Tatort Internet. Die Gefahr die aus dem Netz kommt - Innocence in ...

innocenceindanger.de

Tatort Internet. Die Gefahr die aus dem Netz kommt - Innocence in ...

INNOVATIONS TREIBER IT

Entwicklung der vernetzten

Gesellschaft

Ein TrendReport des Wirtschaftsrates

der CDU e.V., Landesverband Hamburg


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TATORT INTERNET

Beim Thema Liebe war die „BRAVO“ immer eine Institution. Bei „Dr. Sommer“ finden junge Menschen

seit 40 Jahren Rat, wenn es um Liebeslust und -leid ging. Nach einer Studie aus dem Jahr

2009 sehnen sich Jugendliche noch immer nach Partnerschaft, Nähe und romantischen Gefühlen.

Neu ist, dass schon zwei von drei Elf- bis Siebzehnjährigen bereits gewollt oder ungewollt

pornografische Bilder gesehen haben. Schon einer von sechs Jugendlichen hat im Internet harte

Pornografie konsumiert.

96 Prozent der Jugendlichen haben Zugang zum Internet. Rund die Hälfte kann einer anderen

Untersuchung zufolge unbeobachtet surfen. Behörden in der ganzen Welt registrieren seit Jahren

einen Anstieg bei Besitz, Beschaffung und Verbreitung kinderpornografischen Materials. Erwachsene,

die über das Internet Kinder kontaktieren, suchen gezielt nach jungen Menschen, die sich über Sex

unterhalten wollen – und treffen auf Interesse. Die Täter manipulieren die Jugendlichen, indem sie

sich deren Neugier und Unsicherheit zunutze machen.

Dabei werden die Jugendlichen nicht nur Opfer, sondern aus Unwissen auch Täter. Die wenigsten

wissen, dass das Fotografieren oder Filmen anderer Personen in peinlichen Situationen ein Straftatbestand

ist. Auch das Versenden solcher Dateien kann unter bestimmten Umständen geahndet

werden.

Bei diesem Thema geht es um unsere Kinder, und es ergeben sich einige Fragen: Weshalb mutet

es an, dass es mehr um die Täter als um die Opfer geht? Weshalb werden solche Täter aus der

Sicherheitsverwahrung entlassen? Eigentlich benötigt unser Land eine Meldepflicht für Sexualtäter

(wie in den USA)! Die Mehrheit, und nicht die Minderheit, muss geschützt werden. Das Leben eines

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vergewaltigten Kindes und das der Eltern ist zerstört!

Das ist Fakt! Was ist zu tun? Innocence in Danger ist seit

1999 eine der aktivsten überregionalen, privatrechtlichen

Organisationen gegen sexuellen Missbrauch und

pornografische Ausbeutung von Kindern im Internet.

Dort hat man viel Erfahrung und konkrete Tipps für Kinder

und Jugendliche, aber auch für Eltern und Lehrer:

verantwortungsvollen Umgang mit Handy und Internet

einüben, Regeln vereinbaren, möglichst offen über Sex

und sexuelle Gewalt reden und ein gesundes Misstrauen

herstellen. Sprich: Wenn dir etwas komisch vorkommt,

dann zögere nicht, das einem Erwachsenen deines

Vertrauens zu erzählen.

LUDOLF VON LÖWENSTERN

Innovationstreiber IT – Entwicklung der vernetzten Gesellschaft


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TATORT INTERNET

3.2 Herausforderung für den Kinder- und Jugendschutz

DIE GEFAHR, DIE AUS

DEM NETZ KOMMT

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Eltern sind stolz, wenn ihre Kinder die neuen Techniken so gut

beherrschen. Viele ahnen nichts von den erheblichen Risiken

Kinder bewegen sich immer früher im Internet.

Für die meisten ist es längst selbstverständlich

in den Tagesablauf integriert und gehört

zum sozialen Miteinander. Online ist es einfach,

Kontakte zu knüpfen und sich in Foren gezielt

über bestimmte Themen wie Lieblingsbands und

Fernsehserien, zu Hausaufgaben oder auch drängenden

Fragen der Sexualität auszutauschen.

