Gemeinschaften - Integrierte Gesellschaft - Forum Integrierte ...

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Gemeinschaften - Integrierte Gesellschaft - Forum Integrierte ...

Gemeinschaften

zwischen Grundeinkommen und

Regionalentwicklung als Impulsgeber

einer integrierten Gesellschaft

Dokumentation

Symposion

15. bis 17. Februar 2008

Niederkaufungen /Kassel

forum integrierte gesellschaft hamburg (hg)


Die Zukunft in die eigenen Hände nehmen

von Christine Ax

Prolog

Nehmen wir einmal an, wir kÄmen zu der EinschÄtzung, dass wir uns bei dem Versuch

den Kapitalismus abzuschaffen und die Globalisierung rÅckgÄngig zu machen

verheben. Nehmen wir aber auch an, dass wir dennoch in einem sozialen Kontext

leben wollten, der unseren BedÅrfnissen entspricht. Was wÅrden wir tun? Sollten

wir z.B. den Versuch unternehmen, mit anderen Menschen Ähnlicher BedÅrfnisstruktur

in Gemeinschaften zusammenzuleben und eine gute Praxis zu entwickeln,

die ggf. sogar ein Leitbild abgÄbe? Gegenseitige Toleranz der LebensentwÅrfe wÄre

m.E. die wichtigste Voraussetzung fÅr ein Leben in Gemeinschaften. Denn Gemeinschaft

entsteht unterwegs, wÄhrend wir gemeinsam Handeln, wÄchst auf der Grundlage

geteilter WÅnsche, Erfahrungen, Werte.

Grundeinkommen - Finanzierbarkeit ?

Die FinanzierungsvorschlÄge, die ich kenne, basieren letztlich auf einer Wirtschaftsweise,

die nicht vÇllig verschieden von der heutigen ist. Ihre Voraussetzung:

Ein Staat, der Staatseinkommen umverteilt, also irgendeine Kuh (WertschÇpfung)

melken muss. Die Kuh ist derzeit die global operierende Wirtschaft und ihre Akteure.

alle, die im System verbleiben, es aufrechterhalten und nÄhren. Diese Transferleistungen

brauchen einen Apparat der Abgaben erhebt und Abgaben umverteilt.

Ich vertraue den Berechnungen der Experten, dass dies angesichts des heutigen

Staatsanteils auf niedrigem Niveau machbar wÄre. Sicher ist jedoch auch: sollten zu

viele aus diesem „TrÄgersystem“ aussteigen – freiwillig oder unfreiwillig – wird es

eng fÅr die Grundfinanzierten.

Ich behaupte: Wir kÇnnen kein Konzept des Grundeinkommens ohne die realwirtschaftliche

Ebene mit zu denken. Auf keiner rÄumlichen und gesellschaftlichen Ebene.

Und wir mÅssen im Auge behalten, wer die Zeche zahlt. Jede Abgabe auf Unternehmen

erhÇht den Druck zu Rationalisieren und die Zusatzkosten, die erwirtschaftet

werden mÅssen. Es gibt auf dieser Welt nicht nur Konzerne sondern auch SelbstÄndige,

Kleinstunternehmen, Handwerksbetriebe und deren BeschÄftigte und die

machen mindestens 80% aller Unternehmen aus. Das Bild der Linken von „der Wirtschaft“

hatte und hat in Bezug auf diese Wirtschaftsakteure einen blinken Fleck.

Menschenbild

Viele Debatten in diesem Kontext drehen sich um das Menschenbild. Was machen

Menschen, wenn sie Åber ein Grundeinkommen verfÅgen? Ich denke, es gibt hierauf

viele Antworten: einige wollen mehr Geld, Verantwortung, Karriere und bieten

ihre Arbeitskraft auf dem Markt auch weiterhin an. Andere brauchen kein Geld. Sie

ziehen es vor ihre Zeit selber zu gestalten, sie sind tÄtig alleine, als KÅnstler, in der

Familie, mit Freunden, in Gemeinschaften oder sie machen sich als Unternehmer

alleine mit anderen selbstÄndig. Was braucht der Mensch? Wir wissen: Die glÅcklichsten

Nationen Europas sind die eher egalitÄr organisierten Gesellschaften, Bildung

scheint ein wichtiger Faktor zu sein, Gesundheit und die Chance produktiv zu


Die Zukunft in die eigenen Hände nehmen

von Christine Ax

sein. Sinn und Selbstachtung sind zentrale Kategorien. Der Mensch ist sowohl ein animal

laborans als auch ein homo faber, homo ludens und ein homo sociales. Lernen,

ProduktivitÄt, Wachsen und Weiterentwicklung scheint fÅr ihn eine Notwendigkeit zu

sein. So gesehen ist nichts unmenschlicher als das Aussondern oder ÜberflÅssig machen

von Menschen, ihre Stigmatisierung, Verletzung und Abwertung, wie wir es heute

nicht nur im Kontext von Arbeitslosigkeit sondern als generellen Trend in der Arbeitswelt

vorfinden. Es ist die von Sennett zu recht beklagte Tatsache, dass die Normalbiographie

eines Arbeitnehmers heute keine „durchhaltbare ErzÄhlung“ mehr ist und dazu

fÅhrt, dass sich diese Unsicherheiten Åber den Alltag der Menschen legt, wie ein grauer

Schleier.

Gemeinschaften und Grundeinkommen: die Zukunft in die eigene Hand nehmen

Grundeinkommen kÇnnte ein Übergangs- ein Ausstiegszenario fÅr den Aufbau von

Gemeinschaften auf Zeit sein. Ziel mÅsste es unbedingt bleiben, den notwendigen

Zufluss externer Ressourcen zu minimieren und in einen dauerhaft stelbstragenden

Austausch mit den externen Systemen (andere Gemeinschaften oder MÄrkte) zu kommen.

Dauerhaft muss Geben und Nehmen – auf welcher Ebene auch immer – ins

Gleichgewicht kommen (menschlich, wirtschaftlich, spirituell). Dass dies MACHBAR

ist, daran habe ich keinen Zweifel. Ziehe ich die technisch-organisatorischen MÇglichkeiten

in Betracht, und die guten Beispiele, die es heute schon gibt, dann ist es machbar,

in Gemeinschaften weitgehend autonom ein gutes Leben zu fÅhren. Wir kÇnnen

die meisten BedÅrfnisse vor Ort heute dezentral befriedigen und den Austausch mit

den externen Systemen auf ein nachhaltiges Maá reduzieren. Die Elemente hierfÅr

sind bekannt: Çkologischer Landbau mit Handwerksbetrieben an der Schnittstelle zur

Weiterverarbeitung der Urproduktion oder vor Ort verfÅgbaren natÅrlichen Ressourcen:

dezentrale Erzeugung von WÄrme und Energie auf der Grundlage von Biomasse und

Sonnenenergie. Wir kÇnnen exklusive Bekleidung, HÄuser, Bildung, Musik, Kultur und

WerkstÄtten dezentral in Stadt und Land fÅr alle bereitstellen. Beim Computer wird’s

eng und auf das Internet und Reisen sollen wir nicht verzichten mÅssen. Auch die Solaranlage

und manch andere Technik werden dauerhaft von externen Partnern benÇtigt.

Aber auf gar keinen Fall brauchen wir den heutigen Wahnsinn eines globalisierten

Warenaustausches und dieser Ressourcen-Verschwendungsproduktion, bei dem unterm

Strich die meisten Menschen zu den Verlierern gehÇren. Dass nachhaltiges Wirtschaften

mÇglich ist und auch erfolgreich im Austausch mit konventionellen MÄrkten,

wird inzwischen allÅberall vorgemacht. Die Bereiche Kaffee, Tee, Kakao und Textilien

sind hierfÅr Beispiele. Viele grÅne Unternehmen oder Manufakturen zeigen, dass es

mÇglich ist fair und sozial zu produzieren und in einem fairen und erfolgreichen Austausch

mit externen MÄrkten zu sein.

Umsetzung

Die heutige Erbengeneration hat RÅcklagen genug, das hierfÅr notwendige Kapital

aufzubringen. Das Geld das derzeit in den Aufbau einer kapitalgedecken Rentenversicherungen

wandert und auf den globalen FinanzmÄrkten viel Unsinn anrichtet, sollte

fÅr den Aufbau solcher Gemeinschaften mobilisiert werden. Wer kein Geld hat, bringt


Die Zukunft in die eigenen Hände nehmen

von Christine Ax

Arbeit ein, sein Wissen und KÇnnen. Alles was eingebracht wird, sollte auf einem

zukunftsfÄhigen Niveau verzinst werden – in welcher WÄhrung (Geld oder andere

Leistungen) ist offen. Das Grundeinkommen dient hier der Absicherung und der

Einstiegsfinanzierung fÅr den Aufbau nachhaltiger Lebens- und Wirtschaftsstrukturen.

Nachhaltig wÄre es, wenn diese Strukturen in einen dauerhaft durchhaltbaren

Austausch mit der Mit- und Umwelt - und dazu gehÇrt auch der Markt – gehen

kÇnnten.

Literaturhinweis:

C. Ax, Das Handwerk der Zukunft, Basel, New York, BirkhÄuser Verlag 1997

C. Ax, Die KÅnnensgesellschaft— Mit guter Arbeit aus der Krise, ISBN 978-3-938807-96-5. Rhombos-

Verlag, Berlin 2009 ( lieferbar ab MÄrz/April 2009 )

Autorin: Christine Ax, Autorin und Expertin fÅr Handwerk und Nachhaltige Entwicklung,

Institut fÅr ZukunftsfÄhiges Wirtschaften Hamburg, Berlin, Bruno-Lauenroth-Weg 4,

22417 Hamburg, www.fhochx.de, ax@fhochx.de; Tel.: 040 59350021; 0173 2470058

Bedingungsloses Grundeinkommen, pro und contra im

Selbstgespräch

von Veronika Bennholdt-Thomsen

1. Ein erhellendes SchlÅsselerlebnis hinsichtlich der Frage - bedingungsloses

Grundeinkommen ja oder nein? - war fÅr mich das 1. deutsche Sozialforum in Erfurt

2005. Das eine Ende des Kontinuums mit LÇsungsvisionen raus aus Sozialabbau

und Kriegstreiberei wurde von den alternativen Gemeinschaften

(Landkommunen, âkodÇrfer etc.) gebildet, das andere von den Arbeitsloseninitiativen.

Die einen plÄdierten fÅr Selbstorganisation, auch des Einkommens und der

Subsistenz, die anderen fÅr das, staatlich zu verteilende, bedingungslose Grundeinkommen.

Die einen plÄdieren also fÅr VerlÄsslichkeit, solidarische Gemeinschaftlichkeit

und (relative) Selbstbestimmung der Einkommensarbeit innerhalb lokaler,

Åberschaubarer Gruppen von Menschen. Die anderen plÄdieren an die mechanische

(wegen der groáen Zahl der Menschen “mechanische“) SolidaritÄt im nationalen

staatlichen Gemeinwesen. Letzteres ist eine typische Lohnarbeits-

AbhÄngigkeits-Kultur konforme Haltung. M.E. ist die mangelnde Kritik an der LohnabhÄngigkeit

ein erhebliches negatives GepÄck der Linken.

2. Der LÇsungsvorschlag (LÇsung welchen Problems? - siehe unten)

„bedingungsloses Grundeinkommen“ steht in der Tradition der Fetischisierung des

Geldes. Frau und Man glaubt, dass Geld die Existenz sichere, das Leben eben;

dass man sozusagen Geld essen kÇnne. Da diese Sicht so verbreitet ist, dass sie

quasi in Fleisch und Blut Åbergegangen ist, kÇnnte man auf den Gedanken kommen,

dass es womÇglich tatsÄchlich an der Zeit sei, Geld als Lebensmittel zu be-


Bedingungsloses Grundeinkommen, pro und contra im

Selbstgespräch

von Veronika Bennholdt-Thomsen

trachten. Nach dem Motto, die Geschichte nimmt eben ihren Lauf; seien wir also realistisch

und pragmatisch statt fundamentalistisch. Das aber wÄre sehr vordergrÅndig

gedacht. Zuerst mal mÅssen wir durchschauen, wie es dazu kommen konnte, dass

das Geld = die Existenz empfunden wird. Etwa so wie Marx den zuerst mal verborgenen

Mechanismus der kapitalistischen Ausbeutung analysiert hat, von der Mehrarbeit

zu Mehrwert und Profit. Wobei er sich insgesamt zu sehr auf die Produktion und die

Lohnarbeit fixiert hat und u.a. der Ausbeutung durch die Zirkulations- und Geldmechanismen

zu wenig Bedeutung beigemessen hat. Die aber kann man gut z.B. am Kolonisierungsprozess

des 19. Jh. in Afrika erkennen. Statt des direkten Tributs und der unmittelbaren

Zwangsarbeit wie noch im Amerika des 16. und 17. Jh., wird in Afrika das

Geld als Unterwerfungs- und Zwangsmechanismus eingesetzt. Es wird eine Kopfsteuer

erhoben. Um die zahlen zu kÇnnen, mÅssen die Menschen das entsprechende Geld

durch Lohnarbeit in Minen und Plantagen „verdienen“. Die bestehenden afrikanischen

âkonomien werden auf diese Weise kolonisiert, indem die vorhandenen, subsistenzorientierten

Arbeits-, Markt- und TauschverhÄltnisse (auch GeldverhÄltnisse) aufgebrochen

werden. Das Geld des bedl. GE. ist ebenfalls kolonialherrschaftlich: Es ist das

Geld der globalisierten SupermarktÇkonomie, der Massenproduktion der groáen

StÅckzahl (UmweltzerstÇrung) und des Konsumismus.

3. Aber wenn wir das bedingungslose Grundeinkommen erst mal haben, sagen Verteidiger

der Idee, dann kÇnnen wir doch anders damit umgehen, ohne Konsumismus,

bewusst Çkologisch usw. Ich selbst habe in Bezug auf die matriarchale Gesellschaft

am Isthmus von Tehuantepec in Mexiko gezeigt, dass nicht das Geld an sich das

Problem ist, sondern dass auch mit Dollar und Peso anders umgegangen werden

kann, etwa nach den Regeln der Gegenseitigkeitsgesellschaft. Allerdings war das Anfang

der 1990er Jahre so (vor NAFTA und WTO), aber inzwischen (2005) hat dort ein

WalMart erÇffnet, der die eigenstÄndigen Markt(frauen)beziehungen bald zum bedeutungslosen,

so genannten informellen Sektor degradieren wird. Meine ErklÄrung dieser

Entwicklung lautet nun nicht, dass die kolonisierende Globalisierung von âkonomie

und Geld unabwendbar sei, sondern dass die Fiktion des Geldes in die KÇpfe und Herzen

Einzug gehalten hat und damit, wie Polanyi sagen wÅrde, die âkonomie aus der

Gesellschaft entbettet hat. Nicht die personalen menschlichen Beziehungen geben

den Ton im Umgang mit dem Geld an, sondern der abstrakte, Åber die gesellschaftlichen

Grenzen hinaus verallgemeinerbare Wert des Geldes. Nicht die gemeinschaftlichen

Beziehungen sichern die Existenz sondern das Geld. Wenn schon eine bislang

matriarchale Gesellschaft der Fetischisierung des Geldes erliegt, dann frage ich mich,

wie in unserer Gesellschaft ein anderer Begriff von Geld (nÄmlich entkolonisierend)

ausgerechnet mit dem staatlich verteilten bedl. GE entstehen soll.

4. Geld ist ein gesellschaftlicher Diskurs, es spiegelt die Kultur und umgekehrt. Unser

Wertesystem ist ein GeldwertSystem, das sich mit dem Neoliberalismus noch erheblich

verschÄrft hat, z.B. Bildung muss bezahlt werden, Forschung muss Geld einbringen

usw. Ich glaube nicht, dass das bedinungslose GE. dieses Wertesystem verÄndern

kann. Aber genau darum geht es: um bedingungslose SolidaritÄt, um bedingungslosen

Frieden, um bedingungsloses Ende der UmweltzerstÇrung; und es geht

darum, anderen Menschen bedingungslos nicht die Nahrung wegzuessen (Soja, Biodiesel

usw.) und die Lebensgrundlagen zu zerstÇren. Die Zeit der Suche nach Reformen

ist vorbei, ebenso vorbei die Zeit in der die DestruktivkrÄfte in ProduktivkrÄfte um-


Bedingungsloses Grundeinkommen, pro und contra im

Selbstgespräch

von Veronika Bennholdt-Thomsen

gedichtet werden und das Geld in ein Lebensmittel. Der Gelddiskurs hat sich durch die

Entwicklungspolitik (BSP, pro-Kopf-Einkommen als Indikator fÅr Armut usw.), durch die

Bretton Woods Organisationen (z.B. Strukturanpassungsmaánahmen) und die WTO

rapide verbreitet und vertieft. Er ist dabei, die wichtigsten Subsistenzpfeiler, wie etwa

die kleinbÄuerliche Landwirtschaft einzureiáen und unser Subsistenzdenken zu unterminieren.

Was auch immer davon nach wie vor vorhanden ist, gilt es zu verteidigen

statt es den MNK, der SupermarktÇkonomie und der CasinomentalitÄt anzupassen.

(Die Folgen sind gut in den Filmen „We Feed the World“ und „Unser tÄglich Brot“ zu

erkennen).

5. Sollen wir eigentlich alle in den StÄdten GÄrten anlegen, fragten meine MitstreiterInnen

im Sozialforum. JA, meinte ich, nÄmlich diejenigen, die es kÇnnen, die es nÇtig

haben und die es verstanden haben; Stichwort „urban gardening“, „Internationale GÄrten“.

Wir sollten Gemeinschaften bilden, sowie die Nachbarschaft und das Viertel wieder

neu erfinden, und zwar Çkonomisch und kulturell, vor allem auch basisdemokratisch

(Stichwort etwa „Beteiligungshaushalt“). Wir sollten endlich die basispolitische

Bedeutung der Zusammenarbeit von Stadt und Land, sowie der Region begreifen, und

die sterbenden kleinen HÇfe stÅtzen bzw. uns von ihnen stÅtzen lassen (vermutlich ein

gutes Projekt fÅr eine Arbeitsloseninitiative). Kurzum, wir sollten all die vielen, guten

Erfahrungen und Erfindungen der Alternativen ernst nehmen und propagieren, die die

Eigenmacht, den konkreten lokalen Zusammenhalt, sowie die MÇglichkeit selbst und

gemeinschaftsbezogen tÄtig zu werden, stÄrken.

6. Ich will, dass das kapitalistische Patriarchat beendet wird. Das ist kein Traum, sondern

eine Überlebensnotwendigkeit. Ich will, dass die patriarchale Kultur, der zufolge

Maschinen das Leben hervorbringen und Geld die Nahrung schafft, aus den KÇpfen

und Herzen der Menschen vertrieben wird. Das geht meiner Meinung nach nur, wenn

wir, die eine andere Welt wollen, auch vom illusionÄren Geldglauben abfallen. So zu

tun, als wÄren wir alternativ politisch denkende PragmatikerInnen und auch noch die

besseren, weil wir zwar das Bedingungslose. Grundeinkommen fordern, aber auch die

Verhungernden in anderen Weltregionen erwÄhnen und den Konsumismus anprangern,

- das bringt’s nicht.

Autorin: Veronika Bennholdt-Thomsen; b-th@uni-bielefeld.de


Gemeinschaften sind Erfahrungs– und Lernorte

von Ralf Becker

Ich war in den letzten 20 Jahren sehr international entwicklungspolitisch orientiert und

engagiert, habe die Erlassjahrkampagne zur Entschuldung von sog. EntwicklungslÄndern

mit aufgebaut und war beim kath. Hilfswerk Misereor fÅr die Studie ZukunftsfÄhiges

Deutschland angestellt: weltweite Konsultationen fÅr die RIO+10-Konferenz in Johannesburg,

Mitarbeit im Nationalen Nachhaltigkeitsrat, u.a. dessen AG „Nachhaltige Regionalentwicklung“,

etc. etc. Mitte 2006 zog ich in die âkumenische Gemeinschaft (âG)

Wethen, jetzt gerade habe ich einen Mitgliedsantrag fÅr dessen TrÄgerverein

www.laurentiuskonvent.de gestellt. Ich glaube, dass wir die Welt nur verÄndern kÇnnen,

wenn wir uns selbst verÄndern. geplantes Atomlager mit organisiert.

Das Thema Grundeinkommen (GE) wurde bei uns in zwei Çffentl. Diskussionsabenden

diskutiert – mit dem Tenor, dass ein bedingungsloses GE nicht einfach mit Gemeinschaftsleben

vereinbar sei: Wie schon Kai Ehlers ausfÅhrt, besteht eine Spannung zwischen

der Bedingungslosigkeit und der Praxiserfahrung, dass Gemeinschaften wesentlich

auch auf (bei uns geld- und tauschringlosem) Geben und Nehmen basieren.

Ich sehe Gemeinschaften – wie Kai Ehlers – als wertvolle Erfahrungs- und Lernorte fÅr

den homo socialis und kann mir eine Kombination von bedingungslosem GE und Gemeinschaftslernen

vorstellen. Andererseits teile ich Eberhard Hierses Erfahrung: ich kenne

nur wenige Menschen, die mit abstrakter Sicherung ihres Lebensunterhalts in einem

mehr oder weniger anonymen Wirken fÅr die Gesellschaft glÅcklich werden – das ist

wohl der wesentliche Grund, warum ich mein Engagement inzwischen in einer Gemeinschaft

verorte.

Meine Hausgenossen haben jahrelang in Russland gelebt und gearbeitet und berichten,

dass sie auf den Sowchosen und Kolchosen doch auch sehr viele Alkoholiker und unmotivierte

Menschen angetroffen haben. Dort wie hier scheinen Gemeinschaften (und z.B.

Regiogeld-Initiativen) am besten dann zu funktionieren, wenn sie von mindestens einer

sozialen PersÇnlichkeit gefÅhrt werden – und sind keine Garantie fÅr soziales Lernen

und Wachsen. Seit vier Jahren wirke ich als freier Mitarbeiter beim Verband der Regiogeldinitiativen

www.regiogeld.de mit und sehe Regiogeld als „neuen Herzschlag der Region“,

d.h. mittels dieses Vernetzungsinstruments entstehen derzeit interessante regionale

und in der Vernetzung auch europa- und weltweite Herzensverbindungen.

Mit Johannes Heimrath glaube ich, dass die anstehenden VerÄnderungen einen enormen

kulturellen Sprung bedeuten, wofÅr u.a. Gemeinschaftserfahrungen, Regiogeld und

die GE-Diskussion langsam aber sicher erste zarte Grundlagen kreieren – nicht mehr

und nicht weniger. Meiner Ansicht nach wird es wahrscheinlich mehr oder minder schleichend

zu einer immer grÇáeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krise kommen,

nach der aller Erfahrung nach zunÄchst noch einmal mehr oder minder die alten Strukturen

aufgebaut werden.

Doch nach solch einer Krise – oder so Gott will schon rechtzeitig vor dem Erreichen ihres

Wendepunktes – wird allgemein das Bewuátsein und das Suchen nach etwas wirklich

Neuen wachsen, dann wÅrden solche Konzepte wie das der integrierten Gesellschaft

populÄr werden kÇnnen. Der Regiogeld-Verband hat im Herbst 2007 gerade eine

Arbeitsgruppe eingesetzt, die Krisenkonzepte fÅr den Verband und seine ca. 60 Initiativen

in Deutschland, âsterreich, der Schweiz und Holland erarbeiten wird.

Als Anlage fÅge ich LeitsÄtze fÅr eine Region der Zukunft bei, die im Rahmen einer Tagung

der Initiative Zukunft im Jahr 2005 erarbeitet wurden.


Gemeinschaften sind Erfahrungs– und Lernorte

von Ralf Becker

In Wethen lerne ich gerade selbst die Bibel neu zu lesen und stimme Johannes Heimrath

zu, dass diese am besten neu Åbersetzt werden sollte. Gott ist fÅr mich Gemeinschaft.

Und die Schreiber, Übersetzer, VerkÅndiger und Leser der Bibel, dieses uralten

Gemeinschaftsdokuments, haben Jesus augenscheinlich so manches unterstellt, was er

so sicher nicht gesagt und gemeint hat.

Letztlich birgt jeder Text doch Interpretations- und insofern MissverstÄndnis-SpielrÄume.

Texte sind nur in ihrem Entstehungszusammenhang wirklich lesbar. Echte Gemeinschaftserfahrung

macht man halt nicht beim Lesen, sondern nur im Tun – womit ich wieder

bei den Lebensgemeinschaften lande.

Autor: Ralf Becker; becker.nrw@gmx.de

Jeder Mensch ist ein KÅnstler

von Frederike von Dall ´Armi

Viele groáe und kleine Geister haben vor unserer Zeit die „neue Gesellschaft“ gedacht

und ersehnt. KÅnstler wie Goethe, Schiller, Beuys und viele andere haben uns lÄngst

den Gedankenzug aufgezeichnet, wohin es gehen kann. So Goethe in seinem

„MÄrchen“: „der Einzelne hilft nicht, nur wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt“,

oder Friedrich Schiller in seinen Briefen zur Ästhetischen Erziehung des Menschen: „Alle

Verbesserung im Politischen soll von der Veredelung des Charakters ausgehen“ – aber

wie? – „ein Werkzeug aufsuchen, welches der Staat nicht hergibt. ...Dieses Werkzeug

ist die Kunst. KUNST!“ Dabei skizziert Schiller schon die AnfÄnge eines erweiterten

Kunstbegriffes, wie ihn Joseph Beuys in unserer Zeit unermÅdlich propagiert hat: „Jeder

Mensch ist ein KÅnstler.“

Ausgangspunkt fÅr die neue Revolution ist die Entdeckung und mutige Entwicklung eigener

KreativitÄt, die eine neue Substanz schafft, die es bislang noch nicht gegeben hat.

Stichwort: Der erweiterte Kunstbegriff – die soziale Plastik, womit nicht die Kunst, sondern

der Mensch als entwicklungsfÄhiges Wesen im Focus aller BemÅhungen steht.

Hieran knÅpft sich auch der neue Arbeitsbegriff, - jeder arbeitet fÅr jeden - und der neue

Geldbegriff an. Eine wÅnschbare Zukunftsvision, die mich hier ins SchwÄrmen bringen

kÇnnte: die âffnung eines weltumspannenden groáen Raumes, in dem sich LIEBE bilden

darf.

Die Idee der so genannten „integrierten Gesellschaft“ kann ein mÇglicher Anfang sein,

eine gangbare BrÅcke, ein guter erster Versuch! Der Gedanke des ernst gemeinten

„bedingungslosen Grundeinkommens“ kann ein Schritt zur Befreiung vieler Menschen

aus ihrer zermÅrbenden, die Existenz bedrohenden Not sein, kann neue Frei-RÄume


Jeder Mensch ist ein Künstler

von Frederike von Dall ´Armi

schaffen, in denen der Mensch als Mensch aufatmen, wieder neu Luft schÇpfen und

sich wieder auf seinen eigentlichen Menschenwert besinnen kann.... Doch das E-

lend sitzt tief – die Seele und der Geist sind oft gebrochen in ihrer Aufschwungkraft.

Um der tief sitzenden ErmÅdung zu begegnen, die auf allen Ebenen, energetischen,

seelischen und geistigen, wahrzunehmen ist, braucht es Bewusstseinsorte,

Bildungswerke, KreativwerkstÄtten, LernhÄuser und auch TherapiestÄtten, wie es

Frithjof Bergmann in seinen Projekten sehr bewegend beschreibt und praktiziert. Erholungs-

HÄuser, in denen der einzelne Mensch sich wieder er – holen kann, seine

Menschlichkeit wieder holen darf. (Dazu fÄllt mir das englische Wort fÅr heilig = holy

ein) Last not least: Es geht um SCHAFFUNG von WäRMERäUMEN, in denen der

Mut und das Selbstbewusstsein in die eigenen kreativen FÄhigkeiten erwachen und

wachsen dÅrfen.

