorganisation

dem Corporate Design

entsprechend umstrukturiert. Das Projekt,

durch das Landesarbeitsamt Niederösterreich

und das Umweltministerium finanziert, wurde

von einer Unternehmensberatungsfirma

geleitet. Ziel der Organisationsentwicklung

war es, so die Geschäftsführerin heute, „die

Organisation mit ihren Umwelten zu diagnostizieren

und innere Abläufe, Planungen und

Marketingmaßnahmen auf die Anforderung

von außen anzupassen" (Zvacek 1996). Anpassung

meinte hier die Reduktion des neunköpfigen

Vorstandes auf einen vierköpfigen,

die Abschaffung des 12-14 köpfigen Aufsichtsrates

und das Ersetzen der Bundeskoordination

durch eine Geschäftsführung. Zu

den wesentlichen inhaltlichen Themen wurden

Fachgruppen installiert. Eine jährliche

Bundesversammlung soll Geschäftsführung

und Vorstand entlasten und letzteren neu wählen.

Mit diesen Maßnahmen wurden die Entscheidungsstrukturen

der Organisation straffer organisiert

und hierarchisiert. Die Umweltberatung

konnte deshalb in den nächsten Jahren

relativ schnell und flexibel auf neue Bedingungen

reagieren, z.B. 1993 bei der Abfallverordnung

der Bundesregierung mit einer

Umwelt-Hotline, die das staatliche Beratungsdefizit

kompensierte. Die Entscheidungsmacht

konzentriert sich dabei faktisch

in der Geschäftsstelle des Verbandes, da die

Geschäftsführung gegenüber der wechselnden

Zusammensetzung des Vorstandes sich mit

jeder Neuwahl einen Kontinuitätsvorsprung

sichert. 9

Die Umweltberaterinnen lernten über die Organisationsentwicklung

einen systemischen

Beratungsansatz: Bereits zu Beginn, in der

Diagnosephase, untersuchten sie die „unterschiedlichen

Umwelten der Umweltberatung"

durch Gespräche mit Politikern, Geldgebern,

Auftraggebern, anderen Organisationen und

mit den eigenen Mitgliedern und Förderern

als Syrremumwelten. Über das so gewonnene

Fremdbild wurde neben dem Status auch (die)

Umweltberatung als eigenes System beschrieben

(vgl. Zvacek 1996). Das Erlernen einer

systemtheoretischen Sprache zur Darstellung

der eigenen Situation wirkte, indem Begriffe

aus den sozialen Bewegungszusammenhängen

(wie z.B. „Betroffenheit", „Team" und

„ganzheitliche Beratungsarbeit") durch andere

ersetzt wurden. Aus einer sozialen Bewegung

wird eine Organisation: So wurde etwa

- nicht ohne Konflikte - versucht, die Teamgespräche

zu strukturierten Koordinationssitzungen

umzuwandeln und das häufig nach

persönlicher Betroffenheit von Einzelpersonen

geprägte Beratungsangebot in eine Produkt

- Zielgruppen - Matrix einzutragen.


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 61

Insgesamt hat diese früh eingeleitete Organisationsentwicklung

ein einheitliches und dennoch

regional spezifisches Beratungsangebot

entstehen lassen, welches in dieser Form einzigartig

ist. Die Umweltberatung konnte mit

der Organisationsentwicklung - um mit den

Worten der Beratergruppe zu sprechen - „aus

einem Holzblockhaus in ein Hochhaus mit

mehreren Stockwerken übersiedeln" (zit. nach

Zvacek 1996).

4 1996-„die umweltberatung":

Mediationspartnerin für staatliche

Kompetenzträger

Ich möchte am Beispiel der Rolle der Umweltberatung

als Partnerin im Klimabündnis

Österreich zeigen, wie ihre Rolle als Ideenlieferant

und Mittlerin zwischen den staatlichen

Lenkungsinstrumenten und den Interessen

der Bevölkerung und Gemeinden aussieht,

und wo die Grenzen des intermediären

Feldes liegen. 10

Dabei kann eine intermediäre

Organisation ihre Rolle als solche nur einnehmen,

wenn alle Beteiligten diese als Mittlerin

anerkennen. Die Anerkennung wird -

nicht nur in Österreich - durch die ökonomische

Absicherung intermediärer Organisationen

reguliert. Und diese ist, wenn sie nicht

der Spendenfreudigkeit von Privatpersonen

anheimgestellt ist, eine politische Entscheidung.

Die Unterschrift der österreichischen Regierung

zur Klimarahmenkonvention von Rio

hatte zur Folge, daß in kürzester Zeit ein Großteil

der österreichischen Gemeinden dem Klimabündnis

beitraten. Die umweltpolitischen

Maßnahmen zielen vor allem auf die Reduzierung

des Energieeinsatzes im privaten Verbrauch

ab. Klimapolitik muß deshalb effizientere

Instrumente des Energiesparens in der

Bevölkerung akzeptabel machen. Verschiedene

Organisationen - darunter die Umweltbe­

ratung - haben als Klimabündnis Österreich,

einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung,

den umweltpolitischen Vertretern und Bürgermeistern

der Gemeinden gegenüber diese

Selbstverpflichtung als Argument für ein Kooperationsangebot

genutzt. Die beteiligten

Organisationen leisten durch Aufklärung, Information

und Beratung der Bevölkerung

wichtige Dienste in der Öffentlichkeitsarbeit

(vgl. Zechmeister 1996), und zwar zugunsten

staatlicher Umweltschutzmaßnahmen. Zudem

fordern sie über die Aktivierung der Bevölkerung

die politischen Entscheidungsträger zur

Schaffung rechtlicher Regelungen auf.

Die Umweltberatung beansprucht eine Scharnierfunktion

als regional verankerte Mittlerin

zwischen jenen, die die Geschicke der

Umweltpolitik leiten, und denjenigen, bei denen

die Umsetzung des Umweltschutzes erfolgt.

Auf Bundesebene findet eine Zusammenarbeit

mit dem Umweltministerium auf

indirektem Weg über die Mitgliedschaft des

Verbandes im Klimabündnis Österreich statt.

Da vom Umweltministerium teilweise auch

Informationskampagnen in Auftrag gegeben

werden, kann sich „die umweltberatung" hier

um Projekte und damit auch um Finanzierung

bewerben. In Einzelfällen ist sie an Diskussionen

bei der Entwicklung des nationalen

Umweltplans beteiligt.

In Niederösterreich sind Umweltberaterinnen

in die verschiedenen Klimaschutzaktivitäten

des Landes eingebunden. Die Umweltberaterinnen

erarbeiten dort seit 1993 neben anderen

Gruppierungen mit der landeseigenen Koordinierungsstelle

für Umweltschutz Maßnahmen

zum Klimaschutz und sind an der konkreten

Umsetzung einzelner Vorhaben beteiligt.

Ihre Anerkennung als Mediatoren im umweltpolitischen

Dialog verdeutlicht die Einschätzung

der Landesvertreter: Für diese sind

die Umweltberaterinnen diejenigen, die an die


62 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9. HEFT 4, 1996

Bürgerinnen herankommen, in die Gemeinden

gehen und vor Ort mit den Problemen

der betreffenden Region vertraut sind. Sie

werden als notwendige Partner für die Konzeption

von Umweltaktionen als wesentliche

Ergänzung zwischen Land und Region angesehen.

Es gibt aber auch Probleme der intermediären

Arbeit, wie in Oberösterreich. So erhebt

die oberösterreichische Umweltakademie, eine

Landesdienststelle, den Anspruch, die erforderlichen

Schritte der Klimabündnisaktivitäten

allein zu erledigen. Das Kooperationsangebot

der Umweltberaterinnen wird zwar gesehen,

jedoch ausschließlich als Ergänzung

zu den Tätigkeiten des Landes verstanden. Da

der Leiter der Umweltakademie noch bis Mai

1996 zugleich Geschäftsführer der Umweltberatungsstellen

in Oberösterreich war, ergab

sich strukturell eine direkte Abhängigkeit der

Umweltberaterinnen von der Landesregierung."

Die Arbeit im Klimabündnis zeigt, daß intermediäre

Organisationen eine Rolle auf dem

Feld staatlicher Umweltpolitik einnehmen

können, wenn von dieser Seite auch ein Interesse

an einer Kooperation besteht. Die

Grenzen der Zusammenarbeit liegen dort, wo

es eindeutig um den Kompetenzbereich der

Ministerien bzw. Landesdienststellen geht.

Diese bleiben unangetastet.

Der Bewegungsspielraum auf dem politischen

Feld verringert sich auch, wenn öffentliche

Gelder gekürzt werden. Sparmaßnahmen im

öffentlichen Dienst, aber auch Budgetstreichungen

für Projektfinanzierungen wirken

sich in Österreich direkt auf die Arbeitsbe-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 63

dingungen intermediärer Organisationen aus,

weil diese über das Modell der Mischfinanzierung

immer in irgendeiner Weise auf öffentliche

Gelder angewiesen sind. Die zahlungskräftigsten

Kunden der Umweltberatung

sitzen in Landesregierungen und Ministerien.

Die ökonomische Absicherung ist gerade dann

von Bedeutung, wenn die Mediationsarbeit

„nach der Themenaufbereitung durch aktionistische

Umweltorganisationen" - wie z.B.

Greenpeace - einsetzt und mit den Beteiligten

„maßgeschneiderte Lösungen" erarbeitet,

die an "die individuellen Erfordernisse der

Kunden angepaßt" werden sollen (Zvacek

1996). Die Fachleute aus der Praxis, die -

populistisch gesagt - das Ohr beim Volk haben,

müssen auf einer legislativen Ebene fehlende

politische Rahmenbedingungen einfordern

und gleichzeitig ihre Arbeit als notwendig

vermitteln können.

5 Bewertung

Das umweltpolitische Feld in Österreich wird

als solches von den darauf Agierenden definiert

und verschoben. Die Mediation seitens

einer intermediären Organisation wie der Umweltberatung

kann nur stattfinden, wenn sie

in dieser Rolle Akzeptanz findet, und die Partner

bereit sind, dafür finanzielle Mittel in ausreichendem

Maße zur Verfügung zu stellen.

Dabei verortet sich die Umweltberatung als

flüchtige, ständigen Veränderungen ausgesetzte

Organisation, in dem Sinne, wie Klaus

Seile das intermediäre Arbeitsfeld durch „Diffusität

als Merkmal, Spannung als Normalzustand,

Dynamik als Konstante" (Seile 1992:

57) gekennzeichnet hat.

In den Pionierphasen der Umweltberatungsstellen

wiederholt sich strukturell die Nachweisbarkeit

biographischer Erfahrungen in

sozialen Bewegungen. Nach der Routinisierung

des Beratungsangebotes wird 1996 vor

allem nach dem Ausbildungsprofil, weniger

nach der Bewegungserfahrung oder dem Umweltengagement

der einzelnen Beraterinnen

gefragt. 12

Die Organisationsentwicklung trug wesentlich

dazu bei, den Verband als einheitliche Organisation

zu konstituieren; 1996 wurde das

neue Logo der Organisation vorgestellt: „die

umweltberatung". Entscheidend für die Frage

der Verortung von intermediären Organisationen

im Politischen war, daß erst mit einer

Organisationsentwicklung und der systemtheoretischen

Sprache das politische Feld

beschrieben und damit auch beschritten wurde.

Wurde zu Beginn politisches Engagement

mit parteipolitischem verknüpft und daher

eher abgelehnt, versucht sich „die umweltberatung"

derzeit bewußt als kooperative und

dialogorientierte Organisation in einem politischen

Feld. Der Erfolg hängt dabei von den

politisch mächtigen Partnern ab.

Margit Leuthold ist Lehrbeauftragte am Institut

für Erziehungswissenschaften der Universität

Wien und promoviert zu dem Thema

„Pädagogik im Spannungsfeld zwischen den

Forderungen neuer sozialer Bewegungen und

einer Erziehung zur Mündigkeit - Eine Untersuchung

am Beipiel der Umweltbildung".

Anmerkungen

1

Ich folge hier vor allem dem Beitrag von

Schwendter 1996.

2

Die sozialen Bewegungen in Österreich fanden

innerhalb dieser besonderen politischen Konstellation

statt. Es wäre zwar möglich, der Umweltbewegung

am Beispiel der Auseinandersetzung um

das Atomkraftwerk Zwentendorf und der Besetzung

der Haiburger Au 1984 mit Karl-Werner

Brand, Detlef Büsser und Dieter Rucht (Brand u.a.


64 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9. HEFT 4, 1996

1984: 35-37) einen Protestcharakter zuzugestehen.

Allerdings müßte man - folgte man den Autoren

weiter - diesen sofort wieder aufheben: Erst über

traditionelle Naturschutzverbände (dem Österreichischen

Naturschutzbund beispielsweise) bzw. über

Umweltorganisationen (Greenpeace Österreich und

Global 2000, Gründung: 1982) wurden regional

übergreifende Umweltproteste (wie beispielsweise

Zwentendorf und Hainburg) artikuliert. Eine ausschließliche

Betonung des Protestcharakters oder

eine Orientierung an der formalen Organisation als

Kriterium für gesellschaftliche Anerkennung würde

der Inhomogenität der österreichischen Ökologiebewegung

nicht gerecht.

'Besonders deutlich wird dies am Abstimmungsergebnis

in Vorarlberg: Hier stimmten 90% der

Bevölkerung gegen die Inbetriebnahme Zwentendorfs

- was bedeutet, daß die Opposition auch tief

ins Establishment hineinreichte (Schwendter 1996).

4

Sechs der zehn waren in sozialen Bewegungen

aktiv. Mindestens drei waren 1984 beim Konflikt

um das Wasserkraftwerk in der Hainburger Au

involviert, die anderen waren zeitweise bei den

vier Jahre zuvor in Österreich gegründeten Organisationen

Greenpeace, Global 2000 oder der Anti-

AKW-Bewegung. Sie arbeiteten in der Alternativund

Frauenbewegung, der Naturschutzbewegung,

einige im Bioland(bau), andere in Landkommunen.

Einige sammelten ihre ersten Bewegungserfahrungen

in institutionellen Gruppen wie der

Landjugend oder der Katholischen Jugend, da diese

unter österreichischen Bedingungen zeitweise

Bewegungscharakter aufweisen.

5

Die Umweltberaterinnen in Niederösterreich waren

zunächst beim Verein Jugend & Arbeit angestellt,

über den die Landesregierung eine Reihe

von Arbeitsbeschaffungsprojekte abwickelte. 1990

übernahm der Umweltschutzverein Bürger und

Umwelt (UBU) die Anstellungsverträge. Die Mitglieder

des Vereins sind neben dem Verein der

Umweltberatungsstellen auch das Land Niederösterreich,

die niederösterreichische Umweltschutzanstalt,

die Akademie für Umwelt und Energie,

der Verband der niederösterreichischen Gemeindevertreter

der ÖVP und der SPÖ. Die Dienstzuteilung

erfolgt mit einem Sachmittelbudget an die

regionalen Vereine der Umweitberatungstellen als

„Quasi-Leiharbeitskräfte" (vgl. Schrefel u.a. 1990:

104).

6

1988 wurden vier Umweltberatungsstellen in

Wien eröffnet, die über den Anstellungsträger Verband

Wiener Volksbildung an die Volkshochschulen

in Hietzing, Favoriten, Penzing und Floridsdorf

angegliedert sind, sowie drei in Oberösterreich

(Linz, Salzkammergut und Kremstal), in deren

Anstellungsverein das Land Oberösterreich über

die Oberösterreichische Umweltakademie vertreten

ist. 1989 wurden in Niederösterreich (NÖ) drei

weitere - NÖ-Mitte (St. Pölten), Weinviertel (Hollabrunn)

und NÖ Süd (Wiener Neustadt) - und in

Tirol (Innsbruck) eine neue Stelle eröffnet. In den

Jahren zwischen 1990-1992 gab es ein weiteres

Umweltberatungsstellenprojekt im Burgenland (in

Oberwarth). 1992 wurde mit der Umweltberatungsstelle

im niederösterreichischen Alpenvorland

(Pöchlarn) die bislang letzte Stelle eingerichtet. In

den anderen Bundesländern (Kärnten, Salzburg,

Steiermark und Vorarlberg) wurden Umweltberaterinnen

entweder direkt in die Umweltstellen der

Landesregierung oder an die Gemeindeverwaltungen

eingegliedert. In der Steiermark konnten sich

Abfallberaterinnen in ähnlicher Weise wie die Umweltberatung

als Verein (ARGE Müllervermeidung)

etablieren.

7

Die Vertreterinnen der Grünparteien kamen hier

als Koalitionspartner nicht in Betracht, da sie in

den Ländern noch keine entscheidungsrelevante

Position einnehmen konnten. Auf personeller Ebene

gibt es allerdings Vernetzungen. So war beispielsweise

die derzeitige umweltpolitische Sprecherin

der österreichischen Grünen - Monika

Langthaler - vor ihrer politischen Arbeit Mitarbeiterin

des Österreichischen Ökologie-Instituts.

* Christian Schrefel, Christoph Schwegelbauer und

Rainer Tietel beschrieben intermediäre Organisation

und deren Entwicklungsdynamik anläßlich eines

Symposiums über innovative Strukturen für

Gesundheitsförderung in Anlehnung an ein Diskussionspapier

von Klaus Seile. Seile hat 1992 an

Beispielen städtischer Initiativen die Frage untersucht,

warum solche intermediären Organisationen

entstehen bzw. auf welche Fragen sie die Antwort


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 65

darstellen (vgl. Seile 1992: 48-61; 57f.). Er konstatierte,

daß diese einem gesellschaftlich relevantem

Interesse, einem öffentlichen Bedarf an der

Bearbeitung bestimmter Probleme/Defizite mit Beratungsdienstleistungen

entsprechen. Sie füllen eine

Lücke, die durch das nicht vorhandene Leistungsvermögen

oder nicht vorhandene Handlungsinteresse

öffentlicher Institutionen entstanden ist. Intermediäre

Organisationen übernehmen also Beratungs-,

Vermittlungs-, Selektions- und Konfliktbearbeitungsfunktionen

in einem intermediären Bereich

zwischen öffentlicher Verwaltung, privaten

Interessen - Interessen, die sich auch in Selbsthilfegruppen

und Bürgerinitiativen artikulieren könnten

- und verschiedenen Märkten, die auf diese

sozialen bzw. gesellschaftlichen Bedürfnisse aufgrund

ihrer Marktbedingungen nur sehr eingeschränkt

reagieren können/wollen. Die Umweltberatung

in Österreich definiert ihre Funktion in diesem

Sinne.

* Seit 1996 wird deshalb der Vorstand nicht mehr

jährlich, sondern alle zwei Jahre gewählt.

'" Ich stütze mich bei meiner Darstellung auf die

Untersuchung von Petra Zechmeister 1996.

" In Wien ist das Aufgreifen der Treibhausproblematik

sogar auf eine Initiative der Umweltberatung

zurückzuführen. Auch hier findet die Kooperation

zwischen einer Magistratsabteilung und der

Umweltberatung in einem Arbeitskreis und einem

Klimabündnisteam statt. Allerdings mit unterschiedlicher

Einschätzung der Beteiligten: Während von

Magistratsseite aus die Zusammenarbeit als gegenseitig

unterstützend beschrieben wird, kritisieren

Umweltberaterinnen, daß nur wenig konstruktiv

gearbeitet werde und vermuten, daß die Zusammenarbeit

anscheinend durch die positive öffentliche

Wirkung motiviert sei.

12

Wobei heute spezielle Qualifikationen über ein

training on the Job vermittelt werden (vgl. Reisinger

1995).

Literaturverzeichnis

Binder, Peter/Teubenbacher, Birgit 1996: Der

Spiegel im Spiegel. Veränderungen im Selbst- und

Fremdbild der Umweltberatung im Waldviertel und

Mostviertel. In: Leuthold, Margit/Schwendter, Rolf

(Hrsg.): Veränderte Zeiten. Wien: Verband Wiener

Volksbildung (im Erscheinen).

Brand, Karl-Werner u.a. 1984: Aufbruch in eine

andere Gesellschaft. Neue soziale Bewegungen in

der Bundesrepublik. 2. Auflage. Frankfurt/M./New

York: Campus.

Reisinger, Roswitha 1995: Das Bildungskonzept.

Wien: Umweltberatung Österreich.

Schrefel, Christum u.a. 1990: Umweltberatung zwischen

Eigenständigkeit und Verstaatlichung. Strategien

und Entwicklungsprozesse neuer intermediärer

Organisationen am Beispiel der Umweltberatungsstellen

in Österreich. In: Trojan, Alf/Hildebrandt,

Helmut (Hg.): Brücken zwischen Bürgern

und Behörden. Hamburg: Asgard Verlag 99-110.

Schwegelbauer, Christoph/Tietel, Rainer 1989:

Modellprojekt Umweltberatungsstellen. Konzeption

und Erfahrungen mit dem Modellprojekt Umweltberatungsstellen

in Österreich. Wien: Österreichisches

Ökologie-Institut.

Schwendter, Rolf 1996: Zur Umweltbewegung in

Österreich. In: Leuthold/Schwendter, a.a.O.

Seile, Klaus 1992: Neue Institutionen für die Entwicklung

städtischer Quartiere, oder: Warum entstehen

intermediäre Organisationen? In: Forschungsjournal

NSB, Jg. 5, Heft 2,48-61.

Pelinka, Anton 1991: The Study of Social Movements

in Austria. In: Rucht, Dieter (Ed.): Research

on Social Movements. Fankfurt, Boulder: Campus,

Westview Press 230-246.

Zechmeister, Petra 1996: Der Treibhauseffekt und

Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zwischen

staatlichen Kompetenzträgern und der Umweltberatung

in Österreich. Wien: Diplomarbeit Universität

für Bodenkultur.

Zvacek, Liselotte 1996: Ein neuer Akteur im umweltpolitischen

Feld: „die umweltberatung". In:

Leuthold/Schwendter (Hg.): a.a.O.


66 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Gabriela B. Christmann

Zur 'ökologischen Moral'

im Wandel der Zeiten

1 Einleitung

In der Forschungsliteratur wird häufig darauf

hingewiesen, daß soziale Bewegungen und

Moral aufs engste zusammenhängen. Als eine

'klassische' Studie kann hier Joseph R. Gusfields

(1963) Untersuchung über die

'Women's Christian Temperance Union' betrachtet

werden, deren Aktivitäten von Gusfield

als symbolische und moralische Kreuzzüge

gedeutet wurden. Bis heute wird der Zusammenhang

von sozialen Bewegungen und

Moral betont: Für Eder, der soziale Bewegungen

als „Moralgemeinschaften" (Eder 1994:

47) begreift, ist die Moral insofern „Gegenstand

des Protests" (Eder 1989: 185), als die

Bewegungen die Erfüllung ihres moralischen

Ideals einfordern. Opp (1994: 21) betrachtet

vor allem „moralische Anreize" als maßgeblich

für das Engagement. Und Hellmann

(1996: 231-238) vermutet, daß Mobilisierung

erst über Moral möglich wird.

In diesem Beitrag wird gezeigt. Inwiefern das

Sinnsystem heutiger Umweltschützer und Umweltschützerinnen

moralische Dimensionen

aufweist. Es wird untersucht, wie das umweitschützerische

Moralsystem historisch entstanden

ist und wie es sich gewandelt hat. Zu

diesem Zweck werden drei historische Etappen

betrachtet: erstens die historischen Vor­

läufer der Ökologiebewegung, die im Zeitraum

von 1750 bis 1930 beobachtet werden

konnten (Abschnitt 2), zweitens die moderne

Ökologiebewegung in der Phase von den

70ern bis Mitte der 80er Jahre (Abschnitt 3),

und drittens die Phase von der Mitte der 80er

bis in die 90er Jahre (Abschnitt 4). Es wird

sich zeigen, daß sich die moralischen Dimensionen

in allen drei Etappen in verblüffender

Weise ähnlich sind. Neben den Kontinuitäten

können allerdings auch Transformationen

festgestellt werden (Abschnitt 5),

die im Schlußkapitel herausgearbeitet werden.

Was die Datenbasis der Untersuchung betrifft,

so sind für die Vorläufer der heutigen Bewegung

historische Quellentexte herangezogen

worden. Dazu gehören Buchveröffentlichungen

von Rousseau und den Romantikern wie

auch Bücher und Mitgliederzeitschriften der

Lebensreformer, Wandervögel, Naturfreunde

und der ersten Naturschützer (Bund für Vogelschutz,

Bund für Heimatschutz). Für die

zweite Etappe wurden zentrale Publikationen

der 70er und 80er Jahre analysiert, und zwar

Schriften prominenter Autoren, die der Ökologiebewegung

entweder angehörten, ihr sehr

nahe standen oder sie in starkem Maße beeinflußten.

Im Hinblick auf die Ökologiebewegung

der späten 80er und der 90er Jahre


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 67

liegen Daten zugrunde, die von der Verfasserin

im Rahmen eines größeren Projektes über

ein lokales Segment der Ökologiebewegung

erhoben wurden (vgl. Christmann 1996).

Dieses Projekt hatte zum Ziel, die Sinndeutungen

von Umweltschützern und Umweltschützerinnen

zu beschreiben. Die Verfasserin

hat vom Herbst 1989 bis zum Frühling

1991 mehr als eineinhalb Jahre im Bewegungsmilieu

verbracht. Sie nahm an den

Gruppentreffen sowie an zahlreichen von den

Gruppen veranstalteten Vorträgen, Seminaren

und Exkursionen teil. Mit insgesamt vierzig

- repräsentativ für die lokale Ökoszene ausgewählten

- Akteuren wurden Interviews geführt.

Ferner wurden Flugblätter, Selbstdarstellungen,

Programme, offene Briefe, Forderungskataloge,

Alternativkonzepte aus der

Ökoszene analysiert, und es wurde 'Bewegungsliteratur'

berücksichtigt, die über den

'lokalen' Rahmen hinaus geht. Dazu gehören

Ökoratgeber, Mitgliederzeitschriften der Umweltschutzverbände

etc.'

2 Die historischen Vorläufer

Wegweisend für eine Kritik an der Zivilisation

und die Herausentwicklung des Naturschutzgedankens

ist Jean-Jacques Rousseau.

In der im Jahre 1750 verfaßten, preisgekrönten

Abhandlung über die Preisfrage der Akademie

von Dijon, ob der „Wiederaufstieg der

Wissenschaften und Künste zur Läuterung der

Sitten beigetragen" habe, legte Rousseau eine

Zivilisationskritik vor, die er in späteren

Schriften - insbesondere in der „Abhandlung

über den Ursprung und die Grundlagen der

Ungleichheit unter den Menschen" (1755) -

fortsetzte. Rousseau zeigte eine tiefe Skepsis

gegenüber den zivilisatorischen Leistungen

seiner Zeit, weil sie - so seine Einschätzung

- letztlich zum Verfall des Menschengeschlechts

führen. Besonders vehement kriti­

sierte Rousseau den Luxus und die Erfindungen

der Wissenschaften, die den Luxus erst

ermöglichten. Der Luxus wurde als das Böse

schlechthin, als die Wurzel allen Übels betrachtet.