Um ein Mitglied in Chatrooms zu werden,

müssen sich Kinder und Jugendliche ein Profil

zulegen, in dem sie möglicherweise zu viele

Informationen preisgeben: Geschlecht, Alter,

Wohnort, Hobbys, E-Mail-Adresse und so weiter.

Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen verwenden

dabei ihre echten Namen.

Mit der Privatsphäreneinstellung entscheiden

sie selbst, welche Daten sie angeben wollen

und welche für alle sichtbar sein sollen bzw.

welche nicht. Immerhin nutzten 2012 87% der

untersuchten Jugendlichen diese Optionen. Der

Druck, sich so attraktiv wie möglich darzustellen,

ist in den sozialen Netzwerken allerdings

groß und die Bereitschaft zu Kompromissen oft

entsprechend.

Das Online-Kennenlernen und die Kommunikation

folgen meist anderen Gesetzen, als wir sie

offline gewohnt sind. Es geht häufig sehr schnell,

und zunächst kann man sich nur am geschriebenen

Wort und vielleicht einem Foto orientieren.

Merkmale, die wir sonst (un)bewusst einbeziehen

– (Aussehen, Gestik, Klang der Stimme, Geruch) –,

fehlen. Aber: Wer beim Chatten ein Smiley benutzt,

muss noch lange kein freundlicher Mensch

sein! Diese Erkenntnis ist in der Theorie leicht zu

begreifen, in der Praxis nur schwer umzusetzen.

Auf der Suche nach Sex

Sex sells – auf Plakaten, in Filmen, in der Werbung

und natürlich auch im Internet. Selbstverständlich

machen sich Kinder und Jugendliche

früher oder später auf die Suche nach einschlägigen

Angeboten. Ein Projekt des Deutschen

Jugendinstituts ergab, dass „Sex“ nach „Spiele“

der am häufigsten gesuchte Begriff von Kindern

ist (Feil et al. 2012). Laut der Dr.-Sommer-Studie

2009, hatten 57% aller befragten Mädchen und

67% der Jungen schon pornografische Bilder

oder Filme gesehen.

Das Internet bietet egalitär Zugang zu Aufklärung

und zu Sexseiten von Erwachsenen. So

kann man mit wenigen Klicks, beispielsweise

bei YouPorn, viele Tausend Bilder und Filme mit

Hardcore-Pornografie anschauen. Gleichzeitig

wird auch das Handy genutzt, um Pornos zu verbreiten.

Kinder und Jugendliche machen nicht

selten verstörende Erfahrungen, trauen sich

aber nicht, mit Erwachsenen darüber zu sprechen.

Gleichzeitig äußern die Jugendlichen große

Sehnsucht nach Romantik, Liebe, Bindung und

Nähe. Der erste Sex findet dagegen eher später,

nämlich mit 16 oder 17 Jahren, statt (vgl. BZgA

„Jugendsexualität“ 2010).

Die Medienwissenschaftlerin Petra Grimm

konstatiert, Internetpornografie sei aus Sicht

der Jugendlichen völlig normal und Bestandteil

des täglichen Medienkonsums. Allerdings stellt

sie auch fest, dass alle befragten Jugendlichen

online unfreiwillig auf sexuelle Inhalte gestoßen

seien. Dabei würden diese Inhalte von Mädchen

und Jungen unterschiedlich bewertet: Mädchen

lehnten sie eher als eklig ab.

Kinder und

Jugendliche:

Kinder zwischen

0-13 Jahren

gelten gesetzlich

als Minderjährige,

junge Menschen

zwischen 14 und

unter 18 Jahren

als Jugendliche

(§ 1.1 JuSchG).

Zugang:

Jeder Haushalt,

in dem ein Kind

aufwächst,

verfügte 2011

über einen PC

mit Internetanschluss.

Hardcore-

Porno:

Der Begriff wurde

geprägt, um eine

Unterscheidung

zwischen simulierten

sexuellen

Szenen (softcore

porno) und realen

sexuellen

Darstellungen zu

treffen, die über

simple Penetration

hinausgehen.