Aus dem Zwangskorsett der lÄngst ÅberfÄlligen Lohnarbeitsgesellschaft befreit, stellt

sich die Frage direkt nach der Gesundung des einzelnen Menschen wie der des sozialen

Organismus. Ein gesunder sozialer Organismus wird im Folgenden dann davon

abhÄngen, wie bewusst der einzelne Mensch Mitglied einer sozialen Gemeinschaft,

an der eigenen Gesundung arbeiten will und kann, wie die Erfahrung Åberall

zeigt. Dabei bedingen sich auáen und innen gegenseitig: Keine wirkliche Gesundheit

des einzelnen Menschen ohne gesunden sozialen Organismus, kein gesunder

sozialer Organismus ohne den Willen des einzelnen Menschen zur Gesundung.

Dies bedeutet stÄndige harte Arbeit am eigenen KreativitÄtspotential. Ein altes bekanntes

Lied, in das alle einstimmen kÇnnen, die den heilsamen Weg der Desillusionierung

(und Abbau der eigenen Eitelkeiten) in einer kleineren oder grÇáeren Gemeinschaft

gewÄhlt haben.

Das Eurythmiewerk Hamburg, das sich zu einem internationalen Werk entwickeln

mÇge, ist eine freie (Volks)Hochschule, ein Schulungsort. Es ist zugleich ein Produktionsort,

an dem Menschen durch ihr gemeinsames kÅnstlerisch-schÇpferisches

Tun eine neue Art der Arbeit am Klima leisten. Dort wird WÄrme, Licht und gute Luft

ganz anderer Art erzeugt. Es entsteht eine Art-Zukunfts-WÄrmeplastik im gemeinsamen

eurythmischen Üben und Sprechen.

FÅr diejenigen, denen die Eurythmie ganz unbekannt ist, nur kurz: Eurythmie ist

Sprache sichtbar gemacht durch die ganze Bewegungsgestalt. In einem Stille-

Rausch-Raum wird der ganze Mensch zum Kehlkopf und erzeugt eine neue Art von

WÄrme durchdrungener Sprache, ausgedrÅckt durch Kopf, Herz, Bauch und Gliedmaáen.

– Diese WÄrme setzt sich als hohe energische Kraft in Form geistiger WÄrme

in der AtmosphÄre fort, vorausgesetzt die einzeln TÄtigen schaffen es im Moment

ihre Herzen liebevoll fÅreinander zu Çffnen. Kein leichtes Unterfangen, aber

mÇglich, auch fÅr weniger Geschickte.

Die Idee des Eurythmiewerkes entstand aus der Arbeit im Forum fÅr eine integrierte

Gesellschaft vor anderthalb Jahren. Das Anliegen war und ist mit dazu beizutragen

Voraussetzungen zu schaffen, damit die Bildung einer integrierten Gesellschaft von

innen erfolgen kann. Zurzeit arbeiten etwa fÅnfzehn Menschen, die sich regelmÄáig

treffen und in aller Bescheidenheit die neue Welt mit vorzubereiten versuchen. Das


Jeder Mensch ist ein Künstler

von Frederike von Dall ´Armi

Eurythmiewerk kann nur existieren in obiger Weise, wenn zugleich der Geldbegriff neu

gedacht wird. Durch die Eurythmie wie durch das Geld flieáen Ähnliche Energien. Hier

gilt das alte Gesetz: „Neuer Wein braucht neue SchlÄuche.“

Ich freue mich sehr auf die Begegnung mit Euch allen und eine intensive Arbeit fÅr die

Zukunft. GrÅáe von Herzen!

Elemente einer integrierten Gesellschaft

von Kai Ehlers

Unter dem Stichwort der Globalisierung erleben wir heute eine gigantische Explosion

unserer ProduktivkrÄfte, welche die Menschheit fÅr ein zukÅnftiges Jahrtausend ausrÅsten

kÇnnte. Die zunehmende Automation, Minimalisierung und Intellektualisierung von

Technik setzt kÇrperliche, mentale und psychische KrÄfte frei, die Raum schaffen kÇnnten,

die Produktion materiellen Mehrwerts durch die Schaffung sozialen und kulturellen

Mehrwerts zu ergÄnzen, auszuweiten und so eine soziale und menschliche Zukunft zu

ermÇglichen.

Zugleich mÅssen wir erleben, dass die VerhÄltnisse, unter denen sich die Entwicklung

vollzieht, den MÇglichkeiten, die sie enthÄlt nicht entsprechen, im Gegenteil die Entwicklung

dieser mÇglichen sozialen, mentalen und kulturellen Potenzen verhindern. Die ungesteuerte,

ziellose Dynamik der Selbstvermehrung des Kapitals spitzt Bedingungen zu,

unter denen wir nicht mehr in der Lage sind, uns selbst zu versorgen, sondern in wachsendem

Maáe von Fremdversorgung abhÄngig werden, wÄhrend die lokalen, regionalen

Wirtschaften, aus denen bisher gewirtschaftet wurde und aus denen sich soziales Leben

entwickelte, desorganisiert, z. T. sogar gezielt zerstÇrt werden. Der herangewachsene

gesellschaftliche Reichtum, die weiter beschleunigt herangewachsenen produktiven

MÇglichkeiten drohen so in eine allgemeine soziale Desintegration umzukippen.

Es ist also an der Zeit, die ProduktivkrÄfte von den Fesseln dieses Fremdversorgungswahns

zu befreien, sich selbst und andere Menschen zu ermutigen Åber Alternativen zur

Diktatur der Fremdversorgung nachzudenken und zur Entwicklung der eigenen KreativitÄt

und der MÇglichkeiten neuer Eigenversorgung nachzudenken.

Dabei kann es nicht darum gehen, das sei hier ausdrÅcklich hervorgehoben, in UrzustÄnde

der Selbstversorgung zurÅck zu gehen. Es geht vielmehr darum die technischwissenschaftlichen

und mentalen MÇglichkeiten der heutigen Zeit allseitig zu ergreifen

und zu nutzen, um eine Symbiose von Fremdversorgung und Eigenversorgung auf dem

Niveau der heutigen Entwicklung herzustellen, in der sich beide in einer lebendigen

Wechselwirkung ergÄnzen und so eine neue RealitÄt entstehen lassen.

Dieser Schritt ist aber selbstverstÄndlich nur mÇglich, wenn der Gedanke zugelassen

wird, dass die grenzenlose Steigerung der Fremdversorgung kein unausweichliches Naturgesetz

ist, sondern eine soziale Fehlentwicklung, die aus der Selbstvermehrung des

Kapitals folgt, welche einen in Maáen zu begrÅáenden Prozess in einen schrankenlosen,

aller erstickenden Konsumismus zu verwandelt droht.


Elemente einer integrierten Gesellschaft

von Kai Ehlers

Betrachten wir vor diesem Hintergrund die gegenwÄrtige Debatte um Alternativen,

dann wird klar, dass es keine einfachen, schnellen, auch keine einseitigen LÇsungen

dieses Problems geben kann, sondern dass wir uns in einem Prozess des kulturellen

Umbruchs befinden. Er beginnt mit der Einsicht, dass die Entwicklung der

ProduktivitÄt der menschlichen Gesellschaft, einschlieálich der Fremdversorgung

heute zwar die Chance gibt bisher nicht gekannte soziale und psychische KrÄfte zu

entwickeln, dass diese KrÄfte aber unter keinen UmstÄnden einzeln, sondern nur in

der Gemeinschaft entwickelt werden kÇnnen. – womit wir am Thema wÄren: Der

Gedanke an die EinfÅhrung eines Grundeinkommens macht dann einen Sinn,

wenn er im Zusammenhang mit der Überwindung der beschriebenen Desintegration

gedacht, positiv gesprochen, wenn er zur Relativierung, zur Überwindung des

Diktats der Fremdversorgung genutzt wird. Er ginge jedoch in die falsche Richtung,

wenn er sich in der BegrÅndung erschÇpfte, dem einzelnen Menschen durch ein

Grundeinkommen die Teilhabe am Konsum einer Fremdversorgungsgesellschaft

zu garantieren.

Ein allgemeines bedingungsloses Grundeinkommen ist dann sinnvoll, wenn es der

Entwicklung neuer KrÄfte der gemeinschaftlichen Grundversorgung dient und sich

nicht etwa bei der weiteren Atomisierung der Gesellschaft in voneinander getrennte

Individuen aufhÄlt. Andererseits darf die Bildung von Gemeinschaften nicht zur

Voraussetzung fÅr den Erhalt eines Grundeinkommens gemacht werden, denn

dies wÅrde das Element der Befreiung, das dem Gedanken des bedingungslosen

Grundeinkommens zugrunde liegt, ins Gegenteil verkehren. Es ist nur das eine

nicht von dem anderen zu trennen und indem beides zusammen gedacht und um

dessen Gestaltung gerungen wird, erscheint notwendiger Weise ein dritter Aspekt:

die persÇnliche Freiheit diese oder jene Arbeit zu tun, die man – im Bergmannschen

Sinne - „wirklich, wirklich“ tun mÇchte.

Die Idee des Grundeinkommens, der Entwicklung von Solidargemeinschaften fÅr

die Aktivierung von Eigenversorgung und Schaffung sozialer RÄume und die individuelle,

frei gewÄhlte EigentÄtigkeit sind drei Elemente, die wie drei sich Åberkreuzende

Ringe in bestÄndiger untrennbarer Wechselwirkung miteinander gedacht

und entwickelt werden mÅssen. In ihrem Zentrum steht der Mensch, der oder die

seine Menschlichkeit entwickeln mÇchte. Es ist dieses Bild, von dem aus ich die

Diskussion um Alternativen fÅhren mÇchte.

Autor: Kai Ehlers; Transformationsforscher und Publizist; Rummelsburgerstr. 78;

22147 Hamburg, Tel: 940 / 64 789 791;

www.kai-ehlers.de; info@kai-ehlers.de


Ökonomische Sicherheit eröffnet neu Horizonte

von Uli Barth

Ich lebe seit über 20 Jahren in der Kommune Niederkaufungen, einer Gemeinschaft mit

einer weitgehenden gemeinsamen Ökonomie. Da ich nicht die vielen Artikel, die es zum

Grundeinkommen gibt wiederholen will, weil die meisten Argumente sicher den meisten

unter uns schon bekannt sind, möchte ich einige unserer Erfahrungen in Beziehung stellen

zu unserer Thematik Grundeinkommen und Gemeinschaft.

Unsere Art gemeinsame Ökonomie zu leben, schafft keinen Zusammenhang zwischen

Arbeitsleistung und Konsumrecht, weder theoretisch noch praktisch. Was natürlich nicht

heißt, dass wir in der Kommune als Individuen schon alle unsere Sozialisation im Kapitalismus

überwunden haben. Egal wie viel der/die einzelne arbeitet, hat sie/er Zugriff auf

die gemeinsame Kasse. Es wird nicht nach scheinbaren Gerechtigkeitsbegriffen gesucht

oder nach gleichem Taschengeld für alle, es wird akzeptiert, dass wir unterschiedliche

Bedürfnisse haben und dem gemäß uns unterschiedliche Beträge aus der Kasse nehmen.

Obwohl jedeR auch mit wenig Arbeit oder ohne zu arbeiten sich an der Kasse bedienen

kann, wird seit zwanzig Jahren in der Kommune gearbeitet, von allen und ich

glaube nicht zu knapp. Die einzelne KommunardIn arbeitet, obwohl sie sich ihr Taschengeld

auch ohne zu arbeiten aus der Kasse nehmen könnte.

Zweifellos gibt es Menschen die aktiver sind als andere, wobei das viele Ursachen haben

kann und nicht nur nach einfachen moralischen Kategorien in gut und schlecht geteilt

werden kann. Sich zu betätigen oder sich effektiv zu betätigen ist nicht eine reine

Frage des aktuellen Wollens. Tätigsein geschieht in einem sehr vielfältigen physischen,

psychischen und sozialen Rahmen, der nicht das Verdienst des/der einzelnen ist. Insofern

kann die, nach der herrschenden Ideologie, vorhandene Kopplung zwischen Leistung

und Belohnung nicht gerecht sein. Die Kommune ist ein äußerst interessantes Beispiel,

um die Entkopplung von Leistung und Gegenleistung und die Umgangsweisen der

Individuen damit zu untersuchen.

Des Menschen einziges Lebensziel ist nicht Konsum bis zur Besinnungslosigkeit ohne

Tätigsein! Es gibt in der Kommune Konflikte um die Leistungen, die erbracht werden und

es gibt Konflikte um die Höhe der Entnahmen aus der gemeinsamen Kasse. Trotzdem

wurde das System dieser Art miteinander zu wirtschaften für die Gruppe in 20 Jahren

noch nicht prinzipiell in Frage gestellt. Vielleicht haben einzelne diese Art der Ökonomie

persönlich nicht ausgehalten und sind individuell aus dieser Wirtschaftsform wieder ausgestiegen,

für die Gruppe steht es bislang nicht in Frage.

Das besondere an der Ökonomie einer überschaubaren Gruppe ist, Mensch steht miteinander

in Beziehung, Mensch erlebt einander, kritisiert einander direkt und indirekt,

Mensch erlebt die Konsequenzen seines/ihres Handelns. Aber auch Mensch wird gesehen

und kritisiert und in Beziehung gesetzt. Wobei ich hier nicht verheimlichen möchte,

dass die Art der Kritik und Auseinadersetzung, die wir an dieser Stelle führen sicher

noch weit entfernt ist, von dem was wünschenswert wäre.

Für unser Symposion möchte ich einige Fragen aufwerfen und Position beziehen zu einigen

Aussagen, die in den bisherigen Texten gemacht wurden.


Ökonomische Sicherheit eröffnet neu Horizonte

von Uli Barth

Haben wir beim Symposion ein gemeinschaftliches Bild von dem, was Gemeinschaft

ist/sein soll? Ist Gemeinschaft per se gut? Oder verbinden wir auch Inhalte mit dem

Begriff, die Åber ein beliebiges gemeinsames Handeln hinaus gehen? FÅr mich ist

zum Beispiel die Hierarchie- und Machtproblematik ein zentrales Thema.

Intoleranz und ein enges Beziehen auf die eigene Ideologie, war in der jÅngeren Geschichte

ein groáes Manko in der Linken, das erheblich zu ihrer SchwÄche beigetragen

hat, dies wird heute in der neuen Linken gesehen. Dieser SchwÄche damit zu begegnen,

in eine vollkommene Beliebigkeit abzurutschen, ist allerdings keine LÇsung.

Deshalb mÅssen wir uns auch der Frage widmen, wo hat die Toleranz Grenzen. Damit

mÇchte ich nicht befÅrworten als erstes eine Abgrenzungsdebatte zu fÅhren, allerdings

darf auch nicht Åber jeden Inhalt das Tuch der Toleranz geworfen werden.




Die Kommune Niederkaufungen strebt bewusst keine Autarkie an. Der Verzicht auf

einen Austausch ist nicht nur, nicht mÇglich, er ist meines Erachtens auch nicht anstrebenswert.

Ich mÇchte keine Gemeinschaft, die sich gegen die Gesellschaft abschlieát.

Auf die Ablehnung einer Ressourcen-Verschwendungsproduktion kÇnnen wir uns sicher

sofort einigen – darauf kÇnnen sich heute fast alle schnell einigen - aber globaler

(Waren-)Tausch ist nicht nur Grundlage fÅr Computer- und Handyproduktion. Deshalb

mÇchte ich globalen Tausch nicht per se verurteilen. Ich glaube zu einem konsequenten

Verzicht ist kaum jemand bereit. Was nicht dagegen spricht regional das zu

organisieren was sinnvoll machbar ist.

FÅr das Symposion wÄre mir wichtig einen offenen, ehrlichen Dialog ohne BeschÇnigungen

zu fÅhren. Die Probleme nicht nur in einem bÇsen äuáeren zu sehen, sondern

auch in uns („uns“ als Gemeinschaften und nicht nur als Individuum gesehen)

Ich denke wir sind sehr begrenzt in unserer LeistungsfÄhigkeit – begrenzt vor allem

gegenÅber unseren hochfliegenden Idealen. Wir sind auch als und mit Gemeinschaft,

Suchende und Experimentierende. Diese Offenheit und Ehrlichkeit ist bei der HeterogenitÄt

der Zusammensetzung des Symposions sicher eine riesige Herausforderung.

Weiter kommen wir aber nur, wenn wir uns dieser Aufgabe stellen.

Autor: Uli Barth, Kommune Niederkaufungen, ui.barth@gmx.de; Uli direkt:

05605 / 80070


Modelle müssen gelebt werden

Joachim Detjen

Ich habe mich gefragt, was ich eigentlich zu diesem Thema beizutragen habe. Mit meinen

Gedanken kann ich dem Kreis sicher kaum wesentliche Erkenntnisse hinzufügen.

So stimme ich mich einfach mal gefühlsmäßig darauf ein und lasse Assoziationen und

Bilder dazu in mir aufsteigen:

Ich finde das Thema Geld zum Kotzen. Es steht für mich gleichzeitig für Unterdrückung,

Zwang, Ausbeutung... Ich möchte schreien, weglaufen, empfinde Wut und Hass. Es ist

auch eine Last, dem Zwang des Geldverdienens ausgesetzt zu sein. Ständig wird an mir

gezogen. Ich möchte meiner Liebe und meiner Kreativität durch meine Arbeit Ausdruck

verleihen. Wäre vielleicht ein Argument für das Grundeinkommen, zumal dadurch die

Qual der vielen Unterhaltszahlungen gemindert wäre.

Ansonsten habe ich eine Beschwerde gegen den vielen Egoismus und auch Mitgefühl

für diese Menschen. Dieses zwanghafte Ausbeuten, sich gegenseitig die Butter vom Brot

nehmen, sich nicht öffnen oder zeigen können ... aus Angst.

Was erlebe ich, wenn ich mich nicht dagegen sträube. Es fühlt sich in mir an wie eine

Krake, die überall hineinreicht. In alle Ecken und Nischen des Lebens. Wir (als Menschheit)

lassen es zu, erfüllen damit ein Bedürfnis nach Kontrolle, Macht, Ausdehnung, spiegeln

unsere Unwertgefühle, nicht gewollt zu sein, benutzen es als Druckmittel, Flucht

oder Kompensationsmittel. Ersatz für Liebe. Ja, wir brauchen es als Ausdruck unserer

Unfähigkeit zu lieben, zu vertrauen, uns zu verschenken. Das Wirtschaftssystem ist der

Ausdruck (Spiegel) unserer inneren Verfassung. Wir leiden daran.

Andere Formen des Wirtschaftens sind viele möglich. Neue Modelle zu entwerfen, ist

nicht schwer. Doch sie müssen gelebt sein, als Ausdruck (Spiegel) unserer inneren Verfassung.

Die Wut weicht Ehrfurcht und Demut. Stehe ich am Anfang es in mir zu transformieren?

Trägt das zur Lösung bei? Die (Mit-) Verantwortung zu übernehmen?

Wir als Gemeinschaften haben es da leichter, müssen uns nicht so verstecken, können

Menschen aus der Region teilhaben lassen an einzelnen Projekten wenn sie sich beteiligen

wollen. Nach dem Konzept oder dem Modell unseres Projektzentrums ist das möglich

und findet in kleinen Ansätzen auch schon statt. Das Modell lässt sich grafisch leicht

erklären. Aber da ich das entsprechende Programm nicht beherrsche, werde ich das Modell

mit Worten erklären: Stellt euch einen Kreis vor, der die Gemeinschaft darstellt. Dazu

gibt es Kreise, die in den Kreis hineinreichen und darüber hinausgehen. Dieses sind

die einzelnen Projekte. Ihnen gehören Menschen aus der Gemeinschaft und andere

Leute aus der Region an. Bei uns sind es im Moment gemeinsames Essen, Theater,

Nutzung von Fahrzeugen, Austausch bzw. Gemeinschaftsbildung. Weitere Projekte sind

möglich und werden teilweise auch angestrebt. Z.B. Betriebe, gemeinsame Ökonomie.

Die Teilnahme ist freiwillig, muss aber erklärt werden und bedarf auch der Zustimmung

der bereits vorhandenen Mitglieder. Je nach Art des Projekts sind die Hürden für

die Aufnahme unterschiedlich hoch und auch die Verbindlichkeit hat ein unterschiedliches

Gewicht.

Autor: Joachim Detjen, "Projektzentrum Maibacher Schweiz", 35510 Butzbach-

Maibach, 06081-4427516.


Gemeinschaften als Impulsgeber — Drei Thesen

von Ronald Blaschke

Ich mÇchte meinen Beitrag in drei Thesen gliedern:

1. Gemeinschaften sind dann Impulsgeber für integrierte Gesellschaften, wenn sie

A) SolidaritÄt und Freiheit verbinden und

B) eine âkonomie im oikos-VerstÄndnis betreiben.

C) SolidaritÄt ist eine Tausch-Handlungsform, die nicht auf eine äquivalenz oder

eine eng verstandene ReziprozitÄt setzt. Der Tausch besteht darin, dass Leistungen

zu emotionaler Anerkennung, Sympathie, Freundschaft und Kreat ivitÄt

fÅhren. Die Freiheit in der SolidaritÄt besteht darin, nicht zu einer bes timmten

(Gegen-)Leistung gezwungen zu werden. Grundlegende Motivatoren fÅr

Leistungen sind Freude, Sympathie und Anerkennung, aber auch Wett streit.

D) Eine âkonomie ohne Einbindung in die âkologie und in die âkumene ist keine

âkonomie. Die Beziehungen des ganzen Hauses – oikos – (Beziehung zwischen

Organismen – âkologie – und Menschen – âkumene –) finden keine BerÅcksichtigung

und Anerkennung. Eine âkonomie der âkologie setzt auf strikte Ressourcen-schonung,

anerkennt den Eigenwert der nicht menschlichen Natur. Eine â-

konomie der âkumene hat die gesamten Çkonomischen Beziehungen einer

Menschgemeinschaft im Blick (keineswegs nur die geld- oder tauschwertvermittelten)

und ordnet sich den produktiven und konsumtiven BedÅrfnissen der Menschen

unter – nicht umgekehrt. Eine Integrierte Gesellschaft setzt auf die Einbettung

der âkonomie in das ganze Haus (integrative âkonomie). Dazu ist auch ein

hoher Anteil von Selbstproduktion an materiellen GÅtern, Energie, Wasser, Lebensmitteln

und an sozialer und kultureller Versorgung nÇtig. Hightech und Naturverfahren/-wissen

sind in integrativer Selbstproduktion kein Widerspruch.

2. Solidarische und freiheitliche Gemeinschaften (besser wären die Begriffe Gemeinwesen

oder Kooperationen) gestehen jedem Mitglied zu,




die Regeln und AktivitÄten des Gemeinwesens/der Kooperation zu beeinflussen,

seine Leistungen fÅr das Gemeinwesen unter Vorbehalt der Zustimmung zu

stellen,

das Gemeinwesen bzw. die Kooperationen verlassen zu kÇnnen.

Das Bedingungslose Grundeinkommen ist ein Çkonomischer Garant fÅr diese Freiheiten.

Es kann aus einem Mix aus einer menschenrechtlich verbrieften Grundabsicherung der

Existenz und Teilhabe aller Menschen und spezifischen regionalen Teilhabesicherungsformen

bestehen.

3. Solidarische und freiheitliche Kooperationen tragen zur Entwicklung von Regionen

bei, wenn sie mit diesen im Çkonomischen und sozialen Austausch stehen und sich

darÅber hinaus politisch fÅr weitgehend autonome Regionalentwicklungen einsetzen.


Gemeinschaften als Impulsgeber — Drei Thesen

von Ronald Blaschke

Dazu gehÇrt, regionale Entwicklungen behindernde Çkologische, wirtschaftliche und soziale

(globale und nationale) Politiken und Strukturen zu kritisieren, deren VerÄnderungen

politisch einzuklagen – ebenso Politiken und Strukturen, die eine integrative Gesellschaft

und âkonomie, SolidaritÄt und Freiheit verhindern.

Einige Éberlegungen zur Bedeutung regionaler KreislÑufe

von Hans-Gert Gräbe

In allen bisher vorliegenden BeitrÄgen geht es in der einen oder anderen Form um UmbrÅche

in der heutigen Welt, die in ihren verschiedenen Dimensionen das ãÜberleben

oder Wohlergehen einzelner Menschen, einzelner Menschengruppen, einzelner Regionen

oder der Menschheit insgesamt in ihrer physischen, Çkonomischen, sozialen und

kulturellen Dimension bedrohen. Ich halte es fÅr wichtig, die verschiedenen Dimensionen

genauer auseinanderzuhalten und sich sowohl der jeweiligen GefÄhrdungspotenziale als

auch der verfÅgbaren Erfahrungen zu versichern.

Auf einzelnen solchen Ebenen werden unterschiedliche und in vielen FÄllen widersprÅchliche

PhÄnomene sichtbar – Dialektik eben. Diese reichen von Fragen zur Einordnung

der europÄischen “Moderne” der letzten 500 Jahre in das Gesamtspektrum der

Entwicklung menschlicher Vergesellschaftungsformen1, siehe etwa [2], Åber Fragen des

allgemeinen VerhÄltnisses der Menschen zu ihrer Äuáeren und inneren “Natur”, wie sie

etwa in [4] aufgeworfen werden, bis hin zu den im Titel des Symposions genannten Fragen

von Grundeinkommen und Regionalentwicklung.

Ich mÇchte fÅr diesen kurzen Text mit der Bedeutung regionaler KreislÄufe einen einzigen

Aspekt aufgreifen und diesen ãÅber ausgewÄhlte Dimensionen verfolgen. Als Ausgangspunkt

dient mir die Perspektive des Klimawandels. Dieser wird sich in nÄher Zukunft

als Klimastress auf die globale Zivilgesellschaft auswirken, wobei die Auswirkungen

durch die Energiekrise weiter verschÄrft werden. In [2] wird an historischen Beispielen

gezeigt, dass vergleichbare durch Klimastress ausgelÇste Katastrophen stets einen

RÅckgang der KomplexitÄt gesellschaftlicher Interaktion nach sich zogen. Es ist deshalb

zu erwarten, dass in naher Zukunft Fragen der regionalen Selbstversorgung einen deutlich

grÇáeren Stellenwert einnehmen werden und die heute zu beobachtende Entgrenzung

materieller StoffstrÇme stark zurÅk gefahren werden wird. Dies bedeutet nicht Autarkie,

jedoch die Umkehrung der Globalisierung – 80% der Material- und EnergiestrÇme

zur Befriedigung der BedÅrfnisse der Menschen einer Region werden sich innerhalb dieser

Region bewegen mÅssen.

Dazu gilt es, urban-suburban-rurale RÄume zu identifizieren, die Åber eine solche reproduktive

Potenz verfÅgen und diese gezielt zu entwickeln. Über entsprechende Erfahrungen

hat Mike Lewis [3] vom kanadischen CCED-Netzwerk wÄhrend der Infotour Solidar-

Çkonomie im November 2006 vorgetragen.

Eine wichtige Erfahrung solcher regionaler WirtschaftsrÄume ist die Koexistenz eines

Çkonomischen BinnenverhÄltnisses innerhalb einer solchen Region und eines Çkonomi-


Einige Überlegungen zur Bedeutung regionaler Kreisläufe

von Hans-Gert Gräbe

schen AuáenverhÄltnisses zu anderen solchen regionalen WirtschaftsrÄumen sowie

dem globalen Markt. An vielen Orten wurden Erfahrungen mit Regionalgeld gesammelt,

was einer Entkopplung von Innen und AuáenverhÄltnis – einem in der evolutionÄren

Systemtheorie (Prigogine, Eigen, Jantsch, Haken u.a.) gut studierten PhÄnomen – entspricht.