Rousseau schien es sicher, daß der

Luxus die Menschheit früher oder später in

den Untergang führt. Nun ging es Rousseau

aber keineswegs darum, nur zu kritisieren

bzw. Katastrophenwarnungen auszugeben. Er

deutete vielmehr an, daß es Auswege gibt.

Was Rousseau dem Luxus entgegenhielt, war

das tugendhafte, einfache und naturnahe Leben.

Seine Forderung, 'zurück in die Wälder

zu gehen', muß dabei jedoch als eine polemische

Vereinfachung betrachtet werden.

Die Idealisierung des natürlichen Lebens und

die Begeisterung für die Natur schlugen sich

bekanntlich auch im dichterischen Werk

Rousseaus nieder. Mit dem weltberühmten -

im Jahre 1761 verfaßten - Roman „Julie oder

Die neue Heloise" antizipierte Rousseau ein

Naturgefühl, wie es sich wenig später in der

Romantik (insbesondere in der Frühromantik)

finden sollte. Was die Vertreter der Romantik

zweifellos mit Rousseau verbindet, ist

die Kulturkritik, die sich in der Skepsis gegenüber

der Errungenschaften der Wissenschaften

äußert, das Streben nach einer natürlicheren

und gerechteren Gesellschaft, die

Idealisierung des Natürlichen. Bei einigen

Romantikern findet sich darüber hinaus ein

holistisches Naturbild: So begriff etwa Novalis

die Natur als ein dem Menschen verwandtes

Wesen, das sich in Chiffren äußert

und vom Menschen verstanden werden kann.

Es zeigt sich hier ein Sich-Einsfühlen mit der

Natur.

Die in der Romantik kultivierte Naturästhetik

dürfte eine wesentliche Voraussetzung dafür

gewesen sein, daß der Naturschutzgedanke

aufkommen konnte (vgl. Böhme 1992:

125-140). Insbesondere bei den 'späteren'


68 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Romantikern (z.B. bei Bettina von Arnim)

wird nicht mehr nur die Schönheit der Natur

wahrgenommen, sondern es geraten zunehmend

auch die verschiedenen Formen der 'Naturentweihung'

in den Blick, die teilweise mit

heftiger Empörung angeprangert werden. So

stellt Seel (1991: 289) fest, daß die Ästhetik

der Natur eine wesentliche Voraussetzung für

eine Ethik der Natur darstellt. Sie schärft „das

Bewußtsein für das moralische Problem des

richtigen Umgangs mit der Natur" (Seel 191:

309). Da die Werke Rousseaus und der Romantiker

sehr verbreitet waren und schon damals

eine breite Rezeption erfuhren, entwikkelte

sich bald ein Bewußtsein für die Natur.

Es ist nicht schwer, von Rousseau und den

Romantikern eine Brücke zu den Lebensreformern,

Naturfreunden und Wandervögeln zu

schlagen: Offensichtlich ist, daß Rousseaus

Katalog in den Schriften der Lebensreformer

aufgeht, und einige Autoren - so etwa der

Naturheilkundler Adolf Just - beziehen sich

sogar ausdrücklich auf Rousseau. Es ist vom

Luxus die Rede, der als lasterhaft empfunden

und als Irrweg betrachtet wird, und es wird

die fortschreitende - potentiell in den Untergang

führende - Vergiftung bzw. Zerstörung

der Menschheit thematisiert (vgl. Baltzer

1873: 67 u. 69).

Stets werden der 'Luxus', die 'Üppigkeit' und

die 'Genußsucht' angeprangert. Was dem entgegengesetzt

wird, ist eine Lebensform, die

im Einklang mit der Natur steht. Das Ziel ist

eine ganzheitliche Mensch-Natur-Harmonie.

Zwar erfordert die natürliche Lebensweise einen

asketischen Verzicht, dieser wird allerdings

keineswegs als unangenehm empfunden,

denn der Verzicht auf Unnatürliches wird

mit dem Gefühl des 'Einsseins mit der Natur'

belohnt (vgl. Schlickeysen 1921: 31).

Nun wird die natürliche Lebensweise nicht

nur vom einzelnen Lebensreformer angestrebt.

Der Lebensreformer betrachtet es vielmehr

als seine 'heiligste Pflicht', auch seine

Zeitgenossen zur neuen Lebensform zu bekehren.

Die Proselytenwerbung ist ein erklärtes

Ziel lebensreformerischen Handelns. In der

Tat haben die Lebensreformer für eine weite

Verbreitung ihres Gedankenguts über Bücher,

Zeitschriften, andere Informationsschriften

und öffentliche Vorträge gesorgt.

Da es zahlreiche Lebensreformer gab, die

gleichzeitig Wanderer waren und sich bei den

Naturfreunden oder Wandervögeln organisierten,

fanden die lebensreformerischen Ideen

sowohl in die Naturfreunde- als auch in die

Wandervogelbewegung Eingang. Speziell bei

den Wandervögeln kam hinzu, daß sie nachweislich

die deutschen Mystiker wie auch die

Romantiker lasen. In diesem Fall kann gleichzeitig

ein direkter Rückgriff auf romantisches

Gedankengut festgestellt werden.

Über die Wandervögel und die Naturfreunde

wurden die rousseauistisch-romantischen und

lebensreformerischen Ideen in die Vogel- und

Heimatschutzbewegung eingeführt und bis ins

20. Jahrhundert hinein transportiert. Zahlreiche

Lebensreformer und Wandervögel setzten

sich in späteren Jahren für den Naturschutz

ein. Insbesondere die Wandervögel traten

oft 'gesammelt' - d.h. in ganzen Gruppen

- den ersten Naturschutzverbänden bei. Allen

voran ist der 'Bund für Heimatschutz' zu

nennen, der in seinen Anfängen durch einen

stark romantisch geprägten Motivhintergrund

auffiel. Dieser Umstand erklärt sich unter anderem

dadurch, daß dessen Begründer, Ernst

Rudorff. In seiner Jugendzeit noch persönlichen

Kontakt mit Ludwig Tieck, Bettina von

Arnim und Achim von Arnim hatte, was Rudorffs

Denken nachhaltig beeinflußte.


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 69

3 Die moderne Ökologiebewegung:

Von den 70ern bis

Mitte der 80er Jahre

Eine größere Lücke in der weiteren Tradierung

der Sinnelemente entstand erstmals kurz

nach der Jahrhundertwende. Vor allem der

Zweite Weltkrieg und gewisse Kontaminationen

durch die nationalsozialistische Ideologie

('Blut-und-Boden-Ideologie') sorgten für

Unterbrechungen. Und dennoch sollte das

rousseauistisch-romantische Gedankengut

eine Renaissance erleben. In der frühen Ökologiebewegung

(70er bis Mitte der 80er Jahre)

zeigte sich eine entsprechende Rückbesinnung.

Spätestens Ende der 70er Jahre fanden

sich in den Veröffentlichungen 'prominenter

Grüner' mystische und rousseauistischromantische

Sinnelemente neben fernöstlichen

Vorstellungen. Während der Naturschutzgedanke

im frühen 20. Jahrhundert

noch eng mit ästhetischen Motiven verbunden

war, und es dort vor allem um die Erhaltung

des 'Schönen' in der Natur ging, hat sich

die Motivlage in den 70er Jahren jedoch erheblich

geändert. Das ästhetische Argument

trat in den Hintergrund. Es entwickelte sich

zunehmend ein Bewußtsein davon, daß es um

das Überleben der Menschheit geht, womit

das ethische Motiv in den Vordergrund drängte.

Entscheidend für die Verbreitung des 'neuen'

ökologischen Denkens waren eine Reihe

von Publikationen, die ausgedehnte öffentliche

Diskussionen auslösten und die Sinndeutungen

von Akteuren der Ökologiebewegung

nachhaltig beeinflußten. Für die Etappe der

70er und 80er Jahre können drei Phasen unterschieden

werden.

In der ersten Phase wurde das Ausmaß der

Umweltkrise behandelt. Was sie kennzeichnet,

ist eine ausgeprägte Kulturkritik und ein

eschatologisches Denken. Ein früher Auftakt

zur ersten Phase ist Rachel Carsons Buch „Der

stumme Frühling" (1965). Carson führte anhand

von Zahlen und Fakten vor Augen, was

für ein beängstigendes Ausmaß das Vogelsterben

angenommen hatte, und prognostizierte,

daß der zunehmende Einsatz von Pestiziden

und Insektiziden nicht nur das Überleben der

Tiere gefährden, sondern auch das Leben des

Menschen bedrohen wird.

Dieser ersten Warnung folgten Anfang der

70er Jahre ausgedehnte Unheilsprophetien,

die bis zur Mitte der 70er Jahre andauerten.

Zu den herausragendsten unter ihnen zählten

Paul R. Ehrlichs „Die Bevölkerungsbombe"

(1971) , Barry Commoners „Wachstumswahn

und Umweltkrise" (1971), Dennis L. und Donella

H. Meadows' „Grenzen des Wachstums"

(1972) und Mihajlo Mesarovic/Eduard Pesteis

„Menschheit am Wendepunkt" (1974). All diese

Studien verband, daß sie anhand naturwissenschaftlicher

Daten sowohl das Fortschreiten

der Umweltzerstörung als auch die Begrenztheit

der natürlichen Ressourcen aufzeigten.

Die Daten legten nahe, daß die

Menschheit auf ihren Untergang zusteuert,

wenn nicht der Mensch seinen technikorientierten

Fortschrittsglauben aufgibt und seine

Wachstumserwartungen zurücknimmt. Die

Publikationen kennzeichnete eine kulturkritische

Dimension, die sich vor allem in Form

einer Wachstumskritik äußerte. In zahlreichen

anderen kulturkritischen Schriften findet sich

zudem eine ausgeprägte Kapitalismuskritik.

Die Reaktionen, die diese Studien hervorriefen,

waren beachtlich. Die Massenmedien

griffen die Umweltprobleme in großem Stil

auf und führten sie einer breiten Öffentlichkeit

zu. Hinsichtlich des Themas Umweltschutz

war ein neuer Diskussionsrahmen entstanden.

Von nun an sollte in nahezu jedem

Buch zum Thema Umweltschutz die Erkenntnis

vom drohenden 'Untergang' formuliert

werden.


70 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

In der zweiten Phase, die von der Mitte bis

zum Ende der 70er Jahre reichte, suchte man

nach Auswegen aus der Krise, und die Lösung

lautete: 'Konsumaskese' bzw. 'Verzicht'.

Unter 'Verzicht' verstand man den freiwilligen

Verzicht auf den materiellen Überfluß,

die selbstgewählte Einfachheit. Die populärsten

Schriften waren in diesem Zusammenhang

zweifellos Ernst F. Schumachers „Die

Rückkehr zum menschlichen Maß" (1977)

und Erich Fromms „Haben oder Sein" (1976).

Ferner sind die unzähligen Monographien,

Sammelbände, Aufsätze und Positionspapiere

zu erwähnen, die konkrete Möglichkeiten

für eine asketische Lebensführung vorschlugen

und zur Umkehr aufriefen - die obligatorische

Wachstums- und Konsumkritik inklusive.

Der hemmungslose Konsum erschien

nunmehr als egoistisch und verantwortungslos.

Der rücksichtslose Verbrauch nahm den

Charakter schuldhaften Handelns an. Konsum

und Moral waren fortan untrennbar miteinander

verbunden.

In der dritten Phase dachte man schließlich

über ein neues Verhältnis zur Umwelt nach.

In diesem Zusammenhang wurde ein 'Denken

in Zusammenhängen' gefordert. Schon

Anfang der 70er Jahre - als man begann, das

Ausmaß der Umweltkrise wahrzunehmen -

wurden erste Vorschläge formuliert, die auf

ein neues Naturverhältnis des Menschen zielten.

Hier sind vor allem das von Barry Commoner

angeregte Denken in kybernetischen

Regelkreisen (vgl. „Wachstumswahn und

Umweltkrise", 1971) und das von Frederic

Vester vorgeschlagene 'vernetzte Denken' zu

erwähnen (vgl. „Überlebensprogramm", 1972;

„Das kybernetische Zeitalter", 1974, und

„Neuland des Denkens", 1980). Vor allem

vom Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre

konnten aber 'tiefergehende' holistische Vorstellungen

beobachtet werden. Es erschienen

Schriften von Autoren und Autorinnen, die

der Ökologiebewegung mehr oder weniger

nahe standen. Hierzu zählen unter anderem

die Publikationen von Klaus-Michael Meyer-Abich

(„Frieden mit der Natur", 1979),

Manon Maren-Grisebach („Philosophie der

Grünen", 1982), Wolf-Dieter und Connie Hasenclever

(„Grüne Zeiten", 1982) und Fritjof

Capra („Wendezeit", 1983). Es wurde die Abkehr

vom anthropozentrischen Denken und

die Hinwendung zu einer holistischen Ethik

gefordert, die nicht nur alle Lebewesen, sondern

auch die Erde und den Kosmos umfaßte.

Häufig berief man sich auf bestimmte Denktraditionen,

und je nachdem, welche Geistesrichtung

präferiert wurde, vermischten sich

auf dem Markt der Öko-Ethiken mystisches,

romantisches, christliches und fernöstliches

Gedankengut mit indianischen Mythologien.

Das Verhältnis zur Wissenschaft erweist sich

dabei als gebrochen: Es wird der Ruf nach

einer 'alternativen Wissenschaft' laut.

Spätestens ab Mitte der 80er Jahre findet man

in den meisten Publikation zum Thema Umweltschutz

eine Argumentationsweise vor, die

die obigen Themen integriert: Der üppige Lebensstil

in der modernen Konsumgesellschaft

wird dafür verantwortlich gemacht, daß der

Menschheit eine ökologische Katastrophe

größten Ausmaßes droht (kulturkritische Haltung

und eschatologisches Denken). Eine Rettung

wird nur für möglich gehalten, wenn sich

in der Bevölkerung ein umfassender Bewußtseinswandel

vollzieht: Die Menschen müssen

ein Bewußtsein für ökologische Zusammenhänge,

besser noch ein ganzheitliches Denken

entwickeln (Formen holistischen Denkens).

Ferner sollte das ökologische Bewußtsein

von einem ökologischen Handeln begleitet

sein, das auf allen schädlichen Überfluß

und Luxus verzichtet (Ideal des natürlicheren

Lebens. Insbesondere des Verzichts). Um

die ökologische Katastrophe abwenden zu

können, müssen die 'Sünder' zur Umkehr auf-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 71

gerufen und zur 'guten' Lebensweise bewegt

werden (Proselytenwerbung).

4 Die heutige Ökologiebewegung

am Beispiel eines lokalen

Bewegungssegments

Es ist nun interessant, daß sich die obengenannten

Sinnelemente bis in die heutige Zeit

(Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre) gehalten

haben und bei Akteuren der Bewegungsbasis

zum Tragen kommen. Analysiert

man die Antworten, die Umweltschützer und

Umweltschützerinnen eines lokalen Bewegungssegments

2

im Rahmen von Interviews

auf Fragen nach Hintergründen und Zielen

ihres Engagements geben, zeigt sich, daß die

dort vorfindbaren Argumentationen keineswegs

disparat oder individuell verschieden

sind. Es können vielmehr typische Motive 3

identifiziert werden, mit denen die Akteure

verdeutlichen, wie es zum Engagement im

Umweltschutz kam und welchen Sinn sie damit

verbinden. Die Akteure beschreiben das

Problem, das ihnen Anlaß zum Engagement

gab, und sie benennen die Faktoren, die sie

als verantwortlich für die Entstehung des Problems

betrachten. Ferner zeigen sie Lösungen

auf und geben das Mittel an, das ihnen

für die Lösung der Probleme zur Verfügung

steht.

Das Problem: Drohender Weltuntergang. Untersucht

man, wie die Akteure das zentrale

Motiv für ihr Engagement darstellen, so fällt

auf, daß die Darstellungen recht dramatisch

gehalten sind. Die Akteure berichten, daß sie

das Fortschreiten der Naturzerstörung und der

Umweltverschmutzung genau verfolgen, und

formulieren, daß sie für die Zukunft hinsichtlich

der Umweltsituation keine günstigen Entwicklungen

erwarten. Das Eintreten des

schlimmsten Falls - der großen Umweltkatastrophe

- erscheint ihnen wahrscheinlich.

Wenn es so weiter gehe wie bisher, drohe die

'Apokalypse'.

Die Ursachen: Extensiver Konsum. Für die

bedrohliche Situation können Gründe ausgemacht

werden, so die Umweltschützer. Es ist

das unter ökologischen Gesichtspunkten unsensible

Verhalten 'der Allgemeinheit', und

es ist das Verhalten 'der Politiker', die wirksame

politische Maßnahmen zum Umweltschutz

hinauszögern. Am weitaus häufigsten

wird indes der ausschweifende Konsum thematisiert.

Nahezu in jedem Interview finden

sich in jeweils verschiedenen Variationen moralisierende

Ausführungen über das Konsumverhalten

des Durchschnittsbürgers.

Die Lösung: Denken in Zusammenhängen und

natürlichere Lebensweise. Nun sehen die Akteure

durchaus einen Ausweg aus der Krise.

Zunächst wünschen sie sich, daß die Menschen

ein anderes Denken entwickeln: Sie

müssen lernen, 'in Zusammenhängen zu denken',

das heißt, sie sollten sich dessen bewußt

werden, daß ihr Handeln Folgen hat, die

letztendlich wieder auf sie zurückwirken.

Meistens rekurrieren die Akteure dabei auf

biologistisch-kybernetische Modelle, wie sie

etwa von Frederic Vester entwickelt wurden

(das 'vernetzte Denken'). Nur selten finden

sich hier tiefe 'holistische' Dimensionen im

Denken von Umweltschützern und Umweltschützerinnen.

Wie die Interviews zeigten,

genügt es den Akteuren keineswegs, daß die

Menschen zu einem neuen Denken gelangen.

Es kommt vielmehr darauf an, daß sie die gewonnenen

Erkenntnisse in ein ökologisches

Handeln umsetzen: Die Menschen müssen zu

einer natürlicheren Lebensweise zurückfinden.

Begriffe wie 'weniger Konsum' bzw.

'Konsumverzicht', 'Selbstbeschränkung' und

'Askese' stehen für dieses Konzept, das in

den Augen der Akteure die 'gute' Lebensführung

verkörpert.


1 2 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Das Mittel: Proselytenwerbung. Wir haben gesehen,

daß sich nach Ansicht der Akteure das

Denken und das Handeln der Menschen verändern

muß. Auf die Frage, wie dies bewerkstelligt

werden kann, lautet die umweltschützerische

Antwort: Indem man (im Rahmen von

Öffentlichkeitsarbeit) 'informiert' und 'überzeugt'.

So kann an einer Bewußtseinsveränderung

gearbeitet, so können Menschen für

den Umweltschutz gewonnen werden.

Die ethnographische Feldforschung in der lokalen

Ökoszene zeigte, daß die Sinnelemente,

die die Akteure für die Begründung ihres

Engagements heranziehen, teilweise auch im

Rahmen der Gruppentreffen beobachtet werden

können. Man kann somit davon ausgehen,

daß diese Elemente zum einen über die

Kommunikation in den Gruppen und zum anderen

über die Literatur erworben werden.

In der gruppeninternen Kommunikation vermitteln

sich die Akteure in mehr oder weniger

indirekter Form drei wesentliche Sinnelemente:

(1) Zum einen ist es das Element, daß eine

natürlichere Lebensweise gesucht und angestrebt

werden muß. Die Akteure formulieren

es als ihre Aufgabe, die Öffentlichkeit über

Umweltprobleme und Möglichkeiten ihrer

Bewältigung zu informieren. Zu diesem

Zweck beschäftigen sie sich mit den Ausmaßen

und Ursachen der Probleme. Vor allem

aber erarbeiten sie sich. Inwiefern umweltfreundlichere

Handlungsalternativen herangezogen

werden können. Dies tun sie. Indem

sie sich in Form von Referaten in die gewählten

Themen einarbeiten, wofür sie eine umfangreiche

Literatur - darunter auch wissenschaftliche

Bücher und Artikel - zu Rate ziehen.

Es zeigte sich insgesamt, daß die Umweltschützer

einen großen Wert auf eine sachliche

- und soweit wie möglich sogar auf eine

wissenschaftliche 4

legen.

- Fundierung ihrer Arbeit

(2) Das zweite in den Gruppentreffen vermittelte

Element ist, daß möglichst viele Menschen

für den Umweltschutz - und das heißt:

für die umweltfreundliche Lebensweise - gewonnen

werden müssen ('Proselytenwerbung').

Dieses Sinnelement zeigt sich stets,

wenn Neulinge in die Gruppe kommen und

die Akteure ihnen erklären, was die Gruppe

als ihre Aufgabe ansieht: Den Novizen wird

bei dieser Gelegenheit gesagt, daß es das Ziel

der Gruppe sei, möglichst viele Menschen

Uber 'Informationen' für den Umweltschutz

zu gewinnen.

(3) Das dritte Element, das sich die Akteure

vermitteln, ist die Kritik am Konsumverhalten.

Die Vermittlung jenes Sinnelements erfolgt

in den 'informellen' Gesprächen der

Gruppentreffen. Die Aktivitäten in Ökologiegruppen

beschränken sich nicht nur auf formelle

Tätigkeiten wie das Aktionen-Planen

und -Vorbereiten. Es zeigte sich vielmehr, daß

die Akteure im Rahmen von Diskussionen

auch in 'informelle' Gespräche hinübergleiten

können. Dort kommen häufig Moralisierungen

über die verschiedensten Formen unökologischen

Denkens und Handelns vor.

'Der Konsum' mit allen seinen Varianten und

Facetten steht hier deutlich im Vordergrund.

In beinahe rousseauistischer Art erscheint dabei

der extensive Konsum als die Wurzel allen

Übels, dem die natürliche Lebensweise

entgegengesetzt werden muß. Die Akteure

vergewissern sich auf diese Weise ihrer Diagnose

hinsichtlich der eigentlichen Ursachen

für die Umweltzerstörungen.

Die Beobachtungen zeigten, daß innerhalb der

Gruppenkommunikation weder die eschatologische

noch die holistische Dimension eine

Vermittlung findet. Um so erstaunlicher ist


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

es, daß jene Elemente im Rahmen der Interviews

regelmäßig formuliert werden. Dies

zeigt, daß es neben der Gruppeninteraktionen

einen Vermittlungsweg über die Literatur

geben muß.

5 Schluß: Kontinuitäten und

Transformationen

Es ist deutlich geworden, daß die rousseauistischen

Ideen - mit Weiterentwicklungen und

neuen Gewichtungen - von 1750 an bis in

das 20. Jahrhundert hinein eine kontinuierliche

Pflege und Tradierung erfuhren. Durch

entsprechende Schriften und Vergemeinschaftungen,

die als 'Vermittler' auftraten, erlebte

das einmal konstruierte Moralsystem stete

Rekonstruktionen, um sich schließlich auf

diese Weise zu jenem 'modernen' umweitschützerischen

Moralsystem zu entwickeln,

das wir heute vorfinden. Das von moralischen

Dimensionen durchsetzte Sinnsystem kann

damit - nebenbei bemerkt - als ein 'kommunikativ

konstruiertes und rekonstruiertes' System

angesehen werden (vgl. Berger/Luckmann

1966; Knoblauch 1995).

Konkret kehrten über die Zeitspanne von rund

250 Jahren hinweg die folgenden Sinnelemente

wieder:

(1) die sich zu einer Konsumkritik zuspitzende

Kulturkritik, die aufzeigt, was 'böse' ist

bzw. was als Wurzel allen Übels angesehen

werden muß;

(2) die Vorstellung von einem - durch

menschliches Handeln verschuldeten - 'Weltuntergang'

{eschatologisches Denken), der als

Folge des 'Bösen' betrachtet wird;

(3) das Ideal der 'natürlichen' Lebensführung.

Insbesondere des Konsumverzichts (asketische

Züge);

(4) das holistische Denken, die beide das zu

erstrebende 'Gute' darstellen;

(5) und die Proselytenwerbung, die möglichst

viele Menschen zum 'Guten' bewegen soll.

Die Ähnlichkeiten täuschen indes nicht darüber

hinweg, daß sich die 'Intensitäten' bzw.

'Qualitäten' der einzelnen Dimensionen über

die verschiedenen historischen Stadien hinweg

veränderten. So hat sich beispielsweise

die 'Qualität' der Kulturkritik gewandelt. Bei

Rousseau ist sie noch sehr breit angelegt. Sie

umfaßt das Luxusleben wie die Wissenschaften

(und im übrigen auch die Künste). In der

frühen Ökologiebewegung der 70er und 80er

Jahre hingegen verlagert sich die Kulturkritik

auf den übermäßigen Konsum. Die 'Konsumkritik'

ist gleichzeitig mit einer 'Wachstums-'

und teilweise mit einer 'Kapitalismus'-

Kritik' verbunden, womit sie insgesamt eine

gewisse Breite aufweist. Zudem ist das umweltschützerische

Verhältnis zur konventionellen

Wissenschaft in der frühen Bewegung

gebrochen. (Und dies, obwohl es kritische Naturwissenschaftler

waren, die als Unheilspropheten

auftraten und das Bewußtsein von der

Umweltkrise erst ermöglichten). Heute ist die

Kulturkritik fast ausschließlich auf eine Konsumkritik

reduziert. Wachstums- und Kapitalismuskritik

sind aus der Mode gekommen,

und auch die Vorbehalte gegenüber der Wissenschaft

sind deutlich geschmälert. Es ist

vielmehr so, daß sich die Akteure an wissenschaftlichen

Ergebnissen ausrichten und mit

diesen argumentieren. Die Verwissenschaftlichung

der umweltschützerischen Arbeit trägt

im übrigen zu einer starken Versachlichung

der 'moralischen Kreuzzüge' von Umweltschützern

und Umweltschützerinnen bei.

Das 'Weltuntergangsmotiv' hat angesichts des

großen Ausmaßes globaler Umweltzerstörungen

über die einzelnen historischen Stadien


74 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9. HEFT 4, 1996

hinweg zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Was bei Rousseau noch eine schwache Ahnung

war und noch keinen allzu großen Stellenwert

hatte, wird seit den 70er Jahren auf

der Basis von naturwissenschaftlichen Daten

und Extrapolationen vorgetragen und als ernste

Warnung vermittelt (vgl. etwa „Der stumme

Frühling", „Die Grenzen des Wachstums"

etc.). Die 'Endlichkeit der Welt' wird nicht

mehr nur 'behauptet', sondern mit wissenschaftlichen

Methoden berechnet. Heute gehen

Umweltschützer und Umweltschützerinnen

wie selbstverständlich davon aus, daß der

'Untergang' vorprogrammiert ist. Dies hält

sie allerdings nicht davon ab, sich dennoch

für die Abwendung desselben einzusetzen.

Indem die Akteure den drohenden Weltuntergang

als Motiv für ihr Engagement angeben,

verleihen sie ihren Bemühungen eine Legitimation,

die über einen bloßen Moralismus

hinaus geht. Das umweltschützerische Handeln

erfährt so eine unhinterfragbare Letztbegründung.