Tatort Internet


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Alle Jugendlichen sind einhellig der Meinung,

dass extreme Pornos abzulehnen sind und im

Netz nichts zu suchen haben, da sie Jüngeren

schaden könnten. Ziemlich erschütternd wiederum

ist das Erklärungsmuster, das Jugendliche

auf den unterschiedlichen Konsum von

Pornografie anwenden: „Jungen haben Triebe,

Mädchen haben keine.“ Nach wie vor gibt es

keine umfassenden Untersuchungen, die die unmittelbare

und Langzeitwirkung auf Kinder und

Jugendliche beschreiben. Nicht selten berichten

Kinder und Jugendliche auf Nachfrage, dass diese

Bilder und Filme für lange Zeit in ihrem Kopf

schwirren und der erste Eindruck, den sie hinterlassen,

damit durchaus problematisch ist.

Sexting: Sexuelle Übergriffe durch

Kinder und Jugendliche

Bereits in der Grundschule wird das Handy von

manchen Kindern genutzt, um andere mit Gewalt-

oder Pornoclips zu erschrecken (Grimm

2007). Das Handy wird auch eingesetzt, um andere

in peinlichen Situationen zu filmen und sie

so öffentlich bloßzustellen. Das Thema sexuelle

Gewalt unter Kindern und Jugendlichen findet

mit den digitalen Medien also neue Werkzeuge.

Laut Grimm et al. (2010) kannten alle befragten

Jugendlichen jemanden, dem/der so etwas

passiert sei. Sie waren einhellig der Meinung, das

Opfer trage eine Mitschuld. Auffallend war, wie

sehr die Jugendlichen das eigene Risiko einer

ungewollten Online-Veröffentlichung eigener

Bilder ausblenden.

Fallbeispiel:

Eine 14-Jährige verliebt sich im lokalen Chat in

einen 15-Jährigen Jungen. Sie gehen aus und

schlafen auch miteinander. Dann fragt er sie,

ob sie nicht Lust habe, auch mit seinem Freund

zu schlafen. Sie willigt ein. Der Sex wird vom

13-jährigen Bruder ihres Freundes mit dem Handy

gefilmt. Auch dazu willigt sie ein. Die Jungs

verbreiten den Film. Auch sie bekommt das Video

geschickt und sendet es ihrem besten Freund.

Der wiederum schickt es in Nachbarschaft und

Schule weiter. Als die Verbreitung immer mehr

zunimmt, bekommt sie Angst und erzählt sowohl

ihrer Mutter als auch einer Pädagogin in einer

Freizeiteinrichtung, sie sei vergewaltigt worden.

Die entsetzte Mutter sucht das Gespräch, Anzeige

wird erstattet, ein Termin in einer Beratungsstelle

vereinbart. Kurz darauf wird die Anzeige

zurückgezogen, und alles verläuft im Sand.

Die Mitarbeiter des Jugendzentrums sind

verunsichert. Wenn das Mädchen selbst die Bilder

weitergegeben hat, ist sie dann noch ein Opfer?

Hier handelt es sich um ein unpopuläres und

unerwartetes Opferbild: ein junger Mensch, der

mit einem Internetführerschein vermeintlich

informiert ist. Trotzdem eskalierte die Situation.

Die sexuellen Handlungen, wie freiwillig auch

immer, waren in einer Schnelligkeit verbreitet

worden, der sie nie ihre Zustimmung gegeben

hatte und deren Folgen sie niemals hatte voraussehen

können.

Die Anonymität des Internets verführt sehr

zu unüberlegtem Handeln – und die Verbreitung

peinlicher Fotos und Filme zu einer kompletten

öffentlichen Bloßstellung. Daher ist es wichtig,

Jugendliche entsprechend aufzuklären.

2012 führte dieInternet Watch Foundation“

(IWF) in Großbritannien eine Kurzstudie zu

„Sexting“ durch. Verteilt über 4 Wochen, analysierte

und verfolgte die IWF insgesamt 12.224

sexualisierte Selbstabbildungen und Videos auf

68 Websites: 7.147 Bilder, 5.077 Videos und 5.001

Kombinationen von Bild und Video. Die IWF fand

10.776 dieser verfolgten Abbildungen/Filme auf

sogenannten parasitären, häufig pornografischen

Websites wieder.