Eine klare Adjustierung der Marxschen Arbeitswerttheorie wie in [1] zeigt, dass als

Quelle von (Çkonomischem) Wert nur diejenige Arbeit fungiert, die auf fremdes BedÅrfnis

ausgerichtet ist. So habe ich etwa folgende Frage bereits mit Kai Ehlers diskutiert:

Ist die europÄische industrielle Arbeitsweise, deren UnfÄhigkeit im Umgang mit KomplexitÄt

immer deutlicher wird, Haupt- oder nur Seitenzweig menschlicher

Entwicklung?

Arbeit in einem regionalen Kreislauf ist Arbeit auf fremdes BedÅrfnis in der Region, a-

ber Arbeit auf ein gemeinsames BedÅrfnis, wenn das VerhÄltnis der Region zu anderen

Regionen betrachtet ist. Sie ist also wertschÇpfend innerhalb des regionalen Reproduktionszusammenhangs,

nicht aber auf der Ebene der transregionalen ReproduktionsverhÄltnisse.

Dies ist zugleich die Basis, warum und wann Regionalgeld funktionieren

kann.

Zugleich wird damit der fraktale Charakter des WertverhÄltnisses deutlich. Dieser fraktale

Charakter lÄsst sich weiter verfolgen im werttheoretischen Innen- und AuáenverhÄltnis

von grÇáeren Betrieben ebenso wie in Gemeinschaftsprojekten wie Siebenlinden

oder Niederkaufungen.

FÅr letztere scheint eine klare BuchfÅhrung der AuáenwirtschaftsverhÄltnisse mit einer

laxen “inneren BuchfÅhrung” einherzugehen. Dies bestÄtigt die Grundthese von [1] Å-

ber die Schichtenstruktur des WertverhÄltnisses sowie die systeminterne DezentralitÄt

der BuchfÅhrung. Die innere “BuchfÅhrung” wird in einem solchen Gemeinschaftsprojekt

informell gefÅhrt, was zu Spannungen, Konflikten und Entladungen fuhrt, wenn sie

fÅr einzelne nicht mehr stimmt. In diesen “privaten Rechnungen” sowie den Spannungen,

Konflikten und Entladungen prozessiert sich das innere WertverhÄltnis auch jenseits

der Geldform. Aus der Theorie der small worlds ist bekannt, dass eine solche informelle

BuchfÅhrung in Gemeinschaftsprojekten bis etwa 150 Personen mÇglich ist.

DarÅber hinaus sind formalere vertragsrechtliche Mechanismen fÅr das Prozessieren

des inneren WertverhÄltnisses derartiger Projekte in der Einheit von VerantwortungsfÄhigkeit,

VerantwortungsÅbernahme und Bilanz/Abrechnung erforderlich.

ähnlich ist wohl auch das Abspaltungstheorem von Roswitha Scholz einzuordnen –

Hausarbeit ist Arbeit in einem BinnenverhÄltnis und deshalb im AuáenverhÄltnis im Ç-

konomischen Sinne nicht wertschÇpfend. Die Tatsache, dass vorwiegend Frauen von

diesem PhÄnomen betroffen sind, wird durch eine solche Feststellung nicht berÅhrt.

Schlieálich ergibt sich aus diesen Überlegungen, dass sowohl die Losung “Arbeit her”

als auch die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) zu wenig

differenzieren. Beide Forderungen betrachten ungenÅgend das GegenÅber, an welches

diese Forderung gerichtet ist, denn sie mÅssen sich in die TragfÄhigkeit des reproduktiven

Zusammenhangs dieser einbettenden Strukturen einordnen. Insofern ist

kein BGE ohne eine grundlegende Finanzreform zu Gunsten kommunaler und regiona-


Einige Überlegungen zur Bedeutung regionaler Kreisläufe

von Hans-Gert Gräbe

ler KÇrperschaften mÇglich. Regionen mit leistungsfÄhigen RegionalgeldkreislÄufen mÅssen

Teile des BGE auch in dieser RegionalwÄhrung ausreichen.

Überhaupt steht die Frage, ob eine Fokussierung auf den monetÄren Aspekt von BGE, wie

sie insbesondere von BGE-Gegnern in der Linken betrieben wird, der aufgeworfenen

Grundproblematik Åberhaupt gerecht wird bzw. sogar kontraproduktiv ist und als Teil der

Domestizierung und EntschÄrfung der BGE-Debatte in dieser Gesellschaft betrachtet werden

muss.

Literatur

[1] Hans-Gert GrÄbe: Arbeitswerttheorie nach Marx – ein dezentraler Ansatz. Manuskript,

Sept. 2007. Siehe http://www.hg-graebe.de/EigeneTexte

[2] Friedhart Klix, Karl Lanius: Wege und Irrwege der Menschenartigen. Wie wir wurden,

wer wir sind. W. Kohlhammer, Stuttgart 1999. Eine Zusammenfassung fÅr eine Diskussion

bei Attac Leipzig siehe ttp://leipzig.softwiki.de/index.php5/Attac.2007-10-25

[3] Mike Lewis: Vortrag im Rahmen der Infotour Solidarãokonomie in Leipzig. AusfÅhrlicher

Bericht und weitere Links siehe http://leipzig.softwiki.de/index.php5/InfoTour-06

[4] Potsdamer Manifest und Potsdamer Denkschrift. VerÇffentlicht vom Verein Deutscher

Wissenschaftler im Einsteinjahr 2005. Siehe http://www.vdw-ev.de/manifest


Der Beitrag der Matriarchatsforschung

Heide Göttner-Abendroth

Warum Matriarchatsforschung?

WÄhrend meines ganzen Lebens bin ich mit der Erforschung der matriarchalen Gesellschaftsform

in der Gegenwart und Vergangenheit beschÄftigt und wurde so zur BegrÅnderin

der modernen Matriarchatsforschung.1 Diese ist nicht irgendeine nebensÄchliche,

exotische Erscheinung, im Gegenteil: Sie fÇrdert ein Wissen von nicht-patriarchalen,

grundsÄtzlich egalitÄren gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Mustern ans Licht,

das wir in dieser global destruktiven Phase des SpÄtpatriarchats dringend brauchen.

Denn Matriarchate waren in ihrer langen geschichtlichen Epoche und sind in ihren letzten,

heute noch existenten Beispielen Gesellschaften, die ohne Herrschaft, ohne Hierarchie

und ohne kriegerische Veranstaltungen als organisiertes TÇten ausgekommen sind.

Sie kennen insbesondere keine Gewalt gegen Frauen und Kinder, von der die patriarchalen

Gesellschaften auf der ganzen Erde randvoll sind.

Was ist ein Matriarchat?

Ich gebe hier in aller KÅrze die Tiefenstruktur der matriarchalen Gesellschaftsform auf

der Çkonomischen Ebene, der sozialen Ebene, der politischen Ebene und der kulturellen

Ebene an:

Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate meistens, aber nicht ausschlieÉlich

Ackerbaugesellschaften. Es wird Subsistenzwirtschaft mit lokaler und regionaler Autarkie

praktiziert. Land und HÄuser sind Eigentum des Clans im Sinne von Nutzungsrecht; Privatbesitz

und territoriale AnsprÅche sind unbekannt.

Die GÅter sind in lebhaftem Austausch, der den Verwandtschaftslinien und Heiratsregeln

folgt. Dieses System des Austauschs basiert auf einer Ñkonomie des Schenkens,2 und es

verhindert, das GÅter bei einem Clan oder bei einer Person akkumuliert werden kÇnnen.

Das Ideal ist Verteilung und nicht Akkumulation. Vorteile und Nachteile beim Erwerb von

GÅtern werden durch soziale Regeln ausgeglichen, z. B. ist es Åblich, dass ein wohlhabender

Clan bei den zahlreichen, gemeinschaftlichen Festen das ganze Dorf einlÄdt, wobei

er seine GÅter als Geschenke an alle gibt. Das vermindert den Wohlstand dieses

Clans, doch das Schenken bei den FestivitÄten geht reihum zu jenen, die das meiste

GlÅck bei Ernten oder beim Handel hatten. DafÅr haben die schenkenden Clans „Ehre“,

d.h. soziales Ansehen, gewonnen. Auf diese Weise werden Çkonomische Unterschiede

immer wieder nivelliert

Auf der Çkonomischen Ebene sind Matriarchate daher gekennzeichnet von perfekter Gegenseitigkeit,

ich definiere sie daher als Ausgleichsgesellschaften auf der Basis einer Ñ-

konomie des Schenkens.

Auf der sozialen Ebene beruhen matriarchale Gesellschaften auf dem Clan. Matriarchale

Menschen leben in groÉen Sippen zusammen, die nach dem Prinzip der MatrilinearitÄt,

der Verwandtschaft in der Mutterlinie, aufgebaut sind. Der Clanname, alle sozialen WÅr-


Der Beitrag der Matriarchatsforschung

Heide Göttner-Abendroth

den und politischen Titel werden in der mütterlichen Linie vererbt. Ein solcher Matri-

Clan besteht aus mindestens drei Generationen von Frauen: die Clanmutter und ihre

Schwestern, deren Töchter und Enkelinnen und den direkt verwandten Männern: die

Brüder der Clanmutter, die Söhne und Enkel.

Ein Matri-Clan lebt im großen Clanhaus zusammen, das 10 bis 100 Personen je nach

Größe und architektonischem Stil umfassen kann. Die Frauen leben permanent hier,

denn Töchter und Enkelinnen verlassen niemals das mütterliche Clanhaus. Man nennt

dies Matrilokalität. Ihre Gatten oder Geliebten, die in ihren Mutterhäusern wohnen,

kommen in sog. Besuchsehe nur über Nacht zu ihnen.

Der Clan ist eine autarke Wirtschaftseinheit. Um zu erreichen, dass diese autarken

Gruppen ein gesellschaftliches Gefüge mit den anderen Clans des Dorfes oder der

Stadt bilden, wurden komplexe Heiratsregeln entwickelt, z.B. die Regel der wechselseitigen

Heirat zwischen je zwei Clans. Dazu gehören noch Regeln der freien Wahl mit

den anderen Clans, mit der beabsichtigten Wirkung, dass alle Mitglieder des Dorfes

oder der Stadt durch Geburt oder Heirat näher oder ferner miteinander verwandt

sind. Diese Verwandtschaft stellt ein gegenseitiges Hilfssystem nach festen Regeln

dar. Auf diese Weise wird eine nicht-hierarchisch organisierte, horizontale und egalitäre

Gesellschaft erzeugt, die sich als erweiterter Clan mit allen wechselseitigen Hilfsverpflichtungen

versteht.

Ich definiere matriarchale Gesellschaften auf der sozialen Ebene deshalb als horizontale

matrilineare Verwandtschaftsgesellschaften.

Auf der politischen Ebene sind die Prozesse der Entscheidungsfindung ebenfalls

entlang den Verwandtschaftslinien organisiert. Basis jeder Entscheidungsfindung sind

die einzelnen Clanhäuser. Angelegenheiten, die das Clanhaus betreffen, werden von

den Frauen und Männern in einem Prozess der Konsensfindung, d.h. durch Einstimmigkeit,

entschieden.

Dasselbe gilt für Entscheidungen, die das ganze Dorf betreffen: Nach dem Rat im

Clanhaus treffen sich Delegierte der einzelnen Clanhäuser im Dorfrat, in manchen

Gesellschaften die Clanmütter selbst, in anderen die gewählten Mutterbrüder, der ihren

Clan nach außen vertreten. Im Dorfrat treffen sich keine Entscheidungsträger,

sondern nur Delegierte, die miteinander austauschen, was die einzelnen Clanhäuser

beschlossen haben. Sie halten das Kommunikationssystem im Dorf aufrecht und gehen

so lange zwischen Clanrat und Dorfrat hin und her, bis alle Clanhäuser auf Dorfebene

den Konsens gefunden haben.

Dasselbe gilt wiederum auf regionaler Ebene: Hier werden die Entscheidungen der

Dörfer und Städte auf regionaler Ebene ebenfalls von Delegierten, in der Regel den

angesehenen Männern, durch Information koordiniert. Auch hier gehen die Delegierten

zwischen Dorfrat und regionalem Rat solange hin und her, bis die Region durch

alle Clanhäuser aller Dörfer ihre Entscheidung im Konsens gefunden hat.


Der Beitrag der Matriarchatsforschung

Heide Göttner-Abendroth

Es ist klar, dass sich in einer solchen Gesellschaft Hierarchien und Klassen nicht bilden

kÇnnen. Ein MachtgefÄlle zwischen den Geschlechtern oder zwischen den Generationen

kann ebenfalls nicht entstehen. Minderheiten werden nicht durch Mehrheitsentscheidungen

ausgegrenzt und stimmlos gemacht, denn sÄmtliche politische Entscheidungen

fallen in den ClanhÄusern, wo die Menschen leben, d.h. sie fallen

„basisdemokratisch“. Auf der politischen Ebene definiere ich Matriarchate daher als

egalitÄre Konsensgesellschaften.

Auf der spirituell-kulturellen Ebene kennen matriarchale Gesellschaften keine religi-

Çse Transzendenz mit einem unsichtbaren, ungreifbaren, unbegreifbaren, aber allmÄchtigen

Gott, demgegenÅber die Welt als „Jammertal von SÅnde und Leid“ oder gar

als „tote Materie“ abgewertet wird. Der matriarchale Begriff von GÇttlichkeit ist immanent,

denn die gesamte Welt wird als gÇttlich betrachtet, und zwar als weiblich gÇttlich.

Dies belegen die alten Vorstellungen von der GÇttin als Universum, die SchÇpferin

ist, und der Mutter Erde, die alles Lebendige hervorbringt. Deshalb besitzt alles GÇttlichkeit,

jede Frau und jeder Mann, jedes Tier und jede Pflanze, der kleinste Stein und

der grÇÉte Stern.

In einer solchen Kultur ist alles spirituell. In ihren Festen, die dem Jahreszeitenzyklus

folgen, wird auch alles gefeiert: die Natur mit ihren verschiedenen Erscheinungen, die

verschiedenen Clans mit ihren FÄhigkeiten und Aufgaben, die verschiedenen Geschlechter

und die verschiedenen Generationen, nach dem Prinzip: Vielfalt ist der

Reichtum in allem. Es gibt keine Trennung zwischen dem Sakralen und dem Profanen,

deshalb ist auch im alltÄglichen Leben jede Handlung wie z.B. SÄen, Ernten, Kochen,

Weben, Reisen zugleich ein bedeutungsvolles Ritual. Auf der spirituellen Ebene definiere

ich Matriarchate daher als sakrale Gesellschaften und Kulturen des Weiblich-

GÇttlichen bzw. der GÇttin.

Anregungen für eine neue Gesellschaft

Auf der ökonomischen Ebene ist keine weitere Steigerung der GroÉindustrien und

des sog. Lebensstandards mehr mÇglich auf Gefahr hin, die BiosphÄre der Erde vollends

zu zerstÇren. Hier Çffnet sich als Alternative die Subsistenzperspektive als Wirtschaftsform

der kleinen und regionalen Einheiten. Diese wirtschaften selbstgenÅgsam

und autark, wobei die LebensqualitÄt vor der QuantitÄt unbedingten Vorrang hat.

Weltweit geht es darum, die Strukturen von Subsistenzwirtschaft, die es noch gibt und

in denen meistens Frauen die WirtschaftstrÄgerinnen sind, zu stÄrken und zu erweitern,

sie keinesfalls der wirtschaftlichen Globalisierung der GroÉkonzerne zu opfern.

Diese Regionalisierung zugunsten der Frauen ist ein matriarchales Prinzip.

Auf der sozialen Ebene geht es darum, aus der weiteren Atomisierung der Gesellschaft

herauszukommen, welche die Menschen immer tiefer in Vereinzelung und Vereinsamung

treibt und sie krank und destruktiv werden lÄsst. Denn das ist der NÄhrboden

fÅr Gewalt und Krieg. Es geht um die Bildung wahlverwandter Gemeinschaften

verschiedener Art, seien diese nun Lebensgemeinschaften oder Nachbarschaftsgemeinschaften

oder Netzwerke. Wahlverwandtschaft bildet sich aber nicht durch bloÉe

Interessengemeinschaft, solche Gruppen entstehen und zerfallen schnell. Sondern


Der Beitrag der Matriarchatsforschung

Heide Göttner-Abendroth

Wahlverwandtschaft entsteht nur auf dem Boden einer spirituell-geistigen ábereinstimmung,

durch sie wird ein symbolischer Clan gebildet, der mehr Verbindlichkeit

hat als eine bloÉe Interessengruppe.

Das matriarchale Prinzip daran ist, dass solche wahlverwandten Clans grundsÄtzlich

von Frauen initiiert, getragen und geleitet werden, womit Frauen heute Åberall beginnen

kÇnnen oder schon begonnen haben. Der MaÉstab sind nÄmlich die BedÅrfnisse

von Frauen und Kindern, welche die Zukunft der Menschheit sind, und nicht die

Macht- und PotenzwÅnsche von MÄnnern. Diese haben zu den patriarchalen GroÉfamilien

und politischen MÄnnerbÅnden gefÅhrt, die ein hohes MaÉ an UnterdrÅckung

und Ausschluss fÅr Frauen enthalten. In die neuen Matri-Clans werden MÄnner hingegen

vollgÅltig integriert, von den Frauen, aber gemÄÉ einem anderen Wertesystem,

nÄmlich der Orientierung an gegenseitiger FÅrsorge und Liebe statt an der

Macht. Darin leben auch die MÄnner besser als im Patriarchat.

Auf der Ebene der politischen Entscheidungsfindung ist das matriarchale Konsens-Prinzip

fÅr eine wirklich egalitÄre Gesellschaft unverzichtbar. Es kann hier und

jetzt, sofort und Åberall eingeÅbt werden. Denn es ist das impulsgebende Prinzip fÅr

matriarchale Gemeinschaftsbildung Åberhaupt, zugleich verhindert es bei neuen

symbolischen Clans verschiedenster Art jegliche Herrschaftsbildung von Einzelnen

oder Gruppen. Es stellt die Balance zwischen Frauen und MÄnnern her, aber auch

zwischen den Generationen, denn sowohl die alten Menschen wie auch die Jugendlichen

kommen dabei vollgÅltig zu Wort. Es ist zudem das eigentlich demokratische

Prinzip, denn es lÇst ein, was die formale Demokratie verspricht, aber nicht hÄlt.

GemÄÉ diesem Prinzip sind die kleinen Einheiten der neuen Matri-Clans die tatsÄchliche

EntscheidungstrÄger, aber es ist nur bis zur GrÇÉe von Regionen ausweitbar.

BlÅhende, autarke Regionen sind allerdings gemÄÉ der Subsistenzperspektive das

politische Ziel, nicht die immer grÇÉeren Einheiten wie Nationen, Staaten-Unionen

und SupermÄchte, die den ohnehin Herrschenden immer grÇÉere Macht bescheren

und in denen die einzelnen Menschen zu Nummern oder schlimmer: zu

„Menschenmaterial“, „Humankapital“ herabsinken.

Auf der spirituell-kulturellen Ebene kommt man nicht umhin, sich von allen hierarchischen

Religionen mit transzendentem Gottesbegriff und absolutem Wahrheitsanspruch

zu verabschieden, welche die Welt, die Erde, die Menschen, insbesondere die

Frauen, tief herabgewÅrdigt haben. Stattdessen geht es um eine neue Heiligung der

Welt gemÄÉ der matriarchalen Vorstellung, dass die ganze Welt mit allem, was darin

und darauf ist, gÇttlich ist. Das fÅhrt dazu, auch alles auf eine kreative, freie Weise

wieder zu ehren und zu feiern: die Natur mit ihren Erscheinungen und Wesen und

die Ordnung der menschlichen Gemeinschaften. Letzteres geschieht, indem einmal

die Frauen, einmal die MÄnner, dann wieder die Alten oder die Kinder mit ihren jeweils

besonderen FÄhigkeiten, ihrer jeweils besonderen „WÅrde“, geehrt und gefeiert

werden. Auch jeder Schritt auf dem Weg, den wir tun, um eine neue egalitÄre Gesellschaft

zu finden, ist ein Fest wert. Denn jeder dieser Schritte ist ein StÅck neuer

Frauengeschichte, die der Welt ein Beispiel geben kÇnnte, wie die ganze Menschheit


Der Beitrag der Matriarchatsforschung

Heide Göttner-Abendroth

glÅcklicher leben kann.

Auf diese Weise kann matriarchale SpiritualitÄt alles und jedes durchdringen und

wird wieder ein normaler Teil aller Tage werden. Zugleich zeigt sich in ihr das Prinzip

der matriarchalen Toleranz, denn niemand muss an etwas „glauben“. Denn sie

ist kein Dogma, keine Lehre auf dem Boden „heiliger“ BÅcher, sondern die unaufhÇrliche,

vielfÄltige Feier des Lebens und der sichtbaren Welt.

Ich nenne die Vision, die alle diese Eigenschaften integriert, ein matriarchales Modell.

Einem Modell selbst wohnt kein Zwang inne es zu befolgen, denn nur in HerrschaftszusammenhÄngen

werden Modelle mit Zwang durchgesetzt. In freier Kommunikation

ist ein Modell eine klare Idee, und es kann als praktischer Leitfaden fÅr

eine bessere Zukunft freiwillig angenommen werden, um verschiedene alternative

Bestrebungen und Aktionen zu integrieren.

Nach meiner Auffassung werden von den heutigen alternativen Bewegungen viele

Schritte getan, die implizit zu dem matriarchalen Modell, das hier gegeben wird,

tendieren. Diese Bewegungen breiten sich, im weltweiten MaÉstab gesehen, immer

rascher von unten aus, wie








die verschiedenen sozialen Bewegungen,

die Çkologischen Bewegungen,

die diversen Friedensbewegungen,

die verschiedenen Frauenbewegungen,

die Bewegungen indigener VÇlker,

die BÅrgerbewegungen,

die Gemeinschaftsbewegungen.

1 Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat, - Bd. I. Geschichte seiner Erforschung, - Bd. II,1.

Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien ; - Bd. II,2. Stammesgesellschaften in A-

merika, Indien, Afrika ; Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1989 – 2000.

2

Genevieve Vaughan: For-Giving. A Feminist Criticism of Exchange, Plain View Press and Anomaly

Press, Austin 1997-2002.; The Gift, A Feminist Analysis (Hg.), Athanor book, Meltemi editore,

Roma 2004. Women and the Gift Economy (Hg.), Inanna Publications, Toronto/Canada 2007.

Autorin: Dr. Heide Goettner-Abendroth

www.hagia.de ; www.goettner-abendroth.de


Internationales Kultur– und Wohnprojekt Greifswald

von Jan Holten

Das Internationale Kultur- und Wohnprojekt (IKuWo e.V.) ist Mittelpunkt einer besonderen

Stadtteilstruktur. Als Verein, welcher den interkulturellen Austausch auf allen Ebenen

befÇrdern sollte, wurde er im Jahr 2000 als Wohnprojekt und Ort des AufklÄrungs-, Aktions-

und Kulturbetriebes in einer alten Villa Greifswalds gegrÅndet und steht nun am

Scheideweg. Nach Jahren des àmterkampfes kommt ihm in den nÄchsten sechs Monaten

eine europÄische FÇrderung in HÇhe von 700.000,- € zu Gute. MÇglich ist dies durch das

Programm „Soziale Stadt“ (ESF) auf der einen Seite und den strukturellen Wandel der

letzten 15 Jahre in der Greifswalder Innenstadt auf der anderen Seite, bei welchem das

IKuWo eine besondere Rolle spielte und spielt.

Greifswalds Altstadt fiel in den 40 Jahren DDR zu fast 80 % dem Abriss zum Opfer. Nach

der Wende war erst ab Mitte der 90er Jahre der GroÉteil der immobilen BesitzverhÄltnisse

geklÄrt und verschiedene Programme und Interessen des Wiederaufbaus konnten

greifen. SchwerpunktmÄÉig galten die BemÅhungen den historischen Bauten, der Neubebauung

und der FÇrderung des lokalen BeschÄftigungsmarktes.

Seit Mitte der 90er entwickelten sich daneben die ersten festen Strukturen auf dem Vereinssektor.

Insbesondere die junge Hausbesetzerszene und die spÄter daraus hervorgehenden

Interessengruppen gaben die entscheidenden Impulse dafÅr, das soziokulturelle

Leben in freien, aber auch kommunalen TrÄgerschaften zu entwerfen, zu leben und als

solches zu etablieren. MedienwerkstÄtten, Veranstaltungs- und BegegnungsrÄume,

Jugendzentren, Musikplattformen, Nahrungsmittelkooperativen, Menschenrechtsinitiativen

usw. entstanden.

Jetzt, fÅnfzehn Jahre spÄter zeigt sich folgendes Bild: Die jahrelangen Kooperationen

verschiedener Gruppen verknÅpfen die anfÄnglich auf einzelne Zielgruppen und Arbeitsfelder

versierte Arbeit zu einer Art soziokulturellem Netz, welches in bestimmtem MaÉe

selbst organisiert und –verwaltet ist. Ein GroÉteil dieser Arbeit geschieht durch eigene

Finanzakquise und einem enorm hohen Anteil finanziell nicht vergÅteter Arbeit.

Das IKuWo hat sich in dieser Entwicklung als treibender Motor bewiesen und gilt inzwischen

als Plattform in vielerlei Hinsicht. Als SchwerpunktmÄÉige Arbeits- und Funktionsbereiche

des IKuWo mÅssen genannt werden:





ein gastronomischer Begegnungsraum als Çkonomisches Standbein des Vereins

der Personenkorpus, bestehend aus einer Wohngemeinschaft, aktiven Vereinsmitgliedern,

sowie anderen Interessengruppen und Sympathisanten die Veranstaltungsorganisation

und –DurchfÅhrung in den eigenen vier WÄnden und an

Çffentlichen PlÄtzen der Stadt

die thematischen Koalitionen mit losen und festen Interessengruppen

die wechselseitige Verknüpfung von individuell-lebensweltlichen Aspekten mit

Aspekten einer Gemeinschaft, deren Erhalt als grundlegend gilt

Die „Gemeinschaft“ ist seit Bestehen des Projektes ein Arbeitsbegriff und wird so in seiner

Praxis verstanden und diskutiert. Zu deren Erhalt trÄgt der Einzelne durch sein Tun

bei, denn diese Gemeinschaft ermÇglicht dem Einzelnen einen Handlungsraum, den wir

gemeinhin als „Freiheit zum Tun“ bezeichnen. Gemeinschaft in diesem Sinne bedeutet

die (Selbst-)Definition einer Gruppe, die sich an ethischen Diskursfragen orientiert, dabei


Internationales Kultur– und Wohnprojekt Greifswald

von Jan Holten

gemeinsame Handelsmaxime entwirft und daraus praktische Lebensgestaltung betreibt.

Diese Gemeinschaft konstatiert sich immer wieder neu im aktuell Politischen.

Die Frage des Grundeinkommens ist wichtig fÅr uns, denn das bisher interessengeleitete

Engagement von Einzelnen im Gemeinschaftsbetrieb muss erweitert werden um

eine finanzielle oder materielle VergÅtung von geleisteter Arbeit. Das so genannte

„Ehrenamt“ reicht nicht mehr aus, um den AnsprÅchen des laufenden Plattform- und

Kulturbetriebes gerecht zu werden. Die individuelle Absicherung des Einzelnen liefert

die Grundlage fÅr die Gemeinschaftsgenese im konstitutiven und institutionell Åbergreifenden

Sinne.