Die von Rousseau polemisch vereinfachte

Aufforderung, 'zurück in die Wälder zu gehen',

hat sich in den 70er Jahren dieses Jahrhunderts

(möglicherweise im Rückgriff auf

die Lebensreformer) zu einem Konzept für

eine natürlichere Lebensweise entwickelt.

Gleichwohl ist das Konzept in den 70ern immer

noch sehr einfach: Es lautet 'Konsumeinschränkung'

und 'Konsumverzicht'. In der

Ökologiebewegung unserer Tage beansprucht

jenes Konzept zwar weiterhin Gültigkeit, es

wird jedoch für die verschiedensten Gebiete

wie Ernährung, Bekleidung, Wohnungseinrichtung,

Freizeit usw. - unter Ausrichtung

an wissenschaftlichen Ergebnissen - zu alternativen

Handlungsprogrammen ausgearbeitet.

Was das vor allem in der Romantik formulierte

Gefühl des 'Einsseins mit der Natur'

angeht, so kann dieses interessanterweise

auch in der Ökologiebewegung der 70er und

80er Jahre in starkem Maße beobachtet werden.

In der heutigen Ökologiebewegung ist

die tiefe Dimension des holistischen Denkens

weitgehend vom biologistisch-kybernetischen

'Denken in Zusammenhängen' verdrängt worden.

Der 'Holismus' hat gewissermaßen eine

wissenschaftliche Durchdringung erfahren.

Das ab der Lebensreformbewegung beobachtbare

Ziel der Proselytenwerbung ist bemerkenswerterweise

seit seinem Aufkommen in

seiner Intensität erhalten geblieben. Sowohl

in der frühen als auch in der heutigen Ökologiebewegung

zeigt sich ein ausgeprägtes

Streben, weite Teile in der Bevölkerung für

den Umweltschutz - und das heißt: für das

Gute - zu gewinnen. Die Aktivitäten der Ökologiebewegung

bleiben damit moralische

Kreuzzüge, auch wenn sie heute in einer überwiegend

versachlichten Weise geführt werden.

Gabriela B. Christmann arbeitet als wissenschaftliche

Angestellte an der Universität

Konstanz (Fachgruppe Soziologie) und hat

über das Thema 'ökologische Moral' promoviert.

Anmerkungen

1

Dafür wurden Methoden gewählt, die geeignet

sind, die 'Lebenswelt' der Umweltschützer möglichst

unverfälscht und detailliert zu erfassen und

zu rekonstruieren (Ethnographie, narratives Interview,

Ethnographie der Kommunikation und sozialwissenschaftliche

Hermeneutik).

2

Die Stadt. In die die lokale Ökologiebewegung

eingebettet ist, ist eine in Süddeutschland gelegene

Mittelstadt mit etwas über 70.000 Einwohnern. Eine

Bestandsaufnahme ergab, daß am Stichtag (dem

31. Januar 1991) in der Stadt 62 Einzelgruppen

mit insgesamt 270 kontinuierlich mitarbeitenden

Akteuren existierten.


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

3

Auch wenn diese - im folgenden zu beschreibenden

- Motive lediglich im Rahmen eines lokalen

Bewegungssegments gewonnen wurden, gibt es

zahlreiche Hinweise dafür, daß die Ergebnisse für

die Ökologiebewegung als Ganzes gelten können.

Vgl. dazu die Arbeiten von Bacher et al. (1990),

Reichert/Zierhofer (1993), Griefahn (1984) und

Grefe/Jerger-Bachmann (1992).

"Bei der Orientierung an der Wissenschaft handelt

es sich um einen generellen Anspruch in der heutigen

Ökologiebewegung. Dies zeigt sich vor allem

darin, daß wissenschaftliche Experten konsultiert

(vgl. Opielka 1990) und daß aus der Bewegung

heraus ökologische Forschungsinstitute gegründet

werden (vgl. Müschen 1990; Nullmeier

1989: 10f.). Die Bewegung bedient sich gewissermaßen

einer Gegenexpertise und Gegenwissenschaft.

Auf die Tatsache, daß sich die Umweltschützer

und Umweltschützerinnen zudem selbst

sachkundig machen, weist z.B. Rucht (1988) hin.

Literatur

Baltzer, Eduard 1873: Ideen zur socialen Reform.

Nordhausen: Förstemann.

Berger, Peter E/Luckmann, Thomas 1966: The Social

Construction of Reality. New York: Doubleday.

Böhme, Gernot 1992: Natürlich Natur. Über Natur

im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit.

Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Brand, Karl-Werner/Büsser, Detlef/Rucht, Dieter

1986: Aufbruch in eine andere Gesellschaft. Neue

soziale Bewegungen in der Bundesrepublik. Frankfurt/New

York: Campus.

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MESbC

RFRIO-JT

Linke Literatur

Messe '96

Unter dem Motto 'Seien wir realistisch,

fordern wir das Unmögliche'

fand vom 18. bis 20. Oktober

1996 im Nürnberger

KOMM die ' 1. Linke Literaturmesse'

statt.

Die Einladungen richteten sich an

die Vertreterinnen von Zeitschriften,

Zeitungen und Verlagen, die

sich in der einen oder anderen

Art einem 'linken' Selbstverständnis

verpflichtet fühlen. Angemeldet

hatten sich über 100 Interessentinnen

aus der Bundesrepublik

und dem benachbarten

Ausland, die an Einzelständen

oder dem zentralen Zeitschriften-

Stand ihre Publikationen anboten.

Darunter waren etablierte sozialwissenschaftliche

Verlage,

das breite Feld der linken und

bewegungsaffinen Zeitschriften

sowie bekanntere Polit- und Satire-Magazine

der unterschiedlichsten

Couleur.

Das KOMM, 1973 gegründet

und eines der wenigen noch bestehenden,

überregional bekannten

und selbstverwalteten Zentren,

bot einen angemessenen

Rahmen für die Veranstaltung.

Obwohl das KOMM z.Zt. umgebaut

wird, verstanden es die

Organisatorinnen der Buchhandlung

Libresso und des Archivs

Metroproletan des KOMM, die

dezimierte Ausstellungsfläche

optimal zu nutzen, um eine ausgesprochene

Vielfalt unterschied­

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, Hrrr 4. 19%

licher Publikationen zu präsentieren.

Die im wahrsten Sinne des Wortes

dichte Atmosphäre im KOMM

trug dann auch zum Gelingen der

Veranstaltung bei, in deren Rahmenprogramm

eine Ausstellung

kurdischer Künstlerinnen, Diskussionsveranstaltungen

und Lesungen

angeboten wurden.

Nachdem der Freitag eher als Informations-

und erste Sichtungsmöglichkeit

von den Ausstellenden

genutzt wurde, war der

Samstag sehr gut besucht.

Bei der kurzfristig einberufenen

Zusammenkunft der Teilnehmerinnen

am Sonntag wurde in einer

ersten Nachbetrachtung die

Veranstaltung als positiv bewertet.

Dabei wurden von Seiten der

Organisatorinnen die ersten Ergebnisse

einer Blitzumfrage referiert,

die eine verhaltene bis positive

Resonanz der Austellerlnnen

auf die Veranstaltung wiedergab.

Dies lag eher an den beiden

verschiedenen Positionen der

Zeitschriften, Zeitungen und Verlage:

für die einen war es eine

Verkaufsmesse, die anhand der

täglichen Umsätze bewertet wurde;

für die anderen - wie bspw.

für uns vom Forschungsjournal -

war die Linke Literaturmesse

(LLM) eine Informationsbörse,

um bislang unbekannte ZeitschriftetV-projekte

kennenzulernen, Kolleginnen,

mit denen man bislang

nur schriftlich korrespondierte,

face to face zu treffen und neue

Kontakte zu knüpfen. Dennoch

konnten sich die Beteiligten in

dem kurzen Gespräch darauf verständigen,

daß die in Zukunft jähr­

lich stattfindende LLM auch im

kommenden im KOMM veranstaltet

werden soll. Aufgrund der

zeitlichen Nähe zur Frankfurter

Buchmesse wurde eine Terminverschiebung

auf Anfang November

vereinbart.

Die detaillierteren Ergebnisse der

Blitzumfrage, eine Auswertung

der Medienberichterstattung und

der Reader der beteiligten Zeitschriften,

Zeitungen und Verlage

lag bei Redaktionsschluß

Ende Oktober noch nicht vor, ist

allerdings in Vorbereitung.

Problematisch erschien allen Beteiligten

die augenblickliche Situation

und die kommunalpolitischen

Auseinandersetzungen um

die Struktur des KOMM in

Nürnberg. Nachdem es auch in

der Vergangenheit immer wieder

Auseinandersetzungen um das

KOMM zwischen Selbstverwalterinnen

und der SPD-Stadtregierung

gekommen war, droht nun

- nach der Regierungsübernahme

durch die CSU- zwar nicht

(mehr) das KOMM als Zentrum,

wohl aber die Selbstverwaltung

als tragendes Prinzip abgeschafft

zu werden.

Autonomie-Befürworter sprechen

bereits jetzt von dem zukünftigen,

städtisch verwalteten

Zentrum als einem 'KOMMpromiß-Haus'.

Auch aus der Sicht

der Messeteilnehmerinnen soll

ein zukünftig selbstverwaltetes

KOMM, ungeachtet ob es als

„ein Klein-Sizilien mit mafiosen

Zuständen" oder als „Kommunistentreff

und Drogenhöhle" bezeichnet

wird, „eine Spielwiese

für Experimente" und „ein letz-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

tes Reservat für 'anderes' Leben

und Kultur" bleiben (KOMM-

Profil 1996).

Michael Hasse, Bonn

Kontakt: LLM, Libresso, Peter-

Vischer-Str. 25, 90403 Nürnberg,

TeL/Fax: (0911) 225036

oder KOMM, Metroproletan Archiv

& Bibliothek, Königstr. 93,

Tel.: (0911) 223647, Fax:

2313469.

Kr- R I C H T E

Frauen

gemeinsam

sind stark?

Beziehungen zwischen

dem Deutschen Frauenrat

und der Neuen Frauenbewegung

Wie läßt sich die Beziehung des

Dachverbandes der traditionellen

Frauenverbände zur Neuen Frauenbewegung

beschreiben? Verstehen

sich die Engagierten, da

sie beide Fraueninteressen vertreten,

als Bündnispartnerinnen oder

als Gegnerinnen? Kann man von

Kooperation, Konfrontation oder

eher von Gleichgültigkeit sprechen?

Wie sieht das jeweilige

Bild vom anderen aus? Ist in ihrer

Beziehung über die Jahre hin

eine Entwicklung festzustellen?

Sind Veränderungen beim Deutschen

Frauenrat (DF) in bezug

auf Selbstverständnis, Auftreten

und Arbeitsweise auf dessen

Auseinandersetzung mit den Ideen

und Ansätzen der Neuen

Frauenbewegung zurückzuführen?

In der Literatur kommt an verschiedenen

Stellen zum Ausdruck,

daß hier eine Forschungslücke

besteht (Schreiber et al.

1994: 97; Gerhard 1994: 148).

Auch von seiten des DF wird

hier Bedarf gesehen. So forderte

die Mitgliederversammlung 1994

„das dafür zuständige Ministerium

auf, in Absprache mit dem

Deutschen Frauenrat eine Studie

über den Deutschen Frauenrat

und seine Mitgliedsverbände in

Auftrag zu geben" (Informationen

für die Frau 1995: 6). 1

Zu

den untersuchenswerten Aspekten

wurden ausdrücklich die Entwicklung

des DF, seine Funktion

als Lobby und „seine Bedeutung

bezogen auf die autonome

Frauenbewegung" (Informationen

für die Frau 1995: 6) gezählt.

Organisationsstrukturen,

Emanzipationsverständnis

und Poiitikstrategien

Vergleicht man beide Richtungen,

so läßt sich der 'Deutsche

Frauenrat - Lobby der Frauen,

Bundesvereinigung von Frauenverbänden

und Frauengruppen

gemischter Verbände in Deutschland

e.V.' wie folgt charakterisieren:

Als 'Informationsdienst

für Frauenfragen' 1951 gegründet,

hat er eine traditionelle Organisationsstruktur

mit Mitgliederversammlung,

Vorstand und

Geschäftsstelle. 68 stimmberechtigte

Mitgliedsverbände sind unter

seinem Dach organisiert. Insgesamt

vertritt er mittelbar mehr

als elf Millionen Frauen. Es hat

ein langsamer Wandel, eine Auf­

gabenerweiterung und Akzentverschiebung

stattgefunden: vom

losen Zusammenschluß mit reinen

Informationsaufgaben zum

Dachverband, der sich als Lobby

der Frauen versteht. Die thematischen

Schwerpunkte sind

über die Jahre gleichgeblieben:

Arbeitswelt, soziale Sicherung

und politische Mitwirkung. Auch

die Arbeitsweise ist die eines traditionellen

Interessenverbandes.

Der Frauenrat wirkt durch Veröffentlichungen,

Seminare und

Aktionen wie z.B. die Großdemonstration

zum Internationalen

Frauentag 1994 auf die Öffentlichkeit

ein und leistet Lobbyarbeit

durch Spitzengespräche,

Kontakte in den Ministerien und

Resolutionen an die Bundesregierung.

Das Emanzipationsverständnis

des DF geht von Gleichberechtigung

und Gleichstellung

aus. Er will im bestehenden politischen

System mit den zur Verfügung

stehenden Mitteln die

Gleichstellung der Frau erreichen.

Die Neue Frauenbewegung dagegen

charakterisiert sich durch

die zentralen Begriffe Feminismus

und Autonomie. Für sie ist

die Privatsphäre ein politischer

Bereich, in dem das Machtgefälle

zwischen den Geschlechtern

zum Ausdruck kommt ('Das Private

ist politisch'). Die Gesellschaft

wird, da sie als patriarchalisch

empfunden wird, grundsätzlich

in Frage gestellt. Es existieren

verschiedene Feminismuskonzepte

innerhalb der Neuen

Frauenbewegung, die erheblichen

Einfluß auf das Autonomieverständnis

und die Bündnisfähigkeit

der einzelnen Gruppen

haben.


WfKMmmm.

Das Prinzip der Autonomie hatte

zu Anfang das größte Gewicht

innerhalb der Bewegung. Während

es in dieser Zeit hauptsächlich

lokale Frauengruppen mit losen

Kontakten untereinander gab,

entstanden in einer zweiten Phase

mehr und mehr autonome

Frauenprojekte wie z.B. Frauenbuchhandlungen,Frauengesundheitszentren

oder Frauenhäuser.

Seit Anfang der achtziger Jahre

läßt sich eine größere Bereitschaft

zur Mitarbeit in bestehenden

Institutionen und die Forderung

nach neuen Einrichtungen

wie z.B. Frauenlehrstühlen feststellen.

Auch geben sich die

Gruppen innerhalb der Frauenbewegung

festere Strukturen. So

nehmen viele die Rechtsform eines

eingetragenen Vereins an

oder gründen Bundeszentralen,

wie etwa den 'Mütterzentren

Bundesverband'.

Die Arbeitsweise war anfangs

grundlegend anders als beim DF,

da das Ziel ja nicht in Mitwirkung

und Machtgewinn im bestehenden

System bestand, sondern

in einer Umwandlung des

Systems. Protestaktionen und

Demonstrationen gehören zum

Repertoire, aber auch die Arbeit

in Selbsterfahrungsgruppen und

Projekten, um in einzelnen Bereichen

ein Stück Autonomie zu

erhalten. Mit der Organisationsstruktur

hat sich in den letzten

Jahren auch die Arbeitsweise gewandelt,

hin zu mehr Mitarbeit

im bestehenden politischen System

und zu einem selbstbewußten

Umgang mit den Möglichkeiten,

die dieses zur Verfügung

stellt. Die Frage heißt nicht mehr

Autonomie oder Institutionalisie­

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

rung; vielen Frauen ist heute beides

wichtig, und beide Strategien

werden innerhalb der Neuen

Frauenbewegung verfolgt.

1983 traten erstmals Gruppen der

Neuen Frauenbewegung den

Landesfrauenräten bei. Die Autonomen

mußten dazu einen eingetragenen

Verein gründen.

1990 traten der Deutsche Journalistinnenbund

sowie das Netzwerk

'pömps' und 1993 'Frauen

in Naturwissenschaft und Technik'

dem Frauenrat bei. Auf der

Mitgliederversammlung des DF

im Oktober 1994 wurden die

Aufnahmeanträge des Frauenverbands

'Courage', des 'Mütterzentren

Bundesverbandes e.V.' und

der 'Arbeitsgemeinschaft deutscher

Frauen- und Kinderschutzhäuser'

diskutiert. Eine Entscheidung

wurde auf die nächste Mitgliederversammlung

vertagt. Der

Vorstand wurde beauftragt, neue

Kriterien für eine Aufnahme zu

formulieren und der Mitgliederversammlung

vorzulegen. 2

Aktionsbezogene

punktuelle Kontakte

Am Beispiel des Frauenstreiktags

1994 läßt sich zeigen, welche

Schwierigkeiten und Mißverständnisse

zwischen den verschiedenen

frauenbewegten Richtungen

existieren. Das 'Superwahljahr'

1994 sollte nach dem Willen

vieler Frauen, die den Eindruck

hatten, daß die Wiedervereinigung

auf Kosten der Frauen

stattgefunden habe, als „Jahr der

weiblichen Gegenwehr" (Informationen

für die Frau 1993) in

die Geschichte eingehen. Das Ergebnis

war indessen ambivalent.

Zwei Großveranstaltungen fanden

Anfang März mit unterschiedlicher

Konzeption statt: am

5. März 1994 die vom DF organisierte

Großdemonstration in

Bonn unter dem Motto 'Frauen

bewegen das Land' und am 8.

März der 'Frauenstreiktag', der

von örtlichen Streikkomitees in

den Städten getragen wurde. Der

Erfolg beider Veranstaltungen

war eher gering. 15.000 Frauen

nahmen an der Großdemonstration

in Bonn teil. Zum Frauenstreiktag

zog Ingrid Müller-

Münch die traurige Bilanz:

„Doch alles in allem blieb die

Aktion auf ein kleines Häufchen

Nimmermüder beschränkt, [und]

so verlief die Sache denn ziemlich

im Sande" (Müller-Münch

1994: 3). Wieso kam es nicht zu

einer gemeinsamen und somit

schlagkräftigeren Veranstaltung?

Auf der Mitgliederversammlung

des DF 1992 wurde die Frage

einer Veranstaltung im 'Superwahljahr'

1994 diskutiert. Vorgeschlagen

wurde ein Frauenstreik.

Widerstand gegen diese

Form von Protest kam laut Hanne

E. Pollmann, Geschäftsführerin

des DF, zunächst von den

stark konservativ orientierten Mitgliedsverbänden,

denen diese

Form zu provokativ war. Die

zweite Gruppe, die sich dagegen

aussprach, waren die Gewerkschaftsfrauen,

mit der Begründung,

Streik sei ein Mittel des

Arbeitskampfes. Die Mitgliederversammlung

beschloß daher

statt eines Streiks eine Großdemonstration.

3

Die ursprüngliche Idee des Frauenstreiks

wird einer Arbeitsge-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

meinschaft der Bundesfrauenkonferenz

von Bündnis 90/Die

Grünen zugeschrieben (Schindler

1993, 33), wurde aber wohl

von verschiedenen Seiten ins

Auge gefaßt. Sie entstand aus

dem Gefühl heraus, daß es in

jüngster Zeit vermehrt Rückschläge

für die Sache der Frauen gegeben

habe, so das Urteil zum

§218 oder die vermehrte Arbeitslosigkeit

von Frauen nach

der Wiedervereinigung.

Im Juni 1993 fand das erste bundesweite

Koordinierungstreffen

für den Streiktag statt, das vom

Streikkomitee Köln/Bonn und

dem Unabhängigen Frauenverband

Berlin organisiert wurde. Es

nahmen rund siebzig Frauen aus

Gewerkschaften, autonomen

Frauenprojekten und -Organisationen

teil. Nächster Schritt war die

Gründung der örtlichen Streikkomitees,

die die Aktionen in den

einzelnen Städten bündeln sollten.

Der bundesweite Aufruf zum

Streiktag war ein Minimalkonsens

dieses Bündnisses. Forderungen

des Aufrufs waren z.B. der Protest

„gegen den Abbau von

Grundrechten, gegen den Abbau

von Sozialleistungen, gegen die

wachsende Armut von Frauen,

gegen die Zurückdrängung bereits

erreichter Frauenrechte, gegen die

Zerstörung der Umwelt und gegen

die Vorbereitung deutscher

Kriegsbeteiligung" (Aufruf zum

Frauenstteiktag 1994).

Als dem DF bekannt wurde, daß

andere Frauen die Idee des Frauenstreiktages

aufgreifen wollten,

versuchte er, Kontakt aufzunehmen.

Es kam am 3. Mai 1993 zu

einem Gespäch mit Vertreterin­

nen des Streikkomitees Köln/

Bonn und des Unabhängigen

Frauenverbands Berlin. Besprochen

wurde eine dreistufige Steigerung

der Aktion: als Auftakt

die Großdemonstration des DF,

dann der Internationale Frauentag

und schließlich der Frauenstreik.

Dieses Konzept wurde jedoch

von den dann in Aktion tretenden

örtlichen Streikkomitees

nicht umgesetzt. Es fand kein

weiterer Austausch statt. Pollmann

moniert, daß die autonomen

Frauen es ausdrücklich abgelehnt

hätten, in ihren Veröffentlichungen

auf die Großdemonstration

hinzuweisen, wohingegen

der DF immer auf den

Frauenstreik aufmerksam gemacht

habe. 4

Dieses Verhalten

habe die Beziehung sehr unterkühlt;

zur Zeit bestünde daher

beim DF keine Lust auf gemeinsame

Aktionen.

Der Frauenstreik fand am 8.

März in allen deutschen Großstädten

statt - mit vielfältigen Aktionen

wie Streikfrühstück, Kinderwagenkonvois,

Frauenketten

und Ausstellungen. Getragen

wurde der Streik von den Gewerkschaftsfrauen,

autonomen

Frauengruppen und -projekten,

teilweise aber auch von offiziellen

Frauenbeauftragten. Interessant

ist, daß einzelne Mitgliedsverbände

des DF, und zwar gerade

die, wegen deren der DF

sich gegen einen Streik entschied,

maßgeblich am Frauenstreiktag

beteiligt waren. Es erhebt sich die

Frage, warum der DF nicht in

der Lage war, sich als Dachverband

am Streik zu beteiligen. Die

Veranstaltungen im März 1994

hatten Folgen für die Bündnisfä­

higkeit der verschiedenen Frauenorganisationen.

So ging der

DF, wie schon erwähnt, auf Distanz

zum Streikbündnis. Die am

Aktionsbündnis beteiligten Gruppen

sahen im Frauenstreiktag jedoch

einen Impuls für verstärkte

Zusammenarbeit. Es kam zu Veränderungen

in der bisherigen Politikstrategie

der Neuen Frauenbewegung.

Am 18. und 19. Juni

1994 fand in Kassel die zweite

Frauenkonferenz nach dem

Streiktag mit dem Thema 'Neue

Organisation unseres Bündnisses'

statt. Auf dem Programm

standen die Einschätzung des

Streiks aus verschiedenen Perspektiven

und die Diskussion um

die zukünftige Struktur des Bündnisses.

Als mögliche Optionen

wurden diskutiert: loser Verband

von Gruppen, die sich von Zeit

zu Zeit zu punktuellen Aktionen

koordinieren, eingetragener Verein,

Verband (in Konkurrenz

zum DF als Feministischer Frauenrat)

5

oder eine Frauenpartei.

Ein Jahr später, am 11. Juni 1995,

wurde die 'Feministische Partei

Die Frauen' gegründet.

Umfrage unter den

Mitgliedsverbänden

Durch eine postalische Befragung

sollte untersucht werden,

wie die zuvor theoretisch diskutierten

Beziehungen sich in der

Realität gestalten und wie sie von

den Betroffenen beurteilt werden.

Die angeschriebenen Organisationen

wurden nach ihren Kontakten

zur 'anderen Seite' befragt:

Bestehen überhaupt Kontakte,

wenn ja, wie häufig und wie intensiv

sind diese? Welche Form

haben sie? Außerdem wurde


durch offene Fragen nach zusätzlicher

Information und persönlicher

Einschätzung der Zusammenarbeit

gefragt.

Die erste Untersuchungsgruppe

bildeten die Mitgliedsverbände

des DF, wobei die offizielle Liste

der Verbände, die im DF

Stimmrecht besitzen, als Grundlage

diente (Informationen für die

Frau 1995: 29ff). Im Gegensatz

zu der Studie von Schreiber et

al. (1994: 30f) wurden die nur

über ihre jeweilige Spitzenorganisation

(z.B. DGB und Deutscher

Sportbund) mit dem DF

verbundenen Verbände nicht einbezogen

und daher nicht 216

Mitgliedsverbände und 'verwandte

Gruppen' angeschrieben,

sondern lediglich die 68 Mitgliedsverbände

mit Stimmrecht

im DF."

Schwieriger war die Auswahl

der Organisationen der Neuen

Frauenbewegung. Die ausgewählten

Organisationen sollten

bundesweit bzw. zumindest überregional

von Bedeutung sein und

über ein feministisches Selbstverständnis

verfügen. Für deren Auswahl

liegen keine umfassenden

Verzeichnisse vor.'

An dieser Stelle muß in Erinnerung

gerufen werden, daß die

Neue Frauenbewegung sich ursprünglich

gerade durch Dezentralität

und lokale Gruppen mit

losen Verbindungen untereinander

auszeichnete, d.h., daß Überregionalität

eigentlich ein für die

Neue Frauenbewegung inadäquates

Auswahlkriterium darstellt.

Seine Berechtigung erhält

dieses Kriterium jedoch durch die

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Entwicklung der letzten Jahre, in

denen Organisationen der Neuen

Frauenbewegung sich die rechtliche

Form eingetragener Vereine

gaben und vermehrt bundesweite

Zentralstellen schufen.

Der Fragebogen wurde bewußt

kurz gehalten, da die Rücklaufquote

nicht durch einen detaillierten

Fragebogen ungünstig beeinflußt

werden sollte. Es erschien

wichtiger, auf einer soliden

Basis weniger Antworten zu

erhalten, als einen sehr ausführlichen

Fragebogen mit geringer

Rücklaufquote auszuwerten."

Nach der schriftlichen Erinnerung

hatten von den 68 angeschriebenen

Mitgliedsverbänden

des Frauenrats 62 geantwortet

(91,2%), von der zweiten Untersuchungsgruppe

56 (81,4%).

Abzüglich der fehlerhaft ausgefüllten

Fragebögen konnten bei

den Mitgliedsverbänden des DF

53, bei der Neuen Frauenbewegung

54 Bögen berücksichtigt

werden.