Das bedeutet, 88% der Inhalte wurden der

originalen Quelle entnommen und auf anderen

Seiten in anderen Zusammenhängen eingefügt.

In sehr kurzer Zeit bestätigte die IWF, was Experten

schon lange sagen: Sobald ein Foto oder

Film online ist, geht jegliche Kontrolle darüber

verloren. Die Daten werden kopiert, verändert,

verbreitet. Es gilt: Einmal im Netz – immer im

Netz! So ist „Sexualisierte Gewalt mittels digitaler

Medien“ die Fortschreibung „sexueller

Gewalt“ und bedeute:

Die digitale Konfrontation

mit gewaltvoller harter

Pornografie

Innovationstreiber IT – Entwicklung der vernetzten Gesellschaft


Erwachsene bzw. Jugendliche

konfrontieren Kinder/Jugendliche

digital gezielt mit sexuellen Inhalten.

Erwachsene bzw. Jugendliche

manipulieren Kinder/Jugendliche

(Online-Grooming) hin zu Cybersex

bzw. sexuellem Missbrauch.

Kinder und Jugendliche verbreiten

digital missbräuchliche Bilder ihrer

Altersgenossen.

Die Verbreitung von Missbrauchsbildern

und -filmen.

Die Ergebnisse der EU-Kids-Online-Studie zeigen,

dass europaweit insgesamt 39% der Kinder bereits

mit Online-Risiken in Kontakt gekommen sind.

Dazu zählen Pornografie, Mobbing („Online-Bullying“),

sexuelle Nachrichten („Sexting“) und Bilder

sowie der Missbrauch persönlicher Daten.

Catarina Katzer und Detlef Fetchenhauer untersuchten

das Chat-Verhalten von 1.700 Schülern

zwischen 10 und 19 Jahren. 38,2% der jugendlichen

Chatter berichteten, ungewollt mit sexuellen

Inhalten konfrontiert worden zu sein. Dabei

zeigte sich, dass Mädchen häufiger sexuell belästigt

oder vor der Webcam zu sexuellen Handlungen

aufgefordert werden als Jungen. Gleichzeitig

berichteten Jungen öfter davon, Fotos

mit nackten Personen oder Pornos zugeschickt

zu bekommen. Die Jugendlichen wehrten sich,

indem sie denjenigen ignorierten, wegklickten

bzw. blockierten oder den Chat verließen.

Obwohl sie alle unangenehm berührt, frustriert,

auch verängstigt oder niedergeschlagen

waren, teilten sich nur 8% erwachsenen Vertrauenspersonen

mit.

Täterstrategien online

Wissenschaftler untersuchten verurteilte

Straftaten an jugendlichen Opfern, die online

angebahnt wurden. Die Täter waren dabei älter

als 25 Jahre und nicht pädophil. Sie bauten

online eine Beziehung auf, um ihre Opfer zu

manipulieren und deren Bedürfnisse, wie auch

natürliches Interesse an sexuellen Themen,

auszunutzen. Die Täter verheimlichten dabei

weder ihr Interesse an Sex noch ihr Erwachsensein

und machten sich maximal etwas jünger.

Bei einem Treffen wandten sie bis auf wenige

Ausnahmen keine körperliche Gewalt oder

Zwang an. 40% verabreichten allerdings Alkohol

oder Drogen. 23% der Sexualstraftäter konfrontierten

ihre Opfer mit Pornografie, darunter

auch Kinderpornografie, und fotografierten sie

in sexuellen Posen.

Was genau ist Online-Grooming?

Täter und Täterinnen erweitern ihr Jagdrevier via

Internet und wenden online die gleichen Strategien

an wie auf der Straße. Sie zeigen Interesse

oder täuschen vor, sie seien verliebt. Dabei fällt

es ihnen leicht, eine falsche Identität anzunehmen.

Gleichzeitig erfahren sie über Profile, Chats

und Posts auf sozialen Plattformen viel über ihre

Opfer und können diese Informationen gezielt

zum Beziehungsaufbau einsetzen.

Geschickt werden die Kinder dazu verleitet,

sich vor einer Webcam auszuziehen, sich selbst

zu befriedigen oder Cybersex mit dem Täter zu

haben. Diese Manipulation nennt man „Grooming“.