Versteht man die Arbeits- und Funktionsweise des IKuWo in der kommunalen Struktur,

zeigen sich AbhÄngigkeiten, die nicht unerheblich fÅr die Zukunft des soziokulturellen

Lebens Greifswalds sind: Mit dem Jahr 2008 fallen jÄhrliche ZuschÅsse der EU in HÇhe

von 100.000,- € weg, das Programm „Soziale Stadt“ zur FÇrderung „strukturschwacher

Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf“ lÄuft aus, Çffentliche Dienstleistungsstellen

auf dem Sozialsektor werden weiter gekÅrzt – im Geflecht von Sozialarbeit,

kommunaler Politik und KulturÇkonomie gilt das Grundeinkommen hier quasi als eine

Art „Erhaltungszahlung fÅr die Soziokultur“ – nicht nur fÅr das IKuWo, sondern eben

auch fÅr die in den letzten 15 Jahren sich entwickelnden Einzel- und Gruppeninteressen.

Die Frage der Grundversorgung muss deshalb nicht allein in schon bestehende oder in

ihrem Ansatz bestehende Selbstversorgungsstrukturen, wie das IKuWo, gestellt werden,

sondern betrifft den gesellschaftstragenden Sektor – das Soziale – schlechthin.

Ich bin sehr gespannt auf die unterschiedlichsten Sichtweisen auf und zwischen Lebenspraxis-

und Theorie.

Autor: Jan Holten

Internationales Kultur- und Wohnprojekt (e.V.),

www.ikuwo.de; janholten@gmx.net


13 durchaus widersprüchliche Assoziationen zum Thema

von Johannes Heimrath

1.) Vor 35 Jahren dachte ich, so kann es mit der Welt nicht weitergehen. Seitdem staune

ich Åber die ElastizitÄt der herrschenden Kultur (Kapitalismus, Militarismus, nichtpartizipative

Demokratie etc.). In den Siebzigern waren wir sicher, „das System“ werde

nicht mehr lange durchhalten. Wir warteten auf den Crash, der spÄtestens nach der LektÅre

von „Grenzen des Wachstums“ angesagt war. – Alles, was bereits damals unhaltbar

erschien, gibt es noch, und dazu Neues, Schlimmeres. Warum gibt es nicht das, was wir

wollen?

2.) Die Hoffnung, die Dynamik, mit der wir uns auf eine globale Ressourcendiktatur zubewegen,

sei noch zu bremsen, ist im gÅnstigen Fall utopisch (wenn sich die kulturkreative

StrÇmung zur WeltbÅrgerbewegung formiert), im ungÅnstigen Fall eine Illusion

(wenn es nicht gelingt, die kulturkreativen KrÄfte zu bÅndeln).

3.) Die Zahlen, die wir derzeit fÅr das Entstehen einer kulturkreativen StrÇmung in den

westlich geprÄgten Gesellschaften haben, liegen zwischen 25 und 35 Prozent der BevÇlkerung.

Allerdings hat erst ein FÅnftel dieses Potenzials damit begonnen, sich an lebensfÇrdernden

Werten neu zu orientieren, und davon ein Zehntel lebt bereits danach.

4.) Wir mÅssen uns von der Vorstellung verabschieden, der globale Wandel kÇnnte in

kleinen Schritten und in einzelnen Segmenten erfolgen. Es braucht einen gewaltigen

Ruck, der sÄmtliche gesellschaftlichen Bereiche vom Kopf auf die FÅáe stellt. Es wird

nicht gehen ohne eine zivile Revolution.

5.) Bewirkt nur ein globaler Crash, dass sich alle Bereiche zugleich revolutionieren?

6.) Crash wie zivile Revolution kÇnnen nicht nur durch die katastrophale Überdehnung

der auseinanderstrebenden gesellschaftlichen Dynamiken herbeigefÅhrt werden, sondern

auch dadurch, dass unsere Gedanken eine kritische Masse derjenigen Menschen

mobilisieren, die sich bereits heute auf die Zeit danach vorbereiten. Gemeinschaften

kommt in den Regionen die Vorreiterrolle zu. Die weltweit Hunderttausenden von Netzwerken

haben kaum bereichsÅbergreifende Querverbindungen aufgebaut. Die AnfÄnge

dazu liegen in der Region: Hier mÅssen die Gemeinschaften Weberschiffchen spielen.

7.) Zu welcher Gesellschaft fÅhrt die zivile Revolution? WÅrden wir sie integriert nennen?

Wenn ja, heiát das, dass auch diejenigen KrÄfte, die zum heutigen Zustand der Welt gefÅhrt

haben und die dem Wandel nach unseren Vorstellungen widerstreben, wertgeschÄtzt

und gewÅrdigt werden? Ist es das, wovon Gemeinschaften heute trÄumen?

Wenn nicht, ist dann nicht jede „integrierte“ Gesellschaft TrÄumerei?

8.) Gemeinschaften sollten sich mit aller Kraft ruhig und unaufgeregt auf den Crash vorbereiten

und lebensfÇrdernde Impulse setzen (matriarchale Politikformen, Subsistenzwirtschaft,

SchenkÇkonomie, Regiogeld, Grundeinkommen mit oder ohne Bedingungen,

freie Bildung, neue Arbeit, Salutogenese etc.)

9.) Die Zivilgesellschaft ist die grÇáte schlafende Macht der Welt. Die Weisheit der Kulturen

ist die grÇáte ungenutzte Ressource der Welt. Gemeinschaften mÅssen sich als Mitochondrien

der Zivilgesellschaft und als FÇrderbÄnder fÅr die Weltweisheit begreifen

lernen. Das ist ein grÇáerer Anspruch, als bloá Impulsgeber zu sein.


13 durchaus widersprüchliche Assoziationen zum Thema

von Johannes Heimrath

10.) Appelle nÅtzen nichts. Nur das unabgelenkte, selbstsichere (= sich seiner selbst

im Spiegel der anderen jederzeit rÅckversichernde, ansonsten vollkommen sicherheitslose)

Tun nÅtzt. Man darf nicht danach schielen, ob und wie viele Mitmenschen

sich anstecken lassen.

11.) Vor 30 Jahren habe ich gemeinsam mit einigen Menschen eine – wie man heute

sagt – intentionale Gemeinschaft gegrÅndet. Wir nannten es Wahlfamilie. Die sieben

GrÅnder leben noch immer zusammen, und die Familie besteht heute aus 25 Menschen

in vier Generationen. Diese Lebenspraxis zeigt zweierlei: (1) Man kann neue

Lebensformen finden, die ein HÇchstmaá an Verbindlichkeit entfalten und sogar vererbbar

sind. (2) Dies erfordert ein derart fundamentales Sich-aufeinander-Einlassen,

derartig radikale innere Arbeit und zugleich eine hÇchst undeutsche Leichtigkeit und

Freiheit von sÄmtlichen Ismen, dass die gewonnenen Erfahrungen kaum Åbertragbar

sind. Die Einsicht, dass man ein liebender, sich selbst sehr gut kennender und sich

selbst und alle anderen bedingungslos annehmender Mensch sein muss, um Gemeinschaft

dauerhaft und in der Generationenfolge gelingen zu lassen, fÅhrt weit

weg vom Hedonismus, von der âkoromantik und der modischen ScheinspiritualitÄt

vieler LOHAS-Kosumenten, die Gemeinschaft heute „ganz spannend“ finden.

12.) Eine auf Grundeinkommen basierende Gesellschaft setzt das Auswechseln einiger

Erz-Metaphern voraus, die unser Denken und FÅhlen dominieren. Wir sollten die

Religionen verpflichten, sÄmtliche aggressiven, diskriminierenden und angstmachenden

Aussagen in ihren heiligen Schriften zu tilgen. Zugleich sollten die Gemeinschaften

ihren eigenen Wortschatz von den Formeln und Metaphern bereinigen, die den

alten Geist fortpflanzen.

13.) Wir sind die erste Generation in der Geschichte der Menschheit, von deren Entscheidungen

es abhÄngt, ob wir auch die letzte sein werden. SALT I war vor 35 Jahren

– heute sind noch immer 32.000 nukleare SprengkÇpfe auf Raketen montiert,

von denen 4.000 in stÄndiger minutenschneller Gefechtsbereitschaft gehalten werden.

Das degradiert selbst den Klimawandel zum Problemchen. Wie radikal wollen

wir denken? Gemeinschaften – wie werden wir mehr? Grundeinkommen – wieso Å-

berhaupt Geld? Regionalentwicklung – wie verschaffen wir uns eine Basisautonomie

(Restautarkie)? Impulsgeber – wie wecken wir Lust auf die zivile Revolution? Integrierte

Gesellschaft – gehÇren dazu auch diejenigen, die an den roten StartknÇpfen

sitzen, und diejenigen, die sich bereits heute die Quellen angeeignet haben, aus denen

demnÄchst der Åberwiegende Teil der Menschheit seinen Durst wird stillen mÅssen?

Autor: Johannes Heimrath; www.johannesheimrath.de, jh@humantouch.de


Konzept für das Praxisexperiment Bürgergeld bzw. tätiges

Grundeinkommen

von Maik Hosang

1. Ziele



das seit ca. 2 Jahren zunehmend diskutierte Bürgergeld bzw. Grundeinkommen

zu testen (da großgesellschaftliche Umsetzungen nicht möglich

sind ohne praktische Erfahrungen und empirische Antworten auf die zentralen

Streitfragen: Ist es finanzierbar? Verleitet es zu Faulenzerei oder

motiviert es eigenaktive Tätigkeit mit gesellschaftlichem Nutzen?)

besonders inwieweit es menschliche Belebungseffekte für strukturschwache

und demografisch schwierige Orte ermöglicht (in Anlehnung an Aussage

von MP Prof. Georg Milbradt, dass die Zukunft der Region Oberlausitz/Niederschlesien

neue Ideen quer zu bisherigen Ressorts braucht).

2. Kooperationspartner für die Rahmenbedingungen




Bautzner Landrat Michael Harig und Stellv. Dr. Wolfram Leunert

Amt für Arbeit und Soziales (AFAS) Bautzen, Frau Yvette Härtlein

Verein Neue Lebensformen e.V. Hochkirch, Dr. Maik Hosang

3. Hintergrundbedingungen

1. Der Gegenstand menschlicher Tätigkeit sollte individuell frei wählbar und gleichwertig

gesellschaftlich anerkannt sein. Denn gesellschaftlich nützliche Tätigkeit

ist nicht nur Lohnarbeit, sondern auch Versorgung/Erziehung von Kindern und

gemeinnützige Tätigkeit für soziale, ökologische, bildende oder forschende

Zwecke.

2. Jeder kann seine Kreativität und Tätigkeitsbedürfnisse zum eigenen materiellen

und seelischem Wohl, dem Wohl seiner Verwandten und Freude und dem

Wohn aller beliebig entfalten, wenn dabei ökologische und soziale (rechtliche)

Rahmenbedingungen gesichert sind.

3. Wichtig ist eine menschlich unmittelbare gesellschaftliche Einbettung, z.B. im

Rahmen von Vereinen oder Nachbarschaftsverband, da nur so die für Eigenmotivation

wesentliche individuelle Anerkennung durch andere gewährleistet ist.

4. Bürgergeld bzw. Grundeinkommen sollte Nahrung, Kleidung, Wohnung, sowie

elementare Gesundheits-, Kommunikations- und Kulturbedürfnisse abdecken.

Die verschiedenen Expertenentwürfe zum Grundeinkommen schwanken zwischen

800-1500 Eur für Erwachsene, je nachdem welche Lebensansprüche und

Steuerungsformen zugrunde gelegt werden. Wenn Rentenversicherung (die bei

GE perspektivisch wegfällt), Krankenversicherung und Miete (und damit ein Gesamtwert

von ca. 400 Eur) im Sozialsystem organisiert bleiben, setzen wir den

verbleibenden individuellen Grundbedarf (IG) vorläufig auf 420 Eur je Person.

Konkrete Rahmenbedingungen für Teilnehmer über das AFAS Bautzen:

1. Die Sondersituation eines kleinen Experiments kann großgesellschaftlich denkbare

Rahmenbedingungen (z.B. reales Grundeinkommen oder negative Einkommenssteuer

etc.) nur beschränkt realisieren. Daher braucht es Sonderlösungen,

die diese Rahmenbedingungen funktional ersetzenDas Experiment umfasst vorerst

eine beschränkte Zeit (zwei Jahre) und eine begrenzte Anzahl (ca. 20) frei-


Konzept für das Praxisexperiment Bürgergeld bzw. tätiges

Grundeinkommen

von Maik Hosang

willig dazu bereiter langzeitarbeitsloser Personen im Rahmen und Umfeld des

Vereins Neue Lebensformen e.V. Durch die hier bereits vorliegenden Organisations-

und Motivationserfahrungen freier TÄtigkeit ist die unter 2.3. genannte

Einbettung gewÄhrleistet.

2. SGB 2 ermÇglicht zusÄtzlich zur Grundsicherung von 342 EUR gemeinnÅtzige

TÄtigkeit mit AufwandsentschÄdigung. Durch eine Halbtags-MAE (78 Eur pro

Monat) werden die angestrebten 420 EUR erreicht.

3. Die MAE fÅr 20 Personen wird mit Sachkosten (zur TÄtigkeitsfÇrderung) und Organisationspersonalkosten

(zur menschlichen und forschenden Begleitung) ausgestattet

(inklusive AufwandsentschÄdigung ca. 280 € monatlich pro Teilnehmer).

4. Die ohne weitere RÅcksprachen mÇglichen TÄtigkeiten entsprechen dem Katalog

gemeinnÅtziger TÄtigkeit des Steuerrechts (soziale, Çkologische, bildende und

forschende TÄtigkeiten ohne Konkurrenzsituation zu Unternehmen des ersten

Arbeitsmarkts).

5. Insofern Teilnehmer im Laufe der Zeit Talente und MÇglichkeiten eigenstÄndiger

wirtschaftlicher TÄtigkeit entwickeln, ist dies durch entsprechende Formen abzugrenzen:

ganz oder teilweise wirtschaftliche SelbstÄndigkeit, bzw. berufliche Anstellungen

oder Minijobs. Verrechnung dabei erzielter Einnahmen gemÄÉ geltender

SGB2-Richtlinien.

Begleitforschung





Um das Experiment Åber unmittelbare Umfeldeffekte hinaus gesellschaftlich

relevant zu machen, wird es durch einen Forschungsprozess teilnehmender

Beobachtung begleitet. Dazu gehÇren folgende Forschungsmethoden:wÇchentlich

dokumentierte Selbstreflexion der Teilnehmer Åber ihre eigenen

Motivationen, WiderstÄnde, TÄtigkeiten, Erfolge etc. (als Aufgabe im

Rahmen eines halben „1€-Jobs“);

RegelmÄáige Tiefeninterviews durch Begleitforscher;

JÄhrliche Zwischen- und Gesamtauswertung der Ergebnisse durch externe

Forscher;

Die Begleitforschung wird organisiert durch das Institut fÅr SozialÇkologie

Hochkirch in Kooperation mit anderen Wissenschaftlern.

Autor: PD Dr. Maik Hosang, Institut fÅr integrierte SozialÇkologie; Pommritz,

Mail: maik@hosang.com , www.lebensgut.de


Die Kraft der Vision

von Prof. Dr. Margrit Kennedy

Nach den vielen guten BeitrÄgen, die mich in den letzten Monaten erreichten, habe ich

mich gefragt, was ich zur Vorbereitung des Symposiums beitragen kÇnnte und sah,

dass es vielleicht nÅtzlich wÄre, meine Hoffnungen, die ich mit dem Treffen verknÅpfe

genauer zu formulieren. Dabei sind mir die folgenden zwei Aspekte wichtig geworden:

1. Die Konkretisierung der Visionen, die wir haben, und das Herausfinden inwieweit

sie sich überschneiden oder ähneln.

2. Die deutliche Unterscheidung zweier Wege, die der Umsetzung dieser Visionen

dienen können.

Über die Kraft von Visionen

Seit Jahren erlebe ich immer wieder wie schnell sich meine Visionen realisieren. Das

Bild einer Permakultur im Gegensatz zur modernen Landwirtschaft, wie ich es 1982

gezeichnet habe und welches nach der Ausstellung im Rahmen der Internationalen

Bauausstellung 1984 heute in Eingang unseres Hauses hÄngt, entspricht in so vieler

Hinsicht dem, was vor unserer HaustÅr im Lebensgarten Steyerberg seit 1985 tatsÄchlich

entstanden ist, dass ich immer wieder verblÅfft bin.

Heute sehe ich, dass es weder die Selbstversorgung ist, wie ich sie mir vor 25 Jahren

vorgestellt habe, noch die „moderne“ Landwirtschaft mit ihrem Ressourcenverschleiá

sondern etwas, was dazwischen angesiedelt ist, eine kleinrÄumigere Çkologische Landwirtschaft.

Das habe ich – auch weil es schwieriger darzustellen ist - noch nicht gezeichnet

aber mehrfach beschrieben.

Die Erfahrung mit der zuerst anvisierten GrÇáenordnung war auch ein Grund, warum

ich von den Tauschringen - wie ich sie zweimal hier Steyerberg in den 90er Jahren (mit

nur temporÄrem Erfolg) initiiert habe - 2002 zu dem Konzept der RegionalwÄhrungen

Åbergegangen bin. Die Region ist fÅr mich als GrÇáenordnung fÅr ein komplementÄres

Geldsystem stimmiger, denn wir brauchen – wenn es ums liebe Geld geht – eine gewisse

Professionalisierung, und die ist erst ab einer bestimmten GrÇáe mÇglich. (Wo

nun die Ober- und Untergrenzen fÅr eine optimale GrÇáenordnung genau liegen, ist mir

bisher allerdings noch nicht klar.)

Kaum hatte ich das Konzept der auf Gutscheinen basierten RegionalwÄhrung 2002 -

auf der letzten unserer insgesamt vierzehn jÄhrlichen Veranstaltungen zum Thema

„Geldreform“ hier in Steyerberg - zum ersten Mal erwÄhnt, kam Christian Gelleri auf

mich zu und sagte: „Das machen wir.“ Innerhalb eines Jahres entstand nicht nur das

zweite frÅhe Modell (das erste gab es schon in Bremen – wie sich spÄter herausstellte)

sondern es kam bereits - ein Jahr spÄter im September 2003 - das erste Netzwerktreffen

mit 24 interessierten Initiator/Innen zustande. Und heute – nach 5 Jahren – gibt es

22 Initiativen, die schon eine eigene WÄhrung herausgegeben haben, etwa 30 weitere,

die das planen und den Regiogeld- Verband, der die gemeinsamen Treffen, den Informationsaustausch

und die Auáendarstellung organisiert. Ich kÇnnte hier noch andere

Erfahrungen mit dem - manchmal fast zu schnellen - Eintreffen von Visionen schildern,

und wÄre deshalb froh, wenn wir uns gegenseitig unsere Visionen mitteilen wÅrden,

weil ich glaube, dass ein Traum, den viele trÄumen, eine groáe Kraft entwickelt, wahr

zu werden.


Die Kraft der Vision

von Prof. Dr. Margrit Kennedy

Zu den Bestandteilen meiner Gesamt-Vision gehÇren natÅrlich:








komplementÄre RegionalwÄhrungenverbunden mit einer Re-Regionalisierung

der Wasserversorgung und all dem, was wir zum Überleben brauchen

ein bedingungsloses Grundeinkommen

die neue Arbeit, die wir wirklich, wirklich wollen

eine neue politische Struktur, die das SubsidiaritÄtsprinzip endlich praktikable

anwendbar macht

die FÇrderung von unterschiedlich strukturierten Gemeinschaften

religiÇse Überzeugungen, die sich nicht einbilden, die einzig richtigen zu sein

ein achtsamer Umgang mit einander und dem Planeten, auf dem wir unsere

Heimat haben.

und viele andere Aspekte, die aufzufÅhren hier zu weit fÅhrt. Eigentlich - meine ich -

muss alles neu gedacht und umgebaut werden: unsere Erziehung, unsere Gesundheits-

und Altersvorsorge, Architektur und StÄdtebau usw. usf.

Vieles, von dem, was Heide GÇttner-Abendroth in den frÅhen Matriarchaten entdeckt

hat, gehÇrt zu meiner Gesamt-Vision. Wesentlich scheint mir, dass wir uns die Erfahrungen

mit der Umsetzung unserer Visionen mitteilen, und zwei grundsÄtzlich verschiedene

und doch einander ergÄnzende Wege zu ihrer Realisierung besprechen.

Wege zur Realisierung

Der erste Weg baut auf Experimenten und Forschung, auf Daten und Fakten und

Vergleichen auf. Es ist der Weg der langsamen und beharrlichen VerÄnderung in kleinen

Schritten. Das was ich und viele andere seit Åber 25 Jahren mit unseren Arbeiten

in Richtung Çkologisches Planen und Bauen oder Geld– und Bodenreform machen,

ist wichtig und richtig – gar keine Frage. Doch es gibt einen zweiten Weg, der mir bisher

weniger deutlich war.

Das ist der Weg der plÇtzlichen und schnellen VerÄnderung durch unerwartete Krisen.

In dieser Hinsicht habe ich von den neo-konservativen Gruppen und Politikern in

den USA gelernt. Hier denkt man langfristig, handelt aber erst dann, wenn die „Zeit

reif“ ist. Die tausend Seiten umfassende Notstandsgesetzgebung - zum Beispiel - lag

4 Jahre lang in der Schublade. Eine Woche nach den 9/11 Ereignissen wurde sie der

Regierung vorgelegt beraten und verabschiedet.

Liberale Gruppen und Politiker hingegen forschen hÄufig Åber fÅr sie relevante Themen

und verÇffentlichen diese - wenn die Forschungsergebnisse vorliegen - egal ob

„die Zeit reif ist“ oder nicht.

Es wÄre mir deshalb wichtig, wenn wir uns darÅber verstÄndigen kÇnnten, ob und in

wieweit wir die vorhersehbaren Krisen „nutzen“ wollen, um unsere – zumeist radikalen

- Ziele leichter umzusetzen. Dass wir in einer Krisenzeit leben, darin dÅrften wir

Åbereinstimmen. Welche Antworten wir auf Naturkatastrophen, auf WÄhrungszusammenbrÅche,

auf Seuchen, auf Lebensmittel- und Wasserknappheit haben, das kÇnnte

eine interessante Diskussion sein.


Die Kraft der Vision

von Prof. Dr. Margrit Kennedy

Man stelle sich vor, nach den Verwüstungen durch den Hurricane Katharina, hätte

es in den USA ein ausgearbeitetes Konzept für den Wiederaufbau einer nachhaltigen

Stadt gegeben, welches die Klimaaspekte in vorbildlicher Weise erfüllt hätte,

und von ganz verschiedenen Gruppen unterstützt worden wäre... Sicher gibt es alle

Bestandteile eines solchen Konzepts in den Schubladen von NGOs, Universitäten

und Forschungseinrichtungen. Doch sie waren nicht auf ein solches Ereignis vorbereitet.

Vielleicht können wir aus solchen verpassten Chancen auch lernen.

Autorin: Prof. Margit Kennedy; E-Mail: margrit@monneta.org

Exposé für das Symposion des Forums für Integrierte

Gesellschaft

von Gandalf Lipinski

Wir teilen sowohl das Erleben der gegenwärtigen Desintegration wie den Wunsch,

konkrete Alternativen zu entwickeln. Wir finden es richtig und wichtig, die bereits

vorhandene praktische Erfahrung im Aufbau von Gemeinschaften und die verschiedenen

konzeptionellen Ansätze kritischer Gesellschaftsentwürfe zusammenzuführen.

Allzu oft erleben wir in unserer Vernetzungsarbeit, wie Gemeinschaften sehr mit sich

selbst beschäftigt bleiben und die verschiedenen Kräfte, die am Aufbau integraler

Politik und nachhaltiger Demokratiereformen arbeiten, manchmal zu konzeptionellen

Abgehobenheiten neigen.

Dabei mÅssten eigentlich die verschiedenen DemokratiereformansÄtze, Bestrebungen

nach StÄrkung der direkten Demokratie, die Entwicklung regionaler LebensrÄume,

regionaler WirtschaftskreislÄufe und –WÄhrungssysteme, Konzepte der gegliederten

Demokratie und die ErmÇglichung selbstbestimmter und lebensdienlicher Arbeit

durch gesicherte Grundeinkommen in eine Zusammenschau gebracht werden.

Wenn man all diese AnsÄtze konsequent weiterdenkt taucht immer wieder die Frage

nach der Grundeinheit einer nachhaltig-demokratischen und integrierten Gesellschaft

auf.

Existierende und neu zu begrÅndende Gemeinschaften wÄren die natÅrlichen VerbÅndeten

dieser Bewegung und kompetente ZukunftswerkstÄtten fÅr die anstehende

gesellschaftlichen Transformationen.

Mit meinem Thema „àsthetik des Sozialen – Demokratiereform und Gemeinschaft“

versuche ich seit fast zwei Jahren in VortrÄgen und Workshops bei dynamik5, Holon


Exposé für das Symposion des Forums für Integrierte

Gesellschaft

von Gandalf Lipinski

und den „Violetten“ in Richtung dieser Zusammenschau zu wirken. Dabei stoÉe ich immer

wieder auf zwei PhÄnomene:



genussvoll gepflegte Vorurteile einander gegenÅber (z.B. zwischen historisch-politisch

und eher „wissenschaftlich“ bis „links“ orientierten einerseits

und ganzheitlich-spirituell und eher Erfahrungs- und am menschlichen Miteinander

orientierten andererseits) und

eine zum Teil naive bis erschreckende Ahnungslosigkeit, was die historischen

Tiefendimensionen unserer gegenwÄrtigen Gesellschaftsstrukturen

angeht. Gerade in Deutschland, wo auf eine beispiellos vitale, ganzheitliche

und vielfÄltige Lebensreformbewegung vor ca 100 Jahren immerhin der

Nationalsozialismus folgte, kann man sich die eigentlich nicht mehr leisten.

Ein Geschichtsbewusstsein, welches Åber die KlÄrung des eigenen VerhÄltnisses zu Papa

und Mama hinausreicht, scheint mir unverzichtbar. Beispiel : der radikale Feminismus

Åbersetzte „Patriarchat“ platt und falsch mit Herrschaft der MÄnner Åber die Frauen,

was es den etablierten Meinungsmachern recht leicht machte, die AnwÅrfe an sich

abperlen zu lassen. Wenn wir es aber in seiner historische RealitÄt begreifen, wÅrden

wir es als „Herrschaft (des einen) Åber..“ begreifen und im Gegenzug die mutterrechtlichen

Kulturen nicht einfach als eine Art umgekehrtes Patriarchat sondern als Gemeinschaftskultur

schlechthin erkennen kÇnnen.

Und wenn wir die Essenzen der Zeit „Vor dem Patriarchat“ zum Beispiel mit denen a-

narchistischer Traditionen oder auch der Lebensreformbewegung in Zusammenhang

bringen, wÅrde das unser VerstÄndnis fÅr die wirkliche Bedeutung von Gemeinschaften

im Zusammenhang einer nachhaltig demokratischen Gesamtgesellschaft erheblich befruchten.

In diesem Sinne bringe(n) ich (wir) mich (uns) seit einiger Zeit ein in: unser eigenes

Projekt: Modellsiedlung SOMMERLAND – wie wir wirklich leben wollen; die BeitrÄge

unter der Rubrik HOLON in KursKontakte (siehe besonders Nr. 151-155); Tagungen

und Konferenzen in Zusammenarbeit mit dynamik5, dem Netzwerk Holon und der Partei

„die Violetten“ (Exposã meines letzten Vortrags liegt bei). Aktuell bereiten wir gemeinsam

mit den genannten Organisationen zum Zwecke der Synergie unseren großen

Kongress Integrale Politik vom 03. bis 10.08.2008 in Vorarlberg vor, zu dem wir

das Forum für eine integrierte Gesellschaft hiermit nochmals ganz herzlich einladen.