Mitgliedsverbände des

Deutschen Frauenrats

Von den ausgewerteten 53 befragten

Mitgliedsverbänden gaben

25 (47,2 %) an, keine Kontakte

zu Gruppierungen innerhalb

der Neuen Frauenbewegung zu

haben. Die Kommentare dazu

lassen erkennen, daß die Verbände

sich von diesen abgelehnt und

als unzeitgemäß abgestempelt

fühlen. Es wird behauptet, die

Gruppen wünschten von sich aus

keinen Kontakt, während man

selbst durchaus offen für sie sei.

28 von 53 Verbänden (52,8 %)

erklärten, Kontakte zu haben. Ein

Spezialfall sind hier die Gruppierungen,

die sich der Neuen Frauenbewegung

zugehörig fühlen und

außerdem Mitglied im DF sind.

Dies gaben drei Verbände an.

Die Frage nach der Form der

Kontakte (gemeinsame politische

Aktionen, inhaltliche Abstimmung,

gegenseitige Information,

gemeinsame Pressearbeit, Konfrontation)

hatte eine breite Streuung

der Antworten mit unterschiedlichen

Kombinationen zum

Ergebnis. Von den Verbänden,

die Kontakte zu Organisationen

der Neuen Frauenbewegung pflegen,

haben elf (39,3 %) nur gegenseitigenInformationsaustausch

und 13 weitere Verbände

(46,4 %) verschiedene Kontaktformen.

Aus den ausführlichen

Kommentaren, die zu dieser Frage

abgegeben wurden, läßt sich

erkennen, daß die Kontakte in erster

Linie bei ähnlichen Arbeitsgebieten

und begrenzten Sachbereichen

bestehen. Außerdem

werden die überverbandlichen

Gremien vor Ort, also wieder die

lokale Ebene, hervorgehoben.

Auch bei der dritten Frage ('Von

wem ging die Initiative aus?')

waren die Antworten und Kombinationen

breit gestreut. Der DF

scheint als Vermittler von Kontakten

keine große Rolle zu spielen.

Der Dachverband allein wurde

überhaupt nicht angegeben,

viermal nur in Kombination mit

anderen Organisationen.

Die vierte Frage ('Wie schätzen

Sie die Intensität der Kontakte

ein?'), eine offene Frage, wurde

von 25 Mitgliedsverbänden be-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

antwortet. Elf Verbände stuften

die Intensität eher niedrig ein,

zehn bezeichneten sie als hoch.

Die verbleibenden vier äußerten

sich nicht eindeutig. In den Erläuterungen,

die sieben Verbände

zu dieser Frage machten, tauchen

folgende Problempunkte

wiederholt auf:

• es bestehen Bedenken auf beiden

Seiten, ob man zueinander

paßt, bei gleichzeitig hoher

Motivation, die Fremdheit

zu überwinden;

• beklagt werden fehlende Kapazitäten,

um wünschenswerte

Kontakte aufzubauen;

• organisatorische Voraussetzungen

bei der Neuen Frauenbewegung

seien nicht gegeben;

• ursprüngliche Berührungsängste

seien abgebaut worden, da

es viele gemeinsame Ziele

gebe;

• ein stärkerer Austausch wäre

nötig, um 'Umwege, ungewolltes

Gegeneinander und Kräfteverschleiß'

zu vermeiden.

In der fünften Frage wurde um

weitere, ausführlichere Informationen

gebeten. Die offene Beantwortung

durch 16 Verbände

läßt keine konkreten Zahlenangaben

oder ähnliches zu. Es kann

nur versucht werden, ein Bild zu

zeichnen, das den Inhalt der

Kommentare angemessen wiedergibt.

Der Großteil der Antworten besteht

in der Aufzählung von Or­

ganisationen, zu denen Kontakte

bestehen. Hier fallen drei Gruppierungen

sofort ins Auge, die

häufig genannt werden: die autonomen

Frauengruppen in einzelnen

Städten, die Frauenhäuser

sowie die Frauengesundheitsund

Mütterzentren. Das bedeutet,

daß die lokale Ebene bei den

Beziehungen eine wichtige Rolle

spielt. Kontakte auf überregionaler

Ebene sind zumeist stark

fachbezogen, so beispielsweise

im Bereich Technik, wo es eine

Arbeitsgemeinschaft verschiedener

Frauenverbände und -gruppen

beider Richtungen gibt

(Frauen in Naturwissenschaft

und Technik, Gesellschaft für Informatik

- Frauenausschuß, Deutscher

Ingenieurinnenbund, Frauen

in der Technik u. a.). Außerdem

wird auf überregionaler Ebene

das Bündnis des Frauenstreiktags

1994 öfters erwähnt.

Betont wird auch die Bedeutung

persönlicher Beziehungen, die

die Wahrscheinlichkeit einer Zusammenarbeit

stark erhöhen. Ein

Verband, der sich der Neuen

Frauenbewegung zugehörig fühlt

und seit 1993 Mitglied im Frauenrat

ist, wies bei der Beantwortung

dieser Frage auf die

Schwierigkeiten hin, die Belange

der Neuen Frauenbewegung

stärker in die Arbeit des DF einzubringen.

Organisationen der

Neuen Frauenbewegung

Von den 54 Organisationen der

Neuen Frauenbewegung gaben

21 (38,9 %) an, keine Kontakte

zum DF oder dessen Mitgliedsverbänden

zu haben. Die Kom­

mentare, die zu diesem Punkt abgegeben

wurden, reichten von

Ablehnung über Unkenntnis bis

zu Interesse. Auf die Frage nach

Kontakten zum DF oder dessen

Mitgliedsverbänden antworteten

33 Organisationen (61,1 %) positiv.

Interessant ist, daß lediglich

eine Organisation zum Frauenrat

allein Kontakt hat. Es ist zu vermuten,

daß die Kontakte eher

über die Mitgliedsverbände geknüpft

werden. Der Frauenrat als

'Antriebsmotor' oder 'Vermittler'

scheint keine Rolle zu spielen.

Dieses Bild deckt sich mit den

Antworten der Mitgliedsverbände

des DF. Aus den Kommentaren

zu dieser Frage lassen sich

zwei wichtige Aspekte herauskristallisieren:

die Bedeutung privater,

persönlicher Kontakte und

die Wichtigkeit regionaler oder

lokaler Gruppen.

Bei der Frage nach den Kontaktformen

ist wiederum eine starke

Aufsplitterung auf verschiedene

Antwortkombinationen zu beobachten.

Auffällig ist, daß der

Punkt 'eher Konfrontation' von

vier Gruppierungen der Neuen

Frauenbewegung angekreuzt

wurde (dagegen bei den Mitgliedsverbänden

des Frauenrats

in keinem Fall), interessanterweise

aber nie allein, sondern nur in

Kombination mit anderen Kontaktformen.

Wo dies kommentiert

wird, kommt zum Ausdruck, daß

sich die Konfrontation eher auf

den DF als Gesamtverband bezieht:

„Eher Konfrontation, z.T.

mit der Gesamtorganisation. Wir

haben nicht den Eindruck, daß

der Gesamtfrauenrat seine Distanz

zum Feminismus aufgegeben

hat, wohl aber einzelne Frau-


en in manchen Verbänden",

oder: „Konfrontation, weil einige

vom Frauenrat uns als zu feministisch

und links ausgrenzen

wollen und z.B. unserer Aufnahme

in den DF massiv widersprechen"

(Antworten aus den Fragebögen).

Das Gesamtbild weist große

Ähnlichkeiten mit der Umfrage

unter den traditionellen Verbänden

auf. Der größte Teil hat Kontakt

nur über gegenseitige Information,

jedoch hat ein beachtlicher

Teil verschiedene und auch

intensivere Kontaktformen angegeben.

Die Frage nach der Kontaktintensität

wurde von 27 Gruppierungen

beantwortet. Niedrig bewertet

wurde sie dreizehnmal,

hoch bewertet fünfmal, 'unterschiedlich'

antworteten zwei Organisationen;

weitere sieben antworteten

mit Begriffen wie 'themenorientiert',

'zweckgebunden'

oder 'punktuelle Zusammenarbeit'.

Bei der vierten Frage ('Von wem

ging die Initiative aus?') gaben

16 Organisationen an, daß sie

selbst die Initiative ergriffen hätten,

und zehn bezeichneten sich

selbst und einen Mitgliedsverband

des Frauenrats gleichermaßen

als Initiatoren. Die restlichen

Antworten verteilen sich auf unterschiedliche

Kombinationen.

Hier korrespondiert das Ergebnis

mit dem der Umfrage unter

den Mitgliedern des DF. Wie die

Mitgliedsverbände des Frauenrats

sehen sich auch die Organisationen

der Neuen Frauenbewe­

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

gung als offener und kontaktfreudiger

als die der anderen Seite an.

In der letzten Frage wurde wieder

um ausführlichere Informationen

gebeten. Als Kontaktpartner

werden von den 24 antwortbereiten

Gruppierungen insgesamt

27 Mitgliedsverbände des

Frauenrats genannt. Die ArbeitsgemeinschaftSozialdemokratischer

Frauen und der Deutsche

Akademikerinnenbund werden

am häufigsten angegeben. Es folgen

der Deutsche Frauenring, der

Deutsche Juristinnenbund, der

DGB-Frauenausschuß, Frauen in

Naturwissenschaft und Technik

und der Hausfrauenbund, dann

der Sozialdienst Katholischer

Frauen, der Verband alleinstehender

Mütter und Väter, der

Journalistinnenbund und der

Deutsche Verband berufstätiger

Frauen.

Interessant erscheint, daß die Berufsverbände

der traditionellen

Frauenberufe kaum als Partner

genannt werden, wobei der

Hausfrauenbund hier eine auffällige

Ausnahme bildet.' Außerdem

werden die kirchlichen Verbände,

die sehr zahlreich im Frauenrat

vertreten sind, wenig genannt.

Zusammenfassung und

Ergebnis

Im Verhältnis des Frauenrats zur

Neuen Frauenbewegung ist eine

Entwicklungstendenz sichtbar.

Nach Konfrontationen und zahlreichen

Kontakten in den 70er

Jahren zwischen DF und Gruppen

der Neuen Frauenbewegung,

mitunter auch positiver Art, wa­

ren die 80er Jahre von gegenseitigem

Akzeptieren und losen

Kontakten geprägt. Positives Beispiel

für eine Zusammenarbeit

sind die lebhaften Kontakte zur

Zeitschrift 'Emma'. Über geplante

Aktionen unterrichtet 'frau'

sich gegenseitig und fragt nach

möglicher Teilnahme und Zusammenarbeit.

Die Umfrage hat gezeigt,

daß zahlreiche Kontakte bestehen,

wenn auch die Intensität

eher gering ist. Wichtig sind gerade

die Kontakte auf lokaler Ebene

und die themenbezogene Zusammenarbeit.

Die Zweigleisigkeit - hier Autonome,

die 'lauter schreien' und

auffällige Aktionen durchführen,

dort die 'leise' arbeitenden Verbandsfrauen,

die ihren Einfluß

auf Regierung, Parlament und

Ministerien geltend machen -,

stimmt so eindeutig nicht mehr.

Der DF ist durch den Einfluß feministischer

Ideen und die Veränderung

der politischen Kultur,

die die neuen sozialen Bewegungen

bewirkt haben, aggressiver

und offensiver in seinen Forderungen

und Aktionen geworden.

In der Neuen Frauenbewegung

hat sich während der 'Phase der

Institutionalisierung' in den 80er

Jahren zunehmend die Überzeugung

durchgesetzt, daß sich beide

Aktionsformen, Arbeit in Institutionen

und in autonomen

Gruppen, ergänzen müssen, um

dem gemeinsamen Ziel näherzukommen.

Die autonomen Gruppen

geben sich teilweise institutionalisierte

Organsiationsformen,

unterstützen Institutionen - wie

z.B. Frauengleichstellungsbeauftragte

- und akzeptieren die Ver-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

bändefrauen, die ausschließlich

auf dem institutionellen Weg arbeiten,

eher als früher.

Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang

stellt, ist die Frage

nach der wünschenswerten Intensität

der Zusammenarbeit. Was

wird vom DF als sinnvoll angesehen,

was von der Neuen Frauenbewegung?

Offensichtlich ist

es dem Frauenrat gar nicht so

recht, wenn die Organisationen

der Neuen Frauenbewegung vermehrt

den 'Marsch durch die Institutionen'

wählen. Ein sinnvolles

Bündnis wäre, wenn die Organisationen

der Neuen Frauenbewegung

zwar vom DF unabhängig

wären, aber zweckbezogen

mit diesem interagierten und

sich beide über ihr gemeinsames

Ziel einig wären. Genau hier liegt

jedoch das Problem: Das Ziel des

Frauenrats ist es, die faktische

Gleichstellung der Frau mit den

Mitteln zu erreichen, die unser

politisches System der Interessenvermittlung

zur Verfügung stellt.

Das Ziel der Neuen Frauenbewegung

läßt sich so eindeutig

nicht beschreiben. Wie dargestellt,

ist sie in den letzten Jahren

vielfältiger geworden. Die lange

Zeit dominierende autonome

Richtung hat an Einfluß verloren,

wohingegen egalitäre Vorstellungen

und eine eher institutionelle

Strategie größere Bedeutung

erlangt haben. Vertreterinnen

dieser Richtung sind es, die

die gleichen emanzipatorischen

Ziele wie der DF verfolgen und

daher auch seine institutionalisierte

Interessenpolitik akzeptieren

oder gar mittragen. Es ist jedoch

nicht zu verkennen, daß es nach

wie vor Gruppierungen in der

Neuen Frauenbewegung gibt, die

weniger der Strategie der Institutionalisierung

als vielmehr dem

DF als traditionellem Interessenverband

ablehnend gegenüberstehen

(Oesterle-Schwerin 1994).

Der Frauenstreiktag 1994 hat die

Möglichkeiten und Grenzen eines

'Frauenbündnisses' gezeigt:

Obwohl sich der DF als Dachverband

nicht beteiligt hat, haben

zahlreiche traditionelle Frauenverbände

gemeinsam mit feministischen

Gruppen diese Aktion

getragen. Für die Zukunft sind

wechselnde, zweckbezogene

Bündnisse wahrscheinlich. Sollte

der Trend zur Institutionalisierung

in der Neuen Frauenbewegung

anhalten, wird es künftig

darauf ankommen, wie der DF

auf diese Bereitschaft zur Zusammenarbeit

reagiert.

Barbara Koelges ist Sozialwissenschaftlerin

und lebt in

Boppard.

Anmerkungen

' In einer Stellungnahme zur Studie

von Schreiber et al. bewertet

der DF positiv, „daß erstmals eine

wissenschaftliche Untersuchung

über Frauenverbände und Frauenvereinigungen

in der Bundesrepublik

Deutschland erstellt worden

ist" (Informationen für die

Frau 1994: 23). Er kritisiert aber,

daß die Darstellung und Bewertung

des DF in dieser Studie diskussionswürdig

sei und zeigt,

„daß nur ein erster Schritt getan

ist auf dem Weg zu einer Erforschung

der Frauenverbandsar­

beit" (Informationen für die Frau

1994: 24).

2

Das Ergebnisprotokoll der Mitgliederversammlung

des DF vom

21. bis 23. Oktober 1994 ist im

Besitz der Verfasserin.

3

Gespräch mit Hanne E. Pollmann,

Geschäftsführerin des DF,

am 10.5.1995.

4

So z.B.: „Wichtiger Hinweis:

Die Kundgebung stellt keine

Konkurrenz zu Veranstaltungen

zum Internationalen Tag der Frau

(8. März), oder dem 'Frauenstreik'

dar, sondern bildet den

zentralen Auftakt zu weiteren

bundesweiten Aktionen. Jede

Frau kann daher wegen der

räumlichen und zeitlichen Entzerrung

an allen Veranstaltungen

teilnehmen" (Aufruf zur zentralen

Kundgebung am 5.3.1994).

5

„Dem DF eine feministische

Organisation entgegenzustellen,

das wäre eine lohnende, längst

fällige Aufgabe. Als Dachverband

könnte der feministische

Frauenrat (so könnte unsere Organisation

in Konkurrenz zu den

schwarz-rot-goldenen Damen

sich nennen) sowohl Einzelfrauen

als auch Gruppen, Projekte,

Gewerkschafts- oder Parteifrauen

aufnehmen" (Oesterle-Schwerin

1994: 8).

6

Die unterschiedlichen Angaben

zur Zahl der Mitgliedsverbände

sind etwas verwirrend. Der DF

selbst spricht von insgesamt 80

Mitgliedsverbänden, wobei die

über Dachorganisationen angeschlossenen

Verbände mitgezählt

werden, die aber nicht alle

Stimmrecht haben und daher in

der offiziellen Liste der Mitgliedsverbände

fehlen.


7

Benutzt wurden: Dick 1992;

Frauen-Adreßbuch Deutschland

1994; Demokratische Fraueninitiative

1989; Streikkomitee Köln/

Bonn 1994.

* So beklagen Schreiber et al.

(1994) eine schwache Rücklaufquote,

die sie selbst auf die relativ

umfangreichen Fragebögen

zurückführen.

Dies dürfte auf die Haltung des

Hausfrauenbundes zur Vergewaltigung

in der Ehe und zur Frage

des Lohns für Hausarbeit zurückzuführen

sein.

Literatur

Demokratische Fraueninitiative

1989 (Hg.): Wir Frauen 1990.

Köln: Pahl-Rugenstein.

Dick, Ulla 1992: Netzwerke und

Berufs verbände für Frauen. Ein

Handbuch. 2. Aufl., Reinbek:

Rowohlt.

Frauen-Adreßbuch Deutschland

1994: 3000 Adressen von Frauenverbänden,

Initiativen und Beratungsstellen

für Frauen. München:

Heyne.

Müller-Münch, Ingrid 1994: Wo

ist die Butter? oder Gnade Gott

den Männern. In: Frankfurter

Rundschau vom 9.3.1994, 3.

Gerhard, Ute 1994: Frauenbewegung

als soziale Bewegung.

In: Sozialwissenschaftliche Frauenforschung

in der Bundesrepublik

Deutschland. Hrsg. von der

Deutschen Forschungsgemeinschaft,

Senatskommission für

Frauenforschung. Berlin: Akademie,

145-156.

Informationen für die Frau/o. V.

1993: Jahr der weiblichen Gegenwehr.

In: Informationen für

die Frau 42/1993, 10, 23.

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Informationen für die Frau/o. V.

1994: Frauenverbände und Frauenvereinigungen

in der Bundesrepublik

Deutschland. In: Informationen

für die Frau 43/1994,

10,23-24.

Informationen für die Frau/o. V.

1995: Mitgliederversammlung

des Deutschen Frauenrats 1994.

In: Informationen für die Frau 44/

1995, 1, 6.

Oesterle-Schwerin, Jutta 1994:

Wie weiter nach dem Frauenstreiktag?

In: FrauenStreiklnfo

1994, 4, 8.

Schindler, Christiane 1993: Frauenstreik

zum Frauentag. In:

Weibblick 1993, 12, 33.

Schreiber, Robert/Grunwald,

Marianne/Hagemann-White, Carol

1994: Frauenverbände und

Frauenvereinigungen in der Bundesrepublik

Deutschland. Stuttgart

u.a.: Kohlhammer.

Streikkomitee Köln/Bonn 1994

(Hg.): FrauenStreiklnfo 1994,4.


Öko- und

Sozial-

Sponsoring

Neue Chance für gemeinnützige

Organisationen?

Lufthansa finanziert ein Kranichschutzprojekt

des Naturschutzbundes,

der BUND führt mit

dem Kosmetikhersteller 'The

Body Shop' eine Kampagne zur

Abfallvermeidung durch. Eine

Computerfirma kommt auf die

Idee, die Berliner AIDS-Hilfe zu

unterstützen, und der Autohersteller

BMW bezahlt die Werbung

des Weltrotkreuztages - seit

Ende der achtziger Jahre hat sich

mit dem Sponsoring im Ökologie-

und Sozialbereich eine Form

der Kooperation zwischen Interessengruppen

entwickelt, die sich

einige Jahre zuvor bestenfalls

ignoriert haben.

Grund für den stetig wachsenden

Markt für Sozio-Sponsoring

ist das gewachsene Interesse von

Unternehmen an der öffentlichkeitswirksamen

Darstellung ihres

gesellschaftlichen Engagements.

Insbesondere bei der kaufkräftigen

jüngeren Generation ist von

Marketingabteilungen und Werbeagenturen

'Ethik' - sei sie ökologisch

oder sozial motiviert - als

verkaufsfördernder Trend entdeckt

worden: Sinn ist 'in' und

Visionen haben Konjunktur (Labetzsch

1992: 18). Gesellschaftliche

Themen wie etwa Obdachlosigkeit

oder AIDS werden immer

häufiger zum Inhalt unternehmerischer

Werbekampagnen,

mit denen auch die Konsumenten

gewonnen werden sollen, die

der herkömmlichen Produktwerbung

gleichgültig oder sogar ablehnend

gegenüberstehen (Bruhn

1992; Bruhn/Tilmes 1994: 171).

Für viele Mitarbeiter und Mitglieder

von gesponserten Verbänden

und Vereinen ist die Zusammenarbeit

mit Unternehmen ambivalent:

Auf der einen Seite ist Sponsoring

insbesondere bei den großen

Öko-Verbänden schon längst

zu einer wichtigen Einnahmequelle

avanciert. Der Naturschutzbund

e.V. (Nabu) nimmt z.B. jährlich

rund 1,5 Millionen Mark durch

Öko-Sponsoring ein, der Bund für

Umwelt und Naturschutz

Deutschland e.V. (BUND) be-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

kommt von Unternehmen knapp

eine halbe Millionen Mark jährlich.

1

Der Word Wide Fund for

Nature e.V. (WWF), der traditionell

auch von vielen Unternehmen

durch Spenden unterstützt

wird, nahm 1994 allein durch die

Vermietung des Panda-Logos

rund 3,2 Millionen Mark ein. 2

Auf der anderen Seite wird in

Vereinen und Verbänden immer

wieder die Kostenfrage gestellt:

Sponsoringprojekte einzuwerben

und zu betreuen ist zeit- und kostenintensiv

und übersteigt häufig

die Kapazitäten mittlerer und

kleinerer Einrichtungen. Zudem

wird von Mitarbeitern, Förderern

und Mitgliedern nicht ganz zu

unrecht immer wieder die Frage

gestellt, ob mit dem Verkauf des

eigenen Images an Unternehmen

nicht gleichzeitig auch ein Ausverkauf

ökologischer oder sozialer

Wertvorstellungen einhergeht.

Schließlich sollen treue Symphatisanten

nicht verprellt werden:

Gerade in der Ökologiebewegung

wird der „Flirt mit der Wirtschaft"

(Maxeiner 1995: 23)

schonmal als Verrat an einstmals

gesetzten Zielen interpretiert.

Dennoch stehen die Wohlfahrtsverbände

und andere soziale Einrichtungen

angesichts der rezessionsbedingten

Stagnation ihres

Spendenaufkommens und einer

rückläufigen Anzahl ehrenamtlicher

Mitarbeiter unter Druck.

Nicht nur pessimistische Kenner

des Sozialwesens sehen die

'Rund-Um-Sorglos-Finanzierung'

durch staatliche Mittel als

Relikt der Vergangenheit an. Sie

suchen nach neuen Möglichkei­

ten, Förderer und Mitglieder zu

rekrutieren (Christa/Halfar 1992:

23; Backhaus-Maul 1991: 33).

Auch sind in den neunziger Jahren

die Mobilisierungschancen der

Ökologiebewegung zurückgegangen,

was auch die Umweltverbände

deutlich zu spüren bekommen

(Hey/Brendle 1994: 134).

Zudem kommen Organisationen

in Zugzwang, wenn sie nicht gegenüber

Förderern und Mitgliedern

in ein 'kommunikatives

Hintertreffen' geraten wollen.

Unternehmen machen in ihren

Werbekampagnen soziale Probleme

wie Jugendkriminalität,

Arbeitslosigkeit oder die Diskriminierung

von Kranken und Ausländern

zu ihren Themen und dadurch

den sozialen Organisationen

in der Öffentlichkeit ihr angestammtes

Tätigkeitsfeld streitig

(Haunert/Lang 1995: 134). Auch

die Umweltverbände müssen sich

gegen die Vereinnahmung 'ihres'

Umweltthemas durch Werbekampagnen

in der Öffentlichkeit zur

Wehr setzen. Die stellvertretende

Vorsitzende des BUND, Angelika

Zahrnt, bringt die Probleme,

die sich dadurch für Umweltverbände

ergeben, auf den

Punkt: „Sollen wir uns darüber

freuen, daß unsere Ideen aufgenommen

und teilweise umgesetzt

werden, oder uns ärgern, weil

unsere Begriffe nur übernommen,

inflationiert, umgedeutet,

verharmlost und entwertet werden

und sonst nichts, wenig, auf

alle Fälle zu wenig passiert?"

(BUND 1993: 1)

Dennoch bleibt der Vorteil, daß

sich die Organisationen durch

Sponsoring eine zukunftsträchtige

Geldquelle erschließen können.

Wenn das Interesse der Unternehmen

an der Darstellung ihres

gesellschaftlichen Engagements

in der Öffentlichkeit anhält,

wird dem Sozio-Sponsoring

als Einnahmequelle für manche

Organisationen eine bedeutende

Rolle zukommen: Voraussetzung

ist bei den gesponserten Organisationen

die professionelle Betreuung

von Sponsoringprojekten und

die Öffentlichkeitsarbeit - eine

Bedingung, die meistens nur die

großen Organisationen erfüllen

können. Als Folge des Sponsorings

ist die Kommerzialisierung

des intermediären Sektors zu sehen,

in dem sich die Handlungsbedingungen

der Organisationen

durch das Enstehen marktlich-monetärer

Beziehungen verändern.

Neue Organisationen

Obwohl Sozio-Sponsoring erst

seit wenigen Jahren existiert, haben

sich bereits neue sektorale

und organisatorische Strukturen

herausgebildet, die darauf angelegt

sind, das Sponsoring auszubauen.

Als Reaktion auf die

Nachfrage nach Sponsoringpartnern

seitens der Unternehmen

haben sich Organisationstypen

gebildet, die sich auf die Ressourcenmobilisierung

durch Sozio-

Sponsoring spezialisiert haben.

Die Aktionsgemeinschaft Arbeit,

Gesundheit und Ernährung e.V.

(A.U.G.E.) ist z.B. ein Unternehmen,

das sowohl seine Projekte

als auch seine eigene Existenz

durch Sponsoringgelder und Lizenzeinnahmen

finanziert.

A.U.G.E. engagiert sich nach ei-


gener Darstellung für eine bessere

Umwelt, indem sie Umweltaufklärung

und -beratung für Verbraucher

in Haushalten, Gemeinden,

Schulen und Kindergärten

durchführt. Der Verein verfolgt

keine eigenen Zwecke, sondern

die Ziele der sponsernden Unternehmen.