Neben dem Beziehungsaufbau gehört

zum Grooming oft auch Erpressung: „Wenn du

das nicht tust, dann zeige ich allen die Bilder, die

du mir geschickt hast.“

Betroffenen Kindern und Jugendlichen fällt

es oft schwer, davon zu berichten. Hat der Täter

oder die Täterin sie dazu verleitet, sexualisierte

Bilder von sich zu verschicken, fühlen sie sich

schuldig und verantwortlich für das Geschehen.

Online-Grooming steht laut §176 (4) StGB

unter Strafe. Jedem, der sich einem Kind bis 14

Jahren online mit sexuellen Absichten nähert,

drohen drei Monate bis fünf Jahre Freiheitsstrafe

– auch wenn (noch) kein tatsächlicher Sexualkontakt

erfolgt ist. Dennoch finden sich kaum

Urteile, denn wie weist man jemandem eine bestimmte

innere Absicht nach?

Pädophilie:

In der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“

(ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation

(WHO) wird Pädophilie als „Störung der

Sexualpräferenz“ aufgeführt und beschreibt die

sexuelle Ausrichtung auf Vorpubertäre.

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Tatort Internet


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Pädophile Personen reagieren demzufolge

sexuell auf Kinder und wünschen sich sozialen

dien eröffnen neue Möglichkeiten des Tauschens

oder Verkaufens.

Umgang und Kontakt mit ihnen. Dennoch ist die

Die IWF identifizierte 2011 1.595 Internet-

Diagnose Pädophilie oder Hebephilie (die se-

seiten mit kinderpornografischen Inhalten. Laut

xuelle Ausrichtung auf pubertäre Kinder) nicht

Ernie Allen, CEO des National Center for Missing

Pädophile:

mit sexuellem Kindesmissbrauch oder sexueller

and Exploited Children (NCMEC), erhielt und

Zuverlässige

Ausbeutung gleichzusetzen. Allerdings muss bei

analysierte die NCMEC-Datenbank seit 2002

Daten darüber,

Pädophilie davon ausgegangen werden, dass der

annähernd 49 Mio. kinderpornografische Fotos

wie groß der

Wunsch, Kinderpornografie zu nutzen und/oder

und Videos, darunter mehr als 13 Mio. allein in

Anteil pädophi-

sexuelle Kontakte zu Minderjährigen aufzuneh-

2010. „Die Opfer in diesen Darstellungen wurden

ler Menschen

men, einer lebenslangen Kontrolle bedarf.

schrittweise jünger, da die Pädophilen (Miss-

in der Bevölke-

Laut den Experten der Charité Berlin und der

braucher, A.d.Ü.) gezielt Kinder im vorsprachli-

rung ist, gibt es

Universität Regensburg sind ca. 40% aller derzeit

chen Alter auswählen, denn diese können nicht

bisher nicht.

inhaftierten Missbraucher als pädophil einzustu-

um Hilfe bitten. Von den 3.500 von Strafverfol-

fen. Das bedeutet, dass ca. 60% nicht als pädo-

gungsbehörden identifizierten Kindern in häufig

phil zu bezeichnen sind. Die Taten sind vielmehr

gehandeltem Missbrauchsmaterial waren 10 %

Ersatzhandlungen. In aller Regel geht es dabei

Säuglinge und Kleinkinder und 67 % präpubertäre

vor allem um Macht und Dominanz.

Kinder.” Der IWF 2011 zufolge schienen 74% der

Wir müssen begreifen, dass 80–90% aller

abgebildeten Missbrauchsopfer jünger als zehn

Taten sexuellen Missbrauchs im sozialen Nah-

Jahre zu sein. 64 % der gefundenen Webseiten

Statistik:

feld der Opfer stattfinden. Zu diesem sozialen

enthielten Aufnahmen von sexuellem Miss-

2011 wurden in

Nahfeld gehört heute auch das soziale Netzwerk

brauch durch Erwachsene an Kindern sowie Ver-

Deutschland

oder der Chatroom. Täter und Täterinnen, die

gewaltigungen und/oder Folter. 65 % der Opfer

3.896 Fälle des

online Kontakte anbahnen, bauen perfide und

waren Mädchen, 26 % Jungen. Das tatsächliche

Besitzes/der

strategisch eine Beziehung auf. Sie haben da-

Ausmaß ist jedoch unbekannt, man muss von ei-

Verschaffung

bei zu allem Überfluss auch noch den direkten,

ner hohen Dunkelziffer ausgehen.