(Vor-Einladung liegt bei).

Schaffung ganzheitlicher Erfahrungsräume: Unser eigenes Konvergenz-Labor (Flyer

liegt bei), Seminare Körpertheater und Rituelles Spiel, Systemorientierte Theatertherapie

im Rahmen der Deutschen Gesellschaft für Theatertherapie

Autor: Gandalf Lipinski, Konvergenz-Gesellschaft für ganzheitliche Wahrnehmung, Bewusstseinsentwicklung

und Tiefenökologie e.V. , 32699 Extertal in St.Arbogast, Vorarlberg,

Tel+Fax: 0043 (0) 5262 99 55 30


Anregung für das Symposion: "Gemeinschaften zwischen

Grundeinkommen und Regionalpolitik als Impulsgeber für eine

integrierte Gesellschaft" von Wolfram Nolte

Wenn man das VerstÄndnis einer integrierten Gesellschaft – wie Kai Ehlers sie definiert

zugrunde legt, dann ist das eine Gesellschaft, in der die Existenz eines jeden Menschen

gesichert ist, in der jeder Mensch sich in einer selbst gewÄhlten Gemeinschaft

geborgen fÅhlt, in der der einzelne seine Talente frei entfalten und betÄtigen kann, in

der das in Jahrtausenden gemeinsam geschaffene Kapital auch gemeinsam genutzt

wird. Integriert sind dann die verschiedenen bis gegensÄtzlichen Interessen der Vielen

durch die Befriedigung der BedÅrfnisse eines Jeden nach Sicherheit, ZugehÇrigkeit,

Selbstverwirklichung und Sinn. Folgen wir dieser inspirierenden Vision, so stellt sich die

Frage: Was macht Gemeinschaften zu Impulsgebern fÅr eine solche Gesellschaft, haben

sie gar eine besondere Kompetenz fÅr einen solchen Diskurs?

Wie die NGOés nehmen sich auch die Gemeinschaften der verschiedensten Themen

an, fÅr die nach neuen zukunftsfÄhigen LÇsungen gesucht werden muss. WÄhrend die

jeweiligen NGOés sich auf eines oder wenige Themen focussieren und fÅr diese auf der

regionalen, nationalen oder globalen Ebene nach LÇsungen suchen, haben es Gemeinschaften

mit der ganzen Bandbreite der Themen im Alltag zu tun. Sie ergÄnzen also die

Arbeit der Åbrigen NGOés um die existentielle Dimension und geben deren Konzepten

den notwendigen Erfahrungsbezug. Ihre im Alltag erprobte Erfahrung gibt ihnen eine

besondere Kompetenz fÅr den gesellschaftlichen Diskurs.

Gemeinschaften haben eine besondere Bedeutung als Experimente für eine zukunftsfähige

Wirtschafts- und Arbeitsweise

In den meisten Gemeinschaften wird versucht, so Çkologisch wie mÇglich zu produzieren

und zu konsumieren. Die Arbeitsweise ist weniger stressig und fremdbestimmt als

in den gesellschaftlichen Arbeitsprozessen. In funktionierenden Gemeinschaften ist es

selbstverstÄndlich, dass niemand um seine Existenz fÅrchten muss. Es gibt so etwas

wie eine Grundsicherung durch die SolidaritÄt der Gemeinschaft. DarÅber hinaus gibt

es in einigen Gemeinschaften eine gemeinsame âkonomie (Einkommen und/oder VermÇgen

umfassend) nach dem Motto:" jeder nach seinen FÄhigkeiten – jedem nach seinen

BedÅrfnissen" (z.B. Kommune Niederkaufungen, Club99 im âkodorf sieben Linden).

Dazwischen gibt es die verschiedensten Formen einer solidarischen PrivatÇkonomie.wesentlich

und nachhaltig bestimmt (I-Damanhur). Leider ist festzustellen, dass

diese potentiellen Impulse weder von den Gemeinschaften noch von NGOés oder staatlichen

Institutionen in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung angemessen wahrgenommen

werden.

Wie können diese Impulse bekannt und wirksam werden?

Die Darstellung in Presse, Fernsehen, Rundfunk krankt immer noch unter dem Klischee

der liebenswÅrdigen aber spinnerten Aussteigerprojekte. Die publizistische

Selbstdarstellung kÇnnte durch gemeinsame Projekte verbessert werden: BÅcher, Filme,

Tourneen, Festivals, Kulturveranstaltungen, die aufzeigen, dass diese Projekte

sich in der Rio-Nachfolge als zukunftsfÄhige Alternativen zur Gesellschaft verstehen.

Dabei gilt es, sich intensiv mit den Vorurteilen des Kollektivismus und der InselmentalitÄt

auseinanderzusetzen (s. Studie ZukunftsfÄhiges Deutschland).

Informationen und Argumente allein werden nicht reichen. Es wird notwendig sein,

den Menschen Anschauung und Erfahrung zu bieten durch Tage der offenen TÅr,


Anregung für das Symposion: "Gemeinschaften zwischen

Grundeinkommen und Regionalpolitik als Impulsgeber für eine

integrierte Gesellschaft" von Wolfram Nolte

Gelegenheiten des Mitlebens- und Mitarbeitens. Gemeinschaften sollten in Zukunft stärker

als bisher die Aufgaben von Lebensschulen übernehmen und die Qualifikationen für

den Aufbau ähnlicher sozial-ökologischer Lebensformen vermitteln - wie z.B. die Durchführung

des EDE-Kurses (Ecovillage Design Education) mit TeilnehmerInnen aus vielen

Ländern in diesem Jahr in Sieben Linden und im Zegg.

Zusammenarbeit der akademischen und lebenspraktischen Gemeinschaftsforschung,

um die gelebten Antworten mit den relevanten gesellschaftlichen Fragestellungen

zu verbinden, den Transfer ins Große zu ermöglichen, denn es geht ja nicht einfach

um Vervielfachung der Projekte, sondern darum, aus den vielen Projekten den paradigmatischen

Anteil für die Lösung der großen Probleme herauszuarbeiten.

Die Zusammenarbeit mit den NGOås sollte seit den Versuchen in den 90er Jahren

(Frieden mit der Erde, N.E.P.A.L.) wieder aufgenommen werden. Angesichts der Folgen

des Klimawandels hat sich die Einsicht bei vielen verstÄrkt, dass eine Effizienzrevolution

durch eine Suffizienzrevolution ("einfach gut leben") ergÄnzt werden muss, die "ohne

Not" nur dann Erfolg haben wird, wenn der soziale und kulturelle Gewinn den materiellen

Verzicht leicht macht.

Die Diskussion um das Grundeinkommen als materielles Sicherheitskonzept sollte stÄrker

eingebettet werden in Konzepte einer verÄnderten Wirtschafts- und Arbeitweise (z.B. H.-

P. Studer: "MaÉwirtschaft der LebensfÅlle", s. kurskontakte.de) und unterlegt werden mit

den entsprechenden Erfahrungen aus Gemeinschaften. Auch die kulturelle und politische

Komponente sollte deutlich und offensiv herausgestellt werden ("Die Angst muss von der

Erde verschwinden", Gorbatschow). Angesichts von Ñl-Peak und Klimawandel sollten die

Gemeinschaften sich stÄrker auf die regionale Vernetzung und Kooperation konzentrieren.

(s. die Artikel von John Croft und Jonathan Dawson in eurotopia,

www.kurskontakte.de). Hilfreich wÄre hier sicherlich ein verstÄrkter Austausch der Gemeinschaften

untereinander Åber die unterschiedlichen Erfahrungen, um besser mit den

Schwierigkeiten vor Ort fertig zu werden.

Neue Aufgabe fÅr die Sozialpolitik: weg von der Verwaltung von Armut – hin zur FÇrderung

des Aufbaus kleiner sozialer Netze, die sich selbst verwalten. Verbindung des

Grundeinkommens mit der Motivierung und beratenden UnterstÅtzung zur Integration in

bestehende oder den Aufbau neuer sozialer Netze. Zu diesen zÄhlen auch die informellen

Netze wie Nachbarschaften, Freundeskreise, alternative Szenen, Kiez etc. Traditionelle

soziale Beziehungsformen wie Familie, Arbeits-Teams etc. sollten durch Stärkung der

Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten der Mitglieder mit gemeinschaftlicher E-

nergie "aufgeladen" werden. Dazu sind kompetente Beratungsteams auch aus den Gemeinschaften

zu engagieren.

Last but not least geht es um eine (r)evolutionäre Perspektive: um die Emergenz

eines gesellschaftlichen Gemeinschaftsfeldes: die Transzendenz des Ego-Bewusstseins

zu gemeinschaftlichem Denken, Fühlen und Handeln bis hin zu einer ganz neuen Stufe

gemeinschaftlicher Kompetenz (Kollektive Intelligenz, Gaia-Bewusstsein, integraler Geist

einer integrierten Gesellschaft). Aber das ist ein eigenes Thema.

Autor: Wolfram Nolte (eurotopia-Redaktion, Ñkodorf Sieben Linden) Ñkodorf Siebenlinden,

web: www.eurotopia.de; eMail: eurotopia.wn@siebenlinden.de


Globale Dörfer!

von Franz Nahrada

Es gibt viele die glauben, die TragfÄhigkeit unseres Planeten sei erschÇpft und die

Menschen seien einfach zu viele. In der Tat hat es den Anschein, als sei die Grenze

erreicht, an der weltweit genug sauberes Wasser, reine Luft, nahrhafte Lebensmittel

und genÅgend Lebensraum fÅr alle zur VerfÅgung stehen. Die globale ErwÄrmung

kompliziert eine ohnehin schon zum Zerreiáen angespannte Situation, in der Gewalt

und Kriege um Ressourcen zum Normalzustand zu werden drohen und sich reiche Eliten

immer rascher von der massenhaft sich in Armutssituationen hineinbewegenden

Mehrheit der Menschen entfernen.

Die urbane Kultur der Industriegesellschaft wird zunehmend durchsetzt von Ghettos,

die dritte Welt ist Åberall. WÄhrenddessen wird weiter in stÄndig steigendem Umfang

Reichtum produziert, der alle Charakteristika von Luxus und Verschwendung trÄgt,

aber auch Reichtum, der ÜberlebensfÄhigkeit vortÄuscht. Die gewaltigen KrÄfte der

Industrie und die Logistik der planetaren Arbeitsmaschine kÇnnen das Elend der vielen

hundert Millionen nicht nur nicht verhindern, sie verstÄrken es vielmehr durch ihren

Ressourcenhunger und ihre fatale Entwertung der menschlichen Arbeitskraft ins Unermessliche.

Der Versuch, Åber ein Grundeinkommen diese Situation zu mildern trÄgt

alle ZÅge einer milden Schizophrenie: die erzwungene UntÄtigkeit des einen Teils

Menschheit soll durch eine gelingende Ausbeutung des anderen Teils kompensiert

werden. Doch genau diese Ausbeutung ist prekÄr; Kapital ist teuer; der Weltmarkt ein

Schlachtfeld; Ballast muss stÄndig abgeworfen werden.

Das ist die eine Seite. Nur sie zu sehen ist fatal, das wissen wir alle. Mein Ansatz ist,

radikal auf die andere Seite hinzuweisen. Toffler nannte es die "Dritte Welle" oder das

"Prosumenten-Zeitalter", McLuhan sprach vom radikalen Gegensatz zwischen dem

zentralisierenden Industriekonzept und dem dezentralisierenden Automationskonzept.

Unser Alltag ist eigentlich voller Dinge, die uns in die Lage versetzen, selber zu tun,

wofÅr frÅher eine spezialisierte Funktion notwendig war. Dezentralisierte Produktion ist

keine ferne Utopie mehr wie Maos Volkskommunen, sondern tagtÄgliche RealitÄt.

WÅrde sie entkoppelt vom Imperativ einer Produktionsschlacht und dem Kampf um

den geringsten Kostpreis, wÄre sie eingebettet in einen wirklichen Lebenskreislauf –

wir wÄren frei von den MÅhen, Plagen und Sorgen sowohl des Vorindustriellen als

auch des Industriellen Zeitalters !! Die Energie und Materie auf diesem Planeten reicht

dafÅr bei weitem aus, wenn wir aufhÇren, uns bei der Erde wie das Kind an der Brust

einer Milchmammi aufzufÅhren und stattdessen mit der Natur gemeinsam an der Reproduktion

ihrer Gaben arbeiten.

Die Aufgabe ist nicht leicht: sie anzufangen vor allem nicht. Ein immenses Geschick,

RÄume und Ressourcen gegen ihre wirtschaftliche Vernutzung zu sichern, Menschen

zu bilden und Wissen Åber die komplexen KreislÄufe umzusetzen in eine andere, sanfte

Technik, die jener der Pflanzen Ähnelt, die beim Assimilieren der Photonen Berechnungen

anstellen, die einem Quantencomputer Ähneln. Das alles im Rahmen und unter

der Bedingung einer galoppierenden planetaren Krise wie oben beschrieben; keine

zweihundert Jahre Zeit, sondern maximal zwanzig; das kÇnnen isolierte, lokale Gemeinschaften

fÅr sich alleine genommen keineswegs schaffen. Deswegen die Rede

von Globalen DÇrfern. Wir mÅssen uns diese gewaltige Aufgabe teilen, uns spezialisieren,

unsere Wissensfortschritte einander mitteilen, unsere AnsprÅche fokussieren. Das

Ziel das wir uns stecken ist nicht mehr und nicht weniger als alles was wir gebrauchen


Globale DÖrfer!

von Franz Nahrada

in einem Kreislauf der Wertsteigerung und Wiederverwendung zu bringen, statt AbfÄllen

NÄhrstoffe hervorzubringen, unsere HÄuser zu Kraftwerken und Sauerstoffgeneratoren

zu machen, und in unser lokales Leben SchÇnheit und Abenteuer zu bringen.

Konkret? Jede Gemeinschaft sollte Åber ein Lernzentrum, einen Zugangs- und Lernort

verfÅgen, sollte forschen, frei mitteilen, umsetzen. Jeder Ort, an dem wir uns zu

gemeinschaftlichem Leben entschlieáen, sollte eingebettet werden in globale Netzwerke

der Kooperation und des Austausches von Wissen. Fernes Ziel ist es, in jeder

der autonomen Regionen dieses Planeten ein zufrieden stellendes Leben mit den

vorhandenen Gaben der Natur zu fÅhren und gemeinsam die Verantwortung zu Å-

bernehmen dass dies mÇglich wird. Wie gesagt, keine leichte Aufgabe.. Anfangen

sollten wir damit hier und heute, und es gibt fÅr diesen Wissensaustausch einige

sehr effektive Technologien. Davon mÇchte ich auf der Veranstaltung mehr erzÄhlen.

Autor: Franz Nahrada, Forschungslaboratorium GIVE, Wien, Moderator der

Dorfwiki-Internetplattform Tel.: 0043 1 278 7801, f.nahrada@reflex.at , http://

www.dorfwiki.org/wiki.cgi;

Eine kurze Vorstellung von Longo Mai – Wir Åber uns

von Mathias Weidman, Claudia Rachlor

Es ist nicht mÇglich, die dreiáigjÄhrige Geschichte von zunÄchst 20, dann 50, dann

100 und schlieálich 200 Menschen, ihrer Kinder und aller AktivitÄten in kurzen Worten

zu schildern. Wir mÇchten Ihnen hier einige Anhaltspunkte geben und hoffen,

dass Sie sich ein wenig in unsere Utopie einfÅhlen kÇnnen.

Die GrÅnder von Longo maè nahmen aktiv teil an der Revolte in den Jahren um

1968. Sie erlebten die Methoden ihrer Kriminalisierung, die EinfÅhrung der Drogen

zur EinschlÄferung, die Angebote fÅr die Willigen zur Integration. Wir machten uns

Gedanken Åber die sogenannte Wirtschaftskrise am Anfang der siebziger Jahre, die

Verlagerung ganzer Industriezweige in die armen LÄnder, die Modernisierung der

Gesellschaft. Wir sahen darin ein stÄndig wachsendes Heer von Arbeitslosen, die

AufrÅstung Europas fÅr weltweite militÄrische Interventionen, revoltierte Jugendliche

und AuslÄnder in der Rolle von SÅndenbÇcken fÅr den Abbau sozialer und demokratischer

Rechte, - eine Vision, die damals nicht viele mit uns teilten. Der Aufruf der

„68-er“ zu Selbstverwaltung in allen Bereichen setzte sich nur in wenigen von

Schlieáung bedrohten Betrieben durch, und so machten wir uns auf den Weg, unsere

Ideen von Selbstbestimmung, SolidaritÄt und freier MeinungsÄuáerung zu verwirklichen.

Wir wÄhlten dafÅr die schon stark entvÇlkerten Berg- und Randgebiete

Europas.


Eine kurze Vorstellung von Longo Mai – Wir Åber uns

von Mathias Weidman, Claudia Rachlor

Der occitanische Gruá „Longo maè“ – es mÇge lange dauern – kam hinzu, als wir provenzalischen

Boden unter den FÅáen hatten. Wir grÅndeten unsere erste europÄische

Kooperative auf einem brachliegenden HÅgel in SÅdfrankreich im Jahr 1973.

Damals wie heute werden Kleinbauern in Europa im Namen des Fortschritts von vollmechanisierten

Agrarbetrieben verdrÄngt, auf anderen Kontinenten verursacht dieser

Prozeá eine regelrechte Landflucht, die nicht selten mit Waffengewalt erzwungen

wird. Der Boden verliert seine Bedeutung als Lebensgrundlage und wird zum Spekulationsobjekt,

wie alle anderen Rohstoffe. Jahrhunderte alte Erfahrungen verschwinden.

Es ist nicht einfach, wieder Zugang zum Boden zu gewinnen und einen anderen Umgang

mit dem Wasser, dem Saatgut, der Vielfalt von Pflanzen und Tieren zu lernen,

Fertigkeiten bei der Verarbeitung, Konservierung und Lagerung der Produkte wieder

zu erlangen und eigene Kriterien bei der Nutzung von Energie und Technologie zu

entwickeln. All das bildet unsere eigentliche Lebensgrundlage, die sich mit jeder Erfahrung

verÄndert und stÄndig neu angestrebt werden muá.

Eng verbunden damit ist das gemeinschaftliche Leben. Jeder bringt seine BedÅrfnisse

und WÅnsche mit, aber im Gegensatz zu dem immer stÄrker werdenden Individualismus

in der Gesellschaft, suchen wir nach einem Zusammenleben, das einen Freiraum

schafft fÅr Gastfreundschaft, SolidaritÄt und selbstgewÄhlte Auseinandersetzungen

mit der Gesellschaft.

Heute bestehen von den zahlreichen begonnenen Projekten neun Kooperativen, wovon

die meisten in Frankreich liegen, jeweils eine in Deutschland, der Schweiz, âsterreich

und der Ukraine. Land, GebÄude und Produktionsmittel sind unser gemeinsamer

Besitz. Um dies auch fÅr zukÅnftige Generationen zu sichern, wurde die Stiftung

„EuropÄischer Landfonds“ mit Sitz in der Schweiz gegrÅndet.

Zwischen den Kooperativen besteht ein reger persÇnlicher Austausch, dazu kommen

sogenannte „interkooperative“ Treffen. Der Umgang mit Minderheiten in der Gesellschaft

hat uns gelehrt, ohne Abstimmungen zu leben. Im Vordergrund steht die

Selbstversorgung; sie wird durch Austausch von Produkten zwischen den Kooperativen

oder im Tausch mit befreundeten Projekten ergÄnzt. ÜberschÅsse werden in der

Umgebung oder im Freundeskreis von Longo maè als fertige Produkte direkt vermarktet

oder getauscht. Dazu kommt die Nutzung lokaler Energiequellen und der Bau von

HÄusern mit den natÅrlich vorhandenen Baustoffen. Es gibt keine Lohnarbeit und jede

Gruppe hat eine gemeinsame Kasse. Wichtig ist nicht die kurzfristige RentabilitÄt einer

TÄtigkeit nach den Kriterien des Marktes, sondern ihr Sinn innerhalb unserer AktivitÄten.

Übersteigen Investitionen oder Vorhaben die KrÄfte einer Kooperative, so stehen

sie zur Diskussion, und wir suchen gemeinsam nach FinanzierungsmÇglichkeiten

oder anderen LÇsungen. Eine Finanzierung durch Banken lehnen wir in der Regel ab

und suchen vielmehr einen breiten RÅckhalt unter Freunden fÅr jedes Vorhaben.

Zu den bewusst unwirtschaftlichen AktivitÄten gehÇren die zahlreichen Reisen zwischen

den Kooperativen, der Empfang von Jugendlichen, die stÄndige Aus- und Wei-


Eine kurze Vorstellung von Longo Mai – Wir Åber uns

von Mathias Weidman, Claudia Rachlor

terbildung und natÅrlich alle Formen der SolidaritÄt. Longo maè hat seit seiner GrÅndung

zahlreiche gesellschaftliche Initiativen mit anderen lanciert; die bekanntesten sind die

EuropÄische FÇderaêtion Freier Radios, das EuropÄische Komitee zur Verteidigung von

FlÅchtlingen und Gastarbeitern und das EuropÄische BÅrgerforum.

Longo maè dauert und das ist in der heutigen Zeit keine SelbstverstÄndlichkeit. Ob es

weitere dreiáig Jahre bestehen wird, hÄngt nicht nur von uns ab. Die Jugendlichen, die

zu uns kommen, mÅssen selbst ihre Lehrjahre und ihr Zusammenleben bestimmen, sich

mit den Erfahrungen der älteren auseinandersetzen und umgekehrt. Longo maè ist nicht

ein fÅr alle Mal erfunden worden, sondern bleibt das gemeinsame Projekt von Menschen

unterschiedlicher Herkunft, Generationen und Kulturen, aus dem immer wieder neue Initiativen

entstehen. Longo maè kann aber auch nicht auáerhalb der gesellschaftlichen

Entwicklung bestehen. Unsere Zukunft ist verbunden mit all denjenigen, die sich der Vereinzelung

der Menschen, der Vermarktung der Natur und des Zusammenlebens verweigern.

AutorInnen: Mathias Weidmann (Sale); Claudia Rachor - ulenkrug@t-online.de

Gemeinschaft & bedingungsloses Grundeinkommen

Von Karl-Heinz Meyer

Nach der Einladung von Kai Ehlers, einen Text zu diesem Thema zu schreiben, fiel mir

wochenlang wenig ein fÅr die Verbindung der beiden Begriffe Gemeinschaft & Grundeinkommen,

zumal ich auch zwischen den beiden sozialen Bewegungen (der Gemeinschaftsscene

und denjenigen die sich mit der Diskussion ums Grundeinkommen befassen)

wenig BerÅhrungspunkte sah.

Dann kam mir das Stichwort „Gemeinsame Åkonomie“ in einigen Gemeinschaften.

Dort gibt es also bereits das Grundeinkommen oder zumindest die Versorgung mit allem

Lebensnotwendigen und meist auch etwas mehr. Bedingungslos ist es meist nicht, da

sich die Gemeinschaftsmitglieder ja auch an Arbeitszeiten, Arbeitsinhalte etc. halten

mÅssen. Die wÉnschenswerte Entkoppelung von Arbeit und Einkommen ist also

auch in den meisten Gemeinschaften noch nicht verwirklicht. Aber da die Gemeinschaften

kleiner sind als der Staat, kÇnnen individuelle BedÅrfnisse z.B. nach Umfang und Art

der Arbeit eher vorgebracht und berÅcksichtigt werden. Siehe dazu das Kapitel

„Sinnvolle GrÑÖe von Gemeinschaften/ Staaten“ in meinem Buch „Zukunftswerkstatt

Gemeinschaftsprojekte“.


Gemeinschaft & bedingungsloses Grundeinkommen

Von Karl-Heinz Meyer

Eine gemeinsame Aufgabe bei der Realisierung des bedingungslosen Grundeinkommens

sowohl in der Gesellschaft als auch in den Gemeinschaften sehe ich darin, stÄndig

fÅr ein Gleichgewicht zwischen den beiden Polen Individuum und Gemeinschaft/Gesellschaft

zu sorgen:



Der einzelne Mensch braucht Freiheit & EntfaltungsmÇglichkeiten und hat

die Pflicht zur Selbstverantwortung.

Gemeinschaft/Staat dient der Sicherheit und Versorgung der Mitglieder,

u.a.derjenigen die nicht selbst fÅr sich sorgen kÇnnen. DafÅr braucht die

Gemeinschaft/der Staat ein Minimum an Regeln und Abgaben der Einzelnen.

Dieses Gleichgewicht ist gut zu vergleichen mit Kommunismus und Kapitalismus, die

beide einen positiven Kern in sich haben: SozialfÅrsorge im Kommunismus sowie individuelle

EntfaltungsmÇglichkeiten im Kapitalismus. Aber in den real existierenden kommunistischen/

kapitalistischen Staaten ist der jeweils andere Pol zu sehr eingeschrÄnkt,

so dass das System dem Leben nicht mehr gerecht wird:



im Kommunismus: durch Schlagseite zugunsten des Staates werden individuelle

EntfaltungsbedÅrfnisse unterdrÅckt.

im Kapitalismus: Durch Schlagseite zugunsten des Ego wird das fÅreinander

da sein immer mehr eingeschrÄnkt.

In beiden Systemen muss entweder auf ein neues Gleichgewicht hingearbeitet werden

oder es kommt zu Krieg oder Revolution.

Gleichgewicht Individuum – Gemeinschaft in heutigen Gemeinschaften

Eine MÇglichkeit dieses Gleichgewicht zu erreichen, ist die Wahl der passenden

Rechtsformen in den Gemeinschaften. Sehr gut beschrieben ist dies in dem Buch

„Alternativen zu Mietwohnung und Eigenheim“*, geschrieben von einem Rechtsanwalt

und einem Finanzexperten der GLS Gemeinschaftsbank:

Das GemeinschaftsgrundstÅck sollte der Gemeinschaft gehÇren (oder einer gemeinnÅtzigen

Stiftung die mit den Zielen der Gemeinschaft Åbereinstimmt) und die Gemeinschaft

vergibt Erbbaurechte an die BewohnerInnen und Betriebe der Gemeinschaft.

Vorteil fÅr die Gemeinschaft: Sie kann einen Rahmen festlegen (z.B. baubiologische

Bauweise, keine rechtsextremen AktivitÄten auf dem GelÄnde, Gewinnabgabe an die

Gemeinschaft...) und bestimmen, wer Nachfolger des Erbbaurechtsnehmers wird. Dadurch

kann auch verhindert werden, dass gemeinschaftlich geschaffene Wertsteigerungen

beim Ausstieg Einzelner privat abgeschÇpft werden.


Gemeinschaft & bedingungsloses Grundeinkommen

Von Karl-Heinz Meyer

Vorteil fÅr einzelne Bewohner/Betriebe: Im oben erwÄhnten Rahmen kÇnnen Sie mit

ihrem Haus/Wohnung/BetriebsstÄtte genauso frei verfÅgen wie mit Eigentum.

Mich interessiert von euch LeserInnen, welche anderen Konstruktionen (nicht nur

rechtliche) ihr kennt, um das beschriebene Gleichgewicht zu erreichen – sowohl in

Gemeinschaften als auch auf Staatsebene. Leider kann ich aus terminlichen GrÅnden

nicht am Kongress teilnehmen, wÅrde mich deshalb Åber schriftliche / telefonische

Feedbacks oder Besuche freuen.

Autor: Karl-Heinz Meyer, âkodorf Institut; seit 1980 Beratung bei Gemeinschaftssuche/-grÅndung*

Dipl.-Ing. Karl-Heinz Dieter Meyer, Alpenblickstr.12;

www.gemeinschaften.de Fax 07764-933388

Lebens(t)raumgemeinschaft Jahnishausen:

Gemeinschaften zwischen Grundeinkommen und

Regionalentwicklung als Impulsgeber fÅr eine integrierte

Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn alle zusammen träumen, ist

es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.