A.U.G.E. ist recht erfolgreich,

allerdings hat das Unternehmen

trotz professioneller

Öffentlichkeitsarbeit mit Akzeptanzproblemen

in der Öffentlichkeit

zu kämpfen. 3

Im Gegensatz zu A.U.G.E. erfährt

ein kleiner Verein in

Aachen relativ hohe Anerkennung

in der Öffentlichkeit: SozialSponsoring

e.V. ist als Dachorganisation

von dreizehn Vereinen

und Initiativen in der Stadt

gegründet worden, die für die

Mitglieder Sponsoringgelder einwirbt.

Da die Mitgliedsvereine

nicht nur über knappe Ressourcen

verfügen, sondern zudem fast

alle in schwer vermarktbaren Bereichen

arbeiten, z.B. die 'Drogenhilfe

Aachen' oder der 'Arbeitskreis

Straffälligenhilfe', sind

sie alleine nicht in der Lage, selbständig

Sponsoren zu gewinnen.

Sozialsponsoring e.V. verkauft

ein Logo, eine Art 'Blauen Engel'

für soziales Engagement, an

lokale Unternehmen. Damit sollen

die Käufer animiert werden,

ihre Werbegelder nicht nur im

Sport- und Kultur-, sondern auch

im Sozialbereich zu investieren.

Der Gewinn fließt in einen Pool

und wird anteilig an die dreizehn

Vereine weitergeleitet. Das

Aachener Modell war bisher sehr

erfolgreich, doch es ist in hohem

Maße von der Unterstützung

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Dritter, vor allem von Politikern

und Medien abhängig, und ist dadurch

dauerhaft nur auf lokaler

Ebene realisierbar.

Durch Schwierigkeiten der Kontaktaufnahme

und der Kooperation

zwischen Organisationen

und Unternehmen hat das Sponsoring

zudem ein neues Betätigungsfeld

für Organisationen geschaffen,

die zwischen den Sponsoringpartnern

vermitteln. Professionelle

Marketingagenturen bieten

Organisationen ihre Kompetenz

zur Entwicklung von Sponsoringkonzepten

an. Der Bedarf

und das Interesse sind vorhanden,

bisherige Erfahrungen haben

jedoch bei den z.B. auf Social

Marketing spezialisierten

Agenturen zu der ernüchternden

Einsicht geführt, daß nur sehr

wenige große Organisationen

über das finanzielle Potential verfügen,

eine externe Beratung in

Anspruch zu nehmen.

Aber auch Universitäten könnten

durch interdisziplinäre Zusammenarbeit

die Vermittlung

zwischen Organisationen und

Unternehmen übernehmen. 1993

wurde die Arbeitsstelle 'Social

Sponsorship' am Institut für Wirtschaftswissenschaften

und Didaktik

der Universität Münster

gegründet. Auf regionaler Ebene

hat die Arbeitsstelle mehrere

Sponsorships vermitteln können.

Aufgrund finanzieller Engpässe

mußten die Initiatoren der Arbeitsstelle

ihre Tätigkeit 1995 jedoch

'auf Eis' legen.

Erfolgreicher ist der Verein 'Öko­

Sponsoring e.V.' in Münster, der

mittels einer 'Öko-Sponsoring-

Börse' zwischen Sponsoring-Interessenten

vermittelt. Der Verein

führt Naturschutzorganisationen

und Kommunen mit Unternehmen

zusammen. Im Aufschwung

befinden sich auch die

helfenden Zweckverbände, z.B.

die 'Deutsche Umwelthilfe e.V.'

(DUH), die in erster Linie Projekte

anderer Umweltorganisationen

fördert. Unter anderem hat

die DUH für ein verbandsübergreifendes

Großprojekt am Bodensee

den Lebensmittelhersteller

Deutsche Unilever GmbH als

Sponsor gewonnen. Bei der Vermittlung

von Sponsoringprojekten

an Bewegungsorganisationen

könnte in Zukunft den helfenden

Zweckverbänden eine besondere

Rolle zukommen, da sie

gleichzeitig eine Pufferfunktion

zwischen den Sponsoringpartnern

wahrnehmen. Die Annahme

von Sponsoringgeldern des

Unternehmens Unilever, die dem

BUND für das Bodenseeprojekt

über die DUH zukommen, wäre

als direktes Sponsoringprojekt

des BUND eventuell innerhalb

des Verbandes auf starken Widerstand

gestoßen. Angesichts

dieser Entwicklungen haben damit

nur die Vermittlungsorganisationen

dauerhaft Bestand, die

zum Erhalt der eigenen Existenz

nicht auf die Erwirtschaftung von

Gewinnen angewiesen sind, sondern

über andere, dauerhafte Ressourcen

verfügen.

Erfahrungen mit

Sponsoringprojekten

Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände

Arbeiterwohlfahrt, Caritas-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

verband und Diakonisches Werk

haben sich an einem Projekt des

Pharmazieherstellers Boehringer

Ingelheim KG beteiligt. Boehringer

hat die 'Initiative Zweite Lebenshälfte'

als fünfjähriges Projekt

ins Leben gerufen, um das

Image des Unternehmens beim

Fachpublikum und in der Öffentlichkeit

aufzuwerten und den Verkauf

seiner Produkte zu intensivieren.

4

In den Modellstädten

Weimar und Weinheim ansässige

soziale Organisationen sollten

Projekte erarbeiten, die sich mit

der Lebenssituation von Menschen

ab vierzig Jahren beschäftigen.

Für entsprechende Projekte

erhielten die Einrichtungen

eine Anschubfinanzierung. Für

die Projektkonzepte machte

Boehringer das Vermarktungsrecht

vertraglich geltend, womit

den Organisationen untersagt

wurde, die von ihnen entwickelten

Konzepte auf andere Projekte

anzuwenden. 5

Die Organisationen beurteilten

das Projekt unterschiedlich: Die

Arbeiterwohlfahrt hat z.B. dringende

Anliegen des Verbandes

realisieren können: „Wir haben

natürlich Projekte angeboten, die

in das Konzept der 'Initiative

Zweite Lebenshälfte' passen. Das

sind allerdings auch unverwirkhchte

Projekte, die wir schon länger

in der Schublade hatten, mangels

Geld aber nicht durchführen

konnten. Allerdings bereitete

eines unserer Projekte, die Tagesstätte

für psychisch kranke

Menschen, der Öffentlichkeitsarbeit

von Boehringer etwas

Schwierigkeiten, denn es hat sich

gezeigt, daß weder das Interesse

der Öffentlichkeit noch eines großen

Teiles des Fachpublikums an

psychisch kranken Menschen besonders

groß ist. Diese Menschen

eignen sich nun mal nicht

zur Imagepflege, und es bleibt

einfach Fakt, daß niemand sich

wirklich mit der Unterstützung

von Randgruppen, wie psychisch

Dagegen haben die großen Umweltverbände

weniger Probleme,

die Inhalte ihrer Arbeit zu vermitteln

und den Sponsoren attraktive

Projekte anzubieten. Der

BUND und der WWF nutzen

auch die Kooperationen mit der

Wirtschaft als strategisches Instrument,

um ökologische Forderungen

an die Unternehmen zu stellen

und damit konkret Einfluß auf

die Unternehmenspolitik zu nehmen.

erkrankten Menschen oder Alkoholikern

schmücken will." 6

Organisationen,

deren Klientel ohnehin

kaum in einem gesellschaftlichen

Kontext steht, können

kaum auf das Interesse von

Unternehmen hoffen: „Das heißt

ganz konkret, daß beispielsweise

Vereine der Drogen- und

AIDS-Hilfe so gut wie nie gesponsert

werden" (Labetzsch

1992: 18).

Das Diakonische Werk hat ebenfalls

die Anschubfinanzierung

von Boehringer genutzt, um ein

schon seit langem geplantes Projekt,

einen Gesprächskreis für

Frauen, zu realisieren. „Angesichts

der Tatsache, daß die Kirche

immer weniger Geld hat,

und wir immer weniger unsere

Vorhaben verwirklichen können,

war das mal die positive Erfahrung,

etwas umsetzen zu können."

7

Der Naturschutzbund (Nabu) betreibt

zur Finanzierung von Naturschutzprojekten

seit 1990 zahlreiche

Sponsoringprojekte, unter

anderem mit der Deutschen Lufthansa

AG, dem Reinigungs- und

Waschmittelhersteller Tengelmann

(Produktlinie 'Frosch') und

dem Textilhersteller Otto-Versand.

Durch die Einnahme von

Sponsoringgeldern hat der Nabu

seine Naturschutzprojekte wesentlich

ausweiten können: „Im

Prinzip sind wir zunächst zu einem

kritischen Dialog mit jedem

Unternehmen bereit.'"' Seit der

Nabu sein Themenspektrum in

Richtung Ökologie und Umweltschutz

ausgeweitet hat, wird auch

der Beitrag der Sponsoren zum

Die Caritas konnte hinge­ ökologischen Umbau der Wirtgen

ihr geplantes Projekt schaft geprüft.

'Schuldnerberatung' nicht bei

Boehringer durchsetzen: „Das Identitätsprobleme

Projekt mußten wir leider fallenlassen,

weil Boehringer dieses

Vorhaben nicht finanzieren wollte."*

Um doch noch in den Genuß

der Anschubfinanzierung zu kommen,

entwickelte die Caritas ein

Projekt zur Nachbarschaftshilfe für

Menschen ab vierzig Jahren.

Bei den Umweltverbänden stellt

sich im Vergleich mit den Wohlfahrtsverbänden

eher die Frage,

ob die Zusammenarbeit mit Unternehmen

im Einklang mit Zielsetzungen

steht. Die Nutzung

von Sponsoring als Geldquelle

führt besonders in Bewegungsorganisationen

häufig zu Identi-


tätsproblemen. Die Ökologiebewegung,

die die Vielfalt und

Zielsetzungen der Umweltverbände

maßgeblich bestimmt hat,

gewann ihre Identität aus einer

Kapitalismuskritik, die sich in

konkreten Protestaktionen gegen

umweltverschmutzende Industrieunternehmen

manifestierte. In

den Umweltverbänden gewinnen

angesichts der Auflösung des

'Freund-Feind-Schemas' auf der

einen und der Institutionalisierung

und Professionalisierung der Verbände

auf der anderen Seite zunehmendpragmatisch-strategische

Überlegungen an Bedeutung

gegenüber diesen identitätsstiftenden

Grundorientierungen.

Durch die Kooperation mit Wirtschaftsunternehmen

kristallisiert

sich der Bruch zwischen alten

und neuen Positionen und Einstellungen

heraus. Beim BUND

führten die unterschiedlichen Positionen

zum Thema Wirtschaftskooperation

z.B. zu extremen

Spannungen innerhalb des Verbandes.

Für die aktionsorientierten

Umweltverbände Robin

Wood und Greenpeace werden

Annäherungen an Unternehmen

zum komplizierten Balanceakt

und sind letztendlich nur durch

Aufgabe der eigenen Identität

möglich.

Identitätsprobleme werden auch

bei Bewegungsorganisationen im

sozialen Bereich deutlich, wenn

die Mitarbeiter in ihrer Klientel

die Symptomträger wirtschaftlich

verursachter Probleme sehen. Die

Aufstellung von Negativlisten mit

bestimmten Wirtschaftsbranchen,

z.B. bei der deutschen Sektion

von Amnesty International, stellt

den Versuch dar, Wirtschaftsko­

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

V ---

operation zu betreiben, ohne jedoch

auf identitätsstiftende

Grundorientierungen verzichten

zu müssen.

Bei den Wohlfahrtsverbänden

spielen hingegen die normativen

Orientierungen der Mitarbeiter

und Mitglieder bei Sozial-Sponsoring

nur eine untergeordnete

Rolle. Angesichts der knappen

öffentlichen Mittel und der rückläufigen

Zuwendungen der Kirchen

bei den konfessionellen Verbänden

ist es bei gleichzeitiger

Konkurrenz durch Selbsthilfegruppen

und private Anbieter sozialer

Dienstleistungen für die

Wohlfahrtsverbände ausgesprochen

wichtig, ihre Wettbewerbsfähigkeit

auszubauen.

Pluspunktefür die

Lobbyarbeit

Als 'Nebeneffekt' resultiert aus

Sozio-Sponsoring - entgegen

häufig gehegten Befürchtungen

eines Glaubwürdigkeitsverlustes

- für die Organisationen ein

Imagegewinn. Die Zusammenarbeit

mit Unternehmen hat sich bei

der politischen Lobbyarbeit für

einige Organisationen bereits als

hilfreich erwiesen. Politiker kritisieren

immer wieder, daß Umweltverbände

nicht kompromißfähig

und vor allem fachlich nicht

ausreichend kompetent seien

(Hey/Brendle 1994: 138). Die

Zusammenarbeit mit Unternehmen

kann Umweltverbänden

auch bei Politikern mehr Durchsetzungsvermögen

verleihen:

„Der BUND kann durch Wirtschaftskooperation

beweisen, daß

er nicht nur aus einem Haufen

von Träumern besteht, sondern

ideen- und lösungsorientiert arbeitet."

1

" Einzelpersönlichkeiten

aus der Wirtschaft, die nicht nur

Sponsoring betreiben, sondern

auch ihren Einfluß für die Belange

der gesponserten Organisation

direkt bei Politikern auf

höchster Ebene geltend machen,

sind allerdings eher die Ausnahme,

weil Großunternehmen nur

noch selten durch Einzelpersonen

repräsentiert werden. Wichtiger

erscheint der nicht zu unterschätzende

Imagegewinn, den die Organisationen

mit Sponsoring erzielen,

weil die Umweltverbände

dadurch bei politischen Entscheidungsträgern

zu kompetenten

Ansprechpartnern werden.

Zusammenfassung

Sponsoring kann sich zumindest

für große, ressourcenstarke Organisationen

als nützliches Instrument

erweisen, mit dem sie

zu größerer Präsenz und Durchsetzungsfähigkeit

gelangen. Dennoch

sind Sponsoringgelder keine

dauerhafte und kalkulierbare

Ressource: Selbst ein engagiertes

Unternehmen wird sich beim

Abflauen des öffentlichen Interesses

am geförderten Projekt die

Kosten-Nutzen-Frage stellen. Mit

dem Beginn eines Projektes ist

auch generell schon das Ende in

Sicht, wenn es sich für den Sponsor

nicht mehr rentiert. Viele Vereins-

und Verbandsmitarbeiter

verbinden mit dem Sponsoring

vor allem die Hoffnung, daß die

Bittstellerei und Bettelei für die

Finanzierung von Projekten

durch eine gleichberechtigte Partnerschaft

ergänzt wird. Ein Verlassen

der Defensive erscheint

aus Perspektive der Organisatio-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

mmmmmmmmmmmmmmmm

nen insofern als Vorteil. Doch

werden sich die Organisationen

stark engagieren müssen, um das

Interesse der Unternehmen zu

halten und Sponsoringprojekte

dauerhaft in ihre Tätigkeit einzubinden.

Inga Niermann, Hamburg

Anmerkungen

' Angaben der Marketingleiter

Bernhard Kühnle (Nabu) und

Andreas Fußer (BUND), Mai

1995.

2

Interview mit Bernhard Bauske,

Umweltreferent des WWF,

am 13. Juli 1995.

3

Bei einer Befragung von Umweltjournalisten

schnitt A.U.G.E.

unter den Umweltorganisationen

bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit

und Wirkungskraft gegenüber

BUND, WWF, Greenpeace und

Robin Wood wesentlich schlechter

ab (Döblin 1991: 52f).

4

Das Unternehmen hat 12,5 Millionen

Mark in die Initiative

'Zweite Lebenshälfte' investiert

(Gespräch mit Monika Nachtwey,

Pressesprecherin von Boehringer

Ingelheim KG, am 29.

September 1995).

5

Gespräch mit Anne Hansch,

Sozialarbeiterin des Diakonischen

Werkes in Weinheim, am

29. September 1995.

6

Interview mit Ingo Grohmann,

Geschäftsführer des AWO-Kreisverbandes

Rhein-Neckar, am 30.

Mai 1995.

7

Gespräch mit Anne Hansch,

Diakonisches Werk.

* Gespräch mit Martin Schmitterer,

Caritas-Ortsverband Rhein-

Neckar, im Mai 1995.

Interview mit Bernhard Kühn­

le, Naturschutzbund e.V., am 12.

Mai 1995.

1,1

Interview mit Andreas Fußer,

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9. Mai 1995.

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KAMrV\ON£N

BERICHT

Kampagne

gegen

sexuellen

Mißbrauch von

Kindern

Nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerks

werden weltweit

etwa zwei Millionen Kinder sexuell

mißbraucht. Unter den 240

in Asien wegen Kinderschändung

angeklagten Ausländern

stellen die Deutschen die zweitgrößte

Gruppe. Nur der Anteil

der aus den USA stammenden

Täter ist größer. 1

Der Handel mit

Kinderpornos hat sich in den letzten

Jahren, so Expertenaussagen,

zu einer millionenschweren und

umsatzstarken Branche entwikkelt.

Deutschland ist laut Interpol

der größte Produzent von

Kinderpornos, Holland und England

sind die großen Umschlagplätze,

und die USA stellen mit

einem Umsatz von jährlich einer

Milliarde Dollar den größten

Markt dar. 2

Vor diesem erschrekkenden

Hintergrund befaßte sich

die Weltöffentlichkeit im August

diesen Jahres mit einem Problem,


das auch von Politikern nicht länger

übersehen werden konnte.

Selten zuvor hat eine Konferenz

so große Beachtung in der Öffentlichkeit

gefunden, wie der

'Weltkongreß gegen kommerzielle

sexuelle Ausbeutung von

Kindern'. Vom 27. bis 31. August

1996 trafen sich in Stockholm

1.200 Expertinnen, Vertreterinnen

internationaler Nicht-Regierungsorganisationen

(NRO),

UN-Unterorganisationen und

Regierungsvertreterinnen aus

über 120 Ländern, um über Maßnahmen

zum Schutz von Kindern

vor sexueller Ausbeutung zu

beraten.

Bereits im Vorfeld des Weltkongresses

haben die Medien großes

Interesse am Thema gezeigt.

Zum absoluten Medienereignis

wurde die Konferenz aber, als

Meldungen über die Verbrechen

an Kindern in Belgien und die

Verhaftung von Marc Dutroux

bekannt wurden. Plötzlich war

das Thema in allen Nachrichtensendungen

und Tageszeitungen

präsent, diskutierten Experten -

und solche, die sich dafür halten

- das Thema des sexuellen

Mißbrauchs von Kindern. Für die

Nicht-Regierungsorganisationen

war mit dem Beginn des Weltkongresses

ein wichtiges Etappenziel

ihrer Arbeit erreicht. Es

waren insbesondere NRO, die

das Thema der sexuellen Ausbeutung

von Kindern, der Kinderprostitution

und des Sextourismus

einer breiten Öffentlichkeit

bekannt gemacht haben. Organisatoren

des 'Ersten Weltkongresses

gegen kommerzielle se­

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, Hrrr 4. 1996

xuelle Ausbeutung von Kindern'

waren die schwedische Regierung,

UNICEF, ECPAT und die

NRO-Gruppe ECOSOC bei den

Vereinten Nationen.

Die Vorgeschichte

Im Jahre 1990 beschlossen Teilnehmerinnen

einer internationalen

Konferenz in Chiang Mai/

Thailand die Gründung der internationalen

Kampagne 'End

Child Prostitution in Asian Tourism'

(ECPAT). Mittlerweile arbeiten

Initiativen aus Asien, Lateinamerika,

Europa, Nordamerika

und Japan in der internationalen

Kampagne mit. 3

Im März

1991 wurde von mehr als 40

NRO die 'Deutsche Kampagne

gegen Kinderprostitution' gegründet,

die 1994 in der 'Deutschen

Arbeitsgemeinschaft gegen

Kinderprostitution im Sextourismus'

aufgegangen ist. 4

Der deutschen Kampagne ist es

in den letzten Jahren gelungen,

ein bis dahin tabuisiertes Thema

einer breiteren Öffentlichkeit bekannt

zu machen. Mehr noch:

• Auf Initiative der deutschen

Kampagne gegen Kinderprostitution

und mit Unterstützung

von Abgordneten aller Fraktionen

des Deutschen Bundestages

wurde zum 1. September

1993 eine Gesetzesnovelle

durchgesetzt. Nach der Neuregelung

kann ein Bundesbürger

nun nach Paragraph 5 Ziffer

8 StGB auch dann nach

deutschem Recht bestraft werden,

wenn er im Ausland Kinder

mißbraucht.

• 1992/93 führte die Kinderhilfsorganisation

terre des hommes,

Mitglied der deutschen Kampagne,

Verhandlungen mit verschiedenen

deutschen Reiseveranstaltern.

Ziel war es, die

Reiseunternehmen auf das

Phänomen der Kinderprostitution

aufmerksam zu machen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten

und einer längeren

Kampagnen-Phase, die durch

Aktionen ehrenamtlicher Mitarbeiter

unterstützt wurde,

konnte erreicht werden, daß

die zwölf führenden deutschen

Reiseveranstalter eine Vereinbarung

unterzeichneten. Gegenstand

der Vertrages: Verbot

von Kinderprostitution in

den Vertragshotels deutscher

Reiseveranstalter (Verstöße

werden mit Aufkündigung des

Vertrages bestraft), Bereitstellung

von Informationen für

Reisende über die Auswirkungen

der Kinderprostitution;

Schulung von Reiseleiterinnen

und Einkaufspersonal, um Verstöße

gegen den Vertrag aufzudecken.

Der Weltkongreß in

Stockholm

Im Mittelpunkt des Weltkongresses

in Stockholm stand die Verabschiedung

einer Resolution sowie

die Annahme eines internationalen

Aktionsplanes. In Workshops,

an denen auch Interpol-

Vertreter, FBI-Beamte, Sexualforscher,

Regierungsbeamte und

Sozialarbeiter teilnahmen, wurden

Einzelaspekte der Bekämpfung

sexueller Ausbeutung und

Fragen der Prävention diskutiert.

Der Kongreß beschäftigte sich


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

mit drei Aspekten der sexuellen

Ausbeutung von Kindern: Kinderprostitution,

Handel und Verkauf

von Kindern zum Zweck

des sexuellen Mißbrauchs und

Kinderpornographie.

Sowohl die Resolution wie auch

der Aktionsplan wurden mit großer

Mehrheit verabschiedet.

Während die Resolution allgemeine

Aussagen zum Problem

der sexuellen Ausbeutung beinhaltet,

konkretisiert der Aktionsplan

verschiedene Umsetzungsschritte.

Da in den verschiedenen

Staaten unterschiedliche

Rechtsregelungen bestehen, wurde

als Bezugsrahmen die UN-

Kinderrechtskonvention von

1989 gewählt. In der Konvention

wird in einzelnen Artikeln direkt

Bezug auf das Thema der

sexuellen Ausbeutung genommen.

Mit der Ratifizierung der

Übereinkommen der UN über

die Rechte des Kindes verpflichteten

sich die Unterzeichnerstaaten,

Kinder wirksam zu schützen:

• vor „jeder Form körperlicher

oder geistiger Gewaltanwendung,

Schadenszuführung oder

Mißhandlung einschließlich

des sexuellen Mißbrauchs"

(Art. 19, Abs. 1) durch Eltern

oder eines Elternteils, eines

Vormundes oder anderen gesetzlichen

Vertreters oder einer

anderen Person, die das

Kind betreut;

• vor „wirtschaftlicher Ausbeutung

und zur Heranziehung zu

einer Arbeit, die Gefahren mit

sich bringt und die Erziehung

des Kindes behindern oder die

Gesundheit des Kindes oder

seiner körperliche, geistige,

seelische, sittliche oder soziale

Entwicklung schädigen könnte"

(Art. 32, Abs. 1);

• vor der „Beteiligung an rechtswidrigen

sexuellen Handlungen,

zu denen sie verleitet oder

gezwungen werden" (Art. 34,

Pkt. a); dazu zählen auch Prostitution

und Pornographie;

• vor dem „Verkauf von Kindern

sowie dem Handel mit

Kindern zu irgendeinem

Zweck und in irgendeiner

Form" (Art. 35); desweiteren

• daß der Staat die physische

und psychische Genesung sowie

die soziale Wiedereingliederung

von Kindern sicherstellen

muß, die Opfer von Ausbeutung

oder Mißhandlung

geworden sind (Art. 39).

Der in Stockholm verabschiedete

Aktionsplan formuliert nun

einzelne Umsetzungsstrategien

(direkte Maßnahmen zum Schutz,

Präventionsmaßnahmen etc.). Er

stellt so eine Ergänzung der in

der Kinderrechtskonvention formulierten

Artikel dar. Der Aktionsplan

unterscheidet zwischen

nationalen und internationalen

Politikakteuren. Auf internationaler

Ebene soll der Austausch von

Daten und die Zusammenarbeit

zwischen Justiz- und Ermittlungsbehörden

verbessert werden. Nationale

Gesetzgebungen sollen

überprüft und ggf. überarbeitet

werden, um den Schutz von Kindern

zu verbessern und eine effektive

Strafrechtsverfolgung von

Tätern zu ermöglichen.

91

Eine engere Kooperation zwischen

Regierungen und NRO

wird ausdrücklich hervorgehoben.

Die Staaten werden aufgefordert,

die Ausbildungsmöglichkeiten

für Kinder (kostenloser

Schulbesuch) und die medizinische

Versorgung von Mißbrauchsopfern

zu verbessern.

Neben Schutz- und Präventionsmaßnahmen

werden bessere gesellschaftliche

Mitwirkungs- und

Mitbestimmungsmöglichkeiten

für Kinder gefordert.

Die deutsche Kampagne hat bereits

seit langer Zeit Forderungen

erhoben, die teilweise über die

im Aktionsplan vorgesehenen

Schritte hinausgehen. Zum Forderungskatalog,

der sich an die

Adresse der Bundesregierung

richtet, gehören:

• Abschluß zwischenstaatlicher

Vereinbarungen (Rechtshilfeabkommen)

zwecks Verbesserung

der Zusammenarbeit zwischen

Ermittlungsbehörden.

Konkret wird die Entsendung

von Verbindungsbeamten in

die deutschen Botschaften gefordert.

Die Beamten sollen

die Behörden in den Zielländern

bei der Ermittlungsarbeit

unterstützen und bei der Beweissicherung

unterstützen.

Hintergrund der Forderung:

Die Beweisverfahren (z.B.

Zeugenvernehmungen) sind

sehr schwierig. Aufgrund dieser

Schwierigkeiten kam es bisher

selten zur Verurteilung von

Angeklagten.

• Unterstützung und Beratung

von Ländern, die Entwicklungskonzepte

für den Touris-


mus planen. Damit sollen Fehlentwicklungen,

wie sie in

Thailand und anderen Staaten

zu sehen sind, verhindert werden.

Alternative Konzepte der

Tourismusentwicklung könnten

über Wirtschaftsförderungsmittel

und Finanzbürgschaften

unterstützt werden.

• Finanzielle und materielle Unterstützung

von NRO, die der

sexuellen Ausbeutung entgegentreten.