von kinderpor-

unmittelbaren Zugang auf das Mädchen oder

Ende der 1990er-Jahre gelangte man über

nografischem

den Jungen ihrer Wahl. Wir müssen also digita-

Suchmaschinen noch mit wenigen Klicks auf

Material

le Medien und das Internet als mögliche Quelle

solche Seiten. Missbrauchsfilme und –bilder aus

(§ 184c StGB)

psychosomatischen Stresses mitbedenken und

den 1970er- und 1980er-Jahren wurden digi-

und 2.376 Fälle

uns mit den Welten der Kinder und Jugendlichen

tal aufbereitet und geradezu ins Netz geflutet.

der Verbreitung

aktiv beschäftigen.

Hinter

Online-Pädophilen-Selbsthilfegruppen

angezeigt

Verbreitung von Missbrauchsfotos

oder –filmen (Kinderpornografie)

fanden sich mehr schlecht als recht getarnte

Tauschbörsen für entsprechendes Material und

vor allem Tipps, wie man Kinder missbrauchen

Unter Kinderpornografie versteht man „porno-

kann.

graphische Schriften, die sexuelle Handlungen

Die Verbreitung der Bilder und Filme ist eine

von, an oder vor Kindern“ zum Gegenstand

hochgradige Belastung für die Opfer und be-

haben (§184b StGB). Jede dieser Aufnahmen

deutet eine Sprengung der Raum-Zeit-Dimensi-

dokumentiert ein reales Verbrechen an einem

on. Das Wissen darum, dass, egal wie lange der

Kind. Die Missbrauchsfotos und -filme umfas-

Missbrauch her ist, diese Bilder oder Filme mit

sen z.B. Nacktfotos und konkrete Abbildungen

aktuell erscheinender Qualität im Netz kursie-

des kindlichen Genitalbereichs; Erwachsene, die

ren und sich Menschen beim Betrachten sexuell

sich von Kindern befriedigen lassen, die ihnen

befriedigen, ist für viele Betroffene kaum zu

Gegenstände einführen etc., außerdem brutale

ertragen. Heute ist es unwahrscheinlich, dass

Vergewaltigung und Folter an Kindern, zum Teil

man online zufällig auf Kinderpornografie stößt.

Kleinstkindern und Säuglingen. Die digitalen Me-

Die Täter stellen ihr Material nicht mehr nur auf

Innovationstreiber IT – Entwicklung der vernetzten Gesellschaft


Webseiten, sondern verbreiten es über private

Netzwerke, per File- und Sharehosting.

In Tauschbörsen ist aber immer noch das Bild

die Währung. Jeder Interessent muss selbst Material

beisteuern, um Teil des Netzwerks zu sein.

So geht man sicher, dass niemand den anderen

verrät, und sorgt gleichzeitig für ständig neues

Material. Für die Strafverfolgung stellt das ein

Problem dar, da es ihr nicht gestattet ist, kinderpornografisches

Material anzubieten, um

sich Zugang zu verschaffen. Twitter zum Beispiel

ist eine beliebte Plattform von Tätern und Täterinnen,

um schnell aktuelle Links zu verbreiten,

auch wenn Twitter sich dagegen verwahrt.

Die Tweets gehen in der Masse unter (Twitter

überschritt 2012 die 500-Millionen-Grenze), und

die Täter verstehen es, sich mit unauffälligen

Nachrichten und Nutzernamen zu tarnen. Organisationsgrad,

Strukturen, Verbreitungswege

und das Ausmaß der Nutzung sind auch heute

kaum erkundet.

Was ist zu tun?

Für Provider von sozialen Netzwerken, Chatrooms

und Online-Spielen, die sich an Kinder und

Jugendliche richten, sollten Sicherheitsmaßnahmen

ein verpflichtendes Qualitätsmerkmal sein.