Helder Camara

Dieses Motto unserer Gemeinschaft drÅckt unseren Wunsch, unser Bestreben, unser

Ziel aus: wir wollen an einer neuen Wirklichkeit in einer integrierten Gesellschaft

mitwirken.

Ein paar Informationen zu unserer Gemeinschaft:

Sieben Frauen Åber 50 ersteigerten 2001 das ehemalige Rittergut Jahnishausen. Sie

grÅndeten sofort eine Genossenschaft, die nun die EigentÅmerin der Liegenschaft

ist. Aktuell sind 30 Erwachsene und 4 Kinder zwischen 6 Monaten und 72 Jahren am

Platz. Das GelÄnde ist 3,5 ha groá, es bietet Raum fÅr ca. 70 Leute. Bisher ist die

Energieversorgung, die Entsorgung und vom vorhandenen GebÄudebestand ein Teil

nach aktuellem Çkologischem Standard saniert, der groáenteils denkmalgeschÅtzte

Rest der Bauten wartet noch darauf. Der Garten wird biologisch bearbeitet.

Wie sehen wir uns in Bezug auf das Grundeinkommen?

Das Grundeinkommen kÇnnte eine groáe Hilfe fÅr uns sein! Einige von uns haben

mit ihrer (bescheidenen) Altersrente etwas BGE-Ähnliches und kÇnnen sich dementsprechend

frei an allen ‚Prozessen‘ beteiligen. Uns umgibt viel Arbeit, viele Aufga-


Lebens(t)raumgemeinschaft Jahnishausen:

Gemeinschaften zwischen Grundeinkommen und Regionalentwicklung

als Impulsgeber fÅr eine integrierte Gesellschaft

ben, denen wir uns gerne zuwenden wollenen, und oft reicht uns das Geld nicht!

SelbstverstÄndlich haben und brauchen wir Kredit, selbstverstÄndlich wollen wir ihn tilgen

und mÅssen wir ihn verzinsen. Die GLS-Bank ist unsere Hausbank, so dass uns

zugute kommt, dass viele Sparer dieser Bank mit geringer oder gar keiner Verzinsung

einverstanden sind, und wir daher auch geringere Zinskosten tragen. Das BGE kÇnnte

uns eine sicher(er)e Grundlage geben und uns erleichtern zu arbeiten.

GrundsÄtzliche Anmerkungen zur Finanzierung oder zum organisatorischen Aufwand

des BGE: Es gibt durchgerechnete Varianten (Katholischer Arbeitnehmer Bund KAB

z.B. (http://www.kirche-im-bistum-aachen.de/kiba/dcms/traeger/0/kab-dioezesanverband-aachen/Kampagnen/index1.html).

In den Staaten des “alten Europa” mit ihren

entwickelten Verwaltungsstrukturen und Melde- und Bankwesen ist die DurchfÅhrung

ohne Probleme mÇglich. Steuern fÅr die Nutzung der Naturressourcen (Ähnlich z.B. der

MineralÇlsteuer), aber mit direkter AusschÅttung des Aufkommens an die BÅrgerInnen

kÇnnten einen Beitrag zur Finanzierung des BGE leisten und gleichzeitig Ressourcenschutz

vorantreiben. Die wirklich massiven Hindernisse fÅr ein BGE sehen wir momentan

in einem noch weitverbreiteten (unklaren) Denken des “Leistungsbegriffs” und in

einem “zerstÇrerischen” Menschenbild. Unsere Praxis setzt an beidem an, um es weiter

zu entwickeln.

Wie sehen wir uns in Bezug zur Regionalentwicklung?

Wir sind ein Novum, ein Kristallisationskern – mit groáem Potential, aber noch im Anfang!

D.h. wir werden noch mit Vorbehalt betrachtet, wir sind noch nicht integriert. Unser

Lebensstil wird (noch) als exotisch, z.T. als luxuriÇs, z.T. als Spielwiese, z.T. als

prekÄr betrachtet. Die Çkologische Ausrichtung unseres Platzes ist selbstverstÄndlich

auch Teil einer angestrebten Regionalentwicklung durch dezentrale nachhaltige Energie-

und Lebensmittelversorgung sowie handwerkliche Arbeiten aus eigenen KrÄften

und aus der Region. Ein “anderes Arbeiten” Åben wir bereits mit “1-€-KrÄften” durch die

Vermittlung der Stadt Riesa. Es zeigt deutlich die ZwiespÄltigkeit der aktuellen Situation:

einerseits Druck, EinschÅchterung, Lohnsenkungsmechanismen; andererseits die

MÇglichkeit zu Arbeit zum beiderseitigen und allgemeinen Nutzen: Die Arbeit hat Sinn:

sie dient der Bewahrung von erhaltenswertem Bestand und der Ressourcenschonung,

sie ermÇglicht eine Erfahrung von QualitÄt, die fÅr beide Seiten (Gemeinschaft und 1-€-

Leute) neu und sehr schÇn ist.

Sind wir Impulsgeber für eine integrierte Gesellschaft?

Ganz sicher – nur haben wir manchmal das GefÅhl, dass unsere KrÄfte hin und wieder

nicht reichen fÅr das, was wir alles wollen: Wir streben die Integration von jung und alt,

von Frauen und MÄnnern, von Ost und West an. Gerade das “Abenteuer Alter” bis zum

Tod bewusst in unser Leben mit einzubeziehen, ist auch fÅr uns selbst noch neu.

Gleichzeitig versuchen wir das Ziel bereits durch Kontakte zu den traditionellen Institutionen

anzugehen. Wir sind davon Åberzeugt, dass wir da ein ganz wichtiges gesellschaftliches

Feld bearbeiten. Wir nehmen uns extra Zeit fÅr “Gemeinschaftsbildung” –

und eigentlich muss jetzt jemand kochen und das Dach reparieren und sich um die Kinder

kÅmmern, der Konsens ist noch immer nicht gefunden und der Umgang von Person

A mit B und der von C mit sich selbst ist fÅr D und E schwer ertrÄglich, die alte Rechnung(!)

ist nicht aufzufinden, das Kompostklo will geleert werden, die Planung fÅr den


Lebens(t)raumgemeinschaft Jahnishausen:

Gemeinschaften zwischen Grundeinkommen und Regionalentwicklung

als Impulsgeber fÅr eine integrierte Gesellschaft

neuen Bauabschnitt ruft – und jetzt ist auch noch jemand krank geworden! Und unsere

Auáenkontakte und Auáenwirkung wollen wir doch auch pflegen. Wir hoffen und wÅnschen,

dass wir durch das Symposium zur Auáenwirkung beitragen und fÅr unsere eigene

Entwicklung – individuell und als Gemeinschaft – etwas gewinnen kÇnnen.

Die nordamerikanische Gesellschaft ist mÇglicherweise schon nÄher dem Ende ihrer

AutorInnen: Alwine Schreiber-Martens; www.ltgj.de; Alwine.Schreiber-

Martens@INWO.de

Urban Agriculture und community gardening als eine Eine-

Welt-Bewegung

von Elisabeth Meyer-Renschhausen

Geschichte als von auáen sichtbar ist. Wenn man sich zu Fuá oder per Rad durch die

innerstÄdtischen Ghettos und Slums begibt, sieht man ein verblÅffendes Ausmaá von

Zerfall, Armut und Elend. Armut ist harte RealitÄt fÅr bald ein Drittel der amerikanischen

BevÇlkerung. 10 % der Amerikaner leiden laut Statistik sogar Hunger. Weder die Bundesregierung

noch die Kommune machen Anstalten, greifende Konzepte zur BekÄmpfung

der wachsenden Not der Geringverdienenden zu installieren.

Gleichzeitig aber fÅhrt diese Krise zu erstaunlichen Paradoxien. Inmitten von verkommenen

Stadtteilen entstehen seit der 90er Jahre in verstÄrktem Maáe neue, ?grÅne?

Nachbarschafts- und Selbsthilfebewegungen, die deshalb erfolgreich sind, weil sie sozusagen

von ganz unten wieder anfangen. Sozial-Abenteurer, in New York gerne

„artists“ and „activists“ genannt, bestellen zusammen mit Ghetto-Kids aus den Slums,

in der Mehrheit farbige Jugendliche oder Migrantenkinder, innerstÄdtische Brachen mit

GemÅse. Dazu grÅnden sie lokale GemÅsemÄrkte fÅr die mit Frischem unterversorgte

ArmutsbevÇlkerung.

Über ihr Tun entdecken sich sowohl die „activists“ als auch die Ghetto-Kids plÇtzlich als

Teil einer weltweiten Umweltschutzbewegung und es macht sie stolz, auf ihre Art und

Weise zum Erhalt der Einen Welt beitragen zu kÇnnen. Dank Community gardening

und Subsistenzlandwirtschaft in der Stadt kommen so viele Jugendliche benachteiligter

Minderheiten mental und meistens dann auch praktisch zum ersten Mal in ihrem Leben

aus den Ghettos heraus. Die ewige Krise wird als Chance begriffen. Es kann wohl angenommen

werden, dass diese neue Gartenbewegung, dieses neue Engagement fÅr

Subsistenz und Urban Agriculture, Klimaschutz kombiniert mit frischem GemÅse fÅr die

Obdachlosen, mehr zur Wiederherstellung des Friedens in den InnenstÄdten beitrÄgt,

als zahlreiche andere PrÄventionsprogramme. Hierzulande wird erlebt diese urban agriculture

und community gardening Bewegung als Engagement fÅr interkulturelle GÄrten

einen neuen Aufschwung. In den "schrumpfenden" StÄdten des Ostens einschlieálich

Ostberlins entstehen immer mehr solcher internationaler GÄrten und auch dort kommen

viele der Mitarbeitenden so aus Arbeitslosenisolation und Perspektivlosigkeit heraus.

Die Notwendigkeit, sie zu verteidigen gegen Administrationen die mit BÅrgerengagement

noch nicht viel anfangen kÇnnen, politisiert diese Bewegung hier Ähnlich wie bisher

in den USA.

Autorin: Elisabeth Meyer-Renschhausen ist freischaffende Journalistin und Privatdozentin

an der Freien UniversitÄt Berlin www.urbanacker.net


Gedanken zu Gemeinschaften Grundeinkommen Impulsgeber

integrierte Gesellschaft

von Hermann Prigann

Gemeinschaften..

die Erscheinungsformen von Gemeinschaften in unserer europäischen . Geschichte und

nur diese sind für mich bei der Themenstellung relevant, sind vielfältig. Ihre Lebens und

Produktionsformen jeweils geprägt vom historischen Umfeld. Oft als Alternative gedacht,

als in der Gesamtgesellschaft existierender Freiraum, meistens Solidargemeinschaften

mit ideologischem bis religiösen Hintergrund. Der Impulsgeber zur Gründung der meisten

dieser Gemeinschaften war und ist augenscheinlich ein UNWOHLSEIN mit und in

den realen Verhältnissen und oft der Versuch ein neues gemeinschaftliches MEN-

SCHENBILD zu entwickeln.

Ihr Schicksal ist bisher das Scheitern. Die Idee jedoch wird sich immer wieder an den

bleibenden WIDERSPRUECHEN neu zu realisieren versuchen.

...Prinzip Hoffnung…

Ist es der zur innovativen Kreativität treibende Widerspruch zwischen den immer existierenden

nonkonformen Minderheiten und der konformen Mehrheit...Gesetz der Evolution,

unser Überlebensgesetz...

Wieweit ist Verständigung möglich zwischen Menschen die Lebenslust in und durch kritische

Hinterfragung erfahren und denen, die solches Unterfangen als Bedrohung ihres

Status Quo erleben.

Warum verschwanden die solidarischen und humanistischen Grundprinzipien z.B. der

frühchristlichen Gemeinschaften, als das Christentum zur Staatsreligion wurde.

Wie ist die innere Dynamik von idealen Ideen von Minderheiten erdacht wenn sie denn

das gesamte Raster gesellschaftlicher Wechselwirkungen erfassen?

Oder Sinn der Impulsgeber für BESSERE VERHAELTNISSE ist die Integration dieser

Ideen und praktischen Versuche in die Mühlen der VERWERTBARKEIT der gesellschaftlichen

Widersprüche...es gibt nur OFFENE WEGE.

Woher kommt der Impuls die WELT...MUTTER ERDE...die MENSCHEN retten zu wollen,

oder gar zu müssen....?

Ist es der immerwährende Versuch in Gemeinschaft gegen die Ohnmacht, des ins Leben

Geworfenseins, anzugehen.

Grundeinkommen.

Was geschieht wenn das Geld zum Spielgeld wird? Wie wird der Wert von Arbeit an o-

der für eine Sache verändert, wenn Geld zwei Ebenen von Wertigkeit bekommt?

Welche Einstellungen des Einzelnen über seine Existenz in der Gruppe gemeint alle Dimensionen

dieser Form des Zusammenlebens bis zur Nation Volk etc. müssen vorausgesetzt-erworben

werden, damit bei einem RECHT auf Grundeinkommen - Alimentation

- die Möglichkeit von Weiterbildung und Engagement nicht zu Ungunsten billigen Konsums

und letaler bis psychischer Abhängigkeit enden.

Was zeigt sich im sozio-kulturellen Verhalten, von heute schon alimentierter Gruppen.

Impulsgeber sollte sein.. Sender und Empfänger in Einem Setzt voraus, dass Impulsgeber

auch und zuerst die Widersprüche in der materiellen Welt selbst erfahren und durchschaut

hat. Wer will das von sich behaupten?


Gedanken zu Gemeinschaften Grundeinkommen Impulsgeber

integrierte Gesellschaft

von Hermann Prigann

Ergo, Impulsgeber ist ein Versuchstierchen in Gesellschaft mit anderen Versuchstierchen

und impulsiv bis explosiv wird versucht POSITIVE Impulse ins gesellschaftliche

Umfeld abzusenden. Entscheidend ist wohl welche Fragen fÅhrten zu welchen LÇsungsvorschlÄgen

Beides - Fragen, wie L.-vorschlÄge kÇnnen wir als Erkenntnis- oder

Glaubensimpulse charakterisieren - erleben. Ergo, was hat der Impulsgeber Åber seine

EmpfÄnger fÅr Erkenntnisse Oder anders - ist eine sinnvolle Analyse der aktuellen Situation

der Zivilgesellschaft mÇglich.

Integrierte Gesellschaft. In was integriert?

Wer integriert was - wie, in welche Gesellschaft. Was ist auáerhalb einer solchen Gesellschaft?

INTEGRIERT - alle Teile eines gedachten Ganzen fÅgen sich zusammen.

Daher klare Kontur - eine Sinn-Ordnung scheinbar erreicht.

DESINTEGRIERT - viele Teile eines noch nicht gedachten Ganzen bewegen sich eher

chaotisch. Daher keine Kontur - jedoch Strukturen in Bewegung - keine Mitte - ein geordnetes

Ende nicht abzusehen.

Meine Wahrnehmung meiner selbst im miteinander mit den Vielen um mich herum und

deren Verhalten untereinander und mir zugewandt...zeitweilig, ergibt die Erkenntnis von

PrÄgungen menschlichen Seins in und durch seine Geschichte, die eine evolutionÄre

innere BegrÅndung hat.

Die GrÅndung unseres Seins liegt im WIDERSPRUCH zum VORGEFUNDENEM.

Widerspruch erzeugt Reibung, kommt zur Hinterfragung - zum Zweifel -- hier sind viele

mÇgliche Richtungen sich zu entscheiden - man kann den Spuren der PrÄgung folgen

und die Zweifel bleiben im Schatten der Erkenntnis -- oder die NEUGIER, die positive,

aktive Seite wird gewÄhlt und der eigene WEG wird gesucht - mit anderen, oder allein

und kooperativ, oder solo etc.

Dann das PhÄnomen der DUMMHEIT, das sich dem Neuen, dem Anderen, dem Fremden

verweigert - durch glauben an Gewissheit des Eigenen durch Ausgrenzung des

Anderen. Die prozentuale Verteilung unserer Spezie auf diese variationsreichen WahlmÇglichkeiten

des gesellschaftlichen Seins tendiert in Masse zur Dummheit, einer Erscheinung

von VerdrÄngungsmethoden von ANGST - Angst vor sich selbst ... Auf diesem

Humus gedeihen seither Religionen und Ideologien... so grÅndet sich immer wieder

das WIR.

Der neue Mensch - eine bessere Welt muss her —sodom und gomorra — hiroshima -

nagasaki menschenrechte im krieg irak afganistan and so on...never ending story.

Wir leben in einem madhouse insofern die Einsichten gegen die Handlungen stehen,

die wir umsetzen - ja wir.

Autor: Herman Prigann, Barcelona


Gemeinschaften müssen und könnten Impulsgeber werden

von Werner Rätz,

1. GrundsÄtzlich besteht eine Spannung, wenn nicht sogar ein Widerspruch, zwischen

„Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“. Gemeinschaften sind per Definitionem rÄumlich und

personell begrenzt, Individuen oder Gruppen sind dort freiwillig, sie finden sich auf

Grund spezieller, besonderer Interessen. Gesellschaften sind umfassend, man ist dort

Mitglied, ohne danach gefragt worden zu sein, noch so widerstreitende oder Åbereinstimmende

Interessen und BedÅrfnisse sind kein Kriterium fÅr die ZugehÇrigkeit.

2. Es gibt keinerlei Grund fÅr eine Kritik an der begrenzten Reichweite von Gemeinschaften,

im Gegenteil, vieles ist so viel besser oder vielleicht manches auch nur so zu

organisieren. Aber es gib auch keinerlei Grund fÅr eine Ablehnung von

(Zwangs)Gesellschaften oder ihr Ersetzen durch Gemeinschaften. Erst die Herstellung

von umfassender Gesellschaftlichkeit hat die Menschen von der „Idiotie des Dorflebens“

und der Despotie der Gruppe befreit. Dies war und ist ein zentraler kultureller

und emanzipatorischer Fortschritt, hinter den nichts zurÅck gehen darf und kann. Die

Ausdehnung von Gesellschaft auf die globale Ebene ist die Vollendung dieses Prozesses

und unbedingt zu begrÅáen. Regionale, weltanschauliche, kulturelle EinschrÄnkungen

dieses Prozesses wÅrden bestimmte BedÅrfnisse zu „falschen“ und andere zu

„richtigen“ erklÄren und somit Freiheitsdimensionen abschneiden.

3. Die heute real stattfindende Globalisierung folgt allerdings einer Logik und wird durch

Entscheidungen geprÄgt, die ein einzelnes Interesse zentral setzen (auch wenn sie

gleichzeitig viele andere mit umfasst), nÄmlich das an der ungehinderten Verwertung

des Kapitals. Da diese Verwertung nur mÇglich ist, wenn Waren (Dienstleistungen) produziert

und auf dem Markt erfolgreich verkauft werden, ist das zentrale Element einer

solchen Vergesellschaftung der Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Aus dieser Arbeitsvergesellschaftung

auszusteigen ist dringend erforderlich, wenn Gesellschaft aus der

bewussten und freiwilligen Zustimmung der in ihr Lebenden entstehen soll.

4. Die Wege zu solchem Ausstieg werden und mÅssen vielfÄltig und partiell auch widersprÅchlich

sein. Erkennbar sind aber drei Elemente heute in der Diskussion, die dazu

Entscheidendes beitragen kÇnnen:




Radikale ArbeitszeitverkÅrzung und Arbeitsumverteilung wÅrde viele an der

durch die steigende ProduktivitÄt gewonnen Zeit beteiligen, die nicht von

kapitalistischer Lohnarbeit geprÄgt ist.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen wÅrde jeder und jedem Einzelnen

die MÇglichkeit geben, selbst zu entscheiden, inwieweit er oder sie sich auf

diese Art der TÄtigkeit Åberhaupt einlassen mÇchte.

Wenn es gelÄnge, einen Teil der eigenen Reproduktion ganz aus dem

Kreislauf von Lohnarbeit, Warenproduktion und Markt zu lÇsen, wÅrde die

Freiheit, nein zu sagen, noch einmal verstÄrkt.

5. An genau diesem Punkt kÇnnen und mÅssten Gemeinschaften eine entscheidende


Gemeinschaften müssen und könnten Impulsgeber werden

von Werner Rätz,

Funktion fÅr die Herstellung einer neuen Gesellschaftlichkeit haben. Sie kÇnnten zeigen,

dass und wie Wege solcher produktiver Alternativen mÇglich sind. Dazu mÅssten sie zumindest

teilweise ihre Begrenztheit und SpezialitÄt auf umfassende Vergesellschaftungsprozesse

hin Çffnen. Das wird nicht immer mÇglich sein und muss es auch nicht; aber

dort, wo Gemeinschaften nach wie vor nur die vÇllig berechtigten subjektiven BedÅrfnisse

ihrer Mitglieder gestalten, dÅrfte ihre Rolle als Impulsgeber fÅr die gesamte Gesellschaft

sehr beschrÄnkt sein.

Autor: Werner Ràtz, werner.raetz@t-online.de; attac AG Genug fÉr Alle

Ohne Kunst ist Dreigliederung (Grundeinkommen) nichts!

von Rainer Rappmann

“Nun reagiere ich doch noch. da mich der Text von Frederike von Dall éArmi im Herzen

anspricht. Endlich jemand, der es klar ausspricht: Grundeinkommen (Dreigliederung) ohne

Kunst ist nichts und Kunst ohne Dreigliederung (Grundeinkommen) ist nichts. Was

heiát das?

Wir kÇnnen nicht Konzepte (etwa Dreigliederung) fÅr andere Mitmenschen machen, ohne

uns darin zu Åben, uns existentiell selbst zu verÄndern. Sonst wirken wir unglaubwÅrdig.

In den 70er Jahren hieá das Stichwort: Aktion & Mediation. Die beiden Seiten gehÇren

zusammen wie die zwei Seiten einer Medallie Aber auch das wissen schon alle; nur

dass der/die ein oder andere jew. mehr dazu oder mehr dazu neigt. Neu und wichtig finde

ich nur, dass all diese StrÇmungen sich begegnen, sich miteinander austauschen,

sich befruchten und voneinander lernen…

Das geschieht nun offenbar (ansatzweise?) in Eurem Kongress. Ich begrÅáe das und

wÅnsche eine produktiven Verlauf …

Um das noch anzufÅgen: Ich selbst habe mich in den letzten Jahrzehnten insbesondere

um den Ansatz und den Weg von Joseph Beuys bemÅht. Es ist ein Archiv entstanden,

BÅcher wurden publiziert, es fanden Symposien statt und nun, neuerdings, leben die

"Studientage Soziale Skulptur" wieder sehr erfolgreich auf. Es sind - wie gesagt - Ü-

bungstage, fÅr jeden Einzelnen und fÅr die Gruppe. Ihr seid alle recht herzlich eingeladen,

zu der nÄchsten, zu einem der nÄchsten Studientage zu uns nach Achberg zu kommen

(vgl.http://www.fiu-verlag.com/fiu.php?navId=50 und http://www.fiuverlag.com/fiu.php?navId=28).

Und vergesst das Tanzen nicht (vgl. Frederike von Dall éArmi und die Bilder anbei); denn

schlieálich wollen wir doch "die VerhÄltnisse zum Tanzen bringen", oder?

Alles Gute! WÅnscht Rainer Rappmann.

Autor: Rainer Rappmann; www.fiu-verlag.com


Auf dem Weg in eine Andere Welt

von Jochen Schilk

Leider leider kann ich hier nicht, wie einige andere vor mir, mit einem fertigen Konzept,

einer Projektidee oder einem blitzgescheiten Beitrag zum Thema Grundeinkommen

aufwarten. Stattdessen mÇchte ich mit einigen SÄtzen veranschaulichen, aus

welchen wesentlichen Facetten bzw. Mosaiksteinchen sich meine Weltsicht zusammensetzt

und ich mÇchte kurz darstellen, warum ich glaube, dass einige dieser Steinchen

relevant sind fÅr unser Thema "Gemeinschaften zwischen Grundeinkommen

und Regionalentwicklung als Impulsgeber fÅr eine integrierte Gesellschaft"– Eine Ü-

berschrift, die fÅr mein Empfinden die Frage nach einer vÇllig neuen (ganz alten?)

Gesellschaftsform aufwirft.

Mit 33 Jahren dÅrfte ich zu den jÅngeren Teilnehmern des Symposions gehÇren. Seit

knapp zehn Jahren lebe ich in der Lebensgemeinschaft Klein Jasedow im sehr lÄndlichen

Ostvorpommern. Zuvor hatte ich in meiner Heimatstadt MÅnchen einige Semester

VÇlkerkunde und Politik studiert, weil ich mir erhoffte, in der Ethnologie Ideen zu

finden, wie eine – quasi „natÅrliche“– Sozialform auszusehen hat, die den Gegebenheiten

auf dem Planeten und den BedÅrfnissen des Menschen entspricht. Bereits als

Jugendlicher hatte ich Bekanntschaft gemacht mit den diesbezÅglichen Vorstellungen

der anarchistischen Bewegung. Insbesondere faszinierte mich der utopische Aspekt

in Horst Stowassers „Freiheit Pur – Idee, Geschichte und Zukunft der Anarchie“, das

1995 bei Eichborn herauskam. Wichtig zu erwÄhnen ist hierbei, dass Anarchisten

sich schon seit 150 Jahren Gedanken Åber die praktische Umsetzung einer nicht hierarchischen

Gesellschaft machen, die u.a. die Prinzipien und Herausforderungen





Gegenseitige Hilfe,

weitgehende Subsistenzwirtschaft,

kleinteilige Gliederung (in freiwillig zu bildenden) basisdemokratischen

Gemeinschaften/Kommunen/Genossenschaften sowie

einer kostenlosen Grundversorgung bzw. einer geldlos funktionierenden

âkonomie verwirklicht.

Vermutlich nicht ohne Grund hat Kai Ehlers dem VorgÄngerbuch zum

„Grundeinkommen fÅr Alle“, der „Erotik des Informellen“, ein Kapitel Åber den russischen

Anarchisten Peter Kropotkin vorangestellt (In dem Buch schreibt Kai Åber die

Überlebensstrategie der post-sowjetischen Gesellschaft: freiwillige Re-Organisation

in Gemeinschaften sowie allgemeine RÅckbesinnung auf die Subsistenzwirtschaft.)

In der Lebensgemeinschaft Klein Jasedow hatte ich ab 2001 Gelegenheit, in der Redaktion

der von der Gruppe herausgegebenen Zeitschrift KursKontakte/eurotopia mitzuarbeiten,

die sich der Frage widmet, „wie wir heute und morgen leben“ wollen. Dabei

stehen positive LÇsungen im Vordergrund wie z.B.: Regionalisierung, Organisation

in Gemeinschaften, Grundeinkommen, alternative Gesundheitsversorgung, Geldreform,

Subsistenzwirtschaft, Dreigliederung des sozialen Organismus (nach R. Steiner),

Demokratie-StÄrkung, Anarchismus, Permakultur, Neue Arbeit (nach F. Bergmann),

Integration der verschiedenen sozialen Bewegungen u.v.a.m. Als ein wichtiges

Thema der Zeitschrift hat sich in den vergangenen Jahren auáerdem die Verbrei-


Auf dem Weg in eine Andere Welt

von Jochen Schilk

tung und Diskussion der Ergebnisse der Modernen Matriarchatsforschung herauskristallisiert.