Die deutsche Kampagne

wurde im wesentlichen

aus Eigenmitteln bzw. Spenden

finanziert. Eine Reihe von

NRO unterstützen darüber hinaus

Projekte zur Reintegration

von Mißbrauchsopfern und zur

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HS I I -1. 1006

schen verschiedenen Ministerien

und der 'Deutschen Arbeitsgemeinschaft

gegen Kinderprostitution

im Sextourismus' ausgesprochen.

Er zeigte sich entschlossen,

möglichst bald über das weitere

Vorgehen zu diskutieren. Ob

auch die Forderungen der deutschen

Kampange Aussicht auf

Erfolg haben, ist im Moment unklar.

Bisher gibt es widersprüchliche

Aussagen der Bundesregierung.

Bundesfamilieministerin

Nolte betonte kürzlich, deutsche

Verbindungsbeamte seien bereits

in Botschaften einiger Zielländer

des Sextourismus tätig. Der Einsatz

weiterer Beamter, die sich

dann ausschließlich der Bekämpfung

der Kinderprostitution widmen,

sei zwar sinnvoll, „mögli­

Prävention in den Ländern des

Südens. 5

Angesichts zurückgecherweise aber nicht zusätzlich

hender Spendeneinnahmen finanzierbar."

wäre eine stärkere Kofinanzierung

durch das Bundesministerium

für wirtschaftliche Zusammenarbeit

(BMZ) notwendig.

Im Moment ist allerdings

eine gegenteilige Entwicklung

eingetreten. Im Zuge der jüngsten

Sparbeschlüsse sind auch

die Mittel des BMZ zusammengestrichen

worden. Davon ist

auch der Etat-Ansatz zur Kofinanzierung

von Projekten betroffen.

Umsetzungsschritte auf

nationaler Ebene

Die in Stockholm verabschiedete

'Agenda for Action' fordert

die nationalen Regierungen auf,

bis zum Jahr 2000 nationale Aktions-

und Umsetzungspläne zu

erarbeiten. Außenminister Kinkel

hat bereits in Stockholm die Einladung

zu einem Gespräch zwi­

6

Sollte das Argument

knapper Haushaltsmittel die

weitere Diskussion bestimmen,

dann ist die Umsetzung zentraler

Teile des Stockholmer Aktionsplanes

in Frage gestellt.

Der Abschluß von Rechtshilfeabkommen

- eine weitere Forderung

der deutschen Kampagne -

ist zur Zeit nicht in Sicht. In einer

Presseerklärung vom August

1996 lehnte der Bundesjustizminister

diese Forderung ab. 7

Statt

dessen ließ er die Bereitschaft erkennen,

sogenannte 'Vereinbarungen'

mit den betroffenen

Staaten abzuschließen. Nach

Auffassung der 'Deutschen Arbeitsgemeinschaft

gegen Kinderprostitution

im Sextourismus'

stellen Rechtshilfeabkommen

aber eine verbindlichere juristische

Grundlage dar.

Kritische Bewertung

Ohne Zweifel war der Weltkongreß

ein großer Erfolg für die

NRO. Wohl selten haben sich

Regierungen in so kurzer Zeit auf

ein gemeinsames Aktionsprogramm

einigen können. Seit

Stockholm - und vor dem Hintergrund

der Ereignisse in Belgien

und der bekanntgewordenen

Mißbrauchsfälle in Deutschland -

stehen viele Regierungen unter

Handlungszwang. In England,

Holland, Belgien und Deutschland

wird über Verschärfungen

des Strafrechts nachgedacht. Der

Besitz von Kinderpornos ist in

Schweden noch immer nicht verboten.

Die wenigsten Länder haben

- analog zur Rechtslage in

der Bundesrepublik - ein extraterritoriales

Strafrecht, das die

Verfolgung von Tätern, die im

Ausland Kinder mißbrauchen,

durch heimische Gerichte ermöglicht.

Im September 1996 beschlossen

die Justizminister der Europäischen

Union eine engere Zusammenarbeit

bei der Bekämpfung

des Kindesmißbrauchs und des

Menschenhandels." Der Aktionsplan

von Stockholm hat einen

Kooperationsrahmen geschaffen,

der die internationale Zusammenarbeit

fördern kann. Auch das öffentliche

Interesse ist, nicht zuletzt

durch die Stockholmer Konferenz,

geweckt worden.

Bei aller Euphorie, es bleiben offene

Fragen. So ist der beschlossene

Aktionsrahmen für die Regierungen

nicht rechtsverbindlich.

Wie ernst es die Unterstützerstaaten

mit der „globalen Part-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

nerschaft gegen die kommerzielle

sexuelle Ausbeutung von Kindern"

(Konferenztext) nehmen,

wird man erst in den nächsten

Jahren beurteilen können. Der

Generalberichterstatter des Kongresses,

Vitit Muntarbhorn, ordnete

den Aktionsplan als 'Checkliste'

ein, in der nur Mindeststandards

festgehalten sind.

Vertreterinnen des Südens vermißten

in Stockholm eine klare

Aussage zur Armutsbekämpfung.

Armut, so ihr Argument,

ist eine Hauptursache für sexuelle

Ausbeutung. Der Armutsaspekt

rückte während der Stockholmer

Konferenz tatsächlich ein

wenig in den Hintergrund. Die

Morde an den Mädchen in Belgien

ließen den 'Südaspekt' - zumindest

in der öffentlichen Berichterstattung

- in den Hintergrund

treten. Obwohl nach

Schätzungen internationaler Experten

die Mehrzahl der zwei Millionen

minderjährigen Prostituierten

Mädchen sind, wird diesem

Aspekt in den offiziellen Dokumenten

ebenfalls keine besondere

Aufmerksamkeit geschenkt.

Der medienwirksame Erfolg der

Kampagne erklärt sich auch aus

dem Tatsache, daß es sich hier

um ein 'Skandalthema' handelt,

denn 'Sex and Crime' garantieren

immer ein starkes Medieninteresse.

Da sich die Kampagne

gegen einen 'unsichtbaren Gegner'

richtet (Befürworter des sexuellen

Mißbrauchs treten nicht

öffentlich in Erscheinung), fällt

es relativ leicht, Zustimmung zu

den Kampagnenzielen zu finden.

Die Öffentlichkeit reagierte auf

die Berichte über sexuellen Mißbrauch

mit großer Empörung.

Und in dieser Empörung wird

auch eine gewisse Hilflosigkeit

und Ohnmacht deutlich. Auf der

einen Seite ist das öffentliche Interesse,

die Empörung und das

Medienspektakel, eine notwendige

Voraussetzung, um Kampagnen

erfolgreich zu inszenieren.

Auf der anderen Seite ist es in

einer emotional aufgeladenen Situation

schwierig, differenzierte

Positionen in die öffentlichen

Debatten einzuspeisen. Wer die

zum Teil dramatisch hochgerechneten

und widersprüchlichen

Dunkelziffern über das Ausmaß

sexueller Ausbeutung von Kindern

bezweifelt, setzt sich schnell

des Verdachtes aus, das Thema

bagatellisieren zu wollen. Um es

noch einmal zu betonen: Das Erzeugen

von Betroffenheit in der

Öffentlichkeit ist eine elementare

Voraussetzung für erfolgreiche

Kampagnenarbeit. Eine ganz andere

Frage ist aber, welche paradoxen

Folgen die mediale Inszenierung

in der Öffentlichkeit hinterläßt.

In einem TAZ-Kommentar

hieß es jüngst: „Was als Sexmit-Kindern

derzeit die Gemüter

aufwühlt, besitzt alle Merkmale

einer Moralpanik. Am Anfang

stehen die wirklich schlimmen

Tatsachen - Entführung, sexuelle

Gewalt, fahrlässige Tötung.

Tatsachen also, die immer und

überall existieren können. Die

Panik besteht in einer maßlosen

Erregung des Kollektivbewußtsein.

Maßlos deshalb, weil ein

Schreckensgemälde omnipräsenter

Gefahr heraufbeschworen

wird. [...] Alle Sicherheit wird

zuschande, einzig das Lynchen

verspricht noch Gerechtigkeit.'"'

Zwar sind im öffentlichen Diskurs

über den sexuellen Mißbrauch

von Kindern nicht nur

Forderungen nach Lynchjustiz

laut geworden. Feststellbar ist

aber eine gewisse Ratlosigkeit.

Patentrezepte sind nicht greifbar,

Lösungen nur in kleinen Schritten

denkbar. Das aber steht im

krassen Gegensatz zu den Erwartungen,

die eine sensibilisierte Öffentlichkeit

an die politischen Entscheidungsträger

adressiert.

Daß breite Medienpräsenz noch

keine Mobilisierung garantiert,

Empörung nicht zum konkreten

Handeln führen muß, hat nicht

nur diese Kampagne gezeigt. Der

Pressesprecher von terre des hommes,

Christian Ramm, faßt die

Erfahrungen während und nach

Beendigung des Weltkongresses

so zusammen: „Wir haben in den

letzten Jahren viel in die Kampagne

investiert. Unsere Medienresonanz

war sehr gut. Wir haben

in der Außendarstellung darauf

hingewiesen, daß Interessierte

durch Spenden oder aktive Mitarbeit

die Kampagnenarbeit und

Projekte gegen sexuellen Mißbrauch

unterstützen können. Wir

konnten aber trotz guter Medienberichterstattung

keinen Spendenzuwachs

oder andere Unterstützungsankündigungenverzeichnen."

Bleibt zu hoffen, daß die Trägerorganisationen

auch in den

nächsten Jahren genügend materielle

und personelle Ressourcen

aufbringen können, um den Um-


94 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

setzungsprozeß des Stockholmer

Aktionsplanes kritisch begleiten

zu können.

Michael Heuer, Sozialwissenschaftler,

lebt und arbeitet in Osnabrück.

Weitere Informationen zum Thema

können über terre des hommes

bezogen werden: Kontakt:

Kampagne gegen Kinderprostitution,

Postfach 4126,49031 Osnabrück.

Anmerkungen

1

Ron O'Grady, Sprecher von

'End Child Prostitution in Asian

Tourism' (ECPAT), auf einer

Pressekonferenz in Bonn (DPA-

Meldung vom 21.8.1996).

2

Angaben nach Claire Brisset:

Verkaufte Kindheit. In: Le Monde

Diplomatique (dt. Ausgabe)

vom 8.8.1996.

3

Seit der Konferenz in Stockholm

trägt die Kampagne den

Namen 'End Child Prostitution,

Pornography and Trafficking'.

4

Nachfolgend wird von 'die

Kampagne' gesprochen, wenn

die deutsche Arbeitsgemeinschaft

gemeint ist.

5

Organisationen wie terre des

hommes finanzieren auch Projekte

zur Prävention.

6

DPA-Meldung vom 21.8.1996.

7

Pressemeldung 29/96 des Bundesministeriums

der Justiz vom

22.8.1996.

8

Die Zusammenarbeit wurde auf

einem informellen Treffen der

Minister in Dublin beschlossen

(FAZ vom 27.9.1996).

Rüdiger Lautmann: Ein öffentliches

Morallehrstück. In: TAZ

vom 5.9.1996.

Brauchen wir

eine neue

Informationsarbeit?

Das Beispiel der

Alternativhandelsorganisation

BanaFair

Vor genau zehn Jahren startete

eine Gruppe von Nicaragua-Aktivistinnen

mit dem Wunsch, die

sandinistische Revolution durch

den Verkauf von Bananen zu unterstützen.

Die Idee des gerechten

Bananenhandels war geboren.

Entsprechend dem Aktionskonzept

des fairen Handels stützte

sie dabei ihre Aktivitäten auf

den Verkauf der Früchte und eine

umfassende entwicklungspolitische

Informationsarbeit. Heute

hat sich die Situation grundlegend

geändert. Bei der Alternativhandelsorganisation

BanaFair,

die heute den Import und den

Vertrieb der Bananen durchführt,

wurde die bewegungsorientierte

Bildungsarbeit um eine professionelle,

auf breitere gesellschaftliche

Zielgruppen hin ausgerichtete

Pressearbeit ergänzt. Ein

Weg, der in dieser Form innerhalb

der Solidaritätsbewegung

bisher selten beschritten wurde.

HofoderArena?

„Public Relations beziehen sich

nicht eigentlich auf public opinion,

sondern auf opinion in jenem

Verstände der reputation. Öffent­

lichkeit wird zum Hof, vor dessen

Publikum sich Prestige entfalten

läßt - statt in ihm Kritik."

(Habermas 1993: 229) Schenkt

man dieser Aussage Glauben, ist

der Öffentlichkeitsarbeit zunächst

einmal nicht zu trauen. Die Zurückhaltung

scheint keineswegs

unberechtigt, dient sie doch üblicherweise

in erster Linie der Gewährleistung

materieller Interessen

bzw. der Legitimationssicherung.

Nur selten transportiert die

klassische Öffentlichkeitsarbeit

dabei emanzipatorische Inhalte.

Öffentlichkeit, um im Sinne Habermas'

zu sprechen, wird hier

nicht als kritische, sondern als rezeptive

Instanz in Anspruch genommen.

An dieser Stelle setzen seit den

siebziger Jahren unterschiedliche

Formen alternativer Öffentlichkeitsarbeit

an, darunter auch die

der Akteure der 'Dritte-Welt'-

Bewegung. Öffentlichkeits- und

Pressearbeit in deren Sinne soll

dazu beitragen, daß:

• für ein bestimmtes Thema Öffentlichkeit

geschaffen wird;

• Informationen, die der entsprechenden

Organisation vorliegen,

öffentlich wahrgenommen

werden;

• Kampagnen und Aktionen

pressewirksam gefördert werden;

• Spendenakquisition oder Werbeaktivitäten

unterstützt werden.


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Dabei sind deren Träger weniger

an der Durchsetzung bestimmter

profitorientierter Absichten

interessiert, vielmehr wird

Informationsarbeit als ein Instrument

zur Schaffung von Formen

der Gegenöffentlichkeit betrachtet.

Es wird angestrebt, mit der

Zielgruppe ins Gespräch zu kommen

und eine Form der

Zwei-Wege-Kommunikation zu

erreichen. Rückwirkungen auf

die jeweilige Institution werden

nicht ausgeschlossen, sondern

sind (zumindest theoretisch)

durchaus erwünscht.

Ein solches Konzept ist im Rahmen

einer generellen Diskussion

um Formen von Gegenöffentlichkeit

zu sehen, wobei Öffentlichkeit

im ursprünglichen Sinne als

kritische Instanz, Raum kollektiver

Politisierung und Korrektiv

gesellschaftlicher Fehlentwicklungen

betrachtet wird. Dieser

Ansatz beinhaltet ein

(system-)kritisches Potential, das

sich häufig nicht nur in den

emanzipatorischen Inhalten, sondern

auch in der kritischen Distanz

zu den Wirkmechanismen

der Massenmedien äußert. Dennoch

braucht diese durchaus angebrachte

Skepsis nicht zu eindimensionalen

Konsequenzen zu

führen, denn berechtigterweise

bleibt zu fragen: „inwieweit

emanzipatorische und systemüberwindende

Strategien in einem

System bürgerlicher Öffentlichkeit

allein auf Formen der Gegenöffentlichkeit

angewiesen

sind, oder - anders gesagt - welche

Möglichkeiten und Grenzen

den herrschenden traditionellen

Formen und Medien immanent

sind" (Marchal/Spura 1981: 58).

Öffentlichkeits- und

Pressearbeit als

Instrument entwicklungspolitischer

Bildung

Eine Unterscheidung zwischen

traditioneller und alternativer Öffentlichkeitsarbeit,

die auf den

Gegensatz hier materiell, dort ideell

abzielt, bleibt zwangsläufig

idealtypisch. Denn auch die Informationsarbeit

der 'Dritte-

Welt'-Akteure wird nicht ausschließlich

von ideellen Zielvorstellungen

geleitet - allemal wenn

es sich um Organisationen handelt,

die zumindest einen Teil ihres

Auskommens über Spendenakquisition

erwirtschaften müssen.

Doch im Gegensatz zur

klassischen figurieren die Öffentlichkeits-

und Pressearbeit von

'Dritte-Welt'-Organisationen zumeist

als integraler Bestandteil

entwicklungspolitischer Bildung.

Dabei wird deren zentrale inhaltliche

und didaktische Auseinandersetzung

„nicht ausschließlich

als eine Beschäftigung mit Problemen

der Dritten Welt verstanden,

sondern bezieht sich auf die

pädagogisch geleitete Auseinandersetzung

mit allen (von Gruppen,

Institutionen oder Regierungen

in Entwicklungsländern und

Industrieländern ausgehenden)

Maßnahmen zur Uberwindung

von Unterentwicklung und Ausbeutung

und zur Herstellung von

sozialer Gerechtigkeit" (Freise

1982: 24).

Uberträgt man diese Leitlinien

der entwicklungspolitischen Bildung

auf die konkreten Anforderungen

einer qualifizierten

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,

ergeben sich folgende mögliche

Themenfelder:

• Die Untersuchung virulenter

internationaler und nationaler

Macht- und Gewaltverhältnisse

(im besonderen jegliche

Form kolonialistischer, rassistischer

oder sexistischer Diskriminierung);

• die Analyse und Offenlegung

der jeweiligen Verantwortlichkeiten;

• die kritisch-solidarische Unterstützung

von Akteuren, die

diese Verhältnisse zu bekämpfen

suchen.

Welchen Prinzipien sollte aber

eine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

entwicklungspolitischer

NRO und Basisinitiativen genügen?

Eine Reaktualisierung der

Leitlinien einer internationalistischen

Berichterstattung kann hier

interessante Anregungen bringen.

1

Demnach sollten hier vor

allem folgende Punkte Berücksichtigung

finden:

• Kontinuität: Entwicklungen

sind nicht punktuell. Alleine

eine kontinuierliche Berichterstattung

kann dem Kontinuum

gesellschaftlicher Prozesse gerecht

werden.

• Schilderung von Hintergründen:

Um der Komplexität dieser

Entwicklungen gerecht zu

werden, bedarf es der Verbreitung

von Hintergrundinformationen.

• Bevorzugung der Alltagsberichterstattung:Gesellschaftliche

Prozesse vollziehen sich im

Alltäglichen. Die Schilderung


von solchen Zusammenhängen

sollte Vorrang haben.

• Relativierung des eigenen

Standpunkts: Themenauswahl

und -darstellung unterliegen

stets der Perspektive des Autors

oder der Autorin. Nach

Möglichkeit sollten die Betroffenen

zu mitteilenden Subjekten

werden.

Doch wie können die hier formulierten

Ansprüche in Form einer

konkreten Öffentlichkeitsund

Pressearbeit umgesetzt werden?

Am Beispiel des gerechten

Handels mit Bananen soll die

Realisierung dieses Konzeptes

beispielhaft skizziert werden.

'Wenn schon Bananen,

dann aus Nicaragua'

Das Aktionskonzept des fairen

Handels im klassischen Sinne

ruht seit 25 Jahren auf zwei konkurrierenden

Säulen: einer handlungsorientierten,

pädagogischen

Aktion und dem Versuch, benachteiligten

Gruppen in der

'Dritten Welt' direkte materielle

Hilfe zukommen zu lassen.

Angesichts der Komplexität des

Themas bietet es die Möglichkeit,

über das gehandelte Produkt einen

konkreten Zugang zu den

eklatant ungerechten Weltwirtschaftsstrukturen

zu finden.

Auch der Vorstoß einer Gruppe

von Nicaragua-Solidaritätsaktivistinnen

im Jahre 1986 zielte in

diese Richtung. Angesichts des

US-Handelsembargos entschieden

sie sich, unter dem Namen

AG Nica-Bananen (heute: Ba­

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

naFair) den Verkauf nicaraguanischer

Bananen zunächst öffentlichkeitswirksam

zu unterstützen

und - wenig später - einen eigenen

Import und Vertrieb auf die

Beine zu stellen. Denn erstmals

gab es Bananen aus Zentralamerika,

die nicht von einer der multinationalen

Firmen, sondern vom

Land selbst produziert und vermarktet

wurden. Eine umfangreiche

Informationsarbeit begleitete

das Engagement der Gruppe:

„Der Bereich der Öffentlichkeitsarbeit

war der deklarierte

Schwerpunkt unserer Arbeit. Dabei

war die Kampagne von Anfang

an auf Öffentlichkeit und

weniger auf Handelsaktivitäten

ausgerichtet. Von uns selbst gab

es zu diesem Zeitpunkt keine gezielte

Pressearbeit." (Pfeifer

1996)

Die Öffentlichkeitsarbeit der AG

Nica-Bananen war dabei zunächst

nicht das Ergebnis einer

längerfristigen, koordinierten Planung

oder Strategie, sondern besaß

vielmehr zufälligen Charakter.

Dabei stellte sie einen integralen

Bestandteil der Bildungsarbeit

der AG dar. Pressearbeit

spielte zu diesem Zeitpunkt eine

untergeordnete Rolle: „In dieser

Zeit hat sich kaum jemand aus

der Dritte Welt-Bewegung diesem

Bereich der klassischen Pressearbeit

gewidmet. Sie war immer

begrenzt auf die Szeneblätter.

Man hat weniger versucht,

eine größere Öffentlichkeit zu erreichen."

(Pfeifer 1996)

Angesprochen wurde eine wenig

definierte Zielgruppe kritischer

Verbraucherinnen. Doch mit der

Zeit veränderte sich der Charakter

der Öffentlichkeitsarbeit. Vor

allem die Zielgruppe wurde enger

gefaßt. Jetzt wurden verstärkt

jene Gruppen angesprochen, die

sich am Verkauf beteiligten und

die als Mittler zu den Endverbraucherinnen

angesehen wurden.

Durch die Wahlniederlage der

Sandinisten im Jahre 1990 erfuhr

nicht nur die Arbeit der AG

Nica-Bananen einen grundlegenden

Wandel, sondern auch deren

Öffentlichkeitsarbeit: „Von da

an war es für uns z.B mit dem

Slogan 'Wenn schon Bananen,

dann aus Nicaragua' nicht mehr

so einfach. Indem die Bewegung

versuchte, Solidarität mit einem

ganzen Land auszuüben, abstrahierte

sie von den gesellschaftlichen

Widersprüchen. Doch diese

Widersprüche traten nach dem

Regierungswechsel noch stärker

auf, auch bei den Bananen. Unsere

Informations- und Öffentlichkeitsarbeit

mußte präziser gemacht

werden. Wir mußten stärkeres

Gewicht auf die konkrete

Entwicklung legen: mehr Berichte

über die Arbeit auf den Plantagen

oder über die konkreten

Schwierigkeiten der Region. Wir

begannen, unsere Arbeit verstärkt

in den Diskussionsprozeß um

den fairen Handel zu integrieren."

(Pfeifer 1996)

Mit dem Aufkommen der öffentlichen

Diskussion um die Einführung

der europäischen Bananenmarktordnung

(GMO) in den

Jahren 1991/92 begann sowohl

eine neue Phase in der Arbeit des

Vereins als auch im Bereich sei-


ir:snii \Gs:m RN.\i. \ T

SB. Jr, 0. Hrrr 4. 1096

ner Öffentlichkeits- und Pressearbeit:

„Die Überlegungen, bei

BanaFair einen Pressebereich aufzubauen,

setzten 1991/92 ein.

Ausschlaggebend war das Erkennen,

daß wir einige Jahre sehr

intensiv an einem Thema gearbeitet

haben und auch eine sehr

große Kompetenz bei uns vereint

hatten, aber daß es jenseits

der Dritte Welt-Gruppen keine bis

kaum eine öffentliche Wahrnehmung

gab." (Pfeifer 1996)

Ziel war es nun, dem öffentlichen

Interesse am Bananenthema

mit gezielter, entwicklungspolitisch

qualifizierter Pressearbeit

zu begegnen. Denn gegenüber

der breiten Allianz der Befürworterinnen

- bestehend u.a.

aus Verbraucherverbänden,

Fruchthandel sowie Bundesregierung

- sollte versucht werden, einen

Akzent zu setzen. Doch mit

der Schaffung eines eigenen Arbeitsbereiches

'Pressearbeit' bei

BanaFair betrat man ein für kleinere

und mittlere NRO weitgehend

unbekanntes Terrain.

Unterschiedliche Ziele wurden

mit diesem Vorstoß verbunden.

Zum einen soll die 'klassische'

'Dritte-Welt' -Öffentlichkeit (Solimedien,

Aktionsgruppen etc.)

über die Entwicklung des Projektes

BanaFair informiert sowie

dessen Ergebnisse diskutiert werden.

Zum anderen soll die Auseinandersetzung

über die Bananenproblematik

in der bürgerlichen

Medienöffentlichkeit um einen

entwicklungspolitisch motivierten

Beitrag ergänzt werden.

Zentrale Informationen und Hintergründe

zu Entwicklungen in

den bananenproduzierenden Ländern

und im Bereich des fairen

Handels sollen publik gemacht,

negative Auswirkungen der

GMO thematisiert werden. Bei

der Zielgruppe wird eine nachhaltige

Veränderung der Einstellungs-

und Verhaltensmuster beabsichtigt.

Dabei geht es weniger

darum, die Angesprochenen

an ein Produkt heranzuführen,

das sie politisch und ethisch korrekt

verspeisen können, sondern

von der Notwendigkeit des strukturellen

Eingreifens zu überzeugen.

Dabei verschränken sich die

unterschiedlichen Formen der Informationsarbeit

gegenseitig:

Pressearbeit muß einen integralen

Bestandteil der bewußtseinsverändernden

Bildungsarbeit darstellen.

Aber auch unter strategischen

Gesichtspunkten stellt die Etablierung

einer gezielten Pressearbeit

einen wichtigen Aspekt

dar. Durch die breitere Medienpräsenz

sollen die politischen

Vorstöße der Bananen-Kampagne

2

in Bonn und Brüssel fruchtbar

unterstützt werden. Und auch

in der sich ausbreitenden gesellschaftlichen

Diskussion über Sinn

und Nutzen des 'fairen Handels'

gilt es, einen Akzent zu setzen

und den alternativen Bananenhandel

als weiteres Modell mit

deutlichen entwicklungspolitischen

Vorzügen darzustellen 3

.

Denn anders als von manchen

Siegelinitiativen (z.B. Transfair)

suggeriert, kann man nicht allein

durch den Genuß gerechter gehandelter

Konsumgüter die Welt

ein wenig 'fairändern'. Denn fairer

Handel - will er tatsächlich

jenseits individueller Unterstützungsleistung

etwas bewirken -

muß nicht nur produkt- und handelsbezogene

Kriterien erfüllen,

sondern darf die politischen und

wirtschaftlichen Strukturen nicht

aus den Augen verlieren.

Bilanz der Entwicklung

Versucht man heute eine vorläufige

Bilanz zu ziehen, lassen sich

folgende Tendenzen erkennen.

Zunächst: Eine erkennbare Ausweitung

des Absatzes fairer gehandelter

Bananen konnte bisher

nicht festgestellt werden. Diese

Tatsache kann allerdings nur jene

enttäuschen, die Pressearbeit in

erster Linie als Instrument der

Verkaufsförderung verstanden

wissen wollen.