Sie sollten Altersbeschränkungen einhalten und

kontrollieren, ob sich gezielt Erwachsene in diesen

Räumen aufhalten. Sie müssen Geld, Zeit und

Personal für die Entwicklung wie auch die Einhaltung

von Sicherheitsstandards bereitstellen.

Gleichzeitig sollten sie sich mit Hilfsangeboten

vernetzen oder diese unterstützen, damit

Betroffene schneller Hilfe finden. Darüber hinaus

sollten sie selbstverständlich das Durchlaufen

von Präventions- bzw. Aufklärungsprogrammen

zu einer Teilnahmevoraussetzung erklären.

Politik

Die Komplexität der Problematik erfordert seitens

der nationalen wie auch internationalen

Politik eine klare Haltung und entschlossenes

Handeln. Es sollte nicht länger darum gehen,

sich lediglich auf dem kleinsten gemeinsamen

Nenner auszuruhen, sondern einen strategisch

gezielten großen Wurf gegen Kinderporno grafie

und -missbrauch mittels digitaler Medien zu

wagen.

2012 gründete die EU mit den USA und vielen

weiteren Staaten ein internationales Bündnis

gegen die Verbreitung von Kinderpornografie,

um die Zahl der Bilder zu minimieren und

Opfern zu helfen. Es bleibt abzuwarten und zu

hoffen, dass es nicht bei Absichtsbekundungen

bleibt, sondern konkrete gemeinsame Schritte

unternommen werden. Denn die Politik muss

Strukturen für eine wirklich flächendeckende

Opferversorgung und Prävention gegen sexuellen

Missbrauch schaffen. Es gilt, für alle, die

mit Kindern bzw. Jugendlichen arbeiten, und

dringend auch für Anbieter von Online-Portalen,

verpflichtende Bildungsmaßnahmen zum Thema

zu schaffen.

Gesellschaft

Wir alle müssen begreifen, dass sexueller Kindesmissbrauch

jeden Tag mitten unter uns geschieht.

Das bedeutet im Klartext: Wir alle kennen Betroffene

und Täter (Täterinnen) in aller Regel, ohne

es zu wissen. Wir Erwachsene müssen uns befähigen,

Kinder in Not zu erkennen, ihnen zu helfen.

Wir müssen die von der Kanzlerin geforderte

„Kultur des Hinsehens“ endlich zu einer „Kultur

des Helfens“ weiterentwickeln. Wir müssen

Präventionsveranstaltungen an Kindergärten,

Schulen und Vereinen fordern und fördern. Wir

müssen Beratungsstellen vor Ort unterstützen,

um das wichtige Angebot aufrechtzuerhalten.

Wir müssen zuhören und wissen, wo wir Hilfe

bekommen, um den Betroffenen eine wirkliche

Stütze sein zu können. Und wir müssen uns bei

den politisch Verantwortlichen dafür einsetzen,

dass sie das Thema langfristig und nachhaltig

behandeln und es nicht stattdessen durch

medienwirksame Schnellschüsse begraben.

Denn eines ist gewiss: Wegducken und Verleugnen

hilft nur einer Person – dem Täter (bzw. der

Täterin).

JULIA VON WEILER,

Innocence in Danger e.V.

Kommerz:

Die IWF identifizierte

2011, 440

aktive Anbieter

von Kinderpornografie.

Hier

wird für den

Zugang mit

Prepaid - und

Kreditkarten,

virtuellen

Währungen

oder ePayment

bezahlt.

innocence

in danger:

Präventions-App

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Tatort Internet


Impressum

Herausgeber: Wirtschaftsrat der CDU e.V., Landesverband Hamburg; Redaktionsleitung: Peter Lindemann;

Ludolf Baron von Löwenstern; Dr. Claus Liesner; Redaktion: printprojekt, Schulterblatt 58, 20357 Hamburg,

E-mail: info@print-projekt.de; Gestaltung: Lohrengel Mediendesign, Hamburg, E-Mail: info@58vier.de;

Coverfoto: Nagy-Bagoly Arpad | Dreamstime.com; Organisation: Dumrath & Fassnacht KG (GmbH & Co.), Hamburg;

Druck: DZA Druckerei zu Altenburg GmbH, Altenburg


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