Die Matriarchatsforschung behauptet mit guten Argumenten, dass die Menschen

bis vor etwa 4-6000 Jahren Åberall auf der Erde in friedlichen (!), herrschaftsfrei-egalitÄren

(!), in der Regel geldlos funktionierenden (!) matrilinearen Clanstrukturen

zusammenlebten. Erst etwa ab 4000 v.u.Z. ist der Übergang zu einer patriarchalen

Weltkultur zu beobachten, mit ihren Hauptmerkmalen Staatenbildung/Zentralismus,

Herrschaft des Menschen Åber Menschen (und die gesamte Natur),

Systematische Ausbeutung von Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien,

KriegsfÅhrung (!), EinfÅhrung von Geld als Herrschaftsmittel, unkontrolliertes Wachstum.

Durch die Bekanntschaft mit der von Heide Göttner-Abendroth begrÅndeten Modernen

Matriarchatsforschung hatte ich nun gefunden, was ich wÄhrend des Studiums

der etablierten Ethnologie meist vergeblich gesucht hatte: Die Beantwortung meiner

Frage nach einer funktionierenden Sozialform, die sich im jahrtausendelangen Experimentieren

bewÄhrt hat und dem menschlichen Wesen entspricht. Zum GlÅck fÅr die

Forschung gibt es noch auf fast allen Kontinenten VÇlker, die (zum Teil bei durchaus

modernem Lebensstil) ihre matriarchale Sozialordnung und Kultur bis heute beibehalten

konnten. Ich glaube, dass es beim Nachdenken Åber eine neue Kultur der FÅlle

und Gemeinschaft unumgÄnglich ist, die Ergebnisse der Modernen Matriarchatsforschung

einzubeziehen (und ich freue mich, dass bei unserem Symposium mit Heide

GÇttner-Abendroth, Claudia Werlhof und Veronika Bennholt-Thomsen einige der namhaftesten

Forscherinnen dieser Disziplin anwesend sein werden!). Ebenso kÇnnte es

von Nutzen sein, sich bei diesem Unterfangen in der Schatzkammer der anarchistischen

Ideen und Erfahrungen umzusehen. Aus diesem Grund habe ich neben meiner

Arbeit fÅr die KursKontakte vor zwei Jahren mit www.Mama-Anarchija.net eine Website

fÅr „eine neue herrschaftsfreie Kultur“ erÇffnet, die – nicht ohne Erfolg! – versucht,

die Bewegungen der Anarchisten und der „revolutionÄren“ Matriarchatsforschung miteinander

bekannt zu machen. Neben EinfÅhrungstexten zum Matriarchat findet sich

dort auch eine Onlineversion des oben erwÄhnten Buches „Freiheit Pur“, die in den

vergangenen beiden Jahren bereits Åber 50 000 Mal runtergeladen wurde.

Inwiefern sich Details der angesprochenen Dinge in unser Symposium einbringen lassen,

vermag ich noch nicht zu sagen. Ich mÇchte jedoch auf jeden Fall Eure inspirierenden

Impulse aufnehmen, um zukÅnftig weiter in der KursKontakte Åber den in Niederkaufungen

bearbeiteten Themenkomplex berichten zu kÇnnen.

Auf das Zusammenkommen im Februar freut sich

Autor: Jochen Schilk, Lebensgemeinschaft Klein-Jasedow; js@humantouch.de


Grundeinkommen als Gemeinschaftsbildungs-Element

von Arfst Wagner

ZunÄchst einmal klingt es wenig plausibel: Das Grundeinkommen wird individuell und

ohne BedarfsprÅfung ausgezahlt. Da fragen viele: wer wird denn dann noch arbeiten?

Das Desaster ist aber gerade, dass Menschen in der Lage sind, diese Frage zu stellen.

Sie meinen offenbar, dass Mensch fÅr Geld arbeiten wÅrde. Davon sind heute

wohl fast alle auf dieser Welt Åberzeugt, auch bei uns in Deutschland. Es mag ja so

sein, dass vielen egal sein mag, WAS und WIE sie arbeiten, Hauptsache, sie bekommen

dafÅr anstÄndig bezahlt. Es wird ja auch von „Existenzminimum gesprochen“, z.

B. immer wieder von Franz MÅntefering, aber was ist das fÅr ein Existenzbegriff? Dabei

mag Franz MÅntefering durchaus ehrenwerte Absichten haben. Das Existenzminimum

des Menschen ist nicht nur materieller Natur, es hÄngt auch davon ab, ob er sich

MÇglichkeiten zur Kommunikation mit anderen Menschen erworben hat, ob er gelernt

hat, mit seinem GefÅhlsleben klar zu kommen. Ist sein Organismus dem Menschen so

fremd, dass er den Rest seines Lebens unter dieser BÅrde seines Unwissens keuchen

wird? Ist sein Stoffwechsel von miserabler ErnÄhrung und nervÇsen Spannungen gepeinigt,

sein Traumleben Çd und leer, liegt seine Phantasie danieder? Ist sein soziales

Gewissen unter Egoismus begraben? Kann er Tanzen, Atmen, Malen? Kann er sich

entspannen? Wird er mit Angst, Aggression und Neid fertig? Hat er AusdrucksmÇglichkeiten

fÅr Vertrauen und ZÄrtlichkeit?

Wenn Mensch nicht weiá, wer er ist, und nicht weiá, dass er es nicht weiá? Ist das

nicht auch ein gewaltiger Makel seiner Existenzgrundlage?

Wenn all das nichts mit Existenzgrundlage zu tun hat, sondern sich dieses nur durch

einen kleinen Grundbetrag definiert, dann sollten wir zugeben, dass diese Existenzgrundlage

nichts mit Gesundheit, Bildung und GlÅck zu tun hat, sondern nur mit seiner

Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt.

Wenn es denn bald ein bedingungsloses armutsfestes Grundeinkommen geben wird,

kÇnnen all diese Fragen von einer ganz anderen Seite angegangen, bearbeitet werden.

Mensch kÇnnte die wirklich grundlegenden Dinge wieder ins Zentrum seines Lebens

stellen. Das wird allerdings erst einmal wieder gelernt werden mÅssen, denn die

Welt steht diesbezÅglich seit lÄngerem auf dem Kopf.

Nehmen wir beispielsweise noch einen anderen Begriff: die VollbeschÄftigung. Der a-

merikanische Geschichtsprofessor und Soziologe Theodore Roszak fragte bereits im

Jahr 1978 in seinem Buch „Person / Planet. The Creative Disintegration of Industrial

Society“:

„Wenn ich hÇre, wie Politiker und Gewerkschaften darÅber reden `den Menschen Arbeit

zu geben é, frage ich mich, ob ihnen klar ist, wie erbÄrmlich wenig damit erreicht

wÄre. Was bedeutet `VollbeschÄftigungé fÅr Menschen wie meinen Vater, deren tÄgliche

Arbeit nur DemÅtigung und QuÄlerei ist? GenÅgt es immer noch, einfach nur zu

zÄhlen, wie viele Menschen Arbeit haben – ohne danach zu fragen, ob sie auf ihre Arbeit

auch stolz sein kÇnnen? Wann werden wir wohl anfangen, nicht mehr nur quantitativ

nach den BeschÄftigungsverhÄltnissen zu fragen, sondern auch qualitativ? Anders

gefragt, wann werden wir anfangen, Menschen nicht mehr als statistische Einheiten

zu betrachten, sondern als Personen?“ (S. 192)


Grundeinkommen als Gemeinschaftsbildungs-Element

von Arfst Wagner

Eigentlich ist das Zeitalter des Individualismus bzw. der EgoitÄt lÄngst vorbei. Doch

funktioniert unsere Arbeitswelt immer noch nach dessen Grundregeln: „Jeder ist seines

eigenen GlÅckes Schmied“. Dabei ist das eigentliche Sozialmotto, wenn eine Gemeinschaft

/ Gesellschaft funktionieren soll, genau umgekehrt zu formulieren: Jeder / Jede

ist des GlÅckes Schmied aller anderen.

Und hier liegt die Bedeutung des bedingungslosen armutsfesten Grundeinkommens:

sie ist ein Baustein zu einer neuen Auffassung gesellschaftlichen Lebens. Indem der /

die Einzelne aus der falschen Angst befreit wird, ausschlieálich einer lohnabhÄngigen

fremdbestimmten Arbeit nachgehen zu mÅssen, bekommt er / sie wieder die MÇglichkeit,

sich die Motive fÅr den Inhalt der Arbeit, und damit die Verantwortung fÅr den eigenen

Arbeitsprozess, sich selbst zu geben und ihnen zu folgen. Bisher wurde vielen von

uns das Ergebnis der Arbeit und die Verantwortung fÅr die Arbeit abgekauft. Mit etwas,

was man „Gehalt“ nennt. Zumindest die materielle Grundsicherung wird durch das

Grundeinkommen jedem / jeder Einzelnen von allen anderen zur VerfÅgung gestellt.

Und durch sinnvolle Arbeit, gleich, ob Lohnarbeit oder eine andere, gibt Mensch etwas

davon wieder zurÅck. Auf diese Weise bekommt die Arbeit durch das Grundeinkommen

wieder ihren Sinn, ihre WÅrde, ihre Bedeutung zurÅck. Die verschiedensten Formen

der Arbeit sind auch heute noch so, dass erkennbar ist: sie werden fÅr andere Menschen

geleistet. Die Entscheidung fÅr das Grundeinkommen ist eine Entscheidung fÅr

den Menschen als soziales Wesen und gegen den Menschen als verwertbares Objekt.

Der / die Einzelne wird durch das bedingungslose armutsfeste Grundeinkommen ein

StÅck Freiheit erhalten. Und Gemeinschaften kÇnnen nur dann frei sein, wenn sie aus

befreiten Individuen besteht. Und frei wird der Mensch nur durch Bildung, durch Kultur.

Der Mensch ist in seinem Wesen ein Kulturwesen. Und nur zum Teil ein Naturwesen.

Das Kulturwesen sollte die Oberhand behalten, wenn die Menschen eine Zukunft haben

sollen. Und Kultur wird von Mensch zu Mensch geschaffen.

Ein eigenes Erlebnis am Schluss: Am Ende meiner inzwischen zahlreichen Veranstaltungen

zum Grundeinkommen habe ich mir angewÇhnt, die Anwesenden zu fragen:

„Wer von Ihnen glaubt, viele andere Menschen wÅrden nicht mehr arbeiten, wenn es

ein bedingungsloses Grundeinkommen gÄbe?“ Es melden sich ungefÄhr die HÄlfte der

Anwesenden. Zweite Frage: „Wer von Ihnen wÅrde nicht mehr arbeiten, wenn es ein

bedingungsloses Grundeinkommen gÄbe?“ Ergebnis: es meldet sich – keiner.

Roszak nennt Arbeit in seinem oben genannten Buch deshalb „die hÇchste Form des

Yoga“. Sie muss, so Papst Johannes Paul VI. in seiner frÅhen Enzyklika „Laborem E-

xercens“, deshalb „personalen Charakter“ haben, weil dieser „personale Charakter“

dem Wesen der Arbeit innewohnt. Und Åber diese Definition der Arbeit hinaus wissen

eigentlich alle: Arbeit ist das einzige Mittel, um Gesellschaft zu gestalten, um fÅr andere

da sein zu kÇnnen und um sich einbringen zu kÇnnen. Deshalb wÅrden auf Dauer die

allermeisten Menschen auch arbeiten, selbst wenn die Arbeit nicht mehr mit dem Lohn

zusammenhÄngen wÅrde.

Autor: Arfst Wagner

http://www.arfst-wagner.de


Respekt und würdevollen Umgang stärken

von Iris Sulz, Hamburg

Der Rose Duft gleicht dem des Apfels.

Ihre BlÅte gleicht seiner Frucht

ums Kernenhaus.

Das Kernenhaus ihrem Kelch.

So Rose ganz Rose werde

und Apfel ganz Apfel.

So werde Mensch ganz Mensch!

Durch die Geburt meines Sohnes vor Åber 20 Jahren fÅhlte ich das groÉe Wunder

und die Verantwortung, Mensch zu werden. Eine tiefe Verbindung zu einem

Wesen, dass aus mir hervorgegangen und doch ist er er selbst: Diese tiefe Verbindung

meinerseits in der vÇlligen Annahme des Anderen und andererseits das

Vertrauen des Anderen zu mir.

ErfÅllt von dieser Erfahrung fragte ich mich: „Wie kann es dazu kommen, dass

ein Mensch keine Ehrfurcht, keinen Respekt fÅr den anderen Menschen empfindet,

bis dahin, dass er den anderen Menschen tÇtet?“

Ich fragte mich konkret: „Was kann ich tun, um das Feindbild Mensch abzubauen

und statt dessen den Respekt und wÅrdevollen Umgang mit einander zu fÇrdern?“

Mit 24 Jahren wollte ich am liebsten die ganze Welt verÄndern. Doch dies Vorhaben

war zu groÉ. Und so fing ich in meiner nÄchsten Umgebung an. Ich lebte

ja damals in der DDR. Ich trat dem ‚Bund der Wehrdienst-Total-Verweigerer’ als

Sympathisantin bei und begegnete Freunden, die auch nach anderen Lebensvisionen

suchten. Es bildete sich eine gemeinsame Kraft. Diese Kraft war einer

der Teile, die im Sommer 1989 den Verein „Neues Forum“ grÅndete. Es hatten

sich Menschen zusammen gefunden. die sich als Gestalter ihres Lebens empfanden

und nicht einfach gelebt werden wollten, - Menschen, die fragten: „Wo bin

ich selbst verantwortlich und wo bin ich der Gemeinschaft/Gesellschaft gegen-

Åber verantwortlich?“ Es entstanden Arbeitskreise zu den verschiedensten Bereichen,

die im sogenannten `Runden Tisch’ mÅndeten.

Und dann kam das Geld... – WÄhrungsunion!

Das Geld, das so schwer wog, dass es das gerade entstehende „PflÄnzlein

Selbstverantwortlichkeit“ erdrÅckte. Mir wurde klar, dass viele meiner Mitmenschen

diesen Wandlungs-Prozess, der nun kam, nicht bewusst vollzogen, nicht

aus eigener Erkenntniskraft ihre Entscheidungen trafen, sondern aus einem Ab-


Respekt und würdevollen Umgang stärken

von Iris Sulz, Hamburg

sicherungsbedÅrfnis und aus Angst vor einem erneuten Gesellschaftsexperiment.

Es fehlte die gelebte Kompetenz einer Gemeinschaftsstruktur, die auf

Selbstverantwortlichkeit aufbaute. Wir konnten nur auf Visionen hindeuten,

doch diese interessierten 90 % der Mitmenschen nicht. Sie suchten das Anfassbare,

Greifbare.

Wo steht das Interesse heute?

Ganz interessant ist, dass es wieder eine Geldfrage ist, die Menschen in Beziehung

treten lÄsst – oder auch nicht. Die Chance, Bewusstsein zu schaffen, ist

gegeben. Wird sie diesmal erkannt und ergriffen, - oder wieder verschlafen?

Wem dient das Grundeinkommen und wozu?

Dient es dem Erhalt dessen, was ist – wie vor 18 Jahren das Geld der WÄhrungsunion?

Dient es dem Konsumenten und Verbrauchern in uns?

Oder wird es einer Zukunftskraft dienen (z.B. Entwicklung der FÄhigkeiten eines

jeden)?

Ist es gewollt, um den jeweiligen Menschen bei seiner Selbstwerdung zu unterstÅtzen?

Wird es zur BrÅcke oder zur KrÅcke in dieser Wirtschaft der áberflutung?

Ich arbeite als HeilpÄdagogin mit Kindern, die ganz individuelle Bedingungen

brauchen, um ihre FÄhigkeiten und ihr Selbst einbringen zu kÇnnen. Es ist fÅr

mich ein Geschenk erleben zu dÅrfen, dass die Kinder, die als nicht integrierbar

galten, durchaus integrierbar sind, wenn eine authentische Wesensbegegnung

stattfindet.

Drei Fragen stellen sich mir zum Thema „In einer integrierten Gesellschaft“:

Wie bin ich mir und wie der Gemeinschaft verantwortlich?

Wie findet lebendige Beziehung statt (ein áberwinden der Ichbezogenheit auf

Inselniveau)?

Wie kann ich authentisch sein und authentisch handeln?

Ich freue mich sehr auf die Begegnungschancen wÄhrend des Symposiums und

bin gespannt auf die Kraft dieser Chance. Auch Rose und Apfel brauchen die

KrÄfte, um zu reifen, um ganz zu werden.

Autorin: Iris Sulz, Hamburg


Arbeitsbegriff und Einkommen

von Frank H. Wilhelmi

1. Arbeit und Einkommen

Warum erhalte ich fÅr das, was ich heute schreibe kein Einkommen? Antwort: Weil

durch diese Arbeit der herrschende Wirtschafts-, Arbeits- und Einkommensbegriff nicht

bedient wird. Der alte Arbeitsbegriff ist der Begriff der Erwerbsarbeit und dieser Arbeitsbegriff

ist das Resultat einer spezifischen Form der Rechts- bzw. Eigentumsordnung.

Diese sieht vor, dass Unternehmen Eigentum der Unternehmer sind. Die Zahlung eines

Einkommens ist an die Bedingung geknÅpft, dass der Arbeitnehmer dem Unternehmer

seine Leistung zu einem marktÅblichen Preis anbietet und der Unternehmer dieses Angebot

annimmt. Tut er dies nicht, bleibt der „Nichtunternehmer“ arbeitslos und erhÄlt

auch kein Einkommen, sondern eine Ersatzleistung des Staates, die dieser aus den Sozialabgaben/Steuereinnahmen

finanziert.

2. Lösungsansatz bedingungsloses Grundeinkommen

Bevor man ein bedingungsloses Grundeinkommen einfÅhrt, sollten wir darÅber nachdenken,

ob mit dieser Maánahme etwas Entscheidendes gewonnen ist, wenn das System

im Übrigen so bleibt wie es ist. Die Frage, die sich mir stellt, ist die Folgende: Ist der

Kapitalismus das Endstadium der Idee des Wirtschaftens - gibt es eine postkapitalistische

Gesellschaft oder reicht es aus, gewisse MissstÄnde abzustellen – wie beispielsweise

die Arbeitslosigkeit und andere Zwangsmechanismen. Reicht es aus die Zahlung

von Arbeitslosengeld an Bedingungen zu knÅpfen oder die Lohnnebenkosten zu senken?

Ist es das Ziel den Kapitalismus zu optimieren oder ihn zu Åberwinden? Ich glaube

die Arbeitslosigkeit ist kein Betriebsunfall der Marktwirtschaft, sondern die kapitalistische

Marktwirtschaft und die VerknÅpfung von Arbeit und Einkommen stehen in einem Zielkonflikt,

der zu einer generellen Fehlsteuerung des Motivs menschlichen TÄtigwerdens

gefÅhrt hat. Dies hat tief greifende Konsequenzen, die an die Wurzel unseres Menschenbildes,

der WÅrde unseres Daseins reichen. Nur wenn die Menschen an dieser Kernfrage

angesprochen und an ihrer Beantwortung tatsÄchlich politisch beteiligt sind, werden

wir ihrer Bedeutung gerecht.

Aus diesem Grund bin ich skeptisch, mich der Lobpreisung eines bedingungslosen

Grundeinkommens als PatentlÇsung fÅr die Krise des Kapitalismus anzuschlieáen (wenn

das behauptet oder damit das Hauptproblem isoliert werden soll). Mit seiner Propagierung

erwecken seine Protagonisten allzu voreilig den Eindruck, damit sei die Frage der

Bestimmung menschlichen TÄtigsein bereits beantwortet. Dies halte ich fÅr zu kurz gegriffen,

ja es besteht die Gefahr, dass eine solche Maánahme mÇglicherweise sogar

System stabilisierend wirkt und eine grundsÄtzliche Debatte verhindert bzw. verzÇgert!

Ich glaube und erlebe, dass die meisten Menschen arbeiten mÇchten (wobei ich glaube,

das es auch ein Recht auf Faulheit gibt), allerdings nicht unter den gegenwÄrtigem Bedingungen,

sondern erst dann, wenn sie selbst Teil der Fragestellung werden d.h., die

Bedingungen der Arbeit und die Form ihrer Arbeitsinitiativen wirklich mitbestimmen kÇnnen.

Deshalb bedarf es der KlÄrung der Ziele des Wirtschaftens und der Bedingungen,

unter denen Menschen bereit und in der Lage sind produktiv zu sein (intrinsisch – aus

der Liebe zur Sache). Erst dann wenn der Arbeitsbegriff generell zur Diskussion gestellt

und abgestimmt wird, kann auch die Frage des Einkommens befriedigend beantwortet

werden. Unser Symposium ist (wird hoffentlich!) auch ohne ein bedingungsloses Grundeinkommen

zustande gekommen. Insofern ist der Beweis erbracht, dass von seiner Rea-


Arbeitsbegriff und Einkommen

von Frank H. Wilhelmi

lisierung nicht alle sinnvollen BemÅhungen neue Ideen Åber einen neuen Arbeits- Wirtschafts-

und Geldbegriff zu entwickeln abhÄngig sind.

3. Ein neuer Arbeitsbegriff und eine neue Geldordnung

In dem Forschungsprojekt „GestaltungsansÄtze eines neuen Arbeitsbegriffes“ (im Auftrag

der GLS Treuhand e.V.) hat sich das Unternehmen Wirtschaft und Kunst – erweitert

in den letzten 2 Jahren mit neuen ArbeitszusammenhÄngen, Einkommensordnungen

und Unternehmensformen befasst. GrundsÄtzlich glauben wir, dass sich im Umfeld

der traditionellen Unternehmen neue, selbst bestimmte Arbeitsinitiativen grÅnden

sollten, in denen auch die Frage des Einkommens neu und bestimmt werden kann.

Dabei sollte bereits bei der GrÅndung solcher Unternehmen die Frage nach einer lebenslangen

Einkommensgarantie erÇrtert werden. Sie sollte nicht als Aufgabe des

Staates angesehen und wegdelegiert werden, sondern konkret in den Unternehmen

bearbeitet und gelÇst werden, wobei der Staat dann ggf. auf eine Besteuerung verzichten

muss, wenn die vormals staatlichen Aufgaben in Selbstbestimmung und Selbstverantwortung

gelÇst werden. Solange der Kapitalbegriff nicht vom falschen Geld- und

Eigentumsbegriff befreit ist, wÄre die EinfÅhrung eines Grundeinkommens fÅr Alle

nichts anderes als die Widerherstellung der durch die Arbeitsteilung verloren gegangenen

Selbstversorgung, jedoch mit den Mitteln des entwickelten Finanzkapitalismus. Es

kÇnnte leicht der Eindruck entstehen, damit wÄre dem Menschen das Grundrecht auf

menschenwÅrdige Existenz wiedergegeben und die existentielle Grundversorgung als

anerkanntes Menschenrecht garantiert. Es wÄre eine trÅgerische Gewissheit, denn sie

wÄre von einem Staat garantiert, der fÅr die Umsetzung dieses Rechtes weiterhin auf

den SÄulen des Finanz-Kapitalismus (der Ursache des Problems) stehen wÅrde. 4.

WiderstÄnde gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen

Was steht der EinfÅhrung eines bedingungslosen Grundeinkommens entgegen? Wir

sind uns bewusst, dass der EinfÅhrung eines bedingungslosen Grundeinkommens

massive Kapitalinteressen und andere Lobbyisten entgegenstehen, die tief verwurzelt

sind in den politischen Parteien und die an allen Schaltstellen des Systems sitzen, um

genau dieses Grundeinkommen zu verhindern und zwar deshalb, weil man sich dar-

Åber im klaren ist, dass der „Lohn- oder Existenzdruck“ fÅr die Unternehmen als Disziplinierungsmittel

der Unterwerfung der abhÄngigen BeschÄftigten unter deren Organisationsmacht

wegfallen wÅrde. Sie mÅssten dann andere Ziele finden, unter denen

es Menschen sinnvoll erscheint in ihren Organisationen zu arbeiten (wenn das beabsichtigt

ist, kÇnnte es heilsam wirken!?). Auch die Gewerkschaften fÅrchten um ihren

Einfluss.

5. Was hält die Wirtschaft zusammen? Geld versus Sozialität

Voraussetzung fÅr einen selbst bestimmten, neuen Gestaltungsansatz fÅr Arbeits- und

Versorgungsgemeinschaften wÄre das Erkennen einer gemeinsamen Bestimmung

menschlichen Daseins und die schÇpferische Gestaltung einer ihr entsprechenden

Form. Dies ist die Aufgabe aller Menschen!!! Parallel mÅsste der Staat sich immer

mehr aus der konkreten Ausgestaltung des Wirtschaftsgeschehens zurÅckziehen

(direkte Demokratie).


Arbeitsbegriff und Einkommen

von Frank H. Wilhelmi

6. Ansätze einer neuen Geld- und Wirtschaftsordnung

GestaltungsansÄtze eines zukÅnftigen Arbeitsbegriffes und die Frage des Einkommens

verbinden sich an dem Gelenk des Geldbegriffes. Der Geldbegriff berÅhrt die Aufgabenstellung

wie Menschen mit unterschiedlichen Arbeitsimpulsen bzw. FÄhigkeiten, die

unterschiedliche Erzeugnisse herstellen, die Ergebnisse dieses gemeinsamen Wirtschaftens

miteinander austauschen und sich gegenseitig mit den ErtrÄgen versorgen

kÇnnen. Auf der Seite der Produktion geht es um die Kreditierung von unternehmerischen

Initiativen, die nur dann umgesetzt werden kÇnnen, wenn die Gemeinschaft ein

Bankenwesen bereitstellt, das diese Unternehmen mit LiquiditÄt versorgt. Die Kredite

sind Voraussetzung, damit die Unternehmen Einkommen an ihre Mitarbeiter bezahlen

kÇnnen. Diese Einkommen berechtigen die Mitarbeiter (im Falle des bedingungslosen

Grundeinkommens – alle Menschen) zum Bezug von GÅtern, die gemeinsam hergestellt

wurden.

Die Ur-Form des bedingungslosen Grundeinkommens findet man in der Landwirtschaft.

Im Dottenfelder Hof (biologisch-dynamischer Landbau, Bad Vilbel), einem der Unternehmen,

das Gegenstand des erwÄhnten Forschungsprojektes war, stoáen wir auf diese

Form des Ur-Kredites. In der Landwirtschaft ist die Natur der Kredit des SchÇpfers

an den Menschen, mit deren nachhaltiger Bewirtschaftung er sich versorgen kann. Es

ergibt sich ein Bild fÅr das bedingungslose Grundeinkommen als Voraussetzung fÅr

jede weitere vom Menschen erarbeitete Kapitalbildung. Die zweite Form der Kreditierung

ist die Ausbildung von FÄhigkeiten in der Bearbeitung der Natur und deren Umgestaltung

in eine Kultur. Wenn der Mensch hierbei Erkenntnis und Wissen bildet, das

ihn zu einer neuen Form (Technik, know how) befÄhigt, in der er einen Vorgang, einen

Prozess oder ein Arbeitergebnis quantitativ oder qualitativ verbessert, nennt man die

Potentiale, die dabei ausgebildet werden Kapital. Ich erreiche in der nÄchsten Stufe ein

besseres Ergebnis – einen Gewinn im Hinblick auf die QualitÄt des Daseins aller Menschen.

Kapital = VolksvermÇgen.

Autor: Frank H. Wilhelmi,


Faircommuny

Versuch einer Integration verschiedener Ansätze

von Theophil Wonneberger

Ort orientiert, nicht an Kapital- oder sonstigen Fremdinteressen. Der pragmatischste

Ansatz ist der der Kommune, als Form des unmittelbaren Zusammenlebens oder als

abstraktere Gemeinschaft zum Schutz der Mitglieder, wie etwa in Genossenschaften

organisiert.

Auf dem Weg zu einer (mÇglicherweise utopischen) geldlosen Gesellschaft, in der jeder

nimmt, was er will, und gibt, was er kann, sind Modelle einer „Marktwirtschaft ohne

Kapitalismus“ durchaus akzeptabel und weiterfÅhrend. Das Ziel sind immer die Freiheit

der TÄtigkeit (statt Arbeitszwang), die Abschaffung der Ausbeutung durch leistungslose

private Gewinne oder die AbschÇpfung von Monopolrenten sowie eine krisenfreie

und Ressourcen schonende âkonomie.