Interessanter ist eine andere Entwicklung:

Knapp zweieinhalb

Jahre nach Etablierung des Bereiches

Pressearbeit ist die Präsenz

des Bananenthemas aus entwicklungspolitischer

Perspektive

deutlich gestiegen. Alleine in

knapp 200 Radio- und TV-Beiträgen

bzw. Zeitungsartikeln wurde

seitdem über die Problematik

des Anbaus und des Handels der

Früchte sowie den fairen Bananenhandel

informiert und dessen

Sinn und Zweck diskutiert. Gerade

durch die gezielte Kontaktaufnahme

mit der 'bürgerlichen'

Medienöffentlichkeit konnte vor

allem ein breiteres Publikum aus

der klassischen 'Dritte-Welt'-Öffentlichkeit

mit dem Thema vertraut

gemacht und - so bleibt zu

hoffen- verstärkt für entwicklungspolitische

Fragestellungen

sensibilisiert werden.


Dabei hat die verstärkte Medienpräsenz

Aufmerksamkeit erregt

und neue Interessentinnen an das

Projekt herangeführt. So reagierten,

als Reaktion auf bestimmte

Veröffentlichungen, Vertreter des

Fruchthandels und signalisierten

ihr Interesse an einer breiteren

Vermarktung fairer gehandelter

Bananen. Erste Gespräche finden

derzeit, gemeinsam mit der Bananen-Kampagne,

statt.

Und auch auf politischer Ebene

konnten die Lobbyaktivitäten der

Bananen-Kampagne durch die

Unterstützung einer gezielten

Medienarbeit einiges bewegen.

Während im Verbünde mit dem

europäischen 'NRO-Bananen-

Netzwerk' EUROBAN wichtige

Fortschritte auf EU-Ebene sowie

in einzelnen nationalen Parlamenten

erzielt werden konnten,

stand in Bonn neben einer größeren

Zahl informeller Gespräche

das Thema der Fair-Trade-

Banana-Quote unterdessen auf

der Agenda mehrer Ausschüsse.

Ein entsprechender Resolutionstext

wurde im Bundestag eingereicht.

Eine Abstimmung steht

momentan allerdings noch aus.

Wie aber wird sich die Pressearbeit

BanaFairs in Zukunft entwickeln?

Derzeit stagniert der

Verkauf der Früchte. BanaFair

hat die Folgen einer sachte

erodierenden Bewegung mitzutragen.

Doch ein nachhaltig

überlebensfähiges Modell benötigt

eine konsolidierte Basis.

Umso mehr muß die Presse- und

Öffentlichkeitsarbeit des Vereins

in Zukunft ein materielles Moment

berücksichtigen. In geziel­

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, Iii i: 4. 1906

ten Aktionen wird der Verkauf

der gerechter gehandelten Früchte

lokal unterstützt; die bisherigen

Kundinnen - 'Dritte-Welt'- und

Bioläden sowie engagierte Gruppen

und Einzelpersonen - sollen

dadurch in ihren Bemühungen,

die Frucht an Mann und Frau zu

bringen, gefördert werden. Doch

auch in Zukunft wird der aufklärungsgeleitete

Aspekt bei der Informationsarbeit

im Vordergrund

stehen.

Boris Scharlowski ist Referent für

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

bei BanaFair.

Kontakt: BanaFair, Langgasse

41, 63571 Gelnhausen, Tel.:

(06051) 16350, Fax: 16260, email:banafair@link-f.rheinmain.de.

Anmerkungen

1

Siehe hierzu u.a. die Ergebnisse

der Tagung „Mit anderen Augen

und Ohren. Internationalistische

Berichterstattung: Alltag und

Kontinuität anstelle von Exotik

und Sensation" vom 17.11. -

20.11.1994 in Springen. Kongressreader.

Zu beziehen über InterKonneXiones

c/o Radio

Dreyeckland, Freiburg.

2

Mit der Einführung der europäischen

Bananenmarktordnung

(GMO) schlossen sich zehn entwicklungspolitische

NRO in der

Bananen-Kampagne zusammen.

Gefordert wird eine rasche und

grundlegende Reform der GMO,

wobei vor allem auf eine Ergänzung

um unabhängig überprüfbare

soziale und ökologische

Mindeststandards, die Einfüh­

rung eines kontrollierten Warenzeichens

für Bananen sowie die

Einrichtung eines präferentiellen

Marktzugangs für Fair-Trade-Bananen

gedrängt wird.

1

Der alternative Bananenhandel

umfaßt nicht nur produkt- (z.B.

Einhaltung sozialer und ökologischer

Mindeststandards) und handelsbezogene

Kriterien (z.B.

Mindestpreise und Abnahmegarantien),

vielmehr schließt er ein,

daß die Früchte aus konzernunabhängiger

Produktion und Vermarktung

stammen, die Kundinnen

einen Solidaritätsaufpreis,

über den soziale und politische

Projekte unterstützt werden, bezahlen

sowie hier eine ausführliche,

entwicklungspolitische Informationsarbeit

die Handelsaktivitäten

begleitet.

Literatur

Freise, Josef1982: Interkulturelles

Lernen in Begegnungen -

eine neue Möglichkeit entwicklungspolitischer

Bildung? Saarbrücken.

Habermas, Jürgen 1993. Strukturwandel

der Öffentlichkeit. 3.

Aufl., Frankfurt/M.

Marchai, Peter/Spura, Ulrich K.

1981: Öffentlichkeitsarbeit im sozialen

Bereich. Weinheim/Basel.

Pfeifer, Rudi 1996: Interview mit

Geschäftsführer von BanaFair.

In: Scharlowski, Boris. Pressearbeit

in der Dritte-Welt-Bewegung.

Das Beispiel der Alternativhandelsorganisation

BanaFair.

Unveröffentlichte Magisterarbeit,

Frankfurt/M.


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 mrm

TAC/L/Nw>

BFRiCHTr.

Habitat II -

Gipfel der

'Partnerschaften'

Zur Rolle der NGOs bei

der2. Weltsiedlungskonferenz

der UN

Mehrere Monate sind nun seit der

UN-Konferenz über nachhaltige

Stadtentwicklung in Istanbul vergangen.

Geschehen ist seither

wenig, und eine gesellschaftspolitische

Debatte um die Inhalte

von Habitat sowie deren Umsetzung

ist bislang nicht zustande

gekommen. Dies liegt auch daran,

daß angesichts der globalen

Probleme die 'Ergebnisse' der 2.

Weltsiedlungs-Konferenz als äußerst

dürftig beurteilt werden

müssen. Nicht zuletzt die bis in

die frühen Morgenstunden des

15. Juni - also den Samstag nach

dem offiziellen Konferenzschluß

- ausgetragenen Streitereien um

eigentlich schon längst abgehakte

Themen machten deutlich, daß

es weniger um die Entwicklung

neuer Perspektiven für die globale

Entwicklung ging, als um

die Verhinderung von Rückschritten

hinter bisher Erreichtes.

Wer aber Habitat II einzig an den

Streitigkeiten der letzten Konferenztage

um die Verabschiedung

der beiden offiziellen Dokumente

- die Istanbuler Erklärung und

die Habitat-Agenda - mißt, wird

kaum zu einer angemessenen Bewertung

der 'UN-Weltkonferenz

über menschliche Siedlungen'

kommen.

Ein Blick auf das Grundverständnis

und die Struktur von Habitat

II verdeutlicht die Vielschichtigkeit

der UN-Konferenz. So war

Habitat nicht nur die letzte der

großen UN-Weltkonferenzen,

auf der die Resultate der vorangegangenen

UN-Konferenzen

seit Rio 1992 um das Querschnittsthema

'menschliche Siedlungen'

zusammengefaßt werden

sollten. Es ging auch darum,

NGOs und 'anderen interessierten

Parteien' einen größeren

Spielraum einzuräumen. Vom

Generalsekretär wurde die Konferenz

und der gesamte Vorbereitungsprozeß

unter das Motto

'Partnerschaft' gestellt. Dies hatte

zur Folge, daß den NGOs sowie

den Kommunen von der ersten

Vorbereitungskonferenz

(PrepCom 1) an mehr Beteiligungsmöglichkeiten

offen standen:

Es war ihnen nicht nur erlaubt,

an fast allen Arbeitsgruppen

teilzunehmen, sondern sie erhielten

auch Rederecht. Am weitestgehenden,

und für die UN bis

dato einmalig, war die Aufnahme

von zwei NGO-Vertretern in

die informelle Redaktionsgruppe

für das Abschlußdokument auf

der zweiten PrepCom in Nairobi

im Mai 1995. Damit hatten

NGO-Vertreter erstmals direkte

Einflußmöglichkeiten auf die Formulierung

des zu verabschiedenden

Textes.

Ein weiteres Element der 'Partnerschafts'-Idee

war die Durchführung

von verschiedenen Veranstaltungen

im Vorfeld und außerhalb

der eigentlichen UN-

Konferenz. Allerdings wurden

die Aktivitäten in enger Abstimmung

mit dem federführenden

Habitat-Sekretariat sowie unter

starker Beteiligung anderer UN-

Organisationen, wie der WHO

(Weltgesundheitsorganisation),

dem UNDP (UN-Entwicklungsprogramm)

oder dem UNEP

(UN-Umweltprogramm) durchgeführt.

In erster Linie sind hier die Partner-Foren

zu nennen, die am

Wochenende vor der Eröffnung

von Habitat II in Istanbul durchgeführt

wurden. Hier trafen in jeweils

eigenen Veranstaltungen

die Parlamentarier, Gewerkschafter,

Unternehmer, Nicht-Regierungsorganisationen,Berufsverbände

sowie die Kommunen zusammen,

um ihre Positionen zu

bestimmen und ihre Forderungen

an die UN-Versammlung zu formulieren.

Zu den weiteren Parallelveranstaltung

von besonderem Interesse

zählten die 'Dialoge ßr das

21. Jahrhundert'. In acht ganztägigen

Fachveranstaltungen zu

einzelnen Themen (kommunale

Energieversorgung, Telekommunikation,

Verkehr, Städte der

Zunkunft, Städte und Wasser,

Arbeit und Städte etc.) wurden

hier inhaltliche Positionsbestimmungen

vorgenommen und in

die offizielle Konferenz eingebracht.

Von größerer praktischer Relevanz

als die 'Dialoge' war die

vom Habitat-Zentrum organisierte

'Best Practices'-Ausstellung.

Von mehr als 600 beispielhaften

Modellprojekten zur Wohnungsversorgung

und nachhaltigen

Stadtentwicklung wurden 12 zur

Präsentation nach Istanbul einge-


100 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

laden. Von etlichen Teilnehmern

wurde diese auf Computer-Diskette

erhältliche Sammlung konkreter

Projekte aus den verschiedenen

Teilen der Welt auch als

das 'Herzstück von Habitat' bezeichnet.

Auf der eigenüichen 2. Weltsiedlungskonferenz

wiederum war -

erstmalig bei einer solchen Veranstaltung

der UN - neben dem

eigentlichen Ausschuß zur Beratung

und Verabschiedung der

Habitat-Agenda (Committee 1)

ein zweiter, parallel tagender

Ausschuß eingerichtet worden, in

dem die 'Partner' die von ihnen

erarbeiteten Stellungnahmen vortrugen

und mit den Regierungsvertretern

diskutieren konnten

(Committee 2, auch 'Partnership

Committee'). Ein Schönheitsfehler

von nicht geringer Bedeutung

war jedoch, daß oftmals die Diskussionen

im Ausschuß 2 dem

Zeitplan von Ausschuß 1 hinterherhinkten,

so daß eine wirkliche

Einflußnahme nicht möglich

war.

Internationale NGOs

Dieser neue Organisationsmodus

für eine Weltkonferenz verlangte

den NGOs ein hohes Maß an

Selbstorganisation ab. Erschwerend

kam hinzu, daß es international

praktisch nur einen thematisch

arbeitenden und funktionierenden

NGO-Zusammenschluß

gab, die 'Habitat International

Coalition' (HIC). Dieses seit der

ersten Habitat-Konferenz in Vancouver

existierende Netzwerk

thematisiert das 'Recht auf

Wohnraum' und deckt damit eigentlich

nur eines der beiden

Hauptthemen der Konferenz ab.

Dies führte bereits im Vorbereitungsprozeß

zu teilweise recht

heftigen Auseinandersetzungen,

blieben doch die Fragen der ökologischen

Stadtentwicklung weitgehend

unbearbeitet. Um dies so

weit als möglich auszugleichen,

wurde dann speziell zur Koordinierung

der NGO-Aktivitäten zu

Habitat II die 'International Facilitating

Group' (kurz: IFG) ins

Leben gerufen. Das IFG war

gleichermaßen für das NGO-Forum

und für die Kommunikation

mit der offiziellen Konferenz verantwortlich.

Die IFG koordinierte

ebenfalls den 'Input' in die

Ausschüsse 1 und 2 der UN-

Konferenz.

Türkische NGOs

Für die türkischen NGOs war die

UN-Konferenz im eigenen Lande

zunächst einmal eine große

politische und logistische Herausforderung.

Über allem stand die

Frage eines möglichen Boykotts

der Konferenz, wie er im Vorfeld

sowohl von internationalen

als auch von türkischen NGOs

immer wieder gefordert wurde.

Aufgrund der fundamentalen

Menschenrechtsverletzungen in

der Türkei und in den kurdischen

Landesteilen im Südosten mutete

die Durchführung einer UN-

Konferenz über die Zukunft

menschlicher Siedlungen in der

Türkei einigermaßen zynisch an.

Innerhalb der türkischen NGO-

Gemeinde kamen dann verschiedene

Strategien zum Tragen: Ein

großer Trägerkreis bildete das

National Host Committee, welches

mit der IFG gemeinsam für

Zustandekommen und Ablauf

des NGO-Forums zuständig war.

Eine Reihe anderer Gruppen um

den türkischen Menschrechtsverein

IHD organisierte alternative

Habitat-Veranstaltungen; diese

wurden allerdings noch vor Eröffnung

der Habitat II-Konferenz

verboten und unter massivem Polizeieinsatz

geschlossen.

Die größte gemeinsame Aktion

türkischer und internationaler

NGOs stellte eine große Demonstration

in der Istanbuler Innenstadt

dar. Mit Fahnen und

Spruchbändern wurde vielsprachig

das Recht auf Wohnen eingefordert.

Obwohl die Demonstration

ordnungsgemäß angemeldet

war und friedlich verlief,

wurde sie noch auf der Galata-

Brücke von einem massiven Polizeiaufgebot

festgesetzt und mußte

sich nach stundenlangen Verhandlungen

auflösen, um eine

physische Auseinandersetzung zu

vermeiden. Allerdings war das

Ziel bereits auf eindrucksvolle

Weise erreicht: das abgeschirmte

NGO-Forum zu verlassen und

im Stadtzentrum ein Zeichen für

die Mißachtung des Rechts auf

Wohnen in der Türkei zu setzen.

Rolle der deutschen

NGOs

Gemessen an den Anstrengungen,

die seitens der deutschen Regierungsdelegation

unternommen

wurden, um einerseits die Konferenz

zu einem erfolgreichen Abschluß

zu bringen, andererseits die

eigenen Positionen möglichst weit

in die Abschlußdokumente hineinzutragen,

fielen die Bemühungen

der deutschen NGO-Vertreter eher

bescheiden aus.


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996 f!~~ ~Wi\

Bereits im Vorfeld der Konferenz

hatte sich abgezeichnet, daß es

nicht zu einer effektiven politischen

Koordination des breiten

Spektrums von Organisationen

aus den Bereichen Umwelt, Entwicklung,

Bauen und Wohnen

kommen würde. Die im Rahmen

des Forums Umwelt & Entwicklung

der deutschen NGOs im

Herbst 1995 gegründete AG

Stadt- und Regionalentwicklung

war ursprünglich genau zu diesem

Zweck eingerichtet worden.

Doch nach einem recht erfolgreichen

Start, mit breiter Beteiligung

und einem Wochenend-

Workshop zur Erarbeitung eines

gemeinsamen Positionspapiers im

Vorfeld zu Habitat II, gingen sowohl

der Schwung als auch die

Orientierung verloren.

Die Gründe sind vielfältig und

längst nicht umfassend analysiert:

Die große Breite der Habitat-Themen

hat sicherlich dazu beigetragen,

daß sich gelegentlich

zwar alle NGOs angesprochen,

aber letztlich keine richtig verantwortlich

fühlte. Querelen innerhalb

der AG, die Abstinenz

aller größeren Organsationen und

Verbände aus dem Bereich Umwelt

und Entwicklung sowie eine

allgemeine UN-Konferenzmüdigkeit

taten dann ihr Übriges.

Was die deutsche Präsenz auf internationaler

(NGO-)Ebene angeht,

so sind auch hier Lücken

festzustellen. Einmal mehr hat

sich bestätigt, wie schwer sich die

Vertreter deutscher NGOs damit

tun, sich in internationale Diskussions-

und Organisationszusammenhänge

einzubringen. Die

Versäumnisse im Vorfeld der

Habitat II konnten dann auch in

Istanbul nur teilweise wettgemacht

werden. Immerhin wurde

die Notwendigkeit des verstärkten

internationalen Engagements

festgestellt und als Zukunftsaufgabe

formuliert: „Eine europäische

Zusammenarbeit bietet sich

allein schon deshalb an, weil die

Staaten der EU während der gesamten

Konferenz mit der Stimme

der italienischen Präsidentschaft

geschlossen verhandelten",

heißt es im Abschlußbericht des

Forums Umwelt & Entwicklung.

Zweischneidige

'Partnerschaft'

Die von den Vereinten Nationen

vielbeschworene 'Partnerschaft'

ist ein äußerst zweischneidiges

Schwert. Dies wurde auch in

vielfachen Diskussionen unter

den NGO-Vertretern deutlich.

Sahen einige hier den 'Zipfel der

Macht', den es festzuhalten gelte,

vermuteten andere einen geschickten

Schachzug 'der Regierenden

des Nordens', um die kritische

Masse der NGOs einzubinden

und zu entradikalisieren.

In Wahrheit dürfte es wohl so

sein, daß beide Interpretationen

für sich in Anspruch nehmen

können, jeweils eine Seite des

Phänomens zu beleuchten.

Anders als vor 20 Jahren, bei der

ersten Habitat-Konferenz der UN

im kanadischen Vancouver, war

der Staat nicht mehr der Hauptadressat

für Forderungen nach

besseren Wohnverhältnissen. Die

Konferenz stand hier ganz im

Zeichen des neoliberalen Diskurses.

Verstärkte Zusammenarbeit

mit der Privatwirtschaft wurde

ebenso angemahnt wie die stär­

kere Einbeziehung der NGOs.

Die Verantwortung der Staaten

wird nun im wesentlichen in der

Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen

gesehen, der Ruf nach

großen staatlichen Siedlungs- und

Wohnungsbauprogrammen war

nicht zu hören.

Statt dessen werden die internationalen

Finanzinstitutionen wie

Weltbank und IWF aufgefordert,

die Beschlüsse der Habitat-Agenda

für eine nachhaltige Stadtentwicklung

bei ihren Programmen

verstärkt zu berücksichtigen. Ansonsten

wurde jedoch alles getan,

um die strukturellen Rahmenbedingungen

der internationalen

Entwicklung nicht zu diskutieren.

Fragen der Verschuldung,

des Welthandelsregimes

oder des internationalen Finanzsystems

blieben fast vollständig

ausgeblendet. Eine Diskussion

der entwicklungspolitischen Konsequenzen,

sei es für Deutschland,

die Weltbank oder den

IWF, hat darüber hinaus nicht

stattgefunden.

Einerseits kann natürlich eine

Weltsiedlungskonferenz nicht alle

drängenden Fragen dieser Welt

erfolgreich diskutieren (geschweigedenn

lösen), doch andererseits

wurden hier die Grenzen von

UN-Weltkonferenzen ein weiteres

Mal mehr als deutlich.

Ausblick

Einig sind sich so ziemlich alle

Beobachter und Teilnehmer der

Konferenz in einem: Die eigentliche

Beurteilung über Erfolg oder

Mißerfolg der Konferenz erfolgt

in der Umsetzung der ausgehandelten

Ziele und Maßnahmen.


m 2 FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, Hrrr 1006

In seinem Fazit von Habitat II

betont van Putten, Vorsitzender

der IFG, neben der institutionellen

Absicherung des Folgeprozesses

auf UN-Ebene die Bedeutung

der Erfolgskontrolle. Hier

sieht er eine der Hauptaufgaben

der (internationalen) NGOs: „sich

selbst zu organisieren für ein effektives

komplementäres monitoring,

um die Umsetzung zu überwachen

und aktiv zu begleiten,

mit eigenen Vorstellungen über

Art und Weise der Beteiligung

dabei". Diese Möglichkeit wird

jedenfalls durch verschiedene Paragraphen

der Habitat-Agenda

garantiert. Weitere Arbeitsfelder

sieht van Putten in der Weiterentwicklung

des Best Practices-

System, bei der Entscheidung

über die Festlegung der 'Indikatoren'

für städtische Nachhaltigkeit

sowie im internationalen Erfahrungsaustausch.

Hier kommt

dem Habitat-Zentrum der UN in

Nairobi (UNCHS - United Nations

Centre on Human Settlements)

auf internationaler Ebene

eine zentrale Rolle zu.

Wichtiger aber für die nationale

Ebene ist die Umsetzung der nationalen

Aktionspläne und die Initiierung

eines breiten Dialogs mit

den jeweils relevanten Akteuren

über die notwendigen Änderungen

der Rahmenbedingungen für

eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Vor diesem Hintergrund trafen

Ende September sowohl die

AG Stadt- und Regionalentwicklung

der deutschen NGOs als

auch das deutsche Nationalkomitee

erstmals seit Istanbul wieder

zusammen, um über die weitere

Arbeit zu diskutieren. Die Sommerpause

ist vorbei und neue

Aktivitäten stehen an. Interessant

dürfte vor allem die Frage sein,

ob es den NGOs gelingt, genügend

Sachverstand und politische

Energie zu bündeln, um die Regierung

zu einer ernsthaften Auseinandersetzung

mit den eingegangenen

Verpflichtungen zu

drängen.

Dirk Hoffmann, Sozialwissenschaftler,

ist Umweltreferent mit

den Schwerpunkten Stadt- und

Regionalentwicklung. Z.Zt. arbeitet

er als Leiter des Habitat II

Informationsbüros in Berlin.

Kontakt: Ökologische Stadtwelten

e.V., Ohlauer Str. 10, 10999

Berlin, TeL/Fax: (030) 24063-

233.

Ein umfassendes Informationspaket

mit den wichtigsten Dokumenten

und Beschlüssen der Habitat

II-Konferenz kann zum Preis

von 35,- DM (inkl. Porto und

Versand) bestellt werden:

Kontakt: Habitat II Informationsbüro,

Georgenkirchstr. 70,10249

Berlin, Tel./Fax: (030) 24063-

233.


Zweite

Internationale

Konferenz der

ISTR in Mexiko-

Stadt

Die 1992 gegründete International

Society for Third-Sector Research

(ISTR) veranstaltete vom

18. bis 21. Juli 1996 ihre Zweite

Internationale Konferenz am

Colegio de Mexico in Mexiko-

Stadt. Die Vereinigung, die über

350 Mitglieder aus 65 Ländern

zählt, will Forscherinnen auf dem

Gebiet des Dritten Sektors zusammenbringen.

Diesem Ziel

dient nicht nur die Veranstaltung

internationaler Konferenzen, sondern

auch die Herausgabe der

Zeitschrift Voluntas und des Verbandsrundbriefes

Inside ISTR.

Außerdem gibt es ein Mitgliederverzeichnis,

das alle zwei Jahre

aktualisiert wird. In sog. Affinity

Groups sollen mittels dieser Liste

auch Foren gebildet werden,

in denen sich die Forscherinnen

je nach thematischen Interessen

austauschen können. Sitz der internationalen

Gesellschaft ist die

Johns Hopkins University in Baltimore,

USA.

Das Treffen in Mexiko, an dem

250 Forscherinnen aus über 50

Ländern teilnahmen, wurde mit

dem Verlesen einer Begrüßungsrede

des mexikanischen Innenministers

eröffnet. Darin wurde

der Dritte Sektor und seine Aufgaben

bei der Demokratisierung

Mexikos in leuchtenden Farben

geschildert. Dies erschien paradox,

zumal sich die Doppelstrategie

zum Machterhalt der Staatspartei

PRI zwischen gesellschaftlicher

Integration und zunehmender

Repression bewegt. Die

freundliche Begrüßung war aber

nicht nur Schönfärberei, sondern

in gewisser Weise auch Programm

für die Konferenz: die

Streitkultur der ISTR-Wissenschaftlerlnnen

war nicht allzu

ausgeprägt.

Estelle James, die grand dame

der US-amerikanischen Dritte


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

Sektor-Forschung und heute bei

der Weltbank mit anderen Themen

befaßt, wies in ihrem Eröffnungsvortrag

auf Kontinuitäten

und Neuerungen der Dritte Sektor-Forschung

seit Beginn der

80er Jahre hin. Sie verwandte das

Kriterium nonprofit als konstitutiv

für den Sektor und sah vor

15 Jahren die Forschung u.a. mit

Fragen befaßt, warum in der Öffentlichkeit

nicht-profitorientierte

mehr Vertrauen genießen würden

als profitorientierte Organisationen,

inwiefern die Notwendigkeit

der Herstellung kollektiver Güter

die Existenz von nonprofits

erklären könnte, welche Rolle

Werte und Einstellungen spielen

und wo und warum die staatliche

Verwaltung auf nicht-profitorientierte

Unternehmen zurückgreifen

würde.

Heutzutage würde ganz allgemein

über den Nonprofit-Sektor

geforscht werden. Vor allem vergleichende

Ansätze und die Forschung

in bzw. über periphere

Länder habe deutlich zugenommen.

Daß die Forschungsrichtung

eine breitere Aufmerksamkeit

erhalte, erklärte James mit

den vermehrt gestellten Fragen:

Wie kann der Dritte Sektor - hier

verwendete sie auch den Begriff

der Zivilgesellschaft - Regierungen

unterstützen und wie kann

er zum Wirtschaftswachstum beitragen?

Mit diesem Verweis wurden

Annahmen der institutionellen

Ökonomie bei der Wirtschaftswissenschaftlerin

Estelle

James deutlich, jedoch nicht weiter

ausgeführt.

Ob der annähernd 50 parallel laufenden

Plenen und Foren, in de­

nen weit über 100 Kurzreferate

zu den Themen Gesundheit, Erziehung,

Armut, Wohlfahrt, Umweltschutz,

Nachhaltigkeit und

Entwicklung, Demokratie, Partizipation

oder Kunst gehalten wurden,

kann der Eindruck vom

Konferenzgeschehen natürlich

nicht vollständig wiedergegeben

werden. Deswegen sollen nur einige

allgemeine Eindrücke und

Tendenzen angeschnitten werden.

Von einer einigermaßen einheitlichen

Forschungsrichtung

über den Dritten Sektor zu sprechen,

wäre ein Euphemismus.