Die Entwicklung von substaatlichen Modellen ist kein Selbstzweck. Es geht nicht in

erster Linie um eine StÄrkung (Wiederfindung) der eigenen regionalen IdentitÄt. Vielmehr

bietet ein Åberschaubarer Rahmen fÅr Menschen und Wirtschaft etliche Vorteile.

Er dient der Transparenz der KreislÄufe und der Demokratisierung von Entscheidungen.

Beipiel ist hier die Raiffeisen-Genossenschaft.

Auáerdem ist ein bottom-up-Ansatz m.E. besser geeignet, grÇáere VerÄnderungen

herbei zu fÅhren, als beispielsweise eine Weltrevolution. Eine Vereinigung mit eigenen

Regeln kann einen Schutzraum im bestehenden System bieten und Alternativen praktisch

erproben, ohne ihre KrÄfte in groáen KÄmpfen zu vergeuden. Die Devise lautet

also AushÇhlung des Kapitalismus statt Frontalangriff.

Die Institution der Kommune kann dazu genutzt werden, private Gewinne zu minimieren

und gemeinschaftlich erwirtschaftete ÜberschÅsse (Renten) gleichmÄáig an alle

Mitglieder zu verteilen. Auf diese Weise ist auch die Auszahlung eines regionalen

Grundeinkommens denkbar. Ein viel versprechender Ansatz dazu ist der „Venture

Communism“ von Dmytri Kleiner.

Finanzierung

Geht man einmal von der Annahme einer Volkswirtschaft wie der unsrigen aus und

betrachtet die aktuellen bundesdeutschen Zahlen, so wird sichtbar, dass auch die Finanzierung

einer Kommune durchaus mÇglich ist.

Legt man z.B. das Grundeinkommens-Modell der KAB zugrunde, das auf einer Mischfinanzierung

basiert und ausreichend hoch ist, und erweitert es durch die stÄrkere Besteuerung

von Kapitalgewinnen, die EinfÅhrung einer Ressourcensteuer (INWO), die

Vergemeinschaftung des Bodens und eine Geldreform, wÄre ein existenzsicherndes

Grundeinkommen durchaus finanzierbar.

Diese Rechnung beinhaltet natÅrlich viele unbekannte Variablen und mÇglicherweise

einige Fehlannahmen. Dennoch vermittelt sie den Grundgedanken: Es ist genug fÅr

alle da, wir mÅssen es nur anders verteilen.

Autor: Theophil Wonneberger, geb. 1977 in Berlin, Student der Psychologie, Mitglied

bei INWO, Attac und Netzwerk Grundeinkommen, MitgrÅnder von Regio Berlin

e.V.; Kontakt: tw@regio-berlin.de


Vom Bau eines “Rettungsbootes“ zur Befreiung von der Konsumgesellschaft

Gespräch zwischen Iris Kunze und Maik Hosang

Der folgende Text zeichnet einen Dialog zwischen der Nachhaltigkeitsforscherin

Iris Kunze und dem Sozialökologen Maik Hosang über die Idee und Praxis des

LebensGut Pommritz nach.

Iris Kunze: Das „LebensGut Pommritz“ entstand, um im alltÇglichen miteinander Leben

Antworten auf gesellschaftliche Probleme zu suchen und umzusetzen. Damit gehÉrt es

in das Spektrum „intentionaler Gemeinschaftsprojekte“, die mit sozialen und Ékologischen

Lebenspraktiken experimentieren. Diese werden zunehmend von Wissenschaft

und Politik in ihrem Innovationswert fÑr sozial kooperative Organisationsstrukturen oder

Partizipation in der Planung entdeckt. Das Lebensgut grÑndet auf die SozialÉkologie

des Philosophen und einstigen ostdeutschen Dissidenten Rudolf Bahro. Kannst Du zunÇchst

etwas zu Bahros Ansatz und dem Entstehungskontext des Lebensguts sagen?

Maik Hosang: Um die Entstehung und Praxis des LebensGuts zu verstehen, muss einiges

zu Bahros sozialÇkologischem Denkansatz gesagt werden. „Macht etwas aus

Pommritz!“, mit diesen Worten verabschiedete er sich Ende November 1997 von mir.

Es war unser letztes GesprÄch; er wusste, dass er bald seiner LeukÄmie erliegen wÅrde.

Zuvor sagte er, dass der praktische Versuch wichtiger sein kÇnne als KÄmpfe zur

WeiterfÅhrung des Instituts fÅr SozialÇkologie an der Berliner Humboldt-UniversitÄt.

Bahros grÇátes Novum bestand darin, âkologie nicht nur inter- und transdisziplinÄr zu

betrachten, sondern das forschende Subjekt selbst kritisch reflexiv einzubeziehen

(Bahro 1991). Trotz groáen Interesses von Studenten und âffentlichkeit – die Vorlesungen

besuchten zeitweise um die 1000 Menschen – wurde diese akademische Innovation

im Zuge der Verwestlichung ostdeutscher UniversitÄten wieder abgebaut: der

wissenschaftliche Ansatz sei nicht nachvollziehbar. Ob die damals Urteilenden damit

mehr Åber ihre eigene Angepasstheit als Åber Bahros Forschungsansatz feststellten,

mÇge die Zukunft entscheiden.

Bahro gewann jedoch den damaligen sÄchsischen MinisterprÄsidenten Kurt Biedenkopf

dafÅr, ein praktisches Experiment zu unterstÅtzen. Dieser sorgte mit einigen seiner Vertrauten

dafÅr, dass ein ehemaliges sÄchsisches Forschungsgut bereitgestellt wurde.

Das quer zu den traditionell getrennten Belangen von Umwelt, Wirtschaft, Wissenschaft

und Kultur liegende Vorhaben passte jedoch in keine administrative Schublade. Daher

kam es nie dazu, dass die GebÄude saniert und angemessen ausgestattet wurden.

Doch der Impuls von Denker und Politiker erzeugte zumindest genug Freiraum, um es

zwischen all den etablierten Teilinteressen der Gegenwart nicht ersticken zu lassen.

Iris Kunze: WÇre das Lebensgut vom Land Sachsen stÇrker unterstÑtzt worden, hÇtte

es sich vielleicht ganz anders entwickelt. Wie habt ihr auf die Situation reagiert?

Maik Hosang: In diesem ungewÇhnlichen Freiraum fanden sich Menschen, denen die

Chance und das Abenteuer einer politisch legitimierten und wissenschaftlich begrÅndeten

sozialÇkologischen Utopie wichtiger schienen, als all die damit verbundenen persÇnlichen

Unsicherheiten. So entstand eine paradoxe Situation: Einerseits ein von

hÇchster Stelle des Freistaats Sachsen zur VerfÅgung gestelltes riesiges lÄndliches Gut

mit der anspruchsvollen Aufgabe, neue Formen der Zukunftsforschung praktisch zu

entwickeln. Andererseits keinerlei materielle und personelle Ausstattung; die eigentlich

versprochene Sanierung des um 1900 weltberÅhmten, wÄhrend der DDR-Zeit jedoch

heruntergekommenen Gutes scheiterte am UnverstÄndnis der BÅrokraten.


Vom Bau eines “Rettungsbootes“ zur Befreiung von der Konsumgesellschaft

Gespräch zwischen Iris Kunze und Maik Hosang

Iris Kunze: Die Bahrosche Kritik an der entfremdeten Konsumgesellschaft hat einen deutlichen

Bezug zu den Themen Ökologie und Nachhaltigkeit. Wie hÇngen die Ökologie der Natur

und die „innere Ökologie“ der Menschen zusammen und was bedeutet das fÑr das Miteinander

Leben?

Maik Hosang: KÅrzlich beim GesprÄch mit einer Mitarbeiterin der sozial-Çkologischen Forschungsorganisation

im BMBF staunte ich Åber deren Bemerkung: „Vielleicht braucht die

Nachhaltigkeitsforschung, statt immer wieder ErnÄhrungs- oder Technikumstellungsprojekte

zu fÇrdern, auch eine neue Art von GlÅcksforschung“.

So ungewÇhnlich dieser Gedanke ist, so deutlich kann man nur sagen: ja, das braucht es

dringend. Bereits in Bahros „Versuch Åber Grundlagen Çkologischer Politik“ von 1987 findet

sich ein zentrales Kapitel „Imperativ des GlÅcks“, und darin denkwÅrdige SÄtze wie: „Nur

glÅcklich kÇnnen wir ‛richtig‚ sein. Bloá ‛pflichtgemÄá‚ werden wir nur Eingriffe finden, mit

denen wir doch wieder die Harmonie der Welt stÇren ...“ (Bahro 1987, S. 311).

Und studiert man z.B. die in Richard Layards „Die glÅckliche Gesellschaft. Kurswechsel in

Politik und Wirtschaft“ (2005) zusammengetragenen empirischen Ergebnisse, so wird deutlich,

wie stark der Çkologisch verheerende Konsumstil auch eine Kompensation dafÅr ist,

dass die Status-, Konkurrenz- und MobilitÄts(un)kultur moderner Gesellschaften elementare

menschliche BedÅrfnisse nach sozialer Einbindung, Geborgenheit und Wahrhaftigkeit frustrieren.

Bahros sozialÇkologischer Forschungsansatz zielte darauf, diesen Zusammenhang zwischen

Äuáerer Natur und menschlicher Natur, bzw. zwischen Umweltkrise und Inweltkrise

versteh- und verÄnderbar zu machen. AnknÅpfend an Max Webers Erkenntnisse Åber „Die

protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ oder an Johan Galtungs Hinweise auf

gesellschaftliche Tiefenkulturen versuchte er begreiflich zu machen, welche historischen

TiefenprÄgungen menschlicher Psyche trotz allen Çkologischen Wissens entsprechende

VerÄnderungen verhindern. Leider fehlten ihm die ForschungskapazitÄten, dies nÄher zu

untersuchen. Doch zusammen mit anderen Wissenschaftlern konnten wir kÅrzlich nachweisen,

wie sehr sich seine Vermutungen durch Erkenntnisse der neueren psychologischen

und sozialwissenschaftlichen Forschung begrÅnden lassen (Hosang u.a. 2005 und 2006).

Iris Kunze : Warum wollte Bahro ein Lebensgut, also eine Gemeinschaft grÑnden? Warum

haben ein Forschungsinstitut, eine Ökologiebewegung oder einfach Handlungsempfehlungen

fÑr Einzelpersonen seiner Ansicht nach nicht ausgereicht? Offensichtlich liegt etwas

Besonderes in einer gemeinschaftlich organisierten Wohnform, das die Umsetzung von

Bahros Idee des „heilsamen Miteinanders“ erst ermÉglicht. Welche Bereiche sollten in diesem

gemeinschaftlichen Experimentierprojekt miteinbezogen sein, was kann „individuell“

sein?

Mai Hosang: Bahro sah, in Anlehnung an Hegel, die Wissenschaft auch als „moderne Kirche“,

als Institution, die trotz ihrer freiheitlichen und kritischen Diskursregeln von subtilen

Tabus und Statusstrukturen durchzogen ist, welche verhindern, dass bestimmte Themen

zur Sprache kommen. Deshalb sein Ansatz, die WeltzerstÇrung verursachende SubjektivitÄt

selbst in die wissenschaftliche Reflexion einzubeziehen. Das zielte letztlich auf eine scientific

community im besten Sinne des Wortes, in der Menschen nicht nur mit einem Teil ihrer

rationalen KapazitÄten, sondern auch als essende, wohnende, liebende, fÅhlende Wesen

beteiligt sind. Das war an einer UniversitÄt – also gerade einem Hort des abgespaltenen,

unglÅcklichen Bewusstseins –, nur sehr bedingt zu realisieren. Daher der Versuch, das UniversitÄtsinstitut

fÅr SozialÇkologie durch eine sozialÇkologische Praxis zu ergÄnzen.


Vom Bau eines “Rettungsbootes“ zur Befreiung von der Konsumgesellschaft

Gespräch zwischen Iris Kunze und Maik Hosang

Iris Kunze: Zwischenfrage: Warum dann überhaupt ein universitäres Institut und nicht

gleich ein Gemeinschaftsprojekt?

Maik Hosankg: Bahro hatte selbst bereits zuvor mit praktischen Alternativen experimentiert.

Er hatte nicht nur den einstigen Kommune-Arbeitskreis der GrÅnen mitgegrÅndet,

sondern auch in konkreten Projekten wie z.B. der Lernwerkstatt Niederstadtfeld

gelebt. Daher war ihm klar, dass damit oft auch ein RÅckfall in zu sehr mit sich

selbst beschÄftigte Strukturen verbunden ist. Kritische Reflexion im universalistischen

Sinn ist das beste Pendant um das zu verhindern und so wirklich mit ähnlichdenkenden

„ins Offene zu kommen“ – wie sein Lieblingsdichter HÇlderlin dies nannte.

Iris Kunze : Wie sieht das Leben im Lebensgut nun konkret aus? Inwieweit haben die

Mitglieder sich mit dem Bahro-Ansatz auseinander gesetzt?

Maik Hosang: Dieser Ansatz einer Integration von Wissenschaft und ganzheitlicher

Lebenspraxis war und ist fÅr viele auf den ersten Blick kaum zu fassen. Obwohl die

meisten, die damals das Lebensgut mit begannen, von Bahro gelesen oder gehÇrt hatten,

hatte sich doch kaum einer wirklich in seinen integralen Denkansatz vertieft. Je

nachdem was die eigenen Vorlieben waren, deutete man ihn als BefÅrworter von SubsistenzkreislÄufen

und Çkologischem Landbau, von kommunitÄren Strukturen, selbstbefreienden

Gruppentherapien oder offenen spirituellen Suchprozessen. Erst eine

ganze Reihe von Konflikten zwischen diesen TeilverstÄndnissen fÅhrte dazu, sich

mehr und mehr der Integration dieser Aspekte und damit auch einer kritischen, zum

Teil wissenschaftlichen Reflexion des eigenen Tuns im Çkologischen, wirtschaftlichen,

politischen und kulturellen Gesamtzusammenhang zu nÄhern. Deshalb wurde vor einigen

Jahren auch das Institut fÅr SozialÇkologie, welches an der Humboldt-UniversitÄt

unwillkommen war, in diesem lebendigeren Rahmen als freies Institut fÅr integrierte

SozialÇkologie neu gegrÅndet. âkologischer Landbau und GebÄudesanierung, sowie

vielfÄltige soziale und kulturelle Praxis bedeuten eine Menge tÄglicher Arbeiten, in die

sich jeder im Rahmen seiner FÄhigkeiten einbringt. Aber wer Lust und Talent dazu hat,

betreibt eben auch Wissenschaft, nicht lokal begrenzt, sondern vernetzt mit in Ähnlich

integraler Richtung Forschenden weltweit.

Iris Kunze: Bitte etwas konkreter. Kannst Du kurz vorstellen, welche Unternehmen

und Projekte das Lebensgut aufgebaut hat? Für ein zukunftsfähiges Projekt wesentlich

ist natürlich auch die Frage, ob ihr Euch selbst versorgen könnt. Das heißt, ob ihr Formen

der direkten geldlosen Selbstversorgung praktiziert oder Arbeitsstellen geschaffen

habt und ob ein Austausch mit der Region besteht und diese vom Lebensgut profitiert.

Maik Hosang: Neben einer teilweise recht weitgehenden internen Selbstversorgung

mit Lebensmitteln, Baustoffen, EnergietrÄgern, Heilweisen, Kinderbetreuung etc. entstanden

zwei nach auáen hin attraktive Unternehmen. Zum einen die âkolandbau

Pommritz GbR, die mit 70 ha Land, Åber 100 Milchziegen und KÅhen, KÄserei und BÄckerei

nicht nur der vielseitigste âkolandbaubetrieb Ostsachsens ist, sondern deren

Produkte auch in vorderen RangplÄtzen der deutschen Feinschmeckerzeitschrift auftauchen.

Zum anderen die Lernwerkstatt fÅr Philosophie und Ethik, eine in ihrer Art

einzigartige philosophische Erlebniswelt, in der zentrale Ideen der bedeutendsten Denker

der Weltgeschichte – von Thales und Sokrates bis Nietzsche, Darwin und Husserl


Vom Bau eines “Rettungsbootes“ zur Befreiung von der Konsumgesellschaft

Gespräch zwischen Iris Kunze und Maik Hosang

– in Form interaktiver Kunstwerke nachvollziehbar sind. Daneben gibt es SelbstÄndige

in verschiedensten Bereichen, vom Bioladen bis zum Dozenten.

Die Verbindung von lokaler bzw. regionaler Selbstversorgung bei GrundbedarfsgÅtern

mit globaler Arbeitsteilung bei komplexen technischen GÅtern ist ein Aspekt des

integralen Çkologischen Denkansatzes, den wir von Bahro Åbernahmen. Wie weit er

das realisiert, entscheidet jedoch jeder auf seine Weise. So haben sich in direkter

Umgebung der Friedensgarten und in ihm Menschen angesiedelt, die von lokalen

Produkten leben und auch auf Geld weitgehend verzichten, stattdessen auf das einander

Schenken setzen.

Iris Kunze: Findet bei Euch eine interne Geldumverteilung oder eine soziale Staffelung

des Mitgliedsbeitrags fÑr Wohnen und Infrastruktur statt? Ein solches gemeinschaftliches

Sozial- und GÑtersystem, das in eine Gesellschaft von Ungleichheiten

eingebettet ist, wÇre ein wirklicher Schritt zur FÉrderung der sozialen Dimension der

Nachhaltigkeit. Wenn dies eine StÇrke intentionaler Gemeinschaften werden soll,

scheint es auch wichtig, Methoden der KonfliktbewÇltigung bereitzustellen und eine

Kultur der Kooperation, Verantwortung und RÑcksicht fÑr die GemeinschaftsgÑter

aufzubauen, damit das Vorurteil der „verwahrlosten linken Hippiekommune“ keine

BestÇtigung findet. Wie ist die Erfahrung im LebensGut dazu?

Maik Hosang: „Verwahrloste Hippiekommunen“ taugen gut als Schreckgespenst und

lassen vergessen, dass Menschen die lÄngste Zeit ihrer Geschichte recht gut, geordnet

und „nachhaltig“ in gemeinschaftlichen Strukturen gelebt haben. Es gibt aber kein

zurÅck dahin, die Individualisierungen und Universalisierungen der Moderne kÇnnen

nicht in isolierte kleine Gemeinschaften zurÅckgehen. Vielmehr geht es darum, welche

gemeinschaftlichen QualitÄten modern integriert werden kÇnnen. Wie kann mehr

soziale Geborgenheit und wahrhaftige Kommunikation, auch mehr ZÄrtlichkeit in Wirtschaft

und Gesellschaft dazu beitragen, kompensatorischen Konsum ÅberflÅssig zu

machen? Etwas in dieser Hinsicht ist unser „tÄtiges Grundeinkommen“. Jeder von

seinen physischen und psychischen Voraussetzungen dazu fÄhige Mensch mÇchte

etwas Sinnvolles tun und dies auch ohne Sorge um sein tÄgliches Brot tun kÇnnen.

Deshalb ermutigen wir jeden dazu, seine besonderen Talente zu erkennen und diese

zum Nutzen aller zu entwickeln und auszuÅben. Einige arbeiten auáerhalb in einem

normalen Job, viele sind im Rahmen des Gutes selbst tÄtig. Die Organisation all dieser

Arbeit ist ein Gesamtkunstwerk, in dem finanzielle, technische, menschliche und

ideelle Aspekte auf neue und individuell oft ganz besondere Weise integriert sind. So

ist hier keiner arbeitslos, sondern jeder dazu FÄhige in fÅr andere nÅtzlicher Weise

tÄtig. Im Rahmen des rechtlich mÇglichen – Lohn, Erziehungsgeld, ALGII, 1€-Jobs –

wird dann Åber einen konkreten Wirtschaftsbetrieb oder Åber den gemeinnÅtzigen

Verein das nÇtige Grundeinkommen fÅr jeden gewÄhrleistet. Damit dies mÇglich ist,

braucht es gemeinschaftliche Netzwerke, die zwischen privaten Individuum oder

Kleinfamilien und unpersÇnlichem Staat vermitteln. Eine menschliche Heimat, die

auch im Falle einer Familienkrise bleibt und den einzelnen ermÇglicht, Werte wie erweitertes

MitgefÅhl, SolidaritÄt und Aufrichtigkeit zu praktizieren. Dies ist nicht einfach

fÅr moderne Stadtneurotiker. Auch hier gab es einige Krisen, bis sich ein inzwischen

Åberwiegend gut anfÅhlendes Gemeinwesen entwickelte. Man ist sich WeggefÄhrte,


Vom Bau eines “Rettungsbootes“ zur Befreiung von der Konsumgesellschaft

Gespräch zwischen Iris Kunze und Maik Hosang

auch bei verschiedenen Ansichten in manchen Dingen; es gibt langjÄhrige Freundschaften,

auch LiebesverhÄltnisse jenseits der dennoch existenten Kleinfamilien. Auch Ältere

Menschen sind hier sinnvoll eingebunden, und Kinder haben neben Mutter und Vater

vielseitige BezÅge zu anderen Personen. Dennoch: Konflikte gehÇren zur Entwicklung,

und am besten lernt man noch immer aus gemachten Fehlern.

Iris Kunze: Wenn das LebensGut als ein Ort des Experimentierens gegrÑndet wurde,

was sind Eure „Forschungsergebnisse aus der Alltagspraxis“, um sozialÉkologische und

zukunftsfÇhige Lebensweise umsetzen zu kÉnnen? In welchen Bereichen habt ihr wesentliche

Erfahrungen gesammelt und Erfolge im Vergleich zum gesellschaftlichen Umfeld

erzielt?

Maik Hosang: Heute, ca. zehn Jahre nach den praktischen AnfÄngen – 1993 zogen erste

„Neusiedler“ ins Gut, doch erst 1998 wurde ihr Verein „Neue Lebensformen“ EigentÅmer

grÇáerer Gutsbereiche – sind die riesigen GebÄude erst teilweise saniert. Den derzeit

ca. 50 mehr oder weniger aktiv beitragenden Frauen, MÄnnern und Kindern aller Altersklassen

und Berufe gelang ein in vieler Hinsicht unorthodoxer Lebensstil, der im Vergleich

zum deutschen Durchschnitt deutlich weniger Ressourcen verbraucht und dennoch

in vieler Hinsicht eine hÇhere LebensqualitÄt aufweist. Ein nicht beabsichtigtes,

doch angesichts der deutschen Gesamtsituation interessantes Ergebnis ist die Geburtenrate

von 2,3 je Frau. Sie deutet darauf hin, dass die modernen Gesellschaften inhÄrente

Entwertung und damit ZerstÇrung von Äuáerer Natur und menschlicher Natur in

einem unmittelbaren Zusammenhang stehen.

Iris Kunze: Bahro sprach davon, Ékologische Gemeinschaften als „Rettungsboote“ fÑr

die nicht ÑberlebensfÇhige Megamaschine zu bauen. Bei diesen Worten schimmert das

Konstrukt der „untergehenden Welt“ durch, das gern von gesellschaftsfrustrierten und

sektiererischen AnsÇtzen genutzt wird, und die als „romantische Gegenvergemeinschaftung“

bezeichnet werden (Strang 1990). Daraus kann leicht eine Weltretterideologie entstehen,

die auf paranoider Gesellschaftskritik grÑndet. Worin besteht die „Rettung“ - und

wovon genau soll gerettet werden?

Maik Hosang: „Über den Bau von Rettungsbooten“, so lautete der Titel eines 1991 von

einer Tageszeitung verÇffentlichten GesprÄchs mit Rudolf Bahro. Was ist damit gemeint

und was nicht? Sicher kann man verschiedener Meinung sein Åber die durch Ressourcenvernutzung

und Klimawandel entstehenden Bedrohungen moderner Gesellschaften.

Doch angesichts einiger offensichtlicher ZustÄnde der Gegenwart – das Aussterben vieler

Tier- und Pflanzenarten, die fÅr gebildete Menschen unertrÄgliche Differenz von

Reichtum und Armut auf der Erde u.a. – lohnt es sich, Åber menschliche WÅrde rettende

Alternativen nachzudenken. Doch wie kommt man dahin? Neues in Natur- wie Kulturgeschichte

entsteht fast nie inmitten dominanter Strukturen bisheriger Art – deren Selbstschutzfunktionen

verhindern das. Sie entstehen eher in Nischen oder RÄndern des Bisherigen.

Die meisten Mutationen misslingen im Spiel der Evolution, doch in dieser oder

jener Hinsicht erfolgreiche entwickeln im Fall instabiler Altsysteme oft weiterbringend

Neues. Solche Nischenexperimente zu unterstÅtzen und miteinander zu vernetzen, gilt

als aussichtsreichste Methodik fÅr nachhaltige Emergenzen. Der Sinn kleinstruktureller

sozialÇkologischer Innovationen besteht also nicht primÄr darin, in Erwartung steigender


Vom Bau eines “Rettungsbootes“ zur Befreiung von der Konsumgesellschaft

Gespräch zwischen Iris Kunze und Maik Hosang

Meeresspiegel sich selbst zu retten, sondern Möglichkeiten vorbeugender gesellschaftlicher

Transformationen zu entdecken und auch für andere fruchtbar zu machen. Daher

verkündet das LebensGut weder eine für alle gültige Heilsbotschaft, noch isoliert es sich.

Man engagiert sich in regionalen und überregionalen Netzwerken auch mit Andersdenkenden,

ob mit klassischen Unternehmern oder bei Attac.

Iris Kunze: Könntest du abschließend kurz noch etwas dazu sagen, welche Empfehlungen

für nachhaltigkeitsorientierte Wissenschaft und Politik sich aus euren Erfahrungen

ableiten lassen?

Maik Hosang: Der Politik wäre ein Auge dafür zu wünschen, die Menschen und Initiativen,

die über materialistische Wachstumsideologien und Konsumismus hinaus denken

und fühlen, als Chance für die Zukunft zu sehen und zu unterstützen.

Literaturhinweise

Bahro, R.: Logik der Rettung. Ein Versuch Éber die Grundlagen Åkologischer Politik, Stuttgart und

Wien 1987.

Bahro, R.: Konzeption eines Instituts fÉr SozialÅkologie an der Humboldt-UniversitÄt zu Berlin, in:

Bahro, R: RÉckkehr. Die In-Weltkrise als Ursache der Umweltkrise, Berlin und Stuttgart 1991.

Grundmann, M., Kunze I. u.a.: Soziale Gemeinschaften. Experimentierfelder fÉr kollektive Lebensformen,

MÉnster 2006.

Hosang, M., Markert, B., Fraenzle, S.: Die emotionale Matrix. Grundlagen fÉr gesellschaftlichen

Wandel und nachhaltige Innovation, MÉnchen 2005.

Hosang, M., Seifert, K. ( Hg. ) : Integration. Natur-Kultur-Mensch. SozialÅkologische Innovationen

fÉr zukunftsfÄhige Lebensweisen, MÉnchen 2006.

Strang, H.: Gemischte VerhÄltnisse. Anzeichen einer Balance von „ Gemeinschaft “ und

„ G esellschaft “ , in: SchlÉter, C., Clausen, L. ( Hg. ) : Renaissance der Gemeinschaft? Stabile

Theorie und neue Theoreme, Berlin 1990.

Mehr zum Lebensgut Pommritz siehe unter: www.lebensgut.de; Text fÉr das das Symposion

„ G emeinschaften zwischen Grundeinkommen und Regionalentwicklung als Impulsgeber fÉr eine

integrierte Gesellschaft. “

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