Der Begriff stellt eher lose Bezüge

zwischen den unterschiedlichsten

Forschungsansätzen und

-themen her, die alle in irgendeiner

Weise etwas mit den Phänomenen

außerhalb (oder auch am

Rande) staatlicher Politik und privatkapitalistischer

Unternehmen

zu tun haben.

Damit hören die Gemeinsamkeiten

allerdings schon auf. Ein spezifisches

Verständnis vom Dritten

Sektor gibt es nicht. Darunter

werden dann nicht nur die unterschiedlichsten

Themenfelder,

sondern auch die verschiedensten

Akteure wie Wohlfahrtsverbände,

Gewerkschaften, intermediäre

oder nonprofit Organisationen

sowie Nicht-Regierungsorganisationen

(NRO) zusammengefaßt.

Der Begriff Dritter Sektor

wird auch in Abgrenzung zum

market und State sector synonym

mit dem nonprofit sector verwandt,

wobei unter letzterem

manchmal auch der (privat wie

staatlich) organisierte Gesundheits-

und Bildungssektor verstanden

wird. Auffallend war in

Mexiko, daß auch die Dritte Sek­

tor-Forscherinnen die NRO als

neuen 'Forschungsgegenstand'

entdeckt haben, dem in den einzelnen

Diskussionsforen viel Aufmerksamkeit

geschenkt wurde.

Darüber hinaus wurde auch von

Bewegungsakteuren gesprochen.

Am meisten aber wurde auf die

'Zivilgesellschaft' projiziert, wobei

der Begriff in der Regel als

Ergänzung zu Staat und staatlicher

Politik angesehen wurde.

Um ansprechende theoretische

Konzepte von Zivilgesellschaft

oder gar um gesellschaftliche

Machtstrukturen ging es dabei

nicht. Auch begriffliche Unterscheidungen

zwischen Drittem

Sektor und sozialen Bewegungen

wurden nicht gemacht, was der

Herangehensweise geschuldet

war: Bei den meisten präsentierten

Forschungsergebnissen wurden

soziale Bewegungen erst relevant,

wenn sie einen gewissen

Grad von Institutionalisierung

und ökonomischer Bedeutung erlangt

hatten.

Was fast völlig fehlte und als Anspruch

auch nicht eingefordert

wurde, war der gesellschaftstheoretische

Bezug der Forschungen.

In Ansätzen wurde dies noch

von den lateinamerikanischen Tagungsteilnehmerinnen

in den

Themenstellungen 'Partizipation

und Demokratie' oder 'der Beziehung

zwischen Staat und Gesellschaft'

hergestellt. Doch auch

hier überwog die Einstellung

think positive. Ohne Nachfrage

wurde dann auch die Aussage einer

chilenischen Wissenschaftlerin

hingenommen, der „Rückzug

des Staates" biete nun den Akteuren

des Dritten Sektors vie-


LUSE^H FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, Hi n 4. 1996

lerlei Möglichkeiten, ihre eigenen

Vorstellungen einzubringen.

Die Stars der Konferenz waren

Lester M. Salamon und Helmut

K. Anheier von der Johns

Hopkins University, die in einer

Sonderveranstaltung ein Paper

mit dem vielversprechenden Titel

'Explaining the nonprofit sector:

a cross-national analysis'

präsentierten. Es ging vor allem

darum, anhand der Daten einer

vergleichenden internationalen

Studie, durchgeführt unter Leitung

von Salamon und Anheier,

verallgemeinerungsfähige Aussagen

über die je nach Land differierende

Struktur und Zusammensetzung

des Dritten Sektors, vor

allem aber über seinen Umfang

und seine ökonomische Bedeutung

sowie seine Finanzierung,

abzuleiten.

Salamon und Anheier, die in

Mexiko auch ihr neuestes Buch

'The emerging Sector' vorstellten,

verkörpern den dominierenden

Blick auf den Nonprofit-Sektor:

Wie kann die Größe eines

Phänomens mit gewichtiger ökonomischer

Bedeutung in einem

bestimmten Land erklärt werden?

Welche politischen Regime oder

Wertorientierungen führen eher

zum Wachstum des Sektors? Für

eine kritische Aneignung des

Phänomens etwa unter Fragestellungen,

wie sich denn in den letzten

Jahren die Art und Weise gesellschaftlicherAuseinandersetzungen

verschoben haben, wie

die Durchsetzung einer Marktrationalität

sich auf andere gesellschaftliche

'Sektoren' auswirkt

oder welche Bedeutung 'der'

Nonprofit-Sektor für die

(Ent-)Demokratisierung gesellschaftlicher

Verhältnisse hat,

bleibt da kein Platz. Allerdings

muß positiv herausgestellt werden,

daß die präsentierten Forschungsergebnisse

durch Ko-Referentlnnen

einer heftigen, aber

konstruktiven Kritik unterzogen

wurden.

Hie und da klang auch Kritik an

der starken US-Hegemonie der

in Mexiko-Stadt repräsentierten

Dritte Sektor-Forschung an, die

sich recht wenig mit ökonomischen

oder soziologischen Theorien

auseinandergesetzt hätte. Die

Dominanz westlicher Forscherinnen

(über zwei Drittel der ISTR-

Mitglieder kommen aus den

USA, Kanada und Westeuropa)

und deren Themensetzung insgesamt

wurde dann noch einmal in

der Abschlußversammlung der

Konferenz vor allem von den lateinamerikanischenForscherinnen

betont. Diese Dominanz

habe sich schon in der Konferenzsprache

ausgedrückt, die vorwiegend

Englisch gewesen sei.

In diesem Zusammenhang wurde

dann der Austragungsort für

die 3. ISTR Konferenz in Genf/

Schweiz kritisiert, weil die geographische

Ungleichverteilung

dadurch eher verstärkt werden

würde.

Wie auf internationalen Konferenzen

wohl üblich, stand die

Präsentation von Papers im Vordergrund.

Dies führte zu einer

Präsentationsflut und zu einem

run auf Papiere, zwischen denen

kaum Zusammenhänge hergestellt

wurden und die vielmehr

nebeneinander stehen blieben.

Auch dies wurde in der kritischen

Schlußdebatte angesprochen. Bei

der nächsten Konferenz sollte

eher auf Qualität denn auf Quantität

Wert gelegt werden. Die empirischen

Ergebnisse waren zentral,

wodurch eine Debatte über

die theoretisch-analytische Herangehensweise

oder gar über die

impliziten Annahmen, welche

Rolle der Dritte Sektor oder dessen

Organisationen denn nun in

den verschiedenen Gesellschaften

spielen könnten, unmöglich

wurde - und ob des vollen Programms

und der knappen Zeitplanung

offensichtlich auch nicht

vorgesehen war.

Eine etwas bissige Vermutung

könnte auch lauten, daß individuelle

wissenschaftliche Karrieren

in einem dynamischen Forschungsfeld

eher Gemeinsamkeiten

'nach innen' und vermeintlich

scharfe Abgrenzungen 'nach

außen' fördern. Unter den Bewegungsforscherinnen

oder den

Theoretikerinnen der Zivilgesellschaft

dürfte das nicht viel anders

sein. Da ist die fehlende Begriffsklärung

eher günstig. Denn

vielfältige und unreflektierte Bezugsmöglichkeiten

auf Konzepte

wie die 'Bewegungsforschung',

die 'Zivilgesellschaft'

oder eben den 'Dritten Sektor'

schaffen Gemeinsamkeiten und

gegenseitige Verweise, die herzustellen

bei genauerer gesellschaftstheoretischer

Einordnung

der Ansätze kaum möglich wäre.

Ein eher ständisches Verbandsverständnis,

schon bei der Eröffnung

schimmerte das durch, rekurriert

dann konsequenterweise

auf ein 'Wir', das einen fruchtbaren

methodischen oder theore-


FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

tischen Streit nicht zuließ. So

blieb es vor allem bei der Deskription

gesellschaftlicher Phänomene,

deren theoretische Verortungen

und Analysen auch

nach der zweiten ISTR-Konferenz

noch anstehen. Ob das

Netzwerk aus lateinamerikanischen

und karibischen Dritte Sektor-Forscherinnen,

das während

der Mexiko-Konferenz gegründet

wurde, positive Impulse in diese

Richtung wird einbringen können,

bleibt jedoch schon aufgrund

des nächsten Tagungsortes in

Genf äußerst fraglich.

Ulrich Brand und Achim Brunnengräber

arbeiten in NGO-Forschungsprojekten

an der Universität

Frankfurt/Main bzw. der

Freien Universität Berlin.

SELBSTDAR-

STELLUNQEN

Nadelstiche

gegen Restauration

und

Kontrollwahn

Die Humanistische Union

„Sechzehn Jahre nach dem Ende

der nazistischen und mitten in der

Auseinandersetzung mit der bolschewistischen

Gewaltherrschaft

müssen wir die Erfahrung machen,

daß auch ein Staat, in dem

die Spielregeln der Demokratie

Gültigkeit haben, die Vielgestaltigkeit

der Einheitlichkeit, die

Toleranz der Parteilichkeit und

die Wahrhaftigkeit der Bequemlichkeit

opfern kann." 1

Mit diesen

Worten begann der parteilo­

se Journalist Gerhard Szcesny im

Jahre 1961 seinen Aufruf an 200

Persönlichkeiten des politischen,

wirtschaftlichen und kulturellen

Lebens, einen neuen Verein zu

gründen. Um welche Bedrohungen

ging es ihm und denen, die

diesen Vorschlag umsetzten? Der

Einfluß der christlichen Konfessionen

auf Bildungs- und Kulturpolitik

und Justiz sowie Zensurtendenzen

in Rundfunkanstalten,

Kinos und Theatern waren

ihnen Anlaß, sich im Namen der

Aufklärung und des Pluralismus

auf kultur- und rechtspolitischem

Sektor zu engagieren: „Was unsere

Vorstellung von den Absichten

faschistischer und bolschewistischer

Systeme auch dann noch

unterscheidet, wenn diese die

Geheime Staatspolizei und die

Konzentrationslager abgeschafft

haben, ist nicht der Wunsch, uns

einem anderen 'ganzheitlichen'

System einzuordnen, sondern ist

die Überzeugung, daß nur die

Freiheit, zwischen sehr verschiedenen

Weltdeutungen und Existenzweisen

wählen zu können,

ein menschenwürdiges Dasein

möglich macht" (Gerhard Szcesny).

Das klingt heute sehr pathetisch,

aber das geistige Klima des

Jahres 1961 ist ja auch ein gutes

Stück weit weggerückt (worden).

Und daran hat - bei aller Bescheidenheit

- auch die Humanistische

Union (HU) einen nennenswerten

Anteil. Seit ihrer

Gründung widmet sie sich - oft

im Bündnis mit anderen Bürgerrechtsorganisationen,Bürgerinitiativen

und Verbänden - der

Durchsetzung von Grundrechten

und mehr Liberalität. Daß dieses

Engagement in der Geschichte

der (alten wie der neuen) Bundesrepublik

häufig defensive

Züge trug, beruht darauf, daß

Grundrechte liberaler und partizipatorischer

Art immer wieder

erstritten und in veränderten gesellschaftlichen

Situationen auch

neu definiert werden müssen. Die

Arbeitsschwerpunkte und -formen

haben sich seither gewandelt,

nicht aber der Anspruch,

eine 'Lobby' der Menschen und

Interessen zu sein, die ansonsten

in unserer Gesellschaft schlecht

oder gar nicht organisiert sind.

Ziele nicht-parlamentarischer

Opposition

Wichtige Themen der letzten

Jahrzehnte waren: die Liberalisierung

des Strafvollzugs und anderer

geschlossener Institutionen

(Psychiatrie, Heimerziehung) sowie

die Rechte von Angeklagten

und Rechtsanwälten (vor allem

in den sog. Terroristen-Prozessen

der 70er Jahre), die Eindämmung

des Präventions- und

Kontrolldenkens in Polizei und

Geheimdiensten, Bildungsreform

und Datenschutz (so etwa anläßlich

der Volkszählung), der

Kampf um Frauenrechte (z.B. erste

Vorschläge eines Antidiskriminierungsgesetzes,

S 218), eine

deutliche Realisierung der im

Grundgesetz postulierten Trennung

von Staat und Kirchen

(etwa in der Schul- und Hochschulpolitik

oder beim Kirchensteuereinzug),

mehr Möglichkeiten

direkter Demokratie (z.B. im

Rahmen der Verfassungsdebatte

nach der deutschen Vereinigung),

zeitweise auch Bildungsreform,

Kinderrechte und Erziehungsfragen.


Ihre kulturelle Programmatik ist

oft, besonders in der Frühzeit, als

Antiklerikalismus und Kirchenfeindschaft

aufgefaßt worden -

noch heute gibt es Verwechslungen

mit Weltanschauungsorganisationen

wie dem Humanistischen

Verband, freireligiösen und

freidenkerischen Verbänden usf.

Tatsächlich handelt es sich um

ein liberal-rechtsstaatliches Konzept

der Trennung von Staat und

Kirchen und der Exekutiv-Kontrolle

durch wachsame Bürgerinnen.

Nächstes Mißverständnis:

Trotz des Stichworts 'liberal' ist

die HU keine Vorfeldorganisation

der FDP (bis 1982 gab es viele

dort engagierte Linksliberale

in der HU) - sie hat trotz wechselnder

Nähe zu den Parteien des

'linken Spektrums' (SPD, FDP,

Grüne) immer auf ihre Unabhängigkeit

geachtet.

Zwar liest sich die Geschichte ihrer

Forderungen und Kampagnen

auch wie eine Geschichte der Niederlagen

(wir bekamen doch die

Notstandsgesetze, die Berufsverbote,

einen runderneuerten § 218,

keine wirkliche Verfassungsreform...),

aber als Anwältin offener

Diskurse und der Thematisierung

klammheimlicher Exekutivpläne

ist es der HU immer wieder

gelungen, modifizierend, beschleunigend

oder bremsend

dem politischen Prozeß nachzuhelfen.

Vieles von dem, was sie

anstieß, wird heute von jüngeren,

spezialisierten Organisationen

fortgeführt - etwa im Feld

der Psychiatrie, des Datenschutzes,

der Anwaltsrechte, der Migrantengruppen

und Flüchtlingshilfsvereine;

es bleibt aber immer

noch mehr zu tun, als die mitt­

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

lerweile kleine Vereinigung leisten

kann. Eine gewisse pragmatische

Beschränkung auf 'inländische'

Probleme - die der EU-

Strukturen eingeschlossen - war

von Anfang an selbstverständlich

(und wird auch immer einmal

wieder durchbrochen). Wichtigstes

Markenzeichen des Verbands

ist heute der fortgesetzte

Versuch, „gemeinsame Denkarbeit

in kleinen Kreisen" (Jürgen

Seifert) zu leisten und in Kooperation

von Laien und Juristinnen

eine nüchterne reformistische

(Grund-)Rechtspolitik zu beflügeln.

Zeitgemäße Strukturen?

Nach einer Gründungsphase des

Honoratiorenvereins (geprägt u.a.

durch große Namen wie Alexander

Mitscherlich, Fritz Bauer,

Rene König) wurde die etwas

aristokratische Arbeitsweise der

HU durch die APO-Zeit kräftig

durcheinandergewirbelt - neben

den damit verbundenen Verletzungen

und Trennungen auch

Anstoß zur Demokratisierung interner

Strukturen. Seitdem gibt es

Orts- und Landesverbände der

HU - zeitweise flächendeckend,

einige Jahre auch flankiert von

einer Humanistischen Studenten-

Union. Heute ist dieses Netz lükkenhaft,

und die Arbeit hat eher

Kampagnen-Charakter; die Aktionsformen

sind weiterhin die intellektueller

und politischer

Kleingruppen: Memoranden und

Tagungen, Stellungnahmen zu

Gesetzesplänen und Proteste gegen

exekutive Übergriffe, Skandalisierung

exemplarischer

Grundrechts-Verletzungen, Diskussionsveranstaltungen

und

Ausstellungen. Die Zahl der Mitglieder

(heute ca. 1.500) und Aktiven

ist stark zurückgegangen

und die Motive beider Gruppen

haben sich 'diversifiziert'. Die

HU hadert oft und gern mit ihrem

Bedeutungsverlust und ihrer

'Überalterung' (die dramatischer

sein könnte) und ist - damit teilt

sie das Schicksal anderer BürgerundMenschenrechts-Vereinigungen

2

- auf der Suche nach neuen

Formen der Mitarbeit und Einwirkung.

Zu einer Professionalisierung

ä la Greenpeace wird sie

sich nicht durchringen, möglicherweise

aber zu einem Selbstverständnis

als 'Verbindungsbüro'

zwischen aufflackernden Protestphasen

und Kampagnen. Eine

Besonderheit der HU-Mitgliedschaft

ist (weiterhin) eine vielfältige

politische und generationsübergreifende

Mischung, die nur

wenige andere politische Organisationen

aufzuweisen haben;

allerdings ist eine gemeinsame

Wellenlänge mit den Bürgerrechtlerinnen

der ehemaligen

DDR hier ebenso wenig wie in

der Partei der Grünen gefunden

worden.

Die Zeitschrift 'Vorgänge', wie

die HU 1961 gegründet und zunächst

als 'kulturpolitische Korrespondenz'

bezeichnet, bietet einen

Überblick über die kulturelle

und politische Entwicklung

der Bundesrepublik. Heute eine

'Zeitschrift für Bürgerrechte und

Gesellschaftspolitik' und im Verbund

mit zwei anderen Bürgerrechtsvereinigungen

(Komitee für

Grundrechte und Demokratie,

Gustav-Heinemann-Initiative)

publiziert, versucht sie den Spa-


FORSCHUNGS JOURNAL NSB, JG. 9, HEFT 4, 1996

gat zwischen aktueller Kontroverse

und solider Analyse.

Seit vielen Jahren verleiht die

Humanistische Union den 'Fritz-

Bauer-Preis' an Männer und

Frauen, die Vorbildliches für die

Grundrechte geleistet haben -

dazu gehörten Rechtspolitikerinnen,

Journalistinnen, Repräsentantinnen

von Bürgerrechts- und

Selbsthilfegruppen, mutige Einzelne

aus der Exekutive, der Anwaltschaft

und der Wissenschaft.

Zuletzt erhielten diese Auszeichnung

im Sommer 1996 Hanne

und Klaus Vack für ihre jahrzehntelange,

zähe Friedens- und

Grundrechtspolitik 'von unten'.

Bildungsarbeit

Öffentliche Aufklärungsarbeit

gehörte seit Anbeginn zu den favorisierten

Aktionsformen der

Humanistischen Union - nicht

verwunderlich, daß institutionelle

Ableger im Bereich der Erwachsenenbildung

entstanden.

Die Bildungswerke der Humanistischen

Union sind unabhängig,

aber den Zielen der HU verpflichtet.

In Nordrhein-Westfalen

gründeten 1971 Mitglieder der

Humanistischen Union ein Bildungswerk;

seit 1973 vom Land

NRW als Einrichtung der Erwachsenenbildung

anerkannt und

bezuschußt, hat es ein Profil politischer

Bildung entwickelt, das

Bürgerrechtsthemen einschließt,

nicht aber auf diese beschränkt

blieb. So gibt es Bildungsurlaubs-Veranstaltungen

mit einem

Schwerpunkt auf historisch-politischen

sowie wirtschafts- und regionalpolitischen

Themen, Seminare

für türkische Arbeitnehmer-

Innen, darüber hinaus Wochenendseminare

zu aktuellen und

untergründigen politischen Themen,

Fortbildungen zu Bildungspolitik

und Bildungsreform von

unten, Arbeitskreise zum Zusammenleben

von Deutschen und

Migrantinnen, zu Ökologie, Medienentwicklung,

internationalen

Zusammenhängen sowie ein

schon traditionelles Angebot von

politischen Gesprächskreisen im

Strafvollzug. In Essen und einigen

anderen Großstädten bietet

das Bildungswerk außerdem regelmäßigDiskussionsveranstaltungen

zu aktuellen Debatten und historischer

Aufklärung an; nach der

deutschen Vereinigung wurde -

zusammen mit einem brandenburgischen

Bildungs werk - ein Modellprojekt

zum Austausch über

die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte

durchgeführt.

Das Bildungswerk der HU Bayern

ist nie in den Genuß staatlicher

Förderung und hauptberuflicher

Arbeit gekommen; sein

Angebot ist demzufolge bescheidener

und beschränkt sich auf

politische Informationsabende

und kulturelle Veranstaltungen

(Lesungen etc.) in einigen Städten

Bayerns.

Norbert Reichling

Weitere Informationen:

• 'Mitteilungen' der HU, Zeitschrift

für Aufklärung und

Bürgerrechte: aktuelle Vorhaben

und Berichte, interne Diskussion

und Termine;

• Broschürenreihe der HU zu

den Themen: Bürgerrechte und

••••••1

Polizei, Innere Sicherheit und

Kriminalpolitik, 'Sind Soldaten

Mörder?', PorNo-Debatte,

§218, 'Staat und Kirche',

Freiheit der Religionskritik,

Kirchensteuer, Verfassungsschutz;

• 'Vorgänge', Zeitschrift für

Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik,

erscheint vierteljährlich

im Verlag Leske &

Budrich;

• Programme des Bildungswerks

der HU NRW erscheinen halbjährlich.

Kontakt: Humanistische Union,

Bundesgeschäftsstelle, Bräuhausstr.

2, 80331 München, Tel.:

(089) 226441, Fax: 226442.

Bildungswerk der HU NRW,

Kronprinzenstr. 15,45128 Essen,

Tel.: (0201) 227982, Fax:

235505.

Bildungswerk der HU Bayern,

J. Glötzner, Egerländer Str. 4,

82166 Gräfelfing.

Anmerkungen

1

Gerhard Szcesny in: Walser,

Martin 1961 (Hg.): Die Alternative,

oder: Brauchen wir eine

neue Regierung? Reinbek, 36-

41.

2

Roos, Alfred/Willems, Ulrich

1994: Moralische Rationalisten

oder rationale Moralisten. In: Forschungsjournal

NSB 7/1994, 1,

70-83;«or«, Alfred 1993: Nichtparlamentarische

Politik und Opposition.

In: Vorgänge 32/1993,

3 (123), 75-89.


(l)NTACT

Der bundesweite Verein

(I)NTACT wurde Ende Januar

1996 auf Initiative von Christa

Müller, der Ehefrau des saarländischen

Ministerpräsidenten Oskar

Lafontaine, gegründet. Zu

den prominenten Gründungsmitgliedern

zählen Norbert Blüm,

Katharina Focke, Günther Jauch

und Horst-Eberhard Richter. Der

Verein ist gemeinnützig und parteiunabhängig.

Ziel von (I)NTACT ist es, den

Brauch der Genitalverstümmelung

von Mädchen und Frauen

zu bekämpfen. Dieser Brauch

wird überwiegend in circa 30

afrikanischen Staaten praktiziert.

Afrikanische Immigrantinnen,

die zu Ethnien gehören, in denen

die Genitalverstümmelung

üblich ist, beschneiden ihre Töchter

auch in europäischen Gastländern.

Außerdem wird die verstümmelnde

Operation vereinzelt

in Syrien, Jordanien, Oman, im

Irak und im Jemen durchgeführt.

Es gibt verschiedene Formen

und Ausprägungen der Genitalverstümmelung

von Mädchen

und Frauen. Man unterscheidet

im wesentlichen drei Formen:

• Bei der sogenannten 'sunnitischen

Beschneidung' oder

'Sünna' wird die Klitorisspitze

oder die über der Klitoris

befindliche Vorhaut abgetrennt.

Diese Form ist eher selten.

• Am weitesten verbreitet ist die

Klitoridektomie, bei der die

Klitoris und die kleinen

Schamlippen teilweise oder

vollständig amputiert werden.

FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, Hi rr I. 1996

• Die schwerwiegendste Form

der Genitalverstümmelung ist

die sogenannte 'pharaonische

Beschneidung' oder Tnfibulation'.

Die Klitoris und die kleinen

Schamlippen werden vollständig

entfernt und die großen

Schamlippen werden reduziert.

Die verbleibenden

Hautreste näht man bis auf

eine reiskorngroße Öffnung

zusammen oder heftet sie mit

Dornen. Für den Vollzug des

ehelichen Geschlechtsverkehrs

muß die Infibulationsnaht teilweise

wieder geöffnet werden

(Defibulation). Für die Geburt

ist es erforderlich, die Infibulationsnaht

ein weiteres Stück

aufzuschneiden. Im Anschluß

an die Geburt werden die äußeren

Schamlippen erneut bis

auf eine reiskorngroße Öffnung

zusammengenäht (Refibulation).

Die meisten Mädchen werden im

Alter von vier bis acht Jahren beschnitten.

Das Alter der zu Beschneidenden

variiert nach Ethnie

und Region. Die Bedingungen,

unter denen die Operation

durchgeführt wird, entsprechen

nur in Ausnahmefällen medizinischen

Standards. Traditionelle

Heilerinnen, Hebammen oder

Barbiere operieren in der Regel

ohne Narkose mit Rasierklingen,

Messern, stumpfen Scheren,

Glasscherben und ähnlichen Instrumenten.

Die Folgen für Leben

und Gesundheit der betroffenen

Mädchen und Frauen sind

gravierend, und Todesfälle sind

keine Seltenheit. Sie stehen entweder

in unmittelbarem Zusammenhang

mit der Operation, bei

der die Mädchen oder entbinden­

de Mütter verbluten oder mittelbar,

indem Infektionen wie Tetanus

oder AIDS auftreten. Zu

den beträchtlichen Folgen der

Verstümmelung gehören chronische

Entzündungen des gesamten

uro-genitalen Traktes sowie

psycho-sexuelle Probleme.

Die Ursprünge der weiblichen

Genitalverstümmelung liegen tausende

von Jahren zurück. Die ältesten

bekannten Hinweise sind

Gemälde, die die weibliche Beschneidung

in Ägypten im dritten

Jahrtausend vor Christi Geburt

überliefern. Aus Sicht der

betroffenen Mütter und Großmütter

ist die Genitalverstümmelung

ihrer Töchter notwendig und

selbstverständlich. Die Mädchen

selber sind in der Regel zu jung,

um die Folgen der Operation abzuschätzen

und eine echte Entscheidung

zu treffen. Es existieren

viele verschiedene Begründungen

für den Brauch, die ihn

sozial, kulturell, religiös und wirtschaftlich

fest in das jeweilige

Normen- und Wertesystem der

verschiedenen Ethnien einbinden.

Dennoch gibt es in vielen afrikanischen

Staaten, in denen die genitale

und sexuelle Verstümmelung

von Mädchen und Frauen

praktiziert wird, Zusammenschlüsse

von engagierten Frauen,

die diese Praktik bekämpfen.

Sie betreiben vor Ort Informations-

und Aufklärungsarbeit. Diese

'Komitees gegen traditionelle

Praktiken, die die Gesundheit von

Kindern und Frauen schädigen'

konnten bereits erste Erfolge erzielen.

Sie werden von den jeweiligen

Regierungen zwar mei